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Full text of "Handwörterbuch Des Deutschen Aberglaubens Band 4"

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Handwörterbuch 
des deutschen Aberglaubens 


Herausgegeben von 

Hanns Bächtold-Stäubli 

unter Mitwirkung von 

Eduard Hoffmann-Krayer 

mit einem Vorwort von 
Christoph Daxelmüller 


Band 4 

Hieb- und stichfest - Knistern 



Walter de Gruyter • Berlin • New York 

1987 



Unveränderter photomechanischer Nachdruck der Ausgabe 
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 
herausgegeben unter besonderer Mitwirkung von E. Hoffmann-Krayer 

und Mitarbeit zahlreicher Fachgenossen 
von Hanns Bächtold-Stäubli, (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde, 
herausgegeben vom Verband deutscher Vereine für Volkskunde, 
Abteilung I, Aberglaube), erschienen 1927 bis 1942 bei 
Walter de Gruyter & Co. vormals G. J. Göschen’sche Verlagshandlung - 
J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung - Georg Reimer - Karl J. Trübner - 

Veit & Comp., Berlin und Leipzig. 

Abbildung auf dem Einband: 

Das Einhorn, nach Sebastianus Munsterus, Cosmographey, 1598. 

Die Originalausgabe dieses Bandes erschien 1932 


ClP-Kurztitelaufnähme der Deutschen Bibliothek 


Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens / hrsg. 
von Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitw. von Eduard 
Hoffmann-Krayer. Mit e. Vorw. von Chnstoph Daxel- 
müller. - Unveränd. photomechan. Nachdr. - Berlin; 
New York: de Gruyter 
ISBN 3-11-011194-2 

NE: Bächtold-Stäubli, Hanns [Hrsg.] 

Bd. 4. Hiebfest - Knistern. - Unveränd. photomechan. 
Nachdr. d. Ausg. Berlin u. Leipzig, de Gruyter, Gutten¬ 
tag, Reimer, Trübner, Veit, 1932. - 1987. 


Alle 


© 1931/1932/1986 by Walter de Gruyter & Co., Berlin. 

Printed in Germany. 

Rechte des Nachdrucks, der photomechanischen Wiedergabe, der Übersetzung, der Herstellung 

von Photokopien - auch auszugsweise - Vorbehalten. 

Druck: H. Heenemann GmbH & Co, Berlin 
Einbandgestaltung: Rudolf Hübler 
Bindearbeiten: Lüderitz & Bauer, Berlin 


H. 


r 


hieb- U. stichfest s. festmachen 

2, 1353 ff. 

Hilarius, hl. Bischof von Poitiers, 
gest. 367. Sein Kult ist durch fränkische 
Mission zu den Alemannen in die Schweiz 
gedrungen 1 ). Sein Gedenktag (13. Ja¬ 
nuar) bezeichnet das Ende der Weih¬ 
nachtszeit 2 ) und den Beginn der Fast¬ 
nachtszeit 3 ). An ihm wird das Hilari- 
brot gebacken 4 ). In Binn (Kt. Wallis) 
ist H. Seelentag; es wird Brot für die 
Toten geopfert 5 ). In den Vogesen läßt 
man Brot und Salz weihen und verteilt 
es unter die Tiere 6 ). 

l ) Herzog-Hauck 8, 57 ff. 2 ) Hof¬ 
ier Fastnacht 8; Hoffmann-Krayer 
x 22 f. (es wird auch eine Strohpuppe, der 
Glarili, vergraben). 3 ) SchwVk. 13, 4 (Solo¬ 
thurn). 4 ) Höf ler Fastnacht 8; Birlin- 
ger Schwaben 2, 28. 6 ) SchwVk. 12, 37. 

•) Seligmann 2, 327. Sartori. 

Hilde. Eine Wasserdämonin mit blauen 
Haaren, deren schöner Schwanengesang 
die Bewohner des ,Hildebrand 4 , einer 
Gegend bei Gräfendorf, entzückte. Zu¬ 
letzt habe sie sich selbst verbrannt, wo¬ 
her der Flurname x ). 

*) Bechstein Thüringen 2, 152; s. a. 
Hille. Hoffmann-Krayer. 

Hildegard, hl. 

1. Gemahlin Karls d. Gr., Stifterin des 
Klosters zu Kempten. Manche Sagen 
werden von ihr erzählt x ). Eine Quelle 
bei Kempten trägt ihren Namen 2 ). 

') Schöppner Sagen i, 29 ff.; 2, 410. 
414; Reiser Allgäu 1, 441 ff. 2 ) Reiser 
1. 441. f. 

2. Äbtissin des Klosters auf dem 
Rupertsberge bei Bingen. Gest. 17. Sep¬ 
tember 1179. Berühmt als Seherin, 

• • 

Dichterin, Philosophin, Ärztin und Na¬ 
turforscherin 3 ). Ihr werden Glossen aus 

B S chtold-Stäubli, Aberglaube IV. 


einer unbekannten Sprache zugeschrie¬ 
ben, bei der es sich jedoch um spielerische 
Verdrehungen deutscher und lateinischer 
Worte handelt 4 ). 

3 )Wetzer u. Welte 5, 2061 ff. Ver¬ 
schiedene Einzelheiten namentlich aus ihren 
„Physica" berührt z. B. Franz Benedik¬ 
tionen 2, 685 (Register). Zu ihrer Auffassung 
des Schöpfungsberichtes: Wolf Beitr. 2, 
349 f. 4 ) Güntert Göttersprache 29. 78 ff. 

Sartori. 

Hille. Name der einen Jungfrau in 
einer unvollständigen Variante des Drei¬ 
frauensegens l ). Grimm 2 ) vermutete dar¬ 
in die Walküre Hilda (s. a. Hilde), Eber¬ 
mann denkt wohl mit Recht an ein Reim¬ 
wort zu ,,stille“ und ,,Sibylle“ (s. d.), 
bringtauch die Parallele,,Brunhille“ (s.d.) 
in einer ferneren Variante. Ein ähnliches 
Reimspiel liegt wohl vor in dem Namen 
des Köhlerinstrumentes ,,Hillebille“ 3 ). 
Die Frau des Hintzelmanns heißt Hille 
Bingeis 4 ). 

1 )Kuhn u. Schwarz 437 Nr. 310; 
ZfdA. 4, 391; Ebermann Blutsegen 85. 
2 ) Myth. 2, 1042. 3 ) ZfVk. 5 {1895), 103 ff. 

4 ) G r ä s s e Preußen 1, 646. Jacoby. 

Hillebille 1 ). Das in verschiedenen deut¬ 
schen Gegenden 2 ) bis zur Wende des 
19. Jahrhunderts vorzugsweise bei Wald- 
und Bergarbeitern nachweisbare hoch¬ 
altertümliche Signalgerät (wahrscheinlich 
von slavischen Besiedlern eingeführt) 3 ) 
ist gegenwärtig wohl nur noch in Muse¬ 
en anzutreffen. Weder mündliche noch 
schriftliche Überlieferungen 4 ) berichten 
über einst damit verknüpfte abergläu¬ 
bische Vorstellungen. Vgl. im übrigen: 
Klapper, Ratsche. 

*) Zur Etymologie: A n d r e e in ZfVk. 5 
(1895), 105; Hoops ebd. 328t. Zuletzt: 
Manninen in WZfVk. 35 (1930), 146 
Anm. 13. 2 ) ZfVk. 5, 103 ff. (Harz, Erzge¬ 

birge, Pommern); ebd. 327 (Kurland); Globus 

1 






3 


Himbeere—Him mel 


4 


83, 52 (Westpreußen); ebd. 196 (Ostpreußen); 
ZfrwVk. 5 (1908), 174 ff. (Westfalen). Im öster¬ 
reichischen unter der Bezeichnung „die 
Kl op f“ (ZföVk. i, 127); ,,F reßglocke" 
(Ebd. io, 186); ,,K lebem“ (ZfVk. 12, 214 f. 
Vgl. auch 13, 436 f.). 3 ) WZfVk. a. a. O. 146. 
4 ) Zur Literatur: Andree in ZfVk. 5, 103 ff.; 
Ders. Braunschweig 185 f. Dazu: ZfVk. 6 
(1896), 444 f.; 8 (1898), 347; 15 (1905), 93; 20 
(1910), 257. 263 f.; Li pp er t Christentum 
558; Globus 82, 315; 94, 7 (Bulgarien); WZfVk. 
a. a. O. 143 ff. (Ost- und Südeuropa). 

Perkmann. 

Himbeere (Rubus idaeus). Die H. wird 
im Gegensatz zur nahverwandten Brom¬ 
beere (s. d.) nur ganz wenig im Aber¬ 
glauben genannt. Dem verhexten Pferd 
bindet man einen Zweig der wilden H. 
um den Leib x ). Wie die H.n reifen, so 
reift auch das Korn 2 ). 

l ) Haltrich Siebenb. Sachsen 278. 2 ) Fi¬ 
scher SchwäbWb. 3, 1585. Marzell. 

Himmel. 

1. Allgemeines. — 2. Zum H. weisen. -— 
3. Einfluß des H.s auf die Erde. — 4. Der H. 
als Gewölbe. H.söffnungen. Mehrere H. — 
5. H. als Ort Gottes und der Seligen. — 6. Weg 
zum H. 

1. Die Vorstellung des H.s als eines 
Daches ist sehr verbreitet und für primi¬ 
tiveres Denken natürlich l ). 

J ) Grimm Myth. 2, 582; 3, 203 f. 

2. Zum H. weisen (vgl. 2, 1483 ff.). 
Während der Mensch in seiner irdischen 
Umgebung durch eine bunte Fülle wech¬ 
selnder Erscheinungen beschäftigt wird, 
inmitten derer er seinen Lebensunterhalt 
sucht und mit denen er in persönliche 
Berührung tritt, bleibt der H. seinem Zu¬ 
griff entzogen. Deshalb ist das Interesse 
für ihn ein sekundäres. Andererseits ist 
der H. die Szene, vor der die Sonne und 
der Mond und die Sterne erscheinen, aus 
dem fruchtbare Regen und zerstörende 
Gewitter hervorkommen. Durch diese 
Erscheinungen einerseits, durch die Un¬ 
beeinflußbarkeit derselben andererseits 
und endlich durch seine Gleichmäßigkeit 
und Größe macht der H. den Eindruck 
de» Majestätischen, von dem letzten 
Ende» Alles abhängt. 

Ilirirn Eindruck bestätigt zunächst 
eine Allgemeine Scheu vor dem H. So 
heißt e» im Erzgebirge: Wer unter freiem 


H. tanzt, bekommt einst keinen Myrten¬ 
kranz, und: Wer unter freiem H. spielt, 
der spielt einst in der Hölle 2 ). Besonders 
ist das Weisen nach dem H. wie den 
einzelnen himmlischen Erscheinungen ver¬ 
pönt. Nach dem H. mit den Fingern zu 
weisen, ist nicht gut, sonst sticht man 
dem lieben Herrgott nach den Augen, 
heißt es in der Mark 3 ), oder man sticht 
sonst einem Engel die Augen aus 4 ), oder 
ihn tot 5 ). Tut man es trotzdem, so wird 
der Finger steif oder fault ab 6 ). Diese 
Folge kann man verhüten, wenn man sich 
alsbald in den Finger beißt (Wetterau) 7 ). 
Man soll ebensowenig mit dem Finger in 
die Sonne deuten 8 ), noch nach dem Mond 
und den Sternen, man verletzt sonst den 
Engeln die Augen 9 ) oder sticht sie tot 10 ). 
Wer mit dem Finger auf die Sterne 
zeigt, dem fällt er ab, oder es fällt ihm 
der Stern ins Auge, und er wird blind n ). 
Weist man auf Sternschnuppen, muß 
man bald sterben 12 ). Wenn es blitzt, 
darf man nicht gen H. blicken 13 ). 
Strecken beim Blitz die Kinder einen 
Finger gen H., so wird der böse 14 ), 
oder schlägt es ein 15 ). Nach Gewitter¬ 
wolken darf man nicht mit dem Finger 
weisen 16 ), auch nicht auf einen Regen¬ 
bogen, sonst schlägt es ein 17 ). — Ein 
Messer darf mit der Schneide nicht nach 
oben liegen, sonst schneidet man Gott 
ins Gesicht, sticht Gott die Augen aus 1S ), 
oder die Engel verletzen sich daran 19 ). 
Es heißt aber auch, daß sonst der Teufel 
darauf sitzt 20 ), oder Hexen darauf reiten, 
oder auch die armen Seelen, oder es 
heißt, daß sonst der böse Feind Gewalt 
habe 21 ). Die Zwerge fürchten es dann 22 ). 
Eggen, Mistgabeln und alles, was spitzig 
ist, soll nicht so liegen 23 ). Kommen böse 
Leute (Hexen) in ein Zimmer, woselbst 
ein Messer im Rücken liegt, so müssen,sie 
sich zu erkennen geben und fangen ein 
entsetzliches Geschrei an 24 ). Die letzten 
Beispiele zeigen, daß man ursprünglich 
nicht fürchtete, durch Hinweisen mit 
dem Finger oder durch einen scharfen 
Gegenstand einen bestimmten Gott im H. 
oder Wetter zu beleidigen, sondern daß 
hier eine gefühlsmäßige Scheu vor dem 
Oberen, dem H., sich zeigt. Sekundär 


5 


Himmel 


6 


sind die Erklärungen, daß Gott und die Hoffnungen. Da schießt er mit seiner 
Engel, Zwerge, Hexen oder Teufel da- Flinte verzweifelt in den H. Darauf ver- 
durch getroffen würden. Diese Achtung endet sein Roß, sterben Weib und Kind, 
vor den bedenklichen oberen Mächten verbrennt sein Anwesen. Bei der nächsten 
konnte nun in das Gegenteil Umschlägen, Kirchweih erschießt er sich selber 33 ), 
wenn der Mensch in Zorn gegen sie ge- Aus diesem ins Wetter Schießen entwik- 
riet. Im Salzburgischen finden wir die kelte sich mit dem Hexenglauben die 

Meinung 

wird, wenn eine Egge mit den Zähnen würde (s. Wetterschießen). Es ist nicht 
nach oben außerhalb der Dachtraufe immer ein Unwetter, gegen das der 
liegen bleibt 25 ). Wenn es aber hagelt, Mensch sich empört. Ein polnischer 
legt der Bauer die Egge mit aufwärts- Edelmann bei Soldau hatte in unrecht¬ 
stehenden Zähnen in den Hof 26 ), oder mäßiger Weise eine große Viehherde zu- 
er wirft Stühle und Tische in den Hof, sammengebracht. Eines Morgens war 
jedoch so, daß die Füße aufwärts stehen, alles Vieh tot. Darauf schoß er seine 
oder zum Schutz vor dem Blitz Pistole zum H. mit den Worten: Wer das 
stellt er die Egge mit den Zähnen nach Vieh totgeschlagen hat, der mag es auch 
oben 27 ). fressen. Da wurde er in einen schwarzen 

Besonders Regen und Gewitter konnten Hund verwandelt und begann, das tote 
auf den Landmann wie ein Anschlag auf Vieh zu zerfleischen 34 ). In diesen Fällen, 
seine Felder wirken und ihn heraus- in denen Landwirte geschädigt werden, 
fordern. So berichtet eine weit verbrei- ist der Schuß nach dem H. besonders 
tete Sage von einem Gutsbesitzer, der bei motiviert. Er findet sich aber auch noch 
anhaltendem Regen in den H. schoß, in Sagen von Spielern, die aus Wut über 
weil er seine Ernte nicht einfahren konnte. den Verlust im Spiel nach dem H. 
Ein Blitzstrahl schlug ihn nach dieser Tat schießen. Schon im 12. Jh. wird bei 
zur Hälfte in die Erde 28 ) oder zerschlug Thomas Cantipratensis von einem Spieler 
ihm einen Arm und einen Fuß 29 ), so daß erzählt, der ärgerlich über sein Unglück 
er elend zugrunde ging. Ein Inspektor mit den Würfeln einen Pfeil gen H. schoß, 
zielte mit dem Stock in den H. und sagte, Der Pfeil fiel blutig wieder herunter, der 
er wolle Gott erschießen, als ein Gewitter Spieler bereute und tat Buße 35 ). Im 
das Einfahren unmöglich machte. Da Jahr 1553 warf einer von drei Spielern 
krachte es mit einem Male los, und der wütend den Dolch zum H., um ihn Gott 
Inspektor war verschwunden, an seiner in den Leib zu stoßen. Der Dolch kam 
Stelle lag ein großer Stein 30 ). In der nicht wieder hernieder, dagegen fielen 
Regenperiode Ende Juli 1905 tauchte drei Blutstropfen auf die Karten der 
diese Sage wieder auf. Ein ostpreußischer Spieler. Der Teufel holte den Lästerer 36 ). 
Besitzer schießt mit einem Revolver Im Dom zu Schleswig spielten Kosaken, 
dreimal in den H., da blieb er versteinert Einer, der verlor, rief endlich aus: er wolle 
stehen. Der Stein war halb in die Erde Gott die Augen ausstechen, dazu warf 
gesunken und unentfernbar. An der er sein Schwert in die Luft. Es blieb im 
Stelle des H.s, wohin er geschossen hatte, Gewölbe stecken. Nach ihrem Abzug 
blieb ein schwarzer Fleck 31 ). Aber auch wurde es herausgehauen, aber sein 
bei anhaltender Dürre soll ein Herr Schatten blieb unvertilgbar haften 
v. Reibold mit seinem Jagdgewehr zum Auch ein altersschwacher Greis droht 
H. geschossen haben, um Gott zu be- mit der geballten Faust zum H., wenn 
drohen. Zur Strafe ist er irrsinnig ge- ihn die Bürde des Lebens zu schwer 
worden und spukt nach seinem Tode als drückt 38 ). Aus lauter Übermut soll ein¬ 
schwarzer Kater 32 ). Ein verschuldeter mal ein Heer aus allen Kanonen und 
Gastwirt bei Frankfurt a. M. hofft von Gewehren gegen den H. geschossen haben, 
der Kirchweih große Einnahmen und Darauf versank das Heer in die Erde, ein 
Rettung. Ein Unwetter zerstört seine Mädchen fand es später unter der Erde 


, daß dann die Hexe getroffen 


Meinung, daß ein Gewitter herbeigezogen 


7 


Himmel 


8 


schlafend 39 ). Ein Jäger, der statt eines 
Rehes seinen Hund geschossen hat, ver¬ 
flucht sich selber: hätte ich doch eher die 
Sonne vom H. geschossen. Da richtete 
sich von selber sein Gewehr auf die Sonne, 
und er starb und verweste in dieser 
Stellung 40 ). Diese Sage ist wohl die Ab¬ 
wandlung einer Freischützensage. Um 
Freischütz zu werden, zielte einer auf die 
ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, 
ein Blutstropfen fiel nach dem Schuß 
auf die Hand 41 ). Sonst heißt es, daß der 
Freischütz in die Sonne 42 ) oder auf 
Sonne, Mond und Gott selber 43 ) schießt. 
Ein Wilddieb schießt in die helle Sonne, 
um Gott zu treffen, weil sein Kind ge¬ 
storben ist 44 ). 

*) John Erzgebirge 251. Die Scheu vor dem 

H. und seinen Erscheinungen findet man auch 

anderwärts. Charakteristisch sind die Vorstel¬ 
lungen der südafrikanischen Bergdama. Auf 
den Blitz, den Regenbogen oder den H. darf 
man nicht mit dem Finger weisen. Auch die 
Folgen, die sich der Unachtsame zuziehen kann, 
sind z. T. Parallelen zu deutschem Aberglauben. 
Wer auf den Blitz mit dem Zeigefinger weist, 
den erschlägt er, wer auf ein Grab weist, dem 
fault der Finger ab. H. Vedder Die Berg¬ 
dama I (Hamburg. Universität. Abhandl. a. d. 
Gebiet d. Auslandskunde, Bd. n. Hamburg 
1923), 122. 3 ) Engelien und Lahn 279. 
4 ) (Keller) Grab 5, 291. 5 ) Grimm 

Myth. 3, 469 Nr. 937. 947; Wolf Beiträge 

I, 235; SAVk. 23 (1921), 220. •) Wutt- 

ke 13 § 11. 7 ) Wolf Beiträge 1, 235. 

8 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 52. 9 ) Grimm 
Myth. 3, 445 Nr. 334. 10 ) Wuttke 13 § 11. 
u ) Grohmann 32 Nr. 175; Kuhn und 
Schwartz 458. 12 ) Wuttke 13 § 11. 
13 ) Meyer Baden 362. 14 ) Birlinger 

Schwaben 1, 402. lö ) Schramek Böhmer¬ 
wald 250. 1# ) Ebd. 17 ) Grohmann 41 

Nr. 247. 250. i®) S c h ö n w e r t h Oberpfalz 3, 
280; Meier Schwaben 2, 501 Nr. 343; SAVk. 
23 (1921), 220. 19 ) Keller Grab 5, 291. 

20 ) Schulenburg Wend. Volksthum 85. 

21 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 280. 

22 ) Schell Bergische Sagen 2 294 Nr. 769 b. 

2 3 ) Schulenburg Wend. Volksthum 85. 

24 ) Meier Schwaben 2, 515 Nr. 446. 2S ) Baum¬ 

garten Aus der Heimat 1, 59. *«) Ebd. 64. 
27 ) Ebd. 65. **) Kuhn und Schwartz 

8f.; Wolf Beiträge 2, 17. 2Ö ) Kuhn und 
Schwartz 144 f. 30 ) Knoop Posener 
Märchen 25. 31 ) Ranke Sagen 231 f. 285. 
32 ) M e i c h e Sagen 64 Nr. 77. 33 ) ZfVk. 23 
(1913). 303. 34 ) Wolf Beiträge 2, 18 f. 33 ) Ebd. 
2, 17t. *') Rochholz Glaube i, 44—46; 
Wolf Beiträge 2,17; Kohlrusch Sagen 
190 f. 37 ) Möllenhoff Sagen 126 Nr. 163. 


38 ) Wolf Beiträge 2, 17. 3# ) Meier Schwa¬ 
ben 1, 122 f. 40 ) K o r t h Bergheim 16. 

41 ) Schell Bergische Sagen 2 22 Nr. 54. 

42 ) Wolf Beiträge 2, 19. 43 ) Ranke Sagen 
33 - 44 ) Rochholz Glaube 1, 42. 

3. Einfluß des H.s auf die 
Erde. Ehe die Vorstellung von einem 
Einfluß der einzelnen Erscheinungen des 
H.s auf das Leben auf der Erde deutlich 
ins Bewußtsein tritt, entwickelt sich ein 
Gefühl für die Beziehung zwischen H. 
und Erde überhaupt. Besegnungen wer¬ 
den deshalb gern unter freiem H. vor¬ 
genommen Besonders wirksam ist 
der H. in der Weihnachtszeit. Man muß 
am Heiligen Abend dem Vieh Futter 
geben, das vorher unter freiem H. ge¬ 
legen hat, oder man legt es in der Christ¬ 
nacht unter den H. und gibt dem Vieh 
am Morgen davon zu fressen oder erst 
später in Krankheitsfällen. Der sichtbare 
Träger dieses himmlischen Einflusses ist 
der Tau, der Christtau, der auf das Futter 
fallen soll 4d ). Ist in der Weihnachtszeit 
dieser Einfluß aus nahegelegenem reli¬ 
giösen Grunde heilsam, so ist es in 
demselben Maße gefährlich, wenn Stö¬ 
rungen am H. beobachtet werden. So soll 
man bei Sonnenfinsternis das Vieh im 
Stall zurückbehalten, weil alsdann Gift 
vom H. fällt, ebenso muß man dann die 
Brunnen zudecken 47 ). 

Der H. gilt auch als die Quelle für 
allerlei ungewohnte Dinge, die gelegent¬ 
lich in größerer Menge auf der Erde ge¬ 
funden werden. Man denkt dann, daß 
diese vom H. geregnet seien. Die braunen 
Knollen von Lathyrus tuberosus gelten 
in dem Volke als Manna oder H.sbrot, 
und man glaubt, daß sie vom H. fallen **). 
Von derartigem H.sbrot spricht eingehend 
schon Megenberg 49 ). In den meisten 
Fällen ist nicht ersichtlich, was im ein¬ 
zelnen den Anlaß zu diesen Phantasien 
gegeben hat. Häufig wirkt sich die Er- 
regung, die bei solchen Gesichten die 
Menschen befällt, dahin aus, daß die 
Erscheinungen als Vorzeichen gedeutet 
werden, in der Regel Vorzeichen von 
Katastrophen. Im Elsaß soll ein Tau vom 
H. gefallen sein, der war zäh und süß 
und wurde H.schweiß genannt. Danach 
brach eine Viehseuche aus 50 ). Die Chro¬ 


Himmel 


IO 




niken berichten, daß es Fische, Getreide, 
Steine 51 ), Fleisch 52 ), Blut oder Schwe¬ 
fel 63 ) geregnet habe. Gelegentlich war das 
Vorbote einer Teuerung. Paracelsus er¬ 
klärt solche Erscheinungen mit dem 
tiefen Ernst, mit dem sein Geist den 
Kosmos sah; so stammt ihm der Blut¬ 
regen von dem leichten schwefeligen 
Schaum der Morgenröte, der zu etwas 
Festem verkocht wird usw. Nach ihm 
hat es einmal Milch geregnet, die wie 
Blut aussah. Die Stoffe, die aus dem 
Äther auf die Erde in solchen Wunder¬ 
regen fallen, seien von den Naturforschern 
geschätzt worden, sie hätten sie H.s- 
blume genannt 54 ). In seiner Weise er¬ 
klärt Paracelsus weiter Feuer- und Stein¬ 
regen 55 ). Beachtenswert ist die Neigung, 
solche Wunderregen mit religiösen Vor¬ 
stellungen zu verbinden. Wenn sie als 
Vorboten von Katastrophen gelten, so ist 
als weitere Motivierung gern die Sünd¬ 
haftigkeit der Menschen gegeben. Das 
führt dann weiter zu freien Phantasien, 
daß einmal Kreuze von verschiedener 
Farbe auf die Menschen 56 ), oder daß ein 
Marienbild vom H. gefallen sei 57 ). Vom 
H. gefallene Götterbilder kannte schon 
die Antike 58 ), wie auch Wunderregen 
von Kreide, Milch, Asche, Wolle, Blut 59 ). 

Der von der Natur viel abhängigere 
und daher ihre Erscheinungen viel ge¬ 
spannterbeobachtende primitivereMensch 
ist gewohnt, aus bestimmten H.serschei- 
nungen Schlüsse auf zukünftige, vor 
allem Wetterereignisse zu ziehen. Das 
bezeugen die Wetterergeln. Trotz man¬ 
cher richtiger Beobachtungen fehlte doch 
oft jede Kritik, und die unsichere Span¬ 
nung, mit der er seine Beobachtungen 
anstellte, gaben den Boden für üppige 
Phantasien. So sah man Menschenköpfe 
in den Wolken oder feurige Drachen 
und brennende aufeinander losgehende 
Heerhaufen 61 ). Meist sind solche Ge¬ 
sichte zu Kriegszeiten gesehen worden: 
die nervöse Spannung projizierte Waffen 
u. ä. an das Firmament. So berichten die 
Chroniken von Schwertern, Sicheln und 
Säbeln, einem weißen Kreuz, einem Dop¬ 
peladler, dem Tod als Gerippe, Deutschen 
und Türken, die gesehen wurden 62 ). Die 


Gesichte werden dann gewöhnlich als 
Vorzeichen kriegerischer Verwüstung ge¬ 
deutet, so ein H.brennen und Kriegs¬ 
knechte, die sich mit Spießen und Schwer¬ 
tern in der Luft schlagen 63 ). Solche Ge¬ 
sichte wurden auch im Jahre 1870 ge¬ 
sehen 64 ). Zu Beginn des Weltkrieges ging 
durch die Zeitungen die Nachricht, daß 
an einem bestimmten Orte eine große 
Volksmenge am H. einen deutschen Sol¬ 
daten und daneben eine 3 gesehen habe. 
Der Deutsche habe den Sieg und die 
Ziffer drei Monate Krieg bedeutet. Auch 
andere Katastrophen erkannte man in 
entsprechenden H.serscheinungen. So sah 
man zur Pestzeit ein Zeichen gleich einer 
schwarzen Bohne, dabei Besen und 
Rechen. Die Seuche hörte nicht eher auf, 
als bis diese Zeichen verschwunden 
waren 65 ). Oder ein H.brennen deutet eine 
Überschwemmung an 66 ). Oder man sieht 
in ähnlichen Gebilden Zeichen des jüng¬ 
sten Tages 6? ). Aber auch auf das Schick¬ 
sal eines einzelnen Menschen können sie 
hinweisen. Ein Weib in Kindsnöten sah 
am H. ein feuriges Schwert, während sie 
einen Knaben gebar. Dieser wurde Mörder 
und Dieb 68 ) (s. H.serscheinungen). 

45 ) ZfVk. 23 (1913), 131; Romanusbüchlein 
13. 48 ) Sartori Sitte 3, 32. 47 ) Wolf 

Beiträge 1, 235. 48 ) Kühnau Sagen 3, 448. 
49 ) Megenberg Buch der Natur 72. 60 ) Stö¬ 
ber Elsaß 1, 26 Nr. 37. 5l ) Haupt Lausitz 
1, 258—259. 52 ) Kunze Suhler Sagen 132 ff. 
oa ) Haupt Lausitz 1, 257 f.; Müller Sie¬ 
benbürgen 71. 64 ) Paracelsus 62 f. 55 ) Ebd. 
63 f. 5# ) Meie he Sagen 624 Nr. 768. 67 ) Mül¬ 
le nho ff Sagen 122 Nr. 155. “) Pfister 
Reliquienkult 1, 346. ö9 ) Stemplinger 

Aberglaube 31. *°) SAVk. 25 (1925), 50. 

61 ) Müller Siebenbürgen 70. e2 ) Haupt 

Lausitz 1, 273 f. 43 ) Müller Siebenbürgen 72. 
64 ) Kühnau Sagen 3, 455. 491. #6 ) Mül¬ 

ler Siebenbürgen 72. * 6 ) Ebd. 197. 67 ) (Kel¬ 
ler) Grab 3, 224. w ) Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 273. 

4. Der H. als Gewölbe. H.s- 
öffnungen. Mehrere H. So 
wirkte der H. durch die Segnungen und 
Verheerungen, durch seine Größe und 
Ferne auf das menschliche Gemüt und 
wurde zu dem Ort, an dem der Mensch in 
gespannter Erregung Vorzeichen er¬ 
blickte, die ihn warnten und in Schrecken 
setzten. Keine philosophischen Erwä- 



II 


Himmel 


Himmel 


14 


gungen, daß das irdische Geschehen am 
H. im großen vorgebildet sei, war die 
Quelle für die Verbindlichkeit solcher 
himmlischen Zeichen, sondern sie sind 
zunächst nur aus dem Affekte hervor - 
gegangen. Erst sekundär und in viel be¬ 
scheidenerem Maße hat sich das Denken 
des Volkes mit dem H. beschäftigt. Die 
natürliche Anschauung vom Wesen des 
H.s, zu der man dann gelangte, war nach 
irdischen Analogien die eines Deckels, 
eines hohen Gewölbes, das über der 
flachen Erde errichtet war. Diese Vor¬ 
stellung ist beständig lebendig geblie¬ 
ben. Der H. deckt das Land. Man 
sagt: der H. ist meine Decke, die Erde 
mein Bett; der H. ist mein Hut, er ist 
ein Gewölbe, er kann einbrechen 69 ). In 
der Skaldenpoesie heißt er gelegentlich 
das schöne Dach, wozu Güntert an die 
Bezeichnung bunter Deckel im Kale- 
wala erinnert 70 ). Im Salzburgischen stellt 
man sich den H. als eine ungeheure 
Hohlkugel vor 71 ). In Ertingen nennt man 
die Decke der Kirche H. In dieser ist eine 
Lücke mit einem Brett verschlossen, auf 
welches ein Auge gemalt ist. Man nennt 
es das. Auge Gottes. Ganz so, sagt man, 
sehe unser Herrgott durch die Sonne auf 
die Erde herab, weshalb man nicht in die 
Sonne sehen könne 72 ). Im Rätsel wird der 
Himmel mit einem ausgespannten Tuch 
verglichen: Min Modder heff en Laken un 
kann’t nicht foalen (falten) 73 ). Eine an¬ 
dere, freilich kaum je ins volle Bewußtsein 
des Volkes gerückte Anschauung, sieht in 
dem männlichen H. den die weibliche 
Erde als Braut umfangenden Gott 74 ). 

Denkt man sich den H. als eine Decke, 
so notwendig als eine feste abschließende 
Schicht, hinter der noch etwas anderes 
verborgen sein muß, das durch regel¬ 
mäßige oder gelegentliche Öffnungen 
dieser Decke zu sehen sein muß. Der 
stärkste Eindruck, den der H. auslöst, ist 
der des Lichtes, so ist es ein natürlicher 
Gedanke, daß man hinter der Schicht 
des H.s die Fülle des Lichtes vermutet. 
Nach Oberpfälzer Glauben w~ar der H. 
zuerst ganz ohne Sterne, da warfen die 
Riesen mit Kugeln nach der Sonnen¬ 
scheibe und durchlöcherten dabei den H. 


12 

Aus diesen Löchern scheint nun das Licht 
des inneren H.s, die Löcher sind die 
Sterne 75 ). Ebendort gilt auch die Sonne 
als H.söffnung, denn w r er in die Sonne 
schauen kann, sieht den H. offen 76 ). Die 
gleiche Vorstellung ist es, wenn der Mond 
als Fenster Gottes bezeichnet wird und 
von einer über den Mond hinziehenden 
Wolke gesagt wird, Gott mache sein 
Fenster zu 77 ). In Böhmen gilt der Blitz 
als ein teilweises Öffnen des H.s, es öffnet 
sich dann der Flammenhimmel, hinter 
welchem man die Engelchöre sehen 
kann 78 ). Derselbe Gedanke liegt wohl 
dem Schlüssel mancher Sagen zugrunde, 
der den H. im Blitz erschließt 79 ). Den 
Sonnenaufgang empfindet der Kinder¬ 
reim als H.söffnung: Heiland, tu dein 
Türle auf, Laß die liebe Sonne raus, Laß 
den Schatten droben 80 ), und der Ober¬ 
pfälzer Glaube, der den Himmel, im 
Sinne Paradies, in den Osten verlegt 81 ). 
Ekstatischen Visionären erscheint der H. 
gelegentlich offen, so einem alten Bauern 
beim Abendgebet. Er sah für einen kurzen 
Augenblick eine große schöne Helle 82 ). 
Bei der Pest vom Jahre 1348 sah ein 
zwölfjähriges sterbendes Mädchen den 
H. offen und die Seelen als viele schöne 
Lichter emporfahren 83 ).Einige Mädchen 
erblickten an einem Sommerabend einen 
hellen Schein am H., sie sahen das H.s- 
blau an einer Stelle durchbrochen und in 
der Lücke lauter golden strahlendes 
Licht. Mitten in diesem Glanze sahen sie 
einen Engel schweben, doch bald ver¬ 
schwand er in dem überhellen Licht, und 
darauf verblich der Glanz 84 ). Zu be¬ 
stimmten Zeiten ist der H. offen. So soll 
man sich nach westfälischem Aberglau¬ 
ben in der Christnacht unter einen 
Apfelbaum stellen, dann sieht man den H. 
offen 85 ), nach schwäbischem in der Neu¬ 
jahrsnacht auf einem Kreuzweg, man 
erfährt dann, was sich im kommenden 
Jahr zutragen wird 86 ). Nach böhmischem 
Aberglauben öffnet sich am Dreikönigstag 
um Mitternacht der H., wer es sieht, dem 
gehen drei Wünschein Erfüllung 87 ). Nach 
schlesischem Volksglauben ist am Kar¬ 
freitag H. und Erde geöffnet und kann 
dann Zauber gewirkt werden 88 ). 


13 

Seltener versetzt sich der Volksglaube 
in die Welt jenseits des H.sgewölbes, aber 
auch dann empfindet er die Notwendig¬ 
keit einer Öffnung, um auf die Erde 
herabblicken zu können. Nach Paulus 
Diaconus blickte Wodan durch ein Fen- 
iter (per fenestram orientem versus) auf 
die Erde 89 ). Nach einer schwäbischen 
Legende blickte einst der Herrgott aus 
dem H.sfenster heraus, als gerade Moses 
aus dem seinigen herausschaute 90 ). 

Die Quelle aller abergläubischen Vor¬ 
stellungen sind vor allem Affekte. Die 
Logik, die auch dem primitiveren Men¬ 
schen nicht abgeht, wird ihm bei 
allen Denkoperationen immer wieder von 
Affekten abgelenkt, oder dient nur dazu, 
verschiedene Affekte miteinander zu ver¬ 
binden. Wohl haben sich in den Köpfen 
Einzelner Phantasien gebildet über die 
Schichten und die Einrichtung des H.s, 
da diesen Phantasien aber die Affekte, 
aus denen der Aberglaube hervorgeht 
und die ihn tragen, fehlen, sind solche 
Meinungen nie wirklicher Besitz des 
Volkes geworden. Niederschläge solcher 
Spekulationen finden sich freilich in 
Redensarten, wie: jemanden bis in den 
dritten H. erheben, oder: bis in den 
siebenten H. verzückt sein 91 ), aber damit 
soll nur ein Superlativ ausgedrückt 
werden, bestimmte Meinungen über die 
einzelnen H. sind nicht vorhanden. Wenn 
Snorri gelegentlich einmal drei H. nennt, 
so ist das Skaldengelehrsamkeit 92 ). Eben¬ 
so unvolkstümlich ist es, wenn ver¬ 
einzelt in einer Exempelsammlung der 
Predigermönche aus dem 13. Jh. drei H. 
aufgezählt werden. Es heißt dort, daß 
im alten Rom ein Haus für die Sena¬ 
toren — de auro et speculis plena —, 
eines für die Philosophen — de cristallo 
— und eines für die Veteranen bestanden 
hätte, dementsprechend gäbe es im H. 
drei Häuser: prima plena speculis est 
celum empireum, in quo habitant rectores 
ecclesie. . . secunda domus est celum 
cristallinum, in quo habitant religiosi . . , 
tercia domus est celum sidereum, in 
quo habitant boni et iusti seculares, qui 
deo militant in hoc mundo 93 ). Skalden¬ 
gelehrsamkeit erwähnt auch neun H. 94 ). 


Christliche theologische Spekulation redet 
vereinzelt von ursprünglich zehn H.n, 
erst seit Lucifers Fall seien es neun 95 ). 
Megenberg zählt die zehn H. auf. Der 
oberste H. heißt auch bei ihm Empy- 
reum, in ihm wohnt Gott mit seinen 
Auserwählten, der zweite ist der Kri- 
stallh., dann folgt der Firmamentum 
genannte, dann die sieben Planeten- 
H. 96 ). Diese orientalisch-antiken Vor¬ 
stellungen hatte das Christentum mit¬ 
gebracht. Sie spielen im Volksglauben 
keine Rolle. Volkstümlich könnte da¬ 
gegen der Gänse-H. sein, den der Schle¬ 
sier kennt, wenn er sagt: du kommst 
gleich in den Gänse-H. Möglich, daß hier 
an einen Aufenthaltsort der wilden Gänse 
gedacht ist, die der Volksglaube sehr alt 
werden oder gar nicht sterben läßt 97 ). 
Wahrscheinlicher, daß der Ausdruck mit 
der grünen Wiese zusammenzubringen 
ist, auf die die Verstorbenen gelangen 
(s. Grüne Wiese, Hölle, Paradies). 

69 ) Grimm Myth. 3, 203 f. 70 ) Güntert 
Göttersprache 142. 71 ) Baumgarten Aus 

der Heimat 1,5. 72 ) Birlinger Volksth. 1, 
382 Nr. 606. 73 ) Stracker j an 2, 108. 

74 ) Grimm Myth. 2, 736; Golther 

Mythologie 454 ff. 7S ) Ranke Sagen 217. 
76 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 52. 77 ) Roch- 
holz Sagen 2, 133. 78 ) G roh mann 37 

Nr. 207 f. 79 ) S c h w a r t z Studien 371. 
80 ) Mannhardt Götter 134. 8l ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 53. 82 ) Baumgarten 
Aus der Heimat 1, 6. 83 ) K r u s p e Erfurt 1, 37. 
84 ) Luck Alpensagen 77. 85 ) Kuhn West¬ 
falen 2, 106 Nr. 321; Wuttke 67 § 77. 
88 ) Meier Schwaben 2,468. 8T ) Gr oh mann 
Sagen 305. 88 ) Drechsler 1, 83. 89 ) Grimm 
Myth. 1, mf. 90 ) Birlinger Volksth. 1, 
381. 91 ) z. B. Heyl Tirol 804 Nr. 274; 

Drechsler 2,120. ez ) Grimm Myth. 2, 
674 Anm. 2; Meyer Germ. Myth. 191 § 257. 
93 ) Klapper Erzählungen 405 f. M ) Grimm 
Myth. 664; Golther Mythologie 519. 
95 ) Grimm Myth. 237. 9Ö ) Megenberg 
Buch der Natur 43. 97 ) Drechsler 2, 94. 

5. H. als Ort Gottes und der 
Seligen. Die dem Christentum so ge¬ 
läufige Anschauung, daß der H. der Wohn¬ 
ort Gottes und der Seligen sei, ist durch¬ 
aus nicht so natürlich, wie es scheinen 
möchte. Im germanischen Heidentum 
finden sich mannigfache Lokalisierungen 
der Wohnung der Götter 98 ), doch nur 
vereinzelt die Meinung, daß sie in den 


15 


Himmel—Himmelfahrt Christi 


16 


obersten H.sräumen um den Zenith 
wohnen"). Mit dem Christentum ge¬ 
wann der H. eine neue Bedeutung. Dort¬ 
hin blickte man nun mit der Gewißheit, 
daß dort Gott sei, und daß von dort aus 
Gott die Welt regiere und auf die Erde 
herabschaue. Bei der Erklärung der 
himmlischen Vorzeichen sagt Paracelsus, 
daß diese aus dem inneren H. heraus¬ 
befohlen würden, um der Zeit die Zu¬ 
kunft zu verkünden 100 ). Grimm Märchen, 
Nr. 35 versetzt einen Schneider auf den 
Stuhl des Herrn im H., von wo er auf die 
Erde herniederblickt 101 ). Es gilt als gött¬ 
liche Gnade, den H. schauen zu dürfen, 
und einem Büßer wird deshalb auferlegt, 
nicht gen H. zu blicken 102 ). H. ist als 
Aufenthaltsort der Seligen mit Paradies 
gleichbedeutend gebraucht (s. d.). 

**) Meyer Germ. Myth. 187 f.; Meyer 
Religgesch. 41. w ) Meyer Germ. Myth. 187. 
i°°) Paracelsus 63. 101 ) Rochholz Sagen 
2, 133. 102 ) Heyl Tirol 670 Nr. 146; 667 
Nr. 143. 

6. W e g zum H. Nachdem man im 
H. einen Ort der Wonne zu sehen sich 
gewöhnt hatte, rückte der Gedanke einer 
Verbindung zwischen dem H. und der 
Erde in den Vordergrund. Als eine na¬ 
türliche Brücke zum H. erschien der 
Regenbogen (s. d.). Besonders in reli¬ 
giösen Visionen sah man, angeregt durch 
die Jakobsleiter, die Möglichkeit dieser 
Verbindung. So hieß ein Haus in Würz¬ 
burg H.sleiter, weil dort eine Frau 
im Traum eine solche gesehen hatte 103 ). 
Oder ein Priester sieht im Traum zwei 
H.sleitern, zwischen diesen einen lichten 
Stuhl, auf dem ein Bruder von den 
Predigern mit vermachten Augen saß. 
Leitern und Stuhl fahren dann zum H.: 
der Priester hatte den Tod des hl. Do¬ 
minikus gesehen 104 ). Im allgemeinen ist 
aber gerade im Volksbewußtsein der Ge¬ 
danke lebendig, daß eine Verbindung zu 
dem fernen H. unmöglich ist. So be¬ 
richtet eine Oberpfälzer Sage von einem 
schönen übermütigen Weibe Selamena, 
daß sie mit ihrem Kinde gleich der Mutter 
Maria zum H. fahren wollte. In der Mitte 
des Weges zwischen H. und Erde ward 
sie gestürzt und von ihrem Kinde ge¬ 


trennt. Sie schweben in der Luft, die 
Mutter als heulender^Sturm, das Kind als 
klagender, winselnder Wind 105 ). Weiter 
ist es wohl ebenfalls die Unmöglichkeit 
einer Verbindung zum H., die Sagen 
inspiriert hat, in denen der Teufel eine 
Straße zum H. bauen soll. Wie Gebannten 
unmögliche Aufgaben, z. B. das Zählen des 
Sandes, der Tropfen des Meeres anbe¬ 
fohlen werden, so verpflichtet ein Kärnter 
Bauer den Teufel, in 24 Stunden eine 
Stiege zum H. zu bauen, er wird aber 
nicht zur rechten Zeit mit der Arbeit 
fertig 106 ). Nach einer mährischen Sage 
versuchte der Teufel aus Steinen eine 
Straße in den H. zu bauen, Räuber 
störten ihn aber, so entstand der Pradl- 
stein oder Prallstein (nördl. von Müglitz 
in Mähren) 107 ). Drastisch illustriert diese 
Unmöglichkeit ein Salzburger Lügen¬ 
märchen: ein Bauer macht aus Enten¬ 
federn eine Leiter zum H., blickt hinein, 
macht sich aus Kleie ein Seil und steigt 
daran zur Erde herab 108 ). 


103 ) ZfdMyth. 3 (1855), 70. 104 ) Heyl 


Tirol 


130 Nr. 20. 105 ) Schön werth Oberpfalz 2, 
108. 106 ) Gräber Kärnten 277. 107 ) Ver¬ 
na 1 e k e n Mythen 358. 108 ) Baumgar¬ 
ten Aus der Heimat i, 5 f. Winkler. 


Himmel s. Finsternisse (2, 
1509), Horoskopie, Sterne, 
Sternbilder. 


Himmelbrand s. Königskerze. 


Himmelfahrt Christi. 


I. Den Hauptteil der kirchlichen Feier 
dieses Tages bildete bis tief ins MA. 
hinein eine Prozession, weil der 
Herr seine Jünger aus der Stadt hinaus 
auf den Ölberg führte 4 ). So sind an vielen 
Orten kirchliche Prozessio¬ 
nen und namentlich Flurgänge 
üblich geblieben 2 ) (s. Kreuzwoche). Auch 
der Volksbrauch schreibt überall Aus¬ 
flüge ins Freie, in den Wald und 
namentlich auf Berge vor 3 ). Man 
beobachtet dabei die aufgehende Sonne, 
wie sie drei Freudensprünge macht 4 ). Sie 
geht überhaupt schöner auf als an andern 
Tagen 5 ). Man kann am H.smorgen noch 
immer sehen, wie der Heiland zum Him¬ 
mel auffährt 8 ). Von der Burg bei Stau¬ 


17 


Himmelfahrt Christi 


18 


fenburg aus soll das geschehen sein 7 ). 
Wenn man den Berg hinaufgeht, so geht 
man das ganze Jahr leicht 8 ). Manche 
Mai- und Pfingstbräuche haben sich an 
den H.stag geheftet 9 ). Bei den Sieben¬ 
bürger Sachsen ist Todaustreiben 10 ). In 
Waldeck jagt und fängt man Eich¬ 
hörnchen n ). 

l ) Kellner Heortologie 83. 2 ) S a r t o r i 
Sitte u. Br. 3, 187. 3 ) Ebd. 185 f. 4 ) Ebd. 186 
A. 3; ZfdMyth. 2, 240; Wüstefeld Eichs¬ 
feld 92. 6 ) Meyer Baden 505. •) Meier 
Schwaben 2, 399- 7 ) Pröhie Harzsagen 41. 
•) Zahler Simmenthal 47. 9 ) Sartori 

3, 186 f. 189. 10 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 
285; vgl. Peuckert Schles. Vk. 97 h 
,l ) Curtze Waldeck 441; Sartori 3, 
186 A. 2. 

2. Ch. H. ist der 40. Tag nach Ostern 
und fällt also immer auf einen Don¬ 
nerstag. Der Tag wird daher in 
mannigfache Beziehung zum Gewit¬ 
ter gebracht. An ihm kommt immer 
eines 12 ). Viele Schutzmaßregeln werden 


ein Familien¬ 


empfohlen. Wenigstens ein Familien¬ 
mitglied muß zum Abendmahl gehen, 
sonst schlägt der Blitz ein l3 ). Ein Be¬ 
gräbnis am H.stage hält schwere Gewitter 
vom Orte fern 14 ). In Schwaben werden 
zwei Blumenkränze von den weißen und 
roten Mausöhrlein gewunden und in den 
Ställen über dem Vieh aufgehängt, damit 
es nicht einschlage 15 ). Manche bringen 
Kränzchen in die Kirche, die dann, im 
Hause aufgehängt, es vor Blitz be¬ 
wahren 16 ). In der Schweiz werden zu 
diesen Tschäppeli ausschließlich Feld- und 
Flurblumen, keine Gartenblumen ver¬ 
wendet. Die Reste des alten Tschäppeli 
müssen verbrannt werden 17 ). Vom Ge¬ 
treide schnitt man einige Halme und 
trug sie zur Segnung gegen Unwetter um 
den Altar 18 ). Käse, der am H.stage 
gemacht war, wurde in den toskanischen 
Apenninen, wenn ein Ungewitter heran¬ 
zog, auf die Haustür gestrichen; auch 
befestigte man Eier, die an diesem 
Tage ausgebrütet waren, an die Dächer 19 ). 
Ein an H. gelegtes Ei verdirbt nicht 
leicht ") und schützt nach thurgauischem 
Glauben Land und Haus vor Unwetter 
und Hagel; daher wird an diesem Tage 
auch zuweilen das Spiel des Eierlesens 
gehalten 21 ). 


l2 ) Sartori 3, 187 A. 8; Mitteil. Anhalt. 
Gesch. 14, 15. 20. 13 ) Drechsler 1, 116. 

14 ) John Erzgeb. 128. 1J> ) Mannhardt 

Germ. Myth. 18; Meyer German. Mythol. 216. 
16 ) Meyer Baden 505. 1T ) S t o 11 Zauber - 
glauben 55 f. 18 ) Meyer Myth. d. Germ. 32. 
lö ) Meyer Aberglaube 214. 20 ) Sebillot 
Folk-Lore 3, 233 (16. Jh.). 2l ) SchwVk. 11, 42. 

3. Wohin das Christusbild, das 
beim Gottesdienste zur Veranschaulich¬ 
ung der H. zur Kirchendecke empor¬ 
gezogen wird, hinsieht, ehe es im 
,,Heiliggeistloche“ verschwindet, von dort 
kommen in diesem Sommer die Gewitter. 
Es ist ein Segensblick,dem daher die größte 
Aufmerksamkeit gewidmet wird. Man 
stellte auch wohl einen Gewittervorgang 
anschaulich dar, indem man Feuer von 
oben herabwarf und Wasser nachgoß 22 ). 
In Münster i. W. meint man, so oft wie 
das zum Apostelgange im Dom empor¬ 
gezogene Kreuz knacke, so viel Taler 
koste das ganze Jahr hindurch der Malter 
Roggen 23 ). Im Bergischen herrschte der 
Glaube, daß in der Nacht zum H.stage 
am Kölner Dom eine seidene Fahne 
herausgehängt werde; wenn diese steif 
würde, so gebe es teures Brot 24 ). In Ro߬ 
haupten mußte man in den Häusern, 
wohin der aufgezogene Christus zuletzt 
sah, Kuchen backen 25 ). In Bayern 
steckte man die Fetzen der Puppe, die 
nach dem Aufzug des Heilandbildes als 
Symbol des seiner Macht beraubten 
Teufels vom Kirchenboden herabge¬ 
stürzt wurde, zur Abwehr gegen Hagel 
auf die Felder 26 ). 

22 ) Sartori Sitte u. Br. 3, 188; Albers 
Das Jahr 212; Zingerle Tirol 155(1324); 
ZfVk. 4, nof.; ZfdMyth. 2, 102; Geramb 
Brauchtum 43; Pollinger Landshut 231; 
Reiser Allgäu 2, 140; Niderberger 
Unterwalden 3, 396. 23 ) Sartori Westfalen 
115. 24 ) Schell Bergische Volksk. 97. 

25 ) Reiser Allgäu 2, 140. 2fl ) Franz 

Benediktionen 2, 144 (nach Panzer Beitr. 
2, 281). 

4. Um sich vor Gewitter zu schützen, 
soll man am H.stage nicht arbeiten 
oder doch gewisse Tätigkeiten mei¬ 
den (s. Arbeit I, 569, I b). Wer arbeitet 
und strickt, dem ziehen die Gewitter 
nach 27 ). Woran gearbeitet wird, danach 
trachtet das Gewitter 28 ). Besonders gilt 
das für das Nähen (s. d.). Man soll 


19 


Himmelfahrt Christi 


Himmelfahrtsblümchen—Himmelsbrief 


22 



weder nähen noch flicken, sonst ziehen 
dem, der das Gewand am Leibe trägt, die 
Gewitter nach 29 ), oder seine Mutter 
stirbt 30 ). Wer etwas näht oder flickt, wird 
vom Blitz erschlagen 3l ). Man soll nicht 
einmal eine Nadel anrühren oder einfä¬ 
deln 32 ). Wenn ein Hausbewohner näht, 
sind alle Schutzmittel gegen Gewitter um¬ 
sonst 33 ). Man soll auch nicht mit dem 
Bleuel klopfen, sonst schlägt der Hagel 
und zwar so weit im Felde, als der 
Bleuel gehört wurde 34 ). 

27 ) B i r 1 i n g e r Aus Schwaben i, 388. 
2a ) Grimm Myth. 3, 461 (772: Osterode am 
Harz). 2S ) Ebd. 3, 436 (43: Chemnitzer Rocken¬ 
philosophie); Bartsch Mecklenburg 2, 270 
(„an den Himmelfohrtsvörmiddag“); Schu¬ 
lenburg Wend. Volkstum 145; Verna¬ 
lek e n Alpensagen 372. 30 ) Schüller 

Progr. d. Gvmnas. in Schäßburg 1863, 23 (9). 
3l ) Kuhn u. Schwartz 177 f.; Enge- 
lien u. Lahn 280. 32 ) Mitt. Anhalt. Gesell. 
14, 20; ZfVk. 14, 424; Grimm Myth. 3, 459 
(703: Ansbach). 33 ) John Erzgeb. 27. 
34 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 286. 

5. Noch mancherlei anderes ist am 
H.stage verboten. Man soll nicht 
baden, denn der Fluß will sein Opfer 
haben 35 ). Wenn Kinder ins Wasser 
pissen, so weint die .Mutter Gottes 36 ). 
Heirat in der H.swoche bringt Unglück 37 ); 
das Paar muß bald sterben 38 ). Man soll 
nicht säen 39 ) und in der H.swoche keine 
Bohnen pflanzen 40 ). In Waltersdorf bei 
Sprottau rührt man am H-.stage den 
Flachs nicht an, damit keine Brechannen 
hinunterfallen, sonst bekäme das Vieh 
Läuse 41 ). Am Tage nach H. geht in 
Mittelfranken kein Bauer aufs Feld 42 ). 
Der Mann im Monde hat am H.stage 
einen Zaun gemacht 43 ). 

35 ) John Westb. 76; Meier Schwaben 
2, 400. 36 ) Birlinger Volksth. 1, 493. 

37 ) Strackerjan i, 31, 3S ) H ö r m a n n 
Volksleben 94; Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 20. 
39 ) Drechsler 1, 116; vgl. Rantasalo 
Ackerbau 2, 28. 31. 40 ) Urquell 5, 173 f,; 

Strackerjan 2, 79. 4l ) Drechsler 

Haustiere 12. 42 ) Wuttke 78(91). 43 ) Se- 
billot Folk-Lore 1, 13. 

6. Dagegen ist der H.stag zu andern 
Verrichtungen wieder besonders 
geeignet. So für das Setzen von 
Glucken 44 ). In Mecklenburg legt man 
Gurken, Kürbisse und Wurzeln, wenn am 


Abend vor H. das Fest eingeläutet wird 45 ). 
Am Tage vor und nach H. gedeiht Kraut, 
auch wenn man es auf Steinhaufen 
setzt 46 ). Flachs soll man am Abend vor 
H. säen, damit er recht hoch werde 47 ). 
Welches von den läutenden Mädchen in 
Hildesheim von der schwingenden Glocke 
am höchsten emporgezogen wird, das 
bekommt den längsten Flachs 48 ). In 
Rußland werden Leitern aus Teig ge¬ 
backen und auf dem Felde im Korn auf¬ 
gestellt, damit es höher wachse 49 ). But¬ 
ter machen muß man am Morgen des 
H.stages, weil da die Hexen nicht buttern 
können a0 ). Man muß es vor Sonnenauf¬ 
gang tun, aber die Butter nicht salzen, 
dann ist sie zu vielen Dingen heilsam 51 ). 
Kräuter, die im Walde gesucht und 
eingcsammelt werden, haben besonders 
heilsame Kräfte 52 ). Wenden kommen 
von weither zum Valtenberg, um die 
Sprossen des Hexenkrautes zu pflücken, 
das gut gegen bösen Zauber ist 53 ). Ein 
Zweig vom H.saltar hilft gegen alle 
Gichter 54 ). Wer die an H. in der Kirche 
geweihten Kränze das Jahr hindurch 
nicht in seiner Stube aufhängt, setzt sich 
und seine Habe mutwillig bösen Mächten 
aus 5o ). Der Maibusch, mit dem H. aus- 
gemaiet ist, soll, zwischen die Garben 
gelegt, ein Mittel sein, die Mäuse von 
ihnen fernzuhalten, auch zum Räuchern 
von krankem Vieh soll er sich eignen 56 ). 
Kreuzdorn wird in drei Stallecken ge¬ 
steckt 57 ). Kranke soll man durch die 
• • 

Öffnung einer Eiche zwängen 58 ). Wäh¬ 
rend das Baden im Flusse am H.stage 
gemieden wird (s. o. 5), gilt das W a - 
sehen im H.stau vor Sonnenaufgang 
als gutes Mittel gegen Sommersprossen 59 ). 
Auch sonst glaubt man an kräftige Wir¬ 
kungen des Wassers in der H.snacht 60 ). 
Wer am Auffahrtstage sein Vieh nicht 
tränkt, setzt sich bösen Mächten aus 61 ). 
Die Brunnen werden bekränzt, und man 
trinkt daraus 62 ). 

44 ) Mitt. Anh. Gesch. 14, 20. 4ä ) Bartsc h 
2. 165. 269; vgl. ZfVk. 7, 363. 4a ) Eber¬ 

hard t 3. 4T ) Meyer Baden 421; vgl. 
Rantasalo Ackerbau 2, 31. 48 ) Sar- 
t o r i Sitte u. Br. 3, 189. 49 ) Z e 1 e n i n Rus¬ 
sische Volksk. 369. 50 ) Wuttke 448 (707). 

51 ) Kuhn Westfalen 2, 159 (446: Neumark). 


M ) Sartori 3, 186; A 1 b e r s Das Jahr 
113 f. M ) Meiche Sagen 656. 54 ) Meyer 
Baden 38. 56 ) SchwVk. 11, 42. 66 ) Bartsch 
M$ckl. 2, 269 (1400). 57 ) Heckscher 395 
(fr&nk. Niederhessen). M ) ZfrwVk. 24, 52. 

*•) Meyer Baden 549. ®°) Sartori 3, 188 
A. 10. 81 ) SchwVk. 11, 42. 62 ) Sartori 3, 
187 A. 7; Meyer Germ. Myth. 216. 

7. Im Hinblick auf den Flug Christi zur 
Höhe ißt man an manchen Orten nur 
,, fliegendes Fleisc h“, d. h. Ge¬ 
flügel. Im Allgäu wird das durch Brot¬ 
vögel ersetzt, die man den Kindern 
schenkt 63 ). 

M ) Sartori S. u. Br. 3, 1S9. 

8. Am ,,HeIig Thörsdag“ sonnt nach 
nordischem Volksglauben der auf dem 
Golde liegende Drache seine Schätze 64 ). 
Schätze werden am H.stage gehoben 65 ). 
Auf dem Bielstein bei Ilfeld geht ein 
kopfloser Schimmelreiter um 66 ). In 
Ilsenburg glaubt man, daß die Prin¬ 
zessin Ilse an einem H.stage gen Himmel 
fahren werde 67 ). 

• 4 ) Mannhardt Germ. Mythen 151. 
#a ) Schell Ber gische Sagen 253. 66 ) Pro hie 
Harzsagen 226. 67 ) Kuhn u. Schwartz 

1 77- 

9. Wenn es am H.stage regnet, so 
wird es 40 Tage oder 10 Sonntage reg¬ 
nen 63 ). Das Heu gerät dann nicht 69 ). Es 
gibt ein unfruchtbares Jahr 70 ). Ver¬ 
dorren die auf den Weg gestreuten 
Blätter und Blumen alsbald, so gibt es 
guten Heuet 71 ). 

w ) Vernaleken Alpensagen 415; Zin- 
gerle Tirol 156(1326). 6& ) John Westb. 76. 
T# ) Bartsch 2, 270 (1402). 71 ) Meyer 

Baden 435. 505. Sartori. 

Himmelfahrtsblümchen s. Katzen¬ 
pfötchen. 

Himmelsbrief. 

I. Der H. in der Religions¬ 
geschichte. Der H. führt seinen 
Namen nach der einleitenden Legende, 
der zufolge er ein vom Himmel gefallener 
oder gesandter Brief ist. Die H.e wollen 
schriftliche Offenbarungen des göttlichen 
Willens sein. Ihrem Inhalte nach sind es 
Schutzbriefe (s. d.), denen die 
magische Kraft innewohnt, gegen Waf¬ 
fengewalt, vor Krankheiten, Feuers¬ 
brunst und andern Unfällen zu schützen. 


Dieser Schutz ist oft gebunden an die 
im H. geforderte Heilighaltung des Sonn¬ 
tags. Die älteste erkennbare Gestalt des 
H.s ist ein als göttliche Offenbarung auf¬ 
tretender Brief, der strenge Sonntagsruhe 
fordert (s. Sonntagsbrief). Die ursprüng¬ 
liche Form ist mannigfach erweitert. Der 
erste Typus, benannt „Gredoria“ (s. d.), 
verheißt allen Segen und Glück, Schutz 
gegen Blitz, Feuer, Wasser und einen 
leichten Tod, die im Brief aufgeführtc Ge¬ 
bete sprechen und gewisse moralische 
Forderungen erfüllen. Für die zweite 
Gestalt, den ,,Holstein-Typus“ (s. d.), 
ist die Verschmelzung mit ehemals selb¬ 
ständigem Schutzspruch kennzeichnend 

§ • 

(s. die Art. Olbergspruch, Grafenamulett, 
Kaiser Karl-Segen). Daneben erscheinen 
bisweilen noch kleinere Stücke, die teils 
aus der mittelalterlichen Zauberpraxis 
stammen, teils biblische Stellen verwen¬ 
den. Der H. ist ein Stück der Volksreligion; 
von der Kirche bald geduldet, bald be¬ 
stritten, hat er sich Jahrhunderte hin¬ 
durch im religiösen Volksbrauch erhalten 
und wird heute noch in Form gedruckter 
Bilderbogen (Verlag Gustav Kühn in 
Neu-Ruppin) vertrieben *). 

Als literarisches Dokument gehört der 
Himmelsbrief zu den christlichen Pseud- 
epigraphen. Seine Grundlage aber ist die 
Idee einer unmittelbar von der Gottheit 
ausgehenden schriftlichen Of¬ 
fenbarung, die in der Briefgestalt 
ihren eigentümlichen literarischen Aus¬ 
druck findet 2 ). Während in der Regel die 
Gottheit zu ihren Propheten und durch 
sie spricht, finden wir hier die Vor¬ 
stellung, daß göttliche Wesen schrei¬ 
ben oder Briefe senden. Erst wo ein 
Volk die Schrift besitzt, ist die anthro- 
pomorphe Vorstellung von schreibenden 
Göttern möglich. Dem entspricht es, daß 
wir schreibende Götter dort finden, wo 
die ältesten Schriftsysteme geschaffen 
sind, d. h. bei Ägyptern, Babyloniern und 
Chinesen. 

Die Babylonier bezeichnen Nebo als 
den ,,Schreiber der Götter“. Ein Text, 
der unmittelbar von einem Gott stammen 
soll, ist in der keilschriftlichen Literatur 
bisher nicht gefunden. In China ist 


23 


Himmelsbrief 


Himmelsbrief 


2 6 



der H. aus dem 12. Jh. nachgewiesen 3 ). 
Das älteste Zeugnis für den H. liegt im 
ägyptischen ,,Totenbuch“ vor 4 ). Es ist 
nicht unmöglich, daß Ägypten die Heimat 
des H.s ist, wo ihn der Hellenismus über¬ 
nommen haben kann. Die in den ,,Her¬ 
mesbüchern“ vorliegenden Zauberpapyri 
sind eigentlich H.e. Mit Hermes ist der 
ägyptische Gott der Wissenschaft und 
der Schreibkunst, Thot, identifiziert. 

Während wir im alten Ägypten und im 
semitischen Orient alte Spuren des H.es 
finden, scheint die Vorstellung einer 
schriftlichen Offenbarung den indoger¬ 
manischen Völkern unbekannt zu sein. 
Die Inder nehmen allerdings für den 
Wortlaut der vedischen Lieder göttliche 
Offenbarung an; aber die von Ewigkeit 
her vorhandenen Texte sind durch Hören 
vermittelt. Ebenso kennt die altpersische 
Religion nur das Wort des Ahuramazda, 
das an den Propheten Zarathustra er¬ 
geht. Auch den Griechen und Römern 
ist in klassischer Zeit die Vorstellung 
fremd, daß die Götter schreiben. 

Aus der Tatsache, daß sich im vorderen 
Orient schon sehr alte Spuren des H.s 
finden, läßt sich vielleicht erklären, daß 
wir ihm in den religionsgeschichtlichen 
Kreisen wieder begegnen, die im Orient 
ihre Heimat haben, d. h. im Judentum, 
Christentum und Islam. Erst aus semi¬ 
tischen Einwirkungen in der antiken 
Kultur erklären sich dann auch die 
späteren Spuren des H.es in der griechi¬ 
schen Literatur. 

Die Vorstellung, daß die Gottheit 
selbst schreibe, tritt schon im AT. her¬ 
vor, wo die zehn Gebote in den jüngeren 
Schichten des Pentateuch von Gott selbst 
geschrieben sind (2. Mos. 20, I; 32, 15 f.; 
34 » I; vgl. 5. Mos. 4, 13; 9, 10). In diesen Zu¬ 
sammenhang gehört vielleicht der offen¬ 
barende Brief Ezech. 3, I—13. Die Sym¬ 
bolik dieser Stelle ist Offenb. 10, 10 nach¬ 
gebildet 5 ). In diesen Zusammenhang ge¬ 
hört vielleicht auch das Bild II. Cor. 3, 3, 
wo Paulus die Korinthische Gemeinde als 
einen von Christus diktierten, von ihm 
geschriebenen Brief bezeichnet. Im Tal¬ 
mud wird ein Buch genannt, das Gott 
an Adam sandte (Tr. Aboda zara 6a). In 


der jüdischen Mystik des MA.s wird der 
Inhalt solches Buches ausführlich ange¬ 
geben im Sepher Sohar 6 ). Um 1200 hat 
der hebräische Grammatiker einen H. 
verfaßt, in dem er zu strenger Beachtung 
des Sabbatgesetzes mahnt 7 ). Deutlicher 
tritt der H. bei der judenchristlichen 
Sekte der Elkesaiten im 2. Jh. hervor, 
deren heiliges Buch Elxai vom Himmel 
auf die Erde gefallen ist 8 ). Inden Oden 
Salomos ist die Idee des H.es in 
Worten ausgesprochen, die auffallend 
mit der Fundsage im Holsteiner Typus 
des H.es übereinstimmen: ,,Des Höchsten 
Gedanke war wie ein Brief . . . und es 
stürzten sich auf den Brief viele Hände, 
um ihn zu fassen, zu nehmen und zu 
lesen. Und er entfloh ihren Händen . . . 
und der Brief war eine große Tafel, voll¬ 
ständiggeschrieben vom Finger Gottes“ 9 ). 
In den gnostischen ,,Thomasakten“ emp¬ 
fängt Christus selbst einen Brief von 
„seinen göttlichen Eltern“ in Form eines 
Hymnus 10 ). Im „Hirten des Hermas“ 
(um 130 n. Chr.) erscheint die Kirche 
als Überbringerin eines „Büchleins“, das 
himmlischer Herkunft ist 11 ). Ein Brief 
Jesu selber tritt in der Abgarsage (s. d.) 
auf. 

In der Antike ist der H. ganz ver¬ 
einzelt. Auf zwei attischen Vasen aus der 
ersten Hälfte des 5. Jhs. ist Isis dar¬ 
gestellt, die einen Brief trägt. Und der 
Tragiker Achaios (bei Athenaeus 541 C) 
erwähnt dasselbe in einem Satyrspiel. 
Sonst überbringt Isis immer nur münd¬ 
lich Aufträge der Götter an die Men¬ 
schen (s. Ilias 2 166 ff.). Wie die ver¬ 
einzelten Denkmäler zu erklären sind, 
ist unbekannt 12 ). 

Erst in hellenistischer Zeit, in der die 
antike Kultur stark von orientalischen 
Einflüssen durchsetzt war, tritt der H. 
mehrfach auf. Die wunderbare Heilung 
eines Augenleidens durch einen Brief, 
den Asklepias sendet, berichtet Pau- 
sanias (X, 38), und der Rhetor Älius 
Aristides (129—189 n. Chr.) behauptet, 
selbst durch einen Brief des Gottes ge¬ 
heilt zu sein (Orat. 23). 

Auch die „Canones“ des Epikur werden 
als „vom Himmel gefallen“ (Plutarch, 


adn. Colot. 19; Cicero, Defin. I, 19, 63) 
oder als „Caeleste volumen“ (Cicero, De 
nat. deor. I, 16, 43) bezeichnet. Mehrfach 
werden auch Heilungswunder durch sol¬ 
che Briefe berichtet, ein Motiv, das in die 
christliche Heiligenlegende übergegangen 
ist (Julian, Epist. 60. 61; Vita S. Mar¬ 
tini 19). Als literarische Form tritt der 
H. bei dem Semiten Lucian in seinen 
„Götterbriefen“ auf und in den Satiren 
des Menippos von Gaiara: „Briefe, die 
sich rühmen vom Angesicht der Götter zu 
stammen“. Dieser Titel klingt wie wört¬ 
liche Übersetzung eines hebräischen Aus¬ 
drucks 13 ). 

Auf semitischem Boden hat die Vor¬ 
stellung von einer schriftlich vermittelten 
Gottesoffenbarung ihren stärksten Aus¬ 
druck im Koran gefunden. Der Koran ist 
präexistent als eine göttliche Offenba¬ 
rungsurkunde und wird stückweise „her¬ 
abgesandt“ (Sure 97, 1; vgl. 96, 47; 85, 
2l) 14 ). In jüngster Zeit ist im Islam ein 
H. aufgetreten, der sich in vielen Zügen 
mit dem christlichen H. berührt. Der 


sog. „Mekkabrief“ soll auf dem Grabe 
des Propheten gefunden sein, das fälsch¬ 
lich nach Mekka verlegt wird. Der Brief ist 
eine politische Agitationsschrift, die das 
Reich des Mahdi verheißt und das nahe 
Ende der Herrschaft der Ungläubigen 
verkündet. Er hat 1880 in Niederländisch- 
Indien und 1908 in Ostafrika starke Er¬ 
regungen bewirkt 15 ). Wie das Mor¬ 
monentum in vielen Zügen muham- 
medanisch ist, so ist auch das „Buch 
Mormon“ vom Himmel gesandt als eine 
unmittelbar von Gott stammende 
Schrift 16 ). 


*) W. Köhler Himmels- und Tenfelsbrief 
(— RGG. 3. 29 ff.); Ders. Briefe vom Himmel 
und aus der Hölle , Die Geisteswissensch. 1 
(1914), 588 ff. 619 ff.; A. A b t Von den Him¬ 
melsbriefen, Hess.Bl. 8 (1909), 81 ff.; J. 

Jordan Himmelsbriefe, ARw. 3, 334 ff.; 
A. Dieterich Himmelsbriefe, Bl. f. hess. 
Vk. 3 (1901), 9 ff.; T. O. Rad lach Zur 
Lit. u. Gesch. d. Himmelsbriefe, ZdVfKirchen- 
gesch. der Prov. Sachsen 5, 238 ff.; Röh¬ 
richt Ein Brief Christi, ZfKirchengesch. 
11, 436 ff.; S t ü b e Himmelsbrief; Sar- 
tori 2, 19; Reuschel Volkskunde 2, 20; 
Hell wig Aberglaube 17. 116. 133 f.; Gra¬ 
bin s k i Sagen 44; Ders. Neuere Mystik 
60 ff.; N. Larsen Moderner Aberglaube. 


2 ) S t ü b e Himmelsbrief 33 f. 3 ) H. Hack* 
mann Laien-Buddhismus in China. Gotha 
1924, 265; für ältere Zeit (um 450 v. Chr.) 
kann wirklich eine Angabe im Schi-ki (43, 13a) 
in Frage kommen; s. Forke Lunheng 229. 
4 ) Das ägyptische Totenbuch der 18. bis 20. Dy¬ 
nastie. Herausgeg. von Ed. Naville. Berlin 
1881. Einl. 25 f. 29 ff. 5 ) Bo 11 Offenbarung 
Johannis 7, 2. 142. 6 ) S. K a r p p e Etüde sur 
les origines et la nature du Zoter. Paris 1901, 

73 f. 107 f. 356 f. 381 f.; Eisenmenger 

Entdecktes Judentum 1 (1700), 375 f.; 2, 675. 
7 ) M. B i t t n e r in Denkschriften der 
Kaiserl. Akad. d. Wiss. Philos.-hist. Kl. Bd. 51. 
Wien 1906. 8 ) Origenes bei Eusebius 
Hist. eccl. VI, 38; A. Harnack Chronologie 
der altchristl. Lit. 2, 167 f.; Bardenhewer 
Gesch. d. altkirchl. Lit. 1 (1902), 349 f.; Jor¬ 
dan Gesch. d. altchristl. Lit. 268. 9 ) O. U n - 
g n a d und W. S t a a r k Die Oden Salomos 
aus dem Syrischen übersetzt. Bonn 1910; A. 
Harnack Ein jüdisch-christliches Psalmen¬ 
buch aus dem 1. Jh. Leipzig 1910; H. Jordan 
Gesch. d. altchristl. Lit. 457—460. l0 ) Neu 

testl. Apokryphen. Herausgeg. von Edg. Hen¬ 
necke. Tübingen 1904, 522 f.; H. Jor¬ 
dan a. a. O. 465. n ) Der Hirt des Hermes. 
Erkl. v. H. D i b e 1 i u s. Tübingen 1923, 
442 f.; Neutestl. Apokryphen 232; H. Jor¬ 
dan a. a. O. 478 f. 12 ) B i r t N. Jahrb. 
19 (1907), 707 f.; vgl. Baumeister 
Denkmäler. Supplt.-Tafel (Monum. d’Instituto 
9,46). 13 ) O. Wein reich Antike Himmels- 
briefe ARw. 10, 566 f.; Stübe Himmels¬ 
brief 31 ff. l4 ) Th. N ö 1 d e k e Gesch. des 
Korans. 2. Aufl. v. Fr. Schwally 1, 20—*34. 

74 ff. l5 ) C. H. Becker Materialien zur 
Kenntnis des Islam in Deutsch-Ostafrika, Der 
Islam 2 (1911), 43—48). 16 ) E d. M e y e r Die 
Mormonen. 

2. Der H. in der Gegenwart. 
Im Volksglauben und -brauch der Gegen¬ 
wart ist der H. noch weit verbreitet 17 ). 
Er vereint die verschiedenen Zwecke in 
sich, die teils den Sprüchen entsprechen, 
die mit dem H. verschmolzen sind. Noch 


immer dient er in der Gestalt „Gredoria“ 
als Forderung der Sonntagsheiligung, mit 
der allgemeine Segensverheißungen ver¬ 
bunden werden 18 ). Die häufigste An¬ 
wendung ist die als Schutzmittel im 
Kriege; der H. macht unverwundbar und 
kugelfest. So ist der H. in allen Kriegen 
seit 1793 aufgetreten 19 ). 

Sodann tritt der H. als Gebet auf; wer 
es täglich liest, hört oder bei sich trägt, 
wird nicht plötzlich sterben. Das Haus 
wird vor Donner und Blitz bewahrt 


bleiben; ferner werden Geburten leicht 
erfolgen 2D ) } wenn der H. auf die Ge- 



27 


Himmelskörper—Himmelsrichtu ngen 


Himmelsrichtungen 


30 


28 29 


bärende gelegt wird. Besonders gegen 
Feuersbrunst und Pest schützt der 
Brief 21 ). Als Schutzmittel gegen alle 
Krankheiten dient er, besonders Nasen¬ 
bluten heilt er, wenn man den Brief in die 
Hand nimmt 22 ). Endlich ist mit dem H. 
die Verheißung der Sündenvergebung 
oder Erlösung verbunden. Als heil¬ 
spendend wird er auch in den Sarg ge¬ 
legt 23 ). 

Der abergläubische Gebrauch des H.es 
hat mehrfach den Einspruch der Kirche 
veranlaßt 24 ). Da der Vertrieb von H.en 
auch mit Betrug verbunden war, so haben 
sich auch Gerichte mehrfach mit den H. 
befaßt 25 ). 

17 ) Aus der großen Masse hierhergehöriger 
Literatur s. Andree-Eysn Volkskund¬ 
liches 123 f.; Güntert Sprache der Götter 2 8. 
40; Haas u. Worm Mönchgut 75; ARw. 
5, 141 ff.; 16, 566; DG. 10, 65h; ZfVk. 
25, 241 ff.; 26, 327; 29, 78; MschlesVk. 

Heft 3 (1896), 59; H. 4 (1897), 90; 13/14. 609 ff.; 
18, 47; 19, 56 ff. 140 ff.; Alemannia 13 (1885), 
200; 24 (1896), 15 f.; 37 (1909). 22. 57; Bayr. 
Hefte 2 (1915), 71; Niderberger Unter¬ 
walden 3, 595; Sartori Westfalen 74; 
Ganzlin Sächsische Zauberformeln 15. 
18 ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 4; ZfVk. 21 
(1911), 255; SAVk. 2, 277; ZfrheinVk. 4 (1907), 
101; Drechsler 2, 268 ff. 19 ) ZfrheinVk. 4 
(1907). 95 ; Strackerjan 1,61; Sey- 
farth Sachsen 143; Brandenburg^ 1916, 
172; Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 2; Meyer 
Baden 239; Sartori 2, 169; K r o n f e 1 d 
Krieg 20 f. 100. 102; Berthold Unver¬ 
wundbarkeit 67; Kondziella Volksepos 
159. 20 ) Strackerjan 1, 62. 66; Sey- 
f arth Sachsen 143 f.; ZfVk. 1914, 60; Höhn 
Geburt 260; Urquell 5 (1894), 252; bei 

Kühne in ZfVk. 24 (1914). 61. 21 ) Höhn 
Volksheilkunde 1, 151. 2t ) Seyfarth Sachsen 
143; Urquell 2 (1891), 177. 23 ) Seyfarth 

Sachsen 144; Schönwerth Oberpfalz 2, 395; 
Müller Isergebirge 25. 24 ) V. G. Kirch¬ 
ner Wider die Himmelsbriefe. Leipzig 1908; 
ZfVk. 19 (1909), 356; Seyfarth Sachsen 
147. * 5 ) ZfVk. 16 (1906), 422; Brandenburgs 
1916, 172; Seyfarth Sachsen 145. 

| Stübe. 

Himmelskörper s. die Sonderartikel 

wie Komet usw. 

Himmelsrichtungen. 

I. Bezeichnungen. Bis auf den 
heutigen Tag haben sich zur Bezeichnung 
der H. neben Osten, Süden, Westen, 
Norden in den germanischen Sprachen 
Morgen, Mittag, Abend und Mitternacht 


erhalten. Ein schwacher Nachhall aus 
einer fernen Vergangenheit, da die vier 
wichtigsten Himmelspunkte nicht ein Be¬ 
griff des abstrahierenden Geistes waren, 
mathematisch bestimmt durch den in vier 
Winkel zu je 90 0 geteilten Kreis; viel¬ 
mehr offenbart sich darin ein kosmisches 
Gefühl, indem diesen Bezeichnungen 
deutlich der Bezug des Menschen und 
seines Tageslaufs auf den um die Erde 
kreisenden Sonnenball, d. h. etwas Über¬ 
irdisches, innewohnt. Das Nebeneinander 
von zweierlei Bezeichnungen für die H. 
kann man vielfach in den Sprachen der 
Kulturvölker feststellen; indessen über« 
wiegt die Benennung nach dem Sonnen¬ 
lauf 1 ). 

Bei den GriechenundRömernwurde sehr 
oft au«h die Richtung durch einen Wind, 
ferner durch Sternbilder bezeichnet; die 
antike Windrose ist indes nicht auf die 
vier hauptsächlichen H. beschränkt. Auch 
die Germanen haben schon früh neben den 
vier Hauptrichtungen vier Nebenrich¬ 
tungen gekannt: im Isländischen bei¬ 
spielsweise existieren die Worte: üt- 
nordur = Außennord, d. h. NW; üt- 
sudur = Außensüd, d. h. SW; land- 
nordur = Landnord, d. h. NO; land- 
sudur = Landsüd, d. h. SO 2 ). Karl d. Gr. 
ergänzte diese Skala aus der Kenntnis 
der lateinischen Windrose — die lat. Na¬ 
men kannte er aus Isidor. Etymol. XIII 
II, 2—14— und schuf nach Einhards 
Bericht in der Vita Caroli (29) die Be¬ 
zeichnungen für 12 Winde, in denen Na¬ 
men von 12 H. enthalten sind. Die Über¬ 
setzungen heißen 


subsolanus 

ostroniwint 

eurus 

ostsundroni 

euroauster 

sundostroni 

auster 

sundroni 

austroafricus 

sundwestroni 

africus 

westsundroni 

zefyrus 

westroni 

caurus (coras) 

westnordroni 

circius 

nord westroni 

septentrio 

nordroni 

aquilo 

nordostroni 

volturnus 

ostnordroni 


Indessen werden diese von Karl ein¬ 
geführten Bezeichnungen wesentlich Ei¬ 
gentum der Sprache der Gebildeten ge¬ 
wesen sein. Das Volk wird selbst die 


Benennung der H. nach dem Sonnen¬ 
lauf noch vielerorts nicht gekannt und 
eine Bezeichnung der H. nach Ortsnamen 
und Ländern seiner engern Heimat vor¬ 
gezogen haben. Denn noch heute ist das 
üblich: am Lech nennt man den Ost¬ 
wind noch Bayerwind, gegen die Würm 
zu den österreichischen Wind 3 ). Aus 
Mückenloch bei Heidelberg wird berichtet, 
daß eine Frau daselbst sich einmal nach 
der geographischen Lage von Rumänien 
erkundigte, wobei der Gefragte die H. 
nannte. Sie verstand es indes erst, als 
man mit der Hand in die H. wies. Sie gab 
zur Antwort: ,,Jetzt weiß ich’s, schräg 
über Wimmersbach hinaus“ 4 ). 

l ) Schräder Reallexikon s. v. 2 ) ZfVk. 
19 (1909), 207. Wahrscheinlich sind es die alten 
Bezeichnungen eines von Norwegen einge¬ 
wanderten Volkes, da dieselben an der Ostseite 
Land, an der Westseite Meer voraussetzen. Die 
Gebildeten sagten allerdings schon lange 
‘norSvestur, su&vestur, norfaustur, su&austur’. 
— Vgl. Müllenhoff Altertumskunde 4, 
651!. 3 ) Leoprechting Lechrain 151. 

4 ) Alemannia 27 (1899), 246. 

2. H. und Religion. Es wird 
wohl kaum Religionen geben, die von der 
Mystik der H. frei sind. In Babylonien 
beobachtete man am Himmel auftretende 
Wolken, Sternerscheinungen, Kometen 
usw. und interpretierte neben ihrer her¬ 
kömmlichen Bedeutung jeweils die Rich¬ 
tung ihres Herkommens 5 ). In Ägypten 
waren vor allem Osten und Westen wich¬ 
tig 6 ); Osten als Punkt, von dem alle 
schaffende Kraft kommt — ganz deut¬ 
lich wird die Auffassung in dem Kultlied 
des Königs Echnaton 7 ) —, während im 
Westen als der Gegend der untergehenden 
Sonne das Reich des Todes lag 8 ); in der 
Zauberei war alles, was mit dem Westen 
zu tun hatte, böse 9 ). Ebenso ist für die 
homerischen Griechen der Westen das 
Totenreich; für den Dichter der Nekyia 
freilich der Norden oder Nordwesten; als 
Odysseus zur Unterwelt fuhr, steuerte er 
sein Schiff zu dem Punkt des Okeanos, 
den niemals die Sonne bescheint 10 ). Die 
spätere Zeit des Hellenismus baute die 
Mystik der H. wesentlich aus* und leitete 
von ihnen die Bedeutung der Zahl 4 ab; 
sowohl für die Astrologie wie die Gnosis, 


ferner für die Mysterienkulte waren die 
vier H. die Angelpunkte der Welt 11 ). In 
der Astrologie bestimmten die im Osten, 
Westen, Süden und Norden gelegenen 
Häuser des Horoskops (s. Horoskopie) 
wesentlich das Leben des Menschen; die 
zugrunde liegende Anschauung von der 
Identität des Kosmos und des Menschen 

— ihrem Ursprung nach wohl babylonisch 

— ist dann vor allem in der Gnosis ausge¬ 
baut worden 12 ). Um nur ein Beispiel zu 
geben, sei an die Lehre von Adam als kos¬ 
mischem Menschen erinnert 13 ); auch der 
Kosmos, dessen Synthese nach dieser 
Interpretation ’Avoct oXri (Osten), AOoi? 
(Westen), ”A py.*:o£ (Norden), Msar^ißpioc (Sü¬ 
den) ist, ist ein Mensch (Adam heißt hebr. 
Mensch); denn die Anfangsbuchstaben die¬ 
ser (griechischen!) Bezeichnungen der H. 
ergeben zusammen AAAM (Adam). Dabei 
überwiegt die Bedeutung des Ostens: ge¬ 
gen Osten wendete man sich im Mysterien¬ 
kult flehend und bittend, denn die gute 
den Menschen helfende und errettende 
Gottheit kommt vom Osten 14 ); gegen 
Westen machte man nur Zeichen der 
Abwehr, denn dort liegt das Reich der 
bösen Dämonen, die den Untergang des 
Menschen wollen 15 ). Bei den Römern 
waren die H. ebenfalls unterschiedlich 
gewertet: bei der Beobachtung der H. 
(z. B. bei Donner, Blitz) galt den Harus- 
pices nach der uralten etruskischen Lehre 
unter Anwendung der Südorientierung 
die linke Seite des Himmels (Osten) als 
günstig, die rechte (Westen) als ungün¬ 
stig. Der Norden spielt in dem System 
insofern eine Rolle, als er als Wohnung 
der Götter gedacht wird und demnach die 
Blitze aus Nordosten als ganz besonders 
günstig, die aus NW als ganz besonders 
ungünstig gelten 16 ). 

Ob auch die Germanen vor der Berüh¬ 
rung mit den Römern den H. sakrale 
Bedeutungen beimaßen, ist nicht auszu¬ 
machen. Als der Zeit nach einzige authen¬ 
tische Quelle glaubte der Verfasser des 

3. Bandes der Grimmschen Mythologie 
hierfür eine Annalenstelle des Tacitus 
(XIII 55) heranziehen zu müssen; indes 
ist eine Himmelsrichtung bei dem dort 
erwähnten Gebet des Germanen Boioca- 


31 


Himmelsrichtungen 


32 


lus, an Sonne und die Sterne (!) gerichtet, 
gar nicht genannt. Das Zitat besagt also 
nichts; außerdem scheint die Situation, 
durchaus von römischer Stilkunst aus 
geschaffen, römische Empfindungen wie¬ 
derzugeben. Trotzdem ist eine Himmels¬ 
richtungsmystik bei den Germanen, aller¬ 
dings eben erst in später Zeit (Edda), 
nachzuweisen: Odin wird gen Osten, 
Ulfs gen Westen gewandt angerufen 17 ). 
Der Norden aber, wo das alte Jötun- 
heimar = Riesenheim liegt, war die Ge¬ 
gend, von der das Böse kam; daher sind 
Opfer, die gegen Norden gewandt dar¬ 
gebracht werden, Zauberei x8 ). Von hier 
zogen die Riesen aus, um gegen die Götter 
zu streiten 19 ), hierher wandte sich Thor, 
als er gegen die Riesen zog. Aber es ist 
sehr wohl möglich, daß diese Himmels¬ 
richtungsmystik nicht ursprünglich ger¬ 
manisches Gut ist, sondern erst mit der 
Christianisierung Deutschlands und des 
Nordens in der germanischen Religion 
Eingang fand. 

*) „Was die verschiedenen Seiten anbelangt, 
auf denen die Omina vor sich gehen, so galt die 
rechte nicht ohne weiteres als günstig und die 
linke als ungünstig, sondern ähnlich wie in der 
römischen Lehre (s. w. u.) bezieht sich die 
rechte Seite auf die eigenen, die linke auf die 
fremden und feindlichen Verhältnisse; daher 
kann z. B. ein an und für sich günstiges Omen 
für den Befragenden schlecht ausgehen, wenn 
es auf der linken Seite liegt, da dann eben der 
Feind den Vorteil davon hat, und umgekehrt.“ 
Bruno Meißner Babylonien und Assy¬ 
rien 2 (1925), 247. e ) Wiedemann Das 
alte Ägypten 408 § 293. 7 ) G. Roeder Ur¬ 
kunden zur Religion des alten Ägypten 63. 
8 ) Erman-Ranke Ägypten und ägypti¬ 
sches Leben im Altertum 349. 9 ) Hopfner 

Offenbarungszauber 1 § 50; vgl. Procl. in Tim. 
I 24 d. 10 ) Odys. XI 12—22; vgl. Leh¬ 
mann-Haupt in Pauly-Wissowa 
s. v. Kimmerier Sp. 429—434 § 60—66. 

ll ) B o 11 Offenbarung 20. u ) Leisegang 
Die Gnosis (Kröner) 117 f.; vgl. Br. 
Meißner a. a. O. 110. 13 ) B o 11 Offenba¬ 
rung 63. u ) Vgl. 'ex Oriente lux' und Clem. 
Alex. Protrept. p. 80, 25 Stählin: Chri¬ 
stus vr\v Öuaiv et£ dvaioXyjv ixei^Ya^ev xai töv 
9 -ävaxov elg £ü)y;v dveoxaupcoaev. Weiteres Ma¬ 
terial bei Boll Offenbarung 20 Anm. 4. lß ) Vgl. 
die Gebräuche* des frühchristlichen Gottes¬ 
dienstes, wie sie D ö 1 g e r Die Sonne der Ge¬ 
rechtigkeit u. der Schwarze (Münster 1918), 3 ff. 
48 beschreibt. ie ) Pauly-Wissowa s. v. 
Haruspices Sp. 2441 §14; Plin. n. h. 2, 142 f.; 
vgl. Cic. de divin. 2, 12 ff. 17 ) Grimm My¬ 


thologie i, 28; 3, 2. l8 ) Ebd. — Nach Norden soll 
daher kein Wurf geschehen; ferner heißt in 
langobardischen Grenzurkunden der nördliche 
Strich „nulla ora". In Reinhart Fuchs betet 
der Fuchs christlich, der Wolf heidnisch S. XLI. 
19 ) Stelle: Voluspä 24. 25. 

3. Anwendungen. Eine we¬ 
sentliche Beachtung schenkte das ger¬ 
manische Rechtszeremoni e 1 1 
diesen Auffassungen der H. Richter, 
Kläger und Beklagter standen hier gleich¬ 
sam mit der Gottheit in Beziehung, wenn 
ihnen nach den H. während des Proze߬ 
ganges ihre Plätze angewiesen wurden. 
Der Richtplatz ist nach Osten geöffnet; 
dem Eingang gegenüber sitzt in Westen 
mit dem Blick nach Osten der Richter 
auf erhöhtem Sitz: der Anblick der im 
Osten sich erneut jeden Tag erhebenden 
Sonne wird zu der Anschauung geführt 

haben, daß von dort das Rechte kommt. 

• ♦ 

Überhaupt wendet der Richter sich bei 
allen feierlichen Zeremonien nach Osten. 
Rechts vom Richter steht der Kläger, 
links der Beklagte; er hat die Richtung 
nach Norden einzuhalten als der Gegend 
allen Unheils. Nach Norden sprach man 
den Reinigungseid in peinlichen Sachen; 
einem Bösewicht, der enthauptet werden 
soll, wendet man das Gesicht nach 
Norden 20 ). 

In den vier H. ist die Welt gestützt; 
ihre Beziehung zum Sonnenlauf be¬ 
stimmt ihre moralischen Qualitäten. Da¬ 
her ist es auch verständlich, wenn wir sie 
im Zauber, jener geheimen Wissenschaft, 
mit der zu allen Zeiten die Menschen den 
Kosmos zu meistern unternahmen, wie¬ 
derfinden. Sagen und Novellen bie¬ 
ten viele Beispiele, deren einige aus den 
deutschen Sprachgebieten angeführt 
seien: 

Ein Bergmännlein begegnet einem 
frommen Mann, den es reich machen 
will. Vor einem kleinen Hügel schwingt 
es seinen Zauberstab in die vier H. und 
senkt ihn dann zur Erde. Der Hügel tut 
sich auf und Gold und Silber quillt wie ein 
Springbrunnen hervor 21 ). 

Ein letzter Rest eines Opfers an die 
Weltgottheiten ist vielleicht in einem erz- 
gebirgischen Brauch wieder zu er¬ 
kennen. Um die Vögel von der Saat fern¬ 


33 


Himmelsriegel, die heiligen sieben 


34 


zuhalten, behält der Bauer daselbst wäh¬ 
rend der Aussaat drei oder fünf Körner, 
die er am Schluß kaut und für die Vögel 
auf den Weg speit; er wirft, in der Mitte 
des Ackers stehend, nach der Vollendung 
der Saat eine Hand voll Getreide nach 
den vier Himmelsgegenden mit den 
Worten: „Für die Vögel“ 22 ). 

Ferner nimmt ein Zauber zur Ent¬ 
fernung von Schnecken auf die H. Be¬ 
zug: Sind viele Schnecken auf dem Land, 
so muß man frühmorgens vor Sonnen¬ 
aufgang hingehen und eine Schnecke an 
der Ostseite wegnehmen, dann über 
Norden nach Westen hier eine andere; 
ähnlich wird jetzt eine im Norden er¬ 
griffen und von da über Osten nach 
Süden gegangen. Hängt man die vier 
aufgelesenen Schnecken in einem Beutel 
in den Schornstein, so sollen die übrigen 
Schnecken vom Land in den Schornstein 
kommen, wo sie dann sterben 23 ). 

Endlich wird derHimmelsgegenden auch 
in Weissagungen gedacht: Wie der 
Blitz wird der Donner gewertet, je nach 
den H., aus denen er kommt. Die Bei¬ 
spiele s. Art. Blitz, Donner, Gewitter. 
Hier ein anderes Praesagium: Im Erz¬ 
gebirge soll man am Silvester mit dem 
Glockenschlag zwölf vom Kirchturm aus 
nach den vier Himmelsgegenden spähen; 
die Häuser, hinter denen sich ein röt¬ 
licher Schein zeigt, sollen nämlich im 
kommenden Jahr abbrennen 24 ). 

Das Gemeinsame aller dieser Vorstel¬ 
lungen und Zauberriten ist die Bezogen- 
heit derselben auf den Kosmos als Ganzes, 
als dessen Inbegriff die vier Himmels¬ 
gegenden verstanden werden. Für die 
einzelnen Zauberriten jeweils den Ur¬ 
sprung aufzuspüren (germ., röm. oder 
christlich), dürfte ein schwieriges und 
wenig aussichtsreiches Unternehmen sein, 
da die Riten zu ganz verschiedenen Zeiten 
entstanden sind. Wenn ursprüngliche 
Mystik der H. bei den Germanen voraus¬ 
zusetzen ist, so wurde diese durch ein 
Buch wie die Offenbarung Johannis 
(vgl. Kap. 7, 1.2) nur unterstützt, wie 
die Edda zeigt (Voluspa). 

l0 ) Grimm RA. 2, 431—433. Vgl. 

I: die Beschreibung des grausigen Saals 

Bächtold -Stäubli, Aberglaube IV 


am Totenufer in der Edda (Voluspä 25): 
„Einen Saal sah ich, der Sonne fern, am Toten¬ 
strand, das Tor nach Norden; tropfendes Gift 
träuft durch das Dach; Wurmleiber sind die 
Saalwände“. 21 ) Kühn au Sagen 3, 746. 
£2 ) John Erzgebirge 220. 23 ) Grimm 

Mythol. 3, 471 Nr. 982 (aus Deutschland; 
nähere Angaben fehlen). 24 ) John Erz¬ 
gebirge 181. Erwähnt sei auch noch ein Brauch 
der Oberpfalz: um ein Gewitter zu bannen, 
soll man in die Himmelsrichtung, aus der es 
heranzieht, beten (Schönwerth Oberpfalz 
2, 117). 

Über die H. im Volksglauben der Angel¬ 
sachsen vgl. Fischer Angelsachsen 20. 
35 - 4 2 - Stegemann. 

Himmelsriegel, die heiligen sieben. So 

heißt ein Gebet, das ein frommer Ein¬ 
siedler von seinem Schutzengel erhalten 
haben soll und das gegen allerlei Schaden 
hilft. Die Einleitung erzählt die über¬ 
natürliche Herkunft und schildert die 
wunderbare Kraft des Gebetes, worauf 
dieses dann im Stil der üblichen volks¬ 
tümlich-kirchlichen Frömmigkeit folgt; 
daran schließt sich ein kurzes Reimgebet 
und die sieben Worte Jesu am Kreuz x ). 
Die Vermutung Meyers 2 ), die H. seien 
aus den sieben Bußpsalmen der Litanei 
hervorgegangen, die im n.Jh. beim 
Gottesgericht gesprochen wurden, ist 
grundlos, da das Amulett sicher erst 
neueren Ursprungs ist. Die Siebenzahl — 
die H. sollen die sieben Riegel des Him¬ 
mels öffnen; vielleicht ist dabei an die 
sieben Himmel gedacht — begegnet in der 
kirchlichen Symbolik häufig 3 ), vgl. auch 
die sieben Schloßgebete (s. d.). Die Da¬ 
tierung unter Clemens XII. (1730 bis 
1740) 4 ) — Clemens VII. (1378—1394) 5 ) 

ist sicher ein Druckfehler — könnte stim¬ 
men; aus dieser Zeit etwa sind nun auch 
die Schloßgebete schon nachweisbar. Die 
H. haben eine weite Verbreitung ge¬ 
funden und sollen 1720 bzw. 1750 6 ) in 
Köln zum Druck befördert worden sein. 
Die Kirche hat sie verboten. 

*) Wuttke 192; John Erzgebirge 38. 
48. 52. 53. 118 f. 227; John Westböhmen 
166. 279. 303 f.; ZfVk. 2 (1892), 173 f.; 6 (1896), 
2 52 ; 13 (1903), 444 i 22 (1912). 66 f.; Dre chs- 
I e r 2, 270 f.; Seyfarth Sachsen 

145 ff.; L a m m e r t 166; Meyer Baden 
389- 573 : Ders. Deutsche Volkskunde 187; 
Bohnenberger 25; Höhn Geburt 260; 
MschlesVk. 4 (1897), 68; DG. 5, 7L: 10, 72; 


2 



35 


Hi mmelssch 1 ii ssel—Hi mmel sziege 


Hindläufte—Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung 


38 



Hartmann Dachau und Bruck 221 Nr. 72; 
SAVk. 24 (1922), 61; Egerl. 4 (1900), 

34; ZföVk. 14 (1908), 31; MittsächsVk. 2 
(1902), 362 ff.; Die Dorfkirche 1 (1908), 283 f.; 
Hauck RE. 23, 39; Das sechste und sie¬ 
bente Buch Mosis (Buchversand Gutenberg), 
199. 205 f.; ein Exemplar in meinem Besitz 
(gedr. von F. C. Wentzel, Weißenburg i. Eis.). 
*) Deutsche Volkskunde a. a. O. 3 ) Hauck 
RE. 18, 315 ff. 4 ) John Erzgebirge 303; 
ZfVk. 2, 173; 22, 66. 5 ) Drechsler 2, 270. 
•) John Erzgebirge 118; ZfVk. 22, 66. 

Jacoby. 

Himmelsschlüssel. Der alte H. ist nach 
Pfälzer Überlieferung irgendwo vom Him¬ 
mel auf den Altar einer Kirche gefallen 
und wurde täglich gebetet und in hl. 
Kette weitergegeben, weil er den Himmel 
aufschließt 1 ), vgl. zu diesem Motiv den 
Himmelsbrief (s. d.). Gemeint ist das 
alte geistliche Volkslied: ,,Als Jesus in 
den Garten ging“ usw. 2 ). Der Schluß: 
„Wer das Liedlein fein singen kann und 
alle Wochen recht fleißig thut singen, des 
Seele kommt ins himmlische Paradeis“ 3 ), 
bzw.: „Wer dies Gebetlein dreimal 
spricht, erlöst drei Seelen aus dem Feg¬ 
feuer“ usw. 4 ) zeigt, wie das Lied zu der 
Bezeichnung H. gelangt ist. Seine Ver¬ 
wendung erinnert an die des Traumes 
Marias (s. d.). Mit der Schilderung von 
Balders Tod, wie Grünenwald anzuneh¬ 
men scheint, hat es nichts zu tun. 

*) L. Grünenwald Volkstum und Kir¬ 
chenjahr Mitt. d. Hist. Ver. d. Pfalz 44 (1927), 
83. 2 ) J. W. B r u i n i e r Das deutsche Fo/As- 
/i'fii (1914), 77; Hruschka und Toischer 
Deutsche Volkslieder aus Böhmen (1891), 57 
Nr. 84 a. 503 (Literatur); A. Wrede Eifeier 
Volksk. 280. 3 ) Hruschka und Toi¬ 

scher a. a. O. 4 ) K. Mersch Die Luxem¬ 
burger Kinderreime (1884), 36. Jacoby. 

Himmelsschlüssel s. Schlüssel¬ 
blume. 

Himmelswagen s. Sternbilder II. 

Himmelsziege. 

1. Onomastisches. Diese Be¬ 
zeichnung hat eine doppelte Bedeutung. 
Unter H., daneben auch Donnerziege, 
Donnerstagspferd 1 ) i versteht man zu¬ 
nächst die in der Frühlingszeit gegen 
Abend in den Lüften dahinziehende 2 ) 
Heerschnepfe (scolopax gallinago), für 
die noch die Dialektnamen Himmelsgeiß, 
Haberziege , Haberzicke, Haberbock, Ha¬ 


berlämmchen Vorkommen 3 ) (Haber ist 
ein altes Wort für „Bock“). Analogien 
aus Fremdsprachen: schwed. himmelsget , 
engl, heather bleater „Heideblöcker“, bog 
bleater „Sumpfblöcker“, slov. kozica , ital. 
(Romagna) cavrelia „Zicklein“, franz. 
chevre celeste „H.“, chevre volante „flie¬ 
gende Ziege“. Grimm 4 ) führt noch an 
lett. pehrkona kasa „Donnerziege“, p. 
ahsis „Donnerbock“. Hiezu teilt mir Prof. 
S u 0 1 a h t i (Helsingfors) freundlichst 

folgendes mit: Im Finnischen findet sich 

* • 

die genaue Übersetzung von schwed. 
himmelsget : taivaanvuohi . Der Name wird 
auch volkstümlich gebraucht. Litt, devo 
ozys, Perküno ozys sind genau entspre¬ 
chende Namen des Vogels, devo-ozys = 
Himmel-Ziege, Perküno ozys — Donner- 
Ziege, Perkünas „der Donnergott des 
heidnischen Altertums“ — Donner. In 
Karelien heißt der Vogel auch (finn.) 
Pyhän Iljan vuohi , d. h. die Ziege des 
heiligen Ilja (Ilja als Bezeichnung des 
Donners). — Die Benennung nach der 
Ziege beruht auf dem eigentümlichen an 
das Ziegenmeckern erinnernde Flug¬ 
geräusch des Vogels. Von den obigen 
Namen weichen ab engl, horse gowk 
(Orkney- u. Shetlandinseln), schwed. 
horsgjök , isl. hross-agaukr „Pferde¬ 
kuckuck“. Dän. myrehest bedeutet. 
„Sumpfpferd“ 5 ). In diesen Namen wird 
das Fluggeräusch des Vogels mit dem 
Wiehern eines Pferdes verglichen. Von 
oldenburgischen Namen seien angeführt 
Bäwerbuck und Hawerblatt 6 ), die bei 
S u o I a h t i 7 ) erklärt werden. 

l ) Natur und Schule 6, 65. 2 ) Schell Berg. 
Sagen 161 Nr. 54. 3 ) MnBöhmExc. 33, 58. 

4 ) Grimm Myth. 1, 153. 5 ) A. a. O. 

*) Strackerjan 2, 167 Nr. 398. 7 ) Vogel¬ 
namen 275 f. 

2. Mythisches. Die H. ist auch 
ein mythisches Wesen. Lehrreich für die 
Mythisierung dieses Vogels ist ein Be¬ 
richt aus dem Kreise Münsterberg in 
Schlesien 8 ). Eine alte Frau erzählt näm¬ 
lich, sie habe einmal als Kind mit ande¬ 
ren Kindern in der Dunkelheit Ziegen 
meckern hören, die seien durch die Luft 
gekommen, immer eine hinter der anderen 
und hätten gemeckert. Die anderen 


Kinder hätten gesagt, das wären „H.n“. 
So hält man auch in Westfalen den Vogel 
für ein Gespenst 9 ). Eng berührt sich die 
H. mit der alpenländischen Habergeiß 
(s d.). Nach L a i s t n e r 10 ) ist Haber - 
geiß auch ein Name der Heerschnepfe. 
G r i m m n ) und M a n n h a r d t 12 ) 
nehmen Beziehungen des Vogels zu Donar 
an. Sein Flug verkündet nahendes Ge¬ 
witter, daher auch die Namen Wetter¬ 
vogel, Gewittervogel, Regenvogel 13 ). Er 
ruft in der Abenddämmerung zur Ernte¬ 
zeit mit wieherndem Ton (vgl. die vom 
Pferde genommenen Namen) 14 ). 

Als rein mythisches Wesen erscheint 
die H. (seltener „Himmelskuh“) um 
Leobschütz (Schlesien). Eine scherzhafte 
Verkörperung dieser mythischen Ge¬ 
stalt, die an die Habergeiß der Alpen¬ 
länder erinnert, schildert Drechs¬ 
ler 15 ): Eine Magd hat auf ihrem Rücken 
mittels der Schürzenbänder zwei Stöcke, 
gewöhnlich lange Stubenbesen, befestigt, 
die, wenn die Trägerin sich bückt, vorn 
und hinten überragen. Darüber ist ein 
Bettuch gebreitet. Das Gespenst mahnt 
die faulen Spinnerinnen an ihre Pflicht 
und erscheint somit wesensgleich mit 
der „Zompeldroll“, „Spilladrulle“ oder 
„Mückendrulle“ (auch „Spillahöle, „Po- 
pelhöle“) 16 ), in denen landschaftlich ver¬ 
schiedene Erscheinungsformen der „Frau 
Holle“ zu sehen sind. 

Bemerkt sei noch, daß im Hennebergi- 
schen eine durch ihre bizarre Gestalt auf¬ 
fallende Spinnenart, der Weberknecht 
(s. d.), als „H.“ bezeichnet wird 17 ). 

8 ) Kühnau Sagen 3, 454 f. 9 ) Woeste 
Wb. 102. 10 ) Sphinx 2, 219. 250. n ) Grimm 
Myth. 1, 153. 12 ) M a n n h a r d t Germ. 

Mythen 48. 13 ) Grimm a. a. O. l4 ) Witz- 
s c h e 1 Thüringen 2, 220. 15 ) Schlesien 1, 172. 
1# ) A. a. O. 17 ) Grimm Myth. 3, 69. 

Riegler. 

Hindläufte s. Wegwarte. 

Hingerichteter (— H ), Armsünder 
(= A.), Hinrichtung (= Hg.). 

i. Der ursprünglich sakrale Sinn der Hg. und 
die sich daraus ergebenden Vorstellungen und 
Folgen. — 2. Zauberkraft der A.reliquien. — 
3. Spukleben der H. — 4. Hg.sspiele. 

1. Die Hg. eines Menschen oder Tieres 
— vgl. Tierprozeß — ist für das vor¬ 


christliche germanische Rechtsempfinden 
nicht rachsüchtige Vergeltung oder gar 
berechnete Abschreckung gewesen. Ein 
starrer Grundsatz mechanisch abgezirkel¬ 
ten Wiedergutmachens erscheint zwar für 
die verschiedensten nicht todeswürdigen 
Vergehen in den agerm. Volksrechten aus¬ 
geprägt x ), er darf aber nicht für die alte 
Todesstrafe in Anspruch genommen wer¬ 
den, vgl. Strafe. Wie die rituellen Formen 
der einzelnen Hg.sarten, besonders des 
Hängetodes (s. hängen § i) und die Stel¬ 
lung des mit dem Tabu des Priesters be¬ 
legten, daraus später „unehrlich“ gewor¬ 
denen Scharfrichters (s. d.) vermuten 
lassen und der Glauben an geheiligte 
Zauberkräfte der Gerichteten, Gehenk¬ 
ten, Enthaupteten bestärkt, ist die Hg. 
eines durch ein „Neidingswerk“ ins Un¬ 
recht Verfallenen einst nicht als strafende 
Vernichtung, sondern höchstens als Aus¬ 
merzung eines Entarteten, vor allem aber 
als ein reinigendes Opfer an die gekränkte 
Gottheit und so als eine haßlose Besse¬ 
rung, Buße der verletzten Rechtsordnung, 
ein Sühnopfer aufgefaßt worden 2 ). 
Rache und Vergeltung schließt schon die 
agerm. Einschätzung des Verbrechers als 
eines Entarteten, seiner Tat als eines 
Neidingswerkes aus 3 ), vgl. Dieb § 1, Ver¬ 
brecher, Strafe. Für die Deutung der Hg. 
als eines Sühnopfers spricht aber außer 
der schon genannten Eigenart des Hen¬ 
keramtes und dem Hg.szeremoniell 4 ), zu 
dem auch das vorausgehende Henkers¬ 
mahl (s. d.), die bestimmten Vorschriften 
_ _ * • 

über Ort und Zeit der Hg. und die Öffent¬ 
lichkeit der „Opferhandlung“ (Versamm¬ 
lung der Opfergemeinde) zu rechnen sind, 
auch die Auffassung, daß die Gottheit, 
wenn ihr das Opfer nicht genehm sei, es 
durch Mißlingen der Hg. zurückweise, 
so durch Reißen des Stricks, welches für 
das Volksempfinden seit alters einen un¬ 
bedingten Begnadigungsgrund darstellt, 
denn „man hängt keinen zweimal“ 5 ). So 
steht die Hg. des Verbrechers anfänglich 
auf der gleichen Linie mit anderen Men¬ 
schenopfern, Hg.en von Kriegs¬ 
gefangenen, Jungfrauen, Königen, wie 
sie uns alte Berichte und Sagen für die 
ganze idg. Welt und noch neuere Paral- 


39 


Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung 


40 


leien für außereuropäische primitive 
Völker belegen, vgl. Menschenopfer. Die¬ 
ser sakrale Sinn eines Opfers er¬ 
klärt uns erst restlos viele dunkle Eigen¬ 
tümlichkeiten des A.aberglaubens, vgl. 
enthaupten § I, Galgen §§ 2. 4, hängen 
§§ I. 5. Da auch die Selbstrichtung einst 
vielfach den Charakter eines Opfertodes 
getragen hat 6 ), begegnen zahlreiche Vor¬ 
stellungen für den Selbstmörder und den 
gerichteten Verbrecher gemeinsam, wohl 
bewahrt durch ein für beide gleich¬ 
wertiges christliches Verdammungsurteil, 
vgl. hängen, Selbstmörder. Die Anschau¬ 
ung, daß jede Hg. ein Sühnopfer sei, ist 
auch dem christlichen Volksempfinden 
nicht entschwunden. Deshalb sehen wir 
alle Folgeerscheinungen dieses Glaubens, 
die zum großen Teil nur aus vorchrist¬ 
lichen Voraussetzungen erklärbar sind, 
so zäh sich behaupten. 

Der religiöse Charakter eines unter kul¬ 
tischer Heiligung vollzogenen gewalt¬ 
samen Todes muß natürlich die Leiche 
des entsühnten und der Gottheit 
geweihten Verbrechers gleich an¬ 
deren Opfergaben (s. d.) zu 
einem Fetisch erhöhen, der imstande 
ist, zauberhafte Kräfte zu entsenden, 
Glück anzuziehen und Unheil abzu¬ 
wehren 7 ). Der Besitz von A.r e 1 i - 
quien beglückt, ihr Genuß 
(A.blut) ist heilbringend wie die 
Teilnahme an einem Opfermahle, s. § 2. 
So nimmt die Leiche eines H., oder viel¬ 
mehr einzelne bevorzugte Teile wie 
Finger, Fett, Blut, einen ersten 
Platz ein in dem Glauben an fort¬ 
lebende Kräfte im toten 
Menschen. Diese Vorstellung von 
einem zweiten Leben nach dem ersten 
Tode und von glückbringenden Eigen¬ 
schaften der Mumie wird schließlich von 
jedem Toten gehegt, aber — ganz abge¬ 
sehen von der kultischen Heiligung des H. 
— besonders von einem zu früh, in der 
Blüte seiner Lebenskraft 
aus dem sichtbaren Leben gelösch¬ 
ten, ,,außergewöhnlichen“ 
Toten 8 ), vgl. Mord, Toter, Orendismus, 
Verbrecher, Reliquien. Es zeigt sich hier 
eine durchaus amoralische Überzeugung, 


ohne einen näheren Zusammenhang mit 
dem christlichen Wunderglauben an Hei¬ 
ligenreliquien; denn je kraftvoller, außer¬ 
gewöhnlicher, d. h. meist scheußlicher 
die Leistung eines Verbrechers gewesen 
ist, desto versprechender und begehrter 
sind seine Reliquien. Die frühere Öffent¬ 
lichkeit der Hg.en brachte auch das 
Außergewöhnliche dieser 
Todesart dem Volke immer wieder 
zum Bewußtsein 9 ), infolgedessen sich 
auch seine Erzähllust einst sehr stark mit 
Hg.sgeschichten ergötzte, zumal mit Be¬ 
richten über geschickte und ungeschickte 
Hg.en 10 ), vgl. auch die Geschichte einer 
geheimnisvoll nächtlichen Hg. n ). 

Daß die Stärke der A.reli- 
quien jedoch nicht nur auf den zuletzt 
erwähnten Glauben an die noch nicht 
erloschene Lebenskraft des vorzeitig Ge¬ 
töteten zurückzuführen, sondern w e - 
sentlich durch den sakralen 
Akt der Hg. bestimmt ist, geht 
ferner auch daraus hervor, daß alles Gerät, 
das zum Vollzug einer Hg. gedient hat, 
gleichfalls Träger ähnlicher geheimnis¬ 
voller Kräfte wird und deshalb für die 
verschiedensten Zauberhandlungen noch 
heute lebhaft begehrt ist, also das 
Opfergerät der Opfergabe 
an Wirkung gleichkom mt 12 ). 
Denn was man nur immer zu einer Hg. ge¬ 
braucht hat, vermag zu wirken. Wenn 
man z. B. Hufeisen schmiedet ,,auss 
einem Eysen.. damit einer umbbracht 
worden“, so erhält man wendige, be¬ 
hende Pferde 13 ). A.strick, Diebsstrang, 
Galgenstrick, A.kette, Diebskette, Gal¬ 
genkette, Galgennagel, Galgenholz, Gal¬ 
genspan s. Galgen § 4 (Galgenamulette). 
A.nagel s. a. rädern; vgl. Richtschwert. 

Und ebenso fließt das große Kön¬ 
nen des Henkers oder Scharf¬ 
richters (s. d.) vorzüglich aus dem sakra¬ 
len Akt der Hg. 14 ), in dem wie gesagt 
auch die frühere zur ,,Unehrlichkeit“ ge¬ 
wordene Sonderstellung des für die 
rechtsprechende Gemeinde waltenden 
Nachrichters wurzelt, vgl. hängen § I, 
unehrlich. Wir haben schließlich noch 
einen Rest dieser uralten Verbindung der 
Hg. mit dem Walten der Gottheit in dem 





Überall bewahrten Glauben, unheimliche 
Mächte umtobten als Wind, als Sturm 
oder Ungewitter den Tod des Verbre¬ 
chers 15 ) bzw. des Selbstmörders. Man 
erzählt dies mit Vorliebe vom Galgentod 
oder wenn einer sich selbst erhängt, vgl. 
hängen § 4 a (Gehenktenwind). In sol- 
* chem Sturmeswüten erkennen wir das 
brausende Seelenheer des Gehenkten¬ 
gottes Wuotan-Odinn, dem einst die 
Gehenkten als Opfer dargebracht worden 
sind; im Sturme nimmt der 
Gott die Seele des Opfers 
in seine Schar auf. Christliche Umdeu¬ 
tung sehen wir später an Stelle des alten 
Seelenheeres den Teufel, die wilde Jagd 
und ähnliches setzen 16 ) oder von der 
Entrüstung der beleidigten Natur spre¬ 
chen, vornehmlich beim Selbstmord — 
dies letzte wohl eine ganz späte, mehr 
gelehrte christliche Erklärung. 

Zu dem Reliquienglauben kommt als 
eine verwandte Vorstellung vom zwei¬ 
ten Leben, wenn man nicht nur den 
Leichenteilen eines mit seltenen Kräften 
erfüllten H. geheimnisvolle Stärke zu¬ 
schreibt, sondern auch davon überzeugt 
ist, daß der H. gleich anderen gewaltsam 
und verfrüht Verstorbenen unter den 
Toten vorzüglich weiterdauere, als 
,,Geist“ umgehen, spuken müsse — 
s. § 3 — und dies eben nicht als Strafe 
(vgl. das Umgehen unschuldig zu früh 
ums Leben Gekommener), sondern ein¬ 
fach aus übergroßer Lebens¬ 
kraft. Erst spätere christliche Um¬ 
deutung moralisiert auch diese uralte 
Vorstellung in ein Büßen des verdammten 
Verbrechers, ohne freilich den eigentlichen 
Grund des Glaubens in Vergessenheit 
bringen zu können 17 ), vgl. Wieder- 

ganger. 

♦ • 

Uber Vorbestimmung 18 ) und 
Vorzeichen einer Hg. s. hängen § 3, 
Richtschwert. 

Wir dürfen als Ergebnis unserer Er¬ 
klärung der Zauberkraft und des Fort¬ 
lebens, die den H. in erhöhtem Maße vor 
den anderen Toten zukommen, zwei 
Gründe festhalten, einen stets sich 
erneuernden Grund: den Glauben an die 
noch unverbrauchte Lebens¬ 


kraft in dem zu früh Gestor¬ 
benen; und einen allmählich in Ver¬ 
gessenheit geratenden, jedoch durch den 
mehr moralisierenden christlichen Sühne¬ 
gedanken noch erhaltenen Grund: die 
Vorstellung von einer heiligenden 
Opferung des A.s. Auch wo die 
Grundanschauung verblaßt, will sich der 
Glaube selbst nur langsam verdrängen 
lassen, zum Teil gerade wegen mancher 
christlichen Umdeutung. In unserer Zeit 
schwindet freilich der A.aberglauben mit 
den H. rascher als zuvor zugunsten ande¬ 
rer Totenfetische. 

x ) Amira Grundriß 234 ff. 243 ff. 2 ) Ders. 
Grundriß 240 f.; Ders. Todesstrafen 198 ff. 
223 ff. 229 ff.; Grimm RA. 2, 526 ff.; 
Angstmann Henker 75 ff.; Wolf Bei¬ 
träge 2, 367; Meyer Germ. Myth . 199 f.; 
W. § 191; Brunner Deutsche Rechts¬ 

geschichte 2 1, 175; 2, 468. 476. 685; Schrö¬ 
der Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte • 
95; H ö f 1 e r Organotherapie 9 ff. 20. 
3 ) Amira Grundriß 233 f.; Ders. Todes¬ 
strafen 65 ff. 4 ) Z. B. DG. 7, 119; zum „Stoßen 
an den blauen Stein" in niederrheinischen 
Städten vgl. Heckscher 185 f. 435; blau 
§18; Hg. am Dienstag : Kolbe Hessen 112; 
vor Sonnenuntergang: Grimm RA. 2, 531. 
5 ) K. Bey erle Von der Gnade im deutschen 
Recht (1910), 5. 16; Beyerle faßt auch das einst 
dem Opferakt vorausgeschickte Gottesurteil als 
eine Anfrage an die Gottheit auf, ob das Opfer 
erwünscht sei; s. a. Bö ekel Volkslieder 
8 ff.: JbhistVk. 1, 120. •) Tacitus Germania 
c. 6; weitere Beleges. SAVk. 26, 146. 7 ) Amira 
Todesstrafen 223. 8 ) Joh. Diez Ende des 17. Jhs.: 
„Das ist die gerecht und krefftigest Mumie: der 
Leib des Menschen, der nicht eines natürlichen 
Todes stirbt, sondern eines unnatürlichen 
Todes stirbt, mit gesundenem Leib und ohne 
Kranckheiten, und ehe ihm darzu wehe ist", 
MschlesVk. 21 (1919), 110; vgl. F. Pfister 
Der Glaube an das „außerordentlich Wirkungs¬ 
volle 4 ' (Orendismus) in BIBayVk. 11, 24 ff.; 
Pfister Schwaben 42; L i p p e r t Chri¬ 
stentum 461; Höfler Organotherapie 3; 
Naumann Gemeinschaftskultur 18 ff. 81 ff.; 
Ders. Grundzüge 74 ff. 86 ff. 152 ff.; NdZfVk. 
5, 92 ff. 97; Fehrle Volksfeste 3 51; SAVk. 
26, 151. •) Vgl. H. Fehr Das Recht im Bilde 
(1923), 77—101, Abb. 85—130: Ders. in 
„Volk und Rasse" Nov. 1926; W. R enger 
Hinrichtungen als Volksfeste in Süddeutsche 
Monatshefte 10 (1913), 2, 8 ff.; über die früher 
viel häufigere Tätigkeit der Scharfrichter s. die 
Tagebücher der Scharfrichter von Reutlingen 
(1563/68): WürttVjh. 1, 85, von Ansbach 
(1575/1603) : JbhistVerMittelfranken 2, 1 ff., 
von Nürnberg (1573/1607): Schmidt Nach¬ 
richter. 10 ) Angstmann Henker 104 ff.; 


43 


Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung 


Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung 


46 



Schmidt Nachrichter XII f.; wenn eine Hg. 
übel abläuft, hat der Scharfrichter drei Köpfe 
gesehen, er hätte aber nach dem mittleren 
zielen sollen: Angstmann nof.; Huß 
Aberglaube 21; Panzer Beitrag 2, 296; 
Bartsch Mecklenburg 1, 461. n ) J. P. 
Hebel Schatzkästlein des rhein. Hausfreundes 
„Heimliche Enthauptung“ (Scharfrichter von 
Landau); Kruspe Erfurt 1, 64 f. l2 ) Amira 
Todesstrafen 224. 13 ) Staricius (1623), 125. 
l4 ) Angstmann Henker 90 ff.; über die 
Ausübung des Henkeramtes vgl. Grimm 
RA. 2, 526 ff. lä ) Pfister Schwaben 56; 
Rochholz Naturmythen 281. 16 ) So er¬ 

füllt bei der Hg. eines „Teufelsjüngers“ Sturm¬ 
geheul die Luft, bis jener verbrannt ist: M e i c h e 
Sagen 517; vgl. Baumgarten Aus der 
Heimat 1869, 125; die wilde Jagd wird zum 
,,A.j a g e n“, zum Umzug verstorbener Holz- 
und Waldfrevler: Schönwerth Oberpfalz 
2, 150; Bavaria 2, 236. 17 ) Vgl. NdZfVk. 5, 
232 ff.; 7, 8; SAVk. 26, 151 (weitere Literatur). 
18 ) W. § 86: am Gründonnerstag ge¬ 
borene Kinder sterben auf dem Blutgerüst 
(Oberpfalz); W. § 460: wenn man ein Messer 
mit der Schneide nach oben auf den Tisch legt, 
wird das in dieser Stunde geborene Kind durch 
das Schwert gerichtet werden (Preußen, Schle¬ 
sien); s. u. Anm. 144; Belege für das Klin¬ 
gen des Richtschwertes als Vor¬ 
zeichen einer Hg. s. Angst mann Henker 
in ff. 


2. Zauberkraft der Lei¬ 
ch e n t e i 1 e eines H. Da die Hg. 
früher meist durch Hängen erfolgt ist, 
findet sich dieser Aberglaube vielfach 
speziell von Gehenkten ausgesagt. Man 
vergleiche daher mit dem Folgenden die 
unter hängen §5 aufgeführten Be¬ 
lege. 

Zunächst werden die Knochen der 
H. als Heilmittel gebraucht, zur 
Vertreibung der Krankheitsgeister, und 
daher seit alters eifrig gesammelt und 
verhandelt 19 ) — s. u. — wobei natürlich 
gilt: je frischer, desto besser 20 ). So wird 
im 17. Jh. gegen Ruhr geraten: nimb 
eine kleine Rippen von einem gehangenen 
Dieb, pulverisier die, und gib ein Quint¬ 
lein in Wein oder Essig ein, es hilft gleich 
in derselben Stund 21 ). Dem entsprechen 
ein von Plinius angegebenes Mittel gegen 
die Bisse eines tollen Hundes, Pillen, die 
aus der Hirnschale (calvaria) eines 
Gehängten verfertigt werden 22 ), und ein 
in Dänemark überliefertes Mittel gegen 
Fallsucht: die Hirnschale einer Manns¬ 
person, die nicht an einer Krankheit ge¬ 


storben ist, am liebsten die eines gehenk¬ 
ten Diebes, brenne man in einem heißen 
Backofen, bis sie ganz weiß ist, stoße sie 
dann zu Pulver und nehme davon ein 
Quentchen und drei kleingestoßene Päo¬ 
nienkerne, um dies dem Kranken morgens 
nüchtern in Lavendelwasser zu geben 23 ). 
In der Oberpfalz hilft man sich einfacher 
durch Trinken aus einem A. s c h ä d e 1 24 ) 
vgl. Schädel. Wunderpulver aus Knochen 
h. Verbrecher verhandelte man früher bei 
Gera 25 ), in Schwaben bot 1618 die Lau- 
inger Apotheke granium hominis suspensi 
praeparatum an 26 ) und noch vor wenigen 
Jahrzehnten verordnete ein Quacksalber 
im badischen Hinterland ,,etwas von 
eines A.s Hirnschale“ 27 ). Man verwendet 
einen A.schädel aber auch beim Lotto¬ 
orakel 2S ). Um Freikugeln zu erhalten, 
gießt man Kugeln durch die rechte Augen¬ 
höhle eines A.schädels 29 ). Moos, das auf 
einem A.schädel gewachsen ist, dient als 
ein altberühmtes Mittel zum Festma¬ 
chen 30 ), vgl. Galgen § 4 b, hängen § 5 a 
Anm. 136, Schadenzauber s. u. 

Ein ,,wertes Hilfsmittel“ gegen Dra¬ 
chen und Hexen ist ein A.finger 31 ). 
Ein solches Knöchelchen, unter die Haus¬ 
schwelle vergraben, wehrt daher alles 
Übel ab und schafft so beständigen Haus¬ 
segen 32 ). Die Berührung mit einer A.hand 
vertreibt Kropf und Warzen 33 ). Wenn 
man einen A.knochen in der Tasche trägt, 
bekommt man kein Ungeziefer 34 ). Auch 
im Krieg sucht man sich mit Körperteilen 
Gerichteter zu schützen 35 ). Neben solchen 
abwehrenden Diensten üben die A. - 
reliquien, besonders von gehängten Die¬ 
ben, auch eine glückliche An¬ 
ziehungskraft aus, vgl. Diebs¬ 
daumen (Dieb § 7). Die große Zehe 
eines H. in der Tasche, hat man Glück im 
Kartenspiel 36 ). Ebenso wirkt das Knö¬ 
chelchen eines H. im Geldbeutel 37 ). Glück 
und Kunden bringen A.finger oder Diebs¬ 
daumen auch den Wirten, die sie ins Faß 
hängen 38 ), den Kaufleuten, die sie zur 
Ware legen, und den Fuhrleuten für ihre 
Pferde 39 ), ebenso wie A.blut (s. u.). Sogar 
in der Küche fehlt die A.hand nicht 40 ). 
Wenn das Vieh nicht fressen will, reibt 
ein schelmischer Scharfrichter die Krippe 


mit einem A.daumen rein 4l ). Man kratzt 
das Vieh statt eines Striegels mit einem 
A.finger, damit es fett werden soll 42 ), oder 
man rührt das Futter mit einer A.hand 
um 43 ). Entsprechend verrät der Scharf¬ 
richter Huß: A.-Hand mit drey Körnlein 
Haber im Stall unter die Krippe gegraben, 
da werden die Pferde in gutten Stand, 
bey Leib und muthig seyn; dabey bethen 
sie für die armen Seelen 44 ). Dies erinnert 
an den Oberpfälzer Rat, den ersten Finger 
eines H. abzuschneiden und schon beim 
Abschneiden in Gedanken zu einem be¬ 
liebigen Zweck zu bestimmen, dabei sich 
aber zu verpflichten, alle Tage für die 
Ruhe des Toten zu beten 45 ). In Anbe¬ 
tracht all dieser wunderbaren Verwen¬ 
dungsmöglichkeiten hat man ein der¬ 
artiges Amulett zu allen Zeiten um hohen 
Preis erstrebt. Deshalb begegnet der 
Finger eines Erhängten im Verzeichnis 
eines Scharlatans im Jahr 1602 46 ), oder 
wir erfahren vom Diebstahl von A.glie¬ 
dern 1582, 1593, 1616 in Schlesien 47 ). Es 
sei aber auch auf einen neueren Fall hin¬ 
gewiesen, wo Gerichteter und Heiliger in 
einer Person verschmelzen: nach der Hg. 
Andreas Hofers 1810 verbanden sich eini¬ 
ge Soldaten, darunter ein nachmaliger 
Direktor der Strafhäuser in Wien, um 
sich eines Gliedes seines Leibes zu be¬ 
mächtigen, sie wurden jedoch ertappt und 
bestraft 48 ). Noch später sind solche Lei¬ 
chenschändungen wirklich verübt wor¬ 
den, so wurde 1823 in Schneeberg eine 
A.leiche aller Finger, Zehen und Kleider 
beraubt 49 ), 1837 in Rochlitz der Kopf 
eines enthaupteten Mörders in der auf die 
»g folgenden Nacht gestohlen 50 ). Als in 
Breslau der alte Rabenstein abgebrochen 
Wurde, trieben die Arbeiter einen sehr 
einträglichen Handel mit den bei der Auf¬ 
grabung Vorgefundenen Knochen 51 ). Es 
ilt übrigens schon der Anblick der Leiche 
eines frisch gehenkten A.s gegen das Er¬ 
blinden der Pferde gut, man fuhr deshalb 
mit ihnen zu den Hg.en, damit sie hin- 
•ehen sollten 52 ). 

Auch schlimmer Schadenzauber 
ilt schon mit A.gebein versucht worden, 
wie wir aus den Akten eines hessischen 
Hexenprozesses von 1596 erfahren: wenn 


man einen knochen von einem Schelmen 
neme, dasselbig im feuer schwartz ahn¬ 
brenne und vergrüebe es (mit einem be¬ 
stimmten Spruch) under die erden, wel¬ 
cher mensch alsdenn zum ersten darüber 
trette, der muste verlamen 53 ). Eine 
andere Hexe bekennt 1575: jr bul habe 
sie gelert, sie solte haar nemen von todten 
schelmen, dergleichen auch todten bein 
oder schelmen bein, dieselbig verklopfen, 
eine salben darauss machen und den 
leuten damit vergeben; wann sie ge¬ 
hässige leut hett, solt sie jnen nechst- 
berurte salben in jre heuser begraben, 
davon sie dann auch schaden bekommen 
wurden; sie solt mit solchem die hend be¬ 
streichen, einem darnach an einen arm 
greiffen, alss solt er beschediget sein 54 ). 
Ähnlich soll 1617 in Schlesien die Erde, 
auf die ein gehängter A. Wasser gelassen 
hatte, im Stall vergraben worden sein; 
die verzauberte Erde wurde ,,blau wie ein 
Tuch“ und stank sehr, daß alles Vieh starb 
—- wo sie trocken eingestreut wurde, ver¬ 
dorrte das Vieh, wo sie aber benetzt 
wurde, wurde jenes immer fetter, bis es 
tot hinfiel 55 ). Über eine Verwendung des 
A.kopfs im Strafzauber gegen Diebe 
s. Dieb § 5 e 2, 225. Auch im Hexen¬ 
zwingzauber benötigt man etwas von der 
Hirnschale eines A.s 56 ). Der greulichste 
Schadenzauber wird aber mit der zum 
Diebslicht mißbrauchten A.hand oder 
Galgenhand verübt, s. Dieb § 6 a. 

Auch die Haut von H. schnitt man 
früher in Riemen, trug sie als Amulett 
(1769) oder legte sie Kreißenden zur Er¬ 
leichterung um 57 ). Solche Riemen aus 
Menschenleder verkauften die Apotheken 
zu Dresden 1652 und zu Leipzig 1669 
für drei Taler das Stück 58 ). Es über¬ 
rascht daher nicht, wenn wir zufällig er¬ 
fahren, daß einmal der Leobner Freimann 
Ende des 17. Jhs. um die Haut eines H. 
bat 59 ). Man verfertigte daraus auchWolfs- 
gürtel, s. d., hängen § 5 a Anm. 151. 

Zu allem gut ist A.f e t t , das sogar 
überall einst in den Apotheken zu haben 
war — noch 1761 erscheint Menschenfett 
in der offiziellen Dresdener Medizinal¬ 
taxe m ), — und zuweilen noch heute ver¬ 
langt werden soll (Franken) 61 ), da eben 


4 7 


Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung 


48 


A.schmalz jede Krankheit heilt (Wutach¬ 
tal) 62 ). Es ist früher wirklich verwendet 
worden, wie zwei Beispiele beweisen 
mögen, ein Zeugnis aus dem Jahre 1568, 
daß einer sich vom Nachrichter Men¬ 
schenschmer verschafft habe, um seine 
Bienenbruten damit zu schmieren und so 
viele Bienen anzulocken 63 ), und die 1613 
dem Egerer Freimann von seinem Stadt¬ 
rat erteilte Erlaubnis, das Fett von Ge¬ 
hängten abzichen zu dürfen, „weil davon 
vielenMenschen Hülff geschehen kann“ 64 ). 
So gebraucht man A.fett gegen Bruch¬ 
schaden 65 ) und gegen Fallsucht 66 ). Auch 
wenn man einen Diebssegen sprechen 
will, muß man die Schuhe mit A.schmalz 
geschmiert haben 67 ), ebenso wichtig ist 
dieses im Strafzauber gegen Diebe, s. Dieb 

§ 5 d 2, 221. 

Am höchsten wird aber das Blut 
eines H. geschätzt, gerade wie einst das 
Blut des Opfertieres 68 ). Da das Blut 
(s. d.) in der Regel als Träger der 
Lebenskraft angesehen wird, über¬ 
rascht es nicht, wenn es zunächst als 
Heilmittel eine hervorragende 
Rolle spielt. Man empfiehlt natürlich 
nicht nur das Blut von H., sondern ebenso 
das anderer gewaltsam Verstorbener, 
doch frisches A.b 1 u t gilt vor allem 
als wirksam, vorzüglich als Helfer 
gegen Fallsucht 69 ). Hier ver¬ 
einigen sich besonders deutlich der Glaube 
an die heilende fremde Lebenskraft und 
die Vorstellung von der beglückenden 
Teilnahme am Opferkult durch Trinken 
des Opferblutes, wobei für uns diese An¬ 
schauung später gegenüber jener zurück¬ 
getreten ist, nachdem sie die Bevor¬ 
zugung des A.blutes für immer begründet 
hat. 

Gegen die Fallsucht tranken schon die 
Römer vom Blut gefallener Gladia¬ 
toren ro ), sie fingen aber auch auf den 
Richtplätzen das Blut enthaupteter Ver¬ 
brecher in Schalen auf, um es zu trinken 71 ). 
Die Zimmernsche Chronik weiß vom Be¬ 
ginn des 16. Jhs. zu berichten, daß ein 
Landfahrer eines Enthaupteten Leib er¬ 
faßt, ,,wie der noch nit gefallen, und 
supft das Blut von ihfti, und wie man 
sagt, ist er der hinfallenden Siechtagen 


davon genesen“ 72 ). Dieser Glaube ist 
bis heute in großen Teilen Deutschlands 
erhalten 69 ). Erst im 18. Jh. hat ihn die 
Wissenschaft fallen lassen, Zedier ver¬ 
merkt immerhin noch: einige rathen das 
Blut von einem Decollirten zu trincken 73 ). 
Wir haben zahlreiche Fälle belegt, wo der 
Henker Fallsüchtigen sogleich nach 
der Enthauptung Gläser rau¬ 
chenden Blutes zum Trin¬ 
ken gereicht, oft teuer verkauft 
hat; gewöhnlich wird berichtet, daß man 
nach diesem Trunk mit dem Kranken in 
wilder Flucht davonläuft oder ihn gar 
mit Peitschenhieben wegtreibt, von zwei 
Reitern fortreißen läßt, bis er ohnmächtig 
zu Boden sinkt, eine richtige Gewalt¬ 
kur zur Auffrischung der kranken Le¬ 
bensgeister 74 ). Derartige Heilverfahren 
sind uns auch aus neuerer Zeit glaubhaft 
überliefert: noch mit offizieller Geneh¬ 
migung 1755 in Dresden 75 ), ferner 1812 
bei einer Hg. zu Neustadt im hessischen 
Odenwald 76 ), 1823 in Schneeberg bei 
Zwickau 75 ), im gleichen Jahr auch in 
Dänemark 77 ), 1829 in Reutlingen 78 ), 
1844 im Oldenburgischen und 1859 in 
Göttingen 75 ), ja noch später in Hanau 
(1861), Marburg (1865), Kassel 79 ) und 
Dresden 80 ). Noch 1862 erhielt daher ein 
an Fallsucht leidendes Weib in einem 
Armenhaus in Appenzell vom Vorstand 
die Erlaubnis, zu einer Hg. zu reisen und 
dieses Heilmittel zu versuchen, wobei ihr 
geraten wird, drei Schluck unter Anru¬ 
fung der drei höchsten Namen warm 
hinunterzutrinken 81 ). Solch offizielle Er¬ 
laubnis verwundert nicht, wenn wir neben 
den obigen Nachrichten auch in einem 
1842 erschienenen sympathetischen Bu¬ 
che diese Kur noch als etwas Selbst¬ 
verständliches angeführt finden 82 ). Daß 
der Glaube auch heute nicht ausgestorben 
ist, beweisen neuere Vorkommnisse in 
Freiberg und Braunschweig 83 ). Die Vor¬ 
schrift, das Blut zu trinken, ist oft ver¬ 
gessen, und es heißt dann, das Blut 
heile die Krankheit auch, wenn man es 
in einem Schnupftuch auf¬ 
gefangen bei sich trägt 84 ). Um 1850 
benetzten daher die Leute in Wolfen¬ 
büttel Tücher mit dem Blut eines H., um 


49 


Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung 


50 


diese Fallsüchtigen zu geben 85 ), ebenso 
1859 bei einer Hg. in Göttingen 75 ); 1864 
tauchten in Berlin die Scharfrichter¬ 
gehilfen eine Menge weißer Schnupf¬ 
tücher in das Blut zweier Mörder und 
verkauften jedes für 2 Taler 86 ). In den 
unteren Schichten der Mainzer Bevölke¬ 
rung glaubte man zur Zeit des Bischofs 
Ketteier fest daran, daß dieser ein Mittel 
gegen Fallsucht besitze, das aus dem 
Blut eines H. hergestellt sei 87 ). Dieser 
Glaube an das A.blut ist natürlich auch 
außerhalb Deutschlands weit verbrei¬ 
tet 88 ); den Gebrauch von Herz, Leber, 
Galle und Blut h. Verbrecher findet man 
z. B. auch heute noch in China 89 ). Nur 
vereinzelt tritt als Mittel gegen Fallsucht 
an Stelle von A.blut der A.strick, der 
Strick des Selbstmörders 90 ), vgl. Galgen 
§ 4 b. Seltener spricht man bei uns dem 
A. b I u t Heilkraft für andere 
Krankheiten zu 91 ), so soll das 
Essen von in A.blut getauchtem Brot die 
Gicht vertreiben 92 ). Es fehlt selbst die 
Übung nicht, das Vieh gegen Krankheit 
damit zu bestreichen 93 ). Auch als ein 
Zaubermittel, mittelst dessen zu binden 
und zu lösen ist, erscheint A.blut 94 ). So 
sind Blutstropfen H. überhaupt 
stets als segenbringend erstrebt 
gewesen 90 ). Man schreibt ihnen wie den 
Diebsdaumen besonders in ostdeutschem 
und slawischem Gebiet die Zauberkraft 
zu, zwischen Getränke oder Eßwaren ge¬ 
legt, Käufer anzuziehen, weshalb früher 
nach einer Hg. gierig der blutbefleckte 
Sand aufgegriffen worden ist 96 ). Aber 
auch in Baden benützte man „A.- 
t ü c h 1 e i n“ (weiße Tüchlein, in die A.¬ 
blut aufgefangen worden), man trug sie 
bei sich als Mittel gegen den Einfluß böser 
Geister, man legte sie in die Frucht¬ 
truhen, um die Frucht zu bewahren, man 
schob sie unter das Kopfkissen der Ster¬ 
benden zur Erleichterung des Todes¬ 
kampfes, man versuchte damit den Blut¬ 
fluß der Frauen zu stillen oder gar sich 
die Zuneigung oder Treue einer geliebten 
Person zu erwerben, indem man das A.- 
tuch in ein Getränk eintauchte, das man 
dann jener anbot 97 ). Vierblättriger Klee, 
der unter dem Galgen mit dem Bluteines 


H. befeuchtet worden, ist von besonderer 
Stärke gegen Hexenkünste 98 ). So sind 
alle A.dinge „erprobte Mittel“ 99 ), für 
die zuweilen nur die Einschränkung ge¬ 
macht wird, daß ihre wunderbare Kraft 
bloß bis ins dritte Glied reiche 10 °). 

Die Zauberkraft der H. geht auch auf 
ihre Kleidung über 101 ), vgl. hängen 
§ 5 b. Es ist eine spätere christliche Ein¬ 
schränkung, wenn die Slowenen glauben, 
die Kleider der H. hülfen gegen allerlei 
Übel nur dann, wenn jene bußfertig ge¬ 
storben seien — eine typische Verchrist- 
lichung des altheidnischen Sühnegedan¬ 
kens 102 ). Wie A.finger und A.blut bringen 
auch Fetzen eines A.kleidcs Glück im 
Handel 103 ). Ein Schuster wischt daher 
seine Stiefel 104 ), ein Hafner sein Geschirr 
mit einem solchen „A.fleckl“ 105 ), ja so¬ 
gar vor dem Buttern reibt man den 
Rührstecken damit ab 106 ). Ferner schüt¬ 
zen A.lappen ebensogut wie A.finger 
Haus, Mensch und Vieh vor Hexerei lü7 ). 
Wenn man solche Lappen Pferden an¬ 
hängt, werden sie gleich blank 108 ), und 
das Vieh wird satt (fett), wenn man es 
(täglich) mit einem A.lappen putzt, über 
den Rücken streicht 109 ) oder wenigstens 
mit einem A.lappen die Krippe aus¬ 
wischt no ). 

Es sind naturgemäß zuvörderst die 
Scharfrichter gewesen, die früher im Be¬ 
sitz all dieser trefflichen Mittel ihre 
Künste übten, und dies mitunter auch 
noch in einer Zeit, wo sie selbst nicht mehr 
an ihre Mittel glaubten 311 ). Sie waren 
daher immer sehr erpicht auf den offi¬ 
ziellen Zuspruch von allem, was der De¬ 
linquent „um- und anhat“, dies bildete 
einen Teil ihres Lohnes, mit dem sie 
wuchern konnten 112 ) im Verein mit Ab¬ 
deckern, Wasenmeistern, Schäfern und 
Hirten ll3 ). Heute sind alle diese Glücks¬ 
spender mit der verminderten Gelegen¬ 
heit seltener geworden, doch noch immer 
nicht ganz vergessen, wie mancher 
Scharfrichter bezeugen kann 114 ). 

19 ) A m i r a Todesstrafen 224 (Literatur); 
Schönbach Berthold v. R. 148 f. *°) M- 
schlesVk. 21 (1919), 110. 21 ) Staricius 

1623, 128. 22 ) Plinius 28, i, 7. 23 ) Ho- 
vorka u. Kronfeld 2, 211 (nach 

Troels-Lund Gesundheit) ; vgl. Alemannia 


51 


Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung 


52 


12, 29 (18. Jh.); zum Gebrauch der Päonienwur¬ 
zel vgl. Zedier 8, 1405. * 4 ) Schönwerth 

Oberpfalz 3, 204 = Hovorka u. Krön- 
feld 2, 211; Amira Todesstrafen 223. 
* 5 ) Köhler Voigtland 418t. 28 ) Bir- 

linger Schwaben 2, 508. 27 ) Hmtl. 11, 13. 
») Schönwerth 3, 152; vgl. Bolte- 
P o 1 i v k a 3, 480. 29 ) Schönwerth 3, 
204; SAVk. 19, 227; Kühnau Sagen 3, 
420 f. 30 ) Staricius 1623, 104 f.; Drechs¬ 
ler 2, 241 (Beleg von 1667); Becker Be¬ 
zauberte Welt (1693) = Kronfeld Krieg 
87; Albertus Magnus 4. Teil 49 Nr. 
172; Lammert 84; Schindler Aber¬ 
glaube 178. 31 ) ZföVk. 6, 123 = Huß Aber¬ 
glaube 40. 3a ) W. § 188; Urquell 4, 991 Heck¬ 
scher 362 Anm. 190. 33 ) Keller Grab 

d. Aber gl. 3, 172; 5, 445. 34 ) Kuhn u. 

Schwartz 460. 35 ) Brandenburgia 1916, 

178. 3Ä ) ZfVk. 20, 382 (Dithmarschen); Ur¬ 

quell 5, 261. 37 ) Drechsler 2, 240; Hell- 
wig Aberglaube 72. 38 ) Grimm Myth. 3, 
474 Nr. 1065; Drechsler 2, 239; Groh- 
m a n n 229; vgl. S t o r m Im Brauerhause. 
39 ) Strack Blut 46; Hovorka u. Kron¬ 
feld 1, 86 f.; Amira Todesstrafen 223; 
Frischbier Hexenspr. 106; Drechs¬ 
ler 2,241; Helm Religgcsch. 1,167; Keller 
Grab i, 85 f.; B ö c k e 1 Volkslieder 31 
Anm. 1; s. weitere Belege unter Diebsdaumen! 

Baumgarten Aus der Heimat 2, 96. 
4l ) V o g e s Braunschweig 74. 42 ) S c h ö n - 
werth 3, 204. 43 ) Drechsler 2, 241. 

44 ) ZföVk. 6, 119 = Huß Aberglaube 17 — 

John Westböhmen 285; Frischbier 106; 
Hovorka u. Kronfeld 1, 86 f. 

45 ) Schönwerth 3, 205. 4ti ) Lütolf 

Sagen 234. 47 ) MschlesVk. 27 (1926), 146. 

te ) Strack Blut 43 = Hovorka u. 

Kronfeld 1, 87. 4fi ) Seyfarth Sachsen 
287. *°) D e r s. 286; Hell wig Aberglaube 
65 ff. 61 ) W. § 188. 52 ) Baumgarten 

Jahr u. s. Tage 6; Ders. Heimat 1869, 139 
(2, 96). 53 ) ZfdMyth. 2, 71. 54 ) Ebd. 2, 69. 
Sä ) Drechsler 2, 260. 58 ) Geistl. Schild 
155 = Schramek Böhmerwald 265. 

57 ) Seyfarth Sachsen 286 = Amira 

Todesstrafen 224. M ) M a r s h a 11 Arznei- 
kästlein 31 = Seyfarth a. a. O. 59 ) Jb- 
histVk. 1, 92. w ) Marshall a. a. O. 1 r 
= Seyfarth a. a. O. 61 ) W. § 190 — 
Löwenstimm A bergl. 108 = Amira 
a. a. O.; L i p p e r t Christentum 464. C2 ) Hmtl. 
11, 135. M ) Drechsler 2, 242; vgl. Bl- 
PommVk. 2, 26(1708). 44 ) John Westböhmen 
284. #5 ) Lammert 257. 8e ) Ebd. 271. 

* 7 ) Schramek a. a. O. 267. M ) Amira 
Todesstrafen 224 (Literatur!). 89 ) Strack 
Blut 43 ii.; Hovorka u. Kronfeld 1, 
85 ff. (1, 87: Zusammenhang zwischen der fal¬ 
lenden Sucht und dem fallenden Kopfe des H.); 
2, 216 f.; Höhn Volksheilkunde 1, 131; 
H ö f 1 e r Volksmedizin 1893, 216; Ders. Or¬ 
ganotherapie 50: Belege für den agerm. Brauch, 
Gefangene den Göttern zu opfern und deren 


Blut aus ihren Schädeln zu trinken (Literatur); 
ZföVk. 12, 75 ff.; Lammert 271; ZfVk. 
8, 400 (Bayern); Schönwerth 3, 205; 
BIBayVk. 11, 29. 31; Schmitt Hettingen 
17. 70 ) P 1 i n i u s 28, 1, 4; 28, 4, 43. 7l ) Are- 
taeus Cappadox De curatione morbo- 
rum ic. 4; Hovorka u. Kronfeld 1, 
85. 72 ) 2, 494 = Waibei u. Flamm 1, 
208. 73 ) Zedier 8, 1405 (mit Verweis auf 
Breslauer Sammlungen anno 1721 
mens. Jun. dass. IV. artic. 17 p. 644); noch 
Hufeland empfahl frisches Tierblut gegen Epi¬ 
lepsie, s. Blut 1, 1437. 74 ) Grimm Myth. 
3, 473 Nr. 1080; Keller Grab 3, 172. 174; 
Strac ker j an 1, 109; Strack Blut 
43 = Hovorka u. Kronfeld 1, 85 f. 
7i ) Strack a. a. O. = Hovorka u. 
Kronfeld 1, 86. 76 ) O. Beneke Von 
unehrlichen Leuten 1889, 142 = SAVk. 4, 

4; S, 314; vgl. Wolf Beiträge 1, 223. 77 ) An¬ 
dersen Märchen meines Lebens c. 3 = 
Hnvnrka u. Kronfeld 1. 8=;: 2. 2l6f. 


78 ) Höhn Volksheilkunde 1, 131 = Pfister 
Schwaben 42. 79 ) HessBl. 24, 61 f.; W. § 190. 
80 ) Hovorka u. Kronfeld r, 83 (nach 
Busch Volksglaube). 8l ) Aargauer Nach¬ 
richten 26. Juli 1862 = Hovorka u. 

Kronfeld 1, 86; 2, 217. 82 ) Most Sym¬ 
pathie 150. 83 ) H e 11 w i g Ritualmord 120 ff. 
84 ) Engelien u. Lahn 266 = Drechs- 
1 e r 2, 306. 8ä ) A n d r e e Braunschweig 422 f. 
88 ) W. § 190; Hell wig Aberglaube 67 f. 
8: ) Abt Apuleius 199. M ) Strack Blut 
43 ff.; Hovorka u. Kronfeld i, 85; 
2, 217; Urquell 3, 4 (Skandinavien); 4, 99 
(Siebenbürgen); Löwenstimm Aber gl. 
144 f. M ) Strack 46; He 11 wig Aber¬ 
glaube 67; Frazer 8, 155. 93 ) Fogei 

Pennsylvania 292 Nr. 1548. 91 ) BIPommVk. 1, 
63. 84; Strackerj an 2, 180; Voges 
Braunschweig 74; Heckscher 134; SAVk. 
4, 3 f. ; Lütolf Sagen 234; A. Keller 
Der Scharfrichter 1921, 229; Scharfrichter 

Joseph Längs Erinnerungen hrsg. von 
O. Schalk 1920, 84. 92 ) W. § 1S9 (Franken). 
93 ) Schönwerth 3, 204. 94 ) Frischbier 

Hexenspr. 24. 93 ) Hovorka u. Kron¬ 
feld 1, 87; ZfrwVk. 1908, 271; 19^4. 

163; Urquell 3, 210 (Berg); W. §§ 189 f. 
636 f. 96 ) Toeppen Masuren 107; Frisch- 
bier 106; Jahn Pommern 350 Nr. 440; 
Strack Blut 45; ZföVk. 6, 120 = 

Huß Aberglaube 20; Urquell 3, 50 f. (Po¬ 
len); A n d r e e Anthropophagie 10 f. 
97 ) Hmtl. 2,18. *>) S e 1 i g m a n n Blick 2, 
69; vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 484. 

") Keller Grab 3, 179; John Westböh¬ 
men 264. 284; Drechsler 2, 240; W. 
§ 188. 10 °) Strack Blut 45. i01 ) Keller 
Grab 3, 179. 102 ) ZföVk. 4, 151. 103 ) Baum- 
garten Jahr 6; Ders. Heimat 1869, 138 
(2, 95). 104 ) Schönwerth 3, 204. 

105 ) Baumgarten a. a. O. 106 ) Schön¬ 
werth 1, 337. 107 ) ZfdMyth. 1, 200 (Harz) 
= Seligmann Blick 2, 220; ZföVk. 6, 


53 


Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung 


54 


X23 = Huß Aberglaube 40. 108 ) ZfdMyth. 1, 
200. I09 ) Keller Grab 1, 87 f.; ZfrwVk. 1914, 
163 (Beleg von 1789); Curtze Waldeck 421 
= HessBl. 24, 60; Bartsch Mecklenburg 2, 
154. 447; Birlinger Schwaben 1, 399; 
Eberhardt Landwirtschaft 15; Schön¬ 
werth 1, 319; 3, 204; ZföVk. 6, 119 = Huß 
Aberglaube 19; Baumgarten a. a. O.; 
Haltrich Siebenbürger Sachsen 279. 
X1 °) Drechsler 2, 241. l11 ) Belege s. 

Angst mann Henker 94; Voges Braun¬ 
schweig 74; W. § 190. 112 ) Angstmann 

a. a. O.; Lip pert Christentum 463 f.; Jb- 
histVk. 1, 92. 113 ) ZföVk. 6, 120 (Huß). 

m ) Z. B. Längs Erinnerungen 81 ff.; jüngste 
Beispiele s. MschlesVk. 29 (1928), 425. 

3. Allezeit und überall haftet den 
Richtstellen ein gewisses Grauen an, eine 
Angst, die deutlich durch die Vorstellung 
hervorgerufen wird, die H. gingen dort um 
und könnten den Lebenden Böses zu¬ 
fügen. Denn man traut den gewalt¬ 
sam ums Leben Gekommenen 115 ), den 
entarteten H. 116 ) am ehesten ein zwei¬ 
tes Spuk-Leben zu, und man 
fürchtet sich vor ihrer Rache 117 ), der 
u. a. wohl auch das Henkersmahl (s. d.) 
Vorbeugen helfen soll. Zahlreich sind da¬ 
her die Sagen von geisternden H., 
die sich an den Richtplätzen klagend oder 
leuchtend zeigen, mit Vorliebe in der 
Geisterstunde und in stürmischen Näch¬ 
ten, vgl. Galgen § 3, hängen § 4 b, ent¬ 
haupten § I b, Wiedergänger. 

So hört man von einer alten Galgen¬ 
stelle zu gewissen Abenden um Mitter¬ 
nacht leises Wimmern von einem dort h. 
Verbrecher 118 ). Ein anderer H., dessen 
Leiche in Stücke gehauen und verschieden 
begraben worden, geht in der Geister¬ 
stunde um, seine Körperteile zusammen¬ 
zusuchen 119 ) . Die Geister der H. sind so 
nachts auf den einstigen Richtplätzen 
auch zu sehen, meistens mit dem Kopf 
unterm Arm 12 °) oder mit einem roten 
Ring um den Hals 121 ). Denn die Ver¬ 
stümmelung nimmt der H. mit in sein 
zweites Leben 122 ), vgl. kopflos. Man kann 
die Gespenster mit ihren eigenen Köpfen 
kegeln sehen 123 ), und sie versetzen ab¬ 
sichtlich oder unabsichtlich den späten 
Wanderer in schwere Angst 124 ). Sie 
greifen sogar mitunter an ihrem Richt- 
und Grabplatz Vorübergehende schlimm 
an, so daß mancher sein Leben lassen 


muß 125 ). Wenn man aber für ihre 
„schamroten Seelen“ betet, können sie 
sich sehr wohl als dankbare Helfer er¬ 
weisen 126 ). Vor einer neuen Exekution 
zeigen sich die Schatten der früher H. 
besonders gerne, wie allgemein die Seelen 
früher Verstorbener erscheinen, wenn 
einer sterben soll 127 ); vgl. das „Galgen- 
weible“, Galgen § 3 Anm. 19. Eine nahe¬ 
liegende Sage läßt dagegen die Geister ei¬ 
ner Ermordeten dem Mörder seine Hg. im 
voraus anzeigen 128 ). 

Das zweite spukhafte Le¬ 
ben der H. ist also ebenso an den 
Todes- und Begräbnisplatz 
gebunden wie das Umgehen der 
Selbstmörder (s. d., hängen § 4 b). Außer¬ 
dem bleiben aber, wo eine Hg. statt¬ 
gefunden hat oder eine Richtstelle, ein 
Galgen gewesen ist, auch dem Boden 
unauslöschliche Merkmale eingeprägt: 
es wächst kein Gras 129 ), die Löcher für 
den Galgen können nicht eingeebnet 
werden 13 °). In Deutschland finden sich 
jedoch diese und andere wunderliche 
Zeichen fast nur als Zeugen einer un¬ 
gerechten Hg., s. Gottesurteil § 14. 
Der Ort der Hg. ist deswegen seit alters 
auch zum Begräbnisplatz der H. gewor¬ 
den, weil die Furcht vor ihrem ge¬ 
fährlichen Umgang im Verein mit 
der steigenden Verachtung des zum aus¬ 
gestoßenen Sünder gewordenen Opfers 
dazu geführt hat, daß man die H. nicht 
ehrlich unter ehrlichen Leuten auf dem 
geweihten Friedhof, sondern an der ge¬ 
bannten Richtstätte, dem „Schindanger“ 
bestatten wollte l31 ), ja überhaupt nicht 
im Gemeindebereich duldete, vgl. hängen 
§ 4 b, Begräbnis 1, 993. Denn das Be¬ 
gräbnis eines H. bringt (wie die Bestat¬ 
tung eines Selbstmörders !)- f Hagel über 
die Felder der Gemeinde 132 ). Um nun den 
H. ihr trotz aller Vorsicht gefährliches 
Dasein als Wiedergänger oder gar als nicht 
verwesende Vampire (Nachzehrer) zu neh¬ 
men, hat man sie noch im 17. Jh. ver¬ 
brannt und dadurch ihrem Wesen mit 
der völligen Vernichtung des Leibes auch 
den zweiten Tod zu bereiten geglaubt l33 ). 
Auch eine Reihe anderer, bei den Ger¬ 
manen besonders lange erhaltener Vor- 


55 


Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung 


56 


kehrungen sind durchaus als Abwehr¬ 
maßnahmen aufzufassen, so, über 
das Verbannen der Leiche an einen ab¬ 
gelegenen Platz hinausgehend, der 
Brauch, dem Verbrecher die Augen zu 
verhüllen, dem Geköpften das Haupt 
zwischen die Beine zu legen oder ihn mit 
Dornen zu bedecken, bzw. zu durch¬ 
pfählen 134 ); vgl. Begräbnis 1,987; ent¬ 
haupten § 2 c, pfählen. 

Eine Gruppe von Sagen läßt den so¬ 
eben h. Körper durch die Willens¬ 
kraft des H. noch eine kurze Weile im 
eigentlichen Sinne belebt sein, um noch 
eine bestimmte Handlung auszuführen. 
Es kann nicht nur ein geschickter Scharf¬ 
richter den Enthaupteten einige Schritte 
weit führen — vgl. enthaupten § I b — 
der H. vermag auch selbst noch eine be¬ 
stimmte Strecke im Lauf zurückzulegen, 
sei es um seine Mitschuldigen freizu¬ 
lösen l35 ) oder um seinen Hinterbliebenen 
das Land, das er ohne Haupt zu durch¬ 
laufen imstande wäre, zu gewinnen 136 ), 
oder um seine Unschuld darzutun 137 ). 
Aus mittelalterlicher Zeit her lassen Sage 
und Volkslied unschuldig Verurteilte und 
Gehängte durch Hilfe eines Heiligen 
wunderbar am Leben bleiben, z. B. einen 
Jakobspilger 138 ). Denn man glaubte, der 
Körper eines unschuldig H. könne 
nicht aufhören zu leben, zu 
bluten l39 ), s. w. Unschuldzei¬ 
chen, Gottesurteil §14. 

Wie drastisch-sinnlich und wenig sche¬ 
menhaft man sich aber auch das zweite 
Leben der H. vorgestellt hat, zeigen die 
verbreiteten Erzählungen von dem auf 
eine übermütige Einladung hin leibhaftig 
sich einfindenden Gast vom Gal¬ 
gen — in der Zimmernschen Chronik 
sind es sogar drei dürre Brüder — und 
von dem gehenkten Toten, der zürnend 
um Mitternacht auftaucht, um ihm ge¬ 
raubtes Eingeweide, gewöhnlich Leber 
oder Lunge, zurückzuverlangen, s. hängen 
§ 4 b Anm. 116—118. Daß ein gehängter 
Dieb seine ihm von einem Stendaler 
Branntweinbrenner zu Zauberzwecken 


gestohlene Hirnschale nachts zurück¬ 
fordert, berichtet schon Remigius in 
seiner 1693 erschienenen Daemonolatria, 


ebenso begehrt nach des Francisci Hölli¬ 
schem Proteus (1695) ein vom Anatom 
sezierter Verbrecher seine Haut beim 
Gerber wieder 140 ). Kein Wunder, daß 
man unterm Galgen soll das Fürchten 
lernen können, vgl. Grimms Märchen 141 ). 
Auch die alte, stark religiös gefärbte 
Rechtsgewohnheit, eine Hg. an der 
Leiche eines seiner Strafe entgange¬ 
nen Verbrechers oder eines Selbstmörders 
zu vollziehen, ist nur ermöglicht durch 
den Glauben an den lebenden Leichnam, 
an die sinnliche Fortdauer der Persön¬ 
lichkeit auch im „toten“ Körper, aus 
welcher Vorstellung sich einst sogar noch 
in christlicher Zeit geradezu ein Recht 
der Toten entwickelt zeigt 142 ), vgl. Recht, 
Toter. Daher gräbt man z. B. im 13. Jh. 
in Antwerpen nach vier Jahren die 
Leiche eines Ketzers wieder aus, um sie 
durch Verbrennung zu richten 143 ) — 
nicht nur ein symbolischer Akt, wie wir 
heute zu deuten geneigt sein möchten! 

An gang: Als verhängnisvoll wurde 
früher der Angang eines zur Richtstätte 
geführten A.s aufgefaßt; wenn eine 
Schwangere ihm begegnete oder gar 
nachfolgte, ja nur seinen Weg kreuzte, 
mußte ihr Kind des gleichen Todes 
sterben 144 ). 

115 ) Vgl. NdZfVk. 5, 232 ff.; 6, 133; Nau¬ 
mann Gemeinschaftskultur 34 f. 116 ) A m i r a 
Todesstrafen 66 f. 117 ) Vorbeugungsmaßnah¬ 
men gegen die Geister der H. werden daher 
z. B. auch in Afrika und China getroffen, 
Frazer 3, 171 f. 180 f.; vgl. Roh de 
Psyche 1, 277. 118 ) Lütolf Sagen 174 f.; 

NdZfVk. 5, 234; S e b i 11 o t Folk-Lore 4, 210. 
lia ) Eckart Südhannover. Sagen 10. 
120 ) Bohnenberger 7 (97); K ü h n a u 
Sagen 1, 59. 121 ) Meie he Sagen 187. m ) Nd¬ 
ZfVk. 5, 234 ff. 123 ) Mackensen Nds. 
Sagen 17 f. 124 ) Schell Belgische Sagen 96. 
125 j Heckscher 82; MschlesVk. 21 (1919), 
137 f. 12e ) L ü t o 1 f Sagen 146 f.; vgl. Bolte- 
Polivka 3, 513 (der dankbare Tote); in 
außerdeutschen Gebieten findet sich sogar hier 
und dort geradezu ein gewisser Kult der H., 
vgl. Reinsberg-Düringsfeld Eth¬ 
nograph. Curiositäten 2 {1879), 26; FL. 21, 168; 
Pi t r e Proverhi motti e scongiuri sicil. (1910), 
416; Trede Das Heidentum in der römischen 
Kirche 3 (1890), 31 ff. (Gehenkte als Schutz¬ 
geister in Sizilien); man bittet aber auch in 
Franken zum Tod Verurteilte um ihre beson¬ 
ders wirksame Fürsprache im Himmel, W. 
§190. 127 ) ZfVk. 15, 4; vgl. Goethes Faust 


57 


hinken 


58 


1» 4399 ff. (Szene am Rabenstein). 128 ) Bl- 
PommVk. io, 149. 129 ) A m i r a Todesstrafen 
230; Sebillot Folk-Lore 1, 197t.; 4, 210. 
lS0 ) Bohnenberger 7 (97). 131 ) A m i r a 
a. a. O. 130; D e r s. Grundriß 238; Brun¬ 
ner Rechtsgesch . 2 1, 247; Klapper Er¬ 
zählungen Nr. 67; SAVk. 26, 161. 132 ) Ale¬ 

mannia 10, 12 (18. Jh). 133 ) NdZfVk. 6, 25. 
134 ) Amira Todesstrafen 131. 203. 213; 

SAVk. 26, 162; Sch wenn Menschenopfer 
28 ff. 135 ) Angst mann Henker 108 Anm. 2. 
13< ) Waibel u. Flamm 2, 288 f.; Ur¬ 
quell 4, 253 = K ü h n a u Sagen 1, 16. 
l37 ) Kühnau a. a. O. r, 13; Rochholz 
Sagen 2, 128. 138 ) Böckel Volkslieder 

8 ff. Nr. 2; SAVk. 2, 223 ff.; es ist auch 
schon griech. Glaube gewesen, daß den unschul¬ 
dig H. ein Wunder rette, R o h d e Griech . 
Roman 392 Anm. l39 ) Böckel a. a. O.; 
Chroniken der deutschen Städte 14, 737 (Köln 
1400); Stretlinger Chronik (hrsg. von J. B äch¬ 
told) 54; Wolf Niederl. Sagen 253; 
M e i c h e Sagen 639; K r u s p e Erfurt 2, 
12; Alemannia 8, 277; Birlinger Schwaben 
1, 47; Lütolf Sagen 368; Germania 10, 
447; B o 11 e - P o 1 i v k a 1, 25; Gering 
Aeventyri 2, 172. 140 ) Bolte-Polivka 3, 
480 (slaw. Parallelen); Schön werth Ober¬ 
pfalz 3, 152; Grässe Preußen 1, 173. 
l41 ) Bolte-Polivka r, 22 ff. l42 ) H. 
Schreuer Das Recht der Toten in ZfvglRw. 

33 » 333 ff- 3541 34 » 1 ff -1 Roh de Psyche 1, 
21 7. 322 ff. ; ZfKg. 7, 52 ff. ; Amira Grund¬ 
riß 241; Schröder Rechtsgeschichte 6 838 
Anm. 28 b. l43 ) ZfvglRw. 33, 420. 144 ) Grimm 
Myth 3, 449 Nr. 465 (Rockenphilosophie); 
Keller Grab d. Abergl. 5, 297. 

4. Die H g.s s p i e 1 e , die unter den 
Frühlingsbräuchen, in der Re¬ 
gel den Pfingstbräuchen, aber 
auch bei den Erntefesten (Kirch¬ 
weih) der meisten deutschen Land¬ 
schaften, vor allem in Süddeutschland 
vom Rhein bis Siebenbürgen begegnen, 
sind nicht als spielerische Nachahmungen 
eines öffentlichen, schauerlich-reizvollen 
Aktes der Rechtsprechung entstan¬ 
den, sondern sie enthüllen sich bei 
näherem Zusehen als in das Spiel der 
Jugend gesunkene Überbleibsel 
alten Regen- und Frucht¬ 
barkeitszaubers 145 ). Die feierliche 
Tötung (Verwandlung!) des Wachs¬ 
tumsgeistes durch Enthaupten 
bzw. die Wassertauche oder das Ver¬ 
brennen ist in christlicher Zeit allmählich 
zum sinnlosen Hg.sspiel geworden, in 
dem die alten kultischen Formen nun 
durch scherzhafte Nachahmungen des 


Rechtslebens, gewöhnlich in seiner Ge¬ 
stalt im 18. Jh., ersetzt sind. Denn hier¬ 
bei fehlt im allgemeinen weder ein nach 

• • 

bestimmter Überlieferung sich abwickeln¬ 
der Prozeß noch der Henker, der das 
Todesurteil spricht und vollzieht und so 
dem Pfingstdreck einen falschen Kopf 
abschlägt, einen Frosch enthauptet, die 
Fastnacht köpft u. dgl. m. 146 ). Solches 
Hg.sspiel findet sich auch mit einem 
Burschenschaftsfest verbunden, dem lu¬ 
xemburgischen Amecht (s. d.) am Kir¬ 
mestage, hier haben sich Zauberreste des 
alten Erntefestes in den spielerisch auf¬ 
genommenen Formen eines späteren 
Rügegerichts bis ins 19. Jh. erhalten 147 ). 
Auch das Gericht der Burschen über die 
Dorfmädchen ist da und dort ganz zum 
Scharfrichterspiel geworden 148 ), vgl. Ge¬ 
richt. S. w. enthaupten § 2 a, hängen II 
(Henkengehen), Pfingstbutz, Pfingstl 
u. a. m., Regenzauber, Vegetation, Fast¬ 
nacht, Todaustragen. 

145 ) Mannhardt 1, 321 ff. 343. 353 ff. 
386. 514; Gesemann Regenzauber 70 f.; 
Amira Todesstrafen 212; Frazer 4, 
207 ff. 227 ff. l46 ) M a n n h a r d t a. a. O.; 
Meyer Baden 140 ff. 158; Meier Sagen 
371. 409 ff.; Birlinger Schwaben 2, 98 ff.; 
Ders. Volksth. 2, 100 ff.; Fischer Schwäb- 
Wb. 5,703; Panzer Beitrag 1, 236; 2, 444; 
Reinsberg Böhmen 231 ff. 253 ff. 262 ff. 
269 ff.; Lehmann Sudetendeutsche 146. 
150; Schullerus Siebenbürgen 142 f.; 
F. A. Reimann Deutsche Volksfeste im 
19. Jh. 17 f.; Angstmann Henker 
103 f.; Sartori Sitte u. Brauch 3, 198. 203. 
20S. l47 ) Zur Lit. unter „Amecht“ vgl. Use- 
ner Vorträge u. Aufsätze 1907, 149 ff. 153 
— Angst mann 82. 104. l4s ) Lehmann 
a. a. O. 146; Mannhardt 1,355; Hof f- 
mann-Krayer 61. 

A. g 1 0 c k e s. Wahrzeichen. 

Müller-Bergström. 

hinken. 

Von den Namen des Teufels, die sich 
auf seine äußere Gestalt beziehen, ist der 
h.d e Teufel (Diable boiteux, Hinke¬ 
bein) einer der bekanntesten: der Teufel 
erhielt einen lahmen Fuß beim Sturz aus 
dem Himmel, gleich wie der von Zeus 
herabgeschleuderte Hephäst 4 ), oder weil 
er, mit Schlingen von Bast gefesselt, auf 
dem Amboß mit dem Hammer geschlagen 
wurde 2 ). Nach dem Glauben der Ober- 



59 


hi nken 


Hinterer 


6 2 



pfalz hinkt er, weil er einen Bocks- oder 
Pferdefuß, manchmal beide zugleich hat 3 ), 
nach demjenigen in der Schweiz, weil er 
das Felsstück, welches er auf die betende 
hl. Verena schleudern wollte, auf seine 
eigenen Füße fallen ließ 4 ). 

Wie der Teufel, so h. auch seine Tra¬ 
banten: die Hexen h. oft 5 ); im 
Kinderspiel holt eine H.de gleich einer 
Hexe ein Kind nach dem andern aus der 
Schar zu sich 6 ). Caspar Peucer berichtet 
in Übereinstimmung mit Melanchthon, 
daß die Werwölfe vornehmlich in den 
Zwölften ihr Wesen treiben; ein h.der 
Knabe ruft in der Christnacht die Teufels¬ 
leute zusammen 7 ). 

Die Ursache des H.s wird ver¬ 
schieden angegeben: Als einst böse Buben 
den Kochkessel der Zwerge beschmutz¬ 
ten, riefen die Zwerge den Knaben einen 
Fluch nach, so daß sie Zeit ihres Lebens 
h. mußten 8 ). Auf einer Pilgerfahrt nach 
dem Berge Gargano in die Höhle des 
Erzengels Michael berührte ein Engel die 
Hüfte Kaiser Heinrichs II., ,,aIso daß er 
von jener Stunde an h.d ward, um seiner 
Keuschheit willen, weil Gott jene züch¬ 
tigt, welche er lieb hat“ 9 ). 

Das Volk fürchtet den A n g a n g 
eines H.den als übles Vorzeichen 10 ): ,,Und 
so er (d. h. Johannes Freiherr v. Zim¬ 
mern) dahin ritt, bekam im ain h.der 
Mensch, so wandt er sich wieder umb 
und ritt ain andern weg, unangesehen 
wie fern derselbig umb wer gewesen“ n ). 
Ein Fuchs, ein altes Weib oder ein 
h.der Hund, welche dem Jäger über den 
Weg laufen, sind diesem Zeichen eines 
beutelosen Tages 12 ). Paul Verlaine 
glaubte, daß, wenn er morgens einen 
H.den träfe, dies ein schlechtes Vor¬ 
zeichen sei, zwei H.de bedeuteten eine 
sichere Katastrophe. Aber zeigte sich ein 
dritter, dann war das Unglück bis auf 
weiteres beschworen. Hatte er nun zwei 
H.de getroffen, so nahm er, der selbst 
lahmte, gewöhnlich zu einer List die Zu¬ 
flucht. Erstellte sich vor den Spiegel einer 
Auslage, betrachtete sich selbst als drit¬ 
ten H.den und hielt damit die Gefahr 
bis auf weiteres für abgewendet 13 ). 

Ein bezaubertes Schloß kann nur durch 


einen schwarzen Hahn, der h.d geboren 
wurde, erlöst werden 14 ). 

Wenn man einer Ziege ein rotes Tuch 
an einen Fuß bindet, so hinkt sie 15 ). 

Die vorislamische Religion Arabiens 
kannte ein kalendarisches Fest (Hagg), 
dessen Riten das Pilgern zum Heiligtum 
und den Hink- und Laufschritt rings 
um den Tempel erforderten 1B ) (vgl. 
oben 3, 441). Beim Ehetanz im Land¬ 
bezirk Dachau und Bruck hinkt die 
Braut. Der Bräutigam beschuldigt sie, 
daß sie das Tanzen nicht könne. Der 
Hochzeitlader legt sich ins Mittel, sucht 
mit einem Lichte und Besen, woher das 
H. der Braut komme und kehrt dreimal 
die vermeintlichen Hindernisse aus dem 
Wege. Endlich bemerkt er, daß im Schuh 
der Braut ein Nagel drücken müsse. Die 
Braut zieht den linken Schuh ab; darin 
ist ein Geldstück, das die Musikan¬ 
ten bekommen. Ebenso h. auch die 
Kranzljungfrauen und sonstige wohl¬ 
habende Mädchen, welche damit groß tun 
wollen. Haben alle gehinkt, wird noch 
einmal herumgefegt, dann zur Türe hin¬ 
aus, und aus ist der Tanz 17 ). Im Kreise 
Olmütz in Mähren heißt die letzte Garbe 
Zebrak (Bettler); ein altes Weib erhält 
sie, das damit auf einem Fuße nach Hause 
h. muß 18 ). 

Das abwechselnde H. auf dem rechten 
und linken Bein soll schon im Altertum 
als Mittel gegen die Faszination gegolten 
haben lö ). 

Gegen das H. half das Anrufen des 
hl. Claudius “J, bei Vieh wurden Segen 
gesprochen (Verrenkungssegen) 21 ). 

l ) Grimm Myth. 2, 829; Pauly- 

W i s s o w a 8, 1, 333 ff. 335. 336. *) Grimm 
Myth. 2, 844 f. nach Mährische Sagen (Brünn 
1817), 69. 72. 123. 3 ) Schön werth 3, 39. 
4 ) Kohlrusch Sagen 344 f. Nr. 21 = H e r - 
zog Schweizersagen 2, 174 Nr. 158. 5 ) H eyl 
Tirol 305 Nr. 122. *) ZfVk. 30—32, 58. 

7 ) Sieber Sachsen 205; ZfVk. 30—32, 128. 

8 ) Schell Berg. Sagen 283 Nr. 49 = Mon¬ 
tanus-Waldbrühl Vorzeit 1, 109. 

®) Bavaria 3, i, 277. 10 ) Grimm Myth. 2, 
942; Meyer A her glaube — Anhorn 
Magiologia (1674) 152; ZfVk. 4, 47 f. (mit 
antiker Lit.); Stemplinger Abergl. 45. 
ll ) Birlinger Schwaben 1, 376. l2 ) Kohl¬ 
rusch 399. 13 ) Werke (Inseiverlag) 2. Bd. 
(Lebensdokumente). 14 ) Müllenhoff 


Sagen 331 Nr. 467; Grimm Myth. 3, 192. 
,8 ) Hüser Beiträge 2, 28 Nr. 28. 1Ä ) Jere¬ 
mias Religgesch. 93. l7 ) Hartmann 

Dachau und Bruck 219 Nr. 11. 16 ) Mann¬ 

hardt Forschungen 49 = F r a z e r 7, 232. 
284. lö ) Seligmann Blick 2, 288 f. (ohne 
Beiege!). 20 ) Oeuvres facetieuses de Noel du 
Fail 2 (Paris 1874), 71 = Gerhardt Franz. 
Novelle 55. 21 ) Albertus Magnus 

Egypt. Geh. 2, 57. Bächtold-Stäubli. 


Hinterer (Arsch). 

I. Sprichwörtlich heißt es in Bayern: 
Die zweite Frau hat einen silbernen H.n, 
die dritte Frau ist Königin 1 ). Für hä߬ 
lich gilt ein zu breiter H., ,,en Arsch 
wie-n-e Wanne“ 2 ). Die eine der drei 
Spinnerinnen 3 ) hat ein breites Gesäß; 
Frau Venus hat im Narrenschiff einen 
,,ströwen ars“ 4 ). Der Letzte im Zuge des 
Nachtvolkes hatte eine Kochkelle im 
H.n stecken 5 ). Eine angehende Hexe 
stellt der Teufel beim Hexentanz auf den 
Kopf und steckt ihr ein Licht in den 
After 6 ). Der dumme Hans trifft mit sei¬ 
nem Schiff, das zu Wasser und Land 
geht, einen Mann, ,,der hatte in seiner 
H.thür einen großen Zapfen stecken“; 
,,Wenn ich ihn herauszöge“, erklärte er, 
„könnte ich ein ganzes Königreich voll¬ 
machen“ 7 ). Wenn man in Wollbach (Ba¬ 
den) nachts in den Spiegel schaut, sieht 
man dem Teufel in den H.n 8 ). An den 
letzten Faschingstagen geht in Böhmen 
die Frau Hille um, und wenn in irgend¬ 
einem Hause nicht abgesponnen ist, 
wischt sie sich mit dem Flachse den H.n 
ab 9 ). Sächsische Sagen wissen zu erzäh¬ 
len, wie der Teufel einen Müllerburschen, 
der ihn in der Mühle belauschte, auf den 
Schleif- (resp. Mühl-) Stein setzte und 
ihm dadurch den H.n aufs ärgste ver¬ 
stümmelte, aber auch, wie dem Teufel 
selbst dieses Mißgeschick passierte 10 ). 
Die Spur von des Teufels H.n findet sich 
heute noch in Externsteinen (s. d.) n ). 

J ) Lammert 157. 2 ) Meyer Baden 164 
und die verschiedenen Mundart-Wörterbücher. 
*) Grimm KuHM. Nr. 14 und Lit. bei 
Bolte-Polivka 1, 109 ff.; Wolf Bei¬ 
träge 2, 224; Mannhardt Germ. Myth. 
672 f. 4 ) Meyer Myth. 275.282; Grimm 
Myth. 1, 223. 224; 3, 86. 5 ) V o n b u n Beitr. 
7 ff. •) Thür. Mitth. VI. 3, 69 == Grimm 
Myth. 2, 896. 7 ) Meier Märchen 114!. 

Nir. 31. 8 ) Ca. 1890, mündlich. ®) Grohmann 


1 Nr. 2. 10 ) Meiche Sagen 443 Nr. 580; 477 
Nr. 618; Haupt Lausitz 1, 90 Nr. 97. 
n ) Grässe Preußen 1, 734 Nr. 783. 

2. Das Zeigen des H.n ist ein 
außerordentlich verbreiteter Zauber¬ 
brauch. Heute zwar wird es meist als ein 
Zeichen der Verhöhnung aufgefaßt: 
Mitte Mai 1913 haben z. B. mehrere Sol¬ 
daten und Zivilpersonen auf dem serbi¬ 
schen Dampfer „Belgrad“, der sich bei 
Semendria dem Ufer näherte, die dort 
aufgestellte ungarische Wache „durch 
Entblößen eines gewissen Körperteils ver¬ 
höhnt. Die Wache feuerte mehrere Schüsse 
ab, durch die der Kapitän des Schiffes 
und ein Reisender verletzt wurden“ 12 ). 
Nach einer Sage wurde ein Freiburger 
Student, der dem hohen Kruzifix bei 
der Martinskirche in seiner Trunken¬ 
heit zum Hohn den bloßen H.n zeigte, 
zur Strafe in ein Kalb verwandelt und 
spukt seither als ‘Stadttier’ in den Stra¬ 
ßen 13 ). Herzog Johann von Görlitz be¬ 
nutzte fliehend eine kurze Rast auf 
einem Aussichtspunkt, um der Stadt 
„sein Antlitz zu zeigen, aber nicht 
sein vorderes, und einen einladenden 
Wunsch dazu“ auszusprechen 14 ). Be¬ 
sonders geläufig finden wir diese Sitte in 
Sagen von Belagerungen. Die Weiber von 
Fritzlar zeigten, wie die Chronik von 
Joh. Rothe erzählt, dem Belagerer Kon- 
rad den „blanken Spiegel“ über die 
Zinnen herab, und Ähnliches wird vom 
bernischen Burgdorf berichtet 16 ). Die 
Beispiele ließen sich leicht häufen 16 ): 
schon im Altertum galt es als eine schwere 
Beleidigung, jemandem die Schamteile 
zu zeigen, man mußte sie daher im Ver¬ 
kehr mit der Gottheit bedecken 17 ). 

Ursprünglich ist jedoch das Zeigen des 
H.n ein Abwehr brauch 18 ): es schützt 
namentlich gegen den bösen Blick 19 ). 
Schon der Leipziger Gelehrte Prätorius 
erzählte 1669, daß Mütter, um ihre Kin¬ 
der vor dem Berufen zu schützen, bei 
verdächtigen Worten sagen: „Lecke mich 
im Arse“ 20 ). Diese berüchtigten Worte 
Götz von Berlichingens werden in der 
Schadenabwehr häufig gebraucht; man 
wiederholt sie möglichst rasch dreimal, 
beim zweiten Male mit Inversion, wobei 


63 


Hinterer 


Hinterer 


66 



das zum Zwecke des Berufens Gelobte 
als Objekt genannt wird 21 ). Ist im Nor¬ 
den das Kind von einer Hure versehen 
worden, hat Skrofeln bekommen, so 
wird es gesund, wenn man die erste beste 
Gelegenheit benutzt, ihr den H.n des 
Kindes zu zeigen 22 ). Der „Feullaton“, 
ein gefürchteter Wirbelwind in Sal- 
van (Wallis), muß einen verschonen, wenn 
man ihm den H.n zeigt 23 ). Wenn der 
italienische Fischer auf offenem Meere 
vom Sturm überrascht wird und einen 
erstgeborenen Sohn unter seinen Seeleu¬ 
ten hat, muß dieser geschwind seine 
Hosen fallen lassen und, während seine 
Kameraden St. Barbara und St. Franzis¬ 
kus anrufen, dem Unwetter seinen bloßen 
H.n zeigen; der Sturm wird dann gleich 
innehalten 24 ). Auch gegen Hagel kann 
dieser Zauber benützt werden: Wenn 
gar nichts gegen aufziehenden Hagel 
hilft, bücken sich die nackten huzulischen 
Zauberinnen und zeigen dem Hagel den 
bloßen H.n 25 ). 1653 haben um Sorau 
herum Bleichweiber eine sechzehnwö¬ 
chige Dürre verursacht, indem sie jedes¬ 
mal, wenn eine Regen wolke am Him¬ 
mel erschien, mit dem bloßen H.n rück¬ 
wärts gegen sie liefen und dazu sagten: 
,,Regne mir in den H.n und nicht auf 
meine Leinewand“, worauf die Wolke 
verging 26 ). Wie man die Wind- und 
Sturmdämonen durch das Zeigen des 
H.n vertreibt oder ihre Kraft bricht, so 
auch Geister: Der Solothurner Flößer 
beehrte den Burggeist von Ober-Gösgen, 
der die Flößerknaben hinderte, das Treib¬ 
holz aus der Aare zu fischen, mit einer 
sehr unanständig lautenden Einladung 
und veranschaulichte sie, um ganz ver¬ 
standen zu sein, damit, daß er die Hosen 
fallen ließ. Nun konnten die Knaben 
landen, der Alte aber trug einen ge¬ 
schwollenen Kopf davon 27 ). In Däne¬ 
mark erzählt man sich von einem Manne, 
welcher des Nachts von einer unheim¬ 
lichen brennenden Torfmiete verfolgt 
wurde; er ergriff am Ende das letzte Mit¬ 
tel, kehrte ihr den Bloßen zu, und sie 
verschwand augenblicklich 28 ). Zur Ab¬ 
wehr des Totengeistes setzt man sich in 
der Oberpfalz mit dem bloßen H.n auf 


das (Leichen-) Bett, von dem eben der 
Tote genommen wurde 29 ). Wenn man 
dem (Geld-) Drachen die blanke 
Scheibe des H.n zukehrt, läßt er etwas 
von seinem Gelde fallen, das man sich 
dann aneignen kann 30 ). Auch der nor¬ 
dische Niß wurde aus dem Hof vertrie¬ 
ben, als die Magd ihren Unterrock 
über den Kopf warf und gebückt rück¬ 
lings in den Stall schritt 31 ). Ebenso 
geht der alte Schwank zweifellos auf 
ursprüngliche Abwehr des Teufels zu¬ 
rück: Der Bauer soll dem Teufel ein Tier 
zeigen, das er noch nie gesehen. Der 
Bauer bestreicht seine nackte Frau mit 
Honig, wälzt sie in Flaum, und die Frau 
nähert sich dem Teufel rückwärts auf 
allen Vieren gehend 32 ). 

Schlagen die Kühe beim Melken, 
so soll sich die Magd mit dem nackten 
H.n auf den Melkschemel setzen, dann 
werden die Tiere ruhig stehen (Branden¬ 
burg) 33 ). 

Wie den Drachen hindert man die 
Bienen dadurch daran, auszuschwär¬ 
men, daß man ihnen das Gesäß zeigt 34 ) 
(vgl. oben I, 1243). 

Wenn in Flandern ein Bursche zum 
Militär einberufen wird und beim Loszie¬ 
hen, um vom Militärdienst frei 
zu werden, eine hohe Nummer wünscht, 
so muß er in eine gewisse Kapelle 
(welche?) hineingehen und dem dort be¬ 
findlichen Heiligenbilde (welcher Hei¬ 
lige?) den bloßen H.n zeigen; dann er¬ 
hält er die gewünschte Nummer 35 ). 

Vielleicht ist es eine Verstärkung sol¬ 
chen Abwehrzaubers, wenn man sich 
bücken und durch die eigenen Beine hin¬ 
durchschauen muß; denn ohne dem Ab¬ 
zuwehrenden den H.n zuzukehren, ist 
diese Stellung ja unmöglich 36 ). Etwas 
Ähnliches überliefert schon der Papier¬ 
kodex des 14. oder 15. Jhs. in der Biblio¬ 
thek zu St. Florian: ,,item an dem sunn- 
benttag (Sonnwendtag), so geht aine 
ersling (ärschlings, rückwärts) auf allen 
viern mit plassem (bloßem) leib zu irs 
nachtpahrin tar (Tor), und mit den fuz- 
zen steigt sy ersling an dem tar auf, und 
mit ainer hand halt sy sich, vnd mit der 
andern sneit sy drey span aus dem tar 


vnd spricht zu dem ersten span spricht sy 
‘ich sneit den ersten span, noch aller mi- 
lich wan\ zu den andern auch also, zu 
dem dritten spricht sy ‘ich mist den drit¬ 
ten span, noch aller meiner nappaurinnen 
milich wan’, vnd geh ersling auff allen 
viern her wider dan haim“ 37 ). 

ll ) Basler Nachrichten vom 15. Mai 1913. 

13 ) Baader Sagen (1851), 48 Nr. 58. 

14 ) Peuckert Sagen 27. I5 ) R o c h h o 1 z 

Glaube 2, 317 f.; Germania 31 (1886), 206; 
DWb. 1,565 f.; SAVk. 21 (1917), 97 f. 1# ) Vgl. 
z. B. ZfVk. 11 (1901), 426; Pitre Usi 2, 372 
Anm. 5; 4, 323; Melusine 3,211; Andree 
Parallelen 2, 51; Sittl Gebärden 124; Se¬ 
lig m a n n Blick 2, 206; Visscher Natur¬ 
völker 2, 274 ff. 17 ) Usener Götternamen 
179 f.; Boehm De symbolis Pythagoreis 
(1905), 52 f.; F e h r 1 e Keuschheit 38. lft ) Ho- 
vorka-Kronfeld 1, 38; 2,130 f. 19 ) Se¬ 
lig m a n n Blick 2, 275; SAVk. 21 (1917), 98; 
AnzschweizAltertumsk. 16 (1914), 63 f.; Jahn 
Böser Blick 30 f. und Tafel III; Germania 31 
(1886), 207. *°) Glücks-Topf 412 = Sey- 

farth Sachsen 47. *>) Seyfarth 47; 

Frischbier Hexenspruch 9.10; ZfrwVk. 2 
(1905), 181. 203; Andree Braunschweig 386; 
Schulenburg 114; Seligmann Blick 
2, 367 f. “) ZfVk. 11, 326 f. = Seligmann 
Blick 2, 206 f. = Kristensen Folkeminder 
8,328.558; Thiele 3 Nr. 492. 23 ) Reit- 
hard Schweiz. Familienbuch 1845, 175 = 
R o c h h o 1 z Naturmythen 65. ,4 ) Rivista 

trad. pop. 1, 391 = ZfVk. 11 (1901), 426 f.; 
vgl. Sebillot Contes des Marius 249; 
Jahn Böser Blick 88 Anm. 250 = Germania 
31 (1886), 207 (wo noch andere Beispiele). 
,Ä ) K a i n d 1 Ruthenen 2, 90 = Weinhold 
Ritus 35 = ZfVk. 11 (1901), 427; vgl. F e h r 1 e 
Geoponica 8. 15. *•) Haupt Lausitz 1, 195 
Nr. 229 = M a g n u s Histor. Beschreibung voji 
Sorau (1710), 214 = Grässe Preußen 2, 393 
Nr. 340; vgl. ZfVk. 11 (1901), 427 = Wein ¬ 
hold Ritus 26. * 7 ) Rochholz Natur¬ 

mythen 65 = ZfVk. 11, 428 — Weinhold 
Ritus 11; Germania 31 (1886), 207 f. = J. G. 
Wood The Natural History of Man. Africa 
(1868), 680. 28 ) Kristensen Sagn 2, 503. 
73 = ZfVk. 11, 428. 29 ) Schönwerth 1, 


30 


) 


Kuhn u. Schwartz 5. 
421 Nr. 208; Müllenhoff Sagen 206 
Nr. 280; Meiche Sagen 314 Nr. 413; 
Jahn Sagen 135. 165; BlpommVk. 4, 142; 
Haas Greifswald 34 Nr. 37, I; Schulen- 
burg Sagen 102. 103; ZfVk. 11, 427h 
E. H. M e y e r Germ. Myth. 98; Weinhold 
Ritus 11. 31 ) ZfVk. 8 (1898), 266 Nr. 9. 3Z ) Vgl. 
Jegerlehner Oberwallis 232 Nr. 161; 
Bolte-Polivka 1, 398 ff. zu Grimm 
KHM. Nr. 46; ZfVk. 8, 266 Anm. 2. 33 ) ZfVk. 

I, 185 Nr. 4 = Weinhold Ritus 4 2. 34 ) ZfVk. 

II, 428; Liebrecht ZVolksk. 355 Nr. 24; 
BlpommVk. 2, 26; 6, 75; W e i n h o 1 d Ritus 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV. 


45; Germania 1, 109; Urquell 3 {1892), 205; 
Drechsler 2, 87. 3S ) ZfVk. 11, 428 = 
de Cock in Volkskunde 7, 183. 3Ä ) ZfVk. 5, 
443; 11, 428 f.; Weinhold Ritus 10. 

37 ) Grimm Myth. 3, 417 Nr. 30. 

3. Ehedem war es in Florenz gebräuch¬ 
lich, daß insolvente Schuldner an¬ 
gesichts des auf dem Mercato Nuovo ver¬ 
sammelten Volkes mit ihrem H.n auf 
einen noch jetzt dort befindlichen großen 
Pflasterstein (lastra) stoßen mußten, wo¬ 
durch sie eine Cessio bonorum zugunsten 
ihrer Gläubiger anzeigten, dagegen von 
jedem persönlichen Zwang seitens letz¬ 
terer frei blieben; daher die Redensart: 
‘batter il culo sul lastrone’, d. h. bank¬ 
rott werden. In Neapel hieß dieser 
Rechtsbrauch ‘Zitta bona’, verderbt aus 
‘cedo bonis’ 38 ). Eine andere Form ist das 
,,Herablassen der Hosen“ (s. Hose § 5). Ob 
dieses öffentliche Zeigen des H.n als eine 
,,Ehrenstrafe“ oder das Sichsetzen mit 
bloßem H.n auf einen Stein, das auch 
aus Holland überliefert ist 39 ), die ältere, 
ursprüngliche Form des Rechtsbrauches 
darstellt, ist schwer zu entscheiden. 

Wenn eine schlesische Mutter das 
Kind entwöhnt und sich dabei auf 
einen Kieselstein setzt, so bekommt das 
Kind niemals Zahnschmerzen; es be¬ 
kommt steinharte Zähne, wenn sie sich, 
sobald zur Kirche geläutet wird, mit dem 
bloßen Gesäß auf einen Stein setzt 40 ). 

In Sagen siegelt derjenige, der 
den Schatz vergräbt, denselben da¬ 
durch, daß er sich mit bloßem H.n auf 
ihn setzt. Der Schatz kann nur dann 
wieder gehoben werden, wenn der gleiche 
H. wieder dort gesessen 41 ). 

Wettermacher stoßen mit dem 
nackten H.n dreimal ins Wasser; sofort 
steigt ein Rauch auf, der rasch zur 
schwarzen Wetterwolke wird 42 ). 

38 ) Liebrecht ZVolksk. 427 §8; vgl. G. 
Basile Pentamerone 2 (1909), 291 Anm. 4 
zum 46. Märchen; Saint-Foix Essais 
historiques sur Paris 7 {1759), 172 = Germania 
31 (1886), 208; Archivio 4, 285 ff. 3# ) Scheible 
Kloster 12, 1140. 40 ) Drechsler 1, 214; 
W u 11 k e 393 § 601; Germania 31 (1886), 
209 f. 41 ) Müller Siebenbürgen 87 Nr. 134; 
Panzer Beitrag 1, 106 Nr. 129; Sieber 
Sachsen 154. 42 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 
184 — Weinhold Ritus 25 = ZfVk. 11, 
417; vgl. Grässe Preußen 2, 318 Nr. 279 r. 

3 


67 


Hiob—Hiob in den Segen 


68 


4. Fruchtbarkeitszauber ist 

cs, wenn in Westböhmen die Bäuerin sich 
mit entblößtem H.n auf den Lein setzt, 
bevor sie ihn sät 43 ), und wenn in einem 
Dorfe bei Breslau sich eine alte Frau 
auf jeden Kürbiskern setzte, den sie 
steckte, damit er so groß werde wie ihr 
Gesäß 44 ). Bei den Deutschen Pennsyl- 
vaniens muß man dem Flachs den H.n 
weisen, dann wird er hoch 45 ). 

Erinnert sei auch an das Gleiten 

( 3 , 864 f.). 

Im oberpfälzischen Fastnachts¬ 
brauch wird den Mädchen, die von 
den Burschen erwischt werden, ein Brett¬ 
chen auf den H.n gesetzt und ein Schlag 
mit dem Hammer darauf getan. Dafür er¬ 
hält sie eine Fastenbretzel 46 ). Einen ähn¬ 
lichen Brauch kennt man auch in West¬ 
böhmen 47 ) (vgl. schlagen) 48 ). 

Nach Burchard von Worms ließen sich 
Frauen, um Liebeszauber auszu¬ 
üben, indem sie niederknieten, auf ihrem 
entblößten Gesäß Brotteig kneten und 
gaben von diesem Brote dem Manne zu 
essen (vgl. oben 1, 1635 f.) 49 ). 

43 ) John Westböhmen 196. 44 ) Drechs- 
1 er 2, 55. 46 ) Fogel 196 Nr. 956; vgl. 
Meyer Dt. Volksk.227. 4 «) Bavaria 2 a, 273. 
47 ) John Westböhmen 45. 48 ) ARw. 14 (191i), 
643 ff.; S a r t o r i Sitte 3, 61. 49 ) G rimra 

Myth. 3, 409 f.; W e i n h o 1 d Ritus 48; Ger¬ 
mania 31 (1886), 209. 

5. Kleinen Kindern dürfen die Eltern 
nicht aus Zärtlichkeit den H.n küssen, 

sonst begegnen ihnen die Kinder später 
grob w ). 

Beim Hexensabbat huldigten die He¬ 
xen dem Teufel, resp. dem Bock oder Ka¬ 
ter dadurch, daß sie seinen H.n küßten 51 ). 
Davon leitete Alanus ab insulis (j* 1202) 
Contra Valdenses Über I, sogar das Wort 
‘Ketzer’ ab: „Catari (für cathari) di- 
cuntur a cato, quia osculantur posteriora 
cati, in cujus specie, ut dicunt, apparet 
eis Lucifer“. 1303 wurde ein Bischof von 
Coventry (England) einer Reihe großer 
Verbrechen angeklagt, u. a. quod diabolo 

homagiumfecerat, et eum fuerit osculatus 

in tergo 52 ). 

H ) Drechsler 1, 215. «) Grimm 

Myth. 2, 891 f. ; Schindler Aberglaube 274 
Anm.; Hertz Elsaß 207. M ) Grimm 
Myth . 2, 892. 


6. Wenn einem der H.e beißt, 
kommt ein gutes Butterjahr 63 ). Einen 
Bernickel am Auge bekommt, wer je¬ 
mandem in den H.n schaut 54 ). Nach 
Suidas soll ein Augenkranker einem 
Hund oder drei Füchsen in den H.n 
gucken 65 ). Den Fingerwurm heilt man, 
wenn man ,,den Finger nur vorne, wo 
der Schmutz ist, in Anum“ steckt und 
ihn eine Weile drin läßt 6ß ). Hat ein Kind 
die Gichter, so berührt man seinen After 
mit demjenigen einer weißen Taube; 
dann stirbt diese bald unter schweren 
Schmerzen, und das Kind wird ge¬ 
sund 57 ). 

63 ) Foge) Pennsylvania 83 Nr. 306; vgl. 
ZfdMyth. 3> i 75 . ««) Drechsler 2, 297 

Anm. 5ä ) Germania 31 (1886), 209. 66 ) Sta- 
ricius Heldenschatz (1679), 511; Sey- 
farth Sachsen 190. 57 ) Wuttke 326 § 485. 

Bächtold- Stau bli. 

Hiob. Patron der an Aussatz, Skorbut 
und Syphilis Leidenden J ). Die Einwohner 
von Mettet (Namur) führen den Spitz¬ 
namen Jobins von einer ihm geweihten 
Quelle, zu der viele Leute pilgern, die mit 
Geschwüren behaftet sind 2 ). In Stein¬ 
mehlen (Kr. Prüm) ruft man ihn als 
,,Schwerenmännchen“ an 3 ). Die Bauern 
in Friaul 4 ), in Belluno 5 ) und in der Pro¬ 
vence 6 ) glauben, daß die Seidenraupen 
aus den Würmern H.s entstanden seien. 
Auch in Calabrien ist er Schutzpatron der 
Seidenwürmerzucht 7 ). Im O.-A. Blau¬ 
beuren ist H. der Leinmann 8 ). Steckt 
man an H. (9. Mai) die Bohnen, so wird 
es sich lohnen, Kartoffeln gesteckt an H., 
dann wachsen sie im Galopp 9 ). Die 
Woche vor H. heißt in Schlesien die 
Hosawuchc; in ihr säet man keine Gerste, 
weil sie sonst in den Ährenhülsen wie in 
Hosen stecken bleibt 10 ). 

*) Höf ler Krankheitsnamen 251; ZfVk. 
3 °; 34 i Fontaine Luxemburg 108. 2 )Se- 
b i 11 o t Folk-Lore 2, 269 f.; vgl. Arnold 
v. Harff 194». 3 ) Wrede Eifler Volksk* 
83. 4 ) Mailly Sagen a. Friaul 92. ß ) Dähn- 
hardt Natursagen i, 336 f. •) Sebillot 
3, 301. 7 ) Tr e d e Heidentum 1, 209 f. 

8 ) Eberhardt Landwirtschaft 3. *) Ebd. 2. 
10 ) Drechsler 1, 115. Sartori. 

Hiob in den Segen *), hier gewöhnlich 
in der Form Job (Jop). Die HS. sind von 
Alters her Wurm segen (s. d.); laut 


69 


Hiob in den Segen 


70 


Hiob 2, 7 f. wurde dieser Fromme mit 
Schwären (Beulen) geschlagen — ein 
Leiden, das nach alter Anschauung Wür¬ 
mer verursachen 2 ), vgl. auch Hiob 
17, 14* Erst eine spät belegte Gruppe 
(unten 4) will die Mundfäule heilen. 

I. Job auf dem Miste 3 ) (nach 
Hiob 2, 8 Vulgata ,,in sterquilinio“). 
Deutsch in z. T. gereimter Form seit dem 
12. Jh., lateinisch erst seit dem 15. Jh. 
und in Prosa 4 ) (die lateinischen Formen 
vertreten schwerlich die Grundform des 
Segens). Die deutschen Varianten zeigen 
von Anfang an unter sich recht große Ab¬ 
weichungen; gemeinsam ist in der Regel 
das erste Zeilenpaar mit dem Reime 
„M iste: Christ e“. Eine Form des 
12. Jhs. hebt an: ,,Der herre Job lach 
in miste, rief uf ze Christe, mit Eiter bc- 
wollen, die maden im uz wielen (d. h. 
sprudelten); des buozte im der hailige 
Crist“. Eine andere des 12. Jhs. ist mehr 
kirchlich angehaucht 5 ). Eine vom 16. Jh. 
an beliebte Form ist hauptsächlich wie fol¬ 
gende: ,,Joblagvff dem myst, da rufft er 
dem hl. Crist: Crist hatt mein vergessen, 
mich wollen die wurme essen. Die wurme 
lagen alle dot, da der hl. Crist gebot“ 6 ). 
Die lat. Formen sagen ,,sedet“ (sedebat), 
Hiob 2, 8, statt ,,lag“. — Vom 14. Jh. an 
können die Farben des Wurmes her¬ 
gerechnet sein 7 ), dies ist jedoch häufiger 
in der Gruppe 2 (unten). — Statt des 
Mistes findet sich ausnahmsweise ,,in den 
strozen“ 8 ), ,,in eim stein“ (dem Zahn¬ 
segen, s. d., über Petrus entlehnt 9 )); 
niederländisch ,,in de woude“ (Walde) 10 ). 
— Daß Hiob an Christus betet und dieser 
ihn heilt, war der altkirchlichen Auffas¬ 
sung unanstößig; auf Christus hofften 
alle Frommen des alten Bundes, siehe bes. 
Hiob 19, 25. 

4 ) Literatur: H ä 1 s i g Zauber Spruch 92 ff. 
*) H ö f 1 e r Krankheitsnamen 820 b. 821 b. 
*) Literatur: MSD. 2, 276 ff. 4 ) Lateinisch 

Germania 32, 453; AnzfKddV. 1871, 303 
*) Beide MSD. 1, 181 Nr. 2 (mit A vgl. 
Mo ne Anzeiger 1837, 474 Nr. 35). •) Ale¬ 
mannia 27, 94 (26, 71), vgl. Birlinger 
Schwaben i, 445; MschlesVk. 1899 H. 6, 
31 Nr. 3. 7 ) M o n e Anzeiger 1834, 279 

Nr. 9; vgl. Germania 25, 507; ZfdA. 38, 16. 
•) ZfdA. 38, 16. •) Alemannia 27, 98. 10 ) Mone 
Übersicht der niederländischen Volksliteratur 


337; vgl. noch tschechisch Hovorka u. 
Kronfeld 2, 101. 

2 . Drei Würmer aßen Job. 
Deutsch, seit dem (u. haupts. in dem) 
15. Jh. üblich. ,,Der wurme woryn dry, di 
sente Job bissyn; der eyne der was wys, der 
andir swartz, der dritte rot. Herre s. Jop. 
lege der würme tot“ (d. h. läge [sonst] 
tot wegen der Würmer) ll ). Der Schluß 
auch so: ,,Her sant Job der Wurm ist 
Üg tod“ o. ä. 12 ). Die meisten Züge des 
Segens sind schon früher bezeugt, teils 
im ,,Mist“-segen (s. 0.), teils auch sonst 
(bes. lateinisch) — nur ohne den Eingang 
mit den drei Würmen. Z. B. lat.: ,,Mor- 
tuus est iste vermis, qui vermes mandu- 
caverunt beatum Job ab jnfantia (1. in 
facie}) 13 ) sua et mortui sunt . . .“ 14 ). — 
Die Farben, drei oder mehr, und 
auch der Reim ,,rot: tot“ finden sich 
deutsch auch in anderen Wurmsegen 
(s. d.), bes. in dem Wurmackersegen. 
Noch früher als in den Wurmsegen (s. 
auch § 1) sind sie in lateinischen Äugen- 
segen (s. d. § 2) bezeugt. 

Der Segen von Job und den drei 
(neun) farbigen Würmen ist schon seit 
dem 15. und 16. Jh. auch in anderen ger¬ 
manischen Sprachen bekannt 15 ). 

ll ) Klapper Schlesien 233: MschlesVk. 
1907, H. 18, 11. 12 ) Birlinger Schwaben 
L 459 ; ZfdA. 38, 15; vgl. Hovorka u. 
Kronfeld 1,83 (Preußen). Mit dem Segen 
§ 1 zusammen Mone Anzeiger 1837s. Anm.5. 
13 ) Vgl. den byzant. Text, in Anm. 14 verzeich¬ 
net. l4 ) Pier Giacosa Magistri Saler - 
nitani 367, spätestens 14. Jh.; vgl. Stein¬ 
meyer u. Sievers Die ahd. Glossen 4, 
518 (12. Jh.); MschlesVk. 1907, H. 18, 25 
(1417); deutsch z. B. Birlinger Schwaben 1, 
460 f. (15. Jh.); ZfVk. 26, 200 (15. Jh.); italie¬ 
nisch: P i t r e Bibi. d. tradizioni popolari 
Siciliane 19, 394; byzant.: Pradel Gebete 
13, aber wohl aus dem Lateinischen. 15 ) Mone 
Übersicht der niederländischen Volksliteratur 
334 (Germania 32, 460); DanmTryllefml. 

Nr. 417ff.; Norske Hexefml. Nr. 118; Klem- 
m i n g Läke - och Örteböcker (Stockholm 1886), 
42. 308. 

3. Außerdem gedenken ganz verein¬ 
zelte ältere Wurmsegen Hiobs: ,,bi . . .s. 
Job unte siner heligin chinde“ 12. Jh. 16 ); 
Hiobs „patientia“ lat. 16. Jh. 17 ). Und 
eine beliebte sinnlose Formel gegen 
Wurm, u (j)ob tridanson 1 ' usw., vom 
15. Jh. an, enthält seinen Namen 18 ); diese 


71 


Hippolytus 


72 


Formel schließt zuweilen den Segen über 
die drei Würmer (oben § 2) ab. 

"•) Germania 12, 466. 17 ) W i e r u s De 

praestigiis daemonum (Basel 1577), 518. 18 ) Bir- 
linger Schwaben 1, 460; Klapper Schle¬ 
sien 233; Alemannia 27, 94; ZfVk. 4, 450 (vgl. 
Alemannia 10, 228, 14. Jh.). Eine Formel 
Mago . . . Job : Schönbach HSG. Nr. 181 
auch im Süden, P i t r 6 Cur io situ de Ile tra- 
dizioni popolari 3, 10 (15. Jh.). 

4. Mundfäule-Segen. Erst 

in neuerer Zeit belegt, sehr verbreitet, 
z. T. durch gedruckte Bücher. Die be¬ 
liebteste Form ist diese: ,,Job zog über 
Land, der hat den Stab in seiner Hand, 
da begegnete ihm Gott der Herr . . . 
Job, warum trauerst du so sehr . . . 
Mein Schlund u. mein Mund will mir 
abfaulen. Da sprach Gott zu Job: 
Dort in jenem Thal, da fließt ein Brunn, 
der heilet dir N.N. dein Schlund u. dein 
Mund“ l9 ). Der Schluß auch so: ,,Nimm 
Wasser in deinen Mund, spei’ es wieder in 
den Grund“ o. ä. 20 ). Einer kürzeren Fas¬ 
sung fehlt der Schluß mit dem Rate 21 ). — 
Statt Hiobs (oder neben ihm) kommen 
oft andere Heilige vor, die meisten doch 
nur vereinzelt. So an ,,Job“ anklingend: 
Jost, d. h. S. Jodocus vgl. unten, 
Jakob 22 ), Josef, Josaphat. 
Weiter Ahab, Abraham, Tho¬ 
mas, Petrus 23 ). Der Stab wird in 
unserem Segen nur für Job und Jakob 
genannt und paßt für letzteren, der als 
Pilger mit Stab abgebildet wird, beson¬ 
ders gut. Andererseits treffen wir im 
15. Jh. in einem der alten Hiobsegen 
(oben § 2) einmal Jakob statt,, Job“ 24 ). 

Mit den alten Hiobsegen ist also nur 
(und höchstens) der Name Job gemein¬ 
sam. Für die Frage ,,warum trauerst du“ 
gab sicher der alte Zahnsegen (s. d.) über 
Petrus (am Stein) das Vorbild. Und der 
Rat, Wasser in den Mund zu nehmen, wird 
im Jahre 1439 als Abschluß eben dieses 
Segens erwähnt 2S ) (in den noch älteren 
Varianten des Zahnsegens kommt er 
nicht vor). Job als Empfänger dieses 
Rates ist zum erstenmal im Jahre 1628 
bezeugt:,, Job saß ahn demsee. . . Christe 
wie thun mir mein zähn so wehe; Job 
nehme du dz wasser“ usw. 26 ). Vgl. aus 


dem J. 1630: ,,Dc hillige Jost“ in einer 
ähnlichen Fassung 27 ). Die übliche Form, 
wo der Leidende wandert und an der 
Mundfäule leidet, kommt erst spät vor. 

9 • 

Übrigens hat schon der alte Hiobs¬ 
segen § I gelegentlich den Wurmsegen 
über Petrus angezogen, s. § 1 Schluß. 
Diese beiden Segen hatten den Wurm ge¬ 
meinsam, während unser Segen § 4 nor¬ 
mal von keinem Wurme spricht; doch 
deutet eben Hiobs Auftreten nach Hof¬ 
ier 28 ) vielleicht darauf, daß die Mund¬ 
fäule als infektiös aufgefaßt wurde. 

19 ) Geistl. Schild 144, vielfach zitiert. 
20 ) Schmitt Hettingen 19; vgl. Meier 
Schwaben 523 f. 2 ‘) WürttVjh. 13. 159 Nr. 5 
(Albertus Magnus). 22 ) Alemannia 25, 239; 
ZfrwVk. 1905, 285; Seyfarth Sachsen 
ui. 23 ) Höhn Volksheilkunde I, 101; ZfVk. 
6, 216; 10, 64; Alemannia 14, 234; Meyer 
Baden 42; Frischbier Hexenspr. 90 
Nr. 2; ZfVk. 22, 297 Nr. 7. 24 ) B i r 1 i n g e r 
Schwaben 1, 459; vgl. 1, 445 (Jakob auf einer 
Miste). 2a ) ZfVk. 12, 12. 2C ) ZfKulturgesch. 
8, 310; vgl. dän. DanmTryllefml. Nr. 461. 
2 ') Bartsch Mecklenburg 2, 427 Nr. 1981. 
28 ) Hofier Krankheitsnamen 124. Ohrt. 

Hippolytus, hl. Römischer Krieger, 
Märtyrer unter Valerian (Decius? Dio- 
cletian?), nach der Legende von Pferden 
zerrissen. Sein Gedenktag ist der 13. Au¬ 
gust *). Er gilt als Pferdepatron 2 ), hilft 
auch Haustieren aller Art 3 ). Die Gör- 
litzer fasteten an seinem Tage, weil er 
ihnen gegen den Ritter Elvil, Besitzer 
eines Zauberpferdes, geholfen hatte 4 ). 
Die Kornopfer in Dettingen am H.tage 
wurden zum Teil in Weiberhauben dar- 
gcbracht und diese dann an die Armen 
verteilt 5 ). H. ist Patron von Blexen an 
der Wesermündung und hat dort einst 
mit eherner Keule vom Himmel herab 
die Feinde der Friesen zerschmettert 6 ). 
In Angermanland fürchtet man am 
13. August Nachtfröste 7 ). 

') Wetzcr u. Welte 6, 12 ff.; Nork 
Festkalender 1,512 f.; Menzel Symbolik 2, 
221; F r a z e r 1, 21. 2 ) Franz Benedik¬ 
tionen 2,131. 3 ) Fontaine Luxemburg 109. 

4 ) Haupt Lausitz 1, 183. 5 ) Herr lein 
Sagen d. Spessarts 64. «) Strackerjan 

2, 390; Meyer German. Mythol. 219 will ihn 
daher mit Donar zusammenbringen. Eine an¬ 
dere Sage von H.: Strackerjan 1, 128. 

7 ) Heckscher 517. Sartori. 


Hippomanes—Hirn 




Hippomanes, auch Roßwut, Wonne, 
das Lätizel, Fohlenbrot, Fohlengift, Netz- > 
lein, der Nutzen oder Pferde- und Fohlen¬ 
milz geheißen, ist ein milzähnliches, 
embryonales Allan toisgebilde, das im 
Fruchtwasser schwimmt und von dem 
viel gefabelt wird. In einem medizinischen 
Sammelwerk des 18. Jahrhunderts wird 
H. erklärt als „die Nachgeburt und Mem¬ 
branen, welche mit dem Partu der Pferde 
ausgeschlossen werden, werden vor ein 
Philtrum gehalten“ *). Es dient ge¬ 
trocknet und gepulvert (auch zusammen 
mit anderen Ingredienzien) gegen die ! 
„schwere Not“ und die „schwere Krank¬ 
heit“ und gegen die Fallsucht. Es soll 
auch die Milchsekretion steigern, wie die 
Eselsmilz. Es gilt als Liebesgift, soll 
geschlechtlich erregen und liebestoll 
machen 2 ) 4 ). Nach Agrippa ist H. ein 
Stückchen Fleisch von der Größe einer 
Feige, das auf der Stirne des neugeborenen 
Füllens sich zeigt. Wenn die Mutter es 
nicht sogleich wegfrißt, so hat sie nicht 
die geringste Neigung zu ihrem Jungen 
und will es auch nicht ernähren. Aus 
diesem Grunde wird behauptet, daß die 
Kraft des H. zur Erregung der Liebe 
außerordentlich sei, wenn man es, in 
Pulver verwandelt, mit dem Blute des 
Liebenden als Trank darreiche 3 ) 4 ). 

Aeneide IV 515/6: 

Quaeritur et nascentis equi de fronte revulsus 
Et matri praereptus amor 4 ). 

In dieser Beschaffenheit und Ver¬ 
wendungsform scheint es auch Ovid zu 
kennen: 

Fallitur, Haemonias siquis decurrit ad artes, 
Datque, quod a teneri fronte revellit equi®). 

Nach anderen ist H. ein milzähnlicher 
Körper, den die Füllen nach ihrer Ge¬ 
burt auf der Zunge haben, aber beim 
ersten Atemzug verschlucken sollen 4 ) 5 ). 
Noch ein drittes Zaubermittel wird H. 
genannt: der Brunstschleim der Stuten 
(auch Plinius XXVIII, 49) 5 ). „Es ist 
dies jenes Gift, das aus der Scham ; 
rossiger Stuten läuft“, und dessen Virgil j 
in folgenden Worten gedenkt: 

Dorther stammt Hippomanesgift, von den 

Hirten die Roßwut 

Richtig benannt, ein Saft, der zäh entquillt 

dem Geburtsglied: 


Roßwut, welche sich oft boshaft Stiefmütter 

gesammelt, 

Kräuter vermischend damit und unheilbrin¬ 
gende Worte. 

Auch der Satiriker Juvenal spricht davon: 

Von dem gekochten Gift, dem Hippomanes 

und Fleische 

Red' ich, das man dem Stiefsohn gereicht 3 ). 

Fugger 7 ) spricht sich sehr heftig gegen 
den Aberglauben vom H. aus und er¬ 
zählt, er habe in seinen Gestüten von 
zuverlässigen Leuten nach jenen beiden 
Fleischkörpern, jedoch vergeblich, suchen 
lassen 4 ). 

*) Johann Jacob Woyts Gazophylacium 
medico-physicum , oder Schatzkammer medicinisch 
und natürlicher Dinge etc. Leipzig 1751, 960. 
2 ) Höfler Organth. 267 f.; ders. Krank¬ 
heitsnamen 75. 194. 344. 444. 450. 838. 851; 
Jühling Tiere 128. 3 ) Agrippa v. Nettesheim 
i, 192. 4 ) Jähns Ross 1, 374 f. 5 ) Höfler 

Organoth. 268. ®) Ovid Ars amatoria II. Buch 
Vers 99 f. 7 ) Fugger Ritterl. Reutterkunst , 
Frankfurt a. M. 1584. Steller! 

Hirmon. Ein eisernes Heiligenbild in 
einer Kapelle bei Bischofsmais im baye¬ 
rischen Walde (Brustbild ohne Füße mit 
breiter Grundfläche), das auf wunder¬ 
bare Weise gefunden sein soll. Das Volk 
nennt es auch Konteri (Günther). Es 
wird von Wallfahrern am 10. und 24. 
August (St. Lorenz- und St. Bartholo¬ 
mäustag) dreimal emporgehoben (s. 3, 
1603) und geküßt. Dabei muß man aber 
vorsichtig sein, daß das Bild (man benutzt 
seit 1856 einen hölzernen Ersatz) nicht 
nach vorn oder hinten das Übergewicht 
erhält, denn damit verbindet sich der 
Glaube an noch ungesühnte Sünden 
des Hebenden. Das alte Bild soll schon 
oft in das Moos versenkt worden sein, 
ist aber jedesmal wieder ans Tageslicht 
gekommen. H. ist auch Fürbitter für 
das Getreide und das Vieh *). 

*) Panzer Beitrag 2, 39. 402 f.; Quitzmann 
140. 145L; Andree Votive ioöf.; Höfler Wald¬ 
kult 142. 145. Sartori. 

Hirn. 

1. Schädel, Kopf und H. sind anschei¬ 
nend in älterer Zeit nicht deutlich von¬ 
einander unterschieden worden, denn 
ahd. hirni, mhd. hime gehören vielleicht 
zu skr. giras = Kopf, griech. xpotvtov = 
Schädel und lat. cerebrum 1 ). Dem nhd. 
H. steht das nd. bregen gegenüber. Im 


75 


Hirn 


76 


Vergleich mit griech. ßps^jxor, dem vor¬ 
deren Teil des Kopfes, liegt ein Hinweis 
auf eine ähnliche Entstehung des Begriffs 
wie bei H. In der Neuzeit sagt man im 
Steirischen zu Kopfbinde auch „Hirn¬ 
binde“ und spricht vom „Hirnschädel¬ 
moos“, das den Fallsüchtigen empfohlen 
wird. Allgemein spricht man von „Hirn¬ 
holz“ für Stirnholz 2 ). Bei der Unter¬ 
suchung, ob das H. als Seelen- und Le- 
benssitz angesehen wurde, ist das zu 
berücksichtigen. Es ist anzunehmen, daß 
der Kopf (s. d.) als Sitz der Sinne weit 
eher im ganzen als Seelensitz erscheint 
als das unsichtbare, oft dem Knochen¬ 
mark gleichgesetzte H. 3 ). Die Griechen 
haben zuerst die Bedeutung des H.s für 
das Denken erkannt 4 ). Die rationale 
Seele hat ihren Sitz nach Plato im Gehirn, 
die irrationale im Unterleib. Aristoteles 
vermutet die Seele im Herzen, nach 
Galen ist das H. Sitz des Verstandes, 
der Mut wohnt im Herzen, die Liebe in 
der Leber 6 ). Plinius gibt vermutlich 
die Volksanschauung wieder, wenn er das 
H. zum Sitz der Sinne und des Geistes 
macht, im übrigen aber es vom Herzen be¬ 
herrschen läßt 6 ). Er mag das M. A. beein¬ 
flußt haben. Hildegard von Bingen spricht 
das H. an als „materia scientiae, sapien- 
tiae et intellectus hominis ... sedet vires 
cogitationum retinet. Cogitationes autem 
cum in corde sedent, aut suavitatem aut 
amaritudinem habent; suavitas vero ce- 
rebrum impinguat et amaritudo eum 
evacuat“ 7 ). Die Güte gibt dann den 
Sinnesorganen den Ausdruck der Freude, 
die Bitterkeit bringt Zorn, Traurigkeit 
und Tränen. Bei Plinius wie bei Hilde¬ 
gard fehlt der Ausdruck anima für das H., 
im 14. Jh. braucht Konrad von Megen- 
berg das Wort sele, das ebensogut Sin¬ 
nenkraft wie psychische Eigenschaft oder 
ganz allgemein Leben bedeuten kann. 
Nach ihm hat die H.-schale drei Käm¬ 
merlein, die eine vom im Haupt „und 
in dem ist der sei kraft, die da haizt 
fantastica oder imaginaria, daz ist als 
vil gesprochen sam diu püderinne, dar 
umb daz si aller bekanntlicher ding pild 
und gleichung in sich samnet, daz ander 
kämerlein ist ze miteist in dem haupt 


und in dem ist der sei kraft, die da haizt 
intellectualis, daz ist Vernunft, daz dritt 
kämerlein ist ze hinderst in dem haupt 
und in dem ist der sei kraft, die da heizt 
memorialis, daz ist gedachtnüss. die drei 
kreft der sei die behaltent den schätz 
aller bekanntnuss“ 8 ). Von der Seele im 
H. unterscheidet Megenberg den Geist, 
meint damit aber nicht unsem Begriff, 
sondern das lat. spiritus, dessen verschie¬ 
dene Arten am besten unser Ausdruck 
„Lebensgeister“ wiedergibt. Es sind die 
Kräfte, die neben dem Blute als luft¬ 
förmiges Leben durch die Adern ziehen: 
„der hals hat vil ädern, durch die vlie- 
zent die gaist und daz pluot von dem 
herzen und von der lebern in daz haupt 
und in die sideln (Sitze) aller sinnen und 
aller kreften der sei“ 9 ). Megenberg folgt 
in Begriffen und Bezeichnungen der An¬ 
tike, erst mit d. 15. Jh. setzen, vor allem 
durch Vesal, die Bestrebungen ein, sich 
von den alten Anschauungen zu lösen. 
Haben schon die Araber des 10. Jh. das H. 
dem Herzen übergeordnet 10 ), so wird 
nun der Gedanke von der Beherrschung 
des H.s durch das Herz immer mehr zu¬ 
rückgedrängt, wenn gleich der Volks¬ 
glaube heute noch keine klaren Vorstel¬ 
lungen zeigt. Er neigt dazu, immer noch 
dem Herzen den Vorrang zu geben, und 
wird der Seelensitz nach oben verlegt, 
dann in das ganze Haupt, nie in das H. 
allein 11 ). Höchstens in Scherzworten 
werden vereinzelt Denkfunktionen mit 
dem H. in Verbindung gebracht, so in 
dem nd. „bregenklöterig“ d. h. verwirrt, 
benommen sein, oder „Stroh im Schädel“ 
haben und in ähnlichen Wendungen 12 ). 
Landläufig ist die Ansicht, H. und Haupt 
als Träger der Lebenskraft anzusehen. 
Die Exekutionsart des Hauptabschlagens 
bei Verbrechern und Vampyren gehört 
hierher wie das kopflose Gespenst und die 
verschiedenen Formen des Schädelkults 13 ), 
die bis in die Neuzeit ihre Wirkung geübt 
haben 14 ). Die Wertschätzung des Tier¬ 
hauptes im Rechtsbrauch, Opferkult und 
Zauberglauben könnte ebenfalls in Ver¬ 
bindung stehen mit solchen Anschau¬ 
ungen, aber auch hier steht das H. nicht 
im Vordergrund des Interesses 15 ). Nur 


77 


Hirn 


78 


einmal, im Artikel XVI des Indiculus 
superstitionum wird „de cerebro anima- 
lium“ geredet 16 ). Keine ältere, gleich¬ 
zeitige oder spätere Quelle meldet etwas 
von einer H.schau, und doch mag von H.- 
inantik die Rede sein, denn Artikel XVI 
steht zwischen anderen Gebräuchen, die 
alle mantischen Aberglauben angeben 17 ). 

x ) Heyne Wörterb. 2, 171 f.; Kluge® 176. 
*) Bargheer Eingeweide 345. 3 ) Höfler 

Organotherapie 49. 4 ) Win di sch Über den Sitz 
der denkenden Seele (1891) 159. h ) Bargheer 
Eingeweide 13. ®) Plinius nat. hist. XI, 37 (49)- 
7 ) Hildegardis caus. et cur. 91, 30. 8 ) Megen¬ 
berg Buch der Natur 4 f. ®) ib. 19. 10 ) Die- 
terici Araber (1861) 203. n ) Eckart Sprich¬ 
wörter (1893) 215: Andrian Altaussee (1905) 
118; Bargheer Eingeweide 16. 12 ) vgl. Grimm 
DWb. 4, 2, 2485; Curtze Waldeck (1860) 
Idiotikon s. v. 13 ) Bargheer Eingeweide 18 f. 
14 ) Andree-Eysn 147; Lammert 25; ZföVk. 
1, 80 f. u. 288. 16 ) Bargheer Eingeweide 19, 

X2i. l4 ) Saupe Indiculus 21. l7 ) ib. und Fela 
Aber gl. (1857) 68. 

2. Näher liegt jedoch der Gedanke 
an H.-zauber und -heilzauber, der 
sich verhältnismäßig häufig im deutschen 
Sprachgebiet nach weisen läßt. Auch hier 
ist nicht ganz klar zu scheiden zwischen 
Haupt- und H.-zauber. Menschenh. 
zum Zaubern ward erwähnt in einem 
irischen Ketzerprozeß von 1324 18 ) und 
in den Rariora Naturae et artis von 
1737 19 ) aus Polen. Noch im Juli 1930 
stellt im südbulgarischen Orte Rosental 
eine Zigeunerin Liebestränke her nach 
einem Rezeptbuche in türkischen Schrift¬ 
zeichen. Dazu benutzt sie das H. eines 
kürzlich Verstorbenen, den sie mit ihrem 
Sohne gemeinsam ausgräbt 20 ). Bärenh. 
soll schon seit Plinius benutzt worden 
sein, um die Leute unsinnig zu machen: 
„Wenn einer Bärenh. einfrißt, so gereht 
er darüber in solcher Phantasei und stärke 
Imagination, daß er sich bedünken läßt, 
glich alls wäre er zum Bären worden" 21 ). 
Sperlingsh. fördert die „Venus-Lust“ 22 ). 
In beiden Fällen soll anscheinend eine 
vermutete Tiereigenschaft übergehen. So 
soll Adlerh. die Menschen zanksüchtig und 
kühn machen 23 ), Krähenh. die Augen¬ 
brauen zum Wachsen bringen 24 ). Organ¬ 
eigenschaften sollen eingegeben werden, 
wenn man glaubt, daß Eichhömchenh. 26 ) 
oder Geierh. 26 ) „die gedechtnuss“ stärke. 


Seltsam steht diesem Glauben die in 
Österreich und auch sonst verzeichnete 
Anschauung entgegen, nach der man 
Kindern kein Tierh. geben soll, damit 
sie nicht dumm werden 27 ). Vielleicht 
sind es hier wiederum die Tiereigen¬ 
schaften, die man fürchtet, dem Kinde 
einzuverleiben. So wird der Genuß z. B. 
von Fischh. sorgfältig vermieden 28 ). 
Der ursprüngliche Zusammenhang zwi¬ 
schen maleficium und veneficium wird 
klar an den Zauberrezepten mit Katzenh. 
In einem Hexenprozeß von 1544 heißt es 
von der Krankheit eines Mannes: „vnd 
were do die gmein red, bylis frow die sölte 
in katzenhimy han zu essen geben“ 29 ). 
1545 soll in Stralsund eine Hexe einem 
Bürgersolme einen Trank gegeben haben, 
„alse einn egedissenn quaden poggenn, 
schnakenn, kattenbregen“, worüber er 
den Verstand verloren 30 ). 1550 braucht 
nach der Zimmemschen Chronik eine 
Dirne Katzenh., um einen Schneider 
zu „vergeben“ 31 ), in einer Schrift des 
17. Jh. heißt es: „Bezoarticum solare ist 
ein gar geheimes und kräftiges Mittel 
wider — Mercurius sublimatus — Katzenh., 
Toxica oder Pfeil-Gift, Zauber- und 
Liebes-Tränck“ 32 ). Becher sagt vom Gift 
der Katzen, es sei „allein in dem H. 
derselbigen“ 33 ), und noch 1737 sagt man 
vom Katzenh., „daß es etwas gyfftig sey, 
und mögen leichtfertige Dime gewisse 
Liebestränke davon machen, solche denen- 
jenigen Mannspersonen beizubringen, die 
sie auf schlüpferige Wege zu ihrer Liebe 
bringen wollen“ 34 ). Bis ins 19. Jh. haben 
sich solche Anschauungen gehalten. Ein¬ 
mal wird aus Westböhmen 36 ) ähnlich 
berichtet, und um 1880 vermerkt ein 
Sammler aus Mecklenburg: „Das Geh. 
krepierter Katzen geben die Hexen den¬ 
jenigen ein, welche sie wahnsinnig machen 
wollen“ 38 ). Wiedehopfh. wird zum 
Kugelzauber benutzt 37 ), Rabenh., um 
Schweine zu hüten 38 ), wozu schon Plinius 
bemerkt hat: „porcos sequi eos, a quibus 
cerebrum corvi acceperint in offa“ 39 ). 
Erklärlicher ist es, wenn der Stein aus 
dem H. des Hahnes zum Liebeszauber 
dient, zu einer Zauberkerze nimmt das Re¬ 
zept eines Scharfrichters auch Hasenh. 40 ). 


79 


Hirn 


8o 


Häufiger ist die Verwendung des 
H.s zum Heilzauber. Eine gewisse 
Ähnlichkeitswirkung wird erwartet bei 
Hauptleiden. Das Geierh. steht in der 
älteren Überlieferung hier an erster Stelle. 
Plinius kennt es bereits 41 ), im Cod. San- 
gallensis heißt es: cerebrum de uulturio 
in aqua bibat, sanat 42 ). In einem Arznei¬ 
buch des 13. Jh. 43 ) und ähnlich später 
bei Megenberg 44 ) wird das Geierh. über 
alle Maßen gelobt. Der Geier soll sogar 
sein eigenes H. in der Gefahr verschlingen, 
damit es dem Menschen nicht nütze. 
Diese Mär kehrt im 15. Jh. wieder 45 ) und 
ist sogar noch im Anfang des 18. Jh. 
bekannt 46 ). Im 16. und 17. Jh. wird das 
Geierh. „Zum haubt... fuer großen 
schmertzen darinn“ 47 ) gebraucht, in den 
Einzelheiten des Rezepts besteht Ähn¬ 
lichkeit mit Plinius’ Vorschriften 48 ). 
Geierh. hat man vielleicht gewählt wegen 
der Schwierigkeit der Beschaffung, auch 
mag die Emährungsart des Geiers eine 
Rolle gespielt haben, endlich sein Auf¬ 
enthalt in großen Höhen. Widderli. 
soll gegen „Thummigkeit des H.s“ 
helfen 49 ), gegen Schwindel und Kopfweh 
nahm man in Oberwölz das warme II. 
eines Zaunkönigs, Eichhörnchens oder 
einer Katze 50 ). Paullini erzählt 1714 
von einem Seiltänzer, der „curirte allen 
Schwindel mit dem Gehirn solcher Eich- 
hörngen, auff waserley Weise es auch 
genommen wird“ 5I ). Weshalb man gegen 
Schwindel das H. gerade dieser gewandten 
Tiere wählte, mag einleuchten. — Die 
gleichfalls bereits von Plinius erwähnte 
Benutzung des H.s gegen Epilepsie und 
Tollwut kehrt im deutschen Heilbrauch 
wieder. Becher sagt: 

So aus dem Menschenh ein Wasser wird be¬ 
reit. 

Ein Scrupel dessen hilft und stillt das böse 

Leid 32 ). 

Gegen das „böse Leid“, die Epilepsie soll 
nach der königlich preußischen Taxe von 
1749 der„Menschenhimspiritus“ helfen 53 ), 
dessen Herstellung beschrieben wird: „Das 
Menschen H. / auch alles was auss ihm 
bereitet wird / ist sehr gut vor die schwere 
Noth / es werden aber auss ihme dreyerley 
bereitet / nemblich ein Spiritus, Oel / und 


aqua antepileptica“ 54 ). Gegen Epilepsie 
werden sonst noch Raben- und Elsternh., 
besonders aber der Stein aus dem Schwal- 
benh. gelobt. Vom späteren Mittelalter 
bis in die Neuzeit ist es endlich die H.- 
schale, die man gegen den „fallenden 
Siechtag“ benutzt 55 ). Eine lindernde 
Wirkung des fetthaltigen H.s wird häufig 
erwartet. Menschenh. wird schon im 
alten Ägypten zu einer Augensalbe 
empfohlen a6 ), allgemein scheint zu allen 
Zeiten die Verwendung von Hasenh. 
gewesen zu sein, um den Kindern das 
Zahnen zu erleichtern 57 ). Im Altertum 
kennt man die Asche des Hasenhauptes 
als Mittel gegen Zahnkrankheiten, Plinius 
schreibt aber ausdrücklich die Verwen¬ 
dung von Hasenh. vor zur Erleichterung 
des Zahnens. In der Düdeschen Arstedie 
des 14. Jh. heißt es: „Van den kynder- 
theilen. Sede hasenbregen an watere 
vnde smere dar de kyndertene mede vnde 
dat gagel, wan se den kynderen scholen 
vpghan“. Becher schreibt vor: 

Mit frischem Hasen-H. den Kieffer wol 

geschmiert 

Den Kindern es die Zähn gar leicht heraußer 

führt. 

Für die Neuzeit ist das Rezept über¬ 
liefert im rechtsrheinischen Alemannien, 
in Schwaben und in Bayern, für Mittel¬ 
und Norddeutschland fehlen Belege, trotz¬ 
dem die Düdesche Arstedie das Mittel 
noch kannte. Höfler erklärt den Heil¬ 
brauch aus dem Opferkult 58 ), die Quellen 
selbst betonen stets die lindernde Wirkung, 
etwa in der Gleichsetzung mit Honig und 
Butter, wie Gesner sagt. Sonst wird 
Hasenh. noch gegen Zittern der Glieder 
verwandt 59 ). Gegen Frostbeulen soll 
Katzen- oder Rabenh. helfen 60 ), Adler- 
und Hasenh. heilen Beschwerden der 
Hamorgane 61 ). Gelegentlich wird 
Katzenh., in Essig gesotten, gegen Gelb¬ 
sucht empfohlen 62 ), Plinius kennt schon 
die Verwendung von Hundeh. gegen 
dieselbe Krankheit 63 ). Adlerh. soll 
gegen Verstopfung der Pferde helfen 64 ), 
und die Seeleute aus Oldenburg heilen die 
Gicht mit der fetten Flüssigkeit, die aus 
dem H. eines aufgehängten „swinfisch“ 
(delphin phocaena) träufelt 65 ). H.- 


Him 


82 




iteinrezepte sind selten in neuerer Zeit. 
Außer dem Schwalbenstein wird in älterer 
Zeit der Stein aus dem H. des Krebses 
gegen „herzstechen“ empfohlen 66 ), der 
„Quirindros haizt geirstain. den zeuht 
man dem geirn auz seim him und ist 
guot wider all schedleich sach und füllet 
den ammen ireu prüstel mit milch“ 67 ). 
Der „Nosech“ aus dem Krötenh. „ist 
guot für den würm piz und für vergift“, 
der „Dracontides“ oder Drachenstein, „den 
nimt man auz ains drachen him, und 
zeuht man in niht auz ainz lebendigen 
drachen him, so ist er niht edel“. Er 
hilft gleichfalls gegen Gift 68 ). 

*•) Hansen Zauberwahn 341*. 19 ) Aleman¬ 

nia io (1882), 6 f. 20 ) Bargheer Eingeweide 
|66. 21 ) SAVk. 6, 53; Höf ler Organotherapie 

05 f. a2 ) Schröder Jagd-Kunst (1728) 165; 
Grässe Jäger-Brevier 2 (1869). 23 ) Männ- 
ling (1713) 311; Buck Schwaben (1865) 52. 
•*) Gesner Vogelbuch (1555) 319; ZfVk. 23, 
127. M ) Höf ler Volksmedizin (1893) 164. 
M ) Friedli Grindelwald 2, 219. 27 ) Wurth 

Niederöstr. 1 (1865), 75. 28 ) mündlich Ham¬ 

burg. 29 ) SAVk. 3, 216. 30 ) Haas Rügen 39; 
vgl. Schiller Mecklenb. 1, 2. 31 ) Archiv d. 

Pharmazie 262, 411; vgl. noch Alsatia 1856/57, 
288. 32 ) Alemannia 8 (1880), 286. 33 ) Becher 
(1663) 42. 34 ) Bargheer Eingeweide 167. 

14 ) John Westböhmen 317. 36 ) Bartsch Meck¬ 
lenb. 2 (1880), 37; Bargheer Eingcw. 167 f. 
I7 ) ZfVk. 23, 7; John Westböhmen 329; ZföVk. 
n (1905)» 174: SAVk. 7, 52. 38 ) SAVk. 7, 52. 
••) Plinius nat. hist. 28, 17 ( 53 )- 40 ) Bar¬ 

gheer Eingeweide 168 f. 4l ) Plinius nat. hist. 
29 , 6 ( 3 6 ) 42 ) Jörimann Rezept (1925) 22. 

w ) Pfeiffer Arzn. 2, 154, 28. 44 ) Megenberg 
Buch d. Natur (ed. Pfeiffer) 230, 1. 45 ) ZfVk. 1 
(1891), 323. 46 ) Alemannia 10 (1882), 110. 

47 ) Schöner von Karlstadt (1528) B 1; vgl. 
Bargheer Eingeweide 248. 48 ) Plinius nat. 

hist. 29, 6 (36). 49 ) Bargheer Eingeweide 248. 
••) Fossel Steiermark (1886) 88; ZrhwVk. 9, 
263; SAVk. 15, 48. 51 ) Paullini Dreckapo¬ 

theke (1714) 39. 52 ) Becher Parnassus med. 12; 
vgl. für 1732: Janus 1900, 576. M ) Marshall 
89. M ) Becher Parnassus 12. 55 ) Bargheer 
Eingeweide 249. 5# ) Papyrus Ebers 282. 

i7 ) Zusammenstellung bei Bargheer Einge¬ 
weide 249 £E. 58 ) Höf ler Organotherapie 60. 

*•) 7, 49; Tabernaemontanus Artzneyb. 
(1597) 146c; MsäVk. 8,91. ®°) Bavaria 4 (1866), 1; 
ZfVk. 8,38 ff.; ZrhwVk. 1905, 287. 61 ) Taber¬ 
naemontanus Artzneybuch 508 d; ZfVk. 8, 
68 ; Alpenburg Tirol (1857) 384; Plinius 28, 
15 (60). <l ) Pauli Pfalz (1842) 71. •*) Plinius 
Nat. hist. 30,39. 84 ) Buck Schwaben (1865) 

52. tt ) Goldschmidt Volksmed. (1854) 121. 
••) Megenberg Buch d. Natur 248, 25. 
• 7 ) ib. 457, 14. «) ib. 444, 5. 


3. Das Volk kennt nur wenige H.- 
krankheiten. Ein Zusammenhang 
zwischen H. und gewissen Lähmungser¬ 
scheinungen wird angenommen, wenn 
man nach dem Vorbild der Ärzte des Alter¬ 
tums diese auf im H. niederfallende 
Tropfen zurückführt. Jedoch redet die 
ältere und die neuere Zeit zugleich vom 
„Schlag“, nimmt also zunächst dämo- 
nistischen Einfluß an 69 ). Im 12. Jh. wird 
schon der „troppho“ 70 ) erwähnt als Krank¬ 
heitsbezeichnung, ein Arzneibuch des 
13. Jb. gibt ein Rezept für einen, den „der 
trophe wirret“ 71 ) (s. 1,1459 ff.). Bei Taber¬ 
naemontanus ist offen die Ansicht gegeben, 
der Schlag stamme aus dem H. Unter 
den 5 vermerkten Arten marschiert an 
dritter Stelle: „Paralysis, der Schlag 
vn Tropffen“ 72 ). Wenn auch der Schlag 
oder Tropfen andere Teile des Körpers 
treffen kann, so herrscht doch im allge¬ 
meinen die Ansicht vor, daß der Tropfen 
im H. falle. Gewöhnlich sind es drei Bluts¬ 
tropfen (s. d.), die Erkrankung und den 
Tod bringen. Geiler spricht vom „schlack“ 
oder „tropfft“ oder „parli“: „sie sagen das 
der brest im H. sei, vnd die ederli, die 
zuo dem h. gond, wenn sie gantz ver- 
stopffet sein von wuost, so werd sant 
veltins siechtag daruss, so sprechen ir, 
cs hangen drei tropffen am h.“ 73 ). Nach 
niederösterreichischem Glauben hat jeder 
Mensch drei Blutstropfen im Kopf. 
Fällt einer zur rechten Seite herab, so 
trifft ihn der Schlag rechts, fällt der 
Tropfen links, wird die linke Seite lahm, 
der Fall des Tropfen in der Mitte aber 
bringt den Tod 74 ). Ähnlich heißt es in 
der Steiermark 75 ), in Tirol 76 ) und in 
Schwaben 77 ). Im Frankenwald sagte man 
bei plötzlichem Tode, drei oder auch sie¬ 
ben Blutstropfen seien ins H. oder Herz 
geschossen 78 ). Beim Ohrenklingen soll 
gleichfalls ein Tropfen Blut herabfallen 79 ). 
Bei „Geschoß“ (s. d.) oder „Kopfgeschoß“, 
heftigem Kopfschmerz, sind selten Ver¬ 
knüpfungen mit dem H. festzustellen, 
ebensowenig wie bei Geisteskrankheiten, 
Fallsucht (s. d.) u. Tollwut (s. d.). Bei 
allen wird dämonistischer Einfluß ver¬ 
mutet, wie denn durch Zauberei auch das 
H. beeinflußt werden kann. 1633 be- 



kennt ein 16 jähriger Zauberer, daß er 
Leuten das H. aus dem Kopfe gezaubert 
habe durch Berühren mit einem vergif¬ 
teten Stäbchen 8Ü ). Eine Hexe glaubt 
man treffen zu können, wenn man einen 
Nagel in einen Balken treibt, dabei ihren 
Namen und den Teufel nennt. So weit 
der Nagel eindringt, so weit dringt er der 
Hexe ins Haupt 81 ). Auch der böse Blick 
kann Kopfschmerzen verursachen nach 
wendischem Glauben 82 ). — Häufig wer¬ 
den Tiere als Erreger von H.-kränklichen 
angenommen. Nach dem Glauben der 
Mark erregten ,,Elben“ Kopfschmerz und 
Gedächtnisschwund, cs gibt schwarze, 
rote und weiße Elben, die man sich viel¬ 
leicht als Würmer vorstellte 83 ). Die an 
prähistorischen Schädelfunden beob¬ 
achtete Trepanation mag derartige Auf¬ 
fassungen zum Grunde haben. Im alt¬ 
deutschen Gedicht vom Reinhart Fuchs 
kriecht dem Löwen eine Ameise ins H. 
und veranlaßt sein Siechtum 84 ), im Mit¬ 
telalter wird häufiger von Würmern ge¬ 
sprochen, die sich im H. aufhalten 85 ), 
Konrad von Megenberg kennt den Wurm 
im Haupte des Hirsches, ,,dcr in oft mü- 
et“ 86 ), der aber anscheinend zum Leben 
so wichtig ist wie der Herzwurm (s. Herz). 
Vom H.wurm erzählt anschaulich die 
Düdesche Arstedie: „Wedder den worm, 
de in deme koppe ys. Snyd eine den bra- 
genkop vp vnde lat de scheluere darto 
hanghen vnde nym klcyne boemwulle 
vnde bore deme worme de vothe behende- 
liken vp vnde legge em wat boemwulle 
darvnder myt enen behenden instru- 
mento vnde des gelik do vnder alle syne 
vothe. Dama nym eyne behende tanghe 
vnde the ene hastliken vth vnde vathe 
ene yo vaste vnde se darto, dat he dy 
nicht wedder vntvalle, he sloge anders 
syne vothe vnde syne clawen in dat 
braghen, vnde so moste de mynsehe 
steruen“ 87 ). Nach der genauen Be¬ 
schreibung scheint es fast so, als ob 
wirklich solche Operationen vorgekom¬ 
men sind. Um 1600 gibt es ein Mittel 
gegen ,,Würmer im Gehirn“ 88 ). Seitz 
erzählt 1715 noch ausführlich von der 
Tätigkeit der H.würmer 89 ). Auch 
heute ist der alte Glaube lebendig. In 


Finkenwärder warnt man davor, die Nase 
dicht an Blumen zu bringen, es könnten 
Käfer ins H. dringen ö0 ). In der Schweiz 
trifft man die Meinung an, H.krankheiten 
rührten von Ameisen und Würmern her, 
die man ausräuchern könne 91 ), nach 
württembergischem Glauben wird Geistes¬ 
krankheit durch Wasser oder durch einen 
Wurm im H. verursacht 92 ). Verein¬ 
zelt wird auch sonst Wasser im H. ver¬ 
mutet, bei Lähmungen vom Zergehen 
des H.s gesprochen 93 ). Entzündung der 
H.häute wird ,,Hirnebrand“ genannt ö4 ). 
Andere Anschauungen von H.krank¬ 
heiten gehen zurück auf die Säftelehre 95 ). 
Kalt und feucht ist das H. ,,Quod si forte 
aliquando exsiccatur, mox in infirmitatem 
ducitur“ 96 ), sagt Hildegard von Bingen. 
Gereinigt wird das H. durch den Schleim, 
der aus der Nase abfließt 97 ). So überlie¬ 
fert im großen und ganzen das gesamte 
Mittelalter. Geht der Schleim nicht durch 
die Nase ab, so schlägt er auf die übrigen 
Organe und schädigt sie. Umgekehrt 
können Säfte und Dünste von den Or¬ 
ganen aufsteigen und dem Gehirn Scha¬ 
den bringen. H.schmerzen können nach 
neueren Anschauungen immer noch ,,aus 
dem Magen“ stammen 98 ), der Pfälzer 
unterscheidet drei Arten von Kopfschmerz, 
solchen aus dem ,,nach dem Kopf stei¬ 
genden Geblüte“, solchen aus der auf¬ 
steigenden Galle und „wenn der Fluß 
sich auf den Kopf geworfen hat“ "). 
Auch die Ansicht, daß das H. sich durch 
den Nasenschleim reinige, ist heute noch 
durchaus lebendig 100 ), beim Niesen ge¬ 
schieht die Reinigung gründlicher, wes¬ 
halb Niespulver empfohlen wird 101 ). — 
Bei der Heilung von H.krankheiten wird 
fast allgemein nur der Kopfschmerz 
bekämpft. Außer organotherapeutischen 
und mechanisch kühlenden Mitteln 102 ) 
wird empfohlen, die Krankheit mit dem 
Urin fortzulassen 103 ) oder in einen um¬ 
gekehrt wieder eingelegten Wasen oder 
in ein Vogelnest zu bannen 104 ). In Ost¬ 
preußen wird das „Aufkochen des Bre¬ 
gens* 1 angeraten: „Dem Kranken muß 
Wasser auf dem Kopf kochen! Das ge¬ 
schieht mittelst eines irdenen Topfes und 
einer Schüssel. Das Wasser kocht ohne 


85 


Hirsch 


86 


Feuer und verschwindet ganz. Und so 
wie das Wasser verschwindet, sind auch j 
die Kopfschmerzen weg“ 105 ). Waschung 
mit Osterwasser soll helfen wie die Opfe¬ 
rung von Votivköpfen, bekannt ist die 
Hilfe durch die Johannishäupter 106 ). 
St. Pantaleon hilft gegen Kopfschmerz, 
weil ihm nach der Legende ein Nagel 
ins Gehirn getrieben wurde 101 ), andere 
H.-schmerzheilige sind Athanasius, Ma¬ 
karius und Quirinus. — In Kopfschmerz¬ 
segen werden „die kleinen Leute“ be¬ 
schworen, aus dem Haupte zu gehen 108 ), 
sonst wird „das wilde Geschoß Anwart“ 
oder „Anwaht“ (s. d.) gebannt 109 ), das in 
seiner Wurzel vielleicht auf wehen zurück¬ 
geht und damit dämonistischen Ursprung 
verrät. 

Gegen „Hauptscheid“, bei dem die 
Schädelknochen angeblich drohen zu zer¬ 
springen, wird gesagt: 

H. verschließe dich, 
wie Maria ihren Leib verschlossen hat 
vor ihrem Mann 110 ). 

••) Bargheer Eingeweide 345 f. 70 ) Ger¬ 
mania 18, 46. 71 ) Pfeiffer Arzneibuch 2, 

138. 8 . 72 ) Taberna emontanus Artzneybuch 
I43. 73 ) Rochholz Gl. u. Br. 1, 41. 74 ) Wurth 
Niederöstr. 2 (1866), 289. 75 ) Fossel Steierm. 

(1886) 88 f. 7Ö ) Alpenburg Tirol (1857) 370; 
Zingerle (1859) 459; Menghin 115. 77 ) Buck 
Schwaben 15. 78 ) Flügel Frankenwald (1863) 76. 
7 *) Ebeling Drömling (1889) 275; Köhler 
Voigtland 397; Wurth Niederöstr. 2, 289. 

I0 ) Alemannia 4, 170. 81 ) Buck Schwaben 67. 

•*) Schmaler-Haupt Wenden (1843) 261; 

v. Schulenburg Wenden 1, 225. 8a ) Kuhns 

Zeitschr. 13, 142 ff.; Grimm Mythol 3, 498 ff.; 
ZfdA. 4, 389; Wolf Beiträge 2, 228 f. 84 ) Grimm 
Mythol. 2, 980. 85 ) Lammert 129; vgl. Büch¬ 
ner Arzte u. Kurpfuscher (1922) 302. 8e ) Me¬ 
genberg Buch der Natur 130. 87 ) Norrbom 

Düdesche arstedie 134, 22. 88 ) ZföVk. 3, 343. 

M ) Seitz Trost der Armen (1715) 504 f. 90 ) 
mündlich. 9l ) Manz Sargans 81. 92 ) Höhn 

Volksheilk. 1, 134 f. 98 ) Br enner-Schäf fer 
Oberpfalz (1861) 29. 94 ) Friedli Lützelflüh 1 

(1905), 450. 9S ) Bargheer Eingeweide 349 f- 

H ) Hildegardis caus. et cur. 91, 27. 97 ) ib. 97, 
10; Bargheer Eingeweide 350. 88 ) Flügel 

Frankenwald 62. 99 ) Pauli Pfalz (1842) 14. 

I0 °) Wolf Beiträge 1 (1852), 206; Goldschmidt 
Volksmed. (1854) 115; Fossel Steiermark 96; 
Flügel Frankenwald 62; Buck Schwaben (1865) 
16. 101 ) Bargheer Eingeweide 351. 102 ) ib. 352. 
10t) Wlislocki Siebenbürgen 1 (1893), 99. 

104 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 238. 106 ) 

Lemke Ostpreußen 1, 53; ähnl. BllpommVk. 
5, 86. 10e ) Bargheer Eingeweide 352; SAVk. 


14, 287 ff. l07 ) Buck Schwaben 27; Lammert 
Bayern 223. l08 ) Frischbier (1870) 74; ZfVk. 
5, 15 ff.; Wolf Beiträge 1, 256. 109 ) Höhn 121; 
Wuttke-Meyer 182. n0 ) Höhn 125, andere 

Kopfschmerzsegen bei Bargheer Eingeweide 
334 f. Bargheer. 

Hirsch (Cervus elaphus, Rothirsch und 
Dama dama, Damhirsch). 

1. Name. Die Cerviden verfügen über 
eine große Menge idg. Namen 4 ). Ich 
hebe hervor 1. sert. reya-, ahd. elah 
(unser Elch), lat. alces (vgl. IV) 2 ); 
2. gr. el.crf'j c — der Gehörnte, dazu 
altsl. jeleni, unser Elen 2 ); 3. lat. cervus, 
verwandt mit gr. xsp nc, xepsoc, gehörnt, 

\ ahd. hiruz, mhd. hirz, unser H., ags. 
heorot, an. hjortr; daneben gr. xspa^ 
ahd. hinta, mhd. hinde, Hinde 2 ). Damh. 
geht auf lat. dama, worunter die Alten 
eine Antilope verstanden 3 ). In den Sette 
! communi heißt der H. biliarochs, die 
Hinde billakua 4 ). Volkstümliche ro¬ 
manische Namen verzeichnet Rolland 6 ); 
in der deutschen Weidmannssprache findet 
sich für den H. ein großes Material 6 ). 
Über Beziehungen zwischen H.ge weih und 
Hahnrei vgl. Germania 26, 124 f. 6a ); zu 
Ortsnamen mit H.: Schröder in Germ.- 
rom. Monatsschr. 17, 27. 

*) Schräder Reallex. i 2 , 501 ff.; Sigm. 

Feist Indogermanen 1913. 181. 2 ) Ebd.; vgl. 
auch Pauly-Wissowa 8, 1936 t.; mundartl. 
Formen von „Hirsch" Grimm DWb. 4, 2, 
1563 f.; im Isergebirge ist heut noch die schwache 
Form Hirsche üblich. 3 ) Keller Tiere 73; 
Pauly-Wissowa 8, 1937. 4 ) Balla Torre 

Tiernamen 82. 6 ) Rolland Faune 1, 92 ff. 

6 ) Antike Weidmannssprache: Pauly-Wis¬ 
sowa 8, 1489 t.; romanische: Rolland 1, 

94 ff.; deutsch: Ulrich Morhart Handtbüch- 
lin grundtlichs bericht s, recht vnd wolschry- 
benes 1501 = Sattler Teutsche Orthographey 
1617 = ZfdPhil. 13, 369. 6a ) Vgl. auch Ed¬ 

mund O. v. Lippmann Beiträge z. Gesch. d. 
Naturwiss. u. d. Technik 1923, 225 f. 

2. Naturwissenschaftlicher Aber¬ 
glaube. Das MA. wußte vom H. nicht 
mehr als die Alten 7 ). Er wirft sein Ge¬ 
weih ins Wasser 8 ) oder verscharrt es 
mißgünstig 9 ); das neue hält er zum 
Trocknen in die Sonne 10 ). Eine aben¬ 
teuerliche Darstellung des Geweihwech¬ 
sels gibt die hl. Hildegard 11 ). Lunge 
und Herz sind im Märchen ähnlich 
Menschenlunge und -herz 12 ); doch er¬ 
zählte Aesop, er hätte kein Herz 18 ), ein 


87 


Hirsch 


88 


verbreitetes Marchenmotiv 14 ). Im Herzen 
sei ein Knochen enthalten (s. § n) 15 ). Da 
man die Gallenblase bei ihm vergeblich 
suchte, fand man sie am Schwanz 16 ), 
in den Därmen 17 ); deswegen rieche das 
Fleisch übel 18 ), sei schwarz und schwer 
verdaulich 19 ). Die Juden fanden es da¬ 
gegen nach Mannah schmeckend 20 ). Die 
Hinde hat einen engen Uterus und 
empfängt (slav\ Juden)» gebiert (babylon. 
Juden) nicht eher, als bis eine Schlange 
sie in die Scham gebissen hat 21 ). Schlange 

undH. sind sonst einander feind (s. §4e) 22 ). 
Die Schlangen saugen den Hinden die 
Milch aus 2Z ). Der alte H. verschlingt 
eine Schlange, trinkt und wechselt die 
Haut; so wird er wieder j ung 231 ). Weil 
der H. die Schlange „anzieht“, eine an¬ 
ziehende Kraft hat, braucht man das 

Geweih im Liebeszauber (zieht das Ge- i 
liebte an) 23b ). Die Hinde erleichtert 
sich die Geburt durch das Verzehren 
gewisser Kräuter 24 ), wie dem H. über¬ 
haupt Kenntnis der Heilkräuter zuge¬ 
schrieben wird 25 ). Aus seinem Speichel 
(semen?) entsteht die „Hirschbrunst“ 26 ). 
Damit bringt er sein Alter weit über das 
menschliche hinaus : 3 (Plinius VIII 119) 
oder im Deutschen 3x3 Menschenalter 27 ). 
Von gezähmten H.en ist öfter die Rede 28 ). 
DerH. ist neugierig, dumm 29 ), liebt musi¬ 
kalische Geräusche 30 ), fürchtet aber den 
Laut des Fuchses 31 ). Im Herbst kämpfen 

die H.e um die Herrschaft, und dem, der 
siegt, unterwerfen sie sich fröhlich 32 ). 
Wunde und sterbende H.e weinen 33 ). 
Sagen, welche den weißen Spiegel, das 
weiße Bauchfell, einen messerähnlichen 
Knochen im Bein erklären wollen, finden 
sich bei den Esten 34 ). Die Schwanzspitze 
ist giftig 343 ) in der Brunstzeit 34b ). 

7 ) Über deren geringe Kenntnis: Keller 
Tiere 92. 8 ) Megenberg i°7* *) Keller Tiere 
92; Pauly-Wissowa 8, I 94°* *943 (Plin. 
VIII 115). Vgl. Rolland Faune i, 101 Nr. 14. 

10 ) Megenberg 107; Pauly - Wissowa 8, 
1940. u ) Hovorka-Kronfeld 1, 213. 12 ) 

Grimm KHM. Kr. 76. 13 ) Höfler Organo¬ 

therapie 241; Keller Tiere 93 (großes Herz: 
PHn. XI 183); Pauly- Wissowa 8, 1944. 

14 ) Aly Volksmärchen 259; Grimm Sagen 
Nr. 491; Goedeke Deiche Dichtung im 
MA . 1854, 628. 16 ) Megenberg 107. Vgl. 

Meerwarth-So f fei Lebensbilder aus d. Tier¬ 


welt Europas 2 3 (1921), 88. 14 ) Ebd.; Keller 

Tiere 77 (Arist. II. n, 5); Megenberg 107; 
Alemannia 13. 145. 17 ) Megenberg 107. 18 )Ebd. 
nach Plin. XI 192. 19 ) Arist. II 67; Megen¬ 
berg 108. 20 ) bin Gorion Sagen d. Juden 4. 
292. 21 ) J. Scheftelowitz Altpaläst. Bauern¬ 
glaube 18; Bapt. Porta Magia naturalis 1713, 
16.832. 22 ) Krauß Tausend Märchen der Süd¬ 
slawen 76 f.; Agrippa v. Nettesheim i, 116; 
Keller Tiere 88f.; Pauly-Wi sowa 8, 1944 
(Ael. II 9. VIII. 6.; Plin. VIII 118). Deshalb 
vertreibt man sie mit H.horn: Megenberg 107; 
Stemplinger Sympathie 14. **) Montanus 

Volksfeste 167. 23a ) Joh. Kelle Speculum ec - 

clesiae 1858, 11; Agrippa v. Nettesheim 1, 105; 
Osw. Croll Basilica chymica 1622, 52; ders. Von 
den innerlichen Signaturen d. Dinge 1623, 63; 
Hess. Bl. 22. 65 f.; Joh. Schröders Medico- 
chymische Apothecke 1685, 1277; dort noch 

mehrere Meinungen. 23b ) Andreae Tenzelii 
Medicinisch-philosophisch- u. sympathetische 
Schrifften 1725, 285. 24 ) Megenberg 106; 

Agrippa v. Nettesheim i, 113; Pauly-Wis- 
sowa 8, 1941. 25) Ebd. 1944 (Aufzählung); 

Keller Tiere 92 f.; Just. Christ. Hennings 
Von Ahndungen 11. Visionen 2 (1783), 4441!.; 
Agrippa v. Nettesheim 1, 113; Croll innerl. 
Signaturen 61; Staricius 57; Bapt. Porta 
Magia naturalis 1713, 59 §4. 5; Paracelsus 
Opera 2 (1616), 545 f. = Archidoxis magicae = 
Bücher v. Schrifften 1589. X Append. 70; Ger¬ 
mania 36, 382 (Steiermark) = Dähnhardt 
Natursagen 2, 95; Alemannia 1, 198 (wird 

Ehrenpreis genannt); H. kennt Lebenskraut: 
Peuckert Schlesien 87. 26 ) Paracelsus Bücher 
vnd Schrifften 3 (1589), 52; Boletus Cervinus = 
Osw. Croll Von d. innerlichen Signaturen d. 
Dinge 1623, 42. 27 ) Keller Tiere 92; Pauly- 
Wissowa 9, 1943; Meerwarth -Soffel Lebens¬ 
bilder 3, 96; Megenberg 106; ZfdA. 3, 28; 
Zaunert Rheinland 1, 49 h; Alemannia 13, 145; 
Wackernagel Epea 10; Joh. Wilh. Wolf 
Dtsch . Märchen u. Sagen 1843, 420. So daß ihm 
Efeu auf Geweih wächst: J. F. Brandt u. 
Ratzen bürg Medizin. Zoologie 1 (1829), 37. 
28 ) Vgl. 4a; Keller Tiere 89 f.; Pauly- 
Wissowa 8. 1944 f.; Megenberg 108. 29 ) 

Pauly-Wissowa 8, 1944. 30 ) Keller Tiere 

93; Pauly-Wissowa 8, 1944; Megenberg 

io6f.; Brandt u. Ratzenburg Medizin. 
Zoologie 1, 37 N. 5. 31 ) Megenberg 107. 32 ) 
Ebd. 107; Lonicer Kreuterbuch 1577, CCCXI R. 
M ) Montanus Volksfeste 167; auch wenn sie 
durch Zauber gestellt werden: Knoop Tierwelt 
61 Nr. 508; Reiser Allgäu 1, 205t. **) Dähn¬ 
hardt Natursagen 3, 87 f. 15. Ma ) Lonicer 
Kreuterbuch 1557, CCCXII A.; Joh. Schröders 
Medicin-chymische Apothecke 1685, 1281; Croll 
Innerliche Signaturen 49, Heilung durch Genuß 
des H.herzens. MschlesVk. 29, 289 nach 

Schwenckfeld. 

3. Der H. im Altertum. Der Roth, 
ist unter den paläolithischen Jagdtieren 
Westeuropas häufig, fehlt aber in den 


Hirsch 


90 




Tundren Mitteleuropas 35 ). Erst mit dem 
Axilien erscheint er hier und bleibt bis in 
die röm. Kaiserzeit beliebtestes Jagdtier S5 ). 
Geweihe und Knochen werden verarbeitet; 
lie sind besonders für das ausgehende Pa- 
liolithikum von Bedeutung, so daß man 
Von einem H.zeitalter spricht 36 ). Schmuck 
Aus H.zähnen erscheint bereits im Aurig- 
nacien; ich erinnere ferner an die Ofnet- 
bcstattungen 37 ). Dargestellt ist der H. 
recht häufig worden, und solche Dar¬ 
stellungen reichen bis in die historische 

Zeit (vgl. 4) 38 ). 

Das antike Europa kannte nur den 
Roth. 39 ). Der Damhirsch war in Klein- 
tsien zu Hause. Von dort ist er durch 
den Artemiskult bekanntgeworden 40 ). 
Der H. ist der Artemis Tier (als Jagd- 41 ) 
oder Mondgöttin 42 )); sie beschützt ihn 43 ), 
empfängt H.opfer 44 ), verwandelt sich in 
eine Hinde 45 ), wie auch ihre Hypostasen 
Arge, Iphigeneia, Taygete H.gestalt an¬ 
nehmen 46 ). In ihren Hainen werden H.e 
gezogen 47 ). Über andere mit dem H. zu¬ 
sammengebrachte Gottheiten vgl. Orth 48 ;. 
Marx hat in Aktaion einen alten, hirsch¬ 
köpfigen Berggott sehen 49 ) und ihn mit 
dem keltischen, h.köpfigen Cernunnos 50 ), 
der durch eine Abbildung auf dem 
Gundestruper Silberkessel bekannt ist, 
Ausammenbringen wollen. 

Ebert Reallex. 5, 326. 3fl ) Ebd. 1, 302. 
305; Peuckert Schles. Vk. 9 nach Altschlesien 
I, 2 ff. 37 ) R. R. Schmidt Die diluviale Vor - 
uit Deutschlands 1 (1912), 38. 40; Ebert Real¬ 
lex. 4, 2, 452; G. Koss in na Indogermanen 1 
(1921), 17; Ebert Reallex. 5, 324b. 38 ) Moritz 
H Oernes-Menghin Urgeschichte der bildend. 
Kunst in Europa 3 (1925), 161; H.Breuil Font- 
de-Gaume 1910, 182 ff. Einzelne Darstellungen: 
H oernes-Menghin: Paläol.: 143. 144. 151. 
*53- 154. 158 f. H.maske: 669. Prämy- 

kenisch in Troja: 496. Bronzezeit: Bohuslän 
235; Lahse (s. 4a). Eisenzeit: 507. 509. Vgl. 
auch Ebert Reallex. 4, 216. 217; 9 Tfl. 175; 
Georg Wilke Relig. d. Indogermanen 1923, 170t. 
222; Schröder in Germ. rom. Monatsschr. 17, 
411. M ) Pauly-Wissowa 8, 1937b 40 ) Keller 
Tiere 73 f. 41 ) Wernicke bei Pauly-Wis¬ 
sowa 2, 1344 f. 4a ) Keller Tiere 76; Wilke 
Religion d. Indogermanen 159. 43 ) Pauly- 

Wissowa 2, 1377. 44 ) Ebd. 2, 1344; 8, 1947; 
Keller Tiere 96f. 46 ) Ebd. 95. 46 ) Wernicke 
bei Pauly-Wissowa 2, 1355. 1357b 1360; 
Carl Pschmadt Sage v. d. verfolgten Hinde, 
Greifsw. Diss. 1911, 15f. 47 ) Pauly-Wissowa 
8, 1942. 1947b 48 ) Pauly-Wissowa 8, 1946b; 


Pschmadt 8 ff. 49 ) Sitzb. Leipz. 58 (1906), 
101 ff. 50 ) Abbildung u. Literatur: Ebert 
Reallex. 4, 2, 576 f. 

4. Der H. in der Mythologie. 

a) An der Weltesche nagt der H. 
Eikthyrmir (Grimnismal 26), wohl ein 
älteres mythisches Wesen 51 ), von dessen 
Geweih die Quellen tropfen, der aber hier 
nur noch in der Nebenrolle des Zerstörers 
der Esche erscheint 52 ) (Die Tatsache, daß 
H.e Eschenlaub verzehren, mag diese Um¬ 
formung bewirkt haben). In der Solarljodr 
(um 1200) ist vom Sonnenh. 53 ), den zwei 
am Zaum führen, die Rede. Man wird 
an ein Tier denken müssen, das den 
Sonnenwagen zieht; schon die bronze¬ 
zeitlichen Felsbilder von Bohuslän zeigen 
den H. dabei; ich erinnere ferner an 
den früheisenzeitlichen Kultwagen von 
Strettweg 54 ). Der Jagdgott Freyr 55 ), 
der schwertlose 56 ), erschlägt mit einem 
H.geweih (H.geweihaxt ? vgl. 3), den 
Riesen Beli 57 ). Den Frodi = Freyr 58 ) 
tötet ein gejagter H. mit dem Geweih 
(Skoldungasaga) 59 ). Von den Goten 
erfahren wir, daß ihr König (der Ver¬ 
treter der Gottheit 60 )) mit H.en fuhr: 
fuit alius currus quatuor cervis junc- 
tus, qui fuisse dicitur regis Gothorum 61 ). 
Endlich bin ich geneigt, die Dios- 
kurengottheit der Vandali, die Alces, 
deren Name schon an den H. erinnert 
(s. 1), als ein h.reitendes Brüderpaar 
aufzufassen 62 ). Eine Vase, in Lahse 
(Schlesien), Bronzezeit Periode VI Mon- 
telius, gefunden, würde diesen Schluß 
stützen 63 ). Wir würden also bei den 
Ostgermanen den H. als Göttertier finden. 
Bei den Umzügen des Kultbildes, die 
uns hier mehrfach bezeugt sind (Freyr, 
Nerthus), mag er den Kult wagen gezogen 
haben. 

Das schließe ich nicht nur aus der go¬ 
tischen Nachricht; darauf führt auch, daß 
einmal erzählt wird, eine Jungfrau sei als 
Braut der Gottheit mitgefahren 64 ), daß 
andrerseits der H. oft in Begleitung einer 
Jungfrau 65 ), frommen Frau 66 ), der Wald¬ 
frau 67 ), dem Hirzefräulein 68 ) erscheint. 
Im 15. Jh. fährt die „Zeit“ auf einem 
mit H.en bespannten Wagen 68a ). Ein H.- 
gespann erscheint vor einem Wagen in 


Hirsch 


92 


9 * 


Muotes Heer 68b ). Er ist Frodi gebannt 69 ), 
erscheint an heiligen Orten 70 ) und auch, 
wenn deutsche Kaiser ihm einen goldnen 
Halsring anlegen 71 ), hat das bannende Wir¬ 
kung, obwohl es sich hier um eine Neben¬ 
form des goldberingten Geweihes (s. u.) 
handeln kann 72 ). Infolgedessen ist es ein 
Frevel, ihn zu töten 73 ). Als Nachklang 
eines solchen Umzuges fasse ich die thü¬ 
ringische Sage vom Frühlings- und 
Herbstumritt einer weißen Frau auf dem 
H. auf 74 ). Von Fahrten mit einem 

H. -gespann erzählen noch heute Sagen 74a ). 
Daß der H. auch im Slavischen eine Rolle 
spielt, sei nur erwähnt 74b ). 

81 ) Vgl. bin Gorion Sagen d. Juden 1 (1910), 
66 f. 62 ) Vgl. die Umgebung der Strophe! 
Auch 33: Simrock Myth. 37f.; Bugge Helden¬ 
sagen 504^. 53 ) Zum „Sonnenh.“: Wolf Bei¬ 

träge 1, 105 f.; Simrock Bertha die Spinnerin 
1853, 77 ff-; üers. Myth. 353 ff.; Pröhle 
Unterharz 187f.; Zingerle Oswaldlegende 93s.; 
Rochholz Sagen 2, 189 ff.; Kuhn in ZfdPh. 

I* 89^.; Losch Balder ; Meyer Germ. Myth. 
109; Liebrecht in Germania io, in; Georg 
Wilke Religion d. Indogermanen 1923, 135. 
M ) Hoernes-Menghin Urgeschichte d. bildenden 
Kunst 1925, 235. 507. «) Grimm Myth. 178. 

66 ) Lokasenna 42 (Genzmer Edda 2, 57). * 7 ) 
Gylfaginning c. 37; Meyer Germ. Myth. 157 
§203; doch vgl. Neckel-Niedner Die jüngere 
Edda 84. 58 ) NeckelBalder ioöff. 59 ) Schröder 
Germanentum 63. 60 ) Kauffmann Balder 220 

nach Jordanes: Gothi proceres suos non puros 
homines sed semideos id est ansis vocaverunt. 
91 ) Vopiscus in Aureliano 33 = Rochholz 
Sagen 2, 189; vor Thors Wagen denkt ihn R. M. 
Meyer Relgesch. d. Germanen 284. 62 )Peuckert 
Schles. Vk. 14t. 242f. 63 ) Hoernes-Menghin 

53 T - 533 ; Ernst Petersen D. frühgerman. Kultur , 
in Ostdeutschland u. Polen 1929, 25f. ® 4 ) Mann- 

hardt 1, 580. M ) Panzer Beitrag 2, 184; 
Herzog Schweizersagen 1, 25; Rochholz Sagen 

I, 221 ff.; Menzel Odin 216; Pröhle Unterharz 

36. 158; Kuhn Mark. Sagen 8f. ®®) Pröhle 
Unterharz Nr. 92; Rochholz Sagen 2, 194. 194 t.; 
Kohlrusch Sagen 307; Zaunert Westfalen 97. 
• 7 ) ZfVk. 10 (1900), 199; Mannhardt 1, 132. 
M ) Meyer Germ. Myth. 280. ® e a) Paul Kristeller 
Kupferstich u. Holzschnitt in vier Jh.en 4 1922,177. 
Mb ) Reiser Allgäu 1, 45. «») ZfdPh. 1, 106 f. 

70 ) Knortz 65 nach K.Gander Niederlausitz 181. 
n ) Grimm Sagen Nr. 440; Kuhn in ZfdPh. 1, 
106 f.; 90 N. 1; Goyert-Wolter 8; Wolf 
Niederländ. Sagen 67. 675; ARw. 3, 360«.; 
Deecke Lübische Sagen 15. Vgl. Bartsch 
Mecklenburg 1, 322. 7i ) Pschmadt 126 ff. 73 ) 
Kuhn Westfalen 1, i22.i8o;Kuhnu. Schwartz 
250 f. 290; Rochholz Sagen 2, 190. 51; 

Schönwerth Oberpfalz 3, 166. Vgl. Wolf 
Beitr. 2, 425; Heyl Tirol 243; Brandenburg 


219; Reiser Allgäu 1, 421; ZfdMyth. 1. 

31 f.; Schöppner Sagen 3, 256 f. ; Simrock 
Rheinsagen 146 = Germania 1, 75 f.; Haupt 
Lausitz 2 , 114 — Kühnau Sagen 3, 401 f.; 
Henne-am-Rhyn Deutsche Volkssage 152; 
Wuttke 53 § 59. Vgl. unten zu 101. 74 ) Witz- 
schel Thüringen 2, 133. 74 a) Peuckert Sibylle 
Weiß-, Zauner tHessen-Nassau 242. 74 *>)Graesse 
Preußen 2, 41 1; Jungbauer Böhmerwald 169; 
Sieber Wend. Sagen 1925, 31. 

b) Die verfolgte Hinde. Die Griechen 
kennen in verschiedenen Varianten die 
Sage von der Verfolgung einer Hinde 
mit goldenem Geweih 75 ). Pschmadt hat 
in der verfolgten Hinde Artemis, im 
Jäger Apoll gesehen 76 ), ihr goldenes 
! Geweih aus dem Semitischen herleiten 
wollen 77 ) und hat diesen Sagenkreis 
bis ins MA. verfolgt. Es wird aus dem 
gejagten ein (von Gott gesandtes) wei¬ 
sendes Tier 78 ). Furten zeigt es in Sagen 
aus der Völkerwanderungszeit an 79 ); die 
verlorne Tochter 803 ), Quellen 80 ), Heil¬ 
brunnen 81 ), Bergwerke 82 ), Schätze 83 ) 
weist der H. noch heut. 

75 ) Pschmadt 8 ff. (Apollod. Bibi. II 81; 
Pindar Ol. III 24; Diod. IV 13; Callim. 
Hymn. III 98 ff.; Pausanias Descr. Graeciae 
H 30, 7; VIII 22, 6 ff.; dazu Schol. Pind. Ol. 
III53 cd; Hygin. Fab. 205). 7 *) Ebd. 22. 77 )Ebd. 
23 ff. (kerynitische Hinde. hebr. qeren = Horn, 
Lichtstrahl). 78 ) Ebd. 31; Joh. Schober Sagen 
d. Spessarts 1912, 26. 79 ) Pschmadt 30 ff. 38 ff. 
(Procop. Bell. Goth. IV 5; Jordanis Getica 
24; Gregor. Tur. Hist. Francorum II 37; 
Thietm. Merseb. Chronicon VII 53 = Grimm 
Sagen Nr. 449; vgl. Bolte-Polivka 2, 485; 
officium des hl. Karl, Karlamagnussaga I 51; 
V 17; Ogier le Danois 262 ff.); Grimm Myth. 
955 ; Zaunert Hessen-Nassau 178; Friedr. 
Bangert Tiere im altfranzös. Epos 1885, 145f. 
80 ) Deecke Lübische Sagen 15; Meyer Schleswig- 
Holstein 96; Harrys Niedersachsen 2 (1840), 
15 = Henne-am-Rhyn Deutsche Volkssage 
152; Haupt Lausitz 2, 184 Nr. 288. 8 °a) Wolf 
Niederländ. Sagen 102 f. 81 ) Jungbauer 
Böhmerwald 151; Kühnau Mittel schles. Sagen 
2 f.; Aachen: Pschmadt 55h nach MG. SS. 26, 
725 etc.; Zaunert Rheinland 1, 67; Wolf 
Dtsch. Märchen u. Sagen 378; ZfdU. 14 (1900), 
408 f.; Karlsbad: Keller Tiere 362 Anm. 214; 
Jungbauer Böhmerwald 151; Zingerle Sagen 
1859, 122 f. 495; Lütolf Sagen Nr. 242. 243; 
Birlinger Aus Schwaben 1, 189; Müllenhoff 
Sagen 104 f. — Graesse Preußen 2, 1059; ebd. 
87. 252. 351 = Losch Balder 62; Gastein: 
Freisauff 434 f. 436 f.; L. Bechstein 
Die Volkssagen ... Österreichs 1 (1840), 1081; 
Warmbrunn: Rübezahl (Stettin) 2 (1925); 5 
(1928), 25. 82 ) Zingerle Sagen 1859, 123; 

Sieber Harz 71 = Kuhn u. Schwartz 187 = 






Pröhle Unterharz 198. 83 ) Witzschel Thü- 

fingen 1, 170; vgl. Baader Sagen 310. 

c) Der H. als Unterweltstier. Zum 
Sftgenkreis von der verfolgten Hinde 
0.), zu dem schon die Sagen vom H. 
al* weisendes Tier (s. d.) zu stellen waren, 
IPchnet Pschmadt auch die besonders 
in der bretonischen Dichtung bezeugten: 
•in Held wird auf der Jagd vom H. in 
den Wald (übers Wasser) ins Feenreich 
verlockt, wo er der Feen Liebe genießt 84 ). 
Doch begegnet diese Sage so häufig, 
<ÜLß die bretonischen Lais wohl nicht die 


so die Riesin 109 ) f die Hexe uo ), die weiße 
Frau U1 ), die Jungfrau im Walde lia ), 
Venediger 113 ). Ein H.geweih hat die 
Swiza, die Pest, Tödin auf dem Haupt 1133 ), 
darum als chthonisches Tier, mag er auch 
der Hekate heilig sein 113b ). Vielleicht aus 
solchem Wissen (H. = chthonisches Tier) 
erklärt sich z. T. der alte Rechtsbrauch, 
Wilddiebe auf H.e zu schmieden und die 
in den Wald zu jagen 114 ). 

8J ) Pschmadt 32 ff. 65 ff. Hierher stellt 
Pschmadt auch Parzifal und Friedrich vonSchwa - 
ben: ZfdA. 53, 312 ff.; 55, 64 ff.; 57. 135; Bolte- 


•lleinigen Ubermittler darstellen. Der H. • 
führt in den tiefen Wald 85 ), Abgrund 853 ), j 
für Waldfrau (Wasserfrau) 86 ), weißen j 
Jungfrau 87 ), zu den Riesen 88 ), zum 
Zauberer oder zur Hexe, ins Zauber¬ 
land 89 ), zur verstoßenen Gattin oder zur ! 
Geliebten 90 ). Wenn die letzten Varianten 
bretonischen Ursprungs sind, so kaum ’ 
die ersten. Sie erweisen vielmehr den H. : 
*i* Führer in die Unterwelt (dergleichen 
bildete gewiß auch bei den bretonischen 
Lais einmal den Ausgangspunkt). So ! 
kennt ihn schon die Odyssee (K 158ff.). 
Tote wurden ehemals in H.häuten trans¬ 
portiert 90a ). Ein chthonisches Wesen ist 


Polivka 2, 345. 86 ) Pschmadt, Paus. VIII 22, 
9; Hahn Märchen 1, 81; Bolte-Polivka 1, 
444 (französ.); Gering aeventyri 2, 169; 

Henne-am-Rhyn Dtsch. Volkssage 1879, 152; 
Willibald Müller Beiträge z. Vk. d. Deutschen in 
Mähren 1893, 133 f.; Meier Schwaben Nr. 389; 
Kap ff Schwaben 19 f. = Germania 1, 1 ff. 
(Zimmemsche Chronik); Schöppner Sa^n 2, 
186; Herrlein Sagen d. Spessarts 2 1906, 153 f. 
r88f.; Ullrich Kuhländchen 261 f.; Scham- 
bach-Müller 154 f.; Graesse Preußen 2,87. 
158 f. 843 f. Vgl. Panzer Beitrag 2, 184 ff., wohl 
auch imMahabharata: A. Holtzmann Indische 
Sagen 1921, 208. 85 *) Zaunert Hessen-Nassau 
184. 115. 8# ) Mannhardt 1, 132; San Marte 
Die Sagen v. Merlin 1853, 238; Altdeutsche 
Bl. 1, 128 ff.; Schönwerth Oberpfalz 2, 223 f.; 
Zaunert Westfalen 137; georgisch: Grigol 
Robakidse Das Schlangenhemd 1928, 185. 


der H., der von der versunkenen Alp Kla- 
riden kommt 91 ), der den Ritter ins Unter- 
Wcltschloß 92 ), Odin zur Trollkönigin 
Hulda 93 ), Dietrich von Bern 94 ), den 
wilden Jäger 95 ) verlockte. Der H. führt 
*um Totenreich und -heer 96 ), nach „Ve¬ 
nedig“, dem Totenlande 961 ), Knappen 
in den einstürzenden Stollen 97 ), ver¬ 
leitet zum Betreten des Lehniner Sees 98 ). 
Glockenklang bricht seine Verlockung 99 ). 

Dem Tode Verfallene reiten auf H.en 10 °), 
ebenso wie dämonische Wesen: die wilden 
Männer (auf einem Wartburgteppich), 
die Waldfrau 101 ), die Wasserfrau 102 ), 
der tschech. Rübezahl Pan Jan 103 ), im 
Alemannischen die Schlangenjungfrau 104 ), 
die Jungfer Lorenz (Tangermünde) 105 ), 
die hl. Notburga loe ), der Dämon, der mit 
Heliodor, dem antiken Faust, einen Ver¬ 
trag schließt 107 ), ein Pferd, das in der 
wilden Jagd gesehen ward 1073 ), der wilde 
Jäger [s. 5] 107b ). (Das Motiv ist schlie߬ 
lich in den Schwank abgesunken 108 )). 
Ja. diese Wesen erscheinen selbst als H.e, 


87 ) Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm 2, 
68 ff.; Graesse Preußen 2, 862; Rochholz 
Sagen 2, 192. 221 ff.; H. Sachs vgl. Jos. Bock 
Hygms Fabeln 1923, 62. 88 ) Naumann Isländ. 
Volksmärchen 1923, 123 ff.; Panzer Beitrag 2, 
186; Simrock Bertha die Spinnerin 86 f. 89 ) Vgl. 
Nachw. 75; Pschmadt 95 ff.; Wolfdietrich 
614 ff.; Grimm KHM. Nr. 85; Bolte-Polivka 
1, 332 ff.; Panzer Beitrag 2, 95; Busch Ut 
Öler Welt 57 ff.; Jungbauer Märchen aus Türke - 
stan u. Tibet 1923, 139; A. von Löwis of 
Menar Finnische u. estn. Märchen 1922, 289 f.; 
Wolf Beitr. 1, 186; Jungbauer Böhmerwald 
36; Bangert Tiere im altfranzös. Epos 146. 

90 ) Ebd. 148; Bolte-Polivka 2, 341 ff. 346; 
Ritter Radibolt (Volkslied 17./18. Jh.) ZfdA. 
6, 59 ff.; Schöppner Sagen 1, 96 f.; J. W. 
Wolf Niedert. Sagen 1843, 99 ff.; Rochholz 
Sagen 2, 192 f.; Willibald Müller Beiträge z. 
Vk. d. Deutschen in Mähren 1893, 127 ff.; vgl. 
Simrock Myth. 332; Losch Balder 75 ff.; 
Wolf Niederländ. Sagen 173. 90 ») Friedr. Ban¬ 
gert Tiere im altfranzös. Epos. 1885, 144. 

91 ) Müller Uri 1, 74. 92 ) Rochholz Sagen 2, 
191 = Graesse Gesta Romanorum Anhang 18; 
R. Kap ff Schwaben 13 f. (vgl. Losch Balder 
171. 19 f.); Herrlein Sagen des Spessart 176 f.; 
Wolf Beitr. 1, 105; 2, 425; Ders. Deutsche 
Märchen u. Sagen 317; Pröhle Harz 144; vgl. 
Milenowsky Volksmärchen aus Böhmen 1853, 




95 


Hirsch 


96 


159 ff. M ) ZfdPh. i, 90; Meyer Germ, Myth. 
246; Simrock Myth. 332; ders. Bertha die 
Spinnerin 85; vgl. Bechstein Thüringen 2, 234; 
Hochholz Sagen 2, 193. M ) Pschmadt 87; 
Wilh. Grimm Deutsche Heldensage 3 1889, 44; 
Thidrekssaga (übers. Fine Erichsen 1924)» 
459f. **) Meyer Germ. Myth. 246; Simrock 
Myth. 331 f.; Grimm Sagen Nr. 308; Kuhn 
Westfalen 1, 122. 180; Zaunert Westfalen 296; 
Wolf Beitr. 2, 421. 96 ) Pröhle Unterharz 187 ff.; 
Schambach-Müller 253f.; Schöppner Sagen 
I, 360 f.; Kapff Schwaben 22 f.; Rochholz 
Sagen 2, 189 f.; Losch im ARw. 2, 261 f.; ders. 
Balder 168 ff.; Siuts Jenseitsmotive 270; Wolf 
Beitr. 1, 105; RVV. 13, 84 N. 128; Bachofen 
Gräber Symbolik 118; Simrock Myth. 330 ff. 
Vgl.Nachw. 85—90. ,4a ) Pröhle Unterharz 187 ff. 
• 7 ) Zaunert Rheinland 1, 209. ® 8 ) Kuhn Märk. 
Sagen 80 f.; Brandenburgia 26, 24. 87 ) ZfVk. 7, 
367; Schöppner Sagen 1, 286; vgl. Baader 
Sagen Nr. 396. 10 °) Pröhle Harzm = Sieber 
Harzlandsagen 63. 101 ) Jos. Freiherr v. Eichen¬ 
dorff Libertas u. ihre Freier (Ges. Werke, 
Propyläenausgabe 6, 342); F. L. Czelakowsky 
Nachhall böhm. Volkslieder (übers, bei Wenzig 
Westslav. Märchenschatz 316). 102 ) Kühn au 

Sagen 2, 328. 103 ) Peuckert Schlesien 176. 

104 ) Rochholz Sagen 1, 221. 239. 242. 246. 
247; 2, 197 f.; Witzschel Thüringen 2, 133. 
1W ) Kuhn Mark. Sagen 8 f. Vgl. Wolf Beiträge 
I, 182; 2, 276 f.; Schlesiens Vorzeit N. F. 9, 
168. Vgl. auch Joh. Schober Sagen des Spessarts 
1912, 254 ff. loe ) Grimm Sagen Nr. 350. 107 ) 
Görres in Scheibles Kloster 5, 369. Auch 
der Teufel: Kühnau Sagen 3, 597. H. reitende 
Gottheit bei Giljaken: ARw. 8, 245. H. als Reit¬ 
tier: Hoffmann v.Fallersleben Schles. Volks¬ 
lieder 16. 107a ) Kühnau Sagen 2, 446. 107b ) 
Künzig Schwarzwaldsagen 103. 108 ) Branden¬ 
burg 203; Rochholz Sagen 2, 192; Schöppner 
Sagen 1, 95 f.; Peuckert Schlesien 42 f. 

10# ) Naumann Island. Volksmärchen 1923, ' 
123 ff. uo ) Schönwerth Oberpfalz 3, 166 f.; 
Künzig 1 . c. 62; Witzschel Thüringen 67f. 
m ) Pröhle Harz 229; Pschmadt 15 f. 
(zu Anm. 69); Wolf Beitr. 1, 182; Menzel Odin 
216. 290. 112 j Panzer Beitrag 2, 184 f. = Bolte- 
Polivka 2, 269. 113 ) Pröhle Unterharz 188 ff., 
Eisei Voigtland 237; Vgl. Heinr. Gradl Sagen¬ 
buch d. Egergaues 1892, 41 f. 113a ) Jungbauer 
Böhmerwald 169. 113b ) J. O. Plaßmann Orpheus, 
altgriech. Mysteriengesänge 1928, 4. 114 ) Aus 
Hessen: Volksfreund in den Sudeten (Hirsch¬ 
berg i. R.) 1827, 77 nach Grand theätre histo- 
rique ä Leide 5, 22; Hoff mann Ortenau 175; 
Künzig Schwarzwaldsagen 331 f.; Jahn Volks¬ 
sagen 4L; E. M. Arndt Märchen u. Jugend s 
erinnerungen (Hesses Klassikerausgaben) 5, 246; 
Willibald Müller Beiträge z . Vkd. d. Deutschen 
in Mähren 1893, 87; Rosegger Älpler 309 f. 
Oder der Wilddieb wird in einem eisernen H. 
gebraten: Freisauff 645 f., in eine H.haut 
eingenäht und gehetzt: ebd. 464 f. 

d) H.e als Seelen- und Schatztiere. 


Der Übergang von menschlicher Erschei¬ 
nung zur h.gestaltigen („Sympathietier“) 
ist dem Märchen geläufig 115 ). Als 
Spuktier ist der H. im ganzen Sprach¬ 
gebiet bezeugt U6 ). Spukhafter H.e be¬ 
dient sich auch der Teufel 117 ); er wird 
auch mit einem H. statt einer Seele 
bezahlt 118 ). Eine bloße Augenvert>len- 
dung war es aber, als ein Schwarzkünstler 
einem Jäger einen H. als erschossene 
Frau zeigte 118a ) oder einen H. 'vor- 
gaukelte 118b ). In Schatzsagen erscheint 
der H. als Wächter 119 ), mit dem der 
Schatz versetzt ist 12 °); er öffnet den 
Schatz 119 ). Auch ist von Goldschätzen 
in H.gestalt die Rede 121 ). 

11S ) Grimm KHM. Nr. (11) 163; Bolte- 
Polivka i, 82ff.; 2, 345. 346L; Panzer Bei¬ 
trag 2, 185 f. (184); Busch Ut oler Welt 57 f.; 
Wisser Wat Grotmoder verteilt i, 51; H. Lohre 
Märk. Sagen 1921, 7; Henne-am-Rhyn 153 
nach Grohmann 247; Wolf Beitr. 2, 425; 

1, 182; Menzel Odin 216; Klara Stroebe 
Nord. Volksmärchen 1, 11 ff.; F. Kreutzwald 
Estn. Märchen 2 (1881), 34 t. Hierzu Simrock 
Volksl. Nr. 261; Rochholz Sagen 2, 192. 

U6 ) Naumann Gemeinschaftskultur 115; Roch¬ 
holz Sagen 2, 51; Herzog 2, 215; Waibel 
u. Flamm 2, 150 f.; Reiser Allgäu 1, 290; 

Bohnenberger 8. 98; Schöppner Sagen 3, 
123L; Langer DVöB. 2, 29; Wilh. Schrem mer 
Schlesische Märchen (1928), 30 f.; Wolf Sagen 
107; Pfister Hessen 109f.; Eckart Südhannov. 
Sagen 105; Pröhle Unterharz 63. 86; Eisei 
Voigtland 126. 127; Quensel Thüringen 232 f. 
287; Eisei Voigtland 126; ZrwVk. 1909, 273; 
vgl. Rolland Faune 1, 103; Wilde-Jagd-Sagen. 

117 ) (Jos. Fritz ed.) Das Volksbuch v. Dr. Faust 
1914, 18; Strackerjan 2, 154; vgl. Nachw. 107. 

118 ) Panzer Beitrag 2, 57. 570. u8a ) Quensel 
Thüringen 285 = Eisei Voigtland 220. ll8b ) 
Eisei Voigtland 229. ll8 ) Witzschel Thüringen 

1, 170; Baader Sagen 310; Kuhnu. Schwartz 

187; Wolf Niederländ. Sagen 1850, 618; Lo eher 
Venedigersagen 75; vgl. Kühnau Sagen 3, 597. 
Bechstein Thüring. Sagenschatz 4, 173. 12 °) 

Pröhle Unterharz 189. 121 ) Wolf Hausmädchen 
Nr. 73; Beitr. 2, 402; Meier Märchen Nr. 54; 
Herrlein Sagen d. Spessarts 1906 2 , 200; Nie- 
derhöffer Meckl. Sagen 1, 138; Meyer Schles¬ 
wig-Holstein 100; Meiche Sagen 696; Wucke 
Werra 1891, 95L Nr. 149; Eisei Voigtland 126. 
184. 239; Rochholz 2,195-191 f. = Schöppner 

2, 294 (Nr. 779. 184); Pröhle Harz 129 ±t. ~ 
Losch Balder 119L; Pröhle Unterharz 1870.; 
Meiche Sagen 696; Bechstein Thüring. Sagen¬ 
schatz 3, 160 f. Vgl. Anm. zu Goldh., Goldh. 
der Owsaldlegende. 

e) H. = Christus. Der alexandrinische 
Physiologus lehrt, entsprechend der an- 


! 



Hirsch 



tiken Naturgeschichte vor 140 n. Chr.: 
Der H. ist ein Feind des Drachen . . . 
So tötet der Herr den großen Drachen, 
den Teufel. Die Kirchenväter haben das 
Gleichnis übernommen 122 ) und weit er¬ 
legeben; (Maria 123 ) oder) Christus 124 ), 
fine reine Jungfrau l24a ) erscheinen als 
H.; er ist der größte H. der Welt 125 ), der 
Weiße 126 ) mit goldenem Geweih 127 ) 
(Goldh.), der leuchtet oder Lichter 128 j 
Öder ein Kreuz trägt 129 ). Er erscheint an 
bl. Tagen 13 °), trägt die Hostie 131 ), hat 
finen Engel bei sich 132 ); sein abgeworfenes 
Geweih macht eine Quelle heilkräftig 133 ), 
kurzum, die Heiligkeit des Tieres wird 
Christlich motiviert. Auch jetzt noch ge¬ 
hört er zu den weisenden Tieren; er 
erscheint in Gründungssagen 134 ), trägt 
Steine zum Bau usw. 135 ), er ist auch 
plit der Sage vom „Erlöser in der Wiege“ 
Verbunden 136 ). In west nordischen Bild¬ 
werken wird die Seele als H. vom Tod 
Oder Teufel als Wolf gejagt 136a ). Dem 
Jäger des Kreuzes-H.es kann ein Dop- 

E lltes widerfahren: sinkt er vor dem 
reuzh. reuevoll zu Boden, dann ist 
•ein Frevel vergeben; das ist der Typ 
der bei uns auf Hubertus (s. d.) über- 
tfigenen ursprünglich griechischen (Eusta¬ 
chius-) Legende 137 ); läßt aber der Jäger 
nicht ab, muß er zur Strafe ewig jagen 138 ), 
Und ewig ist der H. seine Beute 139 ), 
läuft der H. in seinem Gefolge 14 °). Das 
Chthonische Wesen des Tieres ist deut¬ 
licher erkennbar als beim goldenen H. 127 ). 
(Doch überwiegt hier sein lichtes We¬ 
nn) 127a ). So wird der schwarze H. zum 
Teufel 141 ), wie der weiße zu Christus 
Wurde. 

lM ) Pschmadt 35 (nach F. Lauchert 
Gtich. d. Physiologus 1889, 27); Origenes 
Homil. 2 in cant. cant. nr. 11 = Migne 
K 13 » 56; Ambrosius De interpell. Job. 
#f David II 1 n. 4; Hieronymus Comment. 
im Js. c. 34 = Migne PL. 24, 386; Beda 
im Psalm . 28 = Migne PL. 93/94, 624. 

**) Erk-Böhme 3, 633 f.; ich stelle auch 
Pfttil Stintzi Sagen d. Elsasses 1 (1929), 132 f. 
hierher; ebenso ZrwVk. 6, 273 f. 124 ) Kuhn 
Wutfalen i, 180; K. Krohn in Finnisch- 
Vfrische Forschungen 7, 177; Schönwerth 
(»"Pfalz 3, 309 f. Vgl. Nachw. 130. 131. 
**•) Wolf Niederländ. Sagen 102 f. 125 ) Carl 
Calliano Niederösterreich. Sagenschatz 1 (1924), 
* 4 . 1U ) Zuerst in Karlamagnussaga I 51 

Blchtold-Stäubli, Aberglaube IV 


und Raimbert de Paris Ogier le Danois 
262 ff.; Pschmadt 43 zu diesen Stellen will 
Beeinflussung durch bretonische Hindenfee- 
sagen annehmen; vgl. ebd. 103 ff. 1150.; 
Rolland Faune 1, 103; Gander Niederlausitz 
114; Kühnau Sagen 2, 328; Heinr. Gradl 
Sagenbuch d. Egergaues 1892, 12; Witzschel 
Thüringen 2, 133; Zingerle Sagen 1859, 122; 
Rochholz Sagen 1, 239. 221; Kohlrusch 
Sagen 307; ZfVk. 7, 367; Kuhn u. Schwartz 
187 = Pröhle Unterharz 36. 198; Müllenhoff 
Sagen 104 f.; Knortz Streifzüge 67 ff.; Menzel 
Odin 216; Wolf Sagen 128; Zaunert Hessen- 
Nassau 193; Westfalen 118; Stintzi Sagen des 
Elsasses 1, 82; Wolf Niederländ. Sagen 102 f.; 
Freisauff 380 f.; Sann Sagen 223; Graesse 
Preußen 2, 888; Henne-am-Rhyn 152; 

Hocker Volksglaube 223; Wuttke 53 § 59; 
Wolf Beitr. 1, 182; Losch Balder 30 ff.; Rol¬ 
land Faune 1, 103 N. 3; Meerwarth-Soffel 
Lebensbilder aus d. Tierwelt 3, 86 f. Vgl. Nachw. 
138. Doch ist er auch ein in die Irrnis locken¬ 
des Tier (vgl. 4 c): Herrlein Sagen d. Spessarts 
1906 2 , 153 {., und scheint in älteren mythischen 
Zusammenhängen zu begegnen: Zaunert West¬ 
falen 56 t.; Panzer Beitrag 2, 184 t. 12? ) Zum 
Alter des Motivs vgl. Anm. 71; ferner Pschmad t 
8 N. 3; 23 ff. 128 ff.; Keller Tiere 98; in der 
griech. Eustachiuslegende des 7. Jh.: ASS. 
Sept. 6, 124, dann der Meinulflegende ASS. 
Okt. 3, 211 Nr. 13 ff. (Pschmadt 45 f. 52 f.); 
Wolfdietrich 619; Busch Ut oler Welt 1910, 
57 f.; Müllenhoff Sagen 104 f.; Meyer 
Schleswig-Holstein 96; Zingerle KHM. 300 ff. 
= Losch Balder 40 ff.; Bechstein Thüringen 
2, 234. 290; Brandenburg 221 f. Vgl. auch die 
Zlatorog-Gemse mit goldnen Krickeln: A. v. 
Mailly Sagen aus Friaul u. d. Juli sehen Alpen 
1922, 55 fl. u. Anm. Vgl. den Goldh. des 
Märchens und der Oswaldlegende: Losch Balder 
109 ff. 118 f.; Pschmadt 64 f.; Pröhle KHM. 
Nr. 65; Wolf Deutsche Hausmärchen 73 ff.; 
Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm 1, 25 ff. 
= Meier Dtsch. Volksmärchen aus Schwaben 
1852, 188 ff. Als chthonisches Tier Pröhle 
Unterharz 187 ff. 127 *) Das läßt folgern: Wolf 
Niederländ. Sagen 615. 128 ) Baader N. Sagen 
46; Künzig Schwarzwaldsagen 244; Wolf 
Beitr. 2, 425 f.; Rochholz Sagen 1, 246. 351; 
2, 194 f.; Kohlrusch 307; Herzog Schweizer¬ 
sagen 1, 254 f. 144!.; Vernaleken Alpensagen 
317 f.; Henne-am-Rhyn 152; Waibel u. 
Flamm 1, 268 f.; 2, 195L; Birlinger Volksth. 
1, 511; Zaunert Westfalen 372; Müllenhoff 
Sagen 581. Vgl. dazu Peuckert Schlesien 
164. 128 ) Görres Christi. Mystik 1, 283 (Hu¬ 
bertus u. Eustachius); Pschmadt (s. u.); 
Lütolf Sagen Nr. 483; Rosegger Volksleben 
96; Vernaleken Alpensagen 317 L; Sann 
Sagen 223; Carl Calliano Nieder Österreich. 
Sagenschatz i, 204; Franz Kießling Frau 
Saga im nieder Österreich. Waldviertel 1 (1924), 
46; Jungbauer Böhmerwald 192; Eisei 
Voigtland 126; Schambach u. Müller 75; 
Zaunert Westfalen 15. 295!.; Kuhn West - 

4 


99 


Hirsch 


100 


falen i, 122. 180 ( = Ranke Volkssagen 2 126). 
186. 315. 317 (vgl. Losch Balder 154L); Kuhn 
u. Schwartz 251. 500; Eisei Voigtland 126; 
Sieber Harz 71; Strackerj an 2, 154; Deecke * 
Lübische Sagen 15; Mackensen Hanseat. Sagen \ 
63f.; Müllenhoff Sagen 110; Meyer Schleswig- 
Holstein 100; Quensel Thüringer Sagen 232. 
13 °) Kießling Waldviertel 1, 46; Calliano j 
Niederöst. Sagenschatz 1, 217 ff.; P. Stintzi 
Sagen d. Elsasses 1, 82; Henne-am-Rhyn 152; 
Kuhn Westfalen 1, 315. 317. 180. 186. 122. 131 ) 
Schmitz Eifel 2, 115; Zaunert Rheinland 1, 
295. 132 ) Rochholz Sagen 2, 193. 133 ) Müllen¬ 
hoff Sagen 104 f. 134 ) Meyer Germ. Myth. 
109; Pschmadt 51 ff.; Wolf Beiträge 1, 
182; Rochholz Sagen 2, 193. 194. 195; Ver- 
naleken Alpensagen 317 f.; Schöppner 
Sagen 1, 365; Willibald Müller Beiträge z. Vk. 
d. Deutschen in Mähren 1893, 136 h; Kühn au 
Oberschles. Sagen 178; Zaunert Rheinland 2, 98; 
Zaunert Hessen-Nassau 195; Westfalen 95 f. 
97. 372; Pröhle Harz 181 = Losch Balder 
i8if.; ebd. 182; Brandenburg 214; Kuhn Mark. 
Sagen 72h; Müllenhoff Sagen 110; Meyer 
Schleswig-Holstein 100; Niederhöffer Meckl. 
Sagen 2, 31 f.; Bartsch Mecklenburg 1, 322. 
354 »* vgl. Rochholz 2, 194; Grimm Sagen 
Nr. 431; Graesse Preußen 2, (628). 729. 888; 
Goswin Frenken Wunder u. Taten d. Hei¬ 
ligen 1925, in; Marquartstein: Sepp im 
Correspdzbl. Ges. f. Anthrop. 13 (1882), 189t. | 

135 ) Bindewald Sagenbuch 213; Wolf Sagen 
128; Zaunert Hessen-Nassau 193; Westfalen 96; 
Wolf Sagen 128. Vgl. Birlinger Volkst. 1, 152. 

136 ) Meier Schwaben Nr. 7. 138a ) Reitzen¬ 

stein in: Vorträge d. Bibi. Warburg 1923/24. 
162 f. 137 ) Pschmadt 45 ff. (Acta SS. Sept. 6 
124; Nov. 1, 836; Jan. 2, 974); hierher auch 
Mailly Niederösterreich 13. t 38 ) Mannhardt 

1, 151; Zingerle Sagen 1859, 122; Alpenburg 
Tirol 34 h; Freisauff 380L; Kuhn Westfalen 1, 
122.180. 315. 317 (vgl. Losch Balder 155); Wolf 
Niederländ. Sagen 231 ff.; Kuhn u. Schwartz 
250. 290 (Ranke Volkssagen 2 126); H. Lübbing 
Pries. Sagen 1928, 215; Schambach-Müller 
75; Rochholz Sagen 2, 51; Sieber Sachsen 
171; Gradl Sagenbuch d. Egergaues 1892, 12; 
Germania 27, 368 (aus Deutsch-Böhmen); 

Jahn Volkssagen 21; Aus unserer Heimat, 
Beilage z. Anzeiger f. Bad CarlsruheOS 1924, 26. 
Hat sich selbst zur Jagd verwünscht: Grimm 
Sagen Nr. 308; Zaunert Westfalen 296; 
Hessen-Nassau 14 f.; Hocker Volksglaube 21; 
auch oben. In einer Variante der Hackelberg¬ 
sage (s. Wildschwein) reißt der halbtote H. dem 
wilden Jäger die tödliche Wunde: Krs. Leob- 
schütz: Hugo Gnielczyk Am Sagenborn d. 
Heimat 1922, 23; Kießling Frau Saga 3, 31. 
Vgl. überhaupt hierher Meyer Germ. Myth. 
246; Losch Balder 151H; Keller Tiere 362 
N. 211, die Iphigeniensage Anm. 89; der weiße 
Kreuzh. führt den Wilddieb Jägern in die Arme: 
Sann 5 a^« 223. Das Schloß versinkt: Kühnau 
Oberschles. Sagen 519; Eisei Voigtland 276. 13B ) 
Sieber Sachsen 169. 171; Harzlandsagen 73. 77; > 


Colshorn 192f.; Größter im Archiv f. Land.- 
u. Vk. Prov. Sachsen 3, 147; MnböhmExk. 1, 
136. Getötete Frau und Kinder des wilden 
Jägers werden H.e: Herzog Schweizersagen 1, 
54t 140 ) Bohnenberger 92; MnböhmExk. 1, 
136. 141 ) Stöber Oberrhein. Sagenbuch 311 = 
Wolf Beitr. 1, 105; Lohmeyer Saarbrücken 
56 ff.; Woeste 49; Meier Schwaben 147 t.; 
Jungbauer Böhmerwald 40; Kühnau Mittel- 
schles. Sagen 135 f.; Wucke Werra 1891, 282 f. 
Nr. 449; vgl. Lütolf Sagen Nr. 126; Kuhn 
Mark. Sagen 72 h.; Pröhle Unterharz 192 ff. 
setzt ihn gleich dem goldn. H. 

5. Der H. in der Legende. Wie in 
der mytholog. Sage erscheint auch hier 
derH. als Zug- (Pflug-) 142 ) oder Reittier 143 ). 
Schon aus der Antike überliefert ist, daß 
H.kühe Kinder mit ihrer Milch ernähren 
(Telephos) 144 ); das wird beibehalten 145 ) 
(Genoveva 146 )) oder auf Heilige er¬ 
weitert 147 ). Ja, H.e lassen sich von ihnen 
verspeisen und werden wieder lebendig 148 ). 
Bei Heiligen suchen H.e hinwiederum 
Hilfe 149 ). Zur Hubertus- 15 °) und Eusta¬ 
chiuslegende 150a ) s. o. Die hl. Salaberga 
hing zur Abwehr eines Gewitters einer 

H. kuh eine besondere Schelle um 150b ). 

142 ) Knortz Streifzüge 66 (Echinus). 143 ) S6- 
billot Folk-Lore 4, 112. 144 ) Keller Tiere 

100 f.; Pschmadt 21. 146 ) Bolte-Polivka 

I, 432 f.; Wolf Niederländ. Sagen 675 Nr. 65 f.; 

Witzschel Thüringen 46; Legende de notre 
Dame = Sepp Jerusalem u. d. heilige Land 1 
(18G3), 505; Friedr. Bangert Tiere im altfranz. 
Epos 1883, 144. 148 ) F. Brüll Legende v. d. 

Pfalzgräfin. Genoveva Progr. Brünn 1898/99; 
Pschmadt 58 ff.; Naumann Gemeinschafts¬ 
kultur 68; Bolte-Polivka 2, 293 N. 1; Zaunert 
Rheinland 1, 263 ff. 148 ) Pschmadt 59 f. (Acta 
SS. Sept. 1, 301 Nr. 11); Goswin Frenken 
Wunder u. Taten d. Heiligen 1925, 98!. 215; 
Zaunert Rheinland 2, 37; Pröhle Unterharz 
197; Graesse Preußen 2, 146 f.; Mailly 

Niederösterreich 151; Grimm Sagen Nr. 350 
(Notburga) u. ZGOR. 1886, 394 ff. = Grenz* 
boten 62, 2, 97 f.; Meier Schwaben 301; Trierer 
Aegidius: Germania 26, 12. 14 ff.; Kießling 
Frau Saga 3, 86; Chevalier au cygne: ebd. 1, 420. 
148 ) Mannhardt Germ. Mythen 60 N. 1; 
Zaunert Westfalen 117 f. 14B ) Trierer Aegidius, 
Germania 26, 14 ff.; Macarius: Gust. Roskoff 
Gesch. d. Teufels 2 (1869), 171 (Acta SS. Jan. 2, 
230. 14); Kaiserin Edith: MG. SS. 20, 628; 
16, 62; Neues Archiv d.Gesellsch. f. ältere dtsch. 
Geschichtskunde 20, 55. 80 f. 180 ) Pschmadt 
48 f.; vgl. Archiv f. Literaturgesch. 9, 578; Ger¬ 
mania 27, 368; Else Lüders Buddhist. Märchen 
1921, XIV; Wolf Beitr. 2, 112; Kuhn West¬ 
falen 1, 315; Schambach-Müller 75; Ale¬ 
mannia 26, 166. 160a ) Rosegger Volksleben 96. 


Hirsch 


102 


!0I 

uob ) Marz oh 1 - Schneller Liturgia sacra 6, 690 
■= Niderberger Unterwalden 1, 523 f. 

6. Der H. als Opfertier. Der H. ist 
ein altes Opfertier 151 ), wird im 4. Jh. 
vor Chr. auf der phönikischen Opfertafel 
in Marseille genannt 151 ), wurde der 
Artemis 152 ), dem Dionys 151 ), dem Ak- 
taion usw. dargebracht 151 ). Die Nieder¬ 
sachsen opferten im 9. Jh. Erstlinge der 
Jagd 153 ). Schon bei Griechen und Rö¬ 
mern vertrat ein Gebildbrot das Opfer¬ 
tier 154 ). Gebildbrote in H.- oder H.horn- 
form 155 ) kennt Hofier für den Nikolaus¬ 
tag 156 ), Weihnachten und Neujahr 157 ), 
Drei-Königstag 157a ), Fastenzeit 158 ), am 
Hirsmontag 159 ), Tag nach Invocavit 160 ), 
Montag nach Aschermittwoch 161 ), Ostern 
w *). Ein H.essen war in Schmalkalden 
Mariä Himmelfahrt 163 ) üblich, in Corvey 
St. Vitustag 164 ), einen Kirmesh. kannte 
man in Schlesien 165 ). Zu Fruchtbarkeits- 
swecken opferten nach Höfler 165a ) böo- 
tische Frauen dem Aktaion, kleideten sich 
als H.kühe und benannten sich so. 

ll1 ) Höfler Organoth. 81; G. Wilke Religion 
d. Indogermanen 1923, 219. 222. 15Z ) Stengel 
Opfer gebrauche 197. 200. 226 f.; Keller Tiere 
I98. 153 ) Höfler Weihnacht 66. 154 ) Höfler 

Organoth. 81; Weihnacht 16; Keller Tiere 
97 f.; ZfVk. 1, 304. 155 ) Höfler Weihnacht 65; 
ZfVk. 14, 267. 158 ) ZfVk. 12, 199; Bavaria 1, 

1002 N. 157 ) Höfler Weihnacht 65. 66; Roch¬ 
holz Sagen 2, 197; Kolbe Hessen 7. 11. 157a ) 
Aargau: Sepp im Correspdzbl. Ges. f. Anthrop. 
X3 (1882), 188 f. 188 ) Höfler Fastengebäcke 
33 - 35 - 5 6 ; Meyer Germ. Myth. 109; Roch¬ 
holz Sagen 2, 197 f. 15B ) Rochholz Sagen 
2, 197; Niderberger Unterwalden 1, 341. 
W°) ARw. 8 Beiheft 83; Dieterich Kl. Sehr. 
3*5. m ) Rochholz Sagen 2, 195 f. 182 ) Höfler 
Ostergebäcke 53. 1Ä3 ) Lyncker Sagen 229 f. 

*•*) Zaunert Westfalen 117 f. 188 ) Peuckert 
Schles. Vk. 106. 165a ) Höfler Organoth. 81 

nach ARw. 10, 57. 

7. Apotropäisch (vgl. 4 d.). Geweihe 
usw. wurden im Altertum als (Opfer oder) 
Weihgeschenk der Jagdgottheit aufge- 
hftngt 166 ), meist aber haben sie apotrop. 
Bedeutung in vorhistorischer Zeit 167 ), 
wie bei den Griechen 168 ), wie in den ro¬ 
manischen Ländern 169 ). So findet sich 
auf dem Dach von St. Michael ein H., 
den man für ein Opfertier ansieht 169a ). 
Als Herzog Johann Georg zu Brieg 1582 
Hochzeit hielt, wurden zur Feier auf alle 
Giebel H.hömer gesetzt 169b ). Im Früh¬ 


jahr an gewissen Tagen gefunden und auf¬ 
gehängt, bilden sie nach Montanus 17 °) 
einen Schutz gegen Schlangen. Wegwarte 
muß man mit einem H.ge weih graben 170a ). 
Apotrop. wird das Horn auch als Giebel¬ 
schmuck gebraucht 171 ). Den Schwalben¬ 
stein trägt man in H.leder gebunden am 
Halse, ebenso andere Zaubermittel 171a ). 
Als Amulett trägt man in Frankreich ein 
Stück Geweih bei sich 172 ), ebenso in 
Österreich gegen den Blitz 172a ), bei uns 
H.klauen 173 ), H.zähne ~ Grandein in 
Ringen; das Auge Gottes steht auf der 
Spitze eines solchen Zahnes 174 ). Das Bild 
steht in einer Fraisenkette 175 ). Der Jäger 
trägt am Hut ein H.bild aus Blech, damit 
er keinen Menschen erschießt 175a ). 

166 ) Keller Tiere 96 f.; Stengel Opferge¬ 
bräuche 200. 16? ) Höfler Organotherapie 81. 

169 ) ebd. 82; Pradel Gebete 358 N. 1. 16B ) Selig¬ 
mann Blick 2, 122; Gerhardt Franz. Novelle 
72. 189a ) Mailly Niederösterreich 109. i5i = Kieß- 
ling Frau Saga 3, 23. 1€9b ) Nik. Pol Jahr¬ 
bücher d. Stadt Breslau 4 (1813), m. 17 °) Mon¬ 
tanus Volksfeste 167; vgl. Megenberg 107. 
17 ° a ) Marzeil Volksleben 60. m ) Meyer Germ. 
Myth. 109. 171a ) Alpenburg Tirol 388. 360. 

172 ) Seligmann Blick 2, 122. l72a ) ZföVk. 33, 
21. 173 ) Hovorka-Kronfeld 1, 212. 174 ) Roch¬ 
holz Sagen 2, 193; helfen für die Augen: 
ZföVk. 33, 21. 1 78 ) Hötler Organoth. 84; ZföVk. 
13, 104. 175a ) ZföVk 33, 45. 

8 . Vorbedeutung und Angang. 
Als Todesbote 176 ) erscheint der H. in 
hessischen 177 ), sächsischen 178 ) und bre- 
tonischen Sagen 179 ); wer einen weißen 
sieht, stirbt 179a ); auch ein blutendes 
H.hom gilt als Unglücksomen 180 ). Der 
Angang galt bei Romanen je nach den 
Umständen glück- oder unglückver¬ 
heißend 181 ), den Persern, Juden, sieben¬ 
bürg. Zigeunern 182 ) und dem deutschen 
Mittelalter als böse 183 ), nach der Rocken¬ 
philosophie aber als gut 184 ) . Wer in der 
Thomasnacht eine H.kuh sieht, Neujahr 
einen röhren hört, hat Glück 179a ). 

178 ) Schwebel Tod u. ewiges Leben 115 f. 
177 ) Pfister Hessen 96. 107 f.; Zaunert 

Hessen-Nassau 309. 320. 178 ) Sieber Harz 

197; Graesse Sachsen Nr. 23 = Rochholz 
Sagen 2, 192. 17B ) Rolland Faune 1, 103 N. 3. 
l7Ba ) ZföVk. 33, 21. 18 °) Birlinger Volksth. 1, 
241 f.; Meiche Sagen 622. Vgl. oben. 181 ) Hopf 
Tierorakel 83 f.; S6billot Folk-Lore 3, 22. 23. 
182) ZfVk. 23, 385; Scheftelowitz Altpalästi¬ 
nensischer Bauernglaube 141. 183 ) ZfVk. 23, 

385; nach G. Grupp Kulturgesch. d. Mittel - 


103 


Hirsch 


Hirsch 


106 



alters (1912) 55; Braeuner Curiositaelen 488. 
1M ) Grimm 3, 438 Nr. 128; ZfdMyth. 3, 310; 
Montanus Volksfeste 168. Vgl. Rolland 
Faune 1, 103 N. 5. 


9. H. als Wettertier. Wenn Nebel 
von den Berghängen aufsteigen, braut 185 ), 
raucht 186 ) der H. Laurentius pißt er in 
den Bach, da ist die Badezeit vorbei 187 ). 
Bartholomä tritt er in die Brunst 188 ). 
Mit welchem Wetter der H. (Aegidien) in 
die Brunst tritt, mit dem tritt er wieder 
aus 189 ). Späte Brunst zeigt einen langen, 
frühe und schnelle einen kurzen Winter 
an 190 ). Ebenso zeigt lautes Schreien in 
der Brunst einen strengen Winter an (Iser- 
gebirge). Wenn die H.e auf die Häuser 
zu weiden, deutet das ein volles Jahr 191 ), 
nach schlesischem Glauben strenges 
Wetter an (mündl.). Bei jedem Wetter¬ 
umschlag ist das Wild mehr als gewöhn¬ 
lich auf den Läufen (mündl.). Um 
H.sprunglänge nimmt der Tag am Drei¬ 
königstag zu 192 ). 


186 ) Laistner Nebelsagen 16, nach Kuhn 
Westfalen 2, 88 Nr. 275. 1B6 ) Ebd. nach Eisei 
Voigtland 225. 187 ) Wlislocki Sieb. Volksgl. 76; 
ZfVk. 4, 405. 188 ) Curtze Wal deck 315 Nr. 20. 
18 ®) Bartsch Mecklenburg 2, 177; HessBl. 
11, 12; Schütze Holstein. Idioticon 1, 19. 

Leoprechting Lechrain 193. 19 °) ZföVk. 10, 

52. im) ZfdMyth. 3, 313- 

10. H. als Vegetationsdämon. Der 
Vegetationsdämon trägt zuweilen H.- 
gestalt; die letzte Garbe wird zum 
H. geformt, H. genannt 1923 ); das geht 
nach Reuterskiöld 192b ) auch daraus her¬ 
vor, daß Brotformen diese Gestalt an¬ 
nehmen. Vgl. ferner Hirschmaske. 


m ) Langer DVöB. 6, 25. Nr. 64. 192a ) Mann¬ 
hardt Korndämonen 1; J. G. Frazer Der goldene 
Zweig 1928, 674. 1#2 b) Speisesakramente 118. 


11. Der H. im Segen. Bei Beinver¬ 
renkungen wird der H. genannt 193 ), eben¬ 
so in einem Segen vom blinden Kalb 194 ), 
die Hinde in einem jüdischen, um die Ge¬ 
burt zu fördern 194a ). Russische 195 ) und 
griechische Segen 196 ) verweisen die Krank¬ 
heit in das Haupt eines H.es, der geduldig 
ist und die Schmerzen erträgt 195 ). Auch 
Segen gegen die fruchtschädigenden H.e, 
Rehe und Schweine sind bekannt (Oden¬ 
wald) 19? ), wie solche, sie zu binden 197a ). 
Eine sächsische Hexe sprach einen Liebes¬ 
zauber: es müsse den Mann nach ihr 


verlangen „wie den H. nach der Hinde“ 198 ). 
Gehört hierher auch das Brüsseler ahd. 
Bruchstück ,,H. und Hinde“ 199 ) ? 

19a ) Albertus Magnus 1, 14; Ebermann 
Blutsegen 15f.; Lammert 214; Meier Schwaben 
516; Wolf Beitr. 2, 426; Losch Balder 28 f.; 
Germania 18, 234 und im ARw. 2, 262 ff.; 
ZrwVk. 1912, 1; zusammenfassend Ohrt in 
HessBl. 22, 64 ff. 194 ) Köhler Voigtland 405. 
194 a) Schudt Jüd. Merkwürdigkeiten II 1, 9. 
195 ) Mansikka 50. 75. 19# ) Pradel Gebete 358. 

197 ) ZfKulturgesch. IV. Folge, 4, 214. 19?a ) Ale¬ 
mannia 13, 186 f; MVerBöhm. 18 {1880), 156. 

198 ) Sieber Sachsen 232. 199 ) MSD. 1873 2 , 12. 
Nr. VI. 

12. Zauberische und medizinische 
Kräfte (vgl. auch apotropäisch) 20 °). 
Der H. liefert hauptsächlich fruchtbar 
machende Mittel, wird im Frauen¬ 
dreißiger (s. d.) getötet 2001 ), und zwar 
werden die Geilen, Rute, der Same 
des in der Brunft getöteten usw. zur Er¬ 
weckung der Geilheit 201 ), Behebung der 
Impotenz, auch wenn diese durch Hexerei 
entstand 202 ), innerlich und als Schmiere 
gebraucht 203 ). Unfruchtbare Frauen ge¬ 
nießen post coitum Pulver einer dürren 
H.rute oder H.enmutter 204 ). Ein Knöchel¬ 
chen aus der Vulva verhinderte bei den 
Alten den Abort 205 ). H.brunst, Cyclamen, 
die aus dem Speichel (Samen?), zur 
Brunftzeit verloren, entsteht 206 ), wird 
gegen die Pest 207 ) angewandt, zu einer 
Salbe, um die Feuersbrunst zu löschen, 
verarbeitet 207a ). Noch heute suchen 
schles. Apotheker Blase, Hoden, das Kurz¬ 
wildbret als ein Kräfte verleihendes Ge¬ 
richt (Schlesien) 208 ). Ein Decoctum ex 
Priapo Cervi heilte die Ruhr 209 ), Seiten¬ 
stechen, treibt den Harn 210 ); das genitale 
cervi hilft gegen Lungenleiden 210a ) der 
Schweiß vom Scrotum erweckte, ge¬ 
trunken, Widerwillen gegen Wein 211 ). 
H.galle erleichtert die Geburt 212 ), H.- 
leber ward gegen Wassersucht, Podagra, 
Kontrakturen 213 ), das Netz zur Wund¬ 
salbe 214 ), die Zunge bei Viehseuchen 215 ), 
die Lunge gegen Husten 216 ), bei den Al¬ 
ten gegen die Schwindsucht gebraucht 217 ). 
Der Magen, zusammen mit einem vom 
Menstruationsblut befleckten Hemd ver¬ 
brannt, verdirbt Jägern den Schuß 217a ). 
Das Hirn (nicht antik) wird zur Salbe 
gegen harte Geschwüre und gegen Blut¬ 


fluß (bloet seken) verwendet 218 ), der 
Hirn schädel gepulvert ebenso, gegen 
Gift, Schwindel, Fallsucht, Blutfluß, Wei߬ 
fluß usw. 219 ), kalziniert gegen Eingeweide¬ 
würmer 220 ). Das H.krönlein aus dem 
Kopfe, auf der linken Brust getragen, ist 
gut für das Herzklopfen 221 ). Das Herz ist 
ein Abortiv- 222 ) und Herzmittel 223 ), ge¬ 
trunken hilft es gegen die fallende Sucht 224 ). 
Der verkalkte, arteriosklerotische Faser¬ 
ring an der Aorta, das H.kreuzel 225 ), 
stärkt das Herz 226 ), hilft gegen Un¬ 
fruchtbarkeit der Weiber 227 ), Blutgang 228 ), 
gegen Alpträume und Herzritt 229 ), Gift 230 ), 
Melancholie 230 ) f ist gut in der Weiber 
schweren Stunde 231 ), bei arhythmischem 
Herzschlag 232 ), Nasenbluten 232 ), wider 
Flüsse im Haupt, viertägiges Fieber 233 ), 
Fallsucht 234 ), Zittern des Herzens 235 ); 
es dient zur Herzstärkung in Pestzeiten 236 ) 
und gegen die Pest 237 ); wer es trägt, den 
kann kein giftiges Tier stechen 238 ). Das 
H.kreuz oder H.horn löst dem Alchy- 
misten das Gold in ein aurum potabile 238a ). 
Das aus dem aufgebrochenen Herzen ge¬ 
trunkene warme Blut stählt und vertreibt 
Schwindel 239 ) (ebenso Herzfleisch, 
-knochen), die fallende Sucht 240 ), be¬ 
wahrt vor Pest 241 ). H.blut hilft auch 
bei Taubheit 242 ), in öl als Klystier: 
Hüft-, Seiten weh, Versehrte Gedärme, 
Bauchflüsse, in Wein getrunken: giftige 
Aposteme, verjährte Geäder 243 ), auch 
Podagra, Schwindungen, kontrakte Glie¬ 
der, Vergiftungen 244 ) gehört in ein Schlag¬ 
wasser 245 ). H. mark stärkt die Glieder 246 ), 
ist wider den Wolf 247 ), das Grimmen des 
Bauches 248 ), alle Geschwulst, Geschwüre 
und Fußschäden (Plinius) 249 ), Lungen- 
iucht * 50 ), ein altes Liebeszaubermittel 251 ), 
das die Periode bringt 252 ), die verlagerte 
Gebärmutter einrichtet 253 ), gegen Hüft- 
und Seitenweh, Brüche 254 ), Fallsucht 255 ), 
Schlaflosigkeit hilft 256 ). Es heilt giftige 
Geschwüre und Wunden 257 ), wird als 
Z&pflein zur Gebärmutter eingelegt 258 ). 
Megenberg empfiehlt es Fiebernden 259 ). 
H.unschlitt oder -talg ist gut für 
wunde Füße 260 ), zu weißen Händen 261 ), 
in der Wundsalbe 262 ), bei offnen Wun¬ 
den 2ft3 ), an Lefzen und Hintern 264 ), stillt 
das Blut 265 ), ist gegen Podagra 263 ), 


Brandwunden 266 ), erfrorene Glieder 267 ), 
Geschwulst 268 ), Brüche 269 ), für die 
Mutter 27 °), Schwindsucht 271 ), Nasen¬ 
bluten 272 ), gegen Engbrüstigkeit der 
Kinder 273 ), Schlangenbiß 274 ), Ver¬ 
hexung 275 ), für Kontrakte 276 ). Es stillt 
Zahnschmerzen, wird erbrechenden Kin¬ 
dern ins Herzgrüblein geschmiert 277 ), ge¬ 
hört zu einem Leichdornpflaster 278 ), wird 
gegen Läuse 279 ), Geschwüre und Feig¬ 
warzen 28 °) gebraucht, zieht die Würmer 
heraus 281 ). Das Feiste aus dem rechten 
Auge fördert die Wehen 282 ). Genuß von 
H.unschlitt erzeugt große Geschlechts¬ 
teile 283 ). Megenberg, alten Autoren fol¬ 
gend, lobt das Fleisch als fieberstillend 284 ), 
das eines ungeborenen Kalbes als gut 
gegen Gift und Schlangenbiß 285 ). H.- 

tränen (das Feist aus dem Auge?) ward 
gegen rote Ruhr 286 ), Schlangenbiß 287 ) 
gebraucht; es treibt Schweiß, schwere 
Geburten 288 ); das mit Stierurin durch¬ 
tränkte Auge eines brünstigen H.es zur 
i Erhöhung der Potenz benutzt 289 ). H.h o r n 
und H.hompulver (Hitzpulver 29 °), -asche, 
-wasser 291 )) wird in Branntwein morgens 
und abends genommen 292 ), hilft Besesse¬ 
nen und Bezauberten 293 ), bei (hyste¬ 
rischen) Ohnmächten 294 ), Epilepsie 295 ), 
bringt die Periode 296 ), ist gut gegen 
übermäßige Blutungen 297 ), Gebärmutter¬ 
verlagerung 298 ), Unfruchtbarkeit 2 "), Mut¬ 
tervorfall 30 °), Kindweh 301 ), Harnver¬ 
haltung 302 ), Wasserbruch 303 ), und 
-sucht 304 ), Gelbsucht 305 ), Blutspeien 306 ), 
Kolik und Ruhr 307 ), Magenkrämpfe 308 ) 
und Abnehmen der Kinder 309 ), Wür¬ 
mer 310 ), Zahnschmerzen 311 ), denn es 
stärkt, reinigt die Zähne 312 ), Glieder¬ 
reißen 313 ), offene Schäden 314 ), Pest 315 ), 
Krätze 316 ), Sommersprossen 317 ), Kopf¬ 
läuse 318 ), unerwünschten Haarwuchs 319 ). 
Vor allem ist H.horn gut zur Abwehr von 
Schlangen 32 °) und bösem Zauber 321 ), so 
schon bei den Alten 322 ), wie überhaupt 
H.horn in der alten Medizin eine große 
Rolle spielte 323 ). Aus dem j ungen Geweih 
wird gegen fiebrige Krankheiten eine 
Gallert bereitet (Schlesien, mündl. 324 )); 
die Schalen dienen im Kräutersäcklein 
Bezauberten 325 ). Den Frauen ist es ein 
Amulett 326 ). Am heilsamsten ist H.horn, 


107 


Hirsch 


108 


zwischen zwei Frauentagen gesammelt 327 ). 
H.harn dient gegen Ohrengeschwüre 328 ), 
Pest 329 ), Milzweh und Blähungen 33 °), 
Ringe mit H.k 1 au e n werden gegen Krampf 
getragen 331 ), H.hufe sind gegen Durch¬ 
lauf gut 332 ); ein Messer mit H.homschale 
wird von den rumän. Hexen gebraucht, 
um jemanden herbeizukochen 331a ). Die 
Lippe ist das beste Mittel gegen Gift 333 ); 
mit H.haar wird Blut gestillt 334 ). 
H.haut 335 ) oder ein zwischen zwei 
Frauentagen aus dem lebenden Tier 
geschnittener Riemen 336 ), umgetan, er¬ 
leichtert das Gebären 337 ), und die 
Nachgeburt 338 ) ist gut bei Mutter¬ 
beschwerden 339 ), dient zum Blutstil¬ 
len 340 ), wider Fallsucht 341 ), Podagra 342 ) 
und Kolik 343 ). Juden schrieben den 
i. Psalm auf ein Pergament von H.haut 
und hingen das Schwangeren um 343a ). 
Der Stein aus Magen, Herz, Ein¬ 
geweide hat die Kraft des Bezoar 344 ); 
der an der Vulva gefundene erleich¬ 
tert die Geburt 345 ). H. 1 o s u n g brauchen 
Lungensüchtige 346 ). Eine Kugel, mit 
der ein H. geschossen wurde, breit¬ 
geschlagen, hilft gegen das Überbein 347 ) 
und Nabelbrüche 348 ). 

200 ) Die Angaben von William Marsh all 
Neueröffnetes, wundersames Arzenei-Kästlein 1894 
(St. 12. 17. 28. 57 f. 66 f. 69 f. 71. 73. 74. 
81. 84. 87. 91. 93. 94. 102) sind leider ohne 
Quellenangabe gemacht und deshalb fast wertlos. 
2°o a ) Höfler Organoth. 82; vgl. Anm. 327. 336. 
201 ) Joh. Joachim Bechers Parnassus medici- 
nalis 1 (1663), 32; Joh. Schröder Medicin- 
chymische Apothecke 1685, 1279. 1280; Oswald 
Croll Von d. innerlichen Signaturen d. Dinge 
1625, 45; Kräutermann 212. 214; Lammert 
151; Hovorka-Kronfeld 2, 170. Vgl. Bapt. 
Porta Magianaturalis 1713, 32 § 28. Ergänze 
diese u. die folgenden Belege durch die zu Bd. 1, 
526. 202 ) Die Mylianische zusammengesammelten 
geh. Artzneymiltel bei Gockelius Tractatus 1717, 
190. 191; Kräutermann 218. 219. 203 ) Jüh- 
ling Tiere 61.70. 204 ) Ebd. 70. Vor Brunst heraus¬ 
geschnitten: Mutterkrankheit: Schröder 1279. 
206 ) Höfler Organoth. 242. 206 ) Paracelsus 

Bücher vnd Schrifften 3 (1589), 51 f. 207 ) Ebd. 
3, 52. 207a ) Germania 22, 262. 208 ) Mündlich; 

vgl. Höhn Volksheilkunde 1, m; Anthropo- 
phyteia 4, 292. 209 ) Kräutermann 176. 178; 
Lonicer Kreuterbuch 1577CCCXII; Schröder 
1279; Becher 1, 32. 210 ) Schröder 1279. 

210a ) J- J- Loos Joh. Baptista vom Helmont 
1807, 27. 211 ) Kräutermann 160. 212 ) Jüh- 
ling 69. 213 ) Höfler Organoth. 165. Vgl. 

Becher 1, 32; Hovorka-Kronfeld 1, 213. 


214 ) Jühling 67. 215 ) St. Gallen 15. Jh.: Ger¬ 
mania 25, 67. 216 ) Jühling 61; Lonicer 

CCCXII A; Höfler Organoth. 273 (PIin. 
XXVIII 67). 217 ) Höfler Organoth. 83. 

21?a ) Agrippa v. Nettesheim 1, 191 f. 21i> ) Tüh- 
ling 275 f. 22( >) Höfler 83 f.; Jühling 71. 
221 ) ZföVk. 6, 112; Hovorka-Kronfeld 

2, 66. 222 ) Höfler Organoth. 242 f.; Jühling 66. 
223 ) Schröder 1279. 224 ) Jühling 68; Höfler 

243. 22: ) ZfdPhil. 13, 369 (Ulrich Morhart); 

Schröder 320; Höfler 241 f. 226 ) Becher 
1, 31; Osw. Croll Von d. innerlichen Signa¬ 
turen 43. 227 ) Jühling 69; Lammert 157; 

Höfler Organoth. 242. Als Amulett: Lammert 
157. 228 ) ZföVk. 6, 112. 229 ) Höfler Organoth. 

244. 243; Schröder 1279; Becher 1, 31. 

23 °) Höfler Organoth. 243 f. 231 ) Schröder 
1279; Becher 1, 31; Höfler 242. 243. 244. 
232 ) Höfler 244; Schröder 1279. 233 ) Höfler 
243. 234 ) Mündi. u. Höfler 241. 235 ) Paracelsus 
Bücher vnd Schrifften 3, 265. 236 ) Ebd. 3, 52. 
237 ) Ebd. 3, 82. 149. 205. 238 ) Kräutermann 
382. 238a ) Osw. Croll Basilica chymica 1622, 42. 
23 ®) Höfler 244. Vgl. Jühling 68. 24 °) Höfler 
Organoth. 243; Plinius de medicina III 21; 
Dölger in Vorträge d. Bibi. Warburg 1923/24, 
206. 241 ) Paracelsus Bücher v. Schrifften 3, 

52. 56. 242 ) Seyfarth Sachsen 149. 243 ) Lonicer 
CCCXII A; Schröder 1280. 244 ) Becher 

1, 32; Schröder 1280. 245 ) Schröder 342. 

248 ) Jühling 63. 66. 247 ) Ebd. 65. 248 ) Ebd. 60. 

249 ) Ebd. 65. 60; LonicerCCCV R; Schröder 

1281. 25 °) Paracelsus 3, 385. 251 ) Höfler 

Organoth. 81 f. 262 ) Jühling 60. 253 ) Ebd. 60; 
Höfler Organoth. 83; Schröder 230. 254 ) Jüh¬ 
ling 60. 265 ) Ebd. 69; Lammert 271. 

266 ) Jühling 64. 65. 66. 257 ) Becher 32. 

258 ) Lonicer Kreuterbuch CCCV R. 259 )Megen- 
berg 106. 26 a ) Mündlich; Za der Simmen- 

thal 81; ZfVk. 8, 41. 44. 46; Jühling 68; 
Raymundus Minderer Kriegsart^ney 1620, 
41; Albertus Magnus 1, 24. ?8i ) Bapt. 

Porta Magianaturalis 1713,661 §2. 282 ) Ho¬ 
vorka-Kronfeld 1, 213; 2, 360; ZfVk. 8, 46 f.; 
Jühling 67. 63 f. 62. 61 f.; Pollinger Lands¬ 
hut 278; Minderer 282. 263 ) ZfVk. 5, 412; 

Becher 1, 31!.; Schröder 1281. 264 ) Lonicer 
CCCV A; Paracelsus Natürl. Zaubermagazin 
1771, 245; an Brustwarzen: Lammert 177. 
286 ) Lonicer CCCXII. 288 ) ZfVk. 7, 62. 287 ) 

Schröder 1281; Kräutermann 232; Min¬ 
derer 340; Zahler Simmenthal 81. 288 ) Jüh¬ 
ling 64; Schröder 1281; Becher 1, 32. 
26 ») Paracelsus ( Archidoxis magicae) Opera 
2 (1616), 553. 2:0 ) Jühling 63. 271 ) Albertus 
Magnus 1, 19; Jühling 61. 272 ) Jühling 

65. 273 ) Ebd. 69. 274 ) B. Porta Magia naturalis 
I 7 I 3 * 3 1 § * 6 ; Lonicer Kreuterbuch 1577, 

CCCV A nach Dioscurides: Schlangen fliehen 
den mit H.-Unschlitt Gesalbten. 275 ) ZfVk. 
8, 47; Mylian. Artzneymiltel bei Gockelius 
Tractatus 1717, 186. 278 ) Paracelsus Bücher 

v. Schrifften 4, 112. 113. 277 ) Lammert 138. 

278 ) Th. Paracelsus natürliches Zaubermagazin 
I 77 I » 135 b 6 9- 279 ) Lammert 134. 28 °) Elsaß 


109 


Hirschkäfer 


HO 


14. Jh.: Alemannia 10, 219. 231. 232. 281 ) 1 

Schröder 1281. 282 ) Jühling 66; vgl. 69. 283 ) 
Ebd. 69. 284 ) Megenberg 107; Höfler Or¬ 
ganoth. 82. 285 ) Megenberg 106; Lonicer 

CCCXII A. 28e ) Jühling 70 {.; Hovorka- 
Kronfeld 1, 213. Vgl. Grimm Myth. 3, 362 
(Hirschstein). 287 ) Bapt. Porta Magia na¬ 
turalis 1713, 31 § 16. 288 ) Becher 1, 32; 

Schröder 1280. 289 ) ZfVk. 23, 257. 23 °) 

G. Schmidt Kräuterbuch 62 N. 219; Ma- 
gisterium C. C.: Schröder 280; J. F. Brandt 
u. Ratz enburg Medizin. Zoologie 1 (1829), 
41. 291 ) SchwVk. io, 77 f.; Hovorka-Kron¬ 
feld 1, 213; Rolland Faune 1, 103. 292 ) 

Lam mert 242; Hovorka - Kronfeld 2, 25. 
••*) Die Mylianische zusammengesammelten ge¬ 
heimen Artzneymiltel in Gockelius Tractatus 
179. 186. 294 ) Hovorka-Kronfeld 2, 202; 

Schröder 1278. 295 ) Ebd. 1278; ZfVk. 5, 412; 
Lonicer CCCXII A. 298 ) Schmidt Kräuterbuch 
62 N. 219; Schröder 1278; Jühling 65. 297 ) 
Jühling 62. 64. 69; Lonicer CCCXII A; 

Minderer 351; Höhn Volksheilkunde 1, 142!.; 
Lammert 147 f.; ZfVk. 1, 177; 8, 47. 298 ) 

Schröder 1278; Jühling 64 f. 2 ") Lammert 
156. 30 °) Jühling 64 (Austreten des Mast- 

darmes?). 301 )Paracelsus Bücher vnd Schrifften 
3, 122; H.hornwasser erleichtert Geburt: 
Rolland Faune 1, 103. 302 ) Jühling 65.61; 
LonicerCCCXII A; 303 ) Jühling6i. 304 ) Para¬ 
celsus Bücher 5, 247; 3, 313. 3W ) Jühling 65. 
70; ZfrwVk. 1914, 165; Lonicer CCCXII A. 
•°*) Ebd.; Hovorka-Kronfeld 2, 31. 32. 307 ) 
Becher 1, 31; Lonicer CCCXIIA; Minderer 
209.222. 223. 232; Höhn Volksheilkunde 1, 149. 
109 ) Köhler Voigtland 354; Schmidt Kräuter¬ 
buch 37 N. 11. 309 ) Kräutermann 278. 31 °) 
Lonicer CCCXII A; Becher 1,31; Schröder 
1277; Alemannia 10, 225; Höfler Organoth. 83; 
ZfVk. 8, 47; Kräutermann 164; Jühling 
60. 61. 62. 67. 69. 311 ) Lonicer CCCXII A; 

ZfVk. 8, 47; BIPommVk. 5, 13; Jühling 
69. 63. 312 ) Lonicer CCCXII A. 313 ) Jühling 65. 
* 14 ) Ebd. 67. 63. 315 ) Becher 1, 31; Schröder 
1277. 362; Kräutermann 308. 316 ) Ebd. 65; 
Kopfgrind: Kräutermann 331. 332. 317 ) Jüh¬ 
ling 70. 318 ) Lammert 134 f. 319 ) Staricius 
481; Th. Paracelsus natürliches Zauber- 
magazin 1771, 64. 32 °) Pradel Gebete 373; 

Scheftelowitz Altpalästin. Bauernglaube 18 
N. 1; Lonicer CCCXII A; Jühling 70; 
Agrippa v. Nettesheim 1, 199. 321 ) Ho¬ 

vorka-Kronfeld 1, 213. 32Ä ) Plin. VIII 42; 
Keller Tiere 88 . 323 ) Hovorka-Kronfeld 

X, 212; Höfler Organoth. 81. Es treibt den 
Schweiß, widersteht Fäulnis, darum gegen 
Röteln, Pocken, Fieber; es stillt Bauchflüsse, 
Skorbut, Podagra: Becher 1, 31 f.; dazu 
Schlafsucht, Hypochondrie, Zipperlein: Schrö¬ 
der 1277 h; Feigwarzen: Alemannia 10, 231, 
gegen Erbrechen u. Ekel; Gift: Kräuter¬ 
mann 155 f. 382; in Pferdekrankheiten: 
Th. Paracelsus natürl. Zaubermagazin 1771, 
237; Hauptweh und Schnupfen Lonicer 
CCCXII A; Bastgeweihe als Aphrodisiaka: 


Albert Le Coq Von Land u. Leuten in Ost- 
turkesian 1928, 47. 324 ) Mündlich; vgl. Schröder 
1278. 1279; Lonicer CCCXII A (Menses 
stillend). 325 ) Mylian. Artzneymiltel bei 
Gockelius Tractatus 17. 187. 328 ) S6billot 
Folk-Lore 3, 45. 327 ) Schröder 1277. 328 ) MsäVk. 
8, 92. 329 ) Paracelsus Bücher vnd Schrifften 

3, 56 f. *») Lonicer CCCXII A. **') Jüh¬ 
ling 70. 331a ) Globus 92, 285. 332 ) Becher 

1, 32. 333 ) Lonicer CCCXIII A. 334 ) Jühling 
63. 335 ) Montanus Volksfeste 167 f. Vgl. 

Friedberg 17; Graf in FFC. 38, 25. 338 ) Grimm 
Myth. 3, 344; Kräutermann 265; Becher 
Parnassus 1, 31. Sonst muß er, um Heilkraft 
zu haben, Aegidien erlegt werden = Schröder 
70 f. 337 ) Jühling 68; Staricius 519; An- 
dreae Tenzelii Medicinisch-philosophische und 
sympathetische Schrifften 1725, 244; Drechsler 
1, 150; Birlinger Aus Schwaben 2, 238; 
Meyer Baden 388; ZfVk. 8, 46. 338 ) Lam¬ 

mert 169. 339 ) Schröder 1279. Jühling 
63. Vgl. 66. 341 ) Grimm Myth. 2, 981; ZfVk. 

1, 175; Jühling 67. 68 f. 34a ) Berthold 

Unverwundbarkeit 11. 343 ) ZfVk. 8, 40; Alpen- 
bürg Tirol 380; Jägerhörnlein 132; Simrock 
Myth. 537. 343a ) Schudt Jüd. Merkwürdig¬ 
keiten 1714. II. 1, 193. M4 ) Becher 1, 32. 

345 ) Schröder 1281. 34Ä ) Hovorka-Kronfeld 

2, 41. 347 ) ZfVk. 8, 46. 348 ) Kräutermann 195. 

13. Gehörnt. In fast allen Schwarz¬ 
künstlersagen begegnet die Angabe, daß 
der Zauberer seinem Gegner H.hörner 
anzauberte 349 ). 

349 ) Peuckert Pansophie. 1932; Luther 
Tischreden 2, 1425; Wenzig Westslavischer 
Märchenschatz 161; Kiesewetter Faust 1921. 
1, 212 f. Peuckert. 

Hirschkäfer. 

1. Benennung nach den „Hör¬ 
nern 0 . Der H. (Lucanus cervus) wird in 
den meisten Sprachen nach seinen ge¬ 
weihartigen kräftigen Oberkiefern be¬ 
nannt, die vom Volke für Hörner gehalten 
werden. So heißt er im Steirischen Horn¬ 
käfer 4 ), im Niederösterr. Hörndler 2 ) oder 
Kirntelkäfer 3 ) (= gehümdel K.), im 

Schwäbischen Hornschretel 4 ). Schretel 
scheint Vermischung von Schröter (s. 
weiter unten) und Schrat (Waldgeist). 
Hierzu stimmt auffallend schwed. horn¬ 
troll 5 ). In Duisburg heißt der H. niegen- 
hönder (Neunhörner) 6 ). Mit diesen 
Namen vgl. tschech. rohac (= homtra- 
gend) 7 ), franz.-dial. cornard (Creuse) 8 ), 
banard (Gard, Languedoc) 9 ), lomb. cor- 
nabö 10 ). In bö steckt entweder lat. bos 
oder wie Garbini 11 ) vermutet, ital.-dial. 
boja „Insekt“. 


III 


Hirschkäfer 


112 


Häufig sind Benennungen nach hörner- 
tragenden Tieren, und zwar a) nach dem 
Hirsch. In deutsch Hirschkäfer ist Käfer 
nur ein verdeutlichender Zusatz zu ur¬ 
sprünglichem Hirsch, so daß das Wort 
eine Bildung ist wie z. B. Walfisch, Wind¬ 
hund, Vogel Strauß. Im Siegerländischen 
heißt unser Käfer in der Stadt Hirsch, 
auf dem Lande Hirz 12 ). Nach der Zeit 
seines Erscheinens (am Johannistag) 
heißt er dort auch gehanz-hirz, d. h. Jo¬ 
hannishirsch, das Weibchen heißt ge- 
hanzkö „Johanniskuh“ 13 ). Dem Deut¬ 
schen entsprechen engl, stag beeile, stag 
fly 1 *), hart beeile 15 ), ebenso neugr. eXa?o- 
xavOotpo; 16 ). Einfaches „Hirsch“ liegt 
vor in serb. jelen (altslav. elenetz 17 )), 
poln. jelenek, russ. olenez, beides „Hirsch¬ 
lein“ 18 ). (Vgl. ital. cerviattolo volonte). 
Auf sein Vorkommen auf der Eiche i 
bezieht sich dän. eeghjort „Eich¬ 
hirsch“ 19 ). Die romanischen Sprachen 
zeigen analoge Namen: franz. cerf vo- 
lant, biche (Weibchen) 20 ). In Lorient 
heißt das Männchen Cerf S. Pierre, 
das Weibchen Cerf S. fean 21 ) (Vgl. 

weiter oben siegerländ. gehanzhirz). Wei¬ 
tere rom. Namen: ital. cervo [cerviattolo) 
volante, span, ciervo volante , port. veado 
voante 22 ), rum. cerbariü, capul cerbului 
„Hirsch köpf“, cerbul-lui-Dumnezeü ,,H. 
Gottes“ 2Z ). 

b) Nach dem Rind (Ochs, Kuh). 
Deutsch: Ochs 24 ), schwed. ekoxe , ebenso 
finn. tammihärkä [tammi „Eiche“, härkä 
„Ochs“) 25 ), steir. Hirschochs, Himmel¬ 
ochs, Herrgottenochs 26 ), franz. bceuf de la 
S. fean (Allier) 27 ), rum. botd-lui-Dum- 
iiezeü 28 ), vaca-lui-Dumnezeü (Weib¬ 
chen 29 )),taur „Stier“, buhaiü „Büffelstier“, 
buhaiul lut Dumnezeü „Büffel Gottes“, 
bourel „kleiner Auerochse“ 30 ). 

c) Benennungen nach Bock und Widder 
kommen nur vereinzelt vor. Deutsch: 
Bock 31 ), westergotl. torbagge 32 ) (schwed. 
bagge = Widder) **). 

x ) Wein köpf Naturgeschichte 49. 2 ) Ebd.; 

Grimm Myth. 2, 576. 3 ) Weinkopf a. a. O. 

4 ) Keller Tierwelt 2, 407; Neuphil. Mitt. 26, 
181. 5 ) Grimm Myth. 2, 576. 6 ) Leithaeuser 
Volkskundliches 1, 18. 7 ) Grimm a. a. O. 

•) Rolland Faune 3, 327. ®) A. a. O. 10 ) A. a. O. 

U) Garbini Aniroponimie 236. 12 ) Heinzer¬ 


ling Wirbellose Tiere 7. 13 ) A. a. O. 14 ) Grimm 
a. a. O. 1S ) Rolland a. a. O. 18 ) Edlinger 
Tiernamen 56. 17 ) Grimm Myth. 3, 200. 18 ) 

Edlinger a. a. O. 1# ) A. a. Ö. 20 ) Rolland 
Faune 3, 326- 21 ) Op. cit. 3, 327. 22 ) Edlinger 
a. a. O. 23 ) Rum. Jahresb. 12, 119. 24 ) Grimm 
Myth. 2, 576. 25 ) Edlinger a. a. O. 2a ) Wein- 
j köpf op. cit. 50. 27 ) Rolland Faune 3, 327. 
28 ) Rum. Jahresb. 12, 119. 29 ) Op. cit. 12, 139. 
30 ) Ebd. 31 ) Grimm Myth. 2, 576. 32 ) Op. cit. 
2, 577 33 ) Neuphil. Mitt. 26, 179. 

2. Benennungen nach verschie¬ 
denen Tätigkeiten. Mit seinen geweih¬ 
artigen Oberkiefern kann der H. gehörig 
zwicken, worauf eine Anzahl von Benen¬ 
nungen an spielen: so gottscheeisch 
zwickarkawer „Zwickkäfer“ M ), klamm- 
hirz (Schmalkalden) a5 ), klemmheuern 
„Klemmhorn“ (Westrup) 3Ö ), Klemmer, 
Klemmhirsch 51 ), hess. knippherz, knipherz 
„Kneifhirsch“ 38 ), knipworm (Meiderich) 39 ), 
hess. petzgaul (petzen = kneifen 40 )), west- 
pfälz. Petzekäfer 41 ) und Hirschbex (bexen 
aus mhd. beckezen „stechen, zwicken“) 42 ). 
Hiermit vgl. franz. cope-de (coupe doigt, 
Deux-Sevres) 43 ), tenaley 44 ) (<tenacula- 
rium aus tcnaculum 45 ), Bagnard; vgl. 

| franz. tenailles „Zange“), engl, pinches- 
! bob (Surrey 453 ), holl, schale-bijtcr 45b ). 

Von seiner Tätigkeit des Holzschneidens 
| (richtiger: Bohrens) hat der H. den Namen 
j Schröter (mhd. schrotel* 5 ), Hornschröter 47 ), 

, Baumschröter 48 ), Weinschröter 49 ) (wohl 
' scherzhafte unlogische Weiterbildung). 
Hiermit vergleicht sich franz.-dial. seien 
de buö (= scieur de bois „Holzsäger“, Ban 
I de la Roche) 50 ), charpentier „Zimmer¬ 
mann“ (Cöte d’or) 51 ). In Kärnten heißt 
der H. Scharkäfer (von Schar = Pflug¬ 
schar; vgl. kämt, scher und scharbl 
„Maulwurf“) 51a ). Von der Tätigkeit des 
Feilens heißt der H. Schmiedkäfer (Ziller¬ 
tal 52 ), Salzburg 53 )), ebenso rum. favru , 
euvaeiü „Schmied“ 54 ). Weniger klar 
ist henneberg, bämschluider „Baum¬ 
schleuder“, wozu bämfreele „Baumfräulein“ 
als Bezeichnung des Weibchens 55 ). Auf 
das Auftreten des Käfers im Mai bezieht 
sich in der Mundart von Fallersleben 
Maihengst 56 ). 

34 ) Satter Tiernamen 14. 35 ) Heinzerling 
Wirbellose Tiere 7. 38 ) Hartwig Minden-Ra¬ 
vensberg 1, 33. 37 ) Dalla Torre Tiernamen 

52. M ) Heinzerling 7; Leithaeuser Volks¬ 
kundliches 1, 18. 39 ) A. a. O. 40 ) A. a. O. 


P 


113 


Hirschkäfer 


Heeger Tiere 2, 15. 42 ) A. a. O. 43 ) Rol¬ 
land Faune 3, 327. 44 ) A. a. O. 4S ) Meyer- 

Ltibke REWb. 8637. 45a ) Rolland a. a. O. 

«.b) H einzerling 7. 48 ) Heeger Tiere 2, 15. 
**) Leithaeuser Volkskundliches 1, 18. 48 ) Ho- 
vorka-Kronfeld 1, 213. 49 ) Wirth Anhalt 4/5, 
Vj. 50 ) Rolland Faune 3, 327. 51 ) A. a. O. 
*U) carint hia 96, 64. 52 ) Dalla Torre Tier¬ 
namen 52. 53 ) Baum garten Heimat 1, 113; 

Hovorka-Kronfeld 1, 213. M ) Rum. Jahresb. 
12 , 119. * 5 ) Heinzerling 7. 56 ) A. a. O. 

3. Beziehung zum Feuer. Weit¬ 
verbreitet ist der Glaube, der H. zünde 
Häuser an, indem er mit seinen „Zangen“ 
glühende Kohlen aufnehme und sie auf 
die Dächer trage 57 ) (Im Odenwald be¬ 
schränkt sich dieser Glaube auf das 
Weibchen 58 )). Oder es heißt, der H. ziehe 
den Blitz an, daher dürfe kein solcher 
Käfer ins Haus gebracht werden 58a ). 
Auf diesem Volksglauben beruhen einige 
Dialektnamen des Insekts wie Kohlar 
„Köhler“ (Vorarlberg) 59 ), Fürdräger 
„Feuerträger“, Brenner (ndd. Börner) 60 ), 
Husbörner „Hausbrenner“ 61 ), Feuer¬ 
schröter, Fürböler „Feueranzünder“, Feuer¬ 
käfer, Donnergueg, Donnerguge (südd. 
gueg, guegi „Käfer“), Donnerpuppe, Don¬ 
nerschröter 62 ). 

* 7 ) Wirth Anhalt 4—5, 27; Wuttke 115 § 151; 
Bartsch Mecklenburg 2, 187; Baumgarten 
Heimat 1, 113; Meyer Baden 362; Liebrecht 
Zur Volksk. 109 f.; Meyer Germ. Myth. 113; 
Schulenburg Wend. Volkstum 161; Hovorka- 
Kronfeld i, 213. 58 ) Wolf Beiträge 1, 233. 

••*) Wuttke 304 § 447: 115 § 151; Ho¬ 
vorka-Kronfeld i, 213; Grimm Myth. 3, 
459 Nr. 705 (H.weibchen); Meyer Baden 
362. *•) Dalla Torre Tiernamen 52. 60 ) 

Grimm Myth. 1, 152; Götze Luther 15; DWb. 
s. v. „Brenner“. 6I ) Natur u. Schule 6, 65. 
**) Grimm Myth. 1, 152; 2, 834; Hovorka- 
Kronfeld 1, 213; Lütolf Sagen 360; Wuttke 
S. 115 § 151; Meyer Baden 362. 

4. Mythische Wertung. Auf Grund 
dieses Volksglaubens und dieser Benen¬ 
nungen nahmen ältere Forscher an, der 
H. sei dem Gott Donar heilig gewesen 
und habe im Opfer größere Haustiere 


vertreten 63 ) (Man vgl. die von Ochs 
und Pferd entlehnten Namen.) Nach 
freundlicher Mitteilung des Herrn Kustos 
Dr. Kuntzen in Berlin (Brief vom 15. 10. 
1924) erklären sich die Rolle des H.s als 
Blitzanlockers und seine daraus resul¬ 
tierende Beziehung zum Gotte Donar 
aus dem Umstande, daß der Blitz gern 


114 

in einzeln stehende Eichen — dieser 
Baum ist die Futterpflanze des H.s — 
einschlägt. Man vgl. die Namen dän. 
eeghjort , schwed. ekoxe 64 ) usw. (siehe 
weiter oben). 

Wie es sich auch mit der Rolle des H.s 
in der germanischen Mythologie ver¬ 
halten mag, eine gewisse mythische Be¬ 
deutung des Insekts erhellt aus Namen 
wie schwäb. hornschretele und schwed. 
horntroll (siehe weiter oben). 

Auch die Bezeichnung des Teufels 
Roß 65 ) ist in Hinblick auf die Beziehung 
des H.s zum Feuer mythisch zu werten. 
Hingegen scheint veron. diaolo (— dia- 
volo) 66 ) einfach durch das tertium com- 
parationis der Hörner veranlaßt. Auch 
der südfranz. Name escanya-pollets „Hüh¬ 
nerwürger“ (Pyren.-Orient.) 67 ) deutet auf 
elbischen Charakter 68 ). Desgleichen der 
in der Haute-Bretagne verbreitete Glaube, 
daß, sieht jemand H. und läßt sie am 
Leben, sie in der Nacht zu ihm ins Bett 
kämen 69 ) (Incubus). 

63 ) Grimm Myth. 1, 152; Mannhardt 

Germ . Myth. 28 1 f. 64 ) Edlinger Tiernamen 58. 
65 ) Wirth Anhalt 4—5, 27. 8e ) Garbini Antro- 
ponimie 50; Neuphil. Mitt. 26, 180 f. 87 ) Rol¬ 
land Faune 3, 327. 68 } Neuphil. Mitt. 26, 181. 
8# ) Sebillot Folk-Lore 3, 308. 

5. Glückssymbol. Im Gegensatz 
hierzu gilt der H. oder wenigstens dessen 
Kopf als glückbringend. So in Bayern 70 ) 
und Nordfrankreich 7l ).- In Chäteaudun 
bringt ein in der Tasche getragener 
H.kopf Reichtum 72 ), in Loiret Glück im 
Lotteriespiel 73 ). H.asche als Liebes¬ 
zauber, ursprünglich wohl ein Geschlechts¬ 
reizmittel 74 ), ist in der Oberpfalz üblich 75 ). 
Nach Netolitzky 76 ) wird dieser Brauch 
auch in Mexiko geübt. 

70 ) Keller Tierwelt 2, 407. 71 ) Wolf Bei¬ 

träge 2, 448. 72 ) Rolland Faune 3, 328. 7S ) A. 
a. O. 74 ) Netolitzky Käfer 9. 75 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 129 Nr. 7. 78 ) Käfer 9. 

6. Abwehrzauber. Als Abwehr¬ 
zauber scheint der H. auf deutschem 
Gebiet nicht vorzukommen, wohl aber 
in Frankreich (Berry) 77 ), wo ein an der 
Hutschnur getragener H.kopf vor Zauber 
schützt. Auch die Mazedo-Rumänen 
verwenden die „Hörner“ des H.s gegen 
den bösen Blick 78 ). Die Rumäninnen 
tragen sie in den Zöpfen zum Schutz ihres 


Hirschmaske 


II6 


IIS 


Haares 79 ). In Konstantinopel werden 
die H.hörner im Ramassan als Amulette 
verkauft 80 ). Homöopathisch schützt in 
den Vogesen der Kopf eines H.s gegen 
Blitz 81 ). 

77 ) Sebillot Folk-Lore 3, 309; Seligmann 
Blick 2, 130. 78 ) Marian Insectcle 46. 79 ) Op. 
cit. 41. 80 ) Keller Tierwelt 2, 407. 81 ) Se¬ 

billot 3, 309. 

7. Volksmedizin. In der Volksmedi¬ 
zin ist der H. heutzutage von geringer 
Bedeutung. In früheren Zeiten wurde er 
wohl hauptsächlich wegen seiner harten , 
Flügeldecken, die flüchtiges öl und j 
Laugensalz enthalten, gegen Wassersucht, j 
Rheumatismus, Ohrenschmerzen verwen¬ 
det 82 ). Das obenerwähnte öl sollte bei i 
Kindern gegen nervöse Zuckungen hel¬ 
fen 83 ). Die „Hörner“ des Käfers werden in 
Vorarlberg als Amulett gegen Krampf 
getragen. Er heißt daher dort auch 
Krampfkäfer 84 ). Ursprünglich Harn¬ 
treibmittel, wird jetzt das Insekt in 
Pulverform — offenbar mißverständlich — 
gegen das Bettnässen der Kinder ge¬ 
braucht 85 ). Schon bei den Römern wurden 
den Kindern H. als Heilmittel um den 
Hals gehängt 86 ). In Italien (Bisceglie 
di Barletta) 87 ) und Rumänien 88 ) be¬ 
wahren die auf dem Hut getragenen 
„Hörner“ des H.s vor Kopfweh. 

82 ) Jühling 99; Hovorka-Kronfeld 1, 
213t.; Netolitzky Käfer 9. 83 ) Jühling 

a. a. O.; Hovorka-Kronfeld a. a. O. 84 ) Von- 
bun Beiträge 116. 85 ) Netolitzky Käfer 9. 

86 ) Hovorka-Kronfeld a. a. O. 87 ) Garbini 
Antroponimie 1414 t. 88 ) Marian Insectele 41. 

8. Orakel. In der Grafschaft Mark 
benützen die Hirtenknaben den H. als 
Orakel, > um verlaufene Kühe ausfindig 
zu machen, und zwar in der Weise, daß 
sie zwei „Hörner“ vom H. in der ge¬ 
schlossenen Hand rütteln und dabei an 
jene die Frage richten, wo die Kühe seien. 
Dann öffnen sie die Hand, und wo die 
Spitze des rechten Hornes hinweist, da 
sind die Kühe 89 ). 

Ein anderes Orakelspiel, von dem 
Garbini 90 ) aus Verona berichtet, besteht 
darin, daß Knaben einen H. in der Hand 
halten und zwischen seine „Zangen“ 
einen Hut, einen Stein oder ein Stück 
Eisen stecken. Hierbei sagen sie einen 
Vers auf, der mit der Aufforderung an 


den Käfer schließt, er möge das Gewicht 
des betreffenden Gegenstandes angeben. 
Hierauf zählen sie genau, wie oft der 
Käfer seine Kinnladen öffnet und wieder 
schließt. Daraus entnehmen sie das 
Gewicht des Gegenstandes in Grammen 
oder Hektogrammen. Daher die vero- 
nesischen Namen des H.s: pesa-capei 
„Hutwäger“, pesa-fero , pesa-barete, porta - 
capei „Hutträger“, porta-sassi „Steine¬ 
träger“ 91 ). Auch in Tirol ist dieses Spiel 
bekannt, wie aus dem Inntaler Namen des 
H.s, Hutklupper ( Kluppe = Zange) her¬ 
vorgeht 92 ). Über ein grausames und recht 
bedeutungsloses Spiel mit gefangenen H.n 
in Lautental vgl. Kuhn u. Schwartz 
S- 377 Nr. 39 ; S. 512; Sartori Sitten, 173. 

89 ) Wolf Beiträge 2, 448; Woeste Mark 56 
Nr. 23; Wuttke 115 § 151; 240 § 344; 

Sartori Sitte 2, 152. 90 ) Garbini Antropo¬ 

nimie 50 f. 91 ) Garbini a. a. O.; AnSpr. 

1 49 . 78- 92 ) Dalla Torre Tiernamen 52. 

Riegler. 

Hirschmaske. Aus Norditalien, Frank¬ 
reich, Westdeutschland (also ursprünglich 
keltischen Gebieten), wird in der Völker¬ 
wanderungszeit und im frühen MA. in 
kirchlichen Quellen über Umzüge berichtet, 
die an den Kalenden des Januar statt¬ 
fanden, und bei denen „cervulus et vetula“ 
umgeführt wurden 1 ), und zwar galt dies 
cervulum facere als bäurischer Brauch 2 ). 
In der Reformationszeit bezeugt Geiler 
v. Kaisersberg die H. 3 ). Am Hirs- 
montag (nach Aschermittwoch) fand ein 
Scheingefecht statt, das hirzen, Hirsstoß 
! hieß (Aargau), bei dem der Hirsnarr eine 
Hauptrolle spielte, ein in Stroh verkleideter 
: Vegetationsdämon (s. Hirsch 10) 4 ). Hirs- 
hörnli wurden verzehrt (s. Hirsch 6) 4 ). 
In Baden führt man Lätare den Hißgier, 
Hirzgiger, Hierlagiger, Huzgür um 5 ), 
wie andernorts den Strohbären (s. Bär). 
H.n haben sich im Salzburgischen er¬ 
halten 6 ). Im Waldviertel (N.-Österreich) 
ist heut noch die Rede von heimlichen 
Opferfesten (Hexenfesten), bei denen die 
Teilnehmer H.n tragen 7 ). 

1 ) Franz R. Schröder in Germ. rom. 
Monatschr. 17, 411; Nilsson im ARw. 19, 
71 ff.; F. Schneider im ARw. 20, 87 ff.; 
ObZfVk. 1, 102; Du Meril Histoire de la comedie 
ancienne 1, 75; Weiser Jünglingsweihen 55; 
Hoffmann-Krayer im SAVk. 7, ii7f. 119 




117 Hirse Il8 


Anm. 188 ff.; Maaß in Jahreshefte d. österr. 
archäol. Inst. 10 (1907), 1130. (Boese Superst. 
Arelat. 9 f. 45 fr. 57 f ). 2 ) Caesarius Serm. 
129 — ARw. 20, 89; vgl. ebd. 19, 74. 3 ) Roch- 
holz Sagen 2, 196. S. „Hirsch“ Nachw. 159. 
Vgl. Kuhn in ZfdPhil. 1, 110. 4 ) Rochholz 
Sagen 2, 196. 197; ZfdPhil. 1, 110. 5 ) Meyer 
Baden 82 f. 8 ) SAVk. 7, 119. 7 ) Franz Kie߬ 
ling Frau Saga im nieder oster reich. W aldviertel 
4 (1926), 39. Peuckert. 

Hirse (Panicum miliaceum). 

1. Botanisches. Getreidegras mit 
rauhhaarigen Blättern und überhängender, 
in der Jugend zusammengezogener, später 
mehr ausgebreiteter Rispe. Die Körner 
•ind sehr klein und von gelblicher Farbe. 
Der Anbau der H. ist in Deutschland, 
wo er im Mittelalter sehr verbreitet war, 
stark zurückgegangen und heutzutage 
fast verschwunden 4 ). Die H. gehört 
in Europa zu den ältesten Getreidearten, 
sie wurde bereits in der jüngeren Stein¬ 
zeit vielfach angebaut 2 ). Auch dem 
klassischen Altertum war sie bekannt 3 ). 

l )Ma.rzeU Kräuterhuch 211. 2 ) Hoops Reallex. 
2, 529ff. 3 ) Pauly-Wissowa 8, 2, 1950 ff. 

2. Wegen der vielen Körner ist die H. 
ein weitverbreitetes Fruchtbarkeits¬ 
symbol. Als solches erscheint sie be- 
sondersim Hirsebrei (oberdeutsch „Brein“), 
der vorzüglich in Ost- und Süddeutsch¬ 
land ein traditionelles Hochzeitsessen ist 
und bis in die jüngste Zeit bei Bauernhoch¬ 
zeiten nur selten fehlte 4 ). Wenn das 
Mädchen am Neujahrstag Milchh. ge¬ 
kocht hat, so tritt es mit dem Quirl und 
dem Rührlöffel vor die Tür. Kommt zu¬ 
erst ein Tischler oder Schneider, so wird 
auch der zukünftige Mann dieses Hand¬ 
werk haben 5 ). Wer den H.topf kratzt, 
dem regnet es auf der Hochzeit 6 ). Auch 
in Hochzeitsbräuchen und im erotischen 
Zauber der Südslaven 7 ) sowie der Fran¬ 
zosen 8 ) spielt die H. eine Rolle. Die 
Hühner werden an Neujahr mit H. ge¬ 
füttert, damit sie gut Eier legen 9 ). Zu 
dem gleichen Zweck gibt man den Hüh¬ 
nern die Überreste des an Fastnacht ge¬ 
gessenen H.breis 10 ). 

4 ) Hofier Hochzeit 13 f.; Fastengebäcke 30 f.; 
Bavaria 1, 407; Düringsfeld Hochzeitsbuch 
125. 190. 251; Meyer Baden 242. 249. 272 f.; 
John Westböhmen 152; Veckenstedts Zs. 2, 475; 
ZfVk. 6, 261; Brandenburg 3, 150; Wirth 
Beiträge 6/7, 3. 150; Brunner Ostd. Volksk. 


174 f. 5 ) Köhler Voigtland 364. 6 ) Haltrich 
Macht d. Aberglaubens 1871, 29. 7 ) Krauß 

Sitte u. Brauch 169 f. 445. 448. 451; die Mord¬ 
winen an der Wolga reichen nach der Geburt 
des Kindes den Taufgästen H.: Ploß Weib 1 
1 > 356 - 8 ) Sebillot Folk-Lore 3, 486. 9 ) Köhler 
Voigtland 363; Spieß Obererzgebirge 7 („damit 
die Hühner die Eier nicht verlegen“). In der 
Szegeder Gegend streut man den Hühnern viel 

H. hin, damit sie ebenso viele Eier legen: ZfVk. 

4, 310. I0 ) Reubold Beitr. z. Volkskde (von 

Ansbach) 1905, 33; vgl. auch Marzell Bayer. 

| Volksbotanik 15. 

3. Wegen der zahlreichen Körner und 
wohl auch wegen deren gelber (an Gold 
erinnernder) Farbe symbolisiert die H. 
Reichtum. An Fastnacht 11 ), an Sil¬ 
vester 12 ), an Neujahr 13 ), an Weihnach¬ 
ten 14 ), an Lichtmeß 15 ) muß man H. 
essen, damit einem das ganze Jahr das 
Geld nicht ausgeht. Träume von H. 
(oder Reis) dagegen bedeuten Armut 
und Dürftigkeit 16 ). Wenn man H. an 
Fastnacht ißt, stehen einem die Kleider 
schön 17 ), vgl. Pilze. 

u ) Rockenphilosophie 3 (1707), 102; ZfKul- 
turgesch. N. F. 3 (1896), 221 (Nassau im 

17. Jahrh.); Journ. v. u. f. Deutschland 3 
(1786), 180 (im Ansbachischen); Mannhardt 
Germ. Mythen 153; Höfler Fastengebäcke 30; 
Marzell Bayer. Volksbotanik 14 f. ; Bavaria 
3, 341; Drechsler 2, 208; MschlesVk. 27 
(1926), 232. 12 ) Das Vogtland 2 (1913/14), 

382. 13 ) Kuhn u. Schwartz 408; Vecken¬ 

stedts Zs. 2, 442; 4, 29; Wirth Beiträge 6/7, 6; 
ZfVk. 6, 432 (Anhalt); Regel Thüringen 1 (1895), 
691; Drechsler 1, 44 (so viel H.kömer 
man ißt, so viel Markstücke wird man im 
kommenden Jahr einnehmen); Köhler Voigt¬ 
land 360; John Westböhmen 28. 14 ) Drechsler 

I, 32; Dähnhardt Volkst. 1, 76. u ) Wirth 
Beiträge 6/7, 6. 16 ) Ryff Traumbuch 1551, 59. 
17 ) Drechsler 2, 209. 

4. Als alte Kulturpflanze ist die H. 
eine Seelenopferspeise, die bei der 
volksüblichen Bewirtung bei Bestattungen 
und Leichenschmäusen auftritt 18 ). Wohl 
aus dem gleichen Grund gilt sie als Speise 
der „Unterirdischen“, der Zwerge, der 
Hausgeister. Der Hausgeist wird mit H.- 
brei gefüttert 19 ). H.brei ist eine Nahrung 
der Zwerge 20 ). Der „Drache“ wird mit 
H. gefüttert 21 ). In der Leitmeritzer 
Gegend sind die Kinder vor ihrer Geburt 
in der Elbe und klauben dort H.kömer 22 ). 
In Gladbach (Oberhessen) erzählen die 
Eltern ihren Kindern, daß das Hünnelche 
am Hünnstein H.brei koche ; es ist die 




Hirsmontag—Hirsmontagschwung, -stoß 


122 


119 

Seelenspeise damit gemeint, welche das j 
elbische Kleinvolk erhält 24 ). 

18 ) ZföVk. 9, 189; 13, 72; so viele H.körner 
man am hl. Abend ißt, so viele Seelen erlöst 
man aus dem Fegfeuer: Sebillot Folk-Lore 
3, 5 J 5 - 19 ) ZfVk. 2, 78 (Brandenburg); Handt- 
mann Mark. Heide 2, 78. 20 ) Gand er Nieder¬ 
lausitz 45; Schön werth Oberpfalz 2, 310. 
2X ) Gander Niederlausitz 35. 37 f.; ZfVk. 2, 
78; Schulenburg 103. in; bei den Slovenen 
ist die Lieblingsspeise des Schrateis H.brei 
(Krauß Slav. Volkforschung 88), bei den Ru¬ 
mänen des Vampirs (ZföVk. 16, 210). 22 ) Ur¬ 
quell 6, 218. 23 ) HessBl. 1, 10. 24 ) Höfler 

F astengebäcke 31. 

5. Der H. werden auch apotropäische 
Eigenschaften zugeschrieben. Man muß 
dreimal H.körner über den Besen werfen, ; 
um das „Übersehen ‘ (bösen Blick) un- ! 
schädlich zu machen 25 ). Meist aber wird 
der Gegenzauber der H. damit be¬ 
gründet, daß die Hexen usw. die ge¬ 
streuten H.körner zählen müßten und j 
dadurch aufgehalten würden, vgl. auch 1 
das Zählen der Birkenblätter (s. 1, 1334)« * 
Damit die Hexe nicht in den Stall kann, | 

t 

streut man H. (oder Salz), dadurch wird 
die Hexe mit dem Zählen der Körner bis ; 
zum Hahnenkrähen aufgehalten 26 ). Dem ; 
Pferd, das den „Schratlzopf“ (s. Weichsel¬ 
zopf) hat, hängt man ein Säckchen H. j 
in den Stall. Davor erschrickt der j 
„Schratl“, er meint, er müsse die 
H.körner zählen (Steiermark) 27 ). In den j 
Pyrenäen stellt man dem „Drac“ (Haus- j 
kobold) einen Topf H. hin, den er aus 
Übermut umstößt. Dann muß er die ! 

1 

Körner zusammenlesen; da aber seine 
Hände durchlöchert sind, wird er damit 
nicht fertig 28 ). Wer sich von einem | 
Geist verfolgt glaubte, schüttete um j 
Mitternacht eine Maß Körner (gewöhnlich 
H., weil diese am meisten ausgibt) an 
eine wüste Stelle hin als Nahrung für die 
gequälte Seele, die aber alljährlich nur 
ein einziges Körnchen davon verzehren, 
auch ehe alles aufgezehrt war, diesen 
gebannten Ort nicht verlassen durfte 
(Provinz Minho, Portugal) 29 ). 

25 ) Grohmann 155; in Frankreich halten 
die in die Kleidungsstücke eingenähten H.körner 
die Zauberei fern, die Neugeborenen schützt 
man vor Verzauberung, indem man sie mit 
H.körnern überschüttet: Sebillot Folk-Lore 
3, 486. 28 ) Drechsler 1, 30, ähnlich in Bosnien: 
ZföVk. 6, 210. 27 ) Veckenstedts Zs. 3, 377; vgl. 


J 120 

auch ZfVk. 4, 397; ein Geist muß zur Strafe 
für seinen Geiz eine Viertel H. zählen: Meiche 
Sagen 100. 28 ) Maaß Mistral 19. 29 ) Lieb- 

recht Zur Volksk. 374; Urquell N. F. 2, 209. 

6. Als eine der ältesten Getreidearten 
offenbart sich die H. auch dadurch, daß 
mit ihrer Aussaat und ihrem Ge¬ 
deihen viele abergläubische Mei¬ 
nungen verknüpft sind. Die H. soll an 
Urban (25. Mai, „H.mann“) 30 ), 2 bis 
3 Tage vor oder nach dem Sonntag 
Cantate (4. Sonntag nach Ostern), in der 
Woche nach Pfingsten entweder früh 
morgens oder abends bei zunehmendem 
Monde gesät werden 31 ). Damit die Vögel 
(Sperlinge) die H. nicht fressen, soll man 
sich vor dem Säen die Hände mit einem 
Stück Speckkuchen von Fastnacht ein¬ 
schmieren 32 ), die H. durch eine Wolfs¬ 
gurgel laufen lassen 33 ), durch ein Hosen¬ 
bein 34 ), oder man soll ein Steinchen oder 
ein Spänchen von einer Radspeiche in den 
Mund nehmen (bzw. zwischen den Zähnen 
halten) und dies dann in der Erde ver¬ 
graben 35 ), ein Stückchen Brot zwischen 
den Zähnen halten 36 ), ein Körnchen unter 
die Zunge legen und während des Säens 
nicht sprechen, „weil man da den Spatzen 
den Schnabel zusperrt“ 37 ), nach Sonnen¬ 
untergang 38 ), aus der Mütze eines Toten 
säen 39 ). Gegen Vogelfraß soll man 
die H. aussäen zusammen mit Erde von 
einem Acker, „darumb sich jr zweene 
gehaddelt (gestritten) hätten“ 40 ). In Un¬ 
garn umschreitet der Bauer gegen Vogel¬ 
fraß in der Laurentiusnacht nackt das 
H.feld 41 ), s. nackt. Damit die H. nicht 
brandig wird, sät man sie aus einem 
Tuch (es darf nicht gewaschen sein), 
worin ein totgeborenes Kind bei seiner 
Geburt gewickelt war 42 ) oder läßt die 
Körner durch einen brennenden Stroh¬ 
wisch („damit sich der Brand der H. 
verbrennen soll“) laufen 43 ). Der Brand 
kommt in die H., wenn man an einer 
Ecke des Tisches oder des Herdes Feuer 
schlägt 44 ), oder wenn man die H. im ersten 
Viertel des Mondes sät 45 ). 

30 ) Yermoloff Volkskalender 236. 31 ) G. F. v. 
Forst ner Physikalisch-ökonomische Beschrei¬ 
bung von Franken 1 (1791). 102. 3a ) ebd. 1, 103. 
33 ) ebd. 1, 102; Drechsler 2, 57. Kuhn 
Westfalen 2, 68. 35 ) Forstner a. a. O. 1, 102. 
38 ) Halt rieh Siebenb. Sachsen 299. 37 ) ZföVk. 


121 

2, 317; drei Körner unter die Zunge legen: 
MschlesVk. 27 (1926), 234; ZfVk. 1, 186. 38 ) 
Kuhn u. Schwartz 446; ZfVk. 1, 186; Wirth 
Beiträge 6/7, 20; frühmorgens (vor Sonnenauf¬ 
gang) säen: Zincke Oeconotn. Lexikon 1 (1744), 
1192; RTrp. 20, 357; MschlesVk. 27 (1926), 234 
(nüchtern säen). 39 ) Brandenburg 3, 260. 40 ) 

Colerus Oeconomia 8 (1599 ff ), 131. 41 ) ZfVk. 4, 
405; Knuchel Umwandlung 81. 42 ) Forstner 
a. a. O. 1, 102. 43 ) Zincke a. a. O. 1, 1192; 

ZföVk. 13, 19 (Gottschee). 44 ) Grimm Myth. 3, 
475; Drechsler 2, 59. 45 ) Zinckea.a. 0 .1,1192. 

7. In der Sympathiemedizin schüttet 
der Gelbsucht kranke in einen neuen, un¬ 
gebrauchten Topf H., läßt vor Sonnen¬ 
aufgang seinen Harn hinein, trägt den 
Topf auf einen Kreuzweg, wo er ihn hin¬ 
wirft und schleunigst davongeht, ohne 
umzusehen. Fressen die Vögel die H., 
so verschwindet die Gelbsucht 46 ). In 
einem Segen gegen Kolik kommt die 
„Hirschsuppe“ vor 47 ). Kinder unter 
einem Jahr dürfen nicht H. essen, weil 
sie sonst H.körner im Gesicht (H.korn = 
hordeolum, Gerstenkorn) 48 ) und Gersten¬ 
körner im Gesicht (s. 3,695) bekommen 49 ). 
Das Wasser, womit H. angebrüht worden 
ist, darf man nicht zum Futter für Schweine 
verwenden, sonst werden sie finnig (Ähn¬ 
lichkeit der Finnen mit H.körnern) 50 ). 
Vielleicht gehört hierher auch der mittel¬ 
alterliche Glaube, daß der Genuß von 
H. Aussatz (Lepra) verursacht 51 ). 

4# ) Drechsler 2, 305; ähnlich gegen Aus¬ 
schlag: Seyfarth Sachsen 187. 47 ) Fischer 

SchwäbWb . 3, 1691; Höhn Volksheilkunde 1, 
Ui. 48 ) Vgl. Höfler Krankheitsnamen 299. 
*•) Köhler Voigtland 424. ß0 ) Jäckel Oberfran¬ 
ken 203. 51 ) Megenberg hrsg. v. Pfeiffer 403. 

8. Verschiedenes. Der H.brei muß 
an Fastnacht ohne Löffel gegessen werden, 
dann wird man im kommenden Sommer 
von den Mücken nicht gestochen 52 ). 
Hier gilt vielleicht die H. als Kultspeise, 
die vor den Schädigungen des Sommers 
schützt, vgl. Frühlingsblumen (3, 160). 
Wenn man H. gegessen hat und bekommt 
eine gelbe Weide zu sehen, so wird man 
hungrig M ). 

M ) Heimatbild, aus Oberfranken 6 (1921), 38. 
M ) Schulenburg 268. 

Literatur: ZfVk. 10, 339 f. (Aberglaube usw 
über die H. zusammengestellt von Weinhold) ; 
17, 128 (Bericht über einen Vortrag E. Hahns 
Die H. im deutschen Volksleben ); R. Brand¬ 
stetter Die H. im Kanton Luzern. In: Ge¬ 
schichtsfreund. 72 (1917)» 71—109. Marzeil. 


Hirsmontag heißt in der Schweiz, im 
Elsaß und in Baden der Montag nach 
Invocavit 1 ). Den Namen leitet man 
von dem Hirsebrei ab, der an ihm 
verzehrt wird 2 ) oder von hirsen = 
Mummereien treiben 3 ). An einzelnen 
badischen Orten wird erst an diesem 
Tage die Fastnacht begraben 4 ). In 
einigen Schweizer Kapuzinerklöstem wird 
noch jetzt der Fastnachtstag als H. ge¬ 
feiert 5 ). Es finden allerlei Kampf¬ 
spiele statt 6 ), Narrenzeitungen und 
-Protokolle werden verlesen 7 ), im el- 
sässischen Sundgau sind die Frauen 
„Meister“ 8 ). Im Dorfe Rosrütti (St. 
Gallen) wählte man einen „Hirschkönig“, 
dem man ein Hirschgeweih aufsetzte; 
es wurde allerlei Schabernack getrieben 
und ein eigenes Protokoll darüber ge¬ 
führt 9 ). Eine vermummte Person, der 
sog. Hirsnarr, läuft umher 10 ). In Melch- 
nau (Kt. Bern) zogen die jungen Leute 
maskiert in den Wald, um eine große 
Tanne zu holen, auf der während der 
Fahrt ein Narr seine Sprünge machte 
(s. Blockziehen) u ). In Zürich wurde das 
Bild eines Mannes, des Kridi- oder 
Kreidenglade, und seines Weibes, Else 
genannt, auf einem Wagenrade herum¬ 
geführt, auf dem sie sich drehten 12 ). — 
Wenn das Vieh „hirschig“ wird, so daß 
es „verlocht“ werden muß, unternimmt 
man am Hirschmöntig Wallfahrten 13 ). 

*) Andere Bezeichnungen: Höfler Fastnacht 
82 f. 2 ) Lütolf Sagen 381; Hoffmann- 
Krayer 125; Höfler 82. 3 ) SAVk. 7, 119; 

Niderberger Unterwalden 3, 341. 4 ) Meyer 

Baden 124. 217. 5 ) Niderberger 3, 341. 8 ) Hoff- 
mann-Krayer 135; Vernaleken Alpensagen 
356. 357 - Mannhardt 1, 550; Roch- 

holz Sagen 2, 195 f. 197. 7 ) Rochholz Natur¬ 
mythen 99 f.; Hoffmann-Krayer 61. 133; 
SchwVk. 16, 34 f.; Sartori 5 . u. Br. 3, 121 
A. 150. 8 ) Becker Frauenrechtliches 27 (s. 

Weiberfeste). 9 ) SAVk. 20, 195; Nork Fest¬ 
kalender 2, 801 ff. 10 ) Schade Klopf an 71. 
11 ) Lütolf Sagen 366. 12 ) Vernaleken Alpensag. 
356; Rochholz Teil 10 f. Vgl. Meyer Baden 
204; SAVk. 11, 241 f. 13 ) Meyer Baden 407. 500. 

Sartori. 

Hirsmontagschwung, -stoß, ein bis 
ca. 1771 jährlich am Hirsmontag (= 1. 
Montag nach Aschermittwoch, Tag nach 
Invocavit) im Entlebuch (Kt. Luzern) 
abgehaltener Scheinkampf zwischen der 


123 


Hirte 


Hirte 


126 



Jungmannschaft von zwei benachbarten 
Dörfern; ähnlich auch aus andern Ge¬ 
genden der Schweiz bezeugt (Aargau). 

1. Quellen. Wir kennen genau nur 
den Entlebucher Brauch, und zwar aus¬ 
schließlich durch F. J. Stalder, Frag¬ 
mente über Entlebuch 2 (1798), 109 ff. Da 
Stalder selber angibt, der Brauch habe 
nur bis ca. 1771 bestanden, so geht seine 
Schilderung kaum auf Autopsie zurück. 
Stalder ist 1757 in Luzern geboren, war 
also i. J. 1771 14 Jahre alt. Dies mag 
gewisse Unklarheiten und Unvollständig- 
keiten im Bericht des sonst sehr zuver¬ 
lässigen Stalder erklären. 

2. Verlauf. Dem Kampfe ging die 
Verlesung eines Spottgedichts durch einen 
Abgesandten auf dem Dorfplatz voraus; 
der Kampf selbst spielte sich auf einer 
Wiese ab. Trommeln und Trompeten, 
ja sogar ein Schlachtgebet eröffneten 
das Treffen. Gekämpft wurde ohne Waffen. 
Die beiden Abteilungen zogen, eng an¬ 
einander geschlossen, mit verschränkten 
Armen gegeneinander und suchten sich 
gegenseitig wegzudrücken. Die Alten 
und die Frauen hetzten. Dem Kampfe 
folgte Schmaus und Gelage; dann mar¬ 
schierte die Mannschaft des Nachbar¬ 
dorfes ab. 

3. Deutung. Die bei Stalder 110 und 
in gegebenen historisierenden Aitia sind 
Deutungen dörflicher Gelehrter, nach 
denen der Kampf freilich auch gelegentlich 
gestaltet sein mag. Der hochaltertümlich 
anmutende Kampf gehört vielmehr zu 
jenen Scheinkämpfen, von denen Mann¬ 
hardt 1, 550 ff. einige zusammengestellt, 
auf deren Deutung er 552 ausdrücklich 
verzichtet hat. Man glaubt durch sie 
ein fruchtbares Jahr zu erzielen. Ver¬ 
wandte Begebungen 1 ) deutete Usener 
ARw. 7 (1904), 312 ff. = Kl. Sehr. 4, 447 
als Kampf des Winters mit dem Sommer, 
etwas weiter gefaßt Lesky ARw. 24 
(1926), 73 ff. als Kampf der Dämonen des 
Wachstums gegen die Dämonen der 
Unfruchtbarkeit; er soll im Sinn eines 
Analogiezaubers wirken. U. E. handelt 
es sich vielmehr, wie im Art. Schein¬ 
kämpfe gezeigt werden soll, um eine 
Sühnehandlung nach einem Opfer, be¬ 


stimmt, den am Tod des Opfers angeblich 
Schuldigen zu ermitteln, zu bestrafen 
I und dadurch die Heilswirkung des Opfers 
zu sichern 2 ). Dieses Opfer, von dem der 
Stal der sehe Bericht freilich schweigt, 
wird uns durch Rochholz 3 ) bezeugt: 
es war eine dem Austragen der Fast¬ 
nacht ähnliche Begebung. Vgl. Schein¬ 
kämpfe, Stopfer. 

*) Mannhardt u. Usener a. a. O.; Roch¬ 
holz Kinderlied 484; J ürgensen Martinslieder 
(1910) 35 ff.; Ed. Osenbrüggen Wander¬ 
studien a. d. Schweiz 2 (1869), 37 ff.; Ostheide 
ARw. 10 {1907), I 54 Ö-: HessBl. 4 (1905), 34 {.; 
Hoffraann-Krayer 134t; Deubner ARw. 
16 (1913)’ 134 . 3 : Radermacher Beiträge 13 f.; 
Sartori 121; Clemen ARw. 17 (1914), 139 ff.; 
Nilsson Griech. Feste 414; Lesky ARw. 24 
(1926), 73 ff. 2) SAVk. 28 (1927), 18 ff. 3 ) Roch¬ 
holz Sagen 2, 195 f. Meuli. 

Hirte. 

Der H. ist der Hüter des Viehes A) 
einer Dorf-Gemeinschaft auf ihrer ge¬ 
meinsamen Weide, der sog. Gemeinde-, 
Dorfh., ein älterer Mann oder erwachsener 
Bursche. Da sein Amt in dieser Gemein¬ 
schaft wurzelt, so hat ihre Lockerung oder 
gar ihre Auflösung eine Herabminderung 
der Bedeutung des Gemeindeh.n zur 
Folge oder zieht auch sein völliges Ver¬ 
schwinden nach sich. Durch die Auf¬ 
teilung der Gemeindeweide und Aufhe¬ 
bung des Flurzwanges wurde dem deut¬ 
schen H.n von seiner früheren Lebens¬ 
berechtigung viel genommen, und so ken¬ 
nen viele Landschaften keinen eigenen 
H.nstand mehr. Seine einstige Bedeutung 
aber erweisen die zahlreichen Bestim¬ 
mungen in den Dorfordnungen l ). B) 
Durch den Fortschritt von der Weide¬ 
wirtschaft zur Stallfütterung wurden die 
zur Pflege des Viehes im Stall verwendeten 
jungen Leute auch mit dem wenigen H.n- 
dienst betraut. Dieser H. ist meist ein 
der Schule entlassener Knabe, der mit dem 
H.namt die erste Stufe seines bäuerlichen 
Berufslebens beginnt. Diese Entwick¬ 
lung im H.nberufe mußte eine Wand¬ 
lung in der Stellung des H.n im Aber¬ 
glauben bedingen, besonders deshalb, 
weil sich an die Stelle des erwachse¬ 
nen H.n die Jugend geschoben hatte. 
Durch sie wird die Übertragung von H.n- 
festen oder einzelnen ihrer Elemente in 


die Frühlingsfeste der bäuerlichen Ju- | 
gend erfolgt sein. 

Nach der Viehart unterscheidet man 
neben dem Pferde-, Gänse-, Schweineh.n 
den H.n für das Großvieh, kurz H., 
in den Alpen Halter geheißen, den 
für das Kleinvieh (Schafe, Ziegen), 
den Schäfer. Beide stehen in einem Ge¬ 
gensatz insofern als der H. mehr dem ober¬ 
deutschen Gebiet und enge der dörflichen 
Gemeinschaft angehört, dagegen der Schä¬ 
fer aus dieser ausgeschlossen, fern von 
ihr und meist auf einer niederen gesell¬ 
schaftlichen Stufe steht. Im Aberglauben 
spielt er eine bedeutendere Rolle als der 
H.; daher erhält er eine Sonderbehand¬ 
lung, s. Schäfer. 

*) Sartori Sitte 2, 145 f.; Heyne Nahrung 
204 fr, Steinhausen Kulturgeschichte 1, 138; 
Künßberg Bauernweistümer 18. 66. 80; Ha- j 
berlandt Die Völker Europas 358; Lehmann - 
Sudetend. Volksk. 190. 

I. Der H. betätigt Aberglauben zur 
Abwehr des Unheils von seiner Herde. 

Für die pflichtgemäße Pflege und Ge¬ 
sunderhaltung des an vertrauten Viehes und 
die erste Heilung aller den Tieren zuge¬ 
stoßenen äußeren und inneren Verletzun¬ 
gen und Schäden wendet er die volksmedi¬ 
zinischen Mittel an 2 ). Für die Herstellung 
der Heilsalbe besitzt er die Kenntnis der 
Heilkräuter (s. d.); er nimmt auch den 
Aderlaß vor. Soweit er für die Volks¬ 
medizin aus seiner besonderen Natur- und 
Berufserfahrung schöpft, ist es meist noch 
keine abergläubische Betätigung, so wenn 
der Senne in seiner H.ntasche Wacholder¬ 
beeren, bestimmte Alpenblumen, Salz, 
Kleie, Gerstenkeim, das sog. »Miet, Ge- 
miet, Jochmiet« trägt 3 ); diese Naturalien ' 
haben gewisse Heilwirkungen (s. Volks¬ 
medizin). 

Darüber hinaus schützt er seine Herde 
am besten 4 ), 1. wenn er um ihre Weide 
den Bannkreis zieht a) durch Umgehung, 
damit sie gegen das von außen drohende 
Unheil (Seuchen) und vor allem gegen den 
Wolf gesichert sei. Der H. muß deshalb 
die Schweine alle Jahre einmal um Mitter¬ 
nacht nackt dreimal umspringen 5 ). Die 
Motivierung ist meist dahin verschoben, 
daß der H. seine Herde auf dem bestimm¬ 
ten Platz beisammen haben muß 6 ), da¬ 


mit kein Tier verloren geht oder auf frem¬ 
der Weide Schaden anrichtet, für den der 
H. haftbar ist. Der H. steckt deshalb 
den H.nstab, in dem er oft eine oder meh¬ 
rere (bis zu 9) vom Abendmahltisch ent¬ 
wendete Hostien eingeschlossen hat, in¬ 
mitten der Herde in den Boden, hängt 
seine Mütze darauf, umgeht die Herde 
dreimal, streut auf sie segnend Zwölften- 
asche, Graberde und Kirchensand (Ge¬ 
gend von Wehlau) 7 ). Der H. beschreibt, 
seinen Stab auf der Weide nachziehend, 
einen Ring um die Herde und pflanzt 
ihn dann in ihrer Mitte auf 8 ). Die ma¬ 
gische Umgehung ist verbunden und ge¬ 
steigert durch das christliche Kultobjekt. 
Um die Kunst dieser Bannung auf den 
Weideplatz zu erlernen, hätte ein H. 
7 Stück Vieh lebendig die Haut abziehen 
| müssen; beim 7. Stück sei ihm der Teufel 
erschienen, und er sei entflohen 9 ). Vgl. 
den Umlauf der Luperci zur Abwehr der 
Wölfe längs der Grenze der ältrömischen 
Siedlung auf dem Palatin 10 ), ferner die 
gleiche Übung bei den russischen H.n 11 ) 
(s. Umgang, umgehen, umschreiten, um¬ 
wandeln). b) durch den Hornruf; soweit 
dieser im Umkreis gehört wird, sichert 
er die Herde vor bösen Mächten. Daher 
muß der H. am ,,großen Freitag" (s. Frei¬ 
tag) und zu Georgi auf einem Hügel vor 
dem Dorf blasen 12 ). Als Gemeindebeam¬ 
ter muß er dieses auch gegen Hagel und 
Gewitter tun (Grafenried) 13 ). 2. Der H. 

vertreibt durch Fluchen einen Berggeist, 
der die Tiere belästigt. Je fürchterlicher 
er flucht, desto besser. Man schreibt ihm 
deshalb eine gewisse magische Kraft zu 14 ) 
(s. fluchen). 3. Er spricht vor Sonnen¬ 
aufgang gegen Wolf, Bär und Diebe ab¬ 
wehrende Sprüche 16 ). Dagegen gibt es 
ausdrückliche Synodalverbote ie ). Die 
Vintschgauer vertrieben den Wolf durch 
Abbeten des J ohannesevangeliums 17 ) 
(Hirtensegen, Wolfssegen). 4. Gegen Be¬ 
hexung legt er seinen Stab und eine Axt 
kreuzweise in den Torbogen und laßt die 
Herde darüber hinwegschreiten. Die 
Axt schlägt er dann bis Sonnenuntergang 
in den Torpfahl 18 ). Vgl. die römischen 
H.n ließen das Vieh durch Feuer schreiten. 
5. Er bannt das Heimweh der Herde durch 



127 


Hirte 


128 


das sog. Gewöhnbrot (s. Brot). Daher Kenntnisse auch auf den Menschen an¬ 
gibt jeder Besitzer vor dem Austrieb dem wendet, kommt er in den Ruf, geheimnis- 

H.n ein Seidl (etwa 6 /io 1 ) Korn, wofür er volle Heilkräfte zu kennen und zu be- 

ein Stück Brot zurückgibt, das das Vieh sitzen 22 ), besonders der Schäfer (s. d.). 

zu fressen bekommt, damit es sich auf der 2. Er besitzt die geheimnisvolle Kraft, 
Weide zusammenhält und sich an diese die Herde nach seinem Willen zu lenken, 
gewöhne (Planergegend) 19 ). Daß sich domestizierte Tiere der bedeut- 

II. Der H. betätigt Aberglauben zu- samen Führung durch den Menschen an- 
gunsten der Herde durch den Fruchtbar- vertrauen, der mit ihnen viel zu tun hat, 
keitszauber a) an den Rindern durch das i darin sah man eine im H.n wirkende Kraft 


Kälberquecken. Er oder sein Gehilfe geht 
an einem Maitag zu der Stelle in den Wald, 
auf welche zuerst die Sonnenstrahlen 
fallen. Hier schneidet er einen Ebereschen¬ 
zweig mit einem Ruck ab und kehrt nach 
Hause zurück, wo sich alles um die 
Sterke, d. s. die jährigen Rinder, versam¬ 
melt. Auf dem Düngerplatz werden sie 
vom H.n auf Kreuz, Hüfte und Euter 
mit dem Zweig geschlagen, jedesmal 
mit einem Vers. Dafür erhält er von 
der Hausfrau Eier, auch Geld. Aus den 
Eiern bäckt er sich einen Kuchen. Der 
Zweig wird mit den Schalen und bunten 
Bändern und buntem Papier geputzt 
und über der Stalltür aufgehängt 20 ) 
(s. Lebensrute, Zweig, schlagen), b) an 
der Weide, indem er die Schalen des 
Eies, das er beim ersten Austrieb be¬ 
kommen hat, vergräbt und das Vieh 
darüber hinwegschreiten läßt. Das Vieh 
verläuft sich nicht von der fruchtbar 
gemachten Weide 21 ). 

*) Heyne Nahrung 205 f. 3 ) Höhn Volks- 
Heilkunde 1, 64. 140; Schönwerth Ober Pfalz 3, 
226 f. Nr. 18; Hovorka u. Kronfeld 1, 439; 
Grimm Mylh. 2, 963 t.; Rosegger Steiermark 
286b 4 ) Frischbier Hexenspr. 140. 5 )Haltrich 
Siebenb. Sachsen 279. «) ZföVk. 33, 21. 7 ) Frisch¬ 
bier Hexenspr. 174. 8 ) Panzer Beitrag 2, 104t. 
fl ) Reiser Allgäu 1, 218. 10 ) ARw. 13, 181 f.; 
Wissowa Religion 20g f. 517 Anm. 6. 559 t.; 
Fowler Festivals 321; Knuchel Umwandlung 
102. n ) Zelenin Russ. Volksk. 517. 12 ) ZföVk. 
13, 20. 13 ) John Westböhmen 98. 14 ) Alpen¬ 

burg Tirol 352. 16 ) Franz Benediktionen 2, 139h; 
Fehrle Zauber 25 u. v. O. 16 ) Hefele Conci- 
hengeschichte 3, 97 Nr. 4. * 7 ) Zingerle Tirol 59. 
18 ) Frischbier Hexenspr. 147. **) John West¬ 
böhmen 211; ZfVk. 3, 113. 20) Kuhn Westfalen 

2 » 157 Nr. 445; Woeste Mark 25; Sartori 
Westfalen 37. 114. 21) ZfVk. 25, 215 f. 

III. Der H. als Objekt des Aberglau¬ 
bens. 

1. Indem er seine volksmedizinischen 


(Orenda). In dieser krafterfüllten Füh¬ 
rerschaft wurzelt m. E. letzten Endes die 
Vorstellung vom guten H.n. Er kann 
1 daher auch eine fremde Herde bannen. 
Aus dieser Kraftvorstellung erklären sich 
verschiedene Tabugebote des H.n, so bei 
den Russen 23 ). Hierher mag auch das 
Verbot des Gasthausbesuches für den 
oberpfälzischen H.n zu Fastnacht ge¬ 
hören ; es würde ihm sonst das Vieh nicht 
mehr nachfolgen 24 ). 

3. In der Volkssage wird der H. wegen 
seines Verweilens auf einsamer Weide 
in abgeschiedenen Tälern, wohin sich die 
vor der Kultur des Ackerbaues fliehenden 
Naturgeister zurückgezogen haben, in 
Verbindung mit überirdischen Wesen ge¬ 
bracht. Denn die Weide wird vor und nach 
dem Weidegang von Alpgeistern in Besitz 
genommen (s. Kasermandl). Das Ver¬ 
hältnis zu diesen ist meist freundlich; es 
ist der arme, brave, unverdorbene H.n- 
knabe, dem a) die Wildmänner und Wild¬ 
frauen helfen 25 ) (s. d.); diese übernehmen 
auch das H.namt, begehren keinen Lohn, 
holen morgens an einer bestimmten Stelle 
die Herde ab und geleiten sie abends dort¬ 
hin zurück 26 ). Rohe H.n vertreiben sie 
und mit ihnen allen Bergsegen 27 ). b) Er 
sieht bergentrückte Wesen 28 ), eine weiße 
Jungfrau 29 ), eine schwarze Frau 30 ), er 
beobachtet Zwerge 31 ); er sieht einen rie- 
sengroßen Mann über die Almweide schrei¬ 
ten, unter dessen Tritten das Gras ver¬ 
dorrt 32 ). Vgl. auch den troischen H.n 
erscheinen die Gestalten der homerischen 
Helden riesig 33 ), c) Er wird von unsterb¬ 
lichen Frauen als Geliebter begehrt; sie 
suchen ihn auf einsamer Weide auf. Er 
vergißt aber sein gegebenes Wort und sein 
Glück ist dahin 34 ). Umgekehrt verliebt 
sich der Schäfer in eine Nixe 35 ). VgL 


Hirte 


130 




' dit griechischen H.n Attis, Daphnis, An- 
ghiftes, Endymion 38 ) u. a. d) Bei den 
H.n wachsen Helden und Göttersöhne 
Wf"). e) Der H. steigt in den Berg 
(Kyffhäuser) hinein auf der Suche nach 
finer Sau 38 ), kommt in eine Burg 39 ), 
tinen Goldkeller 40 ), findet einen Schatz, 
dtn ihm die Entrückte gezeigt hat tt ); 
dessen Gewinnung ist aber meist an ge¬ 
wisse Bedingungen geknüpft 42 ). Er findet 
Blumen, die sich in Gold verwandeln 43 ). 
Auch arme Seelen kommen zu ihm (s. 
Schatzheben, Schatzblume, Schatzhüter, 
Schatzjungfrau, bergentrückt), f) Diese 
Wesen treten dem H.n auch feindlich ent¬ 
gegen ; er muß mit Riesen kämpfen 44 ); 
weil er fluchte, hat er den Teufel in Gestalt 
einer roten Kuh in der Herde, die ihn ver- 
folgt 45 ) oder als Hase unter den Schwei¬ 
nen, die von Wildheit gepackt werden 48 ). 

4. Von dem H.n, dessen Herde von 
wilden Tieren verschont ist, nimmt man 
an, daß er diese durch Überlassung von 
Tieren vertraglich gebunden hat 47 ). Auch 
nach dem Glauben der Nordgroßrussen 
Schließt der H. mit Waldgeistem einen 
derartigen Vertrag. Dafür bekommen sie 

Kühe im Sommer oder Milch aus 
X, 2 oder 3 Zitzen einer Kuh 48 ). 

5. H. der Wölfe und Hasen. In den Er¬ 
zählungen der Viehzüchter und Jäger 
haben die Wölfe und Hasen ihren H.n, 
der sie befehligt, ihnen in einer Versamm¬ 
lung die Beute für das kommende Jahr 
SUweist 49 ). Vgl. denselben Glauben bei 
den Großrussen 50 ). 

6. Für verletzte Berufspflicht wird der 
H. nach dem Tod bestraft, besonders für 
Rohheit gegen das Vieh, böswillige Ver¬ 
stümmelung aus Zorn und Rache, daß es 
sich auf fremde Weide begeben hat und 
den H.n für den begangenen Schaden 
haftpflichtig macht. Er muß — meist 
ist es ein Senne — nach dem Tode geisten. 
Man sieht ihn ein Rind die Bergweide 
herabjagen, es über einen Felsen herab¬ 
werfen, dann wieder hinauf tragen und 
diese Tätigkeit fortwährend wiederho¬ 
len 51 ). Weil er aus Ärger, daß das Vieh 
bei schlechtem Wetter bei der Hütte blei¬ 
ben wollte, es zum Absturz trieb, muß er 
als Geist die H.n warnen 62 ). Ein spuken- 

BichtoId-StÄubli, Aberglaube IV 


der Senn steigt alle 7 Jahre aus dem 
See 53 ); weü er die Hostie in den H.n- 
stab einschloß, geistet er zu Weihnachten, 
Pfingsten und Allerseelen 54 ). VgL er 
findet solange keine Ruhe, bis nicht der 
Preis des Tieres ersetzt wird; oder er muß 
bis zum Morgen schreien, weil er das Hü¬ 
ten vernachlässigt hat (Alpes Vaudoises). 
Weil er Salz gestohlen hat, muß er in der 
Sennhütte geisten und während des Win¬ 
ters unaufhörlich Salz mahlen (franz. 
Schweiz) 55 ). 

H.nsteine, eine sich häufig findende 
Bezeichnung für zerstreut liegende Fels¬ 
blöcke auf einer Weide, werden in der 
Volkssage mit der Bestrafung des H.n 
durch Verwandlung in Stein erklärt 6# ). 
H.n, die aus Übermut mit Käse- und But¬ 
terballen Kegel schieben, verarmen 57 ). 

7. Der H. kann Verwunschene erlösen, 
meist durch Kuß und Umarmung 58 ), 
indem er den Schlüssel zum Schatz über¬ 
nimmt 59 ). Der ungetreue H. kann nur 
durch den H.nknaben erlöst werden 80 ). 

8. Der H. als Wetterprophet. Wie der 
weittragende Glockenton, so wird der 
helle Gesang des H.n als Vorzeichen für 
Regen auf gefaßt. Bestimmte Beobach¬ 
tungen mögen dabei mitgewirkt haben. 
Wenn die H.n auf der Weide viel und laut 
singen, bedeutet das Regen 6l ). Vgl. 
den Regenzauber slavischer H.n. Sie 
binden einem Mädchen Bei fuß (Artemi¬ 
sia) auf die Zehe und treiben es zu einem 
Bach und besprengen es unbarmherzig 
mit Wasser unter dem Ruf: „Gib Was¬ 
ser“ 62 ). 

**) Höhn Volksheilkunde 1, 64. 23 ) Zelenin 
Russ. Volksk. 517. u ) Wuttke 435 § 684. 
25 ) Vonbun Sagen 14 Nr. 16. 28 ) Reiser 
Allgäu i, 148; Vonbun Sagen 11 Nr. 1; 12 
Nr. 12; ZföVk. 3, 291. 27 ) ZföVk. 24, 49. 

M ) Haupt Lausitz 1, 148 Nr. 168. 29 ) Waibel 
u. Flamm 2, 275 f. 30 ) Schönwerth Ober¬ 
pfalz 2, 413 f. Nr. 50. 31 ) Ebd. 2, 296; Möllen¬ 
hoff Sagen 308. 3a ) Sepp Sagen 470f. **) Rohde 
Psyche 2, 350 Anm. 3. 34 ) Sepp Sagen 455 f. 
35 ) v.d. Leyen Sagenbuch 4, 203 f. *•) Hepding 
Attis 103. 37 ) ARw. 23, 378; PetersenZ>4£ wun¬ 
derbare Geburt des Heilandes 21. 38 ) Leyen 

Sagenbuch 4, 86. *•) Sepp Sagen 5 f.; Waibel u. 
Flamm 2, 327 f. 40 ) Meiche Sagen 37. u ) Wai¬ 
bel u. Flamm 2, 86. 143 f. tt ) ZföVk. 4, 227. 

NieddZfVk. 6, 105 Nr. 11 c. 44 ) Schön- 
werth Oberpfalz 2, 275 f. Nr. 13. 48 ) ZfVk. 10, 

5» 


Hirte 


Hirte 




50 f. 4# ) Meyer Baden 128. 47 ) Waibel u. 

Flamm 2, 220. 48 ) Zelenin Russ. Volksk. 517. 
4# ) Krauß Volkforschung 141. 50 ) Zelenin 

a. a.O. 51 ) Reiser Allgäu 1, 66. 307. 340. 341; 
Bavaria 2, 2, 865; Kuoni 116. 52 ) Schiern 5, 1. 
63 ) Herzog Schweizersagen 1, 122. 54 ) ZfVk. 8, 
400 f. fi5 ) Sebillot Folk-Lore i, 233; Zingerle 
Sagen Nr. 390. 5# ) Kühnau Sagen 3, 395; 

Paudler Sagenschatz aus Deutschböhmen (1893) 
36 f. 67 ) SAVk. 14, 3 Nr. 2 (Wallis). M ) Niederd- 
ZfVk. 6, 97 - w ) Ebd. 6, 101. 60 ) Ebd. 6, in. 
#1 ) Wiener Völkerkunde 1, 196. 62 ) Andrian 

Wetterzauberei 104. 


H. nstab. 

I. Seine Entwicklung aus dem Geh* 
stock 63 ). 

Er bildet mit der Tasche die H.n- 
ausrüstung. Seine Stelle vertritt oft die 
Keule (Kolben), aber auch beide zusam¬ 
men führt der H., und es wird dann der 
Stab als Amtszeichen, die Keule als Waffe 
aufgefaßt. Legt zwar die Form der Keule 
diese Auffassung für eine spätere Ent¬ 
wicklung nahe, so braucht diese doch 
nicht die ursprüngliche gewesen zu sein; 
man kann in Stab und Keule die verschie¬ 
denen Formen des beiden zugrunde lie¬ 
genden Gehstockes sehen, zumal da Reise¬ 
stöcke auch als Keulen erscheinen 64 ). 
Daß der H. im Notfall diesen keulenför¬ 
migen Gehstock zur Selbstverteidigung be¬ 
nützte und dieser mehr den Charakter einer 
Waffe ausbildete, ist begreiflich. In ihrem 
Äußeren mögen sie sich nicht wesentlich 
unterschieden haben, da auch der Stab 
möglichst viele Krümmungen (min¬ 
destens 9) haben mußte, somit recht 
knorrig war. Der H.nstab hat sich aus 
dem ursprünglichen Gehstock entwickelt, 
zu dessen vollkommenem Wesen die be¬ 
stimmte Holzart (Hasel) und die zaube¬ 
rische Gestaltung (Krümmungen) gehört. 
Durch den bestimmten Zweck erhielt er die 
Form (verlängert, Krümmung am oberen 
Ende zum Einfangen der Schafe) für 
den besonderen Gebrauch durch den H.n 
und wurde dadurch zu einem Abzeichen des 
H.nberufes. Mit dieser Entwicklung zum 
Berufsabzeichen vereinigt sich die, wo¬ 
nach der Gehstock zum Wahrzeichen eines 
Amtsauftrages geworden ist, insofern die 
Gemeinde durch Überreichung des H.n- 
stabes ihn zu ihrem Beamten macht. 
In seiner äußeren Ausgestaltung mag der 


H.nstab durch andere Stabformen be¬ 
einflußt worden sein, so vielleicht durch 
den des Gemeindebüttels, zumal beide 
Ämter und auch das des Nachtwächters in 
einer Person oft vereinigt waren. Ist er 
mit Ringen versehen, heißt er Klinger- 
stock (ringstaf in Schonen) 6S ). In der 
gleichen Entwicklungslinie zum Amts¬ 
und Würdezeichen liegt es, daß stap im 
metaphorischen Sprachgebrauch den H.n 
(-stab) und seinen Bezirk bedeutet und 
der H.nstab im Bischofsstab zum litur¬ 
gischen Instrument wird. 

2. Seine Zauberkraft (s. auch o. I. 1). 
Er hält auf der Weide in den Boden ge¬ 
steckt, das Vieh zusammen und die 
Hexen und Unholde fern 66 ). Durch diese 
ihm innewohnende Kraft (Orenda) wird 
er auf dieselbe Stufe gestellt, wie die Werk¬ 
zeuge der Tiefkulturvölker, an die dieselbe 
Kraft Vorstellung geknüpft ist 87 ). Dabei 
wirkt auch noch die Vorstellung von der 
sympathetischen Wirkung des Pfählens 
mit (s. Pfahl, pfählen, festmachen, bin¬ 
den). Wegen seiner Kraft darf er nicht 
leichtsinnig weggeworfen werden: will 
sich der H. einen neuen machen, muß 
er den alten in drei Stücke zerbrechen, 
sonst könnte dem Vieh etwas Böses an¬ 
getan werden 68 ). Vgl. im Wierland 
trugen die H.n „Schutzstäbe“, die von 
„kundigen Leuten“ angefertigt waren und 
Zauberzeichen trugen 69 ). 

Verwendet der H. eine Geißel, wird sie 
am Palmsonntag geweiht (s. Fuhrmann 
3, 207). Der Geißelstecken muß so wie 
der Stab behandelt werden 70 ). Vgl. 
daß bei den lausitzischen Wenden (nach 
Thietmar von Merseburg 7 c. 50) die 
Vorstellung von der Kraft im H.nstab zu 
einem Spezialgott entwickelt war. Der 
H. des Ortes ging mit einem Stab, an des¬ 
sen oberen Ende eine Holzhand befestigt 
war, welche einen eisernen Ring um¬ 
klammerte, von Haus zu Haus und sprach 
an jeder Tür einen Spruch 71 ). Zu dieser 
Ausgestaltung des H.nstab es bei den 
Slaven sei kurz darauf verwiesen, daß der 
Büttelstab ebenfalls ähnliche Verzierun¬ 
gen zeigt, so auch den Kugelknauf 72 ). 

63 ) Amira in SitzMü. XXV, 2. Abh. 1 f. 
M ) Ebd. 5 Anm. 3. 68 ) ZfdMyth. 3, 304; ZfVk. 


so, 317 f. (Westerwald). ••) Schönwerth Ober- 
pfaU 1,321; Meyer Baden 138; Bavaria 2, 302. 
•*) Preuß Die geistige Kultur der Naturvölker 26. 
*) ZfVk. 11, 8; 20, 317 f. ••) Boeder Ehsten 
116. 127; Frischbier Hexenspr. 147. 75 ) Meyer 
Btden 96. 71 ) Haupt Lausitz I, 13 Nr. 11; 

Meiche Sagen 432 Nr. 571. ») SitzMü. 70. 


H .nfeste: Allgemeines. 

I. Ihren Terminen liegen die für das 
Leben von Herde und H. wichtigen Wen¬ 
depunkte des H.nwirtschaftsjahres zu- 
nunde, das sich vom Austrieb im Früh¬ 
jahr bis zum Heimtrieb im Herbst er¬ 
streckt, ähnlich dem bäuerlichen Wirt¬ 
schaftsjahr von der Aussaat bis zur Ernte. 


2. Ihre inneren Elemente bilden ur¬ 
sprünglich die bei Aus- und Heimtrieb 
angewandten Übergangsriten; daher stim¬ 
men sie zum großen Teil mit denen bei 
Aussaat und Ernte überein. Der Stellung 
des Bauers bei den Erntefesten ent¬ 
spricht die des H.n bei den H.nfesten; 
Vollzieht der Bauer diese magischen Riten 
für seinen Acker, so tut der H. dies für 
die Herde im Namen der Gemeinschaft 
aller Viehzüchter mit gemeinsamer Weide. 
Daher tritt der H. bei Aus- und Heim¬ 
trieb aus der primitiven Gemeinschaft 
Stärker hervor. Das Gefühl, daß der Aus¬ 
trieb der Beginn und der Heimtrieb das 
Ende seiner Tätigkeit im Dienste der pri¬ 
mitiven Gemeinschaft ist, macht ihm diese 
Tage stark religiös betont, macht sie ihm I 
SU Festen. Wie in die Mitte des agrari¬ 
schen Jahres fällt auch etwa auf die Höhe 
des Weideganges ein H.nfest. Zusammen 
mit den Ackerbaufesten bildeten die H.n- 
feste das bäuerliche Festjahr; sie sind nicht 
•ine unterscheidbare ältere Schicht, da 
Weidewirtschaft und Ackerbau bei den 
Deutschen seit jeher nebeneinander stehen 
Und sich ergänzen. Da die Termine der 
H.nfeste nicht mit den agrarischen zusam¬ 
menfielen, da der Austrieb nach der Aus¬ 
saat und ebenso der Heimtrieb nach der 
Ernte erfolgte, füllten Feste in größerer An- 
sahl die Zeit vom Frühling bis zum Herbst 
aus. Weil die Jugend unter den H.n 
die Mehrzahl stellte und sie Knaben- 
SChaften bildete, haben die H.nschaften 

S roßen Anteil an der Veranstaltung von 
esten, vor allem den Frühlingsfesten, im 
besonderen am Pfingstfest 73 ). Vgl. die 


134 

röm. H.ninnung veranstaltet die Luper¬ 
ealien. 

H.nfeste 1. im Frühling. Frühlingsbe¬ 
ginn und Austrieb fallen für den H.n zu¬ 
sammen. Daher bilden rituelle H.nbräuche 
die Grundlage in den Frühlingsfeiem, be¬ 
sonders im Oster- und Pfingstfest (s. d.). 
A. Die Stellung des H.n bei dieser Austrieb- 
Frühlingsfeier vergleicht sich mit der des 
Bauers beim ersten Pfluggang und bei der 
Aussaat. Fruchtbarkeitszauber wird zu¬ 
teil, 1. dem H.n: er wird mit Eiern be¬ 
schenkt 74 ), er erhält die beste Morgen¬ 
suppe 75 ), er wird mit Wasser begossen, 
der zuletzt austreibende wird ins Wasser 
geworfen: die Mädchen tanzen mit ihm 
(s. Austrieb). 2. Der H. vermittelt ihn den 
Tieren durch das Kraft und Gesundheit 
fördernde Rennen, a) In der Form des 
Wettaustriebes am Pfingstmorgen 76 ), 
b) des Pfingstrittes der Pferdeh.n am 
Pfingstsonntag mittags nach der Weide 77 ) 
(s. Pfingstritt), immer mit der Absicht, 
der FruchtbarkeitsWirkung des Taues teil¬ 
haftig zu werden 78 ) (s. Pfingsttau und 
Tauschleifer) oder c) eine Würde zu er¬ 
ringen, wie der Wettlauf der Gailtaler 
Halter zeigt, wo die Verschiebung des ur¬ 
sprünglichen Sinnes des H.n Wettrennens 
insofern eingetreten ist, als nicht die 
Weide sondern der Maien das Ziel wurde 
(s. Maien). Der Sieger heißt König. Die 
Nacht verbringen sie am Feuer mit Peit¬ 
schenknallen 79 ) (s. Pfingstfeuer, Pfingst- 
peitschen, Pfingstkönig). 

B. H.n stellen die Jugend dar bei der 
Frühlingsfeier, 1. zur Einholung des Maien, 
wenn der H. am Pfingstsonntag jede Kuh 
aus einem Haus, wo eine Jungfrau war, 
bekränzte 80 ), oder der größten Kuh einen 
Kranz von Laub und Blumen umhing 81 ); 
er wurde beschenkt wie der Überbringer 
des Maien überhaupt. Dagegen rächt er 
sich mit einem Schandmaien an der faul¬ 
sten Dirne, indem er einer alten Kuh 
einen Spottkranz aus Stroh umhängt 8a ). 
2. bei der Tötung des Vegetationsgeistes 
in Gestalt des Frosches (oder auch einer 
Katze, eines Kaninchens), die sie am 
Pfingstsonntag nach einem Umzug töten 83 ). 
Dies fiel dem zuletzt austreibenden zu, 
der Froschschinder hieß u ) (s. Frosch, 




Hirte 


Hirte 


Henkengehen). Auch dafür sammelt die 
H.njugend Gaben. Aus dem Wettaustrieb 
erklärt es sich, daß die Burschen in der 
Pfingstnacht manchem Mädchen einen 
Schabernack antun, damit ihre Kühe 
nicht zuerst zur Herde kommen 85 ). 

2. im Herbst. 

Die glückliche Heimbringung der Herde 
entspricht der Ernte. Daher gestaltet 
sich der Heimtrieb zu einem H.nfest, in 
dessen Mittelpunkt die feierliche Einho¬ 
lung des H.n und seiner Herde steht, seine 
Entlohnung und der Schmaus mit Tanz. 
Zufolge des landschaftlich zeitlich ver¬ 
schiedenen Heimtriebes finden sich an 
mehreren Terminen gegen den Herbst 
zu H.nfeste 86 ) mit Schmausereien 87 ); 
die wichtigsten sind Leonhardi (6. Nov.) 
und Martini (ii. Nov.). Bei den jetzt er¬ 
folgenden Schmausereien wird man nicht 
an H.nopfer denken, da sie zunächst im 
Anschluß an die Schlachtung jenes Viehes 
erfolgen, das man nicht überwintert. 

3. in der Mitte des Weideganges. 
H.nstandesfeste. 

Das Hochsommerfest begeht auch der H. 
mit Tanz auf der Bergwiese, so zu Bar- 
tholomä am Dreisesselberg 88 ). Die 
H.n treten jetzt auf dem Höhepunkt des 
Erträgnisses in der Milchwirtschaft vor 
allem als Standesgruppe (Zunftgenossen- 
schaft, H.nverein) auf. Gleich den anderen 
Ständen haben sie einen Gottesdienst 
und eine nachfolgende Standes Versamm¬ 
lung 89 ), die H.nkirchweih (Sennekirbe im 
Allgäu) 90 ), am häufigsten zu Jakobi, 
Johanni und Michaeli, wo noch jetzt in 
Thüringen H.nzusammenkünfte statt¬ 
finden 91 ). Den Beschluß bildet der H.n- 
tanz 92 ). Die H.n haben frei, und es 
müssen andere für sie hüten. Die H.n- 
jimgen entscheiden durch einen Wett¬ 
kampf die Führerschaft in ihrem Ver¬ 
band 93 ). Auf einen H.nverband weist 
das sog. Häufeln hin, das an der oberen 
Donau bei Mühlheim in Stetten an dem 
geübt wird, der zum erstenmal als H. 
auszieht. Es wird ihm eine Schauppe 
(Joppe) über den Kopf gezogen und er 
bekommt Prügel 94 ) (s. Hänseln). 

7S ) Lippert Christentum 634; Wundt Mythus 
u. Religion 3, 424. 426. 428. 74 ) Kuhn West¬ 


falen 2, 165 f. 75 ) Birlinger Schwaben 2, 106. 
7# ) Sartori Sitte 3, 193. 77 ) Kuhn Westfalen 
2, 164 Nr. 461. 78 ) Bartsch Mecklenburg 2, 

270. 272. 79 ) Franzisci Kärnten 43. ®°) Pol- 
linger Landshut 214. 81 ) Meier Schwaben 2, 

402. 82 ) Bronner Sitt u. Art 172. 83 ) John 

Westböhmen 79 f.; Lehmann Sudetend . Volksk. 
157; Sartori Sitte 3, 203. 84 ) John Westböhmen 
90. 8S ) Meyer Baden 158. 86 ) Sartori Sitte 2, 
148 Anm. 14; Globus 98, 327 (Bretagne). 
87 ) Drechsler 2, 110. 88 ) Bronner Sitt u. Art 
223. 89 ) Reiser Allgäu 2, 387 f. 90 ) Bronner 
a. a. O. 91 ) Pfannenschmid Erntefeste 117. 
92 ) John Westböhmen 117. ® 3 ) Sartori Sitte 2, 
148 Anm. 13. M ) Birlinger Schwaben 2, 348. 

H.ndingung. 

Bedingung hierfür war in Deutschland 
die Abstammung vom H.n und sie er¬ 
folgte an bestimmten Terminen (Ja¬ 
kobi 95 ), Weihnachten 96 ), Fastnachts¬ 
sonntag 97 ), Aschermittwoch 98 )) durch 
den Gemeindebevollmächtigten mit der 
Überreichung der Amtszeichen (Stab und 
Horn) und des Dienstgroschens oder Haftl- 
geldes und bei einem gemeinsamen Essen 
in der rechtlichen Form der Dingung 99 ). 
Der H. wird mit Käsekuchen bewirtet 10 °); 
er wird beim Weihnachtsfladen als dem 
Vertragssymbol für die Sippendienste 
verpflichtet;,,man soll ihn dingen by dem 
Fladen ze wienacht“ (14. Jh. Schweiz) 
101 ). Auch er gibt den Gemeindevertretern 
ein Mahl und hält sie zechfrei 102 ). Er 
wird aber auch in der Gemeindeversamm¬ 
lung gewählt. Wo die Jugend den H.n 
stellt, wird sie als Dienstbote gedungen 
(s. Dienstboten). 

H.nlohn und H.nsammelgänge. 

Das Ende des Weideganges ist nach den 
Landschaften verschieden, meistens zu 
Martini, weil dies ein allgemeiner Rechts¬ 
termin war (s. Martini). Es wurde bei der 
sog. H.n-Schüttung festgestellt, wieviel 
jeder in der Gemeinde zu dem Getreide für 
den H.n und die übrigen Gemeindebeamten 
zu schütten, d. i. beizusteuem habe 103 ) 
(s. Dienstboten, Martini). Den zum größten 
Teil in Naturalien bestehenden Lohn er¬ 
hält der H. auf einem Sammelgang in den 
Häusern gegen Überreichung einer Gerte 
(Hasel) und unter Aufsagung eines Spru¬ 
ches (H.nsegen). Beide gehören enge zu¬ 
sammen. Mit dem Spruch wird dem 
Menschen und dem Vieh Glück durch das 
Wort gewünscht und mit der Gerte der 


Segen in Gestalt des Lebenszweiges für 
den folgenden Weidegang überreicht; da¬ 
her die Aufforderung des H.n an den 
Viehbesitzer, die Gerte für den Austrieb 
lu bewahren. So entspricht der H.nsegen 
dem Segenswunsch der antiken Buko- 
lUsten um die cqafla und die Gerte 
ihrem Sack mit der Panspermie 104 ). Mit 
Ende der Weidezeit ist auch der H. be¬ 
strebt, den Segen in das nächste Jahr 
hinüber zu erhalten. Dem Emtemahl 
entspricht ein Mahl, das ihm beim Ge¬ 
meindevorsteher gereicht wird für die Ge- 
iamtheit der Viehbesitzer, bestehend aus 
Brot und Bier (im Schüttarschen Mar¬ 
tinigans geheißen) oder einem Eimer Bier 
und zwei Hammeln (Nürschan); aber 
Auch der H. gibt seinen Gönnern am näch¬ 
sten Sonntag ein Mahl 105 ). Sind in einer 
Gemeinde mehrere H.n, so nimmt das 
gemeinsame Lohneinsammeln die Form 
von Bettelumzügen an (s. d.), dies be¬ 
sonders, seitdem an Stelle des einen Ge- 
meindeh.n die Jugend das H.namt über¬ 
nommen hat. Sie veranstaltet ebenfalls 
Heischegänge für ihre H.nleistung an 
allen Terminen des Jahres, wo die Ju¬ 
gend überhaupt diese pflegt, so am Weih¬ 
nachtsabend mit viel Lärm, Schellen, 
Kuhhorn, H.npfeifen 106 ), ferner zu Sil¬ 
vester 107 ), Neujahr 108 ), Fastnacht 109 ), 
Ostern 110 ), Pfingsten 111 ), Maria Himmel¬ 
fahrt (dem Küchelsonntag im Allgäu U2 )). 
Die Gaben sind außer den bei Bettelum¬ 
zügen üblichen Eier, auch Geld, Kuchen 
(Allgäu); sie dienen nicht als Lohn zum 
Lebensunterhalt, sondern werden von der 
Jugend gemeinsam verschmaust. Vgl. 
dieselbe Entwicklung auch bei den Grie¬ 
chen, wo die Bukoliasten im Dorf herum¬ 
zogen und in Liedern das pecorum ac 
frugum hominumque proventum erfleh¬ 
ten (Gramm. Lat. 1, p. 486, Keil) 113 ). 


ff eotui/rtTfic fk 


03 / > 




] J KJU.L1 _ 

Sudetend. Volksk . 148. 96 ) Birlinger Schwabet 
2 , 106. 97 ) Höfler Fastnacht 27 (Tirol); Andre« 
Braunschweig 159. 98 ) Ebd. (Allgäu im 17. Jh.) 
H ) Schweizld. 1, 1168. 10 °) Höf ler a. O 

Wl ) Schweizld. 1, 1168. 102 ) ZföVk. 3, 114 

John Westböhmen 91. 103 ) John Westböhme-i 

98. ««) Nilsson Griech. Feste 204. 105 ) Johi 
Westböhmen 98. 106 ) Sartori Sitte 3, 16 Anm 

X09. 107 ) ZfVk. 6, 431. 108 ) Sartori Sitte 3, 5I 
Anm. 23. 1W ) Ebd. 3, 95 Anm. 21. ll °) Ebd. 3 


159 Anm. 63. m ) Ebd. 3, 196 Anm. 21. 
112 ) Ebd. 3, 246. 113 ) Nilsson Griech. Feste 203. 

Ein besonderes Brot für den H.n sind 
die Martinihörner (s. d.). 

H.nopfer. 

Davon sind Spuren nicht mehr leicht 
nachzuweisen. Sie müssen den Mittel¬ 
punkt der H.nfeste gebildet haben (s. o.). 
In der Schlachtung eines Hammels aber 
bei einem Fest-auf der Gemeindewiese am 
2. Sonntag nach Ostern, dem Bocksonn¬ 
tag, hat man ein ursprüngliches H.nopfer 
zu sehen, das zu Beginn der Weide dar¬ 
gebracht wurde. Ebenso, wenn in Gö¬ 
denitz (Thüringen) am Himmelfahrts¬ 
morgen aus jedem Haus ein Bewohner 
auf dem sog. Bierhügel ein Fest mitfeiern 
muß. Denn würde das Fest aufgelassen 
werden, so müßte nach der Volkssage 
der Obrigkeit der Zehent gegeben wer¬ 
den und dazu ein schwarzes Rind mit 
weißer Blesse, ein Ziegenbock mit ver¬ 
goldeten Hörnern und ein Fuder Sem¬ 
meln 114 ). Daß die Votivgaben eiserner 
und wächserner Haustiere an den hl. Le¬ 
onhard der Nachhall eines Tieropfers 
seien, ist noch nicht bewiesen 115 ). Vgl. 
die Syrakusaner opferten um 500 v. Ch. 
der Diana bei Viehseuchen Gebildbrote 
in Gestalt von Tieren 116 ). Das Opfer der 
römischen H.n an Silvanus (Cato de r. r. 
83, 176). 

Das sog. Hörndlstutzen aber ist m. E. 
nicht als der Rest eines ehemaligen H.n- 
opfers aufzufassen, sondern als eine Vor¬ 
bereitung auf den Austrieb, damit sich 
die Tiere nicht mit den über den Winter 
scharf gewordenen Hörnerspitzen ver¬ 
letzen können. Die Belohnung des H.n 
für seine Tätigkeit mit einem Ei und daß 
er mit entblößtem Haupt und unter 
einem Spruch den Stall betritt, wird 
gleichfalls nicht in dieser Richtung aus¬ 
gedeutet werden dürfen 117 ). 

H.ngott, -patron. 

Begreiflicherweise sind Spuren ger¬ 
manischer H.ngötter noch schwerer nach¬ 
zuweisen, da die Götter nebenbei noch an¬ 
dere Funktionen hatten; so soll bei den 
heidnischen Baiem Hirmin außer Stamm¬ 
gott auch H.ngott gewesen sein 118 ). Eben¬ 
so ist eine Entscheidung schwer, inwieweit 


139 


Hirtentäschchen—Hochschulen de r Zauberei 


140 


man hinter den Heiligen Leonhard und 
Martin, die allgemein Vieh und Herden 
beschützen, auch einstige germ. H.n- 
götter sehen darf (s. Leonhard, Martin). 
Der hl. Wolfgang wird gegen den Wolf an¬ 
gerufen (s. Wolfssegen) und Wendelin 
besonders von den Schäfern. Der hl. Ja¬ 
kobus ist im besonderen der H.npatron, 
und auf seinen Tag sind viele H.nfeste ver¬ 
legt worden (s. o.). Sonstige landschaft¬ 
liche H.npatrone stehen mit H.nbünden 
in Verbindung, so St. Castulus nö ); die 
Verdrängung, bzw. Überschichtung der 
heidnischen Riten durch das Christen¬ 
tum ist sicherlich sehr gründlich gewesen. 

Königh.ntum. Bei vielen Völkern wird 
das Königtum als Volksh.ntum aufge- 

faßt und der König als H. des Volkes be¬ 
zeichnet 120 ). 

114 ) Goldmann Einführung So f.; Höfler 
Ostern 64f. 115 ) Andree Votive 5^. 11«) Nilsson 
Griech. Feste 200 Anm. 3; Hoops Reallex. 
s. v. Gebildbrote. U7 ) Höfler Oberbayr. Jahr 90; 
Bavaria 2, 306; John Westböhmen 335. 118 ) 

Quitzmann 146. 119 ) Andree Votive 38. 12 °) 
Urquell 3, 119; Goldmann Einführung u6f. 

Jungwirth. 

Hirtentäschchen (Blutkraut, Seckel - 
kraut; Capselia bursa pastoris). 

1. Botanisches. Kreuzblütler, dessen 
untere Blätter meist fiederspaltig und zu 
einer Rosette angeordnet sind. Die kleinen 
weißen Blüten stehen in Trauben. Be¬ 
sonders kennzeichnend sind die drei¬ 
eckigen, oben herzförmig ausgerandeten 
Schötchen. Das H. ist ein überall häu¬ 
figes Unkraut x ). 

*) Marzell Kräuterbuch 324. 

2. Wie bei der Wucherblume (s. d.) die 
weißen Strahlblüten, so werden die 
Schötchen des H.s im Liebesorakel ab¬ 
gepflückt („Ich lieb dich von Herzen'‘ 
usw.) 2 ). 

2 ) Schullerus Pflanzen 173. 

3 - Das H. ist ein altes Sympathie¬ 
mittel zur Stillung von Blutungen, 
ln der Hand gehalten, stillt es jede 
Blutung 3 ), ebenso wenn es auf die Füße 
grlegt wird 4 ), ja es genügt schon, die 
Pflanze anzusehen 5 ). Gegen Blutspeien 
l#gt man das H. in die Schuhe oder hält 
e* in der Hand, bis es warm wird 6 ), vgl. 
Kornblume. Das H. ist übrigens in I 


neuester Zeit wieder als blutstillendes 
Mittel in der wissenschaftlichen Medizin 
in Aufnahme gekommen 7 ). Dem zah¬ 
nenden Kinde werden die Früchte (wegen 
ihrer zahnähnlichen Form?) in ein rot- 
seidenes Fleckchen eingebunden um den 
Hals gehängt; nach der Zahnung wird das 
Amulett von der Mutter stillschweigend 
rückwärts in fließendes Wasser geworfen 8 ). 
Haben die Kühe die „Schwini“ (Schwin¬ 
den), so hängt man das H., in „Tara“ 
(rauhes Zeug) eingewickelt, dem be¬ 
treffenden Tier um den Hals 9 ). Essen 
die Kinder im Frühjahr drei von den 
ersten H., die sie sehen, so werden sie nie 
krank 10 ), vgl. Frühlingsblumen (3,160), 
Windröschen. 

3 ) Gart der Gesundheit (Hortus Sanitatis) 
14^5* 67. 4 ) Wo!ff Scrutin. amulet, medicum 

1690, 199- 6 ) Thesaurus pauperuni 1576, 350. 

«) Zimmermann in Tschirch-Festschrift 1926, 

^59- 7 ) Grimme Altes und neues über Capsella 
bursa pastoris. In: Pharmazeut. Zentralhalle 
1919, Nr. 23 und 24. 8 ) Lammert 126. ») 

Wartmann St. Gallen 19. *°) Seyfarth 

Sachsen 301. Marzell. 

Hnz Hnz Hnz. Zauberzeichen oder 
-Worte, die, mit untergesetztem Vor- und 
Zunamen des Kranken, auf Butterbrot 
oder Semmel gesetzt und gegessen, gegen 
Fieber dienen x ). Die Punkte sind viel¬ 
leicht kryptographische Vokalzeichen (vgl. 
Geheimschrift). 

i) Scheible Kloster 12, 513; Hovorka u. 
Kronfeld 1, 146. Jacoby. 

Hobax, geschrieben x .H.O.B.A.X. x> 
gegen Fieber auf drei Mandelkernen auf¬ 
gezeichnet und gegessen x ), ist wohl nur 
eine Variante von: Hax pax (max) s. d. 

*) Höhn Volksheilkunde 1, 153. Jacoby. 

Hochgericht s. Galgen 3, 25S ff. 

Hochschulen der Zauberei. Die 

ersten Nachrichten über H. d. Z. führen 
nach Spanien. Die Mauren hatten dort, 
als das Land in ihre Hände gekommen war, 
in einer Reihe von Städten wie Toledo, 
Salamanca, Sevilla, Granada, Cordova 
usw. „Universitäten", d. h. eine Art Semi¬ 
nare und Kollegien errichtet, die, den 
Moscheen angegliedert, in besonderen 
Schulgebäuden, „Medresch“ genannt, un¬ 
tergebracht waren x ). An diese Schulen, 
die vornehmlich Theologie und Philosophie 



lehrten, knüpft die Überlieferung von H. 
4 . Z. an, die auch frühzeitig auf die durch 
die Rückeroberung von Toledo im Jahre 
1085 christlich gewordene dortige Uni¬ 
versität übertragen wurde. In Wirklich¬ 
keit waren wohl die Kreise, die sich an 
diesen Orten mit magischen, kabbalisti¬ 
schen, nekromantischen, astrologischen 
und alchemistischen Studien abgaben, 
Geheimzirkel, die ihr lichtscheues Wesen 
abseits im Verborgenen trieben 2 ), wie 
sich das aus unten gegebenen Mitteilungen 
erschließen läßt. Zumeist werden die 
Geheimkünste durch Araber und Juden 
gelehrt worden sein, die antikes und orien¬ 
talisches Erbgut aufnahmen und neu 
verarbeiteten. 

Bereits der um 1143 verstorbene Wil¬ 
helm von Malmesbury 3 ) berichtet 4 ): 
„sicut Christiani Tole tum, ita ipsi (näml. 
die Sarazenen) Hispalim, quam Sebiliam 
(d. i. Sevilla) vulgariter vocant, caput 
regni habent, divinationibus et incanta- 
tionibus more gentis familiari studentes“. 
In Sevilla habe Gerbert, der spätere Papst 
Silvester II. (996—1002), der seiner 
großen Kenntnisse wegen als Zauberer 
verschrien wurde 5 ), Astrologie, Vogel¬ 
schau und Dämonenbeschwörung erlernt 
und sich dann mit Hilfe eines seinem sara¬ 
zenischen Meister gestohlenen Zauber¬ 
buchs zum Papst gemacht 6 ). In Toledo 
wirkte im 12. Jhdt. der durch zahlreiche 
Übersetzungen aus dem Arabischen und 
Hebräischen bekannte Gerhard von Cre- 
mona (1114—1187) 7 ), der eine „Geo- 
mantia et practica planetarum“ 8 ) schrieb 
und auch als Übersetzer der Kyraniden 
gilt 9 ). Im folgenden Jhdt. erzählt Cae- 
sarius von Heisterbach von zwei jungen 
Leuten, die apudToletumstudebantnecro- 
mantiam 10 ), und an einer weiteren Stelle 
schildert er eine Geisterbeschwörung, die 
einige Studenten „in arte necromantica“, 
junge Schwaben und Bayern, erlebten, als 
sie ihren Lehrer auf forderten, ihnen seine 
Kunst in praxi vorzuführen 11 ); die Be¬ 
schwörung ist eine Variante der Verlöbnis¬ 
legende 12 ). Ins 13. Jhdt. führt uns auch 
die Vita des Dominikanerheiligen Aegidius 
(ti2Ö5), der in seiner Jugend, vom Teufel 
verführt, nach Toledo zog, um dort die 


magische Kunst zu lernen 13 ): „Intellexit 
Aegidius magicas artes, a quibus illa 
tempestate in Hispaniis non abhorre- 
bant homines, ab illo viae comite (dem 
Dämon) perhiberi: et paululum quidem 
cogitabundus substitit, deinde autem pes- 
simo acquievit consilio. Quare ommisso 
coepto itinere, Toletum deflexit, seque 
magistris impiae ac nequissimae disci- 
plinae, loca subterranea atqueab hominum 
conspectu remota frequentantibus, juxta 
imperatas leges horrendo nefarioque sa- 
cramento addicit, seseque in animae 
exitium devovit, chirographo, sua manu de 
suo sanguine facto, in testimonium illis 
dato. Decurso septenni spatio, bene ac 
male agendum instructus“ zieht er nach 
Paris, wo er durch seine Kenntnisse als 
Arzt großen Ruhm gewinnt. Nach der 
Relation des Historikers der Dominikaner, 
Ferdinand del Castillo, bringt der böse 
Begleiter Aegidius „in vastum specum, 
prope Toletanam civitatem, ibi occurrere 
laeti, et excepere venientem viri dae- 
monesque humana effigie etc.“ 14 ). Deut¬ 
lich sind hier die Geheimzirkel angedeutet. 
Als H. d. Z. wird uns Toledo noch genannt 
im „Wartburgkrieg“ 15 ), von B. Basin 16 ), 
Delrio 17 ), Thiers 18 ), Elinandus 19 ). In 
jener Höhle soll auch Virgil die Zauber¬ 
kunst gelernt haben 20 ). Nach dem alten 
Volksbuch studierte dort auch Faust's 
Famulus Wagner die daselbst öffentlich 
gelesene Schwarzkunst 21 ). Delancre 22 ) 
berichtet das Geständnis eines Zauberers, 
daß in Toledo 73 Magister die Magie 
lehrten; ihren Vorlesungen legten sie den 
Text der „Teufelsbibel“ zugrunde. 

Ähnliche Erzählungen gingen auch über 
Salamanca um. Basin 23 ) weiß, daß einst 
bei der Stadt ein Marmoridol in einer 
tiefen Höhle verehrt wurde, durch das der 
Teufel als Lehrer der Magie wirkte; die 
Höhle sei vermauert und darüber eine 
Kirche erbaut, während das Idol vor der 
Kirche von den Vorübergehenden zer¬ 
stört worden und kaum noch zu erkennen 
sei: Es wird die gleiche Höhle sein, die 
Delrio 24 ) aus eigener Anschauung be¬ 
schreibt: „ostensa mihi fuit crypta pro- 
fundissima gymnasii nefandi vestigium, 
quam virilis animi mulier Isabella regina, 



143 


Hochschulen der Zauberei 


Hochschulen der Zauberei 


146 


Ferdinand! Catholici uxor, vix ante annos 
centum caementis saxisque jusserat ob- 
turari“. Nach Cardanus 25 ) las man in 
der Akademie von Salamanca öffentlich 
über Zauberkunst, ,,nunc vero publicis 
legibus sublata est“, doch sind noch Reste 
dort. Die Schule erwähnt auch Geßner 26 ); 
aus ihr gingen die fahrenden Schüler 
hervor. Im Volksbuch von Fortunatus 
von 1530 heißt es 2? ): ,,es was eyner von 
Sparga auss der Stadt Alamanelia, da 
dann noch die hoche Schul von der hochen 
Kunst der Nigromantia ist und gelert 
wird“ d. i. Spanien und Salamanca. 
Auch Thiers 28 ) nennt die Schule. In ihr 
soll zuerst öffentlich, später geheim die 
„Pneumatologia occulta et vera“ vorge¬ 
tragen worden sein 29 ). 

Über Sevilla s. 0. Die dortige H. d. Z. 
wird auch von Delrio 30 ) und Thiers 31 ) 
bezeugt. 

Granada, die letzte Stütze der Mauren 
in Spanien, fiel im Jahr 1492. Der mau¬ 
rische Kult, der als Götzendienst und 
Magie galt — vgl. die lehrreiche Ge¬ 
schichte, die Delrio 32 ) von einem Manne 
Ramirez in Toledo aus dem Jahr 1600 
erzählt —, wurde 1495 verboten; die 
Juden waren bereits 1492 von Isabella 
und Ferdinand verjagt worden. Damals 
erging dann auch nach Delrio 33 ) das 
Verbot der Magie und der Vorlesungen , 
darüber, wozu Basin’s 34 ) Bemerkung j 
stimmt, daß ,,hac tempestate magicae 
artes“ nirgends mehr in Spanien toleriert 
würden; nach dem 1597 verstorbenen 
Kanonisten P. Gregoire von Toulouse 35 ) 
erfolgte das Verbot unter Karl V. Über 
die spanischen H. d. Z. vgl. noch Moeh- 
sen 36 ). 

Auch in Italien gab es derartige Schu¬ 
len. So spricht Delrio 37 ) von einer am lacus 
Nursinus und einer zweiten im spelaeum 
Visignianum. Bei der ersten handelt es 
sich um einen Venusberg 38 ), dessen Höhle 
auch als Sibyllenhöhle galt, bei Norcia 
gelegen; von ihr weiß Delrio 39 ) nach 
Crespetus allerlei Merkwürdiges zu er¬ 
zählen. Es ist nun interessant, daß schon 
Enea Silvio, der bekannte Humanist und 
nachmalige Papst Pius II. (1405—-1466), 
in einem Brief, den er in seiner früheren I 


144 

Zeit an seinen Bruder schrieb, davon 
redet, daß in Umbrien, im alten Herzog¬ 
tum (Spoleto) unweit der Stadt Nursia 
eine Höhle sei, in der Wasser fließe, der 
Aufenthaltsort von Hexen, Dämonen und 
Schatten; dort könne man von Geistern 
die Zauberkunst lernen 40 ). . Es ist der 
Ort, an dem nach Benvenuto Cellini 
magische Weihehandlungen» über Zauber¬ 
büchern vorgenommen wurden 41 ). Venus¬ 
berge waren überhaupt, wie Bebelius 42 } 
mitteilt, die Schulstätten, an denen die 
fahrenden Schüler Vorgaben, die Magie 
gelernt zu haben. Der Kardinal Beno, 
Gregors VII. leidenschaftlicher Gegner, 
nennt das Rom des 11. Jhdts. gewisser¬ 
maßen eine Schule der schwarzen Magie, 
die Gerbert dorthin gebracht habe 43 ). 
In Padua, wo einst Albertus Magnus 
Alchemie und andere Künste studiert 
hatte, trieb nach dem Volksbuch Wagner, 
der Famulus Fausts, magische Studien 
und lehrte selbst diese Wissenschaft 44 ). 
Auch Venedig wird als Ort einer Schule 
genannt, in der des Teufels Lehrstuhl 
stand 45 ). In der Virgilsage wird das Sep- 
tizonium 46 ) in Rom ,,scuola di Virgilio“ 
genannt und ebenso ein Ort am Strand 
von Neapel; nach dem französischen 
Volksbuch gab es in Neapel eine Zauber- 
Schule Virgils 47 ). An dem Ort stand 
früher ein Tempel der Venus oder For¬ 
tuna. 

Wenden wir uns nach Frankreich, so 
begegnet uns dort die Tradition von einer 
solchen Schule in der Auvergne 48 ); nach 
Bekker 49 ) war sie zu Vincester( ?). Dort 
befinde sich ein Fortunatusrad, auf das 
sich zwölf neu angekommene Studenten 
setzen müßten; einer unter ihnen stürze 
von dem umgedrehten Rad und falle 
dem Teufel zu, die andern elf lernten in 
drei Monaten alle Wissenschaften und 
Künste. Das ist auch der Inhalt einer 
aus dem 16 . Jhdt. bereits bezeugten Sage: 
das Glücksrad 00 ). Eine Variante dieser 
Auslosung eines Studenten wird auch von 
Salamanca erzählt 51 ). Eine andere Über¬ 
lieferung weiß von einem Venusberg in 
Frankreich, auf dem der „Stein der Un¬ 
sichtbaren“ liegt; wer mit dem linken 
Fuß auf diesen tritt, wird sofort in die 


MS 


Schule des Teufels versetzt und lernt 
dort alle Wissenschaften 52 ). 

In Polen galt Krakau als Universität 
der Zauberkunst, an der diese öffentlich 
gelehrt werde. Nach Manlius 53 ) studierte 
dort Faust: „Hic cum esset scholasticus 
Cracoviensis, ibi magiam didicerat, sicut 
ibi olim fuit ejus magnus usus, et ibidem 
publicae ejusdem professiones“, was auch 
Wier 54 ) und das Volksbuch von Faust 55 ) 
melden. Auch der polnische Faust 
Twardowski hatte in Krakau magische 
Studien getrieben und magische Bücher 
von ihm wurden, um sie unschädlich zu 
machen, daselbst in Bibliotheken an 
Ketten gelegt 56 ). 

Eine Zauberschule befindet sich ferner 
in Ab o in Finnland. In einem Loch auf 
einem Berg ist dort eine von der Natur 
gebildete Bank wie in einem Auditorium; 
der Teufel hielt dort Schule 57 ). 

Nach der Chronik des Albericus von 
Troisfontaines 58 ) soll im Jahre 1223 ein 
Schwarzkünstler ausToledo nach Mastricht 
gekommen sein und eine Anzahl Geist¬ 
licher zur Magie verführt haben; der Autor 
ist Zeitgenosse des Ereignisses. Die Geist¬ 
lichen verbreiteten danach die Abgötterei 
des Lucifer, und in Köln war eine Schule 
dieser Ketzer, in der das Bild Lucifers 
Orakel erteilte. Die Überlieferungen, daß 
in Universitäts-, Kloster- und andern 
Bibliotheken wie in Krakau — so in 
Tübingen, Wittenberg, Dorpat, Weilheim 
t. d. T., Crailsheim, Schloß Suchow — 
die Zauberbibel an die Wand gekettet sei 
(g. a. 6. u. 7. Buch Mosis) werden auch 
darauf zurückgehen, daß man glaubte, 
dort würde oder wurde ehedem die Magie 
gelehrt. Merkwürdig ist, was Horst 59 ) 
erzählt, daß auf protestantischen Universi¬ 
täten noch in der ersten Hälfte des 18. 
Jhdts. die „Pneumatologia occulta et 
vera“ gelesen wurde, namentlich in Halle, 
wo sie in den dreißiger Jahren sein Vater 
gehört habe; den Namen des Professors 
hatte Horst vergessen. Für das 16. Jhdt. 
bezeugt ähnlich Wier 60 ), daß zu seiner 
Zeit noch Leute sich der Bücher über 
Nekromantie erinnerten, die in einigen 
Schulen öffentlich erklärt wurden. Nach 
Müllenhoff 61 ) erzählt man in Nordfries¬ 


land und im Dänischen viel von der 
schwarzen Schule, in welcher der Teufel 
selber Lehrmeister ist, und namentlich 
angehende Prediger werden darin unter¬ 
richtet. 

Einige ergänzende Mitteilungen mögen 
noch folgen. Von Saemund Sigfusson, 
dem angeblichen Sammler der Lieder- 
Edda (gest. 1133), berichtet eine alte 
Chronik: qui in Parisiis artem magicam 
didicit 62 ). In Böhmen sah man Budek 
als Schule der Magie an: prima schola 
ethnicorum et quasi urbs literarum et 
academia quaedam Budeka urbs Bohe- 
miae fuit .... ad hanc magicam scholam 
tota properabet Bohemiae nobilitas 63 ). 
Die Teufelsschule in Salamanca (s. u. 
Anm. 51) erwähnt auch Grimm 64 ). Eine 
solche Schule gab es nach Luther auch in 
Köln; in ihr verfiel alljährlich ein Scholar 
dem Teufel nach dem Los als Lohn 65 ). 
Im Biterolf wird von Tolet erzählt, daß 
in einem nahe der Stadt gelegenen Berge 
„der list nigrömanzi“ erfunden ward 66 ); 
ähnlich weiß Mathesius von der dort ge¬ 
lehrten Schwarzkunst zu sagen 67 ). Nach 
einer Nachricht um 1600 lernt man die 
Nigromantie im Venusberg 68 ). Was 
Horst über Vorlesungen über die Pneu¬ 
matologia occ. et vera (s. u. Anm. 59) 
sagt, scheint auf Tatsachen zu beruhen 69 ). 

Für die Entstehung des Glaubens an 
H. d. Z. sind verschiedene Gründe ver¬ 
antwortlich. Die Tatsache, daß alche- 
mistische, astrologische und andere ge¬ 
heimnisvolle Wissenschaften an den Uni¬ 
versitäten betrieben wurden, ist nicht 
zu leugnen, und es scheinen auch Vor¬ 
lesungen über Zauberbücher stattgefunden 
zu haben. Die höheren Studien waren 
überhaupt verdächtig, und die lateinischen, 
griechischen und hebräischen Bücher der 
Pfarrer und Gelehrten mit ihren unver¬ 
ständlichen Zeichen mögen nur zu oft als 
magische Bücher angesehen worden sein. 


*) E. O. v. Lippmann Entstehung und Aus¬ 
weitung der Alchemie (1919), 462 ff. *) a. a. O. 
^65. 3 ) Hauck RE. 21, 299 ff. 4 ) De gestis 

egum Anglorum II p. 64 (W. Savile 1596); 
Uigne Patr. lat. 179, 955 ff.; Kiesewet- 
:er Die Geheimwissenschaften 304. 6 ) J. v. 

3 öllinger Die Papstfabeln des Mittelalters 
1890), 1840. •) v. Lippmann a. a. O. 464 


147 


Hochwasser—Hochzeit 


148 


Anm. 1; Kiesewetter Faust 1 (1922), 119; 
Wier Dg praestigiis daemonum 1.6 c. 5 (franz. 
Ausg. 1885, II, 229 ff.); Scheible Kloster 5, 
286 (nach A. Lercheimer Christi. Bedencken 
vnd Erjnnerung von Zauberey 1585). 7 ) v. 

Lippmann a. a. O. 465; Kiesewetter Ge - 
heimwissenschaften 304. 8 ) Agrippa v. 

Nettesh. 5, 60 ff. 8 ) H. Sehe lenz Geschichte 
der Pharmazie (1904)» 186. 10 ) Dial. 1 . 1 c. 33. 

u ) Dial - 1 . 5 c * 4 - 12 ) H. Günther Die christl. 
Legende des Abendlandes (1910), 86 f. 13 ) Acta 
Sanct. Boll. Mai 3, 405; J. Gör res Die christl. 
Mystik 3 (1840), 118; Scheible Kloster 5, 376. 
14 ) Hist, gener. Praedic. p. 1 1 . 2 c. 72; Delrio 
Disquis. mag. (Köln 1679), 1056 f. 15 ) Scheible 
Kloster 5, 376. 18 ) Bern. Basin Tractatus de 

artibus magicis ac magorum maleficiis, zuerst 
1482 u. ö.; er war Kanonikus in Saragossa, vgl. 
über ihn und sein Buch: J. Hansen Zauber¬ 
wahn (1900) 447 und Quellen (1901) 236 ff.; 
Kiesewetter Faust 1, 31. ”) A. a. O. Pro- 
loqu. Nr. 9. 107. 308. 18 ) Thiers 1, 125. 

19 ) D. Comparetti Virgil im Mittelalter 

(deutsch von H. Dütschke 1875), 272. 

20 ) Scheible Kloster 2, 132; n, 259; Görres a. 
a. O. 3, 118; Comparetti a. a. O. 272. 

21 ) Scheible Kloster 3, 131. 134. 169; 11, 647. 

22 ) Delancre Incri'duliti et mecriance du sor- 

tilege etc. (1612) traite 7; Collin de Plancy 
Dictionnaire infernal (1850), 87. 23 ) Kiese- 

Wetter Faust 1, 32. 24 ) A. a. O. Proloqu. Nr. 9. 
25 ) De subtilitate (1558), 976 lib. 19; Kiese¬ 
wetter Faust 1, 32. 26 ) K. Geßner Epistola¬ 
rum medicmalium lib. III (1577) p. 2., lib. 1 
cp. i von 1561; Kiesewetter Faust 1, 28; 
Scheible Kloster 5, 63; 11, 323. 27 ) Horst 

Zauber-Bibliothek 1, 102; J. G. Th. Grässe 
Lehrbuch der Literärgeschickte 2, 3, 1 (1842), 
193. 28 ) Thiers 1, 125. *>) Horst a. a. O. i, 102. 
30 ) A. a. O. Proloqu. Nr. 9. 31 ) Thiers 1, 125. 
32 ) A. a. O. 233. 33 ) A. a. O. Prol. Nr. 9. 34 ) Kie¬ 
sewetter Faust 1, 31. 33 ) Syntagma juris uni- 
versi 1 . 34 c. 21 Nr. 10; Thiers 1, 125. 3 «) Bei¬ 
träge zur Geschichte der Wissenschaften in der 
Mark Brandenburg (1783), 36. 37 ) A. a. O. 107. 

) A. a. O. 188. 3# ) A. a. O. 3 ° 9 ; Kiesewetter 
Faust 2, 167 f. 48 ) J. Burckhardt Die Kultur 
der Renaissance in Italien 18 (1928), 500 f. I 

41 ) A. a. O. 501 f.; Kiesewetter Faust 2, 162 ff. ! 

) Scheible Kloster 11, 318 nach Bebelius 
Facetiae ed. Argent. 1508. 43 ) v. Döllinger 

a. a. O. 186. 44 ) Scheible Kloster 3, 78 ff. 108 ff. 
“) Wuttke 149 § 208. «) Über das S. siehe 
E. Maaß Die Tagesgötter in Rom u. den Pro¬ 
vinzen (1912). 47 ) Comparetti a. a.O. 372. 295. 
311. 316. 48 ) Scheible Kloster 3, 11, im Vor¬ 
wort der Neu-Ausg. des Wagnerbuchs (1594) 
von 1714 von P. I. M.; über den Editor vgl. 
Kiesewetter Faust 1, 72 f. 48 ) Balthasar 
BekkerDi^ bezauberte Welt (1693), 140; Kiese- 
wetter Faust 1, 32. *<>) Grimm Sagen Nr. 210. 

) Horst a. a. O. 1, 100 f. 82 ) Ziegler und 
Klipphausen Histor. Schauplatz und Laby¬ 
rinth der Zeit 1 (1718), 750; von Valvassor 
Ehre des Herzogthums Krain lib. 4 fol. 663; 


Scheible Kloster 11, 318; Kiesewetter Faust 

I, 32. 63 ) Joh. Manlius Collectanea locorum com- 
munium etc. (Basel 1590), 38; Scheible Kloster 

II, 320; 2, 191; Kiesewetter Faust 1, 28; vgl. 
auch Camerarius Horae subcis. cent. 1 (1615), 
314; Scheible Kloster 11, 323. 64 ) De praest. 
daem. 1 . 2 c. 4 (franz. Ausg. 1885, 1, 181). 

65 ) Scheible Kloster 2, 942; 5, 114. 386; 11, 525; 
Kiesewetter Faust 1, 81. M ) Scheible 
Kloster n, 526 ff. 67 ) Kiese wetter Faust 1, 32 
nach Berkenmeier Kurioser Antiquarius 1,855. 
68 ) G. Roskoff Geschichte des Teufels 1 (1869) 
326 ff.; Mon. Germ. Hist. SS. 23, 845. 931. 932! 

Bö ) A. a. O. 1, 99. 80 ) De praest. daem. lib. 2 c. 11 
(franz. Ausg. 1885, 1, 228). «) Müllenhoff 

Sagen 192 Nr. 264. 555 Nr. 560. 82 )F. Rühs 

Die Edda (1812), 48. « 3 ) Scheible Kloster 12 
880. 84 ) Myth . (1854) 976. 8B ) DWb. 5, 2677! 

66 ) Grimm Myth. 989. 67 ) DWb. 5, 2677 

68 ) Grimm Myth. 1230. 8 *) Vgl. Anm. 121 in 
meinem im nächsten Heft der MschlesVk. er¬ 
scheinenden Vortrag: Die Zauberformel vom 

! Mittelalter bis zur Neuzeit, ihre Sammlung und 
Bearbeitung (31, 228). Jacoby. 

Hochwasser s. Überschwemmung. 

Hochzeit. 

1. Allgemeines und Geschichtliches. 2. Göt¬ 
ter, Ahnen und Tod. 3. Bräuche und Symbole. 
Sorge um Hausherrschaft und Eheglück. 
4. H.stag und H.swetter. 5. Sorge um Nach¬ 
kommenschaft. 6. Dämonenabwehr; Reinigung. 

7 ; H - in der Sage. Vgl. Braut, Ehe. Frau, 
Verlobung. 

1. Die Tatsache, daß H.sfeiern und 
H.sriten allen Völkern auch bei sonst 
ungebundener Eheform bekannt sind 1 ), 
beweist, daß seit Urzeiten allgemein der 
Menschheit die Eheschließung als ein ge¬ 
sellschaftlich wie religiös bedeutsames Er¬ 
eignis erschien 2 ). Solange der Einzelne 
noch den natürlichen Gemeinschaften 
nicht entwachsen ist, bedeutet die H., 
zumal bei Bauern Völkern, nicht die Ver¬ 
bindung zweier Einzelwesen, sondern 
zweier Lebenskreise, die in ihrer Ge¬ 
samtheit (mit Einschluß der im Ahnen¬ 
kult lebenden Verstorbenen und der 
dahinter wirkenden Gottheit) mitbe- 
stimmend an dem wichtigen Ereignis teil¬ 
nehmen, weshalb sich vielfach „die H.s¬ 
riten ursprünglich vor allem an die Toten 
wandten" 3 ) und heute noch die Ehe¬ 
schließenden am H.stage oder dem Vor¬ 
tage gern die Gräber der nächsten Ver¬ 
wandten besuchen 4 ). 

H.sbrauch und H.saberglaube erklärt 
sich vor allem aus dieser sozialen und 



religi Ösen Bedeutung der H.; sie ist 
Ab künstliche Vereinigung zweier in sich 
blutsverwandter Gemeinschaften für diese 
in ihrer Gesamtheit ein Erlebnis, das 
Weihe und Freude, und ein Wagnis, das 
Vorsicht auslöst. 

Zweifellos hat auch das germanische 
Heidentum, — weit davon entfernt, 
„die Eheschließung als ein rein welt¬ 
liches Geschäft 5 ) anzusehen" — wie je¬ 
dem seiner Feste eigene religiöse Weihe 
für das H.sfest besonders ausgeprägt 6 ); 
freilich muß die Rolle des „mit seinem 
Hammer (Symbol der Fruchtbarkeit, 
phallisches Symbol ? 7 )) die Braut weihen¬ 
den Donar-Thor" 8 ), der „den Segen 
der Ehe spendet oder versagt“ 9 ), und auf 
dessen Heiligtümer manches versteinerte 
Brautpaar der Volkssage hinweisen soll 10 ), 
ebenso wie die Rolle anderer zu „Ehe- 
göttern“ mythologisierter Götternamen 
(Freyr, Var) 11 ) neu geschrieben werden 
(s. Freyr). Der Segen germanischer Göt¬ 
ter wartete nicht, der „profanen" Welt ent¬ 
zogen, im Heiligtum auf den H.szug, son¬ 
dern wohnte im H.shaus und im Herdfeuer, 
betätigte sich beim feierlichen Austausch 
von Mitgift und Morgengabe, verband 
Gäste und Gastgeber durch Festfrieden 
und Gastgeschenk, heiligte das Gelage 
mit Minnetrunk und Gelübde, segnete die 
Ehe mit Einmütigkeit und Fruchtbar¬ 
keit und gipfelte im Gastbesuch der Gott¬ 
heit selbst 12 ). So bedurfte das germa¬ 
nische Fest keiner „heiligen Hoch¬ 
zeit" 13 ) von „Ehegöttern" oder Natur¬ 
kräften 14 ) (auch nicht der „H. des Kor¬ 
nes") 15 ), auf die anderswo das gläubige 
Phantasiespiel der Völker die eigenen 
Ehebegriffe und H.sbräuche übertrug 16 ), 
(der tepo; ^aixoc „als Ideal und Prototyp 
sämtlicher menschlicher H.en") 17 ). Von 
innen her, aus dem Zusammenfluß der 
beiderseitigen Glücks- und Lebenskraft 
und des sie nährenden göttlichen Kraft¬ 
quells (vgl. den agerm. Waffentausch) 18 ) 
empfing die germ. H. ihre Heiligung. Der 
immer wiederholte Versuch, etwa im 
Nerthusfest einen Anklang an die „hei¬ 
lige H." zu finden 19 ), entbehrt jeder Wahr¬ 
scheinlichkeit, weil man den göttlichen 
Bräutigam erst dazu erfinden muß. Prie- 


sterliche Vermählungsgleichnisse (Himmel 
und Erde, Gottheit und Menschheit, Jah- 
weh und sein Volk), wie sie zumal in Agada 
und Kabbala (in letzterer unter Ver¬ 
wendung „obszöner, an Blasphemie strei¬ 
fender Bilder") 20 ) und ähnlich dann in 
Scholastik und Mystik sich zeigen, suchen 
wir in der gleichnisreichen germanischen 
Dichtung vergeblich. Gegenüber der ver¬ 
suchten Rekonstruktion eines indoger¬ 
manischen H.szeremoniells in der Drei¬ 
teilung: „Fingierung alter Raubehe, Be¬ 
ziehung auf die ersehnte Fruchtbarkeit, 
Bedeutung von Feuer und Wasser in den 
H.sbräuchen" 21 ), verlangt die altger- 
manische H. — (als ein religiöses Ver¬ 
einigungsfest zweier ebenbürtiger Men¬ 
schen und ihrer Sippen, jede „Fingierung 
alter Raubehe" ausschließend [s. Ehe]) — 
gesonderte Beachtung. Die zur Ver¬ 
bindung, Festigung und Heiligung 
der neuen Lebensgemeinschaft nötigen 
Maßnahmen legen die Deutung der mei¬ 
sten abergläubisch betonten H.sbräuche 
als Aufnahme-, Verbrüderungs-und 
Weiheriten nahe, ohne daß sich Gen- 
neps Dreiteilung aller Einweihungs¬ 
riten: Trennungs- und Übergangszeit, 
Eingliederung in das Neue, Rückkehr 
zum Alltag, schematisch anwenden ließe 22 ). 
Ergänzend tritt hinzu die römische Be¬ 
wertung von Wasser und Feuer bei der 
H. 23 ), meist christlich-jüdische Begriffe 
von Sünde (Reinigungsriten) und Mut¬ 
terschaft (Fruchtbarkeitsriten) und eine 
meist slawisch bezeugte Gewöhnung an 
Frauenraub und weibliche Hörigkeit 24 ), 
endlich die Entartung wachsender Schick¬ 
salsangst zu den internationalen Abwehr¬ 
methoden gegen böse Geister und 
Teufel. Nach Sartori betonen „die 
fast unübersehbaren Bräuche" das 
Wesen der H. „als Gemeindeange¬ 
legenheit", als „wichtigen Lebens¬ 
übergang" („Trennungs- und Anglie¬ 
derungsbräuche"), als gefährliche Zeit 
(Abwehr feindlicher Mächte) und als Ge¬ 
legenheit, Glück und Fruchtbarkeits¬ 
segen dem Ehestand zu sichern 26 ). Rein¬ 
liche Scheidung dieser Einflüsse ist nicht 
mehr möglich 26 ). Gerade im H.sbrauch 
und -aberglauben zeigt die Volksseele 




die Mannigfaltigkeit ihrer Anlage und Er¬ 
ziehung. 

x ) Wilutzky Recht i, 19. *) Vgl. Wester- 

marck Zur Entwicklungsgesch. d. menschl. Ehe 
1 ff. 3 ) Samter Familienfeste 10 ff. 96 f.; 
ders. Geburt 207. 211 ff. 4 ) Ders. Geburt 212. 
*) Hoops Reall. 1, 511. *) Vgl. Neckel i. Zs. 
f. dt. Bildung 6, 1, 8. 7 ) Fritzner Ordbog 2, 
307k. 8 ) Maurer Rechtsgeschichte 2, 473; 

Colshorn Myth. 346; Rochholz Sagen 2, 
227, dazu Gering Eddakommentar 1, 325. *) 

Mannhardt Germ. Mythen 129f.; Weinhold 
Frauen z 1, 351. 10 ) ZfdMyth. 3, 70. u ) Wi¬ 
lutzky Recht 1, 209 u. a.; vgl. Snorra-Edda 
Gylfaginning 35, 116. ia ) Für diese Auffassung 
vgl. Grönbech For Folkecstt i Oldtiden 3, 199ff. 
13 ) Dieterich Mithrasliturgie 127 ff. 14 ) Vgl. 
die Gleichnisse der ma.lichen Chemie: Andreae 
Chymische Hochzeit ; Siecke Götterattribute 260. 
15 ) Mannhardt Forschungen 264. 16 ) Nilsson 
Griech. Feste 372. 17 ) ZfdU. 14, 607 (Schmitz). 
18 ) Tac. Germ. c. 18. 1# ) Zuletzt auch Fehrle 
Tde .-Kommentar . 20 ) Rubin Kabbala 50. 

31 ) Sehrader Indogermanen 76; vgl.Winternitz 
Das altindische H.srituell 100. 22 ) Vgl. Gennep 
Rites de passage. 23 ) Schräder Reall. 356; 
Knuchel Umwandlung 13. 24 ) Vgl. ,,Brynhild" 
in russischen Volksmärchen Panzer Sigfrid 
143 ff. 35 ) Sachwörterbuch d. Dtkd. t , Hochzeit" 
546 ff. 24 ) Ebd. 547. 

2. Bei Naturvölkern holen sich die 
Heiratslustigen einen Fetisch beim Prie¬ 
ster zur Weihe des neuen Hauses 27 ). Bei 
uns hat die Kirche, die im allgemeinen 
ohne eine würdige Auffassung von der 
Ehe 28 ) und mit der herkömmlichen aske¬ 
tischen Bevorzugung der Ehelosigkeit ins 
Land kam 29 ), erst später die Eheschlie¬ 
ßung durch die Trauung, erst vor, 
dann in der Kirche, geheiligt 30 ), und von 
da aus dem durch die Ausgliederung des 
Göttlichen profanierten Fest in Haus 
und Familie rückwirkend neue Weihung 
zu geben versucht. Daher mag es als 
überdauernde vorchristliche Auffassung 
gelten, wenn der Volksglaube nicht nur 
das ganze Fest auf seine Art ehrfürchtig 
und abergläubisch umgibt, sondern auch 
in manchen Gegenden gebietet, in der 
Kirche Weihungen des Weines und selbst 
Trinkgelage vornehmen zu lassen, oder 
den Pfarrer mit ins Haus und zur Tafel 
zu bitten 31 ). 

Zahlreiche H.s-Bräuche aber, vielleicht 
aus uralter idg. Zeit 32 ), weisen auf die alte 
Heilighaltung des Herdes und Hau¬ 
ses. So läßt man vielerorts, zumal im 


bergischen Lande, die Braut, manchmal 
auch das Brautpaar (dreimal) um Herd 
und Herdfeuer schreiten 33 ), oder den 
Tisch (in slawischen Gegenden auch den 
Brottrog) umwandeln 34 ) und die H.s- 
gesellschaft muß dreimal um Herd und 
Türmittelpfosten tanzen 35 ). Im Kanton 
Luzern wurde das H.skränzchen unter 
Gebeten um Eheglück auf dem Herd ver¬ 
brannt 36 ). Selbst die Vorschriften, daß 
die junge Frau sich in der Pfanne spie¬ 
geln 37 ) oder in den Rauchfang sehen muß, 
,,damit sie kein Heimweh bekomme“ 38 ), 
gehören hierher (Vgl. aber auch das 
Verhüllen der Braut bei der Heimholung, 
,,damit sie den Rückweg nach Hause nicht 
kennen lerne“ 39 ); ferner auch Isolier¬ 
maßnahmen wie das Treten der Frau auf 
einen Stein, ,,damit sie ein starkes Herz 
bekomme“ 40 ), das Heben über die 
Schwelle, das ins Haus Tragen der Braut 
u. a. m. 41 )). Andere Tendenzen (Rei- 
nigungs-, Schutzzauber) mischen sich ein, 
wenn man die um den Herd geführte 
Braut mit dem Feuerbrand scherzhaft 
bewirft, oder unter ihrem Stuhl bei der 
Feier eine Schaufel glühender Kohlen hin¬ 
durchzieht 42 ). Auch wo der Braut bei 
der Umwandlung Lichter oder Wasser¬ 
gefäße in die Hand gegeben werden 43 ), 
liegt der Gedanke an die Reinigungs¬ 
riten nahe (wie überhaupt bei jeder An¬ 
wendung von Feuer und Wasser im H.s- 
brauch) 44 ), obgleich die jenen Riten zu¬ 
grunde liegende Bewertung der Frau und 
des Geschlechtlichen in unserem Volks¬ 
glauben weder ursprünglich noch herr¬ 
schend gewesen ist 45 ). 

Ergänzend treten neben diese Spuren 
alter Aufnahme- und Hauskulte 46 ) an¬ 
dere, die zu den alten Gemeindegott¬ 
heiten oder Heiligtümern führen; so ge¬ 
leitet man die Braut aus fremdem Ort 
feierlich um den ,,Roland“, oder der H.s- 
zug zieht dreimal um die Dorflinde oder 
um nahe, bedeutsame Quellen und Bäu¬ 
me 47 ). 

Der indische Bräutigamsspruch: ,,Das 
Mädchen weg von seinen Ahnen“ 48 ), 
hat für die Erklärung deutscher Bräuche 
keine unmittelbare Bedeutung, da im 
Altgermanischen die Frau gleich dem 


*53 


Hochzeit 


154 


Mann lebenslang mit den Blutsverwandten 

eng verbunden blieb. 

Im Gegenteil: Wie schon die griechische 

Braut H.sspenden am Grabe des Vaters 
darbrachte, wie noch im modernen Indien 
der Brautvater seine Ahnen mit Opfer¬ 
gaben zur H. bittet 49 ), und auch bei an¬ 
deren, christlichen Völkern der Neuzeit 
(Esten, Westböhmen 50 ) die verstor¬ 
benen Verwandten des Brautpaares 

durch Lieder, 'feierlichen Aufruf oder Grä¬ 
berbesuch 51 ) zur H., zum Brauttanz 
oder zum Kirchgang geladen werden 52 ), 
so zeigt sich auch bei uns vielfach das Be¬ 
streben, durch Gräber besuch, Gräber¬ 
schmücken, gemeinsames Gedenken und 
Gebet die beiderseitigen Ahnen der 
H.sfeier einzugliedern 53 ). Selbst die den 
H.szug begleitenden vermummten Ge¬ 
stalten kann man als scherzhafte Ver¬ 
körperungen der an der Festfreude teil¬ 
nehmend gedachten Ahnengeister auf¬ 
fassen 54 ). In Baden machte der H.s¬ 
zug noch vor der Kirche halt, um die 
Brautleute erst zum Grabe verstorbener 
Eltern zu entlassen 55 ). Durch solche 
Heimkehr in den Segenskreis verstorbener 
Ahnen glaubt man auch heute noch wie 
vor Jahrtausenden das Glück und den 
Kindersegen der neuen Ehe am wirk¬ 
samsten zu begründen. 

Etwas Licht fällt von hier aus auf die 
eigentümliche Nachbarschaft von H. 
und Tod in Volksglauben und Sage 56 ). 
Dem unvermählt Gestorbenen gibt man 
im Gedanken an eine himmlische H. 57 ) 
den Brautkranz mit ins Grab 58 ). Der Traum 
von einer H.sfeier kündigt einen Todes¬ 
fall an 59 ) (oder Streit) 60 ), der Traum 
von einem Toten eine H. 61 ). Pferde ver¬ 
lieren ihren Schneid, wenn sie eine Leiche 
fahren müssen, bekommen ihn erst wie¬ 
der, wenn sie eine H.erin fahren 62 ). Eine 
H. hebt alles auf, auch die Trauer 63 ). Die 
Frauen bedecken die schwarze Trauer¬ 
schürze mit einer weißen 64 ). Aber ande¬ 
rerseits bedeutet ein Toter im H.sdorf oder 
eine Beerdigung am H.stag glücklose und 
kurze Ehe 66 ), baldigen Tod eines Gat¬ 
ten 66 ), weshalb man streng vermeidet, 
daß sich H.s- und Leichenzug begeg¬ 
nen 67 ). „Allerlei Vorgänge, die mit der 


H. Zusammenhängen, deuten auf den Tod 
hin“ 68 ). Wenn bei der Trauung ein Stuhl 
leer bleibt, setzt sich der Tod darauf und 
einer der Gatten muß bald sterben 69 ), 
desgleichen, wenn während der Feier ein 
Grab offen steht, oder gar das Paar dar¬ 
an vorbei muß 70 ). 

Aus vielen Zufällen am H.stag und 
aus dem Schicksal seiner Symbole glaubt 
man orakeln zu können, wer von den Gat¬ 
ten zuerst stirbt. So achtet man darauf, 
ob die Braut bleich ist 71 ), wessen H.s- 
strauß eher welkt 72 ), wessen H.sbrot oder 
-semmel eher schimmelt 73 ) (s. Brot § 40), 
wessen Hand kälter ist 74 ), wessen Licht 
oder Fackel matter brennt 75 ) oder eher 
verlöscht 76 ) (Lebenslichter beim Es¬ 
sen) 77 ), wer sich zuerst zu Tisch setzt, 
zuerst sich umsieht 78 ), zuerst niest, wes¬ 
sen H.swachsstock rascher vergilbt 79 ), wer 
den Ring verliert 80 ), wer am Altar zuerst 
niederkniet, „Ja“ sagt 81 ), aufsteht 82 ), in 
der H.snacht zuerst ins Bett steigt w ), ein¬ 
schläft 84 ) oder das Bett zuerst verläßt 85 ). 
Die Braut stirbt zeitig, wenn der H.s- 
schleier verbrennt 08 ) u. a. m. 

Tief ins Religiöse greift der Aber¬ 
glauben über, wenn erH.sstrauß und -an- 
zug als Heil- und Segensmittel ver¬ 
wendet 87 ) und Sterbenden durch Be¬ 
decken mit dem H.shemd und -kleid, 
das vielfach nur zu H. und Tod getragen 
werden darf 88 ), Erleichterung schafft 89 ). 
Die H. selbst aber wird bisweilen in Ge¬ 
stalt einer Strohpuppe, einer Ladung 
Scherben u. ä. dort, wo man die nächste 

erwartet, begraben 90 ). 

* 7 ) Visscher Naturvölker 1, 277. M ) Thei- 
ner Einführung der erzwungenen Priesterehe- 
losigkeit 1, 425. *•) Ebd. 1^405 ff. (Auffassung 
des Bonifacius und seiner Zeit). 80 ) Im Lateran¬ 
konzil 1215 vorgeschrieben: RGG. 2, 210 

(Ehe). 31 ) ZfVk. n (1901), 276. 3S ) Hirt In¬ 
dogermanen 2, 140. 472. 714. 725 ff.; vgl. dazu 
Ahnen- und Herdkult bei Bantunegern: Frazer 
2, 231. M ) Schräder Reall. 356 0 .; Winter¬ 
nitz 62 t; Weinhold Frauen 3 1, 
MschlesVk. 1, 40; Hastings 3, 657; Kuhn u. 
Schwartz 433 u. a. M ) Knuchel Umwand¬ 
lung 20. 35 ) Kück Lüneburg 183. M ) Beüage 
z. Luzerner Tagbl. 1900, 62. 37 ) ZfVk. 10, 430. 
M ) ZfVk. 6, 260; Witzschel Thüringen 2, 228; 
Köhler Voigtland 235; John Erzgeb. 104; 
Urquell 5, 190. 39 ) v. Schroeder Hochzeits¬ 

gebräuche der Esten 97. M ) Ebd. 77; Weber 


155 


Hochzeit 


156 


Ind. Studien 5, 317 ff. 341t.; vgl. altnord. 
Gelübdebräuche und Steinkult in Frankreich: 
S6billot Reg. «) v. Schroeder Esten 88 ff. 
42 ) ZfVk. 10, 430; ZrwVk. 4, 295. «) Globus 

81, 271; Wilutzki Recht 1, 209. 44 ) Knuchel 
Umwandlung 27. «) Vgl. dagegen Sartori 

Sitte und Brauch 1, 115 t.; Weinhold Frauen 
i a , 408. 48 ) Vgl. bes. Knuchel Umwandlung 
13 ff. 47 ) Knuchel Umwandlung 18 ff.; vgl. 
das Abschiednehmen der Braut von den Bäu¬ 
men im elterlichen Garten: Drechsler 2, 80. 
48 ) Knuchel Umwandlung 12. 49 )Dubois Maurs, 
institutions et ce're'monies des peuples de l'Inde 1, 
305. M ) Globus 89 (1906), 257; John Westböhmen 
J 55 ‘ 41 ) Sepp Völkerbrauch bei Geburt, Hochzeit 
und Tod 55. B2 ) Vgl. a. Art. Ahnenglaube 

oben 1, 227. 53 ) Samter Geburt 212 f.; Meyer 
Volkskd. 178; Birlinger Schwaben 2, 249. 

45 ) Sartori Sachwörterb. d. Dtkd. 547. B5 ) Meyer 
Baden 293. B «) Allg. vergl. Samter Geburt. 

ß7 ) "Vgl. a. Schräder Totenhochzeit (Witwen¬ 
tötung). ») SchwVk. ii, 12 ff.; Gaßner Met- 
tersdorf 85 *•) Wuttke § 325; PoIIinger 

Landshut 295; Reiser Allgäu 2, 429; Hart- 
mann Dachau 221; Grohmann 187; Höhn Tod 
311; Wolf Beiträge 1, 213; Fogel Pennsylvania 
78. *°) Strackerjan 2, 193. «) Wuttke 

§ 325; Keller Grab 1, 48. •*) PoIIinger 

Landshut 300. **) Höhn Tod 354; Stracker¬ 
jan 1, 31. * 4 ) Höhn Tod 354. «) Tetzner 

Slaven 372; Alemannia 24, 153. ««) Wett¬ 

stein Disentis 172; Wuttke § 298 (je nach Ge¬ 
schlecht des Toten stirbt Braut oder Bräu¬ 
tigam). * 7 ) SAVk. 21 (1917), 50 (mit Lit.). 

8 ) Höhn Tod 313. 69 ) Wuttke § 304. 70 ) Ebd ; 
SAVk. 21 (1917), 50. 71 ) Wuttke § 313. 

7a ) Höhn Tod 313. 73 ) Praetorius Phil. 213f. 
74 ) Ebd. 7B ) Engelien und Lahn 243. 
7# ) Hoffmann-Krayer 38; Grimm Myth, 2, 
959 ; Tetzner Slaven 372. 77 ) Kück Lüneburg 
180. 78 ) Tetzner Slaven 372. 79 ) Höhn Tod 313. 
®°) Grimm Myth. 3, 461; Kuhn u. Schwarz 
434. 81 ) ZrwVk. 2, 118; SAVk. 7, 140; Köhler 
Vo igtland 439. 82 ) Schultz Alltagsleben 122; 
Dirksen Meiderich 48. 83 ) Wuttke § 313! 

M ) John Erzgeb. 103. w ) Grimm Mythol . 2, 959! | 
8# ) John Erzgeb. 102. 87 ) Höhn Tod 319 ff.; 

Wuttke § 731; Gaß ner Mettersdorf Fogel I 
Pennsylvania 334. “) Bucht o\AHochzeit z, 245 f. 
") Wuttke § 724. *>) Sartori Westfalen 99. 

3. a) Gerade auf dem ernsten Hinter¬ 
grund der Gedanken an Sippe, Ahnen 
und Tod erwächst dem Aberglauben die 
magisch in die Zukunft wirkende Be¬ 
deutung des H.sfestes, das mit seinen 
tausend Zufällen, Geschehnissen und 
Handlungen erhofftes Sippen-, Ehe- 
und Elternglück wie gefürchtetes Mi߬ 
geschick vorausbestimmt, und dabei 
der Götter wie der Dämonen entraten 
kann. Seit der vorchristlichen Germanen¬ 
zeit 91 ) bis heute bietet die H.sfeier die 


erwünschteste Gelegenheit, durch Ver¬ 
schwägerung und Gastfreundschaft den 
eigenen, oft bedrohlich engen Lebenskreis 
zu erweitern. Der alte Spruch „H. macht 
H. 92 ) bewährt sich immer wieder, ob¬ 
gleich im MA. und noch weit über die 
Reformation hinaus unter dem sitten¬ 
verderbenden Diktat der kirchlichen Ehe¬ 
verbote für Verwandte (bis zum 7. Grad; 
dazu geistliche Verwandtschaft!) solche 
„Familienfeste sehr wenig Gelegenheit 
zur Eheanbahnung boten 93 ). 

Der Gaben tausch, der „bei der Schaf¬ 
fung künstlicher Verwandschaftsver¬ 
hältnisse überhaupt Sitte ist“ 94 ), spielt 
eine große Rolle (der „Brauthahn“! altes 
Hahnenopfer ?) 95 ).AnordnungundRei- 
henfolge bei H.szug, Schmaus und Tanz 
werden abergläubisch überwacht, bes. bei 
den sog. Ehrentänzen, die sinnbild¬ 
lichen Ausdruck der Sippenvereinigung 
oder der Aufnahme der Braut in die neue 
Verwandtschaft geben 98 ) (nicht „Reste 
ursprünglichen Anrechts aller an die 
Braut“) «). 

Wie einst nicht nur bei Vertragsschluß 
(„Kauf“) und Austausch von Mitgift 
und Morgengabe 98 ), sondern beim ganzen 
Fest bis zur feierlichen Bettbesteigung 
(vor Zeugen) ") die beiderseitigen Ver¬ 
wandten durch ihre Teilnahme erst den 
Eheschluß gültig machten, so ist auch in 
unserem Volksglauben die einmütige 
Teilnahme aller Verwandten und 
Freunde, ja schließlich der ganzen Ge¬ 
meinde (daher wohl auch Doppelehe 
verpönt) 10 °) und ein zahlreiches, frohes 
und prächtiges Gastgebot Bedingung für 
glücklichen Ehebestand. Der Gast¬ 
freundschaft des H.shauses gestattet 
die Sitte kaum eine Beschränkung; 
wie das alte, nach vielerlei Vor¬ 
schrift bereitete H.sbrot, wird auch der 
H.skuchen 101 ), auch allerlei Zuckerwaren 
(„Brautzucker") 102 ) zumal an die Kin¬ 
der verteilt; jedes Haus gibt der einladen¬ 
den Braut oder dem H.sbitter eine Brot¬ 
schnitte, aus der die wichtige H.ssuppe 
für das Paar zubereitet werden muß 103 ), 
und jeder hofft auf solche Einladung, zu¬ 
mal, wem das Johannisfeuer „lustig“ 
brannte 104 ), wer zu Silvester auf dem 


l 



Hochzeit 



Kreuzweg lustige Musik hörte 105 ), wem 
ein rotes tanzendes Licht 106 ) oder ein 
hüpfendes Flämmchen erscheint 107 ), wer 
die Treppe hinauffällt 108 ), den Spiegel 
zerbricht 109 ) oder einem Vorangehenden 
auf die Ferse tritt 110 ). 

Schon der Name „H.“ für das Fest 
der Freude 111 ), das nicht die Gewin¬ 
nung eines Weibes oder gar die erstmalige 
sexuelle Vereinigung, sondern von jeher 
die Gründung einer neuen Lebens¬ 
gemeinschaft, das ,.Einswerden in 
Glück und Hoffnung“ feiert (Gemein¬ 
schaft von Tisch und Bett, Dach und 
Herd, Schicksal und Gottheit; gemein¬ 
sames Essen U2 ), Gabentausch, Hände- 
reichung usw. 113 )), verbietet die übliche 
Deutung gewisser H.sbräuche und 
Scherze in Richtung auf den Braut- 
raubgedanken 114 ) und die sexuelle 
Anspielung. Seit Urzeiten hat die 
Gemeinschaft Anrecht und Anteil 
am Glück der Einzelnen; die Heira¬ 
tenden, in der , ,H o c h z e i t “ ihres Glückes, 
sind deshalb Objekte scherzhaften 
Angriffs jeder Art, wie einst Balder im 
Kreise der mit seinem Glücke spielenden 
Götter (Überfall auf den H.szug, Steh¬ 
len von Schuh, Kranz und Hut, Trennung 
der Liebenden, Brautstehlen u.a.) 115 ). Die 
Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft fin¬ 
det immer neue Mittel, sich ihren Anteil 
an dem Feste zu erzwingen, sich die Los¬ 
lösung des Paares und seines Glücks ab¬ 
kaufen zu lassen 116 ) (Loskauf von Bur¬ 
schen- und Jungmädchenschaft 117 ), Seil¬ 
spannen, Weg versperren, Loskauf, Ge¬ 
schenke erpressen 118 ), Verkaufen, Ver¬ 
steigern der Braut 119 ) und des ,,Braut¬ 
winkels“ 120 ), Verstecken und Vertauschen 
der Braut m ) u. a.). Die alte germanische 
Vorliebe für Tanz und Sport (vgl. Alt- 
und Neu-Island) und zumal für Wett¬ 
kampf und Wettlauf als Programm¬ 
punkt jedes Festes (wobei die körper¬ 
liche Tüchtigkeit des weiblichen Ge¬ 
schlechts auch Wettkampf des Paares er¬ 
möglichte [Brünhild-Sage]) lebt in unseren 
H.sbräuchen fort (Wettlauf des Braut¬ 
paares 122 ), der H.sgäste 123 )). Der„Braut¬ 
lauf“, „eine Art Tanz bei der H.“ 124 ), 
der einst dem ganzen Fest den Namen 


gab 125 ), weist weder auf „alte Frauen¬ 
raubsitte“ 126 ) („nach der Braut lau¬ 
fen“ 127 ), noch auf eine rohe und einseitige 
Betonung des Beischlafs als Sinn des 
Festes 128 ). 

91 ) Vgl. die in den Islandsagas geschilderten, 
oft von vielen Hunderten besuchten H.sfeiern 
in Norwegen, Island u. Grönland. 9I ) Unoth i, 
188; Urquell 3, 165. 93 ) Troels-Lund 9 

(1930): ,,Trolovelse “ 1 ff. M ) Bächtold Hoch- 
zeit I, 250, vgl. 232 ff. 95 ) Simrock Mythol. 
601; Grimm RA. 441; Höfler Hochzeit 12. 
M ) Kück Lüneburg 182. 97 ) Vgl. dazu Hertz 
Abhdlgn. 2ogü.\ Scheible Schaltjahr 3, n6ff. 
266ff. 441. 98 ) Tacitus Germ. 18: „intersunt 
parentes et propinqui“; Ne ekel in Sachwb. d. 
Deutschk. 434. 99 ) ,,im Lichte“: Maurer Rechts - 
gesch. 2, 543. 10 °) Wuttke §559 §564; Höhn 
Hochzeit 2, 4; ZrwVk. i, 62; 2, 118. 101 ) Meyer 
Baden 288. 102 ) Mannhardt Forschungen 360. 

103 ) Sartori Hochzeit i. Sachwörterb. d. Dtkd. 
54Öff. 104 ) Fehrle Volksfeste 72. 105 ) Schulen¬ 
burg 132. 108 ) Stracker jan 2,113. 107 ) Wuttke 
§ 323. 108 ) Fogel Pennsylvania 87, 333. 

109 ) Ebd. 85, 327. ™>) Wuttke § 289. 

111 ) Vgl. dagegen in Orient. Sprachen H. = Be¬ 
schneidung Stern Türkei 2, 365. ni ) Quitz- 
mann 133; vgl. Bächtold Hochzeit 1, 104 f. 
113 ) Vgl. Sartori in Sachwtb. d. Dtkd. 547, 
U4 ) Vgl. bes. Bächtold Hochzeit 1, 193 ff., mit 
Warnung vor voreiligen Schlüssen auf Braut¬ 
raub; Große Die Formen der Familie 105 ff.; 
Samter Geburt 166. llß ) Hoffmann-Krayer 
39; Weinhold Frauen 1, 269. 377; Schultz 
Alltagsleben 124; Tetzner Slaven 319; Dar¬ 
gun Mutterrecht 134 ff. 116 ) Samter Geburt 
162 ff. U7 ) ZrwVk. 1 (1904), 57; Hoffmann- 
Krayer 31 f. 118 ) Meyer Baden 321; Simrock 
Myth. 599; Meyer Volksk. 169. 174; Brauch 
auch bei Taufzug und Festumzügen: s. u. a. 
John Erzgeb. 63, 206; MschlesVk. 1894/5, 
39f.; v. Schroeder Esten noff. 119 ) Mitt. d. Ver. 
f. Gesch. d. Dt. in Böhmen 28, 172 ff. 120 ) Tetz¬ 
ner Slaven 259. 121 ) Hoffmann-Krayer 

35 ff.; v. Schroeder Esten 68 ff.; SchwVk. 1, 
3 f. m ) Kuhn Mark. Sagen 363; Frazer 2, 
303 f. 123 ) Simrock Mythol. 599. m ) Neckel 
Germanen i. Sachwb. d. Dtkd. 434. 1ÄS ) Sim¬ 
rock Myth. 598. 12# ) Schon deshalb nicht, 

„weil altgerm. laufen... nicht rennen, sondern 
springen bedeutet“ Neckel Germanen i. Sachwtb. 
d. Dtkd. 434 . 127 ) Grimm RA. 434. 128 ) Vgl. 
anord. ,,at hleypa til “ zulassen der männl. 
Tiere zu den weibl. Maurer Rechtsgesch. 2, 541. 

b) Gewiß haben jene nachweisbar 
fremden, durch das mönchische Schrift¬ 
tum des MA.s geförderten 129 ) Tendenzen, 
die in der Ehe nur eine Regelung des Trieb¬ 
lebens und in der Frau nur ein Objekt 
männlichen Begehrens sehen lehrten (vgl. 
Art. Frau u. Ehe), unseren H.sbräuchen 



159 


Hochzeit 


Hochzeit 


IÖ2 



ihren Stempel aufgedrückt. Auch un¬ 
sere Bräuche behandeln daher, zumal 
nach slavischem Vorbild, die Braut bis¬ 
weilen als passives, ja widerstrebendes 
Opfer (Tiervergleiche) 130 ); sie wird bei 
der slavischen H. versteckt, verkleidet, 
vertauscht, zurückgehalten und gegen den 
Käufer oder Räuber verteidigt 131 ). 

Sie muß den Verlust ihrer von den 
H.gästen kontrollierten Jungfräulichkeit 
beweinen, sich wehren 132 ), fliehen, sich 
verstecken 133 ), kurz ihre Unfreiheit 
bei dem entscheidenden Schritt ihres 
Lebens der niedrigen slavischen Frauen¬ 
geltung gemäß dartun. In solcher 
Tiefe verschiebt sich notwendigerweise 
leicht das Schwergewicht des Vereini¬ 
gungsfestes auf das Sexuelle. Das wider¬ 
liche „Brauthänseln“ 134 ) nach der 
Brautnacht, das „Niedersingen“ 135 ), 
entstammt dem entarteten Schamgefühl 
unseres MA.s, desgleichen etwa der 
Brauch, den Schlüssel zur Brautkammer 
als Preis beim Burschenwettlauf zur H. 
auszusetzen 136 ), vielleicht auch das oben 
erwähnte Brautversteigern am H.s- 
abend 137 ). 

Man hat von hier aus auf fremdlän¬ 
dische H.sbräuche verwiesen, in denen sich 
„alte hetärische Rechte“ geltend 
machen 138 ). 

Auf den Balearen ist die Braut in der 
H.snacht Eigentum aller Gäste 139 ), und 
schon Herodot berichtet Ähnliches 140 ). 
Mit Hinweis auf Derartiges wurde leicht¬ 
fertig etwa das Töpfezerschlagen am Polter¬ 
abend als symbolisches Zerbrechen der 
Jungfrauschaft 140a ), das Verstecken des 
Brautpaares im deutschen Brauch als 
Reaktion eines Schuldgefühls gegen die 
Gemeinschaft, der die Braut gehört, d. h. 
als eine einheimische Spur jener nie be¬ 
wiesenen „Promiskuität“ gedeutet 141 ). 
Befreit von den Irrtümem einer modernen 
Asphaltpsychologie und vertraut mit alt- 
germanischer Sittlichkeit jedoch erkennt 
die Volkskunde heute den Widersinn 
solcher Schlüsse 142 ). 

Auch das deutsche Echo auf das pau- 
linisch bestimmte „Er soll dein Herr 
sein“ 143 ) wurde erst durch eine Störung 
der natürlichen Arbeitsteilung und We¬ 


sensergänzung in der Folge des karolin¬ 
gischen Kulturbruchs erweckt, und der 
Volksglaube bietet nun beiden Braut¬ 
leuten am H.stage eine günstige Gelegen¬ 
heit, sich die Herrschaft zu sichern. 
Wer bei der H. „voran“ ist 144 ), nach der 
H. zuerst ausgeht 145 ), in der H.snacht 
zuerst ins Bett steigt 146 ), zuerst ein¬ 
schläft 147 ), regiert in der Ehe. Bei der 
Trauung suchen beide die Hand obenauf 
zu haben oder dem anderen auf den Fuß 
zu treten (wodurch sich die Frau auch vor 
künftigen Schlägen schützt) 148 ), im Haus 
mit dem rechten Fuß die Schwelle zu 
überschreiten 149 ); der Mann sucht beim 
Knien den Rocksaum der Braut unterm 
Knie zu haben 150 ) und legt sich die Hosen 
unters Kopfkissen 151 ), die Braut läßt den 
Mann zuerst die Kutsche besteigen 152 ), 
zuerst zur Kirche gehen 153 ) oder ihn über 
ihren in die Türschwelle gelegten Gürtel 
schreiten 154 ) oder legt sich selbst des 
Mannes Hosen unter das Kissen 155 ). Zur 
Trauung nimmt sie ein Geldstück des Man¬ 
nes im rechten Schuh mit, damit der Mann 
nie Geld für sich behalten kann 158 ) oder 
versieht sich mit Senf und Dille und 
sagt während der Trauung: „Ich habe 
Senf und Dille, Mann, wenn ich rede, 
schweigst du stille" 167 ). Bei den Slaven 
weiß sie sich gegen die übliche Prügel¬ 
zucht zu schützen, indem sie dem Mann 
ein kleines Stückchen in das Halstuch 
bindet oder ein solches vor dem Altar 
zerbricht 158 ). 

Auch hier hat das fremde Beispiel zu 
Mißdeutungen deutscher Bräuche 
geführt. So wenig wie die Waffe, die die 
germanische Braut dem Verlobten brach¬ 
te 159 ), das Symbol der Muntgewalt über 
sie war, so wenig ist auch der Ring, den 
in England 16 °) wie vereinzelt z. B. auch 
in der Schweiz 161 ) nur die Frau trägt, 
ein Symbol der Bindung des Weibes an 
den Mann 162 ), oder das neue Paar 
Schuhe, das der Bräutigam der Braut 
anzieht, das Zeichen der „Besitzer¬ 
greifung“ 163 ). Der altgermanische Bräu¬ 
tigam, der den Ring an der Klinge des 
Schwertes als „Warnung vor Untreue“ 164 ) 
dem künftigen Lebensgefährten überreicht, 
ist eine schlechte Erfindung. 


llf ) Theiner s. o. Anm. 28. 130 ) Stern 

Türkei 2, 104 f. 131 ) Tetzner Slaven 262. 277; 
v. Schroeder Esten 69 ff. 13a ) Krauß Sitten. 
Brauch 226. 462; v. Schroeder Esten 87. 
99; Schurtz Urgeschichte der Kultur 194t 
m ) v. Schroeder Esten 141; Dargun Mutter¬ 
recht 88f. 107t 130t 134 ) „Vexiert die Jung¬ 
fer Braut!“, Erk-Böhme 2, 668 f.; Schultz 
Alltagsleben 125. 135 ) Weinhold Frauen 3 1, 401. 
W) Bavaria 1, 398; Simrock Myth. 599. 
137 ) Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Deutschen in Böh¬ 
men 28, 173. 138 ) Vgl. Stör f er Jung fr. Mutter¬ 
schaft 17 t 57 u. a. a. O. 139 ) Bastian in 
ZfEthn. 6, 406. 14 °) Herodot IV, 172. 
l40a ) Schräder Reallex. 1, 581. 141 ) Z. B. Wi- 
lutzki Recht 1, 201. 142 ) Vgl. Neckei Ger¬ 

manen i. Sachwörterbuch der Dtkd.; ders. in 
ZfdBldg. 6, 1 S. 2, 8. 143 ) Z. B. in Brautlie¬ 
dern: „dem Mann sollst du gehorsam sein, das 
soll dein Buß’ und Strafe sein“ (für den 
Sündenfall), Erk-Böhme 3, 164. 144 ) SAVk. 


15 (1911), 10. 


145 


) Bohnenberger 19. 


I4# ) Wuttke § 313. 147 ) ZfVk. 5, 416. 148 ) v. 
Schroeder Esten 80; Gaßner Mettersdorf 63 f.; 
Tetzner Slaven 372; Dirksen Meiderich 48. 
I4# ) Stern Türkei 2, 104 ff. 16 °) Tetzner 

Slaven 321. 151 ) Männling Albertäten 300; 

Schultz Alltagsleben 122. U2 ) John Erzgeb. 

93. 163 ) Grimm Mythol. 3, 447. 164 ) Ebd. 

m ) Tetzner Slaven 372. 1M ) Engelien u. 

Lahn 244, „Trauungsopfer“: Bohnenberger 
20. 157 ) Engelien u. Lahn 243. 138 ) Tetz¬ 
ner Slaven 372. Vgl. Stabzerbrechen bei Über¬ 
gabe der Braut, Stab im H.sbrauch; Roseg¬ 
ger Steiermark 126; ferner Ohrfeige als H.s¬ 
brauch in Kroatien, Krauß Sitte u.Brauch 385 ff. 
IM ) Tacitus Germ. c. 18; Hoops Reall. 1, 
511. 16 °) Max Müller Essays 2, 251. 1#1 ) Hoff- 
mann-Krayer 31 ; Bächtold Hochzeit 1, 154. 
161 ) Max Müller Essays 2, 251. 143 ) Simrock 
Mythol. 599. 1,4 ) Ebd. 601. 

c) Das so mit Scherz, Musik und 
Tanz froh gefeierte Fest 165 ) ist vor allem 
beherrscht von dem Gedanken an Glück, 
Wohlstand und Kindersegen der 
neuen Ehe, und der Aberglaube sucht Mit¬ 
tel, das Schicksal derselben zu erraten 
oder zu beeinflussen 166 ). Zank bei der 
H. bedroht den künftigen Ehefrieden 167 ), 
um dessentwillen man auch Kranz und 
Strauß vor fremden Händen hüten 
muß 168 ) und wohl früher die Braut 
selbst dem Bräutigam an manchen 
Orten vor den Gästen den Brautkranz 
aufsetzte 169 ). Unfall und Mißgeschick, 
„auch der geringfügigste ungünstige Um¬ 
stand“ 17 °) bei der H. beeinflussen das 
Eheglück 171 ), dessen Ausbleiben der Aber¬ 
glaube nachträglich etwa damit erklärt, 
daß der Bräutigam am H.stage das Tuch 

Bächtold>Stäubli t Aberglaube IV 


nicht um den Hals kriegen konnte; 
„he sat em ümmer verkehrt“ 172 ). Am 
H.stag etwas verlieren oder vergessen 
bedeutet Unglück 173 ), zumal der Trau¬ 
ring 174 ) (bevor er gewechselt ist) darf 
nicht zur Erde fallen und der Braut¬ 
kranz nicht wanken 175 ). Die Glocken¬ 
stränge dürfen nicht verschlungen wer¬ 
den 176 ). Dem H.szug darf keine Wöch¬ 
nerin nachsehen 177 ), keine Schwangere 
zur Trauung kommen 178 ), und der H.s- 
wagen nicht am Hoftor anstoßen 17B ). 
Der Schleier darf nicht befleckt 18 °) oder 
verbrannt werden 181 ) und die H.sschuhe 
dürfen nicht zerreißen 182 ). 

Glücklich wird die Ehe, wenn der 
H.skuchen gut aufgeht 183 ), wenn beim 
H.sschmaus die Tauben oder Schwalben 
ums Haus fliegen 184 ), wenn der Braut¬ 
schleier zufällig zerreißt 185 ) (auch das 
Gegenteil!), wenn der Kuckuck ruft, und 
wenn man ein Geldstück im Schuh 
trägt 186 ). 

Nach slavischem Brauch hat das Braut¬ 
paar Geldstücke im Bett, Weizen¬ 
körner in der Tasche und muß über die 
mit Korn und Stroh gedeckte Diele 
gehen; und Brot und Salz muß wie 
auch bei uns im neuen Heim vorhanden 
sein 187 ). Da alles, was man bei der Trau¬ 
ung bei sich hat, einem für die ganze Ehe 
angetraut wird, nimmt man nicht nur 
Geld mit zur Trauung (in Schlesien das 
„Brautgröschel“, das, sorgsam aufbe¬ 
wahrt, vor Armut schützt 188 )), sondern 
die Braut trägt auch Brot auf der bloßen 
Brust 189 ) oder Flachs an den Schenkel ge¬ 
bunden 19 °), damit es an Nahrung nie 
fehle und der Flachs gut gerate. Auch 
das Bestreuen der Braut mit Brot¬ 
getreide und ähnliches soll oft vor Nah¬ 
rungsmangel schützen 191 ). Seltsam ist 
es, wenn man vom Kochgeschirr und von 
den Viehkrippen kleine Teile in die Braut¬ 
suppe wirft, um das Gedeihen der Wirt¬ 
schaft zu sichern 192 ), und wenn die 
Frau sich das erste Wort des Gatten nach 
der Trauung merken muß, damit sie je¬ 
den Knoten und Wirrwarr lösen kann 193 ). 

Die Glücksmacht des H.stages teilt 
sich auch den Symbolen des Festes und 
der Festkleidung mit und bleibt in ihnen 

6 



163 


Hochzeit 


Hochzeit 


166 




glückbringend erhalten, weshalb man etwa 
H.skleid und -schuhe 194 ), Kerzen, Schlei¬ 
er, Halstuch, Kranz und Strauß 195 ), 
schließlich sogar etwas von den H.sge- 
bäcken 196 ), von H.sbrot (s. Brot § 40) 
und -semmel zu künftigen Zauber- und 
Heilzwecken (zumal gegen Kinderkrämp¬ 
fe) aufbewahrt 197 ). 

Natürlich liegt die stärkste Glücks¬ 
macht im Br aut ring (s. a. Braut) 198 ). 
Den Namen der Brautleute tragend 199 ), 
wird er zur Verlobung oder H. feierlich 
überreicht 20 °) oder ausgetauscht, wobei 
man um des erhofften Ehefriedens willen 
die Finger nicht besehen darf 201 ). Er 
darf nicht zerbrechen oder verloren¬ 
gehen 202 ) (sonst Tod, Unglück oder 
Untreue) 203 ), nicht vorher mißbräuchlich 
getragen 204 ) und später nie erneuert 
werden 205 ), muß sorgsam aufbewahrt 206 ) 
und dem Toten abgezogen werden, sonst 
nimmt er den Überlebenden mit ins 
Grab 207 ). Er dient als Wahrsager: 
am Zwirnfaden in ein leeres Glas ge¬ 
halten, gibt er durch Anschlägen die Le¬ 
bensdauer seines Trägers an 208 ), als 
Zaubermittel zwingt er den untreuen 
Gatten zurück 209 ), heilt Kinderkrämp¬ 
fe 210 ), Zahnweh, Gerstenkörner und Ge¬ 
schwüre und allerlei Krankheit 211 ), so¬ 
gar des Bräutigams Impotenz 212 ), schützt 
schließlich vor Wechselbälgen und beim 
Säen vor Behexung und dem Bilmes¬ 
schnitter 213 ). Auch dieses abergläubische 
Aufbewahren und Verwenden der Sym¬ 
bole des großen Festes hat man als „Fe¬ 
tischismus“ und „primitive Sexual¬ 
symbolik“ mißdeutet. Sowohl die Braut¬ 
schuhe, die man bisweilen mit Getreide 
bestreute, mit Ähren und Flachs be¬ 
legte 214 ), und deren Haltbarkeit die Dau¬ 
erhaftigkeit der Liebe verspricht 215 ), als 
auch die aufbewahrten H.skerzen hat 
man als Symbole der beiderseitigen Sexu¬ 
alorgane angesprochen 216 ), durch deren 
„fetischistische“ Aufbewahrung sich die 
Brautleute gegen Verminderung oder Ver¬ 
änderung der beiderseitigen „sexuellen 
Vorzüge“ sichern wollten 217 ). Nach dieser 
Deutungsart muß dann auch der H.s- 
schleier, von dem jeder Gast gern einen 
glückbringenden Fetzen mit nach Hause 


nimmt 218 ), und der als alter und bedeut¬ 
samer Brautschmuck („unter dem Lin¬ 
nen gehen“) 219 ) vielleicht auch bei uns 
der „Rest einer einst vollständigeren 
Verhüllung der Braut ist 220 ), „die 
Hingabe“, „die Bereitwilligkeit zum Ge¬ 
schlechtsverkehr“ symbolisieren 221 ), und 
„ S c h m u c k ist im allgemeinen ein Symbol 
des weiblichen Geschlechtsteiles“ 222 ). Sol¬ 
che Verwechselung sekundär-primitiver 
Urwald- oder Asphalt-Dekadenz mit den 
Ursprungstiefen unseres Volksglaubens 
wäre nicht der Erwähnung wert, wenn 
nicht die laute Reklame für gewisse 
Einseitigkeiten der Freudschen Psycho¬ 
analyse selbst in die stillen Gärten der 
deutschen Volkskunde hereindränge. Na¬ 
türlich riefen nicht erst die Humanisten 
„auch in Deutschland den Eros zur H. 
herab“ 223 ). Nicht nur rechtlich war 
das H.sbett und die Bettbesteigung (bei 
Licht und vor Zeugen) von jeher von gro¬ 
ßer Bedeutung, wenngleich die gesunden 
Sinne der meist beiderseitig unver¬ 
braucht zur Ehe kommenden altgerma¬ 
nischen Jugend die H.snacht mit freund¬ 
licheren Schatten umstellt und belebt 
haben werden, als das weniger reine Gewis¬ 
sen mittelalterlicher Männlichkeit es tat. 
Seltsam ist die Vorschrift,' daß nur 
trockenes Holz, aber von leben¬ 
den Bäumen, zum Brautbett verwendet 
werden darf 224 ), und daß es Heu ent¬ 
halten muß 225 ). 

i«5) Vgi Hayn Biblioth. Germanorum nupti- 
alis. Verzeichnis v. Einzeldrucken dt. H.s- 
gedichte und H.sscherze usw.; Herr mann 
Über Lieder u. Bräuche bei H.en in Kärnten, 
Archiv f. Anthrop. 19, 3. 16e ) Strackerjan 
2, 193 - 187 ) Wuttke § 291. 168 ) SAVk. 15 (1911), 
10; 1917, 42. 189 ) Alemannia 17, 284. 17 °) ZrwVk. 

2, 118; Köhler Voigtland 439. 171 ) z. B. Ünoth 

I, 183; Wuttke § 291. 172 ) Strackerjan 1, 31. 
173 ) Stoll Zauberglauben 140. 174 ) Strackerjan 
Oldenburg 2, 234; Bartsch Mecklenburg 2, 70; 
Bächtold Hochzeit 1, 169 f. 17S ) Rothenbach 
46 Nr. 437; 47 Nr. 440. 178 ) ZfVk. 8, 30. 

177 ) Wuttke §577. 178 ) Hillner Siebenbürgen 13. 
179 ) v. Schroeder Esten not. 18 °) ZrwVk. 2, 
118. 181 ) John Erzgeb. 102. 182 ) GrimmM>^A. 

3, 462; Schönbach Berthold v. R. 151. 183 ) ZfVk. 

5, 97. 184 ) Grohmann Aberglaube 71. 77. 

185 ) Alemannia 33, 300; Drechsler Schlesien 
1, 258; John Erzgeb. 102; ZfrwVk. 3, 

(1906), 82. 188 ) Meyer Volksk. 176: Gaßner 
Mettersdorf 63. 187 ) Tetzner Slaven 241 f. 


247. 

als 

179 


1M ) Drechsler Schlesien 1, 258. 189 ) Ebd. 

2, 16. 19 °) Köhler Voigtland 438. 191 ) Andree 
Braunschweig 304. 192 ) Ebd. 193 ) SAVk. 7, 132. 
294 ) Lütolf Sagen 548 f.; Bächtold 1, 

,M ) z. B. Drechsler 1, 210; Kranz 

Votivgabe dargebracht Andree Votive 
(s. Braut). 198 ) Höfler Hochzeit 58; ders. 
Weihnacht 50; ders. Fastengebäcke 57. 197 ) John 
Erzgeb. 101; Wuttke § 175; Grimm Mythol. 
3,443; Panzer Beitrag i, 261; Bronner Sitt 
und Art 209; Seligmann 2, 223. 198 ) Bächtold 
Hochzeit 1, 151 ff.; vgl. a. Fogel Pennsylvania 
297; Kolbe Hessen 149 t.; MschlesVk. 21 
(1919), 154 f.; Köchling De coronarum vi 20. 
li# ) ZrwVk. 1913, 91. 20 °) Finger halten nach 

Italien. Brauch ZfVk. 12, 3. 53. 201 ) ZfVk. 20, 
383. 202 ) Wuttke § 304; ZfVk. 20, 383; 

Strackerjan i, 31; ZrwVk. 2, 118. 203 ) Wolf 
Beiträge 1, 212; vgl. Volkslied ,,In einem 

kühlen Grunde...“. 204 ) Urquell 3, 247. 206 ) 

ZrwVk. 2,118. 206 } Wuttke §569. 207 ) Drechs¬ 
ler Schlesien 1, 299; Urquell 2, 67. 208 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 313. 209 ) ZfVk. 15, 180. 21 °) John 
Erzgeb. 53; Seyfarth Sachsen 274; 

290. 2n ) Drechsler Schlesien 1, 210; 

164; Ba rtsch Mecklenburg 2, 108; 
Hinterpommern 161; Strackerjan 
,l *) Meyer Aberglaube 100; Hovorka-Kron- 
feld 2, 164. 213 ) Wuttke §581. § 653; ZföVk. 
5, 196. 214 ) Mannhardt Forschungen 359. 

,u ) SAVk 1917, 42. 218 ) Vgl. Storfer Jungfr. 
Mutterschaft 22: „Die Kerze als Penissymbol in 
H.sbräuchen ist bis auf die Gegenwart der 
Kulturvölker erhalten geblieben“. 217 ) Storfer 
Jungfr. Mutterschaft 22. 57. 218 ) Strackerjan 
2, 198; John Westböhmen 253. 219 ) Vgl. Wein¬ 
hold Frauen 1, 386; v. Schroeder Esten 77; 
Edda, Thrymskvida v. 15 u. 19. 22 °) Sartori 
Hochzeit in Sachwtb. der Deutschk. 546; Samt er 
Familienfeste 47 ff.; Schräder Reall. 355. 
Ml ) Storfer Jungfr. Mutterschaft 54. 222 ) Ebd. 
57. Vgl. für Brautschmuck Bächtold Hoch¬ 
zeit 1, 199 ff- 223 ) Koebner Eheauffassung im 
MA. in AKultG. 9, 159. 224 ) Grimm Mythol. 

2, 953 i vgl. 486 fr. 22S ) Weinhold Frauen i 2 , 
399; v. Schroeder Esten 166 ff. 


ZfVk. 7, 
ZfVk. 7, 
Knoop 
2, 234. 


4. Wichtig ist es, dem Fest den richti¬ 
gen Tag auszusuchen, denn des gewählten 
Tages Bedeutung und Art ist wie sein 
Wetter bedeutsam für die an ihm ge¬ 
schlossene Ehe 226 ) (s. Ehe). Ein religiös 
gebotener Heiratsmonat wie der der 
Hera geweihte (fap. yjXuuv) 227 ) ist nicht mehr 
zu erkennen, aber die Verpönung der 
Maihochzeit, an der die Kirche — so viele 
Zeiten im Jahr weltlichen Freuden ent¬ 
ziehend (s. a. Geschlechtsverkehr) — 
teilhat, dürfte tiefere Gründe haben 
als jenen, daß der Volksglaube vor dem 
„Leichtsinn der Frühlingszeit“ ein so 
wichtiges Geschäft bewahren wollte 228 ). 


Maibraut wird der Ehe nicht froh 229 ). 
Maiehen werden unglücklich 230 ), schon 
nach Ovid 231 ). „Zwischen Ostern und 
Pfingsten heiraten die Unseligen“ 232 ). 
,,Im Maien gehn Huren und Buben zur 
Kirchen“, „Knappen- u. Pfaffen-Ehen 
werden im Maien gemacht 233 ) und dauern 
nur einen Sommer“. 

Abgesehen von den praktischen 
Gründen des bürgerlichen und bäuer¬ 
lichen Lebens, die die Verlegung der H.en 
auf bestimmte Zeiten gebieten 234 ), wer¬ 
den bestimmte, örtlich verschiedene Zei¬ 
ten vom Aberglauben empfohlen oder ver¬ 
boten. So bringen in Schwaben die Mo¬ 
natsersten des März, April, August, 
September und Dezember als H.stage 
unglückliche und untreue Ehen 235 ). 

Nach alten Zeugnissen war immer die 
Zeit vor Fastnacht und der Fast¬ 
nacht s dien s tag sehr beliebt 236 ). Heute 
fallen in die Fast nachts- und Kirchweihzeit 
die meisten ländlichen H.en 237 ), und gern 
wird die H. mit dem „Erntebier“ ver¬ 
einigt 238 ). Von den Wochentagen ist der 
Sonntag vielfach verboten 239 ) (kirch¬ 
licher Einfluß), desgleichen gilt der Mitt¬ 
woch als ungeeignet und Unglück 
bringend und bleibt den „gefallenen“ 
Mädchen Vorbehalten 240 ). Bisweilen ist 
auch der Freitag verpönt 241 ) und „ge¬ 
hört den Lausigen“. 

Auffallend allgemein beliebt ist der 
Dienstag 242 ) (eine angenommene Be¬ 
ziehung zu Frija mit Hilfe der „Tobias¬ 
nächte“ 243 ) ist aber ausgeschlossen); da¬ 
neben der Donnerstag 244 ) (der Don¬ 
nerstag im Neumond auf den Orkneys 
die beste Heiratszeit 245 )). Aber der Aber¬ 
glaube droht auch: wer Donnerstag 
freit, dem donnert's in die Ehe 248 ) 
(Anklang an den heidnischen Gott des 
ehrenhaften Sippenlebens darf man hier 
vermuten, vielleicht auch hinter der 
Beliebtheit des Dienstags, zumal die 
Kirche im Norden gegen das Heiraten an 
diesen Tagen kämpft 247 )). — Schließlich 
ist in Böhmen der „feiste Montag' 4 
ein beliebter H.stag 248 ). Auch auf 
Mond- und Sternenstand und andere 
Zeichen achtet man, und selbst ein 
Cicero hielt es für sündhaft, ohne Au- 


167 


Hochzeit 


168 


spizien zu heiraten 249 ). So mieden Stern¬ 
kundige Krebs, Wage, Skorpion, Fische 250 ) 
(die Astrologie unserer Tage sucht neue 
Irrwege); man bevorzugt den zunehmen¬ 
den 251 ) oder auch den vollen Mond 252 ) 
(in Skandinavien auch noch den Neu¬ 
mond) 253 ), damit den Eheleuten nichts 
mangelt, sie alles aus dem Vollen haben 
(damit sie reich und gesund bleiben, und 
die Frau nicht früh alt und runzlig wird). 

Natürlich ist auch das Wetter am H.s- 
tage außerordentlich bedeutsam. Heiterer 
Himmel verheißt heitere Tage, Regen 
einen trüben Ehehimmel 254 ): das ein¬ 
fache Gleichnis bedarf keiner weiteren Er¬ 
klärung. Allerlei Mittel verhelfen zu gu¬ 
tem H.swetter (die Braut darf den Quirl 
nicht ablecken 255 ), muß die Katze gut 
füttern 256 ) usw.; vgl. Braut). Seltsam 
ist es, wenn Regen am H.stage Reich¬ 
tum 257 ), und Schnee Reichtum und „viel 
zu lachen" weissagt 258 ). Vor allem war¬ 
mer, erquickender Regen soll Glück, 
Wohlstand und Fruchtbarkeit verhei¬ 
ßen **•), heller H.stag kleine Familie 26 °). 
Sturm nicht nur stürmische Ehe voll 
Streit und Unfrieden 261 ), sondern auch 
reichen Kindersegen und schließlich Ar¬ 
mut 262 ). Nebel deutet auf ein müh¬ 
seliges Leben und auf Unfrieden 263 ). Ge¬ 
witter am H.stage bald auf Unglück 264 ), 
bald (zumal während der Trauung) auf eine 
besonders glückliche Ehe 265 ). Vielleicht 
hat sich auch hier die Volksseele noch 
einen Rest jenes Empfindens bewahrt, 
das im Donner und Blitz keinen zürnen¬ 
den Richter fürchtete, sondern die Nähe 
seines göttlichen Freundes froh be¬ 
grüßte. 

**•) Vgl. bes. Becker Frauenrechtl. 19 
Anm. 14. 227 ) Schmitz in Zs. f. d. dt. Unt. 14, 
607. 228 ) Ebd. 604 ff. (Beispiele für Italien, 

Frankreich, Rußland, England, Deutschland). 
229 ) Reinsberg Festjahr 24. 23 °) Hoffmann- 
Krayer 33; Bronner Sitt u. Art 178; ZfrwVk. 
5, 46 ff.; Uhland Schriften 3 (1866), 390; 
AndreeParallelen 1,3. 231 ) „menseMaio nubunt 
malae“, Ovid Fasten 5, 490. 232 ) Becker 

Frauenrechtl. 39; Wittstock Siebenbürgen 91. 
233 ) Sprichwörter des 16. Jh.s: Uhland 

Schriften 3, 470. a34 ) Meyer Baden 279; Höhn 
Hochzeit 2, 1 ff. 235 ) Wuttke § 100. 238 ) Bir- 
linger Aus Schwaben 2, 63; Krauß Sitte und 
Brauch 341; Nürnberger Chor. 3, 129; vgl. 
Folk-Lore Rec. 4, 107. 237 ) Hoffmann- 


Krayer 33; ders. in SAVk. 1, 133; Meyer 
Baden 195, 216. 238 ) Bartsch Mecklenburg 2, 

304 f.; Sartori 2, 98. 239 ) Hoff mann-Krayer 
34. 24 °) Ebd.; Meyer Volksk. 175; ders. 

Baden 230. 241 ) Hof f mann-Krayer 34; 

Tetzner Slaven 258. 242 ) Simrock Myth. 600; 
Lau ff er Niederdt. Volksk.; Tetzner Slaven 
238; Kuhn u. Schwartz 434 f. 243 ) Simrock 
Mythol. 601. 244 ) Simrock Mythol. 600; 

v. Schroeder Esten 51. 24S ) Mannhardt Germ. 
Mythen 129 t. 24# ) Kuhn und Schwarz 434. 
247 ) Hoops Reall. 2, 510. 248 ) John West¬ 

böhmen 38. 249 ) Roßbach Römische Ehe 2940.; 
vgl. a. Wissowa Religion 432 ff. 260 ) Simrock 
Mythol. 600. 251 ) Ebd.; Tetzner Slaven 372; 
Kohlrusch 340. 252 ) Kuhn und Schwartz 

434 f. 253 ) Reinsberg Hochzeitsbuch 1; 
Boeder Ehsten 24. 254 ) z. B. John Erzgebirge 
93; Alemannia 24, 353; Andree Braunschweig 
304; Rothenbach Bern 46 Nr. 436; Urquell 3, 
165; Strackerjan 3, 21. 25S ) Schultz Alltags¬ 
leben 39. 256 ) Dirksen Meiderich 48; ZfVk. 
4, 326; Simrock Mythol. 601. 257 ) Schultz 

Alltagsleben 121 (Amaranthes). 258 ) John 
Erzg. 93 - 259 ) Wuttke § 563; Drechsler 

Schlesien 2, 349; Strackerjan 1, 23. 

260) Wettstein Disentis 372. 2#1 ) Andree 

Braunschweig 304; Wettstein Disentis 172; 
John.Erzge6.93. 262 ) John Erzgeb. 93. 263 )Ebd.; 
Tetzner Slaven 372. 264 ) John Erzgeb. 93. 

2W ) SchwVk. 3, 74. 

5. In dem bisher erwähnten H.saber- 
glauben fanden wir neben der Sorge um 
das Glück der Neuvermählten immer auch 
den Gedanken an Ahnen und Kinder, 
an die Verstorbenen und die Kommen¬ 
den, ohne den das Fest seinen tiefsten 
Sinn verlieren müßte. „Was sich zweit, 
das drittet sich" 266 ). Freilich hat ein auch 
in der Frauenentrechtung des Mittel¬ 
alters nicht ganz entschwundener Rest 
der alten Persönlichkeitsgeltung der Frau 
(s. Frau) und der altgerm. Ehegenossen¬ 
schaft zwischen Mann und Frau (s. Ehe) 
unseren H.sbräuchen jene rohe Befruch¬ 
tungssymbolik erspart, die anderswo (zu¬ 
mal bei Semiten) die persönliche Leistung 
freier Mutterschaft im H.sritual 
und -brauch dem männlichen Zucht¬ 
willen unterwirft. Das vielgenannte 
Bestreuen der mit verbundenen Augen 
an Türen und Truhen umhergestoßenen 
Braut 267 ) (oder beider Brautleute) mit 
Körnern aller Art zumal in slavischen, in¬ 
dischen, jüdischen Bräuchen 268 ) ist bei 
uns 289 ) wohl mehr ein Versuch, die künf¬ 
tige Hüterin des Hauses vor Nahrungs¬ 
sorgen zu bewahren 27 °) (auch Ge¬ 


169 


Hochzeit 


I 70 


treide gehört zur Aussteuer 271 )) und er¬ 
niedrigt das Weib noch nicht im Sinne 
des Korans zum „Acker des Man¬ 


nes" 272 ). 

Ähnlich ist es, wenn man den Braut¬ 
kranz mit Leinsamen beschüttet, mit rei¬ 
fen Ähren schmückt oder überhaupt 
durch einen Erntekranz ersetzt 273 ), oder 


Spreu (Symbol der Unfruchtbarkeit) vor 
die Tür streut 2S9 ). Bei zwei H.en an 
einem Tage fürchtet man, daß ein Paar 
kinderlos bleibt 290 ), und keine Braut 
darf die H. der anderen ansehen 291 ). Ist 
aber bei der H. schon ein Kind unterwegs, 
so heißt es dann, wenn es sich zu früh ein¬ 
gestellt hat: „Das Kind hat auf der H. 


der Braut Körner in die Schuhe streut, mitgegessen“, war „H.bitter“, oder auch 
wenn die Braut das Vieh begrüßen muß 274 ), nur, „die beiden haben die H. vor der Mahl¬ 
oder wenn eine blumengeschmückte zeit gehalten“ und „die Hunde haben 
Brautkuh dem H.swagen folgt 275 ). Und ihnen den Kalender gefressen“ 2S2 ). 


schließlich ist es ein bezeichnendes Ge¬ 
genstück zu dem serbisch-rumänischen 
Brauch, der Braut einen Apfel mit Gold¬ 
stücken zu schenken 276 ), wenn in der 
Heide bei uns die Braut auf der Fahrt zur 
Kirche Äpfel und Birnen auswerfen 
muß 271 ) oder an ihrem Glückstage der 
Henne Eier unterlegen soll 278 ). 

Anspielungen auf den erhofften 
Kindersegen (Scherze mit Kind oder 
Puppe) und Versuche, ihn der neuen 
Ehe am H.stage zu sichern, sind gleich¬ 
wohl auch bei uns sehr häufig. Beim 
Schmaus wird der Braut eine Pa¬ 
stete vorgesetzt, die eine Kleinkinder¬ 
ausstattung enthält 279 ). ln die Aus¬ 
steuer sucht man trotz des Widerstandes 
der „Kistenfüller“ eine kleine Puppe zu 
schmuggeln 280 ), die „Brautmaie auf 
dem H.swagen oder H.shaus wurde im 
alten Leipzig von den Brautjungfern mit 
Kinderklappern, kleinen Schüsseln 
und bunten Bändern geziert 281 ). Wie die 
Braut ein Kind (einen Knaben) be¬ 
schenken, tragen oder auf den Schoß neh¬ 
men muß (sogar ins Bett am Vorabend 
der H.) 282 ), so mag mit ähnlichem Sinn 
die Amme der Braut deren erste Kinder¬ 
schuhe dem Bräutigam überreichen 283 ). 
Der H.szug umschreitet (im bergischen 
Land) feierlich die Wiege 284 ), und die 
Braut bindet sich zur Trauung nicht die 
Strumpfbänder, „damit sie leichter ge¬ 
bären kann“ 285 ). Von der H.ssuppe muß 
sie essen, sonst kann sie ihr Kind nicht 
stillen 286 ). Dagegen bewirkt Mohn, in die 
Schuhe gestreut, Kinderlosigkeit 287 ), die 
man mißbeliebten Brautpaaren an¬ 
wünscht, wenn man ihnen am H.svor- 
abend „Katzenmusik“ macht 288 ) oder 


«») Unoth i, 1S8. 2S7 ) Tetzner Slaven 21 ff.; 

Sitten, Gebräuche u. Narrheiten 171. 268 ) Vgl. 
V. Schroeder Esten 125. 269 ) Hoflmann- 
Krayer 38. 27 °) Andree Braunschweig 304. 

| 271 ) Kück Lüneburg 172. 272 ) S. aber Mann¬ 

hardts Aufsatz ,,Kind und Korn". 27a ) Mann¬ 
hardt Forschungen 358 ff. 274 ) Sartori Hoch - 
zeit i. Sachwörterb. d. Deutschkd. 547. 275 ) Kück 
Lüneburg 164 ff.; vgl. Nilsson Griech. Feste 48 
| (Hera). 276 ) Stern Türkei 2, 107 f. 277 ) Kück 
Lüneburg 176. 278 ) Bohnenberger Nr. r, 16. 

279 ) Hoffmann-Krayer 37. 280 ) Kück 

! Lüneburg 171. 281 ) Mannhardt 1, 221 ff.; 

vgl. 2, 258. 282 ) Krauß Sitte und Brauch 428; 
v. Schroeder Esten 125. 283 ) Schultz All¬ 
tagsleben 326. 284 ) ZfVk. 10, 430. 285 ) Köhler 

Voigtland 438. 286 ) Grimm Myth. 3. 447. 

287 ) Wuttke § 62. 288 ) Samter Geburt 170: 

Geistervertreibung. 289 ) Hoffmann-Krayer 

34. 29 °) Fischer Schwab. Wb. 1719. 291 ) Drechs¬ 
ler Schlesien 1, 236. 292 ) Hillner Siebenbürgen 
18. 

6 . In dem Buche „Geburt, Hochzeit 
und Tod" (Beiträge zur vergleichenden 
Volkskunde) hat Samter zahlreiche 
deutsche H.sbräuche, die vielfach auch 
bei Geburt und Tod begegnen, verglei¬ 
chend zusammengestellt und als Mittel 
zur Abwehr gefährlicher Geister 
gedeutet. Aus der Fülle des Mitgeteilten 
Belege und Literatur herauszugreifen, 
wäre zwecklos. Es handelt sich vor allem 
um Zurückhaltung und Vertrei¬ 
bung der Dämonen durch Lärm und 
Waffengewalt 293 ) (Polterabend **)), 
Bewaffnete als H.szugbegleiter 295 ), Hiebe 
in die Luft, Schüsse, Peitschenknallen 296 ), 
Schwert im H.sbrauch, ferner um Ver¬ 
wendung von Feuer und Wasser 
zur Bannung der Geister 297 ) und um 
Versuche, sie zu täuschen (Kleider¬ 
tausch, Braut setzt des Mannes Hut auf 
usw., Verschließen des H.shauses, Ver¬ 
mummungen 298 ) [„de Maschkers"], Pos- 



Hochzeit 


172 


171 

sen und Tanz mit der Braut, Erbsenbär, rend das Brautpaar noch überall in alter 
Schimmeireiter usw. 29 ®), Brajitvertau- Frömmigkeit die Verstorbenen um sec 

ben 3 »ü d ,y er * tecken ’ . Namensfäl- nende Anteilnahme bat 315 ). Während 
sc ung )) . schließlich um die vielfältigen die Kirche noch zögerte, dem irdischen 
Versuche sich gegen Behexung und H.sglück den vollen himmlischen Segen 

vnMmrl : angstllch zu spenden, wuchs den entmündigten Ge- 

vor und nach der H das Haus hüten 301 ), wissen die Angst vor den neidischen 

über Feuerbrand schreiten **), Hahn und Mächten, und die zahlreichen interna 
Besen auf dem Brautwagen mitführen 3 « 3 ), tional verbreiteten Abwehrbräuche wur 

che C n-) rf(i Dm de und C sl e Tn!’ ^ ^ eWIgen Seelengeitzen tn der 

306i ’ .7 , Salz ™ Schuh tra - Furcht geschaffen oder von auswärts 

f jj 3 <m dreimal um d ® n H.swagen übernommen (mit oder ohne Verständnis 

gehen 307 ), rotseidenes Band um den Hut ihres Sinns). So betrarWf * a 

der bösen Geister im deutschen H s- 

• U f ’v, b u der raUUng sich fest Arm brauch beträchtlich an Bedeutung und 
m Arm halten eng zusammenknien oder der Versuch liegt nahe viele vo/jenen 

TruM) dam hl d a bosen . Leut f (° der der Bräuchen, bei denen ein wirkliches 

oder zugleich ins Bett steigen 31 «) u. a. aus ethnographischen Parallelen gSolgen 

j 1 r . , werden kann, auf eine natürlichere Art 

Auch das Vorspannen, mit dem man zu erklären. Lärm ist laute Freude und 
den H.s- wie den Taufzug aufhält (s. o.), gehört zum Fest * reud< : d 

soll ursprünglich den bösen Geistern den Glück ie mehr es g f 

g sperrt haben ), und diese Gei- | Scherben und um so mehr Glück 316 ! 

Afc Tfr darch A Heranziehung der auf (Der Polterabend ist eine junge Sitte 31 ’)) 
Ahnenkult und Ahnenopfer deutenden Peitschenknall und Schüsse zielen be- 
Brauche den verstorbenen Ver- wußt ms Leere. Wer Waffenschmuck be 
wandten gleichgesetzt 313 ), die man sitzt, trägt ihn zum Fest und w llThn auch 
entweder verscheucht oder durch Opfer gebrauchen. Und auch der Mummen 
besanftigt, in dem uralten Empfindungs- schanz, von kleinen Leuten den großen 
wec se zwischen Ehrfurcht und Angst nachgemacht 318 ), hat oft eine schlichte 

a w en / egenUber ’ ZW1SChen Ahnenkult psychologische Erklärung Eine alte 
und Wiedergangerwahn 314 ) fast selbstverständliche und einst 

. Es 1S h w UfS , scbarfste zu be - giös gebundene Ehrfurcht vor Feuer 
tonen, daß die Herkunft dieses bedroh- und Wasser, den Grundelementen der 

liehen Damonenschwarms oder besser die Hauswirtschaft, ist noch im H s-brauch 
ni 3?? 3130116 Rü ; cksic , htnahme a ^ ^n lebendig (vgl.' den Brauch im Spret 

Heidentum entstammt, sondern der lieh gehüteten Laterne alle Lichter im 
dU , rC , h den g^altsamen Kulturbruch neuen Heim anbrennt), und ihre Ver- 
entstandenen Wüste unseres mittelalter- Wendung bedeutet weder stets eine Gei- 
lichen Volksglaubens, m dem die „im- sterbannung noch eine Entsühnung 
potenüa ex maleficio“ und der „böse und Reinigung (der Braut des Paare! 
Blick und die Heerscharen des Bösen oder des Hauses usw.), auf die zumal die 
auch di e H.sfreu de trübten. Nur ein ge- diesbezüglichen vorbereRenden^Bräuche 
stortes Gleichgewicht der Seele furchtet im H.sritual zahlreicher alter Kultur 
im Tode, was es un Leben geliebt hat, und Völker (aber auch primitiver) abzielen 315 ) 
die Missionskirche, die - den Glau- Das griechische*^ Xouxplv ZT dis 

als Dämonen wiederkehrten, wäh- des Paares oder der Braut 331 ) Auch i! 


173 


Hockauf—hohl 


174 


Deutschland wurde vielfach brauchmäßig 
vor und unmittelbar nach dem H.sfest 
gebadet (Braut, Paar oder die ganze H.s- 
gesellschaft), meist in der öffentlichen 
Badestube, teilweise nach_ bestimmten 
öffentlichen H.sordnungen und mit an¬ 
schließender Festlichkeit, gegen de¬ 
ren Ausartung frühzeitig die Behörden 
einschritten 322 ). 

Aber schon Corvinus hat den einfachen 
Reinigungszweck dieses Bades, das, so 
nah dem großen Feste, selbst zum Feste 
wurde, richtig erkannt 323 ) und jener, 
orientalischer Auffassung naheliegende 
Entsühnungsgedanke (s. Geschlechts¬ 
verkehr), ist so wenig wie der Gedanke 
an Dämonen zur Entstehung dieser Bade¬ 
sitte notwendig. 

293 ) Samter Geburt 58 ff. 294 ) Ebd. 41 ff.; 
Kück Lüneburg 172. 295 ) Vgl- Sartori 

Hochzeit in Sachwörterbuch der Dtkd. 547. 
296 ) Vgl. v. Schroeder Esten 99. 297 ) Samter 
Geburt 83 ff. 298 ) Ebd. 90 ff.; Gruppe Griech. 
Myth. 904; Nil sso n Griech. Feste 372; 
dagegen v. Schroeder Esten 94; Weinhold 
Frauen 3 1, 379. 2 ") Kuhn und Schwartz 

433; Rochholz Schweizersagen 2, 227 f. 30 °) 
Samter Geburt 98 ff. 301 ) Bächtold 1, 224 h.; 
Kück Lüneburg 183. 302 ) Kuhn und Schwartz 
434; Simrock Myth. 600. 303 ) Sartori s. o. 

295. 304 ) Samter Geburt 52. 305 ) Engelien 

und Lahn 244. 306 ) Kuhn und Schwartz 

434. 307 ) Tetzner Slaven 372. 308 ) Simrock 

Mythol. 600 (Donar?). 309 ) Wuttke §564; 
Köhler Voxgtland 437; Meyer Baden 557; 
Kohlrusch 340; Tetzner Slaven 321. 
31 °) Schultz Alltagsleben 124. 3U ) Vgl. noch 

Wuttke § 198. 560; Sei i gm an n 2, 223. 

312 ) Samter Geburt 162 ff.; vgl. Sartori (s. o. 
295). 313 ) Samter Geburt 171 ff. 314 ) Vgl. 

Ankermann in Chantepie de la Saussaye 
Lb. d. Rel. Gesch. 4. Aufl. 1, 134 ff. 315 ) Zum 
altnordischen Wiedergängerwahn vgl. Kummer 
Midgards Untergang 182 ff. 316 ) Drechsler 
Schlesien 1, 244; Kuhn und Schwartz 434; 
Lauffer Niederdt. Vk. 101. 317 ) Vgl. Wein¬ 
hold Frauen 1, 405. 318 ) Vgl. Talander Ge¬ 
treuer Hofmeister usw. Leipzig 1703, 527. 

319 ) Vgl. Pauly-Wissowa 16. Hbd. 2129; 
Schwartz Volksglaube 52. 32 °) Indien, Rom 

ARw. 17, 410; Rußland Schräder Reall. 1, 
473; Balkan ZfVk. 4, 269; Krauß Sitte und 
Brauch 419; am byzant. Hofe Dieterich 
Byzanz 36 f. 321 ) z. B. Gaßner Mettersdorf 63 
(Nach der Trauung vor der Tür). 322 ) Vgl. zu 
Hochzeitsbad Martin Badewesen 184 ff.; 
Schultz Alltagsleben 109. 323 ) Martin Bade¬ 

wesen 184 ff. 

7. Natürlich spielt auch in der vom 
Aberglauben durchsetzten Volkssage die 


H. eine Rolle. Im Vorspuk werden häufig 
H.szüge gesehen und bieten meist einen 
häßlichen Anblick 324 ). Auf altem Raub¬ 
schloß spukt eine H.sfeier mit schwarz¬ 
gekleideten Gästen 325 ); mit seiner 
H.sgesellschaft muß der Ritter, der sein 
Mädchen entführte zu heimlicher Trau¬ 
ung, immerfort eine freudlose Scheinh. 
halten, bis ihn ein schuldloses Mädchen 
erlöst 326 ). In einem ,,Brautstein“ ge¬ 
nannten Felsen erkennt man eine wegen 
allzu übermütigen Feierns in Stein ver¬ 
wandelte H.sgesellschaft 327 ). 

Die Tragik der zur H. gezwungenen 
Braut, der in der Kirchentür das Herz 
bricht 328 ), oder die lieber in den Tod als 
in die Kirche ging, und dann als wildes 
Gespenst im H.sschmuck durch den 
Wald schweift 329 ), wird von der Sage nicht 
vergessen 33 °). Und den Bräutigam, der 
noch in der Kirchentür, gegenwärtiges 
Glück mißachtend, die Gedanken in ferne 
Zukunft schweifen läßt (,,wie wird es hier 
in hundert Jahren aussehen“), läßt die 
Sage zur Strafe rätselhaft auf hundert 
Jahre verschwinden und heimkehren an 
das Grab der Braut 331 ). 

324 ) Strackerjan 2, 193. 325 ) ZrwVk. 1914» 

280. 326 ) Eisei Voigtland H2f. 327 ) Tetzner 
Slaven 374. 328 ) Müller Siebenbürgen 153 f.; 

Kühnau Sagen 1, 510. 329 ) Meier Schwaben 1, 
307 ff. 330 ) Vgl. noch Koch Siebenschläfer 40 ß. 
331 ) Stöber Elsaß 1, 23. Kummer. 

Hockauf s. Aufhocker 1, 675 ff. 

Hoden s. Geschlechsteile 3, 730 ff. 

Höhenkult s. Berg, bes. § 2 Bergkult, 
dazu zur Ergänzung und Vergleichung 
R. Beer, Heilige Höhen der alten Griechen 
und Römer 1891; W. Capelle, Berges¬ 
und Wolkenhöhen bei griechischen Phy¬ 
sikern 1916 S. 36 ff.; J. Qvigstad, Lap¬ 
pische Opfersteine und heilige Berge in 
Norwegen. Oslo, Etnografiske Museums 
Skrifter 1, 317 ff. 1926; 0 . Schell, Spuren 
des H.kultes im Bergischen, Bergischer 
Kalender für das Jahr 1925, 55—60; Ar¬ 
tikel Zeus bei Roscher Lex. Fehrle. 

hohl. Grimm *) teilt aus dem Journal 
von und für Deutschland 2 (1788), 183 fg. 
den württembergischen Glauben mit: 
„Will ein Kranker sterben, so öfne man 
die fenster, und stopfe alles, was h. im 


175 


Höhle 


176 


Hause ist, und kehre es um, damit die 
Seele freie Ausfahrt habe und sich nir¬ 
gends aufhalte“ (s. Sterbender). — Ver¬ 
schiedene Dämonengestalten haben hohle 
Rücken (s. d.); von vorn sind sie schön, 
hinten greuelhaft und ungestalt, sie haben 
einen Rücken wie ein Teigtrog 2 ). 

*) Myth. 2, 988; 3, 457 Nr. 664. *) ebd. 2, 
902 fg. Bächtold-Stäubli. 

Höhle. 

I. Sachkundliches. Natürliche 
Höhlen, wie wir sie besonders in gebir¬ 
gigen Gegenden finden, können auf ver¬ 
schiedene Weise entstanden sein: durch 
unterirdische Wasserläufe, Erdbeben, in 
vulkanischem Gebiet auch durch Säuren; 
manche bestehen wohl auch seit der Bil¬ 
dung des Gebirges 1 ). Besonders bemer¬ 
kenswert sind die Tropfsteinhöhlen mit 
ihren oft phantastischen Gebilden und 
den weitverzweigten Gängen, die in wei¬ 
tere Räume führen. Mit W T asser ange¬ 
füllte H.n bilden unterirdische Seen. 
Die H. erscheint als die einfachste, natür¬ 
liche Wohnstätte der Menschen, die sich 
darin vor der Unbill des Klimas schützten 2 ). 
Mitunter sind die natürlichen H.n, die 
dauernd oder vorübergehend als Wohn- 
oder sonstiger Zweckraum dienten, künst¬ 
lich ausgebaut; neben natürlichen Tischen, 
Sitzgelegenheiten und Nischen trifft man 
solche, die von Menschenhand ausgeführt 
sind. Auch als Ruhestätten der Toten 
werden H.n benutzt; vgl. die für Island 
bezeugten Geschlechtshügel. Funde von 
Waffen und Werkzeugen aus Steinen und 
Knochen, Geweihstücken, Topfscherben, 
von Resten geschlachteter und in der H. 
verspeister Tiere weisen auf die ehe¬ 
maligen Bewohner, Knochen von Mam¬ 
mut, H.nbär u. a. auf vorzeitliche Tiere 3 ). 
Neben leicht zugänglichen H.n finden 
sich solche mit versteckten und schwie¬ 
rigen Eingängen. Ehemals große H.n 
sind jetzt ganz oder teüweise zugeschüttet. 

1 ) Fraas Die alten H.nbewohner 25 ff. 2 ) Ebd. 

4. 3 ) Ebd. 4 ff. 

2. Wunderbare H.n. Die weitver¬ 
zweigte Ausdehnung, die Unzugänglich¬ 
keit, die bizarren Felsformen mancher 
H.n, die tatsächlichen oder scheinbaren 
Spuren von Lebewesen, die einst hier 


gehaust, und das geheimnisvolle Dunkel 
geben dem Volksglauben reichliche Nah¬ 
rung. Manche H.n sind unergründlich 4 ) 
und stehen durch unterirdische Gänge 
in Verbindung mit einem andern Berg 5 ), 
mit einem entfernten Tale 6 ), mit einem 
See 7 ), mit einem Bach 8 ), mit einer 
Burg 9 ). Hat die H. einen zweiten Aus¬ 
gang, der sehr weit vom ersten entfernt 
ist, schickt man wohl Tiere zur Probe in 
einen hinein, damit sie zum andern 
wieder herauskommen, meist Enten 10 ) 
oder Gänse 11 ); von Ochsen, die in die 
Wendellucke am Wendelgupf (Österreich) 
gefallen sind, ist das Joch aus der 
Bergnandellucke bei Kleinzell herausge¬ 
kommen 12 ). Manche H.n haben auch 
die Eigentümlichkeit, daß hineingeschickte 
weiße Enten schwarz wieder heraus¬ 
kommen, schwarze dagegen weiß 13 ). — 
Viele H.n bergen Schätze 14 ), gehütet 
von Zwergen 15 ), von einer Fee 16 ), vom 
Teufel 17 ); Sarazenen haben sie dort zu¬ 
rückgelassen 18 ). Ein Verbindungsgang 
führt von einer H. zu einem Weinkeller 19 ). 
In der Wendellucke am Wendelgupf 
liegt ein goldener Wagen, der zur Zeit 
der Mette gehoben werden kann, wenn 
! man zu dieser Stunde nackt bis zur Lucke 
kommt 20 ). Im Ruprechtsloch am großen 
Otter (Österreich) hängen viele Gold¬ 
zapfen 21 ). Wenn man beim Arniloch 
hinter Wolfenschießen an der Wand hin¬ 
aufklettert und durch eine kleine Öffnung 
schaut, erblickt man einen schönen großen 
I Saal, wo eine Menge Säulen prachtvoll 
glitzern, die Wände sind mit Gold, das 
hier wächst, bekleidet 22 ). Nach einem 
1 Bericht des Gervasius von Tilbury 23 ) 
aus dem 13. Jahrhundert kam ein Hirte, 
der eine Sau in eine dunkle H. in Der- 
byshire verloren hatte, beim Suchen 
durch einen dunklen Gang an einen 
glanzerfüllten Ort mit einer weiten Wiesen¬ 
fläche, wo viele Ackerbauern damit be¬ 
schäftigt waren, reife Kornfrüchte ein- 
zuemten. In geheimnisvollen H.nseen 
schwimmen schwarze blinde Fische 24 ). 
Gewisse H.n enthalten eine Miniatur weit 25 ). 
— Wieder andere H.n haben andere Eigen¬ 
tümlichkeiten : Eine H. in den Bündner- 
Vareina-Alpen ist klein, hell und trocken 




1 77 


Höhle 



und nach dem Volksglauben immer voll¬ 
kommen rein und wie ausgeblasen. Kein 
verunreinigender Gegenstand, nicht Stern¬ 
chen und Moos, nicht Holz oder Kohle 
bleibt darin liegen; die Hirten sagen, es 
läßt nichts drin 26 ). Man mag vorm 

Engiloch was immer für Sachen hin¬ 
streuen, am Morgen drauf ist alles weg 
und der Platz wieder fein sauber; ebenso 
bei einer H. auf dem Weg von Wolfen¬ 
schießen nach Maria Rickenbach 27 ). Oder 
es heißt: alles, was man in die H. hinein¬ 
wirft, kommt wieder an den Tag 28 ). — 
Aus dem Windloch bei Flatz bläst ein so 
starker Wind, daß man zur H.nöffnung 
nicht gelangen kann 29 ). Unwetter 

lassen die Berggeister in den W'etter- 
löchern am Oetscher (Österreich) ent- ! 
stehen, wenn jemand Steine hineinwirft 30 ), 
und ebenso entstehen furchtbare Stürme 

* 

und Gewitter, wenn jemand mit der 
Sibylle in der H. zu Norcia spricht 31 ). 
Manche H.neingänge öffnen sich nur 
durch einen Zauberstab; die Person, die 
etwas heimlich entwendet hat, kann 

nicht wieder heraus 32 ). Bekannt sind 
aus dem Märchen die Zauberworte: 
„Sesam, öffne dich“ 33 ) und ,,Berg 

Semsi, tu dich auf“ 34 ). Entstanden 

sind H.n, wo ein Schloß 35 ) oder eine 
Kirche in die Erde versunken ist 36 ). 

4 ) Sebillot Folk-Lore 1, 433; Heller 

H.nsagen Nr. 64. 5 ) Ebd. Nr. 14. 6 ) Ebd. 

Nr. 64. 7 ) Lütolf Sagen 272 Nr. 211 g. 8 ) 

Heller a. a. O. Nr. 26. 9 ) Ebd. Nr. 16. 25. 

W) Ebd. Nr. 48. 68 f. “) Ebd. 70. 71. 12 ) Ebd. 
•68 e. 13 ) Sebillot 1, 434. 14 ) Heller a. a. O. 
Nr. 3. 4. 9. 21. 21 a. b. 22. 30. 31. 33 a. 38. 49. 
58. 59. 66 a. 68. 15 ) Sebillot 1, 461. 16 ) Ebd. 

X, 473. 17 ) Ebd. 1, 475 f. 18 ) Ebd. 1, 475. 19 ) 
Heller Nr. 3 a. 34 a. 20 ) Ebd. Nr. 68 a. b. 
**) Ebd. Nr. 50 a. 22 ) Lütolf 271 f. Nr. 211 a. 

33 ) Otia imperialia ed. Liebrecht 24. 24 ) Heller 
Nr. 11. 25 ) Sebillot 1, 433. 26 ) Rochholz 

Sagen 1, 250. 27 ) Lütolf 271 Nr. 211 b. 28 ) 

Heller Nr. 35. 29 ) Ebd. Nr. 70. 30 ) Ebd. 

Nr. 69. 31 ) Kiesewetter Faust 425 f. 32 ) Se¬ 
billot 1, 437 ff. 33 ) Tausendundeinenacht: 
Ali Baba und die vierzig Räuber. 34 ) Grimm 
KHM. Nr. 142. 35 ) Heller Nr. 30. 38 ) Ebd. 

Nr. 5° f- g- 

3. Sagenhafte Erinnerungen an die 
Zeiten, wo die H.n den Menschen als 
Aufenthaltsort dienten, leben im Volke 
fort. Manchenorts zeigt man Heiden¬ 
löcher, so in Triengen in der Schweiz 37 ). 


In anderen H.n hielten sich Räuber 
und Diebe auf, die dort Mädchen ge¬ 
fangen hielten * oder Verirrte auf- 
nahmen 38 ). Die ersten Christen fanden 
Zuflucht im Tschetterloch im Tschamintal 
hinter Tiers 39 ). In der Reformations¬ 
zeit hielten die Anhänger der neuen Lehre 
in H.n ihre Gottesdienste ab *°); ein 
Felsblock in der Höhlturmh. bei Wollers¬ 
dorf (Österreich) wird als ,,Predigt¬ 
stuhl“ bezeichnet 41 ). In Kriegszeiten 
boten die H.n Schutz vor Feinden, be¬ 
sonders vor den Türken 42 ). Kloster¬ 
frauen 43 ), Zigeuner 44 ) haben dort ge¬ 
wohnt ; ein Ritterfräulein flüchtet mit 
ihrem Geliebten in eine H. 45 ). Manche 

H. n in Frankreich sollen Begräbnis¬ 
stätten gewesen sein 46 ). 

37 ) Lütolf Sagen 272 Nr. 211 f. 38 ) Sebillot 
Folk-Lore 1, 435 f. 39 ) Heyl Tirol 354 Nr. 26. 
40 ) Heller H.nsagen Nr. 68 c. 33. 41 ) Ebd. 

42 ) Ebd. Nr. 2. 33 c. 34. 36. 41a. 47. 58. 72; 
vor den Türken 1, 1 a. 7. 16 a. 17. 23. 45. 51 a. 
52. 56. 60. 61. 62. 63. 68 d. 43 ) Ebd. Nr. 23 a. 
44 ) Ebd. Nr. 10. 45 ) Ebd. Nr. 32. 46 ) Sebillot 

I, 470 ff. 

4. Dämonische Wesen in H.n 
sind uns bereits als Schatzhüter be¬ 
gegnet. Wunderbar geformte Fußspuren 
weisen auf Gespenster, die hier hausten 47 ). 
Merkwürdige Felsgebilde in H.n scheinen 
in Stein verwandelte Menschen oder 
Tiere zu sein; eine Fee, die verfolgt 
wurde, soll sich in einer H. selbst in Stein 
verwandelt haben 48 ). Manche Feen 
haben eine Art Badewannen in ihren 
H.n, worin sie baden 49 ); andere spielen 
Orgel: diese akustische Erscheinung wird 
durch das rauschende Wasser hervor¬ 
gerufen 50 ). Durch unsichtbare Eingänge 
gehen sie in ihre H.n 51 ). Dort haben sie 
auch ihre Herden 52 ). Sie haben dort 
Spiegelsäle, goldene Geschenke und wun¬ 
derbare Gaben, womit sie gute Besucher 
belohnen; böse bestrafen sie 53 ). Dorthin 
bringen sie auch die gegen Wechselbälge 
eingetauschten Kinder 54 ). Ein Weib, 
dessen Kind geraubt wurde, drang mit 
einem Licht in die H. Dort war es hell, 
viele Kinder saßen und standen umher. 
In der Mitte saß eine schöne Frau, das 
geraubte Kind auf dem Schoße haltend M ). 
Kinder stahl ebenfalls die Steinklamm- 


179 


Höhle 


180 


1 

T 


181 


Höhle 



Gretel in der Steinklamm bei Lilienfeld 
(Österreich), ein häßliches Frauen- 
zimmer 56 ). Ein Bär schleppte ein Kind 
in seine H. für sein gestohlenes Junges; 
ein anderer entführte eine Frau dorthin, 
mit der ein Kind zeugte 57 ). Auch Zwerge 
und Bergmännlein hausen häufig in H.n 58 ). 
Die Zwerge entführen ebenfalls Kinder 59 ) 
und auch Mädchen 60 ) in ihre H.n. Die 
Bergmännchen im Ruprechtsloch am 
Otter wohnen in einem Palast an einem 
See, wo sie sich vergnügen 61 ); sie haben 
einmal einen Bauernburschen hinein¬ 
gezogen, der ihnen vier Jahre dienen 
mußte, aber dann erhielt er ein goldenes 
Gewand zum Lohne 62 ). „Doggelikirche“ 
heißt eine H., wo sich eine natürliche 
ausgehöhlte Kanzel befindet 63 ). Wilde 
Fräulein hausten in der Frauenh. auf 
der Gfälleralpe 64 ), im Frauenloch in 
Staufen bei Reichenhall drei wilde Frauen, 
die bei Hochzeiten und bei Geburten von 
Kindern sangen 65 ). Die H. ist auch der 
Aufenthaltsort von Riesen 66 ); im Tschet- 
terloch im Tschamintal, vor dessen Ein¬ 
gang ein Wasserfall herabrauscht, ist 
ganz hinten ein Raum mit Tisch und 
Bänken, wo Riesen, nach anderen Be¬ 
richten andere Wesen, hausten 67 ). In 
einer H. weilt ein menschenfressendes 
Ungeheuer, halb Mensch, halb Tier 68 ), in 
einer andern fand ein Polyphemabenteuer 
statt 69 ). Hexen feiern an Fastnacht 
ihren Sabbath in H.n; die Einwohner 
des Dorfes Vingrou (Ost-Pyrenäen) haben 
vor langer Zeit eine Hexenh. mit einem 
großen Stein verschlossen, um sich vor 
Schaden zu bewahren 70 ). Bei den Süd¬ 
slaven glaubt man, daß die Vile, aus¬ 
gereifte Baumseelen, die hauptsächlich 
außerhalb der Bäume handelnd auftreten, 
in Berg- und Felsenh.n wohnen 71 ). In 
Westfalen kennt man einen Alten in der 
H. 72 ). Auch der Teufel hat seinen Sitz 
zuweilen in einer H.: im Vikenloch in 
der Tannlialp im Melchtal 73 ), in der 
„Teufelskirche“ am östlichen Abhang 
des Oetschers; dort kann man ihn rufen, 
um Schätze von ihm zu erhalten 74 ); 
in H.n braut der Teufel köstliche Ge¬ 
tränke 75 ). Man vergleiche auch Loki, 
der in einer Felsh. über drei Steine ge¬ 


fesselt liegt; dort bewirkt er das Erd¬ 
beben, wenn das Schlangengift ihm ins 
Gesicht träufelt und er heftig zuckt 76 ). 
Wucherer und Bedrücker der Menschen 
werden auf den Oetscher verdammt, wo 
sie im Taubenloch in Gestalt von Berg¬ 
dohlen nisten und ohne Rast und Ruh 
in schwarzer Vogelgestalt umherirren 
| müssen 77 ); ebenso sitzt ein Mann in 
i der letzten der fünf Kammern in der H. 
über der sogenannten Kammerkeule bei 
Naensen und schreibt, dorthin gebannt 
von einem mächtigen Zauberer zur Strafe 
für seinen rohen und schlechten Lebens¬ 
wandel. Auch Drachen finden wir in 

H. n 78 ); manchmal bewachen sie dort 
gefangene wunderbare Vögel 79 ). Das 
Ruprechtsloch am Otter bewachen zwei 
mit den Hörnern gegeneinanderstoßende 
Ziegenböcke 80 ). Manchmal allerdings 
bewohnen auch Engel die H.n, die wohl¬ 
tätig gegen die Menschen der Umgegend 
sind 81 ). In der Otterh. am großen Otter 

I herrscht König Oder. Das Getöse im 
! Innern, das man in ruhigen Nächten 
1 hört, rührt von seiner Hofhaltung her 82 ). 
In der Sibyllenh. bei Norcia, erzählt der 
Jesuit Martin Delrio (1551—1608), sitze 
die Sibylle, von kleiner Gestalt, das auf¬ 
gelöste Haar auf die Erde herabhängend, 

I auf einem niedrigen Sessel. Der Papst 
! habe Wachen aufgestellt, daß niemand 
• sich der Sibylle nahen und sie befragen 
könne 83 ). — Der H.nschlaf, ein weit¬ 
verbreitetes Märchenmotiv, heftet sich 
im griechischen Altertum an Epimenides 
als volksmäßige Umdeutung der Be- 
I richte von seinen zauberhaften Ekstasen 84 ). 

1 Der Abt eines Klosters in Frankreich 
! zog sich in eine H. zurück, um dort aus¬ 
zuruhen; nach hundertjährigem Schlaf 
erschien er wieder mit langem weißem 
Bart im Kloster 85 ). 

47 ) Cysat 49. 48 ) Sebillot Folk-Lore 1, 431 f. 
49 ) Ebd. 1, 445. 60 ) Ebd. 1, 432. 51 ) Ebd. 1, 446. 
52 ) Ebd. 1, 450. 53 ) Ebd. 1, 437. 54 ) Ebd. 1, 442. 
56 ) Mann har dt Germ. Mythen 256. Ähnliche 
Sagen ZfdMyth. 3, 85. 66 ) Heller H.nsagen 

Nr. 54. 67 ) Sebillot 1, 436. 58 ) Grimm Myth. 

I, 376; Sebillot 1, 455 ff.; Heller Nr. 5. 6. 

6 a. b. 20. 39. 67. 73; Rochholz Sagen 1, 365; 
Grimm KHM. Nr. 13. 59 ) Sebillot 1, 457. 

60 ) Ebd. 1, 462 f. «) Heller Nr. 50 d. 62 ) Ebd. 
50 b. 63 ) Vonbun Beiträge 43. e4 ) Heller 


Nr. 18. 19. Mannhardt a. a. O. 641 f. 

M ) Märchen seit Grimm i, 250. 07 ) Heyl Tirol 
354 Nr. 26. 68 ) Sebillot 1, 464. «*) Ebd 

1. 435 - 70 ) Ebd. 1, 476 f. 7 i) Krauß Relig. 

Brauch 76. 72 ) Kuhn Westfalen 1, 69 ff. Nr. 

57 ff. 73 ) Lütolf Sagen 272 Nr. 211b. 74 ) 

Heller a. a. O. Nr. 57 . Sebillot 1, 466 f. 
76 ) Snorri Gylfaginning Kap. 50 (Thule 20, 
109). 77 ) Heller Nr. 55. ™) Sebillot 1. 468 ff. 
7 *) Ebd. 1. 435. « 0 ) Heller Nr. 50. 81 ) Sebillot 
1, 466. 82 ) Heller Nr. 43. 83 ) Kiesewetter 

Faust 425 f. 84 ) Rohde Psyche 2, 96 4 . 85 ) Se- 
hßh^t 1, 465 f.; vgl. auch Koch Siebenschläfer 

5 * Der Glaube, daß der Mensch aus dem 
Stein hervorkomme, sowie daß Dämonen 
oder göttliche Wesen in H.n weilen, 
bewirkt die Ausbildung eines H.nkults: 
Opfer werden an H.n niedergelegt, man 
wallfahrtet hin und hält Gottesdienst 
dort ab. Nach griechischer Sage leben 
Amphiaraos und Trophonios in H.n 
unsterblich fort, nachdem sie dorthin vor 
ihren Feinden geflohen 86 ). An der 
Orakelstätte des Amphiaraos bei Theben, 
wo er in die Erde versank, opfert man 
nachts vor der Hinabfahrt einen Widder 87 ). 
Den Kult und die Orakeltätigkeit des 
Amphiaraos und des Trophonios kennen 
und beschreiben als noch bestehend 
Celsius und Pausanias 88 ). Im Idagebirge 
auf Kreta war eine H. des Zeus, wo der 
Gott geboren sein sollte. Nach heimischer 
Sage hauste auch noch der vollerwachsene 
Gott dort, einzelnen Sterblichen zugäng¬ 
lich. Ihm war ein mythischer Kultus 
geweiht; alljährlich wurde ihm dort ein 
Thronsitz gebreitet, d. h. wohl ein Götter¬ 
mahl wie anderen, vornehmlich chtho- 
nischen Göttern ausgerüstet; in schwarzen 
Wollkleidern fuhren die Geweihten in 
die H.n ein und verweilten darinnen 
dreimal neun Tage. Im 4. Jahrhundert 
v. Chr. taucht dann der seltsame Bericht 
auf, daß Zeus im Ida begraben liege 89 ). 
So gab es mehrere H.n, an die sich im 
klassischen Altertum die Erinnerung an 
Gottheiten oder Heroen knüpfte. „Ein 
Teil der Traditionen, die sich mit diesen 
Naturmalen beschäftigten, wird sich an 
alte dort ausgeübte Kulte geschlossen 
haben“ "). Die H. Acherusia galt als 
Durchgangsort zu den Manen, wo He¬ 
rakles den Kerberos heraufzog 91 ); meh¬ 
rere h.nartige Tempel, bewacht von 


Hunden, galten als Eingang in die Unter¬ 
welt 92 ). Die phrygische Muttergöttin 
wurde in H.n in einem Stein, der vom 
Himmel gefallen sein sollte, oder in einem 
uralten Holzbilde verehrt 93 ). Auch der 
Mithraskult fand in H.n statt 94 ). — 
Den Hollen oder Hollinnen, die in West¬ 
falen besonders in H.n verehrt werden, 
bringt man Wolle und Brot, wenn Kinder 
kränkeln. Ins Nacht fräuleinloch am 
Urscheiberg wirft der Vorübergehende 
einen Stein (Urschelopfer) 95 ). Die Kinder 
kommen aus H.n 96 ): bei Freiburg (Baden) 
aus einer H. bei der Felsenmühle am 
Kuckucksbad 97 ), im schwäbischen Heu¬ 
bach aus der H. des Rosensteins, wo eine 
weiße Frau der Hebamme die Kinder zu¬ 
reicht; die in ihrer ersten Jugend verstor¬ 
benen kehren dorthin zurück 98 ). Sterile 
Frauen gehen in die Grotte Sainte-Lucie 
zu Sampigny und setzen sich in eine 
Nische, um Kinder zu bekommen. Frauen, 
die Milch haben wollen, saugen an den 
Tropfsteinen einer H., die Zitzen glei¬ 
chen 99 ). Im französischen Jura begeben 
sich die Mädchen, die heiraten wollen, 
in einer Mainacht an den Fuß eines 
Felsens, in dem eine H. ist, und legen 
einen Mistelzweig nieder 10 °). Man warnt 
in Frankreich die Kinder vor gewissen 
H.n; auch Erwachsene gehen nach Sonnen¬ 
untergang nicht mehr hin; man wirft 
Opfer, Brot oder Kuchen in eine H., wo 
eine kinderfressende Fee wohnt. In ge¬ 
wisse H.n gehen Schäfer nur mit einem 
Zweig, einem Stück Brot oder etwas 
Milch; Mädchen, die eingedrungen sind, 
sterben, wenn sie nicht im nächsten 
Jahre heiraten 101 ). Die Marienlucke 
(Marienloch) bei Flatz soll Rastort der 
Jungfrau Maria auf der Flucht nach 
Ägypten gewesen sein 102 ). In der Pro¬ 
vence findet in einer H. Gottesdienst 
statt an Mariä Himmelfahrt, in anderen 
H.n sind heil- und segenspendende 
Quellen. In manchen H.n beschwört man 
böse Geister: eine Prozession geht hin¬ 
ein mit der Kirchenfahne; anderswo 
steckt der Geistliche den Fuß des Kreuzes 
in die H. 103 ). Auch in Westfalen kennt 
man H.nprozessionen an Ostern 104 ) und 
an Pfingsten 105 ). Uber einen H.nkult, 




Hoimann—Hölle 



der noch bis in unsere Zeit hinein bestand, 
berichtet Keller-Tarnuzzer 106 ): „Bis vor 
ungefähr einem halben Jahrhundert be¬ 
stand in Schönholzerswilen und Um¬ 


gebung der Brauch, am ersten Maisonntag 
nach der H. zu ziehen und dort den be¬ 
ginnenden Frühling mit Tanz, Gesang, 
dem Klang der Weidenpfeifen und Wald¬ 
hörner und Schmausen zu feiern. In der 
H. wurde im Lichte von brennenden 
Kerzen und Kienspänen ein Feuer ent¬ 
zündet mit möglichst viel Rauchent¬ 
wicklung — weshalb heute die Wände 
glänzend schwarz sind — und auf dem 
Plateau über der H. wurden Verkaufs¬ 
stände aufgeschlagen, die ein rechtes 
Jahrmarktstreiben zur Folge hatten“. 


M ) Rohde Psyche i, 133 ff- 87 ) Ebd. 1, 118 ff. 
88 ) Ebd. 2, 374 1 . 89 ) Ebd. 2, 435. 90 ) Pfister 
Reliquienkult 1, 365- 91 ) Panzer Beitrag 1, 

327. * 2 ) Ebd. 1, 329. 93 ) Hepding Attis 124 f. 
194. M ) Dieterich Kl. Sehr. 255. 9S ) Meyer 
Germ. Myth. 138. M ) Kuhn Westfalen 1, 242 
Nr. 274. 91 ) Meyer Baden 14. * 8 ) Mannhardt 
Germ. Mythen 256. ••) Sebillot Folk-Lore 1, 

478. 10 °) Ebd. 1, 477- 101 ) Ebd. 1, 476. 102 ) 

Heller H.nsagen Nr. 37 a; vgl. Nr. 65. 103 ) 

Söbillot 1, 478. 104 ) Kuhn a. a. O. 2. 144 

Nr. 416. 105 ) Ebd. 2, 169 Nr. 475: 2, 170 Nr. 479; 
über das Verbot der H.nwallfährten s. Cysat 

62. 1W ) Das Bruderloch bei Schönholzers¬ 
wilen 38. Hünnerkopf. 


Hoimann s. Hemann 3* 17°^ ff- 


Hokuspokus. Ein im Anfang des 17 . 
Jhdts. zuerst in England auftretendes, 
dann über Holland auf dem Kontinent 
sich ausbreitendes Wort, das den Taschen¬ 
spieler bezeichnet, aber auch als Zauber¬ 
formel schon 1632 begegnet 2 ). In diesem 
Sinn steht es auch z. B. in Bekkers „Die 
bezauberte Welt“ von 1693 2 ): „Denn 
sehet, sie (die Besessenen) sind daselbst 
(im Pabstthumb) nöthig, den Geistlichen 
Materie zu Mirakuln zu geben und zu 
zeigen, welche Krafft ihr Okusbokus auff 
den Teuffel habe“. DWb. und Weigand 
nehmen an, daß das Wort auf einen 
Taschenspielemamen — unter Jakob I. 
nannte sich ein HoftaschenspielerHocus Po- 
cus — zurückgehe; die verbreitete Erklä¬ 
rung, es sei Entstellung der Konsekrations- 
formel: „Hoc est corpus meum“, lehnen 
beide ab, wie auch Kluge. Aber damit ist 
nicht viel geholfen, denn der Name wäre 


natürlich auch nicht wirklicher Name, 
sondern erfunden und muß irgend mit der 
Tätigkeit seines Prägers zu tun haben, for¬ 
dert also selber eine Erklärung. Kluge 
sagt, der Ursprung des Wortes sei dunkel, 
es handelt sich aber wohl einfach um die 
bekannte Formel: „Hax pax“ (s. d.), in 
der das a verdumpft, nach englischer 
Art ausgesprochen, zu o geworden ist; 
vgl. 1625 die Form: Oxbox. Da diese 
Formel auf Hostien usw. geschrieben 
gegen Fieber und andere Schäden ge¬ 
braucht wurde, so ist die Möglichkeit 
einer Verstümmelung aus den Konse¬ 
kration sworten auch des „Hax Pax Max“ 

nicht ausgeschlossen. 

x ) DWb. 4, 2, 1731 f.; Weigand DWb. 1 
(1909), 882; Kluge EtWb. (1915)» 208 f. 2 ) G. 
Roskoff Geschichte des Teufels 2 (1869), 465. 

Jacoby. 

Holda, Holla s. Perchta. 

Holländer, fliegender s. Nachtrag. 

Hölle. 

1. Etymologie und Wortgebrauch. — 2. Der 
bestimmt lokalisierte Aufenthaltsort der Toten. 

— 3. Die mythische H.nlandschaft. — 4. Die 

allgemein menschlichen Grundlagen der my¬ 
thischen H.nlandschaft. — 5. Die H.nvor- 

stellungen in der germanischen Religion und 
die mythische H.nlandschaft in der älteren 
deutschen Literatur. — 6. Die christliche H. 

— 7. Die H. als Abgrund. — 8. Lage der 
H. — 9. Anlage der H. — 10. Die Bewohner 
der H. — 11. H.nfahrten. — 12. Die Quellen 
und die Geschichte der christlichen H.nvor- 

stellung. 

1 . Etymologie und W T ortgebrauch. 
Gemeingermanisch, got. halja, ahd. hellia, 
hella, ags. hell, nord. hei 1 ). Das Wort 
bezeichnet ursprünglich den unterirdi¬ 
schen Aufenthaltsort der Toten. Erst 
sekundär und nur im Norden wurde hei 
zu Hel, der Unterweltsgöttin 2 ). Ulfilas 
gebraucht haljaiüx aSr^, infernus; ^sswa, 
gehenna, gibt er durch gaiainna wieder, 
mit dem fremden Begriff blieb das fremde 
Wort. Ahd. wird infernus durch hella , 
gehenna, durch hellajiur oder hellawizi 
wiedergegeben 3 ). Vom 4.—10. Jhdt. ist 
hol ja, hella in der Bedeutung Unterwelt, 
Totenreich gebraucht, keinesfalls be¬ 
zeichnet es einen Qualort. hella in dieser 
Bedeutung scheinen nach Widekind von 
Corvei sächsische Dichter, einen Sieg der 
Sachsen über die Franken besingend, 




Hölle 



gebraucht zu haben, in ihrem Liede soll 
es geheißen haben: ubi tantus ille in- 
fernus esset, qui tantam multitudinem 
caesorum capere posset 4 ). Derselbe Ge¬ 
danke findet sich, vielleicht Widekind 
nachgebildet, wieder bei Fischart: Ein 
so weite hölle find man kaum, da all die 
toden hetten raum 5 ). In beiden Fällen 
ist infernus und H. Aufenthaltsort der 
Toten. In altnordischen Redensarten 
erscheint die gleiche Vorstellung: zur 
H. fahren = sterben, in die H. schlagen 
= töten; von einem, der in den letzten 
Zügen liegt, sagt man, er befindet sich 
schon auf dem Weg von der Welt zur 
H. 6 ). Auch in mhd. Denkmälern findet 
sich die Redensart zur H. fahren = 
sterben. Noch bei Seb. Brant be¬ 
zeichnet H. gelegentlich nichts anderes 
als Totenreich 7 ). In Spuren findet sich 
die noch primitivere Auffassung: H. = 
Grab, so heißt es in der Kaiserchronik: si 
ist in der helle begraben 8 ). Diesen Sinn 
verraten noch die Hellwege in Westfalen, 
die Wege, auf denen ursprünglich die 
Leichen gefahren wurden 9 ). Im 13 . Jhdt. 
hat sich für H. die heute allein übrig¬ 
gebliebene Bedeutung festgesetzt: Auf¬ 
enthalt der Verdammten 10 ). 

1 ) Zur Etymologie vgl. Güntert Kalypso 35. 

*) Golther Mythologie 472. 3 ) Grimm Myth. 2, 
667. 4 ) Ebd. 2, 668. 6 ) Ebd. 3, 238. 6 ) Ebd. i, 
260. 7 ) Ebd. 3, 94. 8 ) Ebd. 3, 238. 9 ) Ebd. 2, 
668 f. 10 ) Ebd. 2, 668. 

2 . Der bestimmt lokalisierte Auf¬ 
enthaltsort der Toten. 

Das Grab — Höhlen — Brunnen, Seen, 
Sümpfe — sind Eingänge der H., sie liegt — 
unter der Erde — in Bergen — an unheimlichen 
Orten. 

Die H.nVorstellungen werden bestimmt 
durch die Vorstellungen von der Seele. ‘ 
Solange nicht durch eine religiöse Er- i 
kenntnis die Trennung von Körper und 
Seele vollzogen wird, bleiben die Vor¬ 
stellungen über die Seele am Erinnerungs¬ 
bilde des Abgeschiedenen haften. Der 
Ort, an den die Phantasie weitere Schick¬ 
sale des Toten verlegt, ist der Ort, an 
dem der Leichnam blieb: das Grab. 
Indessen widersprach die Einsamkeit des 
Grabes dem Bedürfnis nach Geselligkeit, 
das der Lebende empfindet, und so führte 


ein weiterer Schritt zu der Vorstellung 
von einem unterirdischen gemeinsamen 
Aufenthaltsorte der Abgeschiedenen. Das 
Grab als Ort, an dem sich das Schicksal 

! des Toten fortsetzt, finden wir nur ver- 

* 

! einzelt, so in der Erzählung einer Exempel¬ 
sammlung aus der Zeit um 1300. Dort 
schlagen aus dem Grabe eines verstockten 
! Geizhalses Flammen und tönt Wehe- 
! geschrei hervor 11 ). Es ist beachtenswert, 
daß das Grab als alleinige Behausung des 
Abgeschiedenen dann im Volksbewußt¬ 
sein gilt, wenn besonders an die Indivi¬ 
dualität des Toten gedacht wird, so wenn 
; gefürchtet wird, daß ein bestimmter Toter 
l als Vampir die Hinterbliebenen heim- 
1 sucht (vgl. Nachzehrer, Wiedergänger). 

Ist es aber weniger die Persönlichkeit des 
i Toten als sein Totsein, das im Vorder¬ 
gründe der Erinnerung steht, so denkt 
man ihn sich in Gemeinschaft mit anderen 
Verstorbenen ein unterirdisches Leben 
führen. So fand ein Mann, der abends an 
j einem Grabhügel vorbeiritt, die Unter¬ 
irdischen bei einem fröhlichen Gelage 12 ). 
Ein Bauer in der Oberpfalz wurde von 
einem Toten zu Gast geladen. Auf dem 
Friedhof fand er ein Grab offen, der Tote 
umarmte ihn, und das Grab schloß sich 
j über beiden. Nach 100 Jahren, die ihm 
nur wie ein langer Morgen vorgekommen 
waren, erstand er aus dem Grabe und lebte 
noch kurze Zeit 13 ). Wenn die Toten 
vereinigt gedacht werden, so ist der Ort 
ihrer Vereinigung gewöhnlich unterirdisch, 
das Grab ist dann der Zugang zu diesem 
Ort und in gleicher Weise werden nun alle 
Höhlen, Brunnen, Teiche, alle ErdÖff- 
nungen, Pforten zu der Unterwelt. So 
befindet sich auf einer Alpe in Obersteier¬ 
mark ein Loch, das für einen Eingang 
zur H. gilt 14 ), oder er ist unter einem 
Dornbusch 15 ) oder in Felsenklüften im 
Walde, die mit dichtem Gestrüpp be¬ 
wachsen sind und davon „H.“ heißen 16 ). 
Daß Höhlen Eingänge zu einer Unter¬ 
welt sind, ist eine allgemein menschliche 
Idee 17 ). Weiter gelten Brunnen dafür, 
so einer im Badischen 18 ) und bei Bücke¬ 
burg 19 ). Roland fährt in einer Karosse 
mit sechs Pferden nach verlorener Schlacht 
in einen Brunnen, während seine Witwe 



187 


Hölle 


188 


aus Verzweiflung in ein Moor hinein¬ 
fährt 20 ). Seen und Weiher als H.nein- 
gänge kennt man in Hinterpommem, hier 
fährt der Teufel mit einer Chaise des 
Nachts 12 Uhr umher und schleppt mit 
sich, wen er trifft 21 ), im Bergischen fährt 
ein betrogener Teufel durch einen Weiher 
in die H. 22 ), in Schwaben sind die tiefen 
Gumpen der Donau, verschiedene Weiher 
und Brunnen, wie der Mummelsee, Ne¬ 
benwege zur H. 23 ). Dorthin führen weiter 
Sümpfe. In Bayern fürchten die Leute, 
dem grundlosen Sumpf bei Benatek nahe 
zu kommen, um nicht vom Teufel er¬ 
griffen und in die H. geführt zu werden 24 ), 
in Norddeutschland gilt die Sumpfge¬ 
gend des Drömling für einen Zugang zur 
H. 25 ). In Belgien heißen kleine, tief¬ 
gehende, dunkle Moore Helleput 26 ). Wenn 
so Klüfte, Brunnen, Teiche, Moore als 
H.neingänge bezeichnet werden, haben wir 
— obgleich in manchen dieser Fälle die 
durch diese Öffnungen erreichte H. als 
ein Strafort ausgemalt wird — nicht eine 
solche H. als ursprünglich vorauszusetzen. 
Zugrunde liegt hier die Vorstellung eines 
unterirdischen Totenlandes, weiter die 
eines Seelen- und Geisterlandes. Nicht 
nur die Toten gehen dorthin, sondern 
auch die Neugeborenen kommen dorther. 
Heißt es doch, daß die Kinder aus Brun¬ 
nen kommen, oder daß sie von Bächen 
angeschwemmt werden. Seen, Weiher, 
Gumpen und Hülben, weiter Steine und 
Höhlen bergen Kinder, oder sie kommen 
aus dem Keller 27 ). Die Vorstellungen über 
dies unterirdische Land bleiben unbe¬ 
stimmt. Bemerkenswert ist die scharfe 
Grenze zwischen der Welt der Lebenden 
und jener Unterwelt, einmal eine äußer¬ 
liche Grenze, indem man sich jenes Reich 
von einer Wildnis, einem Wasser odereiner 
Mauer umgeben denkt, dann eine inner¬ 
liche Grenze, die dadurch beobachtet 
wird, daß man die Unterirdischen nicht 
berühren, vor allem nicht von ihrer Speise 
und ihrem Trank genießen darf, und daß 
man beim Betreten ihres Landes bestimm¬ 
te Vorschriften beobachten muß, um es 
wieder verlassen zu können. Weiter ist 
bemerkenswert, daß die Zeit in dieser Welt 
eine andereist, als auf der Erde. Menschen, 


die in das Jenseits (Unterwelt, Zwergen- 
land, H., Paradies) gelangt sind, glauben 
nur Stunden oder Tage fortgewesen zu 
sein, während es Jahrzehnte und Jahr¬ 
hunderte waren. 

In Schlesien kennt das Volk eine Stelle, 
auf der die Fußtritte ganz hohl klingen. 
Daraus entstand die Sage, daß unter je¬ 
nem Platz die H. sei 28 ). Nach schwä¬ 
bischem Volksglauben ist die H. eine un¬ 
terirdische Welt, mit Berg und Tal, 
Äckern und Wiesen, Seen und Teichen, 
Häusern und Hausrat. Es gibt dort 
Backofen, Küche, Kessel und Häfen 
usw. 29 ). Vereinzelt findet sich eine ty¬ 
pische Unterweltsvorstellung in Stöck- 
heim in Südhannover, dort glaubte man, 
unter dieser Welt befinde sich noch eine 
andere bewohnte Welt, die von einem brei¬ 
ten und tiefen Wasser umgeben sei, über 
welches man fahren müsse, um dort¬ 
hin zu gelangen 30 ). Eine charakteristisch 
bäuerliche Meinung über das unterirdische 
Totenreich wird aus der Oberpfalz be¬ 
richtet: Ein kleiner Junge findet sich beim 
Blumenpflücken plötzlich vor einem gro¬ 
ßen Tore, ein alter Mann winkt ihm freund¬ 
lich und nimmt ihn in Dienst. Er hat 
nichts zu tun, als das Tor zu öffnen, so oft 
im Dorfe eine Leiche ausgeläutet wird. 
Doch durfte er die Vorübergehenden nicht 
fragen, woher sie kommen, und nicht 
nachschauen, wohin sie gehen. Viele Be¬ 
kannte sah er dann im Laufe seines zehn¬ 
jährigen Dienstes vorübergehen. Einmal 
blickte er einem Toten nach und schaute 
nun in eine Stube, und in dieser saßen alle, 
die vorübergekommen waren 31 ). 

Da Höhlen naturgemäß besonders in 
gebirgigen Gegenden sich bilden und da 
weiter Felsen und Berge gleich den mensch¬ 
lichen Bauten aus der Erde herausragen, 
entwickelt sich die Vorstellung von einem 
Toten- und Geisterreich in Bergen. Ein 
Knabe, den sein Vater zum Teufel ver¬ 
flucht hatte, trifft den Teufel als Reiter 
und wird von ihm bis an einen Berg ge¬ 
führt, der Reiter schlägt mit einer Rute 
auf den Berg, er öffnet sich, und die H. 
liegt offen da 32 ). Es ist zunächst ein neu¬ 
trales Geisterreich, das die Phantasie im 
Innern der Berge vermutet, das bald als H., 


* 


189 


Hölle 


190 


I ' bald als Paradies näher bestimmt wird. So 
wird ein von der Stiefmutter mißhandeltes 
' Kind von der Jungfrau Maria zu einem 
. Felsen geführt, die Jungfrau Maria klopft 
* an, und ein Tor zu einem prächtigen Pa- 
1 laste öffnet sich 33 ). In der Oberpfalz hört 
L ; man in einer bestimmten Anhöhe die 
Geister Kegel schieben. Einer wollte sich 
in der Nähe hängen: schon am Strick 
f hörte er wunderschöne Musik aus der An¬ 
höhe heraus 34 ). Es ist klar, daß die kegel¬ 
schiebenden Geister im Berg Gestorbene 
sind, zu deren vergnügtem Dasein die 
Volksphantasie den Selbstmörder ge¬ 
langen lassen wollte (vgl. Kyffhäuser, Un- 
tersberg). 

Sehr häufig wird das Leben der Toten 
in der Unterwelt mit fröhlichen Farben 
geschildert. Freilich war es grausig, mit 
den Abgeschiedenen in Berührung zu kom¬ 
men. Sie sind spukartig, sie haben aufge¬ 
hört, das Leben fördern zu können, ohne 
Inhalt und Ziel verbringen sie die Zeit 
bei Spiel und Gelage. Eine Reihe von 
Sagen berichtet von Menschen, die zu¬ 
fällig oder in einer bestimmten Absicht 
lur H. gelangt sind und die dort die Ver¬ 
storbenen gesehen haben. Obgleich in 
vielen Fällen diese H. als ein Qualort be¬ 
schrieben wird, ist doch ersichtlich, daß 
erst nachträglich unter dem Einfluß christ¬ 
licher Vorstellungen ein ursprünglich ganz 
neutraler Aufenthaltsort der Toten zu 
einem feurigen Strafort gemacht w r orden 
ist. Gewöhnlich haben diese H.nbesuche vi¬ 
sionären Charakter. An unheimlichen Or¬ 
ten erwacht der Mensch nach dem Gesicht. 
So fand ein Müller, der nachts heimritt, 
auf dem Schwarzenwürberg (Oberpfalz) 
plötzlich eine schöne Straße, der er folgte, 
bis er an einen Ort kam, wo viele saßen, 
die schon gestorben waren. Sie hoben 
ihn vom Rosse und banden dies an eine 
Säule, dann brachten sie ihm zu trinken 35 ). 
Ebendort gelangte einer in ein Zimmer, 
in welchem Verstorbene saßen und Karten 
spielten, die Füße hatten sie unter dem 
Tisch in einem feurigen Kessel 36 ). Am 
Schwarzweiher in derselben Gegend sah 
ein Reiter nachts plötzlich ein hell er¬ 
leuchtetes Haus, darin ein Lärm wie von 
einer fröhlichen Gesellschaft. Er band 


sein Pferd an die Türe, trat ein und sah 
hier mehrere Verstorbene sitzen, im Hof 
schoben andere Tote Kegel. Voll Angst 
ging er zur Tür, fand sein Pferd an einen 
Strauch gebunden, das Haus war ver¬ 
schwunden 37 ). Aus Südhannover be¬ 
richtet eine Sage von einem Ritter Hans 
von Lichtenstein, der nach seinem Tode 
seinem Hofmeister die H. zeigt. Er führt 
ihn zu dem Eingang einer Höhleim Walde, 
dort treten sie ein, und der Ritter setzt sich 
auf ein rotes Ruhebett, alles ist rot, die 
Stühle, Geräte, Pantoffeln, rote Diener 
bringen rote Speisen und roten Wein. 
Alle diese roten Dinge sind glühend. Der 
Ort wird jetzt noch H. genannt 38 ). Eine 
weit verbreitete Sage berichtet von der 
H.nwanderung eines Pächters oder Bauern, 
der von seinem verstorbenen Herrn eine 
Quittung holen will. Die H. hat in diesen 
Sagen denselben feudalen Anstrich, wie in 
der eben erwähnten. So geht nach 
mecklenburger Sage ein Pächter durch 
eine Tür in einen Berg, dann durch ver¬ 
schiedene Zimmer. Er findet seinen Herrn 
im letzten Zimmer, dort spielt er mit noch 
dreien Karten 39 ). Oder ein Oberpfälzer 
Bauer findet seinen Herrn in einer Burg 
beim Kegeln 40 ), oder mit drei andern 
mit glühenden Karten spielen, die Füße 
in einem Kessel mit Glut 41 ). Nach thü¬ 
ringer Sage suchte ein Schäfer von seinem 
Herrn die Quittung zu erlangen. Ein 
graues bärtiges Männchen gab ihm einen 
Stab und führte ihn zu einer Tür, die er 
bis dahin nie bemerkt hatte. Mit dem 
Stabe klopfte der Schäfer an und fand 
seinen Herrn mit dreien beim Kartenspiel. 
Sobald er ihn mit dem Stabe berührte, 
sprühten Flammen um die Spitze des 
Stabes. Die Mütze, die ihm der Gutsherr 
als Kennzeichen mitgab, brannte ein Loch 
in den Tisch 42 ). In Kärnten reitet der 
Pächter durch einen Wald und sieht plötz¬ 
lich das Abbild des Schlosses seines Herrn 
vor sich. Ein Stallbursche nimmt ihm das 
Pferd ab, im Prunksaal findet er eine 
große Gesellschaft fröhlicher Zecher, die 
ihm zutrinken. Plötzlich erwacht er und 
findet sich auf dem Friedhof liegend, sein 
Pferd an ein Grabkreuz gebunden 43 ). 
Gelegentlich zerfließen dann solche re- 


Hölle 


192 


191 


lativ bestimmte Vorstellungen von einer 
Gesellschaft der Toten in spukhaften Er¬ 
weiterungen. So sah ein Müller an einem 
unheimlichen Weiher ein hell erleuchtetes 
Schloß, darin Hexen und Druden tanzten, 
während Katzen auf spielten. Er band 
sein Pferd an einen Ring des Fensters. 
Im Zimmer sah er einen schwarz gedeckten 
Tisch, daran spielten viele Herren Karten, 
sie luden ihn ein, lustig zu sein, zu tanzen 
und zu trinken. Wie er herausging, war 
alles verschwunden, sein Pferd an einen 
Strauch gebunden 44 ). Einem anderen be¬ 
gegneten in einem solchen Schlosse Pudel 
mit ungeheuren Augen, große Katzen und 
ein Pförtner mit Schlüsseln. Der führte 
ihn in einen Saal, wo gezecht und ge¬ 
spielt wurde. Karten, Würfel, Damen¬ 
brett, Kegel und Kugel waren von glühen¬ 
dem Eisen. Dazu wurde schäumendes 
siedendes Bier kredenzt. Wie der Mensch 
wieder zu sich kam, stak er bis zum Knie 
im Sumpf 45 ). 

Es war aber nicht nur die Vorstellung, 
daß Höhlen, Weiher und Sümpfe Eingänge 
in ein unterirdisches Reich seien, die solche 
Orte zu den Stätten höllischer Visionen 
werden ließen. Ein anderes Moment 
kommt hinzu. Es wird oft berichtet, daß | 
Spukgeister, die die menschliche Gemein¬ 
schaft erschrecken und stören, gefangen 
und gebannt werden. Meist sind diese j 
Spukgeister ruhelose Seelen, die am Ort 
ihrer Verbrechen umgehen müssen. Die 
Menschen befreien sich von ihnen, indem 
sie sie durch Priester oder andere des 
Bannens Kundige in öde, unheimliche, 
von den menschlichen Wohnsitzen weit 
entfernte Orte vertragen lassen. Fels¬ 
klüfte, Seen und Moore erschienen oft als 
geeignet hierfür, und das Zusammenhausen 
der Gebannten an diesen Stätten ließ das 
Bild einer H. entstehen. Gefürchtete See¬ 
len von Tyrannen, Hexen, Zauberern, 
Wucherern, Selbstmördern wurden an 
solche einsamen Orte gebannt. So in 
Bayern in die Gegend am Rachelsee 46 ). 
Den Pfleger von Naabburg ließen seine 
Kinder von einem Feilenhauer auf einen 
Felsen vertragen 47 ), und die Pudel und 
Katzen des oben erwähnten Beispiels sind 
ebenfalls vertragene böse Geister 48 ), des¬ 


gleichen die Hexen und Druden 49 ). Das 
Volk von St. Maurice in Wallis verbannt 
alle bösen belangreichen Mitbürger nach 
ihrem Tode in die Bergwüste von Planne- 
vet, sündigen sie da fort, so entstehen für 
das Land Überschwemmungen und Ge¬ 
witter 50 ). Bemerkenswert ist die Be¬ 
ziehung dieser Gebannten zum Wetter. 
Erst sekundär werden derartige öde Orte 
zu Straf orten. Zunächst handelt es sich 
darum, die im Leben der menschlichen Ge¬ 
sellschaft feindliche Potenz nach dem Tode 
zu isolieren, doch bleibt die Gefahr und 
entlädt sich im Wetter. Im Tessiner Lande 
werden die Seelen der Geizhälse auf die 
öden Bergfirsten von Bellinzona gebannt 
und müssen da das Wetter machen, eben¬ 
so die Berner Zwingherren, sie müssen da¬ 
zu im Frühjahr den Bergschnee weg¬ 
fressen. In Wallis müssen ränkesüchtige 
Advokaten nach dem Tode auf .den Ber¬ 
gen die Wolken treiben 51 ). Bei Luzern 
i hausen im Enziloche die Talherren, die 
im Leben die Armen unterdrückt haben. 
Wenn das Wetter schlecht wird, hört man 
aus diesem Loche Krachen und Donnern 52 ). 
Diese Bannorte gefährlicher Seelen werden 
dann zu Straforten weiter entwickelt. Das 
Krachen im Enziloche wird dann so er¬ 
klärt, daß die Talherren riesige Felsblöcke 
aus der Tiefe heraufwälzen müssen, ohne 
daß ihnen dies je gelänge. Oder die ge¬ 
bannten Seelen der Geizhälse müssen im 
Wallis den Rhonesand in bodenlosen Ge¬ 
schirren zu Berge tragen 53 ). In den Diable- 
rets im Wallis ist eine Kolonie Verdamm¬ 
ter im Gefängnis, die Diablerets gelten als 
eine Vorstadt der H. 54 ). In der Nähe von 
Chur ist eine öde Schlucht, der Skalära- 
tobel, ein Sonderexil für Churer Bürger, 
die dort nach Art ihrer Sünden büßen 
müssen 55 ). 

Die Vorstellung, daß bestimmte Punkte 
irgendwie mit der H. zu schaffen haben, 
hat durch das ganze deutsche Sprachge¬ 
biet zahlreiche Ortsbezeichnungen wie 
H., H.nloch, H.ntal, H.ntor, H.nküche 
usw. hervorgebracht. 

n ) Klapper Erzählungen 296. 12 ) Müllen - 
hoff Sagen 576 Nr. 591. 13 ) Schönwerth 

Oberpfalz 3, 149 h; ähnlich Kühnau Sagen 
3, 310. 14 ) ZfVk. 1 (1891), 217. 15 ) FientPräffi- 
1 gau 170. 16 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 25. 


193 


Hölle 


194 


In den Sagen von H.besuchen ist der Eingang 
oft eine plötzlich erscheinende Höhle oder ein 
Tor im Berg. 17 ) vgl. z. B. die griechischen 
Plutonien Rohde Psyche 1, 212 — 214. 18 ) Meyer 
Baden 10. 19 ) Kuhn Westfalen 1, 251 Nr. 286. 
•®) Müllenhoff Sagen 374 Nr. 503. 21 ) Knoop 
Hinterpommern 45. 22 ) Schell Bergische Sagen 2 
224 Nr. 611. 23 ) Birlinger Volksth. 1, 262. 

•*) Sepp Sagen 391. 25 ) Ebd. 26 ) Böckel Volks - 
tage 77. 27 ) Höhn Geburt 258. Die „H.“ zu 

Inzikofen und der „H.brunnen“ auf der Alb 
Bind Kindlesbrunnen: Meyer Baden 10. 
*•) Kühnau Sagen 3, 311. 29 ) Birlinger 

Volksth. 1, 262. 30 ) Schambach u. Müller 

236 f. Nr. 244. 31 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 

277 f. 32 ) Ebd. 3, 37. 33 ) Ebd. 3, 313. 34 ) Ebd. 
3, 147. 33 ) Ebd. 3, 143. 34 ) Ebd. 3, 144. 37 ) Ebd. 
3, 142 f. 38 ) Schambach u. Müller 228 f. 
Nr. 239; Eckart Südhannover. Sagen 15 ff. 
••) Bartsch Mecklenburg 1, 454 h 40 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 140. 41 ) Ebd. 3, 141. 

4f ) Sommer Sagen 68 f. Nr. 60. 43 ) Gräber 

Kärnten 189 f. 44 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 
143. 45 ) Ebd. 3, 141 f. 44 ) Sepp Sagen 392 ff. 
Nr. 105. 47 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 142. 

4I ) Ebd. 3, 141. 49 ) Ebd. 3, 143. b0 ) Rochholz 
Naturmythen 14. 61 ) Ebd. 12. 62 ) Ebd. 13. 

M ) Ebd. 12. 54 ) Ebd. 14. 65 ) Luck Alpensagen 
27 ff. 

3. Die mythische Höllenland¬ 
schaft. 

Weg — Wiese — Wirtshaus — Schranken 
zwischen Diesseits und Jenseits, keine Gemein¬ 
schaft mit den Abgeschiedenen. 

Diese Vorstellung von einem unterir¬ 
dischen durch das Grab, Höhlen oder 
Seen erreichbaren Totenreich, wie die von 
dem Aufenthaltsort gebannter Geister in 
imheimlichen Einöden, ist die unterste 
Schicht des H.nglaubens. Die Vorstellun¬ 
gen bleiben an bestimmte Örtlichkeiten 
gebunden. Die Phantasie überschreitet 
nicht ihr alltägliches Interessengebiet, 
das durch die bäuerliche Gemeinschaft 
begrenzt wird. So sitzen die Toten eines 
Oberpfälzer Dorfes unter der Erde in 
einer Stube beisammen, oder hausen die 
irdischen Herren auch als Tote in einem 
Schloß, wie sie es auf Erden getan haben. 
Charakteristisch für diese Schicht ist, 
daß ihre Vorstellungen sich nicht von den 
Affekten lösen, die zu ihrer Bildung ge¬ 
führt hatten. Es sind bestimmte Tote, an 
die man denkt und deren Weiterleben 
man auf bestimmte, irgendwie nahehe¬ 
gende Örtlichkeiten verlegt. Auf dieser 
Schicht erhebt sich eine andere, in der die 
Phantasie sich von den bestimmten Fäl- 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


len befreit hat, sie gestaltet nun — immer 
beeinflußt von irdischen Vorbildern — 
eine mythische H.nlandschaft. Freilich 
hat sich hier keine feste Meinung ge¬ 
bildet, die allgemein verbindlich gewor¬ 
den wäre, sondern eine Reihe verschie¬ 
dener H.nvorstellungen bleibt nebenein¬ 
ander bestehen, sich in den einzelnen Ge¬ 
genden in wechselnder Weise zusammen¬ 
fügend. Aber die wesentlichen Züge 
kehren immer wieder. 

Zunächst findet sich die Beschreibung 
des Weges. Zur H. führt ein schöner, 
üppiger, schattiger Weg abwärts 56 ), oder 
es wird eine breite Straße genannt, auf 
der die Menschen paarweise der H. zu¬ 
tanzen 57 ). Boleslaus IV. von Oppeln 
ritt zu Roß in die H. 58 ). Häufig gilt dieser 
Weg als unbequem. Er ist nach einer 
Volkssage aus dem Kanton Zürich rauh 
und schmal und mit Dornen bewach¬ 
sen 59 ). Ein Bauer, der es mit dem Teufel 
hat, führt seinen Grafen und den Büttel 
in die H. Am dritten, letzten Tage kom¬ 
men sie durch lauter Wildnis über Stock 
und Stein, durch Sumpf und Wald 60 ). 
Ein altes Weib, das einem Bauern ver¬ 
sprochen hatte, nach dem Tode ihm Aus¬ 
kunft über das Jenseits zu geben, erscheint 
und sagt, der Weg zu ihm sei ihr 
härter angekommen, als wenn sie auf 
Disteln und Dornen gegangen wäre 61 ). 
Hierher gehört dann auch die Sorge für das 
Schuhwerk des Toten, damit er die Reise 
im Jenseits bewältigen könne 62 ) (vgl. 
Schuh). 

Das Ziel dieses Weges wird verschieden 
geschildert. Üben aschend ist zunächst 
eine grüne Wiese, die vor der H. liegen 
soll. Dieselbe Wiese findet sich in den Pa¬ 
radiesesvorstellungen wieder, dort war 
sie geeignet, zu einem Ort der Freuden 
weiter ausgemalt zu werden. In den H.n¬ 
vorstellungen ist die Wiese ein noch neu¬ 
traler Ort. In Breslau hört man zuweilen, 
namentlich von Mädchen: „Komme ich 
nicht in den Himmel, so komme ich doch 
gewiß auf die grüne Wiese*‘ 63 ). Hier er¬ 
scheint die Wiese als ein Vorort des Him¬ 
mels. Zugrunde liegt eine alte Jenseits¬ 
vorstellung, die nicht in Paradies und 
H. differenziert war. So oft ein neuer 

7 


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Hölle 


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Hölle 


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Gast kommt und auch bei anderen Ge¬ 
legenheiten, wird auf dieser Wiese ge¬ 
tanzt 64 ). Vor allem ist diese Wiese aber 
eine Viehweide 65 ). Ein Fastnachtsspiel 
aus dem 15 . Jhdt. erwähnt diese; Stuten, 
Esel und Kühe weiden darauf 66 ). Die 
gleiche Wiese hat wohl ein schwäbisches 
Märchen im Sinn, das von einem Riesen 
erzählt, der von den Zwergen gefangen 
wurde und in der Unterwelt das Vieh 
hüten muß 67 ). Auch hier ist das eigentlich 
höllische Kolorit erst eine spätere Zutat, 
so, wenn es heißt, daß die Wiese vor der 
H. früher ganz grün gewesen sei, jetzt 
aber von den glühend heißen Füßen der 
Verdammten, die hier tanzen, rot ge¬ 
brannt 68 ); oder wenn das Vieh auf dieser 
Wiese als schwarze Wildschweine, Stiere 
und Pudel Geister darstellt, die noch er¬ 
löst werden können; hinzugesetzt wird 
dann, daß diese nur an Feiertagen hier 
weiden 6Ö ). Ein anderes Märchen erzählt 
von einem schlechten Pfarrer, der durch 
ein Loch in die Erde hineinfiel, das Loch 
aber hatte keinen Grund, so fiel er bis 
auf einen grünen Platz, der vor der H. 
war. Da jagte immerfort ein stummer 
Jäger nach einem Stück Wild. Auf dem I 
grünen Platze floß auch ein Wasser, an 
dem stand und wusch ein nacktes stum¬ 
mes Mädchen. Auf dem Rasen waren 
auch Musikanten, die spielten immerfort, ] 
und Paare, die tanzten immerfort. Auch 
diese waren stumm. Dort war weiter ein i 
Ruhebett, darauf lag der Freund dieses 
Pfarrers, ein ebenso schlechter Pfarrer. : 
Neben ihm brannte ein Kirchenlicht, von 
dem tröpfelte ohne Aufhören das Wachs 
auf seine nackte Brust. Dieser gibt ihm 
die Erklärung: der Jäger, das Mädchen, die 
Musikanten und die Tänzer haben alle den 
Sonntag nicht geachtet. Es gelingt dem 
Pfarrer, von diesem Orte wieder auf die 
Erde zu kommen, er war 500 Jahre fort 
gewesen 70 ). An diese Wiese ist auch ge¬ 
dacht, wenn in der Alt mark gesagt wird, 
im Nobiskrug müßten diejenigen, die im 
Leben nichts getaugt haben, Schafböcke 
hüten 71 ) (vgl. Asphodeloswiese, grüne 
Wiese). Ein neuer Gedanke fließt hier ein, 
wenn nach steiermärkischem Glauben die 
Soldaten nicht in den Himmel kommen. 


196 

sondern auf die grüne Wiese. Hier war¬ 
ten sie, bis der Tag kommt, an dem sie auf 
der Welt wieder erscheinen werden 72 ) 
(vgl. bergentrückt, schlafende Helden). 

Ein weiteres Element, das zu der my¬ 
thischen H.nlandschaft gehört, ist der No¬ 
biskrug oder das Nobishaus. Ursprünglich 
dachte man sich dies Haus wohl als das 
letzte Ziel auf der Reise des Toten. Da¬ 
ran könnte die Meinung aus der Altmark 
erinnern, wonach der Nobiskrug der 
Himmel selber ist. Hier kommen nach 
dem Tode alle zusammen, da wird Karten 
gespielt — was ja schon mehrfach als 
Zeitvertreib der Abgeschiedenen begeg¬ 
nete; die, welche es auf der Erde nicht 
gelernt haben, müssen Fidibus pflücken 73 ). 
Die Vorstellung dieses Totenheims er¬ 
weiterte sich dann zu der des Wirtshauses; 
hier wird der Ankömmling von den Teu¬ 
feln bewirtet, sie zechen mit ihm und 
trinken ihm das Draufgeld 74 ). Eine wei¬ 
tere Entwicklung läßt aus diesem Wirts¬ 
haus speziell ein Grenzwirtshaus werden, 
hier bekommt man den Paß zum Him¬ 
mel 75 ) (vgl. Nobiskrug). 

Der Weg zur H., die Wiese und das 
Wirtshaus sind Vorstellungen, die der 
Phantasie, die sich ein Bild vom Jenseits 
ausmalte, am nächsten lagen. Neben die¬ 
sen Gebilden wurde eine andere H.nVor¬ 
stellung entwickelt, die von dem Gefühl 
ausging, daß die Welt der Gestorbenen 
eine wesentlich andere sein müsse als die der 
Lebenden, daß zwischen beiden kaum 
überwindbare Hindernisse liegen. Und 
aus der alltäglichen Erfahrung schöpfend, 
dachte man sich die H. von Wasser oder 
einer Mauer umschlossen. Eine in Deutsch¬ 
land vereinzelte, aber typische Unterwelts¬ 
vorstellung ist die aus Südhannover ge¬ 
meldete: unter dieser Welt ist eine andere 
von einem tiefen Wasser umflossene, das 
man überfahren muß 76 ). In Westfalen 
findet sich der Glaube, daß die H. im 
Norden jenseits des großen Wassers läge. 
Der Teufel erwartet hier die Seelen mit 
einem Ruder in der Hand. Er pflegt sie 
dann zu ersäufen 77 ). Oder die H. ist von 
einer Mauer umgeben. Ein Knabe, den der 
Teufel in Dienst genommen hatte, muß 
das große Tor öffnen, kommt ein Großer, 



das kleine, kommt ein Armer 78 ). Gele¬ 
gentlich werden vier schwarze Tore der H. 
nach den vier Himmelsrichtungen hin 
gezählt 79 ). 

Die Schranke, die man zwischen den 
Lebenden und den Toten fühlte, erscheint 
nicht nur als Wasser oder Mauer, das die 
Toten weit umgibt, sondern das Gefühl 
für die absolute Andersartigkeit der Ab¬ 
geschiedenen erzeugte noch den Glauben, 
daß jede Berührung mit ihnen für den 
Lebenden verhängnisvoll sei. Gelegent¬ 
lich findet sich die Vorschrift, mit den To¬ 
tengeistern nicht zu reden. Freiherr 
Albrecht von Simmern wurde einst von 
einem Geist auf schöne Wiesen und in ein 
Schloß geführt, in dem er seinen toten 
Onkel und seine Reisigen an einer Tafel 
sieht. Alle schweigen, und der Geist sagt 
ihm: laß dich ihr Schweigen nicht be¬ 
fremden, dagegen rede auch du nicht mit 
ihnen. Später verwandelt sich die ganze 
Herrlichkeit in Qualm, Feuer, Pech und 
Schwefel 80 ). Auch in den Märchen er¬ 
scheint gelegentlich das Gebot, mit Gei¬ 
stern auf keinen Fall zu reden 81 ). Der 
Grund ist der, daß durch ein Gespräch 
eine Gemeinschaft mit den Geistern ge¬ 
schaffen, jene Schranke durchbrochen wer¬ 
den würde. Aus dem gleichen Grund ist es 
gefährlich, die Geister zu berühren 82 ). 
Vor allem aber muß vermieden werden, 
mit ihnen zu essen und zu trinken. Wer 
an ihren Mahlzeiten teilnimmt, ist ihnen 
verfallen. Der Oberpfälzer Müller, der 
eines Nachts plötzlich eine schöne Straße 
entdeckte und zu den Abgeschiedenen ge¬ 
langte, genoß nichts von dem Trünke, 
den sie ihm anboten, ,,und das war sein 
Glück“ 83 ). Ein Schusterjunge wird vom 
Teufel zu einem Gelage entführt. Wenn 
er sein Glas nicht austrinken wollte, wurde 
es ihm eingezwungen. Der Teufel sagt 
dann zu ihm: du hast mit mir gegessen 
und getrunken, du mußt bei mir bleiben 84 ). 
Ein Bauer läßt sich von den an einem 
Grabhügel zechenden Unterirdischen den 
Becher geben, gießt den Trunk aber aus, 
dabei versengt die Flüssigkeit die Haare 
des Pferdes 85 ). Das feurige Element ist 
auch in diesen Geschichten sekundär, aus 
der christlichen H.n vor Stellung entlehnt. 


Endlich hat das Gefühl für die Gefährlich¬ 
keit der Jenseitigen noch eine letzte Vor¬ 
sichtsmaßregel hervorgebracht: Wenn 
nämlich ein Mensch in ihre Gesellschaft 
gerät, so hat er beim Betreten ihres Gebietes 
auf seinen Weg zu achten, wenn er ihn 
nicht verlieren und dadurch jenen ausge¬ 
liefert sein will. Ein Mensch, der in die 
Gesellschaft kartenspielender Abgeschie¬ 
dener geraten war, entdeckte unter diesen 
plötzlich seinen Vater. Voll Entsetzen 
ging er rücklings hinaus. Der Vater rief 
ihm nach: es ist dein Glück, daß du rück¬ 
wärts zur Türe hinausgingst, sonst hättest 
du dich nicht mehr hinausgefunden 86 ). 
Gelegentlich werden die Schritte, die man 
in jenes Reich gehen darf, begrenzt. 
Einer trat drei Schritte hinein, da be¬ 
fiel ihn Grausen und er trat zurück 87 ). 
Als Regel gilt, daß man drei Schritte vor 
und drei Schritte zurück machen müsse, 
um unversehrt zurückkehren zu kön¬ 
nen 88 ). Erwähnt sei noch, daß für den 
Teufel eine merkwürdige Umkehrung die¬ 
ser Bestimmung genannt wird: wenn der 
Teufel durch ein H.ntor hinausgegangen 
ist, muß er durch ein anderes zurück¬ 
kehren 89 ). 


56 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 25; Stracker- 
jan 1 2, 10. 57 ) Birlinger Volksth. 1, 262. 

ß8 ) Kühnau Sagen 1, 341. 59 ) Sepp Sagen 74 

Nr. 24. 80 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 34. 

81 ) Ebd. 3, 151* <2 ) ZfVk. 4 (1894). 424. 63 ) Ehü. 

457. 84 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 25 f. 

85 ) Ebd. 3, 26. 88 ) (A. v. Keller) Fastnacht - 

spiele aus dem 15. Jhdt. Bibliothek des Lite¬ 
rarischen Vereins in Stuttgart 38 (1853) Nr. 56. 
87 ) Birlinger Volksth. 1, 364. 88 ) Schönwerth 
Oberpfalz 3, 25. 89 ) Ebd. 3, 26; über Ruhetage 
in der H. vgl. bei dieser Gelegenheit Seb. 
Merkle Die Sabattruhe in der Hölle, Römische 
Quartalschrift 9 (1895), 489 ff. 70 ) Heinrich 
Pröhle Kinder - und Volksmärchen (Leipzig 1853) 
78 f. Nr. 25. 71 ) Kuhn u. Schwartz 132 Nr. 
152, 2. 72 )Vernaleken Mythen 119 f. 7S ) Kuhn 
u. Schwartz 132. 74 ) Schönwerth Oberpfalz 

з, 25 f. 7ß ) Kuhn u. Schwartz 132. 76 ) Scham¬ 

bach u. Müller 236 f. 77 ) Graesse Preußen 1, 
780 Nr. 831. 78 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 37. 
7# ) Ebd. 3, 27. 80 ) Grimm Sagen, hrsg. von 

Herrn. Schneider 2, 170 f. Nr. 534. 81 ) z. B. 
Ernst Meier Deutsche Volksmärchen aus 
Schwaben 3. Aufl. Stuttgart (1864) 180 f. Nr. 50. 

82 ) Beispiele bei Schambach u. Müller 380. 

83 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 143. 84 ) Tettau 

и. Temme 146 ff. Nr. 146. w ) Müllenhoff 
Sagen 576 Nr. 591. M ) Schönwerth Ober- 


199 


Hölle 


200 


Pfalz 3, 144. 87 ) Ebd. 3, 143. 88 ) Ebd. 3, 140. 
8Ö ) Ebd. 3, 27. 

4. Die allgemein menschliche Grund¬ 
lage der mythischen H.nlandschaft. 

Die mythische H.nlandschaft mit dem 
beschwerlichen Weg, der Wiese und dem 
Haus, oder die durch ein Wasser oder eine 
Mauer von der übrigen Welt getrennte 
H. scheint zunächst eine in sich geschlos¬ 
sene Vorstellung zu sein. Man ist versucht, 
hier eine eigentümlich germanische Jen- 
seitsvorstellung zu vermuten. Indessen 
zeigt ein Blick auf eine Sammlung 90 ) von 
Jenseitsbildem, die aus der Welt der Na¬ 
turvölker zusammengetragen ist, daß in 
der Fülle dieser Materialien die aus 
deutschem Volksglauben aufgezeigten Vor¬ 
stellungen genügend Parallelen finden. 
Daß der Tote an die Stätte seines Leich¬ 
nams gebunden bleibt, wird vereinzelt ge¬ 
meldet. So glauben die Orinoko-Stämme, 
daß die Geister um ihre Gräber wan¬ 
dern 91 ), und die Kiwai-Leute in Neuguinea, 
daß sie unter der Erde neben dem Leich¬ 
nam hausen 92 ). Daß das Jenseitsland 
unterirdisch ist, ist ein verbreiteter Glau¬ 
be, man trifft ihn z. B. bei den indischen 
Todas 93 ), den afrikanischen Basutos 94 ), 
bei den Centraleskimos 95 ) oder den Sias 
von den Pueblos 96 ). Bei demselben 
Stamme findet sich der Glaube, daß die 
Seelen der neugeborenen Kinder aus dem 
gleichen unterirdischen Jenseits stam¬ 
men, in das die Toten gehen 97 ), was an 
die deutsche Vorstellung erinnert, daß die 
Kinder aus Brunnen, Teichen oder Höh¬ 
lenden Eingängen zurUnterwelt, kommen. 
In der Mehrzahl aller Jenseitsvorstellungen 
ist dem Wege zurUnterwelt besonderes In¬ 
teresse gewidmet, meist wird er als müh¬ 
selig geschildert. Vielfach wird dieser Weg 
zu einem Ordal; gelingt es, ihn zu vollenden, 
so erreicht man das meist freundlich ge¬ 
schilderte Totenreich, wenn nicht, ver¬ 
fällt man irgendwelchen Übeln. Bemer¬ 
kenswert ist, daß gerade die so charakte¬ 
ristisch erscheinende grüne Wiese in ver¬ 
schiedenen Formen immer wieder auf¬ 
taucht. Es ist begreiflich, daß einem mehr 
an die Natur gewöhnten Menschen gerade 
eine üppige Wiese als idealster Aufenhalts- 
ort erscheint. Auf einen ursprünglich 


idealen Aufenthaltsort weist auch die 
deutsche H.nwiese hin. Die Thompson- 
River-Indianer glauben, daß die Abge¬ 
schiedenen nach dem Tode unterirdisch 
eine schöne Gegend voll Gras, Blumen 
und Früchte finden werden 98 ). Einige 
Papuastämme denken sich unter der Erde 
ein Jenseits, wo alles so ist wie hier, doch 
ist die Vegetation viel üppiger "). Die 
Basutos kennen ein unterirdisches See¬ 
lenland mit grünen Tälern und mit Dör¬ 
fern wie auf Erden 10 °). Bemerkenswert 
ist eine Parallele zu deutschem Volks¬ 
glauben von den ostafrikanischen Bon¬ 
dei, danach gehen die Seelen der Toten 
durch ein ehernes Tor in einen Berg 101 ). 
Häufig wird die Trennung dieser Welt 
von der andern scharf betont. Meist ist 
es ein Wasser. Die Kagoro vom Niger 
kennen einen Strom, den die Seelen auf 
einer Brücke überschreiten müssen 102 ), 
ebenso die nordamerikanischen Hidat- 
sa 103 ). Die Seelen der Araukaner müssen 
über die See ins Jenseits 104 ). Oder es ist 
eine Schlucht, über die die Seele hinüber 
muß; so überschreiten die Toten der Oma¬ 
ha einen Abgrund auf einem Baum¬ 
stamm 105 ), die der Todas über einen Fa¬ 
den 106 ). Fast immer ist der Weg über 
das Wasser oder die Kluft ein Ordal 
in obigem Sinne. Ähnliches wird aus 
deutschem Volksglauben noch anzu¬ 
führen sein. Endlich sei noch darauf hin- 
gewiesen, daß der Aufenthaltsort der To¬ 
ten nach dem Glauben der Naturvölker 
auch bei einer Teilung des Jenseits in ein 
gutes und ein schlechtes doch kaum 
Qualorte vom Charakter der christlichen 
H. kennt. Das Feuer, das in die neutrale 
deutsche Jenseitsvorstellung eingedrungen 
war, findet sich hier nur vereinzelt, z. B. 
bei den Sia von den Pueblos, dort werden 
die bösen Seelen in ein großes Feuer ge¬ 
worfen 107 ); bei' den südamerikanischen 
Payaguas erwarten die Bösen im Jenseits 
Kessel und Feuer, bezeichnenderweise ist 
gerade dieser Glaube als christlicher Im¬ 
port verdächtigt worden 108 ). 

So kann gesagt werden, daß die my¬ 
thische H.nlandschaft sich aus Elementen 
zusammensetzt, die überall auf der Erde 
dem Menschen nahegelegen haben, wenn 


«■* 


1 






201 Hölle 202 


er sich ein Bild vom Jenseits machte. 
Bei der Frage nach fremden Einflüssen 
auf die H.n Vorstellungen im deutschen 
Volksglauben werden entsprechende Vor¬ 
stellungen im antiken und vorderorien¬ 
talischen Volksglauben deshalb weniger 
als Quellen, denn als Parallelen zu bewer¬ 
ten sein. 

90 ) z. B. J. A. MacCullocb State of the Dead 
(Primitive and Savage) bei Hastings 11, 817 ff. 
Daraus sind die folgenden Zitate entnommen. 
• l ) Hastings 11, 820 1 . 92 ) Ebd. 11, 821 r. 

M ) Ebd. ii. 824 1 . M ) Ebd. 11, 820 r. 95 ) Ebd. 
xi, 825 1 . M ) Ebd. 11, 824. 97 ) Ebd. 11, 824 r. 
") Ebd. ii, 822 r. ••) Ebd. 11. 821 r. 10 °) Ebd. 
Xi, 820 r. 101 } Ebd. 11, 820 r. 102 ) Ebd. 11, 821 1 . 
l03 ) Ebd. ii, 824 1 . 104 ) Ebd. 11, 825 r. 105 ) Ebd. 
11,8241. 106 ) Ebd. 11, 824 1 . 10? ) Ebd. 11, 824 r. 
I08 ) Ebd. ii, 826 1 . 

5. Die H.nvorstellungen der ger¬ 
manischen Religion und die my¬ 
thische H.nlandschaft in der älteren 
deutschen Literatur. 

Die Materialien, die bisher verwendet 
worden sind, um ein Bild von den H.nvor¬ 
stellungen im deutschen Volksglauben zu 
gewinnen, waren im wesentlichen aus neu¬ 
eren Feststellungen geschöpft. Es sind jetzt 
die Ergebnisse durch die ältere deutsche 
Literatur bis in die germanische Religion 
zu verfolgen. Das Grab als der endgül¬ 
tige Ort, an dem sich das Schicksal des 
Toten fortsetzt, findet sich nur selten, und 
auch dann ist das Grab eher die Pforte, 
durch die der Abgeschiedene ins Jen¬ 
seits geht. Burkhard v. Worms berichtet 
als Brauch, daß einem Getöteten eine ge¬ 
wisse Salbe ins Grab gegeben werde, 
gleich als ob mit dieser Salbe nach dem 
Tode die Wunde geheilt werden könne 109 ). 
Daß das Grab als letzter Aufenthaltsort 
sich im deutschen Volksglauben, wie all¬ 
gemein, nur in Spuren findet, ist begreif¬ 
lich. Es genügte nicht den Ansprüchen der 
Phantasie, die dem Toten ein weiteres 
Leben in einer Gesellschaft der Gestor¬ 
benen führen lassen wollte. Die Grabes¬ 
vorstellung hat aber die germanische Jen- 
seitsvorstellung beeinflußt. Von hier sind 
z. T. die feuchten, kalten, düsteren Farben 
genommen, mit denen in den alten Denk¬ 
mälern das Totenreich gezeichnet wird. 
Neckel hat eine ansprechende Deutung 
des Helhauses, das Völuspa 38 geschildert 


wird, gegeben: danach ist dieser Saal, 
der der Sonne fern mit nach Norden ge¬ 
richteten Türen auf Nastrand steht, 
durch dessen Rauchloch ein Regen von 
Gift hereinströmt und dessen Wände von 
Schlangen umwunden sind, ein stilisiertes 
Grab 110 ). 

Der schwierige Weg ins Jenseits ist 
schon angesichts der allgemeinen Ver¬ 
breitung dieser Vorstellung als alter¬ 
tümlich anzusehen. Die Schwierigkeiten 
fließen zusammen mit den Hemmnissen, 
die das Jenseits von der Erde trennen. 
Deshalb gab man dem Toten den Hel¬ 
schuh, schon an. helskö, mit ins Grab, um 
ihn für diesen Weg zu wappnen m ) (vgl. 
Schuh, Leichenkleidung). 

Die grüne Wiese war als Vorort der H. 
überraschend. Gerade sie findet man aber 
in der germanischen Religion deutlich, 
freilich da, wo sie auch nach den Analo¬ 
gien bei den Naturvölkern besser hinpaßt: 
in einem glücklichen Jenseits bei den 
Göttern. Die eddische Mythologie kennt 
die grünen Heime der Götter, in denen 
ihr Gehöft liegt 112 ). Man ist versucht, das 
Nobishaus an der Wiese mit diesem Bilde 
zu vergleichen. Die Gestorbenen, die zu 
Odin kommen, gelangen eben auf diese 
immergrüne Au 113 ). Bei den Südger¬ 
manen erscheint diese Wiese als ,,grüne 
Gottesflur" im Heliand u. Ö. 114 ). Wein¬ 
hold verbindet die grüne Wiese mit dem 
Idafeld. Nach ihm ist eine Darstellung 
der Wiese in der frühmittelalterlichen Ma¬ 
lerei darin zu sehen, wenn die Bilder auf 
einem in drei Zonen (braun, grün, blau) 
geteilten Grund gemalt sind, braun be¬ 
deutet die Erde, blau den Himmel, da¬ 
zwischen liegt die grüne Wiese 115 ). Hier¬ 
her gehört wohl auch die vereinzelte Vor¬ 
stellung, daß sich die Seelen aufs grüne 
Gras setzen 116 ). Eine Wiese im Jenseits 
findet sich auch in der späteren grie¬ 
chischen Mythologie 117 ), speziell neben 
dem Hades schon die Asphodeloswiese 
in der Odyssee 118 ). Ob Urverwandtschaft 
vorliegt, ist nicht zu entscheiden. Wie 
die Beispiele von den Naturvölkern zei¬ 
gen, ist die Vorstellung einer grünen 
üppigen Jenseitslandschaft dem mensch¬ 
lichen Gemüt naheliegend, sie kann sich 




203 


Hölle 


204 


bei den Germanen und den verwandten 
Völkern selbständig entwickelt haben. 
Daß diese Wiese auch in den H.nvorstellun- 
gen in christlicher Zeit lebendig geblieben 
ist, zeigt den starken Eindruck dieses 
Bildes. Die grüne Wiese war ursprüng¬ 
lich ein angenehmer Aufenthaltsort der To¬ 
ten, deshalb war sie vor allem geeignet, in 
das Paradies verlegt zu werden, wo sie 
denn auch, unterstützt von entsprechen¬ 
den, durch das Christentum gebrachten 
Vorstellungen mehr zur Geltung kam (vgl. 
Paradies). 

Weniger befremdend als die Wiese es 
zunächst war, erscheint das H.nwirtshaus. 
Irgendwo müssen die Abgeschiedenen ein 
Unterkommen finden. Bei den Natur¬ 
völkern sind es häufig Dörfer wie auf 
Erden, in denen die Toten hausen. Der 
Germane mochte zunächst weniger an 
ein Dorf als an einen einzelnen Hof den¬ 
ken, vgl. oben das von grüner Au um¬ 
gebene Gehöft der Götter. Weiter mußte 
der Gedanke an das beständige Ankom¬ 
men neuer Gäste nach irdischer Analogie 
dazu führen, daß diese hier bewirtet wur¬ 
den, vor allem, daß ihnen ein Trunk 
gereicht wurde. Schon in der Edda wird 
der Met in der Unterwelt erwähnt, der 
für den künftigen Unterweltsgast Baldr 
bestimmt ist 119 ). Besonders nachdem 
die Vorstellung von Walhall als dem Orte, 
wo Odin die im Kampfe Gefallenen emp¬ 
fing, Platz gegriffen hatte, wurden Re¬ 
densarten wie ,,zu Odin fahren, bei Odin 
zu Gast sein, Odin heimsuchen“ ge¬ 
bräuchlich 12 °). Hier ist Odin der Wirt, 
Walhall eine Herberge, ein Gasthaus, 
wo die Sterbenden noch am selben Abend 
einkehren 121 ). In einem Gedichte Wal¬ 
thers v. d. Vogelweide ist Frau Welt Kell¬ 
nerin oder Schankmädchen eines Wirts¬ 
hauses, das dem Teufel gehört 122 ). Lu¬ 
ther hatte von der H. neben der biblischen 
Vorstellung die eines großen Wirtshauses; 
er spricht von des Teufels Tabern und 
ihren hölzernen Tonnen 123 ). Im 16. und 
17. Jhdt. wird für dies Wirtshaus der 
Ausdruck Nobiskrug, Nobishaus u. ä. 
beliebt, was dann weiter ganz allgemein 
H. bezeichnet. Ein fremder Einfluß hat 
hier die alte Vorstellung vom H.nwirts¬ 


haus getroffen; denn das Wort Nobis u. 
ä. wird als aus en obis , en äbis, in abys- 
sum entstanden gedeutet 124 ). In Parallele 
hierzu sprechen die Schriftsteller gern 
von dem Abgrund der Hölle. Der Aus¬ 
druck Nobishaus bezeichnet gelegent¬ 
lich nur die neutrale Unterwelt 125 ), meist 
ist das Nobishaus aber mit höllischen Far¬ 
ben gemalt, der Teufel ist der H.nwirt, 
Flammen schlagen zum Fenster heraus, 
auf dem Gesims brät man die Äpfel 126 ) 
(vgl. Nobiskrug). 

Die Trennung zwischen Erde und H. 
ist in verschiedener Weise gedacht. Al¬ 
tertümlich und einheimisch ist wohl die 
Vorstellung von dichten Wäldern, die dies 
Jenseits umgeben. In einem lat. Lied 
auf Bischof Heriger von Mainz (wohl aus 
dem 10 . Jhdt.) heißt es: totum esse in- 
fernum accinctum densis undique sil- 
vis 127 ). In der Visio Godescalci (12. Jhdt.) 
muß man auf dem Wege zur H. eine Ge¬ 
gend voll Dornen und Disteln barfuß 
durchschreiten 128 ). Hierher gehört viel¬ 
leicht eine Redensart: über den Harz 
(Wald?) gehen = sterben 129 ). Endlich 
findet sich auch das Wasser als Grenze 
zwischen der Welt und dem Jenseits als 
Unterweltsströme 13 °). 

Die nordische Mythologie hat eine sehr 
eingehende H.nvorstellung entwickelt (vgl. 
Hel), die ihrerseits schon von christlichen 
Einflüssen abhängig ist. Diese heidnische 
H., die in den nordischen Quellen kurz 
vor dem Einzug des Christentums in 
Erscheinung tritt, ist aber wenig volks¬ 
tümlich, mit den im deutschen Volks¬ 
glauben anzutreffenden Vorstellungen hat 
sie nichts zu tun. 

109 ) Grimm Myth. 3, 408; Neckel Walhall 38. 
n0 ) Neckel Walhall 52. m ) Grimm Myth. 2, 
697; Meyer Mythologie 173. 112 } Neckel 

Walhall 61. 113 ) Ebd. 66 f. 114 ) Ebd. 66; Meyer 
Mythologie 188. 115 ) ZfVk. 4 (1894), 457 * 116 ) 

Grimm Myth. 3, 247. 117 ) Grimm a. a. O. 

ll8 ) Odyssee n, 539. 119 ) Baldrs Draumar 7. 

12 °) Grimm Myth. 1, 120. 121 ) Ebd. 2, 668. 

122 ) Güntert Kalypso 102. 123 ) Klingner 

Luther 22. 124 ) Grimm Myth. 2, 672; Meyer 

Mythologie 174. 125 ) Grimm Myth. 2, 837. 

126 ) Ebd. 3, 296. 127 ) Ebd. 2, 668. 128 ) Meyer 
Mythologie 173; Marcus Landau Hölle und 
Fegfeuer in Volksglaube, Dichtung und Kirchen¬ 
lehre (Heidelberg 1909) 40. 129 ) Meyer Mytho¬ 
logie 173. 13 °) vgl. bes. Neckel 51. 


205 


Hölle 


206 


6 . Die christliche H. 

H.nvorstellungen von Theologen gepflegt — 
Feuer die charakteristische Pein — Andere 
Qualen — Legende vom Mädchen, das den Vater 
im Himmel, die Mutter in der H. sah — Die 
H.nschilderungen im 13. Jhdt. 

Der Ausgangspunkt für alle Jenseits- 
und also auch alle H.nvorstellungen ist 
darin zu suchen, daß dem naiveren Men¬ 
schen der Gedanke gar nicht kommt, daß 
mit dem Aufhören des körperlichen Le¬ 
bens das Leben eines Menschen end¬ 
gültig abgeschlossen sein könnte. Die 
Erinnerung an den Abgeschiedenen, die 
durch Träume lange nach dem Tode noch 
belebt wird, die Veränderung des ver¬ 
wesenden Körpers, die Nachwirkung der 
Autorität des Toten in seiner Familie, 
endlich die Furcht vor dem Toten als 
einem gefährlichen, den Lebenden etwa 
beneidenden Wesen wirkten zusammen 
dahin, daß man überzeugt war, der Ge¬ 
storbene führe sein Leben weiter, nur in 
einer anderen Form, einem anderen von 
der Menschenwelt getrennten Lande. Im 
allgemeinen bleibt der Starke auch nach 
dem Tode ein Starker, der Schwache ist 
auch im Jenseits der Unterlegene. Die 
Toten sind keineswegs alle gleich, auch 
dort gehören sie wie auch auf Erden zu 
ihren Stämmen. Ein weiterer Schritt 
führt zu der Vorstellung, daß die Toten 
nicht ohne weiteres in ihr Bestimmungs¬ 
land kommen, die Schwierigkeiten des 
Jenseitsweges werden zum Ordal, die 
schwankenden Brücken überschreitet der 
im Leben Starke, der tüchtige Krieger, 
eben deshalb glücklich, der Schwache 
dagegen geht hier zugrunde. Dann tauchen 
Vorstellungen auf, daß besonders der 
Verächter der Sitten des Stammes im 
Jenseits nicht glücklich sein werde: das 
erste Auftreten des Vergeltungsgedankens. 
Das Ziel des jenseitigen Lebens ist in den 
Vorstellungen vieler Völker der zweite 
Tod, die endgültige Vernichtung 131 ). Der 
Erfolg oder Nichterfolg im Jenseits ist 
im ganzen gesehen ein mechanisches 
Weiterwirken der Tendenzen, die den 
Lebenden beherrscht hatten, wohl sind 
es tierische oder dämonische Feinde, die 
den Toten auf seinem Wege bedrohen 
und ihn vernichten können, aber diese 


sind nicht die Werkzeuge eines zentralen 
Willens, der die Menschen im Diesseits 
berät und im Jenseits zur Verantwortung 
zieht. Deshalb finden sich in den Mytho¬ 
logien der Menschheit erst dann die Jen¬ 
seitsvorstellungen zu Freuden- und Qual¬ 
orten voll entwickelt, wenn eine Theo¬ 
logie vorhanden ist, die ein Sittengesetz 
als ein göttliches verkündet. Es läßt sich 
beobachten, daß überall da H.n als Qual¬ 
örter — und zwar überall im wesentlichen 
mit den gleichen Farben gemalt — er¬ 
sonnen worden sind, wo eine Theologen¬ 
schaft die Erziehung der Menschen zum 
Ziele hat, so in Indien, in China, in Japan, 
in Iran, in Ägypten, in den antiken Sekten, 
im Christentum, Judentum und Islam. 
Die Martern der H. sind naturgemäß nach 
irdischen Erfahrungen ausgedacht. Feuer 
ruft die schrecklichsten Schmerzen hervor, 
daher sehr häufig Feuerstrafen in der H. 
In der nordischen Mythologie ist die der 
späteren H. entsprechende Hel ein düsterer, 
nasser, kalter Ort. Geschöpft war diese 
Vorstellung aus dem Eindruck der Un¬ 
wirtlichkeit der nördlichen Gegenden und 
besonders aus dem Gedanken an das 
feuchte kühle Grab. Daß in dieses Bild 
ein Qualort gezeichnet wurde, ist christ¬ 
licher Einfluß (vgl. Hel). 

Die mythische H.nlandschaft kann ent¬ 
sprechend den Vorstellungen, die bei den 
Naturvölkern zu beobachten sind, als 
ein neutrales Jenseits verstanden werden, 
in dem der Abgeschiedene sein Leben so 
fortsetzen konnte, wie er es auf Erden 
geführt hatte. Deutlicher bestätigten 
diese Auffassung des Jenseits die Geschich¬ 
ten, in denen der Burgherr auch im Jen¬ 
seits als ein Burgherr in seinem Schlosse 
haust, oder der Bauer mit seinesgleichen 
in einer engen Stube zusammensitzt. 
Aber in diesen Fällen fehlt doch gewöhn¬ 
lich nicht ein spezifisch christliches Kolorit. 
Alles ist dort feurig und glühend. Ver¬ 
blaßt die mythische H.nlandschaft mehr 
und mehr im Volksbewußtsein, so bleibt 
doch eben die aus der Fremde eingeführte, 
immer wieder durch die Geistlichen ge¬ 
nährte Vorstellung einer feurigen H. 
Sie ist durchaus die vorherrschende. 

Von einem Mädchen, das im Leben 


207 


Hölle 


208 


nicht zur Kirche ging und ein lustiges 
Leben führte oder die ein Pfaffenweib 
war, heißt es im Volkslied, daß ein Reiter 
mit drei Federn am Hut sie abgeholt hätte: 

Er reit mit ihr über Berg und Tal, 

Er reit mit ihr in den höllischen Saal... 

Sie setzten 's zu einem glühtigen Tisch, 

Sie setzten ihr vor drei glühtige Fisch, 

Sie stellten ihr vor eine Kandel mit Wein, 

Wo nichts als Schwefel, als Pech glüht drein. 
Sie setzten ihr auf eine glühtige Krön 
Und tanzten mit ihr drei höllische Rahn 

(Reigen) 132 ) oder: 

Da kam ein böser Geist hervor 
Und nahm sie herein ins Höllentor 
Und setzte sie auf einen glühenden Stuhl 
Gab ihr einen glühenden Becher in die Hand 
Darnach ihr Mark und Adern zersprang 133 ) oder: 

Sie setzten das Mädchen auf ’ne glühende Bank 
Bis daß ihr das Blut unter die Nägel sprang... 
Sie legten sie auf einen Tisch 
Sie teilten sie wie einen Fisch 134 ). 

Charakteristisch für die H. sind die Teufel. 
Nach wendischem Volksglauben hat der 
Teufel in der H. ein Schloß und läßt seine 
Bedienten die Verdammten brennen 135 ). 
Verbreitet ist der Glaube, daß die ver¬ 
dammten Seelen in verschlossenen Töpfen 
auf dem Feuer stehen. Ein Junge, der 
von seinem Vater zum Teufel verflucht 
worden war, wird von diesem in Dienst 
genommen, er muß unter solchen Töpfen 
das Feuer schüren, er darf nicht hinein¬ 
schauen; wie er doch einmal hineinblickt, 
sieht er seine Großmutter darin 136 ). 
Nach einem Märchen aus Südhannover 
sitzt ein Räuber zur Strafe in der H. bei 
ungeheuren Schätzen auf einem glühenden 
Kohlenbecken. Sobald er etwas berührt, 
wird es zu Feuer und verbrennt. Er kann 
durch einen unschuldigen Jüngling er¬ 
löst werden, der ihm freiwillig drei Jahre 
seiner Leidenszeit abnimmt. Während der 
drei Jahre, die der Jüngling in der H. 
verlebt, darf er sich weder waschen noch 
kämmen, sich den Bart nicht abnehmen 
und die Nägel nicht schneiden, dazu kein 
Vaterunser beten. Hält er die drei Jahre 
nicht aus, so ist er selbst dem Teufel ver¬ 
fallen, und des Räubers Leidenszeit be¬ 
ginnt von neuem 137 ). Nach einem Po- 
sener Märchen ist für einen Räuber in 
der H. ein Bett und ein Ofen bereitet, 
der Ofen ist rot vor Glut, doch kühlt er 


sich infolge der Gebete des reuigen 
Räubers ab. Das Bett ist mit lauter 
spitzen Messern besetzt, sie werden durch 
seine Gebete immer weniger 138 ). Nach 
einem oldenburger Glauben sitzt in der 
H. eine alte freundliche Frau in einem 
großen Sessel, sie bläst aus einem Horn 
die Ankömmlinge an, dann stehen sie in 
Flammen 139 ). Nächst dem Feuer sind 
Stichwunden die schmerzhaftesten. In 
Württemberg findet sich gelegentlich die 
Vorstellung, daß die Verdammten in der 
H. auf flammende Töpfe gesetzt würden 
und daß dort der Boden mit aufgerich¬ 
teten Stecknadeln bedeckt sei 140 ). Die 
empfindlichsten Körperstellen werden den 
Qualen ausgesetzt. Aber die wesentliche 
Strafe, die charakteristische, ist doch 
das Feuer. 

Seit dem Eindringen des Christentums 
ist gerade diese Auffassung der H. in den 
Denkmälern immer wieder zu belegen. 
gehenna wird erklärt als hellafiuri, mhd. 
hellefiwer 141 ), helleviur 142 ). Schon ahd. 
wird lediglich beh (Pech) für H. gesetzt, 
mhd. in dem beche = in der H.; diu 
pechwelle 143 ); bech unde swebel ; von deme 
bechen ; die swarzen pechwelle ; behwelle ; die 
bechwelligen bache ; mit bechwelliger hitze 144 ). 
Diese Verwendung von Pech im Sinne von 
H. findet sich auch bei Slawen, Balten, 
Griechen und Ungarn 145 ). Die H. ist 
ein Feuerort: mhd. der helle fiw er st ot ; in 
der helle brinnen und braten die Verdamm¬ 
ten 146 ). Dabei ist die H. düster, was 
zu der Vorstellung von dunklem Feuer 
führt. Später beschreibt Grimmels¬ 
hausen in der H. einen See voll kohl¬ 
schwarzen Feuers, dazu finstere schwarze 
Flammen 147 ). Indessen es blieb nicht 
nur beim Brennen der Verdammten. Die 
Erfahrung der Schmerzen des Verbrühens 
belebte immer wieder eine Vorstellung, 
die die Schmerzen des Verbrennens und 
Verbrühens vereinigte, so findet sich 
mhd. ze helle baden 148 ); in der helle baden ; 
in den swebelsewen baden 149 ). In einem 
mhd. Gedicht wird eine verstorbene 
Heidin als Wölfin dargestellt, der die 
Teufel Schwefel und Pech in den Hals 
gießen 150 ). In einem Schauspiel des 
15. Jhdts. sagt Lucifer zu Judas: 


* 


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Hölle 


210 


kum dir ist ein bad bereit, 
dar in du badist in e*wikeit 
mit schwebel, bech und heißen für, 
din falsch verkoufen wird dir zetür 1S1 ). 

Und in einem andern sagt Christus: 

min rach hat hüt ir zitt 

gand in die helle witt, 

dar inn sond ir iemer brinnen, 

r&w noch rast niemer gewinnen. 

da sond ir iemer haben leid, 

won die tüfel hand üch nüt verseit, 

sie wellent üch seiden alle 

und in die heischen kessel vallen, 

da sond ir liden grossi not. 

nun wol hin in die hellesot! 

ir müssent och iemer vinster han, 

nieman üch da gesechen kan. 

nun strichent mir ab den ougen, 

won üwer wil ich hüt verlogen 152 ). 

Die Feuerqual findet sich in mannig¬ 
facher Weise ausgemalt. Die Verdammten 
werden in der H.nküche gebraten und 
dann von den Teufeln gefressen 153 ). 

Statt des Feuers erscheint ungleich 
seltener Kälte als Qual. Der Teufel 
bringt den Theophilus in eine Burg, wo 
es kalt ist, wo aber in Saus und Braus 
gelebt wird 154 ). Grimmelshausen kennt 
in der H. Orte schrecklichster Kälte 155 ). 
Weiter sind Tiere, vor allem Schlangen 
und Würmer, die Quäler. Ags. heißt die 
H. vyrmsele, mhd. wurmgarten 156 ). Nach 
einem Prättigauer Märchen jagte einmal 
der Teufel eine Tanzgesellschaft in einem 
unterirdischen Saale ohne Türen mit einer 
großen Schlange in der Hand, bis alle 
ohnmächtig umfielen 157 ) (Weitere Bei¬ 
spiele der H.nstrafen unten). 

Eine bestimmte Erzählung möge die 
Stetigkeit der H.nVorstellungen und ihren 
Weg illustrieren. Eine von Rochholz mit¬ 
geteilte Aargauer Version berichtet sie 
folgendermaßen: Einem Mädchen sterben 
die Eltern, der fromme Vater plötzlich 
und unvorbereitet, die leichtsinnige Mutter 
dagegen ruhig und friedlich, sodaß das 
Mädchen glaubt, der Vater sei in die H., 
die Mutter in den Himmel eingegangen. 
St. Peter führt dann das ratlose Mädchen 
in den Himmel, wo sie ihren Vater sieht, 
dann in die H. durch ein finsteres Tor. 
Da sieht sie ihre Mutter in einem Kessel 
voll heißen Wassers sitzen. Beim Abschied 
gibt die Mutter der Tochter die Hand, 
dadurch wird die Hand des Mädchens 


verbrannt, weil die Mutter selber brannte. 
Das Mädchen befleißigt sich dann eines 
guten Lebenswandels, um in den Himmel 
zu kommen 158 ). Dieser Besuch von 
Himmel und H. findet sich ähnlich in der 
Exempelsammlung der Predigermönche 
aus dem 13 . Jhdt., die Klapper heraus¬ 
gegeben hat. Der Vater war fleißig, 
fromm und schweigsam, die Mutter schön, 
geschwätzig und sittenlos. Beim Tode 
des Vaters stört ein anhaltendes Un¬ 
wetter jedes Begräbnis, beim Tode der 
Mutter ist heiteres Wetter. Das Mädchen, 
das zweifelte, wessen Leben sie befolgen 
solle, führt ein Engel zunächst ins Para¬ 
dies, in dessen Herrlichkeit es seinen Vater 
erblickt, dann zur H.: et vidit vallem 
profundissimam nimium sulphure reple- 
tam, vbi erat fornax succensa emittens 
fetidi ac putridi vaporem fumi. In hac 
erat mater eius vsque ad collum mersa et 
ignei serpentes eam amplexantes suxerunt 
vbera eius; horribiles Spiritus desuper 
stabant et eam cum furcis ferreis et igneis 
in flamma verterunt 159 ). Etwa aus der 
gleichen Zeit und nur wenig verändert 
wird diese Geschichte aus Island berich¬ 
tet 160 ). Die Legende hat große Ver¬ 
breitung gefunden und liegt in verschie¬ 
denen Fassungen lateinisch, spanisch, 
deutsch (im Seelentrost) und alt franzö¬ 
sisch vor 161 ). Die Quelle ist Vitae pa- 
trum VI, 1 , 15 . Dort ist der Vater kränk¬ 
lich, fleißig, fromm, schweigsam. Die 
Mutter gesund, liederlich und geschwätzig. 
Beim Tode des Vaters ein Unwetter, beim 
Tode der Mutter schönes Wetter. Ein 
Engel — quidam grandi quidem corpore, 
aspectu autem horribilis — führt das 
Mädchen zu dem Vater im Paradies, und 
zu der Mutter in der H.: Statuens autem 
me in domo tenebrosa atque obscura, 
omni stridore perturbationeque repleta, 
ostendit mihi fomacem ignis ardentem et 
picem ferventem, et quosdam illic terri- 
biles aspectu stantes super fomacem. 
Ego autem inspiciens deorsum video 
matrem meam in fornace usque ad collum 
demersam, stridentem dentibus et igne 
ardentem, et vermium multum fetorem 
fieri 162 ). Die Aargauer Legende läßt 
sich also auf eine Vorlage zurückführen, 


I 


211 


Hölle 


212 


die seit dem 13. Jhdt. nachweisbar ist 
und gerade in dieser Zeit sehr beliebt 
gewesen sein muß. Diese mittelalterliche 
Form ist ihrerseits aus den Vitae patrum 
geflossen. Der Weg ist bezeichnend. Der 
Grundstock christlicher H.nVorstellungen 
ist aus dem Legendenschatz der alt¬ 
christlichen Zeit nach Deutschland ge¬ 
kommen und hat die einheimischen An¬ 
schauungen mehr und mehr verdrängt, 
so daß heute im wesentlichen nur noch 
die christliche Feuerh. als H. im Volks¬ 
bewußtsein lebendig ist. Aber noch ein 
zweites lehrt die Geschichte der behandel¬ 
ten Legende: das intensive Eindringen 
dieser fremden Vorstellung im 13. Jhdt. 
Wohl hatte schon von Anfang an die 
christliche Predigt nur dieses H.nbild 
gezeichnet, und seine Farben hatten wohl 
auch schon vor dem 13. Jhdt. begonnen, 
einheimische Vorstellungen zu verändern. 
Z. B. findet sich schon bei Eckehard 
v. Aura die Meinung, daß eine im Wormser 
Gau nächtlich umgehende Reiterschar 
die Geister gefallener Soldaten seien — 
das ist einheimischer Glaube —, die aber 
im Feuer der Strafe glühen, Waffen und 
Pferde sind materia tormenti für sie 163 ) — 
das ist christliche H.nauffassung, ganz 
wie nach neuerem Volksglauben die 
Burgherren in ihrer höllischen Burg mit 
glühenden Karten spielen und glühende 
Geräte benutzen müssen. Aber erst im 
13. Jhdt. wird die H. zu einem Qualort 
schlechthin, auch im Sprachgebrauch 
setzt sich in dieser Zeit eine solche Auf¬ 
fassung durch (vgl. oben unter 1 ). Diese 
Erscheinung findet ihre natürliche Er¬ 
klärung darin, daß in diesem Jahrhundert 
die Bettelorden der Franziskaner und 
der Prediger entstehen und diese im 
gesamten Gebiet der Kirche in ener¬ 
gischer Weise das Volk zu bearbeiten 
beginnen. Das Ziel dieser Orden war, die 
Menschheit aufzurütteln, glühende Schil¬ 
derungen des Jenseits dazu das beste 
Mittel. Das größte Denkmal über die 
christlichen Jenseitsvorstellungen wurde 
kurz nach dem Beginn dieser Epoche 
geschaffen: Dantes Göttliche Komödie. 
Einen guten Einblick in die Art, in der 
die Bettelmönche dem Volk das Jen¬ 


seits nahebrachten, gibt die Exempel¬ 
sammlung, die Klapper herausgegeben 
hat. Auch hier ganz überwiegend Feuer 
als die H.nqual und Teufel als die unent¬ 
behrlichen Peiniger. So heißt es von 
denen, die sich den Sünden der Habsucht, 
der Falschheit, der Verzweiflung und der 
Verschlagenheit schuldig machen: istos 
peccatores ad suum artum infernum 
deducet dyabolus, vbi secum perpetuo 
torquebuntur 164 ). Eine Dirne sieht in 
einer Vision den Tag des Gerichtes: die 
Verdammten werden von Teufeln in ein 
großes Feuer geworfen 165 ). Ein weltlich 
gewordener Priester sieht eines Tages 
in einer Vision eine schreckliche Teufels¬ 
schar mit großem Lärm auf sich zu¬ 
kommen, aus deren Mund und Nase 
Flammen hervorgehen, sie kommen, um 
ihn in das ewige Feuer zu holen, wo seine 
Qual immer zunehmen soll, dort soll er 
mit ihnen den Kelch ewiger Verdammnis 
trinken 166 ). Als Beispiele der Verdammten 
werden gerne Vornehme gewählt. Ein 
Graf empfängt in der Todesstunde, ohne 
recht gebeichtet zu haben, den Leib 
Christi. Der Geistliche betet, den Zu¬ 
stand dieses Grafen im Jenseits sehen zu 
dürfen: . . . subito sensit se raptum in 
spiritu ad locum deterrimum, in quo 
fuit puteus, ex quo exibant voces lamen- 
tabiles et fetor nimius exalabat et dum 
hec orando videret, ecce, videt, quod 
demones ducebant virum horribiliter 
cathenatum ignea cathena ipsum ver- 
berantes igneis fiagellis, ut ipsi videbatur, 
et nitebantur illum inducere in illum pu- 
teum fetidum, sed nequiebant. Et cum 
ille miser diu verberaretur, diligenter 
intuens eum cognouit comitem esse, pro 
| quo orabat, et cum eum magno conspi- 
ceret horrore, vidit beatum Petrum 
apostolum cum calice venire angelis 
reuerenter ministrantibus et flexis ge- 
nibus reuerenter illo reddente sacrum 
sacramentum, quod minus digne susce- 
perat, in calicem accipere. Et dixit: 
Date ei, quod meruit et non miseremini. 
Ait demon: Et vbi est apud nos miseri- 
cordia? Hoc dicto demones comitem in 
puteum miserunt. Et audiuit vir orans 
lamentabiles uoces, ad quos territus 



H« 



»1 



Hölle 


214 


euigilans omnia per ordinem narrauit 167 ). 
Gelegentlich werden die Strafen speziali¬ 
siert, jeder wird in der Weise bestraft, 
in der er gesündigt hat. So heißt es von 
einem Sophisten: Legitur, quod quidam 
scolaris nuper defunctus apparuit suis 
socys in cappa de pergameno exterius 
scripta de sophismatibus et intus ardentem. 
Et hoc dicunt magistro. Qui ipsum 
coniurans quesiuit, ut statum suum 
reuelaret. Ille uero se dampnatum 
narrauit. Cuius penam magister perin- 
pendens petens, ut in manum suam sibi 
mitteret tantum vnam guttam sui sudoris 
et fecit. Sed et illa gutta cicius sagitta 
manum eius transuerberauit et dixit: 
Talis sum totus 168 ). Raffinierter sind 
die H.nqualen, die ein reuiger adliger 
Sünder in einer Vision zu sehen bekommt: 
Videbatur siquidem ipsi in visione, quod 
per. .. beatum Petrum apostolum... ad 
locum deterrimum deferretur, in quo, 
cum plurimos in penis grauibus conspexis- 
set, vidit vnum super cratem poni et 
a demonibus decoriari et ad ignem maxi- 
mam assari. Et dum quereret, ob quam 
causam sic cruciaretur, dixit: Quia, cum 
essem nobilis, pauperes meos iniustis 
exaccionibus turbaui et seruicys pluri- 
bus bonis eorum eos excoriaui; et ideo 
hanc penam habere merui sine fine. 
Deinde uidit quendam iuuenem super 
sedem igneam sedentem et in circuitu 
eius mulieres, que faces accensas tenentes 
ipsum cremabant, et demones ignem 
ministrabant, et dum quereret, quis esset, 
dixit se fomicatorem fuisse et istas mu¬ 
lieres esse, que ipsum induxerunt. Post 
hec ostendit ipsi equum horribilem ignem 
spirantem et super eum sedentem quen¬ 
dam amictum cappa ignea, et capra 
ignea ferrea habens cornua et ignea et 
pungebant eum et cor ipsius vulnerabant. 
Que videns miles quesiuit a ductore, cur 
sic pateretur. Ait ille: Iste fuit predo et 
inter alia mala, que fecit, cuidam pau- 
percule vidue recepit vnam capram, et 
pro eo sic cruciatur, ut vides. Cappa 
uero, quam vides, data est ei, quia or¬ 
dinem intrare vouerat et non inpleuit 169 ). 

Es liegt wohl tief in der menschlichen 
Natur begründet, daß eine Religion, die 


auf der freiwilligen Unterwerfung des 
Menschen unter einen göttlichen Willen 
aufgebaut ist, in besonderer Weise den 
Sinn für das Leiden entwickelt. Im 
Christentum fand dieser Sinn sein Objekt 
vor allem in dem Erlösertod Christi, 
seine Betätigung in Askese und Mar¬ 
tyrium. Weiter wirkend schaffte er jene 
schwüle Atmosphäre der Heiligenlegen¬ 
den, die in der Beschreibung der Martern 
der Heiligen schwelgen, und noch weiter 
äußerte er sich in umgekehrter Richtung 
und am schrecklichsten in den Hexen- 
prozessen. Auch die behandelten H.n Vor¬ 
stellungen zeigen dieses Interesse für 
grausamste Qualen, einerseits an die 
Schilderungen der Heiligenleben er¬ 
innernd, andererseits auf die Praktiken 
der Inquisition hinweisend. Die H.nbilder, 
die von den Bettelmönchen vorgeführt 
wurden, erschöpfen sich nicht nur in 
ausgesuchten körperlichen Peinigungen, 
gelegentlich begegnen auch auf das Gebiet 
des Seelischen hinüberspielende Qualen. 
Eine auch künstlerisch durchdachte äl¬ 
tere Schilderung dieser Art erscheint in 
Klappers Sammlung in folgender Gestalt: 
Legitur, quod erat quidam nobilis, sed 
oppressor pauperum et mundi amator. 
Hic cum quadam die quiesceret in camera 
sua, camerarius suus iacens ante cami- 
natam raptus spiritu ante thronum dei, 
vbi accusabatur dominus suus de omnibus, 
que peregerat; pro quibus et recepit 
sentenciam eterne dampnacionis. Qui 
cum magno demonum strepitu ductus 
fuit ante Luciferum. Cui demon, qui sibi 
fuerat deputatus: Ecce, adducimus ad 
te comitem, ut reddas ei precium pro 
fideli suo seruicio, quo tibi seruiuit. Et 
Lucifer: Adducite ipsum ad me, ut os- 
culum dem sibi, seruo meo. Et cum ad- 
ductus fuisset dicit ipsi: Non sit tibi pax 
in secula seculorum. Post hoc dicit ei: 
Iste seruus meus consueuit balneari; 
ducite eum ad balneum. Cumque ductus 
fuisset ad infernale balneum, vngwibus dya- 
bolicis fricabatur. Alij ignem super eum 
fundebant. Et eductus ponebatur in lecto 
infemali... Tune dixit Lucifer: Date ei 
bibere de calice ire domini. Et propinatus 
est ei ignis, sulphurus, nix, glacies, que 


...1 

k 


215 


Hölle 


2 IÖ 


sunt pars calicis eorum. Qui dum cla- 
märet, quod sufficeret, dicit Lucifer: 
In poculo, quo miscuit, miscite illi duplum. 
Et dixit: Audire consueuit dulces sym- 
phonias. Surgant symphoniaci. Et ecce 
duo demones cum tubis igneis appli- 
cuerunt se illi et ignem in illum sic in- 
sufflauerunt, ut de eius oculis, auribus, 
ore et naribus ignis sulphureus exiret. 
Et Lucifer: Adducite illum ad me. Et 
cum adductus ad eum fuisset, dicit illi: 
Tu dulces cantasti canciones, canta michi 
et nunc. Et ille: Quid cantabo, nisi 
maledicam diem, in qua conceptus et 
natus sum. At Lucifer: Canta modicum 
melius. Et ille: Quid cantabo, nisi 
,,Maledicta sit mater mea, que me genuit“ ? 
Et ille: Canta adhuc modicum melius. 
Et miser: Quid cantabo: nisi ,,Ipse deus 
sit maledictus, qui fecit et creauit me" ? 
Et Lucifer: Hoc est, quod uolui. Nunc 
ergo ducite eum ad sedem, quam meruit. 
Qui cum ductus fuisset ad vnum puteum, 
proiectus est in illum et factus est talis 
strepitus, acsi omnis mundus caderet. 
Ad quem strepitum, euigilans camerarius 
cucurrit ad camenatam et dominum 
suum mortuum inuenit cunctisque vi- 
sionis ordinem narrans. Et postea or- 
dinem est ingressus 17 °). 

Aus der ersten Hälfte des 13 . Jhdts. 
stammt ein weiteres Denkmal, das ein- 
drucksvolle H.nschilderungen bietet, der ; 
Dialogus miraculorum des Cisterziensers j 
Caesarius v. Heisterbach. Die H.nqualen, 
die end- und maßlos sind, werden als 
neunerlei in einem Versehen zusammen¬ 
gefaßt: Pix, nix, nox, vermis, flagra, 
vincula, pus, pudor, horror (XII, 1 ) 171 ). 
Ein Abt, der vom Teufel in der Form 
eines Steines höchste Wissenschaft emp¬ 
fangen hatte, stirbt, erwacht aber, nach¬ 
dem er die H.nqualen gekostet hat, wieder 
zum Leben: Daemones animam tollentes 
et ad vallem profundam, terribilem, 
f umumque sulphureum e vaporantem, 
illam portantes, ordinabant se ex utraque 
parte vallis; et qui stabant ex una parte, 
animam miseram ad similitudinem ludi 
pilae proiieiebant; alii ex parte altera 
per aera volantem manibus suscipiebant. 
Quorum ex parte altera per aera volantem 


manibus suscipiebant. Quorum ungues 
ita erant acutissimi, ut acus exacuatas 
omneque acumen ferri incomparabiliter 
superarent. A quibus ita torquebatur, 
sicut postea dicebat, cum eum iactarent 
vel exciperent, ut illi tormento nullum 
genus tormentorum posset aequiparari 
(I, 32 ) 172 ). In ähnlicher Weise wird von 
einem anderen berichtet, der mit dem 
Teufel ein Bündnis geschlossen hatte. 
Nach seinem Tode kommt er in die H., 
sein Leib wird aber wieder zum Leben 
erweckt, so daß er noch Buße tun kann: 
.. .rnissus est in ignem tarn intolerabilis 
ardoris, ut diceret, si ex omnibus mundi 
lignis unus ignis esset confectus, mallem 
in eo usque ad diem iudicii ardere, quam 
per spatium unius horae illum sustinere. 
Ex quo extractus, iactatus est in locum 
tarn frigidissimum, ut optaret redire in 
ignem. Deinde deductus est in tenebras 
palpabiles, tantique horroris, ut diceret 
intra se: Si servivisses centum annis Deo, 
bene te remunerasset, dummodo liceret 
tibi redire ad frigus. In hunc modum 
sex reliquas poenas... pertransivit (XII, 
23 ) 173 ). Zu besonderer Lebendigkeit und 
Tatsächlichkeit wurden die H.nschilde¬ 
rungen dadurch erhoben, daß von den 
Peinigungen bekannter Zeitgenossen be¬ 
richtet wurde. In der Nacht, in der Wil¬ 
helm v. Jülich starb, hatte eine Nonne 
folgende Vision: Eadem nocte... sanc- 
timonialis quaedam... in loca poenarum 
transposita est, in quibus puteum magni 
horroris, igneo tectum operculo, inter 
flammas vidit sulphureas. De quo cum 
suum ductorem adinterrogasset, respondit 
ille: Duae tantum animae in illo sunt, 
anima videlicet Maxentii Imperatoris, 
et anima Wilhelmi Comitis Juliacensis. 
Zur Erklärung der Vereinigung dieser 
beiden wird im einzelnen ausgeführt: 
Iustum fuit, ut qui pares erant in culpa, 
conformes fierent in poena. Derselbe 
Graf wird noch folgendermaßen in der 
H.npein beschrieben: Post mortem... 
suam cuidam inclusae... visibiliter appa- 
rens, vultu lurido ac macilento, ait: Ego 
sum miser ille Wilhelmus quandoque 
Comes Juliacensis. Quem dum illa inter- 
rogasset de statu suo, respondit: Totus 


217 


Hölle 


218 


ardeo. Et cum levasset vestem vilissimam 
qua indutus videbatur, mox flamma erupit; 
sieque cum eiulatu disparuit (XII, 5) 174 ). 
Ein anderer Fürst, dessen H.nqualen 
beschrieben werden, ist Landgraf Ludwig 
von Thüringen. Um ihn zu sehen, be¬ 
schwört ein Geistlicher den Teufel: Ait 
daemon: Si vis mecum pergere, ego tibi 
illum ostendam. Et ille: Libenter illum 
viderem, si sine periculo vitae meae illum 
videre possem. Cui diabolus: Juro tibi 
per Altissimum, et per tremendum eius 
iudicium, quia si fidei meae te com- 
miseris, incolumem te illuc ducam hueque 
reducam. Ponens clericus propter fratrem 
animam suam in manibus suis, collum 
daemonis ascendit, quem infra breve 
tempus ante portam inferi deposuit. 
Introspiciens clericus, contemplatus est 
loca nimis horrenda, poenarumque di- 
versa genera, et daemonem quendam 
aspectu terribilem, super opertum pu¬ 
teum residentem. Clericus ut haec vidit, 
totus contremuit. Et clamavit daemon 
ille ad daemonem baiulum: Quis est ille, 
quem tenes in collo? Adduc eum huc. 
Cui respondit: Amicus noster est, et 
iuravi ei per virtutes tuas magnas, quia 
eum non laederem, sed animam Lant- 
gravii domini sui ostenderem, sanum- 
que reducerem, ut omnibus tuam immen- 
sam praedicet virtutem. Ille vero statim 
operculum igneum, cui insedit, amovit, 
et tuba aerea puteo immissa, tarn 
valide buccinavit, ut videretur clerico 
totus tinnire mundus. Post horam, ut 
ei videbatur, nimis longam, puteo eruc- 
tuante flammas sulphureas, Lantgravius 
inter scintillas ascendentes simul ascen- 
dens, videndum se clerico collo tenus 
praebuit. Ad quem ait: Ecce praesto 
sum miser ille Lantgravius, quondam 
dominus tuus, et utinam nunquam natus 
(I, 34) 175 ). Von derH.nqual dieses Land¬ 
grafen erzählt Caesarius noch einmal an 
anderer Stelle: Anima vero eius cum 
educta fuisset de corpore, principi dae- 
moniorum praesentata est, sicuti cuidam 
manifestissime revelatum est. Sedente 
eodem tartarico super puteum, et scyphum 
manu tenente, huiusmodi verbis Lant- 
gravium salutavit: Beneveniat dilectus 


amicus noster; ostendite illi triclinia 
nostra, apothecas nostras, cellaria nostra, 
sieque eum reducite. Deducto misero ad 
loca poenarum, in quibus nihil aliud erat 
nisi planctus, fletus, et stridor dentium, 
et reducto, sic princeps principem affatur: 
Bibe amice de scypho meo. Illo valde 
reluctante, cum nihil proficeret, imo 
coactus bibe re t, flamma sulphurea de 
oculis, auribus, naribusque eius erupit. 
Post haec sic infit: Modo considerabis 
puteum meum, cuius profunditas sine 
fundo est. Amotoque operimento, eum 
in illum misit, et removit (XII, 2) 176 ). 
Dieser puteus erscheint mehrfach. Ein 
Geistlicher, der seine Pfarrkinder schlecht 
versorgt hatte, hat in der H. folgendes 
Schicksal: Qui cum mortuus fuisset, paro- 
chiani sub eo defuncti saxis comprehen- 
sis in locis infemalibus illum artare 
coeperunt, et dicere: Tibi commissi fuimus, 
tu nos neglexisti, et cum peccaremus, nec 
verbo neque exemplo nos revocasti. Tu 
occasio nostrae damnationis fuisti. Quem 
cum agitarent lapides post eum mittendo, 
ille in puteum cadens, nusquam com- 
paruit (XII, 6) 177 ). Ein Trunkenbold 
sieht denselben H.nschacht: .. .in tantum 
bibit, ut inebriatus a mente sua aliena- 
retur, sic ut mortuum eum aestimarent. 
Eadem hora ductus est spiritus eius ad 
loca poenarum, ubi super puteum igneo 
operculo tectum residere conspexit ipsum 
principem tenebrarum. Interim inter 
ceteras animas adductus est Abbas Cor- 
beyae, quem ille multum salutans, cum 
calice igneo poculum sulphureum ei 
ministravit. Qui cum bibisset, amoto oper¬ 
culo rnissus est in puteum (XII, 40) 178 ). 
Ein Dämon, der ein Weib besessen machte, 
ließ es beim Tode Brunos, des Mund¬ 
schenken des Grafen von Berg, vier Tage 
frei, dann fuhr er wieder in sie. Als man 
diesen Dämon befragte, wo er in der 
Zwischenzeit gewesen sei, antwortete er: 
Vere maximum postea habuimus festum. 
Ad obitum Brunonis congregati fuimus» 
ad instar pulveris terrae. Cuius animam 
cum gaudio deducentes ad inferos, loca- 
vimus eam in sede debita, poculum in¬ 
fernalem ei propinantes (XII, 10) 17i ). 
In einer anderen Erzählung erscheint 



219 


Hölle 


221 


Hölle 


ein dem Trünke ergebener Ritter nach 
seinem Tode seiner Tochter, in der Hand 
hält er einen Becher, darin ein Trank 
aus Pech und Schwefel: Semper ex illo 
bibo, nec eum epotare valeo (XII, 41 ) 180 ). 
Hier zeigt sich das Prinzip, daß der 
Mensch in der H. damit bestraft wird, 
womit er im Leben gesündigt hat. Dafür 
noch weitere Beispiele bei Caesarius. Ein 
sterbender Pilger hatte einem Priester 
seinen Rock (sclavinia) vermacht und 
ihm seine Seele empfohlen. Der Priester 
hatte den Rock angenommen, sich aber 
nicht um die Seele des Verstorbenen ge¬ 
kümmert: Nocte quadam in dormitorio 
iacens et dormiens, per visionem raptus 
est ad loca poenarum. In quibus maximus 
erat daemonum concursus et occursus. 
Alii animas adducebant; alii adductas 
suscipiebant; alii susceptas tormentis debi- 
tis immittebant. Magnus illic erat clamor 
et tumultus, gemitus et planctus... . Sa- 
cerdos talia videns et pavens, post ostium 
se occultavit. Videns diabolus prae- 
dictam in angulo quodam sclaviniam, 
dixit: Cuius est vestis illa? Respon- 
derunt: Sacerdotis illius qui stat post 
ostium. Quam cum a quodam peregrino 
in eleemosyna recepisset, nihil beneficii 
animae illius impendit. Ad quod dia¬ 
bolus: Valde occupati sumus, expediamus 
nos statim ab illo. Tollensque vestem 
quasi in foetidam atque bullientem laxi- 
vam intinxit. De qua cum faciem et 
collum sacerdotis percussisset, ille ex- 
citatus fortiter clamavit: Adiuvate, adiu- 
vate. Quem cum signo vocis compes- 
cerent, respondit: En morior, en incendor. 
Tune surgentes invenerunt caput eius 
totum inustum; sieque in infirmitorium 
deportaverunt semivivum (XII, 42) 181 ). 
Ein Geldleiher, der sich in betrügerischer 
Weise vom Kreuzzug losgekauft hat und 
der sich über die Kreuzfahrer lustig 
macht, hat folgendes Erlebnis. Eines 
Nachts hörte er in der Mühle Geräusch: 
Iniectaque toga scapulis, eo quod nudus 
esset, ad molendinum venit, ostium 
aperuit, introspexit, in quo horrendam 
visionem vidit. Stabant ibi duo equi 
nigerrimi, et vir quidam deformis eius- 
dem coloris iuxta equos. Qui dicebat ad 


220 


rusticum: Festina, ascende equum istum, 
quia propter te adductus est. Expalluit 
ille et contremuit, quia iubentis vocem 
minus libenter audivit. Cumque ad 
talem obedientiam imparatus esset, iterato 
clamat diabolus: Quid tardas? Proiice 
vestem et veni. Erat autem crux, quam 
susceperat, eidem vesti assuta. Quid 
plura ? Virtutem diabolicae vocis per 
desperationem in corde suo sentiens, et 
iam resistere non valens, vestem reiecit, 
et molendinum intravit; equum, imo dia- 
boium, ascendit. Ascendit et diabolus 
equum alterum, et sub multa celeritate 
simul deducti sunt ad diversa loca poe¬ 
narum. In quibus homo miser patrem 
et matrem miserabiliter vidit, aliosque 
plurimos, quos defunctos ignoravit. Vidit 
ibi etiam quendam honestum militem 
nuper mortuum, Heliam nomine de Ri- 
ninge, burgravium in Castro Huorst, 
vaccae furenti insidentem averso corpore, 
ita ut dorsum haberet ad cornua vaccae. 
Quae huc illucque discurrebat, et crebris 
ictibus dorsum militis cruentabat. Cui 
cum usurarius diceret: Domine, quare 
sustinetis tantam poenam ? respondit: 
Vaccam istam rapui sine misericordia 
cuidam viduae, et ideo sine misericordia 
oportet me ab illa poenam hanc sustinere. 
Ostensa est ei in eisdem locis ignea sedes, 
in qua nulla poterat esse quies, sed sessio 
poenalis, et poena interminabilis. Dic- 
tumque est ei: Modo reverteris in domum 
tuam, post tres autem dies exuto corpore 
reverteris in locum tuum, et mercedem 
tuam accipies in sede ista. Mox a daemone 
reductus, et in molendino depositus, 
pene exanimis relictus est (II, 7) 182 ). 

Derartige Vorstellungen über die H. 
lassen sich auf deutschem Boden auch 
schon früher feststellen (vgl. z. T. unten). 
Von Bedeutung sind die Zeugnisse des 
13. Jhdts. deswegen, weil in dieser Zeit 
durch die Arbeit der Bettelmönche diese 
H.nauffassung Gemeingut des deutschen, 
wie überhaupt des europäischen Volks¬ 
glaubens wird und es seither geblieben ist. 


131 


Erk 


) Belege Hastings 11, 8170. xai ) 
Böhme 1, 650. 133 ) Ebd. 1, 647; vgl. 646. 648. 
649 t. 134 ) Ebd. 1, 652. 135 ) Schulenburg 

Wend. Volksthum 85. 136 ) Schönwerth Ober¬ 

pfalz 3, 37 h 137 ) Schambach u. Müller 45; 



p 

1 


: * 





! 


Eckart Südhannover. Sagen 39 f. 139 ) Knoop 
Posener Märchen 4. 139 ) Strackerjan Olden¬ 

burg 1 2, 11. 14 °) Von einem katholischen Dienst¬ 
mädchen wurde mir in dieser Weise in Schwen¬ 
ningen die H- geschildert. 141 ) Grimm Myth. 
2, 671. 142 ) Ebd. 3, 239. 143 ) Ebd. 2, 671. 

l44 ) Ebd. 3, 239. 145 ) Ebd. 2, 671 f. 146 ) Ebd. 3, 
239 - 147 ) Amersbach Grimmelshausen 1, 17. 

14Ä ) Grimm Myth. 2, 673. 14# ) Ebd. 3, 240. 

150 ) Ebd. 2, 673. 151 ) Mone Schauspiele 2, 285. 
1S2 ) Ebd. 1, 293 f. 153 ) Ebd. 2, 26 f. 154 ) Grimm 
Myth. 2, 836. 155 ) Amersbach Grimmelshausen 

1, 17. 158 ) Grimm Myth. 3, 240. 157 ) Fient 

Prättigau 170. 158 ) ZfdMyth. 2 (1854), 250 t. 

l5# ) Klapper Erzählungen 372 f. 16 °) Gering 
Aeventyri 2, 129 f. 141 ) Vgl. die Nachweise bei 
Gering 2, 131, bei Klapper 373. 162 ) Migne 
PL. 73, 995 ff. 163 ) Neckel Walhall 48. lfl4 ) 
Klapper Erzählungen 383. 16S ) Ebd. 367. 

lM ) Ebd. 299 f. 167 ) Ebd. 241 f. 148 ) Ebd. 251. 
1M ) Ebd. 262 f. 17 °) Ebd. 229 f., dort Literatur. 
171 ) Caesarius v. Heisterbach Dialogus 2, 
315. 17J ) Ebd. 1, 37. 173 ) Ebd. 2, 334. 174 ) Ebd. 

2, 320 f. 17i ) Ebd. 1. 41 f. 17 ®) Ebd. 2, 316 f.; 

vgl. oben bei Anm. 170. 177 ) Ebd. 2, 322. 

* 78 ) Ebd. 2, 349. 179 ) Ebd. 2, 324. 18 °) Ebd. 

2, 349 h 181 ) Ebd. 2, 350 f.; vgl. H. Günter 
Legenden-Studien (Köln 1906) 152. 182 ) Caesa¬ 
rius v. Heisterbach Dialogus 1, 70!. 

7. Die H. als Abgrund (s. 1, 89). 

Für die christlichen Prediger war das 
wesentliche an der H. ihre Realität und 
die Qualen. Dem h.ngläubigen Menschen 
erschöpft sich hierin schon sein Interesse. 
Der Eindruck der feurigen H.nschilderung 
war viel zu stark, als daß noch ein nüch¬ 
ternes Nachdenken über die Lage und 
das Aussehen der H. hätte einsetzen kön¬ 
nen. Deutlich findet diese Beschränkung 
ihren Ausdruck im Faust buch von 1587: 
darinnen nichts anders zu finden als Ne¬ 
bel, Feuwer, Schwefel, Bech, vnnd ander 
Gestanck, So können wir Teuffel auch nit 
wissen, was gestalt vnd weiß die Helle 
erschaffen ist, noch wie sie von Gott ge¬ 
gründet vnd erbauwet seye, denn sie hat 
weder End noch Grund 183 ). Die H. als 
einen Erdschlund zu denken, war durch die 
Vorstellung einer Unterwelt gegeben; der 
Zugang zu dieser wurde nun schlechthin 
zur vagen H.nvorstellung. Bestärkt wurde 
diese Vorstellung des gähnenden H.n- 
schlundes durch Alperlebnisse: in den ver¬ 
schiedensten Jenseitsmythologien begeg¬ 
nete der Gedanke, daß gefährliche Ab¬ 
gründe den Abgeschiedenen bedrohen. In 
den lateinischen Texten erscheint der 


Abgrund als puteus. Eine Nonne, die 
weltlich werden wollte, hat folgende Vi¬ 
sion : Videbatur enim ipsi, quod. . . esset 
super puteum magne profunditatis et ma- 
xime fedidum ita, quod totum aerem pu- 
tabatur inficere et obscurare et scaturire. 
Et veniens ibi audiuit horribiles clamores 
animarum et demones ipsas torquentes, 
qui eciam ipsam rapere nitebantur. Sie 
beginnt dann zu Maria zu beten: O do- 
mina, non differas liberare me, nam vrget 
super me puteus os suum 184 ). Neben 
puteus bezeichnet allgemeiner Abyssus 
den H.nabgrund, mhd. dbis. Derselbe 
Gedanke noch in folgenden Wendungen: 
alts. heiligrund , mhd. in afgründe gän\ ir 
verdienet daz af gründe] varen ter helle in 
den donkren kelre\ der himel allez üf get, 

| diu helle siget allez ze tat 185 ); in der helle 
gründe verbrunne e ich ; der fürste üz helle 
abgründe ; de hellgrunt ; der bodengrunt der 
helle ; hellepuzze, obene enge, nidene 
wit lB& ), auch als Ortsbezeichnung: Helle¬ 
put 187 ). Die mittelalterliche Kunst 
stellte die H. als einen Schlund dar, dessen 
Eingang meist ein weit geöffneter und mit 
Zähnen besetzter Tierrachen bildet 188 ). 
Auf alten Bildern vom Jüngsten Gericht 
zieht der Teufel hohe und niedere Geist¬ 
liche am Seil in den Rachen der H. hin¬ 
ab 189 ). In den Schauspielen des Mittel¬ 
alters pflegten die Franzosen auf der Bühne 
die H. durch einen künstlichen Drachen¬ 
schlund darzustellen, die Deutschen durch 
ein Faß 190 ). Hierzu gehört dann die mittel¬ 
alterliche Vorstellung vom Hafen der H. 191 ), 
die bis in den heutigen Volksglauben hin¬ 
einreicht: Hellekessel, Höll-, Rollhafen, 
-kessel. Schwerlich ist dieser Höllhafen 
mit dem nordischen Hvergelmir zu ver¬ 
binden, wie noch Meyer will 192 ). Unartige 
Kinder bedroht man in Schwaben: Wart 
du kommst ins Höllehäfele 193 ), im Zür¬ 
cher Oberlande mit dem Rollhafen m ), 
im Aargau bezeichnet Höllhafen, Rumpel- 
und Rollhafen den tiefsten H.ngnmd 196 ). 

Die Vorstellung des gähnenden H.n- 
schlundes erzeugte als Ergänzung dazu 
die eines Verschlusses. Nach oberpfälzer 
Glauben ist die H. mit einem großen, 
platten Stein zugedeckt 196 ). Der Bauer, 
der seinen Grafen und den Büttel in die 


223 


Hölle 


224 


H. fuhr, hielt, nachdem man schon aus 
der Ferne die Teufel hatte singen hören 
und den H.nrauch und Gestank gerochen 
hatte, über einem großen breiten Stein, 
wie einer Kellertür. Der Stein bricht zu¬ 
sammen, Feuer fährt heraus und ver¬ 
schlingt den Grafen und den Schergen 197 ). 
Mhd. heißt dieser Verschlußstein der H. 
dillestein (2, 297). Gelegentlich fließt der 
Gedanke an die den Toten einschließende 
Grabplatte unter: wan ez kumt des tiuvels 
schrei, da von wir sin erschrecket : der dille¬ 
stein der ist enzwei , die töten sint üj ge- 
wecket 198 ). Nach einem Volkslied ist der 
Dillestein der Stein, „den kein Hund 
überbal, kein Wind überwehte, kein Regen 
übersprehte“ 199 ). Parallele Vorstellungen 
sind der etruskische lapis manalis und der 
öfjt^ctXoc von Delphi 20 °). 

183 ) Das Volksbuch vom Doctor Faust (nach 
der ersten Ausgabe 1587) 2. Aufl., hsg. von 
Rob. Petsch (Neudrucke deutscher Litteratur- 
werke des XVI. und XVII. Jahrhunderts, 
Nr. 7—8 b, Halle a. S. 1911) 28. 184 ) Klapper 
Erzählungen 292. 185 ) Grimm Myth. 2, 672. 

18 *) Ebd. 3, 240. 187 ) Ebd. 2, 670. 188 ) Wilh. 
Molsdorf Führer durch den symbolischen und 
typologischen Bilderkreis der christlichen Kunst 
des Mittelalters (Hiersemanns Handbücher Bd. 
10, Leipzig 1920) 71; Grimm Myth. 1, 261. 
18# ) Mone Schauspiele 2, 23. 19 °) Ebd. 2, 19. 

m ) Ebd. 2, 27. 192 ) Meyer Mythologie 173. 

m ) Meier Schwaben 1, 149 Nr. 2. m ) Messi- 
kommer 1, 15 Anm. m ) ZfdMyth. 2 (1854), 252. 
m ) Schönwerth Oberpfalz 3, 25. 197 ) Ebd. 3, 
34 f- 1M ) Grimm Myth. 2, 672 t.; Meyer 
Mythologie 174. 189 ) Grimm Myth. 3, 240. 

20 °) Ebd. 2, 673. 

8. Lage der Hölle. 

Die Ungewißheit über das Jenseits hat 
in vielen Mythologien die Vorstellung er¬ 
zeugt, daß es irgendwo in der Ferne liege. 
Näher bestimmt wird diese Feme in der 
Regel durch den Sonnenlauf, besonders 
durch Sonnenaufgang und -Untergang. 
Nach oberpfälzer Glauben liegt im Son¬ 
nenaufgang das Paradies, links von der 
Sonne, im Norden, die H. 201 ). Dort liegt 
auch Niflheim. Nach altgermanischer 
Henkersgewohnheit mußte der Galgen so 
stehen, daß der Verurteilte das Gesicht , 
dorthin gewandt hatte 202 ). Der Teufel 
haust im Norden. Christliche Vorstellun¬ 
gen mischen sich mit einheimischen bei 
Hrabanus Maurus: cadens Lucifer . . . 


traxit ad inferni sulfurea stagna, in gelida 
aquilonis parte ponens sibi tribunal 203 ). 
Im ags. Zwiegespräch zwischen Salomo 
und Saturn ist die Sonne abends so rot, 
weil sie zur H. blickt 204 ). Dabei ist die H. 
wohl unterirdisch gedacht. Diese Lage 
der H. war die wahrscheinlichste. Die äl¬ 
teren Vorstellungen von einem unter¬ 
irdischen Totenreich brauchten nur mit 
dem feurigen Kolorit der H. übermalt zu 
werden. Berthold v. Regensburg sagt: 
die hell ist enmitten da daz ertriche aller 
sumpfigest ist™). Quellen und Weiher 
sind beliebte Eingänge zur Unterwelt, 
speziell zu einem H.neingang werden die 
heißen Quellen bei Baden 206 ). Gregor 
v. Tours verbindet die Unterwelt mit 
dem Gedanken an die heiße H., wenn 
ihm der Ätna sowie der heiße Sprudel zu 
Grenoble zu Gotteswundern werden, durch 
die den Sündern das H.nfeuer vor Augen 
geführt werden soll 207 ). Vor allem aber 
mußten Vulkane als H.neingänge erschei¬ 
nen, so der Vesuv (s. d.), der Ätna (s. d.) 
und die Hekla. Zum ersten Male wurde 
dieser Gedanke von Gregor dem Großen 
ausgesprochen (Dialog. IV, 30), wenn er 
den Ostgotenkönig Theoderich in einen 
Vulkan geworfen werden läßt. Vorüber¬ 
gehende erfahren hier den Namen und 
die Todesstunde des zur H.Eingegangenen, 
später prüfen sie die Daten, sie stimmen. 
Die Fabel bleibt in der Folge im wesent¬ 
lichen gleich, nur die Namen und die Vul¬ 
kane wechseln, der H.ncharakter wird mehr 
oder weniger ausgemalt (vgl. Vulkan). 
Volkstümlich sind diese Vorstellungen 
nicht geworden. Sie wurden im wesent¬ 
lichen von der Geistlichkeit gepflegt, so 
von Caesarius v. Heisterbach (XII, 7—9, 
*2, 13). Vor allem blühten diese Geschich¬ 
ten fern von den Vulkanen selber; der 
nur gelegentlich auf der Durchreise einen 
Vulkan sehende Fremde war einem der¬ 
artigen Glauben viel zugänglicher, als der 
mit der Erscheinung vertraute Einhei¬ 
mische. Dies besonders für die Hekla 
nachgewiesen 208 ). 

201 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 53 Nr. 4. 
202 ) Kondziella Volksepos 173. 203 ) Grimm 

Myth. 3, 295- 204 ) Ebd. 2, 601. 2M ) Meyer 

Mythologie 173. 208 ) Laistner Nebelsagen 37. 

*° 7 ) Bernoulli Merowinger 305. 208 ) ZfVk. 4 


. 


Hölle 


226 


225 






! 


1 (1894), 256 fl.; 8 (1898), 452 ff. Auch die Bevöl¬ 
kerung in der Nähe des Ätna hat eine viel mil¬ 
dere Vorstellung über das Treiben in dem Vul¬ 
kane, als die fremden Geistlichen, die hier einen 
H.neingang sehen. Vgl. Caesarius v. Heister¬ 
bach 146 f. 

9. Anlage der Hölle. 
Weiterschreitend entwarf die Phanta¬ 
sie ein Bild einzelner Abteilungen der H. 
Nach oberpfälzer Glauben liegen hinter 
der H .nwiese drei Abteilungen, zu jeder 
führt ein eigenes Tor. Vor den beiden 
ersten Toren steht ein Teufel als Wache, 
1 ‘ zu dem dritten, größeren Raume, 
V führt ein offenes, das dritte Tor, vor 
« ! welchem der H.nbube sitzt, der auch 

1 1 . die H. zu heizen hat 209 ). Im ersten 
' Raum sieht die verdammte Seele die 
Marterwerkzeuge herrichten, im zweiten 
schaut sie, wie ihre Genossen gepeinigt 
\) werden. Im dritten Raume beginnt die 
I wahre Pein: da werden die Seelen von den 
[ Teufeln in öl gesotten und dann mit kal- 
■ tem Wasser abgekühlt. Sie leiden fürch- 
; terlichen Durst, während die hellsten Was¬ 
serbäche neben ihnen fließen. Nur damit 
sie nicht ganz verschmachten, werden sie 
zeitweise getränkt. Dieser Raum hat wie- 
k der verschiedene Abteilungen, je nach Art 
seiner Bevölkerung 210 ). Nach Grimmels¬ 
hausen ist die H. in Stockwerke einge¬ 
teilt: im obersten befinden sich die Heiden, 
zum Weg in das nächstuntere Stockwerk 
braucht man anderthalb Tage, dort ist 
das „Quartier der Mahumetaner", darun¬ 
ter das Stockwerk der Juden, darunter das 
der christlichen Schismatiker und Ketzer, 
darunter der Ort für diejenigen, die zwar 
die rechte Religion gehabt haben, ihr aber 
nicht gemäß lebten, zu allerunterst end¬ 
lich kommen diejenigen, die vom Christen¬ 
tum abgefallen sind und sich entweder zu 
den Ungläubigen oder gar in Bündnis und 
Dienste der bösen Geister begeben ha¬ 
ben 211 ). Während in der Oberpfälzer und 
in Grimmelshausens H.nanlage eine Stei¬ 
gerung erzielt wird, ist das Bild im Faust¬ 
buch von 1587 zunächst nur eine An¬ 
häufung fremder H.ntitel. Mephistopheles 
erklärt: die Hell vnd derselben Refier ist 
vnser aller Wohnung vnd Behausung, die 
begreifft so viel in sich, als die gantze Welt, 
vber der Hell vnd vber der Welt, biss un- 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


ter den Himmel, hat es zehen Regiment 
vnnd Königreich, welche sind die Ober¬ 
sten vnter vns, vnd die Gewaltigsten vnter 
sechs Regimenten, vnnd sind nemlich die: 
1 Lacus mortis. 2 Stagnum ignis. 3 Ter¬ 
ra tenebrosa. 4 Tartarus. 5 Terra obli- 
uionis. 6 Gehenna. 7 Herebus. 8 Bara- 
thrum. 9 Styx. 10 Acheron. In dem re¬ 
gieren die Teuffel, Phlegeton genannt. 
Diese vier Regiment vnter jhnen sind 
Königliche Regierung, als Lucifer in Orient, 
Beelzebub in Septentrione, Belial in Me- 
ridie, Astaroth in Occidente, vnnd diese 
Regierung wirdt bleiben, biß in das Ge¬ 
richt Gottes 212 ). Zwei verschiedene Di¬ 
mensionen kreuzen sich in diesem un¬ 
klaren Bericht: eine vertikale und eine 
horizontale, in der die vier Himmelsrich¬ 
tungen vier Dämonenfürsten unterstellt 
werden. In den fremden H.nnamen ist die 
Vorstellung der eigentlichen H. erkenn¬ 
bar, Mephistopheles beschränkt sich in¬ 
dessen nicht hierauf, er zeichnet den gan¬ 
zen Herrschaftsbereich der höllischen 
Mächte: biß vnter den Himmel. Die zehn 
H.nnamen, die hier zu Abteilungen der H. 
gemacht werden, erscheinen im Eluci- 
darius (Frankfurt 1572, der Ausgabe, die 
dem Faust buch von 1587 am nächsten lag) 
lediglich als verschiedene Bezeichnungen 
derselben H.: (Die Hell) heißt in der hey- 
ligen Schafft, Lacus mortis, ein see deß 
todts, dann welche Seelen darein kommen, 
die mögen nimmer darauß. Sie heißt 
Stagnum ignis, ein hitz deß Fewxs, Wann 
als die stein deß Meers grundt nimmer 
trucken werden, also erkülen die Seelen 
nimmermehr die darein kommen. Sie 
heißt Terra tenebrosa, das ist, eine fin¬ 
stere erd. Wann der weg, der zu der Hel¬ 
len geht, ist jmmer voll rauchs vnd ge- 
stancks. Sie heißt auch Terra obliuionis, 
das bedeut die Erden der Vergessung, 
Wann die seelen, die darein kommen, seyn 
verlorn, vnd wirdt jr vor Gott nimmer ge¬ 
dacht. Sie heißt auch Tartarus, das be¬ 
deut die Marter, Dann da ist jmmer wey- 
nen der äugen, vnd grißgrammen der zän 
von frost. Sie heißt auch Gehenna, das be¬ 
deut ein ewig fewr. Wann das hellisch ist 
so starck, daß vnser fewr ein Schatten 
gegen dem Hellischen fewr ist. Sie heißt 

8 


i' 

M 



227 




auch Herebus, das bedeut Drachen, 
dann die Hell ist voll fewriner drachen 
vnd wurm, die nimmer sterben. Sie heißt 
auch Baratrum, das bedeut die schwartz- 
gienung, wann sie gient biß an den Jüng¬ 
sten tag, wie sie die Seelen verschlinden 
mög. Sie heißt auch Styx, das bedeut 
on freude, da ist ewig on freud. Sie heißt 
auch Acheronta, das bedeut gienung. 
Dann da fahren die Teuffel auß vnd ein, 
als die funcken in einem ofen. Auch heißt 
dieselbig Hell Phieget on, von einem Was¬ 
ser das durchrinnet, das stincket von bech 
vnd schwebel, Vnd ist auch also kalt, 
daß es alle Hellische hitz wendet 213 ). Da¬ 
neben hat das Faustbuch noch eine andere 
H.nvorstellung, die unter dem Einfluß der 
Gehenna gebildet ist: Man sagt auch recht, 
daß die Helle ein Thal genannt wirt, so 
nicht weit von Jerusalem ligt, Die Helle 
hat ein solche Weite vnd Tieffe deß 
Thals, daß es Jerusalem, das ist, dem 
Thron deß Himmels, darinnen die Ein¬ 
wohner des Himmlischen Jerusalems seyn 
vnd wohnen, weit entgegen ligt, also daß 
die Verdampten im Wüste deß Thals 
jmmer wohnen müssen, vnd die Höhe 
der Statt Jerusalem nicht erreichen kön¬ 
nen. So wirdt die Helle auch ein Platz ge¬ 
nannt, der so weit ist, daß die Verdamp¬ 
ten, so da wohnen müssen, kein Ende da¬ 
ran ersehen mögen 214 ). In diese H.n- 
schilderung spielt die des Abgrundes hin¬ 
ein: Die Helle hat auch eine Klufft, Chas- 
ma genannt, gleich eins Erdbidems, da er 
denn anstößet, gibet er eine solche Klufft 
vnnd Dicke, das vnergründlich ist, da 
schüttet sich das Erdreich von einander, 
vnd spüret man auß solcher Tieffe der 
Klufften, als ob Winde darinnen wehren. 
Also ist die Helle auch, da es ebenmüßigen 
Ausgang hat. Jetzt weit, dann eng, dann 
wider weit, vnd so fortan. Die Hell wirdt 
auch genannt Petra, ein Felß, vnnd der 
ist auch etlicher maßen gestalt, als ein 
Saxum, Scopulus, Rupes vnd Cautes, also 
ist er. Dann die Helle also befestiget, daß 
sie weder Erden noch Steine vmb sich hat, 
wie ein Felß, Sondern wie Gott den Him¬ 
mel befestiget, also hat er auch einen 
Grundt der Hellen gesetzt, gantz hart, 
spitzig vnd rauch, wie ein hoher Felß 215 ). 


2 28 

Der Gedanke an nach Art der Sünden ver¬ 
schiedene H.nschichten erscheint gelegent¬ 
lich: Also hat es mit den verdampten 
Seelen auch eine Gestalt, die in die Helle 
geworffen werden, je mehr einer sündiget 
dann der ander, je tieffer er hinunter fal¬ 
len muß 216 ). 

Die H.nvorstellung des Elucidarius ist 
viel klarer, als die des Faustbuches: Gott 
schuf die H. in derselben Stunde, da der 
Teufel gedachte, daß er sich wider Gott 
setzen wolle. Zweierlei H.n werden hier 
unterschieden. Die erste verbindet in sich 
die Vorstellung der weiten Ferne mit der 
des Abgrundes, sie heißt die innere oder 
niedere H., sie ist an einem Ende der Erde, 
wohin von Nebel und Finsternis nie ein 
Mensch kam, dabei ist sie ,,oben enge 
und unten weit, den Grund weiß niemand 
als Gott allein, denn die Bücher sagen uns, 
daß ewiglich manche Seele hineinfalle 
und doch nie den Grund finde“. Hiervon 
unterscheidet sich die obere H., sie ist 
mancherorts auf der Erde, auf den Höhen 
und auf den Inseln, und bei dem Meer, da 
brennt Pech und Schwefel, da werden die 
Seelen gepeinigt, die erlöst werden sol¬ 
len 217 ). Der Unterschied zwischen der 
niederen und der oberen H. wird nicht 
ausgesprochen, die niedere H. ist der ei¬ 
gentliche und ewige Aufenthalt der Ver¬ 
dammten, die obere H. ein Ort, wo ent¬ 
weder Sünder sich durch Buße reinigen, 
oder wo die zu verdammenden Geister 
bis zum Gericht aufbewahrt werden. Die 
Orte, Höhen, Inseln, Gestade des Luci- 
darius sind die gleichen öden Stätten, an 
die man böse Spukgeister vertragen läßt. 
Gelegentlich heißen solche Orte Vorh. 
Von dieser Art ist die Vorstadt der H. in 
den Diablerets. Im Siebengebirge dachte 
man sich ebenfalls eine solche Vorh. 
Hierhin wurden die armen Seelen ver¬ 
dammt, die am Jüngsten Tage ein schlech¬ 
tes Urteil zu erwarten hatten. Hier wan¬ 
delt ein kölnischer Wucherer in bleiernen 
Schuhen und bleiernem Mantel umher, 
ein Bonner Minister als Feuermann. Hier 
scheinen zur Wahl des Ortes dieser Vor¬ 
hölle die Nebelwolken beigetragen zu 
haben, die aus den Tälern emporsteigen und 
die vom Volk für erlösungsdurstige Seelen 


229 


Hölle 


230 



•I 

• • 1 

II 

* u 

► m 




gehalten werden 218 ). Aber nicht nur in 
abgelegener Einsamkeit kann eine Seele 
H.nqualen verbüßen, im Heulen, Pfeifen 
und Summen des Ofens kann das Leiden 
einer armen Seele enthalten, im Knoten 
eines Strohseils gebunden sein, in dem 
Knarren und Pfeifen großer Türen, be¬ 
sonders der Scheunentore, in den Tür¬ 
angeln, besonders wenn der Bauer die Tür 
zuwirft, in dem Wagengeleise eines schwer 
beladenenWagens oder im Eis der Gletscher 
kann eine Seele ihre Pein haben 219 ). Von 
dieser Art ist die obere H. des Lucidarius, 
es ist das Fegefeuer (s. d.). Zur Vorh. 
entwickelte sich besonders die grüne Wiese 
vor der H. Die hier als Vieh verzauberten 
Geister, die an Feiertagen weiden, können 
erlöst werden 22 °). Einen Ort, der zur H. 
gehörte, ohne doch eigentlich H. zu sein, 
brauchte die Kirche, um dort die Altväter 
bis zu ihrer Befreiung durch Christus 
unterzubringen, es ist der Rand der H., 
limbus. In den Schauspielen des Mittel¬ 
alters wird die Erlösung der Patriarchen 
aus der zertrümmerten Vorh. und ihr 
Einzug in das Paradies gefeiert 221 ). Diese 
Vorh. ist vorwiegend als Grab gedacht. 
In einem Gebete des 13. Jhdt. heißt es: 
wir loben unt danken dir , daz du den Pa¬ 
triarchen unt den Propheten uzer so langer 
vinstere hülfe 222 ). Von der Befreiung eines 
gerechten heidnischen Königs aus der 
Vorh., hier doch ein Ort ewiger Qual, 
durch das Gebet Gregors des Großen, er¬ 
zählt eine im Mittelalter beliebte Le¬ 
gende 223 ). 

Während die nordische Mythe die Vor¬ 
stellung von Flüssen, die die Unterwelt 
umgeben und durchfließen, weiter die von 
einem Gitter, das die hei abschließt (hel- 
grindr), entwickelt hatte, kennt die spä¬ 
tere deutsche H.nauffassung nur in Spuren 
die Gewässer, die die H. von der übrigen 
'Welt trennen. Häufiger findet sich der 
Glaube, daß die Seele nach dem Tode 
ein Wasser zu überschreiten habe, aber 
dies Wasser ist kein H.nwasser 224 ). Gern 
denkt man sich die H. als eine Festung 
Und redet von dem H.ntor 225 ), seinen Rie¬ 
geln oder Grinteln 226 ). Der Gedanke an 
das H.ntor verband sich mit dem vom 
H.nschlund und erzeugte einmal das gro¬ 


teske Bild eines Rachens, an dem eine Tür 
angebracht ist 227 ). Gelegentlich ist von 
der eisernen Tür der H. die Rede 228 ). 

Der Weg zur H. ergibt nur geringe 
Ausbeute. Er ist mit Totenschädeln ge¬ 
pflastert, die Priesterschädel sind mit 
einem schwarzen Käppchen bemalt, damit 
die Bauern auf ihrem Weg zur H. mit 
ihren genagelten Schuhen nicht so tiefe 
Löcher hineintreten (Schweiz) 229 ). Im 
Volkslied reitet der Teufel ein in einen 
Rappen verzaubertes Goldschmieds¬ 
töchterlein in die H., erwähnt wird als 
Einzelheit nur die H.npforte 23 °). Vereinzelt 
erscheint in der Schweiz eine sehr detail¬ 
lierte Beschreibung des Jenseitsweges, 
die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
im Kanton Zürich noch lebendig war: Der 
Weg in den Himmel ist rauh und schmal 
und mit Dornen überwachsen. Nicht weit 
vom Himmelstor befindet sich ein schreck¬ 
lich tiefer Abgrund, über denselben führt 
ein Steg, ganz besteckt mit scharfen und 
spitzigen Schermessern, unter welchem 
ein feuriger Drache mit aufgesperrtem 
Rachen liegt. Über diesen Steg muß die 
abgeschiedene Seele ihre Sündenbürde 
tragen, sie sei nun leicht oder schwer. 
Manche, die viel und schwer gesündigt 
haben, stürzen in den Abgrund und dem 
Drachen gerade in den Rachen hinein. 
Kommt aber die Seele hinüber, so be¬ 
gegnet ihr ein schwarzer Mann, der ihr 
auf allen Seiten den Weg versperrt und 
sie in große Angst und Not bringt. Zuletzt 
kommt ihr aber der Herrgott mit vielen 
Engeln zu Hilfe und führt sie in den Him¬ 
mel ein 231 ). 

209 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 26. 2l0 ) Ebd. 
3, 27. 2U ) Amersbach Grimmelshausen 1, 17. 

2l2 ) (Petsch) Faust 29. 213 ) Ebd. 162 f. 21< ) Ebd. 
35. 215 ) Ebd. 36. 2ie ) Ebd. 37. 217 ) K. Simrock 
Die deutschen Volksbücher 13 (Frankfurt a. M. 
1867) 380—382. 218 ) K. Simrock Das malerische 
und romantische Rheinland (Leipzig 1851) 329. 
219 ) Ranke Sagen 61 f. 22 °) Schönwerth 
Oberpfalz 3, 26. 221 ) Mone Schauspiele 1, 267; 
2, 8. 10. 222 ) Ebd. 2, 10. 223 ) Klapper Er¬ 
zählungen 369!. 224 ) Caesarius v. Heister¬ 

bach 147 f. 225 ) Grimm Myth. 1, 261; 3, 239. 
226 ) Ebd. 1, 201; 3, 82. 227 ) Molsdorf Führer (s. 
Anm. 188) 71. 228 ) Bartsch Mecklenburg 1, 

512. 229 ) Rochholz Kinderlied 352. 23 °) Erk- 
Böhme 1, 651; vgl. 652, 32. * 31 ) ZfdMyth. 4 

(1856), 178; Sepp Sagen 74 f. Nr. 24. 






Hölle 



io. Die Bewohner der Hölle. 

Die Schrecken der H. werden durch 
Peiniger gesteigert. Die älteste Form 
dieser Wesen, die noch nicht mit grau¬ 
samer Freude die Verdammten quälen, 
sind Tiere, sie begegnen noch als Er¬ 
scheinungsformen oder Namen des Teu¬ 
fels. Thietmar v. Merseburg nennt ihn 
lupus vorax, später erscheint er als H.n- 
wolf 232 ). Häufiger als Hund: hellchunt, 
hellerüde, hellew elf 233 ), als Vogel gern 
als Rabe: hellerabe , später auch als Geier, 
Kuckuck, Hahn. Sehr alt ist die Erschei¬ 
nung des Teufels als Schlange, Wurm oder 
Drache: slange, hellewurm, helletracke 2 ™), 
endlicherscheint er auch als Fliege 235 ). Ob¬ 
gleich im einzelnen, vor allem in dem Teufel 
als Schlange, die christliche Tradition 
vorhandene einheimische Vorstellungen 
beeinflußt hat, gibt die Zusammenstellung 
dieser H.ntiere doch noch einen deutlichen 
Hinweis auf den letzten Ursprung dieser 
Unterweltswesen. Wolf, Hund, Rabe, 
Wurm, Drache und Fliege sind leichenver¬ 
zehrende Tiere. Aus der Totenwelt, als 
deren natürliche Schrecknisse sie dem 
Überlebenden erscheinen mußten, sind sie 
in die christliche H. hinübergewandert 236 ). 
Der erschreckendste und widerwärtigste 
Eindruck ist der der Schlangen und 
Würmer. Neben dem Feuer werden diese 
für die H. charakteristisch. Wie Schlan¬ 
gen in den Sagen und Märchen regelmäßig 
als die Schrecken schauriger Gefängnisse 
erwähnt werden, so in der H. Drachen 
und Würmer 237 ). 

Derartige Leichendämonen finden sich 
auch in den Jenseitsmythen fernerer Völ¬ 
ker, sie liegen der Phantasie nahe, die sich 
an der verwesenden Leiche und am Grab 
orientiert. Anderer Herkunft sind die 
Teufel. Wohl sind sie erst mit dem Chri¬ 
stentum nach Deutschland gekommen, 
und erst durch die Arbeit der Geistlichen 
sind sie Gemeingut des Volksglaubens ge¬ 
worden, aber sie müssen in der Psyche 
der Christen einen besonderen Anhalts¬ 
punkt besitzen, sonst hätten sie sich nicht 
in dieser Weise einbürgern können. Da 
alle Religionen, die ein offenbartes ethi¬ 
sches Prinzip zur Grundlage haben, H.n- 
und Teuf eis Vorstellungen nach Art der 


christlichen gezeitigt haben, wird anzu¬ 
nehmen sein, daß gerade die Depression 
infolge von Verfehlungen gegen die ethi¬ 
schen Vorschriften den Nährboden bil¬ 
det, in dem die Vorstellungen von diesen 
Sünden strafenden, Martern ersinnenden 
Teufeln aufwachsen konnten. Die Teufel 
leiden keine Qual, die Qual der Verdamm¬ 
ten ist ihre Freude: während die Seelen 
gesotten werden, trinken sie Wein und 
unterhalten sich mit Karten- und Kegel¬ 
spiel (Oberpfalz) 238 ). Nach Oberpfälzer 
Glauben rekrutieren sich die Teufel aus 
den Verdammten, einer von diesen wird 
H.nbube und hat als solcher die H. zu 
heizen, nach dreijährigem Dienst wird er 
in die Gemeinschaft der Teufel aufge¬ 
nommen 239 ). Die Teufel sind hierar¬ 
chisch geordnet. Der oberste der Teufel, 
der Alte oder der Meister, sitzt auf einem 
Thron 240 ). Feste Vorstellungen gibt es 
hierüber nicht. In der Regel gilt Lucifer 
als der Höchste, daneben ist aber auch 
schlechthin von den principes tenebrarum 
die Rede 241 ). Im Faustbuch erscheinen 
sieben Großfürsten der H. 242 ). H.ngeister 
wird dann allgemein ein Ausdruck für 
böse Geister, ohne daß dabei noch an die 
H. gedacht wäre (s. Teufel). 

Zwischen den Teufeln und den Ver¬ 


dammten erscheint gelegentlich noch eine 
Klasse der gebannten Geister. Diese haus¬ 
ten früher auf der Erde, wurden aber 
in die H. gebannt, als sie es zu arg mach¬ 


ten. Vor dem Ende der Welt kommen 
sie auf die Erde zurück und können er¬ 
löst werden 243 ). Es sind diese Wesen 
diejenigen, die sonst auch als an einsame 
Orte gebannt erscheinen. Die Bevölke¬ 
rung der H. ist zahlreicher als die des Him¬ 
mels 244 ). Ein Geistlicher beschwor ein¬ 
mal einen Verdammten, plötzlich steht 
der Abgeschiedene in H.nflammen vor 
ihm 245 ). Indessen drangen auch freund¬ 
lichere Auffassungen gelegentlich durch, 
so ist mehrfach von einem Tanz in der H. 
die Rede, z. B. in einem mittelalterlichen 
Schauspiel: der helle reyen 246 ). Nach Ana¬ 
logie der in ihrer H. kartenspielenden Her¬ 
ren wird gelegentlich von einem Ort in 
der H. gesprochen, wo die hinkommen, die 
ihr Lebtag in Trunk und Spiel hingebracht 




233 

haben. Sie sitzen in einer pechschwarzen, 
von Spanlichtern erleuchteten Kammer, 
trinken, schnupfen, rauchen, spielen, rau¬ 
fen und singen. Gelegentlich werden sie 
von Teufeln mit glühenden Zangen ge¬ 
zwickt 247 ). 

In den Jenseitsvorstellungen der Natur¬ 
völker spielen nicht selten bestimmte Ta- 
tauierungen und sonstige Zeichen, die 
der Abgeschiedene haben muß, eine Rolle. 
Aus apokalyptischen Quellen findet sich 
vereinzelt eine ähnliche Vorstellung über 
die endgültigen Bewohner der H. Bert- 
hold v. Regensburg sagt, daß die Sünder 
beim Jüngsten Gericht ,,ein helleceichen, 
ein dicpceichen “ bekommen werden 248 ). 

232 ) Grimm Myih. 2, 832. 233 ) Ebd. 2, 832 f. 
234 ) Ebd. 2, 833 f. 235 ) Ebd. 2, 834. 236 ) Vgl. 

Ncckel Walhall 42, 43. 237 ) z. B. (Petsch) 

Faust 37. Im Caedmon: Grimm Myth. 2, 673. 
238 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 27. 23 ®) Ebd. 3, 
26. 24 °) Ebd. 3, 27. 241 ) Klapper Erzählungen 
313. 242 ) (Petsch) Faust 48 f. 243 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 28. 244 ) Ebd. 3, 27. 245 ) 

Kühnau Sagen 3, 192. 246 ) Mo ne Schauspiele 
2, 102; vgl. 2, 81; vgl. oben bei Anm. 132. 
247 ) Panzer Beitrag 1, 97. 248 ) Schönbach 

Berlhold v. R . 117. 

Xi. H.nfahrten. 

Als Zauberkunst. — Dienst in der H. — Ver¬ 
trag mit dem Teufel — Quittung — aus der H. 
geholt. — H.nfahrt Fausts. — H.nfahrten in der 
Visionsliteratur. 

In drei Kategorien erscheinen H.nfahr¬ 
ten. Einmal als Märchen von Menschen, 
die leiblich in der H. gewesen sind, dann 
als von Profanen gehandhabte literarische 
Fiktion, endlich als Visionen, die der ent¬ 
rückten Seele die H. zeigen. Gelegentlich 
erscheint es als besondere Zauberkunst, 
in die H. und zurück zu gelangen. Eine 
Schweizer Hexe konnte neben anderen 
Künsten einen Blick in die H. tun 249 ). In 
den Chansons de geste wird ein heidnischer 
Magier gerühmt, die H. besucht zu haben 
und wieder zur Erde zurückgekehrt zu 
sein 250 ). Nach böhmischem Aberglauben 
findet derjenige, der auf einer Totenbahre, 
auf welcher lauter ehrbare Jungfrauen 
zu Grabe getragen worden sind, sechsmal 
nacheinander ausschlafen kann, auf dem 
Kirchhofe einen goldenen Schlüssel zur H., 
wo ihm niemand etwas zuleide tun kann, 
dort kann er sich so viele Schätze holen] 
als er will; auf dem Rückwege aber muß 


234 

er den Schlüssel fort werfen, sonst zer¬ 
reißen ihn die Teufel 251 ). Eine ganze 
Reihe von Sagen zeigen, daß der Gedanke 
keinerlei Schwierigkeiten machte, daß ein 
Mensch die H. besuchen könne. In diesen 
Fällen dachte man sie sich irgendwo, 
ohne durch eine bestimmte geographische 
Einsicht gestört zu werden. In Tirol lebte 
ein Bauernweib, das vom Satan das Pri¬ 
vilegium hatte, die H. zu besuchen. Als 
Führer war ihr ein Geist beigegeben in 
Gestalt eines Männleins, und während sie 
hinabfuhr, hörte sie allerlei Geisterstimmen. 
Drunten verrichtete sie Dienste. Wieder 
auf die Oberwelt zurückgekehrt, wurde 
sie von den Leuten nach Freunden und 
Verwandten gefragt 252 ). Wie handfest 
der Glaube an solche H.nfahrten war, zeigt 
Berthold v. Regensburg, der sich in sei¬ 
nen Predigten gegen die Gauner wendet, 
die den Hinterbliebenen vorspiegeln, sie 
seien in der H. gewesen und könnten den 
Abgeschiedenen mit Geld und Kleidung 
aus der H. helfen 253 ). 

Eine Reihe von Varianten berichten 
von der H.nfahrt eines Knaben (seltener 
eines Mädchens), der vom Teufel in Dienst 
genommen wird. Ein Knabe begegnet 
einem grauen Männchen mit steifer Pe¬ 
rücke, der führt ihn in eine tiefe Höhle, 
hier muß der Junge unter großen schwar¬ 
zen Töpfen das Feuer unterhalten, in einem 
sitzt sein früherer Herr. Nach sieben 
Jahren wird er ausgelohnt und entlas¬ 
sen 254 ). Ein elternloses Mädchen trifft 
im Walde einen grünen Jäger, mit ihm 
geht sie in die H., in den Töpfen sitzen 
ihre Eltern. Nach sieben Jahren kehrt 
sie auf die Oberwelt zurück, bleibt aber 
von schwarzer Hautfarbe 255 ). Ein Wai¬ 
senknabe trifft bei der Feldarbeit ein Erd¬ 
männchen, das ihn verpflichtete und mit 
ihm durch die Luft in die H. flog. Er muß 
unter den Töpfen das Feuer schüren. 
Nach seiner Rückkehr auf die Erde stirbt 
er 256 ). Ein verirrter Zigeuner junge wird 
ebenfalls durch die Luft vom Teufel zur 
H. entführt, er muß eine Zeit Torwartl 
sein (Tirol) 257 ). Ein anderer, der als 
Knabe sieben Jahre in der H. Torwartler 
sein mußte, wurde Priester und predigte, 
daß die ganze H. mit Geistlichen gewöhnt 


Hölle 



235 Hölle 236 


sei und noch mit solchen gepflastert 
werden würde (Tirol) 258 ). Im Salzbur¬ 
gischen mußte ein Fleischknecht zwei 
Jahre vor demH.ntore Wache halten. Wie 
auch der Oberpfälzer H.nbube bekam er 
das Brot zu essen, über das kein Kreuz 
gemacht worden war. Er sah fast lauter 
Herren zur H. wandern, nur wenig Bau¬ 
ern 259 ). Ein Schmied verpflichtet sich 
zu sechs Jahren Dienst dem Teufel, der 
ihm dafür aus seinen Schulden hilft. In 
der rauchigen, stinkenden H. muß er 
die Kessel heizen. Der Schmied prellt 
den Teufel um die Dienstzeit 260 ). 

Eine andere Sage erzählt von einem 
Mann, der dem Teufel seinen neugeborenen 
Sohn verschreibt, dieser wird geistlich 
und geht mit Weihwasser, geweihter 
Glocke, Kreuz. oder Degen zur H. und 
holt die Urkunde zurück 261 ). In einer 
(der Posener) Variante geht der Geistliche 
zur H. „in einen Wald“. Die Oberpfälzer 
und Lausitzer Variante beschreibt ein glü¬ 
hendes Bett, das er in der H. sieht, es ist 
für einen Räuber bestimmt. 

Oder einer holt eine Quittung oder ein 
Pfand aus der H. 262 ). Der starke Hans 
wird von seinem Herrn in die H. ge¬ 
schickt, wo er Geld holt, dabei muß er 
lauter als ein Teufel ins Höllhorn blasen, 
sonst bekommt er das Geld nicht 263 ). 
Oder ein Reicher will lieber dem Teufel 
als seinem armen Bruder ein Stück 
Schinken abgeben. Der Arme geht darauf 
ein und bringt das Schinkenstück in 
die H. 264 ). 

Nach einer Thüringer Sage traf ein 
Vogelsteller im Bausenberg über Coburg, 
wo der Teufel seine Kanzel und die Hexen 
einen Tanzplatz hatten, k einen „Pöpels- 
träger“, der einen Geist dorthin vertrug. 
Nachdem er wie dieser seinen linken 
Schuh mit roten Kreuzen bezeichnet 
hatte, sprang er mit ihm in den Entensee. 
Da geschah ein Donnerschlag, es war 
Nacht um sie, und sie fanden sich in einer 
Höhle wieder, in der eine Lohe flammte. 
In dieses Feuer hineinblickend sah der 
Vogelsteller die Glut wellen der H. voll 
Teufel und gepeinigter Seelen. Darin er¬ 
blickt er seinen Sohn. Obwohl er vor 
dem H.nbesuch hatte Stillschweigen ver¬ 


sprechen müssen, bricht er es bei diesem 
Anblick. Da begann das Feuermeer mit 
Zischen und Donnern emporzuwallen. 
Beide flohen und sprangen in ein Wasser. 
Endlich fand er sich in der Nähe des 
Entensees am ganzen Körper, außer dem 
linken Fuße, verbrannt wieder und 
starb bald 265 ). 

Als literarische Fiktion ist Fausts 
H.nfahrt im Faustbuch von 1587 zu be¬ 
zeichnen: Als nun in der Nacht, vnd stick 
Finster war, erschiene jm Beelzebub, 
hatt auff seinem Rucken einen Beinen 
Sessel, vnnd rings herumb gantz zu¬ 
geschlossen, darauff saß D. Faustus vnd 
fuhr also davon. Nu höret, wie jn der 
Teuffel verblendet, vnnd ein Affenspiel 
macht, daß er nit anders gemeinet, denn 
er seye in der Helle gewest. Er führet 
jhn in die Lufft, darob D. Faustus ent¬ 
schlieft, als wann er in einem warmen 
Wasser oder Bad sesse. Bald darnach 
kompt er auff einen hohen Berg, einer 
großen Insel hoch, darauß Schwebel, 
Pech vnd Fewrstralen schlugen, vnnd 
mit solcher Vngestümb vnd Prasseln, 
daß D. Faustus darob erwachte. Der 
Teuffelische Wurmb schwang in solche 
Klufft hineyn mit D. Fausto. Faustus 
aber, wie hefftig es brannte, so empfunde 
er kein Hitze noch Brunst, sondern nur 
ein Lüfftlin, wie im Meyen oder Frühling, 
er hörte auch darauf! allerley Instru¬ 
menta, deren Klang gantz lieblich war, 
vnd konnte doch, so hell das Fewer war, 
kein Instrument sehen, oder wie es 
geschaffen ... In dem schwungen sich 
zu diesem Teuffelischen Wurmb vnd 
Beelzebub noch andere drey, auch solcher 
gestalt. Als D. Faustus noch besser in die 
Klufft hinab käme, vnd die drey benannte 
dem Beelzebub vorflogen, begegenete D. 
Fausto in dem ein großer fliegender 
Hirsch, mit großen Hörnern vnd Zincken, 
der wollte Doct. Faustum in die Klufft 
hinab stürtzen, darob er sehr erschracke. 
Aber die drey vorfliegende Würme ver¬ 
trieben den Hirsch. Als nun D. Faustus 
besser in die Spelunck hinab kam, da 
sähe er vmb sich herumb seyn nichts, 
dann lauter Vnzieffer vnd Schlangen 
schweben. Die Schlangen aber waren 





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Hölle 



vnsäglich groß. Ihm kamen darauff 
fliegende Bären zu hülff, die rangen vnd 
kämpfften mit den Schlangen, vnd 
siegten ob, also daß er sicher vnd besser 
hindurch käme, vnd wie er nu weiter 
hinab kompt, sähe er ein großen geflü¬ 
gelten Stier aus einem alten Thor oder 
Loch herauß gehen, vnd lieft also gantz 
zornig vnd brüllend auff D. Faustum zu, 
vnd stieß so starck an seinen Stuel, daß 
sich der Stuel zugleich mit dem Wurm 
vnnd Fausto vmbgewendet. D. Faust 
fiel vom Stuel in die Klufft jmmer je 
tieffer hinunter, mit grossem Zetter vnd 
Wehgeschrey, dann er gedachte, nun ist 


es mit mir auß, weil er auch seinen Geist 
nicht mehr sehen konnte. Doch erwuscht 
jn letzlich widerumb im hinunter fallen 
ein alter runtzlechter Affe, der erhielt 
vnd errettet jn. In dem vberzoge die 
Hellen ein dicker finster Nebel, daß er 
ein weil gar nichts sehen kondte, auff das 
thäte sich eine Wolcken auff, darauß 
zween großer Drachen stiegen, vnd zogen 
einen Wagen nach jhnen, darauff der alte 
Aff D. Faustum setzte. Da folget etwan 
ein viertel Stundt lang ein dicke Finster¬ 


nuß, also daß D. Faustus weder den 
Wagen, noch die Drachen sehen oder 
begreiffen kondte, vnd fuhr doch jmmer 
fort hinunter. Aber so bald solcher 
dicker, stinckender vnd finsterer Nebel 
verschwandt, sähe er sein Rossz vnd 
Wagen widerumb. Aber in der Lufft 
herab schossen auff D. Faustum so viel 
Straal vnd Blitzen, daß der Keckest, wil 
geschweigen D. Faustus, erschrecken vnd 
zittern müssen. In dem kompt D. Faustus 
auff ein groß vnd vngestümb Wasser, 
mit dem sencken sich die Drachen 
hinvnter, Er empfand aber kein Wasser, 
sondern große Hitz vnnd Wärme, Vnd 
schlugen also die Strömen vnnd Wällen 
auff Doct. Faustum zu, daß er Rossz 
vnd Wagen verlohr, vnd fiel jmmer 
tieffer vnd tieffer in die Grauwsamkeit deß 
Wassers hinein, biß er endlich im fallen 
ein Klufft, die hoch vnd spitzig war, er¬ 
langte. Darauff saß er, als wann er halb 
todt were, sähe vmb sich, kundte aber 
niemand sehen noch hören. Er sähe 


jmmer in die Klufft hinein, darob ein 


Lüfftlin sich erzeigte, vmb jn sähe er 
Wasser. D. Faustus gedacht, nu wie 
mustu jm thun, dieweil du von den 
Hellischen geistern verlassen bist, ent¬ 
weder du must dich in die Klufft oder 
in das Wasser stürtzen, oder hieoben 
verderben. In dem erzürnet er sich darob, 
vnnd sprang also in einer rasenden vnsin- 
nigen Förcht in das fewrige Loch hineyn, 
vnd sprach: Nun jhr Geister, so nemmet 
mein wolverdientes Opffer an, so meine 
Seel verursachet hat. In dem er sich 
also vberzwergs hinein gestürtzet hat, 
wirt so ein erschrecklich Klopffen vnd 
Getümmel gehört, davon sich der Berg 
vnd Felsen erschüttet, vnnd so sehr, 
dass er vermeynt, es seyen lauter große 
Geschütz abgangen. Als er nun auff den 
Grund kam, sähe er im Fewr viel statt¬ 
licher Leut, Keyser, Könige, Fürsten 
vnnd Herrn. Item, viel tausent gehar¬ 
nischte Kriegssleut, Am Fewer flösse ein 
küles Wasser, darvon etliche trancken, 
vnd sich erlabeten vnd Badeten, etliche 
lieffen vor Kühle in das Feuwer, sich zu 
wärmen. D. Faustus trat in das Feuwer, 
vnd wolte ein Seel der Verdampten er- 
greiffen, vnd als er vermeynte er hett sie 
in der Hand, verschwände sie jm wi¬ 
derumb. Er kondte aber vor Hitze nicht 
länger bleiben, vnd als er sich vmbsahe, 
sihe so kompt sein Drach oder Beelzebub 
mit seinem Sessel wider, vnd sass er drauff, 
fuhr also wider in die Höhe. Dann Doct. 
Faustus kondte vor dem Donner, Vn¬ 
gestümb, Nebel, Schwefel, Rauch, Fewer, 
Frost vnd Hitz in die länge nicht ver¬ 
harren, sonderlich da er gesehen hatt das 
Zettergeschrey, Wehe, Grissgrammen, 
Jammer vnd Pein. etc. 266 ). Später be¬ 
schreibt in der „Verkehrten Welt“ 
Grimmelshausen eine H.nfahrt. Er er¬ 
zählt, wie er im Gebirge vor einem Platz¬ 
regen in einem hohlen Baum Zuflucht 
gefunden habe, plötzlich sei der Boden 
unter ihm gewichen, so daß er bis in die 
H. hinabfiel 267 ). 

Wichtiger als die volkstümlichen 
märchenartigen H.nfährten und die lite¬ 
rarischen der Profanen sind die visionären 
der Kleriker. Mag auch immer wieder 
von Ekstatikern die Entrückung in die 




Hölle 


240 


die Phantasie beschäftigenden Orte der 
Seligkeit und der Strafe erlebt worden 
sein, so liegen doch den meisten der 
Visionen das Lehrhafte und das Erbau¬ 
liche, häufig auch politische Tendenzen 
in solchem Maße, daß die literari¬ 
sche Arbeit unverkennbar ist. Sie sind für 
die Entwicklung der seit dem 13. Jhdt. 
Volksgut gewordenen H.nvorstellungen von 
größter Bedeutung 268 ). Gregor v. Tours 
erzählt eine Vision des Merowingers 
Guntram von Burgund, in ihr sieht dieser, 
wie sein Bruder von drei Bischöfen mit 
Ketten gefesselt zu ihm gebracht, zer¬ 
stückelt und in einen Kessel voll siedenden 
Wassers geworfen wird 269 ). Gregor der 
Große berichtet von einem Mönch, der 
stirbt, die H.nqualen sieht, dann aber 
kehrt das Leben noch einmal in seinen 
Körper zurück: inferni se supplicia atque 
innumera loca flammarum vidisse testa- 
batur. Qui etiam quosdam huius seculi 
potentes in eisdem flammis suspensos se 
vidisse narrabat 27 °). Hier die Spitze | 
gegen die Großen der Welt, wie schon im 
Evangelium. In einer anderen ebendort 
berichteten Vision sieht ein Soldat ,,qui 
eductus ex corpore exanimis iacuit, sed 
citius rediit“ eine Brücke, welche über 
einen schwarzen, stinkende Nebel aus¬ 
strömenden Fluß führt, jenseits der Brücke 
sind paradiesische Auen. Der Ungerechte 
kann die Brücke nicht überschreiten und 
stürzt in den Fluß 271 ). In der vor 630 
zu datierenden Vision des Iren Furseus 
sieht derselbe unter sich ein dunkles Tal 
und vier Feuer. Das eine ist das Feuer 
der Lüge, welches diejenigen verdirbt, 
die ihr bei der Taufe gegebenes Ver¬ 
sprechen, die Sünde zu meiden, nicht 
gehalten haben. Das zweite ist für die¬ 
jenigen bestimmt, die die Freuden der 
Welt höher achteten, als die des Himmels. 
Das dritte verzehrt die Streitsüchtigen, 
das vierte die Räuber und Betrüger 272 ). 
Etwa gleichzeitig ist eine Vision in den 
Gesta Dagoberti. Ein Einsiedler auf einer 
Insel bei Sizilien sieht, wie schreckliche 
Dämonen den König Dagobert gefesselt 
in einen Kahn legen, ihn mit Peitschen¬ 
hieben mißhandeln und so durch das 
weite Meer nach vulkanischen Gegenden 


fahren. Seine Heiligen erretten ihn 
dann 273 ). Die erste ausführliche mittel¬ 
alterliche Jenseitswanderung gibt in der 
Form einer Vision Beda. Auch hier stirbt 
ein Mensch, erwacht wieder und erzählt, 
was er im Jenseits gesehen hat. Von 
einer Lichtgestalt begleitet sieht er fol¬ 
gendermaßen die H.: Incedebamus 
autem tacentes, ut uidebatur mihi, con¬ 
tra ortum solis solstitialem; cumque 
ambularemus, deuenimus ad uallem mul- 
tae latitudinis ac profunditatis, infinitae 
autem longitudinis; quae ad laeuam nobis 
sita, unum latus flammis feruentibus 
nimium terribile, alterum, furenti gran¬ 
dine ac frigore niuium omnia perflante 
atque uerrente non minus intolerabile 
praeferebat. Vtrumque autem erat ani- 
mabus hominum plenum, quae uicissim 
hinc inde uidebantur quasi tempestatis 
impetu iactari 274 ). Cum enim uim 
feruoris inmensi tolerare non possent, 
prosiliebant miserae in medium frigoris 
infesti: et cum neque ibi quippiam requiei 
inuenire ualerent, resiliebant rursus urendae 
in medium flammarum inextinguibilium. 
Cumque hac infelici uicissitudine longe 
lateque, prout aspicere poteram, sine 
ulla quietis intercapedine innumerabilis 
spirituum deformium multitudo torquere- 
tur, cogitare coepi, quod hic fortasse esset 
infernus, de cuius tormentis intolerabi- 
libus narrare saepius audiui. Respondit 
cogitationi meae ductor, qui me praece- 
debat: ,,Non hoc“ inquiens ,,suspiceris; 
non enim hic infernus est ille, quem 
putas.“ At cum me hoc spectaculo tarn 
horrendo perterritum paulatim in ul- 
teriora produceret, uidi subito ante nos 
obscurari incipere loca et tenebris omnia 
repleri. Quas cum intraremus, in tantum 
paulisper condensatae sunt, ut nihil 
praeter ipsas aspicerem, excepta dumtaxat 
specie et ueste eius, qui me ducebat. Et 
cum progrederemur ‘sola sub nocte per 
umbras' (Verg. Aen. VI 268), ecce subito 
apparent ante nos crebri flammarum 
tetrarum globi, ascendentes quasi de 
puteo magno, rursumque decidentes in 
eundem. Quo cum perductus essem, 
repente ductor meus disparuit ac me 
solum in medio tenebrarum et horridae 



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1 


241 

uisionis reliquit. At cum idem globi 
ignium sine intermissione modo alta 
peterent, modo ima baratri repeterent, 
cerno omnia, quae ascendebant, fastigia 
flammarum plena esse spiritibus hominum, 
qui instar fauillarum cum fumo ascen- 
dentium nunc ad sublimiora proicerentur, 
nunc retractis ignium uaporibus rela- 
berentur in profunda. Sed et foetor in- 
comparabilis cum eisdem uaporibus ebul- 
liens omnia illa tenebrarum loca reple- 
bat. . . audio subitum post terga sonitum 
inmanissimi fletus ac miserrimi, simul et 
cachinnum crepitantem quasi uulgi in- 
docti captis hostibus insultantis. Vt 
autem sonitus idem clarior redditus ad 
me usque peruenit, considero turbam 
malignorum spirituum, quae quinque ani- 
mas hominum maerentes eiulantesque, 
ipsa multum exultans et cachinnans me- 
dias illas trahebat in tenebras: e quibus 
uidelicet hominibus . . . quidam erat ad- 
tonsus ut clericus, quidam laicus, quae- 
dam femina. Trahentes autem eos ma- 
ligni spiritus descenderunt in medium 
baratri illius ardentis . . . Interea ascen- 
derunt quidam spirituum obscurorum 
de abysso illa flammiuoma, et adcur- 
rentes circumdederunt me, atque oculis 
flammantibus et de ore ac naribus ignem 
putidum efflantes angebant; forcipibus 
quoque igneis . . . minitabantur me com- 
prehendere 275 ). In einer anderen Vision 
läßt Beda einen unfrommen Mönch die 
H. sehen: coepit narrare, quia uideret 
inferos apertos et sathanan dimersum 
in profundis tartari, Caiphanque cum 
ceteris, qui occiderunt dominum, iuxta 
eum flammis ultricibus contraditum: ‘in 
quorum uicinia' inquit ‘heu misero mihi 
locum despicio aeternae perditionis esse 
praeparatum’ 276 ). Trotz des Zuspruchs 
der Brüder läßt er sich nicht trösten, 
sondern stirbt verzweifelt und verstockt 277 ). 
In die gleiche Zeit führt die Visio Baronti 
(gest. um 700). Von der H. berichtet er 
wenig, weil er sie vor Qualm und Dunst 
nicht genau erkennen konnte. Er sieht 
nur eine unzählige Menge Menschen ge¬ 
bunden und von bösen Geistern zu Foltern 
geschleppt. Sie müssen sich alle in einen 
Kreis auf bleierne Sessel setzen. Die 


242 

Geizigen sitzen bei den Geizigen, die 
Räuber bei den Räubern usw. 278 ). In den 
Briefen des Bonifatius erscheint in einer 
Vision die H. als tiefe Brunnen (putei), 
welche Flammen ausspeien 279 ). In der 
Visio Rotchari (kurz nach dem Tode 
Karls des Großen) erscheint die H. als ein 
häßliches Haus, dort sitzen eine Menge 
Kleriker und Laien, denen ein schreck¬ 
licher Dämon Feuer unter die Fußsohlen 
legt, welches bis zur Brust emporflackert. 
Über ihre Häupter gießt er heißes 
Wasser 280 ). In der Vision eines armen 
Weibes (um 819) erscheint als H.nstrafe, 
daß zwei Dämonen einem auf dem 
Rücken liegenden Goldgierigen flüssiges 
Gold in den Mund gießen. Eine Königin 
erscheint auf Kopf, Brust und Rücken 
mit drei Felsstücken belastet 281 ). Man 
beginnt individuelle Martern auszumalen. 
In der Visio Wettini (824) ist die H. ein 
maximus fluvius igneus, in quo innumme- 
rabilis multitudo damnatorum poenaliter 
inclusa tenebatur ... Et in ceteris locis 
innumeris tormentis diversi generis cru- 
ciatos aspexerat: in quibus plurimos tarn 
minoris quam maioris ordinis sacerdotes 
stantes, dorso stipitibus inhaerentes in 
igne stricte loris ligatos viderat: ipsasque 
feminas ab eis stupratas simili modo 
constrictas ante eos, in eodem igne usque 
ad loca genitalium dimersas. Dictumque 
est ei ab angelo quod sine intermissione, 
uno die tantum intermisso, die tertia 
semper in locis genitalibus virgis caede- 
rentur 282 ). Die Visio Eucherii ist merk¬ 
würdig, weil Eucherius während des 
Gebetes ins Jenseits entrückt wird. Er 
sieht in der H. Karl Marteil. Merkwürdig 
ist auch die Körperlichkeit des Ver¬ 
dammten, denn als man Karls Grab nach 
dieser Vision öffnete, flog ein Drache 
heraus und der Sarg war innen verkohlt 283 ). 
Die Visionen der Karolingerzeit sind 
politische Machwerke. Typisch ist die 
Vision Karls des Dicken. Das Jenseits 
ist im wesentlichen mit den Farben Bedas 
gemalt. Unter Führung eines Engels 
kommt er zunächst in feurige Täler, 
welche voll glühender Brunnen sind. 
Darin findet er Bischöfe seines Vaters 
und seiner Onkel. Dann besteigen beide 


Hölle 


243 


Hölle 


244 


hohe feurige Berge, auf denen Sümpfe 
und Flüsse von glühendem Metall ent¬ 
springen. In den Flüssen stehen die 
Vasallen und Fürsten seines Vaters, die 
einen bis an die Haare, die anderen bis 
ans Kinn, wieder andere bis an den Nabel. 
Sie rufen ihm zu: die Strafen der Mäch¬ 
tigen werden groß sein. Am Ufer der 
Flüsse stehen Öfen mit Schlangen (!) an¬ 
gefüllt, darinnen die schlechten Ratgeber 
Karls 284 ). Im n. Jhdt. erscheint in den 
Visionen des Otloh v. St. Emmeram als 
visio sexta ein noch in den in neuerer Zeit 
aufgezeichneten Sagen lebendiges Motiv. 
Eine Magd stirbt, erwacht wieder und 
erzählt, sie habe in der H. den Vater eines 
bestimmten Beamten gesehen, der seinen 
Sohn bitte, durch Rückgabe eines zu Un¬ 
recht erworbenen Ackers ihn zu erlösen 285 ). 
In einer anderen Vision derselben Samm¬ 
lung wird ein glühendes metallenes Haus 
ohne Fenster erwähnt, in dem diejenigen 
eingeschlossen sind, die das Friedenswerk 
Heinrichs III. störten 286 ). Einen Höhe¬ 
punkt in der Gestaltung von Jenseits¬ 
visionen bringt das 12. Jhdt., der nur 
durch Dante überschritten worden ist. 
Um 1129 entstand in Italien die Vision 
des Alberich. Als zehnjähriger Knabe 
sieht Alberich während einer neuntägigen 
Bewußtlosigkeit zunächst den Strafort der 
erst ein Jahr alten Kinder: sie werden 
sieben Tage auf glühenden Kohlen ge¬ 
quält. Der zweite Strafort ist ein Tal, in 
welchem sich ein großer Berg von Eis¬ 
schollen erhebt, Ehebrecher und Hurer 
sind hier eingegraben. In einem anderen 
Tal hängen Weiber an spitzen Bäumen, 
an ihren zerschlitzten Brüsten saugen 
Schlangen. Sie hatten verwaiste Kinder 
nicht nähren wollen. Ehebrecherinnen 
hängen an den Haaren über einem Feuer. 
Fastenbrecher steigen auf einer glühenden 
Leiter über einem mit siedendem Pech 
und öl gefüllten Fasse in die Höhe. In 
schwefligem Feuer werden Tyrannen ge¬ 
quält. Mörder tragen drei Jahre lang 
einen Dämon in Gestalt des Gemordeten 
an der Kehle. Dann werden sie in einen 
blutigen Feuersee getaucht. Nach anderen 
Schrecknissen wird der Visionär an den 
H.nschlund (puteus) geführt. Daneben 


liegt der H.nwurm, der die Seelen der Sün¬ 
der wie Fliegen verschlingt und wieder 
aushaucht. Verleumder werden in einem 
mit Schlangen und Skorpionen angefüllten 
See gemartert. Diebe sind mit Ketten 
gefesselt und mit schweren Eisenmassen 
behängt. Über einen Fluß führt eine 
Brücke, die dem Ungerechten in der 
Mitte so schmal wie ein Faden wird. Die 
Seelen sind aus diesen Qualen zu erlösen. 
Die ganze H.nszenerie ist also eher als 
Fegefeuer zu bezeichnen, nur die im H.n¬ 
schlund eingeschlossenen Judas, Hannas, 
Kaiphas und Herodes sind ewig ver¬ 
dammt 287 ). In der etwas späteren Vi¬ 
sion des Oenus wird Oenus von Dämonen 
durch vier Straf orte geschleppt, die an 
Furchtbarkeit immer zunehmen. In den 
ersten sind die Menschen an Händen und 
Füßen auf den Boden genagelt, sie haben 
den Bauch der Erde zugekehrt und wer¬ 
den von Dämonen gegeißelt. In dem 
zweiten liegen sie auf dem Rücken, 
Schlangen zerfleischen und Dämonen peit¬ 
schen sie. In dem dritten liegen die Ver¬ 
dammten am ganzen Körper durchnagelt 
nackt am Boden, glühend heiße und eis¬ 
kalte Winde umwehen sie. In einem vier¬ 
ten Felde sind die einen an Händen und 
Füßen mit glühenden Ketten gefesselt 
und hängen über einem schwefligen Feuer. 
Anderen sind die Augen ausgestochen oder 
die Ohren und andere Gliedmaßen abge¬ 
schnitten. Andere werden in Pfannen ge¬ 
röstet, an Spießen gebraten, oder es wird 
ihnen glühendes Metall in den Mund ge¬ 
gossen. An einem Rade, dessen Speichen 
mit eisernen Nägeln besetzt sind, hängen 
unzählige Seelen. Die Hälfte des Rades 
ist in ein Feuermeer getaucht, das Rad 
wird von Dämonen beständig herum¬ 
gewirbelt. In Gräben voll flüssigen Me¬ 
talls stehen andere Seelen. Von einem 
hohen Berge werden Nackte in einen eis¬ 
kalten Fluß geweht. Aus einem großen 
Brunnen (puteus) lodert eine Flamme, 
Seelen steigen wie Funken auf und nieder. 
Eine schmale schlüpfrige Brücke führt 
über einen breiten feurigen und stinken¬ 
den Strom an die Mauer des Paradieses 288 ). 
Die verbreitetste (lat., deutsche, nieder- 
länd., engl., schwed., isländ., span., pro- 


v 


245 


Hölle 


246 


I venzal., franz. und ital. Bearbeitungen) 
Und vollendetste ist die Visio Tundali. 
Die lateinische — älteste — Bearbeitung 
Wurde von einem Mönche irischer Her¬ 
kunft in Regensburg angefertigt. Tunda- 
lus sieht während einer dreitägigen Be¬ 
wußtlosigkeit das Jenseits. Er sieht den 
Strafort der Mörder: ein tiefes mit glühen¬ 
den Kohlen angefülltes Tal. Dies ist mit 
einem Deckel bedeckt, auf dem die Seelen 
geröstet werden, bis sie zerschmelzen und 
in die glühenden Kohlen fallen. Hinter¬ 
listige werden an einem Berge gepeinigt, 
an dessen einer Seite ein schwefliger stin¬ 
kender Feuerschlund sich öffnet, auf der 
anderen braust ein Sturm mit Hagel und 
Schnee. Dämonen befördern die Seelen 
von dem glühenden Abgrund in die Kälte, 
ln einem stinkenden Tale werden die 
Hochmütigen gequält. Ein schwefliger 
Fluß fließt darin. Über dem Tal ist eine 
lange schmale Brücke, die kein Ungerech¬ 
ter passieren kann. Ein ungeheurer Tier¬ 
rachen verschlingt die Habsüchtigen. Der 
Strafort der Diebe und Räuber ist ein 
Sumpf voll von turmgroßen Tieren, aus 
deren Rachen Feuer hervorgeht. Über 
diesen Sumpf führt eine lange, sehr 
•chmale, mit Nägeln gespickte Brücke. 
V Die Diebe müssen mit ihrem Diebesgut 
L hinüber und stürzen ab. In dem Haus, 
r in dem Schlemmer und Hurer gemartert 
| Werden, häuten, verstümmeln und köpfen 
\ 4 mitten im Feuer dämonische Henkers- 
& knechte die Seelen. Geistliche, die sich 
* der Unzucht ergeben haben, werden von 
einem Tiere mit Flügeln, eisernem Schna¬ 
bel und Klauen gefressen und in einem 
Sumpfe wiedergeboren. Im Sumpfe 
Steckend werden sie von Schlangen¬ 
bissen in den Eingeweiden gequält. Aus 
allen Gliedern wachsen Schlangen mit 
blühenden Köpfen und scharfen Schnä¬ 
beln, sie wenden sich im Fleische steckend 
gegen das Fleisch und fressen es bis auf 
die Sehnen und Knochen. Andere werden 
auf einem Amboß mit anderen Seelen zu¬ 
sammengeschmiedet, dann zu Asche ver¬ 
brannt. Alle diese Strafen sind die derjeni¬ 
gen, die noch am Jüngsten Gericht das end¬ 
gültige Urteil erwarten. Die schon Ge¬ 
richteten sind in der tiefsten H. in einem 


viereckigen Brunnen, aus demselben lo¬ 
dert eine Feuersäule bis zum Himmel. 
Darin steigen und sinken schreckliche 
Dämonen und Seelen auf und nieder. Der 
Fürst der Finsternis, ein menschenge- 
staltiges schwarzes Ungetüm, liegt hier 
auf einem Roste gefesselt, unter welchem 
das Feuer von Dämonen beständig ange¬ 
facht wird. Er fängt mit seinen tausend 
Händen die umherschwärmenden Seelen, 
zerdrückt sie und schleudert sie in die 
Ecken, dann atmet er sie wieder ein und 
verschlingt sie 289 ). Gegen Ende des 
12. Jhdts. entstand in Deutschland eine 
in der Folgezeit weit verbreitete Vision, 
die das Schicksal eines Erzbischofs Udo 
in der H. beschreibt 29 °). Zwei wenig äl¬ 
tere H.nfahrtsgeschichten, die des Erz¬ 
bischofs Adalbert von Mainz und Hart¬ 
wigs von Magdeburg, sind in sie verar¬ 
beitet 291 ). 

Der Überblick über die Visionsliteratur 
zeigt, wie die H.nstrafen immer persönlicher 
und sinnlicher werden. Die Visionen wa¬ 
ren sehr verbreitet, sie haben die volks¬ 
tümliche H.nvorstellung nachhaltig be¬ 
einflußt, in dem im 13. Jhdt. einsetzen¬ 
den Angriff der Mönche waren sie eine 
Haupt waffe. 

248 ) Rochholz Sagen 2, 54. 25 °) Hailauer 

Chansons de geste 36. 251 ) Gr oh mann 199; 

Wuttke 411 § 639. 262 ) Heyl Tirol 35 Nr. 40. 
253 ) Schönbach Berthold v. R. 53. 264 ) Müllen- 
hoff Sagen 577 Nr. 592. 255 ) Birlinger 

Volksth. 1, 269 f. 256 ) Strackerjan 1, 500. 

257 ) ZfVk. 9 (1899), 371; Reise in die Hölle durch 
die Luft auch Klapper Erzählungen 356. 

258 ) ZfVk. 9 (1899), 370 f.; vgl. ebd. 8 (1898), 

328 f. 25# ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 
16. 28 °) Rochholz Sagen 2, 224 ff. Nr. 436. 

Weitere Materialien Köhler Kl. Sehr. 1, 320 f. 

261 ) Knoop Posener Märchen 3; Haupt Lau¬ 
sitz 2, 217 ff.; Schönwerth Oberpfalz 3, 26. 

262 ) s. o. bei Anm. 39—43. 2 * 3 ) Schönwerth 

Oberpfalz 2, 274. 264 ) Kühnau Sagen 2, 737; 

vgl. Köhler Kl. Sehr. 1, 67. *® 6 ) Bechstein 
Thüringen 1, 17 f. 266 ) (Petsch) Faust 51—53. 
267 ) Amersbach Grimmelshausen 1, 15. 288 ) Die 
folgenden Daten nach C. Fritzsche Die latei¬ 
nischen Visionen des Mittelalters bis zur Mitte 
des 12. Jhdts. Romanische Forschungen 2 
(1886), 247—279; 3 (1887), 337 — 369 - Vgl. 
auch M. Landau Hölle und Fegfeuer in Volks¬ 
glaube, Dichtung und Kirchenlehre (Heidelberg 
1909) 4—17; H. Günter Legenden-Studien 

(Köln 1906) 148—155; Th. Wright St. Pa¬ 
trick’s Purgatory. An Essay on the Legends of 


i 


t 


247 


Hölle 


248 


Purgatory, Hell and Paradise current during 
the Middle Ages (London 1844) passim. 269 ) 
Fritzsche 2, 264 1 . 27 °) Dialog. IV, 36. 

271 ) Fritzsche 2, 266. 272 ) Ebd. 2, 268 f. 

273 ) Ebd. 2, 269 {. 274 ) Dasselbe Bild in der 

Visio Bernoldi des Hincmar v. Reims, Fritz¬ 
sche 3, 341. Vgl. die ähnliche Vorstellung bei 
Caesarius v. Heisterbach oben bei Anm. 172. 
276 ) Baedae Historia ecclesiastica gentis Anglo - 
rum V, 12, hsg. v. A. Holder (Freiburg i. B. und 
Tübingen 1882) 246 f. 276 ) Ebd. V, 14 (Holder 
253). 277 ) Dieser Zug später öfters vgl. Caesarius 
v. Heisterb ach Dialogus 1, 72. 278 ) Fritzsche 
2, 274. 279 ) Ebd. 2, 275. 28 °) Ebd. 2, 277. 

281 )Ebd. 2. 278. 282 )Heitonis Visio Wettini VI. 
Poetae Latini Aevi Carolini ree. E. Duemmler 
(MG. Poetarum Latinorum Medii Aevi tom. II) 
269 f. 283 ) Fritzsche 3, 339. 284 ) Ebd. 3, 344!. 
285 ) Ebd. 3, 349. 286 ) Ebd. 3, 350. 287 ) Ebd. 3, 
355 f- 288 ) Ebd. 3, 338 — 360). 289 ) Ebd. 3, 
361 — 366. 290 ) Der wesentliche Inhalt in einem 
Exempel bei Klapper vgl. oben bei Anm. 170. 
291 ) A. E. Schönbach Studien zur Erzählungs¬ 
literatur des Mittelalters 3 (Sb. Akad. Wien 
Phil.-hist. Kl. 144); H. Günter Legenden-Studien 
152 f. 

12. Die Quellen und die Ge¬ 
schichte der christlichen Höllen¬ 
vorstellung. 

Neues Testament — Henoch — Petrus¬ 
apokalypse — Kirchenväter — jüdische — 
antike — islamische H.nvorstellungen. 

Die Grundlage der christlichen H.nvor- 
stellung finden wir im Evangelium. Über¬ 
all, wo im NT. von der yee wa die Rede 
ist, ist sie als ein feuriger Strafort ge¬ 
dacht, ausdrücklich Mt. 5, 22 u. 18,9: yEsvva 
xou 7rupdc, Mt. 13, 42.50 als Feuerofen, wo 
Heulen und Zähneklappern sein wird: 
7} xajxtvo; xou rcupdr ixet saxai ö xXauduös 
xato ßp ufposTtuv 45 ovtü>v. Dies H.nfeuer ver¬ 
lischt nicht Mk. 9,43: 7; “(sevva, td 7rup 
td aaßearov, ewig brennt es Mt. 18,8; 
25,41: to röp to atcuvtov. Im Anschluß 
an Jes. 66,24 findet sich neben dem 
Feuer wie später immer wieder der Wurm 
Mk. 9, 48: 7) feewa, 6 axu>X?j£ aurtuv 
00 TeXsüTa xai tö wup ou aßevvuTat. Trotz 
des Feuers gilt die H. als finster Mt. 8, 12; 
22, 13; 25,30: to axoTo? to iJaiTspov. Ixe! 
laxat 6 xXaoÖpo? xai 6 ßpu^fjA? xa>v 68ovtü>v. 
Das H.nfeuer erwartet nicht nur die Sün¬ 
der, es ist auch dem Teufel und seinem An¬ 
hang bereitet Mt. 25, 41 : xo Ttup xo atomov 
xd t|TOtp.aa|AEvov xtp StaßoXu) xai xoR apfeX- 
Xotc auToo. Nach Lk. 16, 19 — 26 wird die 
feurige H.nqual dadurch gesteigert, daß die 
Verdammten über ein hinweg 


die Freuden der Seligen sehen. Die H. 
als Feuersee erscheint Apk. Joh. 20,14 f.: 
7j Xt'jJiv7j xoö iropdp oöxo? d Oa'varo; 6 Seuxepoc 
eaxtv. Dazu erscheint Schwefel als H.ningre- 
dienz Apk. Joh. 19, 20: tj Xijivt] toÖ rupd? 7; 
xatopsvTj iv Oetcp, 20, 10: 7 j XijAV 7 j toü iropd? 
xai tlstoo,2i,8: r t Xijavt) y) xatopiev>] ‘irupixaiÖaup. 
Apk. Joh. 9,1 f. hat auf die spätere Vorstel¬ 
lung vom H.nbrunnen, dem puteus des 
Mittelalters, gewirkt: xd <ppeap xr^ aßdsaou* 
xai avsß7} xa7rvöc ix xoo opsaxoc tu; xatrvos 
xajjuvou jjt.eydX7)c. 

Diese Vorstellungen entsprechen dem 
jüdischen Volksglauben im Zeitalter 
Christi. Über das jüdische H.nbild in vor¬ 
christlicher Zeit — von vor 167 bis vor 
64 — orientiert das Buch Henoch 292 ). 
Schon mit dem Worte Gehenna blieb der 
Gedanke an ein H.ntal verbunden. Hen. 
56, 3 ist in diesem Sinne von dem tief¬ 
sten Abgrund des Tales die Rede, 27,2: 
eine verfluchte Schlucht, 54, 1: ein tiefes 
Tal mit loderndem Feuer. Feuer das we¬ 
sentliche Kennzeichen der H. Hen. 100, 9; 
102,1: schmerzhaftes Feuer, 90, 24: ein 
Abgrund voll Feuer, Flammen und voll 
Feuersäulen, 90, 25 h: ein Feuerpfuhl, 
98, 3: ein Feuerofen. Dabei ist die H. 
ein Ort der Finsternis Hen. 63, 6; 92, 5; 
94, 9, der Finsternis, Ketten und lo¬ 
dernden Flammen 103, 8. Das Bild des 
Grabes schwebt vor Hen. 46, 6: Finster¬ 
nis wird ihre Wohnung und Gewürm 
ihre Lagerstätte sein. Das Buch Henoch 
ist weiter deswegen von Bedeutung, weil 
es von den Christen der ersten Jahr¬ 
hunderte viel gelesen wurde 293 ) und ihre 
H.nvorstellungen beeinflussen konnte. Es 
ist bemerkenswert, daß in den H.nschil- 
derungen gern von den Mächtigen der 
Welt die Rede ist, die im Jenseits ge¬ 
peinigt werden. Gelegentlich haben da¬ 
zu politische Wünsche beigetragen, viel¬ 
fach ist diese Erscheinung aber in anderer 
Weise zu erklären. Der Arme, Unter¬ 
drückte weidet sich an dem Bilde der jen¬ 
seitigen Rache. Die sozial Schwachen sind 
es, die in erster Linie H.n- und Paradieses¬ 
vorstellungen pflegen. Nicht nur das Indi¬ 
viduum, auch ganze religiöse Gemein¬ 
schaften stehen, wenigstens zuzeiten, 
unter dem Joch eines Mächtigeren, und 


249 


Hölle 


250 


gerade dann pflegen die Farben der H. 
aufzuflammen, die in ruhigeren Zeiten ver¬ 
blassen. So ist besonders die erste Zeit 
des jungen verfolgten Christentums reich 
an Jenseitsschilderungen. 

An erster Stelle ist die Petrusapoka- 
lyse (um 135 n. Chr.) zu nennen 294 ). 
Sünder und Heuchler werden in den Tie¬ 
fen nie vergehender Finsternis liegen. 
Ihre Strafe ist das Feuer (6) 295 ). Als Un¬ 
terwelt erscheint die H., wenn am Ge¬ 
richtstage Gott ihr gebieten wird, daß sie 
ihre stählernen Riegel öffne (4) 296 ). Die 
Verfolger der Gerechten stehen in der H. 
bis zur Leibesmitte in Flammen, sie wer¬ 
den an einen finsteren Ort geworfen und 
gegeißelt, nie ruhendes Gewürm frißt 
ihre Eingeweide (9). Denen, die Mär¬ 
tyrer durch falsches Zeugnis in den Tod 
gebracht haben, werden die Lippen ab¬ 
geschnitten, Feuer fließt in ihren Mund 
und in ihre Eingeweide (9) 297 ). Lästerer 
werden an der Zunge aufgehängt, unter 
ihnen Feuer (7) 298 ), oder sie zerbeißen sich 
die Zunge, flüssiges Eisen wird ihnen in 
die Augen gegossen (9) 2 "). Die um des 
Scheines Willen Almosen gaben, sind blind 
und stumm und fallen auf nie verlöschende 
Kohlen (12). Zauberer werden an sich 
drehenden Feuerrädern aufgehängt (12) 300 ). 
In einem kotigen See stehen die Wucherer 
(10). Die Bedrücker der Witwen, Frauen 
und Kinder werden in eine Feuersäule, 
spitzer als Schwerter geworfen (9) 301 ). 
Huren werden an den Haaren über einem 
glühenden Schlammsee aufgehängt, ihre 
Liebhaber hängen hier an den Schenkeln, 
die Köpfe im Schlamm (7). Weiber, 
die ihre Kinder abtrieben, sitzen bis an die 
Kehle in einem Kotsee. Ihnen gegenüber 
sitzen ihre Kinder, von ihnen aus schlagen 
Feuerblitze den Weibern in die Augen. 
Die Milch fließt aus ihren Brüsten, ge¬ 
rinnt und fleischfressende Tiere entstehen 
daraus, sie kriechen heraus und quälen die 
Frauen, wie ihre Männer (8) 302 ). Homo¬ 
sexuelle werden einen Abhang hinunter¬ 
gestürzt und immer wieder hinaufgehetzt 
(10) 303 ). Mörder werden im Feuer von 
giftigen Würmern gequält (7) 304 ). Die 
Legende von dem Mädchen, das seine Mut¬ 
ter im Traum in der H. sieht 805 ), scheint 


hier schon einzusetzen: ein Engel bringt 
Kinder und Jungfrauen, um ihnen die 
Bestraften zu zeigen (11) 306 ). Ähnlich 
wird später die H. in der Paulusapoka¬ 
lypse (Ende des 4. Jhdts.) geschildert. 
Der von einem Engel geleitete Apostel 
sieht einen Feuerstrom, darin die Sünder 
teüs bis zu den Knien, teils bis zum Nabel, 
teils bis zum Scheitel. Einem unfrommen 
hurerischen Priester wühlen Strafengel 
mit dreispitzigen Eisen in den Einge- 
weiden, ein gleicher Diakonus steht in 
einem Feuerstrom mit ausgestreckten 
blutigen Händen, Würmer kommen ihm 
aus Mund und Nase. Diejenigen, die 
Waisen, Witwen und Arme geschädigt 
haben, liegen mit zerschnittenen Händen 
und Füßen in Eis und Schnee, dazu von 
Würmern gefressen. Das Interesse für 
alle möglichen Verstöße gegen die christ¬ 
liche Sexualmoral ist besonders bemer¬ 
kenswert : weiter die Schilderung des stin¬ 
kenden versiegelten puteus. Die Paulus¬ 
apokalypse wurde im Mittelalter viel ge¬ 
lesen. Vielleicht stand Dante unter ihrem 
Einfluß 307 ). Ein später immer wieder auf¬ 
tretendes Legendenmotiv: die Wiederbe¬ 
lebung eines Gestorbenen, der dann von 
dem Jenseits berichtet, findet sich in den 
Thomasakten (um 200). Ein Mädchen er¬ 
zählt, ein Mensch, häßlich und schwarz, 
empfing sie, er zeigte ihr einen Ort, wo 
viele Klüfte waren, aus denen üble Dünste 
kamen. Darin erblickt sie Feuer, Feuerräder 
mit Seelen, diese werden für Sexualsünden 
bestraft, in einer andern Kluft sieht sie in 
Schlamm und Gewürm Ehebrecher. In 
einer anderen hängen an der Zunge, den 
Haaren, den Händen oder Füßen, dabei 
von Rauch und Schwefel dampfend, Ver¬ 
leumder, Schamlose, Diebe und die, die 
Kranke nicht besuchten, Tote nicht be¬ 
statteten. Ein Sammelraum dieser H. 
ist eine dunkle Höhle voll stickiger Luft 
(51— 57 ) 308 )- In den Johannesakten wer¬ 
den die Schrecken der H. zusammenge¬ 
faßt: Und wenn ich zu dir komme, weiche 
das Feuer, werde die Finsternis besiegt, 
werde machtlos die Kluft, gehe der Glut¬ 
ofen aus, werde die H. gelöscht (114) 309 ). 

Derartige wilde H.n Schilderungen mit 
im einzelnen ausgemalten Qualen sind für 


251 


Hölle 


252 


die apokryphe Literatur charakteristisch, löschbar, dabei finster, Feuer und Wür- 
Die Weisheit der Kirchenväter, die den mer quälen die Verdammten 321 ). Diese 
Bau der Kirche gründeten, schlossen diese Idee ist im Judentum erst allmählich ent- 
Werke aus dem Kanon aus. Ihr H.nbild be- wickelt worden. Deutlich tritt sie in der 
ruht im wesentlichen auf den durch das N.T. Makkabäerzeit hervor. Man hat ver- 
gegebenenDaten. Ihre H.nvorstellung ist sucht, sie aus fremdem Einfluß zu er¬ 
schrecklich, aber großartiger als die der klären und dabei an Babylonien gedacht, 
Apokryphen. Die ruhigeren Zeiten der indessen fehlt hier die Vorstellung einer 
gefestigten Kirche führten zu den Fragen feurigen H. 322 ). In manchen Punkten ist 
über die Natur der H., ihre Dauer und die die jüdische Eschatologie von Iran her 
Wirkungsmöglichkeit des Feuers auf die beeinflußt worden 323 ), aber gerade die H. 
Seelen, Fragen, die den erregten Ver- ist in den parsischen Schriften nicht ein 
fassern der zitierten Apokryphen ferner Ort des Feuers, Spuren einer derartigen 
lagen. Allgemein wird angenommen, Vorstellung im sassanidischen Arda i 
daß die H. ein Feuer sei 310 ). Tertullian Viräf dürfen nicht in diesem Sinne ausge¬ 
sagt von der Gehenna: quae est ignis deutet werden 324 ). Die parsische Vor- 
arcani subterraneus ad poenam thesau- Stellung vom Ende Ahrimans durch Feuer 
rus 311 ). DasH.nfeuer ist ewig 312 ), unaus- und vom Feuerordal am Gerichtstage hat 
löschlich 313 ). Als Feuerofen erscheint mit der parsischen H. nichts zu schaffen 325 ) 
es wieder bei Irenaeus 314 ) und bei Cy- Auch griechischer Einfluß ist in der Ent- 
prian: saeviens locus gehennae eructan- stehungszeit der jüdischen H. unwahr- 
tibus flammis perhorrendum spissae noctis scheinlich. Daß Feuer als jenseitiges Straf - 
caliginem saeva semper incendia camini mittel gewählt wird, kann einen natür- 
fumentis exspirat globus ignium, arctatus liehen Grund darin haben, daß es das 
obstruitur 315 ). Weiter ist das H.nfeuer schmerzhafteste ist. Und wenn die Phan- 
dunkel 316 ). Dieser Widerspruch, der durch tasie dazu gelangt, sich eine H. auszu- 
die Evangelien angeregt war, führte zu malen, so ist Feuer die wirksamste Illu- 
Spekulationen: das Feuer wird geteilt stration. Es spielt auch eine bedeutende 
werden, sein Leuchten wird den Gerech- Rolle in indischen, chinesischen und jä¬ 
ten zuteil werden, sein Brennen die Sün- panischen H.nVorstellungen als die 
der peinigen 317 ). Die H. ist ein Feuer- schlimmste Pein. Man ist versucht, in 
meer 318 ), ein Feuer- und Schwefel- Indien den Ursprung der Feuerh. zu ver- 
pfuhl 319 ). Lactantius definiert das H.n- muten. Diese imposante Vorstellung wäre 
teuer: ad ille divinus per se ipsum semper dann einerseits mit dem Buddhismus nach 
vivit at viget sine ullis alimentis, nec ad- dem fernen Osten gebracht worden, 
mixtum habet fumum, sed est purus ac andrerseits nach dem Westen ausgestrahlt, 
liquidus et in aquae modum fluidus 320 ). So ließe sich die Feuerh. im Judentum 
Durch die Arbeit der Kirchenväter wurde (in Syrien ? Philodemos, s. u.) und in den 
das Feuer der H. zum Dogma, es ist das antiken Sekten als östlicher Import ver- 
wesentliche Kennzeichen christlicher H.n- stehen. Diese Hypothese ist aber un- 
vorstellung. Ältere Vorstellungen von sicher. Die betreffenden indischen Schil- 
Auf enthalt Sorten der Toten im Volks- derungen feuriger H.n sind vorläufig 
glauben wurden dadurch zu höllischen nicht genügend früh zu belegen. Spuren 
Orten gemacht, daß lediglich dies feurige einer Feuerh. im Rigveda (IV, 5, 4 u. 
Element hinein getragen wurde. VII, 59, 8) sind ganz zweifelhaft. So 

Die christliche H.nvorstellung ist, wie kommen wir hier zunächst über Vermu- 
schon das Buch Henoch zeigte, aus der tungen nicht hinaus. Sicher ist nur, daß im 
jüdischen her vorgegangen. Das spätere Zeitalter Christi die Feuerhölle schon Ge- 
jüdische Schrifttum hat im wesentlichen meingut des jüdischen Volksglaubens war, 
die gleichen Züge gepflegt, die auch im sie wurde in den Evangelien fixiert und so 
Christentum Aufnahme gefunden hat- zur Basis für die immer wieder die Men¬ 
ten: die H. ist feurig, das Feuer ist unver- sehen erschütternde christliche H. 


253 


Hölle 


254 


Das Christentum, das mit dem Evan¬ 
gelium die Lehre vom H.nfeuer verbreitete, 
fand in der antiken Welt Vorstellungen 
vor, die sich hiermit deckten und die die 
christlichen H.nschilderungen befruchtet 
haben. Der erste, der das Feuer schlecht¬ 
hin für H. gebraucht, ist Philodemos 
(zwischen 110 und 25 v. Chr.) 326 ). Es ist 
wohl kein Zufall, daß Philodemos Syrer 
war, und er hat wohl mit der Feuerh. 
eine in seiner Heimat geläufige An¬ 
schauung wiedergegeben. Gleichwertig 
mit anderen Strafen findet sich das Feuer 
besonders in orphischen Kreisen. Wäh¬ 
rend dem klassischen Griechenland die 
Vorstellung eines jenseitigen Qualortes gar 
nicht lag, blühten solche Bilder in späterer 
Zeit in der ganzen griechisch-römischen 
Welt, getragen von den Sekten, die ihren 
Initiaten ein Paradies, den Nichtein¬ 
geweihten die H. versprachen 327 ). Hier 
sind die Erfinder der greulichsten Mar¬ 
tern, Qualen mit Schwefel und Pech, 
Aufhängen an den Haaren, den Bei¬ 
nen, der Zunge, Menschen aus niederem 
Stande 328 ). Auch hier ist die schreck¬ 
lichste Qual, die des Feuers, mehr und 
mehr in den Vordergrund gerückt. Lu- 
kian kennt uotoc|aoI T:upo;, ttoVu nup xouofie- 
vov, äafir) ofov ttstoo xai TumrjcalsH.ncharak- 
teristika 329 ). Dies Feuer ist ursprünglich 
ein Reinigungsfeuer gewesen, dem die Ab¬ 
geschiedenen unterworfen wurden 330 ). 
Freilich dient es späterhin zur Qual. Ein 
anderer von der Wissenschaft vertretener 
Gedanke kam hinzu: die vulkanischen 
Eruptionen und die heißen Quellen hatten 
die Gelehrten dazu geführt, im Innern der 
Erde eine große Feuermasse anzunehmen. 
Da man sich nun den Tartarus in der 
Äußersten Tiefe der Unterwelt dachte, 
mußte hier der Ort jenes vulkanischen 
Feuers sein, nun zur Qual der Sünder 331 ). 
Das H.nfeuer wird später mit dem vulka¬ 
nischen verglichen, so bei Minucius Fe¬ 
lix 332 ), Tertullian 333 ), Pacian 334 ) und 
Petrus Damiani 335 ). 

Die Vorstellungen der Konventikel im 
römischen Imperium hatten die christ¬ 
liche H. schon vorbereitet. Speziell in 
Italien fiel die christliche H.npredigt bei 
den Römern etruskischen Blutes auf 


fruchtbaren Boden. Nach dem Siege des 
Christentums verschwanden diese Sekten 
und ihre Literatur allmählich, dafür begann 
nun die offizielle Literatur der Antike zu 
wirken, vor allem Ciceros somnium Sci- 
pionis und weit mehr noch das 6. Buch 
von Vergils Aeneis (Vergil entstammte 
einem alten etruskischen Geschlechte !). 
Beide sind durch Vermittlung des Posei- 
donios abhängig von Plato, der im 
10. Buche seines ,,Staates“ die Jen¬ 
seitsvision des Pamphyliers Er bringt 336 ). 
Möglicherweise sind diese von Plato 
dem Er in den Mund gelegten Vor¬ 
stellungen orientalischen Ursprungs 337 ). 
Der in der Schlacht gefallene Er wird am 
12. Tage wieder lebendig und erzählt dem 
Volke, was er gesehen hat. Diese Fik¬ 
tion findet sich später bei Plutarch wie¬ 
der: ein zügelloser Mensch stürzte von 
einem Berge ab, starb, sah die Qualen 
und Freuden des Jenseits, erwachte wie¬ 
der zum Leben und besserte sich 338 ). Ge¬ 
legentlich ist es nur eine tiefe Ohnmacht, 
während derer der Entrückte das Jenseits 
sieht 339 ). Diese Vorbilder haben die 
christliche Visionsliteratur angeregt. Cle¬ 
mens Alexandrinus 340 ) und Arnobius 341 ) 
zitieren als Autorität Plato. Eine Re¬ 
miniszenz an den Faden der Ariadne 
findet sich in der Vision Karls III. 342 ). 

Endlich ist noch der Hypothese zu ge¬ 
denken, daß der Islam während des Mit¬ 
telalters die christlichen Jenseitsvor¬ 
stellungen beeinflußt hat. Die Diskussion 
über diese Möglichkeiten ist eröffnet wor¬ 
den durch die Untersuchungen von 
Asm 343 ). Die H. des Islams ist der christ¬ 
lichen außerordentlich ähnlich, da sie in 
ihrer Entstehung von der christlichen 
stark beeinflußt worden ist. Auch ihr ist 
das Feuer wesentlich, so daß sie schlecht¬ 
hin das Feuer genannt wird. An die christ¬ 
liche Vorstellung vom H.nrachen, der in 
der mittelalterlichen Kunst gelegentlich 
mit zwei Füßen versehen dargestellt 
wird 344 ), erinnert es, wenn im Islam die 
H. als ein Tier erscheint, das auf die ver¬ 
dammte Menschheit losstürzt und sie 
verschlingt 345 ). Auch das H.nfeuer des Is¬ 
lams ist dunkel, ,,schwärzer als Pech“ 346 ). 
H.nfährten berichten eingehend von der 


255 


Hölle 


256 


Einrichtung der H. und ihren sieben 
Stockwerken, deren Strafen auch hier 
schrecklicher werden, je tiefer die Schicht 
liegt. In der oberen Schicht, die die ge¬ 
ringsten Qualen hat, sind tausend Feuer¬ 
berge, bei jedem Berg 70 000 Feuer¬ 
ströme, an jedem Strom 70 000 Feuer¬ 
städte, in jeder Stadt 70 000 Feuerburgen 
und 70 000 Feuerhäuser und in jedem 
Haus 70 000 Feuerlager und auf jedem La¬ 
ger gibt es 70 000 Arten von Qualen 347 ). 
Eine Legende erzählt von Jesus, der einen 
Schädel wiederbelebt, der dann von den 
Schrecken der H. berichtet. Er erzählt, 
er sei ein König gewesen, habe aber nicht 
gottesfürchtig gelebt. Als er gestorben 
war, wurde er vor den thronenden H.n- 
fürsten geschleppt, der ihn mit einem 
Fluch begrüßte. Es folgt dann eine Schil¬ 
derung der H., ihrer sieben Stockwerke 
und der Qualen. Er selber wurde schlie߬ 
lich in einen Brunnen geworfen 348 ). Die 
Geschichte erinnert an den Empfang und 
die Strafe eines Edelmannes in der H. in 
Klappers Exempelsammlung 349 ). Viel¬ 
leicht haben muhammedanische H.n- 
vorstellungen gelegentlich die christlichen 
beeinflußt, sicher aber nicht in dem von 
Asm angenommenen Ausmaße 350 ). 

Rückblickend läßt sich vorläufig sagen, 
daß die Vorstellung einer feurigen H. 
auf deutsches Gebiet erst mit dem Chri¬ 
stentum importiert wurde. Die Feuerh. 
gehörte vom Anfang der christlichen Aus¬ 
breitung zum Bestände der Missions¬ 
predigt. Diese fremde Vorstellung ver¬ 
drängte auf deutschem Boden aber zu¬ 
nächst nur in geringem Maße die der 
alten Totenheime. Erst durch die Tätig¬ 
keit der Bettelorden wurde die Feuerh. der 
Evangelien, Kirchenväter und Visionäre 
Allgemeingut des deutschen Volks¬ 
glaubens. Die neutestamentliche H. reprä¬ 
sentiert den jüdischen Volksglauben im 
Zeitalter Jesu, der erst seit nachexilischer 
Zeit allmählich eine Feuerh. entwickelt 
hatte. In den Jahrhunderten der Aus¬ 
breitung traf das Christentum auf H.n- 
vorstellungen in den verschiedenen Sekten 
besonders bei Orphikern und Pythagoreern, 
die nun verchri st licht wurden. Es kann 
sein, daß die Anregung zur Bildung von 


Feuerh.n von Indien ausgegangen ist 351 ). 

Abschließendes ist noch nicht zu sagen, da 

sichere Daten und einzelne Zwischen- 

• • 

glieder fehlen. Welche Überraschungen 
die orientalistische Forschung noch zutage 
fördern kann, zeigt eine soeben veröffent¬ 
lichte H.nfahrt eines assyrischen Königs 
aus dem 8. Jhdt., der im Traum in die 
grausige H. entrückt wird 352 ). 

292 ) G. Beer Das Buch Henoch (Die Apo¬ 
kryphen und Pseudepigraphen des Alten Testa¬ 
ments hsg. von E. Kautzsch, 2,Tübingen 1900) 
217 h. 293 ) Vgl. die Exzerpte der Kirchenväter 
bei J. A. Fabricius Codex pseudepigraphicus 
Veteris Testamenti (Hamburg u. Leipzig 1713) 
167 ff. 294 ) Neutestamentliche Apokryphen. 
Hsg. von E. Hennecke (Tübingen 1924) 
314fr. 295 ) Hennecke 320. 296 ) Ebd. 319. 

297 ) Ebd. 323. 298 ) Ebd. 321. 2 ") Ebd. 323. 

300 ) Ebd. 325. 301 ) Ebd. 323. 302 ) Ebd. 321 f. 
303 ) Ebd. 324. 304 ) Ebd. 321. 305 ) Vgl. oben bei 
Anm. 158—162. 30fi ) Hennecke 324. 307 ) M. 
Rh. James Apocrypha aneedota [Visio Pauli). 
Texts and Studies. Bd. 2 Nr. 3 (Cambridge 
1893) 28—35. Vgl. O. Bardenhewer Ge¬ 
schichte der altkirchlichen Literatur 2 1 (Freiburg 
i. B. 1913), 613—620. 308 ) Hennecke 270t. 

309 ) Ebd. 191; vgl. noch die höllischen Elemente 
in einer Schilderung des Gerichtes: Christliche 
Sibyllinen 2, 286—308; Hennecke 419 t. 

31 °) Vgl. für die folgenden Zitate Hense Das 
Feuer in der Hölle. Der Katholik 58. Jahrg. 
1872, 2. Hälfte. NF. 40. Bd. 3n ) Tertullian 
Apologeticus c. 18; Migne PL. i, 320. 312 ) 
Augustin De tempore serm. 80; lrenaeus 
Adv. haeres. 2, 28; Migne PG. 7, 810; ebd. 4, 40, 
Migne PG. 7, 1112; Cassianus Collationes 1, 
14, Migne PL. 49, 503. 3l3 ) Ignatius Epistola 
ad Ephesios 16, Migne PG. 5, 657; Gregor 
v. Nyssa Oratio catechetica c. 40, Migne PG. 45, 
105. 3l4 ) Adv. haeres. 4, 40, Migne PG. 7, 

1113. 315 ) Liber de lande martyrii 20, Migne 

PL. 4, 798. 3l6 ) Gregor Moralia 9, 66, Migne 
PL. 75, 914 ff. 3l7 ) Belege bei Hense 489, 491. 
3l8 ) Chrysostomos In Math. Hotnil. 43, 4, 
Migne PG. 57, 461. 319 ) Augustin De civ. Dei 
21,10. 32 °) Lactantius Instit. 7, 21; Migne PL. 

\ 6, 801. 321 ) Vgl. Artikel Gehenna, Jewish Ency- 
clopedia Bd. 5. 322 ) Friedrich Schwally 

Das Leben nach dem Tode nach den VorStellungen 
des alten Israel und des Judentums einschließlich 
\ des Volksglaubens im Zeitalter Christi (Gießen 
1892) 145. 323 ) A. Frhr. v. Gail BistXeta toü 

#co 0 (Heidelberg 1926) 156 ff. 230 f. 341 f. 

324 ) Schwally 145. 325 ) v. Gail 342. 326 ) H. 
Diels Philodemos über die Götter (Buch 1, Kol. 
19, 22) Abhandlungen der Kgl. Preuß. Akad. 
d. Wissensch. Jhg. 1915, Phil.-hist. Kl. Nr. 7, 
S. 33, 81. 3 ? 7 ) Franz Cu mont After Life in Ro¬ 
man Paganism. Lectures delivered at Yale Uni- 
versity on the Silliman Foundation (New Haven 
1922) 170. 328 ) Dieterich Kl. Sehr. 477; vgl. 
Roh de Psyche 2, 368 h 329 ) Dieterich Nekyia 


257 


Hollen—Höllenzwang 


258 


200. 3: '°) Ebda 200 ff. 331 ) Cumont After Life 
176. 3H2 ) Octavius c. 35; Migne PL. 3, 349. 

333 ) Apologeticus c. 4&\ Migne PL. 1,827. 334 ) Par- 
aenesis ad poenit. n. 11; Migne PL. 13, 1088 f. 
336 ) Vita Odilonis Migne PL. 144, 136. 338 ) H. 
Diels Himmels- und Höllenfahrten von Homer 
bis Dante NJbb. 25 (1922), 247. 337 ) Eisler 

Weltenmantel 1, 97. 338 ) De sera numinis vin- 

dicta 22; vgl. P. Wendland Antike Geister - und 
Gespenstergeschichten. Festschrift zur Jahr¬ 
hundertfeier der Universität Breslau. Hsg. 
von Th. Siebs (Breslau 1911) 55. 339 ) Diels 
Himmels- und Höllenfahrten 247. 34 °) Stromat. 
5, 14; Migne PG. 9, 133. 341 ) Adversus gentes 

2, 14; Migne PL. 5, 831. 34Z ) Fritzsche 3, 344. 

343 ) Miguel AsinyPalacios La escatologia mu- 
sulmana en la Divina Comedia (Madrid 1919), ge¬ 
kürzte Übersetzung von Harold Sunderland 
Islam and the Divine Comedy (London 1926). 

344 ) Molsdorf Führer 71. 345 ) Encyklopädie 

des Islam s. v. Djahannatn. 34 ®) Mälik ibn 
'Anas Muwa/la',Gahannam, 2. Tradition. 
347 ) Die Erzählungen aus den Tausend und ein 
Nächten übertr. v. E. Littmann 3 (1924), 
829 f. 348 ) R. Basset Mille et un contes, ricits et 
legendes arabes 3 (1927), 174 f. 349 ) vgl. oben bei 
Anm. 170. 350 ) S. Merkle Dante und die mu¬ 

hammedanische Eschatologie Deutsches Dante- 
Jahrbuch 11 NF. 2 (1929). 3M ) L. Scherman 
Materialien zur Geschichte der indischen Vi¬ 
sionsliteratur (Leipzig 1892) bes. 126 f. 352 ) E. 
Ebeling Tod und, Leben nach den Vorstellungen 
der Babylonier 1 (Berlin 1931), 1 ff. Winkler. 

Hollen, Gottschalk. 

Stanovik, ADB. 12, 758. 

H. geb. um 1400 zu Körbecke bei Soest, 
in Italien gebildet, Augustiner, gest. als 
Prediger 1 ) in Osnabrück nach 1481. 
Verfasser von Predigten 2 ) und erbaulichen 
Schriften. 

Die Predigt 47 seiner Sermones domi¬ 
nicales super Epistolas Pauli enthält eine 
Liste 3 ) von Superstitionen: Mittel gegen 
allerhand Krankheiten, Gebräuche bei Ge¬ 
burt und Tod. Wie Zachariae nachgewiesen 
hat, entspricht diese Liste größtenteils der 
Liste von Superstitionen im Sermo X (de 
idolatriae cultu) des Bernardino von Siena 
(s. d.) entweder auf Grund eigener Kennt¬ 
nis der Predigt des Bernardino oder, was 
wegen einiger Differenzen wahrscheinlicher 
ist, auf Grund einer gemeinsamen Quelle. 

1 ) Landmann Das Predigtwesen in West¬ 
falen 31 ff. 2 ) Ausgaben: Opus sermonum 
dominicalium de Epistolis per anni circulum. 
Hagenau 1517 und 1519/20. 3 ) Zachariae 

Kl. Sehr. 324 -336 339-386-ARw. 9, 538-541; 
n» 15! —* 53 ; ZfVk. 18, 442—446; 22, 113 —134. 
225 — 244; F. Jostes Ztschr. für vaterl. Gesch. 
u. Altertumskunde 47, 85—97. Helm. 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


Höllenzwang. Es ist ein Grundgedanke 
der Magie, daß man durch Kenntnis der 
richtigen Worte und Riten auf Götter und 
Geister einen Zwang ausüben kann, der 
diese nötigt, den Wünschen des Magiers 
zu gehorchen und ihm dienstbar zu sein. 
Als iTravapcoc, ^Travcqxoc Xo*pc, iitava^xov, 
eTtavaYxaaxixot (Xo^oi) ,, Zwangsgebet, 
Zwingspruch“ bezeichnen die antiken helle¬ 
nistischen Zauberpapyri solche Formeln 1 ), 
neben denen das dri 9 ojj.ee dravaptaGTtxov 
,,Zwangsrauchopfer“ 2 ) steht. In den 
gleichen Gedankenkreis gehören die Dro¬ 
hungen , die man an die Götter und Dämonen 
richtet, um sie sich gefügig zu machen 3 ). 

Im Anschluß an die Faustsage (s. d.) 
entstanden eine Anzahl Bücher zur Be¬ 
schwörung der Höllengeister, die als ,,im- 
perationes Fausti“ 4 ), „imprecationesFau- 
sti“ 5 ), ,,vinculum spirituum“ 6 ), „Fausts 
Höllenzwang“ 7 ) überliefert sind. Sie 
sollten dem gedachten Zweck dienen, vor 
allem dem Schatzheben 8 ), aber auch dem 
Schutz vor Gefahren aller Art, gegen 
Krankheit und zu jeder Dienstbarmachung 
der Geister. 

Es gibt dieser H.e eine ganze Reihe, 
die meist handschriftlich umliefen; sie 
liegen aber auch z. T. einzeln in alten 
Drucken und Neudrucken, z. T. in Samm¬ 
lungen vor und sind in Bibliographien 
verzeichnet 9 ). Ihre Datierung ist durch¬ 
weg gefälscht; nach den Jahresangaben 
müßten die Bücher oft vor Faust angesetzt 
werden 10 ). Als älteste Spur dürfte die 
Mitteilung im ersten Faustbuch von 1587 
anzunehmen sein, daß dessen Verfasser, 
um Ärgernis zu vermeiden, die ,,formae 
coniurationum“ ausgelassen habe 11 ). Die 
meisten dieser Schriften gehören wohl 
erst dem Ende des 17. und dem 18. Jhdt. an. 

Ein Gebet in einem der H.e 12 ) zeigt die 
Abhängigkeit von dem älteren Hepta- 
meron des Petrus von Abano (s. d.) 13 ). 
Einzelne Gebete sind hebräisch (in Trans¬ 
skription) und lassen sich trotz Entstel¬ 
lungen ziemlich leicht in den Urtext 
umsetzen; sie hängen mit der Clavicuia 
Salomonis (s. 2, 88 ff.) zusammen. Die Ge¬ 
bete beweisen, daß dieVerfasser der Bücher 
nicht ohne Kenntnisse waren. Die Dä¬ 
monennamen und -listen gehen auf an- 

9 





Höllenzwang 


260 


Holsteiner-Typus—Holunder 


262 


259 

tike magische Schriften zurück und wur¬ 
den durch die Clavicula Salomonis, Pe¬ 
trus von Abano und andere derartige 
Werke vermittelt 14 ). 

Nach der Tradition lagerten die H.e 
oft in Kloster- und Kirchenbibliotheken, 
an Ketten angeschlossen 15 ); die Über¬ 
lieferung ist nicht ohne Grund. Von dort 
wurden sie der Sage nach gelegentlich 
entwendet 16 ). Manchmal führte ihr un¬ 
befugter Gebrauch zu der Erfahrung des 
Zauberlehrlings Goethes 17 ), die ein altes 
Zaubermotiv ist l8 ); Rückwärtslesen der 
Beschwörung heilte dann den Schaden. 
Über die tatsächliche Benutzung des H. 
zur Geisterbeschwörung mit dem Zweck, 
dadurch zu verborgenen Schätzen zu ge¬ 
langen, wird mancherlei erzählt 19 ); am 
bekanntesten ist die Geschichte der Jenaer 
Christnachttragödie von 1715 und Bahrdts 
Brief an den Fürsten von Leiningen 20 ). 

Neben F.s H. gibt es auch einen Je- 
suiten-H.; eine lateinische Fassung führt 
den Titel: „Verus Jesuitarum libellus seu 
fortissima coactio et constrictio omnium 
malorum spirituum etc. Parisiis 1508“ 21 ), 
eine deutsche: ,,Wahrhafter Jesuiten- 
Höllenzwang usw. gestellt durch Pater 
Eberhard, Priester der Gesellschaft Jesu 
in Ingollstadt“ 22 ). Wie schon das un¬ 
mögliche Datum zeigt — der Orden ist 
erst 1540 errichtet —, handelt es sich 
auch da um Fälschungen, die späten Ur¬ 
sprungs sind. Die Jesuiten galten von 
alters als Teufelsbanner und der Magie 
kundige Leute 23 ). 

Ähnlich liegt es mit ,,Fausts großer und 
gewaltiger Meergeist“ 24 ), einer offenbaren 
Parodie, die 1797 für 12 Rthlr. zum Ver¬ 
kauf ausgeboten wurde (alsManuskript) 25 ). 
Die Vorstellung, daß die Schätze aus dem 
Meer von dessen Geist emporgebracht 
werden sollen, begegnet auch im Ver. 
Jes. lib. 28 ) und in Fausts H. 27 ). Die Zeit 
der Entstehung des Machwerks läßt sich 
ungefähr bestimmen durch das Vor¬ 
kommen des Wortes Phaeton für den 
Wagen des Meergeistes, eine Bezeichnung, 
die 1767 von Zachariä, dann von Goethe 
und andern Zeitgenossen gebraucht, in 
der Literatur auftritt M ), von Campe 29 ) 
vermerkt wird und nach Brockhaus 30 ) 


,,in neuerer Zeit“ gewissen hohen, offenen 
und leichten Wagen als Namen diente. 
Auch in dieser Schrift stehen eine Reihe 
leicht zu übersetzender hebräischer Ge¬ 
bete in Transskriptionen, daneben Sätze, 
die spanisch (vgl. Dios) und polnisch 
(vgl. Panie) 31 ) sein sollen. 

Endlich ist noch zu nennen: ,,Ludw. 
von Cyprian. Höllenzwang, worin ge¬ 
lehrt wird, wie man die Himmlischen u. 
Höllischen Geister nach Ordnung eines 
jeden Tages in der Woche citiren u. 
Alles von denselben erhalten kann, was 
man begehret. 1509. Hamburg, S. Glogau 
(1898). Mit Abb. 41 SS. 3 Bll.“, womit 
zu vergleichen ist: .,,Cypriani citatio 
angelorum, ejusque Conjuratio Spiritus, 
qui thesaurum abscondidit, una cum illo- 
rum Dimissione“, welches Schriftchen 
dem Ver. Jes. lib. angehängt ist 32 ). 

Über die Tabellae Rabellinae, die mit 
dem H. Fausts öfters verbunden sind, s. 
Rabellinae Tab. 

,,Geßners H.“ ist ein Mißverständnis 33 ); 
es handelt sich da um ein dem Herpentil 
und Komreuther (s. d.) verwandtes Buch, 
das dem Michael Scotus (s. d.) zuge¬ 
schrieben wird. 

*) Dieterich Abraxas 173, 4. 10. 13. 175, 
16. 194, 18; Papyri Graecae magicae ed. Prei- 
sendanz 1 (1928), 22, 43. 24, 63. 108, 1035. 
116, 1295. I 52. 2567. 2574. 156, 2676. 158, 
2684. 164, 2896. 2901. 166, 2915. 174, 3110; 
K. Buresch Klaros (1889), 20. 42; Th. Hopf¬ 
ner Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber 1 
(1922), 203 § 785; 204 § 786 t.; 177 § 692; 188 
§ 729. *) Pap. Gr. mag. 1, 156, 2676. 3 ) Hopf¬ 
ner a. a O. 1, 47 § 204; 122 § 483: 204 
§ 787 ff.; Er man-Krebs Aus den Papyrus der 
kgl. Museen (Berlin 1899), 259; Abt Apu- 
leius 48 4 ) G. Ros ko ff Geschichte des Teufels 

2 (1869), 439. 8 ) Kiesewetter Faust 2 (1921), 
40. •) Kiesewetter a. a. O. 2, 108. 7 ) Mann¬ 
hardt Zauberglaube 1730.; Niderberger 
Unterwalden 3, 597; Ave-Lallemant Bocks - 
reit er 96; Höhn Volksheilkunde 1, 80; Küh- 
nau Sagen 3, 274 f.; Meiche Sagen 564 Nr. 701; 
573 Nr. 712; Golther Mythologie 645; Sim- 
rock Mythologie 527; Grimm Myth. 2, 1025; 
Eckart Südhannov. Sagen 60; Grohmann 
Sagen 315; Wuttke 189t. Fußnote; 189 § 259. 
8 ) Eisei Voigtland 181 Nr. 482; Meiche Sagen 
508 Nr. 658; Bechstein Thüringen 2, 154; 
MschlesVk. 18 (1907), 89t. *) Scheible Doctor 
Johannes Faust Magia naturalis et innaturalis 
(1849); ders. Doctor Fausts Bücherschatz (1851); 
ders. Kloster 2 , 805 ff.; 5, 1029 ff.; Horst 
Zauber.-Bibliothek 1, 372; 2, 108 ff.; 3, 86 ff.; 4, 



V : 
. 1 





e 


. * 
? 



141 ff.; Graesse Bibliotheca magica et pneu- 
matica (1843), 25; Kiesewetter Faust 2 (1921), 
1 ff.; ZfVk. 15 (1905), 416 Nr. 38. 39. 422. 
10 ) Scheible Kloster 2, 20. u ) Scheible 
a. a.O. 2, 940; 5, 87. 11 ) Horst a. a. O. 2, 

135 ff.; Scheible a. a. O. 5, 1075 ff. 13 ) Agrip- 
pa v. Nettesh. 4, 123 ff. u ) HessBl. 12 
(1913), 100 ff. ii9ff. 15 ) Scheible a. a. O. 2, 
110. 16 ) Schambach u. Müller 157 Nr. 171. 
17 ) Kühnau Sagen 3, 239 f. 269 f. 18 ) Scheible 
a. a. O. 5, 116. 12 ) Scheible a. a. O. 2, in ff. 
20 ) Scheible a. a. O. 5, 1031 ff.; Wuttke 488 
§ 778. 21 ) Scheible a. a. O. 2, 835 ff.; Kiese¬ 
wetter Faust 2, 49. 22 ) Scheible a. a. O. 5, 

1093; Kiesewetter a. a.O.; ZfVk. 15, 414 
Nr. 12. 23 ) Wuttke 149 § 207; 412 § 641; 484 
§ 774. 24 ) Scheible a. a. O. 5, 11400.; Kiese¬ 


wetter a. a. O. 2, 54 


25 


) Horst a. a. O. 1, 


371. 2 ®) Scheible a. a. O. 2, 837. 27 ) Kiese¬ 

wetter a. a. O. 28. 28 ) DWb. 7, 1820. 29 ) Wör¬ 
terbuch Erg.-Bd. (1813), 475. 30 ) Allg . deutsche 
Real-Encyclopädie 7 (1820), 473. 31 ) Scheible 
a. a. O. 5, 1145. 1148. 32 ) Scheible a. a. O. 2, 
835- 845 ff. 33 )Ganzlin Sächs. Zauberformeln 
in Nr. t . Tar.ohv. 


Holsteiner-Typus Neben dem „Gre- 
doria“ (s. d.) genannten ersten Typ des 
Himmelsbriefes (s. d.) steht als eine zweite 
Form der Holstein-Typ, so genannt, weil 
er in Holstein lokalisiert ist. Es werden 
"“in ihm — neben völlig dunklen Namen — 
einige nach Holstein und Nordwest¬ 
deutschland weisende Ortsnamen genannt. 
Als Jahr seines ersten Auftretens wird 
1724 angegeben. Die erste Abschrift — 
d. h. das erste wirkliche geschichtliche 
Hervortreten — wird ins J. 1791 verlegt. 
Mit dem ,,Gredoria-Typus“ verbindet ihn 
die Angabe, daß der Brief ,,über der 
Taufe“ schwebte. Niemand konnte ihn 
ergreifen; zu dem aber, der ihn ab¬ 
schreiben wollte, neigte sich der Brief. 
Mit dieser Form des Himmelsbriefes sind 


verschiedene ältere, ehemals selbständige 
Zaubersprüche verbunden, nämlich der 
Ölbergspruch (s. d.), das Grafenamulett 
(s. d.) und bisweilen der Kaiser Karl- 
Segen (s. d.). 


MAnhaltGesch. 14, 3; Stube Himmels - 
trief 7 f. f Stübe. 

Holunder (Alhorn, Ellhorn, Flieder; 
Sambucus nigra). 












bens- und Sippenbaum. H.holz darf nicht ver 
brannt werden. — 3. Apotropäische Eigen 
schäften. — 4. Volkserotik. — 5. H. als Baue 
desTodes.—6. H. als böser Baum.—7. H.im land 
wirtschaftlichen Orakel. — 8. Sympathiemedizie 


a) Übertragung der Krankheit, b) H. im Epi- 
phytenaberglauben. c)Die ersten H.blüten. d) H. 
im Sonnwendkult, e) Bewirkt als Sympathie¬ 
mittel Durchfall bzw. Erbrechen. — 9. Ver¬ 

schiedenes. 


1. Botanisches. Strauch mit unpaarig 
gefiederten Blättern und gelblich weißen, in 
großen flachen Trugdolden angeordneten 
Blüten. Die Frucht ist eine schwarz violette 
Beere. Der H. wächst auf dem Land meist 


in der Nähe menschlicher Siedelungen, an 
Häusern, in Gärten, an Zäunen usw., wo er 
ohne jede weitere Pflege gedeiht. Ab und 
zu findet er sich auch im Wald, an Wald¬ 
rändern usw., wo er auf frühere Siede¬ 
lungen hindeuten kann. Da die Wurzeln 
eine sehr starke Ausschlagsfähigkeit haben, 
treibt der Strauch, auch wenn er öfters 
umgehauen wird, immer wieder. In der 
bäuerlichen Volksmedizin spielt der H. 
eine große Rolle *). 


*) Marzell Kräuterbuch 142 f. 

2. Als Strauch, der ein getreuer Be¬ 
gleiter des Menschen ist und ohne beson¬ 
dere Pflege bei dessen Wohnung wächst, 
der ferner in fast allen seinen Teilen dem 
Menschen Heilstoffe liefert und dessen 
Früchte auch genießbar sind, steht der 
H. seit alters in hohen Ehren 2 ). Er gehört 
ohne Zweifel zu den volkstümlichsten 
Pflanzen überhaupt. ,,Vor dem Holunder 
muß man den Hut abnehmen“, lautet 
ein weitverbreiteter Bauernspruch 3 ); vgl. 
Wacholder. Ebenso häufig ist der 
Glaube, daß das Umhauen bzw. das Ver¬ 
stümmeln eines H.s Unglück, ja den Tod 
bringt 4 ). Wenn der H. verdorrt, muß 
ein Familienmitglied sterben 5 ). Nach 
einer schlesischen Sage brannte einem 
Manne, der den H. gefällt hatte, ein Jahr 
später das Haus ab 6 ). Der H. erscheint 
hier als der „Lebensbaum“ 7 ), „der Sippen- 
Vegetationsgeist steckt in dem Baum“ 8 ). 
Nach verschiedenen alten Zeugnissen 
(meist slavischen und nordgermanischen) 
wohnen unter dem H. „Unterirdische“. 
Nach dem Glauben der alten Preußen 
wohnt unter dem H. der Erdengott 
Puschkaitis, dem man Brot, Bier und an¬ 
dere Speisen opferte 9 ). In Schweden goß 
man als Opfergabe für die Hausgeister 
Milch über die Wurzeln des H.s 10 ), und 
ein französisches Predigt buch des 13. Jhdt. 


263 


Holunder 


264 


spricht von den Frauen, die ihre Kinder 
zum H. trügen, ihm ihre Ehrfurcht er¬ 
wiesen und ihm Geschenke machten 11 ). 
Wenn einem H. die Äste gestutzt werden 
mußten, pflegte man nach dem Bericht 
des nordschleswigschen Pastors Arnkiel 
(1703) mit gebeugten Knien, entblößtem 
Haupt und gefalteten Händen zu sprechen: 
,,Frau Elhorn gibt mir was von deinem 
Holze, dann will ich dir von meinem auch 
was geben, wenn es wächst im Walde“ 12 ). 
Nach dänischem Volksglauben ist es die 
Hyldemoer (H. mutter) oder Hyllefrao 
(H.frau), die im H. wohnt 13 ). Die Zwerge 
sitzen meist unter den H.bäumen, deren 
Duft sie lieben 14 ). Die in populären Dar¬ 
stellungen oft gebrauchte Deutung des 
Wortes H. als ,,Baum der (Frau) Holla“ 15 ) 
ist jedoch etymologisch unhaltbar, folglich 
sind es auch die daran geknüpften mytho¬ 
logischen Spekulationen. Immerhin ist 
vielleicht doch die hl. Maria in einer Sage 
aus dem bayer. Odenwald, die erzählt, 
daß an der Stelle der Gnadenkapelle zu 
Schneeberg einst ein H. gestanden habe und 
daß auf diesem immer wieder das Mutter¬ 
gottesbild der Pfarrkirche gewesen sei 16 ), 
die Nachfolgerin einer im H. verehrten 
germanischen weiblichen Gottheit. Nach 
einer badischen Sage hat die Muttergottes 
die Windeln des Jesuskindes an einem H. 
getrocknet 17 ), was man sich sonst meist 
von der Weinrose (s. Rose) erzählt. Mit 
der ,,Heiligkeit“ des H.s hängt es wohl 
zusammen, daß sein Holz nicht (oder nur 
von Witwen und Waisen) 18 ) verbrannt 
werden darf; es gibt sonst Unglück und 
Krankheit 19 ), man leidet das ganze Jahr 
an Zahnschmerzen 20 ), man bekommt 
Rotlauf (Farbe des Feuers!) 21 ), oder die 
Pferde im Stall gehen zugrunde 22 ). 
In Disentis (Schweiz) wird das Verbot 
damit begründet, daß die hl. Emerita 
mit H.holz verbrannt wurde 23 ), natür¬ 
lich eine „sekundäre“ Begründung. Auch 
in England 24 ) und in Frankreich („die 
Hühner hören zu legen auf“) 25 ) scheut 
man sich, den H. zu verbrennen. Vom 
Blitz soll der H. nicht getroffen wer¬ 
den, er gewährt Schutz dagegen 26 ); die 
Begründung, „weil die Gottesmutter auf 
der Flucht nach Ägypten unter einem 


H. rastete“ 27 ), beruht wohl auf einer 
j Verwechslung mit der Hasel (s. d.). Die 
an Silvester geschnittenen und zu einem 
Reifen gebogenen H.zweige im Haus auf¬ 
gehängt, schützen vor dem Ausbruch 
des Feuers 28 ). 

2 ) Höfler Botanik 28; Feilberg Ordbog 
4, 233. 3 ) Kuhn Westfalen 2, 189; Baum¬ 

garten Aus der Heimat 1862, 137; Schweiz- 
Id. 2, 1184; vgl. Danneil Wb. d. altmärk.- 
plattd. Mundart 53 („Wenn ’n Flirrbusch 
süt, mütt’n Vaterunser bäd'n"); ZfVk. 8, 
442 (Steiermark: „Vor einem Hollerboschen 
muß man niederknien"). 4 ) ZfrwVk. 11, 266; 
Thier er Ortsgesch. v. Gussenstadt 1 (1912), 

264; Höhn Tod 309; Schullerus Pflanzen 358; 
ebenso bei den Ruthenen in Galizien (Globus 79, 
151; ZföVk. 8, 129) und in Schweden (Mann¬ 
hardt 1, 11). 6 ) Brunner Heimatb. d. bayer. 
Bez.-A. Cham (1922), 233. *) Kühnau Sagen 

з, 480. 7 ) Der H. dient auch als „Lebensrute", 

vgl. Heimatbilder aus Oberfranken 3 (1915), 
118. 8 ) Höfler Botanik 30; über den H. als 

Schutzgeist des Hofes vgl. Mannhardt 1, 52. 
9 ) Mannhardt 1, 63 b; Gottsched Flora 
prussica 1703, 242; Praetorius Deliciae prus- 
sicae 17; ZfVölkerpsych. 5 (1868), 297; Dähn- 
hardt Natursagen 2, 238. 10 ) ZfVk. 8, 142. 

u ) Sebillot Folk-Lore 3, 413. 12 ) Grimm Myth. 
343; Mannhardt 1, 10; ganz ähnlich in 

Lincolnshire: Bur ne Handb. of Folklore 1914, 
34. 13 ) Mannhardt 1, n. 14 ) Arndt Märchen 

и. Jugenderinnerungen — Heckscher 72. 15 ) 

Z. B. Sohns Pflanzen * 63. 1Ä ) Bayld 26, 27; 

ähnliches erzählt man sich von der Wallfahrt 
Maria Thalheim in Oberbayern: Höfler Wald¬ 
kult 106 f. 17 ) Meyer Baden 382. 18 ) Schweiz Id. 
2, 1185. lö ) Ebd.; Wartmann St. Gallen 70; 
Manz Sargans 52. 20 ) Schullerus Pflanzen 

358; ebenso bei den Rumänen in der Bukowina: 
ZföVk. 3, 371. 21 ) Fischer Schwab. Wb. 3, 1763. 

22 ) Marzell Bayer . Volksbotanik 188 f.; Danneil 

Wb. d. altmärk.-plattd. Mundart 1859, 53. 

23 ) Wettstein Disentis 175. 24 ) Burne Handb . 
of Folklore 1914, 34: FL. 20, 343: 22, 24; 23, 356. 
25 ) Rolland Flore pop. 6, 284; Sebillot Folk- 
Lore 3, 390. 2# ) Alpenburg Tirol 394; Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 119; Schweizld. 2, 1185; 
Egerl. io, 132; Schullerus Pflanzen 360. 
27 ) Höfler Waldkult 107. 28 ) Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 176. 

3. Als Schutzbaum des Hauses hat der 
H. ganz allgemein apotropäische 
Eigenschaften. Vor die Stalltür gepflanzt, 
bewahrt er das Vieh vor Zauberei 29 ), 
daher sollen auch Türriegel aus H.holz 
gemacht werden 30 ). In Ostdeutschland 
steckt man vor allem an Walpurgi 31 ) 
H.zweige oder -kreuze auf die Felder, 
an die Fenster oder auf den Düngerhaufen, 
um die Hexen abzuhalten 32 ). Der ver- 


265 


Holunder 


2 66 


breitete Brauch gegen Maulwürfe 33 ), 
H.zweige in die Felder zu stecken 34 ), hat 
wohl auch einen abergläubischen Hinter¬ 
grund 35 ), wenn auch oft angegeben wird, 
daß der starke Geruch des H.s die ge¬ 
nannten Tiere vertreiben soll. Am „stillen 
Freitag“ soll man mittags 12 Uhr unter 
dem H. Sand wegnehmen und gegen die 
Sperlinge in die Saat streuen 36 ). Ein 
Haselstöckchen (s. Hasel § 2), mit einem 
Zweig von H. zu einem Kreuz geformt, 
schützt vor dem Einfluß des wütenden 
Heeres 37 ). Die Nachgeburt einer Kuh, 
die zum erstenmal ein Kalb hat, muß man 
unter einem H. vergraben, dann kann 
man es nicht verzaubern oder die Milch 
nehmen (handschriftl. Arzneibuch d. 18. 
Jahrh. aus Nieder Österreich) 38 ). Unter 
den H. soll man von der Milch gießen, 
wenn es ihr an Rahm fehlt 39 ). Als hexen¬ 
abwehrende Pflanze dient der H. auch 
zum Erkennen der Hexen (vgl. Gunder¬ 
mann). An Trinitatis oder Johannis, 
wenn die Sonne am höchsten steht, muß 
man mit einem Spiegel vor der Brust auf 
einem H. sitzen, dann sieht man den 
„Binsenschneider“ (Thüringen) 40 ). Man 
schnitzt einen Löffel aus H.holz, legt ihn 
am Osterabend nach Sonnenuntergang 
in gute Milch, daß Rahm daran hängen 
bleibt und läßt ihn dann trocknen. Dies 
wiederholt man am Sonnwendabend. 
Wenn man dann damit zum Sonnwend¬ 
feuer geht, müssen einem alle Hexen 
nachlaufen 41 ). In der Nacht vom Grün¬ 
donnerstag auf Karfreitag mit dem Schlag 
12 Uhr muß man auf dem Kirchhof einen 
H.zweig abschneiden und aushöhlen. Da¬ 
mit kann man am Karfreitag während des 
Gottesdienstes die Hexen erkennen (Schwä¬ 
bische Alb) 42 ). In Frankreich 43 ) und in 
England 44 ) wird der H. ebenfalls im 
Gegenzauber gebraucht. 

*•) Rockenphilosophie 2 (1707), 328; Ulrich 
Volksbotanik 39; Manz Sargans 52; Rochholz 
Glaube 2, 129; Schweiz. Id. 2, 1185. 30 ) John 
Westböhmen 321. 31 ) Selten in der Johannis¬ 
nacht: Drechsler i, 138. 32 ) Wolff Scrutin . 

amuletor. medic . 1690,142; Jahn Opfer,gebrauche 
195; Spieß Obererzgebirge 13; Grohmann 101; 
John Erzgebirge 197; John Westböhmen 72, 226; 
DVöB. 12, 37; Wirth Pflanzen 18. 83 ) Gegen die 
Maulwurfsgrille: Manz Sargans 94. M ) Mizal- 
dus Hortorum Secreta 1574,14 v.; Strackerjan 


1 (1867), 67; Kuhn 2, 67 f. 35 ) Besonders wenn 
das Mittel am 1. Mai angewendet wird (Anhalt): 
ZfVk. 7, 77 = Wir th Pflanzen 6. 38 ) Schulen¬ 
burg 252. 37 ) Vonbun Beiträge 127. 38 ) Anz. 
f. Kunde der Deutsch. Vorzeit 28 (1881), 332. 
39 ) Bohnenberger 112. 40 ) Grimm Myth. 

394. 41 ) Alpenburg Tirol 394. 42 ) Alemannia 
13, I 99 - 43 ) S6billot Folk-Lore 3, 381. 385. 387. 
44 ) Dyer Plants 63. 

4. Als Lebens- und Sippenbaum tritt 
der H., der dazu noch zur Sonnwendzeit 
in vollster Blüte steht, auch in der 
Volkserotik hervor. Unkeuschen Mäd¬ 
chen steckt man zu Pfingsten H.zweige 
vor das Fenster (Thüringen) 45 ), vgl. 
Kirsche. „Auf Johannistag blüht der 
Holler — da wird die Liebe noch toller“ 
heißt es im Thüringer Wald 46 ). „Holder¬ 
stock“ ist ein Kosename für die Geliebte 
(oder den Geliebten) 47 ), und in erotischen 
Liedern wird der H. öfters genannt 48 ). 
Schütteln die Mädchen am Thomastag 
während des Ave-Läutens eine H.staude, 
so kommt der Bräutigam aus der Richtung, 
aus der ein Hund bellt (Innviertel) 49 ). 
In einem Goslarer Hexenprozeß des 16. 
Jhs. erscheint folgende Beschwörung 
des H.s, um eines Mannes Liebe zu ge¬ 
winnen : 

„Alhorn, du blote, ik bidde dik dorch dine sote, 
Dat ik möge affbrechen unde heime dragen 
Sin barnede leve in minen schrägen". 

45 ) Kuhn u. Schwartz 389, auch in 
Frankreich: Sebillot Folk-Lore 3, 403; vgl. 
Meyer Germ. Myth. 85; Mannhardt i, 166. 
48 ) Veckenstedts Zs. 4, 191. 47 ) Schmeller 

Bayr. Wb . 2 1, 1084; Fischer Schwab. Wb. 

з, 1766. 4S ) Z. B. Schmeller a. a. O. 1, 

88 4; ZföVk. 3, 264; auch in Rußland: 

Stern Gesch. d. öflentl. Sittlichkeit in Rußland 2 
(1908), 495. 49 ) Niederbayr. Monatsschrift 9 

(1920), 161. 50 ) Zeitschr. des Harzver. f. Gesch. 

и. Altertumskde 35 (1902), 415, wo „Alhorn" 
fälschlich als „Ahorn" gedeutet ist! Häufig 
wird der H. von den Slovaken Nordungarns im 
Liebeszauber verwendet: DbotMon. 1 (1883), 
86 f. 

5. Wie in vielen anderen Beispielen (vgl. 
Immergrün) wird der lebenszähe H. (vgl. 
unter §1), der wohl auch wegen dieser 
Eigenschaft auf Gräbern gepflanzt wird, 
zum Baum der Todes. Schon die alten 
Friesen bestatteten ihre Toten unter dem 
H. 51 ). Mit einem H.stab wird das Maß 
zum Sarge genommen, der Fuhrmann, 
der den Sarg fährt, hat statt der gewöhn¬ 
lichen Peitsche einen H.zweig. H.stäbe 





267 


Holunder 


268 


werden auf die Leiche gelegt 52 ). In Tirol 
besteht die Sitte, daß bei Begräbnissen 
dem Sarg ein H.kreuz, ,,Lebelang“ ge¬ 
nannt, vorangetragen wird, das dann auf 
das Grab gesteckt wird. Wird es wieder 
grün, so ist der Tote selig 53 ). Möglicher¬ 
weise gehört auch hierher, daß bei Toten¬ 
wachen die Vorbeterin ihren Mitbeterinnen 
H.tee reicht („damit sie nicht ein¬ 
schlaf en“) 54 ). Als Todesvorzeichen (für 
ein Familienmitglied) gilt es, wenn an 
einem H. zu gleicher Zeit Blüten und 
Beeren sind (Mittelschlesien) 55 ), wenn der 
H. im Herbst wieder blüht 56 ), wenn der 
H. lange Wurzelschosse treibt 57 ). Wenn 
jemand sterben soll, wohnt die „Bu- 
zawoscz“ (= „Gottesklage“, ein dämo¬ 
nisches Wesen) unter dem H., sonst sitzt 
sie in den Zweigen 58 ). 

81 ) Halbertsma Lexicon Frisicum 1874, 902. 
6a ) Grimm Myth. 3, 465; Montanus Volks¬ 
feste 149; Rochholz Glaube 1, 193; Wirth 
Pflanzen 13; Bodemeyer Rechtsaltertümer 186; 
Caminada Friedhöfe 63. 63 ) ZfdMyth. 1, 263; 
Alpenburg Tirol 394; Hörmann Volksleben 
427. 429; Rochholz Glaube 2, 128. 44 ) Roch¬ 
holz Glaube 1, 195. w ) ZfVk. 4, 80. 6e ) Spieß 
Obererzgebirge 18. 57 ) Treichel Westpreußen XI, 
268; Rochholz Glaube 1, 192. 68 ) Schulen¬ 

burg 145; vgl. Veckenstedts Zs. 3, 19; Nieder¬ 
laus. Mitteil. 2 (1892), 434. 

6 . Ab und zu gilt der H. auch als 
böser, teuflischer Baum, vielleicht 
ein Hinweis auf seine frühere heidnische 
Verehrung (vgl. Eiche). „Hölderlin“ 59 ), 
„Hollabirbou“ 60 ) sind Namen des Teufels. 
„Under ere Holderstude und under eme 
rote Bart wachst nüd guets“, sagt man in 
Graubünden 61 ), vgl. Walnuß. Es ist 
gefährlich, da zu bauen, wo ein H. ge¬ 
standen hat 62 ), wohl auch eine Anspielung 
auf die „Unverletzlichkeit“ des H.s (siehe 
unter §2). Der von ihren Genossinnen zer¬ 
rissenen Hexe wird eine Rippe aus H. 
eingesetzt (Oberösterreich) 63 ), in Tirol 
gilt das gleiche von der Erle. Wenn 
man sich unter einen blühenden H. legt, 
ist man bis zum andern Morgen tot M ), 
vielleicht ein übertriebener Ausdruck für 
die Tatsache, daß der starke Duft des 
H.s auf die Dauer Kopfschmerzen ver¬ 
ursacht. Ganz besonders gilt der H. 
in Galizien und Rumänien als Baum des 
Teufels, ein Glaube, der auch von den 


Siebenbürger Sachsen übernommen 
wurde 65 ). Der Verräter Judas erhängte 
sich an einem H.baum, daher verbreiten 
seine Blüten einen unangenehmen Leichen¬ 
geruch 66 ). Nach einer russischen Legende 
hängte man die hl. Märtyrerin Barbara 
an einem H. auf, seitdem trägt der H. 
Beeren 67 ), vgl. Weide. Wenn man das 
Vieh mit einer H.rute schlägt, „bekommt 
es das Blut“ oder wird tot 68 ); vgl. Hasel, 
Weide. Jesus wurde mit einer H.rute 
geschlagen, daher ist die Rinde des 
Strauches wie die Haut des Herrn voll 
von Schrunden 69 ). 

69 ) Grimm Myth. 2, 888. 60 ) Schönwerth 
Oberpfalz 3, 40. 61 ) Ulrich Volksbotanik 39. 

* 2 ) Grimm Myth. 3, 188. 63 ) Blümml Beitr. 
z. deutschen Volksdichtung 1908, 147. 64 ) Schu¬ 
lenburg 267. 65 ) Hoelzl Galizien 157; Mitt. 
anthrop. Gesellsch. Wien 26 (1896), 193; 

Dähnhardt Natursagen 1, 200; 2, 238; ARw. 
2, 332; Schullerus Pflanzen 358 f. ••) Bartsch 
Mecklenburg 1, 524; Knoop Pflanzenwelt XI, 
36; Aus d. Posener Land 3 (1908), Nr. 24; auch 
in England in Shakespeares „Loves labours 
lost“ Act 5, sc. 2: „Judas was hanged on an 
elder“, und in Frankreich (RTrp. 23, 312; 
Sebillot Folk-Lore 3, 369; Rolland Flore 
pop. 6, 283). 6? ) Dähnhardt Natursagen 1, 

200. ® 8 ) Zingerle Tirol 1857, 64; ebenso 

in Frankreich (Rolland Flore pop. 6, 284). 
Nach englischem Glauben wachsen Kinder nicht 
mehr, wenn sie mit einem H.stock geschlagen 
werden (Brand Pop. Ant. 735). 69 ) Handt- 

mann Mark. Heide 5. 

7. Vielfach dient der H. im landwirt¬ 
schaftlichen Orakel. Wie der H. 
blüht und Früchte ansetzt, so blüht und 
fruchtet auch die Weinrebe 70 ). So viel 
früher der H. vor Johanni blüht, so viel 
früher kann man vor Jakobi schneiden, 
d. h. das Getreide ernten 71 ); vgl. Schlehe. 
Blüht der H. lang, so gibt es auch eine 
lange Ernte, d. h. sie wird vielfach verzö¬ 
gert und unterbrochen werden 72 ), blüht er 
ungleich, sogibt’s eine ungleiche Ernte 73 ), 
Wenn der H. Blüte und Frucht zugleich 
trägt, ist ein strenger Nachwinter zu 
erwarten 74 ). Ein zeitiger Frühling ist 
zu erwarten, wenn man in der Christ¬ 
nacht um 12 Uhr am H. frische Triebe 
findet 75 ). „Wenn’s hinter der nackten 
Hollerstaud’n dorrt (d. h. wenn es donnert, 
so lange der H. noch unbelaubt dasteht, 
also im ersten Frühjahr), gibt’s kein Kuh¬ 
futter 76 ); vgl. Hasel§ 5. Hat der H. Blatt- 


269 


Holunder 


270 


läuse (der H. ist sehr oft von diesen Tieren 
heimgesucht), so bekommt auch der 
Hopfen Blattläuse 77 ). In der Wal¬ 
purgisnacht (siehe unter 3) steckt man 
H.zweige an den Rand der Flachsfelder 
und springt darüber ; so hoch man springt, 
so hoch wächst der Flachs 78 ); oder man 
steckt lange H.zweige in den Flachs, 
dann wird dieser ebenso hoch 79 ). Wenn 
der H. blüht, hören die Hühner zu legen 
auf 80 ). 

70 ) Zincke Oecon. Lexikon 1 (1744), 1211; 
Fischer Schwab. Wb. 3, 1763; Schweiz. Id. 2, 
1184; Manz Sargans 118; Wilde Pfalz 107; 
Drechsler 1, 134; 2, 198; auch in Frankreich: 
Rolland Flore pop. 6, 281. 71 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 292; Kück Lüneburger Heide 
74; Fischer Schwab. Wb. 2, 828; 3, 1763; 

4, 66. 72 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 

127. 73 ) Fischer Schwab. Wb. 3, 1763. 74 ) 

Baumgarten Aus der Heimat 1862, 57. 

75 ) Schullerus Pflanzen 100, 359. 76 ) Brunner 
Heimatbuch des bayer. B.-A. Cham (1922), 158. 
77 ) Marzell Bayer. Volksbotanik 125. 78 ) Som¬ 
mer Sagen 148. 79 ) Geschichtsbl. f. Stadt u. 

Land Magdeburg 15 (1880), 265; ebenso in 
Dänemark: FFC 55, 100. 80 ) Martin u. Lien¬ 
hart Elsaß.Wb. 1, 325; Wilde Pfalz 107. 

8. In der sympathetischen Medizin 
spielt der H., diese „lebendige Hausapo¬ 
theke des deutschen Einödbauern“ 81 ), 
unter allen heimischen Sträuchem wohl 
die bedeutsamste Rolle. Der Kranke 
wird schon geheilt, wenn er im Schatten 
eines H.s schläft 82 ). 

a) Besonders eignet sich der H. zum 
„Übertragen“ der Krankheit. Gegen 
Fieber bindet man in der Nacht bei ab¬ 
nehmendem Mond einen Bindfaden um 
einen H., der auf der Scheid (Grenze) 
steht, und spricht: „Guten Morgen, Herr 
Flieder — Ich bringe dir mein Fieber — 
ich binde dich an — Nun gehe ich in 
Gottes Namen davon“ (Ostpriegnitz) 83 ). 
Ähnliche Besegnungen gegen die Gicht 
bzw. Gichter 84 ), die „Suchten“ 85 ), Ab¬ 
nehmen und Auszehrung 86 ), die Röteln 87 ) > 
den Rotlauf 88 ), das „Feuer“ (wohl Ery- 
sipelas) 89 ), die „Knerren“ (Halsweh) 90 ). 
Das Fieber wird man los, wenn man sich 
mit einem betauten blühenden H.zweig 
ins Gesicht schlägt 9l ). Der Fieberkranke 
soll sich während des Schiedungsläutens 
an einem Freitag unbeschrien an einen 
H.strauch hängen, danach aber diesen 


abhauen, weil derjenige das Fieber be¬ 
kommen würde, der von den Blüten oder 
Beeren dieses Astes in Tee-oder Latwergen¬ 
form etwas genießen würde (Schwaben u. 
Mittelfranken) 92 ),. Gichtknoten vertreibt 
man, indem man sie am Karfreitag vor 
Sonnenaufgang dreimal über Kreuz an 
den „Knoten“ — es sind wohl die Rinden¬ 
poren (Lentizellen) damit gemeint — des 
H.s reibt 93 ). Das Überbein reibt man 
mit den Blättern 93 a ) oder einem Ast¬ 
stück 94 ) des H.s 95 ). Hat eine Kuh die 
„Völle“, so gibt man ihr einen H.prügel 
ins Maul 96 ). Ein 1617 niedergeschrie¬ 
bener „Schwinsegen“ schreibt vor, an 
einem Sonntag zur Vesperzeit zu einem 
H. zu gehen, ein einjähriges Schoß davon 
dreimal zu brechen und dabei zu sprechen: 
„Was ich brich, das schwin und was ich 
damit bestrich, das wachs“ 97 ). Gegen 
Zahnschmerz ritzt man das Zahnfleisch 
mit einem H.span blutig und fügt diesen 
wieder an seiner Stelle ein 98 ). Ähnlich 
wird das Fieber 99 ), die Schwindsucht in 
den H. verbohrt 10 °). Auch ein Zettel mit 
dem Namen des Fieberkranken wird in 
den H. verbohrt 101 ). Gegen Zahn¬ 
schmerzen beißt man am Karfreitag in 
einen H. 102 ), biegt den mittelsten Wipfel 
einer H.staude herunter 103 ), faßt einen 
H. mit der Hand derjenigen Seite an, wo 
einem die Zähne wehtun und spricht: 
„Meine Zähne tun mir weh, — ein 
schwarzer, ein roter, ein weißer (vgl. 
Wurmsegen) — ich wollte, daß sie sich 
verbluteten— Im Namen Gottes“ usw. 104 ). 
Um das Blut zu stillen, taucht man die 
beiden Enden eines H.zweigstückes in 
das Blut und spricht dazu: „Ich verbinde 
diesen Verband in Gottes Hand. Im 
Namen“ usw. Wenn das Blut am Zweig¬ 
stück eingetrocknet ist, steht auch das 
Blut in der Wunde 105 ). Gegen Leib¬ 
schneiden trinkt man einen Absud der 
H.wurzel und legt diese wieder dahin, 
wo man sie gefunden hat 106 ). Die Warzen 
verschwinden in dem Maße, wie ein teil¬ 
weise abgebrochener H.zweig verdorrt 107 ). 
Dem beschrienen Kind zieht man ein altes 
Hemd an und legt ihm ein Pflaster von 
Hirschunschlitt, Kümmel , und Essig auf 
den Magen. Am dritten Morgen scharrt 


271 


Holunder 


272 


man Hemd und Pflaster unter einem 
H. vor Sonnenaufgang ohne Angang ein. 
Dann ist der Schaden wieder gut ge¬ 
macht 108 ). Auch bei Auszehrung wird 
das Hemd unter einem H. vergraben 109 ). 
Das Fieber bleibt aus, wenn man Brot 
und Salz unter einem H. verscharrt uo ). 
Nach dem Aberglauben-Traktat des Frater 
Rudolphus (ca. 1250) tun die Frauen das, 
was sie ihre Blüte nennen (menstruum), 
auf einen H. und sprechen: ,,Trage du 
für mich, ich blühe für dich" 1U ). Bei 
Fußschmerzen und Gelenkrheumatismus 
soll man nachts 12 Uhr in den 3 höchsten 
Namen einen H.busch umhauen 112 ). 
Flechten vergehen, wenn man am Freitag 
währenddesn Uhr-Läutens ein H. stäudlein 
auf einen Schnitt abhaut und hinter den 
Ofen wirft 113 ). Ähnlich vertreibt man 
„Tschütalüs" (Flechten, herpes) vom 
Vieh, indem man am Abend von einem 
H. drei Schösse abbricht und in den Kamin 
wirft. Wenn diese dürr sind, so ist das 
,,Tschütalüs" weg 114 ). Dem mit 
„Schwund" behafteten Kranken hängt 
man die an einem Freitag bei abnehmen¬ 
dem Mond vor Sonnenaufgang gegrabene 
Wurzel des H.s 24 Stunden lang um den 
Hals und wirft sie dann in fließendes 
Wasser 115 ). Hat ein Haustier „Maden", 
so bricht man drei H.zweige ab und 
spricht dabei jedesmal: „Dieses Tier hat 
Maden in der Seite (Keule usw.). Se solln 
dar herutergahn. Im Namen Gottes“ usw. 
(Grafschaft Ruppin) 116 ). Ein Kind be¬ 
kommt nicht den Stickfluß, wenn man es 
mit einem H.stab mißt und diesen dann 
an eine Stelle legt, wo weder Sonne noch 
Mond hinscheinen 117 ). Wie sonst in 
Sympathie kuren spielen auch hier nicht 
selten bestimmte Zahlen eine Rolle. So 
wird zum Blutreinigen Tee aus 7 H.- 
blättem gekocht 118 ), und gegen Fieber 
nimmt man 77 Laubspitzen des H.s in 
Wasser 119 ). Ein H.blatt, das an der Spitze 
2 Fiederblättchen hat („Hollermandl" 
genannt), ist besonders wirksam 120 ). 

b) Besondere Heilkraft wird dem H., 
der als „Überpflanze" (Epiphyt) auf 
einer Weide gewachsen ist, zugeschrieben. 
Wir haben es hier mit dem „Epiphyten- 
aberglauben" 121 ) zu tun, wie er besonders 


auch bei der auf anderen Bäumen ge¬ 
wachsenen Eberesche (s. 2, 525) und der 
auf Bäumen schmarotzenden Mistel (s. d.) 
zum Ausdruck kommt. Beachtenswert 
ist, daß diese „Überpflanzen" vor allem 
die dämonische Epilepsie heilen sollen, 
so die Ruten eines auf einer Weide 
gewachsenen H.s, die zwischen Mariä 
Himmelfahrt und Mariä Geburt vor Neu¬ 
mond zwischen 11 und 12 mittags ge¬ 
schnitten wurden 122 ). Gegen Nestel¬ 
knüpfen harnt man durch das Rohr 
(ausgehöhltes Zweigstück) eines auf einer 
Weide gewachsenen H.s 123 ). 

c) Sehr heilsam sind die ersten im 
Jahr gefundenen H.blüten (vgl. Frühlings¬ 
blumen 3, 160). Gegen den Rotlauf (vgl. 
unter a) nimmt man nach einem alten 
Sympathierezept die drei ersten blü¬ 
henden H.zweiglein und siedet sie in 
einem neuen Hafen mit einem Seidel 
Müch. An einem Freitag in der Frühe 
muß der Absud getrunken werden l24 ). 
Die ersten H.-blüten schützen gegen Rot¬ 
lauf 125 ) oder vor Hautkrankheit 126 ), auch 
Sommersprossen („Hollersprossen") be¬ 
streicht man mit den ersten H.blüten 127 ). 

d) Da der H. zur Zeit der Sommer¬ 
sonnenwende (Johanni) in schönster 
Blüte steht, erscheint er mit Vorliebe im 
Heilkult dieser Zeit. Gegen „Salzfluß" 
(Ekzema varicosum) sind die H.blätter 128 ), 
gegen Halsleiden 129 ) und überhaupt gegen 
Krankheiten 130 ) die H.blüten am wirk¬ 
samsten, wenn sie an Johanni (mittags 
12 Uh£ bzw. vor Sonnenaufgang) ge¬ 
pflückt werden 131 ). Den skrofulösen 
Kranken zieht man (s. 2, 478) an Johanni 
unter einem umgebogenen H. durch 132 ). 
Am Johannistag werden die Blütendolden 
des H.s in heißem Schmalz gebacken (oft 
am Baum selber) 133 ). Wer diese „Holler¬ 
strauben" ißt, bekommt (ein Jahr lang) 
kein Zahnweh 134 ), kein Fieber 135 ) oder 
wird überhaupt das Jahr hindurch nicht 
krank 136 ). Wer an Johanni „Hoiler- 
kücheln" ißt, kann beim Feuerspringen 
am Abend am besten springen 137 ). Das 
zurückgebliebene Backschmalz soll man 
aufbewahren, es ist gut gegen das Auf¬ 
liegen (Allgäu) 138 ). 

e) Wegen seiner ausgedehnten zeitlichen 


273 


Holunder 


274 


und Örtlichen Verbreitung ist ein Sym¬ 
pathiemittel besonders hervorzuheben: 
Wenn man die Rinde des H.s abwärts 
(s. 1,125) schabt, führt sie ab, nach auf¬ 
wärts geschabt, bewirkt sie Erbrechen 139 ). 
Das gleiche Mittel finden wir auch bei 
den Rumänen 140 ), in Rußland 141 ), in Si¬ 
birien 142 ), in den Vereinigten Staaten 143 ), 
bei den Winnebago- 144 ) und den Menomini- 
Indianern 145 ). Wir haben also hier das 
Schulbeispiel eines „internationalen" 
volksmedizinischen Analogiezaubers. 
Ebenso glaubte man, daß die Blätter der 
Springwolfsmilch (Euphorbia lathyris) 
nach unten abgestreift abführen, nach 
oben Erbrechen bewirkten 146 ). Das Tat¬ 
sächliche an dem Aberglauben ist übrigens, 
daß die H.rinde sowohl abführend wie 
brechenerregend wirkt 147 ); vgl. Faulbaum 
(2, 1269). 

81 ) Höfler Botanik 28. 82 ) ZfrwVk. 7, 36. 

S2 ) ZfVk. 7, 70; ähnliche Besegnungen gegen 
das Fieber: Grohmann 164; Bartsch 

Mecklenburg 2, 394 f.; Hovorka u. Kronfeld 
2, 333 (Mähren); Geschichtsbl. f. Stadt u. 
Land Magdeburg 15 (1880), 86 (Holstein); 

Niederbayer. Monatsschrift 9 (1920), 165 (Inn- 
viertel); Schullerus Pflanzen 359; desgleichen 
in Dänemark: Grimm Myth. 2, 979; Feilberg 
Ordbog 1, 175 f.; Ohrt Danmarks Trylleformler 
1917, 208 f. 84 ) Andree Braunschweig 421; 
Bartsch Mecklenburg 2, 404; ZfdPh. 28, 367; 
Most Sympathie 127; ZfVk. 1, 212; 7, 167. 169; 
ZfrwVk. 7, 55; Hüser Beiträge 2, 29; ein „Be¬ 
gegnungssegen“, in dem die „Gichter“ auf einen 
H. gebannt werden, wird als Amulett getragen: 
Panzer Beitrag 2, 305. 85 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 367. 86 ) Bartsch Mecklenburg 2, 366; 
Fossel Volksmedizin 106; Bayerl. 10, 261. I 
87 ) Wrede Rhein. Volkskunde 1919, 95 - 88 ) 

Grimm Myth. 2, 979; beachtenswert ist, daß 
Plinius (Hat. hist. 24, 53) bei einer rotlauf- 
ähnlichen Krankheit („morbus papularum, cum 
rubent Corpora“) den Körper mit einem H.zweig 
schlagen läßt. 89 ) Brandenburg 3, 155. 

so ) Schullerus Pflanzen 359; Haltrich 
Siebeyib. Sachsen 267. 91 ) Grohmann 164. 

92 ) Jäckel Oberfranken 215. 93 ) Handtmann 
Mark. Heide 6. 93a ) ZfVk. 8, 61. 94 ) Pollinger 
Landshut 287. 95 ) Nach dem Evang. des 

quenouilles (i5-Jahrh.) vertreibt man die Warzen 
-durch Reiben mit einem H.blatt: Rolland 
Flore pop. 6, 282. 96 ) Wart mann St. Gallen 69. 
97 ) Mones Anz. f. Kde d. Vorzeit 6 (1837), 461. 
38 ) Albertus Magnus 20 Toledo. 4, 53. 55 
(gegen Bruch); Urquell 2, 27; Manz Sargans 57; 
Stoll Zauber glauben 23 f.; Fossel Volks¬ 
medizin m; Jahn Hexenwesen 324. ") From- 
mann De Fascinatione 1033. 10 °) Lämmert 

244; ZfVk. 8, 442 (Steiermark). 101 ) Fossel 


Volksmedizin 131. 102 ) Drechsler 1, 90. 

i°3) Vonbun Beiträge 127. 104 ) Kuhn West¬ 
falen 2, 205. 105 ) Krüger Mecklenburg 76. 

106 ) Fossel Volksmedizin 117. 107 ) Wart¬ 

mann St. Gallen 69; ähnlich in England, wo 
das Zweigstück vergraben wird: FL. 20, 80. 
108 ) Leoprechting Lechrain 18. 109 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 102. 110 ) Haltrich Siebenb. 

Sachsen 272. 111 ) MschlesVk. 17, 35; anschei¬ 

nend handelt es sich hier um einen „antikonzep¬ 
tionellen“ Zauber, da es an der gleichen Stelle 
auch vom H. heißt, daß die Frauen dessen 


Blüten von sich werfen, um kinderlos zu bleiben. 
U2 ) Reiser Allgäu 2, 445. ll3 ) Ebd. 2, 444. 
1U ) Vonbun Beiträge 128; Mannhardt 1, 19. 
115 ) Fossel Volksmedizin 106. 116 ) ZfVk. 8, 308. 
117 ) Fogel Pennsylvania 330; in Frankreich 
geschieht dasselbe mit dem Zweig einer Hunds¬ 
rose: Rolland Flore pop. 5, 242. 118 ) Schul¬ 
lerus Pflanzen 357. m ) Jahresber. d. naturhist. 
Ver. Passau 4 (1861), 155. 12 °) Mar zell Bayer. 
Volksbotanik 170. 12i ) Vgl. Frazer Balder 2, 84. 
122 ) Wolff Scrutin. amulet, medic. 1690, nof. 
112. 221; Schroeder Medzz.-chym. Apotheke 
1693, 1136; Grimm Myth. 3, 352. 466; Ale¬ 
mannia 3, 173 (aus Völter Hebammenschul 

1722); ZfdMyth. 1, 446; Gottsched Flora 
Prussica 1703, 242; Höhn Volksheilkunde 1, 
131; Schullerus Pflanzen 357; Albertus 
Magnus 20 Toledo 4, 43. 123 ) Schmeller Bayr. 
Wb . 2 1, 1084. 124 ) Pfälz. Geschichtsbl. 4 (1908), 
30; Jäckel Oberfranken 226; Bauernfeind 
Nordoberpfalz 23. 125 )Witzschel Thüringen 2, 
296. 126 ) Wirth Pflanzen 30. 127 ) Ebd. 28; da¬ 
gegen darf man ein Kind unter einem Jahr 
nicht unter einen H. stellen, sonst bekommt es 


„Hollersprossen“ ebd. 13 


128 ) Branden¬ 


burg 160. 129 ) Marzell Bayer. Volksbot. 40. 

130 ) Wilde Pfalz 107; Baumgarten Aus der 
Heimat 1862, 137. 131 ) Ebenso in Frankreich 

(Sebillot Folk-Lore 3, 379. 419; Rolland 
Flore pop. 6, 281) und in der Tschecho¬ 
slowakei (FL. 35, 44). 132 ) Drechsler 1, 138. 

133 ) Marzell Bayer. Volksbotanik 48; ZföVk. 
16, 92; John Westböhmen 86. 226; Schramek 
Böhmerwald 159; Andrian Altaussee 126. 

134 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2, 242 (das 

Gebäck muß beim Johannisfeuer verzehrt 
werden). 135 ) MnböhmExc. 20, 71 (muß unter 
der Feueresse verzehrt werden). 136 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 1862, 28. 137 ) Wal¬ 

tin ger Bauernfahr im Niederbayerischen 1914, 
61. 138 ) Bodenseebuch 2 (1915), 118. i3# ) Bereits 
bei Albertus Magnus De Vegetabilibus 6, 
220; Frommann De Fascinatione 344; ferner 


Most Sympathie 161; Knorrn Pommern 145; 
Marzell Bayer. Volksbotanik 160; Veckenstedts 
Zs. 1, 436; Höhn Volksheilkunde 1, 108; vgl. 
Schweiz.Id. 2, 1185 (im zu- oder abnehmenden 
Mond). 140 ) ZföVk. 7, 256: die Spulwürmer 
gehen durch den After bzw. den Mund ab. 

141 ) De mit sch Russ. Volksheilmittel 230. 

142 ) Henrici Volksheilmittel 6. 143 ) Bergen 

Animal and Plantlore nof. 144 ) Henrici 
Volksheilmittel 6. 146 ) Smith Menomini In - 


275 


Holzäpfeltanz—Holzbock 


276 


dians 1923, 28. I48 ) Brown Pseudodoxia epide¬ 
mica 1680, 548; Rolland Flore pop. 9» 232. 
147 ) Schulz Arzneipflanzen 1919, 282. 

9. Verschiedenes. Zwischen 11 und 
12 Uhr geborene Sonntagskinder können 
an jedem Sonntag um dieselbe Zeit in 
einer blühenden Fliederlaube Geister 
sehen (Harz) 148 ). Der H. zeigt einen 
Schatz an 149 ). Wo H. steht, soll ein 
Schatz vergraben sein (Pfalz). In Kriegs¬ 
zeiten sollen die Leute Geld und Wert¬ 
sachen darunter vergraben haben, weil 
der H. nicht zu vertreiben ist (siehe 
unter § 1) und so der Schatz wieder leicht 
gefunden werden kann 15 °). Der H. blüht 
in der Mitternachtsstunde der Christ¬ 
nacht 151 ), vgl. Eberesche, Hopfen. 
Das Röhrlein von einem H., woran ein 
Bienenstock zum erstenmal geschwärmt 
hat, über der Tür aufgehängt, bringt 
Glück 152 ). Wächst ein H. unter der 
Mauer heraus, so bringt das Glück 153 ) 
oder es gibt eine Leiche im Haus 154 ). 
Bei Vollmond sind die Äste des H.s mit 


Mark gefüllt, bei Neumond sind sie 
leer 155 ), das gleiche glaubt man von den 
Halmen der Binsen (s. 1,1333). Wenn eine 
Gans nicht ausbrüten will, verbrennt man 


H. im Ofen (siehe dagegen unter § 2 das 
Verbot, H. zu verbrennen!); wie hier die 


Rinde des H.s platzt, so platzen die 
Schalen der Gänseeier 156 ). Das erste 


Badwasser des Kindes schüttet man an 


einen H., damit das Kind kräftig wird 
und gut klettern lernt 157 ), oder damit die 
Zahngichtgeister ferngehalten werden 158 ). 
Schließlich erscheint der H. auch als 


Weltschlachtbaum 159 ). 


148 ) ZfdMyth. 1, 200. 14ß ) Gräber Kärnten 

121; Vernaleken Alpensagen 148 (Schatz¬ 
schlüssel am H.). 150 ) Originalmitt. v. Lehrer 

Müller, Oberweiler, BA. Kusel. m ) Schül¬ 
ler us Pflanzen 100. 359; auch dänischer Aber¬ 
glaube: Feilberg Ordbog 4, 233. 152 ) Baum¬ 

garten Aus der Heimat 1862, 138; nach einem 
dänischen Aberglauben ist der H. besonders 
heilsam, der über Bienenstöcken wächst: 
Grimm Myth. 2, 979. 153 ) ZfVk. 20, 382. 

1M ) Urquell 1, 8. 156 ) Wart mann St. Gallen 70. 
1M ) Wirth Tiere (1924) 18. 16? ) Meyer Baden 
17. 168 ) Zimmermann Pflanzl. Volksheil¬ 
mittel 39. 159 ) Birlinger Volksth. 1, 185; 

Müllenhoff Sagen 378 f.; Müller Sieben- 
bürgen 58. 

Lit.: A. Arndt Der Holunder als Beispiel 
für den Wechsel in der Darstellung einer Pflanze 


im Laufe der Zeiten. Monatshefte f. d. natur- 
wissensch. Unterricht 3 (1910), 537—550; 

J. L. Holuby Der Holler in der Volksmedizin 
und im Zauberglauben der Slovaken in Nord¬ 
ungarn. DbotMon. 1 (1883), 68—70. 86—87; 
E. M. Kronfeld Flieder und H. In: Mitt. 
Deutsch. Dendrol. Gesellsch. 27 (1918), 209—228; 
Marzell Heilpflanzen 188—193; Ida Wegner 
Der Holunder im ostfries. Volksglauben. Ost¬ 
friesland 1930, 135—137- Marzell. 

Holzäpfeltanz. Ein Volksfest, das im 
nördlichen Baden, namentlich in einigen 
Orten der Umgegend von Heidelberg, am 
Sonntag nach Mariä Himmelfahrt (15. 
August) begangen wird. Am Vorabend 
legen die Burschen ihren Mädchen als 
Zeichen der Einladung einige Holzäpfel 
vor das Fenster; die Mädchen schmücken 
die Hüte ihrer Tänzer mit Bändern, 
Blumen und Zitronen. Ehe am Sonntag 
der Tanz beginnt, geht ein Mann mit einem 
Sack voll Holzäpfeln im Kreise umher und 
schüttet diese auf den Boden. Fängt der 
Tanz an, so wird dem ersten Tänzer ein 
Walnußzweig überreicht, der dann an den 
zweiten gelangt usw. Wer diesen Zweig 
in der Hand hat, wenn eine an einem 
Baum befestigte und mit einer brennenden 
Lunte versehene Muskete losgeht, ist 
Sieger. Er erhält einen Hut, seine 
Tänzerin ein Paar Strümpfe. Das Fest 
soll aus einer alten Lehnsverbindlichkeit 
hervorgegangen sein x ). 

*) Reinsberg Festjahr 1 295 ff. Vgl. Meyer 
Baden 190. Es gibt eine kolorierte Lithographie 
des H.es aus der 1. Hälfte des 19. Jhs. Ähnliche 
Unterbrechung des Huttanzes durch Ent¬ 
flammung von Pulver: Birlinger Volksth. 2, 
285. Vgl. auch Brunner Ostdeutsche Volksk. 232. 

Sartori. 

Holzbock. 1. Onomastisches. Dieses 
zu den Milben gehörige Insekt (Ixodes ri¬ 
cinus) lebt auf Bäumen und Sträuchem 
oder auch im Grase der Wälder (daher 
seine franz.-dial. Namen bosqui, boscard, 
boscart J 1 ), wo namentlich die Weibchen 
auf Säugetiere und Menschen lauem, um 
sich an sie anzuheften und ihr Blut zu 
saugen. Der häufigste Name dieser Milbe 
ist Zecke, mnd. teke, holl, teek , engl, tick ; 
Franz, tique 2 ) undital. zecca sind aus dem 
Germ, entlehnt 2a ). Da die Zecke oft au? 
Schafen zu finden ist, heißt sie berg. 
schoplüs ,, Schaf laus“ 3 ), schwed. faare- 
txge „Schafzecke“ 4 ). Neben „Holzbock“ 


2 77 


Holzfräulein 


278 


kommt auch Laubbock vor (siegerl.) 5 ), 
als Mischform erweist sich westerw. 
teckebock 6 ). Lat. ricinus lebt teils in 
einigen roman. Sprachen weiter 7 ), teils 
wurde es durch Neubenennungen ersetzt 
wie schweiz.-franz. lovet, lovetta „Wölf- 
chen“ 8 ) (das tertium comparationis ist 
die Blutgier). Häufig sind in südfranz. 
Dialekten Benennungen nach der Heu¬ 
schrecke 9 ), lat. locusta > *lacusta: li- 
gasto , lingasto, lingasta , lagast, lagas 10 ). 

*) Rolland Faune 3, 250. 2 ) Leithäuser 
Volkskundl. 2, 39. 2a ) Zandt-Cortelyou In¬ 

sekten 113. 3 ) Ebd. 4 ) Heinzerling Wirbellose 
Tiere 19. 6 ) Ebd. 8 ) jEbd. 7 ) Meyer-Lübke 
REWb. Nr. 7300. 8 ) Rolland Faune a. a. O. 

9 ) Meyer-Lübke REWb. 5098. 10 ) Rolland 

a. a. O. 

2. Volksmedizin. 

Der H. spielt im Aberglauben eine un¬ 
wesentliche Rolle. Es ist nur ein volks¬ 
medizinischer Gebrauch zu verzeichnen, 
der darin besteht, daß das Insekt in Essig 
gesotten und damit bei Mundsehre und 
anderen Mundgeschwüren die Zunge ge¬ 
rieben wird, während man mit dem Essig 
die Gurgel ausspült 11 ). 

n ) Baumgarten Aus der Heimat 1, 138. 

Riegler. 

Holzfräulein, Holzweibel, Hulzfrau, 
Rüttelweiber, Wald weiblein. Loh jung- 
fern, Moosleute, auch Busch Weibchen J ) 
(s. dd.) sind Dämonenfiguren primitivster 
Art, meist, aber nicht durchaus, in ihrer 
Erscheinung an den Wald gebunden. Sie 
treten weniger in Rudeln und Völkern, als 
vielmehr vereinzelt und mit individuellen 
Merkmalen, oder paarweis auf. Ihr be¬ 
sonders typischer und primärer Haupt¬ 
zug ist Verfolgung durch den wilden Jä¬ 
ger, Nachtjäger, Riesen, bösen Feind, 
Teufel 2 ) (s. Wilde Jagd), aber im übrigen 
unterscheiden sie sich kaum anders als 
dem Namen nach von anderen elbischen, 
zwergischen Wesen und sogen. Armen 
Seelen (s. d.). Diese immer wiederkehren¬ 
den Züge seien hier zu folgendem Bilde zu¬ 
sammengefaßt: sie sind alt, häßlich, zu¬ 
sammengeschrumpft, moosig, können sich 
aber gelegentlich in Schönheit verwan¬ 
deln 4 ); sie sprechen eine fremde Sprache 5 ) 
und tragen altertümliche Kleidung (ältere 
Trachtenstücke) 6 ); sie lieben die Be¬ 


rührung mit den Menschen, den Ackers¬ 
leuten, Holzfällern etc., lassen gar ihre 
Säuglinge von Menschenfrauen stillen 7 ); 
sind aber äußerst empfindlich, unzufrie¬ 
den mit der neuen Zeit und können leicht 
vertrieben werden: durch Kümmelbrot 8 ), 
durch Fluchen 9 ), dadurch daß neuerdings 
das Brot im Backofen gezählt wird 10 ) 
(Geiz), durch ein neues Kleid 11 ) usw.; 
sie brauen Bier 12 ) und backen Kuchen 13 ) 
und geben davon gern den Ackersleuten; 
der Nebel ist ihr Küchenrauch 14 ), sie 
sammeln Holz im Wald 15 ), spinnen 
Garn 16 ) (das Moos der Baumäste) und 
haben unerschöpfliche Garnknäuel 17 ); sie 
sind dankbar, gütig, helfen und beschen¬ 
ken z. B. mit Laub, das sich in Gold ver¬ 
wandelt 18 ), zuweilen unter Fluchver¬ 
bot 19 ), sie helfen in der bäuerlichen Wirt¬ 
schaft 20 ) oder am Wochenbett 21 ), stehen 
gar Pate 2U ); sie wissen Heilmittel 22 ), sie 
sehen in die Zukunft 23 ); sie lassen sich 
über den Fluß führen 24 ); sie klemmen sich 
versehentlich ein und geraten so in Ge¬ 
fangenschaft 25 ); Stein Vertiefungen rühren 
von ihnen her 26 ); sie schrecken die Leu¬ 
te 27 ), hocken auf 28 ), führen irre 29 ); sie 
vertauschen oder rauben Neugeborne 30 ). 
Beim Flachsraufen, bei sonstiger Ernte, 
bei Mahlzeiten werden sie mit den letzten 
Büscheln, Halmen, Resten bedacht 31 ), 
drei Körner werden ihnen 32 ) gestreut. 
Vor ihrem dämonischen Verfolger können 
sie nur durch ein Kreuzeszeichen oder den 
Namen Gottes gerettet werden, was sie 
meist nur dem Zufall verdanken 33 ). 

*) Die Namen und "weiteres s. E. H. Meyer 
German. Mythol. 129; Mannhardt i, 74; 
Höfler Waldkult 44; Simrock Mythol. 440; 
Grimm Mythol. 1, 400; 2, 775 Anm. 1. 

2 ) Grimm Mythol. 2, 775; Alpenburg Tirol 5 
u. 29; Quitzmann Baiwaren 163; Kühnau 
Sagen 2, 158. 184. 175. 179. 163; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 149; Haupt Lausitz i, 43; Kuhn 
und Schwartz 427; Meiche Sagen 347 Nr. 413; 
344 Nr. 448. Nr. 447; Seefried-Gulgowski 
Kaschubei 174 t.; Caesarius von Heisterbach 
131 f.; Lütolf Sagen 469; Köhler Voigtland 
458. 3 ) Kühnau Sagen 2, 174; Meiche Sagen 
352 Nr. 461; Eisei Voigtland 22; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 358. 366; Mannhardt 1, 75. 
4 ) Kühnau Sagen 2, 194. 5 ) Mannhardt 1, 77; 
Schönwerth 2, 362. 8 ) Reiser Allgäu 1, 111; 
Kühnau Sagen 2, 184; Köhler Voigtland 451. 
7 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 370. 8 ) Köhler 
Voigtland 453. 460; Grimm Mythol. 3, 141. 




279 


Holzhetzer—Holzscheitorakel 


280 


®) Mannhardt 1,103; Grimm Mythol. 3, 141. 
10 ) Grohmann 14; Köhler Voigtland 454. 
n ) Panzer Beitr. 2, 160; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 2, 379; vgl. sonst noch zum Vertreiben: 
Bechstein Thüringen 2, 126; John West¬ 
böhmen 200; Müller Siebenbürgen 19; 
Schönwerth Oberpfalz 2, 363. 364. 366. 

12 ) Köhler Voigtland 451. 13 ) Eisei Voigtland 26 
Nr. 49. 50; Schönwerth Oberpfalz 2, 364; 
Köhler Voigtland 457; Bechstein Thüringen 
2, 97; Kühnau Sagen 2, 176; Meiche Sagen 353 
Nr. 461. 14 ) Kühnau Sagen 2, 176; Drechsler 
2, 162. 15 ) Drechsler 2, 163. 16 ) Mannhardt 

1, 76; Panzer Beitr. 2, 160; Eisei Voigtland 25 

Nr. 47; Meiche Sagen 342 Nr. 445; Kühnau 
Sagen 2, 182. 17 ) Köhler Voigtland 453. 18 ) 

Bechstein Thüringen 2, 118; Drechsler 2, 
1 G3; John Westböhmen 200; Kühnau Sagen 

2, 183. 174. 176. 194 ; Meiche Sagen 350 Nr. 457; 

343 Nr. 445. 446; Eisei Voigtland 26; Schön- 
Werth Oberpfalz 2, 360; Köhler Voigtland 458. 
453 * lö ) Kühnau Sagen 2, 183. 20 ) Mann¬ 

hardt 1, 103; John Westböhmen 200. 21 ) Ver- 
naleken Alpensagen 188 f. 21a ) Kühnau 
Sagen 2, 194. 2a ) Grimm Mythol. 3, 334; 

Eisei Voigtland 24; Panzer Beitr. 2, 436; 
Schönwerth Oberpfalz 2, 366. 23 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 364. 24 ) Endt Sagen und 

Schwänke 194. 25 ) Jecklin Volkstümliches 457, 
127; Cosquin 3; Vonbun Vorarlberg 9. 10; 
ders. Beitr. 58; Ranke Volkssagen 178. 
**) Kühnau Sagen 2, 181. a7 ) Reiser Allgäu 1, 
in. 28 ) Kühnau Sagen 2, 174. 29 ) John 

Westböhmen 267, 200; Kühnau Sagen 2, 198; 
Birlinger Volkstümliches 1, 63. 30 ) John 

Westböhmen 267; Köhler Voigtland 451. 
31 ) Mannhardt I, 77 ff.; John Westböhmen 
189. 197. 200; Sartori 2, 83. 106; 3, 113 t.; 
Panzer Beitr. 2, 160 f.; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 2, 360; Grimm Mythol. 1, 359; Schön- 
werth Oberpfalz 2, 378. 32 ) Maack Lübeck 69; 
Sartori 3, 110. 33 ) Köhler Voigtland 454 t., 

458; Panzer Beitr. 2, 70. H. Naumann. 

Holzhetzer s. wilde Jagd. 
Holzhund erscheint in Hirtensegen des 
I 5 * Jhdts., hat aber vielleicht keine mytho¬ 
logische, sondern naturbeschreibend-ap- 
pellative Bedeutung, etwa Wildhund oder 
Wolf, wie das entsprechend bei Holz¬ 
huhn 2 ) der Fall ist. 

*) So Grimm Mythol. 2, 1037; Höfler 
Waldkult 36; Hocker Volksglaube 220. 2 ) S. d. 
bei Adelung Wörterbuch 2, 1272. 

H. Naumann. 

Holzscheitorakel. 

Unter diesem Stichwort kann man eine 
Anzahl volkstümlicher Methoden der Zu¬ 
kunftserkundung zusammenfassen, deren 
gemeinsames Kennzeichen darin besteht, 
daß zur Gewinnung von Vorzeichen Holz¬ 
scheite, bisweilen auch Späne u. dgl. ver¬ 


wendet werden. In den meisten Fällen 
handelt es sich darum, festzustellen, ob 
die Person, die diese Methode an wendet, 
auf baldige Hochzeit rechnen darf, und 
um die Beschaffenheit des zukünftigen 
Gemahls; das H. gehört also zu den 
Liebes- und Hochzeitsorakeln. Folgende 
Methoden sind die verbreitetsten: 

1. Die befragende Person, meist ein 
Mädchen 1 ), zieht aufs Geratewohl aus 
einem Holzhaufen ein Scheit heraus. 
Aus dessen Beschaffenheit wird mit bil¬ 
liger Analogie auf den Zukünftigen ge¬ 
schlossen : ein tadelloses, gerades Stück 
bedeutet einen gerade gewachsenen, schö¬ 
nen und tüchtigen Mann, ein langes 
einen langen, ein krummes, knorriges 
einen krummen oder buckligen 2 ), ein 
mit Rinde versehenes einen reichen 3 ). 
Bisweilen werden besondere Verhaltungs¬ 
maßregeln vorgeschrieben, um das Ver¬ 
fahren wirksamer zu machen: Das Scheit 
muß von einem fremden Haufen ge¬ 
nommen werden 4 ), die Handlung muß 
im Dunkeln 5 ) oder mit verbundenen 
Augen 6 ) oder rücklings 7 ) vorgenommen 
werden. Nach einem alten Bericht zieht 
man in des Teufels Namen 8 ), nach einem 
neueren unter Anrufung der Dreieinig¬ 
keit 9 ). Namen für diese Methode sind 
,, Scheiteziehen“ 10 ),,, Scheitchenziehen“ 11 ), 
,,Spächlen“ 12 ). 

x ) Grimm Myth. 3, 470 Nr. 958 (aus Prae- 
torius Saturnalia 1663): Knechte und Mägde. 
Diese benutzen das H. auch, um festzustellen, 
ob sie ihren Dienst behalten: Köhler Voigt¬ 
land 365; ZfdMyth. 2, 423, vgl. unten Anm. 38. 
2 ) Drechsler 1, 6; Grimm Myth. 3, 416 Nr. 7; 
419 Nr. 49 (14./15. Jht.); 438 Nr. 109; Rocken¬ 
philosophie 470 Nr. 958 (s. Anm. 1); John 
2, 936 (aus dem Zaun, vgl. Andree-Eysn 
Volkskundliches 236); John Erzgebirge 143 
(krumm und ästig = große Kinderzahl); John 
Westböhmen 3. 296; Naogeorgus Regnum pa- 
pisticum 4 (1559), 131; Peuckert Schles. Vk. 
117; SAVk. 7, 132; Schulenburg Wend. 
Volksthum 127; Schultz Alltagsleben (nach 
Männling Albertäten) 5; Walther Schwab. 
Vk. 133; WZfVk. 33, 23; ZfVk. 8, 250; 9, 
442. 3 ) Hoffmann-Krayer 96; SchwVk. 

3 » 87: 15, 3. Ein Birkenscheit bedeutet, daß 
der Zukünftige ein Soldat ist: Ruß wurm 
Sagen aus Haspal (1861) 153. 4 ) John Erzgeb. 
143. 5 ) Naogeorgus a. a. O. 6 ) John West¬ 
böhmen 3. 7 ) Grimm Myth. 3, 438 Nr. 109; 
Kapff Festgebräuche 50. 8 ) Grimm Myth. 3, 416 
Nr. 7. 9 ) SchwVk. 3, 87. i0 ) John Erzgeb. 143. 






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xv 


Holzscheitorakel 


282 


28l 


u ) Brunner Ostdt. Vk. 160; ZfVk. 9, 442; an 
der sächsisch-böhmischen Grenze früher auch 
,,Trimmeiziehen": Reinsberg Böhmen 513. 
12 ) Kapff Festgebräuche 30. 

2. Die befragende Person rafft von 
einem Holzhaufen einen Arm oder die 
Schürze voll Scheite, trägt sie ins Haus, 
in die Küche und zählt sie. Ergibt sich 
eine gerade Anzahl, so sind die Aus¬ 
sichten für baldige Verheiratung günstig, 
andernfalls ungünstig 13 ). Auch hier 
finden sich Sondervorschriften, z. B. die, 
daß man drei Körbe voll Holz holt und 
durchzählt; erst wenn sich jedesmal eine 
gerade Anzahl herausstellt, bekommt die 
Dirne im nächsten Jahr einen Bräutigam 14 ). 
Fällt beim Tragen der Scheite eins auf 
die Erde, so bedeutet dies einen Todes¬ 
fall in Jahresfrist 15 ). Auch diese Form 
vollzieht sich im Dunkeln 16 ). Bisweilen 
wird aus der Zahl der Scheite auf die der 
zu erwartenden Kinder geschlossen 17 ). 
Einer Verbindung beider Formen kommt 
es nahe, wenn beim Durchzählen die 
Beschaffenheit des letzten Stückes be¬ 
sonders gewertet wird 18 ), oder wenn das 
Zusammenliegen eines Scheites und eines 
Spanes auf Verheiratung mit einem Wit¬ 
wer gedeutet wird 19 ). Diese Methode 
wird u. a. mit ,,Holztragen“ 20 ), ,,Scheit¬ 
zählen“ 21 ), ,,Scheitlaroffa“ 22 ) bezeichnet. 
An die Stelle der hereingetragenen Scheite 
treten auch Zaunpfähle, die man ab¬ 
zählt 23 ). 

13 )Baumgartenin Heimatgaue 7, 13; Dähn - 
hardt Volkst. 2, 79 Nr. 315; Drechsler I, 6; 
Haltrich Siebenb. Sachsen 283; John Erz¬ 
gebirge 143; John Westböhmen 8. 25; Köhler 
Yoigtlajid 365; Lehmann Sudetendt. Vk. 128; 
Peuckert Schles. TA. 117; Pollinger Lands¬ 
hut 195 (Abzählen: ja — nein); Reinsberg 
Böhmen 515; Rosegger Steiermark 2 (1875), 
9; Schönwerth Oberpfalz 1,141; Schulen¬ 
burg Wend. Volksth. 132; Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 179 Nr. 57. — Baumgarten in 

Heimatgaue 7, 6 (Leuchtspäne); MschlesVk. 
2, 48 (man denkt sich etwas und greift in ein 
Bund Schleißspäne. Gerade Anzahl = Erfüllung 
und umgekehrt). 14 ) Heyl Tirol 753 Nr. 9; Schiern 
7, 132. Ähnlich bei den Südslaven, s. Krauß 
Sitte und Brauch 180. 15 ) John Erzgeb. 118. 

16 ) John a. a.O.; Schön werth Oberpfalz 1, 141. 

17 ) John Erzgeb. 143. 151. 18 ) Baumgarten 

in Heimatgaue 7, 6. 19 ) Witzschel Thüringen 
2, 179 Nr. 57. 20 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 

141. 21 ) John Erzgeb. 143; John Westb. 3; 

WZfVk. 33,23 (Brünn). 22 ) Drechsler Schlesien 


1, 6; Peuckert Schles. Vk. 117. 23 ) Baum¬ 

garten in Heimatgaue 7, 6. 

3. Das Motiv des Lösens, das den unter x 
und 2 beschriebenen Methoden deutlich 
zugrunde liegt, ist in anderen, vereinzelt 
auftretenden verblaßt oder auch gar nicht 
vorhanden, z. B. wenn es nur darauf an¬ 
kommt, daß beim Hereintragen des 
Holzes kein Stück zur Erde fällt 24 ), oder 
wenn man abends so viele Holzstücke 
an eine Mauer oder einen Zaun lehnt 26 ) 
oder auf den Tisch stellt 26 ), als Familien¬ 
mitglieder vorhanden sind, und dann 
die Meinung herrscht, daß der, dessen 
Stück am nächsten Morgen umgefallen 
ist, im kommenden Jahr sterben muß. 
Schlechthin zum Träger zukunftdeutender 
Kraft ist das Holzscheit geworden, wenn 
die Mädchen am Neujahrsmorgen wäh¬ 
rend der Frühkirche Holz in die Küche 
tragen und bei dieser Arbeit ihren Zu¬ 
künftigen zu sehen hoffen 27 ), wenn sich 
die Mädchen in der Thomasnacht drei 
Scheitchen Holz unter das Kopfkissen 
legen, um im Traum den Bräutigam zu 
schauen 28 ) oder ein Stück Holz vor dem 
Haus auf die Straße legen: derjenige, der 
es aufhebt, wird ihr Mann 29 ), oder wenn 
man drei am Christ-, Neujahrs- und Drei¬ 
königsabend angebrannte Scheite ver¬ 
brennt, um den Liebsten erscheinen zu 
lassen 30 ). Mit ,,Spanwerfen“ wurde ein 
österreichischer Brauch folgender Art 
bezeichnet: Die Mädchen warfen mit 
Stecken nach einem Baume. Die, deren 
Stecken gleich auf den ersten Wurf, wo¬ 
möglich an einem Nußbaum, hängen 
blieb, durfte auf baldige Verheiratung 
rechnen 31 ). Oder: Mädchen nehmen 
neun Spänchen und binden an jedes eine 
Kohle und etwas Salz; dann lassen sie 
diese Späne auf dem Bache schwimmen, 
nachdem sie jedem derselben einen Namen 
gegeben haben; welcher Span nicht fort¬ 
schwimmt, dessen Namensträger ist der 
Zukünftige 32 ). 

24 ) Heimatgaue 7, 13. 26 ) Gaßner Metters¬ 

dorf 80; ZfVk. 4, 316 (Ungarn). 26 ) Pollinger 
Landshut 197. 27 ) Witzschel Thüringen 2, 

179 Nr. 57. 28 ) Pollinger a. a. O. 195. 

29 ) Kapff Festgebräuche 50. 30 ) ZfdMyth. 3, 335. 
31 ) Baumgarten in Heimatgaue 7, 6. An die 
Stelle der geworfenen Späne treten auch Schür- 


283 


Holzwurm 


284 


haken oder Strohwische: Dähnhardt Volkst. 
I, 76 Nr. 2. 32 ) ZfVk. 4, 317 (Ungarn). 

4. Das H. wird an den Tagen vorge¬ 
nommen, die überhaupt für solche Orakel¬ 
bräuche bevorzugt werden, in der An¬ 
dreasnacht 33 ) oder der Thomasnacht 34 ), 
zu Weihnachten 35 ) oder Silvester 36 ) 
oder am Dreikönigsabend 37 ), selten auch 
am Markustage (25. IV.), dem Tage vor 
einem der Dienstbotenwechseltermine; die 
Dienstboten erkennen an der geraden 
oder ungeraden Zahl, ob sie im nächsten 
Jahre heiraten werden oder noch weiter 
dienen müssen 38 ). 

M ) Brunner Ostdt. Vk. 160; Dähnhardt 
Volkst. 2, 79 Nr. 315; Drechsler Schlesien i, 6; 
Hoffmann-Krayer 96; John Erzgeb. 143; 
John Westb. 3; Reinsberg Böhmen 515. — All¬ 
gemein Adventszeit: Naogeorgus Regn. pap. 
4, 131. — Neun Tage vor Weihnachten: Schu¬ 
lenburg Wend. Volksth. 127; MschlesVk. 2, 48. 
34 ) Baumgarten in Heimatgaue 7, 6; John 
Westb. 8; Lehmann Sudetendt. Vk. 128; 
Pollinger Landshut 195 t.; Reinsberg Böh¬ 
men 543. Grimm Myth. 3, 416 Nr. 7: 438 
Nr. 109; 470 Nr. 958; John Erzgeb. 151; John 
Westb. 296; Köhler Voigtland 365; MschlesVk. 7, 
45 Nr. 26; Pollinger Landshut 197; Reinsberg 
Böhmen 574 i. ; ZfVk. 8, 250. 3e ) Baumgarten 
in Heimatgaue 7, 13; Gaßner Mettersdorf 80; 
Haltrich Siebenb. Sachsen 283; John Erzgeb. 
118; John Westböhmen 25; Schulenburg 
Wend. Volksth. 132; Witzschel Thüringen 2, 
179 Nr. 57; ZfVk. 4, 316. 37 ) Heyl Tirol 753 
Nr. 9; Rosegger Steiermark 2 (1875), 9. In 
den Unternächten: Grimm Myth. 3, 419 Nr. 49. 
M ) Zingerle Tirol 94 Nr. 721. Faschingstag: 
Krauß Sitte und Brauch 180 (Südslaven). 

5. Der Brauch läßt sich bis ins 15., 
vielleicht sogar bis ins 14. Jhdt. zurück¬ 
verfolgen 39 ), er ist auch für das 16. 40 ), 
17. 41 ) und 18. Jhdt. 42 ) bezeugt und 
wird wohl auch noch heute vielfach geübt. 
Seine geographische Verbreitung ist, so¬ 
weit die verstreuten Zeugnisse eine Über¬ 
sicht erlauben, am stärksten im mittleren 
und östlichen Mitteldeutschland (Thü¬ 
ringen, Sachsen, Schlesien), etwas 
schwächer in Süddeutschland und den 
Alpenländern und noch spärlicher im 
Nordosten. Im westlichen und im mitt¬ 
leren Norddeutschland scheint er völlig 
zu fehlen. Eine verschiedene räumliche 
Verbreitung nach der unter 1 und 2 
besprochenen beiden Grundformen oder 
den Tagen, an denen das H. vorgenommen 
wird, ist nicht festzustellen. 


6 . Ob sich unter der in der Divinations- 
literatur vereinzelt auftauchenden Xylo- 
mantie (s. d.) Gebräuche, wie die geschil¬ 
derten, verbergen oder diese mit der 
Rhabdomantie (s. d.) zusammenhängt, 

läßt sich schwer entscheiden. 

39 ) ZfVk. 12, 8, Traktat des Thomas von 
Haselbach: itempeccant, quiqueruntfuturaet 
occultainlignis; GvimmMyth.^, 4i5f.,Papierhs. 
v. St. Florian; vielleicht bezieht sich darauf 
auch der Beichtsatz v. J. 1468 bei Usener 
Christi. Festbrauch (1889) 86. 40 ) Naogeorgus 
Regn. papist. 4, 131. 41 ) Grimm Myth. 3, 470 
Nr.958 = PraetoriusSa/ttr«a/iai663. 4Ä ) Grimm 
Myth. 3, 438 Nr. 109: Chemnitzer Rocken¬ 
philosophie; Schultz Alltagsleben 5;Männling 
Albertäten. Boehm. 

Holzwurm. 

1. Todesomen. Der Holzwurm (Ano- 
bium pertinax) ist ein Käfer aus der Fa¬ 
milie der Holzbohrer. Megenberg 1 ) 
hält ihn natürlich für einen Wurm. Die 
Männchen und Weibchen locken sich 
gegenseitig, indem sie mit der Stirne und 
dem Vorderrand des Schildes gegen das 
Holz schlagen. Diese regelmäßige Bewe¬ 
gung bringt ein Geräusch hervor, das an 
das Ticken einer Taschenuhr erinnert. 
(Vgl. den veronesischen Namen tic del 
legno ia )). Das unheimliche Ticken des 
unsichtbaren Insekts wird vom Volke als 
Todesomen gedeutet und wirkt nament¬ 
lich auf abergläubische Kranke beängsti¬ 
gend 2 ). Dieser Volksglaube ist fast über 
das ganze deutsche Sprachgebiet ver¬ 
breitet 3 ). Er findet sich auch in Frank¬ 
reich 4 ), in Italien 5 ), in England. Darauf 
beruhen die meisten mundartlichen Na¬ 
men dieses Käfers. So heißt er in den 
Niederlanden Dood kloppertje 5a ), in Steier¬ 
mark Totenkäfer 6 ), in Steiermark, Kärn¬ 
ten und Vorarlberg Totenuhr 1 )', womit 
sich vergleicht engl, deathwatch, franz. 
horloge de la mort 8 ), ital. orologio della 
morte ö ). Die Deutung dieses Namens 
gibt Knoop 9a ): Bohrt ein Klopfkäfer 
in einer hölzernen Uhrplatte und sieht 
man darauf, so lebt man nur noch so viele 
Jahre, als der Zeiger Stunden anzeigt. 
Im Puster- und Drautal findet sich 
Toatenhammerle 10 ), wozu sich stellt ital.- 
dial. martelina (Bormio) 11 ). Grimm 12 ) 
zitiert aus Geliert Totenschmied. An den 
Sensenmann spielt an Dengelmännle 13 ), 


' 



Homunculus 



das sich in Blaubeuren (Schwaben) 
wiederfindet 14 ). Dort sagt man von dem 
Ticken des Käfers: Es dängelt ein naus 15 ). 
Es beruht daher venez. bisa ,,H.“ < lat. 
bestia 15a ) sicher auf Tabu. 

*) Buch der Natur 263. la ) Garbini Antro- 
ponimie 337. 2 ) Möllenhoff Natur 8; Hopf 

Tierorakel 200 f. 3 ) Grimm Myth. 3, 328; 
Wuttke 206 § 283; ZfVk. 10, 211; Bartsch 
Mecklenburg 2, 125; Urquell 2, 17 (im Ber- 
gischen); Hartwig Minden-Ravensberg 36; 
ZfdMyth. 2, 420 (Inntal); SAVk. 2, 219; 23, 
187; Manz Sargans 120; Alemannia 38, 301 
(Heidelberg); ZföVk. 3, 12; Höhn Tod 308 
(Schwaben); Knoop Tierwelt 15. 4 ) Sebillot 
Folk-Lore 3, 323; Rolland Faune 3, 343. 

6 ) Garbini op. cit. 1372. 6l ) A. de Cock 

Volksgeloof 142. e ) Wein köpf Naturgeschichte 
136. 7 )Ebd. 135 t.; Carinthia 96, 66; Hartwig 
op. cit. 36. 8 ) Rolland Faune 3, 343. 9 ) Garbini 
op. cit. 337, 1372. #i ) Tierwelt 15. 10 ) Carinthia 
a. a.O.; Weinkopf op. cit. 136. n ) Garbini 
op. cit. 1372. 12 ) Myth. 2, 328. 13 ) Dalla Torre 
Tiere 112; Weinkopf op. cit. 136. 14 ) Höhn 

Tod 308. 15 )a. a. O. J5a ) Meyer-Lübke REWb. 
Nr. 1061. 

2. Mythisches. Nur auf das Klopfen, 
ohne die Vorstellung des Todes, beziehen 
sich Namen wie Herdschmiedl 16 ) (deutet 
auf den Charakter eines Hausgeistes. Vgl. 
die Namen des Heimchens), Erdschmiedl 
(süddeutsch 17 )) beruht auf chthonischen 
Vorstellungen (Erdschmiedl ~ Zwerg). 
Hierher gehört auch finn. seinärantio 
,, Wandschmied“ 18 ). Aus dem Ndd. 
seien angeführt Wandiur, Uhr, Wand¬ 
käfer 19 ). 

18 ) Dalla Torre Tiere 112; Weinkopf op. 
cit. 135. 17 ) a. a. O. 135 f. 18 ) Grimm Myth. 
3, 328. l9 ) Hartwig Alinden-Ravensberg 36. 

3. Onomastisches. Von den üblichen 
Namen ganz abweichend ist Möbel¬ 
krebs 20 ). Ohne besonderes volkskund¬ 
liches Interesse sind franz. vrillette ,,Boh¬ 
rerchen“ 21 ) sowie ital.-dial. camola (<Ctar- 
mulus -)- caria) 22 ). 

20 ) Bartsch Mecklenburg 2, 209. 21 ) Rolland 
Faune 3, 343. 2Z ) Meyer-Lübke REWb. 1692; 
Garbini op. cit. 337. 

4. Gutes Omen. In seltenen Fällen 
wird das Klopfen des Käfers als gutes 
Omen gedeutet: im Inntal bedeutet es 
baldige Heirat 23 ), in Mecklenburg 24 ) 
Regen. 

23 ) ZfdMyth. 2, 420. 24 ) Bartsch op. cit. 2, 
209. 

5. Abwehrmittel. Da der H. am 


Bauholz nicht unbeträchtlichen Schaden 
anrichtet, sucht man es gegen ihn zu 
sichern, indem man am Peterstag vor 
Sonnenaufgang unter Hersagung einer 
gewissen Formel mit einem Stück Eichen¬ 
holz daran schlägt 25 ). 

26 ) Grimm Myth. 466 Nr. 877. 

6. Volksmedizin. In der Volks¬ 
medizin wird der H. gegen Harnbeschwer¬ 
den verwendet, u. zw. soll man 7 H.er in 
Milch kochen und diese trinken 26 ). Das 
,,Mehl“, d. h. die Sägespäne, die die H.er 
an die Oberfläche des Holzes stoßen, wird 
mit verschiedenen Ingredienzien gegen 
Schwindsucht empfohlen 27 ). 

28 ) Jühling 90; Strackerjan 2, 178 Nr. 412; 
Wuttke S. 358 § 540. 27 ) Manz Sargans 76. 

7. Erreger psychischer Zustände. 
Der Gebrauch von tarlo in der ital. Phra¬ 
seologie (tarlo del rimorso ,,Gewissens¬ 
wurm“, aver il t. con Ad., auf jem. einen 
Wurm haben) beruht auf der volkstüm¬ 
lichen Vorstellung vom Vorhandensein 
imaginärer Würmer in den menschlichen 
Organen, namentlich im Gehirn 28 ). Vgl. 
auch die piemontesische Redensart: L'ä 
mangiä la camola, er hat den Wurm 
gegessen 29 ). 

28 ) Rieglcr Das Tier 291 f. 29 ) Virgilio 
Voci e cose 223. Riegler. 

Homunculus. 

1. Das aus Cicero, Plautus, Apuleius 
usw. belegte Diminutiv von homo ist im 
ausgehenden Mittelalter zur Bezeichnung 
eines auf chemischem Wege erzeugten 
Miniaturmenschen geworden, den man 
als dämonischen Helfer zu magischen 
Zwecken benutzte. Bekanntlich hat 
Goethe im 2. Teil des Faust diese Vor¬ 
stellung vom H. verwertet. Der erste, 
der sich mit seiner Herstellung befaßt 
haben soll, war der im 13. Jh. lebende 
Arzt Amaldus von Villanova: ,,ne putet 
hac arte hominem verum, modo a na¬ 
tura ad hanc generationem non instituto, 
sed urina vel alio humore (gemeint ist 
semen virile), igne aut solein vitreisphialis 
decocto posse produci, quod temere Jul. 
Camillus asseruit et incaute Thom. Gar- 
zonius discur. 41 Fori univers. credidit, 
et quidam hoc inventum Arnoldo Villa¬ 
nova tribuunt, vero an mendacio dispu- 
tare non est necesse, inquit Mariana lib. 


287 

14* rer. Hispan. c. 9“ J ). Genaueres hat 
dann Paracelsus darüber mit geteilt, nach 
dem semen virile, in verschlossenen Cu- 
curbiten 40 Tage lang ventre equino ver¬ 
goren, lebendig wird und sich nach 40 
Wochen, mit Menschenblut ernährt und 
auf stetigerWärme ventris equini erhalten, 
zu einem Menschenkind, nur viel kleiner, 
ausbildet 2 ). Das ist also ein Embryonal¬ 
wachstum auf künstlichem Wege, wobei 
Urin, Sperma und Blut als die Träger des 
Seelenstoffes die materia prima darstellen. 
Ähnliche Versuche berichtet Borei, der 
Leibarzt Ludwigs XIV.: Destillation von 
Menschenblut brachte die Gestalt eines 
Menschen hervor, von dem blutige Strah¬ 
len auszugehen schienen; Robert Fludd, 
ein Pariser Chemiker, destillierte Blut und 
entnahm der Retorte, in der er erschreck¬ 
liches Geschrei wie von einem brüllenden 
Löwen oder Ochsen vernommen, einen 
natürlichen Menschenkopf mit einem Ge¬ 
sicht, Augen, Nase und Haaren; die 
Aurea Catena Homeri, ein alchemistisches 
Werk, das vor der Blutdestillation warnt: 
,,Denn mir begegnete, daß als ich per 
Retortum die fixeren Teile wollte destil- 
liren, ist mir von denen Menschen 
sowohl, als anderen Tieren das Eves- 
trum (d. h. das corpus sidereum, der prä- 
figurierte Körper) sehr monströs im Reci- 
pienten erschienen, hat auch vom Men¬ 
schen in der Retorte ein Gepolter ange¬ 
fangen, als wenn ein Gespenst darinnen 
wäre, welches sehr entsetzlich, wie wohl 
es nicht allezeit geschieht“; der Verfasser 
der „Monatlichen Unterredungen vom 
Reich der Geister“: „Es ist gewiß, daß 
sowohl im Blut des Menschen als des 
Tieres ganz besondere Geheimnisse ver¬ 
borgen liegen, wie ich das nicht allein aus 
fremder, sondern eigener Erfahrung be¬ 
richtet habe, daß nach geschehener Destil¬ 
lierung des Blutes das ganze menschliche 
Wesen wiewohl auf monströse Weise zu 
erscheinen pflegt“ 3 ). Einen solchen H. 
als dämonischen Helfer hatte der Arzt 
Borri im 17. Jh. 4 ). Noch der Philosoph 
J. J. Wagner vertrat in der ersten Hälfte 
des 19. Jhs. die Meinung, es würde eines 
Tages der Chemie die künstliche Bildung 
eines Menschen gelingen 5 ). 


288 

*) Delrio Disquis. mag. i, 5, 2, 3 (Köln 1679) 
91; Kiesewetter Faust 347; Ders. Die Geheim¬ 
wissenschaften 40. 2 ) De natura rerum 1; Meyer 
Aberglaube 53 f.; Schelenz Geschichte der Phar¬ 
mazie (1904) 239; Stemplinger Aberglaube 122. 
3 ) P. Cassel Die Symbolik des Blutes (1882) 
26 ff. 4 ) Schelenz a. a. O. 252. 6 ) Düntzer 

Goethes Faust 2 (1854), 117 ff.; Meyer a. a. O. 54. 

2. Daneben nannte man auch aus ver¬ 
schiedenen Stoffen gemachte Figuren zu 
Zauberhandlungen H. So verfertigten nach 
Paracelsus 6 ) Hexen zum Schadenzauber 
H. aus Wachs, Pech, Brot oder Lehm. 
Andere machten sie aus elfenbeinernen 
Knochen 7 ). 

6 ) Kiese wetter Geschichte des neueren 
Occultismus 63 f. 7 ) Meyer a. a. O. 54; Kopp 
Geschichte der Chemie 2 (1843), 244 nach Roth- 
scholz Theatrum Chemicum ; vgl. auch das 
Sennentunschi bei Müller Urner Sagen 2, 245 ff. 

3. Entstanden ist die Idee vom H. wohl 
in der antiken Alchemie. Schon der um 
300 n. Chr. schreibende Alchemist Zosimus 
sieht in einer Vision die Transmutation 
der Metalle: aus einem als Phiole gestal¬ 
teten Altar steigt beim Schmelzprozeö 
ein avdpturraptov (= homunculus) auf; es 
ist zunächst das Kupfermenschlein av- 
OptuTraptov y aXxou, das zum Silbermensch 
dp^upavDpaiTroc, dann zum Goldmensch 
Xpü3dvi)pü):roc wird 8 ). Diese alchemistische 
Bilder- und Geheimsprache hat wohl auf 
die Bildung der Vorstellung vom H. ein¬ 
gewirkt 9 ), zumal die alte Magie die künst¬ 
liche Erzeugung eines Menschen kannte. 
Nach den Pseudo-Clementinischen Ho- 
milien, die dem 3. nachchristl. Jh. an¬ 
gehören 10 ), schuf Simon Magus einen 
Menschen auf folgendem Wege 11 ): er 
trennte durch Mord und unaussprechliche 
Beschwörungen eines Knaben Seele vom. 
Leibe als Helfer für die von ihm beab¬ 
sichtigten Geistererscheinungen, zeichnete 
das Bild des Knaben ab und stellte es 
in seinem Schlafgemach auf, „indem er 
erzählte, daß er ihn einst durch göttliche 
Verwandlungen aus Luft gestaltet habe 
und, nachdem er die Gestalt abgezeichnet, 
habe er ihn der Luft wiedergegeben (d. i. 
zurückverwandelt in Luft). Er erklärt 
aber, daß er solches folgendermaßen 
bewirkte: Zuerst, sagt er, habe das Men- 
schenpneuma (d. i. Atem, Seelenstoff), in 
warme Natur (Kraft) sich gewandelt, die 


Homu nculus 




I 




Honig 



umgebende Luft wie ein Schröpf köpf 
angezogen und auf gesogen, danach, als 
drinnen die Gestalt des Pneuma ent¬ 
standen sei, habe er sie in Wasser ver¬ 
wandelt; da dieses durch den Zusammen¬ 
hang mit dem Pneuma auszufließen ge¬ 
hindert war, habe er die darin befindliche 
Luft in Blut verwandelt, wie er sagte; 
das geronnene Blut habe das Fleisch ge¬ 
bildet. Als das Fleisch fest geworden war, 
habe er einen nicht aus Erde, sondern aus 
Luft geschaffenen Menschen vorgewiesen. 
Und so habe er gezeigt, daß er einen neuen 
Menschen bilden könne, und erzählt, daß 
er ihn der Luft wiedergegeben, indem er 
die Verwandlungen wieder aufgelöst habe“. 
Auf irgendeinem Wege der Überlieferung 
werden dieseVorstellungen zu den späteren 
Alchemisten gelangt sein. 

8 ) Berthelot Collection des Anciens Alchi- 
mistes Grecs 2 (1888), 108 f.; Ders. Origines 
de l'alchimie 60. 156. 180; von Lippmann 
Entstehung und Ausbreitung der Alchemie (1919) 
80. ®) La Grande Encyclopedie 20, 219. 10 ) Her¬ 
zog- Hauck 4, 171 ff.; 23, 312 ff. ll ) Horn. 2, 
26; Migne Patrologia S. Gr. 1, 94; von Lipp¬ 
mann a. a. O. 224. 324. 

4. Es scheint auch ein Zusammenhang 
des H. mit den Galgenmännlein, Alraunen 
(s. d.) zu bestehen, die gleichfalls aus dem 
Sperma oder Urin (des Gehängten) ent¬ 
stehen und ähnlich wie der H. gepflegt 
wurden 12 ). Wenigstens schildert P. de 
Saint-Victor den H. also 13 ): „Au moyen- 
äge, les alchimistes pretendaient creer ä 
volonte des homuncules et des mulier- 
cules, c'est ä dire de petits hommes et de 
petites femmes hautes d’un pouce que Fon 
conservait dans des fioles et que l’on nou- 
rissait de vin et d'eau de rose“ l4 ). 

12 ) Grimm Myth. 1, 424; 2, 1005; 3, 353; 
Meyer a. a. O. 62 ff. 13 ) Dictionnaire des Dic- 
tionnaires (Guerin) 4, 597. 14 ) Zum Ganzen 

vgl. meinen im Archiv des Institut Grand- 
Ducal de Luxemburg, Sect. des Sciences na¬ 
turelles etc., Nouv. Ser. t. XII, erscheinenden 
Vortrag über den H., wo das Material möglichst 
vollständig gesammelt und bearbeitet ist. 

Jacoby. 

Honig 1 ). Da fast alle im deutschen 
Volk noch lebendigen oder ehemals vor¬ 
handenen kultlichen, abergläubischen und 
volksmedizinischen Gebräuche und Vor¬ 
stellungen, die sich auf den H. beziehen, 
entweder auf eine gemein-indogerma- 

htold*Stäubli, Aberglaube IV 


nische Wurzel zurückreichen oder evi¬ 
dent von den Griechen und Römern 
übernommen sind — abgesehen von ur- 
menschlichen Vorstellungen, die wir bei 
allen Völkern finden —, so muß jede Dar¬ 
stellung dieser Materie von einem weit 
zurückreichenden Parallelmaterial fun¬ 
diert sein. 

1. Kosmische Vorstellungen vom 
H.: Nach dem Rigveda besprengen die 
beiden Götter der Morgenröte beim 
Schirren des Wagens die Erde mit Butter 
und H. 2 ); „mit Gold bekleidet, h.farben, 
schmalztriefend rollt euer Wagen her¬ 
an“ 3 ). „Schirrt den lieben Wagen an, 
um H. zu spenden; ihr erquicket die Weg¬ 
spur mit H.“ 4 ). Die regenbringenden 
Götter Varuna und Mitra, welche die 
Wolkenmilch vom Himmel regnen lassen, 
haben einen goldfarbigen Schausitz; 
„möchten wir vom H., der in eurem 
Schausitz ist, bekommen“ 5 ). Von dem 
Feigenbaum, der das Weltgebäude vor¬ 
stellt, tropft H. und Soma 6 ). Bei dem 
Preise der Heldentaten Visnus heißt es: 
„Dessen drei Schritte (Weltenräume) voll 
H. unversieglich nach ihrer Art schwelgen“. 
Am höchsten Ort des Visnu ist der Ur¬ 
quell des H.s 7 ). In einer babylonischen 
Beschwörungsformel wird der H.gott er¬ 
wähnt 8 ). Unter den vielen Göttern der 
Litauer figuriert auch Prokorimos, der 
Gott des H .braches 9 ). Nach griechischer 
Vorstellung ist H. eine Götterspeise; sie 
strömt vom Himmel als Tau und als Regen, 
bes. von den Sternen öa ); daher treffen wir 
bei Regenzauber H.opfer 10 ). Wie von dem 
Feigenbaum der indischen Mythologie, 
so tropft in der germanischen Mytho¬ 
logie von der Weltesche Yggdrasill Tau, 
den man H.fall nennt; von ihm nähren 
sich die Bienen 11 ). Als eines der Wunder, 
die das Auftreten des Dionysos hervor¬ 
zaubert, wird genannt: Es fließt der 
Boden von Milch, er fließt von Wein, 
er fließt vom Nektar der Bienen 12 ). Bei 
den Römern hielt man den H. für einen 
Himmelstau. „Protenus aerii mellis coelestia 
dona exsequar“ beginnt Vergil sein Ge¬ 
dicht über die Bienen und den H. 13 ). 
Dieser Himmelsh. wird durch die Erd¬ 
dünste im Leib der Bienen verfälscht 14 ). 


xo 


291 


Honig 


292 


Im goldenen Zeitalter abertröpfelt lauter H. 
von den Blättern und Stämmen der Bäume: 

Flumina iam lactis, iam flumina nectaris ibant, 
Flavaque de viridi stillabant ilice mella. 

*) G. Robert-Tornow De apium mellisque 
apud veteres significatione et symbolica etymo- 
logica. B. 1893; über kulturgeschichtliches 
Material: Pauly-Wissowa 3, 1, 438 ff.; Ebert 
Realiex. 5, 380 ff.; Schräder Reallex. 850.; 
Hoops Reallex. 2, 560; ZfVk. 1903, 127; 
Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft 
Zürich 3, 120 (Honig als Nachtisch in den 
Klöstern zur Zeit Ekkehards IV.); aus der 
älteren Spezialliteratur sei hervorgehoben: 
Thomas Cantimpratensis Bonum univer¬ 
sale de proprietatibus apium. Köln 1473; Joh. 
Frid. de Pre Dissertatio inaug. medica de 
quinta essentia regni vegetabilis sive de melle, 
vom Honig. Erfurt 1720, 10 ff. 14 ff. 17 ff.; 
Josephi Lanzoni Ferrariensis opera omnia 
3, 308 ff.: de mellis praestantia eiusque usu; 
sonstige Lit. bei Krünitz Encyklopaedie 15, 
39—42; Zedier Reallex. 13, 358 (H.arten); 
J. Ph. Glock Symbolik der Bienen. Heid. 
1891; Dissertatio physica de melle. .. exponit 

A. Myrrhen (Jena 1691, Ex. in München) 

10 ff. (H.arten) 16 ff. (Gebrauch des H.s), be¬ 
ruht wie Albertus Magnus de animalibus 
(ed. Stadler) und Vincentius Bellovacenis 
speculum naturale cap. 77—96 meist nur auf 
Plinius, Dioscorides und andern antiken Quellen; 
vgl. Megenberg Buch der Natur (Pfeiffer) 
287Ü.; Coler Oeconomia rur. 1, 533. 5640.; 
H. Braunschweig Das Buch zum Destillieren 
(Straßburg 1519) 205 ff. 228; Melchior 

Sebizius 15 Bücher von dem Feld (Straßburg 
x 598 ) 404 ff.; J. Bruewel Brandenburgische 
bewährte Bienenkunst 2 (Berlin 1719), 491 ff.; 

G. Gleditsch Betrachtung über die Beschaffen¬ 
heit des Bienenstandes in der Mark Branden¬ 
burg (Riga und Mietau 1769) 102 (in manchen 
Gegenden Brandenburgs tragen die Bienen 

H. ein, der den Menschen gefährlich ist); 

B. Carrichter der Deutschen Speiskammer 
(Straßburg 1614) 71 ff.; über die H.gewinnung 
bei den alten Germanen von den Waldbienen: 
Plinius hist. nat. 11, 33: viso iam in Germania 
octo pedum longitudinis favo in cava parte 
nigro (H.scheiben von 8 Fuß Länge); die 
H.gewinnung aus der Zucht zahmer Bienen 
lernten die Germanen von den Römern: Dio 
Cassius 54, 33: über die Kultivierung der 
Bienenzucht am Rhein: Höfler Weihnacht 95; 
aber der H.ertrag der wilden Waldbienen wird 
noch im Mittelalter von den, .zidelaere“ geborgen: 
Heyne Nahrungswesen 215ff.; vgl. A.Menzel l.c.; 
ZfVk. 1900, 18 ff.; Müllenhoff Altertumskunde 

396. 398; dazu Fischer Altertumskunde 54. 
57; über H. als Abgabe für die Klöster: ZfVk 
1902, 84; über H. als Osterzins: Quitzmann 
Baiwaren 131; über H.- und Wachsgewin¬ 
nung im deutschen Altertum bis zur Neuzeit: 
Elisabeth Lemke Asphodelos und anderes. 
Allenstein 1914; dazu Witzgall Das Buch von 


der Biene. Stuttgart 1899; vgl. AfKultg. 7, 142; 
berühmt war der Nürnberger H. im Reichs¬ 
wald bei Nürnberg ,,des hl. römischen Reiches 
Bienengarten": ZfVk. 1902, 85; über Eifelh.: 
ZrwVk. 1916, 227; über H. als älteste Nahrung: 
Ebert Reallex. 1 . c.; ZfEthnol. 1916, 295; Lipp- 
mann 1 . c. 2 ) Geldner Vedismus und Brahma¬ 
nismus ( Religionsgeschichtliches Lesebuch von 
Bertholet 2. Aufl. 9. Band) 22. 3 ) I. c. 4 ) 1 . c. 
6 ) 1 . c. 42. 6 ) Mannhardt Germ. Mythen 553 A. 
2; vgl. Geldner 1 . c. 167; die Wolke ist eine 
poetische Bezeichnung für Bienenschiff: Mann- 
hardt 1 . c. 371.552. 7 ) Geldner 1 . c. 34. 8 ) Der 
alte Orient 7, 4, 23; H. nannten die Babylonier 
eine Art Dattelsirup; der mesopotamische 
Fürst Schamach-resch-usur usurpiert für sich 
den Ruhm, die H.bienen und die Gewinnung 
von H. und Wachs eingeführt zu haben: Ich 
habe die Bienen, die H. sammeln, . .. vom 
Gebirge .. . herabgebracht. ... Die Herstellung 
des H.s und Wachses verstehe ich und die 
Gärtner verstehen sie auch: F. H. Weißbach 
Babylonische Miszellen 15, 4, 13 ff.; Bruno 

Meißner Babylonien und Assyrien 1, 223 ff. 
*) Usener Götternamen 99. u ») RVV. 3, 2, 45. 
115. 10 ) Gruppe Gnech. Mythol. 2, 819. 

826 A. 2. 1171 A. 1; Daremberg-Saglio 3, 2, 
1704; Zedier Reallex. 13, 357; über H. als 
Götterspeise: Roscher Nektar und Ambrosia 
1883; ders. Lexikon der griech. Myth. 1, 281; 
dagegen mit Recht: Güntert Kalypso 160 ff. 
n ) Mannhardt 1 . c. 5340.; Grimm Mythol. 
2, 664. 666; Simrock Mythol. 38; ausführlich: 
Schwartz Volksglaube 23 ff. über den vom 
Himmel fallenden H.tau: Megenberg Buch 
der Natur 70; Rochholz Gaugöttinnen 75; 
B. Carrichter Der Deutschen Speiskammer... 
(Straßburg 1614) 70; Ed. Be van Die Honig¬ 
biene aus dem Engl, übers. Stuttgart 1828, 
71 ff. 12 ) Hauptstelle: Euripides Bakchen 
143 ff.; Usener Kleine Sehr. 4, 398 ff.; Gruppe 
1 . c. 2, 1426 A. 2; Schwartz 1 . c. 114; ders. 
Ursprung der Mythologie 134. i8iff.; Kuhn 
Herabkunft 243. 13 ) Georgica 4, 1 ff.; Usener 

1 . c. 400; Seneca Epistulae 84. 14 ) Plinius 

Hist, naturalis 11, 12; Aristoteles Hist. Ani- 
malium 5, 22; Columella 9, 14, 20; Mann¬ 
hardt 1 . c. 543 A 1. 

2. Milch und H. gehören zu den 
Attributen des Götterlandes 15 ) und des 
Landes der Seligen 16 ), auch im alten 
Testament: „Ich bin herabgekommen... 
es herzuführen in ein Land, da Milch und 
H. fließt“ 17 ). Nach jüdischem Glauben 
speist Messias die Frommen im Himmel 
mit Manna und H. 18 ). Die h.süße 
Speise des Heilands der Heiligen ist die 
Eucharistie 19 ). In der mittelalterlichen 
Mystik ist Christus selbst die süße H.wabe, 
so in den benedictiones ad mensas des 
Ekkehard von St. Gallen 20 ): 


293 


Honig 


294 


Tristia qui pellis benedic dee nectara 
mellis. 

His bone Christe favis benedic favus 
ipse suavis. 

Dieses Epitheton wird auf Maria über¬ 
tragen ; wie ein mhd. Marienhymnus Maria 
also preist 21 ): 

Wis gegruezet, 
honeges vlade! 
du waba triefendiu, 

Sancta Maria! 

Seher und Dichter werden nach der be¬ 
kannten griechischen Sage mit H. ge¬ 
nährt 22 ); Kirchenlehrern wie Ambrosius 
wird in der Jugend von Bienen H. ge¬ 
reicht 23 ). Als man in Stolp mit der Re¬ 
novierung der Mönchkirche begann 
(1602), wurde plötzlich auf einer Eiche, 
die niemals Früchte getragen hatte, Ho¬ 
nigtau gefunden; diese Wunder deutete 
man dahin, daß nunmehr das Wort Gottes, 
süßer als H. und H.seim, gepredigt werden 
sollte 23a ). In der Edda lesen wir im Lied 
von Atli: Du hast Deiner Söhne zer- 
säbelte Glieder und blutige Herzen mit 
H. gegessen 24 ). Im Vorstellungskreis der 
Primitiven wird der H. als Totem ver¬ 
ehrt 25 ). 

1S ) Ovid Metamorphosen 1, mff.; Tibull 1, 
3, 45; Horaz Epoden 16, 47; Usener 1 . c. 403; 
Kuhn Herabkunft 151 ff. 121 ff. 16 ) Usener l.c. 
401 ff. 17 ) 2. Moses 3, 8. 18 ) ARw. 17, 337. 
1# ) Dölger Ichthys 2, 510. 20 ) Vers 148 in Mit¬ 
teilungen der antiquarischen Gesellschaft Zürich 

3, m. 21 ) Haupt Zeitschr. 8, 280; Argovia 1886, 

103; Grimm DWb. 4, 2, 1788. 22 ) Usener 1 . c. 
400. 23 ) Görres Die christliche Mystik 2 (Regens¬ 
burg 1837), 222; Argovia 1 . c. 103; Künstle 
Ikonographie 2, 53 ff.; Klapper 261, 

11. 239, 32; Stock 1 . c. I99ff. öa ) BlpommVk. 

4, 96. 24 ) Jordan 431; Höfler Organotherapie 

44. 25 ) Frazer Dotemism 1, 228; 2, 292. 

3. H. als lebensrettende Speise der 
Kinder: Auf der Verehrung, welche die 
Indogermanen dem H. entgegenbringen, 
beruht offenbar die auch bei den Indern 
und Persern 26 ) belegte Sitte der Ger¬ 
manen, daß jedes Neugeborene (vgl. A 206) 
durch das Einflößen von H. für das Leben 
gerettet ist (vgl. Milch undH. als Nahrung 
des Zeus-Kindes 27 )). Die Mutter des Hl. 
Liudger, Liafburg, wurde auf Befehl der 
heidnischen Schwiegermutter, bevor das 
Kind Nahrung erhalten hatte — bis zu 
diesem Zeitpunkt durfte es nach heid¬ 
nischer Sitte getötet werden — einer 


Dienerin übergeben, die es in einer Wasser¬ 
wanne töten sollte; aber eine mitleidige 
Frau flößte dem Kind H. ein und 
rettete es so 28 ). Die heidnischen Czechen 29 ) 
träufelten H. auf die Lippen des Kindes. 
Auch ist in der Mark folgender Brauch 
noch belegt 30 ), so auch im serbischen Kin¬ 
derlied 31 ): Bevor man bei den gali- 
zischen Juden den Säugling in die 
Wiege legt, wirft man kleine Stücke 
H.kuchen hinein 32 ) (apotropäisch?). Bei 
diesem Brauch der Germanen und an¬ 
derer Völker, die Kinder durch Einflößen 
des H. für das Leben zu erhalten, braucht 
man nicht an die eine Sitte in der alt¬ 
christlichen Kirche zu erinnern: Bei der 
Taufmesse wurde den Täuflingen nach 
dem sakramentalen Kelch, also nach der 
Taufe und der Aufnahme in die Kirche, 
ein Becher mit Milch und H. gereicht 
(siehe Milch) 33 ). 

28 ) Kuhn Herabkunft 122. 27 ) Grimm Myth. 1, 
264; Gruppe Griech. Myth. 1 . c.; Kloster 1 2, 137; 
Ploß Kind 1, 285. 28 ) MGSS. 2, 406c. 6 u. 7; 
Grimm RA. 1, 630 ff.; Kuhn 1 . c. 122 ff.; 
Pfannenschmid Weihwasser 171;Mannhardt 
Germ. Mythen 311; Usener Kl. Sehr. 4, 415; 
Rochholz Kinderlied 282 ff.; Urquell 2, 35 
A. 2; Grohmann 104 A.; Kloster 12, 136 ff.; 
Wolf Beitr. 2, 451; Meyer Baden 16. *•) Ur¬ 
quell I. c. ^ Kuhn Märkische Sagen 383, 57; 
Urquell 1 . c. 31 ) Rochholz 1 . c. 32 ) Urquell 
4, 211, 200. 33 ) Th. Schermann Die allge¬ 

meine Kirchenordnung 2 (Paderborn 1915), 329; 
die ganze Frage bei Franz Benediktionen 1, 
596—600; Usener 1 . c.; Kloster 12, 1360.; 
Norden Aeneis 6. Buch 307. 

4. Trotz dieser bei den indogerma¬ 
nischen Völkern klaren Beziehung des 
H.s zum Himmelstau und Regen spielt 
der H. in den deutschen Sagen und 
Märchen von Naturerscheinungen keine 
Rolle. In der Sächsischen Schweiz hören 
wir vom H.stein in der Nähe von 
Rathen; dieser ist heute noch auf der 
unzugänglichen Seite mit H. bedeckt; 
die Umwohner holten früher viel von der 
süßen Speise; als der Ritter von Rathen 
einst zwei ehrsame Sammler wegjagen 
wollte, überfielen ihn die Bienen und 
zwangen ihn zum Todessturz aus dem 
Fenster 34 ). Im indischen Märchen vom 
H.tropfen wird das Motiv von der kleinen 
Ursache und der großen Wirkung ausge¬ 
sponnen 35 ). Oft spricht das Volk von 


295 


Honig 


296 


H. bäumen, -wiesen, -äckem, wo eine 
volksetymologische Umdeutung eines ähn¬ 
lich klingenden Namens zugrunde liegt 36 ). 

Im Mittelalter war der H. als Süßstoff 37 ) 
besonders wichtig, daher erscheint sehr oft 
in den Urkunden der H.zehnte 38 ). In den 
Benedictiones ad mensas des Ekkehardt 
wird auch die H.wabe als Nachspeise 
benediziert und der H. als Zugabe zum 
Käse 39 ). Unter den an Ostern üblichen 
Speisebenediktionen wird neben Milch 
und H. 40 ) auch H. allein erwähnt: ut 
quicunque ex eo sumpserint, salutem 
consequantur mentis et corporis 41 ). In 
der Gegend von Erfurt war mit der bene- 
dictio mellis eine Rettigweihe verbunden, 
offenbar weil H. und Rettig in der Volks¬ 
medizin eine große Rolle spielen 42 ). 

84 ) Me i che Sagenbuch der sächsischen Schweiz 
66,5g. von der Leyen Märchen 115. 3 *) 
ZfVk. 1914, 272 ff.; vgl. Birlinger Volksth. 1, 
37,48 (Honberg= Hunnenberg). 37 ) Fischer l.c. 
54. 57; Heyne Nahrung 218ff.; Höfler Waldkult 
46. 92 (Lindenh.). 38 ) Heyne 1 . c. 219; 
Quitzmann Baiwaren 131; vgl. A. Menzel 1 . c. 
3# ) Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft 
in Zürich 3, m. 120. 40 ) Franz Benedictionen 

I, 594 ff. 41 ) 1. c. 1, 601. 42 ) 1. c. 1, 602. 

5. H.opfer: Besonders hier wird die 
Abhängigkeit vom antiken Kult ganz 
klar werden; es sollen auch nur die 
wirklichen Opfer zusammengestellt wer¬ 
den; was man neuerdings in der Volks¬ 
kunde alles Opfer heißt, das mahnt zur 
Reserve. H. spielt bei der Beschwörungs¬ 
zeremonie zur Entsühnung des Königs 
bei den Babyloniern neben öl, Butter und 
Wein eine Hauptrolle 43 ). Auch bei den 
Semiten waren H.opfer häufig 44 ) Hier 
sollen nur kurz die H. spenden für Zeus 
auf Cos 45 ), die dem Helios dargebrachten 
H.waben und -kuchen 46 ) und das H.- 
wabenopfer in Lykosura 46a ), erwähnt 
werden; daß im goldenen Zeitalter, wo 
der H. von den Bäumen troff, die Men¬ 
schen nach Empedokles H. geopfert ha¬ 
ben sollen, ist begreiflich 47 ). Über die 
Opfer der Griechen und Römer wird bei 
den einzelnen Opferarten gehandelt. Man¬ 
che Konzilienbeschlüsse beweisen, daß 
im Frühmittelalter H.opfer als Reste des 
antiken Kultes dargebracht wurden: Die 
Synode von Auxerre (585) verordnet: Nur 
Wein mit Wasser gemischt darf zur Kon¬ 


sekration geopfert werden, und durchaus 
nicht mit H. gemischter Wein oder sonst 
eine Flüssigkeit 48 ). Auch das berühmte 
Milch-H.opfer scheint noch fortgelebt zu 
haben; die trullanische Synode (692) nahm 
unter ihre Kanones den Satz auf: Man darf 
am Altar nicht H. und Milch opfern 49 ). Die 
Sage vom Rottweiler H.dieb scheint 
diese Opfer für den deutschen Kulturkreis 
zu bestätigen: Ein armer Mann stahl einst 
einen Bienenkorb mit H. — er war aus 
der Nähe des königlichen Hofgutes Rott¬ 
weil — und brachte ihn in die Kirche des 
Klosters St. Gallen als Weihgabe; dort 
fand er aber statt des H.s eine harte Masse 
im Korb 50 ). 

Die einzelnen Opferarten. 

a) Schon im Rigveda wird H. als Opfer 
für die Totengeister erwähnt 51 ); der 
Leichnam des Hindu wird vor der Ver¬ 
brennung mit Butter oder H., Milch, 
Reiskörnern übergossen, ebenso opfert 
Odysseus den Totengeistem 52 ) unter 
anderm auch H. 53 ). Beim Totenopfer 
Achills finden wir H. 54 ); über diese Opfer 
handelt Rohde 55 ), dann Lippmann 1 . c., 
Samter 56 ), Usener 57 ) u. Gruppe 57a ). 
H. und H.kuchen sind die Opfer für 
die Kultschlangen, z. B. die im Er- 
echtheion 58 ); Milch und H. bekommt 
die Schlange bei den Akikuyu in Afri¬ 
ka 59 ). Nach einer netten Erzählung in 
Lukians Philopseudes ist das Melikra- 
ton eine Spende niederen Grades für See¬ 
lengeister und Heroen 60 ); dieselbe An¬ 
schauung zeigt eine Stelle bei Menander 61 ). 
H.kuchen gibt man den Seelen für den 
Kerberos mit, damit sie ihn damit be¬ 
sänftigen 62 ). In Afrika setzt man neben 
den Toten ein Gefäß mit H. 63 ). In Wei߬ 
rußland spendet man bei der großen To¬ 
tenfeier auch H. 64 ). Die Totenspeise der 
Russen besteht aus einem Teller Reis, 
der mit H. gekocht und zu einer Art Brot 
geformt ist 65 ). Bei den Mohammedanern 
in Bosnien verteilt der Hausvorstand 
einen H.fladen an das ganze Viertel, 
und jeder ißt ein Stück mit den Worten: 
Für die Seele, welcher es zugedacht ist 66 ). 
Bei den Letten bekommen die verwand¬ 
ten Frauen, die bei der Leicheneinklei¬ 
dung behilflich waren, Kuchen mit H. 


1297 


Honig 


298 


bestrichen 67 ). Bei der großen allgemeinen 
Leichenfeier der Balten goß man Krüge 
mit Bier, Branntwein, Milch und H. nach 
allen Himmelsrichtungen aus und setzte 
Brot und Speise zu Boden; am Schluß 
rief die Menge: Genug, o Geister, habt 
ihr getrunken, genug gegessen 68 ). Eine 
Berner, von Rochholz edierte Original¬ 
handschrift enthält eine Sage von dem 
Zisterziensermönch Bruder Konrad von 
Mellingen, dem eine Frau folgendes 
Traumerlebnis erzählte: Totengeister von 
Bekannten erschienen ihr und nahmen sie 
zu einer Geistermahlzeit mit; dabei be¬ 
kam jeder Teilnehmer besonders ein Stück 
H.wabe hingestellt. Die Frau behielt ihre 
H.portion zurück und zeigte sie dem 
Mönch. In dieser antiken Sage ist die 
Vorstellung von H. als Totenspeise evi¬ 
dent lebendig 69 ). 

b) Das H.opfer für Zwerge und Ko¬ 
bolde hängt eng mit diesen chthonischen 
Opfern zusammen: Nach der deutschen 
Sage wird den Zwergen an einem Baum 
eine Schüssel mit Milch und H. hin¬ 
gestellt und das Blut einer schwarzen 
Henne hineingeträufelt 70 ). Auch die Opfer 
für die Hauskobolde und Hausgeister 
sind schon in der Antike vorgebildet, wo 
wir deutlich den Übergang vom Toten- 
zum Hausgötterkult feststellen können: 
Im Philopseudes des Lukian erzählt der 
Arzt Antigonos, daß er zu Hause einen 
bronzenen Hippokrates habe, dem er 
Milch und H. opfere, als eine Art niederes 
Opfer 71 ). Nach einer sächsischen Er¬ 
zählung wurde 1668 ein Jagdjunge an¬ 
geklagt, weil er einen Spiritus familiaris 
kaufte einer Hummel gleich, den er die 
Woche siebenmal mit H. füttern mußte 72 ). 
Den Bergzwergen von Gummersbach 
opferte man früher neben Brei auch H.- 
schnitten 73 ). Dem Koberchen in den 
Dresdener Heidedörfern setzte man früher 
Milch und H. auf den Ofen 74 ). In einem 
mecklenburger Hexenprozeß werden zwei 
Hexen gefragt, ob sie dem Chimeken Mett¬ 
würste und H. geopfert hätten (1586) 75 )• 
Die Billewiß im Görtschitztal bewirtet 
der Bauer mit Butter, H. und schnee¬ 
weißem Brot 76 ). Bei den Bulgaren legt 
jede Haus Vorsteherin am Samstag einen 


mit H. bestrichenen Kuchen für die 
Geister weg 77 ). Die Slovenen und Kroaten 
opferten früher den Schicksalsfräulein 
Käse, Brot und H. 78 ). 

c) H. im Fruchtbarkeitsritus: Be¬ 
sonders bei den Römern finden wir ge¬ 
legentlich der Ackerriten H.opfer; die 
Bauern und Hirten opfern H. 79 ). AmFest 
der Terminalia (23. Februar) opfert der 
Bauer neben Früchten H. waben 80 ); auch die 
Arvalsbrüder opferten Milch und H. 81 ). 
In einem bekannten von Grimm bei der Be¬ 
sprechung des germanischen Ackersegens 
zitierten Weistum heißt es: Kommt der 
Pflüger an ein Ende der Furche, soll er 
da finden einen Topf mit H. und am an¬ 
dern Ende einen Topf Milch (s. Milch), 
so er schwach würde, sich daran zu la¬ 
ben 82 ). E. H. Meyer bringt in seiner be¬ 
rühmten Abhandlung über den oben er¬ 
wähnten Pflugritus als Beleg für die indo¬ 
germanische Grundlage einen Brauch der 
Inder bei: An einem günstigen Tag oder 
unter dem Indrasternbild spannt der 
Bauer den Pflug an, opfert dem Indra . . . 
geronnene Milch, Körner,Wohlgerüche und 
gibt den Ochsen H. und Schmalz zu 
fressen 83 ). Saxo berichtet gelegentlich 
der Beschreibung des Erntefestes auf der 
Insel Rügen: placenta quoque mulso con- 
fecta, rotundae formae, granditatis vero 
tantae, ut paene hominis staturam aequa- 
ret, sacrificio admovebantur 84 ). Wenn 
in Ober- und Niederschlesien der Flachs 
auf die Felder gebreitet ist, backt die 
Bäuerin den Mägden einen Kuchen, den 
Flachszoll, oder sie macht Süßklöße mit 
H., dann wird der Flachs recht gelb 85 ) 
(Sympathiezauber oder ursprüngliches 
Opfer?). Bei Regenzauber waren bei 
den Griechen H.opfer üblich 86 ). Bei den 
Bauern in der Gegend von Reichenberg 
in Böhmen herrscht folgender Brauch: 
Am Gründonnerstag wirft vor Sonnen¬ 
aufgang ein Knecht, der sich im fließenden 
Wasser schweigend gewaschen hat, ein 
mit H. bestrichenes Brot in den Brun¬ 
nen, ein anderes in die junge Saat des 
Ackers 87 ). Dieses Fruchtbarkeitsüber¬ 
tragungsopfer ist an anderer Stelle zum 
Apotropaion geworden: man wirft am 
heiligen Abend H. in den Brunnen, um 


299 


Honig 


301 


Honig 


302 


das Wasser vor Fäulnis zu schützen 88 ). 
In Frankreich opfert man nach Sebillot 

H. an der Quelle 89 ). Bei den Römern 
grub man nach Plinius ein bestimmtes 
Kraut, „favis ante et melle ad piamentum 
datis“ 90 ). Im heutigen Athen murmeln 
alte Frauen bei Wirbelwind: Milch und H. 
auf euren Weg 91 ); damit meinen sie die 
Nereiden 92 ). Man vergleiche damit das 
Mehlopfer an den Wind (s. Mehl). 

43 ) Alter Orient 7, 4, 17—19. 44 ) Chantepie 
de la Saussaye- Ber t holet 1, 579. 45 )Nilsson 
Feste 19. 22; Höfler Organotherapie 99. 46 ) ARw. 
8, 206. 46a ) Nilsson 1 . c. 345. 47 ) Diels 

Vorsokratiker 1, 211, 1. 48 ) Hefele Konzilien¬ 
geschichte 3, 43, 8. 49 ) 1. c. 338, 57; vgl. 1, 800. 

60 ) Birlinger Volksth. 1, 431, 661. 51 ) Geldner 

I . c. 65. 70. 72. 62 ) Sartori Toten Speisung 11; 

über H. und H.kuchen als Totenspende vgl. 
bes. Kloster 9, 193. 810; 12, 472; 7, 70. 932; 
Lippmann 1 . c. w ) Ilias 23, 171; Sartori 1 . c. 
12. 64 ) Odyssee 11, 27; Stengel Opferbräuche 

dev Griechen 157 ff.; über das chthonische Opfer 
des Aeneas: Norden Vergils 6. Buch 306. 
w ) Psyche? 1, 16 ff.; 2, 238; Gruppe Mythologie 
2, 801; Höfler Organotherapie 6.430.; ARw. 20, 
397: 10» 219. 222; Fahz doctrina magica 114«. 
tÄ ) Samt er Familienfeste 82 ff.; ders. Geburt 
143 ; vgl. Kloster 9, 193. 67 ) Kleine Schriften 4, 
403. 57a ) Gruppe Griech. Mythol. 2, 908 ff. 

68 ) Gruppe Mythol. 2, 909; Frazer 5, 1, 
85. 87; Herodot 8, 41; Höfler Organotherapie 
144. 69 ) Frazer 4, 1, 85. *°) Darüber aus¬ 

führlich: Dölger Ichthys 9 ff. 6l ) Ders. 19ff.; 
vgl. 385. 297. 62 ) Rohde 1 . c. 1, 305; ARw. 

10, 222. 224; Lanzoni 1 . c. 328. 63 ) Sartori 

10. 64 ) 1 . c. 55. 65 ) Kloster 12, 472. ••) Krauß 
Rel. Brauch 153. 67 ) Sartori 6; Globus 82, 

367. 68 ) ARw. 17, 493. ••) Argovia 1886, 98. 

132. 70 ) Grimm Sagen Nr. 38; Kloster 9, 

200. 71 ) Philopseudes 21 (3, 96 Sommerbrodt); 
Dölger 1 . c. 9. 72 ) Meiche Sagen 293, 381. 

72 *) Migne Patrologia lat. 197, 1197. 73 ) Schell 
Bergische Sagen 374, 13a. 74 ) Meiche 1 . c 298, 
387. 7ß ) Bartsch Mecklenburg 2, 35. 7e ) Gräber 
Kärnten 66. 77 ) Krauß Rel. Brauch 41. 78 ) ebd. 
23. 79 ) Wissowa Kultus 411. 80 ) Religions¬ 

geschichtliches Lesebuch von A. Bertholet: 
Band 5: die Religion der Römer von K. Latte 7. 
81 ) 1 . c. 18. 82 ) Grimm Mythol. 2, 1035. 83 ) Zf¬ 
Vk. 1904, 7. 84 ) PanzerR«/f'fl^2, 229. 86 ) Jahn 
Opfergebräuche 200; Drechsler Schlesien 2, 74. 
86 ) Gruppe Mythologie 2, 801. 8T ) Höfler 

Ostern 7. 88 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2, 

* 3 - 274: Jahn 1 . c. 285; Drechsler 1 . c. 1, 40; 
Sartori Sitte und Brauch 2, 27 A. 16; auch 
andere Speisereste: Sartori 3, 30. 8# ) S6billot 
2, 298. M ) Grimm 1 . c. 2, 1001; ZfVk. 1904, 133. 
91 ) Dölger 1 . c. 11 A. 3; Wachsmuth Das 
alte Griechenland im neuen (Bonn 1864) 31. 
M ) ZfVk. 1898, 138; B. Schmidt Volksleben 
der Neugriechen 127. 


300 

6. H. als kraftspendende und glück¬ 
bringende Festspeise: 

a) Benedikt, der Chorherr von St. Pe¬ 
ter, berichtet 1142 in seinen mirabilia 
urbis von einem auf die Antike zurück¬ 
gehenden Neujahrsumzug der Kinder in 
Salerno: Am Silvestertag essen die Kin¬ 
der „de Omnibus leguminibus“ 93 ); be¬ 
vor sie am Neujahrsmorgen ihren Umzug 
abhalten und die Wünsche entbieten, 
„anteqam sol oriatur, comedunt vel fa- 
vum mellis vel aliquid dulce, ut totus 
annus procedat eis dulcis, sine lite et 
labore magno“ 94 ). Diese süße Festspeise 
an den Kalenden ist alt 95 ), H. speziell 
ist ja das Opfer für die Chthonischen, wie 
oben ausgeführt wurde. Nach Antonius 
v. Florenz (f 1459) muß man am 1. Ja¬ 
nuar H. und Feigen essen als Gesund¬ 
heit szauber 96 ): Si in Kalendis January 
comedit in lecto ficus cum melle vel fe- 
cit sibi portare piscem vivum; damit ist 
der antik-römische Charakter der H.- 
festspeise an Weihnachten klar; die Feige 
war bei den Römern eine antidämonische 
Heilfrucht 97 ), wie der H. ein antidämo¬ 
nisches Heilmittel war (siehe § 8). In 
Österreichisch-Schlesien aß man früher 
nach Peter am heiligen Abend neben 
andern feststehenden Speisen H.brot 
und Kuchen 98 ). Ebenso bekommen die 
Rinder am Heiligabend Äpfel und 
H.kuchen; außerdem reibt ihnen der 
Bauer die Augenlider mit H. ein; dadurch 
werden sie das ganze Jahr vor Krankheit 
bewahrt, besonders vor dem Hauch, einem 
gefürchteten Augenübel"). In Mittel¬ 
deutschland gab man im 17. Jh. in der 
Christnacht den Kühen Brot, das mit H. 
oder Dill (antidämonisch) bestreut war 100 ). 
Am jüdischen Neujahrsfest wird das 
Zopfgebäck in H. getaucht genossen, da¬ 
mit das neue Jahr ein glückliches und 
süßes werde 101 ). In den schweizer Berg¬ 
kantonen aßen (1746) Mann und Frau 
am Weihnachtsabend einen H.kuchen 
als Zeichen der Gemeinschaft 102 ); um 
1500 war der H.kuchen in Konstanz ein 
Weihnachtspatengeschenk 103 ); auf die H.- 
gebäcke an Weihnachten macht Höfler 
aufmerksam 104 ). 

93 ) ARw. 20, 394; W. §. 83; Drechsler 



TJ 

T: 


1 


/ 




Schlesien 1, 33; Weinhold Neunzahl 10 u. 

passim. 94 ) ARw. 20, 396. 96 ) Ovid Fasten 
1, 186; ARw. 1 . c. 375; vgl. den Brauch 
in Ellwangen, an Neujahr süßes Kraut zu 
essen: Birlinger Volksth. 1, 469, 7; über H. als 
Neujahrsspeise: Zedier 13, 362. 96 ) MschlesVk. 
1919, 70. 33; vgl. p. 93 mit Lit. und Parallelen. 
97 ) Höfler Organotherapie 14 mit Lit. 98 ) Peter 
Österreichisch-Schlesien 2, 273; Drechsler 

1, 33 ff. 99 ) Drechsler 1, 37; ders. Tiere 13. 
10 °) Höfler Weihnachten 26. 101 ) ZfVk. 1914, 

267. 102 ) Höfler 1 . c. 34 ü. 103 ) Ders. 35 - 

104 ) 1. c. 51. 

b) H. als Frühlingskultspeise: Un¬ 
ter den sieben- und fünferlei Speisen fin¬ 
den wir auch den H. Im Vogtland, in 
Norddeutschland und Hessen 105 ) an Fast¬ 
nacht. In Löwenberg in Schlesien aß 
man früher am Gründonnerstag Hirse 
und H.schnitte, um das Jahr über viel 
Geld einzunehmen 106 ). An diesem Tag, 
wo der Bienenvater die H.stocke aus¬ 
nimmt, ißt man H.; das bringt Glück 
und bewahrt vor Krankheit (Leobschütz, 
Zobten, Haynau, Lüben, Nimptsch), es 
schützt auch vor dem Biß toller Hunde 
(Ohlau) 107 ). Wenn man den Armen von 
dem H. gibt, sind die Bienen das nächste 
Jahr noch mildtätiger 108 ) (von Jahn als 
Opfer aufgefaßt) 109 ). Wenn man am Grün¬ 
donnerstag H. zwischen die Finger 
schmiert, ist man vor Krätze bewahrt no ). 
In Leipzig und auch sonst heißt es: wer 
am Gründonnerstag keinen H. ißt, be¬ 
kommt Eselsohren (vgl. Birnbrot) oder 
wird zum Esel 111 ). Wer nicht dumm bleiben 
will, muß am Karfreitag H. zur Semmel 
essen 112 ). Dieser Brauch ist besonders in 
den h.reichen Gegenden Deutschböhmens 
üblich; klar hebt sich dieses H.essen in 
bienenreichen Gegenden zur Zeit der H.- 
ernte ab vom H.kultessen an Weih¬ 
nachten und Neujahr, das antik-römisch 
ist. Der Bauer in Böhmen verzehrt am 
Gründonnerstag mit Familie und Ge¬ 
sinde Brotkuchen, die mit H. bestrichen 
sind; davon erhält auch das Vieh 113 ). 
In Chotietschau ißt die Familie Maul¬ 
taschen mit H. bestrichen 114 ). Wer nach 
dem Glauben in Bodenbach an diesem 
Tag früh H.brot ißt, wird von keinem 
giftigen Tier verletzt und kann mit 
Nattern spielen, ohne daß er gebissen 
wird oder der Biß etwas schadet 115 ). 


Am Antlaßpfinztag (Gründonnerstag) ißt 
man in Horn (Tirol) am Morgen nüch¬ 
tern frischen H., um sich das ganze Jahr 
gegen den Biß wütender Hunde zu 
schützen 116 ). Zu diesen bestimmten Fest¬ 
zeiten, da der H. eine heilkräftige Speise 
ist, vgl. man den H.sonntag 117 ) in 
Vals (Schweiz), das H.kuchenschlagen 
an Ostern in Rußland 118 ) und das H.- 
fest der Lenguas-Indianer in Paraguay 119 ). 

105 ) ARw. 20, 395; W. §. 83. 106 ) Drechs¬ 
ler 1, 80; 2, 209. 107 ) Drechsler 1, 80. 

loe ) Ders. 2, 86 ff.; vgl. Sartori Sitte und 
B. 3, 141; H.semmel ist das Gründonners¬ 
tagsessen der Bautzener Wenden: Höfler 
Ostern 7; vgl. 65. 109 ) 1 . c. 247. no ) Drechsler 
1, 80. ,n ) Mannhardt Germ. Mythen 412; 

Wein hold Neunzahl 10; W. 86; Rochholz 
Glaube 2, 270; Krünitz Enzyklopaedie 25, 29 ff.; 
Wuttke Sächs. Vk. 360. I12 ) Dähnhardt 

Volkstümliches 1, 8o, 2. 113 ) Reinsberg-Dü¬ 

ringsfeld Böhmen 120; Sartori 1 . c. 3, 141. 
114 ) John Westböhmen 61; vgl. Birlinger 
Schwaben 2, 72. 115 ) Grohmann 81, 579; 

John 1 . c. 61; Reinsberg-Düringsfeld 
Jahr 128. 450. 620; Höfler Ostern 6. 7. 

116 ) Vernaleken Sagen 370. 117 ) SAVk. 2, 124; 
Hoff mann-Krayer 65. u8 ) Kloster 7, 932. 
119 ) Globus 78, 219; Sartori Sitte u. B. 3, 3 A. 

7. H. als Fruchtbarkeitssymbol 
in Liebe und Ehe und als Aphro- 
disiakon: bei Ovid werden H. und Eier 
als Aphrodisiakon gerühmt 120 ); im selben 
Sinne empfiehlt Hippokrates Eselsfleisch 
und Eselsmilch mit H. 121 ). Bei den Ara¬ 
bern gilt Milch und H. als Symbol der 
Fruchtbarkeit 122 ). Besonders in den Ha¬ 
rems von Konstantinopel war H. eines der 
beliebtesten Aphrodisiaka 123 ). Krauß 
beschreibt ausführlich den Gebrauch der 
Butter und des ungekochten H.s in den 
Liebeszaubermitteln der Südslaven 124 ). 
Im Kalotaszeger Bezirk stehlen die 
Mädchen zu Neumond H. und Kuchen, 
kochen diesen und mischen einen Teil in 
die Speisen des Burschen, dessen Liebe sie 
erringen wollen 125 ). Bei den Magyaren 
bestreicht man die Geschlechtsteile der 
Mädchen und Knaben mit H., damit sie 
sich großer Beliebtheit erfreuen 126 ). Bei 
den Türken in Bulgarien begießt man vor 
der Tür die Braut mit Wasser und be¬ 
streicht sie mit H. 127 ). In Rumänien 
werfen, während der Pope die Kränze 
wechselt, die Angehörigen Zuckerman- 


303 


Honig 


Honig 



dein und Nüsse auf die Gäste. Hierauf 
gibt der Pope den Neuvermählten H.- 


für die Menschen süß, für die Gespenster 
(eigentlich Toten) aber schrecklich ist 137 ). 


% 


kuchen oder mit H. bestrichenes Brot zu 
kosten 128 ). Vor allem bei den Süd¬ 
slaven ist der H. ein beliebtes Frucht- 
barkeitssymbol. In der Gegend von 
Ljeskovec bestreicht man das Gesicht des 
Bräutigams mit H. 128 ). In Struga reicht 
man vor der Tür der Braut Brot und H. 130 ). 
In der Bocca von Cattaro streicht die 
Mutter der Braut H. in den Mund 131 ). 
In Slavonien bekommt die Braut Milch 
und H. 132 ). Bei den Weißrussen wird 
die Braut vom Schwiegervater, der den 
Pelz und die Pelzmütze umgewendet 
trägt (apotropäisch), mit H. und Brannt¬ 
wein begrüßt 133 ). In Polen führte man 
die junge Frau nach der kirchlichen Ein¬ 
segnung dreimal um den Kamin im Hause 
des Mannes, wusch ihr die Füße und be¬ 
strich ihr nach Einsegnung des Braut¬ 
bettes den Mund mit H. 134 ). Bei den alten 
Preußen wurde die Braut bei dem 
Betreten des Hauses ihres Mannes 
zum Feuerherd geführt, man wusch ihre 
Füße und besprengte mit dem Wasser 
Gäste, Brautbett und das Vieh. Hierauf 
benetzte man ihr den Mund mit H. 135 ). 

12 °) Hovorka-Kronfeld 2, 164. 121 ) Höfler 

Organotherapie 105. 122 ) ARw. 8, 320. 123 ) Stern 
Türkei 2, 252. 253; Hovorka-Kronfeld 2, 166. 
m ) Volkforschungen 166—67. la6 ) Urquell 2 
(1891), 56. 126 ) Hovorka-Kronfeld 2, 641. 
127 ) ZfVk. 1894, 271. 128 ) Mannhardt For¬ 

schungen 362, vgl. 370; Reinsberg-Dürings¬ 
feld Hochzeitsbuch 54. 129 ) Krauß Sitte und 

Brauch 439. 13 °) 1. c. 447. 131 ) 1. c. 431; in 

Serbien gibt die Bräutigamsmutter der Braut 
einen Löffel H. dreimal zu kosten: Mannhardt 
Forsch. 357; Reinsberg-Düringsfeld 1. c. 
73. 132 ) Kraußl. c. 399; vgl. 386. 133 ) Urquell 2, 
162; Sartori 1. c. 1, 115. 134 ) Mannhardt 

1 . c. 356; Reinsberg-Düringsfeld 1. c. 209. 
136 ) Kloster 12, 162. 

8. H. als dämonenvertreibendes 
und antiseptisches Mittel: Eine Be¬ 
schwörungsformel der alten Babylonier 
lautet: Auf daß nichts Böses naht, stelle 
ich den H.gott und den Latarag ins 
Tor 136 ). In einem ägyptischen Zauber¬ 
spruch gegen Kinderkrämpfe (um 1580 
v. Ch.) heißt es: Ich habe für es einen 
Schutzzauber gegen dich (den Krank¬ 
heitsdämon) gemacht. . . . aus Knob¬ 
lauch, der dort schadet, und aus H., der 


Codronchus in De morbis venificis et 
veneficiis (1595) empfiehlt als Apotro- 
paion: Pulver aus Perlen und Johannis¬ 
kraut in einer Abkochung von H.wasser 
zu nehmen 138 ). In Böhmen vertreibt man 
Flöhe, wenn man am Karsamstag H., der 
vom Ostergebäck übrig bleibt, mit einer 
Rute ins Zimmer spritzt 138 ). Wie schon 
bei Homer Thetis die Leiche Hektors durch 
Nektar und Ambrosia vor Verwesung 
schützt 14 °), so ist in der ganzen Antike 
H. das antiseptische Konservierungsmittel 
beim Einbalsamieren 141 ). 

135 ) Alter Orient 7, 4, 23; Höfler Organo¬ 
therapie 16, vgl. 36. 43. 255; vgl. ZfVk. 

1902, 84 ff. 137 ) Dölger Ichthys 62. 138 ) 

Seligmann Blick 1, 390. 139 ) W. 613; 

Höfler Ostern 19 ff. 14 °) Homer Ilias 19, 39; 
Güntert Kalypso 160. 141 ) Daremberg- 

Saglio 3, 2, 1705 mit Lit.; Lippmann 1 . c. 
16 ff.; Lanzoni 3220.; Usener Kl. Sehr. 4, 
403; Dieterich Mithrasliturgie 2 170; Roscher 
Nektar und Ambrosia (L. 1883) 56 ff.; Diels 
Vorsokratiker 1, 382, 35; Robert-Tornow 1 . c. 
128—134 mit Lit.; Sb. d. bayr. Ak. d. W. 1900, 
222 ff. 

9. H. im Zauber (Schadenzauber): 
Deubner 142 ) und Dölger 143 ) bieten das 
Material für die Verwendung der Milch- 

H. spende, der ursprünglichen Gabe für 
die Toten, im Zauber. In Schlesien 
verwendet man H. zur Bereitung der 
zauberkräftigen Fuchskirre, eines Jäger¬ 
zaubermittels; der dazu gebrauchte H. 
muß um Mitternacht gefunden und über 
drei Grenzen getragen sein 144 ). Als Scha¬ 
denzaubermittel wird H. in einem Schwei¬ 
zer Hexenprozeß erwähnt (1499); der 
Person, die den H. genießt, wird es 
sterbensweh 145 ). 

142 ) De incubatione (L. 1900) 45; RVV. 4, 2, 63. 
143 j Ichthys 11 A. 3. 144 ) Drechsler 1. c. 2, 87. 
263. 146 ) SAVk. 1899, 95; vgl. den Schaden¬ 

zauber. den man mit H. in Bulgarien anstellt: 
Stern 1 . c. 1, 330; Vergiftungen mit H.: Stern 

I, 209. 

10. Bosheitszauber mit H. (H. und 
Hexen): Wie man Milch durch Hexerei 
rauben und an sich ziehen kann (s. 
Milch), so auch den H.: Schon das Poe- 
nitentiale Arundel setzt für dieses male- 
ficium eine Strafe fest: Qui alieuius lac- 
tis aut mellis aut ceterarum rerum abun- 



I 


1 





dantiam aliqua incantatione aut male- 
ficio auferre aut sibi acquirere labora- 
verit, tres annos gravissime peniteat 146 ). 
Im Poenitentiale ecclesiarum Germaniae 
wird die Frage gestellt: Fecisti, quod quae- 
dam mulieres facere solent et firmiter 
credunt, ita dico ut si vicinus eius lacte 
vel apibus abundaret, omnem abundan- 
tiam lactis et mellis quamvis suus vi¬ 
cinus antea se habere visus est et ad sua 
animalia vel ad quos voluerint ad vitam 
e suis fascinationibus et incantationibus 


se posse convertere credant 147 ) ? 

146 ) Schmitz Bußbücher I, 459, 79- 

147 ) Ders. 2, 446, 168. 

11. H. und Speisegesetze. Eine 
große Rolle spielt auch in den Theodor¬ 
schen dicta die auf die mosaischen Speise¬ 
gesetze zurückgehende Frage (s. essen 
und Fleisch), ob man den H. von Bie¬ 
nen genießen darf, die einen Menschen 
getötet haben: Si apes occidant hominem, 
occidere debent apes festinantes et mel 
tarnen manducetur 148 ); über die ganze 
Frage vgl. Schmitz 149 ). Anders lautet 
eine Stelle bei dem Prediger Berthold von 
Regensburg in einer Predigt über das 
fünfte Gebot, als er von der Kostbarkeit 
des menschlichen Blutes spricht: similiter 
si apes infantem occiderent sugendo san- 
guinem eius, omnes apes deberent occidi 
et nec mel nec cera in usum hominis de- 
beret redigi 15 °). 

148 ) Ders. 2, 538, 141; 1, 545, 6; vgl. i, 

380. 617. 690; 2, 573. 149 ) 1, 380 ff. 15 °) Schön¬ 
bach Berth. v. Reg. 113. 

12. H. schenken und verkaufen: 
Hier herrscht derselbe sympathetische 
Aberglaube und die Angst vor Schaden¬ 
zauber, wie bei dem Hergeben der Milch 
(s. Milch): In Georgenberg (Kreis Tar- 
nowitz) 151 ) und in Stadtsteinach in 
Bayern 152 ) herrscht bei den Bienen- 
Tn'irhfprn dpr fp<;te Glaube man dürfe für 


einen Schwerkranken keinen H. her¬ 
geben, weil sonst die Bienen sterben; 
denselben Brauch kennt man in Raithen- 
buch (Lenzkirch) 153 ). Die Bunzlauer Mo¬ 
natsschrift schreibt vor: Ein Bienenwirt 
schenke bei der H.ernte viel davon, so sind 
die Bienen wieder mildtätig gegen ihn 154 ); 
Jahn faßt diesen Brauch als Rest eines 
Erstlingsopfers auf 155 ). Dagegen darf 


man (Oberamt Weinsberg in Württem¬ 
berg) keinen H. verschenken, damit die 
Bienen beim Schwärmen nicht durch¬ 
gehen 156 ). Im Fränkisch-Henneber- 
gischen darf man für geschenkten H. 
nicht danken (vgl. Milch) 157 ). 

151 ) Dre chsler l.c. 2, 86. 152 ) Urquell 6, 20, 3; 
ZfVk. 1895, 213. 153 ) Meyer Baden 584; vgl. 

SAVk. 14, 291. 154 ) Grimm Mythol. 3, 47b, 

1102; Drechsler 1. c. 2, 86. 155 ) Jahn Opferge¬ 
bräuche 247. 156 ) Eberhardt Landwirtschaft 22. 
157 ) Spi eii Fränkisch-Henneberg 152. 

13. H. in Heilzauber und Volks¬ 
medizin (vgl. A. 41), als antidämonisches 
Mittel, als Fruchtbarkeitsüberträger und 
Kraftbringer: 

a) Die Heilbeschwörung des Kranken 
mit dem H.gott bei den Babyloniern 15ä ) 
ist oben erwähnt worden (§ 1). In dem 
medizinischen Papyrus Hearst finden 
wir eine magische Besprechung von 
Schmalz und H. zu Heilzwecken 159 ). 
Bei den Neugriechen wird dem Krank¬ 
heitsdämon Milch und H. geopfert wie 
bei den Totengeistern: Leibschmerz ent¬ 
setzlicher — entsetzlicher und furcht¬ 
barer — unten am Ufer, am Gestade 
— sind drei Schüsselchen; das eine 
mit H., das andere mit Milch, das andere 
mit Menscheneingeweiden. — Iß H., iß 
Milch und laß die Eingeweide 160 ). In 
Brünn wird das Bad für das lungenkranke 
Kind mit großem Zauberapparat zube¬ 
reitet : Man legt in die 4 Ecken der Wanne 
Salz, Mehl, H. und Asche; hierauf be¬ 
rührt man diese 4 Dinge mit einem Brot¬ 
anschnitt ; es folgt eine Zauberhandlung 
mit Gebet 161 ). 

b) Vor allem ist der H. ein bei allen 
Völkern beliebtes Kräftigungs- und Heil¬ 
mittel der Volksmedizin und eines der 
häufigsten Hausmittel 162 ); namentlich ein 
antiseptisches Mittel bei Wunden und 
Augenentzündungen. Im Koran wird der 
H. als die Arznei bezeichnet 163 ), Moha- 
meds Lieblingsgetränk war H.wasser 164 ). 
Bei den Türken ist H. neben Rosenwasser 
das Allheilmittel 165 ). Dioskurides 166 ) 
und Plinius 167 ) rühmen die Heilkraft des 
H.s besonders. Seit alters ist der Jung- 
femh. (mel virgineum, miel de vierge, 
der erste reine H.) als besonders heil¬ 
kräftig gepriesen 168 ); dann gegen Diph- 


307 


Honig 


30 & 

therie mel cupratum, die ägyptische Salbe, [ Wundpflaster gerühmt 192 ). Als Abführ- 


eine Auflösung von Kupfer in H. 169 ), 
ferner das H.öl, dessen Herstellung Co- 
ler 170 ) und Zedier 171 ) beschreiben, gegen 
Augenweh; auch der Rosenh. wird sehr 
gerühmt 172 ). Eigenartig abfällig urteilt 
Hildegard von Bingen über den H. 172a ). 
Seit Plinius spielt der H. als Augenmittel 
eine Hauptrolle, meist vermischt mit 
einer Tiergalle; hier wirkt wohl das Wort¬ 
spiel fel-mel auch herein; Plinius verordnet 
gegen Star: fei marini scorpionis rufi 
cum oleo vetere aut melle attico 173 ); 
daneben Adlergalle und H. 174 ). Aus einem 
deutschen Arzneibuch des 13. Jhs.: swem 
diu ougen we tuont, der neme des gires 
gallen unde siede die in honege äne rouch 175 ). 
Ein anderes altes Rezept empfiehlt: Die 
Rehbockgalle abstergiert die Flecken des 
Angesichtes den Staaren der Augen, 
wann man mit H. dreinthut 176 ). ,,Die 
Galle von einem jungen schwartzen 
Hund... vertreibet albuginem oculorum, 
wann mans mit H. in die Augen thut“ 177 ). 
Höfler bietet über die Verwendung von 
Galle und H. bei Augenkrankheiten ein 
reiches Material 178 ). Die Slovaken verwen¬ 
den Hummelh. gegen Hornhautflecken 179 ). 
Ein altcymrisches Mittel empfiehlt H.öl 
gegen Augenschmerzen 18 °). H. 181 ) oder 
Tau 182 ) mit H. ist ein altbekanntes Volks¬ 
heilmittel gegen Phthisis, auch gegen 
Husten 183 ), besonders H., den man über 
Nacht in einen ausgehöhlten Rettich getan 
hat (Mückenloch bei Neckargemünd) 183a ). 
Gegen Halsweh wird erwähnt Schwalben¬ 
nest 184 ) mit H., Stiergalle mit H. 185 ), 
„dem zaepfflin im Hals hilft man zu 
Stund diese (Gänse-) Gallen mit wild 
Kürbsensaft und H. vermischt“ 186 ). Auch 
für Wundbehandlung ist H. ein uraltes 
Mittel: Im Papyrus Ebers wird ein H.- 
pflaster bei Hautentzündung erwähnt 187 ). 
Bei den griechischen Tempelärzten war 
H. mit Scharpie als Wundverband im Ge¬ 
brauch 188 ). Plinius empfiehlt H. gegen 
Mundgeschwüre und Bräune 189 ), auch 
in der deutschen Volksmedizin belegt 19 °); 
Sextus Platonicus kennt Eberlunge mit 
H. gegen Schuhdruck 191 ). In den ökono¬ 
mischen Nachrichten der patriotischen 
Gesellschaft in Schlesien wird (1777) H. als 


mittel 193 ), bei Dysenterie 194 ), zur Erleich¬ 
terung der Geburt 195 ) (auch im Orient 196 )), 
gegen Kolik 197 ), Würmer 198 ), bei Gelb¬ 
sucht 199 ), bei Quecksilbervergiftung 200 , 
auch als Schönheitsmittel verwendet man 
H. 201 ). Kamelgalle und H. soll nach 
Plinius gegen Fallsucht wirken 202 ). „Die 
Adlerlebern getrocknet und gepülffert und 
mit seinem eigen Blut und einem Syrup 
Oxymehl (Sauerh.) in Apoteken genennt 
zehen Tag getrunken heylt den fallenden 
Siechtag“ 203 ). Gockel 204 ) empfiehlt H. 
in Stuhlzäpfchen gegen zauberische Un- 
sinnigkeit. Bei den Deutschamerikanern 
reibt man den Rücken mit H. ein gegen 
das Abnehmen 205 ). Soranus im Heb¬ 
ammenkatalog nennt H. als erste Nah¬ 
rung für die Kinder 206 ) (vgl. § 3). In der 
Pfalz reinigt man bei Soor mit Rosenh. 
den Mund des Kindes 207 ), ebenso bei 
den Rutenen 208 ). Sind in Mecklenburg die 
Kinder bleich, dann schiebt man die 
Schuld auf die Mitesser, d. h. Würmer, 
die des Kindes Nahrung aufzehren; das 
kommt vom „Antun“ böser Leute; man 
badet das Kind, beräuchert es und reibt 
es mit Mehl und H. ab 209 ). Von dem 
H., der in bestimmten Gegenden Branden¬ 
burgs geerntet wird, glaubt man, daß 
er den Menschen schädlich sei 210 ); auch 
de Pre hat ein Kapitel über Schädlich¬ 
keit des H.s 2n ). H. in der Viehmedizin: 
Im Mai legt man in Schlesien 12 Mai¬ 
würmer in H.; daraus bereitet man ein öl, 
das dem Vieh mächtig gut tut 212 ). Wenn 
die jungen Fohlen nicht saugen wollen, 
schmiert man ihnen das Maul mit H. 213 ). 
Einem Pferd, das nicht misten kann, 
schmiert man den After mit H. ein 214 ). 

14. Träumen von H. und anderes: 
„Isset einer im Traum H.seim, so wird 
er die Ding überkommen, die er nie 
gehofft hätte; er wird auch klug seyn, 
weil der H. mit großer Klugheit der 
Bienen gemacht ist. Wenn einem König 
träumt, wie ihm H.wabe gebracht werde 
und er davon esse, so wird er von seinem 
Volke Freude und angenehmes Einkommen 
haben; denn der H.rost oder Wabe zeucht 
sich auf das Volk. Wenn einem träumt, 
wie man ihm H. bracht habe, da er doch 


309 


Hopfen 


310 


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sonst keines gehabt, so wird ihm sein Ein¬ 
kommen abgehen“ 215 ). Nach dem in¬ 
dischen Traumbuch ist der Genuß von 

H. im Traum verhängnisvoll 216 ). Fällt der 
Christtag auf einen Sonntag, so gedeiht 
der H. 217 ). Vom Futterh., auch von dem 
Zucker, der im Frühjahr gegeben wird, 
darf nicht genascht werden, sonst werden 
die Bienen Räuber (Reuthau) 218 ). Wenn 
man H. essend seinen Mund und seine 
Hände nicht beschmiert, wird man 
sterben 219 ). Gekauften Tauben gibt man 
in H. getauchte Gerste 22 °). 

168 ) Alter Orient 7, 4, 23. 159 ) Eber t Reallex. 10, 
41. 16 °) Höfler Organotherapie 44, vgl. 43; vgl. 
Brot A. 4Ö3ff. 161 ) Hovorka-Kronfeld 2, 660. 
W2 ) Pradel Gebete 116; Robert-Tornow 1 . c. 
122—128 mit Lit.; Car rieht er l.c. 7i;Agrippa 
vonNettesheim 1, 169 (der H. istvom Himmel 
und den Gestirnen mit mehreren Vorzügen 
ausgestattet); Myrrhen 1 . c. 16 ff.; Braun¬ 
schweig 1 . c. 205. 206. 228; Sebizius 1 . c. 
404 flf.; Bruewel 1 . c. 491 ff. 163 ) Hovorka- 
Kronfeld 1, 220; vgl. Urquell 4, 213 A. 1. 
164 ) Stern Türkei 1, 248. m ) 1 . c. 1, 207. 
14< ) Hovorka-Kronfeld 1, 219. 1$7 ) ed. Jahn 
Index. 1#8 ) Zedier 13, 358; de Pre 1 . c. 11; 
Hovorka- Kronfeld 2, 41; Anleitung zut 

praktischen Bienenzucht von einem praktischen 
Bienenleiter (Key's Vermächtnis) L. 1801, 
228 ff. 1<9 ) Behring Die Geschichte der Diph¬ 
therie. L. 1893, 12; Hovorka-Kronfeld 2, 14. 
17 °) Oeconomia rur. 2. Teil, 26. m ) 13, 3640.; 
vgl. Hovorka-Kronfeld 2, 781. 172 ) Braun¬ 
schweig 1 . c. 205. 173 ) Plinius 1 . c. 32, 24. 

174 ) Plinius 29, 38. 175 ) Sitzber. Wiener Ak. 

phil.-hist. Klasse 42, 48; Höfler Organotherapie 
218. 17Ä ) Höfler 1 . c. 215. 177 ) Höfler 

I . c. 200 ff. 178 ) 1. c. 176. 195. 198. 207. 

209. 214. 221—23. 228 ff.; vgl. Kloster 12, 
137; im Papyrus Ebers wird H. mit Schild¬ 
krötenhirn gegen Hornflecken erwähnt: Janus 
1899, 123; Höfler 1 . c. 139. 179 ) Hovorka- 

Kronfeld 2, 798. 18 °) 1 . c. 2, 781. 181 ) Hovor¬ 
ka-Kronfeld 2, 21. 32. 43. 659; Zedier 13, 359. 
361; nach ,,le medecin des pauvres" bes. gegen 
Fieber: ZfVk. 1914, 148. 182 ) Schönwerth 

Oberpfalz 2, 132, 2. 183 ) Höhn Volksheilkunde 1, 
89; Drechsler 2, 210; Hovorka-Kronfeld 
2, 20. 21. 22. 183a ) Alemannia 27, 237. 184 ) ZföVk. 
1907, 139; Höfler 1 . c. 127. 186 ) Höfler 1 . c. 
206. 210. 18fl ) Höfler 1 . c. 216. 184a ) Hovorka- 
Kronfeld 2, 10. 187 ) Dölger 1 . c. 155. 188 ) Rhein. 
Museum 60, 319; Höfler 1 . c. 194. 278. 18B ) 1 . c. 
32, 83. 88. 90. 19 °) Zedier 13, 360; vgl. de Pre 
1 . c. 21; Maennling 236. 191 ) Höfler 1 . c. 275. 
1M ) 1777, 139. 193 ) Hovorka-Kronfeld 2, 

117. 118. 121. 219. 194 ) Höfler 1 . c. 173. 

19 *) Höhn Geburt 260 (H.essen in Krailsheim, 
H. und Schnaps bei Tuttlingen); Hovorka- 
Kronfeld 2, 590; überhaupt bei Frauenleiden: 


wenn die Mutter ansteigt, reibt man in Ober¬ 
österreich den Leib mit H. ein: Hovorka- 
Kronfeld 2, 568; Höfler 1 . c. 201 (Kalbsgalle 
und H.). 264 (gegen Milchschmerzen). 196 ) Stern 
1 . c. 2, 301. 197 ) Braunsch-weig 1 . c. 228. 

198 ) Hovorka-Kronfeld 2, 94. 199 ) Ders. 2, 

113; H. reinigt die Galle: Bruewel 1 . c. 492. 
20 °) Hovorka-Kronfeld 2, 159. 201 ) Gra¬ 

binski Sagen 42; Drechsler I. c. 2, 265. 
202 ) 1 . c. 28, 26. 203 ) Jühling Tiere 185; Höfler 

1 . c. 183; vgl. ZfVk. 1898, 176: auf verrückte 

Glieder lege man eine Salbe aus H., Salz und 
Mehl. 204 ) E. Gockel tractatus polyhistoricus 
magicomedicus . Frankf. und L. 1699, 168. 

2°6) Fogel Pennsylvania 279 ff. Nr. 1470. 

206 ) Soranus ed. Rose 30 ff. 256, 16 ff. 

207 ) Hovorka-Kronfeld 2, 665. 208 ) Ders. 

2, 666. 209 } Bartsch Mecklenburg 2, 113, 436; 
dass, berichtet schon Fischer Aberglaube 257; 
über H.kur bei Abszessen: Hovorka-Kron¬ 
feld 2, 766. 21 °) Gleditschl.c. 102. 211 ) de Pre 

1 . c. 22 ff. 212 ) Drechsler 1 . c. 1, 116. 213 ) Ders. 

2, 113. 214 ) ZfVk. 1898, 176. 216 ) Traumbuch 

Apomasans . .. durch J. Le wen kl aw Frankfurt 
1645 (im Anhang zu Colers Oeconomia ruralis) 
50 cap. 232. 216 ) RVV. 11. 325; vgl. 259. 

217 ) Fischer Aberglaube 337. 218 ) Drechsler 

1 . c. 2, 86. 219 ) Urquell 4, 118, 114. 220 ) Eber¬ 
hardt Landwirtschaft 20 (OA. Blaubeuren). 

Eckstein. 

Hopfen (Humulus lupulus). 

1. Botanisches. Der H. ist eine win¬ 
dende Pflanze mit drei- bis fünflappigen 
rauhborstigen Blättern. Er ist zwei- 
häusig. Die Staubblüten stehen in herab¬ 
hängenden Rispen, die Stempelblüten 
sind zu kleinen Zapfen vereinigt. In 
Deutschland wird der H. etwa seit dem 
8 . Jahrh. im Großen gebaut x ). In feuch¬ 
tem Gebüsch, an Zäunen usw. wächst er 
auch wild 2 ). 

x ) Schräder Reallexikon 2 1, 507. 2 ) Marzell 
Kräuterbuch 218 ff. 

2. In Nord- und Westdeutschland be¬ 
steht vielfach der Glaube, daß der H. in 
der Christnacht zwischen 11 und 12 
Uhr selbst unter dem tiefsten Schnee 
frische Sprosse treibt, um Mitternacht 
verschwinden sie wieder 3 ). Der Glaube 
gehört zum Sagenkreis von den Weih¬ 
nachtsblüten 4 ), vgl. Apfel, Eberesche, 
Holunder, Walnuß. Hierher ist wohl 
auch die alte Bauernregel zu stellen, daß 
Schnee in der Christnacht eine gute 
H.emte bedeutet („Fallen in der Christ¬ 
nacht Flocken — der Hopfen wird sich 
gut bestocken“) 5 ). 

3 ) ZfdMyth. 1, 403= Stöber Elsaß 2, 130; 


horchen 


312 


311 


Kuhn Westfalen 2, 106; Schambach Wb. 
113 = Lauffer Niederdeutsche Volksk. 84 (die 
hier angegebene volksmedizinische Verwendung 
des H.s als „Kristwörtel“ beruht auf Ver¬ 
wechslung mit Helleborus niger, s. Nieswurz); 
Kuhn und Schwartz 404; Hesemann 
Ravensberg 94; Schell Berg. Volksk. 107; auch 
in den Ver. Staaten v. Amerika: Bergen Ani¬ 
mal and Plant Lore 119. 4 ) Mannhardt Weih¬ 
nachtsblüten 1864, 169. 5 ) Schreger Haus¬ 

büchlein 1770, 131; Fischer Schwab. Wb. 3, 
1802; 4, 767; Treichel Westpreußen X, 441; 
Waltinger Bauernjahr im Niederbayrischen 
1914, 99; ZföVk. 1, 247. 

3. Viel H. bedeutet eine reiche Korn¬ 
ernte im nächsten Jahr 6 ), aber auch 
einen strengen Winter 7 ). Zu dem erst¬ 
genannten Glauben ist zu bemerken, daß 
der H. bei slavischen und finnischen 
Völkern als Fruchtbarkeitssymbol gilt, 
z. B. wird die Braut mit H. überschüttet 8 ). 
Im Sternbild des Krebses soll man die 
wilden Triebe des H.s nicht abschneiden, 
weil er sonst rückwärts geht, d. h. nicht 
mehr wächst *). So viele Goldpunkte die 
(am H. häufig vorkommende) Puppe des 
H.falters (Vanessa C-album) hat, so 
viele Carolins (alte süddeutsche Gold¬ 
münze) wird der H. kosten. In ähnlicher 
Weise kann man den H.preis aus den 
schwarzen Punkten auf den Flügeldecken 
des Marienkäferchens (Coccinella) ab¬ 
lesen 10 ). Wenn im H. viele „H.- 
könige“ oder „H.männiein“ Vorkommen 
(es sind wohl die als „blinde Zapfen“ 
[verlaubte Zapfenschuppen] bezeichneten 
Mißbildungen gemeint), so wird der H. 
gut verkauft. Die Burschen schenken 
diese „H.könige“ ihren Mädchen 11 ). 
Sind die Streifen auf den Puppen des 
H.falters goldgelb, so wird der H. teuer, 
wenn silbern, dann billig 12 ). 

6 ) Fischer Schwab. Wb. 3, 1802; 5, 385. 
7 ) Wilde Pfalz 109; Yermoloff Volkskalender 
383. 8 ) Berckenmeyer Cur. Antiquarius 1712, 
685; Festschr. d. Estn. Gesellsch. Dorpat 1888, 
261; Schneeweis Weihnachten 101; Mann¬ 
hardt Forschungen 355; Scheftelowitz Huhn¬ 
opfer 16. •) Mar zell Bayer. Volksbotanik 99. 

10 ) Jäckel Oberfranken 27. ll ) Bavaria 2, 
294; 3, 969. 1S ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 

128. 

4. Wenn die Jungfrauen lange Haare 
bekommen wollen, dann müssen sie in 
der Jugend etwas von den Haaren ab¬ 
schneiden und mit H.ranken in die Erde 


legen, daß sie hernach mit ihnen gleich¬ 
sam in die Länge wachsen 13 ). 

13 ) Praetorius Philosophia Colus 1662, 
212 = Grimm Myth. 3, 446. Marzeil. 

horchen. Wie „horchen“ im Vergleich 
zu „hören“ eine Intensivierung bedeu¬ 
tet 1 ), so entspricht der aus zufälligen 
akustischen Wahrnehmungen schließen¬ 
den Geräusch Wahrsagung (s. d.) eine 

mannigfaltig gegliederte volkstümliche Zu¬ 
kunftsdeutung, die von absichtlich und 
gespannt aufgenommenen Lauten, die 
z. T. sogar zu mantischen Zwecken her¬ 
vorgerufen werden 2 ), ihren Ausgang 
nimmt. Die Vornahme dieser Zukunfts¬ 
befragung zu bestimmten Zeiten und an 
bestimmten Orten, die Beobachtung ge¬ 
wisser Vorsichtsmaßregeln, die hie und 
da bis in die Gegenwart übliche Unter¬ 
stützung durch Gebete oder Sprüche, 
opferartige Handlungen u.a.m., läßt ihren 
ursprünglich zauberischen und rituellen 
Charakter noch deutlich durchscheinen. 
Wenn auch zahlreiche Parallelen darauf 
hinweisen, daß es sich hier um eine poly¬ 
genetische, an den verschiedensten Stellen 
der Erde feststellbare Form der Weis¬ 
sagung handelt, so muß doch auf die nor¬ 
dischen und germanischen Entsprechun¬ 
gen mit besonderem Nachdruck verwie¬ 
sen werden. Die in den nordischen Quel¬ 
len öfters erwähnte Divinationsmethode 
der ‘utiseta', des ‘sitja uti', des „Draußen- 
sitzens“ wird zwar in ihren Einzelheiten 
nicht näher beschrieben, doch liegt die Ver¬ 
mutung nahe, daß damit eine augurale 
Handlung bezeichnet wird, durch die man, 
im Freien — vielleicht an Gräbern — 
sitzend, die Zukunft aus Erscheinungen 
und Stimmen zu erforschen suchte 3 ). Sie 
wurde durch die christliche Kirche als 
heidnisch verboten, ebenso wie gewisse 
germanische Divinationen, in denen das 
„Draußensitzen“ ebenfalls eine wichtige 
Rolle spielt, so daß sie von der utiseta 
kaum getrennt werden können. Bei 
Burchard von Worms heißt es: obser- 
vasti calendas Januarias ritu paganorum, 
ut . . . supra tectum domus tuae sede- 
res ense tuo circumsignatus, ut ibi vi- 
deres et intelligeres, quid tibi in sequenti 
anno futurum esset, vel in bivio se- 


313 


h orchen 


314 


disti supra taurinam cutem, ut et ibi 
futura tibi intelligeres 4 ) ? Daß es sich 
hierbei neben dem Schauen von Erschei¬ 
nungen auch um Gehör Wahrnehmungen 
handelt, geht aus „intelligeres“ hervor, 
ebenso aus der Glosse: hleodarsazzo, 
hleodarsaz, hleodarsazzeo: negromanti- 
cus 5 ), die Sitzen und Horen vereinigt. 
Zu „in bivio“ vergleiche man, daß 
kein Ort für das H. häufiger genannt 
wird, als der Kreuzweg. Die Worte der 
aus dem 8. Jh. stammenden pseudoau- 
gustinischen Homilia de sacrilegiis: qui. . . 
ad scultandum vadet, ut aliquid de dae- 
> moneis audeat, non christianus, sed pa- 
ganus est 6 ) gehen deutlich auf das H., 
doch ist die Beziehung auf germanischen 
Glauben unsicher. Dagegen läßt eine 
Beichtfrage bei Antonin von Florenz 
(1389—1459), die genau den noch heute 
üblichen Formen des H.s entspricht, 
keinen Zweifel auf kommen, daß der 
Brauch im Schlesien des 15. Jhs. vor¬ 
kam 7 ). Auf die mit dem H. eng verbun¬ 
dene Methode des Zaunrüttelns (s. u.) 
weist vermutlich ein Satz des Thomas von 
Haselbach (1387—1464) und ein Beicht¬ 
satz v. J. 1468 8 ). Im 17. und 18. Jh. 
wird das H. mehrfach erwähnt 9 ), im 
i 9 . jh. war es laut zahlreichen Nach¬ 
richten der gleichzeitigen Literatur noch 
sehr im Schwange. Wie weit diese An¬ 
gaben auch für die Gegenwart Gültigkeit 
haben, ist im einzelnen nicht festzustel¬ 
len, völlig ausgestorben aber ist das H. 
sicher noch nicht 10 ). 

Der ursprüngliche Zaubercharakter des 
H.s ist, wie eingangs bemerkt, aus den 
allgemeinen, dabei beobachteten Ma߬ 
nahmen noch deutlich erkennbar. Die 
Handlung muß zu bestimmten Zeiten, an 
bestimmten Orten und unter bestimmten 
Ritualien und Vorsichtsmaßregeln vor¬ 
genommen werden, wenn sie von Erfolg 
sein soll. 

a) Zeiten: Da, abgesehen von halluzi¬ 
natorischen Gesichtswahrnehmungen, von 
denen zuweilen auch beim H. die Rede ist, 
außer dem Gehör alle Sinne ausgeschaltet 
sein sollen, findet das H. fast immer 
in der Dunkelheit statt, am besten um 
Mitternacht 11 ). Auch wird die Zeit des 


Aveläutens oder Gebetläutens 12 ) emp¬ 
fohlen oder die Zeit während der Christ¬ 
mette 13 ). Bevorzugt werden diejenigen 
Nächte, die auch sonst für Zukunftser¬ 
kundung besonders gern gewählt werden, 
vor allem die Andreasnacht u ), für das 
H. vornehmlich geeignet, da es sich meist 
um ein Eheorakel handelt, ebenso die 
Thomasnacht 15 ). Ferner die Silvester¬ 
nacht 16 ), die Christnacht 17 ), die Zwölf¬ 
nächte 18 ). Die Sonderform des „Saat- 
h.s“ (s. u.) wird besonders in der Wal¬ 
purgisnacht geübt 19 ). Das H. am Licht¬ 
meßtage ist tschechischer 20 ), am Jo¬ 
hannistage griechischer Gebrauch 21 ), in 
Ungarn betreibt man es dagegen gleich¬ 
falls besonders am Christ- und Silvester¬ 
abend 22 ), in Finnland vor Mariä Ver¬ 
kündigung und in den Nächten vor Fast¬ 
nacht, Karfreitag und Ostern 23 ); persi¬ 
scher Aberglaube bevorzugte die Mitt¬ 
wochnächte 24 ). 

b) Orte: Am verbreitetsten ist, wie be¬ 
merkt, der Kreuzweg 25 ), der typische 
Ort für Zauberhandlungen und Geister¬ 
erscheinungen. Eigenartig ist der be¬ 
sonders für das Vogtland bezeugte Brauch 
des „Saath.s“ oder „Weizenhörens“: man 
begibt sich in der Walpurgisnacht auf 
ein grünes Kornfeld oder in der Christ¬ 
oder Andreasnacht auf ein Feld mit grü¬ 
ner Wintersaat und legt sich mit dem Ohr 
auf die Erde, um zu lauschen. Bisweilen 
handelt es sich auch in diesem Falle nur 
um das Vernehmen zufälliger und all¬ 
täglicher Geräusche (Musik, Läuten, Hun- 
debellen) 26 ), bisweilen aber scheint ein 
Rest der Vorstellung zugrunde zu liegen, 
daß durch diese primitive Inkubation un¬ 
mittelbar Stimmen und Gesichte vermit¬ 
telt werden; man „hört, was das ganze 
Jahr im Dorfe geschieht“, oder „eine 
Stimme erzählt, was im neuen Jahre Vor¬ 
kommen wird“ 27 ), oder „man sieht den 
Himmel offen und schaut die Ereignisse 
des nächsten Jahres“ 28 ). In diesem Zu¬ 
sammenhänge verdient der Zusatz Bur- 
chards a. a. O. „supra taurinam cutem“ 
besondere Hervorhebung,da dieBedeutung 
des Tier felis im Inkubationsritus bekannt 
ist 29 ). In manchen Fällen hat sich diese 
Form rudimentär erhalten, z. B. wenn 


315 


horchen 


316 


neben dem Kreuzweg das Saatfeld nur als 
geeigneter Ort für das H. genannt wird 30 ), 
oder wenn man mit dem Ohr auf der Erde 
horcht, aber nicht auf einem Saatfelde, 
sondern auf einem Berge oder an einem 
Kreuzweg 31 ). Wenn an die Stelle des 
Kreuzweges der Scheideweg oder der 
Grenzstein 32 ) tritt, so hängt dies mit der 
Bedeutung der Grenze für zauberische 
Handlungen zusammen. Dieselbe Vor¬ 
stellung dürfte der Verwendung des Zau¬ 
nes beim H. zugrunde liegen, der vor allem 
dazu dient, um gerüttelt das zukunft¬ 
deutende Hundegebell hervorzurufen (s. 
u.); vereinzelt verbindet sich diese Vor¬ 
stellung mit dem H. auf dem Erdboden: 
,,Wenn man in der Dreikönigsnacht unter 
dem Gebetsläuten einen Zaunstecken aus¬ 
zieht, das Ohr auf das Loch hält (auf der 
Erde liegend), so hört man, ob man das 
Jahr heirate, verwittibe, sterbe usw.“ 33 ). 
Gleichfalls um das Hervorrufen prophe¬ 
tischer Tierstimmen handelt es sich, wenn 
man an den Hühnerstall 34 ), Schweine¬ 
stall 35 ), Kuhstall 36 ) oder an die Bienen¬ 
körbe 37 ) klopft und dann horcht, doch 
wird auch der Stall im allgemeinen als 
geeigneter Ort für das H. bezeichnet 38 ). 
Hydromantische Vorstellungen spielen 
mit, wenn man am Brunnen 39 ), an der 
Brunnenstube 40 ), an der Ofenblase oder 
dem Höllhafen 41 ) horcht. Für den von 
Burchard von Worms bekämpften Brauch, 
vom Dache des Hauses aus zu horchen, 
bietet der deutsche Aberglaube neuerer 
Zeit nur eine vereinzelte Entsprechung, die 
sich außerdem mehr auf das Sehen, als 
auf das Hören von Vorzeichen bezieht 42 ). 
Dagegen ist diese Sitte im hohen Norden 
noch heute gut belegt, wie aus hs. Auf¬ 
zeichnungen im Archiv der Finnischen und 
der Schwedischen Literaturgesellschaft her¬ 
vorgeht. In Finnland findet das H. zu den 
oben angegebenen Zeiten um Mitternacht 
statt. Bevorzugt werden als Ort hierfür 
Dächer von Häusern, die „am dritten 
Platz stehen”, d. h. zweimal abgebrochen 
und jedesmal an anderer Stelle wieder auf¬ 
gebaut worden sind. Aus der Art der er¬ 
horchten Geräusche und der Richtung, 
aus der sie kommen, wird die Zukunft 
gedeutet, z. B. Weinen = Kindsmord, 


Tischlergeräusch = Sarg, Pferdegetrappel 
und Musik — Hochzeit, Elsterngeschrei = 
Zank usw. Bisweilen h. zwei Personen 
gemeinsam, indem sie, ohne ein Wort 
zu sprechen, Rücken gegen Rücken auf 
dem Dache sitzen; sogar das Sitzen auf 
einem Kalbfell wird dabei gelegentlich 
gefordert 43 ). Wenn, wie in den zuletzt 
behandelten Fällen, das H. nicht außer¬ 
halb der Ansiedlung, an Wegen oder 
auf dem Ackerfelde, sondern innerhalb 
des Hauses, Gehöftes oder Dorfes statt¬ 
findet, ist der beliebteste Platz das Fen¬ 
ster des eigenen oder eines fremden Hauses. 
Selten ist die Form, daß der Wißbegierige 
von innen aus dem Fenster der eigenen 
Stube hinaushorcht 44 ), meist tut er es 
von außen vor dem eigenen oder einem 
fremden Fenster, fast immer mit vorher 
überlegter Frage, für die ein aus dem In¬ 
nern der Stube vernommenes Ja, Nein 
oder ein anderes Wort (z. B. „Hochzeit”) 
entscheidend ist 45 ). Zuweilen werden 
Fenster mit besonderer Lage bevorzugt, 
so das mittelste von dreien 46 ) oder das 
unter einem Tragbalken der Zimmerdecke 
gelegene 47 ); auch wird verlangt, daß die 
Stube drei Deckbalken habe 48 ) oder daß 
man sich zum H. genau unter einen nach 
Osten gerichteten Balken stelle 49 ). An 
die Stelle des Fensters tritt gelegentlich 
auch die Tür 50 ). Ganz vereinzelt ist das 
Verfahren, daß man in der Andreasnacht 
usw. einfach in der Stube auf- und abgeht, 
wobei einem dann der Name des oder der 
Zukünftigen ins Ohr geflüstert wird 51 ). 

c) Besondere Ritualien und Ma߬ 
regeln: Wie meist bei Zauberhandlungen 
muß man beim H. Stillschweigen be¬ 
wahren 52 ), darf sich nicht umsehen 53 ), 
nicht davonlaufen, wenn sich Unheim¬ 
liches ereignet, sondern man muß sich 
innerhalb des mit geweihter Kreide ge¬ 
zogenen Zauberkreises halten 54 ). Um sich 
gegenseitig Mut zu machen, tun sich da¬ 
her öfters mehrere zum H. zusammen 55 ). 
In einem Fall wird auch Nacktheit vor¬ 
geschrieben 56 ). Vor den Beginn des H.s 
wird eine einstündige, stillschweigend zu 
verbringende Wartefrist gesetzt 57 ); in ähn¬ 
lichem Sinne ist es wohl zu verstehen, wenn 
in der ältesten ausdrücklichen Erwäh- 


317 


horchen 


318 


nung des H.s davon die Rede ist, daß man 
sich zunächst die Ohren verstopft 58 ). Das 
an der gleichen Stelle genannte vorherige 
Beten eines Vaterunsers ist auch noch für 
das 19. Jh. belegt 59 ). Sonst wird das zau¬ 
berische Wort meist durch Sprüche ver¬ 
treten, besonders bei der Sonderform des 
Zaunrüttelns 60 ). Die Dreizahl spielt auch 
hier eine Rolle: dreimal wird an das Fen¬ 
ster 61 ) oder an den Schweinestall 62 ) ge¬ 
klopft, drei Späne werden vor dem H. 
aufgenommen 63 ). Die in der letztge¬ 
nannten Form zum Ausdruck kommende 
Verquickung mit der Stabweissagung (s. 
Rhabdomantie) und dem Holzscheitora¬ 
kel (s. d.) liegt auch vor, wenn vor dem 
H. ein Prügel oder ein glattes Stäbchen 
über oder auf einen Baum (gewöhnlich 
einen Apfelbaum) geworfen wird 64 ). In 
anderen Fällen tritt der Schuh an die 
Stelle des geworfenen Stabes 65 ), oder man 
rüttelt an dem Baum oder klopft an ihn 66 ). 
Ein voropferähnlicher Ritus liegt vor, 
wenn man beim Abendbrot mit dem ersten 
Löffel Suppe vor die Tür läuft, um 
zu h. 67 ); werden vorher Apfelschalen 
auf die Straße geworfen 68 ), so hat man 
darin wohl eine Kombination mit dem be¬ 
kannten Apfelschalenorakel zu sehn. Der 
auch bei anderen Zauberhandlungen ver¬ 
wendete Kehricht dient gleichfalls ge¬ 
legentlich zur Vorbereitung des H.s 69 ). 
Eine Verbindung mit der Schlüsselweis¬ 
sagung (s. Kleidomantie) liegt vor, wenn 
ein Schlüssel gegen die Tür geworfen wird, 
um das zukunftdeutende Hundegebell 
hervorzurufen 70 ). 

d) Ausübende: Da das H. in der 
Mehrzahl der Fälle ein Liebes- und Hei¬ 
ratsorakel ist, so wurde und wird es vor¬ 
zugsweise von Mädchen' und — seltener 
— jungen Burschen betrieben. Sonntags¬ 
kinder sind dafür, wie für alle Zauber¬ 
handlungen, besonders geeignet 71 ). 

e) Art und Deutung der erhorchten 
Geräusche: Bei der folgenden Zusam¬ 
menstellung müssen zwei Grundformen des 
H.s auseinandergehalten werden: ent¬ 
weder ist die Aufmerksamkeit auf die 
Gesamtheit der sich an dem gewählten 
Ort und Zeitpunkt des H.s vernehmlich 
machenden, zufälligen Geräusche gerich¬ 


tet, die dann, etwa wie bei der Traum¬ 
deutung, beim Angang usw. kasuistisch 
ausgelegt werden. Oder man horcht mit 
bestimmter Fragestellung und achtet nur 
auf ganz bestimmte Geräusche oder Worte, 
wie Tierstimmen, besonders Hundegebell, 
„ja”, „nein”, „Hochzeit” u. dgl. m. Im 
ersten Falle gelten u. a. folgende Deu¬ 
tungen: Lärm = unruhiges Jahr 72 ), 
Klopfen und Pochen = Todesfall (Sarg¬ 
nageln) 73 ), Seufzen und Stöhnen = Un¬ 
glück in der Ehe 74 ), Geschrei, Schüsse, 
Donner, Schwertgeklirr, Pferdegewieher 
— Krieg 75 ), Musik = Hochzeit 76 ), Peit¬ 
schenknallen und Wagenrasseln = gute 
Ernte 77 ), Gesang, Läuten, Gespräch von 
Begräbnis = Sterbefall 78 ), Gespräch vom 
Heiraten — Hochzeit 79 ), Dreschen = der 
Zukünftige ein Bauer 80 ), Sägen = viel 
Arbeit 81 ). Wichtig ist meist die Rich¬ 
tung, aus der das Geräusch kommt; sie 
deutet auf den Ort, wo der Zukünftige 
wohnt 82 ), besonders achtet man darauf 
beim Zaunrütteln. Aus der Windrichtung 
schließt man auf den Gang der Gewitter 
oder auf die Getreidepreise im nächsten 
Jahr 83 ). Die zweite Form nähert sich 
dem Typus des Losorakels: es wird von 
vornherein eine bestimmte Frage gestellt, 
„man denkt sich etwas” 84 ), und sucht 
darauf eine unmittelbar verständliche 
oder erst zu deutende Antwort zu er- 
h. Auch hier handelt es sich meist um 
Liebessachen: man will erfahren, ob 
man sich im kommenden Jahr verhei¬ 
ratet, aus welcher Gegend der Zukünf¬ 
tige kommt, seinen Namen, seine Stimme, 
seinen Beruf u. a. m. Die Antwort gibt 
am einfachsten das erste erhorchte 
menschliche Wort 85 ). Daher wird diese 
Form mit Vorliebe in der Weise betrieben, 
daß man unbeobachtet an Fenstern oder 
Türen horcht und das erste „ja”, „nein” 
usw. auf sich bezieht 86 ). Daneben ver¬ 
traut man auf die prophetische Gabe ge¬ 
wisser Tiere. Verbreitet ist das Huhn¬ 
orakel : man weckt die Hühner durch 
Klopfen an den Stall, „gackert der Hahn, 
kriegt s' en Mann, gackert die Henn’, wer 
weiß wenn” 87 ). Ähnlich verfährt man 
am Schweinestall: grunzt die Sau, so 
bekommt das h.de Mädchen einen 


319 


horchen 


320 


alten, quiekt das Ferkel, so bekommt sie 
einen jungen Mann 88 ). Auch das Brüllen 
des Rindviehs wird entsprechend ge¬ 
deutet 89 ). In Schlesien klopft man in der 
hl. Nacht an die Bienenstöcke und sagt: 
„Heute ist heiliger Abend“. Wenn die 
Bienen darauf brummen und summen, 
so ist ein gutes Bienenjahr zu erwarten 90 ). 
Ganz besonderer Wert wird auf das Bellen 
des Hundes gelegt, dem ja auch sonst die 
Gabe des Zukunfterkennens zugeschrie¬ 
ben wird. Schon bei dem als erste Haupt¬ 
form beschriebenen H. auf zufällige Ge¬ 
räusche ist es bedeutungsvoll und kündet 
Sterbefälle, Feuersbrünste 91 ), manch¬ 
mal auch eine gute Heirat 92 ), die Richtung 
aus der der Zukünftige kommt 93 ) oder 
auch, wohin man im nächsten Jahre (als 
Magd, Knecht usw.) kommt 94 ). Be¬ 
sonders beliebt aber ist es, nicht zu war¬ 
ten, bis zufällig ein Hund bellt, sondern 
durch Erregung von Lärm das Gebell 
hervorzurufen. Man wirft zu diesem 
Zweck einen Prügel oder einen Schuh auf 
einen Baum 95 ), vor allem aber rüttelt man 
an einem Zaun und horcht, aus welcher 
Richtung auf dies Geräusch hin zuerst ein 
Hund bellt; dies ist die Gegend, aus der 
der Zukünftige kommt 96 ). Für das „Zaun¬ 
rütteln“ als besonders verbreitete Form 
des H.s gelten bezüglich der Zeit und der 
Ritualien im allgemeinen die gleichen 
Vorschriften, wie für das H. überhaupt. 
Am häufigsten wird es am Andreasabend 
geübt ö7 ), daneben auch in der Thomas¬ 
nacht 98 ), am Christ- und Neujahrs¬ 
abend 99 ). Vielfach muß der Zaun ein 

Grenzzaun 10 °) oder ein Erbzaun 101 ) sein, 
wohl auch aus Haselholz hergestellt 102 ); 
besonders geeignet ist auch eine Stelle, 
wo drei Zäune zusammenstoßen 103 ). Der 
bedeutungsvolle Charakter des Zaunes 
als Grenze tritt zurück oder ist völlig 
geschwunden, wenn an seiner Stelle die 
Gartentür 104 ) oder die Wäschestange 105 ) 
gerüttelt wird. Sehr häufig werden beim 
Zaunrütteln Verse gesprochen, die meist 
an den Zaun selbst gerichtet sind 106 ), 
seltner an den Hund 107 ), an Hund und 
Zaun 108 ), an den hl. Andreas 109 ), an 
diesen und an den Zaun no ). Verküm¬ 
merte Formen dürften vorliegen, wenn der 


Hund als erwarteter Orakelgeber ver¬ 
schwunden und das Zaunrütteln nur noch 
verstärkende Begleithandlung für das H. 
im allgemeinen ist 111 ): eine eigenartige 
Sonderform wird noch für 1918 aus Ost¬ 
preußen berichtet, wo die Mädchen beim 
Zaunrütteln (Tunkeschöddern) das Echo 
befragen: „Kommst? Ja?“ Hören sie 
das Echo „ja“, so heiraten sie, und zwar 
kommt der Geliebte aus der Gegend, aus 
welcher das Echo ertönte llz ). Daß der 
Gebrauch alt ist, ergibt sich aus dem oben 
(Anm. 8) angeführten Satz des Thomas 
von Haselbach: peccant, qui querunt fu- 
tura et occulta in sepibus. 

f) Geographische Verbreitung: Es 
zeigt sich, wie auch bei vielen andern 
Orakelbräuchen, für das deutsche Gebiet 
ein starkes Vorwiegen des Südostens; die 
Mehrzahl der Belege stammt aus Schle¬ 
sien, Sachsen, Vogtland, Oberpfalz und 
Böhmen, nur vereinzelte aus den anderen 
Teilen Deutschlands 113 ); allein die Sonder¬ 
form des Zaunrüttelns ist oder war auch 
im Süden und Südwesten verbreite¬ 
ter. Außerhalb des deutschen Sprach¬ 
gebietes ist das H. u. a. bezeugt für Un¬ 
garn 114 ), die Tschechoslowakei 115 ), Finn¬ 
land 116 ), Rußland 117 ), Frankreich 117a ), 
Griechenland 118 ), Sibirien 119 ), Persien 120 ), 
Japan 121 ). Der Glaube der alten Griechen 
an xXtjoove; und der Römer an Omina 
steht mit dem H. nur in einem äußer¬ 
lichen Zusammenhang, da es sich in 
beiden Fällen um zufällig aufgefangene 
Worte u. dgl. handelt, während, wie be¬ 
reits anfangs gesagt, die bewußte Ein¬ 
stellung des Subjektes auf irgendwelche 
Gehörwahrnehmungen das eigentliche 
Kennzeichen des H.s ist. Doch finden 
sich in der antiken Überlieferung auch 
Fälle, auf die dies Kennzeichen zutrifft. 
So wird berichtet, daß Caecilia Metella 
mit ihrer Nichte, die heiraten soll, um 
Mitternacht eine Kapelle auf sucht, um 
eines Omens teilhaftig zu werden l22 ). 

g) Namen: Die Bezeichnung des Brau¬ 
ches ist meist „horchen“ oder „horchen 
gehen“, daneben finden sich mundart¬ 
liche Benennungen, die auf losen = hor¬ 
chen zurückgehen, so losngehen 123 ), los- 
nen 124 ) luasn, lusen 125 ). Leßlen 126 ) von 


321 


horchen 


322 


Losen — Los werfen wird außer für H. 
auch für andere Orakelbräuche der „Lössel¬ 
nächte“ gebraucht 127 ). 

J ) Kluge EtWb. u. d. W. 2 ) In gleichem 
Verhältnis etwa stehen bei den Römern die 
'auguria oblativa, quae non poscuntur' zu den 
‘auguria impetrativa, quae optata veniunt', 
Servius z. Aen. 6, 190. 3 ) Meißner in ZfVk. 
27, 98 s.; Gering Weissagung 6; Hoops 

Reallex. 4, 505. 4 ) Grimm Myth. 3, 407; Fried - 
berg Bußbücher 84; Boudriot Altgerm. Re¬ 
ligion 78 f. sieht hierin, wie in vielen anderen 
von Burchard bekämpften Bräuchen nicht 
germanisches, sondern arelatisch-antikes Heiden¬ 
tum, setzt sich aber doch wohl zu leicht über 
die von H. F. Feilberg Jul 2 (1904), 116 bei¬ 
gebrachten Entsprechungen aus heutigem nor¬ 
wegischen und isländischem Aberglauben hin¬ 
weg, zu denen die finnischen und schwedischen, 
oben Sp. 315 mit geteilten Bräuche hinzuzufügen 
sind; vgl. auch Radermacher Beiträge 90. 
*) Steinmeyer-Sievers Ahd. Gloss. 1, 215 
Nr. 33, vgl. 2, 365 Nr. 17 und 35, 763 Nr. 9 und 
10. 6 ) Ed. Caspari (Christiania 1886) 7 § 5; 
Boudriot a. a. O. 16 lehnt auch hier die Be¬ 
ziehung auf germanisches Heidentum ab. 
7 ) Klapper in MschlesVk. 21, 68 Nr. 20: si 
dixisti Paternoster ad fenestram auribus ob- 
turatis, ut postmodum per prima verba, quae 
audierit ab extra, mterpretetur id quod scire 
desiderat quod mortale est. 8 ) Schönbach 
in ZfVk. 12, 8 ... item peccant, qui querunt 
futura et occulta ... in sepibus ... Sic ergo 
infinitis modis et factis fiunt pacta cum daemoni- 
bus, sicut faciunt querentes scire futura a 
longis sepibus in festis Nativitatis, cuius de- 
beant sortiri conjugium; Usener Christi. Fest¬ 
brauch (1889) 86; doch kann in beiden Fällen 
auch eine Form des Holzscheitorakels (s. d.) 
gemeint sein. 9 ) z. B. Grimm Myth. 3, 470 
Nr. 954, aus Praetorius Saturnalia 3(1663); 
470 Nr. 962 (a. d. J. 1716); 448 Nr. 420 

(a. d. Rockenphilosophie 1759); 2, 932, aus 

Denis Lesefrüchte 1 (1797), 128; Schultz 

Alltagsleben 5 Anm. 1 (aus Abraham a S. 
Clara); Drechsler 1, 4 (a. d. J. 1702). 10 ) s. z. 
B. WZfVk. 32, 40; 33, 23; 34, 63 (Wien, Gegen¬ 
wart). 1X ) Drechsler 2, 86; Eisei Voigtland 
2 35 Nr. 589; Grimm Myth. 2, 932; 3, 465 
Nr. 854; 470 Nr. 962; John Westböhmen 8; 

Kap ff Festgebräuche 50; Panzer Beitrag 1, 
270; Schön werth Oberpfalz 1, 138. 144; 

ZfVk. 4, 315. Ob das „crepusculum matutinum'', 
das Faust übte, mit dem H. etwas zu tun hat, 
erscheint trotz Kiesewetter Faust 83. 94 ff. 
sehr fraglich. 12 ) Baumgarten in Heimatgaue 
7 » 7 - l 4 > John Westböhmen 3; Schönwerth 
Oberpfalz 1, 138. 13 ) John Oberlohma 155. 

14 ) Brunner Ostdt. Volksk. 160; Drechsler 
1, 4; John Westböhmen 3; Kapff Festgebräuche 
36; Klapper Schles. Volksk. 251; Lehmann 
Sudetendt. Volksk. 127; Wuttke Sächs. Volksk. 
350; MschlesVk. 2, 48; ZfVk. 32, 40; 9, 

442. 16 ) Heimatgaue 3, 291; 7, 6; John 

Bäehtoid - Stäubli, Aberglaube IV 


Wesib. 8; Kapff a. a. O.; Lehmann a. a. O.; 
Panzer Beitrag 1, 265; Schön werth Ober¬ 
pfalz 1, 138; WZfVk. 33, 23; 34, 66. 14 ) Drechs¬ 
ler 1, 28; Eisei Voigtland 45 Nr. 100; 60 Nr. 133; 
235 Nr. 589; John Erzgebirge 181; Kapff 
Festgebräuche a. a. O.; Köhler Voigtland 401; 
MschlesVk. 7, 43 Nr. 2; Witzschel Thüringen 

2, 176 Nr. 40. Bereits Burchard v. Worms bei 

Grimm Myth. 3, 407 Nr. 193 c zählt das H. 
zu den Neujahrsgebräuchen. 17 ) Drechsler 
1, 26. 28; 2, 86; Eisei 235 Nr. 589; Grimm 
Myth. 2, 932; 3, 448 Nr. 420; 3, 470 Nr. 962; 

John Oberlohma 155 (während der Christ messe); 
Kapff a. a. O.; SAVk. 24, 62; Wrede Rhein. 
Volksk . 2 12 7. Am Tage vor Heiligabend: 
Heimatgaue 7, 7 (während des Aveläutens). 
Acht Tage vor Weihnachten: Abraham a S. 
Clara b. Schultz Alltagsleben 5. 18 ) Eisei 

a. a. O.; Schön werth Oberpfalz 1, 138 f. 

18 ) Eisei a. a. O.; Köhler Voigtland 373. 401; 
Kuhn und Schwartz 376 Nr. 34; ZfdMyth. 

3, 106. 20 ) Reinsberg-Düringsfeld Böhmen 
(1864) 39. 21 ) ZfVk. 2, 401. 22 ) ZfVk. 4, 315. 
318. 23 ) s. Anm. 44. 24 ) Grimm Myth. 2, 934. 
25 ) z. B. Eisei Voigtland 43 Nr. 100; 60 Nr. 133; 
235 Nr. 589; Grimm Myth. 3, 407. 470 Nr. 962 
= Panzer Beitrag 1, 270; John Erzgebirge 181; 
Klapper Schles. Volksk. 251; Köhler Voigt¬ 
land 401; MschlesVk. 7, 43 Nr. 3; WZfVk. 32, 
40. Auch im außerdeutschen Aberglauben: 
Zelenin Russ. Volksk. 379; Hastings Encycl. 

4, 802b (Japan). 26 ) Brunner Ostdt. Volksk. 

160; Eisei 235 Nr. 589; Grimm 3, 465 Nr. 854; 
Köhler 373. 401. 27 ) Grimm 3, 488 Nr. 420 

(Rockenphilosophie); Drechsler 1, 26. 28 ) 

Wuttke 248 Nr. 359 (Erzgebirge). 29 ) Vgl. 
z. B. die Parallelen zu Burchard bei Rader¬ 
macher Beiträge 103, ferner Deubner De 
incubatione 27. Sehr bedeutungsvoll ist die 
noch für heute bezeugte Verwendung des Kalb¬ 
fells beim H. in Finnland (s. o. Sp. 316). 
Auch in dem Taghairen der Kelten, das ge¬ 
wisse Verwandtschaft mit dem H. hat, spielt 
die Kuhhaut eine Rolle: der Orakelsu¬ 
chende wird in sie eingehüllt, s. Dalyell 
Darker superstitions of Scotland (1834) 495: 
Campbell Superstitions of the Highlands 
(1900) 3040.; Macculloch Religion of the 
ancient Celts (1911) 249. 30 ) Urquell N. F. 1, 

165 (Oberösterreich). 31 ) ZfVk. 4, 315 (Ungarn). 
32 ) Grimm Myth. 2, 932; 3, 470 Nr. 962; 

Wuttke Sächs. Volksk. 350. M ) Heimatgaue 
7, 14. 84 ) Grimm 2, 936; Drechsler 1, 11; 
John Erzgebirge 142. 3S ) Kuhn u. Schwartz 
376 N. 34; Schönwerth Oberpfalz 1, 138. 

38 ) John a. a. O. 37 ) Drechsler 2, 86. 38 ) John 
Oberlohma 155; Grimm Myth. 2, 932. Verein¬ 
zelt steht die auf persönlicher Erinnerung 
beruhende Angabe von Denis (* 1729 in 
Schärding) Lesefrüchte 1 (1797), 128, daß sich 
die H.de in eine Pferdekrippe (Barn) legte. 

39 ) Panzer Beitrag 2, 135. 40 ) SAVk. 24, 62. 

41 ) Drechsler 1, 4 (a. d. J. 1702); Grimm 
3, 451 Nr. 506; Kapff Festgebr. 50 (auch am 
Butterfaß); Panzer 1, 265; Schönwerth 1, 

11 


323 


horchen 


324 


144. Auch in den Backofen wird hineingehorcht: 
Fogel Pennsylvania 123 Nr. 537; ZfdMyth. 3, 
336, und auf das Geräusch der Mohnstampfe 
geachtet: ZfVk. 8, 251. Hier, wie auch sonst 
oft, berührt sich das H. mit der Geräusch¬ 
wahrsagung (s. d.). 42 ) Oben 2, 121. 43 ) Nach 

freundlichen Mitteilungen von Hrn. Pastor 
Mag. W. Wiren (Borgä). 44 ) Eisei Voigtland 235 
Nr. 589; Köhler Voigtland 401. 45 ) Drechsler 
1, 28; Heimatgaue 7, 6; John Westböhmen 3; 
MschlesVk. 21, 68 Nr. 20 (Antonin v. Florenz: per 
prima verba, que audierit ab extra); Witzschel 
Thüringen 2, 176 Nr. 40. 46 ) Witzschel a. a. O. 
47 ) Eisei 235 Nr. 589; Köhler 401; vgl. oben 
I, 858. 48 ) John Westböhmen 3. 49 ) Meiche 

Sagen 234 Nr. 296. 60 ) Köhler 401; Urquell 

1, 103; WZfVk. 33, 23; 34; 63. 61 ) Kapff 

Festgebräuche 50. 62 ) Brunner Ostdt. Volksk. 

160; Eisei 235 Nr. 589; Urquell N. F. i, 165 
(solange man sich außerhalb der Dachtraufe 
befindet; warnende Sage von der Bestrafung 
einer Ubertreterin dieses Gebotes). 53 ) Eisei 
a. a. O. 84 ) Eisei a. a. O.; John Westböhmen 8; 
Zauberdreieck: Drechsler 1, 26. ö5 ) Eisei 45 
Nr. 100; 60 Nr. 133; 235 Nr. 589; Köhler 401. 
6a ) Grimm Myth. 3, 451 Nr. 506. 67 ) Grimm 
3, 470 Nr. 962; vgl. 3, 465 Nr. 854. 68 ) Antonin 
v. Florenz in MschlesVk. 21, 68 Nr. 20. 

*®) Meiche Sagen 234 Nr. 296. ®°) John Erz¬ 

gebirge 141; John Westböhmeny, Klapper Schles. 
Volksk. 251; Schönwerth Oberpfalz 1, 139; 
Jungbauer Bibliographie 137 Nr. 822; 139 
Nr. 831. 61 ) Heimatgaue 7, 6. 62 ) Kuhn u. 

Schwartz 376 Nr. 34 (Uckermark; der Be¬ 
fragende reitet vorher auf einem Besen zum 
Schweinestall). 63 ) Weinhold Ritus 44, der auf 
den einst in Norwegen und auf Island ge¬ 
brauchten blötspann, Opferspan, verweist. 
M ) John Erzgebirge 142; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 139. ® 6 ) Schönwerth a. a. O. (drei¬ 

mal). M ) Heimatgaue 7, 7 (Zwetschgenbaum); 
Lehmann Sudetendt. Volksk. 128; Drechsler 
1, 4 (Birnbaum). ® 7 ) Heimatgaue 7, 7. 68 ) Ebd. 
3, 291. ® 9 ) Grimm Myth. 3, 451 Nr. 507; 

ZfVk. 4, 315 (Ungarn). 70 ) Männling Alber¬ 
täten 196. 71 ) Wuttke 238 § 341. 72 ) Ur¬ 
quell N. F. 1, 165. 73 ) Ebd. 74 ) Ebd.; Eisei 

Voigtland 235 Nr. 589; Grimm Myth. 2, 932; 
John Erzgebirge 181. 75 ) Brunner Ostdt. 

Volksk. 160; WZfVk. 34, 63; ZfVk. 9, 442. 
7< ) Brunner a. a. O.; ZfVk. 9, 442. 77 ) Köhler 
Voigtland 401. 78 ) ZfVk. a. a. O.; Brunner 

a. a. O.; Köhler a. a. O. (Läuten auch = Feu¬ 
ersbrunst, vgl. Eisei Voigtland 235 Nr. 589); 
John Westböhmen 3. 79 ) John ebd. 80 ) Kapff 
Festgebräuche 50; auch die verschiedenen Ge¬ 
bräuche beim H. in den Höllhafen werden auf 
den Beruf des Zukünftigen gedeutet: Panzer 
Beitrag 1, 265. 81 ) WZfVk. 34, 63. 82 ) Ebd.; 
ZfVk. 9, 442. M ) Urquell N. F. i, 165. **) 
MschlesVk. 2, 48. w ) „per prima verba": 
Antonin v. Florenz in MschlesVk. 21, 68 Nr. 20. 
86 ) Drechsler 1, 28; Heimatgaue 7, 6; Ho- 
vorka-Kronfeld 2, 175; John Westböhmen 3: 
.»Ich kloapf oan und fräigh, wos i kröich an 


Moa"; Urquell 1, 103. 87 ) Grimm Myth. 2, 

936; John Erzgebirge 142; vgl. oben 1, 257 
Anm. 22. 88 ) Kuhn u. Schwartz 376 Nr. 34; 
Schön werth Oberpfalz 1, 138; Wrede Rhein. 
Volksk. 2 127, vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 101. 
8 ®) John Erzgebirge 142. ®°) Drechsler 2, 86. 
fil ) Köhler Voigtland 401. ® 2 ) WZfVk. 33, 23. 
93 )BrunnerÖ5^/. Volksk. 160; John Erzgebirge 
142. ® 4 ) Heimatgaue 7, 7. ® 5 ) John a. a. O.; 

Jungbauer Bibliographie 103 Nr. 831; Schön- 
werth Oberpfalz 1, 138. ® 6 ) Drechsler 1, 8 f. 
John Erzgebirge 142; John Westböhmen 3; 
Schnippei Ostpreußen 2, 159 Anm. 7; Verna - 
leken Mythen 339. Läßt sich kein Hund ver¬ 
nehmen, so besteht keine Aussicht auf Heirat im 
kommenden Jahr, s. D. Stoppe bei Weinhold 
Ritus 7: „Man deckt den Tisch, man schüttelt 
Zäune, und schweigt der Hund, so fällt der 
Schluß, man bleibe noch dieß Jahr daheime"; 
vgl. a. John Erzgebirge 141 = so oft der Hund 
bellt, so viel Jahre sind es noch bis zur Hochzeit. 
® 7 ) Drechsler a. a. O.; John a. a. O.; Köhler 
Voigtland 400; Lehmann Sudetendt. Volksk. 
127; Manz Sargans 140; Meyer Baden 167; 
MschlesVk 1, 58. 2, 48; Nork Festkalender 750; 
Peuckert Schles. Volksk. 118; Schnippei Ost¬ 
preußen 2, 160; Urquell 1, 100; ebd. N. F. 1, 71; 
Vernalekena. a.O.; Witzschel Thüringen 2, 
155 ; Wolf Beiträge 1, 71. ® 8 ) Meyer Baden 167. 
®*) Drechsler 1, 24; Schnippei 2, 159 t. 
10 °) Drechsler 1, 8;MschlesVk. 1,58; Peuckert 
Schles. Volksk. 118 (den „Reenzaun" muß 
außerdem der Sohn eines Vaters mit gleichem 
Vornamen errichtet haben); Schnippei a. a. O. 
101 ) Drechsler 1, 9; John Erzgebirge 141; 
Schnippei a. a. O.; Witzschel Thüringen 2, 
177 Nr. 48. 102 ) Vernaleken Mythen 336. 

103 ) Lehmann Sudetendt. Volksk. 127. 104 ) WZf¬ 
Vk. 33, 11 (moderner Großstadtaberglaube). 
106 ) John Erzgebirge 142; Köhler Voigtland 572 
Nr. 190. 106 ) Drechsler 1, 8f.; John a. a. O. 
(auch an die Wäschestange); MschlesVk. 1, 58; 
2, 48; Schulenburg Wend. Volksth. 127; 
Vernaleken Mythen 336; 107 ) Jungbauer 

Bibliographie 139 Nr. 831; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 138; Urquell N. F. 1, 309. 108 ) Drechs¬ 
ler 1, 9;Peuckert Schles. Volksk. 118. 10 ®) John 
Westböhmen 3. no ) Lehmann Sudetendt. 
Volksk. 127. m ) Manz Sargans 140; Urquell 1, 
100; Vernaleken Mythen 336; WZfVk. 33, 
11; John Erzgebirge 142 (das Mädchen horcht 
hinter dem Astloch einer Bretterwand kniend, 
bis Hundegebell ertönt). 112 ) Marquardt 
Ostpr. Heimat 6 bei Schnippei Ostpr. 2, 160. 
ll3 ) Nach Müller-Fraureuth Wörterbuch 2, 
527 scheint heute das H. auch in Sachsen nicht 
mehr üblich zu sein. ll4 ) ZfVk. 4, 315 f. 

118 ) Reinsberg-Düringsfeld Böhmen 39; Ur¬ 
quell N. F. 1, 309. 116 ) S. oben Sp. 315. U7 ) Ze- 
lenin Russ. Volksk. 379. 11? a) Sebillot Folk- 
Lore 3, 101. 118 ) ZfVk. 2, 401. 119 ) Urquell 4, 
117. 12 °) Grimm Myth. 2, 934 Anm. 2. 121 ) ZfVk. 
27, 102. 122 ) Cicero De divinatione 1, 46; Va¬ 
lerius Max. 1, 5, 4. 123 ) Heimatgaue 7, 6. 

124 ) Kapff Festgebräuche 50. 125 ) John West- 


. 


325 


Horn I 


326 



i> 


ff 

fr 

T 




böhmen 3. 8. 126 ) Abraham a S. Clara b. 

Schultz Alltagsleben 5. 127 ) Schmeller 1, 

1519; Grimm 3, 322; vgl. Los. Boehm. 

Horn I. 

i # Bei den verschiedensten Völkern gilt 
das H. als ein wirksames Schutzmittel 
gegen böse Mächte und dämonische Ein¬ 
flüsse J ). Man glaubte, daß die gewaltige 
Kraft, die das lebende Tier durch es be¬ 
sitzt, selbst dann noch dem H. innewohnt, 
wenn es vom Tiere abgetrennt ist. Aus 
diesem Grunde wurden ehemals als Haus¬ 
schutz Büffelhörner, Renntiergeweihe oder 
H.figuren an Häusern im Bergischen 2 ) 
und in Sachsen 3 ) angebracht. Bei 
Augustenburg auf Alsen waren im 18. Jh. 
die Giebelbretter noch wie Ochsenh.er 
geformt, ähnlich den jetzigen auf der 
dänischen Insel Lolland 4 ). In Branden¬ 
burg werden Ziegenh.er am Hausgiebel 
befestigt zum Schutze gegen Blitz 5 ). 
In Böhmen wird mit dem H. eines weißen 
Ziegenbocks die Scheuer ausgeräuchert, 
wodurch Ratten und Mäuse ferngehalten 
werden 6 ). Überhaupt bringt Ziegenh. 
Glück 7 ). Im Salzburgischen dient H. 
als Schutz gegen Giftschlangen. Durch 
H.teile, die am Körper getragen werden, 
ist man vor Seuchen gefeit 8 ). Um Wanzen 
zu vertreiben, siedet man die vom Be¬ 
schlagen eines Pferdes herrührenden Horn¬ 
abfälle, mit denen man dann die Bett¬ 
laden bestreicht 9 ). Zum Schutze der 
Rinder sägt man in Woldenberg ein Stück 
vom H. ab und heftet es mit einer Nadel 
an den Futtertrog 10 ). Auf diesen ur¬ 
sprünglich weitverbreiteten Brauch geht 
wohl eigentlich das H.abschneiden zu¬ 
rück, das im Frühjahr, bevor das Vieh 
auf die Weide getrieben wurde, feierlich 
vorgenommen wurde 11 ). Das in der 
Kirche zu Woldegk aufgehängte H. 
schützt das in diesem Dorf befindliche 
Vieh vor der Seuche 12 ). Wenn in Alpirs- 
bach die Eltern ihre Kinder auf das über 
dem Portal ihrer Kirche hängende H. hin- 
weisen 13 ), soll wohl dieser Anblick die 
Kinder gegen Seuchen gefeit machen. 
Auch zu Heilzwecken kommt das H. 
vor. Wer plötzlich stumm wird, schabe 
etwas von einem Rindsh. und lege es 
in „Meyeron Wasser und trink's, dan es 


hilfft“ 14 ). Schlaflosigkeit glaubt man in 
Island dadurch heilen zu können, daß 
man einem daran Leidenden ein Ziegenh. 
unter den Kopf legt 15 ). Vor einem 
Widderhorn, das verbrannt wird, fliehen 
nach isländischem Glauben Geister und 
Dämonen 16 ). 

l ) Fehrle Geoponica 21; Seligmann 
Blick 2, 135—138. 375 ff. ; Scheftelowitz 

ARw. 15, 474 ff. 2 ) Schell Globus 91, 364; 
Z. E. 1898, 40f. 3 ) Wuttke Sachs. Volksk. 2 454. 
4 ) Meyer Deutsche Volksk. 70. 5 ) ZfVk. 1, 190. 
6 ) Grohmann 62; Wuttke 3 126. 7 ) Müller 
Jsergeb. 12. 8 ) ZfVk. 31, 93. ®) Manz Sargans 95. 
10 ) ZfVk. 1, 187. u ) Birlinger Aus Schwaben 2, 
349; Bronner Sitt’ u. Art 172; Fabricius 
Deposition 65. 12 ) Bartsch Mecklenburg 1, 361. 
13 ) Birlinger Volksth. 1, 156. 14 ) Zahler 

Simmenthal 78. 15 ) ZfVk. 13, 273. 18 ) ebd. 13, 275. 

2. Ebenso wie die Asche, die ein be¬ 
sonders wirksames Schutzmittel gegen 
Unheil ist, wenn sie an Fastnacht, hl. 
Abend und Ostern angewandt wird, ist 
auch die an den gleichen Festen vor¬ 
kommende H.figur zu beurteilen. H.- 
artige Gebäcke spielen nicht nur in 
der Osterzeit 17 ) und am hl. Abend 
(= Bachl-Abend) 18 ), sondern vor allem 
an Fastnacht eine Rolle. Das zu letzterem 
gebackene H.gebäck heißt H.affe, das 
als Doppelhorngebäck, dann auch als 
Kringelgebäck vorkommt 19 ) (s. Sp. 337). 

17 ) Höfler Ostergebäcke 66. 18 ) WZfVk. 31, 93. 
19 ) Höfler Fastengebäcke 51 ff. 80. 

3. Als Behälter ist das H. das Symbol 
der Fülle und des Gedeihens (= Füll¬ 
horn) 20 ). Das Trinkh. war bei den alten 
Germanen üblich 21 ). In der Mythologie 
trinken Odin und Mimir aus Hörnern 22 ). 
Die christliche Kirche verbot den Neube¬ 
kehrten den Gebrauch der Trinkh.er. Nur 
wo keine anderen Geschirre vorhanden 
waren, durfte man aus den H.em trinken, 
wenn man zuvor das Kreuzzeichen darüber 
gemacht hatte 23 ). Die Sage vom unheil¬ 
bringenden Trinkh. der Grafen v. Olden¬ 
burg scheint auf dieses christliche Verbot 
zurückzugehen 24 ). 

*°) Grimm Mythol. 2, 726 f.; Helm Relig- 
gesch. 1, 393; Wissowa Relig. 180. 269; Gün- 
tert Kalypso 55. 243; Usener Sintflut 267; 
Scheftelowitz ARw. 15, 485. 2l ) Grimnism. 
1, Qvida Brynhildar I, 2. 22 ) Das. I, 13; Sim- 
rock Mythol . 6 211. 23 ) Widlak Synode v. 

Liftinae 30. 24 ) Wolf Beitr. 2, 276; Urquell 

4, 208. 


327 


Horn II 


328 


4. Reste der primitiven Tierverehrung 
sind in der Vorstellung enthalten, daß 
Götter und Dämonen H.er auf dem Haupte 
tragen 25 ). In der Gegend von Lausanne 
kommen gehörnte Männlein 26 ) und bei 
den Angelsachsen gehörnte Dämonen 
vor 27 ). Altchristlich ist der Glaube, daß 
der Teufel H.er hat 28 ). Er spießt in 
Gestalt eines Ochsen einen Genossen des 
hl. Martinus (4. Jhdt.) mit seinen H.ern 
auf 29 ). Die Deutschen haben sich den 
Teufel ursprünglich als schwarzen Bock 
vorgestellt. Von ihm hat er seinen 
Bocksfuß und seine H.er 30 ). Ebenso wie 
in Indien Dämonen, die die Frauen heim’ 
suchen, H.er in den Händen haben 31 ), 
haben die Hexen der Walpurgisnacht ein 
H. in der Hand 32 ). Diese Vorstellung 
stammt aus der Kulturstufe, in der die 
H.waffe üblich war 33 ). So tötet Freyr 
mit einem Hirschh. den Beli 34 ). 

26 ) Schef telowitz ARw. 15, 460 ff.; ders. 
Altpersische Rel. 98 ff. 26 ) Roch holz Sagen 1, 
345. 2? ) Fischer Angelsachsen 13. 28 ) Schef - 
telowitz Altpers. Rel. 99. 29 ) Grimm Myth. 

946 f. 961; Deutsche Rundschau 1875, Bd. 4, 
342; Schmitz Eifel 2, 60; Schell Bergische 
Sagen 85, 574; Grupp Kulturgesch. d. MA.s 2 38; 
Schönwerth Oberpfalz 3,40. 30 ) Atharvaveda 
VIII 6 , 14. 31 ) Simrock Mythol . 6 471; Kuhn 
u. Schwartz 26 ff. 471 f. 32 ) Simrock 
Mythol .* 64. 330. 

5. Uber den Ursprung der Redewen¬ 

dungen: „jemd. H.er aufsetzen“ und 
,,sich die H.er ablaufen“ s. Ger¬ 
mania 4, 237; 29, 59 f.; Weigand-Hirt 
Deutsches Wb. 1, 891. Scheftelowitz. 

Horn II (Musikinstrument) und Trom¬ 
pete (T.). Man hat den T.ninstrumenten im 
Laufe ihrer Geschichte und der Entwicke¬ 
lung menschlicher Kultur zauberhafte und 
sakrale Wirkungen in verschiedenster 
Hinsicht zugeschrieben. Im deutschen 
Volksglauben hat sich von solchen An¬ 
schauungen vor allem jene erhalten, die 
dem Klange dieser Instrumente eine dä¬ 
monenabwehrende Kraft zuschreibt. Das 
zeigt sich an folgenden Belegen. In Zei¬ 
ten, da nach der Volksanschauung die 
Macht schädigender Geister besonders 
groß ist, bläst man H.er. So ertönen im 
Westfälischen allabendlich von Advent 
(s. d. 2 d) bis zur Christmette die Midde- 
winters- oder Dwerth.er 1 ). In Tirol 


ziehen in der Klöpfelsnacht junge Bur¬ 
schen mit allerhand Lärminstrumenten 
aus, angeführt von Bock- 2 ) oder Kuh¬ 
hornbläsern 3 ), um die schlimmen Geister 
abzuwehren. Die pommerische Sitte, daß 
in der Silvesternacht der Nachtwächter 
vor jedem Hause bläst und hiebei von 
der mit Nachtwächterh.ern und Heul¬ 
instrumen ten versehenen Jugend unter¬ 
stützt wird 4 ), hat wohl ebenfalls eine 
apotropäische Entstehungsursache. Wenn 
in der Walpurgisnacht die Dorfjugend ins 
Feld eilt, um durch allerhand Radau die 
Hexen zu vertreiben, so fehlt auch hiebei 
nicht der Klang desH.s 5 ),und man glaubt, 
so weit dieser reiche, müsse die Hexe sich 
entfernen 6 ). Auch in den täglichen Kampf 
mit den Nachtgespenstern stellt das H. seine 
Dienste: wir müssen hieher die Übung 
schweizerischer Sennen rechnen, beim all¬ 
abendlichen Einsegnen der Alpen das 
Alph. zu blasen 7 ), und der letzte Grund 
für die einst geübte Sitte, den Morgen¬ 
gruß zu blasen, war wohl ebenfalls der 
Wunsch, mit diesen Tönen die Nacht¬ 
gespenster endgültig zu verbannen 8 ). 
Hingewiesen sei hier auch noch auf das 
von den Juden an den Neumondstagen 
und zu Jahresbeginn ausgeführte Scho- 
farblasen, dessen Zweck einst ebenfalls 
gewesen sein dürfte, die Dunkelheit zu 
verscheuchen 9 ). 

Da Gewitter nach verbreiteter Vor¬ 
stellung Unholdswerke sind, glaubt man 
sich gegen sie ebenfalls durch das Blasen 
von H.ern schützen zu können 10 ). Im Vor¬ 
lande des Böhmerwalds ist das Blasen 
des Wetterh.s Pflicht des Türmers, der 
zur Entschädigung von der Gemeinde das 
sog. ,,Hörnlkorn“ erhält 11 ). Solche H.er 
dürfen keinem profanen Zwecke die¬ 
nen 12 ); es heißt auch, sie müßten von 
einem reinen Jüngling geblasen werden, 
sündige könnten keinen Ton aus ihnen 
herausbringen 13 ), oder man müßte einen 
geweihten Handschuh anziehen, bevor 
man das H. ergreife 14 ). 

Da man bei Mondfinsternissen vielfach 
glaubte, das Gestirn sei von einem schlim¬ 
men Wesen bedrängt, das es zu ver¬ 
schlingen sucht, sprang man ihm durch 
Lärmen und H.blasen bei 15 ), eine Sitte* 


329 


Horn II 


330 



die nicht nur Primitive, sondern auch 
unsere heidnischen Vorfahren ausübten 16 ). 

Auch Krankheit gilt dem Primitiven 
als Dämonenwerk, T.ngeschmetter wen¬ 
det er als Heilmittel an 17 ). In anderem 
$ Sinne wird die T. bei Geschwüren hei¬ 
lend gebraucht in Siebenbürgen: man 
bläst das Instrument über dem Ge¬ 
schwür, richtet dann ein Gebet an den 
hl. Blasius (!), er solle die Krankheit in 
denWald treiben, und stößt hierauf einige- 
male in die T. in Richtung des Waldes 18 ). 
Bei vielen Völkern spielen H. und T. 

. eine starke Rolle in deren schärfster 
und aufregendster Lebensbetätigung, im 
Kampfe. Auch hier spielt das Dämonische 
mit: wie sehr man überzeugt war, in der 
Schlacht nicht nur gegen den Feind selbst, 
sondern auch gegen allerhand von diesem 
angestellten Zauber ankämpfen zu müs¬ 
sen, dafür bieten u. a. nordische Sagas 
i) eine Menge Beispiele. Man erlebte das 
Heerh. aber nicht nur als Schreckmittel, 
sondern fühlte unter seinem Klange die 
eigene Kampfesfreude angefacht und die 
Siegeszuversicht gesteigert 19 ). Aus sol¬ 
chen Erlebnissen heraus entstehen die 
Sagen von Heerh.ern mit zauberhaften, 
siegesfördernden Eigenschaften: von Ro¬ 
lands Olifant, der meilenweit gehört 
> wird 20 ), von den Hörnern, deren Ton die 

l _ * 

Erde erzittern macht 21 ) und Mauern, 
Festungswerke, Städte und Dörfer über 
den Haufen fallen läßt 22 ); man umrankt 
berühmte Schlachthörner, wie den ,,Stier 
von Uri“ mit Sagen, die ihren mythischen 
Ursprung erweisen sollen 23 ), und es ist 
verständlich, daß noch in neuester Zeit 
das H. bei einem Regimente als sein Ta¬ 
lisman gelten konnte 24 ). Genannt wer¬ 
den muß hier auch das Gjallarh., das 
nach der nordischen Weltuntergangssage 
Heimdall einst blasen wird; man wird es 
in allen Welten hören und die Scharen 
der Hel werden über seinem Klang er- 
* zittern 25 ). Auch in der christlichen Es- 
|j chatologie wird das Ende der Dinge 
^ durch H.- 26 ) bzw. Posaunenstöße ein¬ 
geleitet 27 ). 

Aus dem Erlebnis des H.s als dem In- 
= . Strumen t, mit dem man sich Hilfe herbei- 
? rief, entstehen Sagen von Zauberh.em an¬ 


derer Art. So sollen die Herren von Buren 
ein Hifth. besessen haben, das, in der 
Gefahr geblasen, einen geharnischten Rit¬ 
ter als Helfer herbeirief 28 ). Auch in einer 
siebenbürgischen Sage werden durch das 
Blasen eines H.s dämonische Geister dem 
Besitzer untertan 29 ). Für den Türmer 
soll es gefährlich sein, nach einer gewissen 
Richtung hinauszublasen (Nord oder Süd), 
da sonst die Toten aus den Gräbern er¬ 
stehen und Rache nehmend am Turme 
hinaufklettern 30 ), oder gar der Teufel 
kommt und dem Türmer das Genick 
bricht 31 ). 

Auf einer anderen magischen Eigen¬ 
schaft als der des Dämonenverscheu- 
chens 32 ) beruht die Verwendung des H.s 
im Fruchtbarkeitszauber 33 ). Ob als ein 
letztes Aufflackern solcher Gedanken¬ 
gänge zu buchen ist, wenn im Saarge¬ 
biet die Begleiter des Pfingstquacks auf 
„Tuten“ blasen, die sie sich aus Erlen- 
rinde verfertigt haben 34 ) ? 

Daß bei diesen verschiedenfachen ma¬ 
gischen Verwendungen H. und T. in vie¬ 
len Kulten einen hervorragenden Platz 
sich sicherten, leuchtet ein 35 ). Für das 
germanische Gebiet sei in dieser Hinsicht 
an die vorgeschichtlichen Luren er¬ 
innert 36 ). 

x ) Sartori Westfalen 2 135 mit weiteren Be¬ 
legen S. 197. Ebenso in Südholland s. Curt 
Sachs Geist und Werden der Musikinstrumente 
(Berlin 1929) 85. 2 ) Hermann Mang Unsere 
Weihnacht (1927), 24. 3 ) Hörmann Volksleben 
220. 4 ) BlpommVk. 4, 75. 6 ) Herzog Volks - 

feste 212; Reinsberg Fest fahr 137; Bavaria 
3, 302 f. Vielleicht lag einst dem in Schweden 
geübten H.blasen als Zauber oder Schreck¬ 
mittel gegen Raubtiere (Dybeck Vallvisor 
S. IV; s. ferner Budkavlen 8/2, 21 f.) eine ähn¬ 
liche Anschauung zugrunde. ®) Schönwerth 
Oberpfalz 1, 317; Bavaria 2, 272; vgl. ZföVk. 13, 
20 (Gottschee). 7 ) Sachs Geist und Werden 
33 = Sammelb. der intern. Musikges. 1900, 
II, 669; nach der Sage verziehen sich auch die 
Naturgeister infolge des Blasens, so im Ennstal 
die Wildfrauen, seit das Wurzhomblasen auf- 
gekommen ist: Das dtsche Volkslied 28 (1926), 
12 u. 79t. 8 ) Curt Sachs Die Musikin¬ 
strumente (Breslau 1923), 22. 9 ) So Sachs 

Geist und Werden 132; Reik sieht in Probleme 
der Religionspsychologie 1 (1919), 211 in dem 
Blasen des Widderh.s die Nachahmung der 
Stimme des einst totemistisch als Widder 
verehrten Judengottes. S. a. ARw. 15, 486. 
10 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 120 f. ; ZföVk. 17, 



33i 


Horn II 


332 


49 (Böhmerwald). Bei Tharsander Schau¬ 
platz 3, 95 ist die, den Otia imperialia des 
Gervasius von Tilbury entnommene Legende 
vom hl. Simeon wiedergegeben: dieser soll einst 
einem Soldaten ein H. geschenkt haben, das 
während eines Unwetters geblasen alle Gewitter¬ 
furcht schwinden läßt und bewirkt, daß das 
Unwetter keinen Schaden anrichtet, soweit 
der Schall des H.es reicht. n ) Bavaria 2, 272 
Anm. 1. 12 ) ZföVk. 2, 191. 13 ) ebd. 2, 128 mit 
weiterer Literatur. I4 ) SuaZfVk. 2, 73. 131 
(noch 1879 geblasen). — Tschechische Belege s. 
ZföVk. 2, 336; 3, 191. Tont.n der Bretagne für 
Wetterzauber s. Sachs Geist u. Werden 151. 
lß ) z. B. ARw. 3, 114 (Aschanti); nach Tacitus 
Ann. 1, 28 bliesen die pannonischen Legionen im 
Jahre 14 n. Chr. bei einer Mondfinsternis ihre 
H.er (s. a. Samter Geburt 79). lß ) Bronner Sitt* 
und Art 23f. mit Anm. 11 S. 349 f. 17 ) Frazer 
9 [6], 116. 117 (gegen Cholera in Birma und 
China); ARw. 15 486t.: Garo in Assam; sla- 
vische Juden bei schweren Geburtswehen und 
bei Besessenen. 18 ) Wlislocki Sieb. Volksgl. 93. 
19 ) S. a. Sachs Geist u. Werden 36; dort auch 
Hinweis auf die aus der Mythologie bekannten 
Schneckent.n Vishnus und Tritons, die ihren 
Bläsern zum Sieg verhalfen. 20 ) Rolandslied 
hrsg. v. Bartsch V. 6053 ff.; Sebillot Folk- 
Lore 4, 335; Staricius Heldenschatz (Ausg. 
v. 1623 S. 45) mißt dem H.e Rolands die 
magische Kraft zu, die Feinde in die Flucht 
zu schlagen auf Grund von ,»glaubwürdigen 
Historien von Rolando". S. a. Salmon und 
Morolf , hsg. v. Fr. Vogt (Halle 1880) XLIIff. 
(russ.). 21 ) Kudrun hsg. von Martin V. 1394. 
22 ) Bolte-Polivka 1, 464 ff. zu Grimm 

Märchen Nr. 54; Aar ne in Memoires de 
la Soci6te finno-ougrienne 25 (1908), 83 ff. 

Am bekanntesten ist die Sage vom Einsturz i 
der Mauern Jerichos (Jes. 6, 4), die manches 
Kopfzerbrechen gekostet hat in dem Bestreben 
nach rationalistischer Erklärung: s. Tharsan¬ 
der Schauplatz 3, 310 ff.; vgl. Reik Probleme 
der Religionspsychologie 1, 181; Sachs Geist, 
und Werden 132. S. a. Rolandslied hsg. v. 
Bartsch S. 305 ff.; L. M. Lindemann u Kläre 
og nyere Norske Fjeldmelodier Nr. 322. 23 ) 

Rochholz Sagen 2, 14. 24 ) Kronfeld Krieg 

79 f. 25 ) Gylfaginning cp. 26 und 45 (Ausg. von 
F. Jönsson S. 30 u. 51); Voluspd Str. 46. 
Das Gjallarh. wurde von Mythologen schon als 
Mondsichel gedeutet: Simrock Myth. Q 211, 
ferner als Gewitter oder Sturm: ZfdMyth. 2, 
311 f. Anm. 4 (Mannhardt). In der indischen 
Mythologie bläst Shiva am Ende aller Zeiten 
in die Schneckent.: Sachs Die Musikinstru¬ 
mente Indiens 168. 26 ) Muspilli V. 73. 26 ) S. 

auch die Belege bei Buhle Die musik. In¬ 
strumente in den Miniaturen des Mittelalters 1 
(Leipzig 1903), 22. 26. 28. 28 ) Argovia 17, 44 

mit weiterer Lit. 29 ) Haltrich Siebenb. Sachsen. 
®°) Gräber Kärnten 198. 31 ) Jahn Pommern 

265 f. = Temme Volkssagen Nr. 119. 32 ) Vgl. 
Sachs Geist und Werden 33. 35. 33 ) S. dazu 

ebd. 85. Fox Saarl. Volksk. 415. 35 ) Vgl. 


Sachs Geist und Werden 151; ders. Altägyptische 
Musikinstrumente (Leipzig 1920), 9; Frazer 2, 
2 4 (Botutos); Sachs Die Musikinstrumente 
Indiens 168; T. blasen bei der Feier der Wieder- 
erstehung des Dionysos: Frazer 7 [5, 1], 15; 
beim Herbeirufen des Lenzgottes Attys: Sachs 
Die Musikinstr. Indiens 17 f.; beim Purimfest 
der Juden des Mittelalters in Italien: Frazer 
Scapegoat 394. Bei den Totenfeiern hat das T.n- 
blasen vermutlich dämonenabwehrenden Zweck; 
für das antike Rom bezeugt durch Horaz sat. 
I, 6, 42, s. a. Pauly-Wissowa 11, 1, 263 und 
Sachs Geist und Werden 193; die Juden blasen 
das Schofar beim Leichenbegärgnis * ARw. 15, 
487; in Indien werden beim Verscheiden eines 
der Krieger-Kaste Angehörigen vom Augenblick 
des Todes bis zur Beendigung der Totenfeier 
zwei Tuben geblasen: Sachs Die Musikinstru¬ 
mente Indiens 169. S. a. Das dtsche Volkslied 26 
(1926), 78 (Rumänien) und Sachs Geist und 
Werden 79. Schneckent.n spielen in totemisti- 
schen Kulten eine ausgebreitete Rolle: Sachs 
Geist und Werden 34t., ebenso Tuben: ebd. 32 f. 
36 ) s. Prähistorische Zeitschrift 7, 85 ff.; Ebert 
Reallexikon 8, 356 ff. (Behn). 

2. Zu schädigendem Zauber benützen 
das H. die Hexen: sie wissen mit ihm Nebel 
zu erzeugen 37 ). Es scheint dies ein alter 
Wahn zu sein, denn bereits in der Kaiser¬ 
chronik wird die Hexe als hornbläse be¬ 
zeichnet 38 ), und auch späterhin läßt sich 
dieses Wort als Bezeichnung für ,,Wetter¬ 
hexe“ nachweisen 39 ). 

37 ) Hertz Elsaß 203 = Dorlan Noiices histo- 
riques sur l'Alsace 2, 213 (Colmar 1843). 38 ) Hsg. 
v. Ed. Schräder (Hannover 1892) V. 12184, 
s. a. Lexer Mhd. Handwörterbuch 1, 1341. Vgl. 
ferner Child The English and Scottish Populär 
Ballads 1, 314. 3Ö ) Sc hm eil er BayWb. 1, 1164. 

3. H.er- und T.ntöne glaubt das Volk in 
Verbindung mit allerhand Spuk zu ver¬ 
nehmen. Regimentstrompeter aus dem 
Dreißigjährigen 39a ), den Schweden- 40 ) oder 
Befreiungskriegen 41 ) will man an bestimm¬ 
ten Stellen als Geister noch ihr Instrument 
blasen hören; bei einer Ruine im Vogtland 
bläst zu gewissen Tagen der einstige Burg¬ 
trompeter das Lied: ,,Allein Gott in der 
Höh’ sei Ehr“ 42 ); in einem andern Falle 
spinnt man um vermeintlich vernommene 
T.n-töne die Sage von einem Trompeter, 
der, wortbrüchig, wieder ins Kriegsleben 
sich zurückbegab und von seiner Frau ver¬ 
flucht wurde 43 ). Als in München ein Turm 
eingerissen werden sollte, auf dem der 
Zug des Kaisers mit Adel und Ritterschaft 
angemalt war, hörte man nachts die Rei¬ 
sigen unter T.ngeschmetter abziehen 44 ). 


333 


Horn II 


334 





Eine fränkische Sage weiß von einer vor¬ 
nehmen Jagdgesellschaft zu erzählen, die 
wegen frevelhaften Jagens geisten muß; 
wenn sie umgeht, hört man in der Luft 
lustigen, wunderlieblichen H.erklang 45 ). 
Fährt in stürmischer Nacht die wilde 
Jagd einher, so glaubt man unter dem Ge¬ 
kläff der Hunde und dem Hussarufen der 
Jäger auch das Blasen der Jagdh.er zu 
vernehmen 4Ö ); in Schwaben läßt man den 
Schimmelreiter hörnen, der dem Muotes- 
her warnend voraussprengt 47 ). Verein¬ 
zelt spricht man auch von T.ntÖnen, die 
man beim wilden Heer vernahm 48 ). 
Schon Fleming, der in seinem „Vollkom¬ 
menen Teutschen Jäger“ 49 ) auf die Vor¬ 
stellungen vom wütenden Heer zu spre¬ 
chen kommt, gibt eine natürliche Er¬ 
klärung für die angeblich dabei gehörten 
H.erklänge: „Eshat dergleichen Klang öf¬ 
ters seine natürlichen Ursachen, wenn der 
Wind an die Spitzen der Bäume antrifft, 
so klingt es oft so helle, als ob in ein Hifft- 
hom gestoßen würde“. An Stelle des wil¬ 
den Heeres treten in den Sagen auch ein¬ 
zelne gespenstige Jäger auf. Diese wil¬ 
den 50 ), ewigen 51 ), verlorenen 52 ) oder 
Nachtjäger 53 ) meint man ebenfalls ins 
H. stoßen oder trompeten 54 ) zu hören. 
Nach der Zimmemschen Chronik 55 ) soll 
einst ein fahrender Schüler dem wilden 
Jäger das H. vom Maul weggeschlagen 
haben; dieses sei zu ewigem Gedächtnis 
in der Kirche zu Büttelschieß aufgehängt. 
Eine besondere Bewandtnis hat es mit 
dem H. des „Türst“ (s. d.), des höllischen 
Jägers, der nach Joh. Cysats Beschreibung 
auf dem Pilatus nächtlicher Weile sein 
Unwesen treibt 56 ). Er verwirrt das Vieh 
und „ergelltet“ es, und um seiner habhaft 
zuwerden, bläst er sein Jägerh.: „damües- 
sent die armen Thier erschynen“ 57 ). 
Angefügt sei hier noch, daß auch Holda 
mit H.erschall und Hundegebell durch 
die Luft fahren soll 58 ). 

Vermeintlicher H.ertön weckt aber auch 
die Vorstellung des Postillons. Nach 
einer Kärntner Sage geht nachts der 
„wilde Mann“ als blasender Postillon um. 
Hört man ihn in Frühlingsnächten, so ist 
gute Ernte zu erwarten. Tritt man mit 
Feuerspänen ins Freie, so ist im Nu alles 


still, und man vernimmt weder Wagenge¬ 
rassel noch H.erklang 59 ). In Ödenburg 
soll ein gespenstiger Wagen zum Stadttor 
hereinzufahren pflegen, wobei der Postil¬ 
lon fortwährend und ganz richtig das 
Postlied bläst 60 ). Auch der Teufel rum¬ 
pelt nächtlicherweile durch die Ortschaf¬ 
ten, die T. 61 ) oder das Posthörndl 62 ) 
blasend. Eine andere niederösterreichische 
Sage weiß von einem Postillon zu berich¬ 
ten, dessen Frau versprochen hatte, für 
ihn 3 Vaterunser zu beten; nach seinem 
Tod meldet er sich bei ihr durch H.er¬ 
töne an 63 ). 

Bei Neocorus ist eine Sage zu lesen, wie 
die Bauern von Büsum Winters H.erklänge 
vernahmen, als sammelte ein Hirte das 
Vieh. Im nächsten Herbst ertranken der 
betreffenden Bauernschaft bei einer 
Springflut 100 Schafe 64 ). 

Ohne nähere Ausschmückung erzählt 
man sich in der Oberpfalz, daß am Drei¬ 
königsabend an einem bestimmten Orte 
eine wunderschöne H.ermusik zu verneh¬ 
men sei 65 ). 

39a ) Mnordböhm. Ver. Hmtforschg. u. Wander- 
pfl. 4c (1927), 63 f. 40 ) Kühnau Sagen x, 507. 
41 ) Meiche Sagen 77. 42 ) Eisei Vogtland 247 

Nr. 614. 43 ) Wucke Werra 2 500. 44 ) Bavaria 1 
(a), 330. 45 ) Schoppner Sagen 1, 274 f.; Bavaria 
4 (a), 197. 46 ) Praetorius Blockes-Berges Ver¬ 
richtung (Leipzig 1668), 16 = Tharsander 
Schauplatz I/7, 447; Paulus Christianus 
Hilscher Dissertatio de excercitu furioso 
(Lipsiae 1688) §1. §31; Vernaleken 

Alpensagen 87. 89; Brandstetter Wuotan 
152; Luck 79; Schönwerth Oberpfalz 2, 146; 
Wolf Sagen 15; Wolf Niederländische Sagen 
616 (Ardennen); Schell Bergische Volksk. 62; 
Bunte Bilder aus Westpreußen 4, 47 f. 

(aus dem H. fährt Feuer zur Abschreckung 
der Holzdiebe). S. a. noch Kurt Taut 
Die Anfänge der Jagdmusik (1928) 57 f. 
Ähnlich in Frankreich bezüglich der ,,chasse 
volante": Sebillot Folk-Lore 1, 172. 47 ) Rei- 
hing Albheimat (Stgt. 1925) 337. 48 ) Deutsche 
Blätter in Polen 3, 605. 49 ) 2 (1724), 35 f. 

50 ) Schmitz Siebengebirge 112; Bechstein 
Thüringen 2, 63 Nr. 191; Strackerjan 1, 
370 § 247; Kas. Pfyffer Geschichte der Stadt 
und des Kantons Luzern 1 (1850), 320. 61 ) Kuhn 
Westfalen 2, 11; Lohmeyer Saarbrücken 2 43. 
62 ) Gredt Luxemburg Nr. 1054. 63 ) Deutsche 

Bll. in Polen 3, 604. — Vgl. noch Gredt Luxem¬ 
burg Nr. 849; Lyncker Sagen 14; Lohmeyer 
Saarbrücken 2 88 Nr. 222; Jahn Pommern 221. 
Ausland: Frankreich : S6billot Folk-Lore 1, 
177 f. 274 f. Viel nacherzählt wurde früher ein 



335 


Horn II 


336 


angebliches Erlebnis König Heinrichs IV., der 
im Walde von Fontainebleau eine Jagd unter 
Blasen von Waldh.ern vorüberziehen hörte. Als 
er nachforschen ließ, fand man im Gebüsch 
einen großen, schwarzen Mann, von dem die 
Landleute sagten, es sei ein Geist; sie hießen 
ihn den „großen Jäger“: Tharsander Schau¬ 
platz I/7, 450; Venantius Diana Jagdge¬ 
schichten 474 Nr. 81; Brauner Curiositaeten 
(Frft. a. M. 1733) 380 ff. Schweden: 

Hylten-Cavallius 1, 215. 54 ) Grcdt Luxem- 
bürg Nr. 280. 65 ) Hsg. v. Barack 2, 201. 

68 ) Brandstetter Wuotan 123; Lütolf 462. 
67 ) Brandstetter Wuotan 122. 68 ) Meyer 

Germ. Myth. (1891) 280. 59 ) Gräber Kärnten 79. 
#0 ) K. J. Sehr öer Beitrag zur deutschen Myth. und 
Sittenkunde aus dem Volksleben der Deutschen in 
Ungarn (Pressbg. 1855) 10. 61 ) Calliano Nie- 
derösterr. Sagen 1, 93. 62 ) Ebd. 1, 76. ® 3 ) Ebd. 4, 
20. M ) Müllenhoff Sagen 2 265 Nr. 398 = Neo- 
corus 2, 319. ® 5 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 

147 . 

4. H.blasende Naturgeister sind im Be¬ 
reiche des deutschen Kulturgebiets ver¬ 
hältnismäßig selten zu belegen 66 ). Eine 
Berner Handschrift des 14. Jhs. erzählt: 
Einst wurde ein Minorit von einem Ge- 
spenste auf Schloß Biberstein entführt 
und mußte dort nächtlicherweile mit 
Zwergen (homines parvuli) tanzen. Gegen 
Morgen stößt der Reigenführer in ein 
Jagdh., und auch die übrigen Tänzer er¬ 
greifen ihre H.er; der Spuk verschwindet. 
Der Minderbruder nimmt das H. mit; 
es hatte ein völlig eigenes Aussehen; blies 
man darauf, so schwoll einem der Mund 
an 67 ). Im übrigen ist das H. als Blas¬ 
instrument elbischer Geister am bekannte¬ 
sten aus der Oberonsage 68 ). Die Kärntner 
erzählen sich von einem Waldgeist, der 
durch 3 Stöße in sein Hifth. den Schnee 
wegbläst, die Himbeerstauden blühen und 
dann reifen läßt 69 ). 

86 ) Stärker sind dieselben in Skandinavien 
vertreten: man kennt hier Sagen von Berg¬ 
geistern, die ihre Kühe hüten und dabei auf 
ihrem H. den Kuhreigen blasen, s. Dybeck 
Vaüvisor 2; eine Polska nach dem vom Bergtroll 
abends geblasenen vallät bei Anderson 
Svenska Lätar , Dalama 1, 15 f. Nr. 13. 14; ein 
vaUät der Bergfrau ebd. 3, 98. S. ferner Norsk 
Folkekultur 9, 124. ‘•Vgl. Ludw. M. Linde¬ 
mann sEldre og nyere Norske Fjeldmelodier 
Nr. 449: Huldre-Lok. Hingewiesen sei hier 
auch auf die Sage von den Mädchen aus dem 
Kivletal, die, ihre Geißen hütend, so wun¬ 
derbar auf ihren H.ern spielten, daß alles Volk 
aus der Kirche strömte, um völlig entrückt und 
gebannt den zauberhaften Weisen zu lauschen: 


Ivar Aasen Norske Minnestykke (1923) 75 
mit Anm. S. 188. S. a. J. Halvorsen Norwe¬ 
gische Bauerntänze , freie Bearbeitung von Edu¬ 
ard Grieg (Leipzig bei Peters) S. 49 (darnach 
waren die Mädchen die 3 letzten Heiden des 
Tals); Ludv. M. Lindeman AEldre og nyere 
Norske Fjeldmelodier Nr. 213. 67 ) Argovia 17 

(1886), 127. 68 ) Das unwiderstehlich lockende 
H. eines elbischen Wesens kommt auch in einem 
zum Kreis der Ulingerballaden gehörigen Liede 
vor, s.SverkerEk Den svenska Folkvisan 69 ff.; 
Child a. a. O. Nr. 4a, s. auch Nr. 2 und 
Nr. 61, Str. 18; Uhland Schriften 4 (1869), 63. 
In den deutschen Entsprechungen (Erk-Böhme 
Nr. 41.42) ist an Stelle der H.weise verführe¬ 
rischer Gesang getreten. In einigen der deut¬ 
schen Fassungen besitzt der Mädchenmörder 
allerdings auch ein H.; dieses scheint die zau¬ 
berhafte Eigenschaft zu besitzen, Hilfe für 
seinen Herrn herbeizurufen. 69 ) Gräber Kärnten 4 
80 Nr. 96, 2. 

5. Beim Hexensabbat bläst der Teufel 
auf einem ,,verdrehten'‘ H. 70 ); Wanderer, 
die in solche Gesellschaft gerieten und auf¬ 
spielen mußten, erkannten später, daß die 
T., auf der sie, ohne alle Musikkenntnis 
so wunderschön zu spielen vermocht hat¬ 
ten, ein Katzenschwanz war 71 ), ja daß 
sie gar nicht das H. geblasen, sondern in 
Wirklichkeit einer toten Katze die Ge¬ 
därme aus dem Leib gesogen hatten 72 ). 

70 ) Fritz Byloff Das Verbrechen der Zau¬ 
berei (Graz 1902) 43 Anm. 63. 71 ) Kram¬ 
beer Mecklenburgische Sagen (1926) 115 f. 

72 ) Haas Rügensche Sagen 6 (Stettin 1920), 71 
Nr. 126. 

6. Eine schauerliche Eigenschaft hat das 
Höllenh.: wer mit ihm angeblasen wird, 
steht plötzlich in hellen Flammen und 
muß ewiglich brennen 73 ). Boten der Hölle, 
ans Grab des Verbrechers entsandt, bla¬ 
sen, daß die Erde aus dem Grabe spritzt 74 ). 
Auch im Märchen vom starken Hans tritt 
der Teufel als H.bläser auf: er macht mit 
dem Klang seines Instruments die ganze 
Welt erzittern 75 ). 

Gelegentlich stellt man sich auch den 
Tod als mit einem „Totenh.“, das er 
beim Totentanz führt, ausgestattet vor 76 ). 

73 ) Strackerjan 2, 10 f. 71 ) Schönwerth 
Oberpfalz 3, 129. 75 ) Schön we rth Oberpfalz 2, 
275; vgl. ZfdMyth. 2, 310. 7 ®) Schweizld.2,1624. 

7. Der Zauberh.er gibt es viele. Dem 
Jäger dient ein solches, das jedes be¬ 
liebige Wild unter den Schuß laufen 
läßt 77 ), dem Krieger ein solches, mit dem 
ein Heer zusammengeblasen werden 


337 


Hornaffen 


338 


kann 78 ); der Märchenheld besitzt ein H., 
auf dem sich die schönsten Stücke spielen 
lassen, ohne daß man das Blasen je gelernt 
hätte 79 ). Gewisse H.er können nur von 
besonders Berufenen geblasen werden 80 ). 
Das unwiderstehlich zum Tanze zwin¬ 
gende H. ist vor allem aus der Oberon¬ 
sage bekannt 81 ). 

77 ) VfoHHess. Sagen 84. 7S ) Bolte-Polivka ! 
1, 470; 2, 501. 79 ) ZfVk. 37, 119. 80 ) Vgl. Kurt 
Taut Die Anfänge der Jagdmusik 58; ferner 
Mann hardt Germ. Mythen 119 Anm. 4. 81 ) 
Bol te-Polivka 2, 501. 

8. Andere Vorstellungen sind vereinzelt. 
So soll ein Wildpächter, nachdem er ein¬ 
mal wilderte, nach 11 Uhr nachts keinen 
Ton mehr aus seinem H. haben heraus¬ 
bringen können 82 ). In Cham soll der Hirte 
beim Austreiben nicht blasen dürfen: 
man glaubt, die Stadt stehe auf dem 
Schweife eines ungeheuren Fisches, der 
erschrecken und durch seine Bewegung 
die Stadt zerstören könnte 83 ). 

82 ) Pröhle Harz 199 Nr. 203. 83 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz 2, 179. 

9. Nach älterem Aberglauben meinten 
Leute, die in der Neujahrsnacht den Hir¬ 
ten nicht blasen hörten, sterben zu müs¬ 
sen 84 ). Aus dem Klange des zum neuen 
Jahr geblasenen H.s zogen namentlich die 
Juden Schlüsse auf die Zukunft 85 ); aus 
seinem hellen Klange Glück zu prophe¬ 
zeien, sollen nach Männling aber nicht 
allein die Juden in Übung gehabt haben 80 ). 

84 ) Brevinus Norcius Fago-Villanus 
Den in vielen Stücken allzu abergläubischen 
Christen... (1721) 295. 85 ) Klingt das Scholar 

nicht rein oder tritt eine Stockung ein beim 
Blasen, so weist dies auf kommende Seuchen, 
Hungersnot oder Pogrome hin: R e i k Probleme 
der Religionswissenschaft r, 192. 88 ) S. 213. 

Estnischer Abergl.: wer vor oder am Georgentage 
ein H. nüchtern hört, wird taub oder stirbt noch 
in diesem Jahre: Boeder Ehsten 85. 

10. Hört ein Kranker im Traume T.n 
oder Posaunen blasen, so bedeutet es ihm 
den Tod, dem Knechte Befreiung vom 
Dienst, den in einen Streit Verwickelten 
Sieg. Hört man die Instrumente nur, so 
bedeutet es Trauer, sieht man sie nur, hat 
man Schrecken zu gewärtigen 87 ). 

87 ) Traumbuch Artemidori (Straßburg 1624) 
x66. Das LVII. Capitel. Seemann. 

Homaffen. Dieses Gebäck wird mit 
artocopus oder colympha glossiert x ); 


nach Du Cange ist artocopus jede Art von 
feinem Gebäck 2 ), auch von colympha gilt 
dasselbe 3 ), beides sind Klostergebäcke. 
H. oder Hornachter heißen verschieden¬ 
artig geformte Gebäcke der Fastnachts¬ 
zeit; es sind bald Spitz wecken, bald Bre¬ 
zeln, bald Kringel, vor allem aber haben 
sie Kipfform 4 ) (s. Kipf). Für Erfurt 
bezeugt Stieler bei Grimm: species spi- 
rarum mense Februarii Erfurti cocta- 
rum 5 ). Heute sind in Erfurt die H. 
oder Hornachter beliebt, runde mit Salz 
bestreute Ringe, die wie Butzenscheiben 
zusammengefügt sind 6 ). Am Nachmittag 
des ersten Pfingsttages verkaufen die 
Bardowicker bei der ältesten Kirche der 
Gegend die Räderkuchen; diese sind 
rund, in der Mitte durchlocht und auf 
einer geschälten Weide aufgereiht; der 
Rand ist gezackt 7 ). Zu vergleichen die 
Fastenkringel in Königsberg, die ebenfalls 
aufgereiht sind 8 ), ebenso die Bretzeln 
an Lätare in Süddeutschland. In Mainz 
findet am Sonnwendtag die Batzen¬ 
kuchenprozession statt, wobei die Teil¬ 
nehmer einen kleinen Fladen bekommen 9 ). 
Beim Brunnenfest in Mühlhausen in 
Thüringen backt man die Brunnenflietzel, 
flache rautenförmige Kuchen 10 ). Am 
meisten kommt die Hömchenform vor, 
besonders die Doppelhornform. In Krails- 
heim werden diese Doppelhörner zum 
Stadtfeiertag oder H. gebacken, 
zum Andenken an die Aufhebung 
der Belagerung von Krailsheim (2. 2. 
1380) n ). Auch in Naumburg haben die 
H. Doppelkipfelform 12 ). Die H. in den 
wendischen Gegenden sind einfache 
Hörnchen 13 ), während in Hessen 
(Hofgeismar) die H. kranzförmige Ku¬ 
chen sind 14 ). Daß das Gebäck sehr beliebt 
ist und war, zeigt der schwäbische Name 
Hornaffe 1S ). Ein in Bayern beliebtes Ge¬ 
bäck heißt Affenmund; den Namen deutet 
Höfler wohl richtig als „Affenmond“, 
wegen der Mondsichelform 16 ). Der Name 
Hornaffe ist wohl mit Osterwolf und Ho- 
oder Wowölfle zusammenzustellen, wobei 
der Name auf die Gebäckform gar nicht 
mehr paßt; so heißen auch Brezeln und 
Hennen Wo-wölfle (s. Howölfle). In den 
Hardtdörfem 17 ) bei Karlsruhe bekommen 


339 


Hornisse 


340 


die Mädchen an Weihnachten die be¬ 
kannten „Dampetei“, Gebildbrote in 
Menschengestalt (s. Gebildbrote § 10); die 
Buben erhalten mondförmige Gebäcke; 
und in Dürenbüchig und Helmsheim bei 
Bretten heißen diese mondförmigen Ge¬ 
bäcke „Deier“ eine Abkürzung von Dam- 
petei 18 ). Bei den H. kann ursprünglich 
ein Gebäck in Koboldgestalt zugrunde 
liegen, die im Hornung gebacken wurde. 
Später nannte man auch die Kipfform H. 
wie in Baden die Bretzel Wo-wölfle (?). 

*) Grimm DWb. 4, 2, 1821; Höfler Fasten- 
gebäcke 52 ff.; vgl. Lobeck Aglaophamos 2, 
1065. 2 ) 1, 413^. 3 ) 2, 401. 4 ) Höfler 1 . c. 

6 ) Grimm 1 . c.; Höfler 1 . c. e ) Höfler 1 . c. 
53; AfAnthrop. N.F. 3, 107 Fig. 49. 7 ) Glo¬ 
bus 87, 133; ZföVk. 16, 84. 8 ) AfAnthrop. NF. 
3, 107 Nr. 49/50- 9 ) ZföVk. 16, 85. l0 ) 1 . c. 91. 

n ) Höfler 1 . c. 52. 54. 12 ) Lepsius Kleinere 
Schriften 1, 253; Höfler 1 . c. 53. 13 ) Kloster 7, 
137. u ) Niedersachsen 8, 94. 15 ) Höfler 1 . c. 52. 
16 ) 1 . c. 54 ff. 17 ) Ochs Wb. Zettelkatalog. 
18 ) Ders. Eckstein. 

Hornisse. 

1. Etymologisches. Mit geringen 
Ausnahmen sind die Namen dieses In¬ 
sektes (vespa crabro) schallnachahmend 1 ). 

Neben Hornisse f. (pl. Hornissen) be¬ 
steht Hornis f., bayrisch auch m. 2 ), das 
auf ahd. hornaz (hurnuz, hurniiz ), mhd. 
horniz {hornuz, hornüz) beruht 3 ). Die An¬ 
lehnung an „Horn“ ist volksetymologisch: 
gleichsam wie mit einem Horne trom¬ 
petend 4 ). Hornisse hat zuweilen den Ton 
auf der zweiten Silbe (vgl. Forelle, lebendig 
usw.). Ältere nhd. Formen sind zahlreich 
belegt 5 ). Von dialektischen Formen 
seien angeführt: vorarlb. hornus , tirol. 
hurnaus 6 ), kämt, huriaßen , hudlaßen 1 ), 
gottscheeisch urlossen, urlotzen, urtl , 
hurl 8 ). Im Pfälzischen wird mit Hornessel, 
Horneß die Wespe (vespa vulgaris), mit 
,,Wefze“ umgekehrt dieH. (vespa crabro) 
bezeichnet 8a ). Engl, hörnet beruht auf 
angels. hornut. Neubildungen liegen vor 
in ndd. patsim „Pferdebiene“, perds - 
hörnte*), per-haniken, pia-wesm „Pferde¬ 
wespe“, peersteker „Pferdestecher“, nirgen - 
mörder 10 ). Dem entspricht im Pfälzischen 
Neuntöter und Neunangler 10a ) (angel = 
Stachel; neun H.n bringen ein Pferd um). 
Schallnachahmend ist ndd. wispel n ). 
Im Drauntal: Böses Flieg'l 12 ). 


Auf Schallnachahmung beruhen auch 
die Namen der H. in den alten Sprachen: 
griech. tsv^p^vtj (vgl. dial.-franz., Urino,. 
Var 13 )), T£vöpYj8o»v, avöp?jv7j, dvdpTjSwv, lat. 
crabro 14 ), woraus ital. calabrone mit zahl¬ 
losen dialektischen Varianten 15 ). Verein¬ 
zelt volksetymologisch umgestaltet durch 
Einmischung von allegro : alegron (Belluno) 
< alagron < calabron 16 ). Volkskundlich 
interessant sind ital.-dial. Namen wie 
apu d’sant Antoni „Biene des h. Antonius'' 
(Lecce) 17 ), scorpion (Rovereto; tertium 
comparationis: Stachel) 18 ), ammazza- 
cavallu „Pferdetöter“), ammazza-somäri 
„Eseltöter“ (Rom) 19 ), purciello e sanf 
Antuono „Ferkel des h. Anton' ‘ (Salerno) 20 ), 
mascio de la vespa „Männchen der Wespe“ 
(Triest) 21 ), malavespa (Foggia) 22 ) (Be¬ 
nennungen nach der Wespe auch in franz. 
Dial. häufig) 23 ), San Piero (Triest) 24 )„ 
diau-mangiapei ,,'Teufel-Birnenfresser ‘ 

(Genova) 25 ), roseca-porte „Türennagerin“ - 
(Salerno) 26 ). Im Rumänischen hat sich 
calabro{nem) in gärgäun 26a ) erhalten. 
Nach diesem wurden mit onomat. Stamme 
gebildet: bar zäun, bäzgäun, bädaon 21 ). 
Franz, frelon (Nebenformen: ferlon, frolon 
frondon) ist nach Sainean 28 ) ein ur¬ 
sprünglich provinzielles Wort, das nicht 
über das 16. Jahrh. hinausreicht. Die 
Etymologie frelon < fränk. hruslo 29 ) 
wird daher von Sainean abgelehnt 30 ). 
Merkwürdige franz.-dial. Neubildungen 
sind: dröle (Isere) 31 ), dard „Stachel“ 
(Nievre) 32 ), grand-pere (Tourcoing), letz¬ 
teres animistisch oder humoristisch 33 ). Im. 
Soldatenargot heißt die H. bruant „die Lär¬ 
mende“ 33a ). Nach der Biene ist die H. 
im Spanischen ( abejarrön) und im Portu¬ 
giesischen (abesouro) benannt 34 ). Folklo¬ 
ristisch besonders beachtenswert ist rum. 
dragiciü „kleine Liebe“ (Schmeichelname 
als Abwehrmittel) 34a ). Die Namen mit 
„Pferd“ wie ndd. peer steker, ital.-dial. 
ammazza-cavallu (s. oben) beruhen auf 
der richtigen Beobachtung, daß die Pferde 
von H.n sehr gequält werden. Möglicher¬ 
weise liegt auch in dem metathetischen 
cavaleron < calaveron (Rovereto) 35 ) eine 
Anspielung auf das Pferd (caval{l)o) vor. 

1) Edlinger Tiernamen 58. 2 ) Weigand- 

Hirt DWb. Sp. 891. 3 )a. a. O. 4 ) Keller Antike 


Hornung—Horoskopie 


342 


341 




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Tierwelt 2, 434 f. 6 ) Weigand-Hirt a. a. O. 
•)Dall a Tor re Tiernamen 53; Schweizld. 2,1029. 
*) Carinthia 96, S. 60. 8 ) Satter Tiernamen 21. 
• a ) Heeger Tiernamen 2, 15. 9 ) Lcithaeuser 
Volkskundliches I/i, 16. 10 ) Hartwig Minden-Ra- 
vensberg 40 f. 10;l ) Heeger a. a. O. n ) a. a. O. 
u ) Dalla Torre 53. 13 ) Rolland Faune 13, 50. 
14 ) Keller op. cit. 2, 434. 13 ) Garbini Än- 

troponimie 319—326. 16 ) op. cit. 320. 17 ) op. 

cit. 328. 18 ) op. cit. 329. 19 ) op. cit. 330. 

*°) a. a. O. 21 ) op. cit. 330. 22 ) op. cit. 331. 

ö ) Rolland Faune 13, 30. 24 ) Garbini op. 

cit. 331. 25 ) a. a. O. 26 ) a. a. O. 26a ) Meyer- 
Lübke REWb. Nr. 2293. 27 ) Rum. Jahresb. 12. 
155. 28 ) Sainean Etymologie francaise 2, 

68 f. 29 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 4191. 
*°) Sainean a. a. O. 31 ) Rolland Faune 13, 
48. 32 ) op. cit. 13, 50. 33 ) op. cit. 13, 51. 

l®*) Esnault Le poilu 293. 34 ) Rolland 

Faune a. a. O. 34; ‘) Rum. Jahresb. 12, S. 123. 
**) Garbini op. cit. 321. 

2. Biologisches. Megenberg 36 ) hat, 
obwohl er die H. zu den Würmern rechnet, 
von ihrem Wesen eine ziemlich richtige 
Vorstellung. Nach den Gleichnissen 
Salomons entstehen H.n aus faulem 
Pferdefleisch 36a ). Im Märchen kommt ein 
H.nkönig vor 37 ). 

36 ) Buch der Natur 255. 36a ) Grimm Myth. 

3, 202. 37 ) Wolf Beiträge 2, 400. 

3. Gefährlichkeit. Weit verbreitet 
ist der Glaube von der Gefährlichkeit 
der H. In Tirol vermögen drei H.nstiche 
ein Pferd zu töten 38 ), in Minden-Ravens¬ 
berg bringen sieben H.n ein Pferd um 39 ), 
ebenso in Brudzyn (Posen): Sieben H.n 
und ein Wolf fressen ein Pferd auf 39a ). 
Im Jura macht eine einzige H. dem Men¬ 
schen den Garaus, sieben werden mit einem 
Pferde fertig 40 ). Ähnlich in der Haute- 
Bretagne 40a ). In Oberösterreich bringen 
drei ein Kind, sechs einen Mann, neun 
ein Pferd um 41 ) (Bezüglich des Pferdes 
vgl. die obigen Namen). Nach breto- 
nischem Glauben reißt die H. beim Beißen 
ein Stück Fleisch mit. Kiefer wie Stachel 
gelten als gleich schädlich 41a ). Am besten 
tut der Mensch, wenn er vor dem Tiere 
flieht, wie die Schatzgräber im Allgäu 
und Luxemburgischen, die von einer H. 
verfolgt wurden 42 ). In Oberösterreich 
glaubt man an H.nbanner 43 ). 

3e ) Dalla Torre Tiernamen 53. 39 ) Hart¬ 

wig Minden-Ravensberg 40 f. 39a ) Knoop Tier¬ 
welt i 5 . 49 ) SAVk. 41. 4 °b) Sebillot Folk- 

Lore 3, 364. 41 ) Baumgarten Heimat i, 112. 
4l *) S6billot a. a. O. 42 ) Reiser Allgäu 1, 251; 


Gredt Luxemburg 273; Tobler Epiphanie 37. 
43 ) Baumgarten a. a. O. 

4. Nutzen. Eine H., in Stücke zer¬ 
rissen und unter den Honig gemischt, 
soll die Bienen zum Ansetzen recht vieler 
Weiselzellen veranlassen 44 ). 

Urquell 5, 22. 

5. Krankheitsdämon. Auf der ur¬ 
sprünglichen Vorstellung von „Gehirn¬ 
tierchen“, die Geistesstörungen (Rausch, 
Wahnsinn) verursachen 45 ), beruht die 
südfranz. Redensart: A la testo pleno de 
graoulcs, er hat den Kopf voll H.n, d. h. er 
hat „Grillen“ 46 ). Ebenso rumän.: Are 
gärgäunl in cap, er hat H.n im Kopf. Auch: 
I-aü intrat g. in cap, es sind ihm H.n in den 
Kopf geflogen oder: Umblä cu g. in cap, 
er geht mit H.n im Kopfe herum. Auch 
sagt man drohend: I-oiü scuturä eü g. 
din ureche, dem werde ich die H.n aus dem 
Ohre schütteln, d. h. die Flausen aus- 
treiben 47 ). 

49 j Ricgler Das Tier 266; WS. 7, 129 bis 135. 
4C ) Rolland Faune 15, 53; WS. 7, 132 4 . 

47 j Marian Insectele 213; WS. 7, 132. 

6. Abwehr. Im Anhaitischen (Luso) 
steckt man eine tote H. in einen etwas 
aufgedrehten Strang des Pferde- oder 
Ochsengeschirres. So sucht man homöo¬ 
pathisch die H.n vom Zugvieh fern zu 
halten 48 ). 

4fe ) Wirth Tiere 27. 

7. In der Schweiz heißt ein Spiel 
„Homussen“, bei dem eine Buchsbaum¬ 
scheibe (der „Homuß“) mit einem Schläger 
(ähnlich dem Golf) weggeschleudert und 
von dem Gegner abgefangen wird 49 ). 

49 ) Schwld. 2, 1629; Hoffmann-Krayer 86. 

Riegler. 

Hornung s. Februar 2, 1274 ff. 

Horoskopie. 

A. Methodische Vorbemerkungen. 

Jeden überzeugten Astrologen muß es 
empören, wenn er in einem Handwörter¬ 
buch des deutschen Aberglaubens einen 
Artikel findet, der die Methoden des 
Horoskopstellens erläutert und in ihrer 
Wechselbeziehung zu der jeweiligen Höhe 
des mathematischen und astronomischen 
Wissens der Menschheit beschreibt. Denn 
für den Astrologen ist die Horoskopie 
eine Wissenschaft wie Mathematik und 
Astronomie, auf denselben Gesetzen der 


343 


Horoskopie 


344 


Kausalität beruhend. Wenn wir der H. 
und also der Astrologie in dieser Um¬ 
gebung ihren Platz anweisen, so bekennen 
wir damit unsere Zweifel an dem wissen¬ 
schaftlichen Charakter der H. 

Zweifel an der Astrologie als Wissen¬ 
schaft fordert die Definition dessen, was 
sie ist. Uns scheint es hier notwendig, zu 
scheiden zwischen dem Glauben an die 
Sterne und der auf Empirie und Analogie¬ 
schlüssen beruhenden Deutung von Kon¬ 
stellationen. Für den letzteren Teil geben 
wir dann den Wissenschaftscharakter zu, 
wenn uns Grundgesetze nachgewiesen wer¬ 
den, auf denen die H. ruht, Grundgesetze, 
die sich aus dem Stemglauben ergeben als 
richtige, dem prüfenden Verstand ein¬ 
leuchtende Prämissen ähnlich den eukli¬ 
dischen Axiomen in der Mathematik. 
Der erstere Teil aber ist als Äußerung 
eines religiösen Gefühls zu definieren, das 
auf dem Determinismus in der Welt 
beruht. 

Die Astrologie ist eine übernationale 
Angelegenheit. Wenn trotzdem in einem 
Lexikon des deutschen Aberglaubens 
über sie geschrieben wird, so hat das 
einen besonderen Grund: vom n.—16. 
Jh. ist nämlich die Masse der astrolo¬ 
gischen Deutungsregeln zu einem wesent¬ 
lichen Bestandteil gerade des deutschen 
Volksglaubens geworden. Es wird also 
ein mal über die Bedingungen der astrolo¬ 
gischen Lehren, die den Volksglauben sich 
ihnen nähern lassen, zu reden sein, dann 
aber bedarf es auch historischer Aus¬ 
führungen über die Geschichte der Astro¬ 
logie und der H. Denn nicht jeder, der 
etwas von H. wußte, verstand etwas 
von Astrologie. Diese Übersicht geben 
wir hier; wenn wir in den Artikeln Planeten, 
Sterne, Sternbilder die Überlieferung zu¬ 
sammenstellen, müssen wir stets auf den 
historischen Werdeprozeß astrologischer 
Anschauungen zurückgreifen. Dort han¬ 
delt es sich also um Einordnung von 
astrologischen Relikten in den deutschen 
Volksglauben als Totalerscheinung, hier 
hingegen um die Beschreibung eines 
Systems, das vor ca. 5000 Jahren in dem 
Bewußtsein der Einheit von Kosmos und 
Mensch aufgestellt und seitdem von der 


Menschheit weiterentwickelt bzw. be¬ 
kämpft worden ist. Die Frage der Wissen¬ 
schaftlichkeit der H. soll nach dem Stand 
moderner Naturwissenschaft der Leser 
selbst beurteilen. Wir stellen hier daher 
die Praxis der H., wenigstens der das 
Menschenschicksal deutenden sog. Ge- 
nethlialogie in einem geschichtlichen Abriß 
der H.methoden in ihren charak¬ 
teristischen Hauptepochen dar und be¬ 
handeln nacheinander 1. die babylonisch¬ 
assyrische H., 2. die hellenistische H., 
3. die Abwandlungen des hellenistischen 
Systems durch die Araber, die Renais¬ 
sance- und neuzeitlichen Astrologen, 4. die 
moderne H. Da die Wurzel der H.praxis 
die politische und meteorologische Pro¬ 
gnose ist, haben wir diese in unsere 
Betrachtung miteinbeziehen müssen. Auf 
die Darstellung der von den Araber- und 
Renaissanceastrologen so umfangreich aus¬ 
geübten Katarchenh. muß, da zu speziell, 
hier verzichtet werden. 

B. Beschreibung der Methoden 
der H. 

1. Babylonisch-assyrische H. 

a) Vorbemerkungen. Mit babylonischer 
H.bezeichneten die griechischen und römi¬ 
schen Schriftsteller vielfach ein System, 
dessen charakteristischer Zug eine be¬ 
stimmte Ordnung der Planeten ist; in 
ihm stehen sie in der Reihenfolge: (£ (Mond; 
$ (Merkur) $ (Venus) ©(Sonne) cf (Mars) 
2 J. (Jupiter) t? (Saturn), die Sonne ist in 
der Mitte. Dieses ,,System“ stand für die 
Alten im Gegensatz zu dem ägyptischen, 
das erst ([ © setzte und diesen beiden 
großen Lichtern die übrigen 5 Planeten 
folgen ließ l ); das letztere deckt sich mit 
dem System, welches Platon in Timaios 
entwickelt 2 ). Indes hat schon Bouche- 
Leclerq gesehen 3 ), daß mit den Aus¬ 
drücken babylonisch bzw. chaldäisch oder 
ägyptisch nicht ein historisch begründeter 
Unterschied der Systeme fixiert wird 
und daß, einer Stelle der astronomischen 
Einleitung des Alexandriners Achilles 
Tatius 4 ) zufolge, für jenes erstgenannte 
System nicht die Babylonier, sondern die 
Ägypter, für dieses nur die Griechen 
als Erfinder in Betracht kommen. Da 
aber andrerseits die Babylonier als 


345 


Horoskopie 


346 


Schöpfer der Astrologie immer in Er¬ 
innerung geblieben sind, während die 
Ägypter wesentlich wohl nur als Vermittler 
gelten können, nannte man das ägyptische 
System der Astrologen, dessen charak¬ 
teristisches Merkmal die Mittelstellung 
der Sonne ist, das babylonische, während 
für das griechische die Ägypter als Er¬ 
finder in Anspruch genommen wurden. 

Die Nachrichten der Griechen und 
Römer geben uns ein historisch sehr 
ungetreues Bild der im alten Zweistrom¬ 
land gepflogenen H. Nach den einhei¬ 
mischen Texten zu urteilen, gab es — 
und das sei nachdrücklich hervorgehoben 
— eine H. im Sinne der griechischen, ara¬ 
bischen und Renaissance- usw. Astrologie 
überhaupt nicht. Wir haben bislang kaum 
drei oder vier Texte zur Hand, die No¬ 
tizen zur genethlialogischen H. liefern, 
und es scheint gefährlich, auf sie allein, 
zumal sie alle seleukidischer Zeit ange¬ 
hören, die Behauptung von der gro߬ 
artigen und ausgebauten babylonischen 
H. zu gründen. Diese ist in der uns 
bekannten Form ein Erzeugnis der Phan¬ 
tasie der griechischen und römischen 
Autoren. 

Die astrologischen Texte, die sich im 
Zweistromland fanden, sind entweder 
lexikographisch mit astronomischen Be¬ 
obachtungen gefüllt, oder stellen Briefe 
der Astrologen an den König dar, in denen 
der Astrologe seine Beobachtungen notiert 
und mit seiner Ausdeutung versieht 5 ). 
Diese Ausdeutungen, vielfach Sammel¬ 
werken und astrologischen Prognosen ent¬ 
stammend, beziehen sich stets auf Ba¬ 
bylonien mit dessen König sowie auf die 
außen- und innenpolitischen Ereignisse, 
ferner die meteorologischen Schicksale 
des Landes. Vorzüglich werden atmosphä¬ 
rische Vorgänge in ihren Beziehungen zu 
Sonne und Mond notiert und interpretiert: 
Lichterscheinungen, Farben, Höfe, Finster¬ 
nisse sind besonders in der älteren Zeit 
wichtiger als die Positionen. Auch diese 
werden nicht vergessen: das Wesentliche 
der H. ist die Ausdeutung bestimmter 
Stellungen eines Planeten oder größeren 
Fixsterns zu einem andern, von Sonne 
zu Mond, und diesen beiden zu den 5 


übrigen Planeten, von deren Beobachtung 
wir nicht nur durch die späte Quelle 
des Berossos (3. Jh.; bei Diodor) 6 ) 
wissen, sondern aus den Texten selbst. 
Die Beobachtung der Planetenbewegungen 
bedingte die astronomische Festlegung 
der Positionen — dies ist für die baby¬ 
lonischen Astrologen die höchste Stufe 
ihrer Astronomie. 

b) Politisch-meteorologische Voraus¬ 
sagungen. 

Zunächst zeigen wir das Wesen der 
älteren babylon. H. an einigen aus astro¬ 
logischen Sammelwerken entnommenen 
Texten. 

1. Mond-, Sonnen-, Venuserscheinungen. 

a) ,,Ist in diesen Monaten (die vorher 

aufgezählt worden sind) der Mond am 

27. Tag sichtbar wie am ersten Tage bei 
seinem Erscheinen, so bedeutet das Un¬ 
heil für Elam; ... ist der Mond am 

28. Tage sichtbar wie am ersten Tage bei 
seinem Erscheinen, so bedeutet es Unheil 
für Amurru“ 7 ). 

ß) „Ist die Sonne am ersten Nisan bei 
ihrem Aufgange rot wie eine Fackel und 
erglüht weißes Gewölk vor ihr, oder tritt 
dieses dann auf ihre Seite und zieht nach 
Osten, so ... wird in diesem Monat der 
König sterben und sein Sohn den Thron 
ergreifen..“ 8 ). 

Y) „Wenn die Venus am (12.) Kislew 
bei Sonnenaufgang verschwindet und 
2 Monate und 4 Tage am Himmel ver¬ 
borgen bleibt, dann aber am 16. Sebat 
bei Sonnenaufgang wieder erscheint, so 
bedeutet das reichen Feldertrag *). 

Bleibt (die Venus) bis zum 6. Kislew 
stehen und verschwindet dann am 

7. Kislew, bleibt dann 3 Monate am 
Himmel verborgen und erscheint am 

8. Adar als Venus bei Sonnenaufgang 
wieder, so wird ein König gegen den andern 
Feindschaft entbieten“ 10 ). 

2. Bestimmte Konstellationen an be¬ 
stimmten Tagen. 

„Werden Mond und Sonne am 12. Tage 
(eines Monats) zusammen gesehen, Ende 
der Dynastie, Vernichtung der Menschen, 
der Räuber wird den Kopf abschneiden“ u ). 

3. Besondere atmosphärische Erschei¬ 
nungen : 



Horoskopie 



<x) des Mondes (aus einem amtlichen 

Brief): 

, ,In dieser Nacht war der Mond von einem 
Hofe umgeben, und zwar standen Sagmegar 
(= Jupiter) und der Skorpion darin. (Deu¬ 
tung:) Ist der Mond von einem Hof um¬ 
geben und steht Sagmegar darin, so 
wird der König von Akkad eingeschlossen 
werden; ... ist der Mond von einem Hofe 
umgeben und steht der Skorpion darin, 
so werden sich hohe Priesterinnen Männern 
nähern, oder Löwen werden morden und 
Handel und Wandel im Lande wird ge¬ 
hemmt werden. Das sind (Auszüge) aus 
der Serie..“ 12 ). 

ß) Ähnliche Texte existieren über die 
andern Planeten. 

Jupiter gilt in ihnen fast immer als 
günstig, wenn er erscheint oder stark 
glänzt oder in den Mond hineingeht. 
Mars ist ständiger Unglückskünder: im 
Mondhof stark glänzend und mit andern 
Sternen gesehen, führt er immer Unglück 
im Gefolge. Schwäche des Glanzes ent¬ 
spricht dabei einem geringer werdenden 
Einfluß. Saturn und Merkur gelten als 
Glückspropheten 13 ). 

4. Wie die Lichterscheinungen, die 
Atmosphäre usw., so haben auch be¬ 
stimmte Fixsterne und Fixsterngruppen 
ihre Qualität und machen derselben ent¬ 
sprechende Einflüsse geltend; wesentlich 
sind die 12 Sternbilder des Zodiakus 
(s. Tierkreis) als des von Sonne, Mond 
und den Planeten bei ihrem Umlauf 
,gefahrenen'‘ Weges 14 ). 

c) Genethlialogie. 

Dieser politischen H. steht die genethlia- 
logische H. gegenüber, die sicher jünger 
als die erstere ist, da sie differenzierter 
ist. Wie die politische H. beruht auch 
sie auf der babylonischen Lehre vom 
Makrokosmos und Mikrokosmos, indem 
sie den Einzelmenschen als Abbild des 
großen Weltalls begreift und aus den Vor¬ 
gängen am Himmel die Ereignisse seines 
Lebens vorauszubestimmen sucht. In 
der Tat ist der Schritt von dem Gedanken 
einer Beziehung zwischen Land und 
Sternen zu dem einer Beziehung zwischen 
Einzelmensch und Sternen naheliegend, 
setzt aber doch eine erhöhte Bedeutung 


des Individuums voraus und ist wohl 
nicht in der babylonischen Frühzeit voll¬ 
zogen worden. 

Wir sahen schon, daß das Material 
zur Beurteilung der genethlialogischen 
H. Babyloniens sehr spärlich ist. Was 
sich an methodischen Gesichtspunkten 
für sie gewinnen läßt, ist aus den hier 
abgedruckten Texten abgeleitet. Aus 
ihnen ergeben sich folgende Regeln: 

1. Aus dem während der Geburt auf- 
gehenden Planeten ist das Leben des Kindes 
zu deuten. Text: ,,Wenn ein Kind ge¬ 
boren wird, während der Mond auf¬ 
geht, so ist (sein Leben) glänzend, glück¬ 
lich, richtig, lang... Wenn ein Kind 
geboren wird, während die Venus auf¬ 
geht, so ist (sein Leben) ruhig, üppig, 
wo es geht, ist es beliebt, (seine) Tage 
sind lang“ 15 ). 

2. Sind bei der Geburt 2 Planeten am 
Himmel, von denen der eine auf-, der an¬ 
dere unter geht, so übt der auf gehende die 
Hauptwirkung aus , die von dem unter- 
gehenden bekämpft wird. Diese Regel 
beruht 

a) auf der besonderen Wertung des 
Ost- und Westpunktes des Horoskops 
als dem für die Ausdeutung wichtigsten 
Punkte; 

b) auf der Ansicht von der sich gegen¬ 
seitig bekämpfenden Wirkung zweier 
diametral entgegengesetzten Planeten (Op¬ 
position). 

Text: ,,Wenn ein Kind geboren wird, 
während Jupiter aufgeht und die Venus 
untergeht, wird dieser Mensch Glück 
haben, aber seine Frau verlassen.. . 
Wenn ein Kind geboren wird, während 
Jupiter aufgeht und Mars untergeht, 
wird dieser Mensch Glück haben und den 
Fall des Feindes sehen..Vgl.: ,,Wenn 
ein Kind geboren wird, während Mars 
aufgeht und der Jupiter untergeht, wird 
die Hand seines Feindes ihn gefangen 
nehmen" 16 ). 

3. Neben der Opposition (180 0 ) ist in 
der genethlialogischen H. Gedrittschein (6o°) 
zuberücksichtigen. Der Wert dieses Aspek¬ 
tes wird in den Ton tafeln, auf denen die 
in Fig. 1 abgebildeten Trigona eingeritzt 
sind, nicht namhaft gemacht 17 ); indes 




1 

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Horoskopie 



ist bei der vollständigen Übereinstimmung 
der Figur auf der Tontafel mit den Tri- 
gonaschemata der griechischen Astrologen 
den babylon. Aspekten der gleiche Wert 
zuzuerkennen, zumal wir auch sonst ; 
bemerkenswerte Übereinstimmungen zwi¬ 
schen babylonischer und griechischer 
Astrologie wahrnehmen können 18 ). In 
der griechischen H. gilt Opposition (8) 
als schlecht, Gedrittschein (Trigonal¬ 
aspekt [A]) als gut. 

4. Als besonders wichtige Regel scheint 
die von der Gestirnvertretung angesehen 
worden zu sein; nach ihr kann unter ge¬ 
wissen Umständen ein Himmelskörper 
durch einen andern ersetzt werden. Dabei 
vertreten sowohl Planeten wie Fixsterne. 
Eine Gestirnvertretung tritt für unter¬ 
gegangene Planeten ein; so wird die Sonne 
zum Beispiel durch Saturn ersetzt (daher 
auch ,,Sonne" genannt). Die Vertauschung 
beider Gestirne geht soweit, daß sogar 
die Opposition von Sonne und Mond in 
vielen Fällen auf die Stellung des Mondes 
zum Saturn übertragen wird 19 ). 

Text: ,,Steht die Sonne auf dem Stand¬ 
ort des Mondes, so wird der König des 
Landes fest auf seinem Throne stehen... 
Diese Nacht hat sich der feststehende 
Planet (=Saturn) dem Monde genähert. 
Der feststehende Planet ist der Stern der 
Sonne. Also ist die Deutung des Omens: 
Es bedeutet Gutes für den König; die 
Sonne ist der Stern des Königs" 20 ). 

5. Die Sternpositionen in den Horoskopen 
wurden meistens (dem Urteil F. X. 
Kuglers zufolge) aus Listen entnommen, 
die die Sternpositionen des jeweiligen 
Jahres enthalten (sog. Ephemeriden). Auf 
diese Weise war der Astrologe von der 
Witterung unabhängig. Derartige Ephe¬ 
meriden scheinen nicht zu dem ältesten 
Gut der babylonischen Astrologie zu 
gehören, da die Berechnung der Posi¬ 
tionen schon eine hohe Entwicklung der 
Astronomie voraussetzt. Die Ephemeri- 
dentafeln zerfallen in 2 Gruppen: die 
erste Klasse bestimmt die Planetenposi¬ 
tionen durch ihre Lage in bezug auf eine 
Reihe von Normalsternen, die zweite 
in bezug auf die 12 Tierkreiszeichen 21 ). 

6. Als der für die Schicksale des Neu¬ 


geborenen wichtigste Moment wurde, wie 
ein Horoskop aus dem Jahre 258/7 (Se- 
leukidenzeit) zeigt, der der Conceptio an¬ 
gesehen. Dieses von Kugler aus der Inter¬ 
pretation jenes Horoskops, — es gibt 
leider nur die Positionen der Planeten, 
nicht aber die Deutung der Konstellation— 
gewonnene Prinzip bestätigt der römische 
Architekt Vitruv (IX 4 [7]); er erzählt, 
daß Achinopolos, ein Schüler des oben 
erwähnten Berossos, die Regeln der Ge¬ 
burt s-H. auf die Conceptio übertragen 
hat. Danach scheint in der älteren Zeit 
der Augenblick der Geburt entscheidend 
gewesen zu sein, dessen Konstellation 
übrigens auf jener Tafel außerdem auf¬ 
gezeichnet ist 22 ). 

7. Beispiel eines Geburtshoroskops aus 
dem Jahre ... Vorderseite : 

1. Jahr 169, (unter d. König) Demetrius. 

2. Adar 30 (März), nachts den 6, an¬ 
fangs der Nacht, der Mond 

3. vor(= westlich von) dem nördlichen 
Stier des Wagens (=/? Tauri) 1 Elle 
(1 ammatu = 20. 5). 

4. Am 6. frühmorgens ward ein Knäblein 

geboren. 

5. Zur selben Zeit war der Mond im An¬ 
fang der Zwillinge, 

6. die Sonne in den Fischen, Jupiter in 
der Wage, Venus 

n und Mari im Steinhnr.k. Saturn im 


Löwen. 

8. Monat Addaru am 14. Vollmondmorgen 

9. am 27. letzte Sichel 23 ). 

In einer Zeichnung übertragen ergibt 
sich von diesem Horoskop das in Fig. 2 
wiedergegebene Bild: 

Auf die Auslegungsmethode gehen wir 
erst im folgenden Abschnitt ein. 

Der Glaube an die Prädestination 
alles irdischen Geschehens ist die Voraus¬ 
setzung der babylonischen Stemdeute- 
kunst. In dem Pantheon dieses Volkes 
gab es Götter, die speziell als Schicksals¬ 
best immer in Betracht kamen. Schon 
das alte Weltschöpfungsepos läßt zum 
wertvollsten Besitz der Urgötter die 
Schicksalstafeln gehören, die die ewigen 
Gesetze enthalten 24 ). Eine spätere Zeit 
glaubt, daß die Schicksale eines Jahres 
stets von neuem am Anfang von Marduk 


35i 


Horoskopie 


352 


festgesetzt würden, und verbindet mit 
dem Neujahrstag das Fest der Schicksals¬ 
bestimmung: an ihm erhält der König die 
Interpretation der astralen Erscheinungen 
für das kommende Jahr 25 ). So durch¬ 
zieht die Ansicht von der Entsprechung 
zwischen Himmel und Erde das ganze 
babylonische Leben: sie bildet, mit Zähig¬ 
keit bewußt festgehalten, die Hauptstütze 
der H. 26 ) und ist die unbewiesene Grund¬ 
lage aller Astrologie überhaupt. 

*) Macrob. Somit. Scip. I 19, 2; Procl. in 
Tim. p. 257 F. 2 ) Tim. 38 c/d. 3 ) Bouch6- 
Leclerq L’astrologie grecque (weiterhin zitiert 
BLA.) S. 64, 1. 4 ) Achilles Tatius Isag. 17. 

abgedruckt in Commentarii in Aratum ed. E. 
Maaß (Berlin 1898) S. 43. 6 ) Ausführungen 

über diese Texte bei Bruno Meißner Baby - 
lonien und Assyrien 2, 251. •) Diodor 2, 30, 

die Stelle auch bei Meißner 2, 398 f. 

7 ) Meißner 2, 248. 8 ) Ebd. 2, 253. 9 ) Ebd. 2, 

254. 10 ) Ebd. 2, 255. n ) Ebd. 2, 248. 12 ) Ebd. 2, 
251. 13 ) Ebd. 2, 255; Bezold-Boll Sternglaube 
und Sterndeutung 3 S. 5L 14 ) Meißner 2, 253; 
Bezold-Boll a. a.O. S. 7. Doch steht die Zwölf¬ 
zahl der Zeichen erst für die Texte der Seleukiden- 
und Arsakidenzeit fest; das Gilgamesepos weist 
nur 11 Zeichen auf. Vgl. Weltschöpfungsepos 
in Ungnad Die Rel. d. Babyl. und Assyrer 1, 
126; 2, 32. 15 ) Meißner 2. 257. 1# ) Ebd. 2, 257. 
17 ) Original der Tafel im Brüsseler Museum, 
Beschreibung von H. Zimmern ZfAssyriol. 
32 (1918), 71. Vgl. Bezold-Boll Sternglaube 3 
10. 63. 18 ) Bezold-Boll Reflexe astrologischer 

Keilinschriften bei griechischen Schriftstellern 
(= Sitzber. Heid. Ak. Wiss. 1911 phil.-hist. 
Klasse 7) 37 ff. 19 ) F. X. Kugler Sterndienst in 
Babel II 2, 466; Bezold-Boll 3 5 f.; Meißner 2, 
254. 20 ) Meißner 2, 254. 21 ) Darüber aus¬ 

führlich Kugler a. a. O. 464 ff. 22 ) Kugler 
a. a.O. 562. 23 ) Ebd. a. a.O. 554 f. 24 ) Meißner 
2, 125. 25 ) H. Zimmern Das babylon. Neujahrs¬ 
fest = Der Alte Orient Jahrg. 25, 3, 16 ff. 
26 ) Meißner 2, 110. 

2. Die hellenistische H. Gemessen 
an der babylonischen H. ist die Praxis der 
hellenistischen Sterndeuter — in ihren 
Grundzügen den Babyloniern entlehnt — 
außerordentlich kompliziert. Erst im 
Abendland nämlich wurde jedem mög¬ 
lichen Einfluß der Tierkreisbilder, Pla¬ 
neten, Cardines, Häuser, Dekane und 
Grade auf das Menschenleben nachge¬ 
gangen. Die astrologische Methode, die 
hier in der hellenistischen Welt, vornehm¬ 
lich in Alexandria, begründet wurde, be¬ 
hielt seitdem bei den Astrologen Gültigkeit. 

Eine Untersuchung über den Zu¬ 


sammenhang dieser Astrologie mit dem 
metaphysischen Bedürfnis des hellenisti¬ 
schen Menschen haben wir hier nicht vor¬ 
zulegen 27 ). Nur dies sei angemerkt: 
Dem klassischen Griechentum ist die 
Astrologie fremd. Erst die stark religiöse, 
aufs Jenseits gerichtete Tendenz der 
letzten Jahrhunderte vor Christi Geburt 
hat wesentlichen Anteil an der Hin¬ 
wendung der Menschen zu astrologischen 
Spekulationen, und wenn auch diese Zeit 
in der Tetrabiblos des CI. Ptolemaios den 
hervorragenden Versuch zu einer wissen¬ 
schaftlichen Astrologie vorlegt 28 ) (Pto¬ 
lemaios war als Astronom und Aristo- 
teliker alles andere als ein spekulativer 
Mystiker), der allgemeine Charakter 
dieser Astrologie ist der der Offenbarung 29 ). 
Die Zurückführung der Weisheit auf die 
Götter, deren Stimme der ägyptische 
König Nechepso ,,aus dem dunklen Ge¬ 
wand des Nachthimmels" hört, verlieh 
der Stemdeutungsmethode des großen 
Königs 30 ) ebensolchen Wahrheitsgehalt, 
wie ihn Ptolemaios in seinem auf Aristo¬ 
teles und Poseidonios aufgebauten Ver¬ 
such einer physikalischen Begründung der 
Astrologie darzutun vermochte. Diese 
beiden systematischen Darstellungen der 
Astrologie bestimmen seitdem alle H.- 
praxis. Ihren Doktrinen folgend werden 
wir die Methode der hellenistischen H., 
deren Prinzipien das Gros der arabischen, 
Renaissance- und modernen Astrologen 
als gültig anerkennt, erläutern. 

Auch die Griechen und die in ihrem 
Kulturbereich stehenden Völker pflegen 
die beiden aus der Betrachtung der baby¬ 
lonischen H. bekannten Teile der politisch- 
meteorologischen H. und der Genethlia- 
logie. Der Zusammenhang der helle¬ 
nistischen H. mit der babvlonischen ist 
außer durch antike Zeugnisse in Über¬ 
setzungen griechischer Texte aus Keil- 
schrifttexten nachgewiesen 31 ). 

a) Politisch-meteorologische H. 

Die Planeten sind nach wie vor die 
Träger des Geschehens. Vor allem Sonne 
und Mond wirken zusammen; die Finster¬ 
nisse spielen dieselbe bedeutende Rolle. 
Wesentlich ist aber, daß die Beeinflussung 
der Erdgegenden aus den Tierkreisbildem 


Horoskopie 


354 


3 


353 


• f 


(Zodia) ersehen werden kann. Jedem 
der 12 Abschnitte der Ekliptik ist nämlich 
ein Teil der Erde unterstellt. Man teilt 
zu diesem Zweck nach den Himmels¬ 
richtungen die Erde (oixoupivij), die 
eine längliche Form hatte, in 4 gleiche 
Dreiecke, die mit den Spitzen gegenein¬ 
ander liegen. So geschieht das Unglück, 
das eine Finsternis weissagt, vorzüglich 
in jenen Gegenden, die dem Tierkreisbild 
unterstellt sind. Die Verteilung der 
Zeichen ist in den einzelnen Systemen ver¬ 
schieden. Das äußere Aussehen dieser po¬ 
litische Prognosen enthaltenden Texte 
unterscheidet sich im übrigen unwesent¬ 
lich von den babylonischen. Ein Beispiel 
dürfte genügen: ,,Monat April. Wenn 
im Widder die Sonne oder der Mond 
verfinstert ist, dann wird es den Gegenden 
Ägyptens und Syriens schlecht ergehen, 
den Herrschern jener Gegenden wird Tod 
und Nachstellung drohen, ferner Auf¬ 
stände. Die Herrscher werden fallen, 
Heere werden vernichtet und es gibt 
Brandschatzung in Menge. In Libyen 
wird es Einwanderung von Horden geben, 
dem Anführer droht Gefahr seitens ge¬ 
walttätiger Freunde. Wilde Austrei¬ 
bungen" 32 ). 

Auch die meteorologischen Texte 
weisen keine prinzipiellen Unterschiede 
auf. Ein Beispiel mag sie illustrieren. 

,,Sonnenfinsternis im Widder bezeich¬ 
net Überfluß an Getreide und ein gesundes 
Jahr, im Stier Vernichtung des Getreides 
durch Heuschrecken, in den Zwillingen 
verkündet sie große Hungersnot usw." 33 ) 

Oder: Monat Oktober: Wenn in der 
Wage die Sonne sich verfinstert..., 
„wird viel Wasser (Überschwemmung?) 
die am Meere und die im N. gelegenen 
Gegenden heimsuchen, so daß die Menschen 
die Frucht nicht werden einbringen 
können" 34 ). 

In die letzte Gruppe der meteorolo¬ 
gischen Monatsprognosen gehören auch 
die meteorologischen Jahresprognosen. 
Da nach der Lehre der Astrologie jede 
Zeiteinheit von einem Tierkreisbild be¬ 
herrscht ist, hat nicht nur jeder Monat, 
sondern auch jedes Jahr sein Zeichen. 
Das Tierkreiszeichen des Jahres be- 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


stimmt aus seiner Natur dessen meteoro¬ 
logische Beschaffenheit 36 ). Beispiel: 

,,Jahr des Widders: Dieses Jahr wird 
durch den Beginn mit dem Nordwind 
rauh. Der Winter ist kalt, andauernd, 
heftig und schneereich, vergeht nicht 
leicht, ist durch die Winde streng. Um 
die Wintersmitte am 28. Januar... wer¬ 
den große Stürme aus NO eintreten... 
Der Frühling ist heiß, der Sommer ge¬ 
mäßigt, der Herbst heiß. Die Flüsse 
werden in diesem Jahr stark anschwellen. 
Die Saat muß man früh machen— Die 
Getreidefrucht wird ergiebiger als die 
Weinernte sein. Die Herden werden 
gute Zeit haben; und das Jahr bleibt 
nicht unergiebig, sondern wird frucht¬ 
bar" 36 ). 

Neben den Finsternissen selbst wurden 
auch die Farbenerscheinungen und die 
Größe der Verfinsterung beobachtet. 
Ferner die Kometen (s. d.). Auf Bei¬ 
spiele muß hier verzichtet werden 37 ). 

Nach der physikalischen Auffassung 
des Ptolemaios war diese H. die wichti¬ 
gere, weil „sie uns die Eigentümlich¬ 
keiten von ganzen Reichen, Völkerschaften 
und Städten anzeigt" und „die Ereig¬ 
nisse ganzer Reiche durch umfassendere 
und schwerwiegendere Ursachen herauf¬ 
führt als die des einzelnen Menschen¬ 
lebens" 38 ). Da die Einzelschicksale Teile 
von Allgemein Wirkungen sind, schätzt 
Ptolemaios die politische H. höher ein 
als die Genethlialogie. Tatsächlich ge¬ 
staltete sich die Sache aber so, daß die 
persönlichen Schicksale das Wichtigste 
wurden, wofür als innere Bedingung in 
der Antike sicher das zurückgehende 
Kollektivbewußtsein der hellenistischen 
und römischen Zeit anzusehen ist 39 ). 

Demnach haben wir im folgenden auch 
den größeren Wert auf die Genethlialogie 
gelegt und ihrem System an Hand von 
Nechepso-Petosiris’ , »Astrologenbiber 'eine 
ausführliche, alles Prinzipielle enthaltende 
Darstellung gewidmet. 

b) Das System des Nechepso- 
Petosiris (Astromantik). 

§ 1. Die 12 Orte. 

Die beiden Himmelspunkte Osten und 
Westen, deren besondere Bedeutung für 

12 


1 


355 


Horoskopie 


356 


•die astrologische Praxis der Babylonier 
oben hervorgehoben wurde, gelten auch 
in der hellenistischen Astrologie als die 
wichtigsten Stellen; sie werden indes 
um 2 weitere Punkte vermehrt, die zu 
O und W im Winkel von 90° stehen; alle 
vier liegen auf der Ekliptik 40 ). Diese 
vier xevxpa (cardines) bestimmen im 
wesentlichen das Schicksal des Menschen. 
Der dieser Auffassung zugrunde liegende 
Gedanke ist enthalten in dem babylo¬ 
nischen Satz von der Gleichung Mikro¬ 
kosmos und Makrokosmos. Der Makro¬ 
kosmos, die Welt, ruhte in den 4 Him¬ 
melsrichtungen, die landschaftlich und, 
was die Sitten ihrer Bewohner angeht, 
die größten Verschiedenheiten aufweisen. 
Diese Spekulation führt dann einerseits 
zu dem System der astrologischen Geo¬ 
graphie als Grundlage der politischen 
H. 41 ) und der eigentlichen, auf den Men¬ 
schen bezogenen H. Die babylonischen 
Anschauungen sind dem Westen der 
Oekumene im 3. Jahrhundert über Syrien 
und Ägypten vermittelt worden 42 ). 

Die Rangordnung der 4 xevxpa (dvxe'X- 
Xo>v, Suviov, p-eaoüpavajv, avxtpeaoupavuxv) 
ist nicht immer die gleiche; vor allem war 
strittig, ob der fxeaoupava>v vor dem dvxt- 
peffoopavojv den Vorzug hatte oder um¬ 
gekehrt 43 ). Die Bedeutung des dvxeXXtov 
überwog so sehr, daß ,,das Wort mpoaxorco; 
und das davon gebildete ursprünglich 
transitive u>poaxo7retv (= die Stunde 
schauen) geradezu die Bedeutung ‘Auf¬ 
gang', ‘aufgehen' im astrologischen Sinn 
angenommen hat“ 44 ). 

Horoskopos oder Aszendent ist der im 
Augenblick der Geburt aufgehende Grad 
des Tierkreises. Dieser richtet über das 
Leben und läßt die ,,fundamenta totius 
geniturae“ erkennen; er ist das xevxpov 
7tpa)Tov (cardo primus) des Horoskops und 
„totius geniturae compago atque sub- 
stantia“ 4S ). 

Der zweite Cardo geniturae, die untere 
Kulmination (dvxip.eaoüpavcuv oder imum 
medium caelum [IMC]), steht in engster 
Verbindung mit dem Horoskopos, weil 
die Punkte sich im Geviertschein an- 
blicken. Der Cardo bestimmt vor allem 
das Schicksal der Eltern 46 ). 


Der 3. Cardo, Suveov, von den Römern 
auch occasus genannt, belehrt über Quali¬ 
tät und Anzahl der Ehen 46 ). 

Ein sehr wichtiger Punkt ist der 
4. Cardo (peaoopotvtbv, medium caelum 
[MC], auch £v£vr,xovTdjA£poc, nonagesima 
pars); er steht in der oberen Kulmination, 
d. h. in der Mitte der Welt. Leben und 
Lebenskraft, alle Handlungen, Vaterland, 
Wohnsitz und Verkehr, die Fähigkeiten 
und die Laster des Geistes ergeben sich 
aus diesem Punkt 47 ). Den großen Astro¬ 
logen erschien er so wichtig, daß manche 
seiner Betrachtung eine bevorzugte Be¬ 
deutung beimaßen 48 ): vgl. quia... semper 
MC. in omnibus genituris possidet princi- 
patum et quia hic locus supra primum 
verticem est et quia ex hoc loco totius 
geniturae fundamenta colligimus, oportune 
ex hoc signo initium signis omnibus da¬ 
tum est 49 ). 

Indessen haben nicht nur die einzelnen 
Grade diesen Einfluß, sondern ebenso die 
30 jeweils in der Drehrichtung des Him¬ 
mels folgenden Grade (Zeit des Sonnen¬ 
laufs in einem Monat). Außerdem wies 
die griechische Astrologie (wann?) auch 
anderen Abschnitten der Ekliptik eine 
für das Leben bedeutende Rolle zu und 
teilte die Ekliptik in 12 Teile zu je 30 Grad, 
die man als die Häuser oder besser Örter 
(xo7rot, loci) bezeichnete 50 ). Ihre Bedeutung 
veranschaulicht das in Fig. 3 abgebildete, 
von den mittelalterlichen und Renaissance¬ 
astrologen gebrauchte Schema. 

Die in der Figur aus Firmicus II 19 
belegten Bezeichnungen der Häuser faßt 
geschickt ein Vers des Mittelalters zu¬ 
sammen : 

Vita lucrum fratres genitor nati valetudo 
Uxor mors pietas regnum benefactaque carcer. 

§2. Die sonstigen hervorragenden 
Punkte. 

Außer den genannten kommen in Be¬ 
tracht 

1. der xX 9 jp<K *rijs Tujpg* oder locus Fortunae, 

2. das SwÖsxaTTjfxopiov. 

Der xXr,poc •zrfi xopjc, später das Glücks¬ 
rad genannt, umschreibt gleichfalls das 
ganze Leben; über Glück und Unglück, 
Liebe und Frauen, Erziehung und Be¬ 
dürfnisse, Heimat usw. vermag man aus 


357 


Horoskopie 


358 



Fig. x. Die Trigonalaspekte 


MC 



IMC 


Fig. 3. Das Schema der Häuser 


THC 



IMC 

Fig. 5. Horoskop Hadrians 


76 



CCD 

Fig. 2. Babylon. Geburtshoroskop 


HD 



ss 

Fig. 4. Antike Aspekte 


XED 



76 

Fig. 6. Horoskop Bebels 



359 


Horoskopie 


360 


ihm vieles zu entnehmen 51 ). Man findet 
diesen Punkt rechnerisch, indem man die 
Länge des Mondes vermehrt um den 
Zwischenraum (Winkelbogen) zwischen 
der Länge der Sonne und des Aszen¬ 
denten; oder anders ausgedrückt: „Die 
Entfernung, die die Sonne zum Aszen¬ 
denten hat, hat der Mond zum Glücks¬ 
rad" 52 ). — Dodekatemorion bezeichnet 
das I2fache einer nach Längengraden an¬ 
gegebenen Sternposition und dient dazu, 
die etwa in den bisher charakterisierten 
Punkten verheimlichten oder aus ihnen 
nicht deutlich zu entnehmenden Ereig¬ 
nisse zu enträtseln 53 ). Man soll nach 
Firmicus von jedem Planeten im Horo¬ 
skop das Dodekatemorion errechnen 54 ). 
Zur Veranschaulichung ein Beispiel. Die 
Position der Sonne sei 5 0 5'; das I2fache 
ergibt 6i°. Vom 5 0 5' Widder an gerechnet 
fiele das Dodekatemorion der Sonne 
auf 6° 12' Zwillinge. Merkwürdigerweise 
rechnet Firmicus, dem ich das Beispiel 
entnehme, diese 6i° nicht von 5 0 5', son¬ 
dern vom Grad 1 des Zeichens, in dem 
das Gestirn steht, dessen Dodekate¬ 
morion man sucht; er kommt so auf i° 
Zwillinge 55 ). Ebenso macht es der Ex- 
zerptor des Astrologen Antiochos von 
Athen (2. Jh. n. Chr.), der seinerseits 
Dorotheos von Sidon — dessen Quelle 
ist Nechepso-Petosiris — ausschrieb 56 ): 
es scheint, was nicht ganz verständlich 
sein will, die Gewohnheit gewesen zu sein. 

§ 3. Das System der Tierkreis¬ 
bilder und Dekane, Planeten und 
Domizilien. 

Über die Tierkreisbilder. Die 
Sonnenbahn (Ccooiaxos, Ekliptik), in deren 
Ebene mit mehr oder minder großen Ab¬ 
weichungen nach N oder S sich auch der 
Mond und die fünf Planeten (Merkur 5, 
Venus $ , Mars cf, Jupiter und Saturn t?) 
bewegen, wird von den Astrologen in 
12 Abschnitten zu je 30 0 geteilt. Die Ab¬ 
schnitte sind benannt nach den in ihnen 
stehenden Sternbildern. Die Kenntnis 
dieser Zodiakalbilder erhielten die Grie¬ 
chen wohl schon im 4. Jh. von den Baby¬ 
loniern; die Figuren, deren Namen sie 
nur z.T. änderten, bewahren vielfach noch 
eine Erinnerung an ihren babylonischen 


Ursprung 57 ). Die Reihe beginnt mit dem 
Widder (wohl weil in ihm die Frühlings- 
Tag und Nachtgleiche war, als die Baby¬ 
lonier die ersten Beobachtungen über den 
Sonnenlauf machten). Die griechischen 
Bezeichnungen Kpioc, TotSpo-, AiSufiot, 
Kapxivo;, Ascov, Ilapöevoc, Zu^ov, Zxopirioc, 
loJoTTJC, AffOXSpSUC, 'Topo/ooc, ’P/lluEC 
sind während des MA.s im Abendland 
von den lateinischen Namen verdrängt 
worden, die, in folgendem Distichon zu¬ 
sammengefaßt, leicht zu merken sind: 

Sunt Aries, Taurus, Gemini, Cancer, Leo, Virgo 

Libraque, Scorpio, Arcitenens, Caper, Am¬ 
phora, Pisces. 

Diese Zeichen (£u»otot) werden bei jedem 
Horoskop auf die 12 Häuser verteilt. 
Dies geschieht nicht allein, um die Pla¬ 
netenstellung leichter zu veranschaulichen, 
sondern vor allem, weil — und dies ist 
wieder ein babylonisches Erbstück — 
die Zeichen bestimmte Naturen haben 
und ihnen entsprechende Einflüsse aus¬ 
üben; diese Einflüsse mit der Bedeutung 
des Hauses, in dem das Tierkreisbild 
steht, zu kombinieren, stellt die eigent¬ 
liche Aufgabe beim H.ren dar. Ihrer 
Natur nach sind die Zodiakalbilder ge¬ 
schieden in männliche 58 ) (Aries, Gemini, 
Leo, Libra, Sagittarius, Aquarius) und 
weibliche (Taurus, Cancer, Virgo, Scor- 
pius, Capricornus, Pisces); tropische 
(Krebs und Steinbock), äquinoktiale 
(Widder, Wage), feste (Stier, Löwe, Skor¬ 
pion und Wassermann), zweijcörperliche 
(Zwillinge, Jungfrau, Schütze, Fische), 
Tageszeichen, Nachtzeichen, tönende und 
tonlose 59 ), gerade (opöa) und schiefe 
(irXctyia), feurige und wässerige usw. 60 ). 
Aus diesen Naturen werden dann die Wir¬ 
kungen der Zeichen abgeleitet: Als 
h.rendes Zeichen (nur um ein Beispiel 
zu geben) schafft der Widder nach dem 
Babylonier Teukros ,,farbige, großnasige, 
schwarzäugige, kahlköpfige, vornehm¬ 
tuende (aepvouc), etwas magere, wohl¬ 
gewachsene, dünnschenkelige, mit schöner 
Stimme und edler Gesinnung begabte" 61 ); 
der Löwe im Horoskop bringt hervor: 
„weißfarbige, eine wenig gelähmte (? utto- 
iHQpou?), froh- und hellblickende, großmäu¬ 
lige, mit Zahnlücken versehene, mit schö- 


1 


Horoskopie 


362 


361 




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1 


nem Hals und einer stangenartigen Nase 
versehene, mit schöner Brust" 62 ) usw. 
Man sieht, wie neben den Naturen auf die 
Wirkungsbestimmungen vor allem auch 
die Vorstellung ein wirkte, die man von 
der irdischen Natur des Tieres oder Lebe¬ 
wesens hatte. Sagt doch Aristoteles in 
der Physik 63 ), der Löwe habe ^apoitouc 
&p8aXjjtous epcoiTouc (= schönblickende und 
tiefliegende Augen): diese Worte finden 
ihren Niederschlag in dem angeführten 
Verzeichnis der Wirkungen des Löwen. 

Über die Dekane. Nun haben aber 
nicht nur die 30 0 umfassenden Zodia 
Einflüsse, sondern, und das geht vor 
allem die Kentra an, Teile der Zodia von 
je io°. Diese Abschnitte werden von je 
einem göttlichen Wesen beherrscht, De¬ 
kanus (Sexavoc) genannt. Es entfallen 
somit auf jedes Tierkreisbild 3 Dekane; 
der ganze Zodiakus enthält deren 36. Die 
Dekane sind keine babylonische, sondern 
wie die Namenlisten in den Tempeln von 
Dendera und Kom Ombo im Ramesseum 
und in mehreren Königsgräbem des Neuen 
Reiches verraten 64 ), ein Erzeugnis der 
ägyptischen Astrologie, die später freilich 
(seit der Besetzung Ägyptens durch die 
Assyrer, 7. Jh.) stark von babylonischer 
Astrologie beeinflußt zu sein scheint. Als 
wüste und krause Dämonengestalten 
treten diese Drittelgötter uns entgegen: 
„Der 3. Dekan des Widders ist ein Mensch; 
in der Hand trägt er einen Stab, auf dem 
er ausruht. Er ist hitzig und feuer- 
farben (SotvOoc). Er trägt einen roten 
Mantel. Seine Hände sind gelähmt und 
er bearbeitet das Eisen 65 )..." ,,Der 
I. Dekan des Krebses ist ein Mensch mit 
schiefem und von unten schielendem Blick. 
Seine Gestalt ist die eines Elefanten 
und eines Pferdes . . . Seine Tracht sind 
Blätter und Baumfrüchte" 66 ). Diese Ge¬ 
stalten haben die Gemüter der Menschen, 
seit die Astrologie des Nechepso und Pe- 
tosiris die Mittelmeerländer beschäftigte, 
mehr beeinflußt als die edleren Zodiakal¬ 
bilder — eine ergreifende Tatsache für 
den seelischen Tiefstand gewisser Volks¬ 
schichten im Hellenismus und der rö¬ 
mischen Kaiserzeit. Man kann ruhig sa¬ 
gen, daß nach der Ansicht der helleni¬ 


stischen und römischen Astrologen die 
Dekane von ungleich tieferer Einwir¬ 
kung auf die Natur des werdenden Le¬ 
bens waren als die Tierkreiszeichen. Die¬ 
selbe Liste z. B., aus der wir oben die all¬ 
gemeinen Wirkungen (Apotelesmata) der 
Tierkreisbilder belegten, teilt in einem 
folgenden Abschnitt die 30° des Tierbildes 
unter die 3 Dekane auf und bestimmt 
einzeln deren Wirkungen. Beispielsweise 
heißt es zum Löwen: „Die Menschen 
des 1. Dekans sind geschwisterliebend, 
Bergwanderer, Mühsal belastet“. Im 
2. Dekan werden sie „königsgleich, mutig, 
edel, Anführer, kurzlebig und verschleu¬ 
dern das väterliche Gut". Der 3. Dekan 
erzeugt „Leute von schmutziger Gesin¬ 
nung, ehrbar scheinende, frierende, ge¬ 
wandte (verschlagen-listige) Führer, außer 
Landes reisende, Wohltäter für viele, 
aber auch Übeltäter für viele, solche, die 
ihre Brüder fallen lassen und an sich selbst 
nicht auf ehrenvolle Weise Selbstmord ver¬ 
üben" 67 ). Man sieht, die Bestimmungen 
sind differenzierter als bei den Zodia; die 
verschiedensten Charakter Veranlagungen 
des Menschen ließen sich auf diese 36 De¬ 
kane besser verteilen als auf die 12 Zodia. 
Dies wird den Dekanen ihre hervorra¬ 
gende Bedeutung für die H. gegeben haben. 

Über die Planeten. Die Interpretation 
der Örter eines Horoskops ist vollständig 
erst zu geben, wenn die etwa vorhandenen 
Beziehungen der in den Häusern stehenden 
Zodia zu den Planeten ermittelt sind. 
Denn die Planeten sind die eigentlichen, 
das Schicksal des Menschen gestaltenden 
oder nach anderer Auffassung das Schick¬ 
sal ankündigenden Mächte 68 ). Wie die 
Sonne und der Mond als die ewig wandeln¬ 
den Lichter die Erde mannigfach beein¬ 
flussen (Jahreszeiten, Springfluten), so 
schloß man analog auch auf Einwirkun¬ 
gen der übrigen 5 Wandelsterne, die mit 
der Sonne und dem Mond ihren Weg durch 
die Ekliptik nehmen. Die Klassifizierung 
nach Naturen und Wirkungen geschieht 
nach denselben Kategorien wie bei den 
Zodia; aus dem Göttemamen des Planeten 
ist seine Wirkung ersichtlich. Dies ver¬ 
steht man dann richtig, wenn man sich 
erinnert, daß die frühhellenistische Zeit 


363 


Horo skopie 


Horoskopie 


366 


364 


nicht die Sterne selbst als Götter auf¬ 
faßte, sondern dieselben je einem Gott 
zuschrieb, dessen Natur jeweils der des 
babylonischen Sterngottes entsprach 69 ). 
So wirkte also nicht der Planet, sondern 
der Gott, der über ihn herrschte; und 
wenn sich langsam auch die Anschauung 
von der göttlichen Macht der Planeten 
durchsetzte, so ist doch anzumerken, 
daß noch im 4. Jahrhundert n. Chr. 
der ägyptische Astrolog Hephaistion aus 
Theben, wie 8 Jahrhunderte vorher Platon 
und die Aristoteliker, von dem Stern des 
Zeus, des Ares usw. spricht 70 ). Nechepso- 
Petosiris, dem jene Stelle entstammt, hat 
sicher auch so geschrieben 71 ). 

In der Reihe der 7 Planeten dominieren 
Sonne ( 0 ) und Mond ( £ ): von ihnen ver¬ 
tritt die Sonne das männliche, der Mond 
das weibliche Prinzip; ferner ist die 
Sonne das Tages-, der Mond das Nacht¬ 
gestirn. Auch die Naturen der beiden 
in ihren Wirkungen am stärksten wahr¬ 
nehmbaren Planeten sind sich entgegen¬ 
stehend; während die Sonne Hitze und 
Trockenheit bewirkt, hat der Mond die 
Eigenschaft zu feuchten 72 ). In ähnlicher 
Weise sind die Naturen der anderen Pla¬ 
neten. Saturn (t?) ist männlich, ein Tages¬ 
gestirn; seine Natur kältend und, da er 
in dem griechischen System der Planeten¬ 
sphären am weitesten entfernt von der 
Hitze der Sonne und den der Erde ent¬ 
steigenden Dünsten sich aufhält, in einem 
gewissen Sinn austrocknend. Weitere 
männliche Gestirne sind Jupiter (2J.) und 
Mars (cf)> von denen der erste wiederum 
Taggestim, der Mars Nachtgestirn ist. 
Seiner Natur nach ist Jupiter gemäßigt; 
er wärmt und feuchtet, die wärmende 
Kraft waltet vor. Mars hingegen ist, 
seiner Feuerfarbe entsprechend, aus¬ 
dörrender, verbrennender Natur. Die Ve¬ 
nus (2), wie der Mond Nachtgestirn und 
weiblich, hat einen im wesentlichen feuch¬ 
ten Charakter, während der letzte, Merkur 
( 5 ), in jeder Hinsicht doppelt begabt ist: 
er ist je nach der Stellung am Morgen- und 
Abendhimmel entweder Tag- oder Nacht¬ 
gestirn; ist ebenso männlich wie weib¬ 
lich und vermag bald seine dörrende, auf- 
saugende Macht zu entfalten, bald seine 


feuchtende. Die wissenschaftliche Ergrün¬ 
dung des Planetenzustandes geht auf die 
Physik des Aristoteles zurück, der 4 Grund¬ 
qualitäten angenommen hatte, von denen 
je zwei ein Element bezeichnen: warm- 
trocken ist das Feuer, warm-feucht die 
Luft, kalt-feucht das Wasser, kalt-trocken 
die Erde 73 ). 

Diesen Naturen entsprechen die Wir¬ 
kungen der Planeten. Zunächst wer¬ 
den sie eingeteilt in benificae stellae 
(Jupiter und Venus und meist auch der 
Mond) und in maleficae (Saturn und 
Mars), während Sonne und Merkur eine 
Mittelstellung haben. Außerdem hat 
jeder Planet einen besonderen Wirkungs¬ 
kreis: während die Sonne den König, den 
Vater, Herrn, Gott und die Würde an¬ 
zeigt, wendet sich der Mond an die Kö¬ 
nigin, Herrin, Mutter und bezieht sich auf 
den Körper, die Schwangerschaft, Hoch¬ 
zeit usw. Saturn, der alte, beeinflußt den 
Vater, ältere Brüder, das Verwaistsein 
der Kinder usw., erregt Krankheiten aller 
Art, körperliche Gebrechen, moralische 
Minderwertigkeit. In diesem Sinne ist 
ihm Mars verwandt: Krankheiten, Ge¬ 
walttat, Mord, Krieg und Raub, Brand¬ 
stiftung, Ehebruch und Flucht, Kriegs¬ 
gefangenschaft, Zerschneiden des Kindes 
im Mutterleib, Lüge, Diebstahl, Meineid, 
Grabschändung und dergleichen sind sein 
Werk. Wesentlich gesitteter ist Jupiter: 
Geburt, Ansammlung von Reichtümern, 
Gerechtigkeit, Ämter, Staat, Ruhm, Prie¬ 
steramt, Treue und Sieg werden von ihm 
gegeben. Wie Jupiter die Männer, so be¬ 
günstigt Venus die Frauen: ihr unterstehen 
die Mutter, jüngere Schwester, Liebe, Be¬ 
gierden, ferner Priestertum, Freude, 
Freundschaft, Hochzeit, Kinder, einwand¬ 
freie reine Künste, Malerei usw., Heiter¬ 
keit der Seele, Lachen, Gelage, Liebko¬ 
sung und jede Freude. Merkur ist der 
Begünstiger alles geistigen Lebens: die 
Wissenschaften, Rede, Weisheit, Geome¬ 
trie, Astronomie, der Handel, endlich das 
Vorauswissen der Zukunft sind auf seinen 
Einfluß zurückzuführen 74 ). 

Die volle Wirkung des Planeten ist ab¬ 
hängig von dem Tierkreiszeichen, in dem 
er gerade steht. Jeder Planet hat nämlich 


ein Zeichen seiner höchsten Wirksam¬ 
keit ((tywua, altitudo) und eines seiner 
niedrigsten (xa7te’'v<i>p.a, deiectio). Ferner 
haben die Planeten ein Tierkreisbild, wel¬ 
ches sie am Tage, ein anderes, welches sie 
bei Nacht bewohnen. Sonne und Mond 
haben nur je ein Zeichen: denn die Sonne 
ist einseitig Beherrscherin des Tages, der 
Mond der Herr der Nacht. Diese Wohn¬ 
sitze der Planeten im Zodiakus nennt man 
Häuser (oTxoi, domicilia); sie steigern 
ebenfalls, wenigstens nach ,,ägyptischer“ 
Anschauung, die Wirkung des Planeten. 
Die Zugehörigkeit der Planeten zu den 
Zodia, ihre Höhen und Depressionen, Tag 
und Nachthäuser ersieht man aus fol¬ 
gender Tabelle 75 ): 





I? 


xi 


* 


i. 

r 

r 


Pla¬ 

neten 

Er¬ 

höhungen 

Erniedri¬ 

gungen 

Tag- 

Häuser 

Nacht- 

Häuser 

0 

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190 

■-Q_ 

190 

ß 



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3 ° 

ni 

3 ° 


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T 

21° 

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28° j 

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$ 

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27 0 

np 

27 ° 

XL 



np 

I 5° 

X 

15° 

np 

3T 


Indessen haben die Planeten nicht nur 
dort die Macht, wo sie wirklich stehen, son¬ 
dern auch an andern Stellen des Zodiaks, 
die ihnen gleichsam gehören. Zunächst 
sind ihnen die Dekane zugewiesen; nach 
der Natur des Planeten ist die Natur und 
die Wirkung des Dekans bestimmt 76 ). Ein 
weiteres System teilte die 30 Grade jedes 
Zodiakalbildes noch weiter (ohne Berück¬ 
sichtigung der Dekane) in je 5 Abschnitte, 
deren jeder einem der Planeten mit Aus¬ 
nahme von Sonne und Mond unterstellt 


war. Diese opta bzw. fines genannten Ab¬ 
schnitte oder Bezirke ermöglichten eine 
noch genauere Bestimmung der Natur 
des Neugeborenen aus den jeweils in den 
Cardines stehenden opta und ihrer plane¬ 
tarischen Natur; der Bezirk war von aus¬ 
schlaggebender Wichtigkeit, wenn in den 
Cardines kein Planet stand. Wir teilen 
hier nun die Tabelle der opia des Peto- 
siris mit; es gab noch andere Verteilungen, 
t. B. eine chaldäische usw. 

Bezirke nach Nechepso-Petosiris 77 ): 


T 

5 

6 

$ 

6 

$ 

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5 

5 

5 


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8 

$ 

6 


8 

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6 

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6 

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5 


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7 


7 


4 

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5 



7 

$ 

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5 


5 

X 

5 

12 

23 

4 

5 

3 

c3 

9 

r> 

2 


Über den Oikodespotes (Hausherr). 
Wie der Astrologe bestimmte Punkte des 
Zodiaks im Horoskop besonders zu be¬ 
achten hatte, wie das Dodekatemorion 
und den Kleros ttjc tu/tjc, so auch neben 
den Planeten bzw. dem Bezirk des ersten 
Hauses noch einen gewissen Planeten, den 
sog. otxoöearoxTjc oder dominus geniturae 
(xuptoc fsveaeuiv). Er zeigt das Wesen 
der Neugeborenen, wie sie sein werden, 
die ihnen eigene Substanz ihres Lebens, 
die Charakteranlagen, die äußere Erschei¬ 
nung des Körpers, kurz er erläutert den 
ganzen Menschen 78 ). Über die Auffin¬ 
dung des Dominus geniturae gehen die 
Ansichten weit auseinander. Während 
die einen sich dafür entschieden, der 
Bezirk habe die Wirkung des ofxo- 
SeairoTT]S, in dem bei Taggeburt die Sonne, 
bei Nachtgeburt der Mond stehe, be¬ 
zeichnen andere das 5 ^o>jia des Mondes als 
ohcoSeaTTÖTTjc. Für eine kompliziertere Auf¬ 
findung desselben entscheidet sich Fir- 
micus Maternus: in seinem System ist 
der Planet Hausherr, dessen Zodiakalbild 
die 2. Station des Mondes ist, gerechnet 
von seiner Stellung im Augenblick der Ge¬ 
burt an, wobei das Sternbild, in dem der 
Mond sich bei der Geburt befindet, mit¬ 
gerechnet wird 79 ). Um ein Beispiel zu 
geben: Wenn einer in seiner Ge¬ 

burtsstunde den Mond im Widder hat, 
so ist der oöioos 37:6x7] c des Horoskops die 
Venus als Herrin des auf den Widder fol¬ 
genden Zeichens, des Stiers. Dabei ist 
zu beachten, daß Sonne und Mond nie¬ 
mals otxo 5 £ 07 : 6 xat sein können; die Zodia, 
in denen Sonne und Mond herrschen, 
werden dabei einfach überschlagen. Ist 


367 


Horoskopie 


368 


z. B. zur Geburtsstunde der Mond in den 
Zwillingen, so ist otxoSecjTtoTTj? nicht der 
Mond als Herr des Krebses noch die Son¬ 
ne, die den Löwen bewohnt, sondern der 
Merkur als Hausherr des folgenden Bildes 
der Jungfrau 80 ). Die Wirkung des 
obcoSscjrox 73 c wird aus der Natur des Pla¬ 
neten nach den beschriebenen Grund¬ 
sätzen interpretiert. 

§ 4. Die Aspekte. 

Die Stellungen der Planeten in den De¬ 
kanen oder Bezirken der Zodia werden 
verstärkt oder geschwächt durch die sog. 
<55(73 fi.axtcjp.ot oder radiationes. Anfänge 
der Lehre lernten wir schon bei den Baby¬ 
loniern kennen. In der griechischen 
Astrologie sind die Aspekte erheblich ver¬ 
mehrt, indem neben Opposition und Tri¬ 
gonalschein Geviertschein und Sextil- 
schein treten. Die Deutung der Oppo¬ 
sition als schlecht, des Trigonalscheins als 
gut war wohl schon bei den Babyloniern 
üblich; da nun Geviertschein halbe Oppo¬ 
sition, Sextilschein halber Trigonalaspekt 
ist, sind ihre Wirkungen dementsprechend, 
nur etwas abgeschwächt: Geviertschein 
gilt allgemein als ungünstig, während Sex¬ 
tilschein als günstig anzusehen ist 81 ). 
Nur wenige Astrologen weichen von dieser 
communis opinio ab und erklären z. B. 
die Opposition als günstig. 

Figur 4 zeigt, welche und wie viele 
Aspekte zwischen den einzelnen Zodia 
möglich sind. 

Die Aspektwirkungen verbinden sich 
mit den Planetenkräften. Schlechte Pla¬ 
neten in Opposition und Geviertschein 
verstärken die Wirkungen auf das Leben, 
im Gedrittschein (und wohl auch im Sex¬ 
tilschein) schwächen sie sie und umge¬ 
kehrt: 

ayrqiLaai. Tpi7rksupoi<; xaxosdfj.ßX6vovtat 

Im Trigonalaspekt schwächen sich die 

stellae maleficae 82 ). 

Nach diesem Grundsatz haben die 
Astrologen die Aspekte aller Planeten 
untersucht und mit ihrer Interpretation 
ganze Bücher gefüllt, um eine schnellere 
Deutung der Horoskope zu ermöglichen. 
Von besonderer Wichtigkeit sind in die¬ 
sen Listen die Oppositionen und Kon¬ 
junktionen von Sonne und Mond, die Fin¬ 


sternis verursachten. Eine Finsternis 
(s. d.) bedeutet für den Astrologen nie 
etwas Gutes. In der genethlialogischen H. 
scheinen sie weniger wichtig gewesen zu 
sein als in der allgemeinen. 

§ 5. Die Methode des H.rens. 

Zur Aufstellung eines genethlialogischen 
Horoskops war es zunächst erforderlich, 
sich darüber klar zu werden, ob die Kon¬ 
stellation der Geburt oder der Empfängnis 
auf das Leben des werdenden Kindes den 
entscheidenden Einfluß ausübt. Da schon 
ein Schüler (?) des Berossos, Achina- 
polus, wohl auch ein Babylonier (s. 0.), 
die Theorie des Empfängnishoroskops auf¬ 
stellte 83 ), überwog in der hellenistischen 
Zeit das Empfängnishoroskop, welches 
freilich mit dem Geburtshoroskop ver¬ 
glichen worden sein wird, um so deut¬ 
licher das Schicksal des Kindes zu be¬ 
stimmen. Für die Bestimmung des Emp¬ 
fängnishoroskops aus der Konstellation 
der Geburt gab es weitläufige Anwei¬ 
sungen, die schon in dem großen Werk 
des Nechepso-Petosiris standen 84 ). — 

Übrigens war der Dienst des Astrologen 
bei der Aufstellung des Horoskops nicht 
lediglich ein passiver der Interpretation; 
er mußte auch den günstigen Augenblick 
des Beilagers aus den Sternen ablesen, 
ferner die Geburt des Kindes so lange auf¬ 
halten, bis die Sternkonstellation gut 
war 85 ). 

Die Aufstellung des Horoskops beginnt 
mit der Festlegung des Aszendenten und 
der übrigen xevrpa. Es kommt demnach 
auf genaue Kenntnis der Geburtsstunde 
an. Mit Hilfe eines bis auf io° genauen 
Apparates, des sog. Astrolabiums, ver¬ 
mag dann der Astrologe die Lage des 
Tierkreises leidlich zu bestimmen, auf¬ 
zuzeichnen und aus Ephemeriden die Po¬ 
sitionen der Planeten einzutragen. Die 
Methode der Anwendung des Astrolabiums 
zu beschreiben, führt hier zu weit 86 ); 
Ptolemaios findet das Instrument zu un¬ 
genau und ersinnt eine andere Rechen¬ 
methode unter Verwendung der letzten 
Konjunktionen oder Oppositionen von 
Sonne und Mond 87 ). Ich begnüge mich 
mit einem Hinweis auf sie, da mir 
das Kapitel seiner Tetrabiblos, das sie be- 


369 


Horoskopie 


370 


m 


I schreibt, bisher unverständlich geblieben 
• . 
ist. 

Nachdem die Kentra und die Planeten¬ 
stellungen bestimmt sind, wird der 
h.rende Planet bzw. in Ermangelung eines 
solchen der horoskopierende Bezirk fest¬ 
gelegt und in bezug auf sein Tierkreis¬ 
bild und seine Aspekte interpretiert. 
Das geschieht mit Hilfe von Listen; 
dieselben enthalten 1. Die Bedeutung 
der einzelnen Zodia im 1. Haus; 2. Die 
Bedeutung der h.renden Planetenbezirke. 
3. Die Wirkungen der Planeten in den 
I einzelnen Zodia. 4. Die Wirkungen 
l der Planeten in den Bezirken anderer 
p Planeten. 5. Die Aspekte der Planeten. Es 
!■ ist also ein vielfältiges Kombinationsver- 
B fahren nötig, welches, wenn man beispiels- 
weise den Firmicus Maternus zugrunde 
legt, immerhin das Exzerpieren von 
50 Seiten nötig macht 88 ). Dabei sind die 
Interpretationsmöglichkeiten, vor allem 
wenn man noch die vielfältigen Systeme 
berücksichtigt, unbegrenzt. Dafür sind 
1 für die Zeit des Mittelalters die arabischen 
Sammelkompendien die besten Zeugen. 

' Nach der Interpretation des Horo- 
..skopos beginnt, wenn wir Nechepso-Pe- 
f tosiris folgen, die Interpretation des 

i X. Hauses, der pars nonagesima: in 
Omnibus enim genituris nonagesima pars 
y sagaci debet inquisitione perquiri; die 
Wichtigkeit des Punktes für das Leben 
| wurde oben § 1 erläutert. Im übrigen ist 
R genau zu verfahren wie beim Horoskopos: 
fi pars ipsa, in cuius sit dominio ac potestate 
\ (Planet), hoc est, in cuius finibus (Be- 
( zirk) et similiter dominus partis in quo 
^ sit loco positus, et sic omnia ex natura 
{ stellae ac loci potestate perfides 89 ). 

[' Zu diesen beiden Hauptpunkten der 
* Cardines treten dann 1. xXtjooc tt)s xt y/r t s 
fl (= locus fortunae), 2. das öcü5£xaT7jjj,6piov, 

? das über die Lebensdauer befragt wird. 
Nachdem so die Grundlagen festgelegt 
sind, erfolgt die Deutung der übrigen 
1 Häuser. Dabei kommen dem Range nach 
> zuerst die noch übrigen Kentra (VII und 
1 IV) an die Reihe, darauf die andern loci. 
Stets geht die Betrachtung vom Tier¬ 
kreiszeichen und dem Planeten aus. Die 
zu dem einzelnen Hause gewonnene Er¬ 


kenntnis wird dann modifiziert nach den 
Aspekten. 

Die im vorstehenden gegebenen Aus¬ 
führungen enthalten nicht alle zu beach¬ 
tenden Momente. Da es uns nur darauf 
ankommt, das System der H. zu erläu¬ 
tern, scheint es überflüssig, auch die Modi¬ 
fikationen zu beschreiben, denen die In¬ 
terpretation etwa bei einer Tag- und Nacht¬ 
geburt unterliegt oder den Abschnitt des 
Firmicus über die plenae et vacuae par¬ 
tes (IV 22) in diese Betrachtung einzube¬ 
ziehen. Indessen dürfte es wünschens¬ 
wert erscheinen, abschließend die Materie 
durch ein Beispiel zu illustrieren. 

§ 6. Beispiel eines antiken Ho¬ 
roskops und seine Interpretation. 

Wir wählen das von dem spätantiken 
Astrologen Hephaistion von Theben mit¬ 
geteilte Horoskop des Kaisers Hadrian 
(117—138), exzerpiert aus einem Werk des 
Astrologen Antigonos von Nikaia (2.—3. 
Jh.) 90 ), das eine Beispielsammlung 
solcher Genituren samt Kommentar ent¬ 
hielt und ausdrücklich als von Nechepso- 
Petosiris abhängig bezeichnet wird 91 ). 

,»Geboren wurde einer, mit G in 8°, 
(T, 2J. und Asz. im i°, ^ in ^ 16 0 , $ in 
Z 12°, $ in K 12°, cf in 3*22°, MC in 
TTL 22 0 .“ Figur 5 gibt die Konstella¬ 
tion. 

Der dominus geniturae (oixoSearcoTTjc) -- 
so sagt Antigonos — ist f>. Das ist — 
verglichen mit Nechepso-Petosiris — zu^ 
nächst ein Fehler, denn, wie oben § 4 
gezeigt wurde, ist oixo8s<jit6t 7J£ nicht der 
Hausherr des dem augenblicklichen Wohn¬ 
ort des Mondes vorausgehenden, sondern 
nachfolgenden Zeichens. Wir setzen 
hier über diese Diskrepanz nichts ausein¬ 
ander; Antigonos war in den damaligen 
Astrologenkreisen als Neuerer bekannt, 
und so ist es nicht unmöglich, daß er auch 
hier eine eigenmächtige Neuerung vor¬ 
genommen hat. Z ist nun das Haus des 
b ; sein Standort der 16. Grad der eben¬ 
falls b gehört, so daß diese Position sehr 
stark ist. Antigonos berechnet aus seiner 
und der Venus Position das Alter des Man¬ 
nes auf 64 Jahre; das geschah auf eine be¬ 
sondere Methode, die wir hier nicht ana¬ 
lysieren. Im übrigen aber fügen wir aus 


37i 


Horoskopie 


372 


Firmicus, der ebenfalls Nechepso-Petosiris 
exzerpiert, hinzu, daß ft als Hausherr „be¬ 
rühmte und vornehme Leute mit jedwe¬ 
dem Glückserfolg hervorbringt, die aber 
an Wassersucht, Lungensucht (damit ver¬ 
bunden wohl die Atembeschwerden, Sua- 
irvota) und Krämpfen“ sterben 92 ). 

Sehr bedeutend ist die Konstellation des 
Horoskopos: (f und 2J. im 1. Grad des s*. 
Vor allem 2J. weist auf einen „berühmten, 
hochgesinnten und tätigen Menschen“ 
hin; er wird „eine Herrscherpersönlich¬ 
keit“ 93 ). Damit geht auch der 1. Grad 
des sä konform: „in I. parte (Grad, poTpot) 
Aquarii quicumque habuerit horoscopum, 
si 2J. et ft simul fuerunt inventi . . . et si 
(£ bene fuerit collocata, erit rex magnus 
gloriosus polychronius, omnium terrarum 
possidens circulum“ 94 ): das deutet auf 
den römischen Kaiser, den auxoxpaxtup, von 
dem Antigonos spricht. Ebenso kündet 
dies die Vereinigung von © und £ im 
Horoskopos (I. Haus): si O ct (T in mas- 
culinis signis constituti in primis sint car- 
dinibus collocati, . . . reges facient terri- 
biles potentes, regiones vel civitates 
maximas subiugantes. Ferner verleihen 
beide Lichter in einem Kentron „ansehn¬ 
liche Größe, Tapferkeit und Anmut“ 95 ). 

Diese guten Stellungen sind indes doch 
bedroht durch die sog. £{jnt£pi(j/£3t; oder 
obsidio 96 ). Wenn nämlich zwei Planeten 
so stehen, daß sie in einem bestimmten, 
nur wenige Grade betragenden Aspekt 
mit ihren Strahlen Sonne und Mond 
treffen, so nennt man diese Konstella¬ 
tionen eine Blockade. Sie liegt hier vor, 
denn im 11. Haus steht ft , im 2. Haus 
Daraus folgen viele „Prozeßgegnerschaf¬ 
ten und Anschläge gegen das Leben (?) 
des betr. Mannes, da die gute Wirkung 
der Lichter durch die Emperischesis von 
dem bösen t) und cT erheblich gemindert 
wird“ 97 ). 

Nun folgt die Betrachtung des MC, des 
d<p£ oder der pars nonagesima, bei der 
das Wichtigste die Feststellung des Haus¬ 
herrn und die Beurteilung von dessen 
momentaner Stellung ist. Im MC dieses 
Horoskops steht TTt, dessen Hausherr ist 
cT; derselbe steht X 22°, liegt also genau 
in Trigonalaspekt zum MC; nach der Re¬ 


gel, daß schlechte Planeten im Trigonal¬ 
aspekt geschwächt werden, wird er axa- 
xrnxoc, zumal ersieh in den Fischen, seinem 
Hause, und in diesem in seinen Graden 
aufhält 98 ). Außerdem steht er im Osten 
unter dem Horizont: in solcher Stellung 
werden von ihm „berühmte, tätige und 
schwer zu bekämpfende Charaktere“ her¬ 
vorgebracht. Er beeinträchtigt also kei¬ 
neswegs den „großen Mann“. 

Die oben angekündigten Feinde wer¬ 
den besiegt w r erden. Denn $ im 11. Ort 
erzeugt ingeniosos und vernünftige Men¬ 
schen, zumal in Konjunktion mit t) ")• 
Die obsidio der Lichter, über die wir 
eben sprachen, weist auch auf Leiden und 
Krankheit hin, die zu einem „bösen Tod“ 
führen: „immer nämlich, wenn böse 
Sterne© oder (f oder beide in den Kentra 
belagern, sind sie Ursache eines bösen 
Todes“ 10 °). Das stimmt mit dem Voraus¬ 
sagen des oötoö^Ttoxr^ überein; die von ihm 
angekündigte Krankheit der Wassersucht 
I dürfte auch Ursache des Todes des betr.. 
Menschen werden. Um sich indes dieses 
Ereignisses genau zu vergewissern, muß 
man auch die Konstellationen nach 3, 7 
und 40 Tagen in Betracht ziehen 101 ). 
Nach 40 Tagen steht es nicht besser: C 
im ©, cT im T, t) im /5 (wobei und 

t) C haben) verkünden gewaltsamen 

Tod 102 ). 

Aus der langsamen Annäherung des <T 
an $ (Synaphie, adplicatio) 103 ) wird auf 
eine Schwester, aus der Stellung der G 
dazu auf Kinderlosigkeit geschlossen. — 
Wir haben nur in großen Zügen den 
Kommentar des Antigonos wiedergegeben 
und mit den Konstellationsinterpreta¬ 
tionen des Firmicus verglichen, um die 
Tradition des petosiritischen Gutes zu 
zeigen und die Angaben des Antigonos 
zu ergänzen. Die einzelnen Häuser inter¬ 
pretiert Antigonos nicht, wohl weil keine 
Planeten in ihnen stehen und er vor allem 
den allgemeinen Verlauf des Lebens ent¬ 
wickeln will. Wer den Einzelheiten noch 
nachgehen will, möge den Firmicus in die 
Hand nehmen und weiter analysieren. 
Wir brechen hier ab. — 

§ 7. Die übrigen antiken Horo- 

skopiesysteme. 


373 


Horoskopie 


374 


Die Mannigfaltigkeit der H.-Systeme im 
Hellenismus und der römischen Kaiser¬ 
zeit ist groß. Fast jeder bedeutende Astro¬ 
loge hatte sein System, dessen Prinzip 
freilich bei allen auf Nechepso-Petosiris 
zurückging. Infolgedessen erübrigt es 
sich, hier über Dorotheos von Sidon, Bal- 
billus, Antiochos von Athen, Vettius Va¬ 
lens, Julian von Halikarnass ausführlich 
zu sprechen 104 ). Auf die theoretische Be¬ 
gründung sowohl ihrer Ansichten im ein¬ 
zelnen wie auch des Systems als Ganzem 
verzichten sie fast ohne Ausnahme; und 
wo sich etwas findet, was als wissenschaft¬ 
liche Rechtfertigung gewertet werden 
soll, pflegt es mystischen Ursprungs zu 
sein 105 ). Nur die Stoiker und später 
Ptolemaios haben eine kausale Begrün¬ 
dung der H. versucht, indem sie von 
Beobachtungen der Abhängigkeit irdischen 
Geschehens von astralen Vorgängen aus¬ 
gingen und diese mit ihrem auf Aristo¬ 
teles aufgebauten Weltbild in Einklang 
zu bringen unternahmen 106 ). 

Die Beziehung zwischen Sonne und Jah¬ 
reszeiten, Mond und Gezeiten, Men¬ 
struation und Pflanzenleben bilden die 
Grundlage dieser wissenschaftlichen Be¬ 
trachtungen 107 ). Ptolemaios diskutiert , 
dabei auch die Frage der absoluten Sicher¬ 
heit astrologischer Voraussage aus der 
H., die von bedeutenden Köpfen wie 
dem Vertreter der mittleren Akademie 
Kameades stark erschüttert war 108 ). Da¬ 
bei gesteht der Astronom rückhaltlos ein, 
daß die H. keine Garantien übernehmen 
darf 109 ). Freilich ist sie für ihn nicht ein 
Wahngebilde, wie Kameades sie hinstellte; 
das Unzureichende der Astrologie be¬ 
ruht vielmehr auf der menschlichen Un¬ 
kenntnis der physikalischen Eigenschaften 
der Planeten bzw. auf der Unmöglichkeit 
ihrer genauen Ermittlung durch die Sterb¬ 
lichen. Wir werden über diese theore¬ 
tischen Auseinandersetzungen der großen 
Astrologen mit ihrem System ergänzend 
und ausführlich s. v. Sterndeutung 
sprechen. Hier geschieht dieser Richtung 
der Astrologie nur darum Erwähnung, 
um den weiteren Verlauf der historischen 
Entwicklung der H. bei den Arabern ver¬ 
ständlich zu machen. 


Das System der H. ist, wie es in der 
Tetrabiblos des Ptolemaios vorliegt, prin¬ 
zipiell mit dem des Nechepso-Petosiris, 
auf den sich Ptolemaios auch einmal be¬ 
zieht no ), identisch; freilich wird auf jene 
oben dargelegte allzu ausführliche und in 
Einzelheiten schwelgende Interpretation 
bewußt verzichtet. Stellt so das Buch des 
Ptolemaios eine Kritik der Astrologie, wie 
sie bisher gepflegt wurde, dar, so hat man 
doch daraus wenig gelernt: — nach wie 
vor blieb für unkritische Köpfe gerade 
Nechepso-Petosiris maßgebend, und sein 
Traditionsgut vererbte sich dem abend¬ 
ländischen Mittelalter vor allem in dem 
großen astrologischen Kompendium des 
sizilischen Senators Firmicus Maternus 111 ) 
(Matheseos libri VIII). Darum ist auch 
die Darlegung hellenistischer H. auf Ne¬ 
chepso-Petosiris aufgebaut. Erst durch 
die Araber und Byzantiner kam neben den 
beiden Ägyptern, deren Werk in zahl¬ 
lose Exzerpte aufgelöst die astrologischen 
Sammelhandschriften des Mittelalters 
füllt, auch die Tetrabiblos des Ptolemaios 
im Abendland zu Ehren. 

27 ) Über den Zusammenhang zwischen helle¬ 
nistisch-römischer Weltanschauung und Astro¬ 
logie s. Cumont-Gcrich Die orientalischen 
Religionen im römischen Heidentum 237 ff. 
28 ) Textausgabe von J. Camerarius, Nürnberg 
1535 » von Ph. Melanchthon, Basel 1553. Die 
neue von Franz Boll vorbereitete Ausgabe ist 
noch nicht erschienen. Zitate nach der Aus¬ 
gabe von 1553. Deutsche Übersetzung von 
Erich Winkel, Berlin 1923. 29 ) Vgl. Boll 

Offenbarung S. 4 ff. 30 ) Nur in Fragmenten 
erhalten. Erste Sammlung derselben von E. 
Riess Philologus Suppl. Bd. VI p. 327 ff. Viele 
Ergänzungen aus Manetho erforderlich, andere 
möglich mit Hilfe des CCA. Datierung CCA. 
VII 130 ff. Dazu vgl. Darmstadt Quacstiones 
apotelesmaticae. Lpz. 1916. Das angeführte 
Zitat Riess frg. 1; vgl. Manil. Astron. I 30 ff. 
31 ) Bezold-Boll Reflexe astrologischer Keil¬ 
inschriften bei griechischen Schriftstellern (= Sitz- 
ber. d. Heidelb. Ak. 1911, phil.-hist. Kl. 7) 
S. 37 ff. 32 ) CCA. VII 132, 21 ff. 33 ) He- 
phaestiov. Theben I 21 ed. Engelbrecht p. 83, 
16 ff. 34 ) CCA. VII 137, 19 ff. 38 ) Boll Offen¬ 
barung 79. 36 ) CCA. II 144, 5 ff. Übersetzung 
von Boll Offenbarung 81. 37 ) Zu den Finster¬ 
nissen allgemein vgl. Ptol. Tetr. p. 44 ff., 
Farbenerscheinungen s. Hephaest. I 21 p. 82 
Engelbr.; Vettius Valens ed. Kroll VI 3. 
38 ) Ptol. Tetrab. Lib. II praef. p. 54 Melanch- 
thon. 39 ) Riess s. v. Astrologie in Pauly- 
Wissowa2, 1803. 40 ) Firm. II 15. 41 ) Ptole- 


375 


Horoskopie 


376 


maios Tetr. II 58 ff. Dazu Literatur Bezold- 
Boll 3 S. 157; Cumont CCA. II 84 f und 
Klio (Beiträge zur alten Gesch. IX, 1909) S. 
263 ff.; Boil CCA. VII 192 ff. 42 ) Vermittler 
war z. B. Berossos: Josephus c. Apion. I 
129. 43 ) Gundel in Bezold-Boll Stern glaube* 
154; anders Ptol. III 12 p. 128. 44 ) Riess 
in Pauly-Wissowa 2, 1804. 45 ) Firm. II 19. 
48 ) Ebd. 47 ) Ebd. II 19 p. 64; VIII 2 p. 2S4. 
Riess frg. 16. 48 ) So z. B. Ptole maios 

III 12 p 128. 49 ) Firm. III 1. 18. 50 ) Vgl. 

Salmasius de annis climactericis p. 18 r. 
61 ) Firm. IV 17, 5. 52 ) Vgl. C. Aq. Libra 

Astrologie, ihre Technik und Ethik, Amersfoort 
(Holland) 1919, no, 63 ) Ptol. III 13; Firm. 

IV 17; CCA. II ii 8, 13 ff.; Riess frg. 1920. 
Firm. III 13, 14- 55 ) Ebd. II 13. 3 ff- 5Ö ) EGA. 

II 154, 12 ff. Uber Antiochos v. Athen vgl. Boll 
Griechische Kalender I. Das Kalendarium des 
Antiochos von Athen (= Sitzber. Heidelb. Ak. 
1910, phil.-hist. Klasse 16) S. 8 ff. 67 ) So der 
Stier, der Löwe, die Jungfrau (Ähre), Skorpion, 
Steinbock (Ziegenfisch). Vgl. Thiele Antike 
Himmelsbilder. 68 ) Firm. II 10; CCA. VII 194 ff. 

69 ) Ptol. I 10—11 p. 31—34. 60 ) CCA. VII 

194 ff. 61 ) CCA. VII 196, 4 ff. 62 ) CCA. VII 
202, 6 ff. 83 ) 809b. 64 ) Sethe Zeitrechnung 

I 305; Borchard Zeitmesser 55 A. 65 ) CCA. 

II 153, 13 ff- 66 ) Ebd. II 154, 18 ff. Andere 
Beschreibungen Boll Offenbarung 52. 67 ) CCA. 
VII 202, 9 ff. ® 8 ) xä aarpa r.oizi entgegen¬ 
gesetzt dem xä ä^xpoe arjpcuvei. 69 ) 6 xoü Kpövou 
aaxrjo usw. in Roscher Lex. s. v. Planeten. 

70 ) Hephaest. I 23; Riess frg. 12 Platon. 71 )Riess 

frg. 12. 72 ) Ptol. 14 p. 17 f. 73 ) Bezold- 

Boll Sternglaube 3 50. 74 ) CCA. VII 214 ff. 

Stammt nicht unmittelbar aus Nechepso-Pe- 
tosiris, wird aber, da traditionell, nicht wesent¬ 
lich von ihm abweichen. 75 ) Bezold-Boll 3 

S. 59. 78 ) CCA. II 133; VI 73 - 77 ) Ptol. I 19 

p. 45; Dorotheos Sidonius bei Heph. v. Theb. 
I 1 p. 46 ff. Engelbr. (= CCA. VI 92 f.). Das 
chaldäische System Ptol. I 20 p. 49. 78 ) Firm. 
IV 19; Riess frg. 24. 79 ) Die verschiedenen 

Ansichten bei Firm. IV 19, 1—2 S. 243 Kroll. 
80 ) Beispiele ebd. § 4 p. 244. 81 ) Firm. I 22, 6. 7 
S. 70 Kr. 82 ) Dorotheos Sidonius (nach Ne- 
chepso-Pet.) CCA. VI 91. 83 ) Vitruv. IX 7 p. 
252 Rose. 84 ) Stellen bei Bezold-Boll Stern¬ 
glaube 3 S. 154. 85 ) Bestes Beispiel die bekannte 
Szene im Alexanderroman des Kallisthenes 
Hist. Alex. Magni ed. Kroll. I 12. Die Stelle be¬ 
sprochen von Fr. Boll Sulla quarta ecloga di 
Virgilio. (Mem. alla classe di scienze morali della 
R. Academia di Bologna 1923) S. 18 ff. Vgl. 
Bezold-Boll Sternglaube 3 153. 88 ) Kauff- 

mann in Pauly-Wissowa s. v. Astrolabium 
2, 1799. 87 ) Ptol. III 2 p. 108 ff. 88 ) Firm. 

V—VI. Andere Listen z. B. CCA. II 160—212. 
89 ) Firm. VIII 1. 90 ) Über Antigonos v. Nikaia 
vgl. Pauly-Wissowa 1, 2422, CCA. VI 67 
A. 1. 91 ) Text nach einer Wiener Hs. ed. v. Kroll 
CCA. VI 67 ff. 92 ) Firm. IV 19, 67; CCA. VI 68, 
15. 93 ) CCA. VI 69, 18; Firm. III 3, 1. 

4 ) CCA. VI 68, 11; 17; Firm. VIII 29, 1; vgl. 


dazu Heph. v. Theb. ed. Engelbr. I 1 S. 65, 17 
und Bolls Interpretation der Stelle Offenbarung 
S. 12 und Sulla quarta ecloga di Virgilio 
(s. o. A. 85) S. 9 * 5 ) CCA. VI 68 , 18—69, 

3; Firm. VII 22,1. 9S ) Darüber BLA. S. 251/52. 
97 ) CCA. VI 69, 20. 98 ) CCA. VI 69, 10 ff. 

") CCA. VI 69, 5; Firm. III 7, 23. 100 ) vgl. 

Firm. IV 16, 2. 101 ) CCA. VI 71, 7 ff. 

102 ) Firm. VI 11, 10; vgl. VI 15, 20—21. 

103 ) Darüber BLA. 245 f. 104 ) Die Fragmente 

größtenteils gesammelt CCA. I—X; vgl. die 
Indices der Bände unter den Namen. Über Do¬ 
rotheos Sidonius vgl. Stegemann Astrolo¬ 
gie und Universalgeschichte, Studien etc . zu den 
Dionysiaka des Nonnos von Panopolis S. 11 ff.; 
zu Balbillus s. CCA. VIII 4, 2330.; zu An¬ 
tiochos von Athen vgl. Anm. 56. l05 ) So z. B. 

der Brief CCA. V 2, 48 ff. 106 ) Zur Beziehung 
zwischen Stoa und Astrologie vgl. Boll-Gun- 
del Sternglaube 3 99/100 z. S. 25. Über Ptole- 
maios s. E. Riess in Pauly-Wissowa s. v. 
Astrologie Sp. 1S02 ff.; Fr. Boll Studien über 
CI. Ptolemaeus (J. f. kl. Phil. Suppl. 21 [1904]). 
107 ) Ptol. Tetr. I 2 S. 2 f.; Boll Studien über 
CI. Ptolemaeus, 135. 108 ) Literatur Boll- 

Gundel Sternglaube 3 S. 99 z. S. 24 f. 109 ) Tetr. 
I 2. II Praef. no ) Tetr. I 19. 20 S. 43 ff. Mel. 
1U ) Vgl. Boll in Pauly-Wissowa s. v. Fir- 

I micus 2367 ff. 

III. Berichtigung und Differen¬ 
zierung des hellenistischen Sy- 
1 stems im Mittelalter und in der 
Neuzeit. 

I Die Kämpfe der Väter des Christentums 
gegen die astrologische Weltauffassung 
charakterisieren die Ablösung der antiken 
j Weltanschauung durch die christliche. 
: Sie enden indes nicht mit einem voll- 
t ständigen Siege des Christentums. Die 
! Kenntnis primitiver H., wie sie sich in den 
I Texten spätantiker Laienh. 112 ) (s. d.) er¬ 
halten hat, blieb auch im frühen Mittel- 
alter unvergessen 113 ) und drang mit dem 
Mönchtum in Nordfrankreich und Deutsch¬ 
land ein. Auf diesem Wege wurden den 
Völkern des hohen Nordens neben den 
Gehalten der neuen christlichen Lehre 
auch solche der Astrologie übermittelt. 
Ob diese in dem Prozeß der Zersetzung 
der germanischen Religion, der in jenen 
Jahrhunderten vor sich ging, von Be¬ 
deutung geworden sind, darüber werden 
wir, da einerseits das Christentum prin¬ 
zipiell den Astrologen als Zauberer ver¬ 
dammte 1U ), andrerseits die Geistlichen 
als die Träger des Christentums fast die 
einzige Quelle für die Kenntnis dieser 


377 


Horoskopie 


378 


T 

f . 

!f. 

V 


Zeit sind, wohl niemals Aufschluß erhalten. 
Am Ende des 10. Jahrhunderts war die 
germanische Religion in dem eigentlichen 
Deutschland ausgestorben, freilich ohne 
daß die christliche darum wirklich in das 
Bewußtsein der Deutschen übergegangen 
wäre. Im Gegenteil, viele müssen damals 
an ihr irre geworden sein, denn aus jener 
Zeit wissen wir, daß man sich der Astrolo¬ 
gie in die Arme warf 115 ). Die wissen¬ 
schaftliche Sternkunde drang vom Orient 
her ein — Spanien und Sizilien sind die 
Brücken — und errang sich die Anerken¬ 
nung einer durchaus ernst zu nehmenden 
Sache, einer Offenbarung des göttlichen 
Worts. Seitdem blieb die Astrologie bis 
zum Beginn des 18. Jahrhunderts Eigen¬ 
tum des europäischen Geistes. Im Zu¬ 
sammenprall mit der Welt des Christen¬ 
tums erfuhr sie freilich eine Reihe von 
Modifikationen, nachdem der mathema¬ 
tische Sinn der Araber schon manches 
verbessert hatte, um aus dem euro¬ 
päischen Bewußtsein dann zeitweilig so¬ 
gar verdrängt zu werden. 

Bis zum 9. Jh. n. Chr. blieb das System 
des Nechepso-Petosiris in seiner alten 
Form erhalten. Byzantiner, Juden, Sy¬ 
rer 116 ), vor allem aber die Araber kon¬ 
servierten es und sicherten der H. ein 
weites Verbreitungsfeld. Die Araber, an 
der späteren Umgestaltung hauptsächlich 
beteiligt, tradieren vor allem den Text 
des Ptolemaios, den sie oftmals über¬ 
setzten und kommentieren 117 ). Mit dem 
9. Jh. tauchen im Islam plötzlich ara¬ 
bische Astrologen auf, die selbständige 
Interpretation der Konstellationen ver¬ 
suchen 1I8 ). Allerdings erfreuen sich die 
alten Griechen nach wie vor ungemeiner 
Schätzung; wo arabische Autoren eine 
abweichende Meinung vertreten, geschieht 
dies regelmäßig nur, nachdem alle Inter¬ 
pretationen der Griechen zitiert worden 
sind 119 ). 

Eine entscheidende Erweiterung erfuhr 
zunächst die politische Horoskopie durch 
die seitdem für Jahrhunderte den Men¬ 
schen zur Qual und Angst gewordenen 
Lehre von den Konjunktionen der Pla¬ 
neten, vor allem der sog. ,,großen Plane¬ 
tenkonjunktion“ 120 ). Dieser Lehre He¬ 


gen zwei antike Gedanken zugrunde: 

1. jedes Land ist einem Tierkreiszeichen 
unterstellt (astrologische Geographie) 121 ); 

2. bei der Konjunktion aller Planeten 
im Steinbock tritt nach gewissen Dok¬ 
trinen der Stoa eine die Welt ver¬ 
derbende Sintflut, bei derselben Kon¬ 
junktion im Krebs der W T eltenbrand 
ein 122 ). Beide Lehrsätze erfuhren sei¬ 
tens der Araber eine äußerst eingehende 

j Untersuchung 123 ). Nach den Erfahrungen 
der ,,Alten“ und den eigenen wurde eine 
neue Verteilung der Länder der Weit un¬ 
ter die Tierkreiszeichen vorgenommen 
und aus den jeweiligen in ihnen bemerk¬ 
ten Planetenkonstellationen, vor allem 
aber den Konjunktionen, das politische 
Schicksal der in Frage kommenden Län¬ 
der festgelegt. Am wichtigsten erschien 
die Konjunktion der beiden ,,oberen Pla¬ 
neten“, des Jupiter und Saturn; wegen 
der Seltenheit ihrer Verbindung — sie 
tritt nur ca. alle 960 Jahre ein — und der 
Bösartigkeit des Saturn wurde dieser 
Konstellation eine die Erde grundsätzlich 
umgestaltende Einwirkung zugeschrie¬ 
ben 124 ). Die Wirkung einer derartigen 
Konjunktion erstreckte sich auf Jahre 
vor und nach derselben; so hatte das durch 
sie angekündigte Unglück Zeit genug, 
sich auf alle erdenkliche Weise über die 
| Menschheit auszubreiten 125 ). —Vornehm- 
| lieh leiteten die Araber die Neugestaltung 
| und Neugründung großer Rehgionen aus 
einer Konjunktion Jupiters mit einem der 
anderen Planeten her. So ist aus der Kon¬ 
junktion Jupiters mit Saturn einst die 
babylonische, mit der Sonne die ägyp¬ 
tische, mit Merkur die christliche und mit 
Venus die mohammedanische Religion her¬ 
vorgegangen 125 ). 

Sehr wesentlich ist ferner eine mathema¬ 
tische Feststellung der arabischen Astro¬ 
logen. Sie bezieht sich auf die Dekane 
und deren räumliche Festlegung am Ster¬ 
nenhimmel. Man geht dabei von der 
Frage aus, ob wirklich die Griechen und 
Ägypter der Ansicht waren, an den be¬ 
zeichne ten Stellen des Tierkreises diese 
Gestalten zu sehen, oder ob vielmehr nur 
die betreffenden zehn Grad eine dieser 
Gestalt entsprechende Wirkung aus- 



37 9 


Horoskopie 


381 


Horoskopie 


382 


380 


übten. Die antike Dekanlehre ist in 
diesem Punkte höchst problematisch. Abu 
Ma'schar, einer der größten arabischen 
Astrologen des 9. Jhs. erklärt nun 126 ): 
„Die alten Gelehrten wollten, wenn sie 
diese Gestalten unter Angabe eines be¬ 
stimmten Zustandes derselben erwähnten, 
keineswegs sagen, daß an der Himmels¬ 
kugel ihnen ähnliche Gestalten nach Um¬ 
riß, Aussehen und Körper existierten, so 
daß jede Gestalt in dieser Beschaffenheit 
in einem jeden Dekan aufstiege, sondern 
sie haben herausgefunden, welche beson¬ 
dere Bedeutung jeder Art der Himmels¬ 
kugel und jeder Dekan für die Dinge auf 
dieser Welt hat“. Hier wird also ein 
deutlicher Unterschied gemacht zwischen 
dem Dekanbilde und dem von dem De¬ 
kanat eingenommenen Raum. Diese 
Feststellung scheint sich aus der astro¬ 
nomischen Beobachtung der Präzession der 
Gleichen (Wanderung des Frühlings¬ 
punktes, von Hipparch bereits entdeckt!) 
ergeben zu haben. Ursprünglich fiel ver¬ 
mutlich für die Babylonier i° Arietis 
mit der Frühlingstag- und Nachtgleiche 
zusammen. Seitdem wandert dieser 
Punkt ständig rückwärts in die Fische, 
die er bald verlassen dürfte. Das für die 
H. Problematische dieser Erscheinung 
war, ob der Frühlingspunkt nunmehr im 
Zeichen der Fische liege, diese also als 
das erste Tierkreisbild zu gelten hätten, 
oder aber mit dem Wandern des Früh¬ 
lingspunktes notwendigerweise auch das 
Widderzeichen (so im Unterschied vom 
Widderbild) rückwärts wandere und astro¬ 
logisch gesprochen für die Praxis der H. 
jetzt der betreffende Teil der Fische die 
Wirkung des Widders habe. Abu Ma'schar 
bedarf dieser Überlegung zur Dekaninter¬ 
pretation: er entscheidet, daß die auf 
dem Frühlingspunkt aufgebauten Him¬ 
melsräume, nicht die ursprünglichen Tier¬ 
kreiszeichen, die Wirkungen ausüben wür¬ 
den. Namen und Gestalten seien nur zum 
Zwecke der Belehrung da. Praktisch 
gesprochen heißt das, daß die ursprüng¬ 
lich die Qualitäten verleihenden Fixstern¬ 
bilder dafür nicht mehr in Betracht kom¬ 
men, sondern die entsprechenden Grad¬ 
abstände vom Frühlingspunkt, während 


die Fixsterne gleichsam aus diesen her¬ 
auslaufen 127 ). 

Diese Fragen beschäftigten bald nach 
der Übernahme der Astrologie ins Abend¬ 
land etwa von dem Jahre 1100 an auch 
die italienischen und deutschen Astrolo¬ 
gen. Aber die Unklarheit über die Ange¬ 
legenheit ist hier sehr groß. Selbst noch 
Kepler, der in astrologischen Fragen sonst 
überaus klar dachte, hat das Wesentliche 
des Unterschiedes zwischen Tierkreisbild 
und -Zeichen nicht erfaßt und wußte nichts 
anzufangen mit der These seines Zeit¬ 
genossen, des Arztes und Astrologen Dr. 
Röslin: ,,Die Zeichen behalten ihre Qua¬ 
litäten, obschon die Fixsterne sich draus 
versetzen, und haben ihnen die Fixsterne 
nicht den Namen oder die Qualität zu¬ 
gestellt“ 128 ). 

Viel schneller erfaßte man in dem abend¬ 
ländischen Mittelalter und der Renais¬ 
sancezeit die Lehre der Planeten konjunk- 
tionen. In dem Italien des 14.—16. Jhs. 
wie in Deutschland zur Zeit der Refor¬ 
mation hat ihretwegen die Bevölkerung 
unheimliche Ängste ausgestanden. Eine 
Fülle von Flugblättern und Prognostiken 
beschäftigte sich mit ihrer Ausdeutung 
129 ). Im Jahre 1484 wurde aus der 
großen Konjunktion der Planeten Ju¬ 
piter und Saturn im Skorpion Unheil für 
die christliche Religion erschlossen und 
die Geburt eines falschen Propheten an¬ 
gekündigt. Dabei störte es die Astrolo¬ 
gen wenig, daß Luther im Jahre 1483 
geboren wurde: es ist bekannt, daß der 
Konjunktion zuliebe ein italienischer 
Astrolog und in seinem Gefolge mancher 
deutsche Kollege Luthers Geburtstag ein¬ 
fach ein Jahr vordatierten. Ungeheures 
Aufsehen erregte die Planetenkonjunktion 
des Jahres 1524. ,,Wer im 1523. Jahr 
nicht stirbt, 1524 nicht im Wasser ver¬ 
dirbt und 1525 nicht wird erschlagen, 
der mag wohl von Wundern sagen“, so 
ging eine Prophezeiung um 130 ). Ursache 
dieser Ängste, denen zufolge am Hofe 
Karls V. erwogen wurde, ob man die 
Heere, um sie vor der drohenden Sint¬ 
flut zu retten, auf die Berge zurückziehen 
solle, von Privatleuten Schiffe und Ar¬ 
chen gebaut wurden 131 ), war ein Ephe- 




1 



meridenwerk 132 ) vom Jahre 1499- 
diesem sagte der Verfasser, der deutsche 
Astronom J. Stöffler, aus einer Konjunktion 
fast aller Planeten in den Fischen für den 1 
Februar des Jahres 1524 eine allgemeine 
Sintflut voraus. Ein ähnliches Prognosti¬ 
ken existiert für das Jahr 1629 132 ): 

,,Practica / so Ihr Bäbstl. Heyi. auß 
Rohm / vnd von dannen Ihr Kays. May. 
vberschickt worden / Anno 1629- Wann 
die Sonn im Zeichen der Waag ist / wird 
ein zusammenkunfft aller Planeten bey dem 

Drackenschwantz werden/darauß zuerken¬ 
nen / daß Männiglich wunderlich Ding 
zugewarten habe: Erstlich wirdt das Meer 
wider seinen natürlich Lauft sich er¬ 
heben vnd bewegen / vnd wird große Ver¬ 
wirrung werden / dann die Windt werden 
von allen Seyten wähen / darnach wird 

ein großer Erdbiden volgen / ./ 

die Baum in Wäldern werden sich vil 
von jhren Stätten und Gründten erheben / 
desgleichen werden vil Stätt und Märckt 
einfallen / . .. aber vor diesem wird ein 
groß Finsternuß an der Sonn vnnd Monn 
werden / dann die Sonn wird Vormittag 
wie ein bluetiger Regenbogen stehn / 
darnach werden volgen Krieg und Erd¬ 
biden in allen Landten von auff vnd ni- 
dergang / zu diser Zeit wird ein großer 
Herr vnnd Verwalter mit Todt abgehn / 
auch werden vil Leuth sterben / vnd dise 
Erdbiden werden sich erregen im Monat 
Septembris nach St. Lorentztag. Rath 
der Sternkündiger. Wir Ew. Königl. May. 
vnsers allergnädigsten Herrn Diener vnd 
Sternkündiger geben demselben ein sol¬ 
chen Rath / daß / wann / sich solche Wun¬ 
der Gottes begeben / Sie wollen allen Ge¬ 
schlechtern lassen anzaigen / daß sie sich 
zu wahrer Bueß bekehren; Ihr May. 
wollen sich vmb ein Orth umbsehen / 
welches mit Bergen vmgeben ist / vnd alda 
einen Wall einnemmen / vnd mit Erden 
beschitten lassen / darinn sich Ihr May. 
aufhalten künden 20 Tag / dann solche 
Weissagung vergleicht sich mit aller Ge¬ 
lehrten Practic“. 

Dieses Prognostikon, zunächst als deut¬ 
scher Beleg für die Interpretation der ge¬ 
fürchteten Planetenkonjunktionen ge¬ 
dacht, ist auch seiner ganzen Form nach 


interessant. Wer ihn mit dem oben in 
Abschn. II angeführten Beleg zur hel¬ 
lenistischen politischen H. vergleicht, wird 
finden, daß die Form und der Inhalt 
solcher Prophezeiungen sich in den ver¬ 
gangenen 1000 Jahren nicht wesentlich 
verändert haben. Mit dem diesem 
Prognostikon angehängten Kommentar 
der Sterndeuter erinnert der Text ganz 
an die alten Berichte babylonischer Astro¬ 
nomen an den König. 

Indessen ist doch auch eine weitere 
Verbesserung der genethlialogischen H., 
wiederum seitens eines deutschen Ge¬ 
lehrten, des Mechanikers und Mathematik¬ 
professors Johann Müller, genannt Re- 
giomontanus (1436—1476) (von seiner 
Heimat Königsberg in Franken), zu er¬ 
wähnen. Es handelt sich dabei um die 
Auffindung eines neuen Modus, die Län¬ 
genposition der Fixsterne auf die Eklip¬ 
tik zu beziehen. Es hatten sich nach dem 
bisher üblichen Verfahren, in dem Him¬ 
melsäquator und Ekliptik zu je 30 Grad 
abgeteilt waren, mancherlei Ungenauig- 
keiten eingeschlichen. Um in der Be¬ 
ziehung zwischen Planeten und Häusern 
eine erhöhte Sicherheit zu gewinnen, 
führte ,,Maister Künigsperger“ eine Ab¬ 
teilung der 12 Häuser auf dem Himmels¬ 
äquator ein; dies ergibt, auf die Ekliptik 
projiziert, daselbst Häuser von un¬ 
gleicher Größe (Modus inaequalis) l33 ). 

Die Methode der Interpretation eines 
genethlialogischen Horoskops hatte sich 
in der Zwischenzeit nicht verändert. 
Noch immer begann der Astrolog seine 
Untersuchungen mit der Frage nach dem 
Charakter, der Wesensart des Geborenen, 
interpretierte das erste Haus und die 
Cardines. Nur war für die Ausdeutung des 
Planetenlaufs allerdings seit Regiomon- 
tanus die Methode weitgehend verfeinert 
worden durch die Lehre von den Direk¬ 
tionen 134 ). Diese gründete sich auf den 
Satz, daß im menschlichen Leben das 
Verhältnis des Tages zum Jahr, d. h. die 
Proportion 1 : 365 wirksam sei, womit dem 
alten Satz vom Makrokosmos — Mikrokos¬ 
mos eine neue Seite abgewonnen ward. 
Man berechnete dabei den Planetenstand 
der auf den Tag der Geburt folgenden Tage 




383 


Horoskopie 


384 


und beobachtete die Aspekte, dieser sog. 
progressiven Horoskope, zu denen des Ge¬ 
burt shoroskops. Dabei galt die Regel, 

daß ein Tag Unterschied gegen die Stel¬ 
lung des Geburtshoroskops einem Lebens¬ 
jahr entspricht, der erste Tag dem ersten, 
der zweite dem zweiten Lebensjahr. Die 
Regel des progressiven Horoskops ist an 
sich schon antik; es scheint bei den Alten 
aber anders verwendet worden zu sein: 
in der oben analysierten Genitura Hadri- 
ani z. B. ist sie zur Bestimmung der Todes¬ 
art angewandt. Doch war die Berechnung 
ungenau. Erst die von Regiomontanus 
durch Jahre seines Lebens hindurch be¬ 
rechneten Ephemeridentafeln boten wirk¬ 
lich die für die Interpretation der Direk¬ 
tionen notwendige Sicherheit: der geringste 
Fehler einer Positionsberechnung ließ voll¬ 
kommen verkehrte Aspekte der pro¬ 
gressiven Planeten zu denen des Ge¬ 
burtshoroskops (auch Radix geheißen) 
beachten, deren Auslegung den Astrolo¬ 
gen gänzlich in die Irre führen konnte. 
Durch das kopernikanische Weltsystem 
erhielt dann die Lehre von den Direk¬ 
tionen eine wunderbare Stütze, indem aus 
ihm die Proportion 1 : 365 erklärt wird: 
,,Hinwieder will bei mir“, sagt Kepler, 
,,die Lehre von den Direktionen ein feines 
Ansehen gewinnen, wenn ich mit Coper- 
nicus die Erde umgehen lasse, denn als¬ 
dann findet sich die Proportion Tag zu 
Jahr gleich 1 zu 365, unserm domicilio, 
unserer Hütte, Wohnung oder unserem 
Schiff, darinnen wir in der Welt herum 
geführt werden, natürlich eingepflanzt: 
Und es ist deswegen desto glaubhafter, 
daß in den Direktionen und Nativitäten 
der Menschen, welche dieses Schiffes Ein¬ 
wohner sind, diese Proportion auch re¬ 
gieren solle: Wie es denn die Astrologen 
lehren“ 135 ). 

Über Kepler müssen wir hier noch 
einiges sagen. Gerade er ist andererseits 
schon sehr kritisch an die traditionelle 
Astrologie und H. herangegangen. Zwar 
hat ihn nicht nur seine schlechte finanzielle 
Situation gezwungen, immer wieder mit der 
Horoskopstellerei Geld zu verdienen 136 ); 
es war ihm der in der Astrologie enthaltene 
Grundgedanke vom Makrokosmos und Mi¬ 


krokosmos Überzeugungssache 137 ). Seine 
Kritik wandte sich gegen die Astromantik. 
Die Ausdeutungsmöglichkeiten des Ho¬ 
roskops hinsichtlich der Lebensumstände 

wurden von ihm stark bestritten, da die 
Deutungsregeln vielfach auf freier Phan¬ 
tasie beruhen würden. Im Tertius inter- 
veniens, der Verteidigungsschrift der 
Astrologie gegen die Angriffe insbesondere 
seitens eines Arztes namens Feselius, der 
die Astrologie vollständig abgetan wissen 
wollte, da die Astrologen den Sternen und 
Planeten ihre Wirkung angedichtet hät¬ 
ten 138 ), geht Kepler gegen den Unfug 
energisch vor: Es sei ,,zu bekennen, daß 
von den Astrologen etlichen Dingen, die 
ihrer Aussag nach geschehen sollten, oft¬ 
mals Ursachen zugemessen werden, welche 
deren Ursach gar nicht sind“. „Und 
laß ich das Exempel einer solchen unge¬ 
gründeten Demonstration auch passieren, 
daß die Conjunktion von Saturn und 
Mond Ursach gewesen sein soll, daß 
einer von einem Juden betrogen worden 
ist. Denn wenn diese Conjunktion ge¬ 
schieht am Sabbath, so wird zu Prag nie¬ 
mand von einem Juden betrogen, und 
hingegen werden täglich etliche hundert 
Christen von Juden betrogen und umge¬ 
kehrt, so doch der Mond im Monat nur 
einmal zum Saturn läuft. Derohalben 
ich auch diesem Teil von der Astrologia, 
welcher auf lauter erdichtetem Grund be¬ 
ruhet, den Titel gern gönne aus Cicero, 
daß sie sei ein unglaublicher Aberwitz und 
ein chaldaisches Ungeheuer“ 139 ). Der¬ 
artige Ausfälle gegen die zünftigen Astro¬ 
logen sind bei Kepler sehr häufig. Andrer¬ 
seits gilt bei ihm die Erfahrung sehr viel 
— er vergleicht darin den Astrologen dem 
Mediziner 14 °) —; denn der Glaube an 
eine Beziehung zwischen der geschaffenen 
Kreatur und dem Himmel beherrscht ihn 
ganz: um dieses wahren religiösen Ge¬ 
fühls willen sei es nicht richtig, die Astro- 
logie ganz zu verdammen: es mag in vie¬ 
len Wegen die Beziehung zwischen dem 
Menschen mit seiner Seele und deren nie¬ 
deren Kräften zum Himmel erwiesen 
werden, „deren ein jedweder eine Edels 
Perl aus der Astrologia ist und keineswegs 
mit der Astrologia zu verwerfen, sondern 


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385 


Horoskopie 


386 


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fleißig aufzubehalten und zu erklären“ 141 ). 
Dieser mystische Gedanke läßt ihm, zumal 
dem Menschen sein lebendiger Sinn für 
die Geometrie auch die harmonischen Ver¬ 


bindungen zwischen Himmel und Erde 
auf fassen heißt, eine Charakterausdeu¬ 
tung aus der Geburtskonstellation nur 
zu möglich erscheinen 142 ). Freilich bleibt 
bei dieser Einstellung merkwürdig, daß 
er die Ansichten über die Qualitäten der 
Zeichen und Planeten unangetastet läßt. 
Wie soll man das Gefühl deuten, das ihn 
hier bestimmte ? War der Glaube an die 


Erfahrung der Astrologen so mächtig, daß 
er, der mit nüchternem Blick die Sternen- 
welt auf ihre Gesetzmäßigkeit durch¬ 
musterte, hier nicht wagte, mit seiner Kri¬ 
tik anzusetzen, daß er gar aus Furcht vor 
einem Zusammenbruch seiner religiösen 
Anschauung bei einem Leugnenmüssen 
der astrologischen Zeichen- und Planeten¬ 
lehre hier einfach glaubte, weil er ein 
Schicksalsgefühl in sich trug, das den 
Menschen mit den Gesetzen des Alls pro¬ 
portioniert sein ließ ? daß er bei solchem 
Zweifel also sich selbst vernichtet hätte, 
während seine astronomischen Studien zur 


Gesetzmäßigkeit der Sternbahnen sich aus 
demselben Schicksalsgefühl rechtfertigten ? 
Er verzichtete nicht, er modifizierte nur. 


Er faßt die Ereignisse des Lebens auf als 
eine notwendige Folge aus den Charakter¬ 
anlagen seines Trägers: auf welchen Wand¬ 
lungen des allgemeinen Geistes dieser 
philosophische Gehalt seines Menschen¬ 
tums beruhte, in dem ohne Frage der Ge¬ 
danke an eine Eigengesetzlichkeit des 
Menschenlebens, die in den vorigen Jahr¬ 
hunderten ungekannt geblieben war, sich 
ankündigt, ist noch unergründet. Keplers 
Methode der Auslegung läßt den Unter¬ 
schied der Auffassung von der bisherigen 
deutlicher werden als seine oft schwer 
verständlichen theoretischen Auseinander¬ 
setzungen über diesen Gegenstand, aber 
man sieht zugleich auch, wohin eine 
solche Betrachtungsweise — die damals 
beginnende physikalische Erforschung des 
Weltalls auf einer immer höheren Stufe 


der Einsicht anlangend gedacht — kom¬ 
men muß, wenn ihr letztes Fundament, 
das religiöse Gefühl des Zusammenhangs 


Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


von Mensch und Kosmos, relativiert 
wird. Hier ist doch schon das Ende der 
Astrologie als Weltanschauung zu spüren. 
In der Tat bezeichnet Kepler die letzte 
Abwandlungsstufe der alten Lehre, ehe 
die Menschen ihr gänzlich entsagten; da¬ 
mit versiegte zugleich die H. als Quelle 
des Volksglaubens. Um Keplers An¬ 
schauungen als Exponent einer bestimm¬ 
ten religiös-kritischen Astrologie zu ver¬ 
stehen, studiere man seine Auslegung des 
Horoskops Wallensteins in ihren beiden 
Fassungen von 1608 und 1625, die wir 
aus Platzmangel hier nicht einrücken 
können 143 ). 


112 ) z.B.inLaur. Lyd. deostentis ed. Wachsm. 
Vgl. W. Gundel Individualschicksal , Men¬ 
schentypen u. Berufe in der antiken Astrologie 
(= Jahrb. der Charakterologie, her. v. E. 
LJtitz, IV. Jahrg. Berlin 1927, Bd.IV) S. 135 ff.; 
ders. in Bezold-Boll Sternglaube 3 S. 1730. 
113 ) Ebd. S. 185 ff. Vgl. Bauernpraktik. 114 ) Be¬ 
zold-Boll Sternglaube 3 29—32; vgl. Augustin. 
de civit. Dei V 5, 118 ) Gundel in Bezold-Boll 
a. a. O. 184; daselbst Literatur. lie ) Stein¬ 
schneider Die hebräischen Übersetzungen des 
Mittelalters § 325. Vgl. das Wort des Syrers 
Theophilos v. Edessa (Hofastrolog beim Kalifen 
Al-Mahdi f 785): die Astrologie ist 7raarjc im- 

äEa-oiva CCA. V 1, 235, 12. 117 ) So 

übersetzte Abu Jahjä el-Batüq die Tetra- 
biblos für Omar ben Al Farruchan, der sie kom¬ 
mentierte; von Ibrahim b. el Salt existierten 
eine Übersetzung und ein Kommentar desselben 
Buches; Ali ben Ridwän schrieb einen Kom¬ 
mentar. Weiteres über Ptolemaios bei den 
Arabischen Astrologen s. in Suter Mathem. 
und Astronom . der Araber, Index s. v. Quadri- 
partitum und Steinschneider a.a.O. § 325. *— 
Über arabische Astrologie allgemein orientiert 
C. A. Nallino Encyklopädie des Islam s. v. 
Astrologie. 118 ) Mit Al-kindi und seinem Schüler 
Abu Ma < schar. 119 ) Vgl. z. B. die Schrift de elec - 
tionibus Uber von Zahel (in der Firmicus- 
Maternus- Ausgabe von N. Pruckner (Basileae 
1533), 2 - Teil, S. 114 ff. Ähnlich noch bei 
Albohazen (1016—1062) de iudiciis astrorum 
libri VIII, 16 a u. öfter. 12 °) Die Theorie der 
großen Planetenkonjunktiven behandelt der 
Araber Al-kindi; vgl. Loth Al-kindi als 
Astrolog = Morgenländische Forschungen 
[Fleischerfestschrift] Leipzig 1875, 263 ff. — 
Siehe ferner Fr. Bezold Astrolog. Geschichts¬ 
konstruktion im Mittelalter = Dtsche Ztschr. 
f. Geschichtswiss. 8 (1892) S. 31/32. m )Cumont 
Klio 9 (1909), 263 ff.; s. o. Anm. 18 ). 122 ) Seneca 
Quaest. natural. III 29, 1. 123 ) Es ist möglich, 

daß persische Religion eingewirkt hat: 
vgl. Schaeders Darlegungen zu einer Stelle 
aus dem großen BundahiSn (über letzteres 
Chantepie de la Saussaye Lehrbuch der Re - 


*3 




387 


Horoskopie 


388 


ligionsgeschichte 2 II 210) in Reitzenstein- 
Schaeder Aus Iran und Griechenland, 
Studien zum antiken Synkretismus (= Studien 
der Bibliothek Warburg 1926) S. 221—225. 
124 ) F. v. Bezold Astrol. Geschichtskonstruk¬ 
tion im Mittelalter — Deutsche Ztschft. f. Ge- 
schichtswiss. 8 (1892), 53; H. A. Strauß Der 
astrologische Gedanke in der deutschen Vergangen¬ 
heit, München u. Berlin 1926, S. 68. 12ß ) Ebd. 
66/67. 128 ) A bu Ma'schar, ‘Große Einleitung* 

Buch VI Kap. I (nach Dyroffin Boll Sphaera 
S. 491, Z. 8. v. u.). —Über Abu Ma’schar vgl. die 
Bemerkung Dyroffs ebd. S. 483!. 127 ) Ebd. 
S. 494—95. 128 ) Strauß Die Astrologie des 

Johannes Kepler S. 46/17 (aus: Antwort auf 
D. Helisaei Röslini Medici et Philosophi 
Diseurs von heutiger Zeit Beschaffenheit 1609). 
129 ) H. A. Strauß Der astrologische Gedanke in 
der deutschen Vergangenheit S. 66 ff. 13 °) Strauß 
a. a. O. 69. 131 ) S. Heilmann Beiträge zur 

Geschichte der Meteorologie 1, 5 f. 11 f. 132 ) Strauß 
Der astrol . Gedanke usw. S. 71 f. 133 ) Strauß 
a. a. O. S. 53. 134 ) Strauß a. a. O. S. 53. Über 
die Methode der Anwendung der Direktionen 
vgl. ebda. C. Aq. Libra Die Astrologie, ihre 
Technik und Ethik (Amersfoort 1919), S. 
169—171. 135 ) 41. These des Tertius inter- 

veniens, s. Strauß Die Astrologie des Johannes 
Kepler S. 133. 134 ) Vgl. Tertius intervenier 

These 7; Strauß a. a. O. S. 121. 137 ) Tertius 
interveniens These 56—69; Strauß Die A stro- 
logie des Joh. Kepler 135—142. 138 ) Tertius in¬ 
terveniens These 11; Strauß a. a. 0 .123. 13 *)Ebd. 
14 °) Ebd. These 12; Strauß S. 124. 141 ) Ebd. 
These 64 Ende; Strauß S. 140. 142 ) These 64 
Anf.; Strauß ebd. 143 ) Beide Fassungen abge¬ 
druckt bei Strauß a. a. O. S. 185—214. Vgl. 
z. B. S. 202/03. 

IV. Die moderne H. 

Seit dem Beginn des 18. Jhs. kann man 
eine immer stärkere Ablehnung der astro¬ 
logischen Religiosität wahrnehmen. Wenn 
auch, wie wir sahen, das kopernikanische 
Weltbild in manchem der Astrologie för¬ 
dernd entgegenkam, so scheint doch nicht 
bezweifelt werden zu können, daß dieses 
Weltsystem, ferner die Aufhellung der 
Planetenbewegungsgesetze durch Kep¬ 
ler, der Vorstoß in den Weltenraum in¬ 
folge der Erfindung des Fernrohrs den 
Glauben an die Elemente des astrolo¬ 
gischen Weltbildes stark erschütterten. 
Was sie vernichten mußte, war das 
durch die Reformation und Gegenrefor¬ 
mation neu begründete menschliche Ver¬ 
antwortungsbewußtsein, dem alle objek¬ 
tive Weltordnung unbedeutend und un¬ 
wichtig vorkam gegenüber der Selbst¬ 
verantwortung des Individuums für sein 


Seelenleben. Diese Bewegung führt in 
England und Frankreich schließlich zum 
Übersteigern des Bewußtseins vom Indi¬ 
viduum : indem so der Mensch das Schick¬ 
sal in sich trägt und es aus eigenem 
Können gestaltet, ist er sein eigenes Ge¬ 
setz und damit die Verkörperung der 
Welt. Eine Religiosität wie die der 
Astrologie wird bei dieser Gesinnung 
abgelehnt, da sie den Menschen außer¬ 
menschlichen Gesetzen unterstellt und so 
seine Freiheit unterdrückt, statt sie zu 
entfalten. 

Noch im 16. und 17. Jh. waren die 
Päpste fast ausnahmslos Astrologen oder 
hielten sich solche zu ihrer persönlichen 
Beratung; im 18. Jh. verbietet die Kirche 
den Menschen, den astrologischen Weis¬ 
sagungen des Astronomen Nostradamus 
( i 5°3~66) als ketzerisch Gehör zu schen¬ 
ken 144 ). Als dann 1781 Herschel in dem 
Planeten Uranus einen achten Umläufer 
um die Sonne entdeckte, schien das Ur¬ 
teil über die Astrologie und ihre Ansicht 
von dem auf der 7-Zahl der Planeten ba¬ 
sierenden Weltrhythmus endgültig ge¬ 
sprochen. Das 19. Jh. hat mit der Astro¬ 
logie kaum noch etwas zu schaffen. Im¬ 
merhin hat man die Doktrinen der H. 
noch vielfach gekannt, wie unter anderem 
auch aus den Werken Goethes und Schil¬ 
lers hervorgeht. Die Werke des Schrift¬ 
stellers J. M. Pfaff ,.Astrologie“ und 
,,Der Stein der Weisen“ (Bamberg 1816 
u. 1821) haben keinen nachhaltigen Ein¬ 
fluß auszuüben vermocht. 

In der Folgezeit verliert sich auch die 
Kenntnis der H. 145 ). Die moderne Ma¬ 
thematik und die moderne Astronomie 
begründeten ein Weltbild, das dem su¬ 
chenden Verstände erforschbar schien 
und in dem die Gottheit, die in den Ster¬ 
nen ihren Willen dem Eingeweihten kund¬ 
gab, keine Stellung mehr hatte. Indes 
barg ein Zweig moderner Wissenschaft, 
der sich mit der Erforschung der Strah¬ 
lungen im Weltenraum in biologischem 
Sinne befaßt, Keime in sich, aus denen 
die Astrologie neu aufschießen konnte. 
Arrhenius hat derartiges nachzuweisen 
versucht, und an sich ist eine solche Be¬ 
einflussung des Lebens durch Stern- 


Horoskopie 


390 



389 

strahlen — bei Sonne und Mond uns 
allen deutlich — sehr wohl denkbar 146 ). 

Vor dem Weltkrieg wußte die Allge¬ 
meinheit von diesen Dingen nicht mehr 
allzuviel. Aber der mehr oder minder 
gewaltsame Zusammenbruch einer alten 
Weltanschauung, dessen Zeugen wir nach 
dem Kriege waren, ließ die irren Seelen 
nach einem neuen Halt suchen; man be¬ 
gann wissentlich an ein objektives Schick¬ 
sal zu glauben, dessen gesetzmäßige Wir¬ 
kung in der Welt man nur erkennen 
mußte, um den schicksalbeschwerten 
Gang der kommenden Zeit aufzuhellen. 
Dem technischen Jahrhundert ging der 
Sinn der mechanistischen Weltanschaung 
der Sterndeuter erneut auf, deren Wissen 
überdies Alter und Tradition ihrer Lehren 
empfahlen. So kam die Astrologie und in 
ihr die H. wieder zu Ehren. Welche H. ? 
Zunächst jenes alte phantastische Welt¬ 
bild, dessen Wiederkehr Franz Boll, 
Deutschlands bedeutendster Astrologie¬ 
historiker, im Jahre 1918 noch für un¬ 
möglich erklärte 147 ); im System nämlich 
besteht zwischen dem „wissenschaft¬ 
lichen“ Weltbild des Ptolemaios und dem 
der modernen Astromantiker kein prin¬ 
zipieller Unterschied. Das moderne Sy¬ 
stem ist nur noch komplizierter als das 
hellenistische, was bei dem hohen Stande 
der modernen Mathematik ganz verständ¬ 
lich erscheint. Man zieht die Einflüsse 
der neu entdeckten Planeten in die Inter¬ 
pretation; ferner sind die Aspekte unge¬ 
mein vermehrt worden. Neben den aus 
der hellenistischen H. übernommenen 
berücksichtigt man heute den Parallel 
(tritt ein bei gleicher Distanz zweier Him¬ 
melskörper vom Äquator), Halbsextil 
(15°), Nonagon (40°), Halbquadrat (45 0 ), 
Sesquiquintil (io8°), Sesquiquadrat (i 35 °), 
Biquintil (144 0 ) und Quincunx (150 0 ), 
von denen freilich Nonagon, Quintil, Ses¬ 
quiquintil und Biquintil als fast gar nicht 
beachtenswert bezeichnet werden 148 ). 
Die weiteren Differenzierungen vermag 
jedes moderne Handbuch der Astrologie 

näher zu erläutern. 

Daß indes das Horoskopstellen der 
Astromantiker reine Phantasie ist, indem 
ihre Methode und die Ausdeutung auf 


einer Reihe falscher Analogieschlüsse 
und auf Prämissen ruhen, die weder be¬ 
wiesen werden können, noch etwa wie die 
Axiome der Mathematik dem Verstand 
unmittelbar überzeugend sind, geben 
heute viele Astrologen zu, ohne darum 
von der Astrologie zu lassen. Diese Rich¬ 
tung der Astrologie hat sich neben der 
Astromantik ihren Platz erkämpft: nicht 
im System, wohl aber in der Methode 
der Interpretation macht sie der mo¬ 
dernen Naturwissenschaft erhebliche, viel¬ 
leicht sogar für sie selbst gefährliche Kon¬ 
zessionen. Diese Modifikationen sind die 
Folge des in allen Jahrhunderten er¬ 
neuten Versuchs, die Astrologie als Wis¬ 
senschaft zu erweisen, was von der Na¬ 
turwissenschaft prinzipiell bestritten wird. 
Viele Gegenargumente der Naturwissen¬ 
schaft sind überzeugend gewesen und 
führten die Astrologen zu einer Revision 
ihres Weltbildes. Dieser Kampf setzte 
mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts 
ein: die Gegner der Astrologen schienen 
zu siegen. Nach dem Kriege fand die 
Astrologie wieder Anhänger. Gegen die 
Astromantiker traten die ‘wissenschaftlich 
gerichteten' Astrologen mit ihrem moder¬ 
nen System der H. auf. Ihre Vertreter 
bezeichnen gegenüber den Astromantikem 
als die einzig mögliche Aufgabe und Ab¬ 
sicht der Astrologie, die Charakteranla¬ 
gen eines Menschen, die nach ihrer An¬ 
sicht durch planetarische und kosmische 
Strahlung individuell ausgeformt werden, 
festzustellen; sie stützen sich dabei 
sowohl auf die Forschungen von Arrhe¬ 
nius und ähnlich gerichteten Wissenschaft¬ 
lern, als auch auf die Erfahrung. Es er¬ 
scheinen also in ihrem System eine 
Reihe von Korrekturen an der bisherigen 
Auffassung der Planeten, Tierkreisbilder 
und Aspekte (d. h. verglichen mit ihrer 
antik-mittelalterlichen Interpretation). 

Beide Richtungen bekämpfen einander 
und werden gemeinsam von der zünftigen 
Wissenschaft bekämpft. Doch dies nur 
nebenbei. Die für uns wesentliche Frage 
ist, ob die zweite Richtung der modernen 
Astrologie wirkliche Wissenschaft ist oder 
erneut wie das Astrologiesystem der 
Astromantiker unwissenschaftliche An- 


39i 


Horoskopie 


392 


nahmen und Behauptungen enthält, de¬ 
ren mystischer Sinn die Menschen in 
ihren Bann zieht und so eine Quelle neuen 
Aberglaubens werden kann, etwa wie für 
das 15. und 16. Jh. die Renaissanceastro¬ 
logie. Die Astromantik ist eine solche 
Quelle des Aberglaubens; sie hier ein¬ 
gehend zu analysieren, verlohnt nicht 
wegen ihrer systematischen Identität mit 
den antiken und mittelalterlichen Sy¬ 
stemen. Hingegen muß auf das moderne 
System der biologisch-charakterologischen 
Astrologie eingegangen werden. Um dem 
Leser die Stellungnahme zur Frage der 
Wissenschaftlichkeit der zweiten Richtung 
zu ermöglichen, sind im folgenden eine 
Reihe fundamentaler Sätze der modernen 
Astrologie samt Kommentar abgedruckt. 
Ich für meine Person glaube Grund zu 
haben, selbst an der Möglichkeit einer Cha¬ 
rakteranalyse auf dem Wege der Horos¬ 
kopberechnung (die auch in dieser zweiten 
Richtung der Astrologie heute ganz nach 
dem antiken Muster erfolgt) zweifeln zu 
müssen. Die ‘Erfahrung’, auf die man sich 
stets zurückzuziehen pflegt, berechtigt 
nicht zur Aufstellung solch fundamentaler 
Sätze, wie sie Siegfried Strauß (Wesen 
und Bedeutung der Astrologie) formuliert 
hat. Will man die Wissenschaftlichkeit der 
modernen Astrologie erweisen, so darf 
man nicht die Ergebnisse der Strahlen¬ 
forschung vermengen mit dem alten in 
keiner Weise in seiner Glaubwürdigkeit 
erwiesenen H.-system. An den ‘Kraft¬ 
feldern des Tierkreises’ mag vielleicht 
nicht zu zweifeln sein, ihre Zwölfzahl 
aber ist durch nichts erwiesen, und eine 
Zwölfgliederung des Horoskopschemas 
ruht dementsprechend ebenfalls auf un¬ 
bewiesenen Vorausetzungen. Auch diese 
zweite Richtung kann also eine neue 
Quelle des Aberglaubens werden 149 ). 

Der Leser muß sich sein Urteil selbst 
bilden. Wir beginnen mit der Hersetzung 
von Exzerpten: 

a) Die Planeten. 1. Allgemeines. 
„Als Tatsache können wir — und zwar 
durch Empirie — feststellen, daß eine 
Beziehung zwischen Sonne, den Planeten 
und der Erde besteht, die zwar die Na¬ 
turwissenschaft noch nicht kennt, 


die aber, sofern sie uns Menschen an¬ 
geht, mittels des uns überlieferten 
Handwerkszeuges der Astrologie 
und ihrer seit Jahrtausenden un- 
umgestoßenen Ideenlehre näher 
bestimmt werden kann 150 ). 

„Wenn man die astrologische Sprache 
so nimmt, wie sie genommen sein will: 
als eine Sprache der Einkleidungen, so 
steht sie für ihren Sinn ebenso gut ein, 
wie die wissenschaftliche Sprache für ihre 
Begriffe“ 151 ). (Diesen Satz, der gerade 
die Sprache und damit den astrologischen 
Ideenkreis in die Sphäre der Mystik er¬ 
hebt, beachte man, da er implicite sagt, 
daß die Astrologie keine Wissenschaft ist, 
wie doch immer von der Zunft behauptet 
wird. Eine solche Auffassung kann man 
sich gefallen lassen, aber dann muß man 
auch den Mut haben, an die dahinter¬ 
stehende Transzendenz zu glauben und 
dies als Notwendigkeit dartun, nicht 
aber die Sache wissenschaftlich erweis¬ 
bar machen wollen.) 

2. Die himmlischen Einflüsse betr.: „Die 
astrologische Lehre weiß sehr wohl, daß 
das Bereich dieser Einflüsse sich natur¬ 
gemäß auf die ganze belebte und un¬ 
belebte Natur erstrecken muß“ 152 ). 

3. Über die Planeten: „Wir wissen heute, 
daß die Annahme von „Eigenschaften“ 
der Planeten nicht bedeutet, daß die Pla¬ 
neten solche Eigenschaften besitzen 
und sie als Eigenschaft herniedersenden, 
sondern nur, daß bestimmte Planeten¬ 
kräfte beispielsweise eine gewisse typische 
Art der menschlichen Konstitution sowie 
des menschlichen Denkens und Handelns 
auszulösen imstande sind“. 

Beispiel: „Jupiters Einfluß drängt die 
Substanz, sich zu entfalten, aufzubauen, 
produktiv zu sein. Diese Kraft wirkt 
in verschiedenen Ebenen Verschiedenes: 
Frühere Zeiten aber sagten einfach: Ju¬ 
piter ist „von Eigenschaft“ fruchtbar, er 

spendet Leben, Wachstum und Reichtum 
usw.“ 153 ). 

4. Zu den Aspekten: „Das schematische 

Horoskop dient ... der Fixierung der 
Planetenstände im Augenblick einer Ge¬ 
burt und weiterhin der Sichtbarmachung 
der planetarischen Kräfteverteilung. Wie 


393 


Horoskopie 


394 


kann nun diese Kraftverteilung aus dem 
Planetenstand erschlossen werden? Wo¬ 
durch entstehen denn die Differenzie¬ 
rungen ? Sind die Planetenimpulse nicht 
stets in gleicher Stärke vorhanden“ ?... 

Die astrologische Erfahrung antwortet 
darauf: „Zwar wirken die besprochenen 
Gewalten zweifellos ununterbrochen in¬ 
nerhalb des Naturgeschehens. Es wird 
aber die einzelne Kraft in ihrer Auslö¬ 
sung als gehemmt oder gefördert 
} empfunden je nach dem Winkel, den 
1 die Strahlen des betreffenden Planeten 
mit denen eines andern oder mehrerer 
andern auf der Erde bilden. Auf dieser 
Erscheinung beruht die Lehre von den 
1, Aspekten“ 154 ). 

6 . Uber die Direktiven oder Direktionen 
wird die Keplersche Ansicht vorgetragen 
; (s. o.) und dazu bemerkt: „Es ist dies 
|' eines der wundersamsten astrologischen 
.! Gesetze, das durch die Erfahrung sicher- 
h gestellt ist. Hier rühren wir an das Ge- 
' heimnis der Enteiechie“ 155 ). 

b) Der Tierkreis: Der Ausgangs- 
,» punkt dieser Betrachtung ist, daß Tier¬ 
kreiszeichen und Tierkreisbild nichts mit- 
r , einander zu tun haben (s. o.). Der Tier¬ 
kreis der Astrologen steht in keiner Be- 
,, Ziehung zur Welt der Fixsterne. Was 
aber nennt man unter dieser Voraus- 

% 

\ Setzung Widdereinfluß ? 

I. „Zunächst einmal sei eine Erfah¬ 
rungstatsache festgestellt: Der Wid¬ 
dereinfluß erweckt (grob gezeichnet) im 
* Menschen eine angriffslustige Haltung, 
ein Vorwärtsstürmen aus überschäumen¬ 
der Kraft, das von jener Triebhaftigkeit 
und Hartnäckigkeit getragen ist, die ein 
kämpfender Widder (das Tier Widder) 
•0 verblüffend bezeugt. Der dies bewir¬ 
kende Einfluß geht, wenn wir zunächst 
einmal den Jahreslauf betrachten, von 
, jener Region aus, die die Sonne im ersten 
Monat nach den Frühlingsäquinoktien 
ZU durchschreiten scheint. In Wirk¬ 
lichkeit aber durchschreitet die Sonne 
keinen Raum, sondern die Erde wandert 
im Jahreslauf. Während nun im Augen¬ 
blick der (nördl.) Frühlings-Tag- und 
Nachtgleiche nördliche wie südliche Halb¬ 
kugel gleichmäßige Sonnenbestrahlung 


empfangen, setzt die Erde im ersten 
Monat nach dem Frühlingsäquinoktium 
durch die Schiefstellung ihrer Achse unsere 
nördliche Halbkugel in zunehmendem 
Maße der Sonnenbestrahlung aus... Die 
nördliche Halbkugel der Erde antwortet 
auf diese zunehmende Sonnenbestrahlung 
(die Energien aller Art in sich schließt) 
mit einem gesteigerten Willen zum neuen 
Leben, mit einem neuen Antrieb und Auf¬ 
trieb innerhalb der organischen Substanz. 
Ein Mensch, in diesem Zeitraum geboren, 
während die Sonne „im Widder steht“, 
wird Zeit seines Lebens einen Schatz vor¬ 
wärtsstürmender und äußerst aktiver und 
lebensbejahender Kräfte aufzuweisen ha¬ 
ben. Wir sehen hier den Widderein¬ 
fluß mit der Gegebenheit des Frühlings 
(in breitestem Sinne) verknüpft“ 156 ). 

Diese Beweisführung hat in der Tat et¬ 
was ungemein Bestechendes. Doch ist da¬ 
mit die Bezeichnung Widder nicht er¬ 
klärt. Wir beschrieben oben die Ent¬ 
stehung der Bilder und zeigten die Ab¬ 
leitung der astrologischen Regeln aus ih¬ 
rer menschlichen, dinglichen oder tie¬ 
rischen Natur. So, und nicht umgekehrt, 
ist der astrologische Ideenkreis ent¬ 
standen; das beweist auch das Versagen 
dieser eleganten Beweisführung bei den 
anderen Zeichen (vielleicht außer der 
Waage, dem Wassermann und den Fischen, 
da die Waage die Herbst-Tag- und Nacht¬ 
gleiche symbolisiert, Wassermann und 
Fische Winterzeiten regieren, die wenig¬ 
stens im Norden meist regnerisch sind; 
mit ihrer Natur könnte man die Schwäche 
der Sonnenstrahlung in den Winter¬ 
monaten verbinden). Was der Stier und 
der Löwe, was Jungfrau, Skorpion und 
Steinbock mit der Intensität der Son¬ 
nenstrahlen zu tun haben, ist mir bei An¬ 
wendung eines analogen Beweisverfahrens 
undurchsichtig. 

2. Trotzdem ist der Gedanke, daß von 
der Sonne wie bei der Erddrehung um 
diese ständig Kraftfelder erzeugt wer¬ 
den, wohl kaum anfechtbar. Anfecht¬ 
bar ist aber jede charaktermäßige Aus¬ 
deutung dieser in die Jahreszeiten ein¬ 
gegliederten Felder. Die Unsicherheit in 
den Punkten wird vielfach auch zuge- 



395 


Horoskopie 


396 


standen. „Wir haben es beim Tierkreis alten Punkte IV und X ihre Bedeutung 
allem Anschein nach nicht mit in ir- nicht eingebüßt haben, wird man nach 
gendeiner Perm „feststehenden Kraft- dem Gesagten ohne weiteres glauben 
feldern zu tun, sondern mit Kraftfeldern, c) Das Horoskop dieser Astrolo- 
die von der Sonne her dauernd erzeugt gie verzichtet auf die Ausdeutung tat¬ 
werden, und zwar gemäß der Stellung, sächlicher Ereignisse. „Niemand kann 
die die Erde jeweils auf ihrem Jahreslauf durch Astrologie erfahren, was er nicht 
in bezug auf die Sonne einnimmt“ 157 ). so schon wissen könnte“, und es ist eine 

3. Nun könnte man schließen: „Bringt „Tatsache, daß die Selbsterkenntnisar- 
die Sonne zur Zeit, da sie die nördl. Halb- beit an Hand des Horoskops, indem sie 
kugel vorwiegend bestrahlt, für diese in sich zum Anwalt verschütteter Natur- 
der Richtung ihrer Strahlen das Phäno- triebe macht, entschieden Fruchtbares 
men Krebs zustande, so tut sie dies gewiß zu leisten vermag" 162 ). Damit fördert 
nicht in bezug auf die südliche, schwach die H. das Streben nach „Selbstver- 
bestrahlte Hälfte, die in der Richtung wirklichung“, die als das höchste Ziel des 
der Sonnenstrahlen den Steinbock, das menschlichen Daseins bezeichnet wird. 
Kraftfeld der geringsten Sonnenbestrah- In diesem Streben liegt der Glaube an die 
lung, empfinden müßte. Dieser Schluß menschliche Freiheit beschlossen, deren 
ist nur eine Konsequenz, leider konnte selbsterzieherische Absicht durch die H. 
im Hinblick auf diese Frage aus- ein Regulativ erhält. Die alte determi- 

reichendes --Horoskopmaterial nierende Macht der Astrologie und die in 

....noch nicht eingesehen wer- ihrem Determinismus liegende Großartig- 
den“ 15S ). Wesentlich ist dann die Be- keit und persönlichkeitsbildende Kraft 
merkung, daß die „Tierkreis-Symbolik“ ist damit zerstört; mir scheint die Astro- 
ihren jahreszeitlichen Sinn nur für die logie damit selbst zerstört und zu einer 

nördl. Erdhälfte besitzt. Hilfe zweiten Grades herabgedrückt. Diese 

4- Auch die moderne Astrologie ar- Konsequenzen zog die Moderne aus dem 
beitet außer mit den 12 Tierkreiszeichen Verzicht auf die Astromantik. Der Bruch 
noch mit 12 irdischen „Häusern“ oder ist schon früher wahrnehmbar. Denn 
Feldern, die sozusagen die Himmels- solche Gedanken liest man bereits bei Me- 
richtungen darstellen, von denen her die lanchthon in der Vorrede zur Tetrabiblos- 
himmlischen Kräfte auf den Geborenen ausgabe des Ptolemaios und vor allem 
wirken 159 ). „Es ist nicht gleichgültig, bei Kepler. Bei Melanchthon und Kepler 
von welchem Teil des Himmels her der ist Gott die Macht, die dem Menschen 
Mensch die Strahlung herniederkommend seine Freiheit zurückgibt, in der Moderne 
empfindet“. Es sei eine Erfahrungstat- ist es der Mensch selbst. Aber dieser Wille 
Sache der Astrologie, daß es sehrwesent- zur Freiheit ist im tiefsten eine Leugnung 
lieh sei zu wissen, von welcher Himmels- der Astrologie, deren unbedingte Gültig¬ 
richtung her die planetarischen Kräfte auf keit von den wirklichen Jüngern eine 
den Menschen wirken 16 °). Einsicht in den Ablauf eines großen Wel- 

So weit kann man die Argumentation tenschicksals forderte, dessen Vollstrecker 
wieder zugeben. Die Interpretation der die Menschen waren. Von diesem 
Häuser aber, deren Wertung aus der alten Mensch-Weltverhältnis ist heute nicht 
Astrologie übernommen ist, scheint mir die Rede — der astrologische Glaube 
auf reinen auch aus der Erfahrung nicht Friedrichs II. war aktive Tat, Verantwor- 
zu bestätigenden Trugschlüssen zu beru- tung, Lebenmüssen, der der Gegenwart 
hen. Interessant ist die moderne Aus- ist stumpfe Gleichgültigkeit und unver- 
deutung des I. und VII. Hauses, von denen antwortlicher Egoismus, gemischt mit 
einst Haus I das Leben, Haus VII die Furcht und Angst. Die H. spielt nur die 
Heirat bezeichnete. Heute wird argumen- Rolle eines Kontrolleurs der Lebenswege, 
tiert. Haus I bezieht sich auf das „Ich“, die die dem Determinismus Vorgesetzte 
Haus VII auf das „Du ! Daß auch die sittliche Willensfreiheit den modernen 


397 


Horoskopie 


398 


Menschen gehen heißt: denn „die Zu- 
r kunft, wie sie sich im Horoskop dar- 
i stellt, ist nicht die Zukunft der geformten 
Ausdrücke unseres Lebens, der Ereignisse, 
j Gedanken und Taten — es ist vielmehr 
f eine Zukunft der Dispositionen, die sich 

I aus den Kräfteverhältnissen, die vornehm¬ 
lich zwischen Grundhoroskop und pro¬ 
gressivem Horoskop bestehen, natürlich 

I ergeben“ 163 ). 

Die Methode der Errechnung des Ho¬ 
roskops ist leicht, da man, nachdem die 
eigene Ortszeit auf Greenwichzeit um¬ 
gerechnet ist 164 ), in Ephemeridentafeln, 
die jedes Jahr neu erscheinen, die Kon- 
, stellation der Häuser und Planeten so- 
, wie deren Aspekte genau feststellen 
kann 165 ). In Sammelbüchern sind die 
modernen astrologischen Grundregeln über 

! , die Werte der Konstellationen vereinigt, 
deren Kenntnis man wie in der früheren 
, H. zur Interpretation des Horoskops be- 
£ darf 166 ). Die Methode der Betrachtung 
1 hat sich hier nicht viel geändert. 

\ d) Beispiel. An einem Beispiel möge 
d die moderne H. erläutert werden. Wir 
\ wählen Bebels Horoskop (Fig. 6) 167 ): 

< Im Asz. steigt der i. Dekan von ^ auf, 
«' das MC wird von dem Zeichen 69 einge- 


das MC wird von dem Zeichen 09 einge¬ 
nommen — was eine Betrachtungsweise 
ergibt, bei der Gefühlserregungen eine 
große Rolle spielen. Der so Geborene 
sucht auf das Gefühl und die Einbildung 
der Menschen zu wirken und ist selbst 
der Spielball seiner Gefühle und Gemüts¬ 
bewegungen, was hervorgeht aus den vie¬ 
len Planeten in K- Bebel hatte alle Pla¬ 
neten unter dem Horizont, was auf einen 
schweren Kampf hindeutet, um in den 
Vordergrund zu kommen — aus Mangel 
an Gelegenheit. — Daß ihm dies schlie߬ 
lich doch gelang, ist, abgesehen von seiner 
Gabe als Volksleiter, dem tiefen und 
starken Mitgefühl mit den Leiden und 
Entbehrungen der arbeitenden Klasse zu¬ 
zuschreiben — er nahm also einen voll- 
kommen ehrlichen Standpunkt ein. Die 
scharfe, beißende Kritik, die seine Reden 
kennzeichnete, findet ihren Grund in dem 
ff, auf steigend in TTL und schlechte As¬ 
pekte erhaltend von c? und %. Besonders 
g in Konjunktionen mit w deutet auf 


Ruhelosigkeit, Gereiztheit und aufrühre¬ 
risches Wesen. 

144 ) Freilich hatte Nostradamus auch den 
Untergang der Kirche prophezeit. 145 ) Zu 
nennen wäre als Vertreter der Astrologie nur A. 
Drechsler Astrologische Vorträge Dresden 1855. 
Neudruck Freiburg i. B. 1924. 14tt ) Svante 

Arhenius. 147 ) Sternglaube und Sterndeutung 1 
(1918) S. 52; 3. Aufl. S. 43. 148 ) C. Aq. 

Libra Astrologie, ihre Technik u. Ethik 91 f. 
14 ®) Die Literatur der Verteidiger und Gegner 
der Astrologie ist wieder sehr gewachsen. 
Übersichten geben H. A. Strauß Astrologie, 
Grundsätzliche Betrachtungen S. 9—33; K. Th. 
Bayer Die Grundprobleme der Astrologie Lpz. 
1927 S. 1—18, insb. 9 ff. Auch die vielen 
Prognostikenkalender, die in allen Buchläden 
auf liegen, tragen sehr zur Verbreitung des 
Aberglaubens bei, ebenso wie die Prognosen 
in Vorträgen. 160 ) H. A. Strauß Astrologie 
S. 37. 151 ) A. a. O. 40. 1B2 ) A. a. O. 38. 153 ) A. 
a. O. 38/39. lß4 ) A. a. O. 42/43. 1BB ) A. a. O. 45. 
1B6 ) A. a. O. 52 f. 1B7 ) A. a. O. 55. lB8 ) A. a. O. 
56. 169 ) A. a. O. 57. 16 °) A. a. O. 58. 181 ) A. a. O. 
59. 162 ) A. a. O. 62. lft3 ) A. a. O. 65. 184 ) Bei¬ 
spiel in C. Aq. Libra Die Astrologie, ihre Tech¬ 
nik und Ethik 104 ff. 166 ) Raphael’s Astrono- 
mical Ephemeris of the Planets' places, London, 
Fontstram & Co. m ) Z. B. (= Astrologische 
Bibliothek Bd. 1). 167 ) Nachgedruckt nach 

Aq. Libra Astrologie, ihre Technik und Ethik. 

Anhang. 

C. H. und Volksglaube. 

Wir haben uns in dem großen Streit 
um die Wahrheit der astrologischen aus 
dem Horoskop ermittelten Zukunfts¬ 
deutung auf die Seite der Gegner der 
Astrologie stellen müssen, nicht aus Angst 
vor der Zukunft, in deren Bann man dann 
notwendigerweise leben müßte, sondern 
nachdem eine kritische Untersuchung der 
Grundlagen uns dargetan hat, daß diese 
wissenschaftlichem Anspruch nicht ge¬ 
nügen. Wir fassen unsern Standpunkt 
hier deshalb nochmals zusammen, weil 
wir aus unsern Feststellungen den Schluß 
ziehen, daß auch das astrologische Tradi¬ 
tionsgut des deutschen Volkes keinen An¬ 
spruch auf wissenschaftlichen Wahrheits¬ 
wert hat, sondern Glaube ist, und zwar 
Aberglaube im eigentlichsten Sinne des 
Worts, indem in den hier in Betracht 
kommenden Überlieferungen sich nicht 
einmal der Niederschlag einer ursprünglich 
geglaubten Religion widerspiegelt, sondern 
aus für die Deutschen sehr anfechtbaren 
Voraussetzungen Dogmen hergeleitet sind, 
die einer verzweifelten um die individuelle 



399 


Hörselberg 


400 


Zukunft bangenden Menschheit als see¬ 
lischer Halt dienten. Und damit man 
uns von wissenschaftlicher Seite nicht 
den Vorwurf mache, daß wir zu viel Raum 
und Zeit auf unsere Refutatio der H. als 
Wissenschaft verwendet hätten, so be¬ 
merken wir, daß die bloße Behauptung 
von dem Wahn, der Jahrhunderte die 
Menschheit genarrt habe, uns als Wider¬ 
legung nicht genügt, wenn Leute in 
führender Stellung an den Universitäten 
wie im Privatleben sich mit der Astro¬ 
logie kritisch auseinandersetzen. Es sei 
darauf hingewiesen, daß wir es trotzdem 
offenlassen, die Wissenschaftlichkeit der 
Astrologie zu erweisen; ich fürchte indes, es 
wird nicht gehen, weil die Wissenschaft 
mit rationalen Größen rechnet, die Astro¬ 
logie aber schon ihrem Grundgedanken 
nach, wenn ich recht sehe, irrational ist: an 
die Entsprechung Makrokosmos-Mi¬ 
krokosmos kann man nur glauben, und 
sie ist nicht wie die Axiome der Mathe¬ 
matik eine dem Verstände ohne wei¬ 
teres deutliche Voraussetzung der astro¬ 
logischen Lehre. Dieses irrationale Ele¬ 
ment kann kein Rationalismus wider¬ 
legen, yie umgekehrt dasselbe nicht in 
ein Rationales verwandelt werden kann: 
daher wird die Astrologie von ihrer tat¬ 
sächlich vorhandenen irrationalen Voraus¬ 
setzung aus nie ihren Wissenschafts¬ 
charakter überzeugend dartun, wie um¬ 
gekehrt die Wissenschaft vom Rationalen 
aus niemals den tiefsten Kern astrolo¬ 
gischen Denkens erreichen wird. Es ist 
also der Streit um die Wahrheit oder Un¬ 
wahrheit der Astrologie seit ewigen Zeiten 
unentschieden geblieben, ohne daß er je 

ausgesetzt hat noch in Zukunft aussetzen 
wird 168 ). 

Und gerade in dem Irrationalen scheint 
es auch begründet zu sein, wenn der Volks¬ 
glaube von dieser Seite seit Jahrhunderten 
entscheidende Anregungen erhält. Die 
geheime Frage nach dem eigenen Schick¬ 
sal läßt die Menschen nicht zur Ruhe 
kommen. So ist es verständlich, wenn die 
erhaltenen Relikte astrologischen Volks¬ 
glaubens sich vor allem auf die eigene Zu¬ 
kunft und die der Mitmenschen beziehen, 
mit denen man in einer persönlichen, 


sei es freundlichen, sei es feindlichen Ver¬ 
bindung steht. Dabei nehmen die Weis¬ 
sagungen über das Leben Neugeborener 
in den Anschauungen mit den größten 
Raum ein. Aber auch an andere Seiten des 
Lebens knüpfte sich astrologischer Aber¬ 
glaube, so an den Ackerbau und das Wet¬ 
ter. Das gewöhnliche Volk lernte die Dog¬ 
men nicht aus den dickleibigen Folianten 
der zünftigen Astrologen, sondern aus 
Sammelkompendien, die zu irgendwelchen 
astralen Vorgängen Voraussagen no¬ 
tierten, ferner aus Bauernkalendern, 
Mondbüchern, Tierkreislisten, die als sog. 
Laienastrologie (s. d.) schon im Altertum 
weit verbreitet waren. Doch muß auch 
vieles aus der ,,wissenschaftlichen Astro¬ 
logie“ in alle Schichten der Bevölkerung 
gedrungen sein. Denn die scheinbare Ge¬ 
schlossenheit des Systems verlieh von je¬ 
her der Astrologie eine Autorität, wie sie 
kaum je eine geistige Bewegung besessen 
hat. Sie in ihrer praktischen Anwendung, 
der H., als selbständigen, geistigen, das 
Leben regulierenden Machtfaktor zu zeigen, 
als welcher sie ebenso wie germanische 
und christliche Religion Quelle des Volks¬ 
glaubens wurde, war die Aufgabe, die wir 
uns für diesen Artikel gestellt hatten. Im 
Gegensatz zu dem germanisch-christlichen 
Volksglauben, dessen Ethik auf dem 
Sündengefühl der Menschen und der 
Angst vor Gottes Strafe beruht, ist der 
astrologische Volksglaube mechanistisch. 
Seine Ethik ruht in einer außermensch¬ 
lichen Welt. 

168 ) Die moderne Stellungnahme für und 
gegen die Astrologie wird von namhaften astro¬ 
logischen und antiastrologischen Schriftstellern 
dargelegt in Süddeutsche Monatshefte, herg. von 
P. N. Cossmann 24 (1926/27), 149—216. — Wir 
kommen in Artikel Sterndeutung noch ein¬ 
mal auf die Frage zurück. 

Vgl. Bauernpraktik, Laienastrolögie, 
Planeten, Sterne, Sternbilder, Stern¬ 
deutung. Stegemann. 

Hörselberg x ). Der H. ist ein Hexen¬ 
berg 2 ). Im Berge haust der Teufel 3 ), 
liegt die Hölle 4 ), das Fegefeuer 5 ), wo 
die verdammten Seelen geplagt werden; 
man hört bisweilen ihr Schreien 6 ). Der 
böse Feind lockte einst Fuhrleute in den 
H. und zeigte ihnen einige Bekannte 7 ), 


401 


Hort—Hose 


402 


die schon in den Flammen saßen. 1398 
erhoben sich bei Eisenach drei große 
Feuer, brannten eine Zeitlang in der Luft, 
fuhren schließlich gemeinsam in den H. 8 ). 
ImH. wohnt Hol da (oder die weiße Frau) 9 ), 
zu Weihnachten beginnt sie herumzu¬ 
ziehen, am Dreikönigstag muß sie wieder 
in den Berg zurück 10 ). Die wilde Jagd 
kommt zu Weihnachten und Fastnacht 
aus dem H. und verschwindet mit einem 
harten Klang wieder im Berg 11 ). Fegt 
man den Platz vor dem H., sieht man am 
nächsten Tag eine Menge Fußstapfen von 
Tieren 12 ). Im H. sitzt der treue Eckart, 
der der wilden Jagd vorauseilt und die 
Menschen warnt 13 ). Im H. sieht jemand 
.an allen 4 Fronfasten den Erntesegen 
des Jahres voraus 14 ). Seit dem 15. und 
16. Jh. gilt der H. als Aufenthaltsort 
der Frau Venus 15 ). 

x ) Schon Anfang des 16. Jh. als Geisterberg 
geschildert Grimm Myth. 3, 282. 2 ) Para¬ 

celsus 73 ff-i Grimm Myth. 2, 882; Sagen 1, 
164 Nr. 174. 3 ) Sagen ebd. 4 ) Witzschel 

Thüringen 1, 129 fr.; Sommer Sagen 47 

Nr. 41. 5 ) Witzschel 1, 128; 2, 5 Nr. 3. 

•) Sommer Sagen 47 Nr. 41 (1601). 7 ) Grimm 
Sagen 1, 164 Nr. 174. 8 ) Ebd.; Witzschel 2, 

35 Nr. 28. 9 ) Meyer Germ. Myth. 279. 282. 

10 ) Grimm Sagen 1, 33 Nr. 5. 11 ) Witzschel 
1, 135; Hertz Elsaß 90. 236. 12 ) Mannhardt 
Germ. Mythen 264. 13 ) Witzschel 1, 131; 

Hertz Elsaß 90. 14 ) Meyer Germ. Myth. 279. 
15 ) Grimm Myth. 2, 780; Mannhardt Germ. 
Mythen 264; vgl. Kluge Bunte Blätter 29; 
Liliencron Deutsches Leben XLV. 

Weiser-Aall. 

Hort s. Schatz. 

Hortensie (Hydrangea Hortensia). 

1. Botanisches. Aus Ostasien stam¬ 
mende, gegen Ende des 18. Jahrhunderts 
eingeführte Zierpflanze (einst eine be¬ 
rühmte Modeblume) mit eiförmigen bis 
lanzettlichen Blättern und weißen (auch 
blaßrosa oder hellblau gefärbten) Blüten. 
Sie wird häufig in Töpfen gezogen, ge¬ 
deiht im Sommer auch im Freien. 

2. H.n im Zimmer gehalten bringen Un¬ 
glück x ) und Unfrieden in der Ehe 2 ). 

x ) Drechsler 2, 193; Treichel Westpreußen 
X, 442; Egerl. 10, 132; auch bei den Tschechen 
{Urquell N. F. 1, 268) und in Belgien (RTrp. 
16, 112). 2 ) Schramek Böhmerwald 247. 

Marzeil. 

Hose, 

Gliederung; 1. Allgemeines. Erklärung. 


2. Sage. 3. Schwangerschaft und Geburt. 

4. Liebe und Ehe. 5. Rechtswesen. 6. Feld¬ 
wirtschaft. 7. Viehwirtschaft. 8. Volksmedizin. 

9. Sonstiges. 

1. Trotzdem die Urform der H. x ), der 
Schurz (s. Schürze), als das älteste 
Kleidungsstück anzusehen ist, ist die H. 
durchaus nicht, wie behauptet wird 2 ), 
im Aberglauben stark vertreten. Diese 
auffällige Erscheinung erklärt sich zum 
Teil daraus, daß das Wort H. selbst, 
das noch im Englischen (vgl. Hosenband¬ 
orden) und hie und da in Norddeutsch¬ 
land 3 ) den Strumpf (s. d.) bezeichnet, 
erst vom Mittelalter an allgemein ge¬ 
bräuchlich ist 4 ), wobei vielleicht manche 
an die alte Bezeichnung Bruch ge¬ 
knüpfte Überlieferung verlorengegangen 
ist. 

Die H. vertritt im Volksglauben das 
männliche Geschlecht, wie der Rock 
(s. d.) oder Kittel oder die Schürze (s. d.) 
das weibliche, und wird so zum Sinnbild 
der Herrschaft. Da die H. die Scham¬ 
teile verhüllt, ergibt sich eine enge Ver¬ 
bindung mit dem Geschlechtsleben 
und der männlichen Zeugungskraft, 
erklärt sich ihre Bedeutung im Frucht¬ 
barkeitszauber. Wie das Hemd (s. d.) 
ersetzt sie zuweilen die ursprünglich bei 
rituellen Verrichtungen und Zauberhand¬ 
lungen vorgeschriebene Nacktheit (s.d.). 

Wichtig ist, ob die H. neu oder alt 
und getragen ist, dann die Art, wie sie 
getragen oder aufgehängt wird und unter 
welchen besonderen Umständen man sie 
verwendet. Minder wichtig ist die Farbe, 
Herkunft, Länge und Kürze u. a. Neben 
der H. selbst kommen auch die H.n- 
röhren, das H.nband oder der Gürtel 
(s. d.), die H.nträger (s. d.), H.nknöpfe 
(s. Knopf) und H.ntaschen (s. Tasche) 
in Betracht, in neuerer Zeit auch die 
Unterh.n, die bei Männern seit Karl dem 
Großen, allgemeiner seit dem 12. Jahr¬ 
hundert 5 ), und bei Frauen erst seit dem 
16. Jahrhundert in Gebrauch kamen 6 ), 
bei der weiblichen Landbevölkerung aber 
auch heute noch vielfach unbekannt sind. 

i) Vgl. DWb. 4, 2, 1837 ff.; Schräder 

Reallex . 378 ff. u. Sprachvergl. 2, 269; Hoops 
Reallex. 2, 561 f.; Fischer Altertumsk. 40; F. 
Hottenroth Handbuch der deutschen Tracht 


403 


Hose 


404 


(Stuttgart o. J.) 969; K. Spieß Die deutschen 
Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 1911) 12; 
Heckscher 261 f. 493 L; Meyer Konv.- 
Lex. 9 (1906), 571; Hjalmar Falk Altwestnor¬ 
dische Kleiderkunde, Videnskapselskapets Skrif- 
ter II. Hist.-filos. Klasse 1918, Nr. 3 (Kristiania 
J 9 * 9 )» n6ff. 2 ) K. Rob. V. Wikman Byxorna, 
kjolen och förklädet, ett bidrag tili frägan om 
klädedräktens tnagi (Hembygden 1915) 61; 

Pehr Lugn Die magische Bedeutung der weib¬ 
lichen Kopfbedeckung im schwedischen Volks¬ 
glauben, Mitteil. d. Anthropol. Ges. in Wien, 
50. bzw. 20. Bd. (Wien 1920), 101. 3 ) Hotten- 
roth a. a.O. 313 1 . 4 ) Vgl. Schräder Reallex. 
380; Fischer Altertumsk. 40. 5 ) Hottenroth 

a. a. O. 99, 184, 193. 6 ) Ebd. 552. 

2. In der Sage zeigt sich oft ein innerer 
Zusammenhang zwischen der Farbe und 
Art der H. und den damit bekleideten 
Geisterwesen. So hat der im grünen Wald 
hausende Nachtjäger grüne H.n 7 ). 
Rote H.n hat der Hauskobold 8 ), der 
in Pommern deshalb auch Rotbücksch 
heißt 9 ) und so als Feuergeist erscheint 10 ). 
In Thüringen werden auch die Irrlichter 
R o t h ö s e 1 genannt 11 ). Ein Männlein 
mit roten Beinhöslein erwähnen Volks¬ 
reime zu Dreikönig 12 ) und zur Fast¬ 
nachtszeit 13 ). 

Zerrissene H.n hat der Wasser¬ 
mann 14 ); in einer Böhmerwaldsage 
schwenkt der auf einem Baume sitzende 
Teufel seine H. und schreckt so Leute, 
die am Faschingdienstag in den Wald um 
Holz gefahren sind 15 ). Kurze H.n hat 
nach einer Überlieferung der ewige 
Jude 16 ), schwarze H.n der in einer 
Esche bei Genkingen hausende Schreck¬ 
geist 17 ). Ein anderer schwäbischer 
Waldgeist führt den Spottnamen H.n- 
flecker 18 ), was wohl dem allgemein 
verbreiteten Schimpfnamen H.nscheißer 
entspricht. 

Eine Zauberh., die ihn unbesiegbar 
machte, hatte im Dreißigjährigen Kriege 
der Generalwachtmeister Jan von Lintloe, 
der erst getötet werden konnte, als er die 
H. abgelegt hatte, was seine verräte¬ 
rische Frau den Mördern durch Singen 
eines Weihnachtsliedes anzeigte 19 ). Eine 

ähnliche H. besaß der hessische General 

% 

von Auerochs, der nach jedem Kampfe 
die aufgefangenen Kugeln aus der H. 
herausschüttelte 20 ). Von einer anderen 
Zauberh. berichtet eine Sage aus der 


Gegend an der Sülz. Darin war in einer 
Tasche ein spiritus familiaris in einem 
Fläschlein und in der andern ein Heck¬ 
taler, der sich stets verdoppelte 21 ). 

Geschichtliche Tatsache ist endlich, 
daß noch im 16. Jahrhundert zu Luthers 
Ärger die in der Stiftskirche zu Witten¬ 
berg aufbewahrten, angeblichen H.n des 
hl. Josef öffentlich ausgestellt wurden 22 ). 

7 ) Sieber Sachsen 165. 169. 8 ) Ebd. 260. 

9 ) Jahn Pommern 104. n8f. 129t. 10 ) Vgl.. 

Zaunert Natursagen 1, 36. n ) Quensel Thü¬ 
ringen 251. 12 ) Jungbauer Volksdichtung 227. 
13 ) Erk-Böhme 3, 126 ff. 14 ) Peuckert Schle¬ 
sien 207. 16 ) Jungbauer Böhmerwald 191. 

lö ) Zaunert Westfalen 297. 17 ) Kap ff Schwa¬ 
ben 97. 1®) Ebd. 23 f.; Birlinger Volksth. 1,. 

12. 18 ) Zaunert Westfalen 206 f. 20 ) Quensel 
Thüringen 282. 21 ) Schell Bergische Sagen 

354 ff. Nr. 55. 22 ) Klingner Luther 121. 

3. Die Mannsh., die das Geschlecht, 
aber auch die Kraft des Mannes versinn- 
bildet, kommt besonders bei der Schwan¬ 
gerschaft und Geburt zur Geltung. 

I Wurde in Brandenburg eine Schwangere 
durch einen Mann erschreckt, so räu¬ 
cherte sie sich mit einem abgeschnittenen 
Stück seiner H. und nahm die Asche ein, 
damit ihr der Schreck nicht schade 23 ). 
Weit verbreitet ist die Sitte, bei oder nach 
der Entbindung eine H. auf das Bett der 
Wöchnerin zu legen 24 ) oder, wie Luther 
angibt 25 ), der Kindbetterin um den Hals 
zu hängen. Damit wurde, wie bei allen 
mit einem Kleidertausch (s. d.) ver¬ 
bundenen Bräuchen, ursprünglich der 
Zweck verfolgt, böse Geister, die der 
Mutter und dem Kind schaden können, 
zu täuschen 26 ). Aus diesem Grunde 
zieht im Aargau die Wöchnerin beim 
Ausgehen die H.n ihres Mannes an 27 ). 
Um das Vertauschen der Kinder in 
Wechselbälge zu verhüten, legte man 
noch im 18. Jahrhundert um Saalfeld 
Mannsh.n in die Wiege 28 ). In Mecklen¬ 
burg und Rügen legt man ein Beinkleid 
auf das Bett, um die Kindbetterin vor 
Nachwehen zu schützen 29 ); in Braun¬ 
schweig legt man ihr die H. des Mannes 
so auf den Leib, daß der Schlitz auf dem 
Nabel liegt 30 ). In diesem Falle handelt 
es sich weniger um eine Täuschung als 
vielmehr um einen Sympathiezauber. 
Ähnliche Bräuche finden sich auch bei 


Hose 


406 


405 



1 1 • 

!sF i 


f . 



andern Völkern. In Sardinien hängt 
der Mann seine H. vor das Haus, wenn 
die Wehen der Frau beginnen. Die Nach¬ 
barinnen klopfen die H. tüchtig aus und 
schreien: „Das ist der Schuldige, der 
Lump usw.“ 31 ). Bei den Südslawen 
läßt der Mann die H. herunter, behält 
aber das H.nband in der Hand. Seine 
kreißende Frau kriecht ihm dreimal 
nacheinander zwischen den Beinen durch, 
wobei er sie jedesmal mit dem H.nband 
übers Kreuz schlägt. Mancher Mann 
läßt die H. ganz hinab, so daß er wie in 
Fußfesseln dasteht und schlägt dann 
sein Weib mit dem Hochzeitshemd 
übers Kreuz 32 ). Auch in Rußland 
spielt die H. bei Entbindungen eine 
Rolle 33 ). In Schottland wurde nach 
der Entbindung eine H. am Fußende des 
Bettes aufgehängt, um die fairies fern¬ 
zuhalten 34 ). In China legt man nach 
der Geburt eine H. des Vaters auf das 
Bett der Wöchnerin und befestigt daran 
ein Stück rotes Papier, auf dem vier 
Worte stehen, die allen bösen Mächten 
einschärfen, in die H. zu gehen, statt 
dem Kinde zu schaden 35 ). 

Im Erzgebirge begibt sich die Mutter 
beim Entwöhnen des Kindes am 
Johannistage auf den Oberboden und legt 
sich des Mannes H. auf die Brust 36 ). 
Die erste H. bekommt das Kind zu¬ 
weilen vom Paten geschenkt 37 ), wo¬ 
bei meist ein Geldstück hineingesteckt 
wird, damit es Glück hat 38 ). 

23 ) Wuttke 377 § 572. 24 ) Vgl. Wolf Bei¬ 
träge 1, 251; Sartori Sitte u. Brauch 2, 35 2 ; 
Hillner Siebenbürgen 26 Nr. 98; Pfalz March¬ 
feld 144. 28 ) Klingner Luther 113. 26 ) Vgl. 

Samter Geburt 94 f. 27 ) Liebrecht Zur 
Volksk. 360. 28 ) Grimm Myth. 3, 451 Nr. 510. 
*•) Bartsch Mecklenburg 2, 43; Urquells (1894), 
252. 30 ) Andree Braunschweig 286; Maack 

Lübeck 35. 31 ) WZfVk. 31 (1926), 114. 32 )Krauß 
Sitte u. Brauch 539. 33 ) ZfVk. 20 (1910), 126. 
**) Liebrecht Zur Volksk. 360. 35 ) N. B. 

Dennys The Folk-Lore of China (London u. 
Hongkong 1876) 13 = Liebrecht Zur Volksk. 
360 = Seligmann Blick 2, 226. 257 = Samter 
Geburt 90. 36 ) John Erzgebirge 65. 37 ) Höhn 
Geburt 274. 38 ) John Erzgebirge 57; ZfrwVk. 
1913 . 174 - 

4. Die H. und ihre Teile spielen ferner 
im Liebes- und Eheleben eine Rolle. 
Reißt einem Burschen ein H.n- 


ii- 



knöpf, so denkt die Liebste an ihn 39 ). 
Verliert eine weibliche Person das 
Band der Unterh., so ist ihr Freier 
oder Mann nicht treu 40 ), was vom Schür¬ 
zenband (s. d.) erst später auf das H.n¬ 
band übertragen worden ist. 

Als männliches Geschlechtszeichen er¬ 
scheint die H. bei einem südslawischen 
Eheorakel am Ostermontag, an dem 
die Mädchen vor dem Schlafengehen H.n 
von Burschen, Burschen aber Kopf¬ 
tücher von Mädchen unter das Kopf¬ 
kissen legen, um im Traume den oder die 
Zukünftige zu sehen 41 ). Bei den Magyaren 
schreibt das Mädchen am Silvesterabend 
auf mehrere Zettel je einen Männemamen, 
wickelt sie in eine Männerh. und legt 
sie unter das Kopfpolster. Der in der 
Nacht daraus gezogene Zettel kündet 
den Namen des Gatten 42 ). 

Wurde ein Freier mit seiner Bewer¬ 
bung abgewiesen, so pflegte man um 
Kremsmünster in Oberösterreich zu s^gen: 
,,Er hat a Hosn kriegt'". Damit wollte 
man scherzhaft ausdrücken, daß er statt 
des erwarteten Kittels, der das weibliche 
Geschlecht kennzeichnet, das Gegenteil 
bekam, also leer ausging 43 ). Die Redens¬ 
art: ,,Sie hat die H. an“, weist auf die Be¬ 
deutung hin, welche die H. als Haupt¬ 
stück der männlichen Tracht in bezug 
auf die Herrschaft im Ehestand 
hat. Den H.nstreit, d. h. den Streit 
zwischen Mann und Weib, wer die H., 
die Herrschaft im Hause, erlangen werde, 
hat man im Mittelalter oft bildlich dar¬ 
gestellt 44 ). Um die Herrschaft in der 
Ehe zu bekommen, legt im Stubaital 
(Tirol) die Braut am Hochzeitstage 
eins ihrer Kleidungsstücke über die H. 
des Mannes 45 ), während die Braut in 
Westböhmen die H. des Bräutigams unter 
ihr Kopfkissen und ihren Rock unter das 
Kissen des Mannes gibt 46 ). Hier scheint 
aber auch die Täuschung der Dä¬ 
monen vorzuliegen, von welchen Mann 
und Frau beim ersten geschlechtlichen 
Verkehr besonders bedroht sind 47 ). Wohl 
aus dem gleichen Grunde legt der Bräu¬ 
tigam bei den Slowenen in Unterkrain 
seine H. unter das Kopfkissen der Braut 48 ) 
und trägt bei einem Indianerstamm 


407 


Hose 


408 


Nordamerikas die Witwe einige Tage 

lang eine H. aus dürren Grasbüscheln, 

um den Geist des toten Mannes fernzu¬ 
halten 49 ). 

In Ketelsbüttel (Süderdit mar sehen) war 

es früher Brauch, daß ein Witwer, der 

sich wieder verheiraten wollte, eine H. 

und eine Witwe im gleichen Fall einen 

Frauenrock hinaushängte 50 ), wie ähnlich 

in Luxemburg eine Frau, wenn der 

Mann mehr als einen Tag auf eine fremde 

Kirmes gegangen war, eine blaue H. 

vors Haus hängte, um die Nachbarinnen 

zum Besuch einzuladen, der Mann aber 

im umgekehrten Fall durch eine blaue 

Schürze anzeigte, daß er allein im Hause 
war 51 ). 

Das H.nband des Mannes hat bei 
einer Ehescheidung in der Bocca sinn¬ 
bildliche Bedeutung, da es hierbei in zwei 
gleiche Teile zerschnitten wird 52 ). 

3 *) Meier Schwaben 2, 505 = Wuttke 220 
§ 312. 40 ) ZfdMyth. 3, 310. 41 ) Krauß Sitte 

u. Brauch 164. 42 ) ZfVk. 4 (1894), 3*8, vgl. 407. 

) Baumgarten Aus der Heimat 3, 44. 44 ) Meyer 
Konv.-Lex. 9 (1906), 572. 4 *) ZfVk. 3 (1893). 

175 = Sartori Sitte u. Brauch 2, 35. 4 «) Egerl. 
20 (1916), 6. 47 ) Vgl. S&mtei Geburt 94. 48 ) Ebd. 
91 f. nach Reinsberg-Düringsfeld Hoch¬ 
zeitsbuch 92. 4 ») Frazer 3, 143. M) Urdhs- 

Brunnen 7, 174 f. = Sartori Sitte u. Brauch 2, 
35 - fil ) Fontaine Luxemburg 91 = Sartori a. 
a. O. 62 ) Krauß Sitte u. Brauch 570 f. 

5. Auch sonst erscheint die H. zuweilen 
im Rechtswesen. Mit haibangezogener 
H. und nachschleppendem H.nbein, 
als Zeichen großer Eile, hatten die¬ 
jenigen vor Gericht zu treten, die noch im 
letzten Augenblick Einspruch erheben 
wollten, z. B. im Ausland befindliche 
Erben gegen die Verteilung des Nach¬ 
lasses, wie besonders aus der Rastetter 
Dorfgerichtsordnung hervorgeht 53 ). In 
einem ähnlichen Aufzuge begrüßten die 
Hausväter auf Island Thorri (Januar) 54 ). 

Im Mittelalter war in Italien, in Frank¬ 
reich und den Niederlanden die Sitte 
des H.nherablassens (cessio bonorum ) 
verbreitet, die darin bestand, daß ein 
zahlungsunfähiger Schuldner auf offenem 
Markt oder auf einer dazu errichteten 
Säule unter Herablassen der H. und 
Zeigen des nackten Hintern (s.d.) erklärte, 
daß er nichts mehr habe und daß man 


sich an seinem unbewehrten Körper 
schadlos halten möge 55 ). 

Endlich findet bei den bosnischen 

Türken die Adoption mitunter in der 

Weise statt, daß die Adoptivmutter das 

Kind durch ihre H.n hindurchstopft und 

so den Geburtsakt nachahmt (s. Schein¬ 
geburt) 66 ). 

53 ) Grimm RA . 1, 136 f. «) ZfVk. 20 (1910), 
58; Liebrecht Zur Volksk . 363 f. mj Lieb¬ 
recht a. a.O. 427 f.; Meyer Konv.-Lex. 9 (1906), 
572- M ) Krauß Sitte u. Brauch 600 u. Cis- 
zewski Kiinstl . Verwandtsch. 103 = ZfVk 20 
(1910), 144 f. 

6 . In der Feldwirtschaft begegnet 
nicht selten der Brauch, das erste 
Samenkorn durch die H.nbeine zu 
säen, wie in der Gegend von Schwerin 
beim Weizen 57 ), in Westfalen bei der 
Hirse 58 ) und in Ostpreußen bei den 
Bohnen, die man vor der Aussaat drei¬ 
mal durch die H. schüttet 59 ). Damit 
will man nicht bloß, wie meist angegeben 
wird, das Säen vor den Vögeln, welche 
das Saatgetreide fressen, verheimlichen, 
sondern sicher auch vor schädlichen 
Geistern. Bei den Finnen wird das Saat¬ 
korn zuweilen auch durch eine Röhre 
aus Birkenrinde geworfen 60 ), was beweist, 
daß bei diesem Vorgang die hüllenden 
Röhren die Hauptsache sind. 

Doch übt die H. selbst auch wegen der 
ihr innewohnenden Manneskraft eine be¬ 
fruchtende Wirkung aus 61 ) und erhöht 
die Zeugungskraft der Saat 62 ), die 
man daher auch schon vor der Aussaat 
durch die H. wirft. Unverblümt äußert 
sich diese Vorstellung in dem finnischen 
Brauche, daß die H. des Säemannes 
un ge knöpft bleibt, vorausgesetzt, daß 
er nicht ganz nackt geht, und noch mehr 
darin, daß bei den Esten der säende Bauer 
mitunter den Penis aus der H. heraus¬ 
hängen läßt 63 ). 

Bei der Leinsaat trägt man in Bierde 
(Kr. Minden) eine zerrissene H. 64 ). 
Aus demselben Grunde ziehen die fin¬ 
nischen Frauen beim Jäten überhaupt 
keine H. an 65 ); denn in beiden Fällen 
sieht der Flachs, daß Kleider nötig sind. 
Bei den Finnen bezaubert der Säemann 
den Samen auch dadurch, daß er, bevor 
er an die Arbeit geht, die H. auszieht 


A 



409 Hose 410 


und die Saatkörner in dem Saum seines 
Hemdes (s. d.) hält 66 ). 

67 ) Bartsch Mecklenburg 2, 161 = Sartori 
Sitte u. Brauch 2, 67. 58 ) Kuhn Westfalen 2, 
68 Nr. 201 = Wuttke 421 § 656. 6 ®) Toeppcn 
Masuren 93 = Wuttke 420 = Sartori a. a. O. 
60 ) efc. Nr. 30, 21; Nr. 31, 102. 108 f. 133; Nr. 
55, 12. 28. 61 ) Wuttke 421 § 656. 62 ) Maack 

Lübeck 35. w ) FFC. Nr. 31, 129. 64 ) ZfrwVk. 

1909, 190. ® 5 ) FFC. Nr. 55, 57. •*) Ebd. Nr. 31, 
121 f. 

7. In der Viehwirtschaft dient die 
H., die man auch sonst, um Hexen 
den Zutritt zu verwehren, an Türen oder 
Fenster hängt 67 ), oder, wie bei den Süd¬ 
slawen, zum Schutz gegen die Hexen 
umgekehrt trägt 68 ), häufig als Ab¬ 
wehrmittel. In Finnland hängt man 
gegen die Hexen eine alte H. über die 
Stallt ür, in Estland zieht man das eben 
geworfene Ferkel durch eine H., in der 
Gegend von Guldal (Norwegen) bedeckt 
man die für eine Kuh, welche kalben soll, 
bestimmte Wassertonne, bevor man sie in 
den Stall bringt, mit irgendeinem männ¬ 
lichen Kleidungsstück, z.B. auch einer H. 69 ). 

Um neugekaufte Tiere vor Krank¬ 
heit zu schützen und wohl auch, um sie 
an das Haus zu gewöhnen, gibt man ihnen 
bei den Magyaren das erste Futter in 
der Schürze (s. d.) der Hausfrau oder 
läßt es durch eine H. des Hausherrn in 
den Futtertrog fallen 70 ). In Nellingen 
bei Eßlingen wischt man dem Kalb 
beim Abgewöhnen mit einer alten H. 
das Maul und spricht dazu: 

Jetzt putz i(ch) dir dei(n) Maul 
Mit Hose(n)lottles Hose(n), 

Wenn andre Kälber schreie (n). 

Dann sollest du bloß lose(n) 71 ). 

Nach einer mittelalterlichen Quelle soll 
man ein Junges (vitulus), das Zahn¬ 
schmerzen hat, womit wohl eine Maul¬ 
krankheit gemeint ist, mit der H. eines 
Mannes oder Weibes reiben; dann 
weicht der Schmerz 72 ). 

• 7 ) Meyer Baden 560. Vgl. Sebillot Folk- 
Lore 1, 142. <8 ) Krauß Slaw . Volkforsch . 

71. <9 ) Seligmann Blick 2, 226. 70 ) Wlis- 

locki Magyaren 146. 71 ) Eberhardt Land¬ 

wirtschaft 16. 72 ) ZfVk. 11 (1901)* 274. 

8. In der Volksmedizin findet die H. 
nur beschränkte Verwendung. Frauen 
umwickelten früher bei Ohrenzwang, 


den mit großer Empfindlichkeit ver¬ 
bundenen nervösen Ohrenschmerzen, den 
Kopf mit einer Männerh. 73 ), was auf 
der richtigen Beobachtung beruht, daß 
diese meist aus Erkältung entstehende 
Krankheit am besten durch Schwitzen 
des Kopfes oder des ganzen Körpers be¬ 
handelt wird 74 ). Diese Erfahrung ver¬ 
bindet sich mit dem Aberglauben, der 
einer Männerh. besondere Heilkraft 
zuschreibt. In Estland wendet man 
gegen das Bewundern der Kinder 
das folgende Mittel an: man legt einen 
Stein von der Ofendecke in Wasser, 
schiebt das Kind dreimal durch das linke 
H.nbein und tröpfelt von dem Wasser 
dreimal mit dem linken Ellenbogen auf 
das Kind 75 ). In Piemont wirft man H., 
Hemd und Schnupftuch eines Behexten 
mit anderen Dingen und unter Hersagen 
von Zauberworten in kochendes Wasser 7Ö ). 
In Zentral-Brasilien zieht man die 
Unterh.n des Vaters dreimal durch 
das Strickbündel der Hängematte, wenn 
man die Schwäche eines kleinen 
Kindes beheben will 77 ). 

73 ) Grimm Myth. 3, 439 Nr. 151 {Rocken¬ 
philosophie); Schultz Alltagsleben 160. 74 ) Vgl. 
Meyer Konv.-Lex. 15 {1908), 8. 75 ) Seligmann 
Blick 2, 226. 7C ) Ebd. 1, 310. 77 ) Ebd. 1, 307. 

9. Von sonstigem Aberglauben 
ist zu erwähnen, daß man in Nord¬ 
thüringen meint, es komme schönes 
Wetter, wenn die Frau des Mannes 
H. wäscht 78 ) (s. Wäsche). Will die 
Wäscherin im Erzgebirge gutes Wetter 
haben, so muß sie zuerst eine Unterh. 
aufhängen und dreimal hinein¬ 
lachen 79 ). In Schlesien muß man zu¬ 
erst die H. eines Junggesellen auf¬ 
hängen und hineinlachen 80 ); in Berlin 
soll man zuerst die Unterhose des 
Mannes aufhängen 81 ); in Sachsen muß 
man, weifn der Wind zu einem Unwetter 
auszuarten droht, in die H.n lachen, 
die man eben trocknen will 82 ). In Nord¬ 
thüringen müssen überhaupt alle Haus¬ 
angehörigen, wenn große Wäsche ist, 
freundliche Gesichter zeigen, damit das 
Wetter gut bleibe 83 ). Um Regen zu 
verhindern, hängt man um Landshut 
beim Wäschetrocknen die H.n verkehrt, 
d. h. an den Füßen auf 84 ). 



Hosenträger—Hostie 


412 


411 


Um das Ausbuttern zu beschleunigen, 
legt man in Pommern eine Mann sh. 
oder einen Besen unter das Butterfaß 
oder gibt einen Taler hinein 85 ). Bei den 
Esten legt man, wenn der Brot teig 
nicht aufgeht, gewissermaßen nicht 
schwanger werden will, die H. eines 
jungen Mannes auf den Backtrog 86 ). 

Bei den pennsylvanischen Deutschen 
gilt der Satz, daß jener reich wird, 
welcher die H. auf den Knien durch¬ 
löchert, und jener arm, der sie auf dem 
Sitz durchscheuert 87 ). Bei den Wot- 
jaken heißt es, daß der träumt, der 
seine H. unter den Kopf legt (s. o.) 88 ). 

78 ) ZfVk. 9 (1899), 234. 79 ) John Erzgebirge 
38. 80 ) Urquell 3 (1892), 39. 81 ) ZfVk. 1 (1891), 
191* 82 ) Sieber Sachsen 233. 83 ) ZfVk. 9 (1899), 
234. 84 ) Pollinger Landshut 158. 85 ) Knoop 
Hinterpommern 171 — ZfrwVk. 1913, 270. 

88 ) Seligmann Blick 1, 306. 87 ) Fogel Pennsyl¬ 
vania 95 Nr. 385 f. 88 ) Urquell 4 (1893), 91. 

Jungbauer. 

Hosenträger. Die H., welche man in 
den Alpenländern gern, namentlich am 
Bruststeg, mit Verzierungen schmückt, 
kamen erst im 18. Jahrhundert auf 1 ). 
In der Schweiz werden sie zuweilen von 
der Braut dem Bräutigam als Ehepfand 
geschenkt 2 ). In der Sage begegnet man 
H.n in Schwaben, wo lange Zeit hindurch 
in der Riesenkapelle des Klosters Hirsau 
die riesigen H. des Räubers und Menschen¬ 
fressers Erkinger mit dessen Kleidern und 
Riesenschuh aufbewahrt wurden 3 ). Im 
Volksglauben Württembergs erscheinen 
die H. wie die Hose (s. d.) als männ¬ 
liches Geschlechtszeichen. Man 
glaubt, daß ein Knabe geboren wird, 
wenn man die H. des Mannes zum 
Fenster hinaushängt 4 ). Wurden 
in einem Hause nur Mädchen geboren, so j 
befestigte man früher dem Vater zum | 
Spott, während er bei der Taufe in der 1 
Kirche war, H. an der Tür oder auch 
Papierhosen auf Bohnenstecken 5 ). Zer¬ 
schneidet ein Gebannter seine H., so 
stirbt der Banner sofort 6 ). 

Vgl. F. Hottenroth Handbuch der deut - I 
sehen Tracht (Stuttgart o. J.) 714. 830. 939; 
Heckscher 265. 495. 2 ) Bächtold Hochzeit 1, 
134. 3 ) Kapff Schwaben 37. 4 ) Bohnenberger 
18. 5 ) Höhn Geburt 2 71. •) Schell Bergische 

Sagen 186 Nr. 112. Jungbauer. 


! Hostie. 

I 1. Name, Form, Herstellung. — 2. Kirch- 
I licher Gebrauch. — 3. Profaner Gebrauch. — 
' 4. H.n wunder. — 5. Attribut der Heiligen. 

j 1. Name, Form, Herstellung. Der 
| Name H. (hostia, oblata) erklärt sich 
| daraus, daß der katholischen Kirche das 
Meßopfer als unblutige Wiederholung des 
einmaligen Kreuzesopfers Christi gilt. Die 
I H. ist das zum eucharistischen Opfer die¬ 
nende Brot, das ursprünglich von den 
Gläubigen geopfert wurde. Es muß aus 
; natürlichem Wasser und reinem Weizen- 
i mehl ohne jede Zutat gebacken werden. 

Im Westen ist es seit dem 8. Jahrhundert 
! ungesäuert, im Osten j edoch meist gesäuert. 
In den ältesten Zeiten waren es in der 
Regel dünne Brotscheiben von Tellergröße, 
die mit Kerben zum Brechen versehen 
waren; zuweilen waren es auch ringförmige 
Gebilde (corona, rotula ) l ). Bei der Aus¬ 
teilung an die Gläubigen mußten sie zuerst 
gebrochen werden. Erst in nachkarolin¬ 
gischer Zeit kam die jetzige Form von 
H.n auf (in modum denarii vel nummi), 
mit dem Kreuz oder dem Bild des ge- 
» kreuzigten Heilandes, kleinere für die 
Laien, größere für die Priester. Die 
] Herstellung erfolgte in frühesten Zeiten 
durch fromme Männer und Frauen, im 
Mittelalter durch Kleriker, jetzt durch 
vereidigte Lieferanten. Dazu wird das 

H. neisen (ferramentum oblatorium, carac- 
i teratum), eine Art Waffeleisen, benützt. 

Dem römischen Ritual zufolge sollen 
die H.n frisch, also nicht älter als einen 
Monat sein, während in den östlichen 
Kirchen die H.n am Tage des Gebrauches 
gebacken sein müssen 2 ). 

x ) F. X. Kraus Realenc. d. Christi. Altert. 

I, 671. 2 ) Wetzer u. Welte 6, 307. 

2. Kirchlicher Gebrauch. Kon- 
sekrierte H.n gebraucht die römische 
Kirche jetzt nur noch in der Messe, zur 
Ausspendung an die Gläubigen bei der 
Kummunion, als Viatikum für die Ster¬ 
benden und zu theophorischen Pro¬ 
zessionen und Benediktionen. Nicht 
immer war der Gebrauch so eingeschränkt. 
In älterer Zeit herrschte die Gewohnheit, 
den Sterbenden und sogar den Toten 
noch geweihte H.n in den Mund zu legen 
als kräftigen Schutz gegen den Wider- 


yk 


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A , 

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Hostie 



sacher 3 ). Das war besonders im Orient, 
in Afrika und Frankreich der Fall 4 ). 
In der abendländischen Kirche ist dieser 
Brauch noch im 6. Jahrhundert nach¬ 
weisbar 5 ). Um den Gebrauch des Sakra¬ 
mentes bei Flurprozessionen ging ein 
langer Streit, der mit einem Verbot des 
Umtragens endete 6 ). Besonders in der 
Reformationszeit gaben diese Prozes¬ 
sionen den Neugläubigen Anlaß zu Aus¬ 
setzungen. Ein anschauliches Bild aus 
jener Zeit gibt das „Augsburger Buch 
von den Papisten“: „An diesem Tage 
reitet man an vill Orten umb den Fluer, 
das ist umb das Korrn, mit vill Kerzen¬ 
stangen. Der Pfaff reit auch mit, trägt 
unseren Herrgott leibhaftig am Hals 
in einem Seckel. An bestimpten Orten 
sitzt er ab, singt ein Evangelium über 
das Korrn und singt der vier an vier Orten, 
bis er umb den Fluer reitet“ 7 ). Auch 
außerhalb des Fronleichnamsfestes wurde 
das Sakrament um die Felder getragen 8 ). 
Ein gleichfalls angefochtener Brauch war 
die Verwendung des Sakramentes beim 
Wettersegen. Bei Ausbruch eines Ge¬ 
witters wurde es entweder vom Priester 
in Begleitung des Küsters oder eines 
Knaben, der dabei mit einer Schelle 
läuten mußte, auf dem Kirchhofe herum¬ 
getragen, oder es wurde mit ihm vom 
Kirchenportale aus gegen die Gewitter¬ 
wolken der Segen erteilt 9 ). In Frank¬ 
reich drohte sogar einmal (1580) ein 
Priester, der gegen ein Gewitter nichts 
ausrichtete, der H., er werde sie in den 
Kot werfen, wenn sie nicht stärker sei 
als der Teufel 10 ). Das Manuale von 
Burgos verbot schließlich das Hinaus¬ 
tragen zum Zweck des Wettersegens 11 ). 
Doch auch sonst war der kirchliche Ge¬ 
brauch umfangreicher als heute. Das 
geht aus dem Beschluß des Provinzial¬ 
konzils zu Salzburg hervor (1456): das 
Sakrament dürfe nur bei Überschwem¬ 
mungen, in Kriegszeiten, bei Feuers¬ 
gefahr, während der Pest oder bei all¬ 
gemeinen Unglücksfällen umgetragen 
werden 12 ). Als 1090 ein Feuer die Abtei 
Tours ergriff, trug man das Sakrament 
hin, und das Feuer erlosch. In der Abtei 
St. Riquier warf man es bei Brand mitten 


in die Flammen 13 ). In die Salzach wurden 
von der Oberndorfer Geistlichkeit einige 
benedizierte H.n geworfen, um Wasser¬ 
gefahren abzuwenden 14 ). Bei heftigen 
Sturmfluten wurde in den Achsensee 
und in den Hechtsee bei Kufststein eine 
hl. H. geworfen, um sie zu beruhigen 15 ). 
Den unglücklichen Verstiegenen wurde 
von einem Priester eine H. entgegen¬ 
gehalten, welche dann einem unschul¬ 
digen Kinde gereicht wurde, bei der 
„Eisenprobe“ legte der Priester einen 
glühenden Eisenbolzen auf glühende Koh¬ 
len auf dem Altar und steckte dann dem 
Beschuldigten die H. in den Mund. Si- 
bico, der Bischof von Speyer, ist bei der 
Synode der Verführung einer Frau an¬ 
geklagt. Er schwört seine Unschuld auf 
die H., nimmt sie und bleibt gesund 16 ). 
Nur symbolische Bedeutung hat wohl der 
Brauch, wenn von dem Gewölbe der 
Klosterkirche zu Prüm am Gründonners¬ 
tag kleine H.n herabgelassen wurden 17 ). 
Ebenso wurden an Christi Himmel¬ 
fahrtstag in Hilpach (Tirol) Brot, H.n, 
Blumen u. a., in Lüsen Wasser, Feuer 
und H.n vom Deckengewölbe in die 
Kirche hinabgeworfen 18 ). 

3 ) Herzog-Hauck 8, 397; Braun Liturg. 
Lexikon (1924) 137. 4 ) Lippert Christentum 

269. 403. 409 ; Jos. Sauer Die Anfänge des 
Christentums und der Kirche in Baden (1911) 13* 
4 ) Cor bl et L’histoire de V Eucharistie 1 (Paris 
1885/6), 339. 6 ) Sartori Totenspeisung 9. 

®) Franz Benediktionen 2, 105—23. 7 ) Bir- 

linger Aus Schwaben 2, 181; vgl. Schmidt 
Volksk. 103. 8 ) Birlinger 1, 182. •) Franz 

2, 121; Sebillot Folk-Lore 1, 109. l0 ) Ders. 

1, 109. u ) Franz 2, 106. 12 ) Ders. 2, 121; 

vgl. Corblet 1, 440. 13 ) Corblet 1, 440. 

14 ) Sartori Sitte 3, 219 Anm. 3 = DG. 1911, 
109. 16 ) Heyl Tirol 808 Nr. 287. ie ) Ders. 738 
Nr. 27; 517 Nr. 27: 695 Nr. 20; vgl. zum Mo¬ 
tiv: Die Legende vom Kaiser Max auf der 
Martinswand ZAIpV. 1890, Sep. 8 ff.; Lehmann 
Aberglaube m; Lippert Christentum 521. 
17 ) Wrede Eifeier Volksk. 213. 18 ) Heyl 757 L 
Nr. 35. 36. 

3. Profaner Gebrauch. Der profane 
Gebrauch zeigt vielfältigere Formen als 
der kirchliche. Es läßt sich dabei nicht 
immer unterscheiden, was in gutem Glau¬ 
ben oder was im Bewußtsein des Unstatt¬ 
haften verübt wurde. Jedenfalls war 
die Überlegung maßgebend, daß die 
Anwendung einer geweihten H. unbedingt 





415 


Hostie 


416 


wirksam sein müsse. So ist es nicht ver- Vieh eingaben. Der König meint: „der- 
wunderlich, wenn die unerhörtesten Aus- gleichen Sachen seien scandaleuse vor die 
Wirkungen erwartet werden. Wer eine Katholiken selbst, wenn sie ihren Gott 
konsekrierte H. bei sich trägt, kann sich von der Messe dem Vieh zu fressen geben", 
unsichtbar machen 19 ). Die magische und will den Mißbrauch ohne großen 
Kraft der H. wirkt als Amulett gegen Eklat und Lärmen beseitigt wissen 33 ), 
den Satan, was schon Gregor von Tours Gegen räuberische Wölfe schützt sich 
erwähnt 20 ). Wenn man sich den Ballen der Hirt, wenn er eine geweihte H. in 
der Hand aufschneidet und eine kon- seinen Hirtenstab einschließt. Nicht nur 
sekrierte H. hineinlegt, ist man unver- der Wolf bleibt weg, sondern das Vieh 
wundbar 21 ). Wer eine in die Hand ein- mehrt sich von Jahr zu Jahr 34 ). Sogar 
gewachsene H. hat, ist so stark, daß er zur Vertreibung der Raupen werden 
alles niederraufen kann 22 ). Nach einer H.nstückchen auf die Pflanzen gestreut 35 ). 
Sage des 17. Jahrhunderts konnte beim Wird die H. im Mund behalten und der 
Spechtenhof bei Laufenburg ein toter Geliebte damit geküßt, so sichert man 
Franzose nicht eingegraben werden, weil seine Liebe 36 ). H.n werden zu Liebes- 
er immer wieder den rechten Arm heraus- pulver verarbeitet 37 ). Hält man beim 
streckte. Als man den Ärmel unter- Empfang des Abendmahls Kreide im 
suchte, fand sich eine H. eingenäht, Mund verborgen, so gewinnt durch die 
welche ihm die unbezwingbare Kraft ge- j Berührung mit der H. die Kreide Zauber¬ 
geben hatte. Auch Wildschützen tragen kraft; alles, was man schreibt, wird er- 
geweihte H.n unter der Haut gegen Ver- scheinen 38 ). Eine Mutter haucht nach 
wundung. Sie können jedoch erst sterben, Empfang des hl. Sakramentes den ersten 
wenn die H. wieder entfernt ist 23 ). Hauch auf den abgestillten Säugling, 
Um sicher zu treffen, wird die H. dann lernt das Kind bald sprechen. Ge- 
im Kolbenschaft der Flinte getragen 24 ). stohlene H.n schützen vor Prozeßver- 
Bekannt ist, daß H.n zum Gießen von lust 39 ). Eine verwunschene Jungfrau auf 
Freikugeln verwendet werden 25 ). Mit dem Lilienstein kann erlöst werden, wenn 
H.n werden verschiedene Krankheiten ihr eine H. gebracht wird 40 ). Endlich soll 
geheilt, so Krämpfe 26 ), Fieber 27 ), sogar eine unter die Branntweinblase einge- 
Wahnsinn 28 ). Eine Frau wird schon da- mauerte Oblate den Branntweinabsatz 
durch gesund, daß ein Abt sie mit den steigern helfen 41 ). Die magische Wert- 
Fingern berührt, mit welchen er den Leib Schätzung, welche die H. vom Mittel- 
des Herrn berührt hat 29 ). H.n bringen alter bis auf unsere Zeit erfuhr, mag aus 
auch dem Vieh Nutzen. Ziegen, denen dem Orient stammen. In Syrien z. B. 
eine H. aus der Kirche gegeben wird, war die Anwendung für die verschie- 
geben mehr Milch und Butter als Kühe 30 ). densten Zwecke üblich. Man trug sie 
Eine in den Bienenstand gelegte H. am Hals als Amulett, legte sie ins Bett, 
macht diesen ertragreich. In den Schweine- verbarg sie im Mauerwerk, brachte sie 
stall gebracht, erhält sie die Gesundheit in den Garten, in das Weinland und in 
der Tiere 31 ). Krankes Vieh wird gesund, den Obstgarten, um auf diese Weise 
wenn es mit einer H. berührt wird 32 ). des innewohnenden Segens teilhaftig zu 
Durch ein Schreiben Friedrichs II. von werden. Jakob von Edessa wandte sich 
Preußen an den Weihbischof Rothkirch energisch gegen diese Profanationen und 
von Breslau wird eine merkwürdige setzte mitbeteiligte Priester ab 42 ). Eine 
Praxis der Bettelmönche gerügt: Diese bedeutende Rolle spielt die H.,im Schaden¬ 
nahmen einen Zettel, schrieben darauf zauber 43 ). Die Hexen in erster Linie 
einen Spruch aus der Bibel und taten mißbrauchen gestohlene H.n zu ihren 
etwas Klebriges darauf. Damit machten Teufelskünsten. Böse Geister muß man 
sie Stückelchen und Krumen aus den H.n- zuweilen für ihre Dienste mit H.n füttern 
gefäßen fest. Diese Zettel verkauften (s. o. 3, 482) 44 ). In Ostpreußen ge- 
sie den Bauern, welche sie dem kranken brauchen die Hexen die Oblaten zum 


417 


Hostie 


418 


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„Beschütten“ 45 ). Andererseits ist man 
gegen die Einwirkungen der Hexen ge¬ 
schützt, wenn man eine entwendete 
Oblate zu Hause hat 46 ). Zauberer 
nehmen das Sakrament zu ihren Tänzen 
mit 47 ). Ein Zauberer sieht bei der Wand¬ 
lung die emporgehobene H. schwarz 48 ). 
Wer einem Hexenmeister nicht eine ent¬ 
wendete Oblate bringt, dem kann er 
seine Hexenkünste nicht beibringen 49 ). 
Aus H.n, Bocksknochen, Kinderbeinen 
und Blut kann er eine Salbe herstellen, 
welche teuflische Besessenheit verleiht 50 ). 
Aber auch ohne Hexenmeister kann 
man die schwarze Kunst lernen. Man 
stiehlt eine H. und tritt darauf, dann 
hilft einem der Teufel beim Hexen 51 ). 
Diese und andere Verunehrungen wer¬ 
den besonders den Hexen zugeschrieben. 
Nach dem mittelalterlichen Glauben 
mußten die Hexen geradezu das hl. 
Sakrament verunehren, was aus Hexen- 
prozeßprotokollen ersichtlich ist 52 ). Die 
H.n wurden ins Wasser oder ins Feuer ge¬ 
worfen, zuweilen auch vergraben. Sogar 
zum Siedezauber wurden sie benötigt. 
Über den Mißbrauch zum Wetterzauber 
berichtet Abraham a Santa Clara im 
„Judas der Erzschelm“ (1689 II 183): 
„Einige warfen die H.n in einen Sautrog, 
zerquetschten sie mit einem hölzernen 
Stössel, daß Blut hervorquellte, begossen 
sie mit unflätigem Wasser, und nachdem 
sie es mit einem alten Besenstiel herum¬ 
gerührt hatten, verfinsterte sich der Him¬ 
mel, und Schauer prasselte herunter“ 53 ). 
Aus Geschäftsneid warf in Oberschwaben 
einmal ein Müller eine H. in das Mühlrad 
eines anderen in der Absicht, ihm zu 
schaden. Ein Wunder führte diese Un¬ 
tat jedoch zum glücklichen Ende 54 ). 
H. wurden auch mißhandelt, indem sie 
mit Stecknadeln durchstochen wurden, 
wobei sie aber den Frevlem Blutstropfen 
zeigten. Das taten die Hexen 55 ), doch 
wurde den Juden ebensogern diese Mi߬ 
handlungsart nachgesagt. 1514 wird zu 
Halle der Jude Pfefferkorn verbrannt. 
Er bekannte auf der Folter, daß er drei 
konsekrierte H.n gestohlen, eine der¬ 
selben behalten, zerstochen und zermar¬ 
tert, die zwei andern aber an die Juden 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


verkauft habe 56 ). Da die H.n durch ihre 
eigene, dingliche Kraft, auch vom Glau¬ 
ben abgesehen, wirkten, zeigten sich auch 
bei den Juden die wunderbaren Er¬ 
scheinungen und waren auch bei diesen 
im Mißbrauch wirksam 57 ). In Italien 
haben die geheimen Gesellschaften die 
ruchlosen Taten der Juden und Hexen 
weiterführen müssen. Mit Dolchen durch¬ 
bohren sie die H.n, welche ihnen von Pro¬ 
stituierten zugebracht werden, und werfen 
sie schließlich als Opfer für den Teufel ins 
Feuer 58 ). Daß vergiftete H.n zur Beseiti¬ 
gung mißliebiger Persönlichkeiten ver¬ 
wendet wurden, dürfte nicht erstaunlich 
erscheinen 59 ). 

1# ) Schlossar Volksmeinung und Volksaber¬ 
glaube in der deutschen Steiermark — Germania 
36 (Wien 1891), 403. 20 ) Bernoulli Mero¬ 

winger 264 f. 21 ) Zingerle Tirol 72 Nr. 610. 
22 ) Heyl 665 Nr. 142. 23 ) Hoffmann Ortenau 
92; Grohmann 207 Nr. 1439; Leoprechting 
Lechrain 62; Künzig Schwarzwaldsagen (1930) 
29 f.; vgl. oben 3, 7 f. M )Toppen Masuren 13. 
**) Baader Sagen 253 Nr. 267; Andree Pa¬ 
rallelen 2, 44; Bartsch 1, 235 Nr. 304, 3—5; 
2, 56 Nr. 158!.; Kuhn Westfalen 1, 339 Nr. 376; 
Meiche Sagen 584 Nr. 726; 726 Nr. 583; 

Müllenhoff Sagen 367 Nr. 493; 549 Nr. 552; 
Strackerjan 1, 116 Nr. 136; 217 Nr. 176g; 
Witzschel Thüringen 2, 294 Nr. 157; Wuttke 
261 Nr. 382. 2 *) Toppen 13 = Wuttke 140 Nr. 
193. 27 ) Lehmann Aberglauben 125 t.; Zingerle 
285. 28 ) Cäsarius von Heisterbach 180. 

29 ) Ders. 179f. 30 ) Meiche493Nr. 642. 31 ) Franz 
2, 134; Corblet 1, 440; Klapper Erzählungen 
82. 32 ) Busch Volksglaube 169. 33 ) Franz 2, 134 
= Lehmann Preußen und die katholische 
Kirche seit 1640 5, 420. 34 ) Bartsch 1, 354 f. ; 
vgl. Andree Votive 176. 36 ) Cäsarius Dialo¬ 
ges 9, 9; Corblet 1, 440. 38 ) Grimm 3, 413; 
Cäsarius von Heist. 167 f. 37 ) Ebenda. 
38 ) Drechsler 2, 244. 39 ) Grohmann 110 Nr. 
810; Schefold u. Werner 20. 40 ) Meiche 

576 Nr. 719. 41 ) Toppen 34 = Wuttke 140 

Nr. 193. 42 ) Corblet 1, 441. 43 ) John West¬ 
böhmen 264; S6billot 2, 62. 44 ) Meyer Baden 
553 * 45 ) Toppen 13. 34. 44 ) Müllenhoff 

557 Nr. 565. 47 ) Birlinger Schwaben 1, 379. 

48 ) Heyl 670 Nr. 146. 49 ) Bartsch 1, 130 

Nr. 150. 80 ) Corblet 1, 440. 81 ) Schlossar 

406. 82 ) Birlinger Schwaben 1, 132. 137t. 152. 
M ) Söbillot 3, 296. M ) Birlinger Volkst. 1, 
384. w ) Heyl 678 Nr. 154. M ) Birlinger Volkst. 
1, 386; Bartsch 1, 428 Nr. 601,1; Horst Zauber¬ 
bibliothek 2. T. (Mainz 1821), 406; HefeleCon- 
ciliengeschichte 8, 296. 778. 67 ) Wuttke 139 

Nr. 192. 68 ) Corblet 1. 441. 89 ) Proele De 

hostiis et calice venenatis. Gryphiswaldiae 1703. 

4. H.nwunder. Schon bei denbluten- 

14a 


419 


Hostie 


420 


den H.n ist die Grenze zwischen dem vom Corporale zurück, weil eine Wanze 
Natürlichen und dem Übernatürlichen in sie eingebacken ist; eine andere H. 
nach dem Mirakulosen hin verschoben, wird schwarz, weil sie aus Hafer zubereitet 
Für das Mittelalter und die Frommen ist 66 ). Einem unwürdigen Priester trägt 
der Folgezeit war indes diese Grenze eine Taube die H. davon, bei einem an- 
überhaupt bedeutungslos. Beim hl. Sa- deren weigert sich das wunderbare Kind, 
krament, dem Inbegriff aller Kräfte, sich mit ihm zu vereinigen 67 ). Priester, 

war das Unglaubhafteste denkbar. Das die H.n verloren haben, müssen umgehen 

bezeugen die vielen Erzählungen, die nach dem Tode, bis sie dieselben fin- 
H.nwunder zum Gegenstand haben 60 ). den 68 ). 

Bei diesen läßt sich fast immer eine didak- Auch die Laien bekommen ihren Teil 
tische Tendenz feststellen. Gläubige ab. Ein Graf wollte einmal (1384) eine 

werden zu vermehrter Verehrung des gleichgroße H. wie der Priester. Als ihm 

Sakramentes angestachelt, schlechte eine solche gegeben wurde, entschwebte 

Christen von Frevel und unwürdigem sie blutend 69 ). Wer dem Sakrament 

Genüsse abgehalten. Zu den Erbauungs- nicht die gebührenden Ehren erweist, 
wundern zählen die Geschichten, die wird von der Erde verschlungen 70 ). Mit 
Cäsarius von Heisterbach im 9. Buche gestohlenen H.n kommt man nicht mehr 
seines ,,Dialogus miraculorum“ auf- von der Stelle 71 ). Wer unwürdig kom- 
tischt. So erfüllt Süßigkeit wie vom muniziert, empfängt statt der H. eine 
süßesten Honig den Empfänger der schwarze Kohle 72 ). Einen Wirt, der 
Kommunion. Eine H. leuchtet bei der schon lange nicht mehr gültig kommuni- 
Elevation wie ein Kristall, bald wird ein ziert hatte, hob der Teufel im Sarg aus 
wunderschönes Kind, bald der Heiland dem Grab und beutelte ihn, bis er etliche 
selbst, bald die hl. Jungfrau mit dem H.n aus dem Munde spie 73 ). H.n im 
Kinde in den Händen des Priesters er- Grabe verwesen in einem solchen Falle 
blickt. Bei einem Kirchenbrande bleiben nicht 74 ) und werden durch Engel ab- 
H.n unversehrt. Verschüttete H.n geholt 75 ). Hat man mit einer H. Mi߬ 
werden von Engeln aufgehoben. Eine brauch getrieben, so findet man nach 
zu Boden gefallene H. drückt dem Stein dem Tode keine Ruhe 76 ). Seinen Ver- 
ihre Zeichen ein. Schadhafte und beiseite- ehrern dagegen ist der Herr gnädig. Als 
gelegte H.n werden von den Mäusen nur einst die Wegzehrung zu einem Kranken 
am Rande angefressen, die Buchstaben gebracht wurde und eine Dirne ihn um 
der Oblate bleiben unangegriffen. Ein Vergebung ihrer Sünden bat, antwortete 
frommer Edelmann siegt nach dem Ge- der Herr aus der Kapsel, zuerst lateinisch, 
nusse der Kommunion über einen Gottes- dann auf ihr Verlangen deutsch 77 ). 
lästerer. Ein anderer kniet vor dem Eine vorbeigetragene H. müssen selbst 
Fronleichnam in dem Schmutz, ohne daß die Dämonen verehren 78 ). Ein schwarzer 
eine Spur davon an den Kleidern haften Hund, der den Priester von seinem Gange 
bleibt 61 ). Mit Cäsarius beginnt die Reihe abhalten will, muß vor dem Sakrament 
der Geschichten, in denen selbst unver- zurückweichen 79 ). Gegen eine Monstranz 
nünftige Tiere das Sakrament verehren 62 ). kann auch der Teufel nicht an 80 ). Die 
Ochsen vor dem Pfluge halten vor einer Erinnerung an H.nwunder ist durch 
in der Furche liegenden H. Mit Getreide zahlreiche Wallfahrten festgehalten, um 
beladene Esel knien vor dem Sakrament nur Wilsnack, Andechs und Bolsena zu 
nieder 63 ). Bienen bauen um eine weg- nennen. Es handelt sich meistens um 
geworfene H. eine Wachskapeile und halten Schauwunder: die H. ist nach einem Brand 
auf, ihre Art Gottesdienst u ). Um eine unversehrt erhalten oder weist Blutspuren 
in einen Teich geworfene H. tanzen und auf oder hat sich zur Hälfte in Fleisch 
singen Frösche 65 ). Aber auch auf den verwandelt 81 ); auch blutige Corporalia 
säumigen Klerus sind manche Geschichten werden aufbewahrt. Das Mainzer Pro- 
zugespitzt. So springt eine H. dreimal vinzialkonzil von 1451 bestimmt c. 16 


Hostie 


422 


42 1 


m 


über verwandelte H.n und gerötete Pal¬ 
lien: sie sollten konsumiert werden, oder 
man soll sie gänzlich verbergen, damit 
der Zulauf des Volkes aufgehoben werde. 
Auch c. 17 des Provinzialkonzils zu 
Köln im Jahre 1452 handelt von angeblich 
in blutendes Fleisch verwandelten H.n 82 ). 
Manche dieser Wunder richten sich selbst 
sowohl durch ihre ziemlich krasse Auf¬ 
fassung des eucharistischen Brotes, als 
auch durch die Häufigkeit zu derselben 
Zeit 83 ). 

60 ) Coccius Miracula ad veritatem Eucharistiae 
et Sacriftcii Missae confirmandam divinitus edita 
a Christi ascensione usque ad annum 1591. 
Coloniae 1601; Günter Legendenstudien. Köln 
1906, 175 f.; Dcrs. Die christliche Legende des 
Abendlandes. Heidelberg 1910,159fl; Binterim 
Pragm. Konziliengeschichte 7, 474. 541— 5 1 - 
61 ) Cäsarius Dialogus 9, 40; 33. 29. 28. 3. 63. 18. 
14. 11. 51. 48. 62 ) Panzer Beitrag 2, 166. 63 ) Cä¬ 
sarius Dial. 9, 7; 4, 98; Klapper 81; vgl. 
Birlinger Volkst. 1, 384; Künstle Ikono¬ 
graphie 83. 85 (Relief des Donatello in S. 
Antonio zu Padua). 64 ) Klapper 82; Panzer 
2,8; Strackerjan 2,7 Nr. 264. 65 ) Sebillot 
3, 294. 6 ®) Cäsarius Dial. 9. 65. €7 ) Cäs. von 
Heisterbach 178. 68 ) Sebillot 2, 421; 1,281. 
C9 ) Corblet 2, 38. 70 ) Meiche 624 Nr. 769. 

71 ) Birlinger Schwaben 1, 76. 72 ) Cäsarius 

Dial. 9,63. 73 ) Heyl 523P Nr. 91. 74 ) Birlinger 
Volkst. 1, 385. 75 ) Baader A\ Sagen 6 Nr. 10. 
7 ®) Toppen 105. 77 ) Klapper 80. 78 ) Ders. 

125. 79 ) Schell Bergische Sagen 550 Nr. 19. 

®°) Baader N. Sagen 52 Nr. 73. 8 *) Cäs. von 

Heisterbach 170. 82 ) Hefele 8, 31. 54. 

83 ) Buchberger Kirchliches Handlexikon 1 
(München 1907), 2025. 

5. Attribut der Heiligen. Die H. 
findet sich als Attribut bei einigen Hei¬ 
ligen, die durch H.nwunder ausgezeichnet 
wurden oder besondere Verehrer des hl. 
Sakramentes waren. 

Die hl. Barbara wird mit einem Turm 
abgebildet. Er hat die Form von jenem 
Gefäß, in dem im 15. Jh. das hl. Sakra¬ 
ment aufbewahrt wurde. Diese mi߬ 
verstandene Form des Ciboriums mag die 
Heilige zur Patronin der Artilleristen 
gemacht haben. Statt des Turmes hat 
sie oft den Kelch mit der H.; damit 
wird sie zur Patronin der Sterbenden 84 ). 
Der hl. Bona Ventura mit Kelch und 
H., welche ihm vom Heiland selbst ge¬ 
reicht worden war, als er aus Furcht 
mehrere Tage der Kommunion sich ent¬ 


halten hatte. Der selige Burkard von 
Halberstadt mit H. 85 ). Die hl. Clara 
trat nach dem Bericht ihres Zeitgenossen 
Thomas von Celano den ihr Kloster über¬ 
fallenden Sarazenen mit einem Ciborium 
entgegen und verscheuchte sie 86 ). Die HL 
Doda, Diözese Auch, Frankreich, hält 
ein Ostensorium mit einer großen H. 87 ). 
Der hl. Hugo von Lincoln mit einem 
Kelch, aus dem das Christuskind hervor¬ 
geht, weil es ihm während der Messe er¬ 
schienen war 88 ). Der hl. Hyazinth 
ging während der Belagerung Kiews durch 
die Tataren mit dem Speisekelch in der 
Hand mitten durch die Feinde 89 ). Der 
hl. Juliana wurde, weil sie wegen Er¬ 
brechens die Kommunion nicht mehr 
empfangen konnte, die H. auf ihre 
mit einem Tuche bedeckte Brust gelegt. 
Nach ihrem Tode fand man das Bild 
des Gekreuzigten von der H. auf ihrer 
Brust sichtbar abgedrückt 90 ). Der hl. 
Ivo mit leuchtender H. 91 ). Der hl. 
Norbert trägt ein Gefäß mit dem 
Sakrament, das er gegen Irrlehrer 
verteidigte 92 ). Dem hl. Einsiedler Ono- 
phrius reichte ein Engel die H. 93 ). 
Der hl. Paschalis von Baylon war ein 
glühender Verehrer des hl. Sakramentes, 
das ihm ein Engel zubrachte 94 ). In 
den Kanonisationsakten des hl. Stanis¬ 
laus Kostka wird berichtet, daß er 
zweimal aus Engelshand die Kommunion 
erhielt, weil sein protestantischer Haus¬ 
herr den Priester hinderte 95 ). Wegen 
seiner Fronleichnamssequenz hält der 
hl. Thomas von Aquin einen Kelch 
mit darüber schwebender H. 98 ). Im 
,,Neuen steierischen Bauernkalender“ wird 
das Fest Fronleichnam durch eine gelbe 
Monstranz mit einer blutenden H. be¬ 
zeichnet 97 ). 

84 ) Künstle 113 = Detzel Christliche 

Ikonographie 2 (Frbg. 1896), 181. 86 ) Detzel 
211 f. 219. 86 ) Künstle 163 = Detzel 260. 

87 ) Detzel 314. 88 ) Künstle 314 = Detzel 

418. 89 ) Künstle 315t. = Detzel 419. 90 ) Detzel 
465 f. 91 ) Ders. 472. 92 ) Künstle 467 = Detzel 
558. 93 ) Künstle 479. 9i ) Ders. 486= Detzel 
573. 9Ö ) Künstle 544 = Detzel 641. 9 ®) Detzel 
654; Vgl. außerdem: C. Fries Die Attribute der 
christlichen Heiligen. Lpzg. 1915; Pf leider er 
Die Attribute der Heiligen. Ulm 1908. 97 ) Roseg¬ 
ger Steiermark 1 1, 98. Karle. 




423 


Hosti, Hostis—Howölfle 


424 


backen, die schönsten werden bis zum 
nächsten Neujahr aufgehoben und auf 
den Schrank ins Wohnzimmer gestellt; 
die Leute sagen, man heiße sie Ho-wölfle, 
weil man sie hoch auf den Schrank 
stellt 3 ); man stellt diese Gebäcke auch 
ins Herrgottseck der Wohnstube 4 ). Für 
Schwarzach wird aus dem Jahre 1889 
bezeugt, daß man neben Wölfen und 
Hunden noch Affen und andere Tier¬ 
gestalten und Adam und Eva gebacken 
hat, die man den Kindern schenkte 6 ); 
wichtig ist die altüberlieferte Ansicht, 
daß diese Gebäcke das Haus vor dem Blitz 



Howölfle. In Moos bei Bühl (Baden) sichern, beschränkt auf 4 Orte bei Bühl, 
backt man in der Neujahrsnacht Gebild- Fehrle erklärt die Sitte in Anlehnung an 
brote, die aus Brotteig (Roggenmehl und die Deutung der Osterwölfe durch 
Schnitzbrühe) von allen Familienmit- Friedel 6 ), daß nach dem Grundsatz 
gliedern geformt werden und Wowölfle similia similibus böse Geister durch Wolfs¬ 
oder H. heißen (man kennt die H. in bilder vertrieben werden sollen 7 ). Der 
15 Ortschaften); sie haben die Form von Name Wo-wölfle ist wohl eine ähnliche 
Hunden oder eines Wolfes mit ausge- Bildung wie Bo-Bauserle 8 ). Schon 
zacktem Kamm und Schwanz und einer Meyer 9 ) vergleicht die Hauswölfe: Zu 
in einem Korb auf Eiern sitzenden Henne Weihnachten backt man an der Rauhen 
(diese erinnert auffallend an das Julbrod Ebrach aus Teig allerlei, besonders 
von Flistadt in Westergotland x ), der Tierfiguren, die man Hauswölfe nennt 10 ); 
Kamm ist besonders gezackt, wie der der dasselbe geschieht auch in Oberfranken 
Julputte oder Goldhenne aus Schwedisch- bei Staffelstein; wenn eine Feuersbrunst 
Jämtland 2 )); auch Bretzeln werden ge- ausbricht, werden die H. hineingeworfen, 
formt. Diese Gebäcke (manche sind um zu löschen 11 ). Auch im Steigerwald 
dreibeinig!) werden in Schmalz ge- backt man am Neujahrsabend allerlei 


Hosti, Hostis, in der Formel gegen Rei¬ 
ßen und Gicht x ): ,,Gott der Herr ging über 
Feld, Da kam der Hosti Hostis“ usw. Der 
Ausdruck bezeichnet den Teufel, der schon 
im Neuen Testament der e^ftpoc heißt 
Mt. 13, 39,Luc. 10,19 und bei den Kirchen¬ 
vätern gern antiquus hostis genannt 
wird 2 ). Als Hostec für rheumatische 
Krankheit auch in russischen Zauber¬ 
formeln 3 ). 

x ) Köhler Voigtland, 404; Seyfarth Sach¬ 
sen 109. 2 ) Grimm Myth. 941. 3 ) Mansikka 

Über russische Zauberformeln (1909), 51. 

Jacoby. 


425 


Hubert 


426 


Tier- und Menschenfiguren, die man 
Hauswölfe nennt, für die Kinder wie in 
Schwarzach; einige bewahrt man auf, 
und wenn ein Brand ausbricht, wirft 
man sie hinein 12 ). Mannhardt erklärt 
diesen Brauch mit einem alten Opfer für 
den Vegetationswolf 13 ), der im Frühjahr 
erscheint. Bei den Wo-wölfle deutet in¬ 
dessen die Henne eher auf einen Zu¬ 
sammenhang mit dem nordischen Jul- 
gebäck, zumal auch dort das Julgris- 
bröd 14 ) einen auffallend gezackten Kamm 
hat. Auch im Norden wird ja das Julbrot 
als Talisman für das Hausglück aufbe- 
wahrt 15 ); zu betonen ist, daß auch die 
H. dem Vieh gegeben werden (Ober¬ 
wasser), das sie schützen (Schwarzach), 
genau wie das Julbrot. 

*) Höfler Weihnachten Tafel 9 Fig. 47. 
2 ) Ders. Tafel 10 Fig. 49. 3 ) Mündlich durch 
Fräulein stud. phil. Lienhard; vgl. Zettelka¬ 
talog des. Bad. Wb. Die Zeichnung hat Herr 
stud. ing. Tschira gemacht nach dem von Frl. 
Lienhart gelieferten Originalgebäcken aus Moos. 
4 ) Meyer Baden 482; vgl. 492 (Balzenhofen). 
s ) Freiburger Diözesanarchiv 20. 198; vgl. Lenz 
in ZfdMundarten 1917; ZfEthnologie 1897, 
496. *) Korrbl. d. Gesamtver. dtsch. Geschichts- 
und Altertumsver. 1891 Nr. 2, 19. 7 ) Vom Boden¬ 
see zum Main Nr. 8, 18. 8 ) Ochs Bad. Wb. 1. 

*) L. c. 482 ff. 10 ) Schmeller BayrWb. 2, 
903; Höfler Ostern 65; SchwVk. 19, 16 fg.; 
Bavaria 3, 971. n ) Panzer Beitr. 2, 527; vgl. 
Sepp Sagen 605. 12 ) Bavaria 3a, 340; ZföVk. 

1903, 202; Stemplinger Aberglaube 393. 13 ) 2, 
323. 14 ) Höfler Weihnachten , Tafel 6, Fig. 39. 
15 ) ZföVk. 9, 203. 

Korrekturzusatz: In der ObZfVk. 1929, 
1—40 erschien eine Monographie der H. von 
O. A. Müller, dem ich Parallelmaterial auf 
Anfrage angab; die Deutung 35 ff. überzeugt 
nicht. Eckstein. 

Hubert, hl., angeblich aus einem herzog¬ 
lichen Geschlecht Aquitaniens, zuerst 
Bischof von Maastricht als Nachfolger 
Lamberts (um 709), dann erster Bischof 
von Lüttich (722), Apostel des Ardennen¬ 
gebietes, das er von Lüttich aus dem 
Christentum zuführte, 727 in Lüttich 
gestorben und zuerst dort in St. Peter 
beigesetzt, 825 in das später St. Hubert 
benannte Kloster Andain (Andagium) 
in den Ardennen (Belgisch-Luxemburg) 
übertragen, von wo die Reliquien seit den 
Hugenottenkämpfen 1568 verschwanden. 
Fest 3. November (Translationsfest) x ). 


1. H. ist oder war bis in die neueste 
Zeit hinein einer der volkstümlichsten 
Heiligen. Seit dem 10. Jahrhundert 
breitete sich seine Verehrung in der Diö¬ 
zese Lüttich, in den Ardennen, in Luxem¬ 
burg 2 ), in der ganzen Eifel, im Trierer 
Land und im Herzogtum Lothringen, im 
Kölner, Jülicher und Bergischen Land 
und in Westfalen immer stärker aus. 
In allen diesen Gegenden wurden ihm 
zu Ehren viele Kirchen und Kapellen 
errichtet. Die Diözese Lüttich zählte im 
16. Jahrhundert 21 H.kirchen, die Kölner 
Diözese einschließlich an Belgien ver¬ 
lorener Teile noch in unserer Zeit 29 
H.kirchen und -kapellen 3 ). Im Herzog¬ 
tum Jülich nahm die Verehrung des 
Heiligen neuen Aufschwung, seitdem am 
H.tage 1444 Herzog Gerhard von Jülich- 
Berg den Herzog Arnold von Geldern 
in der Schlacht bei Linnich besiegt hatte 4 ). 
Zum Andenken stiftete Herzog Gerhard 
für Jülich den hohen Ritterorden vom 
hl. H. (Hubertusorden), der dann später 
der höchste Orden des bayrischen Königs¬ 
hauses wurde. Beachtenswerter Weise 
bildete H. in der Kölner Kirchenprovinz 
mit den Heiligen Antonius, Cornelius, 
Quirinus die Gruppe der heiligen vier 
Marschälle (Gottes), die wegen ihrer 
,»täglichen Hilfe“ für Menschen und Haus¬ 
tiere unter den Landleuten hoch verehrt 
waren 5 ). 

*) AA. SS. Nov. i, 799; Potthast 1377; 
Samson Die Heiligen als Kirchenpatrone 219; 
Korth Die Kirchenheiligen im Erzbistum Köln 
86—89; Künstle Ikonographie 311. 2 ) Ons 

Hemecht 1910, 338. 3 ) Korth a. a. O. 87; 

Reinsberg Böhmen 495: in Böhmen nur eine 
Kirche trotz reichgepflegter Jagd. 4 ) St. Chr. 

7 85 ( 2 5 ) : o hilliger marschalck sent Hup- 
recht, dyn genade hat gewerckt recht, Gerhart 
dem fürsten by zu stain... item umb deser 
verwinnunge [Sieges] willen is vierlich sant 
Hupert dach; NA 104 (1920). 139 (Anm. 2). 
143. 6 ) Weidenbach Calendarium hist.-crit. 

Christ, medii et novi aevi (1855), 200; NA. 39 
(1883), 169; 104 (1920), 121—149. Franzö¬ 
sische Bauern riefen S. H. an, wenn ein Rind 
sich auf der Weide verirrt hatte: Grimm 
Myth. 3, 485 (n). 

2. Der Heilige wurde Patron der Jäger®), 
Beschützer der Hunde und Helfer gegen 
die Hundswut, wahrscheinlich zuerst 


427 


Hubert 


428 


im wildreichen Hochwald der Ardennen. 
Hier brachte man noch im 8. Jahrhun¬ 
dert Diana die Erstlinge der Jagd als 
Opfer dar. Der hl. H. soll bewirkt 
haben, daß dieser Brauch auf den hl. 
Petrus übertragen wurde 7 ). Bereits 
im 9. Jahrhundert soll dann unter den 
,,großen Herren* ‘ der Ardennen die 
Sitte bestanden haben, dem hl. H. in 
Andain die Erstlingsbeute der Jagd zu 
opfern 8 ). Auf seinen Gedächtnistag 
legte man den Tag der Eröffnung der 
Großjagd und hält dies vielfach noch 
heute so. Ein echter Weidmann wird, 
mag die Witterung günstig oder un¬ 
günstig sein, an diesem Tage der Jagd 
obliegen 9 ). Früher auch pflegten Jäger 
den Tag ihres Schutzpatrons besonders 
feierlich zu begehen. Sie hörten in voller 
Jagdausrüstung die hl. Messe, um Flinten 
und Hunde gegen Behexung geschützt 
zu wissen 10 ). Die unter Jägern und Forst¬ 
leuten noch heute gepflegte Verehrung 
des Heiligen verbreitete sich von den 
Ardennen aus allmählich über franzö¬ 
sischen und deutschen Boden; sie spiegelt 
sich auch in dem Attribut des Heiligen 
wider, in dem Hirsch mit dem strah¬ 
lenden Kreuz im Geweih. Ein solcher 
Hirsch, der in der Heiligenlegende 
Christus bedeutet und deshalb als Führer 
zum Heil das Symbol der Erlösung trägt, 
soll nach einer spätmittelalterlichen, dem 
15. Jahrhundert angehörigen Legenden¬ 
fassung dem Heiligen, als er noch am 
Hof Pipins von Heristal lebte, auf der 
Jagd erschienen sein und veranlaßt 
haben, daß er sich vom Weltleben ab¬ 
kehrte. Diese in verschiedene Heiligen¬ 
legenden n ) verwobene und in Liedern 12 ) 
und Bildern verherrlichte Wundersage 
kennen die älteren H.viten noch nicht. 
Vermutlich wurde sie aus der Eustachius¬ 
legende, der sie schon im 8. Jahrhundert 
eigen war, herübergenommen. Jedenfalls 
hat sie zu der endgültigen Ausbildung 
oder Festigung seines Jägerpatronates 
wesentlich beigetragen. 

*) AKultG. 5, 261. 7 ) Stemplinger Aber¬ 

glaube 4; vgl. zu dem an Diana geknüpften 
Brauch weiter Höf ler Organotherapie 68. 
8 ) Wolf Beiträge 2, 112; Fontaine Luxemburg 


77; Gaidoz La rage et St. Hubert (Paris 1887) 
41. 8 ) Wolf Beiträge 1, 146; Montanus Volks¬ 
feste 52; v. Heurck u. Boekenoogen Histoire 
de Vimagerie populaire ftamande 63; Fontaine 
Luxemburg 76; Hartmann Westfalen 43. 
10 ) Schmitz Eifel 1, 44—45; Albers Popu¬ 
läre Festpostille 272. 11 ) Günter Legenden-Stu¬ 
dien 38; ZfdPh. 1, 91: aus der Volkssage und 
dem Mythos (Odin-Wodan jagt den goldring¬ 
geschmückten Hirsch) eingedrungen. 12 ) Erk- 
Böhme Nr. 1452. 1453; Böckel Handbuch 103. 

3. In einem Segensspruch aus Münster¬ 
eifel (1600) tritt H. als Helfer der Fallen¬ 
oder Schlingensteller auf 13 ). Nach dem 
Inhalt des Spruches handelt es sich um 
Fallen oder Schlingen, um die man drei¬ 
mal ,,mit dem linken Fuß“, d. i. links 
herum, gehen und sie dann mit Wasser 
besprengen mußte, nachdem man die 
Beschwörungsformel hergesagt hatte. 

13 ) Rhein. Geschichtsblätter 7, 180: So woar 
[wahr] als Gott sindt [sankt] Huberich be- 
roeft mit dem Hillighen Crutz, so beschwer 
[beschwöre] ich dich... 

4. Wie der hl. Sebastian (s. d.) wurde 
auch H. vielfach zum Patron der Schützen¬ 
bruderschaften gewählt, so z. B. von der 
noch heute bestehenden alten Hubertus¬ 
gilde in Kevelaer (Niederrhein). 

5. Bereits seit dem 10. Jh. wurde und 
wird der Heilige gegen den Biß toller 
Hunde angerufen 14 ). Dieser Kult ent¬ 
stand wohl ebenfalls zuerst im wild- 
reichen Hochwalde der Ardennen und 
verbreitete sich unter französischen und 
rheinischen Jägern und Forstleuten, welche 
die Gefahr tollwütiger oder rasender 
Wölfe und Hunde kannten. Im Volke 
suchte man sich auf die verschiedenste 
Weise gegen den Biß und seine Folgen 
zu schützen oder der Gefahr vorzu¬ 
beugen. 

14 ) A. A. S. S. 3. Nov. 1, 873; s. vor allem die 
ausgezeichnete Monographie von Gaidoz La 
rage et St. Hubert (Bibliotheca Mythica I) Paris 
1887; vgl. dazu ZlVölkerpsych. 17, 230; ferner 
ZfVk 11 (1901), 207 h.; Allgemeine Forst- und 
Jagdzeitung 1902 (Novemberheft: St. H. im 
Bergischen Lande); Sau v e Folk-Lore des Hau- 
tes-Vosges (1889) 344; über die Heilung eines 
von einem tollen Hunde Gebissenen aus der 
Zeit 1055 bis 1087 s. Schorn Eiflia Sacra 1 
(1888), 700. 

6. In erster Linie mußte gegen die 
Hundswut oder die Folgen des Bisses eines 


429 


Hubert 


430 


tollwütigen Hundes, die Tollwut, in der 
Eifel „Haupischkränkd“ (H.krankheit) 
genannt 15 ), der sogenannte H.Schlüssel 
oder Petrusschlüssel helfen 16 ). Dieser 
Schlüssel war ein 18—20 cm langes hand¬ 
geschmiedetes, nagelartiges, gesegnetes 
Eisen in hölzernem Heft und in einen 
petschaftartigen flachen Kopf endigend; 
dieser sollte ein an einer Schnur hangendes 
Jägerhorn darstellen und diente zum 
Ausbrennen der Wunde, letzteres ein 
altes und beliebtes Mittel. Nach einer 
späteren Legendenfassung hatte der hl. 
H. selbst einen goldenen Schlüssel ge¬ 
braucht und dieser soll ihm vom hl. 
Petrus oder von einem Nachfolger 
(Papste) dieses gegeben worden, später 
aber verschwunden und durch einen 
in Sainte Croix de Liege aufbewahrten 
kupfernen Schlüssel aus dem 9. Jh. ersetzt 
worden sein. Solche Schlüssel wurden 
vielerorts in der Kirche aufbewahrt 17 ). 
Die gebissenen Menschen oder Tiere 
wurden mit dem glühend gemachten 
Eisen oder Schlüssel entweder auf die 
Schadenstelle oder auf die Stirne ,,biß 
zum lebhaften Fleisch gedruckt“. Früher 
ritten, zuerst nachweislich für das 17. Jh., 
fast alljährlich im Spätherbst die soge¬ 
nannten Herren St. H.i, Geistliche aus dem 
Kloster St. H., nach Saarburg (Bez. Trier) 
und verblieben dort einige Tage, um Haus¬ 
tiere (Rindvieh, Schweine) zum Schutz 
gegen den Biß toller Hunde oder gegen 
dessen Folgen mit dem H.schlüssel zu 
brennen 18 ). Auch war es früher üblich, daß 
ein Gebissener nach St. H. wallfahrtete. 
Dort wurde die Bißwunde ausgebrannt 19 ), 
dem Verletzten außerdem die Stirn ge¬ 
ritzt und in diese ein winziges Fädchen 
aus der Stola gelegt, die angeblich dem 
Heiligen von einem Engel zur Bischofs¬ 
weihe gebracht worden war und in St. H. 
auf bewahrt wurde. Neun Tage lang 
mußte die Wunde verbunden bleiben. 
Am neunten Tage oder an neun aufein¬ 
ander folgenden Tagen mußte der Kranke 
zu den hl. Sakramenten (Beichte und 
Kommunion) gehen; am zehnten Tage 
wurde der Verbandstoff verbrannt und 
die Asche in eine Senkgrube hinter dem 
Altar geschüttet. Während der Kur 


mußte der Kranke neunerlei diätetische 
und religiöse Vorschriften beobachten, 
wobei die hl. Zahl 9 eine große Rolle 
spielte. Beim Verlassen des Klosters 
erhielt er einen H.schlüssel nebst einer 
gedruckten Gebrauchsanweisung 20 ). In 
der Heimat mußte er sich in die H.bruder- 
schaft auf nehmen lassen, falls es eine 
solche gab, vor allem am H.tage beichten 
und kommunizieren und den Tag feiern. 
Bis in die jüngere Zeit hinein blieben 
diese Heilmethode und die mit ihr ver¬ 
knüpften Bräuche erhalten 21 ). Der also 
in St. H. Behandelte wurde, weil er gleich¬ 
zeitig dort seine Beichte abgelegt hatte, 
„penitent de St. H.“ genannt. Gesunden 
Menschen und für Tiere empfahl man 
die Kur zwecks Vorbeugung, und so 
wurde sie denn an diesen auch ent¬ 
sprechend vollzogen. Besonders ließ man 
Hunde, wenn sie noch jung waren, auf 
dem Kopfe mit dem Schlüssel brennen. 
Wurde später ein solcher (gebrannter) 
Hund von einem rasenden gebissen, so 
verendete er vor dem Ausbruch der Toll¬ 
wut, vor dem neunten Tage 22 ). Man 
glaubte, die gebissenen gebrannten Hunde 
richteten keinen Schaden an; es gab auch 
nach der Meinung des Volkes Hunde mit 
großen Afterklauen (Hubertusklauen), so¬ 
genannte H.hunde, welche, auch wenn 
sie nicht gebrannt waren, vor der Tollwut 
bewahrt blieben und überhaupt gegen 
jene Krankheit gefeit waren 23 ). Weiter 
glaubte man, daß nur am neunten Tage 
nach dem Biß oder in neunteiliger Frist 
(am 18., 27., 36. Tage usw.) dem Biß der 
Ausbruch der Wut folge und dann neun 
Tage nach dieser der Tod. Oder man 
glaubte, daß neun Stunden oder neun 
Tage oder neun Monate oder neun Jahre 
nach dem Biß die schreckliche Krankheit 
ausbreche. Der in St. H. Geheilte, der 
später nochmals gebissen wurde, mußte 
nicht mehr St. H. besuchen, sondern sich 
drei Tage lang nach den neunerlei Vor¬ 
schriften verhalten. Wer in St. H. ge¬ 
wesen war, hatte auch eine gewisse Voll¬ 
macht zum Nutzen Gebissener gewonnen. 

16 ) Rhein Wb. s. v. 16 ) Thiers Traite 1, 182. 
371; Lebrun Histoire critique des pratiques 
superstitieuses (Paris 1702) 358; Blumauer Ge- 


431 


Hubert 


432 


dichte (1816), 392; Panzer Beitrag 2, 296; Wolf 
Beiträge 1, 146; Birlinger Aus Schwaben 1, 
484 (als Aberglauben gebrandmarkt); Simrock 
Mythologie 623; Gaidoz a. a. O. 126; Aleman¬ 
nia 6 (1878), 173; 10 (1882), 268; Fontaine 
Luxemburg 78; ZfVk. 11 (1901)» 207—210 (mit 
Abbildung und einer Gebrauchsanweisung a. d. 
J. 1757 ), ebenda 342; 16 (1906), 55 (Schlüssel 
u. Brot); Monatsschrift d. Berg. Gesch.-Ver. 21 
(1914) 90. 96; Pollinger Landshut 280; SAVk. 

13 (1909), 305 ; 17 ( 1913 )» 59 ; 22 (1918), 250 
(H.schlüssel in Einsiedeln); DG. 11, 128; 14, 
182. Vgl. auch Hovorka u. Kronfeld 2, 
422—434 über Bißwunden von Tieren (a. 
Hundebiß) und volksmedizinische Heilkuren, 
besonders. 426: Abbildung eines H.schlüssels 
aus dem Böhmerwald, ebenda der Brenn¬ 
stempel dieses gesondert. Über Saint-Tujean 
als Patron gegen Hundswut aus der Bretagne 
s. Zeitschr. f. Völkerpsych. 17, 232. 17 ) Wer mit 
dem Schlüssel brannte, meist der Küster, ge¬ 
brauchte einen Spruch, z. B. in Euskirchen 
(Eifel): Hongk (Hund) halt de Mongk (Mund), 
Halt de Zangk (Zahn), Zent Bäertes [H.] halt 
de Schlössel en de räächte Hangk (Hand). 
Orte, an denen H.schlüssel verwahrt wurden, 
s. ZfVk 11 (1901), 208. 342; vergl. weiter Len- 
tzen Geschichte von Neersen u. Anrath ( Nieder¬ 
rhein) | 345; Bettingen Geschichte von St. 

Wendel 392. Über einen H.schlüssel in Harden¬ 
berg (Berg. Land) anno 1681 s. Picks Monats¬ 
schrift f. rhein.-westf. Geschichtsforschung u. 
Altertumskunde 3 (1877), 597; weiter Monats¬ 
schrift Berg. Gesch.-Ver. 21, 96; Heyn Der 
Westerwald 203; Back Evangel. Kirche auf 
dem Hunsrück 166; s. auch Anm. 16 am Schluß. 
18 ) Trier. Chron. 2, 50. 19 ) Vom Ausbrennen 

in St. H. berichtet die sogenannte Koelhoffsche 
Chronik, gedruckt 1499 in Köln: ,,in den 
jaeren uns heren 1445 quam ein rasen [rasen¬ 
der] werwoulf ind beis [biß] vast lüde in dem 
kirspel zo Rindorp [Rheindorf]... umtrint [un¬ 
gefähr] 14 persoin, die men sniden ind zo sent 
Rupert voirren ind dae uisbroin [ausbrennen] 
moiste ...ind sloige den woulf doit“, vgl. St. 
Chr. 14, 785 (30). 20 ) Abdruck einer solchen 

nach Höfler s. Monatsschrift Berg. Geschichts- 
Ver. 21, 95. 21 ) AA. SS. Nov. 1, 867. 878—901; 
Montanus Volksfeste 164—165. 22 ) Schmitz 

Die Mischmundart (1893) 116. 23 ) Spee Volks¬ 
tümliches vom Niederrhein 2 (1875), 35; Schmitz 
a. a. O. 

7. Um dem Biß und der Tollwut vorzu¬ 
beugen, stellte man bereits die Kinder 
unter den ganz besonderen Schutz des 
Heiligen. Man legte den Knaben bei der 
Taufe gern den Namen H. bei, am Rhein 
z. B. in der Diözese Köln 24 ), auch meh¬ 
reren Kindern in derselben Familie zu¬ 
gleich. Zu demselben Zweck wurden auch 
in Frankreich, Luxemburg, Belgien und 
in den Niederlanden und am Rhein schon 


seit früher Zeit am H.tage neben Wasser 
und Salz auch Hafer, Brot oder Brötchen, 
in flämischen Gegenden ,,sint Huibrechts- 
broodje“ genannt und mit einem Jagd¬ 
horn verziert, geweiht 25 ). Der Genuß 
dieser Gegenstände sollte Menschen und 
Haustiere gegen Hundebiß schützen oder 
Gebissenen helfen. Weiheformeln stammen 
aus dem 17. Jh. 26 ). Ein umfangreiches 
Weiheformular für Wasser, Salz und Brot 
,,in honorem S. Huberti“ wurde in neu¬ 
erer Zeit auch für die Erzdiözese Köln 
genehmigt. Das Salz verwandte man in 
der Haushaltung, von dem Brot gab man 
den Menschen und dem Vieh zum Essen, 
anderes wurde für die Reise auf bewahrt, 
der Hafer wurde ins Viehfutter gemischt 
oder in die Kornhaufen gelegt, alles in 

prophylaktischer Absicht. Bei der H.ka- 

• # 

pelle in Uckesdorf (Kr. Bonn) wurden 
am H.tage an die Pilger und Gläubigen 
H.plätzchen verteilt und von diesen in 
den oberen Rand der Hose, von den 
Pilgerinnen in den des Unterrockes ge¬ 
näht, um gegen den Biß toller Hunde 
geschützt zu sein 27 ). In Herkenrath 
bei Bensberg ißt (oder aß) man am 
3. Nov. das fast kugelrunde H.brot, auf 
das ein Kreuz eingedrückt ist; jeder 
Hausgenosse und jedes Haustier muß 
von ihm genießen 28 ). Auch suchte man 
sich durch weißgegerbte und mit roter 
Farbe bespritzte, 18—20 cm lange und 
1—i x /a cm breite, am H.tage in der 
Kirche gesegnete und in oder vor dieser 
feilgebotene Lederriemchen vorbeugend 
zu schützen 2e ). Man trug sie im Knopf¬ 
loch des Rockes oder am Hosenträger. 
Man könnte diese Riemchen als Ersatz 
früherer Opferfelle betrachten, wenn an¬ 
ders nicht als Ersatz für die Stola oder 
den Gürtel des Heiligen. In ersterer 
Auffassung wird man durch eine Auf¬ 
zeichnung des Kölner Ratsherrn Her¬ 
mann Weinsberg zum Jahre 1552 be¬ 
stärkt : Van S. Hupertz hiltum... da 
[in S. Jacobskirch] beiert man und offert 
bestrichen riemen und broit und man hilt 
es darvur, das die rasen [!] hont und 
beisten dan einem nit schaden kunnen 30 ). 
Mädchen und Frauen trugen Medaillen 
an einem Bändchen um den Hals; diese 


433 


Huckup—Huf 


434 


waren mit dem Bildnis des hl. Bischofs H. 
lind einer Aufschrift versehen. Noch 
bis in die letzten Jahre trug man in der 
Eifel den sogenannten ,,zent Hopperts- 
pennek“ 31 ) am Rosenkranz oder am 
Halsband. 

24 ) Wrede Rhein. Volksk 2 148 (z. B. Diözese 
Köln). 26 ) Reinsberg Festjahr 332; Elsaß- 
Lothringisches Jahrbuch 4, 114 (Kreis For- 
bach); Janus 7 (1902), 189 (Harlem); Fontaine 
Luxemburg 78; ZrwVk. i, 213 (Herkenrath bei 
Bensberg, Bergisches Land); 16, 55. 26 ) A.A. 

S.S. Nov. i, 903. 923. 27 ) ZrwVk. 12,102. 2B ) Ebd. 
1 ( I 9 ° 4 )» 214. 29 ) Wolf Beiträge 1, 146; Mo* 

natsschr. Berg. Gesch.-Ver. 21, 92; AIbers 
Populäre Festpostille 270; Ders. Das Jahr 
283 ff.; Wrede Rhein. Volksk 2 321 (17. 18). 
Der Verfasser hat selbst noch als Knabe den 
Brauch gepflegt; Alemannia 6 (1878), 173 ff.; 
ZfVk. 24 (1914), 145; Wallonia 6, 100; Rol¬ 
land Faune populaire 11, 69. 30 ) Wrede 

Rhein. Volksk. 2 321 (17. 18). 31 ) RheinWb. s. v. 

8. In Luxemburg, wo die Verehrung 
des hl. H. auch besonders groß ist, war 
der Ort Sankt Haupertsweiher vor Zeiten 
ein Weiher. Weil viel Vieh von tollen 
Hunden gebissen worden war, wurde 
dieser Weiher (zu Ehren des hl. H.?) 
gesegnet und das Vieh in ihn hinein¬ 
getrieben und auf diese Weise geheilt 32 ). 
Im Bergischen Lande gibt es einen 
Huppertspütt (bei Morsbach), dessen 
Wasser früher weit und breit als Heil¬ 
mittel benutzt wurde 33 ). 

32 ) Gredt Sagen 21. 33 ) Monatsschr. Berg. 

Gesch.-Ver. 1, 121. 

9. In der Eifel (Prümer Land) pflegen 
oder pflegten Kinder nach dem be¬ 
kannten Abendgebetchen „Abends, wenn 
ich schlafen geh“ noch zu beten: Dann 
kommt der hl. H. und hat einen gol¬ 
denen Stab in der Hand, darauf steht 
geschrieben: 

Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, 

Daß kein böser Hund mich beißt. 

Daß kein böser Wolf mich zerreißt. 

Daß kein Bösewicht über mich schweift, 

Amen. 

10. Es wundert nicht, daß eine Heiligen¬ 
figur wie die des hl. H. infolge allzu 
eifriger und vielseitiger gelehrter und 
pseudogelehrter Deutung und Verglei¬ 
chung ihrer so bedeutsamen Patronate 
sehr willkommener Ersatz heidnisch¬ 
mythischer Erscheinungen oder Vor¬ 
stellungen und beliebter fester Anhalts- 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


punkt umflatternder Mythenfäden wurde. 
Man setzte den Heiligen in Beziehung 
zu Wodan 34 ), zum Freischützen 35 ), zu 
dem Hundsgestirn (Sirius) 36 ), zur Ar¬ 
temis 37 ), zum wilden Jäger und zur 
wilden Jagd 38 ) und die Hubertusjagd 
zum germanischen Seelenkultus 39 ). Die 
Beziehung zum wilden Jäger fand auch 
in Volkssagen und Volkserzählungen ihren 
Niederschlag 40 ). Ins einzelne gehende 
Forschungen werden hier wie bei vielen 
andern Heiligen noch manches klarer 
zu stellen haben. 

34 ) Grimm Myth. r, 358. 594; ZfdPh. 1, 100; 
Hartmann Westfalen 44. 33 ) Simrock My¬ 

thologie 5 300. 36 ) ZfdPh. 1, 114. 37 ) ZfVölker- 
psych. 17, 232. 38 ) Wolf Beiträge 1, 147; Se- 
billot Folk-Lore 1, 166. 3# ) Lippert Christen¬ 
tum 666; Meyer Germ. Myth. 237. 246; Zf- 
Völkerpsych. 17, 231. 40 ) Kuhn Westfalen 1, 

315 ( 357 ): Haupt Lausitz 1, 122 (136). 130 
( 1 45 ) i Gredt Luxemburg 310. Wrede. 

Huckup s. Aufhocker 1, 675 ff. 

Huf. Gliedmaßen eines tierischen Or¬ 
ganismus gehen im allgemeinen erst da 
voll in den Aberglauben ein, wo sie, aus 
dem toten Körper herausgelöst, pars 
pro toto im aktiven Schutz- und Schaden¬ 
zauber verwendet werden können. Wenn 
indes besonders sinnfällige Beziehungen 
zu einem Gegenstände vorliegen, der eine 
natürliche Abformung oder eine mecha¬ 
nische Ergänzung des lebenden Gliedes 
ist, werden die abergläubischen Vor¬ 
stellungen meistens völlig auf diesen 
übertragen. Dafür ist gerade der H. 
(vorwiegend Pferdeh.) ein gutes Beispiel: 

Seine unmittelbare Bedeutung im 
Aberglauben ist verhältnismäßig gering. 
Die Ausstattung des Teufels mit einem 
Pferdefuß x ) beruht wohl weder auf einer 
Angleichung an die schnellfahrenden 
Götter 2 ), noch auf einer Fortführung 
der eselsfüßigen Empusa 3 ), sondern ist 
eher eine Abwandlung der eindeutigen 
Bocks (füßigen)-Gestalt des Teufels unter 
Einfluß sagenhafter Vorstellungen vom 
mythologischen Wesen des Pferdes (s. d. 
und H.eisen). Stellvertretend kommt der 
H. auch in dem Oldenburgischen Glauben 
vor, daß nach einer alten Prophezeiung 
bei Goldenstedt eine blutige Schlacht 
entbrennen würde, wenn die Frauen 

14b 


435 


Huf 


4 36 


h.förmige Hüte trügen 4 ). Vereinzelt wird 
ferner der amulettartige Gebrauch eines 
Elchh.es gegen den bösen Blick und 
eines aus dem Eselsh. gearbeiteten Finger¬ 
ringes gegen das fallende Weh erwähnt 5 ). 
Häufiger bezeugt ist die Verwendung von 
H.spänen als Substitut des H.es und 
damit des ganzen Tieres ähnlich dem 
Gebrauch von Schnitzen der menschlichen 
Fingernägel. Ein badisches Rezept von 
1682 empfiehlt ,,gegen das Schweinen“, 
Menschennägel oder vom Vieh „drey 
stückh Ab den klawen wo es schweindt“, 
zu verbohren 6 ). Will man einem, der 
ein Pferd verhext hat, im Gegenzauber bei¬ 
kommen, ,,so lasse man“ — nach dem 
Curiösen Künstler von 1705 7 ) — ,,einem 
Pferd aus jedem Huf oder Fuß einen 
Span schneiden, und nimm von jedem 
Ohr die obersten Haare, und über den 
Augen auch ein wenig, binde es zusam¬ 
men, wann man eine Leiche begräbt, 
lasse das mit begraben, der Zauberer 
muß das Jahr sterben“. Nach den 
Egyptischen Geheimnissen 8 ) soll man 
gegen die Würmer die ersten drei H.späne 
eines zum ersten Male beschlagenen 
Pferdes eingeben, und im Fürstentum 
Lübeck glaubt man, daß solche Späne, 
unter den Trog gesteckt, das Gedeihen 
der Schweine fördern 9 ). Auch Eselsh.- 
späne gelten als Heilmittel, und zwar 
äußerlich angewendet für den Augen¬ 
star, innerlich für Fallsucht 10 ). 

Eine wesentlich größere Rolle spielt 
schon die Spur (s. d.) des H.es. Ätiolo¬ 
gische Roßt rappensagen finden sich in 
vielen deutschen Landschaften (s. H.eisen). 
Im Württembergischen wie im Simmen¬ 
tal hängte man zur Heilung eines kranken 
Viehh.es den ausgestochenen Wasentritt 
des Tieres in den Rauch 11 ) — ein 
Verfahren, das man in Tirol gegen die 
Klauenseuche anwendete und als ,,Wasen¬ 
reißen“ bezeichnete 12 ), während man in 
der Steiermark gegen den Wurm den 
rechten Fußtritt des unter die Dachtraufe 
gestellten kranken Pferdes auf einen 
Zaun steckte in dem Glauben, daß das 
Roß mit dem Wegbröckeln der Erde 
gesund würde 13 ). 

In diesen Fällen liegt schon eine Über¬ 


tragung der Krankheit des H.es auf die 
Erde zum Zwecke des Heilzaubers vor, 
und die gleichen sympathetischen Be¬ 
ziehungen nutzt man im Schadenzauber, 
wenn man ein Pferd dadurch hinkend 
macht, daß man den Splitter einer vom 
Blitz getroffenen Eiche in seine H.spur 
steckt 14 ) oder sie mit drei gefundenen H.- 
nägeln und einem Sargnagel vernagelt 15 ). 
Dem Abwehrzauber dient eine ähnliche 
Handlung, die nun vollends mit der 
Abformung des H.es in der Erde 
arbeitet; wer mit einem neugekauften 
Pferde nach Hause reitet, soll Erde aus 
der ersten Fußspur, die es in der hei¬ 
mischen Feldmark hinterläßt, rückwärts 
über die Grenze werfen; dann wird es 
nicht behext 16 ). Diese Mitteilung findet 
eine wertvolle Ergänzung durch einen 
Einzelbericht 17 ) aus der Schweiz über die 
Verwendung von ,,Roßstollen“, aus der 
H.sohle gefallenen und dann gefrorenen 
Schneeklumpen mit dem Abdruck des 
H.es, im 'Gegenzauber. So erzählt man 
sich z. B. in Einsiedeln, daß einst zur 
Winterszeit Knaben mit Schneeballen 
nach einer auf dem Platzbrunnen tan¬ 
zenden Katze warfen, ohne sie treffen zu 
können, bis ihnen jemand riet, doch ein¬ 
mal Roßstollen als Wurfgeschosse zu 
gebrauchen. Da glückte es. Statt der 
Katze fiel aber ,,ein nacktes altes Muoterli“ 
in den Schnee, eine Hexe, die sich mit 
den Knaben hatte einen Scherz machen 
wollen und nun durch die Roßstollen um 
die Kraft ihres Zaubers gebracht worden 
war. 

Im übrigen aber ist der mit dem H. 
verbundene Aberglaube völlig auf die 
augenfällige mechanische Ergänzung, 
auf das H.eisen (s. d.), übergegangen und 
hat hier nun auf Grund naheliegender 
neuer Bezüge eine Fülle ausgestaltender 
Einzelformen entwickelt. Lediglich beim 
Vorgang des Beschlagens selbst zieht 
der Volksglaube noch einmal den H. in 
die Betrachtung herein. Wenn ein Pferd 
ein Eisen abwirft, so tut man gut, mit 
dem Messer ein Kreuz auf den H. zu 
kratzen und einen Segen darüber zu 
sprechen, z. B.: ,,Huff du must als wenig 
brechen oder schliczen, als das heüig 


1 


437 


Hufeisen 


438 



wort brach, das vnser her an dem heiligen 
f sprach“, oder: „Schwarcz pfert, hallt 
dein fus zu samen als vnser liebe fraw 
thet ir Keuscheit vor allen mannen“ 18 ). 
Dann muß man aber so bald wie möglich 
einen Schmied auf suchen. Will sich das 
Pferd dort nicht beschlagen lassen, so 
ruft man wohl den hl. Eligius an, von dem 
die Sage geht, daß er widerspenstigen 
Rossen kurzerhand den Fuß abschnitt, 
ihn ungestört beschlug und wieder an¬ 
setzte 19 ). Sonst helfen auch hier dem 
Pferd ins Ohr gesprochene Segen (z. B. 
„Kaspar hebe dich, Melcher binde dich, 
Balthas stricke dich“) oder an den Hals 
gebundene Zettel mit Buchstaben und 
Zeichen 20 ). Gegen das Vernageln des 
H .es beim Beschlagen und ähnliche Be¬ 
schädigungen empfiehlt das 16. Jh. 
Sprüche, die sich auf das Annageln Christi 
ans Kreuz oder auf Longinus beziehen, 
der dem Heiland in die Seite stach 21 ). 
Andere H.krankheiten behandelt man 
wohl mit Lehmbrei, Teer und gepulverter 
Holzkohle 22 ). 

J ) Eine Reihe von Belegen ist zusammen¬ 
gestellt bei Heckscher 333. 2 ) Grimm 

Myth. 1, 272. 3 ) Stemplinger Aberglaube 62. 

4 ) Strackerjan 1, 132. 5 ) s. oben 2, 7S0 u. 1009. 
*) Alemannia 25, 110. 7 ) Germania 22, 259; 

vgl. die ähnliche Anweisung in einem elsäs- 
sischen handschr. Arzneibuch von 1796: Jahrb. 
f. Gesch. etc. Els.-Lothr. 18 (1902), 197. 8 ) 2, 
42, nach Jahn Hexenwesen 182. 9 ) HmtK. 37, 
36 = Men sing Schleswig-Holst. Wb. 1, 884. 
20 ) s. oben 2, 100S. u ) Württ. Jahrb. 1904, 1, 
104; Zahler Simmenthal 96. 12 ) Alpenburg 

Tirol 350. 13 ) Germania 36, 382. 14 ) s. oben 2. 
648. 15 ) Alemannia 8, 288. 16 ) Kuhn Mark 

380 = Wolf Beiträge 2, 396. 1? ) Handschriftl. 
aus Seewen (Schwyz) 1913. 18 ) Alemannia 27, 
105 f. (16. Jh.). 19 ) s. oben 2, 787 ff. 20 ) Jahn 
Hexenwesen 145. 21 ) Alemannia 27, 100 ff. 

**) Z. B. Meyer Ein niedersächsisches Dorf am 
Ende d. ig. Jh. Bielefeld 1927, 71. 

Freudenthal. 

Hufeisen. Der über die ganze Erde 
verbreitete x ) Glaube an die übelab¬ 
wehrende, glückbringende Kraft des H.s 
ist auch aus allen deutschen Land¬ 
schaften reich bezeugt 2 ). 

Fast immer wird verlangt, daß das H. 
gefunden sein muß; doch darf man’s 
nicht suchen 3 ). Seine Wirksamkeit 
wird dadurch beträchtlich erhöht, daß 
in dem vollständigen Eisen noch die 


Nägel 4 ), zum mindesten drei 5 ), stecken; 
aber es genügt auch die Hälfte 6 ) oder 
ein Bruchstück 7 ). Besondere Bedeu¬ 
tung wird gelegentlich dem H. zuge¬ 
schrieben, das ein zum ersten Male 
beschlagenes Füllen verloren hat 8 ). 

Schon das Finden eines H.s an sich 
bedeutet Glück 9 ); ,,he lacht as de Buur, 
wenn he'n Hoofisen findt“ (Holstein 
1840) 10 ). Daß man es dann aber aufhebt 
und nach rückwärts wirft (s. rückwärts), 
ist ein Ausnahmefall 11 ); vielmehr versucht 
man, sich dieses Glück durch den Besitz 
des H.s zu sichern. Man darf auf keinen 
Fall an einem H. vorbeifahren 12 ). Kann 
man es nicht mitnehmen, soll man we¬ 
nigstens dreimal darauf treten 13 ); sonst 
trägt man es nach Haus 14 ), stillschwei¬ 
gend 15 ), ohne es mit der Hand berührt 
zu haben 16 ). Hier wird es nicht nur 
einfach aufbewahrt 17 ), sondern auch 
an ganz bestimmten Stellen angebracht. 
In den meisten Fällen wird es auf die 
Schwelle 18 ), häufig aber auch an Haus-, 
Stall-, Stubentür, an Scheunentor 
oder Eingangspforte genagelt lö ); bisweilen 
findet es sich am Deckenbalken 20 ) oder 
am Giebel 21 ), an den Bäumen des Hof- 
platzes 22 ), auch wohl einmal an einem 
Gefäß 23 ). Kraftwagenfahrer befestigen 
es an Motorrad und Auto 24 ), Seeleute 
nageln es an den Mast ihres Schiffes 25 ). 

Dabei sind Zeitpunkt und Art der 
Anbringung nicht gleichgültig. Während 
man in Schlesien den Süvesterabend 26 ), 
in Anhalt die Johannisnacht 27 ) wählt, er¬ 
scheint dem Bauern der Lüneburger 
Heide der Karsamstag am geeignetsten, 
und zwar aus dem Grunde, weil der an 
diesem Tage zur Hölle niederfahrende 
Heiland alle bösen Erdengeister dort um 
sich versammelt habe und man das H. 
somit ungehindert anbringen könne 28 ). 
Die deutsche Überlieferung stimmt im 
allgemeinen darin überein, daß das H. 
bei senkrechter Lage mit der offenen 
Seite nach unten hängen müsse *•), geht 
hingegen nicht einig in der Frage, wie 
die Anbringung in der wagerechten Lage, 
also z. B. auf der Schwelle, zweckmäßig 
zu erfolgen habe; der Ansicht, daß es mit 
der offenen Seite nach innen zeigen müsse 



Hufeisen 



und so nach außen dem Bösen den Ein¬ 
tritt verwehre 30 ), stehen Zeugnisse 31 ) 
gegenüber, die das Gegenteil fordern; 
wenn das H. so aufgenagelt würde, als ob 
das Pferd mit ihm hinausschritte, so ginge 
auch das Glück mit ihm fort 32 ). 

Die richtige Anbringung aber soll eben 
im allgemeinen Glück bringen, im be¬ 
sonderen Eheglück 33 ), Nahrung, Brot 34 ), 
Käufer und Gewinn 36 ); doch ist das offen¬ 
bar nur die positive Wendung des Glaubens 
an die Abwehrkraft des H.s: Es soll Un¬ 
glück fernhalten 36 ) und dient daher zum 
allgemeinen Schutz des Hauses 37 ), gegen 
allen bösen Anfall 38 ), gegen Teufel, 
Hexen, Unholden mancherlei Art und 
ihren Zauber 39 ); ,,dor schall de Düwel 
mit de Klauen in hängen bliewen“ 40 ). 
Es hilft außerdem gegen Wetterschlag 41 ) 
und Feuersbrun st 42 ), wie gegen Krank¬ 
heiten 43 ). Man trägt es deshalb auch 
bei sich als Talisman 44 ), hängt es 
schleifengeschmückt und bronzevergoldet 
in der Stube auf, legt es, in Samt ein¬ 
genäht, in eine Truhe 45 ), den männlichen 
Leichen in den Sarg 46 ) und besonders in 
die Wiege, wo es Kinderkrämpfe ver¬ 
hindert oder heilt 47 ). Ins Schweinefutter 
getan, gibt es den Tieren Gedeihen 48 ), 
in der Trank tonne bewahrt, läßt es die 
Sau nicht ,,hulsch“ (=brünstig) werden 49 ). 
Blut auf ein heißes H. tropfen lassen, 
stillt das Nasenbluten 50 ), Milch darauf 
träufeln, macht im Gegenzauber eine be¬ 
hexte Kuh wieder melk 51 ). Gegen Magen- 
und Verdauungsbeschwerden soll man 
Bier auf ein glühendes H. gießen und 
dann trinken 52 ); ein Kind schützt man 
vor Zauber durch ein Bad in einem Wasser, 
in dem ein glühendes H. abgelöscht 
wurde 53 ). Armringe aus H. 54 ), Finger¬ 
ringe aus Hufnägeln 55 ) (s. überhaupt 
Hufnagel) bewahren den Träger und 
seine Familie vor Krankheit und Kriegs¬ 
verletzung 56 ) ; eine Stange aus H. ist gut 
zum Ausbrennen von Bißwunden eines 
tollwütigen Hundes 57 ). 

Unter den besonders angefertigten 
H. schreibt man den aus einem Richt¬ 
schwert oder aus einem Eisen, mit dem 
Einer umgebracht wurde, geschmiedeten 
die Kraft zu, die mit ihnen beschlagenen 


Pferde behende zu machen 58 ). Ein H., 
das stillschweigend vor Sonnenaufgang 
mit einer ungleichen Zahl von Löchern 
gemacht wurde, hilft, in die Butterkarne 
getan, gegen Butterdiebstahl der Hexen 59 ), 
wie man denn schon durch das Ein¬ 
brennen des bloßen H.Zeichens auf 
Holz die Hexen zeichnen kann 60 ). H.- 
amulette 61 ) sind aus Deutschland kaum 
bekannt (vgl. oben 44 )); wohl aber sind 
aus verschiedenstem Material gearbeitete 
H. als Geschenkartikel, sowie ihre 
bildlichen Darstellungen auf 
Glückwunschkarten noch durchaus ge¬ 
bräuchlich. 

All diese Anschauungen müssen trotz 
ihrer großen Verbreitung verhältnis¬ 
mäßig jungen Ursprungs sein; denn 
wenn auch nicht mit Sicherheit zu be¬ 
stimmen ist, wann das genagelte H. auf- 
gekommen ist, so steht doch fest, daß 
es in der eigentlichen Antike nicht 
verwandt wurde 62 ). Zur Erklärung 
des H.aberglaubens wird aber trotzdem 
zunächst eine ganze Reihe allgemeiner Vor¬ 
stellungen herbeizuziehen sein: Schon dem 
Eisen (s.d.) schlechthin wird eine zauber¬ 
bannende Kraft zugeschrieben, wie, in be¬ 
schränkterem Maße, allen gefundenen 
Dingen 63 ) (s. finden); ferner wird die 
geöffnete Kreisform des H.s nicht ohne 
Einfluß gewesen sein, was aus den genauen 
Angaben über seine Anbringung ersicht¬ 
lich ist (s. oben) und in einem Einzelfall 
zutage tritt, wo das H. gegen Mondsucht 
schützen soll 64 ). Vielleicht spielt auch 
der Schuhaberglauben (s. Schuh) hin¬ 
ein 65 ), wie denn gelegentlich 66 ) bezeugt 
ist, daß ein verlorenes Stiefeleisen ähn¬ 
liche Eigenschaften habe wie das H. 
Unter der Voraussetzung, daß das H. 
durch seine sorgfältige Befestigung ein 
Teil des Hufes (s. d.) 67 ) wird, können 
auch ähnliche Vorstellungen übertragen 
worden sein, wie sie dem Zauber mit 
Haaren und Nägelschnitzen (s. d.) 
zugrunde liegen; das ist z. B. zu vermuten 
bei der Verwendung von Hufnägeln aus 
gefundenen H. zum Vernageln 68 ). Aber 
selbst die Erwägung, daß das verlorene H. 
durch die Häufigkeit seines Vorkommens w ) 
diese Vorstellungen gewissermaßen auf sich 


Hufeisen 


442 



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gezogen habe, reicht nicht aus, lediglich 
aus ihnen allein die vielen Bräuche zu 
erklären. Ausschlaggebend ist doch, daß 
dasH. vom Pferde stammt, undindiesem 
Sinne wird es weniger ein ,, Stellvertreter 
des Roßfußes und -Schenkels“ und seiner 
,,Dämonen bekämpfenden Funktion“ 70 ) 
sein, als vielmehr des ganzen Rosses. 
Die hohe Bedeutung des Pferdes in 
Glauben und Kult besonders auch der 
germanischen Vorzeit (s. Pferd) wird sich 
in der zauberischen Verwendung des H.s 
ebenso auswirken wie z. B. in dem An¬ 
nageln von Pferdeschädeln und der An¬ 
bringung von Giebelbrettern mit ge¬ 
schnitzten Pferdeköpfen. Daß die H. im 
besonderen noch als Opfer und zwar 
wahrscheinlich als stellvertretendes Pferde¬ 
opfer gedient haben, geht mit einiger 
Sicherheit aus verschiedenen Funden von 
H.lagern, meistens an Quellen und 
Bächen, hervor 71 ). Ihr Zweck wird in 
der Förderung eines reichlichen Wasser¬ 
flusses gesehen 72 ), was gut stimmt zu der 
sagenhaften Überlieferung von Rossen, 
die durch ihren Huftritt eine Quelle auf¬ 
schlugen 73 ). In diesen Zusammenhang 
gehören vielleicht auch die H.eichen, 
die hin und wieder in Norddeutschland 


angetroffen werden, alte Bäume am 
Wegesrand, die mit H. benagelt 
sind 74 ). Solche heidnischen Opfer, mit 
denen auch die h.förmigen Gebäcke in 
Verbindung gebracht werden 75 ), finden 
ein Gegenstück, wenn nicht gar eine un¬ 
mittelbare Fortführung in den christ¬ 
lichen Votiven (s. d.), die als H. den 
Schutzpatronen der Pferde, dem hl. 
Leonhard und dem hl. Stephan, sowie 
andern Heiligen dargebracht und meistens 
an die Türen der ihnen geweihten Kirchen 
geschlagen wurden 76 ). Doch mag bei der 
Erklärung dieser und ähnlicher Erschei¬ 
nungen nicht imerwähnt bleiben, daß H. 
auch als Zinsabgaben auftreten 77 ). 

Den H.aberglauben auch in der höhe¬ 
ren Mythologie zu verankern, ist be¬ 
denklich. Denn wenn auch gelegentlich 
einmal n ) die Wilde Jagd mit einem be¬ 
sonderen H. in Verbindung gebracht 
wird, so berechtigt doch kaum etwas zu 
der Annahme 79 ), daß die Kraft des H.s 


auf Wotan zurückzuführen sei. Noch 
weniger ist mit Howey 80 ) zu schließen, 
daß das angenagelte H. bedeute „the all- 
embracing arms of the Motherhood of 
God“. 

Trotzdem hat natürlich die Sage ,<len 
Aberglauben übersponnen und auch zu 
ganz selbständigen Formen ausgestaltet. 
Geheimnisvolle Reiter lassen sich in 
einer Schmiede H. anfertigen 81 ); ein 
sagenhafter Gaul verliert sie zum 
Nutzen der Menschen 02 ), wenn sie nicht 
gar von den Hexen herstammen, die der 
Teufel reitet 03 ). Solche Eisen sind meistens 
kleiner als die gewöhnlichen und anders 
gestaltet; aus ihnen lassen sich zauber- 
kräftige Waffen schmieden 84 ). In Tirol 
nannte man sie Pfaffeneisen, weil sie von 
Pfaffenkochinnen oder -haushälterinnen 
herstammen sollten, die, in Teufelsrösser 
verwandelt, auf hohen Alpen und Saum¬ 
pfaden herumspukten; jeder siebente 
Stamm einer Schmiedefamüie wäre aus¬ 
ersehen, ein solches Teufelsroß mit einem 
dreüöchigen H. zu beschlagen, das sich in 
der Art der Wünschelrute zum Schatz¬ 
finden gebrauchen ließe 85 ). Der Teufel 
beschlägt überhaupt Menschen, die sich 
ihm verschrieben haben, bisweilen mit 
H.; hat er das vierte angenagelt, so 
sind sie nicht mehr zu retten, wenn sie 
bereits umgehen, nicht mehr zu bannen 06 ). 
Auch von den H. an Kirchtüren gibt 
es sagenhafte Überlieferungen 87 ); häufig 
sind sie Erinnerungszeichen an eine 
glückliche Errettung einer Person oder 
Gemeindevon Kriegsnot 88 ), ähnlich den 
in vielen Erzählungen auftretenden H.- 
eindrücken, Trappen, auf Steinen 89 ). 
Durch ganz Deutschland verbreitet ist 
ferner noch das Sagenmotiv vom ver¬ 
kehrt aufgeschlagenen H.: Raubritter 
und Wegelagerer der verschiedensten Art 
entziehen sich der Gefangennahme da¬ 
durch, daß sie ihren Pferden die H. um¬ 
gekehrt annageln und so die Verfolger 
irreführen. Hierbei scheint der in der 
Umkehrung überhaupt liegende Zauber 
(s. verkehrt) nicht ohne Einwirkung ge¬ 
wesen zu sein. 

Schließlich tritt das H. noch in formel¬ 
haften Redewendungen auf. Ein- 


443 


Hufeisen 


444 


mal sagt man in Schlesien und Sieben- 
bürgen von einem Sterbenden, daß ihm 
die H. bald abgerissen werden 90 ), und 
im Frankenwald vergleicht man die 
Beichte des Todkranken mit dem Ab¬ 
reißen der Hufeisen, die man den Pferden 
nicht mit ins Grab gibt 91 ). Volksmund 
und Forschung finden dafür verschiedene 
Erklärungen; die einfachste wird die 
sein, daß durch das Abreißen der Eisen¬ 
beschläge an den Absätzen, wie durch 
das Ausziehen der Schuhe überhaupt, 
das Ende des Erdenganges symbolisiert, 
vielleicht auch eine Wiederkehr des Toten 
verhindert wird. Ferner heißt es in ver¬ 
schiedenen Gegenden Deutschlands von 
einem gefallenen, unverheiratet nieder¬ 
gekommenen Mädchen, daß es ein H. 
verloren habe 92 ), eine Redensart, die 
schon Liebrecht 93 ) als eine scherzhafte 
Übertragung von dem nach Verlust eines 
H.s lahmenden Pferde auf die unver¬ 
ehelichte Wöchnerin gedeutet hat. 

*) Vgl. Lawrence The magic of the horse- 
skoe. Boston u. New-York 1898 (Rezension 
ZfVk. 8, 467); Howey The horse in magic and 
myth. London 1923, 102ff.; Petersen Hufeisen ; 
ferner die reichen Hinweise bei Selig mann 
Blick 2,12 t ; sowie ZfrwVk. 12, 386. 2 ) An¬ 
gesichts der allgemeinen Verbreitung des H.- 
aberglaubens ist in folgendem nur für die sel¬ 
teneren Erscheinungen die Literatur aufgeführt. 
3 ) ZfdMyth. 4, 48. 4 ) Birlinger.< 4 ws Schwaben 1, 
404; Birlinger Volksth. 1, 199; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 87; Köhler Voigtland 394. 430; 
Seyfarth Sachsen 266; John Erzgebirge 38; 
John Westböhmen 251; Flügel Volksmedizin 
54; Men sing Schlesw.-Holst. Wb. 2, S33; 

Fogel Pennsylvania 264; SAVk. 3, 130; vgl. 
Wuttke 130, 209. 6 ) Drechsler 1, 211; 

HmtK. 37, 35. «) Strackerjan 1, 434; Manz 
Sargans 113; Wuttke 130; Egypt. Geheimn. = 
Jahn Hexenwesen 122; Mensing Schlesw.- 
Holst. Wb. 2, 883; Meyer Ein nicdersächs. 

Dorf a. Ende d. 19. Jh.s. Bielefeld (1927) 234; 
HmtK. 37, 35. 7 ) Eberh a r d t Landwirtschaft 13; 
Wlislocki Sieb. Volksgl. 50. 8 ) Schö nwerth I 
Oberpfalz 2, 86. 9 ) Wolf Beiträge 1, 239; John 
Erzgebirge 38; Köhler Voigtland 394; John 
Westböhmen 251; Schramek Böhmerwald 255; 
Bartsch Mecklenburg 2, 313; Drechsler 2, 
193 » 235; SAVk. 2, 282; 8, 268; ZfrwVk. 11, 
260; vgl. Prätorius u. Rockenphilosophie bei 
Seyfarth Sachsen 266; Men sin % Schlesw.-Holst. 
Wb. 2, 883; Meyer a. a. O. 234. l0 ) Mensing 
Schlesw.-Holst. Wb. 2, 882. 11 ) ZföVk. 13, 133; 
vgl. dazu den märkischen Brauch, Erde aus 
der ersten Hufspur eines neugekauften Pferdes 
hinter sich zu werfen: Kuhn Mark 380. 


12 ) Fogel Pennsylvania 264. 13 ) Drechsler 2, 
235. 14 ) Dagegen die Ausnahme, daß man sich 
mit dem H. ein Unglück aufhebt: Grohmann 
221. Hier ist der Gedanke der Übertragung (s. d.) 
bestimmend, wie in der ostholsteinischen Über¬ 
lieferung, daß man ein gefundenes Stiefeleisen 
nicht so aufnehmen dürfe, daß einem die runde 
Seite zugekehrt sei; ,,sonst bekommt man die 
Krankheit, mit der der Verlierer behaftet ist“: 
Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833. Vgl. 
unten 30 ). 15 ) Strackerjan 1, 434; Drechsler 
2 » 205^ 1j ) Wuttke 360; Fogel Pennsylvania 
332. *') \gl. z. B. SAVk. 3, 130. — Der englische 
Oberbefehlshaber in Südafrika, Lord Roberts, 
galt als eifriger Sammler von H.: Hovorka 
u. Kronfeld 1, 24; Kronfeld Krieg 53. 
18 ) Auch unter der Schwelle (Strackerjan 1, 
434) und im Stalle (Wlislocki Sieb. Volksgl. 
50) vergraben. 19 ) Über die Tür: Boh nen- 
berger 25; Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 
833 (3 H.); Fogel Pennsylvania 98; an den 
Türpfosten: Andree Braunschweig 402; Men- 
sing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833. Außen am 
Kuhstall; an einen Ständer: Bartsch Mecklen- 
burg 2, 313. Dagegen: H. dürfen nicht am 
oder im Pferdestall angebracht werden, „sonst 
haben die Pferde keine Ruhe“: HmtK. 37, 35. 
*°) Schönwerth Oberpfalz 2, 87; John West¬ 
böhmen 251; Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 
883; vgl. Wuttke 400. 21 ) Heyl Tirol 804; 

Wuttke 130; vgl. Köhler Voigtland 620. 
22 ) Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833; vgl. 
unten 74 ) (H.eichen). * 3 ) Nds. 8, 390. An 
oder über dem Schweinetrog: Germania 36, 405. 
24 ) Ein Geschäftsauto in Kiel trägt ein ver¬ 
nickeltes H. (1929); in Münster sah ich 1930 
an einem Motorrad ein mit Draht festgebundenes 
H. 25 ) Strackerjan 1, 52, 434; vgl. ZfrwVk. 
12 * 387» Nds. 8, 390; Kronfeld Krieg 53; 
Jähns Roß u. Reiter. 1 (Leipzig 1S72), 370. 

26 ) Drechsler 1, 44. 2?) Mitt. Anhalt. Gesch. 
14, 21. 28) Kück Lüneburger Heide 38; Nds. 

4, 206. 20 ) Finder Vierlande 2, 246; Andree 
Braunschweig 402; Wrede Rhein. Volkskunde 
56; Maack Lübeck 25; vgl. eine diesbezügliche 
Anfrage u. ihre Beantwortung in FL. 31, 233 t. 
— Offene Seite nach oben: Bo mann Bäuer¬ 
liches Hauswesen u. Tagewerk im alten Nieder¬ 
sachsen. Weimar 1927, 19. 30 ) Peuckert 

Schlesien 47; ZfEthn. 15, 89 (Berlin); Bartsch 
Mecklenburg 2, 313; Maack Lübeck 25; Urquell 
4, 107; vgl. dazu den Jeverländer Glauben, daß 
man ein gefundenes H. nur dann aufnehmen und 
über sein Bett hängen soll, wenn die offene Seite 
einem zugekehrt liegt: Strackerjan 1, 42. 
Ferneroben 14 ). 31 ) Kuhn u. Schwartz 460; 
Krause Sitten, Gebräuche u. Abergl. in West¬ 
preußen. Berlin o. J. (1904) 64; Drechsler 
2, 206; Wuttke 130. 3 2) Urquell 1, 65. 

33 ) Monatsbl. d. Touristenklubs f. d. Mark 
Brandenb. 26 (1917), 15 (Berlin). **) Engelien 
u. Lahn 268; Urquell 1, 65. 36 ) Drechsler 

2, 206. 38 ) John Erzgebirge 27; Mensing 

Schlesw.-Holst. Wtb. 2, 833; HmtK. 37, 35. 

3? ) Strackerjan 1, 434. S8 ) Drechsler 2, 206. 


445 


Hufnagel 


446 


*) Allgemein. 40 ) Finder Vierlande 2, 246. 
«) Birlinger Aus Schwaben 1, 404; Drechsler 

2 , 206; BlpommVk. 6, 106; Mitt. Anhalt. Gesch. 

X4, 15. — Unter einem H. beteten die Bauers¬ 
leute bei Malente (Ostholstein) um gutes Wetter: 
Maack Lübeck 25. 42 ) Birlinger Volksth. 1, 

X99; Schönwerth Oberpfalz 2, 87; Drechsler 

3, 206. 43 ) Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 

833; Seyfarth Sachsen 266; Drechsler 1, 211; 
2 , 206; Wuttke 360; vgl. Fogel Pennsylvania 
264 (,,gut fer brauche mit“); 329 t.; Germania 
36, 405 (gegen Drudendruck der Schweine). 
44 ) Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833; vgl. 
ZföVk. 13, 133 (Stiefeleisen). 45 ) Men sing 
Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833. 48 ) s. unten 7l ). 

4t ) Grimm Myth. 3, 458; Köhler Voigtland 
430; John Erzgebirge 53; Flügel Volksmedizin 
34; Jensen Nord friesische Inseln 307; vgl. 
Drechsler 1, 211; Fogel Pennsylvania 45; 
332. 48 ) Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833. 
°) HmtK. 37, 133. 50 ) Ebd. 19, 165. 51 ) Freitag 
Das Pferd im Altertum Berlin 1900, 73. H. in 
Milch oder Feuer legen zu dem gleichen Zwecke: 
Egypt. Geheimn. = Jahn Hexenwesen 122; 
Jecklin Volkstüml. 3, 209; Schmid-Sprecher 
54f., vgl. 87. S2 ) Wuttke 358. 63 ) Haltrich 

Siebenb. Sachsen 261. 54 ) Urquell 3, 277; 

„Krampfringe“: Wuttke 130. 55 ) Freitag 

a. a. O. 72; Fogel Pennsylvania 329. 58 ) Gra¬ 
binski Mystik 63 (Weltkrieg, Österreich). 
* 7 ) Fogel Pennsylvania 277. £8 ) Germania 22, 

259; Drechsler 2, 113; Bartsch Mecklenburg 
2,447. 69 ) Strackerjan 1, 434. 80 ) Birlinger 
Aus Schwaben 1, 406; vgl. Maack Lübeck 30. 
41 ) Seligmann Blick 1, 174. •*) Hoops Real¬ 
lexikon 2, 565. 63 ) Gelegentlich wird gefundenem 
alten Eisen, Nägeln u. Stecknadeln die gleiche Be¬ 
deutung wie den H. zuerkannt: z. B. Drechsler 
2, 193. 205; SAVk. 8, 268. 64 ) Grohmann 

184. — Jähns Roß u. Reiter 1, 369 sieht in dem 
H. mit Stollen die „Basis eines Drudenfußes“. 
“) Vgl. ZfVk. 4, 154. 66 ) Mensing Schlesw.- 

Holst. Wb. 2, 833; HessBl. 20, 35; ZföVk. 
13, 133. Ä7 ) Statt des H.s wird auch ein Huf an 
die Stalltür genagelt: Meier Schwaben 177. 
M ) Alemannia 8, 288; Lammert 120. 6# ) Vgl. 
z. B. die Segen gegen das Verlieren eines H.s: 
Grimm Myth. 3, 502; Alemannia 27, 105 t.; 
offenbar zum gleichen Zwecke spuckt der Bauer 
beim Anlegen eines neuen H.s in die Hufe: Ur¬ 
quell 3, 57; vgl. Liebrecht Zur Volksk. 320: 
Über den beschlagenen Huf ein Kreuz machen. 
Vgl. Huf. 70 ) So ZfrwVk. 12, 386. 71 ) Kohl¬ 
rusch Sagen 341 f.; SAVk. 17, ngff.; 18, 
192; Urquell 2, 189; v. Negelein Das Pferd im 
arischen Altertum (Teutonia 1903) 61. — H. als 
Grabbeigaben: Peter Österreichisch-Schlesien 2, 
247; Drechsler 1, 292; Höhn Tod 334. 72 ) Z. B. 
Urquell 2, 189. 73 ) Z. B. Wolf Beiträge 2, 94 t; 
Losch Balder 46 ff. 74 ) Nds. 19, 139; Müllen- 
hoff Sagen 511. 76 ) Höfler Ostern 65; Höfler 
Weihnacht 63, 73; Reinsberg Böhmen 596. 
78 ) Andree Votive 74 ff.; dazu Pollinger 
Landshut 199; John Westböhmen 292; Heyl 
Tirol 116; Hof mann Bad. Franken 34; Leh¬ 


mann Sudetend. Vk. 144; HessBl. 20, 34t. 
77 ) Lütolf Sagen 336. 78 ) Köhler Voigtland 
620. 79 ) Wuttke 130; Jähns Roß u. Reiter 

1» 365 u- ö. 80 ) Howey a. a. O. 107. B1 ) Ver- 
naleken Mythen 46, 130. 82 ) ZfVk. 12, 22; 

vgl. Kohl rusch Sagen 253. 83 ) Grimm Sagen 
Nr. 208; ZfVk. 12, 27 (mit Lit.); Bartsch 
Mecklenburg 1, 121; vgl. Müllen hoff Sagen 
186; Jähns Roß u. Reiter 1, 412 t. 84 ) ZfVk. 
9, 372; Alpenburg Tirol 252. 85 ) Alpenburg 
Tirol 366. 88 ) Kühnau Sagen 1, 31. 558. 563; 
vgl. Quitzmann 45 = Lütolf Sagen 76. 
87 ) Grimm Sagen Nr. 208. 355. 88 ) Köhler 

Voigtland 620; Stöber Elsaß 41 f. = Bir¬ 
linger Volksth. 1, 159; Wolf Beiträge 2, 94 t; 
ZfdMyth. 3, 66; Weichelt Hannoversche Ge¬ 
schichten u. Sagen. Celle 1 (1878 ff.), 144; vgl. 
Jähns Roß u. Reiter 1, 365 ff. 8# ) Z. B. Stöber 
Elsaß 249; Müllenhoff Sagen 142; Andree 
Braunschweig 395; Kuhn u. Schwartz 169h; 
ZfrwVk. 12, 380f.; vgl. Jähns Roß u. Reiter 1, 
360 ff.; v. Negelein a. a. O. 68 f. In der Nähe 
von Kiel befindet sich ein Grenzstein mit ein¬ 
gemeißeltem H. (ohne Sage): Men sing Schlesw.- 
Holst. Wb. 2, 833. 90 ) Drechsler 1, 284; 

Urquell 4, 18. 9l ) Flügel Volksmedizin 78. 

9S ) Baumgarten Heimat 3, 37 (,,D' Stuetn hat 
än Eisn zött“); Höhn Geburt 273; Lütolf Sagen 
76; 336; DWb. 3, 365. a3 ) Liebrecht Zur 

Volksk. 492. Vorher (Germania 5, 479 ff.) hat 
er diese Redensart allerdings mit alten 
mythologischen Vorstellungen von der Geburt 
aus dem Beine in Zusammenhang gebracht. 

Freudenthal. 

Hufnagel. Der H. wird zum Diebs¬ 
zauber gebraucht 1 ); das Einschlagen des 
oder der Nägel soll ihm auf sympathischem 
Wege so lange Schmerzen bereiten, bis 
er das Gestohlene zurückgibt, widrigen¬ 
falls er stirbt. Dieses Verfahren beruht 
schon auf antikem magischem Brauch 2 ). 
Ferner dient der H. zur Hexenabwehr 3 ); 
mit geweihtem Pulver in ein Gewehr 
geladen und abgeschossen, töten Abfall- 
H. die Hexen und vertreiben Gewitter. 
Er wirkt gegen Krämpfe 4 ) und andere 
Leiden 5 ), auch Krankheiten der Tiere ö ). 
Vor allem wird er bei Zahnschmerzen 
benutzt, um den kranken Zahn zum 
Bluten zu reizen, worauf er in einen Baum, 
eine Wand usw. eingeschlagen wird 7 ), 
mit Benutzung von Varianten der Formel: 
Hax Pax Max (s. d.) 8 ); das gleiche Ver¬ 
fahren kommt auch ohne nähere Bezeich¬ 
nung der Nagelart vor 9 ). Zum Ring ge¬ 
schmiedet, dient er gegen Rheuma 10 ). Auch 
beim Buttem findet er Verwendung n ). 
Endlich hat er auch im Liebeszauber 


447 


Huflattich—Huhn 


44 8 


seinen Platz 12 ); Delrio 13 ) berichtet, ge¬ 
fundene „hoefnagelen" müssen sexta feria 
infra Missam superlecto Evangelio (quo- 
dam certo) zum Ring geschmiedet werden, 
und wenn die Frau den Ring trägt und 
täglich ein Vaterunser spricht, so ist ihr 
der Mann ein Jahr lang zu Willen. Glücks¬ 
ringe wurden im Weltkrieg aus H. ge¬ 
macht 14 ). 

In einen Stein eingeschlagene H. be¬ 
zeichnen in Sagen den Mittelpunkt der 
Erde (volkstümliche Deutung von dämo¬ 
nenabwehrenden oder Krankheit ver¬ 
treibenden Nagelungen ?) 16 ). S. a. Nagel 
und Vernageln. 

*) Grimm Myth. 3, 441 Nr. 220; WürttVjh. 
13 (1890), 206 Nr. 215; 227 Nr. 307; ZfVk. 23 
(1913), 129; ZrwVk. 1905, 298; Panzer Bei¬ 
trag 1, 262; Wuttke 414 § 643; 415 § 644. 

*) ARw.16 (1913), 122 ff.; 18 (1915). 585 ö.; 21 
(1918), 4850.; HessBl. 12 (1913), 139 ff.; 22 
(1924), 59 ff. s ) Krauß Slaw. Volkforschung 
81; ders. Relig. Brauch 113. 118. 4 ) Köhler 

Voigtland 430; ZfVk. 23 (1913), 129. b ) ZfVk. 
12 (1902), 386; Seyfarth Sachsen 266; 

Rochholz Kinderlied 339. «) Bohnenberger 
13. 7 ) Hovorka u. Kronfeld 1, 322; Sey¬ 

farth a. a. O. 203 f. 266; F. B. von Lindern 
Medicinischer Passe-Par-Tout (Straßburg 1739), 
381; OberdZfVk. 2 (1928), 99. 8 ) Reiser 

Allgäu 2, 442; ZfVk. 8 (1898), 203; Lammert 
235 t.; Seyfarth a. a. O. 174. 203. ®) Kuhn 
Mark. Sagen 384 Nr. 66; Seyfarth a. a. O. 
266. 10 ) Fogel Pennsylvania 328 Nr. 1745. 

u ) Schmid-Sprecher 91. 12 ) Schönwerth 
Oberpfalz 1, 128 Nr. 1. 13 ) Disquisitiones ma - 

gicae (Köln 1679), 494. “) MschlesVk 19 

(1917). T 45 ;K ronf eld Krieg 63. 15 ) Kuhn u. 
Schwartz 215 Nr. 244; Witzschel Thürin¬ 
gen 2, 142 Nr. 175; 143 Nr. 177. Jacoby. 

Huflattich (Esels-, Roßhuf; Tussilago 
farfara). 

1. Botanisches. Korbblütler mit 
goldgelben Blütenköpfen, die bereits im 
März erscheinen. Nach der Blütezeit 
kommen die großen, im Umriß rundlich 
herzförmigen, am Rande gezähnten, unter- 
seits weißfilzig behaarten Blätter hervor. 
Der H. ist überall, besonders auf leh¬ 
migem Boden häufig. In der Volks¬ 
heilkunde werden besonders die Blätter j 
im Aufguß als Hustenmittel und aufgelegt I 
als kühlendes Mittel verwendet x ). 

1 ) Marzeil Kräuterbuch 257. 

2. Als eine der ersten Frühlingsblumen 
(s. 3, 160) hat der H. besondere Wirkun¬ 
gen. Die Pferdehändler sollen die Blüten 


den zum Markt geführten Pferden unters 
Futter mischen, damit sie ein feuriges 
Aussehen gewinnen (Böhmen) 2 ). Frei¬ 
lich bringt der H. auch als Verkünder 
des Sommers dessen Schädigungen mit: 
wer sich mit den Blättern das Gesicht 
abreibt, der bekommt Sommersprossen 3 ); 
vgl. (Frühlings-)Enzian, Günsel. 

2 ) Urquell N. F. 1, 268. 3 ) Wartmann 

St. Gallen 79. 

3. Wenn man die Kühe verzaubern 
will, daß sie anstatt Milch Blut geben, so 
gräbt man nachts in ein weißes Leintuch 
gehüllt H.wurzeln aus und vergräbt sie 
am frühen Morgen an der Stalltür; wenn 
die Kühe beim Heraustreten aus dem 
Stall auf diese Stelle treten, so geben sie 
Blut anstatt Milch 4 ). 

4 ) Grohmann 130 t. 

4. Am Abdonstage 5 ) soll man die 
Äcker, wo viel H. wächst, umackern, dann 
bleibt er aus 6 ); vgl. Farn (s. 2, 1229). 

6 ) In Frankreich am Fronleichnamstag 
(Rolland Flore pop. 7, 107), in Belgien am 
Vorabend vor Himmelfahrt (S6billot Folk - 
Lore 3, 644). ®) Fischer SchwäbWb. 3, 1855. 

Marzeil. 

Hügel s. Berg 1, 1043 ff. 

Huhn. 

1. Wie der Hahn (s. d.), so ist auch das 
H. ein beliebter Wetterprophet und ein 
Orakeltier. Gehen die Hennen früh 
schlafen, so gibt es gutes Wetter, umge¬ 
kehrten Falls schlechtes J ). Putzen sie sich 
plusternd die Federn oder springen sie, 
dann regnet es bald 2 ); auch wenn sie 
Gras fressen, ist das ein schlechtes Wetter¬ 
zeichen 3 ). Schreien sie besonders laut, 
dann gibt es Wind 4 ), baden sie bei Son¬ 
nenschein im Sand, dann schlägt das 
Wetter um 5 ). Kriechen sie bei Regen 
unter ein Schutzdach, dann hört er bald 
auf 6 ). Krähende H.er, die mit den Flügeln 
schlagen, sind besonders dämonisch; man 
nennt sie ,,Wetterhexen" und muß sie 
fortschaffen 7 ). Im Sommer bedeutet das 

Krähen Regen oder Nebel, im Winter 
Schnee 8 ). 

*) SchwVk. 10, 35; Bartsch Mecklenburg 2, 
209; Schönwerth Oberpfalz 1, 348; Urquell 4, 
88. 2 ) Strackerjahn 1, 24; ZföVk. 8 (1902), 

178; Fogel Pennsylvania 226 Nr. 1150 u. 
sonst; Pollinger Landshut 230; Müller 
Isergebirge 13. 3 ) Manz Sargans 118. 4 ) ZfVk. 


449 


Huhn 


450 


24 (1914), 60; Strackerjan 1, 25. 6 ) Ebd.; 

Drechsler 2, 90. •) Strackerjan 1, 25; 

Drechsler 2, 90; Bartsch Mecklenburg 2, 
209; John Erzgebirge 235. 7 ) John West¬ 

böhmen 216; Maack Lübeck 24; Wuttke 118, 

§ 156. 8 ) Meier Schwaben 2, 512; Schmitt 

Hetlingen 18. 

2. Das krähende H. bringt stets Un¬ 
glück 9 ), weil es etwas Naturwidriges ist 
wie das Hahnenei (s. d.); deshalb heißt 
es: ,,Den Mädchen, die da pfeifen, und 
den Hühnern, die da krähen, denen muß 
man bei Zeiten den Hals umdrehen" 10 ). 
Besonders unheilvoll ist das Krähen am 
Nachmittag und Abend 11 ), am Morgen 
bedeutet es nach einer Angabe in Mecklen¬ 
burg Segen 12 ). Meist weist das Krähen 
des H.s auf einen Todesfall; aber auch 
Ehestreit 13 ) und Feuer 14 ) werden dadurch 
angezeigt. Kräht ein rotes H., dann gibt’s 
Feuer 15 ), ein schwarzes, so wird ge¬ 
stohlen 16 ), ein weißes, so steht ein Todes¬ 
fall bevor 17 ). Das Krähen der H.er war 
schon im Altertum und im Orient unheil¬ 
bringend 18 ). Kräht das H. zum Dorf 
hinaus, so zieht das Unglück davon 19 ). 

•) Köhler Voigtland 389; Schramek BÖh- 
merwald 242; Vernaleken Alpensagen 402; 
Drechsler 1, 285; 2, 90; Egerl. 3 (1899), 59; 
John Erzgebirge 114. 234; Pollinger Lands¬ 
hut 163; Panzer Beitr. 1, 258; ZfVk. 2 (1892), 
181; 13 (1903), 99; 22 (1912), 162; Sartori 2, 
130; Hovorka-Kronfeld x, i93ff; Fischer 
Oststeirisches 114; Enders Kuhländchen 83; 
(Keller) Grab 4, 249 f.; 5, 395 f.; Jungbauer 
Bibliogr. 136 Nr. 819; Haltrich Siebenbürger 
Sachsen 292; Schön werth Oberpfalz i, 345 
Nr. 1; Kuhn u. Schwartz 460 Nr. 446; ZföVk. 
8(1902), 1780.; Strackerjan 1,24; Bartsch 
Mecklenburg 2, 159; Andree Braunschweig 401; 
Fogel Pennsylvania 115 Nr. 506 ff.; 118 Nr. 528; 
Gaßner Mettersdorf 80; A. de Cock Volksgeloof 
1 (1920), i69ff.; Grohmann 76; Baumgarten 
Aus d. Heimat 1, 18. 92; SAVk. 14 (1910), 292; 
Grimm Myth. 2, 949; 3, 437 Nr. 83; Wuttke 

2 88 § 422. 10 ) ZfVk. 23 (1913)* 3 86 ; 4 ( l8 94 b 8 5 : 
Knoop Hinterpommern VIII; Fogel Penn- 
sylv. 102 Nr. 423. n ) Strackerjan 1, 24 f.; 
Wuttke 202 § 276. 12 ) Bartsch Mecklenburg 

2, 159. 13 ) ZrwVk. 1914, 264. 14 ) Drechsler 

2, 145; Schönwerth Oberpfalz 2, 95 Nr. 4; 
Grimm Mythol. 3, 474; Grohmann 76; 

ZdVfV. 3 (1893), 31; 4 (1894), 85. 15 ) ZföVk. 8 

(1902), 179; Wuttke 202 § 276. 16 ) Grohmann 
75; Wuttke 202 § 276. 17 ) Wuttke 202 § 276; 
ZföVk. 8 (1902), 179; John Westböhmen 164; 
Grohmann 75. 18 ) ZdVfV. 23 (1913), 385!.; 

lat. gallina cecinit Ter ent. Phorm. IV, 4, 30; 
Columella VIII, 5; Pauly-Wissowa 8, 
2, 25190. 19 ) John Westböhmen 216. 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


3. Auch das Gackern des H.s hat seine 
Bedeutung: hört man es sehr früh im Mor¬ 
gengrauen, dann steht ein Todesfall be¬ 
vor 20 ). Bekannt ist das H.erorakel, 
das sich die Mädchen durch Klopfen am 
H.erstall holen: gackert die Henne, 
so ist’s noch nichts mit der Ehe 21 ). 
Aber bei Eheleuten bedeutet das laut 
gackernde H. die Herrschaft der Frau 22 ), 
weshalb gelegentlich bei Hochzeiten Bur¬ 
schen ein H. durch Zwicken zum Gackern 
als glückliches Zeichen für die Braut zu 
bringen suchen 23 ). Das Schleifen eines 
Strohhalms durch ein H. deutet den Tod 
eines Hausbewohners an 24 ). Aus der 
Mauserung kann man auf die Zeit des 
Säens schließen 25 ). Laufen die H.er weit 
weg vom Hof, dann gibt’s Teuerung 26 ). 
Kommen die H.er ins Haus gelaufen, so 
kommt Besuch 27 ). Streiten der H.er be¬ 
deutet kommenden Zank 28 ). Wenn ein 
H. stirbt, dann gibt es bald im Haus 
einen Todesfall 29 ), oder es vertritt die 
Stelle einer dem Tod geweihten Person 30 ). 
Ist am Karfreitag auf einem Bauernhof 
kein brütendes H., dann wird der 
Bauer bald verarmen 31 ). So wissen die 
H.er viel von der Zukunft, weshalb man 
von einem Überklugen sagt: „Du hast 
wohl im H.erstall geschlafen" 32 )? Der 
wird klug, der am Neujahrstag junge 
H.er sieht 33 ). In ein neues Haus läßt 
man eine schwarze Henne vorausgehen; 
kräht sie, so wird sie getötet 34 ). 

20 ) ZdVfV. 2 (1892), 181 21 ) Grimm Mythol. 

3, 438 Nr. 105; John Westböhmen 4. 37. 216. 
254; Drechsler 1, 11; ZföVk. 8(1902), 180; 
ZfVk. 4 (1894), 315; Sartori 129; Birlinger 
Aus Schwaben 1, 381; ZrwVk. 1906, 82; Kapff 
Festgebräuche 5; Andree Braunschweig 329; 
Schultz Alltagsleben 5; Wuttke 238 § 341; 
Schramek Böhmerwald 151; Hopf Tier¬ 
orakel 167; Rosegger Steiermark 186; s. auch 
Hahn. 22 ) Grünbaum ZDMG. 31, 339; 

ZdVfV. 3 (1893), 31; Birlinger Aus Schw. 1, 
400; vgl. d. italien. Sprichwort: in quella casa 
non & mai pace, dove la gallina canta ed il 
gallotace. 23 ) Wuttke 374 §567. M ) Stracker¬ 
jan 1, 24; Boeder Ehsten 125. 26 ) Eber¬ 

hard t Landwirtschaft 2. 26 ) Drechsler 2, 90; 
Grohmann 75; Meyer Baden 413; Eber¬ 
hardt Landwirtschaft 9. 27 ) John Erzgebirge 33. 
28 ) ZföVk. 8 (1902), 182. 29 ) Höhn Tod 313; 
Bartsch Mecklenburg 2, 125. 30 ) ZfdMyth. 1, 
405. 31 ) SAVk. 8, 269. 32 ) Drechsler 2, 92. 

33 ) John Erzgebirge 234. M ) John Westböhmen 
244. 


15 


4SI 


Huhn 


452 


4. Um den Nutzen der H.er zu steigern, 
weiß der Bauer allerlei wirksame Mittel: 
damit sie fleißig Eier legen, füttert man 
sie mit halbgekochter Gerste oder mit 
Erbsen 35 ), namentlich an Weihnachten 
und Neujahr 36 ), auch Weizen und Hanf¬ 
saat sind nützlich 37 ); auch gibt man 
ihnen das erste Fastnachtsküchle 38 ) 
aus der Pfanne, legt Halme von der Stroh¬ 
puppe am Fastnachtstag ins Nest 39 ) 
oder gibt ihnen zu Weihnachten vom 
Schnitterkranz der Ernte 40 ). Ferner 
nützt im Frühling von Kirchenwänden 
abgefallener Mörtel, den man den H.ern ins 
Futter mischt 41 ), oder ein Sandbesen 42 ), 
womit man sie schlägt. Damit sie sich 
nicht verlaufen und schön ins Nest legen, 
muß man sie in Reifen oder innerhalb 
von Ketten 43 ) an Fastnacht, am Peters¬ 
tag (22.Febr.), an Weihnachten, am Kar¬ 
freitagmorgen oder an Lichtmeß füttern. 
Zum selben Zweck dient das Ausrupfen der 
dritten Feder aus dem Flügel, die man ins 
Nest legt 44 ). Oder man macht aus dem 
während der Christnacht in der Raufe 
gelegenen Futter das Nest 45 ); auch nützt 
das Beschneiden der Schwänze an Fast¬ 
nacht, wenn die abgeschnittenen Federn 
ins Nest gelegt werden 46 ). Läßt man H.er 
in einen Spiegel sehen, so verlaufen sie sich 
nicht 47 ). Auch bleiben sie beim Nest, 
wenn die Bäuerin es an Fastnacht aus 
Stroh macht und es dreimal durch ihre 
Beine steckt 48 ), oder wenn man am 
Weihnachtsabend nach der Kirche die H.er 
aufscheucht, oder wenn man sie über das 
Ofenloch hält; beim Fressen aber darf 
man sie zu Weihnachten und am grünen 
Donnerstag nicht locken 49 ). Auch soll 
am heiligen Abend die Hausfrau während 
der Mahlzeit nicht hin und her gehen 50 ). 
Wichtig ist die Zeit zum Aufsetzen der 
Bruthenne: am besten, während die 
Leute aus der Kirche kommen 51 ), und 
zwar zur Zeit nach Neumond bis Voll¬ 
mond (d. h. bei zunehmendem, also gün¬ 
stigem Gestirn) 52 ). Auch der Augenblick, 
wenn der Hirte ausgeht mit seinen Tieren, 
ist günstig 63 ). Man setzt die Glucke, in¬ 
dem man ein großes Kopftuch oder einen 
Sack über dem Kopf hat 54 ); setzt man 
einen großen Hut dabei auf, dann be¬ 


kommen die H.er einen Federbusch 55 ). 
Die Bruthenne soll möglichst nach einem 
Fruchtfeld hinsehen 56 ); auch muß man 
unpaarige Eier unterlegen 57 ). Beim An¬ 
setzen murmelt man einen Spruch mit 
dem Hauptinhalt: ,,Lauter Weiber und 
nur ein einziger Mann“ 58 ). Es gibt mehr 
H.er als Hähne, wenn die Henne 
nicht in den zweiten Monat hinüber 
brütet 59 ). Ißt man beim Ansetzen gierig 
ein Stück Brot, dann gedeihen auch die 
Kücken gut 60 ). Aus Gründonnerstag¬ 
eiern ausschlüpfende H.er wechseln all¬ 
jährlich die Farbe 61 ), durch Bemalen 
der Eier mit allerlei Farben vermag man 
schöngefiederte H.er zu erhalten 62 ). Am 
Freitag soll man keine Glucke ansetzen 63 ). 

3S ) Megenberg Buch d. Natur 162: Bartsch 
Mecklenburg 2, 233; ZfdMythol. 2, 328; Grimm 
Mythol. 3, 461. 36 ) Strackerjan 1, 124* 

Wuttke 429 § 673. 37 ) ZdVfV. 10 (1900), 56. 
38 ) Kapff Festgebr. 12; Meyer Baden 411; 
Schönwerth Oberpfalz 2, 340 ff. 39 ) Sartori 
Sütc 3 . 34 - 40 ) Sartori 3, 131; John West- 

böhmen 215. 41 ) Wuttke 429 § 673. 42 ) Panzer 
Beitr. 1, 31b; Grohmann 141; Boeder 

Ehsten 123; s. auch Schramek Böhmerwald 243. 

43 ) Wolf Beitr. 1, 228; ZdVfV. 10 (1900), 209; 

Schramek a. a. O. 243; ZdVfV. 1 (1891), 180; 
Sartori Sitte 3, 86; Dähnhardt Volkstüm¬ 
liches 2, 86 Nr. 340; Hovorka-Kronfeld 1, 
I( M: John Westböhmen 209; Sepp Religion 11; 
Kuhn Westfalen 2, m; Mühlhause 64; 
Schönwerth Oberpfalz 1. 350; Panzer Beitr. 
2, 302 f.; Müller Isergebirge 33; DG. 13, 
183; Wuttke Sachs. Volksk. 370; Wuttke 
430 § 674; Schulenburg Volkstum 129. 

44 ) Wuttke 430 § 674; Meyer Baden 411. 

45 ) Meyer a. a. O. 487, s. auch Urquell 3, 346. 

46 ) John Westböhmen 37; John Erzgebirge 140; 
Köhler Voigtland 369; Wuttke 430 § 674. 

47 ) John Westböhmen 216. 49 ) John West¬ 

böhmen 216; Drechsler 2, 87; Wuttke 430 

§ 674; ZdVfV. 23 (1913). 7 - Liebrecht 
Z. Volksk. 255; Lau ff er Niederd. Volksk 2 89; 
,,Bad. Land“, Beil. z. Freib. Ztg. v. 16. X. 1924. 
49 ) Schulenburg Volkst. 129 f ; John Erz¬ 
gebirge 234. 60 ) John Westböhmen 215; Drechs¬ 
ler 1, 31 ff. 6i) Grimm Myth. 3, 435 Nr. 18; 
461 Nr. 762; Sartori 2, 131 (Literatur); 

Bohnenberger 16; ZdVfV. 3 (1893), 38; 

Fogel Pennsylvania 180 ff.; Birlinger Aus 
Schw. 1, 400. 52 ) Bartsch Mecklenburg 2, 199; 
Megenberg Buch d. Nat. 161; Schramek 
Böhmerwald 242; Meier Schwaben 2, 524. 

63 ) Meyer Baden 412; Bohnenberger 19. 

54 ) Schramek Böhmerwald 242; ZfdMyth. 3, 
315. 55 ) ZdVfV. 3 (1893), 38; Drechsler 2, 88; 
Reiser Allgäu 2, 449; Wuttke 429 § 672. 
**) Meyer Baden 412. 57 ) Strackerjan 1. 


453 


Huhn 


454 


124. S8 ) Hovorka-Kronfeld 1, 194. Ähn¬ 
liches ZdVfV. 3. 88. 59 ) J oli n Erzgebirge 234. 

60 ) Knoop Hinterpommern 173. 61 ) Grimm 

Mythol. 2, 903; Meyer Baden 502. 62 ) ZrwVk. 
8. 146. 63 ) Grimm Mythol. 3, 462 Nr. 800; 3, 445 
Nr. 344; Schmitt Hettingen 12; ZfdMyth. 

2 (1854), 327; Kuhn Westfalen 2, 133; Engelien 

u. Lahn 231. 

5. Um die H.er vor Raubzeug, nament¬ 
lich dem Habicht, zu schützen, kennt 
das Volk allerlei Mittel: am Karfreitag 
beschneidet man ihnen die Schwänze 64 ); 
man gibt ihnen vom Abendmahlsbrot zu 

fressen 65 ), oder man läßt sie am ersten 

♦ ♦ 

Weihnachtstag die Überreste des Mittag¬ 
essens in einem ringförmig gelegten Seil 
fressen 66 ). Auch trocknet man ein Stück 
Fleisch des Raubzeugs (Hühnergeier, Mar¬ 
der, Fuchs) und legt davon ins Wasser, 
das man den Kücken zum erstenmal 
gibt 67 ). Natürlich braucht man auch H.er- 
Segen, welche sie vor allem Schaden 
schützen 68 ). Ja,ein richtiges,,H.er-Recht“ 
gibt es in den Weistümern, wo der Raum 
für die H.er durch Werfen eines Steins, 
Hammers, Messers, Handschuhs usw. 
bestimmt wird. Dieses Werfen nimmt 
oft die Form eines Zaubers an 69 ). Gegen 
Krankheit von H.ern hilft, wenn man sie 
aus einem Schuh essen läßt 70 ). An Fast¬ 
nacht darf man die H.er nicht locken, 
sonst holt sie der Fuchs 7i ). 

64 ) Manz Sargans 136; SAVk. 24 (1922), 65; 
ZdVfV. S (1S9S), 229; Reiser Allgäu 2, 115; 
Woeste Mark 53 Nr. 13. 65 ) SAVk. 24, 65. 

66 ) ZdVfV. 12 (1902), 429; Bohnenberger 25; 
s. auch Meyer Baden 413. 67 ) Grohmann 

142. 68 ) Z. B. ZfVk. S, 229, s. noch Grimm 
Mythol. 3, 416 Nr. 13; 417 Nr. 20; Jahn Opfer¬ 
gebräuche 296; ZdVfV. 23 (1913), 122. 69 ) E. Frh. 

v. Künßberg JbhistVk. 1, 1925; Basl. Nachr. 

12. Dez. 1912. 70 ) Grohmann 141. 71 ) Basl. 

Nachr. 1924, 24. Februar. 

6. Als besonders wohlfeiles, weit ver¬ 
breitetes Haustier ist das H. oft geopfert 
worden, da es wie der Hahn (s. d.) auch als 
dämonenvertreibend galt. So wird das 
H. als Bauopfer 72 ), Flußopfer 73 ) und all¬ 
gemein als Sühneopfer 74 ) dargebracht, 
besonders bei Krankheiten 75 ). Es gab 
in manchen Kirchen (z. B. zu Marzoll) 
an der Rückseite des Altars vergitterte 
H.erbehälter, wo der Opfernde wäh¬ 
rend des Gottesdienstes nach dreimaliger 
Umwandlung des Altars sein Opfertier 


einließ 76 ). Auch wird bei Erkrankung 
manchmal eine schwarze Henne in die 
Herdgrube eingemauert oder im Stall ver¬ 
graben 77 ). Daraus entwickelte sich 
wieder das ,,Zinsh.“, das nach altem Recht 
dem Herrn von den Untergebenen dar¬ 
gebracht wurde 78 ). Wie der Hahn bei 
der Ernte geopfert wird, so auch das 
H. 70 ), und ebenso wird ein H. bei Hoch¬ 
zeiten gegessen (sog. „Gackelhenne“), 
weil der starke Geschlechtstrieb des Hahns 
ihn und das H. zum fruchtbarkeitspen¬ 
denden Opfertier macht 80 ). Das „Leich¬ 
huhn“ ist ein altes Totenopfer 81 ), sogar 
der Teufel erhält ein H. 82 ). Auch bei der 
Taufe im Egerland bringt die Gevatterin 
ein H., das sofort geschlachtet wird 83 ). 
Am Martinstag schlachtet man ein H. zu¬ 
gunsten des Federviehs 84 ). 

72 ) Mannhardt Germ. Mythen 299; Hofier 
Organotherapie 118 (Lit. ); Wuttke 301 §440; 
John Erzgebirge 27; Sartori ZlEthnol. 1898, 

1 ff.; ZföVk. 13 (1907), 132; Urquell 1898, 230; 
Scheftelowitz RW. 14, 3, 1914; Fehrle 
DLiteiaturztg. 1915, 1, 14 f. 73 ) Grimm Mythol. 
3, 165. 74 ) Wuttke 299 § 439; Scheftelowitz 
a. a. O.; ZdVfV. 10 (1900), 57. 27. 179; DG. 11, 
214. 75 ) Höfler Organotherapie 118 ff. 

76 ) ZdVfV. 11 (1901), 185 f., s. auch Rochholz 
Gaugöttinnen 32. 77 ) Pollinger Landshut 156. 

78 ) Grimm RA. 1, 518 ff.; Hofier Fasten- 
gebäcke 29; Waldkult 71. 80; Panzer Beitr. 1, 
315; Rochholz D. Gl. 2, 316 ff.; Sartori 2, 
130; Birlinger Volkst. 2, 455; Strackerjan 
2, 271; Meyer Baden 410. 79 ) ZdVfV. 8, 442; 

Wuttke 80 § 93; ZföVk. 8 (1902), 176. 80 ) John 
Westböhmen 153. 216; Höfler Hochzeit 12. 
81 ) Grimm Myth. 2, 950; Sartori 1, 139; 
Gaßner Mettersdorf 80; Vernaleken Alpen¬ 
sagen 400 f. 82 ) Grimm Mythol. 2, 843 f. 

83 ) John Westböhmen 112; Grüner Egerland 37. 

84 ) Sartori 3, 265; s. noch Jahn Opfer gebrauche 
843; Höfler Weihnacht 26. 

7. Eine große Bedeutung hat die Farbe 
der H.er: schwarze sind dämonisch 85 ), 
sie sind in Wahrheit Hexen 86 ) oder der 
Teufel selbst 87 ), wohl auch ein Drache 88 ), 
oder stehen doch mit solchen Wesen im 
Bund. Das Gackern der schwarzen Henne 
zeigt daher Unheil an 89 ). Auch soll man 
sie nicht essen, das bringt Unglück 90 ). 
Wer von einer schwarzen Henne ein Ei 
austrinkt, bekommt Halsweh 91 ). Doch 
kommt auch der Glaube vor, ein schwarzes 
H. schütze ein Haus vor Hexen 92 ); dies 
erklärt sich natürlich aus der Annahme, 



455 


Huhn 


456 


daß die Unholde vor dem dämonischen I Opfer 65; ein Kobold in Gestalt eines roten Hs 


Wesen fliehen und sich eine ungefähr¬ 
lichere, noch freie Stelle für ihr Tun aus¬ 
suchen 93 ). Der Tod eines schwarzen H.s 
ist besonders unheilbringend 94 ). Trägt 
man ein Ei einer schwarzen Henne sie¬ 
ben Wochen unter dem Arm, so ist man 
unsichtbar 95 ). Wenn ein zum Tod Ver¬ 
urteilter begnadigt wird, erhält der Scharf¬ 
richter nach egerländischem Brauch ein 
schwarzes H., angeblich, um Blut zu 
sehen, in Wahrheit ist es ein Erlösungs¬ 
opfer 96 ). In Volkserzählungen kommen 
oft gespenstische Hexen in Gestalt von 
schwarzen H.ern vor 97 ). Mit ihnen kann 
man seinen Feind totbeten, wenn man sie 
einem Juden schenkt 98 ). AlsOpfer werden 
sie oft für dämonische Mächte dar¬ 
gebracht 99 ). Am Donnerstag vor oder 
nach Weihnachten schläfert man in 
Schwaben ein schwarzes H. ein; die 
Person, auf die es beim Erwachen zugeht, 
heiratet bald 10 °). Auch weiße H.er werden 
für besonders beachtenswert gehalten, 
doch viel seltener als die schwarzen 101 ). 

8Ö ) John Westböhmen 216; Strackerjan 1, 
2 5 ) 2 . 155 ; Kühnau Sagen 1, 313; Müllen- 
hoff Sagen 261; Hertz Werwolf 76; Maaß 
Mistral 25; Vonbun Beitr. 113; Landsteiner 
Niederösterr. 35; Wuttke 118 § 156; Wolf 
Beitr, 2, 301. ß6 ) John Erzgebirge 133; ders. 

Westböhmen 217; Scheftelowitz Huhnopfer 50; 
Grabinski Sagen 23 f. 8? ) ZdVfV. 23 (1913), 
149; Panzer Beitr. 1, 315. 88 )Maas Mistral 21; 
Drechsler 2, 125; Müller Siebenbürgen 134; 
John Erzgeb . 234. 8 ®) ZdVfV. 2 (1892), 181; 

23 (1913)» 183- 90 ) John Erzgebirge 234; Schön - 
werth Oberpfalz 1, 346. 91 ) John Westböhmen 
217. ® 2 ) Hovorka-Kronfeld 1, 194; Selig¬ 
mann 2, 120. ® 3 ) Drechsler 2, 92 f. 225; 

Wuttke 118 § 156. ® 4 ) ZdVfV. 22 (1912), 162. 
® 6 ) Wuttke 318 § 473. ® 8 ) ZföVk. 6 (1900), 19; 
Hovorka-Kronfeld 1, 378. ® 7 ) Birlinger 
Volkst. 1, 502; ders. Aus Schwaben 1, 2or; 
Kühnau Sagen 1, 441; 1, 219 ff.; 3, 711; 
Gräber Kärnten 246; ZföVk. 8 (1902), 180 ff.; 
Vernaleken Mythen 261 f.; Müller Sieben¬ 
bürgen 41. ® 8 ) Egerl. 4 (1900), 32; John West¬ 
böhmen 216. ®*) Grimm Mythol. 3, 446 Nr. 358; 
Reiser Allgäu 2, 307 f. ; ZdVfV. 23 (1913), 150; 
s. auch Birlinger Aus Schwaben 2, 504. 
10 °) Meier Schwaben 2, 461; Grohmann 

Sagen 99, 166; Kuhn u. Schwarz 426. 

521 f.; Reusch Samland Nr. 74; Wuttke 
2 4 2 § 348; s. auch Baumgarten D.Jahr 
1860, 15. 101 ) ZdVfV. 2 (1892), 181; SAVk. 25, 
190; Seligmann 2, 120; John Westböhmen 216; 
Haupt Lausitz 1, 62 f.; Scheftelowitz Huhn - 


bei Kuhn Westfalen 1, 370 Nr. 416. 

8 . In der Volksmedizin gibt es unzäh¬ 
lige Verwendungsarten vom H. und seinen 
Körperteilen. Das Blut, die Leber, das 
Schmalz, die Galle, der Magen, der Darm, 
das Auge: alles wird zu geheimnisvollen 
Arzneimitteln gebraucht 102 ). Weit ver¬ 
breitet ist der Glaube, daß man mit 
dem Magen eines schwarzen H.s, zu dem 
man ein Stück eines Hemds mit dem 
Menstrualblut einer Jungfrau und ein 
Gründonnerstagsei zu einem Bündel zu¬ 
sammenfügt, Feuersbrunst abwenden 
kann, falls es unter der Hausschwelle ver¬ 
graben wird 103 ). Bis in die Gegenwart 
kommt es vor, daß man ein lebendes H. 
aufschneidet und auf den leidenden 
Körperteil eines Kranken legt 104 ). Be¬ 
sonders der Kot des H.s gilt als heil¬ 
sam 105 ), und bekannt ist der Spruch: 

Heile, Heile Hinkeldreck, 

Bis morgen, da geht alles hinweg! 

Auch zum Liebeszauber wird das H. 
benutzt; schreibt man mit dem Blut einer 
schwarzen Henne den Namen der Gelieb¬ 
ten und den eignen auf einen Zettel und 
berührt sie damit, dann wird ihre Liebe 
entstehen 106 ). Rupft man am Hinterteil 
eines H.s die Federn aus und hält diese 
Stelle an die Pestbeulen, so zieht das Tier 
die Krankheit an sich 107 ). Auch der H.er- 
Fuß ist ein beliebtes Heil- und Zauber¬ 
mittel 108 ). Das schwarze H. hat auch in 
der Volksmedizin verstärkte Heilkraft 109 ); 
eine Suppe davon hilft den Wöchnerin¬ 
nen uo ); es ist übrigens auch ein guter 
Fischköder m ). 

102 ) Eine Menge Rezepte bei Jühling Tiere 
202 ff. 209 ff. 215 ff.; Höfler Organotherapie 
u8ff. 182 f. 216 ff.; MschlesVk. 17 (1915), 34; 
Lammert 239. 243; Zahler Simmenthal 76; 
Hovorka-Kronfeld 2, 29. 87. 128.403; ZrwVk. 
1912, 226; Höhn Volksheilk. 1, 137; Lammert 
250; Fogel Pennsylvania 322 Nr. 1707. 103 ) Zfö¬ 
Vk. 6, 113; Wolf Beitr. 1, 236; L eoprechting 
Lechrain 22; Schramek Böhmerwald 276; 
SAVk. 15 (1911), 90; Geistl. Schild 149. 104 ) Jüh¬ 
ling Tiere 212. 221 f.; Seyfarth Sachsen 192; 
Birlinger Volkst. 1, 485. 105 ) Jühling Tiere 

214 f. 217. 219; Stoll Aberglauben 88; Wuttke 
360 §542; Strackerjan 1, 96; 2, 55; ZfVk. 

8, 172; G. Schmidt Mieser Kräuterbuch 41; 
Hovorka-Kronfeld 2, 126; Höhn Volks¬ 
heilk, 1, no; Lammert 183. 253; Fogel 
Pennsylv. 370 Nr. 1984. 106 ) John Westböhmen 


45 7 


Huhn, das schwarze 


458 




1 

■h 

1 







316. 107 ) Jühling Tiere 220. 222; Hovorka- 

Kronfeld 2, 400; ZdVfV. 8 (1898), 170. 108 ) Sim- 
rock Mythol. 408; Schwartz Studien 134; 
Seligmann 2, 120. 10 ®) Höfler Organotherapie 
31 (Lit.!); Urquell 4, 273. ll °) Vernaleken 
Alpensagen 397 Nr. 68; ZföVk. 8, 175. m ) Man- 
golt Fischbuch 163 Nr. VI u. VIII. 

9. Von sonstigen volkstümlichen An¬ 
sichten vom H. sei erwähnt, daß H.erblut 
nach sächsischem Glauben Warzen er¬ 
zeugt 112 ). H.er mit gelben Beinen sind 
unbeliebt, weil dann die Pferde wenig 
taugen 113 ). Allzu häufiger Genuß von 
Hennenfleisch bringt Gicht 114 ); vom 
Sande, in dem sich die H.er badeten, be¬ 
kommt man Nesselfieber, wenn man ihn 
angreift 115 ). H.er-Federn im Kissen be¬ 
unruhigen, und man kann auf ihnen nicht 
sterben 116 ). Nach Eintritt eines Todes¬ 
falles werden die H.er geweckt 117 ) und die 
Gluckhennen umgesetzt 118 ); beim Tod 
der Hausfrau verkauft man alle H.er 119 ). 
Nimmt man das Herz eines schwarzen H.s 
und hält eine Frau dabei mit der Rechten, 
dann sagt die Frau alles, was sie weiß 120 ). 
H.er ohne Schwanz verjagen Mäuse 121 ). 
Legt ein H. ein gar zu kleines Ei, so ist 
das von böser Vorbedeutung 122 ). Wer 
den Steiß eines H.es ißt, kann nichts ver¬ 
schweigen 123 ). Besonderen Segen bringen 
am Karfreitag ausgebrütete H.er 124 ). Die 
Schlafstätte der H.er darf man nicht ver¬ 
unreinigen, sonst wird man abendblind 125 ). 
Ist man von einem Skorpion gestochen, 
SO muß man den Finger einem H. in den 
Bürzel stecken 126 ). Die Spitze vom 
Flügel eines H.s steckt man zu sich, und 
man wird dann morgens früh aufstehen 127 ). 
Am Aschermittwoch darf man nicht spin¬ 
nen, sonst werden die H.er blind 128 ). 
Picken H.er ihre Eier auf, so beschneidet 
man ihnen die Schnabelspitze 129 ). Das 
Gackern des H.es wird gern in Menschen- 
tprache umgedeutet 13 °); als Lockruf weit 
verbreitet ist: bi, bi, wonach die H.er 
sogar dialektisch Bibi, Bibele (Schwarz¬ 
wald) heißen 131 ), der Scheuchruf ist 
ksch, ksch! 

U1 ) Jühling Tiere 220. 113 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 490. 114 ) Jühling Tiere 217. 115 ) Ebd. 
320. 118 ) ZföVk. 8 (1902), 181; 4 (1898), 212; 

Urquell 2 (1891), 90; Grimm Mythol. 3, 443 
Nr. 281. 117 ) ZrwVk. 1907, 273. 118 ) Meyer 

Baden 584. u ®) John Erzgebirge 234. 12 °) SAVk. 


7 (1903), 52. 121 ) Drechsler 2, 92. 122 ) Urquell 
4,88. 123 ) Andree Braunschweig 403. 124 ) John 
Erzgebirge 234. 12B ) Urquell 4, 160. 128 ) Jüh¬ 
ling Tiere 221. 127 ) Panzer Beitr. 1, 316. 

128 ) Bartsch Mecklenburg 2, 256. 12 ®) Eber¬ 
hardt Landwirtschaft 21. 13 °) ZdVfV. 13, 92. 

131 ) S. auch John Westböhmen 217 und 
Strackerjan 2, 155. 

10. Das Siebengestirn ist dem Volk 
ein H. mit Küchlein 132 ). Eine goldene 
Henne mit 12 Küchlein kommt öfters in 
Sagen vor 133 ), auch ein H. auf goldnen 
Eiern 134 ). Eine schwarze Henne legt 
nach der Paarung mit einer Schlange ein 
dotterloses Ei; wirft man dies über ein 
Dach, so ist man vor aller Hexerei im 
Haus geschützt 13S ) (s. a. Basilisk). 

132 ) Grimm Mythol. 2, 607 ff. 133 ) Groh¬ 
mann 214. 134 ) E. H. Meyer Germ. Mythol. m. 
135 ) Seligmann 2, 120; Wuttke 118 § 156. 

11. Zur Erklärung der Stellung des H.s 
im Volksglauben s. den Artikel Hahn. 
Das H. nahm unmittelbar an den vom 
Hahn geltenden Anschauungen teil. Weil 
es besonders häufig ist, wurde es die be¬ 
liebteste Opfergabe. Mit dem Anwesen 
des Bauern ist es eng verbunden, so daß 
sich eine Menge Beziehungen leicht ein¬ 
stellen mußten: Wohl und Wehe der Be¬ 
wohner weissagt das dämonische Tier 136 ). 
Viele der Anschauungen gehen in die An¬ 
tike zurück 137 ); die von der üblen Be¬ 
deutung des H.-Krähens war schon den 
Persern bekannt 138 ). Vgl. auch Ei. 

138 ) Aus der fast unübersehbaren Literatur 
seien noch genannt : Hoops Reallex. 2, 568 f.; 
Grimm Mythol. 2, 947. 980. 955; 3, 454 Nr. 575 ; 
455 Nr. 617 f.; 467 f. Nr. 902. 917; Hoffmann- 
Krayer 23; Mannhardt German. Mythen 176; 
Sartori Westfalen 96; Scheftelowitz 
Schlingenmotiv 35; Wrede Rhein. Volksk. 94; 
Lauffer Niederd. Vk. 103; Drechsler Haus¬ 
tiere 11 ff.; Carus Zoologie 14. 38. 161. 184; 
Fischer Altertumsk. 52; Reuterskiöld Speise¬ 
sakramente 109; Fehrle DLitztg. 1915, 1, 12 ff.; 
Montanus Volksfeste 175; Knortz Vögel 
215 ff.; Hopf Tierorakel 22. 36. 38. 43. 160; 
Marzeil Pßanzennamen 217 s.; Schönwerth 
Oberpfalz 1, 345 ff.; 3, 263; Germania 20 (1875), 
353 f.; ZfdMythol. 2 (1854), 303. 328. 137 ) Pauly- 
Wissowa 8, 2, 25190.; Keller Haustiere 
96 ff.; ders. Tiere 476; Schrader-Nehring 
Reallex . 2 1,429; Ebert Reallex. 5, 401; Guber- 
natis Tiere 5530.; Panzer Beitr. 1, 315; 
ZdVfV. 3 (1893), 31; Höfler Organotherapie 
31. 117. 138 ) ZdVfV. 13 (1903), 390. Güntert. 

Huhn, das schwarze. Im „Feurigen 
Drachen" x ) bzw. dem „Dragon rouge" *) 



459 


Hühnerauge, Leichdorn 


460 


(s. 2, 404 ff.), dem parodistischen Zauber¬ 
buch, wird ein Huhnopfer an den un- 
saubern Geist geschildert, das bei der 
Beschwörung dargebracht werden muß. 
Ein schwarzes Huhn wird in zwei Hälften 
gespalten mit den Worten: Elohym, 
Essaim, frugativi et appellativi. Bei der 
Heimkehr wird man dann das Huhn zu 
Hause lebend finden; es legt jeden Tag 
ein goldenes Ei. Kiesewetter 3 ) gibt das 
Vorbild zu dieser Darstellung aus ,,Doctor 
Johannes Fausts Magia naturalis et in- 
naturalis oder dreifacher Höllenzwang“, 
wo bei Zitierung der Pigmäen die schwarze 
Henne (oder Taube) in zwei Stücke zer¬ 
rissen und ein Teil gegen Aufgang, der 
andere gegen Niedergang der Sonne 
emporgeworfen wird. Nach Heine 4 ) 
in seiner Abhandlung über die Elemen¬ 
targeister schneidet man dem Huhn den 
Hals ab und wirft es dann empor. Was 
Kiese wett er sonst beibringt, entbehrt des 
festen Grundes. Das Dämonenopfer des 
schw. H.s geht zurück auf einen Brauch, 
der im spätmittelalterlichen Zauber¬ 
glauben in den Zauberprozessen eine 
Rolle spielt. 1335 heißt es in einem sol¬ 
chen Prozeß zu Carcassonne 5 ): „Deux 
autres bergers, Catala et Paul Kodier, 
etaient accuses. . . d’avoir appele le diable 
nuitamment, et ä la croisee de deux 
chemins, par le moyen du sacrifice d’une 
poule noire, ahn d'attirer sur le pays le 
fleau de la guerre“, womit bei Nider 6 ) 
zu vergleichen ist: „Respondit reus: 
Primo verbis certis in campo principem 
omnium daemoniorum imploramus, ut 
de suis mittat aliquem et a nobis designa- 
tum percutiat; deinde, veniente certo 
daemone, in campo aliquo viarum pullum 
nigrum immolamus, eundem in altum ' 
proiiciendo ad aera. Quo a daemone ; 
sumpto obedit et statim auram concitat, ! 
non semper in loca designata a nobis, sed 
iuxta dei viventis permissionem grandines : 
et fulgura proiiciendo“ (also zum Wetter- 1 
zauber). Der Zauberakt dürfte mit dem 
stellvertretenden Huhnopfer Zusammen¬ 
hängen und vielleicht mißverstandenem , 
jüdischen Ritus seinen Ursprung ver- j 
danken 7 ). ' 

s 

J ) Im ,, 6 . u. 7. Buch Mosis“ (Adon. Verlag, 


! Bartels, Berlin) u 4 ff. 2 ) Le veritable Dragon 
Rouge... plus la Poule noire sur ledition de 
1521 m. Abb. S. 51. Le manuel du magicien 
(Paris, Garnier freres, 1925), 7 ff.: La Poule 
' noire ou la Poule aux oeufs d’or. 3 ) Kiese¬ 
wetter Faust 2 (1921), 20 f. 4 ) A. a. O. 2, 22. 
5 ) Hansen Hexenwahn 450. 6 ) A. a. O. 96 nach 
Joh. Nider’s Formicarius (1435—1437). 7 ) J. 

j Scheftelowitz Alt-Palästinensischer Bauern- 
; glaube (1923) 45 ff.; ders. Huhnopfer 3 ff.; 
F. A. Christiani Der Juden Glaube und Aber¬ 
glaube hrg. von Chr. Reineccius (1713), 101 ff. 
m. Abb.; A. Margaritha Der gantze Jüdische 
Glaube hrg. von Chr. Reineccius (1713) 5S ff. 

Jaccby. 

Hühnerauge, Leichdorn 1 ) (s. a. Warze). 

Die Zahl der Mittel zur Vertreibung 
der H.n ist sehr groß; sie sind vielfach 
denen der Warze (s. d.) gleich 2 ). 

Man empfiehlt, sie am Tage des Mär¬ 
tyrers Abdon (s. 1, 21) zu schneiden, 
dann wachsen sie nicht mehr 21 ). Die 
Deutschen Pennsylvaniens besorgen es 
im Zeichen der Wage 2b ) oder im ab¬ 
nehmenden Mond 3 ), im Kt. Bern ent¬ 
fernt man sie am besten im Neumond 4 ), 

oder badet man drei Freitage nachein¬ 
ander die Füße 5 ). 

Um Landshut löst man Salz in warmem 
Wasser auf und badet darin das H. 6 ); 
in Glarus wird es geschnitten, bis Blut 
herausquillt; dann wird Menstrualblut 
darauf gestrichen 7 ). 

Sehr häufig werden Pflanzen zur 
Beseitigung verwendet: Im bayerischen 
Schwaben trägt man bei abnehmendem 
Monde den Wurzelstock des Salomons¬ 
siegels oder der Weißwurz (Polygo- 
natum officinale) in der Hosentasche. 
Sind die ,,Augen“, d. h. die Narben der 
abgestorbenen oberirdischen Sprosse, zu¬ 
sammengeschrumpft und undeutlich ge¬ 
worden, so sind auch die H.n verschwun¬ 
den. Der Glaube an dieses Mittel wird 
noch dadurch unterstützt, daß diese 
Narben an den Wurzelstöcken eine 
entfernte Ähnlichkeit mit H.n haben, 
weshalb die Pflanze in Tirol und Kärnten 
auch „H.nwurz“ genannt wird 8 ). In 
der Oberpfalz wird das der Haut ent¬ 
blößte Fleisch der Hauswurz, die auf 
dem Dache wächst, auf das geschürfte 
H. gelegt 9 ), in Deutsch-Böhmen legt 
man zerstoßenen Knoblauch auf 10 ). in 


461 


Hühnerauge, Leichdorn 


462 




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Glarus Schöllkraut n ) usw. Ein Re¬ 
zept aus Uri (1716—1724) empfiehlt: 
„Nimme Sbarglenwurzen und henke selbe 
an das bloße Bein, an welchem die 
Agerstenaugen, fallen selbe für sich selbst 
aus. Probatum“ 12 ). 

Nicht selten sind auch tierische 
Mittel: In österreichisch-Schlesien benutzt 
man Roßfett und -mark zum Erweichen 
von H.n 13 ), in Pommern vertreiben 
schwarze Schnecken, destilliert, H.n und 
Warzen 14 ). 

Das Wegwerfen und Übertragen 
des Leidens spielt eine große Rolle: 
„Nimm aus dem Mist einen Stroh¬ 
halm“, empfiehlt das 6. u. 7. Buch Mosis 
S. 60 f., „der einen Knoten hat, mit diesem 
reibe das H. ein und wirf ihn dann wieder 
hin, wo du ihn genommen hast, so wird 
das H. alsbald verschwinden“ 15 ). Am 
selben Orte wird auch angeraten, ein 
Stückchen Speck auf das H. zu binden 
und es einige Zeit darauf liegen zu lassen; 
„hernach nimm ihn und vergrabe ihn an 
einen Ort, wo er bald fault“ 16 ). In der 
Oberpfalz nimmt man den Gipfel eines 
Wacholderstrauches in die Hand und 
macht damit drei Kreuze über das H.; 
darauf knickt man den Gipfel, daß er 
hängt; wenn er verdorrt, fällt das H. 
ab 17 ). Um die „Agerstenaugen“ zu ver¬ 
treiben, muß man da, wo eine Elster saß, 
ausrufen: „Zigi, zigi, Ägest, i ha dreu 
Auga, und du gad zwo, ha, ha“ 18 ). In 
Pommern nimmt man einen neuen Strick 
und legt ihn im Namen Gottes etc. auf 
die Straße; wer den Strick nimmt, be¬ 


fachen Zeremonien ein Segen gesprochen, 
wie z. B.: 

Was ich greife, das weiche. 

Und was ich greife. 

Das nehme ab 

Wie der Tote im Grab 23 ). 

In der Oberpfalz berührt man die Zehe 
des Toten für jedes H. mit den Worten: 
„Nimm mich auch mit!“ M ), und im 
Erzgebirge umgeht die Mutter eines 
mit H.n behafteten Kindes während eines 
Begräbnisläutens dreimal ein Gersten¬ 
feld 25 ). 

Aus des Staricius Heldenschatz (S. 514) 
haben das 6. u. 7. Buch Mosis (S. 100) 
und Albertus Magnus Egypt. Geh. (4, 45 
Nr. 156) das folgende Mittel übernommen: 
„Nimb dieses (in der Apotecken bekomt 
mans / frage nur nach präparirten Todten- 
kopffe) und mische es unter grün Wachs / 
behre es wol untereinander / und formire 
daraus ein Schüsselein / wie einen alten 
holen Pfenning / nach der große des 
Hüner-Auges / daß es sich fein recht 
darüber schicke / . .. / so wüchset das 
Hünerauge gantz und gar mit den 
Wurtzeln herauß/ fället abe und vergehet“. 

In Schlesien wird das H. mit einem 
Keil, durch den man es berührte, in eine 
junge Eiche verpflöckt 26 ), im Kt. 
Zürich rieb man im abnehmenden Mond 
an einem Abend mit dem Zeigefinger der 
rechten Hand das H. ringsum und sprach: 
„Es ischt nüd und es wird nüd, es ist 
Kat ( = Kot) und vergaht“. Dann war 
es in wenigen Tagen weg 27 ). 

*) Vgl. Höfler Krankheitsnamen 98. 362!.; 
Hoops Real lex. 3, 150. l ) Fossel Steiermark 


141; Lammert 219. 


2a 


Lammert 219. 



kommt die H.n 19 ). 

Häufig „gibt man das H. einem Toten 
mit ins Grab“: Die Deutschen Pennsyl¬ 
vaniens raten, das H. mit dem Rasier¬ 
messer eines Toten zu schneiden 20 ). Um 
in Mecklenburg ein H. fortzuschaffen, 
Sticht man mit einer Nadel, mit der ein 
Totenhemd genäht wurde, in der aber 
der Faden noch stecken muß, dreimal 
vor Sonnenaufgang in das H. 21 ), oder 
man streicht dreimal mit der Hand 
darüber, wenn eine Leiche begraben 
wird, der Leiche nach 22 ). Zur Zeit des 
Begräbnisläutens wird unter mannig¬ 


2b ) Fogel 286 Nr. 1511. 3 ) Ebd. Nr. 1512. 

4 ) SAVk. 8, 280 Nr. 150. 5 ) Ebd. 7, 139 Nr. 94. 
*) Pollinger 282. 7 ) Schmid 57. 8 ) Marzell 
Pflanzenwelt 82 f.; vgl. SAVk. 21 (1917), 205; 
Stoll Zauberglaube 77. •) Schönwerth 3, 

263; Fossel Steiermark 141; Lammert 219. 
10 ) Schmidt Mieser Kräuterbuch 43 Nr. 26; 
Gaßner Mettersdorf 78; Fossel a. a. O. 141; 
Lammert 219. ll )Schmid Glarus 60. lt ) SAVk. 
10 (1906), 271 Nr. 43. 13 ) Peter 2, 243. 14 ) Jahn 
Hexenwesen 184 Nr. 676 — Albertus Magnus 
Egypt- Geh. 2, 38; Fossel Steiermark 141; 
SchwVk. 8, 72; Lammert 219. 1& ) Vgl. ähn¬ 
liche Mittel: Grohmann 173 Nr. 1227; ZfVk. 
7 (1897), 288 Nr. 1 u. 2; Marcell. Empirie. 
234 = Lammert 219; Kroll Aberglaube 17; 
ZföVk. 13 (1907), 132; Grabinski Sagen 42. 
16 ) Schmidt Mieser Kräuterbuch 43 Nr. 26; 



463 


Hühnerdarm—Hü lsenf rüc hte 


464 


Lammert 219. 17 ) Schönwerth 3, 263 § 7; 
vgl. ähnlich: Polünger Landshut 284; Zin- 
gerle Tirol 108 Nr. 929 f. (538); Vonbun 
Beiträge 128; Fossel Steiermark 141. 18 ) Ver- 
naleken Alpensagen 402 Nr. 94 = Tobler 
Sprachschatz 18; vgl. Gaßner Mettersdorf 78; 
Grimm Myth. 2, 980. 1# ) Jahn Hexenwesen 

153 Nr. 468. 20 ) Fogel 130 Nr. 597. 21 ) Bartsch 
2, 358 Nr. 1679 a. 22 ) Ebd. Nr. 1679 b. 23 ) Stoll 
Zauberglaube 77; Albertus Magnus Egypt. 
Geh . 3, 16. 24 ) Schönwerth 3, 263. 25 ) John 
Erzgebirge 110. 2Ä ) Klapper Schlesien 104. 

27 ) SAVk. 2, 259 Nr. in. Bächtold-Stäubli. 

Hühnerdarm s. Vogelmiere. 

Hühnerei s. Ei 2, 595 ff. 

Hühnerweih s. Weih. 

Hulda s. Perchta. 

Hulden s. H exe u. Unholden. 

Hulkan werden auf Amrum die in 
Stroh vermummten Gestalten genannt, 
die an Silvester umziehen und Geschenke 
bringen 1 ). Ist Alke (s. d.), Aulke(n) zu 
vergleichen ? 

*) HmtK. 1905, 263; Handelmann Weihn. 
i. Schleswig-Holstein 48; Jensen Fries. Inseln 
380. Hoffmann-Krayer. 

Hülse s. Stechpalme. 

Hülsenfrüchte. Bekannt ist, daß die 
Orphiker und Pythagoreer den Genuß 
von Bohnen verboten, weil die Bohnen 
als chthonische Opfergaben 1 ) galten, ,,pu- 
tanturad mortuos pertinere“ 2 ). Natürlich 
ist diese Vorschrift in den Symboia der 
Humanistenzeit wiederholt 3 ). Der Parse 
opferte am 30. Tage nach dem Tode der 
Seele 33 Bohnen und 33 Eier und 
Früchte 33 ). Die Sabier, eine Sekte von 
Sonnenverehrern bei Babylon, verwarfen 
den Bohnengenuß, weil die Bohnen den 
Verstand umnebelten 4 ). Auch in Indien 
baute man keine Bohnen, weil sie nach 
der Meinung der Philosophen den Verstand 
umnebelten 5 ). Bei den Ägyptern aß man 
nach Herodot keine Bohnen, und die 
Priester durften nicht einmal Bohnen 
sehen, weil sie als kultlich unrein galten 6 ). 
Bei den Römern durfte der Flamen Dialis 
eine Ziege, ungekochtes Fleisch, Efeu und 
Bohnen weder anrühren noch nennen 7 ). 
Mit viel Wahrscheinlichkeit vermutet Döl- 
ger, daß die Bohne ein indogermani¬ 
sches Totenopfer war und daß des¬ 


halb der Genuß verboten war 8 ). Vielleicht 
hängt mit diesem Brauch ein allgemein 
deutsches Speise verbot zusammen: In 
den 12 Christnächten, nämlich von Weih¬ 
nachten bis auf Heilig-Dreikönigstag soll 
man keine Erbsen, Linsen oder andere 
H. essen, man bekommt sonst selbiges 
Jahr die Krätze oder Schwären 
(Rockenphilosophie) 9 ). In einem andern 
alten Spruch heißt es: Ißt man in den 
Zwölften H., so erkrankt man, ißt man 
Fleisch, so fällt das beste Vieh im Stall 10 ). 
In der Adventszeit dürfen keine Erbsen 
und Linsen gegessen werden, sonst gibt 
es Schwären im folgenden Jahr (Thü¬ 
ringen) 11 ). In den Zwölfnächten bekommt 
man beim Übertreten dieses Verbotes 
Blutschwären 12 ) (Thüringen). Dasselbe 
Verbot mit derselben Begründung finden 
wir in folgenden Gegenden und Orten: 
Schwaben (Hohelohe, Marbach), „weil 
man Eisen kriegen tät“ 13 ), ebenso in 
Aalen, Backnang, Gaildorf, Hall 14 ); in 
Hessen 15 ), wie A. 11; in Sachsen 16 ), 
in Anhalt 17 ), in Mecklenburg: in den 
Zwölften darf man keine Erbsen und 
auch kein Garn kochen 18 ); in Schlesien: 
wer das Gebot Übertritt, wird schwer¬ 
hörig (Strinum, Straguth, Zerbster 
Kreis); daher besteht die Redensart 
für einen, der nichts hören will: Er 
hat Erbesen gegessen, die sind ihm vor 
die Ohren gekullt (Kätscher) 19 ); oder 
man bekommt Geschwüre (Leobschütz, 
Kr. Kühnau) 20 ). In Berlin darf man 
zwischen Weihnachten und Neujahr sich 
nicht waschen und keine H. essen 21 ). In 
Netzen bei Lehnin gibt es beim Über¬ 
treten dieses Gebotes Geschwüre oder es 
kommen Maden in den Flachs 22 ). In 
den Zwölften darf man keine Vitsbohnen 
essen; sonst gibt es Schwären. Wer 
Erbsen ißt, bekommt Geschwüre 23 ). 
Dieses Speiseverbot treffen wir ebenso bei 
Ravensberg 24 ) und allgemein in Deutsch¬ 
land 25 ). Im Braunschweiger Anzeiger 1760 
wird es mit der Frau Holla in Verbindung 
gebracht: Wenn Frau Holla in den 12 
Nächten umhergeht, dürfen keine H. ge¬ 
nossen werden 26 ). Nach dem Glauben 
der Deutschamerikaner bekommt man die 
Krätze 27 ): das Verbot besteht auch in 


465 


Hülsenfrüchte 


466 




H 




Luxemburg 28 ) und Siebenbürgen 29 ). 

; In Tiefenort soll man aber am Neujahrs¬ 
tag Linsen und Fische essen; das bedeutet 
L Geld für das folgende Jahr 29a ). Nach 
einer schwäbischen Version darf man am 
Karfreitag keine H., besonders Erbsen 
und Linsen essen, sonst bekommt man 
Geschwüre 30 ). Während der ganzen 
Woche vor Ostern (Montag bis Freitag) 

, werden auf dem Balkan keine H. in irdenen 
| Gefäßen zubereitet, damit die Pferde nicht 
von der Krankheit befallen werden 31 ). 

' Erbsen und Speck muß man am Donners¬ 
tag essen, an andern Tagen bringt diese 
i Speise Schwären (Berlin) 32 ); dieselbe 
Vorschrift in Mecklenburg 33 ). Am 
t Johannisfeuer kocht man Erbsen, die 
zur Heilung von Wunden aufbewahrt 
werden 34 ). Bei den Römern mußte man 
am 1. VI. Schweinefleisch mit Bohnen 
und Spelt essen, „ne laedantur viscera“ 35 ). 
Ein späterer Zusatz zu der Abhandlung 
der hl. Hildegard über die Bohne empfiehlt 
gegen Geschwüre und scabies einen Brei 
von Bohnenmehl und feniculum 36 ). In 
Kürten und Beihem nimmt man gegen 
Gelbsucht Tee von Hülsenbeeren (Ilex 
aquifolium) 37 ). Das Volk bringt über¬ 
haupt den H. eine besondere Verehrung 
entgegen: Wenn man eine Bohne un¬ 
vorsichtig auf den Boden wirft, kehrt die 
Bohne das Köpfchen (die Stelle, wo der 
Trieb die Hülle durchbricht) gegen den 
’J. Himmel, und seine leise, für die Menschen 
1 unhörbare Stimme klagt dem lieben Gott 
die böse Tat 38 ). 

Säen der H.: Wie über das Säen der 
Bohnen und Erbsen viele Bräuche in 
Mecklenburg belegt sind 39 ), so besteht 
die Vorschrift, daß man H. pflanzen muß, 
wenn die Uhr viel schlägt, damit viele 
Körner in den Schoten wachsen 40 ), die- 
1, selbe Vorschrift bei Schwerin für die 
Bohnen 41 ). Wenn man ein hartes Zeichen 
hat (Steinbock oder Krebs), darf man 
keine H. säen, sonst kochen sie nicht 42 ). 
Wenn in Dixenhausen die H. gesät werden, 
achtet man darauf, daß dies in einem wei¬ 
chen Himmelszeichen geschieht (Wage); 
denn, wenn man sie in einem harten 
Gestirn sät (Steinbock), werden sie nicht 
weich 423 ). Sie dürfen nicht an Wochen- 




tagen gesät werden, die mit -tag endigen, 
also nur am Mittwoch und Sonnabend (!) 
(Nordthüringen) 43 ); dieselbe Ansicht in 
Mecklenburg 44 ). Erbsen dürfen nur Mitt¬ 
woch und Sonnabend gesät werden, sonst 
fressen sie die Vögel auf 443 ). H., die 

man bei Neumond sät, geben viele Blüten, 
aber wenig Schoten 45 ). H. muß man 
schweigend säen, sonst mißraten sie 46 ), 
die gleiche Vorschrift in Mecklenburg und 
sonst für die Erbsen 47 ) (siehe Erbsen, 
Bohnen, Linsen). Wer H. ißt und in 
derselben Woche sät, dem geraten sie 
nicht 48 ). Über H. im (Heil-)Zauber 
Scheftelowitz 49 ) u. Krauß 50 ). 

J ) Lobeck Aglaophamos 1, 231fr.; Rohde 
Psyche 2, 6 A. 126 A. 1; RhMus. 39, 165; 
F. Boehm de symbolis Pythagoreis . Diss. Berlin 
1905, 14 fr.; Wächter Reinheit 102; Dölger 
Ichthys 15 A. 4. 53 A. 3. 332. 350 A. 3; dazu 
ausführlich: I. Scheftelowitz Altpalaestinen- 
sischer Bauernglaube 39—43; Cie men Pers. 
Religion 188 ff.; Rochholz Sagen 2, 228; 

Bachofen Gräbersymbolik 333; Ders. Mutter¬ 
recht Index; Bastian Elementarg. 1, 21; vage 
Hypothesen enthält der Aufsatz von Schultz 
Memnon 3 (1909). 93 ff. Über die Kultur¬ 
geschichte der Hülsenfrüchte: Busch an Zur 
Kulturgesch. der H. Sep.-Abdr. aus Ausland 1891 ; 
Schräder Reallex. 382 ; Mar zell Pflanzenwelt 17, 
115. 2 ) Rohde 1 . c. aus Festus; vgl. Plinius 18, 
118. 3 ) ZfVk. 1915. 3a ) Scheftelowitz 1 . c. 39. 

4 ) Dölger Ichthys 74 ff. 73 A. 3. 76 A. 2. 

5 ) D. Chwolsohn Die Sabier. 2. B. (Petersburg 
1836) 634; Dölger 1 . c. 77 A. 5. ®) Herodot 
2, 37: xuajji o’jc 5 e oute xt {j.ctXa arefpouat ol Aö 
■pnnot ... xo’j; xe pvopivouc oute xpiuyousi oute 
E' i/Ov cec raxeovxcu . . . . oi öe Sr] tpsi; öü6e optLvxe; 
ävF/ovxat vopt'CovxEC ou xaDapöv Elvat piv oarpiov. 
vgl. Plutarch quaestion. conviv. 8, 8, 2; Dölger 

1 . c. 76 ff. 344 A. 2. 7 ) Gellius noctes Atticae 

10, 15, 12: capram et carnem incoctam et he- 
deram et fabam neque tangere diaboli mos est 
neque nominare; vgl. Dölger 366 A. 4. 78; 
Wissowa Religion und Kultus 238. 8 ) L. c. 

350 ff. 9 ) Erstes Hundert cap. 57; Grimm 
Mythol. 3, 436, 56. 10 ) Grimm 1 . c. 3, 463, 814. 
n ) Witzschel Thüringen 2, 156, 8. 12 ) Ders. 

2, 174, 26; vgl. Sommer Sagen 162. 13 ) Bir- 

linger Volksth. 1, 469, 4. 14 ) Kapff Fest¬ 

gebräuche 9. 15 ) Pfister Hessen 165. 16 ) Sommer 
Sagen 162. 17 ) Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 18. 

18 ) Bartsch Mecklenburg 2, 248, 1282; vgl. 165, 
775. 19 ) Drechsler 2, 214; ZfVk. 1896, 430. 

20 ) Drechsler 1, 17; 2, 214; ZfVk. 1896, 430. 

21 ) Schulenburg W. 134; vgl. Engelien und 

Lahn 239; Kuhn-Schwartz 411; Töppen 
Masuren 63. 22 ) ZfVk. 1899, 307. 23 ) Kuhn 

Westfalen 2, 115. 352—53; Ders. Nordd. Sagen 
153; Ders. Mark 385, 68. 24 ) Hesemannl?awM5- 
berg 95. 2S ) Keller Grab 1, 178 ff.; ZfVk. 


46 7 


Hummel 


468 


1897, 165; Engelien und Lahn 239; Kuhn 
Westf. Sagen 2, 115; Toppen I. c.; Kuhn- 
Schwartzl. c.; Lüttich Zahlen 35; Hovorka- 
Kronfeld 2, 392. 26 ) Grimm 1. c. 1, 226 

A. 3. 27 ) Fogel Pennsylvania 257, 1336. 

28 ) Fontaine Luxemburg 9. 29 ) Haltrich 

Siebenbürgen 282. 29 *) Witzschel 1 . c. 2, 187, 

85. 30 ) Meier Schwaben 2, 388, 47. 31 ) ZfVk! 

1899, 64. 32 ) Kuhn-Schwartz 445, 352. 

33 ) Bartsch 1. c. 2, 165, 775; vgl. 217, 1126 a. 

34 ) Kuhn-Schwartz 523. 38 ) Ovid Fasten 6, 

181 ff. 3fl ) Migne Patrologia latina 197, 1132. 
3? ) ZrwVk. 3, 170. 38 ) Urquell N. F. 1, 269. 

39 ) Bartsch 1 . c. 2, 165 fr. 4 <>) L. c. Nr. 771. 
41 ) L. c. Nr. 770. 42 ) ZfVk. 1896, 183. 42 a) DG. 
12, 147, 3. 43 ) ZfVk. 1900, 212. 44 ) Bartsch 

1 . c. 2, 164, 774 b: Sollen die Vögel die Erbsen¬ 
beete schonen, so müssen die Erbsen an einem 
Mittwoch oder Sonnabend vor Sonnenaufgang 
oder nach Sonnenuntergang gelegt werden. 
46 ) ZfVk. 1900, 212. 46 ) L. c. 47 ) Bartsch 

1 . c. 165, 774 f.; Kuhn Märkische Sagen 382; 
Wolf Beiträge 1, 222. 244. 48 ) Praetorius 

De coscinomantia. L. 1677 Ei. 49 ) 1 . c. 40 ff. 
80 ) Anthropophyteia 10, 132 fr. Eckstein. 

Hummel. 

1. Onomastisches. Wie die Hornisse 
ist auch die H. (bombus terrestris) in den 
meisten Sprachen nach dem Summen 
benannt (mhd. humnien = summen). 
Nhd. Hummel beruht auf mhd. humbcl , 
ahd. humbal. Vgl. holl, hommel, schwed. 
humla, engl, humble bee, dän. humlebi 1 ). 
Aus deutschen Mundarten seien angeführt 
ndd. homerken , hummerken , hörmken 
usw. 2 ), berg. humm, hommel , hommclke, 
kümmelte usw. 3 ), tirol. hurnbl 4 ), kämt. 
humpl b ), Etschtal: bumbl 6 ) (vgl. neu- 
griech. ßopßuXioc, verwandt mit griech. 
ßopßos, lat. bombus ,.dumpfer Ton") 7 ). 
Hierzu engl.-dial.: bummelet , bumbler , 
bumbard, durnble, dumble-drane 8 ) (Ver¬ 
wechslung mit der Drohne). Pfälz.: 
mummet , m. (zu mummeln = summen), 
daneben humbler 9 ). Gottschee bietet: 
umpl, humpl, wummel , humpu , hum 10 ). 
Auf Verwechslung mit der großen Stech¬ 
fliege (tabanus, s. d.) scheinen zu beruhen 
westf.-hess. brume 11 ), minden-ravensb. 
brumse, brummet , brumm-wesse 12 ). 

Auch in den romanischen Sprachen 
sind die Namen der H. größtenteils schall- 
nachahmend. So franz. bourdon 13 ) mit 
seinen dialektischen Varianten: bourdou 
(Tarn), boudon (Vogesen), bondon (Metz), 
frondon (Franche-Comte) usw. 14 ); rumän. 
bonzar , bunzar, bänzar, bonzäras, bon- 


I zäroiü 15 ), rhätorrom. bummal (Davos) 16 ), 
span, zdngano 17 ). Im Ital. (Schriftspr.) 
heißt die H. pecchione ,,große Biene", 
gtaon da mel ,,Honighornisse" (Verona) 17 ). 
Sehr verbreitet sind auch maion ,,großer 
Narr", matonsel ,, Närrchen" sgalao'n 
mato ,,verrückte Hornisse" (von dem 
tollen Hin- und Herfliegen) 18 ). Schall- 
nachahmend sind wieder mail. 
bsiol 19 ) sowie bisiün, bsiün (Vicenza) 20 ). 
Verschiedentlich gilt die H. als Männchen 
der Biene, daher afrz. malot, dial. franz. 
maslot 21 ) (wohl < lat. masculus)\ nach 
Sainean 22 ) jedoch schallnachahmend. 

*) Heinzerling Wirbellose Tiere 5. 2 ) Hart¬ 
wig M..-Ravensberg 41. 3 ) Leithaeuser Volks¬ 
kundliches I/i, S. 16 f. 4 ) Dalla Torre Tier¬ 
namen 54. 6 ) Carinthia 96, 60. «) Dalla-Torre 
a. a.O. 7 ) Edlingcr Tiernamen 58. 8 ) Rolland 
Laune 13,56. 9 ) Heeger Tiere 2, 75. 10 ) Satter 
Tiernamen 7. n ) Heinzerling op. cit. 5. 
12 ) Hartwig op. cit. 41. 13 ) Sainean Etymo- 

logies franyaises 2, 12. 14 ) Rolland op. cit. 3, 

2 74 fd 13» 54 f- 15 ) Rum. Jahresb. 12, 136. 

16 ) Rolland op. cit. 13, 56. 16 ) a. a. O. 

17 ) Garbini Antroponinne 332. 18 ) a. a. O. 

19 )Meyer-Lübke REWb. Nr. 1057. 20 ) Garbin 1 
op. cit. 274. 21 ) Rolland op. cit. 3, 275; 13, 55. 
22 ) Sainean op. cit. 2, 23. 

2. Deutung des Summgeräusches. 
Das Summgeräusch der H. wird in 
Schwänken nicht selten mißverständlich 
gedeutet. So z. B. in einem Gedicht von 
Hans Sachs, wo ein Bauer in einem 
Gefäß eine H. summen hört und dies 
Geräusch für das Läuten einer Sturm¬ 
glocke hält 23 ). Dementsprechend nannten 
die ,,Lutchen" bei den Wenden die 
Glocken brumbaki. So heißen auch 
Hummeln, Bremsen, Mistkäfer 24 ) (Vgl. 
auch franz. bourdon ,,H." und ,,große 
Glocke". Ähnlich piem. bombardun „Hor¬ 
nisse“ 25 ) und bombardone „Saxhorn") 26 ). 

*- 3 ) ZfVk. 7, 286. 24 ) Schulenburg 278. 

2S ) Garbini op. cit. 78. 26 ) Panzini Dizio- 

nano moderno 71. 

3. Hexenepiphanie. Die H. ist eine 
häufige Seelenepiphanie und spielt daher 
auch im Hexenglauben eine wesentliche 
Rolle. Typisch ist der Fall, daß die 
Seele der Hexe in H.gestalt aus ihrem 
Körper fährt während dieser leblos im 
Bette zurückbleibt. Bei ihrer Heimkunft 
wird ihr die Rückkehr in den Körper un¬ 
möglich gemacht, sei es, daß dieser um¬ 


Hund 


470 




469 




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gedreht wurde 27 ), sei es, daß das Fenster 
verschlossen war 28 ). In einer Variante 
heißt es, die Hexe (= H.) sei fort ge¬ 
wesen, um „Blut zu saugen von einem 
Manne droben im Dorf" 29 ) (Vampiris¬ 
mus). Die H. wird zur Hexe auch in 
Beziehung gebracht in folgendem Volks¬ 
glauben: Läßt man eine Kerze von 
H.wachs in der Kirche weihen und zündet 
sie bei der Messe an, so müssen alle an¬ 
wesenden Hexen davon anzünden 30 ). 

27 ) Vonbun Beiträge 83; Heer Altglarn. 
Heidentum 41. 28 ) Vernaleken Alpensagen 

128 fg. 29 ) Tobler Epiphanie 37. 30 ) ZfdMyth. 

2. 427. 

4. Seelenglauben. In H.gestalt er¬ 
scheinen auch Bösewichter zur Strafe 
nach dem Tode 31 ). Im Voigtlande wird 
ein aufhockender todbringender Geist, 
„Großmutter" genannt, als H. unter 
einen Stein gebannt, aus dem sie ihr 
Summen hören läßt 32 ) (Vgl. franz. 
grand-pere „Hornisse", Tourcoing 33 )). 
Die Geisterh. wird auch in eine Dose oder 
in ein Gehege gebannt 34 ). Überhaupt 
nimmt die Seele gern die Gestalt einer 
H. an 35 ). Unterirdisch surrende H.n sind 
Totengeister 36 ). 

31 ) Kühnau Sagen i, 449 fg.; 1, 448. 32 ) 

Laistner Nebelsagen 264. 33 ) Rolland Faune 

13,51. 34 ) Kühnau a. a. O. 3<i ) Simrock 

Mythol. 466. 36 ) Laistner a. a. O. 

5. Teufelsepiphanie. Auch der 
Teufel bedient sich der Gestalt der H. 
Die Teilnehmer an der schwarzen Messe 
empfangen anstatt der Hostie eine H. in 
den Mund 37 ). Der aus dem Leib pur¬ 
gierte Teufel erscheint als H. 38 ). 

37 ) Lütolf Sagen 359. 38 ) Me ich e Sagen 

560 Nr. 695. 

6. Krankheitsdämon. In Schwaben 
scheint die H. als Krankheitsdämon ge¬ 
fürchtet zu sein; denn bei einer Vieh¬ 
seuche wird, damit diese nachlasse, eine 
H. begraben 39 ). Als ein Mittel, die H. 
am Stechen zu hindern, wird das An¬ 
halten des Atems empfohlen 40 ). 

39 ) Birlinger Volkst. 1, 453. 40 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 218 Nr. iioi. 

7. Spiritus familiaris. Geld¬ 
machende Kobolde (spiritus familiaris) 
erscheinen in Gestalt von H.n 41 ). Bei 
Reiser 42 ) wird der dämonische Charakter 
des spiritus familiaris ausdrücklich betont. 



Eine am Georgitage gefangene und im 
Geldbeutel getragene H. schützt dessen 
Inhalt vor dem Versiegen 43 ). 

41 ) Mannhardt Germ. Mythen 367; Meiche 
Sagen 298 Nr. 387; 293 Nr. 381; Sommer 
Sagen 33 Nr. 30. 42 ) Allgäu 1, 208. 43 ) John 
Westböhmen 233; Egerl. 4, 33. 

8. Honig. Nimmt man den H.n auf 
dem Felde den Honig weg, ohne daß es 
jemand merkt, und bringt ihn auf den 
Altar, so wird man einen reichen Schatz 
finden 44 ). Wird die H. nicht von ihrem 
Honig befreit, so saugt sie sich ihn selbst 
weg, stirbt aber daran 45 ). 

44 ) Grohmann 84; Wuttke 411 § 639. 

45 ) Rolland Faune 13, 60. 

9. Böses Omen. Nach Liebrecht 46 ) 
bedeutet eine H., die ins Haus kommt, 
Unglück und Armut. 

46 ) Zur Volkskunde 328. 

10. Wetterprophetie. In einer 
fränkischen Sage erscheint die H. als 
Frühlingsbotin. Leuten, die auszogen, 
um den lang erwarteten Frühling zu 
holen, gibt man ein hölzernes Häuschen 
mit einer H. darin 47 ). Das Ausschwärmen 
der H.n deutet überhaupt auf schönes 
Wetter; bleiben sie bei ihren Löchern, 
droht Regen 48 ). Wie bei den Vögeln, ist 
auch bei der H. die Flugrichtung für die 
Wetterprognose maßgebend. Sieht ein 
Fischer in Guernesey eine H. in der Rich¬ 
tung seines Weges fliegen, erhofft er guten 
Fischfang, fliegt sie in entgegengesetzter 
Richtung, deutet dies auf geringe 
Beute 49 ). 

47 ) Panzer Beiträge 2, 173; Grimm Myth. 

3, 202. 48 ) Rolland Faune 13, 60. 49 ) Op. 

cit. 13, 31. Riegler. 

Hund. 

1. Trotzdem der H. das älteste Haus¬ 
tier ist und mehr als andere Tiere an dem 
Menschen hängt, wird er mit großer aber¬ 
gläubischer Scheu betrachtet. Wegen 
seines Spürsinns, seiner feinen Witterung 
und Empfindlichkeit hält man ihn für 
fähig, mancherlei Zukünftiges vorher 
zu zeigen. Frißt der H. Gras, so gibt 
es schlechtes Wetter x ); frißt er Schnee, 
so kommt Tauwetter 2 ), ebenso wenn er 
sich im Schnee wälzt 3 ). Seine nasse 
Schnauze deutet auf gutes Wetter, bei 
starkriechendem Fell aber gibt es Regen 4 ). 




47i 


Hund 


472 


Wenn ein H. unruhig allein auf der Straße 
hin und her läuft, entsteht an dieser Steile 
bald Streit 5 ). Läuft ein fremder H. ei¬ 
nem ungerufen nach, so bedeutet das 
Glück 6 ). Das Rutschen auf dem 
Schwanz, das sog. „Schlittenfahren“, 
deutet auf Gäste 7 ); ebenso wenn der H. 
sich im Zimmer wälzt 8 ). Überhaupt 
schreibt man dem H. allgemein eine Vor¬ 
ahnung, ein Wittern zukünftiger Er¬ 
eignisse zu 9 ). 

*) ZdVfV. 4 (1894). 82; 10 (1900), 209; 24 
(1914), 95; ZrwVk. 1909, 141; Wolf Beitr. 1, 
231; Andree Braunschweig 410; Unoth i, 184; 
Pollinger Landshut 230; Rogasener Familienbl. 
3 (1899), 40; Schramek Böhmerwald 243. 250; 
John Westböhmen 213; Bartsch Mecklenburg 
2, 209; Drechsler 2, 96; Strackerjan i, 23; 
Fogel Pennsylv. 240 Nr. 1240; Müller 
Iscrgebirge 15. 2 ) John Erzgebirge 251. 3 ) Ebd. 
250; Dirksen Meiderich 49 Nr. 7. 4 ) John 

Erzgebirge 250; Bartsch Mecklenburg 2, 209; 
ZdVfV. 24 (1914), 59. 5 ) Bartsch Mecklenburg 
2, 139. «) ZfdMyth. 3, 175; ZrwVk. 1909. 269: 
„Wenn ich Geld hätte, liefen mir die Hunde 
nach“ (Eifel); Drechsler 2, 96. 7 ) Drechsler 
2, 96. 199; nach Fogel Penns. 84 Nr. 320 eine 
Hochzeit. 8 ) Fogel Pennsylv. 92 Nr. 365; 
Hopf Tierorakel 7 f. 20 f. 31 ff. 46. 55; Fogel 
Pennsylv. 92 Nr. 366; Stähl in Mantik 210; 
Baumgarten Aus d. Heimat 78 f.; John 
Erzgebirge 232. ®) MschlesVk. 23 (1922), 73; 

Böckel Volksl. XCIII. 

2. Trägt ein H. einen Strohhalm quer 
über dem Rücken, so deutet das auf 
Brand 10 ). Im Angang bringt ein nicht 
schwarzer H. Glück 11 ), nur nicht als erste 
Begegnung im neuen Jahr 12 ); im Traum 
bedeutet ein H. Verdruß 13 ). Beim Jäger 
kommt es auf die Seite an: geht er links 
und verrichtet er da dem Jäger zugedreht 
seine Bedürfnisse, oder wälzt sich der H. 
auf dem Weg zur Jagd, so hat der Waid¬ 
mann Glück 14 ). Auch heiratslustige Mäd¬ 
chen benutzen den H. zum Orakel: bellt 
in der Andreasnacht kein H., so kommt 
in dem Jahr kein Freier 15 ); aus der Ge¬ 
gend, woher in der Neujahrs- oder Weih¬ 
nachtsnacht das erste H.egebell tönt, 
kommt der Zukünftige 16 ). In Schlesien 
gibt das Mädchen dem H. ein Stück ihres 
Mohnstriezels und jagt ihn auf die Gasse: i 
wohin er läuft, von da wird der Freier 
kommen 17 ). Sind mehrere Mädchen zu¬ 
sammen, so legt jede ein kleines Stück¬ 
chen Brot auf eine Bank und führt einen 


H. heran: das Mädchen, dessen Brot der 
H. zuerst frißt, heiratet zuerst 18 ). Beißen 
sich H.e vor der Hochzeit, so schlagen sich 
die Eheleute 19 ). Auch das Gebell gilt 
als Eheorakel 20 ): aus der Richtung, 
nach der er bellt, kommt der Bräutigam 21 ). 

10 ) Strackerjan 1, 22. ll ) ZfrwVk. 1914, 
258; Schönbach Berthold v. R. 32 f.; s. auch 
Grimm Myth. 3, 323; Agrippa v. Nettes¬ 
heim 1, 254 ff.; Keller Grab 5, 382 f. 

12 ) Bartsch Mecklenburg 2, 241; Schramek 
Böhmerwald 124; John Westböhmen 27; Sar- 
tori Sitte 3, 64; Fogel Pennsylv. 101 Nr. 417. 

13 ) Rothenbach 45 Nr. 425. 14 ) ZdVfV. 1 

(1891), 188; Frischbier Hexenspr. 155; 

Strackerjahn 1, 22. Ein hinkender H. quer 
über dem Weg bringt natürlich Unheil: Kohl- 
rusch 339. 15 ) John Erzgeb. 141 f. 16 ) John 

Westböhmen 213; John Erzgebirge 141; Urquell 
N. F. 1897, 72; für Weihnachten Bronner 
Sitt u. Art 17 f. ; ZföVk. 4 (1898), 214. 17 ) Drechs - 
ler 25; Vernaleken Mythen 331. 18 )Hovorka- 
Kronfeid 2, 176. 19 ) Grimm Myth. 3, 448 

Xr. 433. 20 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 139; 

Meiche Sagen 555 Nr. 685; Grimm Myth. 3, 470 
Nr. 964; Jungbauer Bibhogr. 139 Nr. 831. 
21 ) ZdVfV. 23 (1913). 384. 

3. Einem Schwerkranken wischt man 
den Schweiß mit einem Stück Brot oder 
Speck ab; frißt der H. davon, dann wird 
Genesung eintreten 22 ). Ebenso ist es 
ein gutes Zeichen, wenn der H. den Kran¬ 
ken nicht meidet 23 ). Stirbt ein H. ohne 
erkennbare Ursache, so ist das ein Vor¬ 
bote des Todes für die Besitzer 24 ). Scharrt 
ein H. im Hof Löcher vor dem Hause, so 
ist das gleichfalls eine Todesvorbedeu¬ 
tung 25 ); ebenso wenn ein schwarzer H. 
um ein Haus dreimal herumläuft und 
zum Friedhof läuft 26 ). Aus dem Sterbe¬ 
zimmer werden die H.e hinausgejagt 27 ). 
Auch soll man sich während eines Ge¬ 
witters vom H. fernhalten, da der Blitz 
gern nach ihm schlägt 28 ). Niemals darf 
man auf einem H. reiten, sonst bekommt 
man die Fallsucht 29 ). Auch dürfen junge 
H.e nicht gleichzeitig mit neugeborenen 
Kindern aufgezogen werden 30 ). Läuft ein 
H. zwischen zwei Freunden hindurch, so 
wird die Freundschaft getrennt 31 ). Man 
soll in Gegenwart von H.en nicht von ihrem 
Verkauf reden, denn sonst sterben sie 32 ). 
Verbrennt bei einem Brand der H., so 
wird das neue Haus bald wieder von einer 
Feuersbrunst heimgesucht werden 33 ). 
Von bösen Menschen nimmt ein H. kein 


473 


Hund 


474 



•St 





Brot an 34 ). Für Fußtritte rächt sich der 
H. und verursacht, wenn die Hausfrau 

sie ihm versetzte, ihr eine Frühgeburt 35 ). 

22 ) Meyer Baden 581; Birlinger Volkst. i, 
494; ZdVfV. 4 (1894), 150; 8 (1898), 48; Groh- 
mann 179; Hüser Beitr. z. Vk. 2, 28; Drechs¬ 
ler 2, 305; Urquell 4 (1893), 18; Höhn Tod 314; 
Schild Großätti 1863, 123 Nr. 18. 23 ) Drechsler 
2, 98; Schönbach Berthold v. R. 137; Ale¬ 
mannia 25, 43. 24 ) John Erzgebirge 113. 

25 ) John Erzgebirge 113L; ZdVfV. 2 (1892), 
179; 10 (1900), 209; Köhler Voigtland 

386; Höhn Tod 308. 26) John Erzgeb. 113. 

27 ) Meyer Baden 584; ZfrwVk. 1 (1904), 45. 

28 ) Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 15; ZfrwVk. 1910, 

65. 29 ) Wuttke 309 § 453; Lammert 271; 

Schönwerth Oberpfalz 1, 355; Panzer 

Beitr. 1, 266, 332; Hovorka-Kronfeid 2, 
213; ZdVfV. 13 (1903), 369. 30 ) Sartori 2, 128; 
Wuttke 392 § 600; Strackerjan 2, 143 

Nr. 374; 2, 204 Nr. 453. 31 ) Grimm Myth. 

3,467^.894; ZdVfV. 12 (1902), 9; Wuttke 
199 § 268; Strackerjan i, 23. 32 ) ZdVfV. 3 

(1895), 416. 33 ) Strackerjan 1,22; Urquell 3 

(1892), 108; Drechsler 2, 96; Grohmann 54; 
John Erzgebirge 27; Grimm Myth. 3, 474 
Nr. 1057; Schönwerth Oberpfalz i, 355. 

84 ) John Westböhmen 213. 35 ) OberdZfVk. 

2 (1928), 103. 

4. Überhaupt gilt der H. als geister¬ 
sichtig 36 ); drängt er sich bei einem nächt¬ 
lichen Gang dicht an seinen Herrn, dann 
sind, nur ihm sichtbar, Geister nahe 37 ), 
und es gibt Mittel, durch ihn selbst Gei¬ 
ster zu sehen, indem man z. B. die Augen 
mit den Tränen eines H.es bestreicht, oder 
indem man zwischen seinen Ohren oder 
Vorderbeinen von hinten her durch¬ 
schaut 38 ). Besonders aber ist es das kläg¬ 
liche Bellen, Winseln und Heulen i 
des H.es, das Unheil und Tod ankündet 39 ). 
Meist wird unterschieden, ob das Tier 
beim Heulen den Kopf zur Erde oder nach 
oben richtet: im ersten Fall bedeutet es 
einen Sterbefall, blickt der heulende H. 
aber nach oben, so brennt es bald 40 ). 
Auch ist es ein übles Vorzeichen, wenn 
das Heulen während des Glockenläutens I 
geschieht 41 ). Besondere Zeiten, Mit¬ 
ternacht 42 ), Weihnachten oder Neujahr 43 ), 
und die schwarze Farbe des Tiers ver¬ 
stärken das böse Vorzeichen. Auch 
glaubt man wohl, daß dort der Todesfall 
ein tritt, wohin das winselnde Tier die 
Schnauze dreht 44 ). Starren die Tiere beim 
Bellen den Mond an, so gibt es Krieg 45 ). 
Vernimmt ein Kegelspieler H.e-Geheul, 


so hört er auf, weil er kein Glück mehr 
hat 46 ). 

38 ) Grimm Myth. 2, 927; 3, 191; Mann¬ 
hardt 1, 406 ff.; Strackerjan 2, 144; ZdVfV. 
13 (1903). 2630.; Urquell 1 (1890), 50; Kück 
Lüneb. 242; Liebrecht Zur Vk. 23; Lütolf 
Sagen 176; Kuhn Westfalen 1, 188 Nr. 206; 
E. H. Meyer Germ. Myth. 108; Grohmann 
186 f.; Stemplinger Abergl. 49; Rochholz 
Sagen 2, 27 f.; Lammert 100; Sartori 2, 128; 
Abt Apuleius v. Mad. 128; Drechsler 2, 95 f. 
37 ) ZrwVk. 1914, 258. 38 ) Panzer Beitr. 

1, 331; ZdVfV. 1 (1891), 191; 13 (1903). 267; 

Urquell 3 {1892), 247; Strackerjan 1, 170; 
Wuttke 198 § 268; Müllenhoff Sagen 571 
Nr. 584; weiteres bei Wuttke 317 § 469. 
39 ) Schon antiker Glaube: Homer Od. 16, 160; 
Vcrg. Georg. I, 470; s. Stemplinger Abergl. 
49; Hlg. Hildegard subtil. VII, 20: canis 
ubi tristia futura sunt, tristis ululat; ZdVfV. 

1 (1891), 156; 5 (1900), 54; 13(1903), 266; Mschles¬ 

Vk. 9, 102; 21, 145; SchwVk. 10, 32; Hart¬ 
mann Dachau u. Bruck 221 Nr. 72; Knoop 
Hinterpommern 164; ZrwVk. 1913, *491 

Strackerjan 1, 22, 168; 2, 144; Alemannia 
24, 155; ZdVfV. 2, 179; 8, 34 f.; 13, 389; 22, 162; 
23, 383 f.; 25, 43; Bartsch Mecklenburg 2, 125; 
Urquell N. F. 1 (1897), 17; John Erzgebirge 
113; ZfrwVk. 1905, 199; 1907, 270; 1908, 243 f.; 
1909, 269; Hovorka-Kronfeld 1, 222; 

Panzer Beitr. 1, 33 * f- 35 8 ) Reiser Allgäu 2, 
435; Meier Schwaben 2, 489; Grohmann 54, 
186 f.; Dirksen Meiderich 49 Nr. 7; Kühnau 
Sagen 3, 509; Fogel Pennsylv. 105. 117L; 
Gaßner Mettersdorf 79 ff.; Dähnhardt Volkst. 
1, 99 Nr. 34; Kuhn Westfalen 2, 51 Nr. 141; 
ZfdMyth. 1, 408 f.; Hüser Beitr. z. Vk. 2, 28; 
(Keller) Grab 3, 62; 5,410!.; Estermann 
Rickenbach 188 Nr. 4; Schmitt Hettingen 15; 
Lütolf Sagen 553 Nr. 552; Pollinger Lands¬ 
hut 295; Enders Kuhländchen 83; Schulen¬ 
burg Wend. Volkst. 150; Urquell 4 (1893), 88; 
Drechsler 1, 11. 285; 2, 96; Engelien u. 
Lahn 278; Rothenbach 1876, 39 Nr. 346!. 
399; Meyer Baden 577; Höhn Tod 3 ° 8 ; 
Unoth 1, 183; Schramek Böhmerwald 243; 
John Westböhmen 164; Wettstein Disentis 
173; John Erzgeb. 232; ZföVk. 3 (1897), 12, 21; 
Ackermann Shakespeare 75; Heer Altglarn. 
Heidentum 23 h.; Schwebel Tod u. ew. Leben 
119 f.; Alpenburg Tirol 342; Baumgarten 
Aus d. Heimat 3, 101; Grimm Mythol. 2, 556; 3, 
327. 439. 450; RA. 1, 108; E. H. Meyer Germ. 
Mythol. 108; Staricius Heldensch. 351 f. ; 
Götze Luther 15; Dinkelmann OberdZfVk. 

2 (1928), 103; Rogas. Farn. Bl. 2 (1898), 48; 6 
(1902), 27; Köhler Voigtland 378; Bräuner 
Curiositäten (1737), 4991 - Tirol heißt ein 
solcher H. Toadereara ,,Totenreger''; Wuttke 
198 §268. 40 ) ZdVfV. 8 (1898), 35; 10, 209; 23, 
183; 13, 266; SAVk. 7, 134; Urquell 3 (1892), 
108; Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1019; SAVk. 
21, 201; Panzer Beitr. 1, 331; Reiser Allgäu 2, 
435; Pollinger Landshut 165; Bartsch 


475 


Hund 


476 


48 


Mecklenburg 2, 139; Stracker j an 1, 22; 

Wolf Beitr . 1, 231; Hartmann Dachau u. 
Bruck 221; SchwVk. 10, 32; Unoth 1, 183; 
Höhn Tod 308; Meyer Baden 577; Rothen¬ 
bach 1S76, 39; Köhler X'oigtland 380; John 
Westböhmen 213; J ohn Erzgeb. 232; Engelien u. 
Lahn 275; Drechsler 2, 96; Biriinger 

Volkst.i, 117 ff.; Rogasener Farn. Bl. 2 (1898), 
48; Müller Isergeb. 14; Messikommer 1, 190; 
Haltrich Siebenb. Sachsen 291; Grabinski 
Sagen 45. Die entgegengesetzte Ansicht, 
Heulen mit nach oben gerichtetem Kopf be¬ 
deute einen Todesfall, finde ich nur bei Höhn 
Tod 308; Rogasen. Farn. Bl. 2 (1898), 48. 
Genesung bedeutet es nach Wolf Beitr. i, 225; 
daß Heulen auf einen Hochzeitszug gehe, findet 
sich nur ZdVfV. 23 (1913). 2S0 (Drage in Stapel¬ 
holm) angegeben. 41 ) SAVk. 2, 220; Schramek 
Böhmerwald 243; Manz Sargans 118; Höhn 
Tod 308; Drechsler 2, 9b. 42 ) ZrwVk. 1914, 239. 
43 ) John Erzgeb. 232; Grimm Mythol. 3, 436 
Nr. 67; ZfrwVk. 1908, 243; Wuttke 33 § 35; 
Urquell 1,17. 44 ) Egerl. 3 (1899), 59; Urquell 1 
(1890), 7; Panzer Beitr. 1, 332; Grimm Mythol. 
3, 476 Nr. 1112. 45 ) ZföVk. 4 (1898), 21S. 

48 ) OberdZfVk. 2 (1928), 104. 

5. Man schützt sich gegen diese un¬ 
heilvolle Macht des H.gebells durch 
Ausspucken 47 ) oder Zustopfen der Oh¬ 
ren 48 ). Auch gibt es mancherlei Mittel, 
den heulenden H. zum Schweigen zu 
bringen 49 ); man hält ihm z. B. das Herz 
eines schwarzen H.es, in das man einen H.s- 
zahn gesteckt hat, mit der linken Hand 
vor 50 ), oder man ruft ihn mit seinem 
Namen 51 ). Andererseits kann das Gebell 
auch Dämonen verscheuchen und ab- 
wehren 52 ). Damit mag der Vergleich 
des Läutens mit H.egebell Zusammen¬ 
hängen; mit dem ,,großen H.“ wird ge¬ 
legentlich die Kirchglocke bezeichnet 53 ). 
Um den H. vor Behexung zu schützen, 
haut man ihm den Schwanz ab 54 ). Daß 
im H. eine günstige Kraft steckt, geht 
auch aus dem Glauben hervor, ein Kind 
sehe gut, wenn ein H. es im Gesicht 
leckt; auch sollen Wunden schnell hei¬ 
len, wenn H.e sielecken 55 ). Einen toten 
H. muß man unter einem Obstbaum ein¬ 
graben, dann gedeiht dieser gut 56 ); oder 
man wirft ihn hoch über den Zaun, dann 
wird der Flachs hoch 57 ). Gelegentlich 
hängt man wohl einen H.e-Kopf über die 
Staiitür zum Schutz des Viehs 58 ). Auch 
in das Bad eines Kindes legt man einen 
H.sschädel 59 ) oder badet vorher einen 
jungen H. darin 60 ). Besonderen Schutz 


vor 


vor Geistern bieten die ,,vieräugigen“ 
Tiere (s. §6) 61 ). 

47 ) Hovorka-Kronfeld 1, 44. 48 ) ZfdMyth. 
3 - 3 * 3 - Weiteres SAVk. 7 (1903), 52; A. de 
Cock Volksgeloof i, 40; Wolf Beitr. 1, 259; 2, 
336; Sartori 2, 129; ZföVk. 10 (1904). 100 ff. 
49 ) SchwVk. 9, 10; DG. 17, 60; Fogel Pennsylv. 
146 Nr. 679; Sartori 2, 129; MschlesVk. 13 
(1905). 27; 17 (1907), 40; Oberd. ZfVk. 2 (1928), 
105. 50 ) Engelien u. Lahn 275; ZdVfV. 8 

(1898), 39 (Tirol); Biriinger Aus Schw. 1,435; 
Drechsler 2, 97. Ähnliches ZdVfV. 1 (1891), 
324. 51 ) Wuttke 198 § 268; 288 § 422. 

52 ) Usener Kl. Schriften 4, 29 52 ; Köhler 
Voigtland 386; Seligmann 2, 122; Pollinger 
Landshut 137 28 . 53 ) Baumgarten Aus d. 

Heimat 1, 66 f.; Stöber Elsaß 1, 105 Nr. 145; 
Vonbun Beitr. 86. S. dazu auch ZdVfV. 7 
(1897), 281 ff. und Schönwerth Oberpfalz 3, 
273; Kuoni St. Galler Sagen 34. 54 ) Wuttke 
434 § 68 °; Sebillot Folk-Lorc 3, 89 f.; Stracker- 
jan I, 67. 55 ) ZdVfV. 13 (1903), 374; Wuttke 
127 § 172; 350 § 524; 393 § 002; Höhn Ge¬ 
burt 276; Scyfarth Sachsen 240; Oberd. ZfVk. 
2 (1928), 103. 56 ) John Westböhmen 214. 225; 
Drechsler 2. 81; Wolf Beitr. 1, 220; Wuttke 
427 § 6b8. S. auch Witzschel Thüringen 1, 
148 Nr. 144. 57 ) Wuttke 422 §657. 58 ) Selig¬ 
mann 2, 123; E. H. Meyer Germ. Mythol. 
108; Fogel Pennsylv. 156 Nr. 733 ff.; 173 
Nr. 829; Meyer Baden 402; ZrwVk. 1905. 
292; Schmitt Hettingen 15; Schroef 1 Mohn 62. 
59 ) Gaßner Mettersdorf 10. S. auch ZdVfV. 11 
(1901), 279. 60 ) Haltrich Siebenbürg. Sachsen 
264. 6l ) Gräber Kärnten 93; Strackerjan 2, 
144; E. H. Meyer Germ. Mythol. 108. Amulett 
aus H.e-Zähnen bei Wilke Kulturbeziehungen 2 
(Mannusbibliothek Nr. 10) 1923, 136. 

6. Da der H. eine solch schützende, dä¬ 
monenabwehrende Macht darstellt, er¬ 
hält er gleich einem Hausgeist seine be¬ 
sonderen Gaben: vom Samstagskuchen ge¬ 
bührt ihm das erste Stück, manchmal 
auch noch das letzte 62 ); auch vom 
Weihnachtsgebäck und vom ersten Brot 
aus der neuen Frucht bekommt er seinen 
Anteil 63 ), ja er erhält sogar ein besonderes 
Brot für die Dauer der Zwölfnächte 64 ). 
Schüttet man vom Wasser, in dem man 
sich gewaschen hat, dem H. etwas in 
sein Fressen, dann wird er scharf und 
wachsam 65 ); auch soll es gegen Mäuse gut 
sein, wenn man den H. täglich aus einer 
Suppenschüssel fressen läßt 66 ). Um 
den H. an Haus und Herrn zu gewöhnen, 
hat das Volk verschiedene Mittel: man 
schneidet ihm z. B. ein Haar ab und trägt 
dies bei sich im Schuh 67 ) oder reicht ihm 
Brot, auf das man dreimal gespuckt, das 


vom 



man gekaut 68 ) oder mit seinem Schweiß, 1 
namentlich dem Achselschweiß, getränkt 
hat 69 ); man zieht dem Tier drei Haare 
aus und legt sie unter das Tischbein in I 


3, 391; 472 NT. 1010. 84 ) Sartori Sitte 3, 24. 
S. auch MschlesVk. 9, 8; ZdVfV. 13 (1903), 265. 
65 ) Meier Schwaben 2, 498. 6Ö ) Wuttke 399 

§ 614 (Bayern). 67 ) Bartsch Mecklenburg 2. 
137. Ähnlich Fogel Pennsylv. 146 Nr. 681; 


der Küche 70 ); auch darf man für ihn 
kein Futter vom alten Ort mitnehmen, 
wenn er im neuen Haus bleiben soll 71 ). 
Wenn man dem Jagdh. ein Katzenherz 
zu fressen gibt, bleibt er stets bei seinem 
Herrn 72 ). Mancherlei Mittel gibt es 
gegen den Biß eines H.es: z. B. läßt man 
die Wunde belecken, schneidet dem Tier 
Haare aus dem Pelz und legt diese auf 
die Wunde; dann soll sie rasch heilen 73 ). 
Wer seinem H. ein Stück Brot hinhält und 
gibt es ihm dann nicht, bekommt eine 


Obcrd. ZfVk. 2 (1928), 103. 68 ) ZdVfV. 4 

(1894), 83; ZrwVk. 1909, 269 (Eifel); John 
Westböhmen 216. 68 ) Sc hu len bürg Wend. 

Volkst. 115; Drechsler 2. 96; Grohmann 54; 
Biriinger Volkst. 1, 118. 70 ) Strackerjan 

i, 124; Drechsler 2, 96 f., s. noch weiter Pol¬ 
linger Landshut 157; Sartori 2, 128; Fogel 
Pennsylv. 143NT.OÖ5; 144 NT. 670 ff.; Stracker¬ 
jan 2, 144. 71 ) John Erzgeb. 233. 72 ) ZdVfV. 
8 (189S), 38 (Tirol); Hofier Organother. 241. 
73 ) Bartsch Mecklenburg 2. 138; Köhler 

Voigtland 429; Vernaleken Alpens. 399; Pol¬ 
linger Landshut 280; OberdZfVk. 2 (1928), 105; 
Liebrecht ZVolhsk. 353 f.; Gerhardt Franz. 
Novelle 83. Ein anderes Mittel Vernaleken 


ringförmige Hautentzündung, den ,,Rü- 
enring“, d.h. H.sring 74 ). Einen ähnlichen 
Ausschlag, die ,,Hundspör“, bekommt 
man, wenn man aus einem Gefäß ißt, in 
das ein H. getreten war 75 ). Wenn man 
den H. sein großes Bedürfnis befriedigen 
sieht, muß man die Lippen lecken, dann 
springen sie nicht auf 76 ). Schluckt ein 
H. den Zahn eines Menschen, so bekommt 
dieser an Stelle des alten einen H.s- 
zahn 77 ). H.e mit schwarzem Gaumen 
werden bissig 78 ); besonders wachsam 
und treu sollen Tiere sein mit ,,Doppel¬ 
augen“ d. h. zwei gelben Flecken über den 
Augen 79 ). Frißt ein H. Gras, so ist er 
krank 80 ). In der Weihnacht darf man 
keinen H. hinauslassen, sonst stirbt je¬ 
mand im Haus 81 ). Junge H.e darf man 
nicht ..Ding“ nennen, sonst entwickeln sie 


Alpensagen 370; Montanus Volksfeste 164 f. 
74 ) Urquell 3 (1892), 212 (Westfalen). TS ) ZdVfV. 
8 {1898). 288. 76 ) Urquell 3 (1892), 252 (Ost¬ 
preußen). 77 ) SchwVk. io. 33. 78 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 138 ff.; RogasenFambl. 4(1900), 
34. Sie fürchten sich auch nicht vor Geistern 
Meier Schwaben 1, 112. 79 ) RogasenFambl. 

4 (1900). 34; ZdVfV. 13 (1903), 265. Dieser 
Glaube ist auch bei den Slaven verbreitet; so¬ 
gar Rgveda 10, 14, n werden die Todesh.e 
,,vieräugig“ (ai. svü caturaksas) genannt; s. 
noch ZdVfV 1 (1891), 156. 80 ) SchwVk. 10, 34. 
81 ) Wuttke 68 § 78 (Franken). 62 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 143. ,,Ding“ scheint Bezeich¬ 
nung für Hausgeist zu sein, wie in „Wichtel- 
mann“ (zu ahd. wiht, got. waihts „Ding"). 
b3 ) Drechsler 2 96; John Erzgeb. 248; Oberd¬ 
ZfVk. 2 (1928), 104 84 ) Hovorka-Kronfeld 2, 
109; Pollinger Landshut 157. 85 ) So der be¬ 

kannte ahd. Wiener H.e-Segen, s. Franz Bene¬ 
diktionen 2, 139; Buchmüller Beatenberg 154. 
86 ) Megenberg Buch der Natur 103. 

7. Man kann Krankheiten auf den H. 


sich nicht gut 82 ). Scharf werden H.e, wenn 
man ihnen am Weihnachtsabend drei 
Bissen mit Knoblauch und Salz oder eine 
weiße Zwiebel darreicht 83 ). In Schwaben 
bindet man jungen H.en Weiden um den 
Hals gegen Gelbsucht 84 ). Besondere 
,,H.esegen“ sorgen für das Gedeihen der 
Tiere 85 ). Der beste H. unter den Jungen 
ist der, der zuletzt sehend wird, oder den 
die Hündin zuerst beiseite trägt 86 ). 

82 ) Rochholz Kinderlied 71; Drechsler 2, 
96; Strackerjan 2, 143; Panzer Beitr. 2, 
472 f. 527; Kuhn Mark. Sagen 378 Nr. 20; 
Lütolf Sagen 333; Schönwerth Oberpfalz i, 
408 Nr. 20. ® 3 ) John Westböhmen 15. 213; 

Sartori Sitte 3, 33; Köhler Voigtland 361; 
Bartsch Mecklenburg 2, 227; Müller Isergebirge 
29. Den Osterlammknochen nach Grimm Myth. 


übertragen 87 ): sieht das Tier einem über 
die Schulter, dann geht die Krankheit 
auf es über 88 ); man gibt die Nagelspitzen 
vom Finger eines Fieberkranken dem H. 
in Fleisch versteckt zu fressen oder läßt 
ihn ein Stück Brot fressen, das man auf 
die erhitzte Stirn gelegt hat 89 ), oder 
das der Kranke gekaut hatte 90 ). Einen 
Ausschlag kann man sich durch den H. 
ablecken lassen 91 ). Auch wenn man 
junge H.e zu sich ins Bett nimmt, dann 
recht in Schweiß gerät und die H.e auf 
die kranke Stelle andrückt, geht die 
Krankheit auf die Tiere über 92 ); wenn 
man etwas vom Urin des Kranken zu 
i Mehl hinzutut und das daraus gebackene 
1 Brot vom H. fressen läßt, wird ebenfalls 




479 


Hund 


480 


dieser Zweck erreicht 93 ). Bei Auszehrung 
läßt man den Knaben mit einem H., das 
Mädchen mit einer Katze zusammen baden, 
oder man überschüttet den H. mit dem 
Waschwasser des Kranken 94 ). Oder man 
setzt dem H. einen Teller Milch vor, 
trinkt zuerst davon und spricht dann: 
,,Prost H., du krank und ich gesund“! 
Wird dies dreimal wiederholt, so bekommt 
der H. die Krankheit 95 ). Auch das aus 
einem Aderlaß entzogene Blut gibt man 
einem H., wodurch die Krankheit auf das 
Tier übergeht 96 ). Aus dem Sterbezimmer 
wird der H. ebenso wie die Katze hinausge¬ 
jagt 97 ); dagegen schützt ein H. im Zim¬ 
mer einen allein gelassenen Säugling vor 
bösen Mächten 98 ). Beim Beziehen eines 
neuen Hauses läßt man zuerst einen Hund 
oder eine Katze hineingehen 99 ); aus ähn¬ 
lichem Grund jagt man beim ersten Aus¬ 
trieb des Viehs aus dem Stall einen H. 
oder eine Katze vor 100 ). Um Geister zu 
vertreiben, wirft man einen H. ins 
Feuer 101 ). 

* 7 ) Boeder Esthen 60; Wuttke 127 § 172; 
345 § 5 * 4 - 88 ) Andree Braunschweig 376. 

89 ) Lämmer t 262 (Bamberg). Ähnliches 
ZdVfV. 8 (1898), 39; Hovorka-Kronfeld 2, 
336; Höhn Volksheilk. j, 156; Jühling Tiere 
78 f. *°) Wuttke 327 § 458; Strackcrjan 

1, 82. 91 ) Pollinger Landshut 291; s. auch 

ZdVfV. 8 (1898), 450; ZrwVk. 1913, 189. 

® 2 ) Strackerjan 1, 82; Hovorka-Kron¬ 

feld 2, 124. 129; Lammert 268. ® 3 ) Hovorka- 
Kronfeld 2, 109. 324; Lammert 263 f.; ähn¬ 
lich Pollinger Landshut 284; Schönbach 
Berthold v. R. 137; Lammert 244. 94 ) Wutt¬ 
ke 327 § 486 (Böhmen); Hovorka-Kronfeld 

2, 56; Jühling Tiere 79. 95 ) Kuhn Westf. 

2, 204; Strackerjan 1, 71; Bartsch 

Mecklenburg 2, 395; OberdZfVk. 2 (1928), 104. 
98 ) Lammert 200. 97 ) Wuttke 461 § 729 

(Baden, Schweiz). 98 ) Schulenburg 107. 
b9 ) Wuttke 301 § 440; Drechsler 2, 2; H. u. 
Hahn bei Panzer Beitr. 1, 332; 2, 472. 10 °) John 
Erzgeb. 228. 101 ) Baumgarten Aus d. Heimat 
1, 19: Niderberger Unterwalden 1, 63. 65. 

8. Dies leitet zu Gebräuchen über, die 
ein Opfer des H.s enthalten 102 ). So war 
es üblich, einen jungen blinden H. lebend 
unter die Stalltür oder Futterkrippe zu 
vergraben, um Krankheiten des Viehs 
zu verhüten und seinen Wohlstand zu 
stärken 103 ), in ähnlicher Weise dienen H.e 
als Bauopfer 104 ). Bei Deichbruch wurde 
in Dithmarschen 1579 ein lebender H. 


in den Riß geworfen 105 ). Am Weihnachts¬ 
morgen wirft man, bevor das Vieh ge¬ 
tränkt wird, einen H. in das Trinkwasser, 
damit es nicht räudig werde 106 ); ähnlich 
verfährt man in Mecklenburg bei Frost 107 ). 
In heidnischer Zeit wurden H.e den Göt¬ 
tern geopfert (so in Upsala, Adam v. 
Bremen c. 27, oder in Lejre, Thietmar v. 
Merseburg I, 17). Auch als Korndämon 
wird der H. vorgestellt; der Drescher der 
letzten Garbe erschlägt den „Korn¬ 
mops“, „Dreschhund“, „Kiddelhund“, 
„Stadelpudel“ 108 ) usw. Auch die meck- 
lenburg. Redensart „he geit as de H. 
in de Twölften“ deutet wohl auf ein 
einstiges Opfer 109 ). Sogar Brote in Form 
eines H.s kommen vor no ). Tatsächlich 
findet sich der H. als Grabbeigabe m ). 
Die mittelalterliche Sitte, einem zum Er¬ 
tränktwerden verurteilten Verbrecher ei¬ 
nen H. in den Sack mit hineinzustecken, 
mag ursprünglich als eine Art Opfer ge¬ 
dacht worden sein 112 ). 

102 ) Grimm Mythol. 3, 26. 504; E. H. Meyer 
Germ. Mythol. 108. 198; Jahn Opfergebräuche 
343; Stengel Opfergebr. 235; Usener Kl. 
Schriften 4, 305; Wissowa Relig. 603; Mann* 
har dt Forschungen 74. 102; ARw. 2, 69; Kuhn 
Westfalen 2; Panzer Beitr. 2, 521 ff. 138; 
Roch holz Gaugöttinnen 22; Koch Sieben - 
Schläfer 65; Liebrecht ZVolksk. 22 f. 350; Hof¬ 
ier Organoth. 67 t 72. 103 ) Grimm Myth. 3, 

461 Nr. 755; Wuttke 299 §439; 436 § 686; 
450 §711; John Westböhmen 204. 213; Selig¬ 
mann 2, 122; SAVk. 25, 4; Kuhn Märk . 
Sagen 379 Nr. 26; Lohmeyer Saarbrücken 13. 

104 ) Grimm Mythol. 2, 956; Meiche Sagen 444 
Nr. 580; Seligmann 2, 122; Drechsler 2,2. 

105 ) Maack Lübeck 59. 106 ) Wolf Beitr. 1, 17. 

2,137; Bartsch Mecklenburg 2, 228; Maack 
Lübeck 18; Sartori Sitte u. Br. 3, 33; Wuttke 
127 §172; Höfler Organoth. 164. 107 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 228. 108 ) Sartori 2, 101 (Tirol). 
106; Mannhardt Forsch. 29 ff. 103 ff. 297; 
Panzer Beitr. 2, 515 t.; Hoops Reall. 3,92; 
Frazer 7, 271 ff. 109 ) Bartsch Mecklenburg 2, 
139 - no ) Höfler Fastengebäcke 25; Weih¬ 
nacht 65; DG. 1, 150; als Speisename 

findet sich H., s. Panzer Beitr. 2, 527; 

Rochholz Gaugöttinnen 23. m ) Höfler Or- 
ganother. 70 (Lit.!); ZdVfV. 13 (1903), 368; 
E. H. Meyer Mythol. in ff. 112 ) Der Scharf¬ 
richter mußte den ersten Beamten jährlich ein 
Paar Handschuhe aus H.eleder schenken: 
Strackerjan 2, 144. 

9. Von Zauberhandlungen mit dem H. 
möge erwähnt sein, daß man Feindschaf¬ 
ten stiften kann, wenn man zwei Men- 


Hund 


482 


48I 

sehen auf in des Teufels Namen abge¬ 
schnittenen H.ehaaren schlafen läßt n3 ) 
oder ihnen einen Stein unter den Tisch 
legt, worein ein H. gebissen hat 114 ). Ein 
betrogenes Mädchen sperrt während der 
Hochzeit des Ungetreuen einen H., eine 
Katze und ein Huhn zusammen, dann gibt 
es auch in der neuen Ehe Unfrieden 115 ). 
Will ein H. sein Bedürfnis erledigen, und 
man hakt die Zeigefinger der Hände zu¬ 
sammen, dann kann er es nicht, er ist 
„geknüpft“ 116 ). Wer eine Alraunpflanze 
graben will, bindet sie an den Schwanz 
eines ganz schwarzen H.s, dem er dann ein 
Stück Fleisch vorhält; beim Zuschnappen 
zerrt er die Zauberwurzel aus der 
Erde 117 ). 

Nahe dem Zauber kommt die Verwen¬ 
dung des H.s in der Volksmedizin, wo¬ 
für wir hier nur einige Beispiele geben 
können ll8 ). H.efleisch, bes. auch die 
Lunge, ist gut gegen Schwindsucht 119 ), 
wogegen ganz allgemein auch H.efett 
benutzt wird 120 ). Weißer H.ekot gilt 
als gutes Heilmittel gegen Asthma, Fie¬ 
ber, Geschwülste und Geschwüre 121 ), na¬ 
mentlich wenn er um Johannistag ge¬ 
sammelt ist. H.efett heilt besonders 
Frostbeulen 122 ), spielt aber auch im 
Liebeszauber eine Rolle 123 ) und dient zum 
Einreiben bei Quetschungen und Wunden. 
H.eblut macht kranke Tiere gesund und 
schützt ein Haus, wenn es beim Anstrei¬ 
chen mit verwendet wird, vor Krank¬ 
heiten 124 ). H.emilch gebraucht man gegen 
Flechten oder als Haarwuchsmittel 125 ). 
Ein frisch abgezogenes H.efell hilft gegen 
Gicht 126 ), H.eknochen werden zu Pulver 
verbrannt; das verwendet man gegen 
Gliedwasser 127 ), streute es wohl auch 
unter das Schießpulver 128 ). Gegen Epi¬ 
lepsie gebrauchte man die Galle eines 
H.s 129 ). Auch Hoden, Hirn, Herz, Milz, 
Zunge und Geifer werden in der Volks¬ 
medizin verwandt, so daß Brehm den 
H. mit Recht eine wandelnde Apotheke 
nannte 130 ). H.ehaare darf man nicht 
verschlucken, sonst verursachen sie 
hartnäckige Magenleiden 131 ); zwischen 
Strumpfwolle verarbeitet schützen sie 
vor Podagra 132 ), in der Tür schwelle ver¬ 
graben haben sie dämonenabwehrende 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


Kraft 133 ). Der Genuß von H.efleisch ist 
bei den Germanen ganz selten gewesen 134 ). 

113 ) Bartsch Mecklenburg 2, 354; Grimm 
Mythol. 3,441 Nr. 213; s. auch Urquell 3 {1892), 
271. 114 ) ZfdMyth. 3, 321. 115 ) Grohmann 211. 
116 ) Drechsler 2, 256 ff. U7 ) OberdZfVk, 

2 (1928), 102 f. 118 ) Literatur: Jühling 

Tiere 71 ff.; Hovorka-Kronfeld i, 203. 204. 
247. 220 ff. 247; 2,11. 29. 46h 61. 82. 107. 154. 211. 
360; Höfler Organotherapie 68ff. 162L 163 f. 
199 f. 263 f. 269; ZfVk. 8, 39; Höhn Volks¬ 
heilk. i, 94. 119 ) Stoll Zaubergl. 87 f. ; ZrwVk. 
1905, 284; 1909, 270; ZföVk. 13 (1907), 130; 
ZdVfV. 10 (1900), 50; Seyfarth Sachsen 296; 
Andree Braunschweig 422; Bartsch Meck- 
lenb. 2, 139. 12 °) Hovorka-Kronfeld 1, 222; 

Lammert 245; Seefried-Gulgowski 204; 
Höfler Or ganother . 70; Fritsch Tiere im 

Aberglauben m; Seyfarth Sachsen 297. 

121 ) ZdVfV. 8 (1898), 39 f.; 24 (1914), 296 f. 
301; Hovorka-Kronfeld 2, 191. 398; 

Bartsch Mecklenburg 2, 109; Urquell 1, 137; 3, 
68 (Ostpreußen); Fogel Pennsylvan. 313 
Nr. 1666; Schönwerth Oberpfalz 3, 264; 

Lcssiak Gicht u8f.; Mannhardt Forschun¬ 
gen 103; Strackerjan 2, 144; Manz Sargans 
76. 122 ) Manz Sargans 68; Zahler Simmental 
69. 78; s. auch ZdVfV. 8, 39; Hovorka Kron- 
feld 2, 45. 123 ) Kühnau Sagen 3, 17fr; Ur¬ 

quell 6, 13; ZrwVk. 1909, 270; Drechsler 2, 
307. 124 ) Hovorka-Kronfeld 1, 221; Wolf 

Beitr. 1, 227; Grimm Myth. 3, 344; Megen- 
berg Buch der Natur 103; Seligmann 2, 122; 
Urquell 3 (1892), 271. 125 ) Alemannia 7 {1879), 80; 
Herdi Käse 14; Fischer Angelsachsen 38; 
Drechsler 2, 98; Birlinger Volkst. 1, 485. 
1£6 ) ZrwVk. 1909. 270; Megenberg Buck 
d. Natur 103; Hovorka-Kronfeld 1, 222, 
auch wohl gegen Fieber, Urquell 3 (1892), 271. 
127 ) ZdVfVk. 8, 39 (Tirol). 128 ) Staricius 
Heldenschaiz (1679) 143 ff. l2a ) Höfler Or¬ 
ganoth. 200; Jühling Tiere 79. 341 f.; Groh¬ 
mann 176; Wuttke 355 § 532. 13 °) Hovorka- 
Kronfeld i, 220. 131 ) ebd. 2, 126; Lammert 

253. 132 ) Bartsch Mecklenburg 2, 139 f. 

133 ) Fogel Pennsylv. 165 Nr. 676. 134 ) S. dazu 

Hoops Reallex. 2, 570; Schrader-Nehring 
Reallex. 1, 516. 

10. Gefährlich kann der treue Gefährte 
des Menschen durch die Tollwut (s. d.) 
werden; man wendet dagegen das Mittel 
an, das überhaupt gegen Beiß wunden 
durch H.e gebraucht wird (s. §6), nämlich 
man schneidet dem Tier Haare ab, gern vom 
Nacken, und legt sie auf die Wunde 135 ). 
Zur Verstärkung gibt es viele Formeln 
und „Segen“, womit man bespricht 136 ). 
Dann soll namentlich der Genuß der Le¬ 
ber 137 ) und besonders des Herzens 138 ) des 
kranken Tiers nützlich sein. Gegen Biß 
schützt man sich, indem man einen ge- 

16 


483 


Hund 


485 


Hund 


486 


weihten Gegenstand bei sich führt 139 ); auch 
wenn man das Herz, die Zunge oder einen 
Zahn eines H.es, namentlich eines schwar¬ 
zen H.es, bei sich trägt, wird man nicht 
von einem H. gebissen 140 ). Natürlich weiß 
das Volk auch Mittel, die einen H. vor der 
Tollwut schützen: man läßt ihn Frauen¬ 
milch trinken 141 ) oder durch einen Drei¬ 
fuß fressen und saufen 142 ), in Mecklenburg 
gibt man dem H. auf Weihnachten, Neu¬ 
jahr und Dreikönigsabend geschabtes 
Silber auf ein Butterbrot, in Nordböhmen 
eine Honigsemmel gegen die Tollwut 143 ); 
ja man glaubt, daß der Teil, den der H. 
vom Weihnachtsmahl abbekommt, ihn 
ebenfalls vor der Krankheit schütze 144 ). 
Auch versucht man es mit einer ,,Zettel¬ 
kur“, d. h. man gibt dem Tier Papier¬ 
streifen mit magischen Buchstaben in 
Brot eingehüllt zu fressen 145 ); auch durch 
Schaukeln der H.e sucht man den bösen 
Geist zu vertreiben. Ein H., der in der 
Weihnachtsnacht heult, wird im selben 
Jahr noch toll 146 ). Gefeit gegen die Wut 
ist ein Tier, das an den Vorderfüßen die 
,,Sporen“, d. h. kleine Hornansätze hat 147 ). 
Anderswo schlägt man wohl auch am 
Weihnachtsabend einem H. mit Stein 
und Stahl Funken gegen die Augen I48 ). 
Besonders ist die Sitte interessant, dem 
H. den Namen eines Flusses zu geben aus 
dem Grund, daß er nicht tollwütig wer¬ 
de 149 ): daher Namen wie ,,Strom“, ,,Rin“ 
im Reineke Voß, ,,Donau“ in Bayern, 

,,Maros“ in Ungarn u. dgl. Zugleich 
schützen solche Namen vor der Wasser¬ 
scheu 15 °). Die Tollwut soll daher kommen, 
daß ein H. Lerchen frißt, die im Frühling 
vom Sturm gepackt aus der Luft fal¬ 
len 151 ). 

13s ) Staricius Heldenschatz (1679) 526; 

Alemannia 5 {1877), 62; Wuttke 341 § 517; 
Bartsch Mecklenburg 2, 138; ZfVk. 29, 44; 
Wolf Beitr. 1, 225; Megenberg Buch d. Na¬ 
tur 103 f.; Knoop Hinterpommern 162; Jüh- 
ling Tiere 75. 79; Strackerjan 1, 93; Schmitt 
Hettingen 16; Bohnenberger 21; Seyfarth 
Sachsen 295; Fritsch Tiere im Abergl. in; 
Andree Braunschweig 420; noch besondere 
pflanzliche Heilmittel s. bei Rochholz Gau¬ 
göttinnen 23; Heyl Tirol 24 Nr. 26; ZföVk. 4 
(1898), 218; G. Schmidt Mieser Kräuterbuch 2 
Nr. 3; ZrwVk. 1909, 269; Hovorka-Kron- 
feld 1, 222; Megenberg Buch d. Natur 103. 
lu ) ZdVfV. 22 (1912), 284; Schulenburg 105; 


Frischbier Hexenspr. 67; Baumgarten Hei¬ 
mat 1, 79; Köhler Voigtland 408. 137 ) Waibel 
u. Flamm 2, 315 f.; Strackerjan 1, 93; 
Höfler Organother. 240. 138 ) Höfler Organother. 
240. 13d ) ZrwVk. 1909, 269. 14 °) Höfler Or¬ 
ganother. 240; Staricius Heldenschatz 27 f.; 
ZdVfV. 13 (1903), 272; Wuttke 306 § 430’; 
Grohmann 54. 141 ) Hovorka-Kronfcld 1. 
222. 142 ) Meyer Abergl. 223; ZfdMyth. 3> 312I 
143 ) Bartsch Mecklenburg 2, 138 f.; Leh¬ 
mann Sudetend. Vk. 142. 114 ) Höfler Weih¬ 

nacht 25; Rogascn. Famil. Bl. 6 (1900), 34. 
14ä ) Drechsler 2, 97. Zum Schaukeln s. ZdVfV. 
9, 61; Zauberformeln bei John Erzgeb. 233. 
146 ) Meyer Abergl. 223. 14T ) RogasenFamBl. 

4 (1900), 34. 148 ) Grohmann 54. 1 4 ») Groh¬ 

mann 54; Meyer Baden 135. 409!.; Zfd- 
Philol. 31, 501; Mschles.Vk. 18 (1917), 138 ff. 
Germania 31 (1886), 246; Strackerjan 1, 67 
Bartsch Mecklenburg 2, 139; Seligmann 2 
236; ZdVfV. 10 (1900), 54; Schulenburg 162 
Sartori 2, 128; Drechsler Haustiere 8. 

Reu sc hei \ k. 1, 59; Fogel Pennsylv. 143 
Nr. 668. 15 °) Grohmann 54; Kuhn West¬ 

falen 2, 94 Nr. 294; Kuhn u. Schwartz 451 
Nr. 388; Vernalekcn Alpensagen 16 ff.; Straf- 
forello Errori 61 ff. 131 ) OberdZfVk. 2 (1928), 
104. 


f 

t: 

* 


* 


* 

f 


ix. Auch der Blick des H.s kann schäd¬ 
liche Kraft haben: so glaubte man im 
Mittelalter, daß kein Brot gut gebacken 
werden kann, wenn ein H. in den Backofen 
sieht 152 ). Diese dämonische Natur des 
H.s äußert sich in vielen Sagen und 
Geschichten von H.en mit glühenden 
Augen 153 ) und meist von schwarzer 
Farbe 154 ), oft von Riesengröße: es sind 
Begleiter von Unholden 155 ), ja der 
Teufel wählt selbst gern die Gestalt 
eines schwarzen H.s 156 ), und alle mög¬ 
lichen dämonischen Wesen, Hexen, Zau¬ 
berer, arme verwünschte Seelen, Ge¬ 
spenster usw., tun es ihm nach 157 ). 
Sehr häufig hütet in solchen Sagen ein 
schwarzer, unheimlicher H. einen 
Schatz 158 ); sogar von „feurigen“ H.en 
berichten manche Volkserzählungen 159 ), 
während weiße gespenstische H.e seltener 
erwähnt werden 16 °). Seelen erscheinen 
in H.sgestalt, und man braucht nur an 
das wilde Heer zu erinnern, um das Alter¬ 
tümliche solcher Geschichten zu erfas¬ 
sen 161 ): die H.e des wilden Jägers, des 
Hackeiberend, sind ja bekannt. Namen 
für solche dämonischen H.e sind z. B. 
„Welth.“ 162 ), „Rufelih “ 163 ), „Klüp- 
pelh.“ 164 ), „Klimperh.“ 165 ), „Knüppel- 


rüen“ 166 ). Ein H. aus der wilden Meute 
bleibt wohl zurück und frißt nur Asche; 
im nächsten Jahr stürmt er der wilden 
Jagd wieder nach 167 ). Es gibt dann noch 
zwei Gruppen von Sagen, die hier er¬ 
wähnt werden mögen: einmal über die 
Herkunft und Eigenart des H.s 168 ), so¬ 
dann die über manche Geschlechter, in 
deren Geschichte ein H. eine Rolle ge¬ 
spielt hat 169 ). Auch der H. als Wappen¬ 
tier wäre zu beachten 170 ). 

152 ) Rockenphilos. 1, Cap. 32; Seligmann 

1, 123; Grimm Mythol. 3, 435 Nr. 32; 

Müller Jsergebirge 13 f. 153 ) Z. B. Reiser 
Allgäu 1, 277; Strackerjan 1, 311. 315; 2, 

286; Meiche Sagen 144 Nr. 191; 152 Nr. 30; 
406 Nr. 533; Kühn au Sagen 1, 305. 325. 308 ff.; 
Grohmann 197; Panzer Beitr. 1, 39; 2, 305; 
Gand er Niederlausitz 98. 174; Meyer Baden 
355; Kuoni 29; Neues Soloth. Wochenbl. 1 
(1911), 427; Birlinger Volkst. 1, m; Bartsch 
Mecklenburg 2, 231; Amersbach Lichtgeister 
17 f.; John Erzgebirge 131; ZfrwVk. 1909, 270; 
1914, 281; ZdVfV. 8 (1898), 264; Alemannia 
25, 34; Lehmann Sudetend. Vk. 112. 

* 51 ) Z. B. Reiser Allgäu 1, 281; Wolf Beitr. 

2, 229; Strackerjan 1, 226 ff. 230. 233. 312L; 

2, 289. 296. 319; Grohmann 53. 187; Sagen 
234 f.; Herzog Schweizersagen 1, 18 ff.; Kühnau 
Sagen 1, 294 ff. 301. 307. 329 ff. 489 ff.; 

Schell Berg. Sagen 429 Nr. 21; Panzer Beitr. 

1, 66. 145 f. 203 f.; Urquell 2 (1891), 206; 

Kohlrusch 330; Kuoni 33; Bartsch 
Mecklenburg 1, 135 ff. 182; Köhler Voigtland 
503; Brauner Curiositälen 1737, 761; Agnppa 
v. Nettesheim 1, 194; John Westböhmen 16; 
Knoop Hinterpommern 100; Sebillot Folk- 
Lore 4, 440; Meiche Sagen 50 Nr. 45; 

Schambach u. Müller 361 Nr. 210; Frazer 
12, 246; SAVk. 2, 226 f. 271; 24, 128; ZdVfV. 
6, 440; 7, 130 f.; 9, 259 ff.; 13, 267; 23, 60 f.; 
ZrwVk. 4, 281; Amersbach Grimmelshausen 

2, 51; Fischer Angelsachsen 28 ff.; Jahn 

Opfergebr. 12. 155 ) Rochholz Gaugöttinnen 20; 
Birlinger Volkst. 1, 15. 169. 503; Schulen- 
burg Wend. Volkst. 63 f.; Lütolf Sagen 461 ff.; 
Heyl Tirol 21 Nr. 20; Ranke Volkssagen 84; 
Schönwerth Oberpfalz 1, 267; Müllenhoff 
Sagen 364 b; Eisei Voigtland 136 Nr. 362; 
Wolf Beitr. 2, 137 f. 414; Kühnau Sagen 2, 
453 f. 463 f.; Rochholz Sagen 2, 102. 

156 ) Z. B. Strackerjan 1, 314. 316; 2, 144; 
Meiche Sagen 56 Nr. 61; Soldan-Heppe 2, 
250; Niderberger Unterwalden 2, 104 f.; 

Maas Mistral 16; Baumgarten Heimat 

1, 74; ZdVfV. 7 (1897), 189. 157 ) Z. B. Kuoni 
St. G aller Sagen 19. 69. 219; John Erzgebirge 233; 
Wolf Beitr. 2, 344; Hertz Werwolf 77; 
Müllenhoff Sagen 190 ff. 229; Rochholz 
Naturmythen 85 ff.; E. H. Meyer Germ. Mythol. 
108; Fogel Pennsylv. 139 Nr. 641; Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 356. . 438; Lauffer 


Niederd. Vk. 79; Meiche Sagen 55. 60. 174 
Nr. 237; Heyl Tirol 489 Nr. 52; Schell 
Berg. Sagen 50. 130. 133. 140. 301. 318; Lütolf 
Sagen 163. 463. 519 f.; Lenggenhager 18 ff. 
26 ff. 57 ff.; Keusch Samland Nr. 44 f.; 
Niderberger Unterwalden 2, 84. 93 ff.; Kuhn 
Mythol. Studien 2, 128; Rochholz Sagen 2, 
29. 120 f.; Birlinger Aus Schwaben 1, 199; 
Kuhn Westfalen 1, 224. 354; Vernaleken 
Alpensagen 268 ff.; Schambach u. Müller 
187. 193 ff. 231; Mannhardt Germ. Mythen 216; 
Knoop Posen. Märchen 20 ff.; Grimm Sagen 
86 Nr. 95; Schmitz Eifel 2, 33; Schönwerth 
Oberpfalz 3, 194; Haupt Lausitz 1, 150 ff.; 
Fient Prättigau 132; Eisei Voigtl. 133 f.; 
Reiser Allgäu 1, 280. 284; Kühnau Sagen 1, 
618; 2, 243. 302; Sklarek Märchen 293; Kohl¬ 
rusch 273. 371; Köhler Voigtland 503; Binde¬ 
wald Sagenb. (1873) 209!.; Abt Apuleius v. 
Mad. 52; Waibel u. Flamm 2, 126; Pollinger 
Landshut 127 ff.; Strackerjan 1, 227. 291. 
314; 2, 144. 303. 323 b. 476!?.; Grimm Mythol. 
2, 918; SAVk. 3, 301 ff.; ZdVfV. 3, 171. 174; 
10, 54; 23, 148; Alemannia 25, 34; MschlesVk. 
15, 214; ZrwVk. 1909, 270; 1914, 281. Erlösen 
kann man einen verzauberten H. durch drei 
Schläge: Kuoni St. Galler Sagen 42; Herzog 
Schweizersagen 2, 185. 15B ) Z. B. Birlinger 

Aus Schwaben 1, 260; Kuhn Westfalen 1, 

343 - 347 ; Mannhardt Germ. Myth. 198; 

Vonbun Beitr. 105; Grohmann Sagen 236t.; 
Herzog Schweizers. 2, 64f.; Kuhn u. Schwartz 
122; Panzer Beitr. 1, 288 ff. 330; Bartsch 
Mecklenburg 236. 240. 248 b; Gräber Kärnten 
115; Wolf Beitr. 2, 415; John Westböhmen 214; 
ZrwVk. 4, 282; E. H. Meyer Germ. Mythol. 
108; Grimm Mythol. 2, 816; ZrwVk. 1914, 
258; Hüser Beitr. z. Volksk. 2, 20; Gräber 
Kärnten 107. 159 ) Kuhn Westfalen i, 66. 357; 
Kühnau Sagen 1, 5i5ff; Panzer Beitr. 1, 64; 
Bechstein Thür. Sagenb. 2, 127; Meiche 

Sagen 59 Nr. 68; Andree Braunschweig 376. 
379; Köhler Voigtland 525; ZdVfV. 21, 286; 
ZföVk. 23, 123f. 16 °) Z. B. Wolf Beitr. 2, 196, 
414; Kühnau Sagen 1, 244; Frazer 12, 246; 
Knoop Hinterpommern 54; Reu sch Samland 
Nr. 44; Wittstock Siebenbürgen 62; ZdVfV. 

1, 427; SAVk. 25, 182. 181 ) E. H. Meyer 

Germ. Mythol. 237 ff.; Plischke Sage v. wilden 
Heer, Lpz. Diss.; OberdZfVk. 2 (1928), 105; 

Ranke Volkssagen 78. 83 f.; Quitzmann 

Baiwaren 44; Lohmeyer Saarbrücken 15; 
Grohmann Sagen 230; Mann hart Germ. 
Mythen 218. 301; Kühnau Brot 26; Reu sch 
Samland Nr. 87; Mannhardt Götter 52. 111; 

MschlesVk. 16, 94 ff.; Brandstetter Wuotan- 
sage 147; Hertz Elsaß 196 f. 35; Kuhn u. 
Schwartz 276. 503; Schönwerth Oberpfalz 

2, 157; Laistner Nebelsagen 156 f.; Scham¬ 
bach u. Müller 347 f.; Heyl Tirol 518 Nr. 85; 
Kuhn Westfalen 1, 2 Nr. 1; 1, 5 Nr. 7; 1, 35 
Nr. 33; 2, 12 Nr. 25; 10 Nr. 15; Landsteiner 
Niederösterreich 25; Rochholz Sagen 1, 383; 
Meyer Abergl. 141; Kuoni St. Galler Sag. 28; 
Ranke Volkssagen 77; Herzog Schweizersag. 



487 


Hund 


488 


2, 93; Müllenhoff Sagen 369. 372; Bech- 
stein Thür. Sagenbuch 2, 142; Gräber Kärnten 
79; Urquell 5, 136; Wolf Beitr. 2, 414; Grimm 
Mythol. 2, 773; Heyl Tirol 347 Nr. 1; 351 
Nr. 20; Schweda Wilder Jäger 21; Witzschcl 
Thüringen 2, 831.; Zahler Simmenthal 23; 
Haupts ZfdA. 6, 117; Meiche Sagen 407 f.; 
Koch holz Gaugöttinnen 18; Eisei Voigtland 
117 i- lfl2 ) Rochholz Sagen 2, 34; Maack 
Lübeck 86 f. 1#3 ) Rochholz a. a. O. 2, 37; 
Heer Altglarner Heidentum 13 f. 144 ) E. H. 
Meyer Germ. Myth. 240; Kuhn Westfalen 1, 
142 Nr. 148 d; ZdVfV. 13, 371. 267 (Westfalen); 
Grohmann 187. 165 ) ZdVfV. 7, 281. 1## ) ZrwVk. 
1914, 281. — Weitere Namen wie Valeish., 
Töberh., Kappelih., Ribih. s. bei Kuoni St. 
Galler Sag. 21 ff. 61. 82. 90 t. 124. 219; Kohl¬ 
rusch Schweiz. Sagen 276 f.; Lenggen hager 
18. 50; Heer Altglarn. Heidentum 15 f. 

1#7 ) Höfler Weihnacht 9; Wolf Beitr. 2, 139; 
ZföVk. 9 (1903), 202; Kuhn Westfalen 1, 1. 6; 
Stöber Elsaß 1, 12 Nr. 18; s. auch Eckart 
Südhannover. Sagenbuch 194; Panzer Beitr. 2, 
527; Grimm Mythol. 2, 772. 768; Rochholz 
Sagen 2,2g. 188 ) ZfdMythol. 2 (1854), 16; Lütolf 
Sagen 183; Wolf Beitr. 2, 138; ZföVk. 4 (1898), 
216. 188 ) So z. B. das Geschlecht der Hunt, Pan¬ 
zer Beitr. 1, 290. 335 ff.; 2, 526, und Hundbiß 
Reiser Allgäu 1, 410 ff.; über den H. in Stamm¬ 
sagen vgl. auch Bechstein Thür. Sagenbuch 1, 
233, sowie die medische 2::axu> (Herodot I, 
110). Der H. als „Totcmtier" bei Frazer 
Totemism 4, 339; Liebrecht ZVk. 20 ff.; 

Höf ler Organother. 70. 17 °) Panzer Beitr. 1, 

337. 340- 

12. Die volkstümlichen Anschauungen 
vom H. sind fast alle alt und boden¬ 
ständig; denn bereits die Indogermanen 
schätzten den H. sehr 171 ). Der Glaube 
von seiner Geistersichtigkeit kommt bei 
allen indogermanischen Einzelvölkern vor, 
natürlich nicht nur bei diesen 172 ). Der 
Spürsinn, die feine Witterung und Emp¬ 
findlichkeit des Tiers gaben den begreif¬ 
lichen Anlaß zu solchem Glauben; auch 
gegen atmosphärische Einflüsse, bei Erd¬ 
beben u. dgl., ist der H. ja äußerst emp¬ 
findlich. Seine Anhänglichkeit, Wach¬ 
samkeit, Treue und Klugheit ließen die 
idg. Völker dieses Haustier besonders 
schätzen 173 ). Andere Völkergruppen da¬ 
gegen, namentlich orientalische, fühlten 
sich vom H. vorwiegend abgestoßen, und 
diese Ansicht ist hier und da auch im idg. 
Kulturkreis festzustellen: gilt doch ,,H.“ 
als eines der häufigsten Schimpfwörter 
für einen schamlosen, gemeinen Men¬ 
schen 174 ). Darin sehe ich eine ursprüng¬ 
lich den Indogermanen fremde Auf¬ 


fassung; die Dinge scheinen hier ähnlich 
zu liegen wie beim Schwein, das die idg. 
Völker hoch schätzten, die Orientalen 
aber, insbesondere die Juden, verab¬ 
scheuen 175 ). In mythologischer Be¬ 
ziehung war der Glaube an die Totenh.e 
indogermanisches Erbe 176 ): wegen seiner 
Vorliebe für Aas und Leichenteile ist 
der H. zum Totentier und Seelenbegleiter 
geworden. In altgermanischer Religion 
galt der H. als Begleiter von Gott¬ 
heiten 177 ). Somit beruhen die vielen 
Sagen von dämonischen H.en auf altem 
Erbe. Die hohe Schätzung des Tiers geht 
ferner aus dem Opfer an die Götter und 
vor allem aus den Eigennamen hervor, 
die man — wie sonst nur bei dem gleich¬ 
falls für die Indogermanen bezeichnenden 
Pferd — schon früh dem H. gegeben 
hat 178 ). Auch wird der Tod eines H.es 
mit einer Geldsumme gebüßt 179 ). S. noch 
Pudel. 

171 ) Osthoff Et. Parerga 1 (1901). i99ff-; 
Schrader-Nehring Reallex . 2 1, 517; Hirt 
Indogermanen 1, 282 ff.; Ebert Reallex. 5, 219. 
403 ff. 172 ) Nach römischem Glauben werden 
die den Menschen unsichtbaren Fauni von dem 
H. gesehen, Plin. hist. nat. VIII, 40, 62; vgl. 
Odyssee 16, 160 ff.; Theokrit 2, 35; Vergil 
Aen. 6, 257. Vgl. dazu Stemplinger Abergl. 
49. 64; Mannhart 1, 406ff.; ZdVfV. 13 

(1903), 263 ff.; Gubernatis Tiere 351 ff. Für 
nichtidg. Völker s. ZdVfV. 23 (1913), 383. Daß 
ein fremder schwarzer H. Unheil bringt, z. B. 
Terenz Phormio IV, 4, 30, über den Angang 
Plautus Cas. V, 4, 4. 173 ) Nach deutschem 

Glauben will der H. seinen Herrn täglich neun- 
| mal retten, die Katze aber umbringen: Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 355. 337; ZdVfV. 10 (1900), 
55; Weinhold Neunzahl 49. Eine besondere 
Schätzung erfuhr der H. in der zoroastrischen 
Religion der Iranier, wo er — ähnlich wie der 
Hahn — vor allem als guter W’ächter aufgefaßt 
wurde, s. Osthoff Et. Parerga 1, 213 f. (Lit.); 
über das iran. Sagdld s. Spiegel Eran. Alter- 
tumsk. 3, 701; ZdVfV. 13, 370; Seligmann 1, 
245. Ganz falsch ist die Ansicht Feists Kultur 
u. Ausbreitung d. Indcgerm. 1913, 160, wegen 
des idg. Ausdrucks ,,H.“ für den schlechtesten 
Wurf im Würfelspiel (vgl. nhd. ,,auf den H. 
kommen") sei der H. mißachtet gewesen: das 
war er bei den Juden (s. 1. Sam. 17, 43; 

2. Sam. 3, 8; 9, 8; 16, 9). 174 ) Cohn Tiernamen 
7; daß das Gebahren der läufischen H.e Anlaß 
zu dieser Auffassung gab, zeigt deutlich das 
Schimpfwort ,,Hundsfott", d. h. eigentlich 
vulva canina. Ganz anders der Römer, der mit 
canis bissige Menschen (z. B. Cic. Rose. Am. 57) 
oder Schmarotzer meint. Vgl. weiter ARw. 4,, 


l 


Hundert—Hundesegen 


I 489 

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. 425; Strackerjan 2, 144; Brinkmann Meta¬ 

phern (1878), 215—281. Auch an die Ehren¬ 
strafe des H.-Tragens sei erinnert. 175 ) Vgl. 
dazu Darre Volk u. Rasse 2 (1927). I3 8ff Auch 

Wilke Kulturbeziehungen zw. Indien, Orient, 
Europa Mannusbibliothek Nr. 10 (1913), 109 ff.; 
Dettweiler-Küller Lehrbuch d. Schweinezucht 

1924, 213 ff. i7ü ) ZdVfV. 13 (1903). 264. 371; 
Grimm Mythol 2, 832 f.; 3, 294; Wolf Beitr. 
2, 195; Panzer Beitr. 1, 328; ARw. 1, 203; 
Jahn Opfergebr. 343; Hekate von H.en umgeben, 
Panzer Beitr. 1, 334 f.; Wolf Beitr. 2, 415. 
177 ) Güntert Kalypso 176 f.; Liebrecht 
ZVk. 23. Vgl. noch den H. Garmr in Gnipa- 
hellir (VQluspä 40), den H. der Nehallenia, 
aber auch den H. des Petrus (s. Grimm Mythol. 
2, 556; 3, 191; Wolf Beitr. 2, 413b: Panzer 
Beitr. 1, 334), des hl. Martinus (Rochholz 
Sagen 2, 34), des St. Dominicus und St. Rocco 
(Gubernatis 370). ,78 ) Meyer Baden 135; 

Reuschel Vk. I, 39; Kluge Bunte Blätter 
85 ff.; Schulenburg Wend. Volkst. 65; 
Strackerjan 2, 144; SAVk. 11, 94; Wossidlo 
Meckl. Volksüberlieferung 2 (1899), 74 ff. 459- 
17 *) Meyer Baden 124. Vgl. noch über H.e- 
sprache ZdVfV. 13(1903). 94.: Kühnau Sagen 3, 
472; Urquell 5 (1894), 56. Über H.enamen als 
Rätsel ZfdMyth. 3, 184 f., über Ortsnamen mit 
H.: Panzer Beitr. 1, 7 ff. 19. 160. 189 ff. 

334- 34°: 2 . 438; Rochholz Sagen 2, 29; über 
alte Götternamen als H.enamen Grimm 
Mythol. 1, 6; 3, 6. Benennungen der H.e- 
Iaute Wossidlo Meckl. V olksüb erlief. 2, 
43 Nr. 6. — Es gibt auch H.erennen, 

Reiser Allgäu 2, 364; Birlinger Volkst. 2, 
284; Montanus Volksfeste 163f. —Weitere Lit.: 
Kelling Der Hund im deutschen Volkstum, 
Neudamm 1914 (auch in d. Beil, zur Deutschen 
Jägerzeitung, VII. Band); ZdVfV. 13 (1903), 
263 f.; Grimm Myth. 2, 555 f.; 3, 191; Lieb¬ 
recht ZVk. 22; Germania 20 (1875), 349; 

Bachofen Gräbersymbolih (passim s. Reg.); 
ARw. 17, 213; 21, 219 ff.; BayHefte 1 (1914). 
250; Wlislocki Magyaren 178; Zigeuner 14; 
M annhardt Vorsehungen 378; E. Schmidt 
Kultübertr. 43; Bastian Elernentarged. r, 31; 
Kuhn in Haupts ZfdA. 6, 117; Drechsler 
Haustiere 8; Carus Zoologie 12. 37. 181. 342; 
Bolte-Polivka 3, 542 f.; Liebrecht Ger¬ 
vasius 199; Lippert Kulturgesch. 1, 637; 

Christentum 305; Mar zell Pflanzennamen 218 f.; 
Pfister Reliquienkult 1, 326 t.; Jennings 

Rosenkreuzer 2, 235; Keller Tiere 476; Haus¬ 
tiere 32 ff.; Fischer Altertumsk. 53. 99; Usener 
Sintßut 269; Sebillot Folk-Lore 3, 91 f.; 4, 440; 
Vonbun Beitr. 104 f.; Vis scher Naturvölker 2, 
490; Wächter Reinheit 140; Scheftelowitz 
Schlingenmotiv 35 f.; Rohde Psyche 2, 435; 
Schwartz Volksgl. 276; Studien 516; Siecke 
Götterattribute 303; Müller Altertumsk. 2, 312; 
Nilsson Gr. Feste 488; Reuterskiöld Speise- 
sakram. 53, 109; OberdZfVk. 2 (1928), 102 ff.; 
Schrader-Nehring Reallex 2 1, 517; Pauly- 
Wissowa 8, 2, 25400.; Wissowa Relig. 171, 
214; Ebert Reallex. 5, 4030.; Hoops Reallex. 


490 

! 2, 570 f.; Hirt Indogermanen r, 2820.; Wilke 
Kulturbez. zw. Indien, Orient u. Europa 2 1923, 
123 ff. Güntert. 

Hundert, Hundertacht, Hundertems 
Hundertvierundzwanzig, s. Zahlen Bioo. 
101. 108. 124. 

Hundesegen, d. h. Segen, die gegen 
den Biß eines tollen oder bösen Hundes 
schützen (nur in einem Falle, bei dem 
,,Wiener H.“, hat sich die Bezeichnung 
eingebürgert in der Bedeutung Schutz¬ 
segen für Hirtenhunde gegen Wölfe, s. 
Wolfssegen). Im Deutschen fast durch¬ 
weg nur späte Aufzeichnungen. 

1. Episch. ,,Mutter Maria ging über 

Sand und Land, sie hatte einen (oder 
,.nicht“) Stab in ihrer Hand, sie führte 
Gottes Wort im Mund, damit schlug sie 
den bösen Hund“ x ). Auch ,,Hund, 
denck an die wort, die u. 1. fraw sprach, 
da sy den ersten hunde sähe: verbirg 
deingundt u. dein schlundt.. 16. Jh. 2 ). 

Endlich ,, Jesus u. Petrus sie trugen zwei 
Kreuze in ihrer Hand...“, mit italie¬ 
nischer Parallele 3 ). 

l ) Bartsch Mecklenburg 2, 449; vgl. ZfVk. 1, 
197 Nr. 1 Brandenburg; ZfdMyth. 2, 117; 

Tijdschr. v. Nedcrl. Folklore 8, 196; 21, 229. 

2 ) Schön bach HSG. Nr. 869, Dresden, vgl. 
ZfVk. 1, 197 Nr. 3; Köhler Voigtland 408. 

3 ) ZfVk. 22, 298 Nr. 1 Braunschw.; vgl. Pitre 
Bibi, delle tradizioni popolari Siciliane 16, 457. 

2. Besprechungen. Die eigentüm¬ 
lichste und verbreitetste ist wie diese: 
,,Hund, halt din Mund, legg e auf die 
Erde! Gott hat mich erschaffe, und dich 
la(ssen) werde“ o. ä. 4 ). Es ist dies eine 
(kirchlich) vorsichtige Abschwächung des 
volkstümlichen Gedankens, daß nicht 
Gott, sondern der Teufel alle bösen und 
schädlichen Wesen erschaffen hat 5 ). Auch 
deutsche und nordische Segen kennen 
diesen scharfen Dualismus, z. B.: „Gott 
der her beschuf den tag, der teufel beschuf 
den schlag,“ Tirol 15. Jh. 6 ). „Gud 
skapa karin o fan skapa knarrin“ (Gott 
schuf den Mann, der Teufel die Ver¬ 
renkung), Finnland 7 ). — Eigenartig ab¬ 
geschwächt ist der Dualismus in diesem 
H.: „Mich hat Gott erschaffen, dich hat 
der Hund gemacht...“ 8 ). Andere Be¬ 
sprechungen vereinzelt 9 ). 

4 ) SchwVk. 4, 16; ZfdMyth. 4, 122, Aargau; 



49i 


Hundsrose 


492 


WürttVjh. 13, 162 Nr. 20; Wuttke § 237 
Schwaben etc.; Pommer sehe Sage u. Volkskunde 
aus dem Kreise Saatzig S. 13. 5 ) S. bes. Dähn- 
hardt Natursagen Bd. 1 passim; Sebillot 
Folk-Lore 3, 367. 6 ) ZfVk. 1, 174. 7 ) Landtman 
Finlands svenska folkdikining VII, 1, 42; vgl. 
Danm. Tryllefml. Nr. 631 (Mäuse). 8 ) Urquell 
6 (1896), 184 Pommern. ö ) Birlinger Aus 
Schwaben 1, 453; ZfVk. i, 197 Nr. 2 Branden¬ 
burg; ZfEthn. 31, 467 Pommern. 

3. Endlich werden in einigen Wolfs¬ 
segen (s. d.) neben den Wölfen auch 
die Hunde genannt, z. B. „(Gott be¬ 
schließt) den Wölf' und Hunden den 
Rüssel" 10 ). — Auch können die Wölfe 
selbst als Hunde („waldes hunt", ,,holcz 
hunde", „Feldhunde") bezeichnet sein 11 ); 
so schon in spätantikem Spruch „Domna 
Artemix... en canes tuos agrestes, sil- 
baticos..." 12 ), sicher nicht Gespenster¬ 
hunde (Wünsch), sondern wilde Tiere. 

10 ) Alemannia 8, 124 Nr. 2; vgl. Germania 
25, 67 ( T 5 - Jh.); O ns Hemecht (Luxemb.) 33, 
157 ff.; vgl. franz. Sebillot Folk-Lore 3, 138. 
n ) ZfVk. 1, 317 (15. Jh.); AnzfKddV. 1873, 
229; ZfdMyth. 2, 117, eigtl. ein H., s. oben 
Anm. 1. 12 ) Wünsch Antikes Zaubergerät 43. 

Ohrt. 

Hundsrose (Heckenrose, Wilde Rose; 
Rosa canina und verwandte Arten). 

1. Botanisches. Das, was das Volk 
als H.n bezeichnet, sind eine Reihe wild¬ 
wachsender Rosenarten, die vom Nicht¬ 
botaniker nur schwer auseinanderzu¬ 
halten sind. Die Blüten sind meist weiß 
oder hellrosa gefärbt und im Gegensatz 
zu den Gartenrosen nicht gefüllt. Die 
roten Scheinfrüchte werden als Hage¬ 
butten bezeichnet. Die moosartigen Aus¬ 
wüchse, die sich nicht selten an den 
Zweigen der H. finden, sind die durch den 
Stich der Rosengallwespe hervorgebrachten 
,,Schlafäpfel" (s. d.). Die H.n sind über¬ 
all im Gebüsch und in Hecken häufig 1 ). 
Ab und zu wird die H. mit dem Wei߬ 
dorn (s. d.) verwechselt bzw. wie dieser 
als „Hagdorn" bezeichnet. 

l ) Marzell Kräuterbuch 130t. 

2. Wie auch andere Domsträucher 
schützen die stachligen Zweige der H. 
vor Verzauberung, besonders wirksam 
sind sie im Milch- und Butter- bzw. im 
Stallzauber. In einem steirischen Hexen¬ 
prozeß aus dem letzten Viertel des 17. Jh. 
gesteht der Angeklagte, daß er am 


blauen(?) Samstag „Hötschlpöhr Thorn" 
(=H.) abgebrochen, etwas Milch von 
seiner Kuh in den Sautrog getan und 
diesen mit Dornen gestrichen habe, damit 
die Kuh, die blutige Milch gelassen, 
wieder gesund werde 2 ). Die behexte 
Kuh wird mit einem H.ntrieb geschlagen 3 ), 
ebenso der Rahm, der sich nicht zu Butter 
schlagen lassen will (17./18. Jh.) 4 ). Das 
Butterfaß, in dem sich die Milch nicht 
ausrühren läßt, wird mit den Zweigen 
der H. geschlagen (Erzgebirge b. Kupfer¬ 
berg) 5 ). Die Bäuerin kann wieder buttern, 
sobald der Hexenmeister mit einer „Hage¬ 
buttenrute" ins Feuer der Küche schlägt 
(Niederbayern) 6 ). Gegen Verhexung des 
Viehs werden ebensoviele „Hagdorne" 
vor das Stallfenster genagelt als Kühe im 
Stalle sind 7 ); ein „Wiepeldorn" (= H.) 
am Stalltürständer schützt das Vieh vor 
Krankheit (Holstein) 8 ). Damit der 
Geier die Hühner nicht holt, wird eine 
Rute von der H. über dem Hühnerstall 
befestigt 9 ). Man steckt in den Stall 
über die Kuh etliche Sprossen von der H. 
(„Kaipendörn"), von der auch die Hirten 
beim ersten Austreiben eine Rute zu 
haben pflegen. Die Kuh, die damit be¬ 
rührt wird, ist das ganze Jahr vor den 
Hexen sicher 10 ). Die Truden verwickeln 
sich in den am Georgitag ans Tor ge¬ 
steckten H.nstrauch und kehren sobald 
nicht wieder zurück 11 ). Mit Hilfe einer 
H.nrute, die oben in drei Zweige ausgeht, 
findet man im Stalle vergrabene Gegen¬ 
stände des Schadenzaubers 12 ). Neun 
Dornen von der H. (zusammen mit neun 
Steinchen unter der Traufe genommen, 
drei Steinchen von der Mitte des Weges 
und neun Dornen vom Hagedorn) werden 
ins Butterfaß geworfen, dann kommt der 
Übeltäter, der die Schafe verzaubert 
hat, und bittet, daß man ihm etwas 
schenke (mähr. Walachei) 13 ). Um den 
„Brand" des Weizens zu verhüten, flocht 
man einen Kranz von einem einjährigen 
Rosenschoß, der an Mariä Himmelfahrt 
mitgeweiht wurde, und schüttete durch 
diesen den Samenweizen (Oberfranken) 14 ). 

2 ) ZfVk. 7, 195; ähnlich Grohmann 134. 
3 ) Grohmann 133. 4 ) Mitt. d. Ver. f. Gesch. 

d. Deutschen in Böhmen 18 (1880), 204. 


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Hundsrose 


494 


493 


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*) Original mitteil. v. Stelzhamer 1909. 
•) Originalmitt. v. Pongratz 1909. 7 ) Marzell 
Bayer. Volksbotanik 17. 8 ) ZfVk. 24, 62; vgl. 

Das Land 17 (1909), 394 (gegen die „Wiep“, 
eine Fußanschwellung, kreuzweis vor die Stall- 
schwelle gelegt); in Frankreich gegen das Ver¬ 
siegen der Milch: Sebillot Folk-Lore 3, 386. 
•) Witzschel Thüringen 2, 281. 10 ) Haltrich 

Sxebenb. Sachsen 277. n ) Ebd. 296. 12 ) Leo- 

prechting Lechrain 29. 13 ) ZföVk. 13, 23. 

u ) DG. 5, 217. 

3. Wie die H. selbst, so gelten auch ihre 
Früchte, die Hagebutten, als zauber- 
widrig. Gegen Hexen vergräbt man 
unter der Stallschwelle eine Hagebutte 
(Taubergrund) 16 ); das gleiche geschieht, 
wenn die Kuh keine Milch gibt (Ober¬ 
franken) 17 ). Hagebutten schützen vor 
Blitz und Ungewitter 18 ). Als besonderes 
Schutzmittel gegen Unfall und Krank¬ 
heiten (im kommenden Jahr) gilt das 
Verzehren (im nüchternen Zustand) von 
drei Hagebutten (vgl. dazu das Ver¬ 
schlucken von drei Palmkätzchen, s. 
Palm) am Weihnachtsabend, am Stefans¬ 
tag 19 ), am Silvesterabend und vor allem 
an Neujahr (bzw. in der Neujahrsnacht) 20 ). 
Man reicht diese H.n Freunden und Be¬ 
kannten, Eltern geben sie besonders ihren 
Kindern, ohne ein Wort dabei zu sprechen, 
durchs Fenster 21 ). Diese drei Hagebutten 
helfen gegen Halsweh 22 ), gegen Seiten¬ 
stechen und Magenleiden 23 ), gegen 
Gicht 24 ), gegen Rotlauf (rote Farbe der 
Hagebutten) 25 ). Die am Weihnachtsabend 
gesammelten Hagebutten werden auch 
pulverisiert und dienen dann im Absud 
gegen Stein und Grieß 26 ). Auch dem 
Vieh werden an Weihnachten oder Neujahr 
Hagebutten gegeben 27 ). In Niederöster¬ 
reich werden die an J o h a n n i gesammelten 
Hagebutten getrocknet und an hohen Fest¬ 
tagen dem Vieh als Schutzmittel gege¬ 
ben 2S ). 

15 ) Scligmann Blick 2, 64; vgl. auch 

Veckenstedts Zs. 4, 287; in Belgien schützen 
Halsketten aus Hagebutten die Kinder vor 
allem Unheil: Rolland Flore pop. 5, 242. 
*•) Alemannia 20, 281. 17 ) Bavaria 3, 302. 

*•) Vonbun Beiträge 128; unter einem Dom- 
Strauch ist man bei einem Gewitter sicher, da 
man von ihm die Dornenkrone Christi genommen 
hat: ZfdMyth. 4, 415. 19 ) Fischer Schwäb- 

Wb. 5, 1687. 20 ) Höfler Botanik 89; Tille 

Weihnacht 181; „drei Hiefen (= H.n) zum 
neuen Jahr“ im Neujahrsspruch der Kinder: 


Schmeller BayrWb . 1 1, 1058. 21 ) Witzschel 

Thüringen 2, 179; ähnlich ZfVk. 12, 421 = 
Diener Hunsrück 225. 22 ) Fischer SchwäbWb. 
5, 1687. 23 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 15. 

24 ) Prager Mediz. Wochenschr. 27 (1902). 

25 ) Lammcrt 220; Reubold Beitr. z. Volkskde 

im B.-A. Ansbach 1905, 56; Jäckel Ober- 
franken 226. 26 ) Alpen bürg Tirol 407; in 

Ungarn wird am Weihnachtsabend eine Suppe 
aus Hagebutten gegessen, dann hat man das 
ganze Jahr hindurch keine Zahnschmerzen 
ZfVk. 4, 311. 27 ) Zahler Simmenthal 179 

(gegen Rauschbrand); ZfVk. 8, 441; Heimat¬ 
bilder aus Oberfranken 4 (1916), 150; Nord¬ 
westböhmen: Originalmitteil. v. Stelzhamer 
1909. 28 ) Veckenstedts Zs. 4, 287. 

4. In der sympathetischen Me¬ 
dizin werden Krankheiten auf die H. 
übertragen. Gegen „Blattern" (Augen¬ 
blattern ?) muß man dreimal durch 
eine „Hiftenstaude" kriechen 29 ) und 
dazu sprechen: „Hift'ndorn bieg dich, 
Blattern verzieh dich" (Oberfranken) 30 ), 
vgl. Wacholder. Am Karfreitag vor 
Sonnenaufgang schneidet man einen Dorn 
von der H. und sticht damit das Zahn¬ 
fleisch, bis es blutet, dann vergeht das 
Zahnweh 31 ), vgl. Weißdorn. Einen 
Span von einem Sarg und Kot von dem 
bezauberten Menschen, in ein Toten¬ 
hemd gewickelt, legt man vor Sonnen¬ 
aufgang in einen Hagebuttenstrauch, 
dann wird ihm wieder geholfen 32 ). Das 
„Gliederwesen" (Gicht) heilt man, indem 
man einen Blutstropfen des Kranken in 
eine hohle Hagebutte rinnen läßt, diese 
verstopft und in einen Baum verbohrt 33 ). 
Bei Lungenkrankheiten sollen Männer 
einen Absud von der roten H., Weiber 
einen solchen von der weißen H. trinken 34 ), 
vgl. Schafgarbe. 

29 ) Meyer Germ. Myth. 86. 30 ) Marzell 

Bayer. Volksbotanik 174 f. G1 ) Reinsberg 
Böhmen 130. 32 ) Grohmann 199 — Wuttke 

269 § 395. 33 ) Meyer Baden 570 = Zimmer¬ 

mann Pflanzl. Volksheilmittel 55; vgl. auch 
Urquell 3, n. 34 ) Hovorka-Kronfeld 2, 60. 

5. Im landwirtschaftlichen Orakel 
bedeutet das reiche Blühen der H. vor 
Mariä Himmelfahrt eine gute Wein¬ 
ernte (Unterfranken) 35 ). Wenn es viele 
Hagebutten gibt, gerät der Weizen 
(Mähren) 36 ), es kommt viel Sturm und 
Regen 37 ), es ist ein harter Winter zu 
erwarten 38 ), vgl. Brombeere, Eber¬ 
esche, Weißdorn. Werden die Blüten 


495 


Hundsstern—Hundstage 


496 


der H. abgepflückt, so beginnt es sofort 
zu regnen 39 ), vgl. Winde. 

35 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 125. 3C ) Zfö- 
Vk. 1, 242. 37 ) Spieß Obererzgebirge 19. 

38 ) Schweizld. 4, 1914; wenn die Hagebutten 
dick sind: Marzeil Bayer . Volksbotanik 132. 
38 ) Wart mann St. Gallen 66; SAVk. 13, 208; 
in Frankreich sagt man den Kindern, daß sie 
vom Blitz getroffen würden, wenn sie die Biüte 
der H. berührten: Sebillot Folk-Lore 3, 383 — 
Rolland Flore pop. 5, 243. 

6. Schleppt ein Mädchen einen Zweig 
der H. am Kleid nach (oder bleibt mit 
dem Kleid daran hängen), so wird es in 
nächster Zeit heiraten 40 ). 

40 ) ZrwVk. 3, 82; JbNdSpr. 3, 129. 

7. In Sagen tritt die H. nur wenig auf. 
Die H. ist vom Teufel erschallen, der 
damit zum Himmel klettern wollte. Judas 
hat sich an einer H. erhängt (s. Holunder), 
seitdem stehen ihre Stacheln nach ab¬ 
wärts 41 ). Unter dem H.nbusch erscheinen 
die Gespenster 42 ). Die Hexe verwandelt 

sich in einen Hagebuttenstrauch 43 ). 

41 ) Müllenhoff Sagen 358. 42 ) Graesse 

Preußen 2, 1051. 43 ) Heßler Hessen 2, 222. 

Marzell. 

Hundsstern s. Stern. 

Hundstage. Damit wird die Zeit be¬ 
zeichnet, welche mit dem Frühaufgang 
des Hundssternes, des Sirius, be¬ 
ginnt und mit dem Frühaufgang des 
Arcturus endigt, der freilich viel später 
fällt als das Ende unserer H. Mittels 
des heliakischen Aufganges des Sirius 
bestimmten die alten Ägypter schon 
frühzeitig die Länge des Jahres (Sirius¬ 
jahr) x ). Damit setzte das segenbringende 
Steigen des Nils ein. Dagegen ist bei den 
Griechen bereits der Glaube an die 
schädliche Wirkung dieser heißen Zeit, 
in welcher nach Hippokrates auch schwere 
Gallenkrankheiten auftreten, vorherr¬ 
schend 2 ), und den Römern galten die 
dies caniculares als sehr gefährlich für die 
Menschen, Tiere und Felder 3 ). Aus den 
abergläubischen Anschauungen der Römer 
haben die Deutschen, bei welchen sich 
erst mit dem 15. Jahrhundert das Wort 
H. einbürgerte, während man sie früher 
huntliche tage nannte 4 ), manches über¬ 
nommen. 

Bezüglich der Dauer der H., die man 
gewöhnlich vom 23. Juli bis 23. August 


rechnet, wechseln die Angaben. In den 
ältesten Kalendarien aus Monte Cas- 
sino (um das Jahr 785) wird der 14. Juli 
als Anfangstag und der 11. September 
als Ende der H. angegeben 5 ), was nach 
dem heutigen Kalender ungefähr die Zeit 
von Anfang Juli bis Ende August ist. 
Damit stimmt noch teilweise überein, 
daß man in Oberbayern 45 H. kannte 6 ), 
und sie in Schlesien hie und da schon mit 
dem 23. Juni beginnen 7 ). Sonst sind es 
heute meist vier Wochen, wie in Schwaben, 
wo sie am 22. Juli (Magdalenentag) 
beginnen 8 ), oder in Westböhmen und im 
Erzgebirge, wo sie vom 24. Juli bis 
24. August dauern 9 ), umfassen aber auch 
einen längeren Zeitraum, wie im Basel¬ 
land vom 17. Juli bis 28. August 10 ) oder 
in Bagnes vom 16. Juli bis 27. August ll ). 

Die H. sind eine Unglückszeit, in 
der im Mittelalter an manchen Orten 
selbst der Gottesdienst ruhte 12 ) und 
vor der Kalenderreime warnten. So 
heißt es in einem 156g zu Augsburg 
gedruckten Sterndeutekalender 13 ) beim 
„Hewmon“ (Juli): 

Die Hundßtag streichen her mit macht, 

Drumb hab ich mein fleißiger acht. 

Der an die H. geknüpfte Aberglaube läßt 
sich in den meisten Fällen aus der von 
den Menschen schon früh beobachteten 
schädlichen Wirkung der heißen Mittags¬ 
sonne (s. Mittag, Mittagsdämonen) und 
der Hitze selbst erklären, die zu über¬ 
mäßigem Trinken kalten Wassers oder 
zum Baden in erhitztem Zustande ver¬ 
leitete und Krankheiten bei Menschen 
und Tieren verursachte, deren Keime 
sich besonders in stehenden Gewässern 
bilden können. Schon bei den alten 
Griechen und Römern bestand der 
Glaube, daß in den H.n manche Quellen 
kälter werden 14 ). Und mit dem Wasser 
beschäftigen sich noch heute die Gebote, 
Verbote und Meinungen des Volkes. Man 
soll in den H.n nicht baden 15 ), denn 
das Wasser ist giftig 16 ), man bekommt 
Eißen 17 ) oder überhaupt einen Aus¬ 
schlag 18 ) oder man ertrinkt 19 ). Beson¬ 
ders gefährlich ist das Baden zu Maria 
Magdalena (22. Juli), Jakobi (25. Juli) 
und Laurentius (10. August), in Ungarn 


497 


Hunds tage 


498 


* auch am Stephanstag (20. August) 20 ). 
H In den H.n soll man sich auch die Haare 
B nicht waschen 21 ), für die auch das 
Jf Regenwasser schädlich ist, weil dann 
IS die Haare ausgehen 22 ) oder Kopfweh 
■*' entsteht 23 ). In Schwaben heißt es, daß 

, man in den H.n aus offen stehendem 

* ^ 

Wasser nicht trinken soll, weil alles 

• 

Wasser vergiftet ist und zu dieser Zeit 
in den meisten Wasserlachen die giftigen 
"h H u n d s k n ö p f, wie man die Kaulquappen 

j, nennt, herumschwimmen 24 ). Im Halber¬ 
städtischen sagt man sogar, daß in den 
iy H.n keine Krähe trinkt 25 ), 
y Früher scheute man die H. auch beim 
Aderlässen. Dies wird z. B. in einem 
• . Kalender aus 1428 widerraten 26 ), und 
noch in neuerer Zeit hielt man in Ober¬ 
bayern während der 45 H. eine Pause im 
Aderlässe 27 ). Vielleicht fürchtete man, 
daß dann das Blut nicht gestillt werden 
könnte. Denn nach einer Schweizer 
Überlieferung soll es während der ganzen 
Zeit der H. eine Tagesstunde geben, die 
nicht an allen Tagen die gleiche ist, in 
welcher das Blut eines getöteten Tieres 
nicht gerinnt 28 ). Auch der sonstige 
Volksglaube zeigt die H. als Unglückszeit. 
Bei den Römern, die hier wahrscheinlich 
astrologische Ansichten der Babylonier 
übernommen haben, galten die im Zeichen 
des Hundssternes Geborenen, wenn sie 
auch von hitziger Natur waren und daher 
vor dem Ertrinkungstode im Meere ver¬ 
schont blieben, doch im allgemeinen als 
unglückliche Menschen 29 ). Im deutschen 
Volksglauben der Gegenwart findet sich 
hierfür kein Beleg. Hier aber heißt es, 
daß man in den H.n nicht heiraten 
soll 30 ), weil dies zu schlimmen Ehen 
führt 31 ). Man soll, wie sonst an Un¬ 
glückstagen (s. d.), überhaupt von jedem 
größeren Unternehmen absehen 32 ). Fer¬ 
ner soll man nicht Holz fällen, 
weil es nicht brennt 33 ) und nicht Kraut 
hacken 34 ). Vom Wein sagt man, daß 
er nicht gut gerät, wenn man vor den 
H.n Reizker findet 35 ). Bekannt ist die 
Kalenderregel: 

Was die Hundstag gießen. 

Muß der Winzer büßen 38 ). 

Von einer besonderen Krankheit der 


Weinrebe, welche die Römer dem Hunds¬ 
stern zuschrieben und auch nach ihm 
canicula benannten 37 ), wissen die deut¬ 
schen Weinbauern nichts. Das Wetter 
der H. hat Vorbedeutung. Wenn die 
ersten H. naß sind, so sind die letzten 
trocken, und umgekehrt 38 ), oder wie sie 
angehen, so gehen sie aus 39 ) oder so ist 
der Sommer 40 ); oder wie die drei ersten 
H. sind, so ist das Wetter im neuen 
Jahr 41 ), z. B. 

Hundstage hell und klar 

Zeigen an ein gutes Jahr 42 ). 

Sind die H. trüb und bewölkt, so fürchtet 
man eine pestartige Krankheit 43 ); werfen 
die Ameisen in den H.n Haufen auf, so 
gibt es einen nassen und kalten Herbst 44 ). 
Wenn es am ersten Tage regnet, regnet 
es vierzehn Tage 45 ). Hierher gehört 
auch der Glaube bezüglich der Witterung 
am Vormittag (s. d.) und Nachmittag 
(s. d.) des Jakobitages. 

Auch bestimmte Krankheiten werden 
in diese Zeit verlegt. Da halten die 
Mondsüchtigen ihre Umgänge 48 ), und 
da war besonders die Tollwut der 
Hunde gefürchtet. Der nach antikem 
Glauben Hitze und Pest bringende Sirius 
ist wahrscheinlich deshalb schon bei den 
Griechen zum Hundsstern (xuu>v) ge¬ 
worden, weil man Dürre und Seuchen 
als die Wirkung hundeähnlicher Dämonen 
betrachtete 47 ). Andrerseits war es natür¬ 
lich, daß man das Tier, welches die Ein¬ 
wirkung des heißen Gestirns am meisten 
empfindet, mit diesem in Verbindung 
brachte 43 ). Und auch hier zeigt sich 
wieder ein Zusammenhang mit dem 
W’asser, gegen das die erkrankten Tiere, 
allerdings nicht in allen Fällen, eine Ab¬ 
neigung haben, weshalb die Krankheit 
auch Wasserscheu heißt. Auch bei 
tollkranken Menschen zeigt sich, trotzdem 
sie vom heftigsten Durst gequält werden, 
ein Widerwillen gegen jedes Getränk. 
Mitunter tritt schon beim Anblick des 
Getränks oder doch nach Genuß von 
Wasser das Gefühl heftiger Zusammen¬ 
schnürung im Hals oder ein Wutanfall 
ein 49 ). Im Aberglauben ist das Wasser 
ein Vorbeugungsmittel. Man kann schon 
dadurch den Hund gegen Behexung und 


499 


Hundstage 


500 


Wasserscheu sichern, wenn man ihn 
Wasser oder Strom nennt oder ihm den 
Namen eines Flusses gibt 50 ). Daß die 
Tollwut besonders dann entstehen kann, 
wenn ein Hund an heißen Tagen kein 
Wasser bekommt, ist eine allgemein 
verbreitete Ansicht. Aus dieser Furcht 
vor der Tollwut erklären sich die Hunde¬ 
opfer der Römer während der H. 51 ), 
aber auch Bräuche, die früher in Deutsch¬ 
land üblich waren. Ähnlich wie man 
schon im alten Argos ein Fest zu Ehren 
des Apollo kannte, an dem man alle Hunde, 
die in den Weg kamen, erschlug, gab es 
früher in Leipzig zweimal jährlich eine 
solche Tötung der Hunde, in der 
Fastenzeit und in den H.n, eine gleiche 
zu Rostock noch 1742 in den H.n durch 
den Scharfrichter und eine in Ober¬ 
deutschland zu Fastnacht durch die Fron¬ 
knechte 52 ). Doch scheint hier, da gerade 
zu diesen zwei Zeiten die Hündinnen, 
die auch bei den Opfern der Römer haupt¬ 
sächlich in Betracht kamen 53 ), läufig 
sind, mehr die Absicht mitzuspielen, eine 
allzu große Vermehrung der Hunde durch 
ihre Tötung in der Zeit des Geschlechts¬ 
verkehres oder der Trächtigkeit zu ver- 1 
hindern. Einen deutlichen Abwehrzauber 
gegen die Hundswut stellt dagegen der 
Hundetag der Balkanvölker dar 54 ). 
Das dabei übliche Schaukeln der Hunde 
ist aber keine ,,Verehrung des Wahn¬ 
sinnsgeistes des Hundes", sondern soll 
den Krankheitsdämon vertreiben. Die an 
bestimmten, später absterbenden Bäumen 
angebrachte Seilschaukel entspricht hier¬ 
bei der Schlinge oder dem Baumspalt, 
durch die sonst der Kranke kriecht oder 
gezogen wird. 

Die Balkanvölker haben auch noch 
eigene böse Mittagsgeister (s. Mittags¬ 
dämonen), die besonders in den H.n zu 
fürchten sind. Dies ist bei den Süd¬ 
slawen der gehörnte Mittag 55 ), der 
namentlich am Eliastage (20. Juli, im 
vorgregorianischen Kalender im Höhe¬ 
punkt der H. zu Anfang August) wütet. 
An diesem Tage muß nach dem Glauben 
der Ungarn irgend jemand an der Hitze 
ersticken 56 ). Die Albanesen fürchten in 
der Zeit der H., deren Schwüle keinen 


ruhigen Schlaf zuläßt, Nachtgeister. 
Diese Poltergeister, weiblichen Hexen 
und unsichtbaren Wesen kommen in die 
Häuser, singen, spielen und tanzen dort, 
entwenden den Schläfern Geld und Kleider 
und holen die Pferde aus den Ställen. 
Am Morgen geben sie wohl alles wieder 
zurück, aber beschädigt, das Geld zer¬ 
kratzt, die Kleider schmutzig, die Pferde 
schwitzend. Manchmal schrecken sie 
auch die schlafenden Leute von der 
Straße aus durch Steinwürfe in die 
Fenster 57 ). Für diese vornehmlich in 
den H.n auftretenden Geister hat der 
deutsche Volksglaube keine Entsprechung. 
Ganz vereinzelt heißt es in einer Sage 
aus Seeburg bei Luzern, daß ein Erd¬ 
männlein in den H.n aus seiner Höhle 
kommt 5S ). 

*) AIbers Das Jahr 35; Frazer 6, 34 ff. 
2 ) Meyers Konv-.Lex 6 9 (1906), 654. •'*) Gundcl 
de stell, a pp eil. 39 ff. 4 ) DWb. 4, 2 (1877), 1941. 
5 ) Quellen u. Untersuchungen zur latein. Philo¬ 
logie des Mittelalters, 3. Bd., 3. Heft (München 
1908) 25, 29. Ähnlich 72 Tage dauernd bei 
Durandus Rationale divin. lib. S, cap. 4 
jAusgabe 1672) p. 475. 6 ) ZföVk. 9 (1903), 236. 
7 ) Drechsler 1, 148. 8 ) Birlinger Aus Schwa¬ 
ben 1, 390. 9 ) John Weslböhmen 2 263; John 

Erzgebirge 210. 10 ) SAVk. 12 (1908), 151. 

31 ) SchwVk. 4, 11. 12 ) Meyers Konv.-Lex. a. a. 
O. 13 ) Hmtg. 1 (1919/20), 189. t> 14 ) Gundcl 
de stell, appell. 46. 15 ) Lcoprechting Lechrain 
189. Vgl. auch oben 1, 822 ff. 16 ) Liebrecht 
Zur Volksk. 337. 17 ) SchwVk. 10, 34. 18 ) SAVk. 
12 (1908), 151. 19 ) SchwVk. 10, 32. Vgl. ZfVk. 

! *7 (1907), 453; Fogel Pennsylvania 260 Nr. 1359. 
20 ) Sartori Sitte u. Brauch 3, 238 ff. 21 ) Fogel 
Pennsylvania 343 Nr. 1833. 22 ) Ebd. 342 

Nr. 1822. 23 ) Ebd. Nr. 1823; 279 Nr. 1466. 

j 21 ) Birlinger Volkst. 1, 139. 25 ) Kuhn 

u. Schwartz 400 Nr. 115. 26 ) DWb. 4, 2 (1877), 
1941. 27 ) ZföVk. 9 (1903), 236; Leo prechting 
Lechrain 189. 28 ) SchwVk. 4, 12. 29 ) Gundcl 
de stell, appell. 40. 46 f. 2Ü ) Wuttkc 368 § 558 
(Thüringen); John Erzgebirge 210; Höhn 
Hochzeit 2 (I.). 31 )Wuttke85 §102. 32 ) John 
Erzgebirge 210. 33 ) (Keller) Grab des Aber gl. 

4, 48; Grimm Myth. 3, 471 Nr. 969. 34 ) Fogel 
Pennsylvania 202 Nr. 1001. 35 ) Drechsler 1, 

148. 36 ) Z. B. Kalender des deutschen Kultur¬ 

verbandes 1925 (Prag) 32. 37 ) Gundel de stell, 
appell. 45. 38 ) Urquell 6 (1896), 16. 39 ) Leo- 

prechting Lechrain 189; vgl. Gundel Sterne 
(1922) 233. 40 ) SAVk. 12 (1908), 20; vgl. 

SchwVk. 4, 11. 41 ) Fogel Pennsylvania 229 

Nr. 1175. 42 ) Drechsler 1, 148; John West¬ 
böhmen 2 90; Reinsberg Wetter 152. 43 ) John 
Westböhmen 2 90. 44 ) Reinsberg Wetter 156 1 

(Holland und Flamland). 45 ) Drechsler i. 


501 


Hundswut—Hunger 


502 


SMV 



148. 46 ) Leoprechting Lechrain 151. 47 ) Gun¬ 
del de stell, appell. 43. 48 ) Ebd. 42 Anm. 

49 )Meyers Konv.-Lex. 19 (1908), 597. 5ü )Wutt- 
ke 434 § 680. 51 ) Gundel de stell, appell. 42 f. 
**) Usener Kl. Sehr. 4, 35 Anm.; Tötung an¬ 
derer Tiere zu Fastnacht vgl. Sartori Sitte 
u. Brauch 3, 144 f. 53 ) Gundel de stell, appell. 
42. 54 ) ZfVk. 9 (1899), 61 ff. 55 ) Urquell 3 (1892), 
202 ff. 56 )ZfVk. 4 (1894), 404. 57 ) Stern Türkei 
I, 386. 58 ) Lütolf Sagen 55 Nr. m. 

Jungbauer. 

Hundswut s. Tollwut. 

Hundszunge (Cynoglossum officinale). 

1. Botanisches. Zu den Rauhblätt¬ 
lern (Boraginazeen) gehörige Pflanze mit 
eiförmigen bis lanzettlichen Blättern und 
braunroten, in Rispen angeordneten 
Blüten. Die H. riecht widerlich nach 
Mäusen. Sie ist an steinigen Orten, an 
Wegrändern und auf Schutt hie und da 
zu finden. Im Volk wird sie zum Ver¬ 
treiben von Ratten und Mäusen ge¬ 
braucht 4 ). H. ist übrigens auch ein 
Volksname für Wegerich-Arten (s. d.). 

4 ) Marzell Kräuterbuch 338 f. 

2. Wo man die H. mit dem Herzen 
eines jungen Hundes und seiner ,,Mutter" 
(Gebärmutter, matrix) hinlegt, da ver¬ 
sammeln sich alle Hunde der Gegend. 
Wer die H. unter der großen Zehe trägt, 
den bellen die Hunde nicht an 2 ). Die H., 
einem Hunde an den Hals gebunden, 
treibt jenen so lange umher, bis er wie 
tot umfällt 3 ). Der Glaube scheint auf 
ägyptische Zauberliteratur zurückzugehen, 
jedenfalls ist es kein deutscher Volks¬ 


aberglaube. Höfler 4 ) vermutet, daß 
die H. als Pflanzenname eine Hermeneutik 
I ist für die wirkliche Zunge des Hundes, 
die volksmedizinisch verwendet wurde. 
Bei den Russen erfreut sich die H. als 
Heilpflanze einer solchen Wertschätzung, 


daß man auf der Stelle, wo sie gefunden 
wird, ein Stück Schwarzbrot mit Salz 
liegen läßt, als ob man einen Schatz ge¬ 
funden hätte 5 ). Auch als Mittel gegen 
das Beschreien soll eine Abkochung der 
H. Verwendung finden 6 ). 

2 ) Vgl. dazu Plinius Nat. hist. 28, ioö, wo es 
von der Zunge der Hyäne heißt: ,,qui linguam 
in calciamento sub pede habeant, non latrari a 
canibus“. 3 ) Brunfels Kreuterbuch 1532, 171; 
die Quelle dafür ist jedenfalls (Pseudo-) Albertus 
Magnus 1508, cap. 7, wo jedoch anstatt des 
Hundeherzens ein Froschherz genannt wird, vgl. 


auch Hortus Sanitatis, Deutsch. Mainz 1485 cap. 
99, wo als Quelle Albertus Magnus De vir- 
tutibus herbarum angegeben wird. Der echte 
Albertus Magnus De Vegetabilibus kennt die 
Pflanze H. gar nicht! 4 ) Organotherapie 239. 
3 ) De mit sch Russ. Volksheilmittel 203. 6 ) Selig¬ 
mann Blick i, 285. Marzell. 

Hundtragen. Das H. kam als eine 
schimpfliche Strafe in Anwendung. Da¬ 
durch sollte die tiefe Entehrung des Ver¬ 
urteilten gekennzeichnet werden. Darum 
wurden etwa Juden mit Hunden gehenkt. 
Mit Aberglauben hat die Rechtssitte 
nichts zu tun. 

Urquell 1 (1890), 61; Kolbe Hessen 115; 
Grimm RA. 1 262. Fehr. 

Hüne s. Riese. 

Hunger (H.), Hungersnot (Hn.). Wie 
die römische Farnes, so ist auch im Deut¬ 
schen der H. personifiziert worden: 
nach dem Heliand 132, 8 fährt er wie 
ein gewaltiger Krieger durch die Welt l ). 

Den sog. Heißh. (appetitus caninus) 
deutete man aus einem Tier: vermis lacer- 
tae similis in stornacho hominis habitat 2 ). 

,,Wenn ein ganz Brodt unaufgeschnit¬ 
ten wieder vom Tische getragen wird, so 
müssen die Leute hungrig von Tische 
gehen“ 3 ). Brot darf man nicht ins Feuer 
werfen, sonst wird man h.n müssen 4 ). 
Wer in Irland auf H.gras tritt, das dort 
wächst, wo Leute im Felde gegessen ha¬ 
ben, ohne etwas den ,,fairies“ zugeworfen 
zu haben, wird von krankhaftem H. er¬ 
griffen 5 ). 

Zahlreich sind die Vorzeichen von 
Hn.: Wenn ein Komet erscheint, so 
bricht Krieg, Pest oder Hn. aus 6 ). Gibt 
es viel Mutterkorn (Hungerbrot 7 )), 
so wird in diesem Jahre das Getreide 
sehr teuer 8 ). Bei der Stadt Meißen 
hat man etliche Male auf Weidenbäumen 
ein sonderbares Gewächs gefunden, eine 
Art Blumen an einem langen Stiele, holz¬ 
farbig und so hart wie Hobelspan. Weil 
nun jedesmal, wenn man solches gefunden, 
ein schweres, teures Jahr folgte, hat man 
jenes die H.rosen genannt 9 ). Werden 
im Sommer die sog. H.häfeiein (Cy- 
athus) voll, so gibt es ein gutes, wenn leer, 
ein teures Jahr 10 ). 

Wenn in Tirol die Hennen weit aus¬ 
gehen oder nicht zu sättigen sind, kommt 



503 


Hunger, Hungersnot 


504 


große Teuerung 11 ). Ebenfalls in Tirol 
heißt es: früher Donner, später H. ia ). 

Eine Anzahl von Brunnen, Bächen, 
Seen und Tümpel führt den Namen H.- 
brunnen: sie fließen nur dann, wenn ein 
schlechtes Jahr und Kriegszeiten, oder 
auch ein gutes Weinjahr und reiche Ernte 
kommen sollen. Nach Jahn (Opferge¬ 
bräuche 144) sind sie ,,ihrem Wesen 
nach den Quellen, zu welchen mit Op¬ 
fern und Weissagungen verbundene Pro¬ 
zessionen statt fanden, völlig gleich . . . 
und erfreuten sich einst derselben Ver¬ 
ehrung wie jene“ 13 ). 

Außerordentlich häufig sind Erin¬ 
nerungen an frühere große H.nÖte 14 ). 
,,Die Hn. ist eine sondere Straffe vnserer 
Sünden vnd vngerechtigkeit, welches 
vnter den dreien Göttlichen Haupt- 
straffen nicht die geringste ist“, das war 
die allgemeine Anschauung 15 ). In den sa¬ 
genhaften Berichten kommen oft die 
Züge vor, daß Eltern ihre Kinder schlach¬ 
teten und aßen 16 ), und daß Geizige, die 
ihren Komvorrat zurückhielten, bestraft 
wurden 17 ). 

Die Redensart „am Hungertuche na¬ 
gen“ wird heute vom Volke meist falsch 
ausgelegt: Das Fasten- oder H.tuch (cor- 
tina, velum s. circitorium quadregesimale) 
ist der Vorhang, welcher früher allgemein 
in der Fastenzeit zwischen dem Hoch¬ 
altar und dem Chor aufgehängt wurde als 
Sinnbild der Trauer und Buße 18 ). 

,,Eine fürtreffliche Kunst in Hn. und 
Teuerungs-Zeiten“ teilt die „Geheime 
Kunst-Schule“ S. 15 (6. u. 7. Buch Mosis) 
mit: 

In Hungers- und Teuerungszeiten, 7 Tage 
aneinander bete alle Morgen und Abend fleißig 


das großeste Brot, das dem Propheten in der 
Wüsten gewiesen, auch vom Engel gereicht 
und zugetragen worden. 

Agrippa von Nettesheim berichtet im 
58. Kapitel „Von der Wiederbelebung der 
Todten, sowie dem ungewöhnlich langen 
Schlafen und H.n“ (1, 283 t.) von Mitteln, 
die nur in kleiner Dosis eingenommen 
werden müssen, um sofort lange Zeit hin¬ 
durch den Hunger ertragen zu können, und 
führt als Beispiele Elias, Niklaus v. d. 
Flüh u. a. an. Auch Staricius teilt in 
seinem Heldenschatz (105—107) eine 
Reihe von Rezepten mit, „daß man könne 
eine gute weil ohne Essen leben“. 

Es gibt h.stillende Kräuter: esu- 
riesque sitis visis reparabitur herbis 19 ). 
Kinder, die von ihren Eltern während 
einer Hn. auf einer wüsten Insel ausgesetzt 
wurden, erhielten durch Gottes Gnade 
wunderbar ihr Leben durch das runde, 
süße Gras, das da wächst u. vom Vieh so 
gern gefressen wird. Als man sie in spä¬ 
terer Zeit wieder holte und ihnen ordent¬ 
liche Speise reichte, starben sie alle nach¬ 
einander 20 ). Im Allgäu gibt es eine 
Quelle; wer davon trinkt, den hungert 
nie mehr in seinem Leben. Man nannte 
die Quelle daher früher nur schlechtweg 
das„fuerige (d. h. nahrhafte) Brünnele“ 21 ). 

Aus alten Überlieferungen wissen wir, 
daß bei Hn. Opfer gebracht wurden: Im 
18. Kapitel der Ynglinga Saga wird er¬ 
zählt, daß zur Zeit des Königs Dömaldi 
in Schweden eine große Hn. ausgebrochen 
sei und die Plage gar nicht habe aufhören 
wollen. Das erste Jahr (den ersten Herbst) 
opferten sie in Upsala Ochsen; als es 
nichts half, den zweiten Herbst Men¬ 
schen. Im dritten Herbst wurde auf 


und andächtig zu Gott deinem Herrn, und 
nach dem Morgengebet des letzten Tages 
nimm ein Laub oder Blatt von einem Erden¬ 
kraut, so man sonsten zu essen pflegt, oder ir¬ 
gend von einem Baum, wie du es am besten 
haben kannst. Schreibe darauf mit Honig und 
Tau oder Regenwasser die Worte: „Siehe! 
Brot will ich euch regnen lassen vom Him¬ 
mel“. Auf der andern Seite: „Manna“. Be- 
räuchere es und gibs also dem, welchem du 
willst, zu essen. Es erhält den Menschen 
7 Tage lang, daß er keinen Hunger empfindet. 
Also kann sich der Mensch 49 Tage aneinander 
aufhalten ohne Essen und ohne Niesung aUer 
andern Speise, aber nicht länger. Dieses ist 


Beratung der Häuptlinge der König 
(s. d.) selbst dem Odin geopfert und mit 
seinem Blute der Altar Odins besprengt 22 ). 
Zahlreiche (ätiologische) Sagen berichten 
von anderen Opfern oder Errichtung von 
Kulten bestimmter Gottheiten zur Be¬ 
hebung der Hn. 23 ). In Irland treibt 
man am Abend des Dreikönigstages den 
H. für ein Jahr aus, indem jedes 
Familienmitglied ein Brot, das später 
dann die Bettler erhalten, an die Tür der 
Wohnung wirft, wobei gesungen wird: 


1 505 


Hungerblümchen—Hure 


506 


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In Gottes Namen bannen wir den H. aus 

diesem Hause 

Heute Nacht u. jede Nacht bis zur selben Nacht 

übers Jahre 24 ). 

In Oldenburg kennt man bei Kühen 
H.zähne, die, zu lang gewachsen, die 
Tiere krank machen 25 ). 

*) Grimm Myth. 2, 740; 3, 269; Saxo ed. 
Hermann 48 t.; vgl. R. M. Meyer Religgesch. 
298. *) Grimm Myth. 2, 970. 3 ) Rockenphilo- 
tophie 84 cap. 74. 4 ) Wettstein Disentis 174 
Nr. 37. 5 ) I Uack Folk-Medicine 30. •) Peter 

Oesterr-Schlesien 2, 258. 7 ) Nach DWb. 4, 2, 

1945 ist H.brot = Juncus campestris. 8 ) Peter 
2. a. O. 2, 260. •) Meiche Sagen 641 Nr. 793 

(mit älterer Lit.). 10 ) Rothenbach Bern 31 
Nr. 242; Schweizld. 2, 1013. n ) Zingerle Tirol 
83 Nr. 693. l2 ) Ebd. ii7Nr. 1042 (608). 13 ) Viele 
Lit. bei Jahn Opfergebräuche 144 fg. Anm. 2; 
dazu sei noch die folgende angeführt: Stäuber 
Aberglaube 53 f.; SAVk. 12, 52; SchwVk. 12 
(1922), 51; Bechstein Rhön 265 Nr. 129; 
Grässe Preußen 2, 769 Nr. 981; Witzschel 
Thüringen 2, 223 Nr. 71; ZfdMyth. 2 (1854), 
43 Nr. 13. 14 ) Kruspe Erfurt 1, 40 f.; Becker 
Volksk. 386 Anm. 10a (1817); Wirz Zürich 2, 
264 (1771): Birlinger Schwaben 2, 393 (Anf. 
17. Jh.); ZfVk. 9 (1899), 383 Anm. 1. 15 ) Bir- 
linger Schwaben 2, 394. 14 ) Ders. Volksth. 1, 

241 Nr. 374; Witzschel Thüringen 1, 27 Nr. 23: 

2 , 46 Nr. 45. 17 ) Witzschel 1, 253 Nr. 262; 

Waibel u. Flamm 2, 92. 18 ) Wetzer u. Welte 
4, 1255 ff. (Spalte 1257 Lit. über die Redensart); 
Sartori Sitte 3, 5. 127 (mit Lit.); ders. West¬ 
falen 150; Grimm Myth. 3, 269; Becker 

Volksk. 312 u. 399 Anm. 43 c; Stöber Elsaß i, 67 
Nr. 89 u. Anm. S. 135. 19 ) Grimm Myth. 

3, 352 = Ecbasis captivi (ed. Voigt) 105 Vers 
592. 20 ) Müllenhoff Sagen 242 Nr. 330 (mit 
alter Lit.). 21 ) Reiser 1, 235 f. Nr. 266. 22 ) J ahn 


Opfer gebrauche 63 ff. (wo noch andere Beispiele); 
H Frazer 1, 352«.; Urquell 4 (1893h 146L; 
■' Sch wenn Menschenopfer 199 (Reg.). 23 ) Mann- 
4, hardt 2, 231. 257; Schmidt Kultübertragun- 
r : gen 122; Pfister Reliquienkult 2, 516 f. 24 ) 
ZfVölkerpsych. 18 (1888), 7 = Sartori Sitte 
• * 3, 80; vgl. Mannhardt Forschungen 129 h. 

1 •*) Stracker j an i, 98. Bächtold-Stäubli. 


, Hungerblümchen (Draba verna). Zier- 
,{> licher Kreuzblütler mit kleinen weißen 
v| Blüten und grundständiger Blattrosette. 
Jr Das H. hat seinen Namen daher, weil es 
T* (im Frühjahr) oft in großen Mengen auf 
'Ar mageren (sandigen) Äckern wächst. Der 
^ Glaube, daß ein zahlreiches Auftreten des 
| H.s auf eine schlechte Ernte deute 1 ) t hat 
* i also im gewissen Sinn eine Berechtigung. 

*) Globus 26 (1874), 153 (Ostfriesland); Wirth 
Pflanzen 14; vgl. auch Pieper Volksbotanik 48f. 

Marzeil. 


Hunna, hl. Von dieser volkstüm¬ 
lichen, elsässischen Heiligen wird erzählt, 
daß sie eine Trösterin der Armen und 
Hilfsbedürftigen gewesen sei und ihnen oft 
die Kleider gewaschen habe, weswegen 
sie das Volk die hl. Wäscherin nannte. 
Aus dem H.brunnen floß in weinarmen 
Jahren Wein 1 ). 

*) Stöber Elsaß 1, 101 Nr. 139; Hunckler 
Leben der Heiligen des Elsasses (1849), 45. 

Bächtold-Stäubli. 

Hunne, Hans Hünen. Bei Kuhn 4 ) 
findet sich ein Hans Hünen, offenbar als 
Name des Todes, im Ndd. Hunnenklet = 
Totenkleid, in einem Braunschweiger 
Testament v. J. 1381 der Ausdruck 
„to den hunen“, wahrscheinlich = den 
armen Seelen 2 ). Siebs erklärt Hüne = 
,der Tote', auch ,der Tod‘ als Tiefstufe zu 
seinem altgerm. Totengott Henno (s. 
Freund Hein). Er möchte auch ,»Hünen¬ 
bett'‘ damit verbinden, während Hoops 3 ) 
dagegen Bedenken hat und (neben einem 
alten Hüne = Riese) ein altes Adj. hun = 
dunkel, schwarz erschließt. Naumann 
kombiniert dann beides 4 ). Trotzdem die 
Deutung von Siebs als sehr wahrschein¬ 
lich erscheint 5 ), wird man den schlesischen 
Kinderreim („Hunne, hunne, hunne, der 
Tod sitzt auf der Tunne“) 6 ) schwerlich 
damit in Verbindung bringen dürfen. 

!) Mark. S. XII. 2 ) Siebs: ZfdPhil. 24, 155. 

3 ) Germanist. Abh. H. Paul dargebr. 1902, 176. 

4 ) Gemeinsch.kultur 48. 5 ) Mit neuem interes¬ 

santem Material über die ganze Frage Henn— 
Hein—Hun in ZfVk. N. F. 2, 49 fl. 6 ) Mschles- 
Vk. 1 H. 1, 45; H. 2, 26f. 43; Klapper Schlesien 
222. 270. Geiger. 

hüpfen s. springen. 

Hure. 

1. Name. Im mildesten Sinne bedeutet 
das Wort Hure (mhd. huore, ahd. huora) 
ein gefallenes, der jungfräulichen Ehre 
beraubtes Mädchen (Valentin im „Faust'* 
zu Gretchen: „Du bist nun einmal eine 
Hur“), dann ein ungetreues Weib; am 
häufigsten eine Frauensperson, die sich 
um Gewinnes willen öffentlich preisgibt J ). 
Die mittelalterlichen Bezeichnungen für 
diese Gattung sind: gemeine frouwen 
oder fröuwelin, armiu, boesiu, veiliu, 
lihti wip, valsche, varende tohter, üppige, 
wilde hübschaerinne 2 ). Die Bibelsprache 




507 


Hure 


508 


braucht das Wort im übertragenen Sinne 
für abgöttische Stämme und Städte. 

x ) DWb. 4, 2 1958 t. 2 ) Weinhold Frauen 
2, 19, 2. 

2. öffentliches Leben. Im frühen 
■Germanentum war für H.en kein Platz. 
Fränkische Gesetze bedrohen sie mit 
der Todesstrafe, das Gesetz der West¬ 
goten mit Landesverweisung nach er¬ 
folgter Auspeitschung. Auf Rückfällig¬ 
keit stehen Peitschenhiebe und Ver¬ 
sklavung 3 ). Die Frauenhäuser in den 
römischen Städten Süd Westdeutschlands 
waren nach dem Untergang der römischen 
Macht nicht eingegangen, so daß die 
Prostitution mit mehr oder weniger still¬ 
schweigender Duldung ihr Dasein be¬ 
hauptete. Offiziell zwar ist das Dirnen¬ 
tum noch in den Kapitularien Karls des 
Großen verboten; die Strafe für Über¬ 
führte besteht in einer besonderen Art 
von Anprangerung. Auch die Bußbücher 
verhängen schwere Strafen über die 
Schuldigen. Daneben aber hatten früh 
Pilgerinnen und Wallfahrerinnen, den 
Versuchungen der langen Reise nach¬ 
gebend und der Not erliegend, in den 
Städten des fränkischen Reiches und der 
Lombardei sich zu Priesterinnen der 
Venus vulgivaga“ gewandelt 4 ). Mit 
dem Aufkommen der Kreuzheere im 
11. Jh. traten im Troß massenhaft Dirnen 
auf. Die ,,varenden frouwen“ waren 
überhaupt im Mittelalter überall dabei, 
bei Krönungen, Turnieren, Reichstagen 
und Konzilien. Besonders stark war die 
Frequentierung des Konstanzer Konzils. 
In den Landsknechtheeren waren die 
H.n dem H.nweibel unterstellt. Sie 
wurden zu den Lagerarbeiten, Kochen, 
Waschen, Bedienen und Pflegen, auch zum 
Schanzen angehalten. Der Troß hieß 
schlechthin ,,H.n und Buben“ 5 ). Um vor 
dem marodierenden Troß sicher zu sein, 
mußte man in Oberaibach (Baden) beim 
Rübensäen das Bein hochheben und sagen: 
,,Ich säe für H.n und Buben, für Spitz¬ 
buben und Diebsleut, laß mir meine Rübe 
unkeit“ 6 ). Im 13. Jh. trifft man in den 
Städten in abgelegenen Gäßchen und 
Plätzen „auf dem Graben“, „hinder die 
muren“, das gemeine hüs. Die Insassen 


unterstanden, da sie „unerlike frouwen“ 
waren, dem Nachrichter, der dafür zu 
sorgen hatte, daß keine heimischen 
Bürgertöchter und minderjährigen Kinder 
das Gewerbe ausübten. Die auswärtigen 
Mädchen wurden meist aus Schwaben 
bezogen, das wegen seiner „schönen 
frouwen“ sprichwörtlich bekannt war. 
Die H.nhausordnung war genau vom Rat 
festgesetzt. Sie umfaßte die Rechte und 
Pflichten des Frauenwirts und der H.n, 
Strafen, Höhe des H.nzinses, Ort und Zeit 
der Betätigung und Bestimmungen über 
die H.ntracht. Aufgenähte gelbe Streifen 
machten die Gewandung kenntlich (Leip¬ 
ziger Stadtrecht 1463) 7 ). Der Prediger 
Berchtold von Regensburg eifert gegen 
die gelbe Farbe des Frauenputzes, weil 
diese nur den Jüdinnen und den H.n 
zustünde 8 ). Der Besuch des Frauen¬ 
hauses galt im 15. Jh. nicht als an¬ 
stößig. Hohe Gäste wurden unter Vor¬ 
antritt von nackten H.n festlich ins 
Frauenhaus begleitet und bewirtet. In 
Zürich aßen die Gesandten, Bürgermeister 
und Gerichtsdiener mit gemeinen Weibern 
zusammen. Als Kaiser Sigismund 1434 
in Ulm weilte, wurde ein besonderer 
Posten geführt für die Beleuchtung des 
Frauenhauses 9 ). Ja sogar bei Prozes¬ 
sionen und Umzügen nahmen H.n Anteil. 
In Leipzig beim Todaustragen um Mitt¬ 
fasten warfen die H.n eine Strohpuppe 
ins Wasser 10 ). Wurde ein Übeltäter zur 
Richtstätte geführt, so wurde ihm das 
Leben geschenkt, wenn eine öffentliche 
gemeine Frau ihn zum Ehemann be¬ 
gehrte 11 ). Dem reglementierten Dirnen¬ 
tum erwuchs eine nicht geringe Konkurrenz 
in den freien Gassen- oder Winkelh.n. Er¬ 
tappte freie H.n wurden, da sie keinen 
H.nzins an die Stadt entrichteten, unter 
Trommelschlag ins Bordell geführt 12 ). 
Energisch wandten sich die kasernierten 
H.n auch gegen die Schmutzkonkurrenz 
in den Nonnenklöstern. Im damaligen 
Sprachgebrauch waren H. und Nonne 
fast synonyme Begriffe. Fand doch ein¬ 
mal ein päpstlicher Kommissär in einem 
fränkischen Kloster fast alle Nonnen in 
gesegneten Umständen 13 ); auch „Pfaffen¬ 
köchin“, „Pfäffin“, „Concubina sacer- 


509 


Hure 


510 






dotalis“ wurde den H.n gleichgesetzt 14 ). 
Im 16. Jh. verschwanden die Bordelle 
in den kleineren Städten. Umsomehr 
eingetragene Dirnen weisen die Gro߬ 
städte auf; die Straßenprostitution nahm 
dermaßen überhand, daß man in Wien 
unter Maria Theresia zur zwangsweisen 
Vermählung ertappter Männer mit Straßen¬ 
mädchen schritt. Wenn in der Folgezeit 
die öffentlichen Häuser aufgehoben wurden, 
so war damit die Prostitution nicht be¬ 
seitigt, sondern nur in andere, weniger 
öffentliche Bahnen gelenkt 15 ). Die 
Mädchen, die das Unglück hatten, ein 
uneheliches Kind, ein „H.nkind“, zu 
gebären, waren demütigenden Strafen 
ausgesetzt. In Schwaben mußten die 
Gefallenen vor der versammelten Ge¬ 
meinde an einem bestimmten Altar sich 
aufstellen und nachher zum Pranger am 
Rathaus hinstehen 16 ). In Westböhmen 
mußten die unehelichen Mütter vor der 
Kirchtür stehen bleiben mit einem roten 
Kopftuch um 17 ). Von Gretchens Freun¬ 
dinnen im „Faust“ erfährt man, daß sie 
„im Sünderhemdchen nun mag Kirch- 
buß tun“. Der Zopf durfte nach dem 
Bremgarter „Fischbuch“ nicht mehr lang 
getragen werden, die Kleidung mußte 
schmucklos sein 18 ). 


3 ) Sudhoff Geschichte der Prostitution 
im Handwörterbuch für Sexualwissenschaft 
{1926) 598. 4 ) Weinhold 2, 20. 5 ) DWb. 

4 » 2, 1959. 6 ) Meyer Baden 422. 7 ) Weinhold 
a. a. O. 8 ) Ders. 2, 22 = Pred. i, 115. 9 ) Ders. 
2, 20. 10 ) Grimm Myth. 2, 641 Anm. 1; Sar- 
tori Sitte 3, 131. n ) Liebrecht Zur Volksk. 
433 f- 12 ) Zingerle Tirol 208 Nr. 1674. 

13 ) Friedell Kulturgeschichte der Neuzeit 1, 142. 

14 ) Meyer Germ. Myth. 247 § 325; ZfVk. 23 

{1913), 124 Nr. 7875. 15 ) Sudhoff 600. 16 ) Bir- 
lingcr Volkst. 2, 216. 17 ) John Westböhmen 

114. 18 ) SchwVk. 9, 35. 


3. Aberglauben. Wenn ein Bär beim 
Anblick eines Mädchens sehr brummt, 
so ist es nicht mehr ehrlich, sondern eine 
heimliche H. lö ). Uneheliche Kinder 
bekommen wieder uneheliche Frucht 20 ). 
Darauf weist auch das Sprichwort: Was 
von H.n säuget, ist zum H.n geneiget 21 ). 
H.nkinder sind aber glücklicher als ehe¬ 
liche Leute 22 ) und bringen gleich ihren 
Paten Glück 23 ). Bei Kreuzschmerzen läßt 
man ein „Jungfernkind“ in den Rücken 


treten 24 ). Die abergläubische Wert¬ 
schätzung der H.nkinder mag sich viel¬ 
leicht aus ihrem dunklen, geheimnisvollen 
Ursprung erklären. Im Alten Testament 
sind H. und H.nkind Ausgangspunkt der 
Prophetie und der künftigen Errettung 
(Hosea 1, 12 ff.). Jephta, der Retter, ist 
Sohn einer Buhlerin, desgl. Jerobeam; 
Ruth erscheint neben den H.n Thamar 
und Rahab im Geschlechtsregister Jesu. 
Jesus selbst wird gehässig im Toledöth 
Jesü als H.nsohn dargestellt Vielleicht 
mag auch die Antwort der Juden an 
Jesus im Evangelium Johannis 8, 41: 
„Wir sind nicht in Hurerei erzeugt“ eine 
zweideutige Anspielung sein. Nach Epi- 
phanius soll auch Melchisedek nach der 
Überlieferung der Juden der Sohn einer 
H. sein 26 ). Die spätere christliche Selbst¬ 
gerechtigkeit dagegen läßt in Neustadt in 
der Oberpfalz die H.nkinder bei kirchlichen 
Umgängen kein“ Bild tragen und auch 
nicht dem Priester bei der Messe dienen. 
Schon die Synode zu Trier im Jahre 1310 
befaßt sich mit derartigen Ministranten. 
Bei Strafe der excommunicatio latae sen- 
tentiae ist es verboten, einen spurius am 
Altar dienen zu lassen 27 ). Wenn ein 
Mädchen 7 H.nkinder geboren hat, wird 
sie wieder Jungfrau 28 ). Wer einen 
Spiegel zerbricht, muß ein H.nkind 
aufziehen 29 ). Ein Mädchen, das gern 
pfeift, wird eine H. 30 ), da H.n pfeifen 31 ). 
Wenn es im Jahr viele Nüsse gibt, so 
gibt es auch viele H.n 32 ) oder uneheliche 
Kinder 33 ). Anders lautet es nach der 
Chemnitzer Rockenphilosophie: Regnet 
es am Johannistag, so verderben die Nüsse 
und geraten die H.n 34 ). Schon nach an¬ 
tiker Meinung bedeutet eine H. im An¬ 
gang Glück 35 ), da sich mit ihr die Vor¬ 
stellung fesselloser, uneingeschränkter 
Zeugung und Fruchtbarkeit und daher 
des Wohlstandes und Gedeihens ver¬ 
bindet 36 ). Begegnet einem am Neujahrs¬ 
morgen eine H. beim Angang, so soll 
das ganze Jahr hindurch alles gelingen 37 ). 
In Hinterpommern heißt es: „Je arger 
Hauer (Hure), desto mehr Glück“ 38 ). 
„Hurenglück haben“ ist zu einer sprich¬ 
wörtlichen Redensart geworden 39 ). Der 
nämliche Gedanke des Übermaßes an 


Huß 


512 


511 


Zeugung und der unendlichen Werde¬ 
fülle liegt auch vor, wenn der Vegetations¬ 
dämon in die „Hure“ sich wandelt. So 
wird die Kornmutter, die zeugungsfrohe 
Hervorbringerin des Getreides, ,,alte 
Hure“ genannt. Diese besteht in Ost¬ 
preußen meist aus einer sehr großen 
Garbe, um welche mehrere kleine Garben 
gebunden sind; von diesen sagt man, 
sie seien ihre Kinder. Auch auf die Bin¬ 
derin dieser Garbe geht der Name ,,alte 
Hure“ über, auch ,,faule Hure“, weil es 
die letzte Garbe ist und die anderen 
Mägde schon mit der Arbeit fertig sind. 
Der Fuhrmann dieses letzten Fuders 
heißt ,,Hurenführer“. In Holstein ruft 
man der jungen Person, die bei der 
Roggenernte die letzte Garbe bindet 
oder beim Flachsbrechen die letzte 
Handvoll bekommt, zu, sie habe die ,,alte 
Hure“ bekommen 40 ). Wer in West¬ 
böhmen die letzte Garbe bindet, ist die 
,,Schid-Matz“ (Schid = Bund, Stroh, 
Matz = Metze, Hure) 41 ). Die H. kann 
aber auch Schaden wirken, wenn sie zu¬ 
gleich Hexerei betreibt. Die Hexe ist nach 
mittelalterlichem Glauben nichts anderes 
als die Teufelsbuhlin. In Schwaben findet 
sich unter den Hexennamen geradezu 
„Huer“ 42 ). Auf Grund des mit dem 
Teufel eingegangenen Paktes erhält sie 
ein wahrnehmbares Zeichen auf die Augen 
gedrückt. Deshalb besitzen die H.n den 
„bösen Blick“, der besonders den neu¬ 
geborenen Kindern gefährlich wird 43 ). 
Als Hexe versteht die H. die Kunst des 
Wettermachens, dem Sprichwort zufolge: 
Junge H.n, alte Wettermacherinnen 44 ). 
So wird es verständlich, wenn die Winds¬ 
braut „Windhure“ genannt wird 45 ). 
Eine Hexe vermag durch ihre Kunst junge 
Mädchen zu H.n zu machen. In Erfurt 
hatte eine alte Hexe verhexte Haarnadeln 
auf die Straße gestreut. Steckte ein Mäd¬ 
chen eine solche ins Haar, so wurde sie zur 
H., eine verheiratete Frau wurde dem 
Manne untreu 48 ). H.n werden in wilde 
Stuten verwandelt und müssen sich glü¬ 
hende Eisen aufschlagen lassen; kann das 
der Schmied nicht, so sind sie dem 
Teufel verfallen. Diese Kunst nennt man 
„Nagelroath“ 47 ). Auf das üble Tun der 


H.n scheint ein Spruch zum Blutstillen 
abzuheben: „Eine hure die tut kein gutt. 
Und als wenig die hure gutt thut. So 
gewiß solstu verstehen, blutt. Zu büß 
drey mall gesprochen, im namen“ etc. 48 ). 
Zuweilen lassen die H.n von ihrem Tun, 
besonders im Alter ab, so daß das Sprich¬ 
wort zu Recht besteht: „Junge H., 
alte Betschwester“. Von den Tieren hat 
die Libelle wohl wegen ihres schmucken 
Aussehens den Namen „Wasserhure“ er¬ 
halten. Die Herbstzeitlose heißt im Volks¬ 
mund „nackte H.“, das Farnkraut, viel¬ 
leicht seines üppigen Wuchses halber, 
„H.nwurz“ 49 ). 

19 ) Knoop Hinterpommern 158. 20 ) Groh- 

mann 106 Kr. 763. 21 ) Eiselcin Sprichwörter 

(1838) 336 = W. Körte Sprichwörter der 

Deutschen (1847) 225 Nr. 3088. 22 ) Grimm 

Myth. 3, 441 Nr. 221. 23 ) Ders. 3, 444 Nr. 304 
(Chemnitzer Rockenphilosophic); John 114; 
Schultz Alltagsleben 205. 24 ) Finder Vierlande 
2, 277. 2S ) A. Jeremias Das Alte Testament im 
Lichte des Alten Orients (1916) 631 f. 429. 435. 
505. 26 ) Adv . haeres. 55, 7 (ed. Oehler II. 138). 
27 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 235; Hefele 
Concilieuge schichte 6, 438. 28 ) Stracker j an 

2, 14 Nr. 271; 202 Nr. 449; Wuttke 363 

§ 547 - 29 ) Fogel Pennsylvania 85 Nr. 326. 

30 ) Schönwerth 1, 113; Spieß Pränkisch- 
Henneberg 116; Fogel 84 Nr. 321. 31 ) DWb. 

4* 2 1959 - 32 ) Knoop 158 Nr. 37; Schultz 

239 f. 33 ) Grohmann 100 Nr. 696. 34 ) Grimm 

3, 438 Nr. 116. 35 ) Joh. Chrysostomus 

Hom. 21; Grimm 2, 941; 3, 440 Nr. 177 (Chem. 
Rock.); ZfVk. 23 (1913), 19. 124t.; Stemp- 
linger Aberglaube 44 f.; Meyer Abergl. 135; 
Schönwerth 3, 274; Wuttke Sachs. Volksk. 
300; Leoprechting Lechrain 88. 36 ) Lieb- 

recht 359. 37 ) Schultz 240. 38 ) Knoop 163 
Nr. 90. 39 ) DWb. 4, 2, 1961; A. de Cook Volks- 
geloof 1 (1920), 203t. 40 ) Mannhardt 1, 443. 
Ders. Forschungen 322; Meyer Germ. Myth. 
255 § 337 - 41 ) John 195. 42 ) Birlinger Aus 
Schwaben 1, 127. 43 ) ZfVk. n (1901), 305. 312. 
328. 44 ) K. Simrock Die deutschen Sprich¬ 

wörter 235 Nr. 5129. 45 ) Meyer Germ. Myth. 
247 § 325. 48 ) Witzschel Thüringen 1, 302 

Nr. 314. 47 ) Heyl Tirol 63 Nr. 22. 48 ) ZfdMyth. 
3, 327. 4# ) DWb. 4, 2, i960. Karle. 

Huß, Karl, geb. 1761 zu Brüx, Scharf¬ 
richter zu Eger und eifriger Sammler 
von Waffen, Münzen, Mineralien und 
Fossilien. Goethe nahm lebhaftes Inter¬ 
esse an der Sammlung, die er auch 1806 
und 1808 besuchte x ). Huß starb 1838 als 
Kustos seiner 1828 in den Besitz des Für¬ 
sten Metternich übergegangenen Samm- 
lung. 


513 


Husten—Hut 


514 







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Alles was Huß in seiner Eigenschaft 
als Scharfrichter an zauberischen Mitteln 
und abergläubischen Anschauungen des 
Volkes kennen gelernt hatte, schrieb er 
1823 zusammen in ein Heft, das 1900 von 
A. John entdeckt 2 ) und zehn Jahre 
später herausgegeben wurde 3 ). Auf¬ 
zeichnungen von hervorragendem Quel¬ 
lenwert, der dadurch, daß Huß diesen 
Aberglauben eifrig bekämpft, in keiner 
Weise geschmälert wird. 

*) Vgl. Goethes Tagebucheintrag vom 5. Aug. 
1806 (Weimarer Ausgabe, Abt. III). —Goethes 
Briefwechsel mit J. S. Grüner und J. St. Zauper. 
Hrsg, von A. Sauer, Prag 1917* Reg. S. 498 f. 
Ebendort S. 377 auch ein Bild von Huß. 
*) A. John ZföVk. 6, 107!. 3 ) Beiträge zur 
deutsch-böhmischen Volkskunde, Prag 1910. 

Helm. 

Husten. Bei den Letten erscheint der 
H. noch als personifizierter Krankheits¬ 
dämon 2 ); in der deutschen Sage wird 
öfters erzählt, daß an Geisterorten 3 ) H. 
gehört wird oder in den Zwölfnächten 4 ). 

Der H. ist vorbedeutend: Wird der 
Silvestergottesdienst durch vieles H. ge¬ 
stört, kündet sich ein unruhiges Jahr 
an 5 ); wer zu Weihnachten hustet, stirbt 
an der Schwindsucht 6 ); hustet das Vieh, 
so wird's bald kalt 7 ). 

Je nach seinem Auftreten heißt der H. 
Schaf-, Esel- oder Magenh. 8 ). 

Abgesehen von verschiedenen Kräuter¬ 
tees 9 ) wird in der Grazer Gegend empfoh¬ 
len, der Leidende soll rasch zur Tür hin¬ 
ausspucken und, ohne sich umzusehen, zu¬ 
rückgehen 10 ); in Tirol trägt man gegen 
H. eine Adlerzunge eingenäht am Halse n ); 
heftigen Anfällen sucht man dadurch zu 
begegnen, daß man den linken Arm 
herabhängen läßt 12 ). 

*) Grimm Mythol. 2, 970; Höfler Krank¬ 
heitsnamen 245; Hoops Realie} k. 2, 577; Laist- 
ner Nebelsagen 43; Müller Isergeb. 10; Wett- 
stein Disentis 176. 2 ) ZfVk. 5, 28. 3 ) Heyl 

Tirol 271 Nt. 86. 4 ) Ebd. 751 Nr. 2; 764 Nr. 64. 
*) John Erzgeb. 182. c ) ZfVk. 4, 312. 7 ) SAVk. 2, 
222. s ) Höf ler Krankheitsnamen 245; Ho- 
vorka-Kronfeld 2, 20. •) Schmidt Kräuter¬ 
buch 56. 10 ) Hovorka - Kronfeld 2, 20. 

«) ZfVk. 8, 168. 12 ) Lammert 242. 

Stemplinger. 

Hut. 

Gliederung; 1. Allgemeines. Erklärung. — 
2 . Zauber- und Wetterhüte. — 3. Der H. der 
Geister. — 4. Der H. in Sagenmotiven. — 


P 5 e V» t 1 ^ fr £ Kl 


IV 


5. Rechtswesen. — 6. Geburt. — 7. Hochzeit. — 
8. Tod. — 9. Volksmedizin. — 10. Feld- und 
Viehwirtschaft. — 11. Sonstiges. 

1. Der Aberglaube macht keinen Un¬ 
terschied zwischen dem meist mit einer 
Krempe versehenen H.*) im engern Sinne 
und der Kappe oder Mütze, weshalb im 
folgenden alle diese gegenüber der weib¬ 
lichen Haube (s. 3, 1548 ff.) vorwiegend 
männlichen Kopfbedeckungen in 
einem behandelt werden, wobei allerdings 
stets der in der Belegstelle gebrauchte 
Ausdruck beibehalten wurde. 

Wie der Schuh (s. d.) den Fuß, so kann 
der H. auch den Kopf und die Person 
des Trägers selbst vertreten. Ersitzt 
auf der höchsten und sichtbarsten 
Stelle des Körpers, ist daher Gefahren 
von außen am meisten ausgesetzt, aber 
andrerseits auch besonders geeignet, sol¬ 
che abzuwehren. Er sichert aber auch die 
Haare (s. d.), die oft als Sitz der Seele 
und des Lebens gedacht werden, vor bö¬ 
sen Einwirkungen und verhütet, daß 
durch das Haar oder den Körper eines 
unreinen Weibes überhaupt die Um¬ 
gebung geschädigt wird 2 ). Denn wie 
Nacktheit (s. d.) die Ausstrahlung der 
dem Menschen innewohnenden magischen 
Kraft befördert und diesen zugleich für 
Einflüsse von außen empfänglicher macht, 
so bindet die Bedeckung des Körpers die 
vom Individuum ausgehenden Ausstrah¬ 
lungen und bietet gegen schädlichen Ein¬ 
fluß von außen Schutz 3 ). In diesem Sinne 
kommt mehr die Haube (s. d.) als Zeichen 
der Frau in Betracht. 

Wichtig ist ferner die geschlechtssinn¬ 
bildliche Ausdeutung, welche die meisten 
Formen der Kopfbedeckung als Sinn¬ 
bild des weiblichen Geschlechts¬ 
teiles auf faßt. Gleiche Bedeutung dürfte 
schon den Mützenidolen des altkretischen 
Gottesdienstes zukommen, die als in Ton 
hergestellte Mützen der minoischen Magna 
Mater erklärt werden. Sie sind das Zei¬ 
chen der weiblichen Gottheit und die 
Doppelaxt das der männlichen Gottheit, 
aber nicht weil die Göttin eine Mütze auf 
dem Kopfe trägt und der Gott die Axt 
als Waffe führt 4 ), sondern weil Mütze 
und Axt Sinnbilder der beiden Geschlech- 


17 


515 


Hut 


516 


ter sind. Abzulehnen ist die Ansicht, 
daß die Kopfbedeckung einzelner Göt¬ 
ter und Helden, z. B. die runde, zuge¬ 
spitzte Filzkappe des Hephaistos, Hermes, 
Odysseus oder die Haube der Artemis, 
die Mütze der Zwerge u. a. einen Hinweis 
auf den Mondursprung ihrer Träger 
dar st eilt s ). 

Die hohe Bedeutung, welche dem H. im 
Volksglauben und namentlich im Rechts¬ 
wesen zukommt, erklärt sich zu einem gro¬ 
ßen Teil auch daraus, daß der H. ein 
Standeszeichen war, ursprünglich nur 
von Herrschern und Priestern ge¬ 
tragen wurde, was wahrscheinlich schon 
bei den Goten der Fall war 6 ). Priester 
dürften aber zumeist nur bei gottesdienst¬ 
lichen Handlungen, im Verkehr mit den 
Göttern, die gewöhnlich auch mit einer 
Kopfbedeckung geschmückt sind, den 
H. getragen haben. Aus der beim Opfer 
getragenen phrygischen Mütze, der klas¬ 
sischen Mithramütze, hat sich die Bi¬ 
schofsmütze oder Mithra entwickelt 7 ). 
Von den Kopfbedeckungen geistlicher 
Würdenträger (Kardinals-, Erzbischofs-, 
Bischofs-, Protonotarienh.) bilden zu den 
anders geformten H.en weltlicher Per¬ 
sonen (Fürstenh., Markgrafenh., Kurh., 
Herzogsh. u. a.) einen Übergang die so¬ 
genannten geweihten H.e, welche der 
Papst an Fürsten und Feldherren ver¬ 
schenkte, die sich um den katholischen 
Glauben verdient gemacht hatten. Ver¬ 
anlassung dazu gab das Traumgesicht 
des Judas Makkabäus (2. Makk. 15). 
Den letzten erhielt General Daun nach 
dem Überfall bei Hochkirch (1758) 8 ). 
Dem H. geistlicher Personen, früher be¬ 
sonders der Jesuiten 9 ), schrieb das 
Volk eine besondere Kraft zu, wie über¬ 
haupt jedem H., der eine religiöse 
Weihe erfährt, der in Taufwasser ge¬ 
taucht oder bei dem Abendmahl, einer 
Hochzeit oder einem Begräbnis getragen 
wird. 

Eine bemerkenswerte Rolle spielt der H. 
in bezug auf Wind und Wetter, wobei 
freilich manche Überlieferung von der den 
ganzen Körper verhüllenden Nebelkappe 
(s. d.) auf die Kopfbedeckung übertragen 
wurde. Manche mit dem Schuh (s. d.) 


oder Pantoffel gemeinsame Züge er¬ 
klären sich daraus, daß der H. von allen 
Kleidungsstücken am leichtesten zu wech¬ 
seln und beweglich ist, worin ihm der 
Schuh ähnlich ist. 

Wichtig ist ferner die Farbe, Form 
(hier besonders die auch an die Drei¬ 
faltigkeit erinnernde dreieckige s. drei), 
Herkunft und der Stoff des H.es! 
dann der Umstand, ob er alt und 
schmutzig oder neu ist, dann die Art, 
wie er getragen oder verwendet wird. 
Dem erst in neuerer Zeit aufgekommenen 
H.band kommt im Aberglauben einst¬ 
weilen noch keine Bedeutung zu, dagegen 
aber dem H.schmuck, wie überhaupt 
dem Kopfschmuck (s. Schmuck). Im 
rauflustigen Süddeutschland ist das Auf¬ 
stecken einer Feder auf den H. das Zei¬ 
chen der Herausforderung, was auch in 
Vierzeilern erwähnt wird 10 ). 

Die Kopfbedeckung ist bei einzelnen 
Völkern und Volksstämmen, die sich oft 
auch dadurch von einander scharf unter¬ 
scheiden, mit den religiösen und na¬ 
tionalen Überlieferungen eng verwach¬ 
sen. Ais nach dem Weltkrieg der türkische 
Diktator Kemal Pascha das Tragen des 
H.es an Stelle des als heilig angesehenen 
Fez anordnete, kam es in einzelnen Ge¬ 
genden zu offenem Widerstand, und nur 
durch strenge Maßnahmen wurde erreicht, 

daß bis 1927 der Fez fast ganz ver¬ 
schwand 11 ). 

*) Schräder Reallex. 454 ff.; Hoops Reallex. 

2 > 577 » HWb. 4, 2, 19780.; F. Hottenroth 
Handbuch der deutschen Tracht (Stuttgart o J ) 

969. 973 (Mütze); K. Spieß Die deutschen 
Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 1911) 

16. 29. 44 ff.; O. Timidior Der H. u. seine 
Geschichte (Wien 1914) 124—129; Heckscher 
266 f. 270. 499; Meyer Konv.-Lex. 9 (1906), 
674 f.; 10 (1905), 602 (Kappe); Hjalmar Falk 
Altwestnordische Kleiderkunde, Videnskapssel- 
skapets Skrifter II. Hist.-filos. Klasse 1918 Nr. 3 
(Kristiania 1919) 90 ff. 2 ) P e hr Lugn Die 
magische Bedeutung der weiblichen KopBe¬ 
deckung im schwedischen Volksglauben, Mitteil, 
d. Anthropol. Ges. in Wien, 50. bzw. 20. Bd. 
(Wien 1920), 81 ff. 3 ) Ebd. 94. *) H. Prinz 

Etn Mützenidol aus Kreta, Mschles.Vk. 13/14 
(1911/1:2), 577 ff. 5 ) Siecke Götterattribute 170. 
6 ) Grimm Myth. 1, 75 ; Hottenroth a. a. O. 
48» Pehr Lugn a. a. O. 103. Vgl. Wissowa 
Religion 499; Pley De lanae usu 37 ff. 7 ) Vgl. 
Jennings Rosenkreuzer 1 , 14712, 46 f. 8 ) Meyer 




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518 


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Konv.-Lex. 9 (190b). 675. ‘ 9 ) Seligmann 

Blick 2, 223. 10 ) Vgl. Jungbauer Bibliogr. 

Nr. 1251. 11 ) Vgl. Bohemia (Prag) vom 28. Jänner 
1927. 

2. In der Sage ist aus der alten Tarn¬ 
oder Nebelkappe (s. d.), die ein ganzes, 
verhüllendes und daher unsichtbar 
machendes Kleid war, der ebenfalls un¬ 
sichtbar machende H. der Zwerge 
geworden 12 ), der nur bei einem Sonntags¬ 
kind (s. d.) wirkungslos bleibt 13 ). Ist 
der Zwerg ohne H. oder wird er ihm weg¬ 
geschlagen, so wird er den Menschen 
sichtbar 14 ). Diese meist großen und 
breiten Zwergenhüte 16 ) besitzen zu¬ 
weilen auch die Walen (Venediger) w ), 
die viele Züge von den Erdmännchen über¬ 
nommen haben. 

Verwandt ist der Breith. des Toten- 
und Windgottes Wodan, des Sid- 
höttr, wie Odin in der Edda genannt 
wird 17 ). Dieser ebenfalls unsichtbar 
machende H. hat sein Seitenstück im 
Helm des Hades (Pluto oder Orkus), aber 
auch im Flügelh. und Windh. des Her¬ 
mes (Merkur) und Perseus 18 ), und wohl 
auch in dem Kapuzenmantel der Neha- 
lennia (s. d.) 19 ). Denn dieser Breith. 
war ursprünglich jedenfalls mehr eine 
mantelartige Vermummung des Toten- 
und Windgottes, den man selbst nicht 
sieht, aber in seinem Wirken erkennt. 
Später dürfte aus der Vorstellung der 
wolkenbedeckten Berge (s. H.berge), 
wobei man die Wolke mit einem H. ver¬ 
glich, das Bild des mit einem breiten 
Schlapph. bedeckten Gottes entstanden 
sein, der in solchen Bergen mit den To¬ 
ten wohnt. Am allerwenigsten kann dieser 
H. gedeutet werden als der metaphorische 
Ausdruck des über das Gesicht des Gottes, 
als Geist des in den Baumkronen 
stürmenden Windes aufgefaßt, hin und 
her wehenden Laubes am Gipfel 20 ). 

An Wodan erinnern noch heute Sagen- 
gestalten, die mit dem Wind und Wet¬ 
ter in Beziehung stehen. Der wilde 
Mann in Tirol ist gut gelaunt, wenn es 
recht wettert. Dann sitzt er ohne H. 
und ohne Mantel unter seinem hohlen 
Stein. Ist schönes Wetter, so wickelt 
er sich in seinen Mantel und zieht den 


war 


ei- 


breitkrempigen H. tief ins Gesicht 21 ). 
Auch Rübezahl richtet sich in seiner 
Kleidung nach dem Wetter und trägt 
ebenfalls einen großen, breitkrempigen 
H. 22 ). Wetterhüte tragen auch die 
„Alten“ am Greiner und auf der Löffel¬ 
spitz in Tirol, die gern, den H. tief ins 
Gesicht gedrückt, auf aussichtsreichen 
Punkten das Wetter beobachten und 
machen 23 ). Einen breitkrempigen 
Schlapph. hat meist der wilde Jä¬ 
ger 24 ), der aber auch einen schwarzen 
Federh. 25 ), einen grünen 2e ) oder ei¬ 
sernen 27 ) H. trägt, dann der den wilden 
Jäger begleitende schwarze Mann 28 ), 
ferner der Schimmelreiter, der aber 
auch ohne Kopf erscheint 29 ); der Schwa¬ 
newert in Westfalen 30 ), der Eintöffeler 
und ein geisterhafter Schäfer in Schwa¬ 
ben 31 ) u. a. Sagen vom wilden Jäger 
häufen sich zuweilen in der Nähe von 
H.bergen (s. d.), besonders in der 
Lausitz. Hier tritt der Nachtjäger auch 
als Blauhütel (1, 1386 f.) auf, wozu das 
Volk erzählt, daß er einst ein Burgherr auf 
dem H.berg bei Bemstadt gewesen ist und 
stets einen blauen H. getragen habe 32 ), 
oder daß die Herren von Biberstein, 
denen dieser Besitz gehörte, immer blaue 
H.e zu tragen pflegten 33 ). Eine blaue 
Mütze trägt der Teufel in einer vlämi- 
schen Sage 34 ). Den für einen Wanderer 
gut passenden breitkrempigen H. 
trägt ferner der ewige Jude 35 ), der so¬ 
genannte „Alte“ auf der Teufelswiese im 
Wintermühlental (Siebengebirge) 3ö ), ein 
auf Kinderraub ausgehender Geist in 
einer Sage aus dem Böhmerwald 37 ), der 
an den Wassermann erinnert, dieser 
selbst in einer schlesischen Sage 88 ), dann 
der Hoimann in der Oberpfalz 39 ) und 
allerlei aufhockende Waldgeister 40 ), end¬ 
lich auch ein Geist im verfallenen Schloß 
Freienstein bei Beerfelden im Erbachi- 
schen 41 ). 

Der H. wird auch von Menschen zu 
Wetter- und Windzauber verwendet, 
wobei vornehmlich den H.en von Herr¬ 
schern und Priestern solche zaube¬ 
rische Kraft zukommt. Nach welcher Seite 
der schwedische König Erik seinen 
H. wandte und hielt, daher wehte augen- 


m 


519 


Hut 


520 


blicklich der Wind, weshalb der König 
den Beinamen Windli. (vedrhattr) be¬ 
kam 42 ). Mit den meist roten H.en der 
Geistlichen wurde schon früh das Wetter 
in Zusammenhang gebracht. Regen- 
wetter sollte nach älterem Glauben stets 
eintreten, wenn die Priester auf Reisen 
gingen oder zum Pfarrkapitel sich ver¬ 
sammelten. Ein leoninischer Vers lautet: 

Imber descendit, 

Monachus dum pergere tendit. 

Nach schwedischem Glauben soll man auf 
hoher See einen Priester sidkofte (tief- 
kappig) nennen, d. h. ihn nach Wür¬ 
den betiteln, um dadurch vor Reise - 
gefahren bewahrt zu bleiben 43 ). In Wal¬ 
lonie n kann ein Geistlicher den Wind 
wenden, wenn er die Spitze seines drei¬ 
eckigen H.es dorthin richtet, woher der 
Wind wehen soll 44 ). 

Mit einem dreieckigen H. wedelt in 
Thüringen der Gewitterbanner ein 
Unwetter weg 45 ). Der Wirbelwind hört 
auf, wenn man eine Mütze hinein- 
wirft 46 ). Durch das Schleudern einer 
Mütze oder eines Schuhes (s. d.) zwingt 
man in der Provence die Wolken zu wei¬ 
chen 47 ). Die Finnen zaubern Wind her¬ 
bei, indem sie einen H. wie einen Wirbel¬ 
wind herumschwenken 48 ), die Esten, 
indem sie den H. dreimal auf dem Kopfe 
herumdrehen und dann den Schirm oder 
die Kappe nach der Himmelsgegend zu 
richten, woher der gewünschte Wind 
kommen soll 4Ö ). 

Um das Wetter zu erforschen, 
hatte ein als Hexe verschrienes Weiblein 
im Allgäu ein kleines Löchlein in seinem 
großen, weißen H. Ein Blick durch dieses 
Löchlein sagte dem Weibe, ob ein Ge¬ 
witter entstehen und wann es kommen 
werde 50 ). Dieser Zauberh. erinnert 
an den Wunschh. des Märchens 51 ), 
der dort, wo er den Besitzer in die Feme 
trägt, eigentlich auch nur ein Windh. 
ist, da der Wind die treibende Kraft bei 
einem solchen Fluge vorstellt. 

12 ) Grimm Myth. i, 383. Vgl. Jahn Pommern 
54. 85; Kühnau Sagen 2, in ff. Nr. 755®. 768*; 
Pcuckert Schlesien 225 f.; Jungbauer Böh- 
merwald 4512. a. 13 ) Wuttke4i §45. 14 ) Grimm 
Sagen 127 ff. Nr. 152 fr.; Kühnau Sagen 2, 


100 Nr. 75i 7 — Peuckert Schlesien 229. 
1§ ) Jahn Pommern 69 Nr. 84 = Zaunert 
Natursagen 1, 47, vgl. 57; Meyer Germ. Myth. 
127 § 167; Sebillot Folk-Lore 4, 31. 16 ) 

Peuckert Schlesien 285. 1? ) Grimm RA. 1, 

377. 18 ) Grimm Myth. 1, 383t; Wolf Bei¬ 

träge i, 12; H. Güntert Der arische Weltkönig 
u. Heiland (Halle 1923) 152. 1B ) Güntert 

Kalypso 57. 67. in. 20 ) Meyer Religgesch. 233. 
21 ) Zingerle Sagen (1859) 82 Nr. 129 B = 
Zaunert Natursagen 1, 80. Vgl. Rochholz 
Sagen 1, 296 u. Glaube 2, 234. 2a ) G. Jung¬ 

bauer Die Rübezahlsage (Reichenberg 1923) 40. 
23 ) Alpenburg Tirol 104. 24 ) Wucke Werra 

298 f. Nr. 518 = Quensel Thüringen 165. Vgl. 
Stöber Elsaß 1, 17 Nr. 23. 25 ) Kühnau Sagen 
2, 458 Nr. 1061. 2e ) Ebd. Nr. 1114. 27 ) Meyer 
Germ. Myth. 242. Vgl. Schell Bergische Sagen 
505 Nr. 23. 28 ) Jungbauer Böhmerwald 88. 

ZB ) Wucke Werra 36 Nr. 69; 137 Nr. 237. 
30 ) Zaunert Westfalen 218. 31 ) Kapff Schwaben 
26 f. 32 ) Haupt Lausitz 1, 122 Nr. 136; Küh¬ 
nau Sagen 2, 447 t Nr. 1047; Sieber Sachsen 
171. 33 ) Meiche Sagen 844 Nr. 1047. 34 ) Goyert 
u. Wolter 142. 36 ) Sieber Sachsen 123. 34 ) 

Schell Bergische Sagen 505 Nr. 21, vgl. Nr. 19; 
Zaunert Rheinland 2, 11. 37 ) Jungbauer 

Böhmerwald 53. 39 ) Kühnau Sagen 2, 241 

Nr. 881. 3B ) Schönwerth Oberpfalz 2, 343. 

40 ) Kühnau Sagen 1, 511 Nr. 551; Zaunert 
Natursagen 1, 90. 41 ) Grimm Sagen 198 f. 

Nr. 271. 42 ) Grimm Myth. 1, 533; vgl. 3, 183; 
Rochholz Naturmythen 209. 43 ) Rochholz 

Glaube 2, 233 f. 44 ) Sebillot Folk-Lore 1, 102 f. 
45 ) Wucke Werra 104 Nr. 180 = Quensel 
Thüringen 280. 16 ) Kuhn Westfalen 2. 93 

Nr. 289. 47 ) Sebillot a. a. O. i, 110. 48 ) FFC. 
Nr. 30, 26 f. 4# ) Ebd. = Boeder Ehsten 109 f. 
50 ) Reiser Allgäu i, 193. **) Wolf Beiträge 1, 
ioff.; Grimm Myth . 1, 383t.; 2, 725t.; 3, 264; 
Bolte-Polivka 1, 464 ff. 483. 

3. Neben dem breitkrempigen Schlapph. 
erscheinen in der Sage noch andere H.- 
formen. Die dreieckigen und zwei¬ 
spitzigen H.e, die ein Kennzeichen der 
Zeit Friedrichs des Großen und Napoleons 
sind 62 ), sich aber noch bis auf die Gegen¬ 
wart bei gewissen Uniformen, Hof- und 
Amtstrachten, Schützengilden, Leichen- 
bestattem 53 ) und zum Teil auch in der 
Volkstracht, z. B. im Norden Badens 54 ), 
erhalten haben, kehren nicht selten bei 
Sagengestalten wieder. Einen Dreispitz 
trägt zuweilen der Nachtjäger 55 ), dann 
das Tannenmännlein des nordböh¬ 
mischen Jeschkengebirges 56 ), das Holz- 
männel 57 ), der Hauskobold 58 ), ge¬ 
spenstische Reiter 59 ) und andere Ge¬ 
spenster 60 ), ferner der Teufel 61 ), ein 
schlesischer Flurgeist 62 ), ein verwun¬ 


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Hut 


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schener Schäfer in Schwaben 63 ), ein 
Männchen, das sich wiederholt in den Kel¬ 
lern des Egerer Hauses zeigte, in dem 
Wallenstein ermordet wurde 64 ) u. a. 
Nach dem Glauben des Voigtlandes tra¬ 
gen auch jene Leute kleine, dreieckige H.e, 
welche als Bilsenschnitter (Binsen¬ 
schnitter) ihr Unwesen auf den Feldern 
treiben, weshalb solche H.e auch Bilsen- 
schnitterhütchen genannt werden 85 ). 
Den Zweispitz oder Bonapartsh. oder 
Napoleonh. trägt in Thüringen in einem 
Fall der wilde Jäger mit einem Pinsel 
darauf 66 ), im Voigtland ebenfalls der 
wilde Jäger 67 ) und ein gespenstischer Rei¬ 
ter 68 ), im sächsischen Erzgebirge ein 
Bergwerksgeist 69 ) und nach einer 
rheinischen Überlieferung auch der ewige 

Jude 70 ). 

Was die F a r b e anbelangt, sind r o t e H .e 
häufig, wie sie in Wirklichkeit von Geist¬ 
lichen, aber auch von Bauern im 12. und 
13. Jh. beim Tanze statt der Haube oder 
über der Haube getragen wurden 71 ) und 
noch in Shetland, wo sie eine Zuckerh.- 
form haben, in Südfrankreich und bei 
Triester Schiffern zu finden sind 72 ). Im 
deutschen Nordböhmen hat der Wasser¬ 
mann mitunter eine rote Kappe 73 ), 
sonst ist sie auch grün 74 ), wie in ähn¬ 
licher Weise der oft als Jäger und grün 
gekleidet gedachte Teufel zumindest eine 
rote Feder auf seinem H. trägt 75 ). 
Einen roten, wunderlichen H. hat der 
Rattenfänger von Hameln 76 ), ein 
rotes Käppchen tragen die wilden Wei¬ 
ber im Blöckensteiner See 77 ) und bis¬ 
weilen die Hexen bei den Südslawen 78 ). 
Auf den Feuergeist weist hin, wenn die 
Irrlichter neben Rothösel, Rotröckel 
oder Rotstrumpf auch den Spottnamen 
Rotkäppel haben 79 ) oder die Haus¬ 
geister und Kobolde rote H.e tragen 80 ). 
Betreffs der Erdmännlein heißt es aber 
schon in der Zimmemschen Chronik 81 ), 
daß sie durch geschenkte rote Röcklein 
und rote Käppchen vertrieben werden, 
weil sie die rote Farbe nicht leiden, kön¬ 
nen (s. Kleid). Bergmännchen haben 
oft spitze H.e 82 ), wie manchmal die Ko¬ 
bolde, die aber als Haus- und Ahnen¬ 
geister gern auch in altvaterischer Tracht 


mit Zipfelmütze oder breitkrempigem 
H. sich zeigen 83 ). 

Eine weiße Zipfelkappe trägt das 
Käsperle von Gomaringen, das zu Leb¬ 
zeiten ein betrügerischer Vogt gewesen 
sein soll 84 ), eine weiße Mütze hat auch 
der Geist des ehemaligen Hexenmeisters 
Pagels auf Rügen 85 ), graue Hütchen tra¬ 
gen Waldgeister 86 ) und die nach der Farbe 
ihrer Kleidung geradezu „Graumänn¬ 
lein 4 * genannten Geister 87 ), von grauer 
Farbe ist wohl auch die Kapuze, welche 
das Einfüßele in Nonnenhaus trägt 8Ö ), wie 
eine solche auch der wie ein Bergmann 
mit Kutte und Kapuze bekleidete Rübe¬ 
zahl anhat 89 ). 

Einen Strohh. hat das Wasser- 
weibl in Schlesien 90 ), das Ruiweible im 
schwäbischen Allgäu 91 ) Und nach einer 
Böhmerwaldsage der Teufel, der einer 
Krauthexe die Würmer von dem Kraut 
abklaubt 92 ). Auf einem Gute in Wal¬ 
tersdorf bei Berga durfte das Gesinde ei¬ 
nen Strohh., den man Pferdekopf 
nannte und der oben im Kuhstall lag, 
nicht verspotten. Eine Magd, die dies tat, 
erhielt jeden Abend vor dem Schlafen¬ 
gehen einen empfindlichen Schlag auf den 
Hintern, so daß sie schließlich den Dienst 
aufgeben mußte 93 ). Bei weiblichen 
Schloßgespenstern in mittelalterlicher 
Tracht wird bisweilen angeführt, daß sie 
einen H. mit wallenden Federn tragen 94 ), 
wofür der Sage meist alte Gemälde das 
Vorbild geliefert haben. Vereinzelt fin¬ 
det sich eine Art Wachstuchh. als Kopf¬ 
bedeckung eines Gespenstes auf schwäb.- 
alem. Gebiet 95 ). 

Einzelne Geister, besonders Kobolde, 
erhielten sogar ihren Namen nach der auf¬ 
fälligen Form ihres H.es. Der später nach 
der Wahner Heide gebannte böse Haus¬ 
geist in Köln hieß von seinem hohen H. 
Huppet Huhot (Hubert Hochh.) 93 ), 
das Hütchen im Hildesheimischen hat 
seinen Namen (niedersächs. Hödeken) von 
seinem kleinen Filzh. 97 ), in Thüringen 
nennt man Zwerge mitunter ebenfalls 
Hütchen 93 ). Heinz Hütlein oder Hein- 
zelmann hieß das Männlein, welches bei 
den Mönchen zu Siegburg daheim war 99 ), 
der Hockgeist bei Freiberg in Sachsen hat 



523 


Hut 


524 


den Namen Mützchen 10 °), der an Faust 
erinnernde Geist Martin P u m p h u t 101 ) der 
Lausitz und des Voigtlandes besitzt einen 
Zauberh., mit dem er an die Mühlradwelle 
klopft, die dann gleich in dem Zapfen 
sitzt, oder auf den sich die Fliegen setzen 
müssen, die ihn beim Essen stören 102 ). An 
Wodan (s. o.) erinnert endlich wieder der 
wegen seines breiten, ledernen Schlapph.es 
Breith. genannte Geist, der in der Ad- 
ventszeit mit vier schwarzen, kopflosen 
Rappen, manchmal aber auch mit vier 
Schimmeln von Blaubeuren nach Wiesen¬ 
stieg fährt 103 ). Der Name Breith. kommt 
im übrigen neben anderen Zusammen¬ 
setzungen auch als Familienname 
vor 104 ), kann daher auch der Name 
einer geschichtlichen Person sein, welche 
im Grabe keine Ruhe findet. 

52 ) Hottenroth a. a. O. 685. 63 ) Meyer 

Konv.-Lex. 9 (1906), 675. 54 ) WZfVk. 30 (1925), 
26 nach Fehrle Baden 177 55 ) Sieber Sachsen 
165. 56 ) Kühnau Sagen 2, 205 Nr. 841. Vgl. 
Zaunert Natursagen 1, 90f. 57 ) Eisei Voigt¬ 
land 22 Nr. 37. 58 ) Ebd. 52 Nr. 117; 76 Nr. 190. 
5# ) Ebd. 59 Nr. 131; 62 Nr. 140. 00 ) Ebd. 73 ff. 

Nr. 181. 186. 193. 199. 41 ) Strackerjan 2, 

227 Nr. 481. 62 ) Kühnau Sagen i, 331 Nr. 316 = 
Peuckert Schlesien 184. ® 3 ) Kap ff Schwaben 

27. * 4 ) Jungbauer Böhmerwald 164. •») 

Grimm Myth. 1, 394. Vgl. Eiscl Voigtland 209 
Nr. 550. #Ä ) Quensel Thüringen 165. ® 7 ) Eisei 
Voigtland 116 Nr. 298. * 18 ) Ebd. 61 Nr. 138. 

6ö ) Sieber Sachsen 163. 70 ) Zaunert Rhein¬ 
land 2, 186. 71 ) Hottenroth a. a. O. 234. 

7f ) Heckscher 266. 73 ) Grohmann 12 

Nr. 44; Sieber Sachsen 178 t. 184. 74 ) Küh¬ 

nau Sagen 2, 324 Nr. 928; Jungbauer Böhmer¬ 
wald 51. 59. 62. 75 ) Vgl. Kühnau Sagen 2, 

554 ff. Nr. 1201. 1210 f. 1236. 1269. 1287 3 . 1289; 
Quensel Thüringen 298. 76 ) Zaunert West¬ 
falen 185. 77 ) Jungbauer Böhmerwald 93. 

78 ) Krauß Volkf. 44. 7Ö ) Quensel Thüringen 

251. 80 ) Grimm Myth. 1, 383. 423; Wolf 

Beiträge 2, 311; Heckscher 331. 81 ) (Freiburg 
u. Tübingen 1881) 4. 132 ff. = Kapff Schwaben 
42. b2 ) Quensel Thüringen 204. Vgl. Sieber 

Sachsen 261. 83 ) Vgl. Zaunert Natursagen 1, 

57; Quensel Thüringen 200. 84 ) Kapff 

Schwaben 49 f. 85 ) Jahn Pommern 59 f. Nr. 74. 
Vgl. Rochholz Sagen 2, L. 86 ) Peuckert 
Schlesien 184. 87 ) Vgl. Kühnau Sagen 2, 

201 Nr. 833. 88 ) Kapff Schwaben 49. 

89 ) G. Jung bau er Die Rübezahlsage (Reichen¬ 
berg 1923) 12. 90 ) Kühnau Sagen 2, 232 Nr. 870. 
#1 ) Kapff Schwaben 73 f. ° 2 ) Jungbauer 
Böhmerwold 203. 93 ) Eisei Voigtland 198 f. 

Nr. 525. ü4 ) Vgl. Jungbauer Böhmerwald 114. 
* 5 ) Birlinger Volksth. 1, 284. 96 ) Schell 

Bergische Sagen 562 Nr. 46; Zaunert Rhein¬ 


land 1, 186. 97 ) Grimm Sagen 54 ff. Nr. 74 

u. Myth. 1, 420. 98 ) Quensel Thüringen 195, 203. 
") Schell Bergische Sagen 453 ff. Nr. 63; vgl. 
599. 10 °) Sieber Sachsen 295!.; Seyfarth 

Sachsen 10. ln ) Haupt Lausitz 1, 185 ff. 
Nr. 220 = Kühnau Sagen 3, 160 ff. Nr. 1544. 
102 ) Meiche Sagen 495 ff. Nr. 645«.; Sieber 
Sachsen 225 ff. 335. Kapff Schwaben 

25 f. 104 ) A. Heintze Die deutschen Familien¬ 
namen* (Halle 1922) 200. 

4. Von weiteren Sagenmotiven , in 
welchen der H. eine Rolle spielt, ist noch 
zu erwähnen, daß Tote, wie den Raub 
des Hemdes (s. d.) oder Kleides (s. d.), 
auch den der Mütze rächen 105 ). Und wie 
der Tote ohne sein Kleid nicht in das Grab 
zurück kann, so darf auch der Zwerg ohne 
Mütze nicht nach Hause kommen 106 ). 
Nach einer Kärntner Sage verläßt das gute 
Bergmandl für immer die Gegend, weil 
man ihm sein Filzhütlein genommen hat, 
das in der Kirche St. Helena auf dem 
Wiesenberge noch heute zu sehen sein 
soll 107 ), nach einer andern bringt das von 
einem Bauer geraubte Geisterhüt¬ 
lein dem Hause Unglück 108 ), wird aber 
nach einer etwas verdächtigen Erzählung 
von einer Hexe als ein wertvolles Glücks¬ 
ding betrachtet 109 ). Daß man, wenn 
man den H. der Unterirdischen in seine 
Hand bekommt, über sie selbst Macht 
gewinnt, wie etwa bei den Schwan¬ 
hemden, wird ganz vereinzelt bloß von 
E. M. Arndt überliefert 110 ). Wer einen 
Zwergenh. besitzt, kann sich selbst un¬ 
sichtbar machen und findet den Weg 
zum Schatzberg m ). Durch Vor¬ 
halten seiner Mütze vermag ein Zwerg 
die Leute irrezuführen, wie dies die 
Nebelfrau mit ihrem Schleier (s. d.) 
tut 112 ). 

Der H. eines ins Jenseits Entrückten, 
der ihn dort vergessen hat, kommt am 
nächsten Aschermittwoch zurück und 
bald danach stirbt sein Besitzer 113 ). Ein 
Zauberer darf seinen verlorenen H. nicht 
aufheben 114 ); wer mit dem Teufel Kar¬ 
ten gespielt hat, findet den zurückgelasse¬ 
nen H. später zerfetzt vor 115 ), wie sich 
Geister überhaupt an den als Opfer zu¬ 
rückgelassenen Kleidern (s. d.) schad¬ 
los halten. Eine Hexe verwandelt sich 
in einem Fall in einen Frauenh. 116 ). 
Der Freischütz kann die feindliche 


525 


Hut 


526 


Kugel mit dem H., den er mit der Öffnung 
nach oben beiseite legt, auf fangen 117 ). 
Schätze bannt man, indem man neben 
andern auch den H. auf das Schatzfeuer 
wirft u8 ). Der Teufel bringt mitunter 
Schatzgräber dadurch zum Sprechen, 
daß er einen, z. B. den mit der roten 
Mütze 119 ), als sein Opfer bezeichnet. 
Mit Gold gefüllt erhält ein Knabe seinen 
H. zurück, den der Wind in eine Schatz¬ 
höhle entführt hat 120 ), oder den boshafte 
Kameraden zum schwarzen Kellerfenster 
der Schellenburg bei Jägemdorf hineinge¬ 
worfen haben 121 ). Wer beim Anblick des 
geisternden Liebespaares in Straupitz 
nicht den Kopf entblößt, dem fliegt der 
H. vom Kopf 122 ). 

Wie der junge Riese im Kindermärchen 
eine Glocke als H. benützt 123 ), so findet 
sich dasselbe Motiv auch in der Legende 
vom hl. Theodul, Theodor oder Joder 
der Walser in Churrätien. Dieser bekam 
vom Papst eine Glocke geschenkt, die ihm 
der Teufel auf dem Kopf über die Alpen 
bringen mußte. Mit einem solchen Teufel, 
der eine Glocke auf dem Kopf hat, wird 
der Heilige auch heute noch abgebildet 124 ). 
Eine andere Legende erklärt, warum der 
hl. Jakob auf Abbildungen allein einen 
H. trägt. Die Apostel waren einmal 
dem Herrn voran durch ein Kornfeld ge¬ 
gangen. Da lief der Bauer herbei und 
nahm alle H.e zum Pfand. Doch der hl. 
Jakob sagte: „Laßt mir meinen H., ich 
will euer Kompatron sein“. Seitdem ist 
er der Kompatron der Bauern und hat 
daher als einziger Apostel einen H. 126 ). 

Andere Sagen erklären die auffällige 
H.form von Steinfelsen. Den H.- 
stein, auch Hollstein oder Heidenstein 
genannt, bei Spich, soll ein gespenstischer 
Riese in jeder Mainacht als H. aufsetzen. 
Wenn er ihn nach Mitternacht ablegt, er¬ 
zittert die Erde 126 ). Von dem „Des 
Teufels H.“ genannten Felsblock bei 
Ehrenberg unweit von Altenburg wird 
erzählt, daß ihn der Teufel im Spiele als 
H. getragen habe, bis Christus den Über¬ 
mut des Bösen dadurch dämpfte, daß er 
denselben Stein an seinen kleinen Finger 
steckte 127 ). Von den als versteinertes 
Brautpaar gedeuteten Felsblöcken an der 


Hohensteiner Straße in Barmen wird 
einer als der H. oder Kopf des Bräu¬ 
tigams bezeichnet und erzählt, daß er 
sich alle hundert Jahre einmal herum¬ 
dreht 128 ). Manche Sagen erzählen von 
Riesen, die große Steine im H. irgendwo¬ 
hin schafften, oder von Erdhügeln, 
vermeintlichen Gräbern, daß hier ein 
Held begraben sei, dessen Krieger das 
Erdreich zu dem Hügel in ihren Kopf¬ 
bedeckungen zusammengetragen hät¬ 
ten 129 ). 

Den Namen der östlich von Parchim 
gelegenen Mützenmühle erklärt die 
Sage damit, daß eine frühere Besitzerin der 
Mühle „Frau Mütz“ hieß, weil sie nur 
ungern eine neue Mütze aufsetzte, und 
ihr Nachfolger die von ihr ererbte Mütze 
in der Mühle festnageln ließ, wovon diese 
den Namen erhielt 13 °). 

Bekannt ist endlich das Märchenmotiv 
der Vertauschung der Kopfbe¬ 
deckung Schlafender, die bewirkt, daß 
der Menschenfresser seine eigenen Kinder 
an Stelle der fremden umbringt 181 ), und. 
das Schwankmotiv vom Meineid, wo¬ 
bei der falsch Schwörende einen Schöpfer 
in den H. und Erde in die Schuhe gibt 
und spricht: „So wahr ich meinen Schöp¬ 
fer über mir habe, und auf meiner Erde 
stehe...“ 132 ). 

106 ) Peuckert Schlesien 133 f. 10ft ) Quensel 
Thüringen 196. 107 ) Gräber Kärnten 26 Nr. 29. 
198 ) Ebd. 22 Nr. 20. 109 ) Ebd. 38 Nr. 45. 119 ) 
Märchen u. Jugenderinnerungen 2 1, 138 = 

Jahn Pommern 55 = Zaunert Natursagen 1, 
49 f. Vgl. Heckscher 74 f. m ) Mannhardt 
Germ. Mythen 448 t. UÄ ) Jungbauer Böhmer¬ 
wold 73. 113 ) Ebd. 100 f. 114 ) Kuhn Westfalen 
i, 79 t. Nr. 70 = Zaunert Westfalen 276. u *) 
Jungbauer Böhmerwald 190. u# ) Stracker¬ 
jan 1, 417 Nr. 220 gg. U7 ) Schönwerth Ober¬ 
pfalz 3, 167; Zaunert Westfalen 283; Quensel 
Thüringen 288. 291. Vgl. Kühnau Sagen 1, 
518 Nr. 563 (Tschech. - Schlesien); 524 Nr. 570 
(Nordostböhmen). u8 ) Heckscher 380. 
119 ) Sieber Sachsen 156. 12 °) Meiche Sagen 

43 Nr. 35. 121 ) Kühnau Sagen 1, 271 Nr. 240. 
122 ) Ebd. i, 298 Nr. 254. 123 ) Vgl. Bolte- 

Polivka 2, 286. 124 ) Vonbun Beiträge 21 ff. 

126 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 301 = Roch¬ 
holz Naturmythen 208 f. 12# ) Schell Bergische 
Sagen 488 f. Nr. 50. 127 ) Grimm Sagen 157 

Nr. 205. 128 ) Schell a. a. O. 184 Nr.noa. 

129 ) WZfVk. 29 (1924), 2, 33. 13 °) Bartsch 

Mecklenburg 1, 213 t. 131 ) Bolte-Pollvka 1, 
124. 499 t. 132 ) Peuckert Schlesien 155 t.; 


527 


Hut 


Hut 


530 



Kapff Schwaben 110; Zaunert Rheinland 2, 
217. Vgl. o. 2, 669. 

5. Eine besondere Bedeutung kommt 
dem H. in rechtlicher und sogar auch 
politischer Beziehung zu. 

a) Schon bei den Römern erscheint der 
H. als Zeichen der Freiheit, der 
Sklave bekam bei der Freilassung einen 
pileus, den H. der Freien 133 ). Brutus 
und Cassius ließen nach der Ermordung 
Cäsars Münzen schlagen, auf denen ein 
H. als Freiheitszeichen zwischen zwei 
Schwertern stand. Ähnliche Münzen 
prägte die Republik der vereinigten Nie¬ 
derlande nach ihrer Befreiung vom spa¬ 
nischen Joch 134 ). Zum Unterschied von 
den Anhängern der friedliebenden rus¬ 
sisch-englischen Partei, die ,,Mützen" 
hießen, nannte sich die franzosenfreund¬ 
liche Partei in Schweden während der 
Freiheitszeit (1718—1772) seit 1738 
„Hüte", um ihre freiheitliche Gesinnung 
zu betonen 135 ). Als sichtbares Zeichen dieser 
Gesinnung tauchten in der ersten Hälfte des 
19. Jhs. die breitkrempigen Karbona- 
ri-, Hecker-, Turner-und Demokra¬ 
tenhüte auf, die aber wegen ihrer Zweck¬ 
mäßigkeit bald in allgemeinen Gebrauch 
kamen 136 ). Auf die erwähnte Kopfbe¬ 
deckung der italienischen Verschwörer, 
der Karbonari, gehen die Kalabreser 
zurück, die 1848 vorübergehend den min¬ 
der „freiheitlichen" Zylinderh. ver¬ 
drängten 137 ). In manchen deutschen Ge¬ 
genden, wo Katholiken und Protestan¬ 
ten nebeneinander leben, unterschei¬ 
den sie sich durch die Form des H.es 138 ). 
Zum Sinnbild des verschlafenen deut¬ 
schen Michels ist endlich die Zipfelhaube 
geworden 13 °). 


b) Wie Adelige das Recht hatten, 
vor dem Könige mit bedecktem Kopfe 
zu sitzen 14 °), so haben auch sonst Per¬ 
sonen das Vorrecht, den Kopf bedeckt 
zu lassen 141 ), was sogar beim Gottes¬ 
dienste der Fall war. In Immenstadt hatte 
der Hauptkläger während der ganzen 
Seelenmesse den H. auf und legte ihn 
erst beim darauffolgenden Lobamte ab 142 ). 
In Zollikon behielten die Männer während 
der Predigt (nach Verlesung des Textes) 


die H.e auf und lüpften sie etwa nur bei 
Nennung des Namens Jesus 14S ). 

Andrerseits ist das Abnehmen des 
H.es und Entblößen des Hauptes vor 
dem Bilde der Gottheit und vor Höher¬ 
stehenden allgemein üblich 144 ) und 
auch bei Naturvölkern zu finden 145 ). 
In der Oberpfalz war es sogar Sitte, daß 
der Landmann den H. abnahm, wenn er 
morgens die Sonne aufgehen sah, und 
wenn der Mond klar schien, sagte man, 
es sei schade, den H. aufzubehalten 148 ). 
Nach mittelalterlichen Quellen war ein 
auf den Speer gesteckter Filzh. das 
Zeichen, daß man die Herberge suchte, 
und auch der Gast dürfte mit abgezo¬ 
genem H. die Herberge gesucht haben. 
Wenn er aber über drei Tage blieb, nahm 
ihm der Wirt den H. weg und zeigte 
dadurch und durch schlechte Behandlung, 
daß ihm der Gast lästig sei 147 ). Im 
Böhmerwald war es noch vor dem Welt¬ 
krieg nicht selten, daß abhängige Zins- 
gründler oder Holzhauer im Gespräch 
mit herrschaftlichen Förstern und Hegern 
den H. in der Hand hielten 148 ). Wenn 
der südslawische Bauer einen Herrn in 
der Stadt besucht, läßt er seinen H. 
draußen vor der Tür auf der Erde liegen 149 ). 

c) Gleich der Fahne diente früher der 
H. auch als Feldzeichen und Hoheits¬ 
zeichen. Wer ihn aufsteckte, forderte 
das Volk zur Heer- und Gerichtsfolge 
auf und hatte die Gewalt dazu. In Fries¬ 
land hieß der Träger der Fahne oder des 
H.es Hödere (Hutträger). Auch Geßlers 
H. ist Sinnbild der Obergewalt zu Gericht 
und Feld 150 ), später aber zum Schweizer 
Sinnbild politischer Selbständigkeit ge¬ 
worden. Will man zwischen angeborener 
und angemaßter Selbstherrlichkeit unter¬ 
scheiden, so gebraucht man die Redens¬ 
art: „Es ist ein Unterschied zwischen 
dem König David und einem Hutmacher¬ 
gesellen" 1S1 ). 

d) Der H. war ferner Sinnbild der 
Übertragung von Gut und Lehen. 
Der Übertragende oder an seiner Statt 
der Richter pflegte den H. zu halten, der 
Erwerbende hineinzugreifen oder einen 
Halm hineinzuwerfen 162 ). Das Greifen 
in den H. scheint aber noch früher auch 


den Sinn des Verschwörens gehabt zu 
haben. Die miteinander „in den hut 
griffen", „verschworen" sich zusammen. 
Daher entspricht auch die Redensart 
„unter dem hütlein spielen" dem latei¬ 
nischen conspirare inter $e nz ). 

e) Eine alte Form der Einsprache 
gegen die Ehe war das Werfen des 
H.es oder der Mütze. Wenn im Hanau- 
ischen bei einer Eheverkündigung von der 
Kanzel eine Frauensperson Einsprache 
erheben wollte, mußte sie ihre Mütze 
abnehmen und in die Kirche werfen. Die 
Redensart „'s Hüetl eini werfen" bedeutet 
„die Heirat rückgängig machen" 154 ). 
Nach einer alem. Quelle wurde bei der 
Trauung mit der Braut auch ein H., 
Mantel und Schwert übergeben 155 ). 

f) Wie hier vertrat die Person der H., 
wenn es für einen Asylsuchenden 
genügte, den H. in die Freiheit zu 
werfen 155 ). 

g) Die Offenheit und Ehrlichkeit 

des Gerichtsverfahrens wollte man 
betonen, wenn nach sächsischem Land- 
recht Richter und Schöffen beim Gericht 
keine Kappen, H.e oder Hauben, aber 
auch keine Handschuhe (s. d.) und ge¬ 
schlossenen Mäntel (s. d.) anhaben 

durften 157 ). 

h) Eine entehrende Strafe war das 
Tragen bestimmter H.e. Nach dem 
Seligenstadter Sendrecht wurde ein 
Wucherer bestraft, indem er an drei 
Sonntagen barfuß und einen Judenh. 158 ) 
auf dem Kopfe mit dem Weihwasser um 
die Kirche gehen mußte. Zur Hinrich¬ 
tung wurde dem Verbrecher zuweilen 
eine rote Mütze auf den Rock gebunden 159 ) 
und Ketzern,. wie z. B. dem Magister 
J. Huß, den man so gewissermaßen als 
Bischof des Teufels kennzeichnen wollte, 
eine Papiermütze mit darauf gemalten 
Teufeln in Form eines Bischofsh.es auf¬ 
gesetzt 16 °). 

i) Bedeutung hat der H. endlich auch 
im Weiderecht. Wenn ihn der Hirt 
auf seinen Stab hängte und diesen an 
der Grenze der Nachbarweide in den 
Boden steckte, diente er als Befrie¬ 
dungszeichen, wie man ähnlich mit¬ 
unter auch während der Dauer des 


Marktfriedens einen H. auf steckte 16 J ). 
In der Mittelmark bekam der Pferdehirt, 
dessen Pferd am Pfingstmorgen zuerst 
auf der Weide war, einen H. aufge¬ 
setzt 162 ). In Württemberg besteht der 
Brauch, daß der Hirt zu festgesetzten 
Zeiten einen H. bekommt, so im Oberamt 
Eilwangen der Schafhirt dann, wenn er 
mit seiner Herde draußen bleiben kann; 
sonst bekommt der Gemeindehirt den 
H. auch am Katharinatag (25. Novem¬ 
ber) 163 ). An dem Tage, an dem die 
Bauern den Vertrag mit ihrem Hirten 
für den kommenden Sommer abschlossen, 
fand in Bayern der H.tanz statt 164 ). 

j) Bei diesem erscheint der H. als 
Siegespreis. Bei dem früher auf schwä¬ 
bischen Kirchweihfesten fast regelmäßig 
getanzten H.tanz war meist ein H. 
mit einer Schnur an einer hohen Stange 
hinaufgezogen. Die Schnur wurde unten 
angebunden und ein Stück Schwamm 
daran befestigt und angezündet. Man 
tanzte rings um den H. und reichte einen 
geschmückten Zweig herum. Wer diesen 
in der Hand hatte, wenn die Schnur 
abgebrannt war und der H. herabfiel, 
gewann den Preis. Auch andere Formen 
waren üblich, wobei z. B. das Losgehen 
einer Pistole als Zeichen galt, bestimmte, 
in die Erde gesteckte Pfähle herauszu¬ 
ziehen und der, welcher den gemerkten 
Pfahl herauszog, Sieger war 165 ). 

Einen H. gewann der Sieger beim 
Hahnenschlag zu Fasten und beim Königs¬ 
schießen zu Pfingsten in Oldenburg 166 ), 
ferner bei dem H.reiten zu Pfingsten 
in Schlettau bei Halle und Ederslebeu 
bei Sangershausen, bei welchem das Ziel 
ein mit bunten Bändern und Tüchern 
geschmückter H. war 167 ), und den ähn¬ 
lichen Bräuchen in Anhalt, in Groß- 
Kühnau (Kr. Dessau) und Quellendorf 188 ). 
Ein Wettkampf eigener Art ist das H.-‘ 
singen oder H.aussingen der Land¬ 
bevölkerung in der Gegend von Dachau, 
das zum letztenmal 1911 in Tuntenhausen 
stattfand. Die Sänger müssen in Reimen 
über irgendwelche Dinge singen und da¬ 
bei über die Lösung eines Rätsels, das 
der den Wettkampf leitende Rätselherr 
aufgibt, nachdenken und hierauf das Wort 


53 i 


Hut 


532 


der Lösung in Reimen besingen. Der 
Sieger erhält einen landesüblichen H. 
oder eine Zipfelhaube. Ein solches Singen 
fand 1831 auch in München statt 169 ). 

Der H. spielt auch sonst im Volks - 
brauch eine Rolle, z. B. im Braun¬ 
schweigischen beim Hänseln der Dorf¬ 
burschen 17 °) oder in den seltsamsten 
Formen bei den Weinberghütern und 
Ochsenhütem Tirols 171 ) und namentlich 
bei den Teilnehmern am Perchten¬ 
laufen 172 ). Eine hohe, mit Bändern 
geschmückte Strohkappe hat in Shet¬ 
land der Anführer der Guisars, der 
Lustigmacher, welche nach dem in der 
Julzeit stattfindenden Schwerttanz (s. d.) 
auftreten 173 ). 

1M ) Gold mann Einführung 131!. ,3 ‘) Meyer 
Konv.-Lex. 9 (1906), 674. >“) Ebd. 676; 14 

(1907), 336 . 1M ) Ebd. 9, 675. i”) F. Hotten- 
roth Handbuch der deutschen Tracht (Stuttgart 

°. J.) 900. 138 ) K. Spieß Die deutschen Volks- 
trachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 1911) 44. 

) Hottenroth a. a. O. 944. “0) Grimm 

# A - U 377 ; DWb. 4, 2, 1979. 141 ) Vgl. Schurtz 
Tracht 126. 142 ) Reiser^fl^aM 2, 303. 143 ) SAVk. 
2, 64. Vgl. HessBl. 27 (1928), 269. 144 ) DWb. 

4 > 2, 1890. 148 ) Schurtz Tracht 125 f. 

14e ) Schönwerth Oberpfalz 2, 51 Nr. 1; 61 
Nr. 1. 147 ) Schönbach Berthold v. R. m f. 

148 ) Verf. 14 ®) Krauß Sitte u. Brauch 502 
15 °) Grimm RA. 1, 208. *«) Roch holz Sagen 

2, L. 1M ) Grimm RA. 1, 204 fr.; Goldmann 
Andelang 27*. Vgl. Hoops Reallex. 3, 473; 
Weinhold Frauen 2 1 (1882), 342; Schön¬ 
bach Berthold v. R. 112; A. Mailly Deutsche 
Rechtsaltertümer in Sage u. Brauchtum (Wien 
1929) 89 ff. 1M ) Grimm RA. 1, 207. 1M ) Ebd.; I 
Bächtold Hochzeit 1, 277. Vgl. Meyer Baden 
265. 156 ) Hoops Reallex. 3, 473. is«) Ebd. 

1#7 ) Weinhold Frauen 2 2 (1882), 298. 158 ) Uber 
diesen vgl. Hottenroth a. a. O. 228 f. 399 t. 
708. 1«) Grimm RA. 2, 303. “®) Vgl. Hotten- 
ro tha. a.O. 400; Sieber Sachsen 75. 181 ) Hoops 
Reallex. 3, 473. 182 ) Grimm Myth. 2, Ö56 2 (s. 
Maitau). 1M ) Eberhardt Landwirtschaft 20. 
164 ) Schmeller BayWb. 2, 257 = Roch- 
holz Sagen 2, L. 1W ) Meier Schwaben 2, 449 f.; 
Birlinger Volksth. 2, 285; Pfannenschmid 
Erntefeste 581; Sartori Sitte u. Brauch 3, 
252; Kapff Festgebräuche 1. 186 ) Stracker- 

jan 2, 227 Nr. 481. * 87 ) Kuhn u. Schwartz 
381 Nr. 61, 513 = Mannhardt i f 387 

168 ) ZfVk. 7 (1897), 86. 1W ) DG. i 5 (1914), 73 f.’ 
268. 17 °) ZfVk. 11 (1901), 332. 171 ) Rochholz 
Naturmythen 208. 17 *) Geramb Brauchtum 

8f. u. bes. Andree-Eysn Volkskundliches 
156 ff. 17S ) Heckscher 175. 

6 . Im Aberglauben in bezug auf die 
Wöchnerin und das neugeborene Kind 


wird der H. mehrfach verwendet. Zieht 
sich bei den spaniolischen Juden eine 
Geburt in die Länge und befürchtet 
man einen schlimmen Ausgang, so übt 
man neben anderm Gegenzauber auch 
den aus, daß man die Kopfbedeckung 
der Gebärenden in das Grab eines 
verstorbenen Verwandten gibt m ). Bei 
den pennsylvanischen Deutschen nimmt 
man dem ersten Mann, der eine Kind¬ 
betterin besucht, den H. weg, wirft ihn 
auf das Bett und gibt ihn erst zurück, 
bis der Mann dem Kind etwas geschenkt 
hat 17s ). Ähnlich nehmen in manchen 
Orten Slawoniens die Bekannten dem 
Vater des Kindes den H., schleudern ihn 
auf die Erde und stoßen ihn so lange 
mit den Füßen, bis es dem Manne gelingt 
den H. zu erhaschen oder bis er ein Löse¬ 
geld gezahlt hat 176 ). 

Während hier der H. als Geschlechts¬ 
zeichen erscheint, dient er zur Täuschung 
böser Geister, wenn die Wöchnerin den 
H. ihres Mannes aufsetzt (s. Hose). Dies 
tut sie im Lechrain jedesmal, wenn sie 
vor der kirchlichen Einsegnung das Haus 
verläßt 177 ). Polnische Frauen setzen 
bis sechs Wochen nach der Entbindung 
die Mütze ihrer Männer auf 178 ). Um 
Landshut darf die Wöchnerin vor der 
Aussegnung nur so weit aus dem Hause 
treten, als das Dach reicht, da sonst die 
Hexen über sie und ihr Kind Gewalt 
haben, es sei denn, daß sie einen H. auf¬ 
setzt, so daß sie dann, wie man sagt, 
gleichsam unter einem Dach ist. In 
Pömdorf besteht der Glaube, daß eine 
noch nicht vorgesegnete Wöchnerin 
Hagel bewirkt, wenn sie sich unter 
freiem Himmel bewegt, weswegen sie 
jedesmal, wenn sie ins Freie geht, einen 
Wasserkübel auf den Kopf setzt 179 ). 

Hier zeigt sich das viel wichtigere 
Motiv der Unreinheit des Weibes, 
durch die es selbst und die ganze Um-, 
gebung gefährdet wird, wogegen die Ver¬ 
hüllung ein Schutzmittel bildet 180 ). An 
der Nordwestküste von Neu-Guinea 
darf bei einzelnen Stämmen das Weib 
nach der Niederkunft monatelang das 
Haus nicht verlassen. Wenn es geschieht, 
muß das Haupt mit einem H. oder einer 


533 


Hut 534 


Matte bedeckt werden. Denn wenn die 
Sonne auf das Weib schiene, würde einer 
der männlichen Verwandten sterben 181 ). 
Bei Indian erst ämmen im Hudsonbay- 
Gebiet leben die Weiber während der 
Menstruation abgesondert und tragen 
lange H.e, welche Kopf und Brust be¬ 
decken 182 ). 

Das neugeborene Kind selbst wird durch 
besondere Kopfbedeckungen oder 
daran angebrachte Abwehrmittel 
gegen böse Einflüsse, namentlich gegen 
den bösen Blick geschützt, so oft durch 
ein Kreuz an der Mütze 183 ), durch ein 
rotes Bändchen, das bei den Sieben¬ 
bürger Sachsen an das Häubchen mitten 
über der Stirn genäht wird 184 ), durch 
an gehängte Geldstücke bei den Bul¬ 
garen, Montenegrinern, wo sie die Mäd¬ 
chen an roten Kappen tragen, Gräko- 
walachen, Türken u. a. 185 ), durch Alaun¬ 
stücke, die mit Troddeln geschmückt 
sind, in Ägypten 186 ), durch Weinstein 
bei den Gräkowalachen 187 ), durch allerlei 
Kräuter 188 ), in Deutschland besonders 
durch Johanniskraut 189 ) und auf dem 
Balkan durch Knoblauch, den man in 
Serbien auch an die Nachtmütze der 
Wöchnerin näht 190 ), dann durch tie¬ 
rische Schutzmittel, so Maulwurfsfüße 
und Wolfszähne bei den Gräkowalachen, 
Muscheln in Arabien und Ägypten 191 ), 
ein Stück Fuchsschwanz, das in Italien 
auch Erwachsene am H. tragen m ). 
Köpfe von Hirschkäfern im Innern Frank¬ 
reichs 193 ), Hörner aus Holz in Klein¬ 
asien 194 ), von einem Pilger aus Mekka 
gebrachte Schafsaugen in Persien, in 
die ein Türkis gesteckt ist und die das 
Kind in einem Kästchen an der Mütze 
trägt 195 ), dann durch Perlentroddeln 
in der Türkei und in Ägypten 196 ), ferner 
bei den Türken durch blaue Stoff¬ 
stücke mit Koransprüchen und Orna¬ 
menten in blauer Farbe, die Hände und 
Hufeisen darstellen, bei den Griechen 
durch blaue, in Silber gefaßte Steine 
oder blaues Glas 197 ), sonst auch oft durch 
rote Schutzdinge 198 ) und endlich 
durch magische Quadrate auf Por¬ 
zellan oder Papier, Koransprüche auf 
Papier und andere Amulette, welche auch 


die erwachsenen Mohamedaner meist im 
Turban tragen 199 ). 

Will sich die Sprache eines Kindes 
nicht entwickeln, so betritt im Erz¬ 
gebirge der von auswärts kommende 
Vater stillschweigend die Stube, setzt 
dem Kind seinen H. auf, verläßt hierauf 
auf kurze Zeit den Raum, kehrt dann 
wieder zurück und begrüßt die Seinen 20 °). 
In Thüringen muß der Mann dem Kinde 
stillschweigend den H. oder die Mütze 
auf setzen, um das Zahnen des Kindes 
zu befördern 201 ). Schreiende Kinder 
beruhigt man in Schlesien, indem man 
des Mannes Mütze unter das Kissen der 
Wiege legt 202 ). Nach sächsischem Glau¬ 
ben wird ein Kind fromm, wenn man 
sein Gummihütchen ins Tauf wasser 
taucht. Alsdann soll es auch leichter 
reden lernen 203 ). Tritt in Baden 
(Durbach, Ottenhofen) ein Uneingeladener 
in das Gasthaus, wo der Tauf schmaus 
gehalten wird, und zieht er den H. nicht 
ab, so muß er zur Strafe einen Liter Wein 
bezahlen 204 ). 

174 ) Stern Türkei 2, 299 t. 175 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 348 f. Nr. 1855. 178 ) Krauß Sitte u. 

Brauch 541. 177 ) Leoprechting Lechrain 236. 
178 ) Samter Geburt 90. 17# )\ Polling er Landshut 
242 f. 18 °) Pehr Lugn Die magische Bedeutung 
der weiblichen Kopfbedeckung im schwedischen 
Volksglauben, Mitteil. d. Anthropol. Ges. in 
Wien, 50. bzw. 20. Bd. (Wien 1920), 83 ff. 
181 ) Frazer 10, 20. 182 ) Ebd. 10, 90. 183 ) Selig¬ 
mann Blick 2, 334. 184 ) Ebd. 248. 18t ) Ebd. 

19 ff. 188 ) Ebd. 32. 187 ) Ebd. 38. 188 ) Ebd. 52. 
57 f. 18 ®) Ebd. 68. 18 °) Ebd. 71 f. m ) Ebd. 126 f. 
134. 192 ) Ebd. 118. 1M ) Ebd. 130. i* 4 ) Ebd. 137. 
1® 8 ) Ebd. 164. 18# ) Ebd. 230. 1#7 ) Ebd. 246. 

198 ) Ebd. 253 ff. 19 ®) Ebd. 263. 302 f. 342. 
20 °) John Erzgebirge 57. 201 ) Witzschel 
Thüringen 2, 248 Nr. 40. “U Drechsler I, 
210. Vgl. Urquell 2 (1891), 129. 203 ) Seyfarth 
Sachsen 273. 204 ) Meyer Baden 29. 

7. Betreffs Hochzeit und Ehe heißt 
es in Ostpreußen, daß eine ledige Person, 
der ein lediger Mann unverhofft und gegen 
ihren Willen seine Kopfbedeckung auf¬ 
setzt, noch sieben Jahre auf einen 
Mann warten muß, oder daß überhaupt 
jedes Frauenzimmer, welches sich einen 
Männerh. auf setzt, noch in zehn 
Jahren keinen Mann bekommt, was aber 
umgekehrt auch beim Manne gilt 205 ). 
Die pennsylvanischen Deutschen dagegen 



535 


Hut 536 

sagen, daß ein Mädchen, welches einen glück) u. a. aufgezeichnet war, drei aus 
Mannsh. aufsetzt, einen Kuß will 206 ), dem H.e 21 °). 

und auf Island meint man, wenn sich In Oldenburg war mitunter ein H. das 
ein weibliches Wesen den H. eines Mannes Geschenk für den Freiwerber, wes- 
aufsetzt, daß ihr dieser Mann gefällt, halb man von jemand, der ein Paar zu¬ 
ferner daß man über die Verheiratung sammengebracht hat, sagt: „He hefft 
dessen entscheiden wird, dem eine auf- sick n’ Haut verdeint“ 211 ). In der Eifel 
gesetzte Mütze gleich so gut paßt, daß ist das „Mützlüften“ üblich, wenn ein 
er sie nicht mehr zurechtzurücken ortsfremder Bursch ein Mädchen in 
braucht 207 ). ernster Absicht besucht. Dann gehen die 

In der Oberpfalz kannte man das fol- Ortsburschen zu einer Zeit in das Haus des 
gende Eheorakel: Wenn vor einem Mädchens, zu der sie den Fremden dort 

Mädchen zufällig ein Bursche ging, dem antreffen, und einer sagt den Spruch: 

es geneigt war, so sprach es dreimal leise: Wie wir haben vernommen, 

Bist du mir von Gott geschaffen. T S , ind Sic „ in unsc ™ Rosengarten gekommen, 

So greif nach deinem Hut oder Kappe! Und wollen eine der schönsten Rosen pflücken. 

Bist du mir nicht von Gott beschert, ^ *“" neü ! hncn da f durchaus nicht verbieten, 

So greif du zur Erd'' Wlr hoffen ' Slc "erden es uns doch ein wenig 

° ' vergüten! 

Aus der entsprechenden Bewegung des Dann lüftet der Sprecher dem Fremden 
Burschen schloß man dann auf die Zu- die Mütze, d. h. hebt sie ein wenig in die 
kunft 208 ). Einen dreieckigen H. hatte Höhe, und der Fremde hat eine bestimmte 
im Saterlande der Hausvater auf, wenn Geldsumme zu bezahlen. Verweigert 
er in der Neujahrsnacht durch Ruten- er die Zahlung, so erhält er bei geeig- 
werfen feststellte, woher im Laufe des neter Gelegenheit Prügel. Mitunter muß 
Jahres die Braut seines großjährigen sich der Fremde aber auch, wenn er schon 
Sohnes kommen oder wohin seine er- verlobt ist, noch einmal loskaufen, wofür 
wachsene Tochter alsFrauziehen werde 209 ), er einen Strauß, d. i. einen mit bunten 
Zur Zukunftserforschung überhaupt Bändern geschmückten Tannenast be- 
war in manchen Orten Oberösterreichs kommt. Dabei besteht der Glaube, 
am Thomastag das „Hüadlhöbn" (H.- daß der Bräutigam, so lange er den 
heben) üblich. Man legte neun H.e, aber Strauß nicht besitzt, in der Gewalt 
auch Hauben, Körbchen oder Schüsseln der Dorf burschen ist. In Zons am Rhein 
auf den Tisch und gab darunter Gegen- muß der Bursche, der sich um ein Mädchen 
stände, welche eine bestimmte Bedeutung in einem andern Ort bewirbt, regelmäßig 
hatten, so einen Ring (Heirat), Geld- die dortigen Burschen freihalten 212 ). Im 
beutel (Reichtum), Schlüssel (großes An- Rheinland heißt der Brauch auch H.- 
wesen), Kinderbild (Eltemfreude), Kamm lüften oder -strippen 213 ). Daneben sind 
(Ungeziefer),Tuch (Trauer),Bündel (Wan- auch in anderen Gegenden Deutschlands 
dem), Rosenkranz (Frömmigkeit). Der die verschiedensten Formen einer Tribut¬ 
neunte H. (Tod) blieb leer. Dann trat, einhebung von dem ortsfremden Bräuti- 
nachdem zuweilen die Gegenstände wieder- gam üblich 214 ). 

holt vertauscht worden waren, die Person, Bei der Hochzeit selbst, zu der in 
welche die Zukunft erforschen wollte, Gr öden die Braut einen breitkrem- 
mit verbundenen Augen ein und hob einen pigen, grünen H. tragen mußte 215 ), 
oder auch drei H.e auf. Anderswo hatte ist es um Ettlingen (Baden) Sitte, daß 
man bloß vier H.e, unter welchen ein der Bräutigam jedesmal, wenn beim 
roter Apfel und ein Kamm, die einen Hochzeitszug ein Schuß knallt, den H. 
schönen und häßlichen Mann bedeuteten, abnimmt und so seinen Dank kund- 
dann eine Geldmünze und ein Bündel gibt 216 ). Verliert er während des 
lagen. Um Hallstatt zog man von meh- Hochzeitszuges den H., so wird nach dem 
reren Zetteln, auf welche Ring, Haus, Glauben des Erzgebirges die Ehe durch 
Schlüssel, Kugel (Glück), Kohle (Un- Tod zeitig getrennt 217 ). Hochzeits- 


537 


Hut 


538 


geschenke werden in China von Männern 
in roten Gewändern, deren H. mit einer 
roten Feder geschmückt ist, in kostbaren 
roten Kästen getragen 218 ). 

Dem Aufsetzen der Haube (s. d.) bei 
Hochzeiten steht das H.aufsetzen im 
Hildesheimischen gegenüber, wo am 
dritten Tage nach dem Essen alle Hoch¬ 
zeitsteilnehmer auf einen Berg oder freien 
Platz ziehen und es dort Aufgabe der 
Verheirateten ist, der jungen Frau, welche 
noch immer den Brautkranz trägt, diesen 
wegzunehmen und dafür den H. ihres 
Mannes aufzusetzen, was die Unverhei¬ 
rateten zu verhindern suchen. Hat die 
Braut den H. aufgesetzt erhalten, so 
heißt sie von da an eine junge Frau und 
muß mit den Frauen, welche sich alle 
anfassen, tanzen, sie wird, wie man sagt, 
in den Frauentanz gebracht. Dieses 
Aufsetzen des H.es ist Sinnbild der Be¬ 
sitzergreifung (s. o.), und ähnlich bei 
den Ditmarsen, wo man der Braut den H. 
des Bräutigams auf setzt, wenn sie aus 
dem väterlichen Hause geholt wird 219 ). 
Doch spielt hierbei auch das Motiv der 
Täuschung böser Geister mit, da be¬ 
sonders der erste geschlechtliche Verkehr 
der Neuvermählten von Gefahren be¬ 
droht ist. Bei den Kleinrussen wird der 
Jungfrau die Mütze des Mannes in der i 
Brautkammer aufgesetzt, bei den Ober- j 
pahlenschen Esten gibt die Braut den H. 1 
des Bräutigams, der ihr nach der Trauung ! 
aufgesetzt wird, erst am 3. oder 4. Tage 
nach der Hochzeit weg 22 °). Abgeschwächt 
erscheint der Brauch im Egerland, wo 
der Brautführer die Braut auffordert, 
über seinen auf den Tisch gelegten H. 
zu steigen 221 ). Bei den Südslawen 
sitzt der Bräutigam nach der kirchlichen 
Trauung mitunter mit dem H. auf dem 
Kopf bei Tisch, womit wohl ausgedrückt 
wird, daß er jetzt ein selbständiger Herr 
ist 222 ). 

Bei den pennsylvanischen Deutschen 
gilt, daß der Mann, der sich einen Buben 
wünscht, während des Coitus den 
H. auf dem Kopf behalten muß 223 ). 

2°S) Urquell 1 (1890), 12. Vgl. Drechsler 1, 
226. 206 ) Fogel Pennsylvania 376 Nr. 2018. 

207 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 208 ) Wuttke 238 § 342. 


209 ) Strackerjan 1, 103 Nr. 115. 2J0 ) Baum¬ 

garten Jahr u. s. Tage 5. m ) Strackerjan 
2, 190 f. Nr. 436. Vgl. ZfrwVk. 1913, 4. 
21S ) Urquell 4 (1893), 230 fr. 213 ) Wredc Rhein. 
Volksk. 121. 214 ) Bächtold Hochzeit 1, 289 ff. 

215 ) Zingerle Tirol 24. 216 ) Meyer Baden 292. 
217 ) John Erzgebirge 96. 218 ) Seligmann 

Blick 2, 257 t. 219 ) Kuhn Westfalen 2, 40 t. 
Nr. 109. 22 °) Samter Geburt 91. 221 ) Jung¬ 
bauer Bibliogr. 99 Nr. 523. 222 ) Krauß 

Sitte u. Brauch 396 f. 223 ) Fogel Pennsyl¬ 
vania 354 Nr. 1895. 

8 . Die das Begräbnis ansagenden 
Familienangehörigen tragen auf der Alb 
manchmal einen langen Flor am H. 224 ), 
wie das Tragen eines schwarzen Flors 
um den H. in der Trauerzeit hie und da 
auch bei der Landbevölkerung üblich 
ist 225 ). 

Beim Begegnen eines Leichenzuges 
entblößt man allgemein das Haupt 226 ), 
was freilich auch dem vorangetragenen 
Kreuze gelten kann. Im Schwäbischen 
kommt dagegen häufig vor, daß die 
nächsten männlichen Leidtragenden sogar 
während des Leichengottesdienstes in 
der Kirche den H. auf dem Kopfe 
behalten, in Pfaffenhofen (Brackenheim) 
auch bei den Grabreden, sonst auch beim 
Vaterunser und dem Segen 227 ). Dies 
kann auf ein altes Vorrecht (s. o.) zu¬ 
rückgehen, aber auch aus der Furcht 
vor drohenden Gefahren zu erklären 
sein, die andrerseits vielleicht auch den 
Anlaß zum Entblößen des Kopfes ge¬ 
geben haben mögen 228 ), obwohl hier 
hauptsächlich die Ehrfurcht vor dem 
Toten und dem Tode zum Ausdruck 
kommt. Von den alten Friesen wird 
| gerühmt, daß sie nur vor Toten, nie vor 
Lebenden den H. zogen 22 °). Abwehr 
von Gefahren bezweckte wohl auch die 
seltsame Kleidung mancher Leichen¬ 
träger, die wegen ihrer Kutten und 
Kapuzen zuweilen Gugelmänner 
heißen 230 ). Gewöhnlich tragen die männ¬ 
lichen Leichenbegleiter den H. in der 
Hand, was in katholischen Gegenden 
während der Einsegnung vor der Kirche 
i und beim Grabe selbstverständlich ist 231 ). 
Die leidtragenden Frauen, die früher in 
Franken schwarze Florhauben trugen, 
gehen in Schlattstall (Kirchheim) ohne 
H. 232 ), in Heimsen (Kr. Minden) eben- 



falls die nächstverwandten Männer, wäh¬ 
rend die andern den H. bloß beim Ver¬ 
lassen des Hofes und beim Betreten des 
Kirchhofes lüften 233 ). Auch in einzelnen 
Orten Württembergs lüftet die Leichen¬ 
begleitung den H. bei Beginn des Läutens 
und beim Eintritt in den Friedhof 234 ). 
Hier ist hie und da auch der seltsame 
Brauch zu finden, daß zum Begräbnis die 
Haare des Zylinderh.es, der schon im 
16. Jahrhundert als Trauerhut diente 236 ), 
gegen den Strich nach rückwärts gebürstet 
werden, was teilweise auch die ganze 
Trauerzeit hindurch gehalten wird. In 
Magstadt (Böblingen) wurde diese Sitte 
nur von Ehemännern, denen die Frauen 
gestorben waren, beachtet 236 ). 

Verbreitet ist der Glaube, daß der 
stirbt, dem der H. ins Grab fällt 237 ). 
In Norddeutschland wurde früher den 
Männern eine Zipfelmütze im Sarge 
aufgesetzt 238 ), woraus sich zum Teil der 
Umstand erklärt, daß Geister bisweilen 
mit einer Zipfelhaube am Kopfe erscheinen. 

1U ) Höhn Tod 328. 2 * 5 ) Ebd. 353; Ur¬ 

quell I (1890), 32 (Ditmarschen). 22# ) Höhn 
a. a. O. 344; Urquell 1, 189. aa7 ) Höhn a. a. O. 
348. 2a8 ) Sartori Sitte u. Brauch 1, 147. 

"•) Ebd. = Urquell 1, 189. 23 °) Vgl. Günter! 
Kalypso 68. 2S1 ) Verf. 232 ) Höhn a. a. O. 343. 
3M ) ZfrwVk. 1907, 278. ,34 ) Höhn a. a. O. 344. 
3W ) Vgl. Justi Hessisches Trachtenhuch (Mar¬ 
burg 1905) 5 ff. = O. Meisinger Bilder aus der 
Volksk} (Frankfurt a. M. 1922) 43 f. ,3e ) Höhn 
a. a. O.343. * 37 ) Drechsler 1, 304. 238 ) Lauf- 
fer Niederd. Volksk} 136. 

9. Auch in der Volksmedizin findet 
der H. Verwendung. Gegen Kopfweh 
trägt man im Böhmerwald und im bay¬ 
rischen Wald hier und da noch die Zün¬ 
de rhauben, die auch in Vorarlberg, in 
Schlesien und in den Karpathen bekannt 
sind. In Schlesien sind sie bisweilen mit 
einem roten oder grünen Band zusammen¬ 
genäht und werden von besonderen Händ¬ 
lern, den „ Schwammkappenmännern“, 
verkauft. Im tschechischen Brdywald . 
tragen die Schnitter gern solche Kappen, 
weil sie ,,gesund seien und in ihnen der 
Kopf nicht schwitze* * M9 ). 

Überhaupt ist eine alte Gesundheits¬ 
regel, den Kopf womöglich bedeckt 
zu halten. Nach der Rockenphilosophie 
soll man dem an Fraisen leidenden Kind 


einen geerbten Fischtiegel über den Kopf 
decken und seinen Mund mit einem Erb¬ 
schlüssel auf brechen 24 °). Im Sommer 
soll man am Abend (s. d.) nicht ohne 
H. ausgehen, weil sonst die Fledermäuse 
ins Haar kommen 241 ) oder hineinpissen, 
wodurch man einen Kahlkopf erhält 242 ) 
(s. Haar). In Baden heißt es, daß man 
in der Nacht (s. d.) selbst vor einem 
Kruzifix den H. nicht lupfen soll, 
weil einem sonst der Teufel unter dem H. 
sitzt 243 ). Im Erzgebirge macht man, 
wenn man abends über einen Kreuzweg 
geht, zur Vorsicht mit Kreide ein Kreuz 
in das Innere der Mütze 244 ). 

In Kärnten reibt sich der Hals¬ 
kranke mit einem alten Filzh. den 
Hals und spricht dazu Segensworte t45 ). 
In Frankreich werden neben anderen 
Kleidungsstücken (s. Kleid) mitunter 
auch H.e bei Heilquellen und anderen 
Heilorten geopfert 246 ). Bei den 
Kroaten wischt man wehe Mundwinkel 
mit dem Rand einer H.krempe 
aus 247 ); in Tayinloan (Kintyre) kehrt 
man das Mützchen des vom bösen Blick 
betroffenen Kindes um, spricht einen 
Zauber darüber und setzt es dann, wieder 
in Ordnung gebracht, dem Kind auf 248 ). 

Gegen Kolik der Pferde hängt man 
in Oldenburg den beim letzten Abend¬ 
mahl getragenen H. auf eine in der 
Johannisnacht geschnittene Weidenrute, 
trägt ihn dreimal um das Pferd und 
spricht: ,,Lief, Lief, stüre di** 249 ). Ähn¬ 
lich geht man in Sachsen mit einem ge¬ 
weihten Haselstock dreimal um das 
verhexte Vieh (manchmal auch um 
kranke Menschen), dann wird der H. 
geschlagen, und die Schläge treffen die 
Hexe 25 °). Bei krankhaftem Aufblähen 
des Rindviehs hält man in Mecklen¬ 
burg dem Tier einen H. oder eine Mütze 
vor Maul und Nase. Je schweißiger 
diese sind, desto besser ist es 251 ). Ebenda 
werden kranke Tiere auch dadurch be¬ 
handelt, daß man ihnen mit einer Haube 
oder Mütze vom Kopf über den Rücken 
bis zum Schwänze streicht 268 ). Um 
das vom heimlichen Feuer oder 
Hexenteufelschuß (Milzbrand) geplagte 
Tier zu heilen, stellt sich in der nördlichen 



Hut 



Schweiz ein Mann um Mitternacht unter 
die Stalltür und macht mit seiner Kappe 
ein Kreuz durch die Luft, wozu er spricht: 


Herr Teufel nimm’s, 

Dem Satan bring’s 253 )! 

238 )BdböVk. 14, 1 (1917)» 405 fi., bes. 408; 14,2 
(1918), 322; ZfVk. 5 (1895), 142. 24 °) Grimm 

Myth . 3, 449 Nr. 474. 241 ) Reiser Allgäu 2, 

449. 24a ) Wuttke 406 §628. 248 ) Meyer Ba¬ 
den 514. 244 ) Seligmann Blick 2, 336. 246 ) 

WZfVk. 31 (1926), 53. 246 ) Vgl. S6billot 

Folk-Lore 2, 279; 4, 171. 247 ) Seligmann 

Blick 2, 302. 248 ) Ebd. 1, 306. 337. 248 ) Strak- 
kerjan I, 95 Nr. 108 = Wuttke 452 § 713 
= Seligmann Blick 2, 223. MsäVk. 3, 266f. 
= Knuchel Umwandlung 64. Kl ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 152. 262 ) Ebd. 2, 439. 263 ) Ver¬ 
male ken Alpensagen 414 Nr. 120. 

10. In der Feld- und Viehwirtschaft 
wird der H. ebenfalls zu bestimmten 
Zwecken verwendet. In der Mark Bran¬ 


denburg trägt man bei der Hirsesaat 
einen alten H. und hat drei Körner unter 
der Zunge 264 ). Die Wenden säen manch¬ 
mal aus der Mütze Verstorbener, 
damit die Vögel den Samen nicht weg¬ 
fressen 265 ). Vor Beginn der Saat zieht 
der Bauer in Baden seinen H. 2B6 ) und 
spricht ein Gebet. Dies tut er um Neckars¬ 
ulm auch nach vollendeter Saat, wobei 
er sagt: 

Herr, ich hab getan das Meine, 

Nun tu du auch das Deine 257 ). 


In Westfalen warfen die Knechte, wenn 
das letzte Korn geschnitten war, 
ihre Kappen in die Höhe und riefen dazu 
„Waul, Waul, Waul*' 268 ). Um Ludwigs¬ 
burg sagt man, daß die Mütze schief 
aufs Ohr zu setzen hat, wer die erste 
reife Traube erblickt 259 ), im deutschen 
Westböhmen, daß jener Weizen zu ver¬ 
kaufen hat, der den H. schief auf 
dem Kopfe sitzen hat 28 °). In Georgen¬ 
berg (Kr. Tamowitz) in Schlesien darf 
man bei einem Bauer seinen H. nicht 


auf den Tisch legen, weil sonst Maul¬ 
würfe die Wiesen des Bauers aufwühlen 261 ). 

In Württemberg und Baden setzt der, 
welcher Bruteier unterlegt und Küch¬ 
lein mit Hauben haben will, selbst 
eine Haube oder einen H. auf 262 ), im 
Oberamt Reutlingen eine Werghaube. 
Um Gerabronn heißt es, daß hierbei das 
Aufsetzen eines alten H.es den Zweck 
habe, alle Hühner zum Ausschlüpfen zu 


bringen 263 ). In Samland trägt man die 
Bruteier in einer Männermütze zum Nest 
oder auch in einer Pelzhaube, weil 
sich aus den Eiern „behaarte** Tiere ent¬ 
wickeln sollen. Man legt ein Ei nach dem 
andern ins Nest und spricht jedesmal: 
„Glatt hinein, rauh heraus** 264 ). 

Tritt bei den Tschechen um Königgrätz 
während des Ausbutterns ein fremder 
Mann in die Stube, so nimmt ihm die 
Magd die Mütze vom Kopfe und schlägt 
sie am Butterfaß ab 266 ). 

254 ) ZfVk. 1 (1891), 186 = Sartori Sitte u. 
Brauch 2, 67. 2W ) Schulenburg Wend. Volks¬ 
thum 110 — FFC. Nr. 31, 77. **•) Meyer Baden 
418. M7 ) Eberhard t Landwirtschaft 3. 

2M ) Kuhn Westfalen 2, 178 Nr. 492. tt# ) Eber¬ 
hardt a. a. O. 11. 24 °) John Westböhmen 251. 

2il ) Drechsler 2, 22. 242 ) Bohnenberger 

17; Meyer Baden 412. ** 3 ) Eberhard t a. a.O. 
20. ae4 ) Frisehbier Hexenspr. 127 f. 24S ) Groh- 
mann 146 Nr. 1079. 

11. Von sonstigem Aberglauben 
ist zu erwähnen, daß nach Tiroler An¬ 
schauung eine Mütze, die man dort, wo 
ein Regenbogen (s. d.) seinen Anfang 
nimmt, etliche Klafter weit in die Höhe 
wirft, voll Geld herunterfällt•••). Es 
heißt auch, daß der in den Regenbogen 
hinauf geworfene H. voll Geld ist, wenn 
er mit der Innenseite nach oben herab¬ 
fällt, aber mit Teufeln angefüllt ist, wenn 
er auf den hohlen Teil fällt 2fl7 ), oder daß 
man den H. auf die Erde werfen muß, so 
daß der Regenbogen darin zu stehen 
scheint. Dann wird er voll Gold sein, 
wenn die Innenseite nach oben gerichtet 
ist. Liegt er aber umgekehrt, so darf 
man ihn nimmer wegnehmen, weil sich 
unter ihm im Nu giftige Würmer (Schlan¬ 
gen) angesammelt haben 268 ). 

Der von einem Gespenst Irregeführte 
findet wieder den rechten Weg, wenn er 
den H. anders auf setzt und die Schuhe 
(s. d.) wechselt 269 ). Wenn man in Schwe¬ 
den versehentlich einen fremden H. 
genommen hat, dann den eigenen wieder¬ 
findet und aufsetzt, spuckt man vorher 
hinein 27 °) (s. Schuh). Nach einstigem 
Schifferbrauch auf der Donau und am 
Inn zog man den Mann, der als erster im 
Frühjahr ins Wasser fiel, nicht heraus, da 
man ihn wohl als Jahresopfer (s. d.) be¬ 
trachtete, sondern begnügte sich, seinen 



543 


Hutberge 


544 


H. aufzufangen 271 ). In der Mark 
Brandenburg legt der Holzdieb seine ! 
Mütze auf den Stumpf des gefällten 
Baumes und glaubt, daß ihn dann der 
Förster nicht sieht 272 ). Eine sonderbare 
Täuschung, bei welcher auch der H. 
die Person vertritt, kennt man in Tibet: 
Muß jemand an einem Unglückstage 
(s. d.) eine Reise an treten, so sendet er 
an einem vorhergehenden günstigen Tage 
seinen H. oder ein anderes Kleidungsstück 
durch einen Boten voraus, um so den 
Göttern vorzureden, daß er ohnehin unter 
passenden Glücksumständen aufgebrochen 
sei - 73 ). Über die Gewinnung der reich 
machenden Kappe des Teufels be¬ 
richtet ein Gerichtsprotokoll des Frauen¬ 
stifts Göß in Steiermark (1773) 274 ). 

Vgl. bedecken, Dach § 4, ver¬ 
hüllen. 

2 ® 6 ) Zingerle Tirol 115 Nr. 1012. 267 ) Ebd. 
Nr. 1014= ZfdMyth. 2 (1854), 422. 2B8 )Heyl Ti¬ 
ro/ 798 Nr. 234. 269 ) Grimm Myth. 3, 457 Nr. 
657 (Württemberg, 1788). 270 ) Seligmann 

Blick 2, 211 = Heckscher 393. 271 ) Panzer 

Beitragz,zyz. 27S ) ZfVk. 1 (1891), 188. 273 ) Wil¬ 
liam Montgomery Mc Govern Als Kuli 
nach Lhasa (Berlin 1924) 20. 274 ) Byloff 

Strafprozesse 53 ff. Jungbauer. 

1 

Hutberge. In ganz Deutschland gibt 
es Berge mit dem Namen H., der aller¬ 
dings oft nur daher rührt, weil früher I 
einmal auf dem Berge eine Hut, Hutung, 

H u t w e i d e gewesen ist 1 ). Zuweüen 
nennt das Volk auch Berge, auf welchen 
Reste von vorgeschichtlichen Be¬ 
festigungen sichtbar sind, H. 2 ). 

Dort aber, wo es sich um meist hohe, 
spitze Berge handelt, deren Gipfel vor 
schlechtem Wetter von Wolken wie von 
einem Hut umgeben sind, haben wir es 
mit den eigentlichen H.n zu tun, 
welche der umwohnenden Bevölkerung 
als Wetterpropheten dienen. Das 
Wolkenkleid dieser H. wird auch im 
einzelnen unterschieden. Die Rundwolke, 
welche die Spitze umschließt, ist der 
Hut, die Kranzwolke, die den Berg¬ 
gipfel frei hervorragen läßt, der Kragen 
des Mantels, ein die ganze Bergwand 
belastendes Gewölk der Mantel selbst 
und eine wagrecht über die Bergwand 
gezogene, spitzige Schichtwolke der 


Degen, der vor allem den Eintritt 
schlechten Wetters vorhersagt 3 ). So heißt 
es in der Schweiz: 

Hat der Niesen (oder Pilatus u. a.) einen Hut, 
Wird das Wetter schön und gut. 

Hat der Niesen einen Kragen, 

Darfst du's eben auch noch wagen. 

Hat er Mantel um und Degen, 

Gibt es kalten Wind und Regen 4 ). 

Oder: 

Hat der Rigi einen Hut, 

Wird das Wetter morgen gut; 

Aber hat er einen Degen, 

Gibt es morgen Regen 6 ). 

Noch häufiger sind Reime vom Pilatus, 
der schon seinem Namen nach den Ver¬ 
gleich mit dem Hut ( pileus ) nahelegt, 
z. B. 

Si Pilatus pileatus 
Aer erit defoecatus. 

Wenn Pilatus hat ein Hut, 

Ist das Wetter fein und gut 6 ). 

Demgegenüber zeigt der Hut bei anderen 
Bergen schlechtes Wetter an. In Wild¬ 
schönau (Tirol) sagt man: 

Hat die Salve einen Hut, 

Tut das Wetter nimmer gut 7 ). 

Wenn der Kyffhäuser mit Nebel bedeckt 
ist, heißt es: „Kaiser Friedrich hat einen 
Hut auf 1 . Dazu gebraucht man die 
Reime: 

Steht Kaiser Friedrich ohne Hut, 

Bleibt das Wetter schön und gut; 

Ist er mit dem Hut zu sehn, 

Wird das Wetter nicht bestehn 8 ). 

Sind die zwei „Gleichen" bei Hildburg¬ 
hausen in Nebel gehüllt, und hellt sich der 
große zuerst auf, so wird gutes Wetter. 
Regen tritt eyi, wenn der kleine zuerst 
den Nebel verliert. Demnach heißt es: 

Wenn der Kleine dem Großen nimmt den Hut, 

So wird das Wetter gut; 

Nimmt aber der Große dem Kleinen die Kappen, 
So wird dich das Wetter ertappen •). 

Auch in Frankreich wird der Wolkenhut 
der Berge als Vorzeichen eines Regens 
angesehen 10 ). 

Diese H., von welchen etwa noch zu 
erwähnen wären der Eisenhut in den 
Steirer Alpen, die Bischofskappe im 
mährisch-schlesischen Gebirge, die Sturm¬ 
haube im Riesengebirge, der Sneehättan 
(Schneehut) in.Norwegen, der Nebelhelm 
in der Grafschaft Cumberland u. a. n ), 
sind nicht selten Totenberge und der 
Sitz Wodans gewesen. Den Zusammen- 


545 


Hütchen—Hutzeltag 


546 


hang mit dem alten Wodansglauben und 
Seelenglauben erkennt man noch heute 
darin, daß gerade von solchen Bergen 
Sagen vom wilden Heer und wilden 
Jäger überliefert werden 12 ), so beson¬ 
ders vom Kyffhäuser 13 ), dem Hörselberg 14 ) 
u. a., dann namentlich von den H.n in 
der Lausitz, wo sich die Sagen vom 
wilden Jäger und seinen Nachbildern 
häufen, z. B. dem Blauhütel (s. d.) 
auf dem Schönauer H., dem wilden 
Ruprecht auf dem H. bei Hermhut u. a. 15 ), 
endlich auch vom Untersberg bei Salz¬ 
burg 16 ) und dem Odenberg (Gudinsberg) 
in Hessen, der noch 1154 Wuodensberg 
hieß 17 ). 

Meist sind auf solchen H.n auch 
Zwerge daheim, wie auf dem H. bei 
Weißig a. d. Eibe, wo es viel kälter wurde, 
als sie fortzogen 18 ). Daher erscheinen 
solche Berge auch als Schatzberge, 
wie neben andern der H. bei Fladungen 19 ). 

*) Vgl. E. Schwarz Flurnamenforschung in 
den Sudetenländern, MVcrBöhm. 64 (1926), 
103 f. 2 ) Meyer Konv.-Lex. 2 (1904)» 554 - 
3 ) Rochholz Naturmythen 205. Vgl. Verna- 
leken Mythen 316; A. Moepert Die Anfänge 
der Rübezahlsage (Leipzig 1928) 45 ff. 4 ) Ver- 
naleken Alpensagen 271. 5 ) W. Gerhard 

Spaziergang über die Alpen (Gotha u. Erfurt 1824) 
31. 6 ) Rochholz Naturmythen 206 f. 7 ) Heyl 
Tirol 799 Nr. 235. 0 ) W itzschel Thüringen 

1, 275 Nr. 285. Vgl. Praetorius Alectryomantia 
70; Kuhn u. Schwartz 217 ff. Nr. 247; 
Meyer Germ. Myth. 242. 9 ) Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 56 Nr. 64. 10 ) S6billot Folk-Lore 

1, 248 f. ll ) Rochholz Naturmythen 207. Vgl. 
o. 1, 1052 f. 12 ) Vgl. Meyer Germ. Myth. 241 f. 
§321. 13 )Quensel Thüringen 171h., vgl. 163ff. 
14 ) Ebd. 180 ff. 16 ) Haupt Lausitz 1, 122 ff.; 
Wuttke Sächs. Volksk. (1900) 308; Meiche 
Sagen 844 Nr. 1047; Meyer Germ. Myth. 242 
§ 321. 16 ) Nikolaus Huber Die Sagen vom 

Unter sberg 11 Salzburg o. J. (1922) 22 ff. 
17 ) Meyer Germ. Myth. 242 ff. 18 ) Sieber 
Sachsen 142. 18 )Quensel Thüringen 249. 

Jungbauer. 

Hütchen s. Gütel. 

Hütt, Frau, die als versteinerte Riesen¬ 
königin aufgefaßte tirolische Gebirgsmasse 
oberhalb Innsbrucks; die bekannte Sage J ) 
läßt die Stein Verwandlung (s. d.) wegen 
Brotfrevels (s.Brosamen, Brot) erfolgen 2 ). 

*) Grimm Sagen Nr. 233; Ranke Volks¬ 
sagen 230; Sepp Altbayrischer Sagenschatz 355 
Nr. 93; Quitzmann Baiwaren 182; Alpen¬ 
burg Tirol 239; Zingerle Sagen Nr. 210. 
*) Grimm Mythol. 1, 441; Simrock Myth. 410; 


Golther Mythol. 186; E. H. Meyer German. 
Myth. 158; La i st ne r Nebelsagen 159, Hocker 
Volksglaube 231. H. Naumann. 

Huttier laufen. In der Umgegend von 
Hall und Innsbruck laufen in der Fast¬ 
nachtszeit, namentlich am „unsinnigen 
Pfinztag", die Huttier oder Hudler, bis¬ 
weilen bis zu 30, durch die Straßen. Sie 
tragen hölzerne Masken vor dem Gesicht 
und eine buntscheckige Kleidung, Hutten 
genannt, von der sie wohl ihren Namen 
haben (hudel = Lappen, zerfetztes Zeug). 
Andere leiten ihn von hudeln = plagen, 
quälen ab. Sie fegen mit Besen herum 
und kehren einzelne Personen tüchtig 
damit ab, knallen mit Peitschen und 
prügeln die Leute, die sie sich ausgesucht 
haben. Sie kommen auch in die Häuser, 
um die Bewohner , ,abzumullen" d. h. mit 
der flachen Hand zwischen die Schultern 
zu schlagen. Das zeigt, wie auch das 
Aus werfen von Brotkügelchen, die Ab¬ 
sicht, Segen und Fruchtbarkeit zu fördern. 
Es wird daher nur an Personen vorge¬ 
nommen, die man schätzt. Frauen be¬ 
teiligen sich grundsätzlich nicht daran, 
auch die „Hexen", die gelegentlich mit¬ 
laufen, werden von Männern dargestellt *). 
Wenn man nicht Huttier läuft, gedeiht 
der Flachs nicht. Er wird desto schöner, 
je mehr Huttier laufen. Auch der Mais 
gedeiht, wenn viele Huttier laufen 2 ). — 
Wo das Spiel üblich ist, sieht man es 
gern. Unbeteiligte betrachten es freilich 
mit Mißtrauen. Es ist schon oft vorge¬ 
kommen, daß die Huttier eine Larve 
nicht mehr vom Gesicht herunterbrachten, 
oder daß sie auf einmal einen Über¬ 
zähligen in ihrer Mitte bemerkten 8 ). 
Manche sind auch schon vom Teufel 
vertragen worden, der Gewalt über sie 
hat, wenn sie nicht etwas Geweihtes in 
die Stiefel tun 4 ). 

*) ZfVk. 9, 109 ff.; Zingerle Tirol 135 f. 
139; Mannhardt 1, 268 f. 541. *) Zingerle 
Tirol 139 (1211. 1212). 3 ) ZfVk. 9, 261. 

4 ) Zingerle 136 (1197). Sartori. 

Hutzeltag. So, auch Hutzelsonntag, 
heißt auf der Rhön der Sonntag nach 
Fastnacht (s. Funkensonntag), weil abends 
kalte Hutzeln mit Schmalzkrapfen auf¬ 
getischt werden 4 ). Auch zündete man 
auf den Höhen Feuer an und rollte 


Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube IV 



547 


Hyäne—Hydromantie 


548 


Feuerräder hinab 2 ). Man nannte das | heilen usw. 3 ). Die dem H. im Altertum 


„den Hutzelmann verbrennen“. Man 
glaubte, daß dann die h. Jungfrau das 
Jahr über die Feldfrüchte bewahren und 
segnen werde; oder man meinte mit den 
brennenden Strohwischen und Fackeln 
den bösen Säemann zu vertreiben 3 ). 

*) Witzschel Thüringen 2, 189 (9); Panzer 
Beitr. 2, 207 f.; ZfVk. 3, 358. 2 ) Witzschel 

2, 189 (9). 3 ) Jahn Opfergebr. 88 f. 

Sar tori. 

Hyäne 1 ). So groß die Bedeutung der 
Hyäne und ihrer Teile für antiken Zau¬ 
ber und antike Volksmedizin war, im 
deutschen Aberglauben fand das fremde 
Tier keinen Eingang, höchstens durch ge¬ 
lehrte Vermittlung, wenn z. B. Hyänen¬ 
haut empfohlen wird 2 ). 

*) Agrippa v. Nettesheim 1, 179. 193; 
Carus Zoologie 126; Fehrle Geoponika 8. 10. 
19; Frazer 12, 313; Höfler Organotherapie 102; 
Hopf Tierorakel 42. 63; Keller Tiere 477; 
Megenberg Natur 117. 387; Schräder Real- 
lex ■ 384; Agrippa v. N. 1, 179 (H.stein). 193 t. 
2 ) Staricius Heldenschatz 69. Stemplinger. 

Hyazinth. Griech. uaxivdoc, so ge¬ 
nannt nach der dunkelblauen Blüte der 
gleichnamigen Pflanze. Im Altertum und 
Mittelalter unterschied man mehrere 
Arten des Edelsteins; seine Färbung wird 
ganz verschieden angegeben, ebenso laufen 
Verwechslungen mit anderen Steinen 
unter. Konrad von Megenberg sagt: 
„Der Hyazinth verleiht seinem Besitzer 
Kraft, vertreibt die Traurigkeit und 
Herzensangst und macht den sicher, der 
in fremden Ländern reist, er beschützt 
den Menschen vor dem Tode durch die 
Pest und Schlangenbiß und macht seinen 
Träger angenehm vor Gott und den 
Menschen“*). Die Verwendung des 
Edelsteins als Amulett gegen die Pest 
wird auch in den Breslauer Sammlungen 
erwähnt; seine ebenda berichtete Kraft 
gegen den Blitz („Blitz rührt den nicht, 
der den H. bei sich trägt“) beruht wohl 
auf einer Verwechslung 2 ). Zedier be¬ 
richtet von den Kräften, die insbesondere 
dem geriebenen und eingenommenen 
H. zugeschrieben wurden; er erkennt aber 
nur Wirkungen der echten Tinctura 
Hyacinthi an; sie soll Haupt, Gehirn 
und Herz stärken, vor Pest und anderen 
Krankheiten bewahren, auch den Krebs 


zugeschriebene Wirkung, Aborte zu be¬ 
wirken, ist von der Wurzel der H.pflanze, 
die als harntreibendes Mittel galt, über¬ 
nommen 4 ). Der H. gehört zu den 
Monatssteinen und bewährt seine Kräfte 
an den im Januar Geborenen 5 ). 

*) Schade s. v. jachant 1350 f.; ZfdA. 18 
(1879), 401; Agrippa v. N. 5, 291; Zedier 13, 
1332; Megenberg Buch der Natur 386; vgl. 
Lonicer 59. 2 )Bressl. Samml. 2,433; DeMely 
2, 187. 3 ) Zedier a. O.; Hellwig Kalender 

54 f- 4 ) Schade 1354 Spalte 2. *) S. Monats¬ 
steine u. Th. Körner Die Monatssteine Str. 1. 

t Olbrich. 

Hyazinth hl. Geb. zu Kamin in Schle¬ 
sien, gest. 16. August 1257. Dominikaner 
in Krakau. Apostel des Nordens. Er soll 
in Groß-Stein und in Beuthen sämtliche 
Elstern verwünscht und verbannt haben 1 ). 
Zwei blindgeborenen Zwillingsbrüdem ver¬ 
schaffte er durch sein Gebet Augen von 
Engeln, und seitdem sollen alle ihre Nach¬ 
kommen des Geschlechtes Vitoslawski 
wunderschöne Augen haben 2 ). 

*) Kühnau Sagen 3. 299 f. =) Menzel 
Symbolik 1, 94. Sartori. 

Hydromantie (Wasserweissagung). Es 
soll an dieser Stelle weder die antike, 
d. h. die alt orientalische, griechische, helle¬ 
nistische und römische H. schlechthin 
besprochen, noch eine Übersicht über die 
noch heute üblichen oder erst seit kürzerer 
Zeit geschwundenen Gebräuche gegeben 
werden, in denen das Wasser als Agens 
oder als Medium der Zukunftkündung 
erscheint. Für die H. des Altertums sei 
auf die zusammenfassenden Darstellungen 
der einschlägigen Literatur verwiesen x ), 
die deutsche Wasserweissagung der Neu¬ 
zeit wird in dem Artikel Wasserorakel 
ausführlich behandelt werden. Hier 
handelt es sich vielmehr nur darum, 
nach Möglichkeit festzustellen, was in 
den Berichten über H. vom ausgehenden 
Altertum bis ungefähr zum Beginn des 
18. Jhs. als unmittelbare Überlieferung 
aus der Antike und was etwa als eigen¬ 
gewachsenes Volksgut zu betrachten ist. 
Daher kann auf die modernen Zeugnisse 
nicht grundsätzlich verzichtet werden, 
doch sollen sie nur in dem Maße heran¬ 
gezogen werden, als sie zur Erklärung 
unerläßlich sind. Im voraus muß be- 


549 


Hydromantie 


550 


merkt werden, daß eine unbedingt klare 
Sonderung je nach der Herkunft der 
einzelnen Elemente in vielen Fällen in¬ 
folge der Dürftigkeit der Überlieferung 
nicht möglich ist. 

Die H. gehört mit der Aero-, Geo- 
und Pyromantie zu den „elementarischen“ 
Divinationen, deren schematische Zu¬ 
sammenstellung, soweit für uns sicher 
feststellbar, auf Varro (1. Jh. v. Chr.) 
zurückgeht 2 ). Dieser hatte, wie aus 
einem Zitat bei Augustinus 3 ) zu ent¬ 
nehmen ist, die Sage von dem römischen 
König Numa Pompilius und seiner Rat¬ 
geberin in Kultusangelegenheiten, der 
Quellnymphe Egeria, euhemeristisch als 
H. gedeutet, ebenso wie andere die 
Hadesfahrt des Odysseus rationalistisch 
als lekanomantische, d. h. hydromantische 
Befragung der Seele des Teiresias er¬ 
klärten 4 ). Die H. besteht nach Varro 
darin, daß der Konsultierende im Wasser 
Götter erscheinen sieht, die ihm die 
Zukunft offenbaren. So berichtete er, 
daß im kleinasiatischen Tralles ein als 
Medium fungierender Knabe das Büd 
des Hermes im Wasser erblickte und 
dabei den Verlauf des mithridatischen 
Krieges in 160 Versen voraussagte 5 ). 
Nach Varro stammte die H. aus Persien 6 ) 
und wurde auch von Pythagoras 7 ) be¬ 
trieben. Sie war für Varro aufs engste 
mit der Nekromantie verwandt, in der 
an Stelle von Wasser Blut verwendet 
wurde, um die Toten zu zitieren 3 ). Mit 
der üblichen Interpretatio Christiana: 
„Götter = Dämonen“ 9 ) konnte die Ein¬ 
reihung unter die mit Hilfe des Teufels 
oder der Dämonen betriebenen Weis¬ 
sagungskünste und das kirchliche Ver¬ 
dammungsurteil über die H. leicht be¬ 
gründet werden. So begegnen wir der 
H. zusammen mit den anderen elemen¬ 
tarischen Divinationen und der Nekro¬ 
mantie seit Hrabanus Maurus 10 ) an 
zahlreichen Stellen der gelehrten und der 
praktischen Theologie. Doch begnügen 
sich die Dogmatiker n ) fast ausnahms¬ 
los damit, das varronische, bei Isidorus 
überlieferte Einteilungsschema samt der 
Beziehung auf den dämonischen Charakter 
der Erscheinungen und dem Hinweis auf 


den persischen Ursprung der H. wörtlich 
zu wiederholen. Über die Ausführung 
der H. ist aus dieser ganzen Quellen¬ 
gruppe nichts zu entnehmen. Auch die 
spärlichen Erwähnungen der H. in der 
Predigtliteratur und verwandten Schriften 
bringen wenig bei, nur in einer Predigt 
Bertholds von Regensburg scheint von 
einer mit Wachsbüdem arbeitenden H. 
die Rede zu sein 12 ), vielleicht von der 
Art, wie sie angeblich Nektanebus aus¬ 
übte (s. Sp. 560). Da die H. als eine Divina- 
tion unter ausdrücklicher Anrufung der 
Dämonen zu den besonders gefährlichen 
und verdammenswerten Gattungen der 
Weissagekunst gezählt wird, ist es ver¬ 
ständlich, daß von kirchlicher Seite auf 
die Einzelheiten der Ausführung nicht 
eingegangen wurde. Damit ist nicht 
gesagt, daß nicht doch hie und da für 
die Übertragung antiken H.-Aberglaubens 
in die Vorstellungswelt des christlichen 
Mittelalters die kirchliche Polemik auf 
der Kanzel und im Beichtstuhl bei¬ 
getragen hat 13 ). Anderseits waren die 
sachlichen Kenntnisse über die H. oft 
sehr gering; so erklärt das dem Albertus 
Magnus zugeschriebene (von Roger Bacon 
verfaßte?) Speculum astronomicum l4 ) die 
H. in sehr gezwungener Weise als eine 
Form der Eingeweideschau, und auch 
manche spätere Autoren wissen mit der 
H. offenbar wenig anzufangen 1S ). Dies 
war unausbleiblich, solange sich die 
Autoren der älteren Überlieferung auf 
die wenigen in der klassischen Literatur 
vorkommenden Zeugnisse beschränkten, 
besonders auf Varro, der ja über Einzel¬ 
heiten der Praxis der H. außer jener 
Veranstaltung in Tralles nichts erwähnt. 
Auch der heutigen Forschung ist das 
ganze Zeremoniell erst durch die seit 
dem 19. Jh. auf tauchenden Zauberpapyri 
bekannt geworden. 

Aus dieser Dürftigkeit der literarischen 
Quellen darf nicht gefolgert werden, 
daß die H. eine wenig bedeutende Rolle 
gespielt und den Untergang der antiken 
Welt nicht überlebt habe. Im Gegenteil, 
die antike H., verstärkt durch orientalische 
Einflüsse, erwies sich als sehr lebens¬ 
kräftig; ein byzantinischer Autor des 



55 i 


Hydromantie 


552 


Hydromantie 


554 


* 

\ 


12./13. Jhs. vermerkt, daß außer der 
Astrologie nur die H. noch in Blüte stehe. 
Sie gehörte, wie die Alektryo- und die 
Daktyliomantie (s. d.) zu den Künsten, 
die u. a. für die Frage nach der Nachfolge 
auf dem byzantinischen Kaiserthron zu 
Rate gezogen wurden, und wurde zu diesem 
Zweck gelegentlich sogar von den Kaisern 
selbst oder ihren geistlichen Ratgebern 
betrieben 16 ). Der Einfluß des Orients 
nahm außerdem wohl auch den unmittel¬ 
baren Weg über die arabische und 
jüdische 17 ) Magie; die Nennung des 
in der griechischen Fassung der Clavicula 
Salomonis (s. d.) und in jüdischen Engel¬ 
verzeichnissen auftretenden Dämonen Sa- 
lathiel 18 ) in der ausführlichen Beschrei¬ 
bung der H. bei Hartlieb (15. Jh., s. u.) 
läßt dies deutlich erkennen. Auch durch 
umherziehende Winkelpropheten wird die 
orientalische H. in Europa verbreitet 
worden sein. Daß solche Verbreitung 
der H. speziell in Deutschland durch 
einheimische Glaubensvorstellungen be¬ 
günstigt wurde, ist sehr wahrscheinlich. 
Denn der Glaube an eine dem Wasser 
impersönlich immanente oder in Wasser¬ 
geistern verkörperte Weissagungskraft muß 
für die Germanen angesichts ihrer be¬ 
kannten Quellenverehrung lö ) als sicher 
angenommen werden, wenn auch wenig ! 
darüber berichtet wird. Unter den christ¬ 
lichen Verboten heidnischer Gebräuche 
werden einmal „fontium auguria“ deut¬ 
lich genannt, und wenn auch solche 
Äußerungen als Zeugnisse für germanische 
Religion grundsätzlich mit großer Vor¬ 
sicht verwendet werden müssen, so be¬ 
steht im vorliegenden Fall kein Grund 
zum Mißtrauen 20 ). 

Seit dem Beginn des 16. Jhs. und dem 
Aufblühen der umfangreichen Literatur 
über die Divinationen wird die H. mit 
ihren Unterformen durch verstärkte Heran¬ 
ziehung antiker Zeugnisse und Einfügung 
gleichzeitiger Parallelen wesentlich aus¬ 
führlicher behandelt als in den fast aus¬ 
schließlich an Varro gebundenen mittel¬ 
alterlichen Angaben. Freilich ist die 
Unselbständigkeit der Gewährsmänner 
auch innerhalb dieser Quellengruppe sehr 
groß; die meisten ihrer Angaben lassen 


sich auf wenige Haupt quellen zurück¬ 
führen, vor allem auf Card an us 21 ), ferner 
auf Agrippa 22 ) und auf eine unter 
Agrippas Werken überlieferte Abhand¬ 
lung eines anonymen, offenbar franzö¬ 
sischen Verfassers 23 ). Daher brauchen 
die von diesen Quellen mehr oder weniger 
abhängigen späteren Darstellungen u ) im 
folgenden nur dann herangezogen zu 
werden, wenn sie wesentlich Neues, vor 
allem Zeugnisse aus dem Aberglauben 
ihrer Zeit, beibringen. 

Für diese Quellengruppe ist das Be¬ 
streben charakteristisch, für den Begriff 
der H. alles in Anspruch zu nehmen, was 
irgendwie mit der Weissagekraft des 
Wassers zusammenhängt, während das 
Altertum die Bezeichnung stets nur für 
eine kunstmäßige Divination verwendet, 
die nicht ohne weiteres und nicht von 
jedermann ausgeübt werden kann, son¬ 
dern einen der Riten und der Deutung 
kundigen Hydromanten verlangt. Da¬ 
gegen werden jetzt nicht nur die wechseln¬ 
den Meeresströmungen im Euripus und 
in der Straße von Messina, sondern auch 
das An- und Abschwellen des Nils zur 
H. gerechnet 25 ). Wenn auch ganz all¬ 
gemein von Ab- und Zunahme des Wassers 
die Rede ist 26 ), so dachte man dabei 
wohl vor allem an intermittierende Quel¬ 
len, die sowohl im Altertum wie in 
späterer Zeit in großer Zahl bekannt sind 
und meist als zukunftdeutend betrachtet 
werden (s. o. 1, 1674 t.; 2, 940; Hunger¬ 
brunnen, Wasserorakel) 27 ). Auch die 
aus der Farbe des Wassers schließende 
Zukunftdeutung wird als H. bezeichnet 28 ). 
Naheliegend ist die Vermutung, daß man 
dabei an Quellen und andere Gewässer 
dachte, die sich zu bestimmten Zeiten 
oder dauernd verfärben, besonders eine 
blutrote Färbung annehmen und damit 
Not und Tod verkünden; Altertum, 
Mittelalter und Neuzeit liefern hierfür 
gleichfalls zahlreiche Beispiele 29 ). Doch 
wird, wo auf diese Form der H. näher 
eingegangen wird, merkwürdigerweise 
nicht darauf, sondern stets auf eine 
Vergilstelle 30 ) verwiesen, in der ge- 
schüdert wird, wie sich bei Didos Opfer 
das Wasser dunkel färbt und der Wein 



i 



zu Blut wird. Ja, die Sucht der Verfasser 
von Traktaten über die Divinationen, 
ihre Mantikregister durch immer neue 
Formen zu bereichern, führte sogar auf 
Grund dieser Stelle (das Prodigium der 
Verwandlung von Wasser in Wein ist 
gleichfalls öfters belegt) zur Statuierung 
einer besonderen „Weinwahrsagung“ (öno- 
mantie) 31 ). Die Weissagung aus Quellen 
dagegen wird nicht selten als Pego- oder 
Pagomantie (von griech. mflpj = Quelle) 
gleichfalls als besondere Form der Divi¬ 
nation geführt 32 ). Als Beispiele hierfür 
werden fast ausnahmslos antike Orakel¬ 
quellen genannt. Daß es solche auch bei 
den Germanen gab, ist, wie oben bemerkt, 
mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen. 


Doch werden sie von den älteren deutschen 
Autoren in Zusammenhang mit H. nicht 
genannt, obwohl diesen gleichzeitige Volks¬ 
überlieferungen über wahrsagende Quellen 
nicht immer unbekannt gewesen sein 
dürften; nichtdeutsche Schriftsteller brin¬ 
gen gelegentlich solche Hinweise 33 ). Bei 
einigen der antiken Orakelquellen spielt 
das in der H. auch sonst auf tretende 
aktive Element des Hineinwerfens von 
Gegenständen in das Wasser eine Rolle, 
z. T. mit deutlicher Opfervorstellung (Ver¬ 
sinken der hineingeworfenen Opfergaben 
güt als glückliches Vorzeichen und um¬ 
gekehrt 34 )). Bei der Palikenquelle auf 
Sizilien wurde die Richtigkeit eines Eides 
in der Weise geprüft, daß er auf ein 
Täfelchen geschrieben und dieses in das 
Wasser geworfen wurde. Sank es unter, 
so war damit der Schwur als Meineid 
erwiesen 35 ). Eine Verbindung mit Spiegel¬ 
zauber bietet das Quellenorakel in Patrai. 
Dort ließ man, um die Genesungsaus¬ 
sichten eines Kranken festzustellen, an 
einem Faden einen Spiegel in die Quelle 
vor dem Demetertempel bis zur Wasser¬ 
oberfläche hinab. Nach Gebet und 
Rauchopfer glaubte man dann in dem 
Spiegel das Bild des Kranken als Toten 
oder Lebendigen zu sehen. Die beiden 
zuletzt aufgeführten antiken Zeugnisse 
werden in den Schriften der späteren Zeit 
oft wiederholt 38 ). Darüber hinaus werden 
andere, verwandte Formen beschrieben, 
die mit mehr Recht auch in dem engeren 


Sinne des Altertums zur H. gerechnet 
werden dürfen. In dem Roman des 
Petronius wirft eine Wahrsagerin eine 
Anzahl von Haselnüssen in einen Wein¬ 
krug, um aus ihrem Versinken oder 
Aufsteigen die Zukunft zu künden ^. 
Zwar handelt es sich hier um einen 
krassen Betrug, da die Alte nach Bedarf 
taube und volle Nüsse verwendet. Doch 
lehrt die Erzählung, daß es diese Methode 
der H. im Altertum gab. Da jedoch 
weitere antike Zeugnisse nicht vorliegen, 
können die verwandten Methoden, die 
in der späteren Divinationsliteratur mit- 
geteüt werden, als Zeugnisse für die Zeit 
der Berichterstatter bewertet werden: 
Man warf in stehendes Wasser drei 
Steine und weissagte aus der Art, wie 
sich die dabei entstehenden Ringe 
im Wasser schnitten 38 ). Man schrieb, 
um einen Diebstahl aufzuklären, die 
Namen von drei Verdächtigen auf drei 
Kügelchen, die in ein Gefäß mit Wasser 
geworfen wurden. Wessen Kügelchen 
sich zuerst auflöste, der war der Dieb 39 ). 
An die Stelle der Kügelchen können 
auch Zettel mit dem Namen der Ver¬ 
dächtigen treten; der zuerst versinkende 
entscheidet 40 ); zur Erhaltung der Schrift 
wurden die Zettel mit Leim oder Wachs 
überzogen 41 ). Der Aberglaube der Neu¬ 
zeit bietet für diese Form der H. genaue 
Entsprechungen 42 ). Der Brauch ist alt 
und volkstümlicher als viele andere Formen 
der H., was auch die für das 15. Jh. 
bezeugte Bezeichnung „Brieflein schwem¬ 
men“ beweist 43 ). Seine Wurzeln dürften 
sicher ins Altertum zurückgehen; bei 
der Landnahme der Herakliden wurde 
ein genau entsprechendes, offenbar weit¬ 
verbreitetes Verfahren zum Losen an¬ 
gewendet, bezeichnenderweise spielte auch 
hier ein Betrug mit hinein: Temenos, 
der die Losung leitet, stellt das Los¬ 
kügelchen der von ihm begünstigten 
Partei aus Lehm her, der im Feuer ge¬ 
brannt ist, während er für das der Gegen¬ 
partei nur an der Sonne getrockneten 
Lehm verwendet, der sich im Wasser schnell 
auflöst, so daß es gar nicht dazu kommt, 
an die Oberfläche zu steigen u ). Eine 
umständliche Ausgestaltung dieser Me- 


555 


Hydromantie 


556 




557 


Hydro: 


II 


antie 



thode, die ein italienischer „Arithmomant“ 
um 1650 in München unter großem Zu¬ 
lauf ausübte, wird uns ausführlich ge¬ 
schildert 4S ): Der Adept arbeitete zu 
diagnostischen Zwecken mit 22 Holz¬ 
kügelchen, die verschiedene Aufschriften 
trugen, und einer mit Charakteren und 
den Namen der Erzengel beschriebenen 
Schale. Sanken alle Kugeln zu Boden, 
so war der (abwesende) Patient bereits 
gestorben, schwammen sie oben, so war er 
gesund; andernfalls wurde die Schwere der 
Krankheit nach der Zahl der untergesun¬ 
kenen Kugeln beurteilt. Weitere Schlüsse 
wurden aus dem Zusammentreffen der 
schwimmenden Kügelchen mit den an der 
Schale angebrachten Zeichen gezogen. Ein 
volkstümliches Gegenstück zu dieser letz¬ 
ten Kombinationsform zeigt ein ober- 
pfälzischer Brauch: Das Mädchen wirft 
in der Thomasnacht Zettel mit den 

Namen ihrer Freier in ein Schaff mit 
Wasser, außerdem läßt sie ein Brettchen 
mit einem brennenden Lichtchen im 
Wasser schwimmen. Der Zettel, bei 

dem es zuerst ankommt, enthält den 

rechten Namen 46 ). Zum Typus der 

hineingeworfenen Gegenstände gehört auch 
die folgende Methode: Um festzustellen, 
von welchem Heiligen eine Krankheit 
über einen Menschen verhängt sei, tut 
man eine silberne Münze in ein mit 
Wasser gefülltes Gefäß und bewirkt 
(durch Schütteln oder Schwenken ? 47 )), 
daß sie herausspringt, wobei man die 
Namen der etwa in Betracht kommenden 
Heüigen hersagt, z. B. Apollinaris (Gicht), 
Johannes (Rotlauf?), Valentin (Epilepsie), 
Antonius (Rose und die sonst als An¬ 
toniusfeuer o. ä. bezeichneten Krank¬ 
heiten), Barbara (Blattern?). Bei wessen 
Namen die Münze herausspringt, der ist 
der Sender der Krankheit, der also mit 
Gebeten usw. besänftigt werden muß M ). 

Auch der als Daktyliomantie (s. o. 
2, 136 f.) meist besonders geführte Ring¬ 
pendelzauber wird bisweilen zur H. ge¬ 
rechnet 49 ). Es handelt sich hierbei be¬ 
kanntlich um die heute wieder sehr 
moderne Zukunfterkundung vermittelst 
des „siderischen Pendels“, d. h. eines 
an einem Haar oder dünnen Faden auf¬ 


gehängten Fingerringes, der durch seine 
Schwingungen Auskunft gibt. In dem 
einzigen antiken Bericht über seine Aus¬ 
übung (Prozeß des Hilarius und Patricius 
371 n. Chr.) ist von Wasser nicht die 
Rede, ja die dort gegebene genaue Be¬ 
schreibung der magischen Utensüien und 
der Praxis des Pendelorakels gibt für 
eine auch nur sekundäre Verwendung von 
Wasser ebensowenig die Möglichkeit wie 
der Befund des bekannten Zauberappa¬ 
rates von Pergamon im Berliner Anti¬ 
quarium. Dort sind die Buchstaben des 
Alphabets, nach denen das Pendel aus¬ 
schlägt, auf einer Scheibe, hier auf einer 
konvexen Kugelkalotte angebracht. Da¬ 
gegen sprechen die späteren Autoren da¬ 
von, daß der Ring über ein mit Wasser 
gefülltes Gefäß gehalten wird und durch 
die bestimmte Anzahl von Schlägen seine 
Orakel erteilt Auch andere, meist 
als selbständige Divinationen registrierte 
Weissagemethoden werden gelegentlich 
zur H. gerechnet, so besonders das 
Prophezeien aus den Figuren, die das in 

Wasser gegossene öl, Wachs, Blei oder 
Eiweiß einnimmt 51 ). 

Neben den vorstehend behandelten 
Typus stellt sich eine in zahlreichen 
Einzelerscheinungen auftretende Grund¬ 
form der H., in der die Vermittlung der 
Prophezeiung nicht durch den Stoff des 
Wassers als solchen vermittelt wird, 
sondern durch Erscheinungen, die sich 
im Wasser, besonders im Wasserspiegel 
zeigen; daher ist diese Form mit der 
Spiegelwahrsagung (s. u. Katoptromantie 
und Kristallomantie) eng verwandt. Von 
den Orakelquellen des Altertums wird z. T. 
berichtet, daß man ohne weiteres im 
Wasserspiegel erblickte, was man zu sehen 
verlangte oder was weit entfernt war 52 ), 
genau so, wie man nach deutschem 
Aberglauben auch ohne besondere Vor¬ 
richtungen zu bestimmten Zeiten in 
stehenden Gewässern, Brunnen usw. die 
Zukunft, besonders den zukünftigen Freier 
sich spiegeln sehen kann 53 ). Im allge¬ 
meinen jedoch vollzieht sich diese JForm 
im Altertum wie in späterer Zeit unter 
Beobachtung mehr oder weniger ent¬ 
wickelter Zeremonien 54 ). Denn in den 


meisten Fällen handelt es sich hier um aus¬ 
gesprochene Zauberhandlungen, um Be¬ 
schwörung von Dämonen usw. Gegen diese 
dämonistische Form der H. richtet sich, 
wie oben betont, in erster Linie die Po¬ 
lemik der christlichen Kirche seit Augusti¬ 
nus. Die Erscheinungen göttlicher Wesen 
im Wasserspiegel, die ,,imagines deorum 
vel potius ludificationes daemonum" oder 
„umbrae daemonum“ 5i ) gaben die Hand¬ 
habe, die H. zu den verbotenen Weissage¬ 
künsten zu zählen; die Beobachtung der 
Meeresströmungen, der Färbung des 
Wassers, des Untersinkens von Haselnüssen 
und ähnliche Harmlosigkeiten hätten hier¬ 
für nicht genügt. Und in der Tat zielen die 
Rezepte der Zauberpapyri, unserer Haupt¬ 
quelle für die antike H., fast ausnahmslos 
darauf hin, bestimmte Götter und Dämo¬ 
nen im Wasser erscheinen zu lassen und 
zu Aussagen zu zwingen. Die dem 
Wasser immanente man tische Kraft tritt 
bei dieser Form offensichtlich in den 
Hintergrund, auch handelt es sich bei den 
hier zitierten Gottheiten nicht etwa um 
Wassergeister 56 ); sie bedienen sich im 
allgemeinen des Wassers nur, um sich in 
seinem Spiegel dem Auge zu zeigen oder 
sich durch Bewegungen, Aufwallen usw. 
des Wassers sonst bemerkbar zu machen, 
gelegentlich auch, sich aus ihm heraus 
durch Töne zu äußern. 

Die überaus wichtige Quelle der 
Zauberpapyri, die uns über die Ausfüh¬ 
rung der dämonistischen Formen der 
H. im späteren, orientalisch beeinflußten 
Altertum bis in die kleinsten Einzelheiten 
unterrichten 57 ), war dem Mittelalter und 
der darauffolgenden Zeit bis ins 19. Jh. 
selbstverständlich verschlossen. Wenn 
wir trotzdem neben manchen Allgemein¬ 
heiten und Unklarheiten auch nicht 
wenige greifbare Details aus der älteren 
Literatur besitzen, so lassen sich diese 
vermutlich auf byzantinische Überlieferung 
zuriickführen 58 ). Wo die Schilderung der 
Einzelheiten über diese Quellen hinausgeht, 
muß man auf zeitgenössische Zeugnisse und 
eigene Kenntnis der Autoren schließen. Daß 
übrigens diese Praktiken nicht allein von 
Wahrsagern niederen Ranges, sondern 
auch von Gebildeten und Gelehrten aus¬ 


geübt und weiter ausgestaltet wurden, 
darf man nach dem Beispiel der Chiro¬ 
mantie, Geomantie und anderer magisch- 
mantischer Künste ohne weiteres an¬ 
nehmen, zumal wenn man bedenkt, daß 
sich die H. seit dem Altertum als beson¬ 
ders lebenskräftig erwies 39 ). Bemerkens¬ 
wert ist freilich, daß die dämonistisch- 
zeremonielle H. nicht, wie jene anderen 
Künste, eine fruchtbare Verbindung mit 
der Astrologie einging 60 ). 

Je nachdem es sich um optische oder 
akustische Manifestationen handelt, wer¬ 
den häufig an Stelle von H. auch die Be¬ 
zeichnungen Gastromantie (von faaTpr, 
= bauchiges Gefäß) oder Lekanoman- 
tie (von Xsxavrj = Schale) verwendet. 
Doch wird diese Teilung nicht strenge 
innegehalten, auch werden Methoden, 
die bei dem einen Autor als H. bezeichnet 
werden, von dem anderen der Gastro- 
oder Lekanomantie zugewiesen. Dazu 
kommen, je nach der Art des verwendeten 
Gefäßes, weitere Namen, wie Kyatho- 
mantie und Kylikomantie (von xuaÖoc 
und x6Xt£ = Becher); antik ist von diesen 
Spezialbenennungen nur die Lekanoman¬ 
tie, bei den anderen handelt es sich um 
I willkürliche Neubildungen. Im allge¬ 
meinen zeigt sich 61 ) schon früh die 
Neigung, die Bezeichnung H. für die 
einfacheren Formen der Wasserwahr¬ 
sagung anzuwenden, vor allem für die an 
Gewässern, Quellen usw. geübte, während 
jene Sondemamen für die „höhere“ H. 
bevorzugt werden, bei der mit wasser¬ 
gefüllten Gefäßen, Beschwörungen, Medien 
und Dämonen gearbeitet wird 62 ). Un¬ 
beschadet einer besonderen Behandlung 
dieser Untergruppen, wie sie für die 
Gastromantie bereits vorliegt 63 ), soll hier 
von den z. T. willkürlichen Unterschei¬ 
dungen der Namen abgesehen und ledig¬ 
lich das Sachüche dargestellt werden. 

Für die spätmittelalterliche Behand¬ 
lung der dämonistischen H. besitzen wir 
außer den oben (Anm. 24) angeführten, 
in der Hauptsache auf Agrippa und Car¬ 
danus 61 ) zurückgehenden Darstellungen 
die eingehenden und sehr wertvollen Aus¬ 
führungen des bayrischen Arztes Johann 
Hartlieb in seinem 1456 verfaßten 


559 


Hydromantie 


560 


„Puch aller verpotten kunst" 65 ). Seine I wird ein reines Kind 73 ) auf einen schönen 
Schilderung zeigt zwar gelegentlich auch Stuhl vor das Wasser gesetzt (Kap. 55). 
die Einwirkung der antiken und der Der Zaubermeister tritt hinter das Kind, 
mittelalterlich - kirchlichen Tradition 66 ), spricht ihm geheime Worte ins Ohr 
diese tritt jedoch völlig in den Hinter- und läßt sie von dem Kind nachsprechen 
grund vor der Fülle der außerdem be- (Kap. 56) 74 ). Auf die Fragen des Meisters 
richteten Einzelheiten. Diese Angaben gibt nun das Medium Auskunft über das, 
sind aus doppeltem Grunde von großer was es — infolge der Täuschung durch 
Bedeutung. Sie lehren einerseits den den Teufel — erblickt (Kap. 57) 76 ). Er¬ 
starken orientalischen Einschlag in der gänzend wird von Hartlieb dann noch 
literarischen Überlieferung der H. Denn bemerkt, daß manche das Wasser aus 
wie aus zahlreichen Stellen seines Buches fließenden Gewässern entnehmen, andere 
hervorgeht, war Hartlieb mit der orien- Regenwasser, andere aus stehenden Wei- 
talischen oder orientalisch beeinflußten hem und dieses abkochen, alles „zu Ehren 
Zauberliteratur vertraut; für seine Dar- der Wassergeister und des Salathiel" 
Stellung der H. scheint, wie oben er- (Kap. 58). Außer diesem „elementischen" 
wähnt 67 ), vor allem die Clavicula Salo- Wasser aber verwendet man, wie zu 
monis (s. d.) in Betracht zu kommen, manchem anderen zauberischen Zweck, 
Außerdem aber beruhen offenbar zahl- auch Weihwasser, was ein besonders übler 
reiche Angaben auf eigener Kenntnis und Mißbrauch ist (Kap. 59, vgl. unten Anm. 

beweisen somit das Fortleben der antiken 40). Auch das Blei- und Zinngießen (vgl. 

H. noch im 15. Jh. Gerade bei der unten Anm. 51) gehört wenigstens teil- 
Beschreibung der H. (38, 6) sagt er: weise zur H.: wann sy das wasser an- 
„gelaub mir, hochgelobter fürst, das jch sehen, so haißt es ydromancia, wenn aber 
der sach gar vil hab gesehen' 4 . Ebenso sy das pley oder zyn ansehen vnd damit 
wie bei Hartliebs Darstellung der Chiro- jr Weissagung machen, so haißt die 
mantie kann man auch für die H. fest- kunst pyromancia" (Kap. 62). Auch der 

stellen, daß sich in den späteren Behänd- Brauch, allerlei Gegenstände, wie Höh¬ 

lungen des gleichen Stoffes keinerlei I chen, Haare, Ringe, Münzen, ins Wasser 
Anklänge an seinen Traktat vorfinden. zu werfen und aus ihrem Zusammen- 
Angesichts des Alters und der Reich- schwimmen oder Untersinken die Zu- 
haltigkeit und Eigenart des Berichtes von kunft zu deuten (vgl. oben), ist „aber 
Hartlieb erscheint es als gerechtfertigt, ain zauberlist von dem wasser" (Kap. 63). 
bei einer zusammenfassenden Darstellung Hundert Jahre jünger als Hartliebs zu- 
der dämonistisch-zeremoniellen H. von sammenfassende Darstellung der H. sind 
ihm auszugehen: Die „Meister" dieser die von Cardanus in seinem Werke De 
Kunst berufen sich auf die Worte der varietate rerum 76 ) mitgeteüten Rezepte, 
Genesis, daß der Geist Gottes auf dem an zeremoniellen Details noch reicher und, 
Wasser schwebte. Sie glauben, daß im Gegensatz zu Hartlieb, von feststell- 
„sunder gaist" im Wasser wohnen und die barer Nachwirkung auf die Folgezeit. 
Zukunft zu künden vermögen; der mäch- Einige freilich waren für ein Weiterleben 
tigste von ihnen ist Salathiel 68 ) (Kap. 54). auch nur im beschränkten Kreise ge- 
Die H. dient u. a. der Aufklärung eines werbsmäßiger Magier sicherlich zu kom- 
Diebstahls, der Findung von Schätzen pliziert, so die aus der „Ars magna Ar- 
u. a. Das Wasser dazu muß am Sonntag tephii et Mikinii" entnommene, sogar 
vor Sonnenaufgang aus drei fließenden mit Abbildungen illustrierte Methode, mit 

Brunnen 69 ) in ein „lauter puliertz glas" Hilfe dreier aus verschiedenem Material 

geschöpft werden und wird dann in ein (Ton oder Silber, Erz, Glas) verfertigter 
schönes Gemach des Hauses getragen 71 ). und mit verschiedenen Flüssigkeiten (Was- 
Dann werden Kerzen vor dem Wasser- ser, öl, Wein) gefüllter Gefäße Gegen¬ 
gefäß angezündet 72 ), als sollten ihm gött- wärtiges. Vergangenes und Zukünftiges 
liehe Ehren erwiesen werden. Darauf zu erkennen. Die günstigsten Zeiten der 


561 


Hydromantie 


562 


Ausführung (bei Sonnen-, Mond- oder 
Stemenschein), die Kleidung des Aus¬ 
übenden (weißes Gewand, Kopf bis auf 
die Augen mit rotem Seidentuch verhüllt), 
die Zauberworte usw. werden genau 
angegeben. Einfacher ist der Ablauf 
eines anderen Experimentes, für das sich 
Cardanus teils auf Josephus Niger teils 
auf eigne Teilnahme beruft: Flasche mit 
Weihwasser auf weißgedecktem Tisch in 
der Sonne, Kreuz aus Olivenblättem, 
Wachskerzen, Weihrauch, Gebet an die 
hl. Helena; mehrere Medien (einige Mäd¬ 
chen, eine schwangere Frau, ein Knabe) 
erblicken menschliche Gestalten im Wasser, 
die genau beschrieben werden. Cardanus 
selbst beobachtete nur eine gewisse Be¬ 
wegung des Wassers und Blasenbildung. 
Ein weiteres, ähnliches Rezept (Kap. 93) 
dient zur Auffindung eines Diebes: Auch 
das Tuch, auf dem das Wassergefäß steht, 
muß geweiht sein. Das Wasser wird durch 
ein ölblattkreuz und durch ein Kreuzes¬ 
zeichen geweiht, das man mit dem Nagel 
des rechten Daumens über das Gefäß 
schlägt. Gebete (Vaterunser, Englischer 
Gruß, Engelanrufung) und Kniebeugung. 
Der Dieb erscheint schattenhaft im Wasser. 

Das Fortleben dieser Praktiken zeigt 
sich darin, daß sie in die unter dem 
Namen „Fausts Höllenzwang" o. ä. ver¬ 
breiteten Zauberbücher übergegangen j 
sind, die, vermutlich seit dem 17. Jh. 
kompiliert, sich einer bis in die Neuzeit 
reichenden Geltung erfreuen 77 ). Zu den 
aus Cardanus Schriften entnommenen An¬ 
weisungen kommt hier noch eine weitere 
unbekannter Herkunft, die besonders 
durch die Wiedergabe des Wortlauts der 
christlich gehaltenen, aber mit Zauber¬ 
worten verbrämten Gebete wertvoll ist 78 ). 
Das „Experiment", zu dem sie gehören, 
muß „an einem einsamen Orte, wo kein 
Glockenschlag noch auch ein Hahn- 
Geschrey gehört wird, gemacht werden", 
und zwar an einem Freitag bei zuneh¬ 
mendem Mond. Das Wassergefäß muß 
mit einem weißen Leinentuch bedeckt 
und auf einen Marmorstein gesetzt werden. 
Nachdem der Geist in Gestalt eines 
schönen Mannes im Glase erschienen ist, 
wird es mit Jungfernwachs geschlossen. 


Nach Beendigung der Beschwörung er¬ 
hält der Geist „Urlaub" durch ein Schlu߬ 
gebet. 

Auf eine dem „Höllenzwang" verwandte 
Quelle dürfte die ausführliche Anweisung 
zurückgehen, die Thiers gibt 7# ), angeblich 
nach einem ihm vorliegenden Manuskript. 
Die einleitenden Zeremonien bringen nichts 
wesentlich Neues, als Medium wird ein 
Knabe oder ein Mädchen vorgeschrieben; 
der Ausübende muß sich seit 8 Tagen des 
Geschlechtsverkehrs enthalten haben. In¬ 
teressant sind besonders die Spezial¬ 
anweisungen über die Anrufungen: Will 
man Schätze finden, so wendet man das 
Gesicht des Mediums nach Osten und ruft 
Uriel an; handelt es sich um die Fest¬ 
stellung eines Übeltäters, so kommt 
Süden und Iniel, für Diebesfindung Westen 
und Assinel, für die Frage, ob ein Freund 
noch am Leben oder tot sei, Norden und 
Gediel in Betracht. Der Wortlaut der 
Anrufungen, durchsetzt mit vielen magi¬ 
schen Namen, wird genau mitgeteilt. 

Die in allen diesen Anweisungen ge¬ 
gebenen Einzelvorschriften lassen sich — 
wozu hier kein Platz ist — fast ohne 
Ausnahme aus den Zauperpapyri be¬ 
legen, sodaß eine mindestens mittelbare 
Einwirkung des spätantik-orientalischen 
H.-Glaubens außer allem Zweifel stehen 
dürfte. 

Zur Lekanomantie, d. h. zur dämonisti- 
schen H., zählen einige Autoren des 
16. und 17. Jhs. 80 ) nach antikem Vorgang 
die im Alexanderroman des Pseudo¬ 
kallist henes beschriebene magische Ver¬ 
anstaltung des Nektanebus 81 ), der bei 
bevorstehendem feindlichen Angriff eine 
Schale mit Wasser füllte, darein Schiff¬ 
chen und Krieger aus Wachs setzte und 
diese unter allerlei Zeremonien und An¬ 
rufungen belebte. Durch Untertauchen 
vernichtete er auf sympathetischem Wege 
seine Gegner, bis ihm einmal durch gött¬ 
liche Konkurrenz dies Mittel mißlang, 
was er auf seinen eigenen Sturz deutete. 
In dieser Praxis spielt die Erkundung der 
Zukunft neben der auch sonst vielfach 
belegten magischen Belebung und Be¬ 
einflussung von Wachspuppen nur eine 
untergeordnete Rolle 82 ). 


563 


Hydromantie 


564 


Die vorstehende Darstellung zeigt, daß 
man zwei Hauptformen der H. zu unter¬ 
scheiden hat. In der einen ist es das Was¬ 
ser selbst, das durch seine Bewegungen, 
sein Schwinden und Zunehmen und seine 
sonstigen Veränderungen sowie durch 
sein Verhalten gegenüber hineingeworfe¬ 
nen Gegenständen Vorzeichen gibt. Diese 
bieten sich entweder ohne Zutun des Be¬ 
fragenden oder können auf einfachste 
Weise hervorgerufen werden; in den 
meisten Fällen handelt es sich um natür¬ 
liche Gewässer, Quellen, Seen usw. Die 
Auskünfte, die man auf diese Weise 
erhält, sind allgemeiner Art und werden 
in herkömmlicher Weise auf Grund ein¬ 
facher Assoziationen gefunden. Sie wer¬ 
den nur in seltenen Fällen als Äußerungen 
bestimmter Götter oder Geister aufgefaßt, 
denen die Gewässer als Wohnsitz dienen 
oder geheiligt sind. In der Hauptsache 
ist es eine unbestimmte, dem Element 
immanente Kraft, die sich offenbart. Auf 
der anderen Seite steht eine mit einem 
mehr oder weniger komplizierten Ritual 
arbeitende Methode, in der das in Ge¬ 
fäßen befindliche Wasser nur der Ort ist, 
in den man durch magischen Zwang dä¬ 
monische, irgendwie persönlich gedachte 
Wesen hineinbannt, um von ihnen präzise 
Antworten auf bestimmte Fragen zu 
erhalten. Bereits im Altertum tritt diese 
dämonistisch-zeremonielle H. als beson¬ 
dere Form mit eigener Bezeichnung 
(Lekanomaatie) auf; die Autoren des 
16. Jhs. spezialisieren sie durch Zufügung 
der Gastromantie noch mehr, wogegen zu 
bemerken ist, daß die älteste ausführliche 
Darstellung (Hartlieb, 15. Jh.) diese Teilung 
noch nicht kennt. Daß zwischen den beiden 
Grundtypen ein genetischer Zusammen¬ 
hang besteht und die gemeinsame Grund¬ 
lage der gesamten H.-Formen in einem 
primitiven Glauben an die mantische 
Kraft des Wassers zu suchen ist, dürfte 
nicht zu bezweifeln sein; ein wichtiges 
Verbindungsglied ist neben gewissen Ge¬ 
räuschen (Rauschen, Brodeln) vor allem 
wohl das Phänomen der Spiegelung, das 
wir in beiden Grundformen eine Rolle 
spielen sehen. Was von den heute noch 
im Volk festzustellenden Meinungen und 


Gebräuchen als fortlebender Rest jener 
primitiven Vorstellungen oder als ab¬ 
gesunkenes Bruchstück der zeremoniell- 
dämonistischen H. zu betrachten sei, läßt 
sich in vielen Fällen nicht feststellen; 
ein interessantes Beispiel für das Weiter¬ 
leben der zweiten Form auch im Glauben 
des einfachen Volkes ist der bereits oben 
2, 315 zur Gastromantie mitgeteilte 
; Diebfindungszauber des 19. Jhs.: ein un¬ 
schuldiger Knabe sieht den Dieb in einer 
Flasche mit Weihwasser 83 ). Ein älterer 
Bericht 84 ) zeigt gleichfalls, daß nicht nur 
gelehrte Magier und Propheten, sondern 
auch Leute aus dem Volke sich auf 
hydromantische Praktiken verstanden: 
Am 3. November 1749 ertranken bei einem 
Schiffbruch auf dem Vierwaldstättersee 
am Axenstein 24 Personen. Da die Lei¬ 
chen nicht aufzufinden waren, wendete 
man sich an Mattmann Kandi in Luzern, 

! der im Geruch der Magie stand. Dieser 
stellte einen Zuber mit Wasser auf und 
ließ die Fragenden hineinschauen. Sie 
erblickten im Wasserspiegel die Leichen 
auf dem Grund des Sees in einer Schlucht 
des Axensteins. In der Tat wurden die 
Ertrunkenen dort gefunden und konnten 
christlich bestattet werden. Die Grenzen 
verwischen sich auch in der jüngsten 
Gegenwart: Dje öfters zur H. gerechnete 
Divination mit Hilfe eines schwingenden 
Rings (s. o.), die sich heute in weitesten 
Kreisen einer nicht geringen Beliebtheit 
erfreut und bereits eine Fachliteratur 
erzeugt hat 85 ), wird gleichfalls teils von 
Experten zelebriert, teils von Laien be¬ 
trieben. 

Die Ablehnung und Bekämpfung der 
H., die bereits im Altertum einsetzt 86 ), 
von der mittelalterlichen Kirche besonders 
lebhaft betrieben wurde 87 ) und für die 
Mehrzahl auch der weltlichen Divinations- 
Spezialisten späterer Zeit kennzeichnend 
ist, richtet sich in erster Linie gegen die 
zeremonielle H., die wegen ihres ausge¬ 
sprochen dämonistischen Charakters den 
leichtesten Angriffspunkt bot. 

Die moderne Psychologie hat die Frage 
nach den psychologischen Grundlagen der 
H. mehrfach erörtert, aus denen sich 
zum guten Teil ihre seit den frühesten 


565 


Hydromantie 


566 


Zeiten bis heute bewiesene Lebenskraft 
erklärt 88 ). Die Psychoanalyse hat sie 
geradezu in ihren Dienst zu stellen ge¬ 
sucht 89 ), wobei in der „Anordnung“ des 
Versuches die Ähnlichkeit mit Einzel¬ 
heiten des alten Rituals auf fällt. 

*) Lenormant Magie und Wahrsagekunst der 
Chaldäer (Dt. Ausg. 1878) 463; Hopfner 

Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber 2, 228; 
Pauly-Wissowa 14, 1285; Ungnad Deutung 
der Zukunft 15; Bouche-Leclerq Hist, de la 
divination i, 184. 339; 2, 358 und Daremberg- 
Saglio 2, 35S; Maury La magie et Västrologie 
426; Boehm in Pauly-Wissowa 9, 79; 

Ganszyniec ebd. 12, 1879; Halliday Greek 
Divination (London 1913) 185. 2 ) Isidorus 

Orig. 8, 9, 11; Servius Aen. 3, 359. 3 ) De 

civitate Dei 7, 35 ed. Dombart 1, 318. 4 ) Scho- 
lion zu Lykophron Alexandra 813. 6 ) Apu- 
leius Apologie c. 42, S. 49, 13 ff. ed. Helm. 
6 ) vgl. Strabo 16, 2, 39. Die Perser dürften 
sie von den Babyloniern übernommen haben, 
s. Ganszyniec in Pauly-Wissowa 12, 1880; 
Boehm ebd. 9, 80; auch die Spezialform der 
Oenomantie (s. u.) wurde auf die Perser zurück¬ 
geführt, vgl. Delrio Disquisitiones Magicae 
2 (Mainz 1603), 175. Eine astrologische Hand¬ 
schrift des 15 Jhs. bringt das Bildnis eines 
llepso; XotyxavopLavTi; touvous ’AttoXoivio;," Catal. 
astrol. graec. 4, 45. Eine interessante bild¬ 
liche Darstellung einer hydromantischen Be¬ 
schwörung durch den Zauberer Cyprianus aus 
dem Cod. Par. Gr. 510 s. IX bei Rader- 
macher Griech. Quellen zur Faustsage (Sitzb. 
Wien 206, 4. 1927), Taf. zu 230: zwei kleine 
Gestalten erscheinen in einer Schale. Eine 
bildliche Darstellung eines Wasserzaubers glaubt 
Perrot Mc'm. d'archeologie (Paris 1875) 123 t. 
in einem Wandgemälde des sog. Hauses der Li via 
auf dem Palatin zu sehen. T ) An Pythagoras, nicht 
an Numa, dachte wohl der historische Dr. Faust, 
wenn er sich als,,inhydra arte secundus“ bezeich- 
nete, s. Brief an Trithemius vom 20. August 1507, 
Witkowski in ZfGeschwiss. N. F. 1, 343; 
van ’tHooft Das holländische Volksbuch von 
Dr. Faust (1926) 4. 8 ) Zu dieser im Altertum 
mehrfach auf tretenden Verbindung von H.- (bzw. 
Lekano-) und Nekromantie s. Ganszyniec 
a. a. O. 1884. 1888. Auch Codes Anastasis 
(1517) 3 kennt eine Form der Nekromantie, 
die sich vollzieht ,,inspectione a pueris aut 
feminis praegnantibus facta in speculo chrystal- 
lino seu amphora aqua plena“. *) Vgl. Achter¬ 
berg Interpretatio Christiana (Leipzig 1930). 
10 ) De magorum praestigiis falsisque divinationi- 
bus, M i g n e P. L. 110, 1098 A; De universo, P. L. 
in, 425 A. n ) S. z. B. Burchard v. Worms 
Decretum 10, 42 f.; Migne P.L. 140, 840 C; 
Ivo v. Chartres Decr. 11, 67; Panormia S, 66. 
Migne P. L. 161, 761 A, 1318 B; Decretum 
Gratiani p. 2, caus. 26, quaest. 3/4, cap. 1, 
quaest. 5, cap. 14; Corpus iur. canon. ed. Fried¬ 
berg 1, 1024. 1032: Hugo v. St. Victor Eruditio 


didasc. 6,15. Migne P. L. 176,810 D; Johann 
v. Salisbury Policrat. 1, n, 12; Migne P. L. 
199 . 4°7B; Hinkmar v. RheimsZte divortio 15. 
Migne P. L. 125, 718; Thomas v. Aquino 
Summa theol. s. 2, qu. 95, art. 3. Edit. Rom. 9, 315. 
12 ) Schönbach 25: alia [divinationis species est] 
ydromancia, que fit in aqua, ut est inbecinio cum 
aqua cruces (cereis ?) cum ymaginibus ponitur 
et dicitur ab ydor quod et aqua. Vgl. auch 
Joh. Ni der Praeceptorium (Nürnberg 1496) pr. 1 
cap. 11 Anf.; Grimm Myth. 3, 411 (Hs. v. J. 
I 393 ): Hasak Der christl. Glaube (Regensburg^ 
1878) 47. 13 ) Vgl. z. B. Antonin v. Flo¬ 

renz (1389—1459) bei Klapper in MschlesVk. 
21, 66 ff. nr. 11—14. 26. In diesen Beichtfragen 
wird sowohl auf die Beobachtung der Quellen 
(si prenusticavit ex rumore aquarum currencium) 
wie auf Becherweissagung u. dgl. Bezug ge¬ 
nommen. 14 ) 10, 17 ed. Borgnet 10, 650 b: 
sane hydromantia in extis animalium consistit 
abluendis inspiciendisque fibriis. 16 ) Vgl. die 
Zeugnisse bei Hansen Hexenwahn 207. 253: 
Reisch Margarita philosophica (Straßburg 1504) 
171 v; Johann v. Saaz Ackermann Kap. 26, 
hsg. v. Burdach 63, 25 f.: ydromancia, in Was¬ 
sers gewurke der zukunftigkeit entwerferin. 
Auch Rabelais 1, 634, dt. Ausg. v. Gelbcke 1, 
398, der die H. zu den Künsten des ,,Mr. Trippa“ 
(Agrippa ?) zählt, begnügt sich mit einfacher 
Nennung, während ihm die Sonderform der 
Lekanomantie etwas klarer ist, s. u. Anm. 75; 
vgl. Gerhardt Franz. Novelle 109. ie ) Niketas 
Choniates (f um 1220) De Andronico 2, 9, 
p. 441 ed. Bekker (1835): povou; toü; 61a ttXu- 

VÖIV xal XEXOrvtölUV CpEVaXOfACtVTECC 7 TEptXElT: 0 fJlEV 0 U;. 

Auch für Tzetzes (12. Jh.) Alleg. Iliad. i, 
208 ist die H. die Wahrsagekunst, £x xfjc 

pLavTixrjc xai ÄExavopavTeia? hat Cheiron 
dem Achilleus sein Schicksal prophezeit, vgl. 
Schol. ad Exeg. in II. ed. Hermann (1812) p. 148, 
7: <PtXö(J7pciTo; £v toi; Ilptuixoi; (ed. Kayser 2, 

195) Xejei «l; a T 10 Y l< ? /p^aapevov ev ’löaxTj töv 

"OpTjpov rjyouv).exavopavTclot T7) zaÄaia 
ttjv ai d/uyijv; s - a - Kedrenos 

Hist, compend. 527, 2, 129 ed. Bekker (1839); 
Montesquieu Oeuvres compl. 1 (Paris 1865), 
101. 17 ) Als „emoritischer“, d. h. orientalisch- 

heidnischer Aberglaube wird die H. bekämpft 
in der zum talmudischen Schriftenkreis gehören¬ 
den Tosefta (3. Jh.), s. Lewy in ZfVk. 3, 27. 
18 ) Catal. codic. astrol. graec. 8, 2, 143 ff.: 
c YypopavTE{a 2 oXoptItvo;. Diese Form des Namens 
der H. ist sonst nicht belegt. Der Inhalt der 
Schrift bringt nichts Hydromantisches; vielleicht 
liegt eine Verstümmelung der Handschrift vor; 
zu Salathiel vgl. a. Gast er Studies and texts 
3 (London 1925!.), 79. lß ) Grimm Myth. 1, 
4840.; Weinhold Quellen 1898; Boudriot 
Altgerman. Religion (1928) 34, vgl. a. A. F. 

Schmidt Danmarks helligkilder (Kopenhagen 
1926). 20 ) Brief Gregors III. an Bonifatius (um 

738) bei Clemen Fontes rel. germ. 42, 3, vgl. 
die ,,fontium responsa“ in den Gesta Herwar di 
(Mitte des 12. Jhs.), Clemen 76, 10. Auch 
in dem Gesetz Liutprands (um 717), Clemen 


567 


Hydromantie 


568 


38, 36, ergibt der Zusammenhang, daß die 
Worte „ad fontes adoraverit" mit H. in Zu¬ 
sammenhang stehen. Wichtig ist auch die 
Nachricht Thietmars v. Merseburg von der 
Quelle Glomuzi (in der Nähe von Glatz bei 
Alt-Lomnitz), die Getreidekörner zutage bringt, 
wenn Friede und eine gute Ernte, dagegen 
Blut und Asche, wenn Krieg und Mißwachs 
bevorstand, s. Rochholz Sagen 1, 41. — Die 
Skepsis von Boudriot Altgerm. Rel. 35 gegen¬ 
über der Stelle aus dem Briefe Gregors er¬ 
scheint nicht hinreichend begründet. 21 ) Car¬ 
danus (geb. 1501) De sapientia B. 4, Opera 1 
(Leiden 1663), 564; De rerum varietate (Basel 
1557) B. 14, Kap. 68 f. p. 926 f., B. 16, Kap. 
91 f., p. 1071 f., Kap. 93, p. 1109 £. z. T. über¬ 
setzt bei Kiese wette r Faust 465 f. 22 ) Agrip- 
pa De occulta philosophia B. 1, Kap. 57, Opera 
1 (ed. Bering), 89, Dt. Ausg. 1 (1916), 273; 
davon wenig unterschieden Comment. in Plinii 
lib. XXX, Opera 1, 528. Der Einfluß dieser 
beiden Hauptquellen erstreckt sich bis auf 
die jüngsten Darstellungen, s. Freudenberg 
Wahrsagekunst 103. 23 ) In: Agrippa Op. 

1, 689 f., dt. Ausg. 5, 356 f. (nach, seinem in der 
Stelle über H. genannten Geburtsort Moncal- 
vaire weiterhin als Anonymus Moncalv. zi¬ 
tiert). 24 ) Als Hauptvertreter seien genannt: 
Pictorius (f 1569) De speciebus magiae cap. 4 
in: Varia (1559) 51 ff. Abgedruckt auch in: 
Agrippa Opera 1, 478 f., dt. Ausg. 4, 162 f., 
danach weiterhin zitiert; Camerarius (* 1500) 
Comm. de genenbus divinationum (Leipzig 1575) 
9; Bodinus (* 1503) Demonomanie (Lyon 

1598) 35 f- 120 f., in Fischarts Bearbeitung 
(Hamburg 1698) 29. 109 f.; Wierus (Wier, 
* 1515 in Holland) De praestigiis daemonum 
(Basel 1564) 157 f.; Peucer (* 1525) Comm. 
de praecipuis generibus divinationum (Witten¬ 
berg 1560) 145 ff.; Boissardus (* 1528 in 
Besan^n, f 1602 in Metz)- De divinatione 
(Oppenheim 1611) 15 ff.; Delrio (* 1551) 

Disquisitiones magicae 2 (Mainz 1603), 1670.; 
Bulengerus (geb. um 1555)1)5 ratione divina - 
tionis , Opuscula (Leiden 1621) 199 ff. Aus 
der Literatur des 17. Jhs. verdienen eine Er¬ 
wähnung Zanchius De divinatione (Hanau 
1610) 35; Pfuel Electa physica (Berlin 1665) 
148 f.; (Bouhours) Remarques ou Reflexions 
(Amsterdam 1692) 99 ff. (fast völlig von Delrio 
abhängig); Thiers Traitc 3 (1712), 187 f. 

Weitere Angaben älterer Literatur zur H. 
bei Praetorius Alectryomantia (Frankfurt 
1681) 9 und Fabricius Bibliographie anti - 
quaria 2 (Hamburg 1760) 599 f. — Bei Zi¬ 
tierung der vermerkten Schriften wird nur 
der Name des Verfassers genannt. 25 ) Der 
Anon. Moncalv. 1, 689, dt. Ausg. 5, 356, 
der überhaupt ein weitgereister und see- 
befahrener Mann gewesen zu sein scheint, 
berichtet besonders eingehend über diese Beob¬ 
achtungen der Meeresströmungen. 26 ) Agrippa 
1, 89, dt. Ausg. 1, 273; Pictorius 1, 481, 
•dt. Ausg. 4, 166. 2: ) Der Anonymus Moncalv. 
1, 690, dt. Ausg. 5, 357 erzählt von einer solchen 


Quelle in der Nähe seines Heimatortes. Fa¬ 
bricius 594 zitiert als hierher gehörend eine 
Schrift des P. M. Pauciadius De puteo sacro 
agri Bononiensis (Rom 1757). Bei Zukunft¬ 
deutung aus dem Schwinden und Zunehmen 
des Wassers kann jedoch auch an die Ge¬ 
bräuche der Andreas- und anderer Orakel- 
nächte gedacht sein, wonach aus dem Wasser¬ 
inhalt aufgestellter Gefäße prophezeit wird, 
s. Grimm Myth. 3, 418 (Hs. a. d. 14./15. Jh.); 
3, 469 t.; Amersbach Grimmelshausen 2, 47; 
Schultz Alltagsleben 6; Drechsler 1, 7. 

2li ) Agrippa 1, 89, dt. Ausg. 1, 273; Pictorius 

1, 481, dt. Ausg. 4, 166. 2d ) Stückelberg 

ARw. 13, 339; Hempeler ebd. 14, 648; Bir- 
linger Schwaben 1, 404; Wolf Beiträge 1, 236. 
*®) Aeneis 4, 453 f.; Penquitt De Didonis 
Vergxlianae exitu (Diss. Königsbg. 1910) 27 f. 
31 ) Delrio 2, 175; Bulengerus 222. 32 ) Bodin 
121; Delrio 2, 168; Fabricius 608; vgl. 
Bouch6-Leclerq Hist, de la div. 1, 187. 
33 ) Anonym. Moncalv. 1, 690, dt. Ausg. 
5 » 357 ; Delrio 2, 168. M ) Pausanias III 
23. 3 (Weiher der Ino in Epidauros Limera); 
Zosimus 1, 58 (Quelle in Aphaka, Syrien). 
“J Ps.-Aristoteles De mirab. auscult. 57 
(2, 83467). Diese Eidprobe erinnert an die 
Wasserprobe der Hexenprozesse, und in der 
Tat wird dies Verfahren auch einmal als H. 
bezeichnet: I. E. Mehring und G. Kästner 
Dissertatio de Hydromantia quoad Sagas pro - 
bandas per aquam frigidam (Wittenberg 1669), 
zitiert von Grässe Bibi. mag. 108. 38 ) Inter¬ 

essante Parallelen aus Schottland und Ostasien 
bei Halliday Greek Divination 114 t. 3i ) Sa- 
tirae 137, 10 ed. Bücheier. Zahlreiche Ent¬ 
sprechungen im deutschen Aberglauben (Gegen¬ 
stände verschiedenster Art, deren Sinken 
beobachtet wird), vgl. z. B. oben 2, 578; Hart- 
lieb Buch aller verbotenen Kunst Kap. 63, 
s. Sp. 558; Gassner Mettersdorf 21; Wuttke 
§ 338; MschlesVk. 7, 47 Nr. 37. Auch die 
Bildung von Bläschen und das Quellen von Ge¬ 
treidekörnern gibt Vorzeichen (für die Ernte), 
s. o. 2, 941. 33 ) Cardanus 1, 564 b; Delrio 

2, 167; Schindler Aberglaube 213; ohne 
Angabe der Herkunft wird an dieser Stelle 
noch folgende Praktik des Mittelalters mit¬ 
geteilt: Man nimmt so viel Steine aus einem 
Flusse, als Stücke gestohlen worden sind, ver¬ 
gräbt sie unter der Türschwelle, holt sie am 
dritten Tage wieder hervor, setzt eine Schüssel 
mit Wasser in einen Kreis, der durch ein Kreuz 
geteilt ist, auf dem geschrieben ist: „Christus 
überwindet, Chr. regieret, Chr. herrschet". 
Dann spricht man eine Beschwörung und wirft 
die Steine in das Wasser, während man den 
Namen des mutmaßlichen Diebes nennt. Man 
erfährt den Dieb, da das Wasser „bei dem 
rechten Steine brauset und zischet". Die 
Quelle ist Wierus De praestigiis 400 f.; vgl. 
Da ly eil Darker Superstitions 508 (aus Hexen¬ 
akten der ersten Hälfte des 17. Jhs.). Ganz 
ähnlich ist das vom Frater Rudolfus erwähnte 
schlesische Liebesorakel des 13. Jhs.: Mädchen 


569 


Hydromantie 


570 


schreiben die Namen von Freiem auf Steine, 7, 70 Nr. 2 (Posen). Besonders für die Fest¬ 
erhitzen diese und werfen sie ins Wasser. Der Stellung der Schädigung durch den bösen Blick 

Stein, der dabei knistert, bezeichnet den Zu- ist diese Methode in zahlreichen Abwandlungen 

künftigen, s. Klapper MschlesVk. 17, 33 noch heute, besonders in Italien und Südslawien, 

Nr. 26; Schles. Vkde. 251. — Die Behauptung I weit verbreitet, s. Seligmann Zauberkraft 
bei Lenormant Magie und Wahrsagekunst 413.417.4190. Ähnlich ist das hydromantische 

463, daß in der Wahrsagung aus den Wasser- Verfahren bei Da ly eil Darker Superstitions 

ringen vorzugsweise die H. der Chaldäer be- 512 (Hexenprozeß v. J. 1633): der Hexen¬ 
standen habe, entbehrt der Begründung. meister wirft Sixpencestücke in ein Gefäß mit 

w ) Nach dem Anonymus Moncalv. 1, 690 Wasser. Kommt das Kreuz der Prägung nach 

waren die Kügelchen (beilote) aus Kreide oben zu liegen, so ist die Diagnose günstig, 

oder Ton von Haselnußgröße und enthielten und umgekehrt. 49 ) z. B. Bodin 120 f. w ) Bo- 

Zettel mit den Namen der Verdächtigen. din a. a. O.; Delrio 2, 167; einige Literatur 

Man warf sie unter gewissen Zeremonien, wie zum modernen Pendelglauben s. u. Anm. 85; 

Entblößung des Hauptes, Murmeln von Zauber- Cardanus 1, 564 b. 61 ) S. o. 2, 753 (Elaiomantie), 

Sprüchen, ins Wasser. Diese Form war, wie 1, 1390 (Bleigießen); 2, 618 (Ei) und Kero-, 

a. a. O und bei Delrio 2, 168 ausdrücklich Molybdo- und Oomantie. Auch die Wahr¬ 
bemerkt wird, besonders in Italien üblich. sagung aus den Figuren, die sich beim Ge- 

4U ) Klingner Luther 117; nach Luthers An- ! frieren von Wasser bilden, wird in diesem Zu¬ 
gabe benutzte man dabei Weihwasser, ein | sammenhang gelegentlich erwähnt, vgl. oben 
auch sonst in der H. öfters vorkommender und j 2, 716 (Eis); ZfVk. 4, 310 (Ungarn); Zelenin 
scharf getadelter Mißbrauch, vgl. Hartlieb j Russ. Vkde. 379. 52 ) Pausanias VII 21, 23 

Buch aller verbotenen Kunst Käp. 59, s. Sp. 558; (Quelle des Apollo bei Kyaneai in Lykien); 

Thiers Traite 3, 191 f.; Dalyell Darker Super - } III 25, 8 (Tainaron), vgl. auch Lukianos 
stitions 513 f. Ganz vereinzelt steht die Angabe j Verae hist. 1. 26. 63 ) Z. B. Grimm Myth. 3, 416 
des Antoninus v. Florenz bei Klapper (Hs. 14./15. Jh.); Denis (* 1729) Lese- 

MschlesVk. 21, 66 Nr. 11, daß an Stelle von flüchte 1, 128; Drechsler 2, 148; Gaßner 

Wasser auch Wein „quod dicitur Johannis" Mettersdorf 46; Schönwerth Oberpfalz 1, 260; 

(Johannisminne) verwendet wurde. Auf Miß- oben 1, 399; 2, 581. 54 ) Vereinzelt steht die 

brauch des Abendmahlweines deutet anschei- Nachricht bei Damascius Vita Isidori 191 

nend der Satz: qui . . . quando accipit calicem p. 136 ed. Westermann von einer Frau, die die 

in ipso aspicet, iste sacrilecus est, Caspari Zukunft ohne weiteres aus einem mit Wasser 

Homilia 7 § 6. 41 ) Hartlieb a. a. O. 42 ) Schön- gefüllten Glas verkünden konnte. 65 ) Augu- 

werth Oberpfalz 1, 140; Dähnhardt Volkst. stinus De civ. Dei 7, 35; Isidorus Orig. 8,9, 

1, 84 Nr. 2; oben 2, 210. In der Gegend von 12. 6Ö ) Vgl. die Erscheinung des Hermes 

Szeged verwendet man an Stelle der Lehm- in dem Falle von Tralles, Varro b. Apu- 

kügelchen Knödel mit eingekneteten Namens- XeiwsApol. 42. 57 ) BoehminPauly-Wissowa 

zetteln. Der beim Kochen zuerst aufsteigende 9, 81 f.; Ganszyniec ebd. 12, 1882L; Papyri 

wird geöffnet und bringt die Entscheidung: Graec. Mag., hsg. v. Preisendanz 1 (1928), 

Herrmann ZfVk. 4, 318. 43 ) Hasak Christi. 77 f. 178. 181. 58 ) Psellos De operatione 

Glaube 47 (aus dem 1470 in Augsburg erschie- daemonum ed. Boissonade 42 gibt für die von 

nenen „Spiegel der Sünden“). M ) Pausanias ihm als assyrisch bezeichnete Lekanomantie eine 

IV 3, 5; Apollodor. II 8, 4; vgl. a. Plautus Art wissenschaftlicher Erklärung auf Grund 

Casina 2, 295 ff. 45 ) H. Rüdel Characteromantia seiner Dämonenlehre, ohne auf die Einzel- 

(Altdorf 1694) 23. Der Verfasser sagt von heiten der Praxis näher einzugehen: Das ver- 

dieser Handlung: „sine concursu daemonis wendete Wasser wird durch Beschwörungen 

haud fieri potuisse quivis facile concesserit“. in den geeigneten Zustand versetzt, um den 

46 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 140. Diese Form weissagenden Dämon, der sich durch leise 

erinnert an das bekannte Liebesorakel mit Töne äußert, aufzunehmen; der Schlußsatz zu 

Lichtchen, die auf Nußschalen u. dgl. im Wasser dieser Darstellung kennzeichnet die Stellung¬ 
schwimmen (s. u. Nußschale). 47 ) Daß sie nähme des Autors: tva otd ttjv eiaacpetav tt); cpu>vf)s 

von selbst „in hohem Bogen herausspringt" tov toü tauoou; arooiopaaxioaiv IXeyyov, ähnlich 

(Meyer Schwaben 566), ist kaum möglich. 

48 ) Pictorius 1, 480, dt. Ausg. 4, 163. Da der 
Gebrauch als eine Weissagungsmethode ,nostra- 
tium sycophantarum et diabolicarum vetu- 
larum“ bezeichnet wird und Pictorius aus 
Villingen stammt (f 1569), ist diese Notiz 
wohl als sicheres Zeugnis für den deutschen 
Aberglauben des Mittelalters zu bewerten 
(dies wird auch durch die Randbemerkung zu 
der Angabe des Pictorius „Bussentaler nit zu 
dulden“ bestätigt). Sie wird wiederholt von 
Bulengerus 199; Belege aus heutigem Aber¬ 
glauben: Meyer a. a. O.; oben 2,210; MschlesVk. 


Niketas Chomates De Andronico 2, 9 ed. 
Bekker (1835) 442; die Ritualien selbst ver¬ 
schweigt dieser Autor absichtlich. Tzetzes- 
Exeg. Iliad. 110 ed. Hermann (1812) unter¬ 
scheidet eine ältere und eine jüngere Form, jene 
mit Blut in einer Grube (vgl. Odysseus in der 
Unterwelt, oben Anm. 16), diese mit Wasser in 
einer Schale vollzogen. Einige von ihm gebrachte 
Einzelheiten sollen weiter unten erwähnt 
werden. — Die Methoden der hydromantischen 
Charlatane schildert anschaulich Hippolytos- 
Refutationes 4, 35, vgl. a. Ganszyniec Hippo- 
lytos’ Capitel gegen die Magier (Leipzig 1913) 


57i 


Hydromantie 


572 


62. 5i ) S. Anm. 16. 60 ) Eine Ausnahme, die 

jedoch ohne weitere Wirkung geblieben ist, 
stellt die Einordnung der H. in das System 
des Paracelsus dar, s. Opera ed. Huserö (1589), 
361: „Hydromantia gibt seine Zeichen durch 
die Astra des Wassers mit Wellen, Überlauf!, 
Schwindung, Anlauf!, »Entfernung, Lorindt, 
newe Flüss, mit abwäschung aller Irdischen 
dingen“; 9, 93 (die H. ist von den Dämonen 
erfunden): „Nun ist Hydromantia auch ein 
Kunst, die do gestehet ist in sein Figuren und 
Zeichen mit sampt der ganzen Himmlischen 
Figura Coeli, und die nimpt sich also: Nimm 
^in Schaff mit Wasser und setz nider: Nun so 
bald du das nidersetzest, so hab acht auff die 
Wellen, di dorinn seindt, wohin sie fallen und 
dergleichen, auff sein zittern, desgleichen auff 
das Stillstehen und auff die Blottern und Bullen. 
Die vier geben vier Figuren, die vier geben 
zwölff Figuren: Nun steht die kunst do, wie 
sie sein soll. Nun auff die Figuren seindt Regeln 
und dergleichen gemacht: steht die Figur also, 
so ist es also etc. Nun ist es ein guter handel, 
der Geist wirfft Bullen auff, er lest zittern, 
er muß schwanken“ usw., vgl. ferner 3, 332 f.; 
2, 121; 4, 273 ff. 356 f.; 10, 80 f. 402. 466. 

61 ) Doch nicht bei Agrippa, einer der Haupt¬ 
quellen. * 2 ) Halliday Greek Divination 145ff. 
faßt alle Formen, bei denen Gefäße verwendet 
werden, unter „lekanomancy“ zusammen. 63 ) 
Oben 3, 315. 64 ) Bei Pictorius, Peucer, Wier, 
Bodin, Bulengerus u. a. ist gerade für diese 
Form der H. die Abhängigkeit von Cardanus so 
stark, daß sich eine jedesmalige Angabe der 
Parallelstellen erübrigt. 6G ) Hsg. v. D. Ulm, 
Halle 1914, dort auch Literaturangaben zu Hart- 
liebs Leben und Schriften, vgl. ferner o. 2, 1491. 
Über seine Bedeutung für die Darstellung der 
Chiromantie s. o. 2, 42. Über die H. handelt 
er Kap. 54 ff. S. 36 ff. 6G ) Z. B. in der Wieder¬ 
holung des varronischen Schemas der elemen¬ 
tarischen Divinationen, Kap. 53, S. 35, 30 f. 
*') Anm. 18. 63 ) Zum Auftreten von Engel¬ 

namen vgl. oben Sp. 349 und Anm. 45. 6) ) An- 
toninus v. Florenz (j- 1459) b. Klapper 
MschlesVk. 21, 66: Si incantavit cum aqua 
trium ecclesiarum vel trium foncium; Roh de 
Psyche 2, 406. :o ) Bei der Lekanomantie werden 
schalenförmige, bei der Gastromantie bauchige, 
flaschenartige Gefäße verwendet, daneben auch 
Becher; einmal ist von einem „ciphus ligneus“ 
die Rede: Antoninus a. a. O. Nr. 26, vgl. 
den Becher, aus dem Josef weissagte, 1. Mos. 
44, 5; J. Hunger Becherweissagung hei den 
Babyloniern (Leipziger Semit. Studien 1, 1905). 
Die an der Stätte des alten Babylon gefundenen 
magischen Gefäße behandelt M. Schwab 
Les coupes magiques et Vhydromancie dans 
l’antiquite orientale in: Proceedings of the 
Soc. of Biblical Arch. 12 (1890), 2920.; ihre 
aramäischen Inschriften haben apotropäischen 
Charakter. Über die (sehr zweifelhafte) Ab¬ 
leitung des Wortes „Gaukler" von cauculator 
(caucus— scyphus) s. Grimm Myth. 2, 867. 
31 ) Zur Verstärkung wurden Edelsteine und 


goldene und silberne Plättchen, mit Charakteren 
versehen, in das Wasser gelegt. Die Bericht¬ 
erstatter bezeichnen diese Sitte z. T. aus¬ 
drücklich als türkisch: Agrippa 1, 89. 528, 
dt. Ausg. 1, 57; Wierus 157; Delrio 2, 169, 
doch findet sie sich schon in den Papyri und 
bei Plinius, s. Boehm in Pauly-Wissowa 9, 
84, vgl. noch Epitome Lith. Orph. ed. Ruelle 
166, 19. Als nordafrikanischen Brauch be¬ 
zeichnen Delrio 2, 168 und van Dale De 
origine idolatriae (Amsterdam 1696) 467, nach 
Leo Africanus Descriptio Africae B. 3, den 
Zusatz von Öl zur Verstärkung der Spiegel¬ 
wirkung, doch findet sich auch diese Vorschrift 
bereits in den Papyri, s. Pap. Graec. Mag. 
1, 178. Durch ein Kreuz wird das Wasser 
gesegnet nach der unten Anm. 73 zitierten 
hsl. Anweisung des 14. Jhs. (dort gehören 
auch Zauberkreis und Zauberstab zum Ritual 
der H.) sowie in dem Rezept aus Fausts Höllen¬ 
zwang (Kiesewetter Faust 467, s. u.), wonach 
das Kreuz aus zwei kreuzweis ins Wasser 
gelegten Olivenblättern hergestellt werden soll. 
Nach Tzetzes Exeg. Iliad. 110 mußte die 
Schale selbst aus einem Gemisch von Gold, 
Silber, Elektron u. a. m. hergestellt und „jung¬ 
fräulich", also ungebraucht sein, auch das 
Haus und das Zimmer, in dem die Handlung 
um Mitternacht stattfindet, soll rein sein, rein 
gekleidet und von Geschlechtsverkehr und 
Fleischgenuß unbefleckt auch die Ausübenden, 
alles Bestimmungen, die sich auch in den 
Papyri finden und z. T. in späterer Überliefe¬ 
rung wieder auf tauchen, s. u. 72 ) Cardanus 1, 
564: Die Kerzen werden um das Gefäß herum¬ 
gestellt. 73 ) Vgl. den Knaben in Tralles bei 
Varro. Die Verwendung von reinen Knaben als 
Medien wird auch in den Zauberpapyri für die 
H. wie für andere Divinationsarten vorge¬ 
schrieben, s. Abt Apuleius 161 ff. 2480.; Jo- 
hannv. Salisbury Polierat. 1, 12, Mign e P.L. 
199, 408 (vgl. a. Maury La Magie 439, 3) er¬ 
zählt, wie er selbst als Knabe, freilich ohne 
Erfolg, zusammen mit einem Kameraden, als 
Medium herangezogen wurde; in seinem Falle 
handelte es sich um Onychomantie (s. d.) und 
um das Schauen „in exterso corpore pelvis", 
also mehr um Spiegelzauber im engeren Sinne 
(specularia magica. — specularios vocant, qui 
in corporibus levigatis vel tersis, ut sunt lucidi 
enses, pelves, cyathi . . . divinantes curiosis 
consultationibus satisf aciunt). Vgl. ferner 
Neues Arch. d. Ges. f. ältere dt. Geschichts¬ 
kunde 6, 241 (Hs. des 14. Jhs.); Antoninus 
b. Klapper MschlesVk. 21, 68 Nr. 26 (dort 
werden neben den Knaben auch Mädchen ge¬ 
nannt, ebenso bei Thiers Traite 3, 187); 
Cardanus a. a. O.; Van Dale De origine 
idolatriae 467 berichtet, daß man in Nord¬ 
afrika ganz junge Knaben, die das 8. Lebens¬ 
jahr noch nicht überschritten hätten, als 
Medien zur H. verwende. Den Gegnern der 
H. galt dies als ein besonders schändlicher 
Mißbrauch, vgl. Hartlieb 38, 5: o herre got 
erparm dich vber das vnschvldig rain kind. Zu 


573 


Hyla—Hysterie 


574 


der Schilderung dieser Methode bei Pictorius 
a. a. O. sagt eine beigedruckte Randbemerkung: 
„Qua gastromantia utamur (sic!) in Alsatia". 
u ) Sonst wird meist von Zauberformeln im 
allgemeinen oder von Beschwörung des Wassers 
berichtet, s. z. B. Psellosa. a. O.; J oh. v. Salis¬ 
bury a. a. O.;Ca.Tda.nus 0 pera 1, 564a. Während 
die Papyri die Anrufungen stets im genauesten 
Wortlaut mitteilen, sehen die christlichen 
Autoren aus verständlichen Gründen davon 
meistens ab, so Niketas De Andron. 443: 
IC sra'fi-ctTtJüv, o-rAa jjlt) &3?{v£tv ypetov; Agrippa 
Comm. in Plinii lib. XXX Op. 1, 528: pro- 
ferentes verba, quae annectere nolumus. 
Eine Ausnahme davon machen die unten ! 
besprochenen, von Cardanus, Thiers und in 
Fausts Höllenzwang überlieferten ausführlichen 
Rezepte. 76 ) Wo es sich, wie in der von Hartlieb 
beschriebenen Methode, um Gesichtswahrneh- ; 
mungen (Gastromantie) handelt, erscheinen je 
nach dem Zweck der Veranstaltung die frag- i 
liehen Personen oder Gegenstände, z. B. ent¬ 
fernte oder erkrankte Freunde, gestohlene 
Dinge oder, wie so oft im Zauberspiegel, ent¬ 
fernte Örtlichkeiten und Vorgänge (Rabelais 
Gargantua 1, 634, dt. Ausg. v. Gelbcke 1, 398: 
je te montreray ta femme future brimbollante 
avec deux rustres), s. z. B. van Dale a. a. O. 
467, oder irgendwelche Figuren oder Zeichen, 
z. B. Bodinus 129; Wierus 158; Camera- 
rius 130; Bulengerus 199. In der von Nike¬ 
tas a. a. O. beschriebenen H. läßt der Geist 
Buchstaben erscheinen. Bei akustischen Phäno¬ 
menen (Lekanomantie) ertönt aus dem Wasser 
die Stimme des Geistes in Form eines leisen, 1 
kaum vernehmbaren Geflüsters oder Zischens, 
s. Psellos a. a. O.; Cardanus a. a. O. bringt 
ein Zeugnis des Hermolaus Barbarus (* um 
1400) bei, daß die Stimme aller Dämonen sehr : 
leise sei, schon um leichter Täuschungen zu er- | 
möglichen, vgl. oben Anm. 58. Angeblich hatte 
jener berühmte Humanist und spätere Bischof 
von Verona die H. selbst mit Erfolg erprobt, 
s. a. Rabelais a. a. O. Auch die Vorstellung 
von der dünnen Stimme der Geister ist antikes 
Gut, s. Boehm De symbolis Pythagoreis 33. ! 
Vereinzelt wird auch berichtet, daß der Geist ! 
das Wasser nur bewegt, Blasen aufsteigen läßt • 
u. dgl., vgl. oben Anm. 60 die Theorie des 
Paracelsus. Die Methode bei Boissardus 17 
dient zur Erkennung von Verdächtigen: der 
Hydromant verhüllt seinen Kopf mit einem , 
Tuch, auf das ein mit Wasser gefüllter Becher ' 
gestellt wird. Darauf ruft er einen Dämon an 1 
und nennt die Namen der Verdächtigen; bei 
der Nennung des Schuldigen wallt das Wasser j 
auf. Dies Verfahren erinnert an die oben 1, 202 
nach Cardanus beschriebene Sonderform der 
Aeromantie. 78 ) Buch 16 Kap. 91 ff. p. 1071 ff.; 
Kiesewetter Faust 466 f.; Ganszyniec in 
Pauly-Wissowa 12, 1887. Cardanus An¬ 
weisungen sind z. T. wörtlich übernommen 
von Wierus De praestig. daem. Buch 4 Kap. 

5 P* 397 f*. 77 ) Kiesewetter Faust 263 ff. 

78 ) Ebd. 467 t. (Kap. 71 und 72); anschließend 


eine interessante, novellistisch gehaltene Schil¬ 
derung einer „gastromantischen" Seance aus 
derZeit der französischen Revolution am 20. Dez. 
1793. 7y ) Traite 3 (1712), 187 ff. 80 ) Codes 

Anastasis (1517) 2v; Delrio 2, 169; Bulen¬ 
gerus 199. 81 ) Ps. - K allist he nes 1, 1, vgl. 

dazu Stocks ARw. 13, 466; Ausfeld Der 
griech. Alexanderroman 30; oben 1, 1295. 

82 ) Anscheinend hatte bereits Berthold von 
Regensburg diese Methode vor Augen, s. o. 
Sp. 548 und Anm. 12. 83 ) Montanus Volks¬ 
feste 117. 84 ) SAVk. 19, 219; Keller Grab des 
Aberglaubens 1 (1778), 244 sagt von dem 

„Weissagen aus einer Bouteille, die mit Wasser 
angefüllt ist oder der H.: Daß diese Art zu weis¬ 
sagen auch unter Christen noch im Schwange 
gehe, beweisen viele Beyspiele" und verweist 
besonders auf das Stuttgarter Allg. Magazin 
auf das Jahr 1767, 46. 86 ) A. F. Glahn Der 

Gebrauch des Pendels, Memmingen 1930; H. 
Ertl Pendel-Tafel, Leipzig 1930; R. Völcker 
und F. Spahrmann Pendelmagie , Zeulenroda 
1930; E. Schumann Die Hilfe der Mutter 
Natur. Einfache Augen- und Pendeldiagnose 
1930. 86 j Vgl. vor allem Artemidoros Oneirocr. 
2, 69 p. 161 ed. Hercher, s. a. Anm. 16. 87 ) Neben 
den oben aufgeführten Zeugnissen aus kirch¬ 
lichen Schriften vgl. noch Hansen Zauberwahn 
584 nr. 144 (Verhandlung der theologischen 
Fakultät an der Universität Köln vom 5. Juni 
i486): actum in congregatione de remediis 
contra superstitiones gliscentes in terra Julia- 
censi per hidromantiam. 88 ) Literatur bei 
Lehmann Aberglaube 577f. 8U ) H. Silberer 
Lekanomantische Versuche im Zentralblatt f. 
Psychoanalyse 2 (1912), 3830.; Zur Charak¬ 
teristik des lekanomantischen Schauens ebd. 3, 
73 ff Boehm. 

Hyla, hylaria, dulia, malasilana: Zauber¬ 
worte in einer Augenbenediktion (Hd. 
des 15. Jhdts, München) *), auch in der 
Form: Nilaria dulcia filana und: N. del 
indena, dulta mila velena 2 ). Verderbtes 
Latein ? 

1 ) Franz Benediktionen 2, 496. 2 ) A. a. O. 

497 Anm. 2. Jacoby. 

Hysterie x ). Hysterie gilt als Beses¬ 
senheit 2 ); man glaubt, diese Krankheit 
sei den Betreffenden angetan, sie seien 
verhext 3 ). 

Deswegen werden auch Zaubermittel 
angewendet wie angebrannte Reb¬ 
huhnfedern, Haare, Teufelsdreck und der¬ 
gleichen Stinkmittel, um den Dämon 
durch Gestank zu vertreiben 4 ). 

*) Hecker Tanzwut 48; Hovorka-Kron- 
feld 2, 200; Höf ler Krankheitsn. 247; Storfer 
Jung fr. Mutterschaft 188; Tylor Cultur 2, 463; 
Fontaine Luxemburg 109. 2 ) Hellwig Abergl. 
29 . 33. 3 ) Lammert 251. 4 ) Hovorka-Kron- 
feld 2, 200. Stemplinger. 



575 


Jacke—Jagd, Jäger 


576 


Jacke s. Kleid. 

Jadeit. Der Jadeit galt den Römern 
als Schutzmittel gegen jeden Zauber, 
ebenso in China, seinem Hauptfundorte; 
dort warfen um den Anfang der christ¬ 
lichen Zeitrechnung, wenn ein Gesunder 
starb, alle Freunde einen Jadeit in sein 
Grab (wahrscheinlich als Schutz gegen 
Dämonen ) l ). Eine Menge Jadeitarte¬ 
fakte haben sich in der Schweiz und im 
südwestlichen Deutschland, seltener weiter 
nach Osten hin gefunden. Da der Jadeit 
auch in Mitteleuropa sich vorfindet, ist 
er nicht nur eingeführt 2 ). In Zedlers Uni¬ 
versallexikon wird der Jadeit unter dem j 
Namen Jade beschrieben als ein sehr selte¬ 
ner, grünlich grauer, wegen seiner Härte 
schwer zu bearbeitender Stein. In Boetius 
de Bodes Schrift ,,Le parfait Joualier“ 
wird der Nephrit wegen seiner ungemeinen 
Kräfte und Tugenden la pierre divine ge¬ 
nannt. Auf die Niere gebunden, soll er 
(ebenso wie der ihm nahestehende Nephrit) 
den Stein und Grieß vertreiben und mit 
dem Urin abf(ihren, auch ein gutes Mittel 
gegen das ,, schwere Gebrechen 1 ' sein; doch i 
darf man, wie der Bearbeiter in Zedlers 
Lexikon zweifelnd hinzufügt, nicht viel 
davon halten 3 ). Vgl. Nephrit. 

l ) Seligmann 2, 30. 2 ) Much Heimat der 

Indogermanen (1904), 65 ff.; Mitteil, des anthro¬ 
pologischen Vereins Schleswig Holstein 9 (iS88), 
16. 3 ) Zedier 14, 123. t Olbrich. 

Jagd (J.), Jäger (Jr.). 

Mit Jr. ist sowohl der Berufsjr. (Förster) 
als auch der, der die Jagd aus Lust be¬ 
treibt, verstanden. Im Aberglauben 
nehmen sie keine gesonderte Stellung ein. 

Bei den Deutschen hatte die J. seit 
den ältesten Zeiten zwar eine sehr große 
Bedeutung, aber sie kam nicht allein für 
die Nahrungsbeschaffung in Betracht. 
Nach einer jahrhundertelangen Ent¬ 
wicklung und einer starken fremden 
(franz.) Beeinflussung wird sie heutzutage 
entweder sportsmäßig oder als Erwerb 
betrieben 1 ). Weil aber bei den Deutschen 
die J. zu keiner Zeit dieselbe bedeutende 
Rolle spielt wie bei den Tiefkultur- 
völkem, deren Nahrung im wesentlichen 
von den Erträgnissen der J. abhängt, 


werden bei ihnen nur Spuren eines ein¬ 
stigen J.aberglaubens nachzuweisen sein, 
der gänzlich im Schwinden ist. Für die 
primitiven Jr. ist erwiesen, daß die J. 
als eine wesentlich mystische Betätigung 
betrachtet wird. Danach sind für den 
Erfolg die objektiven Bedingungen zwar 
notwendig, doch „müssen sie einen ma¬ 
gischen Wert haben, sie müssen durch ma¬ 
gische Operationen sozusagen in eine 
mystische Kraft eingekleidet worden 
sein“ 2 ). Da auch der älteste feststellbare 
Kulturzustand die Deutschen nicht als 
Jr. im Sinn heutiger Tiefkulturvölker 
zeigt, wird deren J. aberglauben zum Ver¬ 
gleich mit dem deutschen nur soweit her¬ 
anzuziehen sein, als dadurch Einzelzüge 
aufgehellt werden können 3 ). 

*) Heyne Nahrung 229 ff.; Jägerhörnlein, 
Schräder Reallex. 5190.; Pauly-Wissowa9, 
1, 588 ff.; Hoops Reallex. 2, 609 f.; A. Haber¬ 
land t Die volkstümliche Kultur Europas in 
Buschan Völkerkunde 3, 306 ff. a ) Ldvy- 
Brühl Das Denken der Naturvölker 200 ff. 
3 ) Andree Parallelen 2. 42 ff.; Frazer 5, 2. 
204 ff.; 12, 312.529; Melusine 3, 241 ff. 541 ff. 

Die J. als mystische Betätigung. 

Spuren dieser Auffassung sind gering 
und in ihrer Vereinzelung nicht verständ¬ 
lich, aber doch nachweisbar. Danach 
sind für den Erfolg magische Opera¬ 
tionen auszuführen: 

Vor der J. 

I. Das Wüd betreffend. 

Vorbedingung für das J.glück überhaupt, 
ist das Vorhandensein von Wild. Den Tän¬ 
zen und Beschwörungen der Primitiven mit 
dem Ziel, die Gegenwart des Wildes zu ge¬ 
währleisten, können verschiedene Mittel 

1. zu seiner Erhaltung im Reviere an 
die Seite gestellt werden, a) Bannung. 
Bei der genauen Abgrenzung der J.ge¬ 
biete kommt es nicht so sehr darauf an, 
daß Wüd überhaupt vorhanden ist, als 
daß es im eigenen Revier bleibt. Daher 
sperrt der Jr. sein Revier durch den ma¬ 
gischen Kreis (s. Kreis, bannen, binden), 
indem er eine Galgenkette, woran ein 
Dieb gehangen, herumschleppt; auch 
macht er mit seinem Hirschfänger gegen 
die 4 Weltgegenden 3 Kreuze 4 ). b) Ge¬ 


577 


Jagd, Jäger 


578 


wöhnung. Der Jr. soll sich das Amnium 
eines Wüdkalbes — er darf sogar ein 
trächtiges Wild zu diesem Zweck schie¬ 
ßen — nehmen; das ausgenommene Kalb 
samt Amnium stoße er klein, gieße dazu 
Wasser aus der Blase des Wüdes, viel Salz, 
ein wenig Heckerling und alten Back¬ 
ofen-Leimen. Mit diesem Gemisch soll 
er die Stämme im Revier bestreichen 5 ). 

2. Das Wüd muß auf den Fang- bzw. 
Schießplatz gelockt werden. Wichtiger 
als Treiber sind magische Handlungen, 
um das Wüd auf den bestimmten Platz 
zu bringen. Der Jr. sucht auf verschiedene 
Weise darüber Macht und Gewalt zu be¬ 
kommen: a) durch Bannung ihrer Fu߬ 
spur. Er soll eine Nähnadel, womit 
ein Toter eingenäht worden ist, in die 
Wüdspur stecken. Ein Nagel eines Sarges, 
worin eine Sechs Wöchnerin gelegen ist, soH 
besser sein 6 ). Die Hasen werden in den 
Kreis gebannt, der mit einem Haselstecken 
auf dem Feld gezogen wurde und an den 
ein Stück eines Hemdes einer zum ersten¬ 
mal menstruierenden Jungfrau befestigt 
ist- 7 ), b) Durch den Büdzauber, indem er 
Blechamulette um den Hals oder in den 
Kleidern trug; es wurde erstens das Bild 
eines Mannes auf Blech oder einem an¬ 
deren Metall gestochen, zur Zeit, wo der 
Mond im Schützen, Widder, Löwen steht. 
In der rechten Hand war der Bogen mit 
darauf gelegten Pfeüen zu halten. Wäh¬ 
rend des Gießens oder Schnitzens des 
Büdes war zu sagen: Durch dieses Büd 
binde ich aüewüden Tiere, Hirsch, Schwein, 
Hase usw., daß keines meiner J. ent¬ 
gehen könne, sondern mir aUe Zeit er¬ 
wünschte Beute und Anteü davon ver¬ 
bleibe; zweitens mußten im Zeichen des 
Löwen auf einem Blech desselben Ma¬ 
terials aüe Tiergattungen dargesteüt wer¬ 
den, die für die J. des Landes in Betracht 
kommen und dabei ist wie im ersten Faü 
zu sprechen. Die beiden Bleche sind 
so zu legen, daß die Abbüdungen (wohl 
des Jr.s und des Wüdes, nach der prälo¬ 
gischen Geistesart partizipiert das Bild am 
Original) gegeneinander zu liegen kom¬ 
men; sie sind in ein grünseidenes Tuch 
einzuwickeln und so fest zusammenzu¬ 
binden, daß sie sich nicht voneinander 

B&chtold-Stftubli, Aberglaube IV 


lösen können, und sie sind auf die J. mit¬ 
zunehmen 8 ). c) Durch den Rauch eines 
Feuers, indem bestimmte Ingredienzien 
verbrannt werden, sucht er eine mystische 
Verbindung mit dem Wilde herzustellen 
und es an sich zu ziehen. Vgl. daß der 
Sioux den Rauch seiner Pfeife in die Rich¬ 
tung der gesichteten Büffelherde sendet ®). 
Die alten J.bücher enthalten hiezu die 
wunderlichsten Anweisungen. Wird der 
Rauch gegen den Wald getrieben, kom¬ 
men alle Tiere zu dem Feuer gelaufen, 
die darin sind, ausgenommen der Bär 10 ), 
d) Durch Einwirkung auf den Geruchssinn 
des Wüdes; die verwendeten Mittel haben 
gewisse abergläubische Bedeutung. Die 
Rezepte sind zahlreich in den alten J.- 
büchem, und die vorgeschriebene Zusam¬ 
mensetzung ist meist widerlicher Natur, 
so Menschenharn, Heringslake, Lieb¬ 
stöckel, Hasel-, Birkensaft, Hirschwurzel, 
Kampfer, Steinsalz, möglichst lange mit¬ 
einander abgebeizt. Dies in der Wüdspur 
eine Spanne tief vergraben, zieht jedes 
Wild herbei. Für besonderes Wüd be¬ 
standen bestimmte Vorschriften, z. B. für 
den Fuchs und Wolf. Um die Hasen an 
einem Ort zusammenzubringen, mußte 
man Zeitlosen und Büsenkraut nehmen 
und alles miteinander mischen. Dazu gab 
man Hasenblut und vernähte aües in 
einem Hasenbalg, um den sich alle Hasen 
versammelten 11 ). 

4 ) ZföVk. 6, 110. 5 ) Jägerbrevier (Grässe, 

Berlin 1885) 102 Nr. 7. 6 ) ZföVk. 3, 272. 

7 ) John Westböhmen 331. 8 ) Alemannia 13, 

186 ff. (aus Venantio Diana, Cöln 1749). 
®) L£vy-Brühl a. a. O. 205. 10 ) Jägerbrevier 

104 Nr. 10. n ) Ebd. 101 Nr. 5. 6. 8. 9. 20. 21. 
13 u. a. 115 Nr. 31. 32. 3*4. u. a. 

II. Den Jr. betreffend. 

Sein Erfolg ist abhängig von der Stärke 
seines Orenda über das des Wildes. Es 
handelt sich nach dieser mystischen Auf¬ 
fassung der J. eigentlich weniger um die 
Geschicklichkeit des Jr.s — die zwar auch 
notwendig ist, — als vielmehr, daß er ge¬ 
wisse Vorbedingungen erfüllt hat. Die bei 
den primitiven Jr.Völkern reichlich vor¬ 
handenen Verbote, bzw. Gebote schim¬ 
mern trotz aller Verdunkelung und Ver¬ 
schiebung des zugrunde liegenden Sinnes 
aus manchen deutschen Verboten noch 


19 


579 Jagd. 

durch. Diese werden begreiflicher Weise 
noch eher eingehalten als die Gebote, denn 
die Übertretung eines Verbotes wird als 
von größerem Nachteil angesehen für 
den Erfolg, als die allmähliche Außeracht¬ 
lassung von Geboten. 

A) Verbote: a) eines ungünstigen An¬ 
ganges (s. o. i, 419). Er darf beim 
Gang auf die J. a) keinem alten Weib be¬ 
gegnen. Dieser Angang gilt für den Beginn 
jeder Tätigkeit als ungünstig, wird aber 
gerade vom Jr. noch allgemein streng und 
fast allein vom einstigen Aberglauben 
beachtet; den letzten Grund hierfür wird 
man in der Vorstellung vom Tabu des 
Weibes zu sehen haben, das für den J.er¬ 
folg bei bestimmten Tiefkulturvölkern eine 
wichtige Rolle spielt. Für diese ist das Weib 
mit Rücksicht auf den außerordentlich fei¬ 
nen Geruchssinn des Wildes wegen des Ge¬ 
ruches aller weiblichen Ausscheidungen Ta¬ 
bu, demnach vor allem solange als diese 
andauem 12 ). Im deutschen J.aberglau- 
ben ist nicht der Angang des Weibes über¬ 
haupt schädlich, denn der eines schönen 
jungen Mädchens ist günstig 13 ). Es liegt 
hier die gegenteilige Anschauung zu¬ 
grunde, daß das fruchtbare Weib den Er¬ 
folg günstig beeinflußt, im Gegenteil zum 
alten, mit dem eine Begegnung das J.- 
glück für den ganzen Tag verhindert; 
in so einem Fall kehrt der Jr. am besten 
nach Hause zurück 14 ). Will er aber am 
gleichen Tag noch einmal auf die J. 
gehen, soll er nach seiner Rückkehr in 
der Küche zum Rauchfang emporsehen 
und sich umdrehen oder sich im Zimmer 
auf einen Augenblick niedersetzen 15 ); 
er soll umkehren, das Haus einmal um¬ 
schreiten und die Notdurft verrichten 
(Waltersdorf bei Sprottau) 16 ); er dreht 
sich dreimal auf einem Fuß herum, steckt 
den Hut dreimal zwischen den Beinen 
durch, spuckt dreimal auf die Schwelle; 
dann darf er wieder auf Weidmannsheil 
hoffen (Umgebung von Knittelfeld) 16a ). 
Aus dem schädlichen weiblichen Einfluß 
erklärt sich das Verbot, das Gewehr 
neben eine Küchen schürze oder einen 
Besenstiel zu hängen 17 ). Auch der 
J.hund nimmt keine Wildspur mehr auf, 
wenn ihm eine Frau mit der Schürze über 


Jäger 58O 

die Schnauze gewischt hat 18 ). ß) Er 
darf den Angang bestimmter Tiere nicht 
haben, so des Hasen, des Rebhuhnes und 
furchtsamer Tiere. Dagegen sind günstig 
Wolf, Fuchs und Vögel, deren Flug, Ge¬ 
sang überhaupt günstig ist 19 ). b) Er 
darf an bestimmten Tagen nicht jagen 
(s. Tagewählerei). Man wird zu unter¬ 
scheiden haben zwischen solchen Tagen 
bzw. Zeiten, die nur vom Jr. beachtet 
werden und solchen, die allgemein als 
ungünstig für das Unternehmen jeder 
Arbeit und Tätigkeit gelten. So hat Bis¬ 
marck dem Freitag die Schuld an der 
erfolglosen J. gegeben 20 ). Das Ver¬ 
bot, zu bestimmten Zeiten zu jagen, 
wurzelt letzten Endes in dem Tabu, das 
primitive Völker für die J. beobachten, 
und ist noch klar zu erkennen, wenn das 
Verbot begründet wird a) mit dem Ver¬ 
lust des J.glückes für das ganze Jahr, wie 
die estnischen Jr. aus diesem Grund am 
Kathrein- und Markustag kein Wild schie¬ 
ßen 21 ). Erfolglos ist sie im Zeichen des 
Stieres, der Zwillinge, des Skorpions und 
Steinbocks 22 ). ß) Mit der Furcht vor den 
an gewissen Tagen und Zeiten im Walde 
umgehenden Geistern (Teufel), so an den 
drei Faschingstagen (Silberberg) 23 ). Der 
Jr. fürchtet eine Begegnung mit ihnen. 
Am Sonnwendtag soll er nicht vor 
Sonnenaufgang ausgehen, er könnte von 
den Hexen zerrissen werden 24 ) (s. Hexe). 
7) Mit dem kirchlichen Verbot. Die 
christliche Kirche hat auf das Verbot der 
J.Zeiten wesentlich umgestaltend einge¬ 
wirkt, indem dieses, ursprünglich in den 
mystischen Beziehungen des Jr.s zu dem 
Wüd und den Geistern wurzelnd, mora¬ 
lisch-ethisch und religiös begründet wurde. 
In den Jr.sagen bildet das wichtigste 
Motiv die Bestrafung für die Übertretung 
der J.Verbotzeiten. Der Bestrafte spukt 
nach dem Tod oder er wird meist der wüde 
Jr. 25 ) (s. wilder Jr.). Verbotene Zeiten 
sind der stille Freitag 26 ), Oster- 27 ), 
Weihnachts- 28 ), Sonntag 29 ) vor allem. 
In der letzten Entwicklung dieser Um¬ 
gestaltung mag es liegen, daß die J. am 
Weihnachtstag vereinzelt Glück für das 
ganze Jahr bringt 30 ). c) Vor Sonn¬ 
wende darf er keine Erdbeeren essen, er 





Jagd, Jäger 



würde sonst keinen sicheren Schuß mehr 
tun können (Niederösterreich) 31 ). Da 
es sich um den vereinzelten Fall eines 
Speiseverbotes handelt, ist die Ent¬ 
scheidung, ob es sich um ein solches, wie 
es bei Tiefkulturvölkem beobachtet wird, 
handelt, schwer zu treffen. 


ia ) Levy-Brühl a. a. O.; U. Holmberg 
Über die Jagdriten der nördlichen Völker Asiens 
und Europas. Journal de la Societe Finno- 
Ougrienne LI, 5 ff.; D. Zelenin Das Worttabu 
bei den Volksstämmen Osteuropas und Nordasiens 
1. Teil. Zbornik des Mus. f. Anthrop. u. Ethnogr 
Leningrad VIII. 1929; Fehrle Keuschheit 31 
lS ) Birlinger Volksth. I, 479; ZfrwVk. 1905 
207; SAVk. 8, 268; Hovorka u. Kronfeld 1, 31 

14 ) Rosegger Steiermark 64; Heck scher 348 
ZföVk. 10, 50; 13, 134 (Nordböhmen); ZfVk 
12, 176; Bacher Lusern 74; ZfrwVk. 1904, 257 
Birlinger Volksth. 1, 479; Hovorka-Kron¬ 
feld 1, 31; Schulenburg 244; Fogel Pennsyl 
vania 265 Nr. 1378; And ree Parallelen 2, 42 

15 ) John Westböhmen 251; ZfrwVk. 1905, 207 

le ) Drechsler 2, 201. lft ») ZföVk. 33, 147 
17 ) Bartsch Mecklenburg 2, 128. 18 } Fogel 

Pennsylvania 265 Nr. 1371. 1# ) Jägerbrevier i, 
99; Heckscher 100; ZföVk. 13, 134. 20 ) Bis¬ 
marcks Briefe Bielefeld 1876, 36. ai ) Andree 
Parallelen 2, 47; Boeder Ehsten 91. 22 ) Ale¬ 

mannia 13, 186 ff. 23 ) John Westböhmen 98; 
Heckscher 104. 24 ) Landsteiner Niederöster¬ 
reich 57 1 . 25 ) Lenggenhager Sagen 26. 26 ) 

Schell Bergische Sagen 161 Nr. 53; Kuhn u. 
Schwartz 278 Nr. 311. a7 ) Kuhn Westfalen 1, 
110 Nr. 116; 1, 95 Nr. 95. 28 ) Ebd. i, 317 

Nr. 359. 2Ö ) Grimm Myth. 2, 767; Schön¬ 

werth Oberpfalz 2, 160 Nr. 22; Meier Schwa¬ 
ben 1, 118; Bohnenberger 6; Kuhn West¬ 
falen i, 25 Nr. 28; 2, 160 Nr. 22; Kuhn u. 
Schwartz 278 Nr. 311; Meiche Sagen 421 
Nr. 554; Schmitz Eifel 2, 35 ff.; Lenggen¬ 
hager Sagen 53 (68); Rothenbach Bern 6; 
Kohlrusch Sagen 40; Die Schweiz. Illustr. 
Mtschr. 2, 231; Alpenrosen 1813, 149; Pfyffer 
Ct. Luzern 237; F. Otte Schweizersagen (Stra߬ 
burg 1840) 61; Vierwaldstädter Volkskalender 
1882, 21. 30 ) Bacher Lusern 76. 31 ) Land¬ 

steiner Niederösterreich 57 1 . 


B) Außer diesen Verboten, die in der 
Auffassung der J. als einer mystischen 
Betätigung letzten Endes begründet sind, 
müssen vom Jr. noch weitere beobachtet 
werden, deren Einhaltung allgemein denEr- 
folg jeglicher Tätigkeit beeinflußt. Der Jr. 
sucht 1. das Unheil von sich fern zu halten; 
daher darf ihm beim Aufbruch a) nicht 
Glück gewünscht werden; er würde 
nichts treffen 32 ); als Gegenzauber wünscht 
man ihm das Gegenteil, z. B.: Ich wollte, 
•daß du Arme und Beine brächest (West¬ 


falen, Oldenburg u. sonst) 33 ). Viel Un¬ 
glück, viel Pech (Schlesien) 3i ). Brich 
Hals und Bein 35 ). Geh in 3 Teufels 
Namen (Nahetal) 36 ). Man wirft ihm 
einen Waschlappen nach (Karlsbad- 
Duppau) 37 ). b) Vor allem hat er sich 
gegen den bösen Blick zu schützen, der im 
J.aberglauben eine große Rolle spielt, und 
zwar des Jr.s gegen Jr. 38 ) und überhaupt 
gegen Neider 39 ), z. B. mit der Formel: 
Schieß was du willst, schieß nur Haar 
und Feder und was du den armen Leuten 
gibst fff 40 ) . Gegen den Blick von Tie¬ 
ren, wenn sie ihm beim Zielen in die 
Flinte schauen, so die Elster (Thüringen) 41 ). 

c) Gegen das ,,Weidmannsetzen“. Dieses 
richtet sich besonders gegen die Waffe, 
aber auch gegen den Jr. und die Hunde 
und wird gern von Wilddieben und auch 
Zwergen 42 ) geübt. Diesen Zauber löst 
der Jr. mit den Worten: „Ich und die 
Jr., die Garn und die Hunde sind bezau¬ 
bert usw., lös ich sie auf aus den hl. 5 
Wunden, es hab getan Frau oder 
Mann, so sey usw. in Namen“ usw. 43 ). 

d) Damit ihm das J.glück nicht wegge¬ 
nommen wird, darf beim Putzen des Ge¬ 
wehres kein neidischer Mensch anwe¬ 
send sein, damit dieser nicht den Putz¬ 
lappen an sich nimmt und durch Ver- 
bohrung in einen Baum das J.glück weg¬ 
nimmt 44 ). Ungünstig hierfür wäre es, 
wenn ihm beim Laden des Gewehres ein 
Schrotkom daneben fiele; er würde kei¬ 
nen Schuß mehr treffen 45 ). e) Gegen die 
Geister des Waldes, die das Wild be¬ 
hüten, schützt er sich durch den J.ruf: 
Wol, Wol! Versäumt er diesen beim Be¬ 
treten des Waldes, könnte ihm das Ge¬ 
wehr behext werden oder ihm selbst 
und seinen Hunden noch viel Schlimmeres 
geschehen 46 ). Die Hochgebirgsgeister 
strafen den leidenschaftlichen Jr. durch 
Absturz, weil er in ihre unzugängliche 
Welt eingedrungen ist und darin das Wild 
verfolgt 47 ). Das Erscheinen einer weißen 
Gemse bedeutet dem Jr. den baldigen 
Tod 48 ). In dem Tod des Österreich. Kron¬ 
prinzen Rudolf, der innerhalb eines Jahres 
nach der Erlegung einer weißen Gemse 
erfolgte, sah man eine Bestätigung dieses 
Aberglaubens 49 ). Derselbe Aberglaube 



583 


Jagd, Jäger 


584 


knüpfte sich an den Tod des Österreich. 
Thronfolgers Franz Ferdinand, der einen 
weißen Hirsch in den Salzburger Bergen 
geschossen hatte. Vgl. daß schwedi¬ 
sche Jr. mit der Waldfrau gut zu stehen 
versuchen, indem sie ihr Kuchen in den 
Wald bringen; dafür führt sie selbst ihnen 
das Wild zu 50 ). Als Gemse mit goldenen 
Hörnern zeigt sich den Jr.n der Teufel 
(Inntal) 51 ). Hexen halten sie in Gestalt 
von Hasen zum Besten 52 ). 

32 ) Sartori Sitte 2, 164; John Erzgebirge 34; 
Witzschel Thüringen 2, 282; Wuttke 166 
§ 224; Bartsch Mecklenburg 2, 128; Spieß 
Fränkisch-Henneberg 152; Alemannia 33, 100; 
SAVk. 8, 269; Grohmann 207. 83 ) Stracker- 
jan 1, 47; Wuttke 453 § 715. 34 ) Drechsler 
2, 201. M ) Frischbier Hexenspr. 155. S6 ) 

ZfrwVk. 1905, 207. 37 ) John Westböhmen 252. 
® 8 ) ZfVk. 11, 323; Birlinger Schwaben 1, 349. 
39 ) John Westböhmen 324; Wuttke 271 § 399; 
Schulenburg 241. 40 ) Schramek Böhmer¬ 
wald 275. 41 ) Witzschel Thüringen 2, 282; 

Seligmann Blick 1, 232. 42 ) Heckscher 72. 
48 ) Alemannia 17, 240. 44 ) Jägerbrevier 137 
Nr. 78; 138 Nr. 80. 45 ) Frischbier Hexenspr. 

155. 46 ) Heckscher 121. 47 ) Grimm Myth. 1, 
379 1 ; Grimm Sagen 2 1, 344 Nr. 302; Ver- 
naleken Alpensagen 195. 48 ) Wettstein 

Disentis 173 Nr. 14. 49 ) A. Berger Die J. aller 
Völker im Wandel der Zeit 502 ff. w ) Sartori 
Sitte 2, 164; Mannhardt 1, 130 f. 6l ) Zingerle 
Tirol 30 Nr. 238.4 fi2 ) Waibel u. Flamm 2, 47. 
270. 

C) Er sucht den Erfolg durch Analogie¬ 
zauber günstig zu beeinflussen. Er trägt 
beständig die „Kräwafn“ (= Krähen¬ 
krallen) bei sich 53 ); auch einen Ame¬ 
thyst 64 ) oder einen Türkisen gegen 
Schwindel im Hochgebirge 55 ). Er gibt 
den ersten Schuß auf einen großen Ge¬ 
genstand ab, z. B. einen Straßenstein 
oder Baumstrunk, damit er sicher trifft 56 ). 
Ins Christliche gewendet und nicht als 
Aberglauben im Sinn des Hdw. ist es zu 
bezeichnen, wenn er täglich 15 Vater¬ 
unser und ebenso viele Ave betet zum 
geheimen Leiden Christi, um im Forst¬ 
und J. wesen glücklich zu sein 57 ). Wich¬ 
tig ist es, daß er die Hasen sieht, die sich 
durch ihre Farbe kaum vom Erdboden 
abheben; unter Jr.n spielt der sog. 
Rauch eine große Rolle, der von den Ha¬ 
sen auf steigen und nur von gewissen 
Jr.n bemerkt werden soll. Um diese 
Fähigkeit zu erwerben, gab es die wun¬ 


derlichsten Vorschriften, so z. B. soll man 
am 15. März einen Hasen schießen, ihm 
die Augen ausstechen, diese schlucken, 
ohne sie zu kauen 58 ) u. a. m. 

6S ) Baumgarten Aus der Heimat 1, 95. 
M ) John Westböhmen 324. M ) Berger a. a. 
O. 5 ®) Wuttke 288 § 422; Strackerjan 1, 39. 
67 ) ZföVk. 6. 110. 58 ) John Westböhmen 331. 

D) Die Erforschung des J.glückes durch 
Werfen des Treiberstockes. Der Treiber 
wirft den Stock in die Höhe. Fällt 
er flach zur Erde, verläuft die J. erfolg¬ 
los, verspießt er sich aber in der Erde, 
erfolgreich, und zwar auf das sovielte Mal, 
als der Stock geworfen werden mußte 
(Neuenhammer) 59 ). Aus dieser Art Zu¬ 
kunftserforschung mit dem Stock ist die 
urtümliche J.form mit dem Wurfholz zu 
erkennen, mit dem man bis in die Neuzeit 
(England) nach den Hasen geworfen hat 60 ). 
Es bedeutet daher das flache Fallen des 
Treiberstockes ein Verfehlen, sein Ver- 
spießen in der Erde und senkrechtes Nie¬ 
dersausen den Tod des Hasen. Es liegt 
der späteren Zukunftserforschung ein 
Analogiezauber zugrunde. Derselbe Zau¬ 
ber ist es, wenn sich die Hunde bei der 
J. auf dem Rücken wälzen 61 ). Wie die 
Hunde am Rücken, auf dem Boden liegen, 
so soll es auch das Wüd tim. 

69 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 274 Nr. 3. 
®°) A. Haberl an dt Die volkstümliche Kultur 
313 ff. 61 ) Drechsler 2, 201; John West¬ 
böhmen 253. 

Bei der J. 

Mystische Operationen I. das Wild be¬ 
treffend. 

Ist alles so weit, daß das Wild unmit¬ 
telbar erlegt werden kann, so kommt für 
den Erfolg alles auf die Geschicklichkeit und 
Ruhe des Jr.s und die Güte seiner Waffe 
an. Die zwar not wendigen Voraussetzungen 
genügen dem primitiven Jr. nicht, er 
wendet magische Mittel an. Die Vervoll¬ 
kommnung der Feuerwaffe hat ihm ge¬ 
zeigt, daß es überflüssig ist, das Wild 

1. zu bannen bis er zum Schüsse kommt, 
und zwar a) durch den Blick, den er 
durch eine Rabenkralle auf das Wild tun 
muß. Der Rabe muß an einem Kar¬ 
freitag geschossen, der rechte Fuß ab¬ 
geschnitten und die Krallen durch die 
Flächsen zusammengezogen werden. Ein 


585 


Jagd, Jäger 


586 


Blick durch sie wird jedes Wüd zum 
Stehen bringen 62 ), b) durch Beschwö¬ 
rung mit der Formel: Dat, Dai, Di, 
die auf die Flinte geschrieben ist 63 ). Bis 
zum dritten Schuß bleibt das Wüd 
stehen, wenn die Formel lautet: Fac ut, 
fac ut, fac ut und beim dritten Male Amen 
gesprochen wird. Oder man soH auf 
das erblickte Wüd sehen und da¬ 
bei sagen: „Christus ward geboren, Chri¬ 
stus wurde verraten, Christus wurde ge¬ 
funden, Christus wurde an das Kreuz ge¬ 
schlagen und gebunden. Das rechne ich 
dir zur Sühne, wozu mir helfe etc/'. 
Diese Worte sollen dreimal wiederholt 
werden und erst beim drittenmal ist 
Amen hinzuzufügen (Nordböhmen, tschech. 
Überlief.) 64 ). c) Durch stark riechende 
Mittel, deren Zusammensetzung aber nach 
der abergläubischen Bedeutung der ein¬ 
zelnen Bestandteile erfolgt, daß z. B. 
ein Hirsch zwei oder drei Schüsse 
stehen bleibt; der Jr. muß sich an Hut 
und Kleidern damit bestreichen 65 ), 
d) Der Jr., der eine Hostie aus der Flinte 
geschossen hat, kann befehlen: „Hase 
komm'*, und der Hase steüt sich in die 
Schußrichtung 66 ). 

2. In dem Verhalten des Wüdes, das 
zwar gegen die Netze anrannte, aber wie¬ 
der zurücklief, sah man eine magische 
Einwirkung. Diese beseitigte man, indem 
man die Netze zwischen zwei Eichen 
durchzog 67 ). Eine Verzauberung des 
Netzes bestand darin, daß man das Rasen¬ 
stück, mit dem es befestigt war, heraus¬ 
nahm und gegen einen Baum warf mit den 
Worten: „DaßDichN.der frörer schüttelt, 
weü der Stab auf dem Baum liegt und 
der Wind“ usw. 68 ) (s. gefroren). 

3. Damit das Wüd nicht getroffen oder 
wenn, daß es nicht gefunden wird, ist 
in dem Augenblick, wo man den Schuß 
eines feindlichen Jr.s vernimmt, der Ra¬ 
sen, auf dem man mit dem rechten Fuß 
steht, umzulegen, daß er wieder in das 
Loch hineinpaßt. Dann hat man sich 
wieder darauf zu stellen und zu sprechen: 
„In des Teufels Namen, daß du nicht 
mehr triffst“ 89 ). 

4. J.beute. Von Beutestücken haben 
die einen Trophäencharakter, andere da¬ 


gegen den eines Amulettes (s.d.). Becher 
und Dosen aus Steinbockhom und Hirsch- 
zähne (Hirschkranl) besitzen giftabweh¬ 
rende oder schützende Eigenschaften 
(Alpen) 70 ). 

II. Den Jr. betreffend. 

1. Die Tiroler Jr. benutzen die sog. 
Wachbeutel, damit sie auf dem Anstand 
nicht einschlafen. Ein solcher Wachbeutel 
soll hergestellt werden, indem gefan¬ 
genen Fröschen die Augen ausgestochen, 
diese aber wieder ins Wasser geworfen 
werden. Die Augen werden mit dem 
Fleische einer Nach tigaü umhüflt und dann 
in ein Stück Hirschhaut eingenäht. Diese 
Beutelchen, um den Hals getragen, sollen 
nicht bloß den Schlaf verscheuchen, 
sondern obendrein dem Jr. die Kraft 
geben, unermüdlich zu steigen 71 ). 

6a ) John Westböhmen 331. •*) ZfVk. 20, 385. 
® 4 ) Grohmann 208. 64 ) Jägerbrevier 104 

Nr. 11. 12. ® 6 ) Andree Parallelen 2, 45. ® 7 ) Jä¬ 
gerbrevier 100 Nr. 2. ® 8 ) Alemannia 17, 240. 

6# ) Berger a. a. O. 70 ) A. Haberlandt a. a. O. 
306. 71 ) Berger a. a. O. 306. 

2. Das Gewehr darf ihm nicht behext 
werden, und er hat verschiedenen Ab¬ 
wehrzauber anzuwenden (s. Gewehr 3, 

805 ff.). 

Der Jr. als Gegenstand des Aberglaubens. 

Aus der Auffassung der J. als einer 
mystischen Betätigung ergibt sich 
auch der Aberglaube über den Jr. (ab¬ 
soluter Aberglaube). Seinen Erfolg kann 
man sich nur erklären, daß man ihm 

1. eine geheime Kraft über das Wüd zu¬ 
schreibt a) es an einen bestimmten Platz 
zu zaubern, daß es ihm tränend in die 
Hände läuft (Bayern) 72 ) (s. o.). Hackel¬ 
bergs Strafe wird im Harz damit erklärt, 
daß er ein Schwarzkünstler war, der das 
Wüd bannen konnte 73 ). Ein Jr. zaubert 
zur Unterhaltung der J .geseüschaft Hirsche 
herbei 74 ). Die J.r gehen sogar Wetten ein, 
ein Wüd an dem Platz, wo es der 
Partner will, zu erschießen 75 ), b) es sicher 
und immer zu treffen. 

2. Diese Macht über das Wüd erklärt man 
sich nicht so, daß ihm nach primitivem 
Glauben ein Orenda zuerkannt wird, sondern 
er hat sich dieses durch einen Bund mit 
dem Teufel erworben. Man glaubte, der 


587 


Jagd, Jäger 


588 


Jr. wäre zum Teufel in die Schule ge¬ 
gangen, um von ihm diese Künste zu er¬ 
lernen, daß er den Teufel bannen könne, 
so daß er ihm das Wild zuführen müsse 76 ). 
Hierher gehören die unzähligen Jr.sagen, 
in denen sich der Jr. um den Preis seiner 
Seele den J.erfolg durch eine Abmachung 
mit dem Teufel sichert 77 ) (s. Teufel). 

3. Dem Jr. wird auch allgemein die 
Kraft zugeschrieben, a) daß er sich in 
ein Wild verwandeln kann; ein Jr. (För¬ 
ster) tut dies, um einen anderen höhnen 
zu können, weil er kein J.glück hat; er 
wird getötet 78 ). b) Es darf ihm kein Zu¬ 
tritt zu Wöchnerin und Kind gewährt 
werden 79 ). Dagegen verhilft er dem 
Säugling zum Zahnen, indem er still¬ 
schweigend zu ihm hingeht, ihm mit 
dem Vorderfinger der rechten Hand (mit 
der er das Wild auszuweiden pflegt), in 
den Mund langt, damit das Zahnfleisch 
bestreicht und betastet und sich wieder 
entfernt 80 ). c) Von ihm glaubt man ins¬ 
besondere, daß er das Bannen, festmachen 
(s. d.) könne. Er wendet diese Kunst 
gegen einen anderen an 81 ), besonders 
gegen den Wüderer (s. d.), er wird aber 
auch von diesem gebannt 82 ). Er kann 
das ,,Fuchsschicken“ (Altmünster, Ober¬ 
österreich) 83 ). Man glaubt, daß er eine 
besondere Witterung habe, eine von den 
Zweigen eines Baumes gebildete natürliche 
Schlinge als sog. Hexenschlinge zu er¬ 
kennen ; er kommt dieser nicht gern nahe, 
weil ihm etwas angetan werden könnte 84 ), 
d) Die Jr. gelten als arzneikundig, sie 
kennen und verschaffen verschiedene in 
der Volksmedizin beachtete Teil des 
Wildes, so die Herzknochen, Bocksteine 
und den getrockneten Schweiß vom Stein¬ 
bock (s. Steinbock), die Gamskugeln 
(s. Bezoarstein 1, 1206) u. a. 85 ). 

4. Fahrende Jr. 

Eine besondere Rolle spielten einst die 
sog. fahrenden Jr. und wurden besonders 
gefürchtet; denn zu dem eigentlichen Jr.- 
aberglauben kam noch der über den Fah¬ 
renden, Gauner, Bettler, Feilenhauer, 
Fremden, Zigeuner (s. d.) hinzu; sie übten 
zauberische und betrügerische Künste 
aus 86 ). 

6. Die Jr., besonders die Beruf sjr., hatten 


ein Interesse, übersieh und ihren Auf enthalt 
im Wald ein Geheimnis zu verbreiten 
durch Erzählungen über Begegnungen 
mit aus der menschlichen Gesellschaft 
Ausgestoßenen, mit Fabelwesen, z. B. 
dem im Hochgebirge hausenden Tazzl- 
wurm, Springwurm und mit dem Teufel, 
damit sie Unbefugte, meist Wilderer, 
von solch gefährlichen Orten femhalten 87 ). 

Vereinzeltes Zeugnis: Das Erscheinen 
eines gespenstigen Jr.s ist Wetteran¬ 
zeige 88 ). 

72 ) Wuttke 453 § 715; Meiche Sagen 495 
Nr. 644; Grohmann 205 ff. 73 ) Kuhn u. 
Schwartz 428 Nr. 249. 74 ) Meiche Sagen 495 
Nr. 644. 75 ) Grohmann 2050.; Endt Sagen 

80 ff. 78 ) Alemannia 13, 186 ff. 77 ) Wuttke 262 
§ 382; Bartsch Mecklenburg r, 155 ff. 
Witzschel Thüringen 2, 66 ff.; Bechstein 
Thüringen 2, 32. 79 ) Hartmann Dachau u. 

Bruck 200 Nr. 21. 80 ) Bartsch Mecklenburg 

2, 54 ff. 81 ) Meiche Sagen 580 Nr. 722. 

82 ) Andree-Eysn Volkskundliches 215 Nr. 42. 

83 ) Baumgarten Aus der Heimat 1, 77. 

84 ) Heckscher 98. 85 ) Hovorka u. Kron- 

feld 1, 402; Grimm Myth. 2, 963 t.; Jühling 
Tiere IV; Berger a. a. O. 8 «) Sartori Sitte 2, 
170; Schönwerth Oberpfalz 3. 165; Bavaria 2, 
231; Grimm Sagen * 1. 303 Nr. 258. 87 ) Ber¬ 

ger a. a. O. 80 ) Neues Solothumer Wochenbl. 1 

(1911), 427- 

Jr.sagen. Soweit diese und Motive in 
ihnen überhaupt hier in Betracht kom¬ 
men, handelt es sich um zwei Gruppen: 

I. solche, in denen a) die verschiedensten 
Geister und Wesen nur in Jr.tracht er¬ 
scheinen, so die Berggeister. Sie tun 
Menschen, die sich im Wald verspäteten, 
einen Schabernack an, werden von beeren¬ 
suchenden Frauen gesehen u. ä. 89 ). 
b) Besonders der Teufel benützt die Jr.- 
kleidung und trägt eine Spielhahnfeder, 
er hinkt 90 ); wer ihm begegnet, erkrankt 
und stirbt 91 ); ferner erscheint er so ver¬ 
kleidet als Tänzer 9a ), vor allem, wenn 
Faschingdienstag bis 12 Uhr nachts ge¬ 
tanzt wird 93 ); er verführt Mädchen in 
Jr.kleidung 94 ). c) Der Tod als Jr. 95 ) (s. 
Tod). 

II. Sagen vom Schicksal des Jr.s nach 
dem Tode. Es sind bestimmte Jr.gestalten 
in begrenzten Gebieten, wo sie dasjagen 
I. ohne Motivierung fortsetzen und 
als spukende Jr., erscheinen 96 ); ihnen 


i 


589 Jagd. 

ist der Himmel verschlossen 97 ). 2. als 
Strafe a) für gemeine Verbrechen: Ihr 
Benehmen ist wie das anderer Geister. Sie 
tragen den Kopf unter dem Arm, belästigen 
Fuhrleute 93 ), b) für die J.leidenschaft: 
die Betreffenden sind meist bestimmte 
Ritter und Grafen: sie werden bestraft, 
a) weil sie zu verbotenen Zeiten jagten; 
es sind dies kirchlich gebotene Feiertage, 
meist der Sonntag (s. o.). Manchmal 
werden sie versteinert "), gewöhnlich aber 
spuken sie in einem engbegrenzten Ge¬ 
biet 100 ). ß) wegen Grausamkeit gegen 
Menschen und Wild 101 ). Entweihen sie 
außerdem noch den Sonntag, so müssen 
sie geistern bis zum jüngsten Tag. 
So wünscht das Weib des Wilderers 
ihrem Mann, daß er geistere bis zum 
jüngsten Tag 102 ). Auch eine J.rin kennt 
die Sage, die wegen Leidenschaftlichkeit 
und Sonntagsentheiligung bis zum jüng¬ 
sten Tag geistern muß. Bei ihr kommt 
begreiflicherweise Weise noch das Motiv 
der Ausschweifung hinzu 103 ). ?) Aus 
denselben zwei unter a) und ß) an¬ 
gegebenen Motiven muß der Jr. ewig 
jagen. Diese Sagen knüpfen aber auch 
immer an eine bestimmte Jr.persönlich- 
keit an, meist an einen Vornehmen, der 
in seinem Gebiet sein Unwesen treibt 104 ) 
(s. ewiger Jr.). S) Für die gleichen Ver¬ 
gehen, besonders wegen Sonn- und Feier¬ 
tagsentheiligung 105 ) oder weil er den 
frevelhaften Wunsch getan, statt in den 
Himmel zu kommen, ewig jagen zu 
dürfen, wird er der wilde Jr. Auch diese 
Sagenversionen knüpfen an eine be- ' 
stimmte Jr.Persönlichkeit mit einem be¬ 
grenzten Gebiet an 106 ) (s. wilder Jr., 
wilde J., Nacht jr.). Eine vereinzelte Moti¬ 
vierung ist es, daß die Jr. in die wilde J. 
kommen, weil Himmel und Hölle schon 
voll sind 107 ). 

6j ) Bechstein Thüringen 2, 387; Waibel 
u. Flamm 1, 259; Kühnau Sagen 1, 450; 2, 
459 ff.; Birlinger Volksth. 1, 16; ZfVk. 7, 103. 
90 ) Reiser Allgäu 1, 75; Zingerle Tirol 30 
Nr. 238; 97 Nr. 741; Kuhn Westfalen 29, 
Nr. 12; Brauner Curiositäten 376; ZföVk. 24, 
104; Waibel u. Flamm 2, 308. 91 ) Birlinger 
Schwaben 1, 350 ff. 92 ) Alpenburg Tirol 
277; Franzisci Kärtner Alpen führten (Wien 
1892) 127; ZfVk. 9, 261 ff. 93 ) ZföVk. 11, 
191. M ) Baumgarten Aus der Heimat 2, 


Jäger 59O 

107; ders. Jahr 17; Panzer Beitrag 2, 59 ff. 
95 ) Germania 13, 104; Schwebel Tod u. ewiges 
Leben 207. 96 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 342; 
Kühnau Sagen 1, 563; Bohnenberger 7 ff.; 
Brodmann Ettingen 62; Ranke Sagen 78. 
97 } Meiche Sagen 585 Nr. 728. 98 ) Kühnau 

Sagen 1, 5650.; Andree Braunschweig 378; 
Drechsler 2, 137; Meier Schwaben 1, 117; 
Meiche Sagen 412 Nr. 545; Waibel u. Flamm 
1, 174. ") Niderberger Unterwalden 2, 60; 

Herzog Schweizersagen 1, 209; Vernaleken 
Alpensagen 282; Lütolf Sagen 268. 100 ) Meyer 
Germ. Myth. 237. 244 ff.; Meier Schwaben i, 

118; Schönwerth Oberpfalz 3, 45; Meiche 
Sagen 103; Wredc Eifler Volksk. 91; Fox 
Saarland 283; Reiser Allgäu i, 36; ZfrwVk. 
1906, 301; Bohnenberger 6. l01 ) Waibel u. 

Flamm 2, 150 ff. 102 ) Kühnau Sagen 2, 506; 
ZfVk. 13, 190; Meier Schwaben 1, 121. l03 ) 
Knoop Hinterpommern 33; Kühnau Sagen 1, 
512; ZfdMyth. 3, 100. 194 ) Kuhn Westfalen 1, 

110 Nr. 116; 1, 122 Nr. 136; Schell Bergische 
Sagen 161 Nr. 53; Heckscher 344 lI °. 
10S ) Kuhn Westfalen i, 25 Nr. 28; 2, 6 Nr. 11; 
Meiche Sagen 421 Nr. 534; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 160 Nr. 22; Grimm Myth. 2, 767; 
Lütolf Sagen 29. lGÖ ) Haupt Lausitz 1, 123 
Nr. 138; Strackerjan 1, 457 Nr, 249; Meier 
Schwaben 1, 98 ff. ir8; Birlinger Volksth. 
i, 16. 20. 21; ders. Schwaben 1, 475; Kuhn u. 
Schwartz 180 ff. Nr. 203; Kuhn Westfalen 2, 6 
Nr. 12; 12 Nr. 26 f.; 131 Nr. 151; Sepp Reli¬ 
gion 4; Reiser Allgäu 1, 427; 1, 23. 25; Sim- 
rock Mythologie 245; Witzschel Thüringen 2, 
36; Bartsch Mecklenburg 1, 10 f. 17; Schell 
Bergische Sagen 40 Nr. 42; Meiche Sagen 421 
Nr. 555; Müllenhof Sagen 360 Nr. 485; 371 
Nr. 499; Grimm Myth. 3, 3; ZrwVk. 1906, 300; 
Kühnau Sagen 2, 495; 2, 492. ,07 ) ZfVk. 13, 

199 

Jr.zunf t 108 ). 

Die Jr.ei hatte bekanntlich zur Zeit 
Karls d. Großen, und zwar durch dessen 
Bekanntschaft mit den orientalischen J.- 
sitten, die erste Anregung zur professiona- 
len Ausbildung erhalten. Im weiteren 
verlangte dann die französische J.kunst 
und ferner die Einführung der Feuerwaffen 
eine besondere Erlernung der Jr.ei. Im 
15. und 16. Jh. griff auch auf sie der 
Zunftgeist über und führte zur Bildung 
von Jr.zünften mit den der Zeit ent¬ 
sprechenden vollständig zunftmäßigen 
Sitten und einer Sondersprache (Weid¬ 
mannssprache) 109 ). In dem Zunftzeremo- 
nial erfolgt die Freisprechung (Wehr- 
haftmachung, Jr.weihe) des Jr.lehrlings 
in der Form der Jünglingsweihe (s. d.). 
Die Form ist dem Ritterschlag und der 
Aufnahme der Handwerkergesellen nach- 


59i 


Jagd, Jäger 


592 


gemacht. Sie bestand in der feierlichen 
Freisprechung durch den Lehrmeister 
und Verabreichung einer Maulschelle mit 
den Worten: „Die vertrage von mir und 
sonst von niemand mehr“. In der Über¬ 
reichung des Hirschfängers ist die Wehr- 
haftmachung symbolisiert. Dazu treten 
noch andere zunftmäßige Bräuche, so 
die Prüfung in der Jr.ei no ) u. a. m. 

Die Klingenprobe war das Gottesurteil 
der alten Jr.ei. Nach der Wehrhaft- 
machung ging der Jr.bursche, einen neuen 
Dienst suchen. Der Lehrmeister feilte 
an seiner Klinge heimlich eine Kerbe ein, 
wenn dieser den Jr.brauch nicht achtete, 
vor allem den Kameraden den Weidmann 
setzte u. a. m. Die Klingenprobe bestand 
darin, daß der neue J.herr die Klinge bog; 
hielt sie Stand, wurde er in Dienst ge¬ 
nommen, wenn nicht, sofort wegge¬ 
schickt 1U ). 

In der Zunft wurde auf die richtige 
Anwendung der Waidmannssprache ge¬ 
sehen. Verstöße dagegen und überhaupt 
gegen die Jr.regei wurden durch das 
sog. „Waidmannsschlagen* ‘ oder „Pfunde 
geben** gesühnt. Bei dieser komischen 
Zeremonie wurde der Schuldige unter an¬ 
derem dreimal mit dem Waidmesser aufs 
Gesäß geschlagen 112 ). 

Jr.fest. Dieses gehört auch zur Zunft. 
Ein Gottesdienst stand im Mittelpunkt. 
In der einstigen Kirche Maria Dozburg 
(zwischen Mühlhausen und Wiesen¬ 
steig) 113 ) nahmen daran auch die Hunde 
teil, wie auch heute noch vielfach an der 
im Freien gelesenen Hubertusmesse. Zu 
Martini gab es in Innsbruck den Jr.- und 
Vogelfanger-Dinseitag 1U ). 

Jr. m e s s e ist die Bezeichnung für eine 
Messe, die infolge der Flinkheit des Prie¬ 
sters sehr schnell gelesen wird 115 ). 

Jr.patrone. Zur Zunft gehören die 
Schutzheiligen; für die Jr. sind die wich¬ 
tigsten Eustachius und Hubertus 116 ). 
Bei dem ersteren, einem römisch-heid¬ 
nischen Offizier, bildet nach der legenda 
aurea das J.erlebnis mit dem Wunder¬ 
hirsch nur die Einkleidung der Be¬ 
kehrungsgeschichte. Dagegen enthält die 
Hubertussage alle Elemente der Jr.sagen 
die die Bestrafung eines Jr.s für zu 


leidenschaftliches Jagen zum Gegen¬ 
stand haben, nämlich Übertretung des 
J.verbotes an Sonn- und Feiertagen, 
am Karfreitag oder ersten Weihnachts¬ 
feiertag. Danach hätte auch Hubertus 
ein wilder Jr. werden sollen, doch wurde 
er bekehrt. Es ist durch den Vergleich 
deutlich zu sehen, wie an die Stelle der 
älteren Bestrafung (zum wilden Jr. zu 
werden) im christlichen Geist die Rettung 
des Sünders geschoben wurde. Die Hu¬ 
bertussage stellt demnach den Versuch 
dar, die Sage vom wilden Jr. im christ¬ 
lichen Sinn umzugestalten (daß der Sün¬ 
der nicht verloren, sondern durch das 
wunderbare Eingreifen Gottes gerettet 
wird). 

Es ist schwer zu entscheiden, ob die 
alte Sitte, Hubertus die Erstlinge der J. 
darzubringen, was als eine Art Opfer 
aufgefaßt werden konnte, schon zur An¬ 
nahme berechtigt, daß er eine ins Christen¬ 
tum übertragene Verkörperung des nor¬ 
dischen J.gottes Uller ist 117 ) und da¬ 
durch in weitere Beziehung zu Wodan 
als dem Führer der wilden J. zu bringen 
ist (s. Wodan, wilde J., wilder Jr.). Da¬ 
gegen stellt eine wendische Sage über Hu¬ 
bertus eine ganz andere Version dar U8 ); 
danach ist er der zauberkräftige Jr., der 
sogar die wilde J. mit seinem J.segen 
bannen kann, der dem wilden Jr. den 
Waidmann stellen kann. Die christliche 
Umgestaltung an dieser Sage ist, abge¬ 
sehen davon, daß Hubertus ein christ¬ 
licher Ritter ist, daß er sich durch Fasten 
und Beten vorbereitet und mit Weih¬ 
wasser besprengt. Da diese Tat am 1. Sep¬ 
tember (Aegydius) geschieht, findet an 
diesem Tag die J.eröffnung statt. Sicher¬ 
lich ist diese Begründung unrichtig. 

Über Hubertus als Heiler der Hunds¬ 
wut s. d. 

Neben diesen zwei bekanntesten 
Jr.patronen gibt es auch St. Se¬ 
bastian in Oberbayem 119 ) und bei den 
Tschechen Iwan. Die Wenden kennen 
noch eine J.göttin, bzw. Waldgöttin, die 
zur Mittagszeit (wie die Mittagsgespenster) 
und in Mondnächten mit ihrer Meute er¬ 
scheint 120 ). 

l08 ) Jägerbrevier 1, 254 ff. 10 ») Reuschei 


593 


Jahr 


594 


Volkskunde 1, 46 (weitere Literatur); Urquell 
5 , 99- n0 ) Weimarer Jahrb. 6, 292 h.; Meyer 

Baden 448 ff. 111 ) Deutsche Heimat, Zs. Wien, 
3. 51. 112 ) Meyer Baden 449. 113 ) Birlinger 
Schwaben 2, 165. ll4 ) Hörmann Volksleben 
196= Geramb Brauchtum 96. 115 ) ZfVk. 7, 

101; Alemannia 10, 287. l16 ) Jägerbrevier 2, 

1 ff. u7 ) Ebd. 2, 35. u8 ) Ebd. 2, 37 = Haupt 
Lausitz 1, 130 Nr. 145 = Meiche Sagen 415 
Nr. 548. 119 ) Höfler Oberbay. Jahr 81. 

120 ) Kühnau Sagen 2, 546. 549. 

Des Jr.s Begräbnis. 

Das besondere Verhältnis des Jr.s zum 
Wilde beleuchten Erzählungen, in denen 
bei seinem Tode drei Wölfe erscheinen 
und den Sarg beriechen oder sich ein 
Auerhahn aufs Dach setzt 121 ). Ein Hase 
beteiligt sich am Begräbnis eines Jr.s, 
wobei er dem Sarge aufrecht gehend folgt, 
bis ein alter Jr. einige fremdartige Worte 
spricht, worauf er verschwindet 122 ). Diese 
Darstellung einer Teilnahme des Wildes 
am Leichenzug des Jr.s, welche in der 
Vorstellung von der verkehrten Welt 
wurzelt, ist in der Volkskunst sehr ver¬ 
breitet 123 ). 

m ) A. Haberlandt Die volkstümliche Kul¬ 
tur 308. 122 ) Meiche Sagen 47 Nr. 37. 123 ) ZföVk. 
28, 33 ff.; SAVk. 1, 318; Meyer Baden 448. 

Jungwirth. 

Jahr. 

1. Bereits für die idg. Zeit läßt sich 
eine Bezeichnung für den Begriff des J.es 
feststellen, die etwa „Alter, Altertüm¬ 
lichkeit'* (eine „Vergangenheit“) be¬ 
deutet (Wurzel *vet-, *ut-, griech. Fexo*, 
lat. vetus). Doch verband man bei der 
Zählung nach J.en das bestimmte oder 
unbestimmte Zahlwort meist mit dem 
Namen einer einzelnen Jahreszeit, die 
dann als eine pars pro toto l ) für das 
ganze J. stand 2 ). Meist wurde nach 
Wintern gezählt 3 ), was auch noch in 
altgermanischer Zeit der Fall war 4 ). Sonst 
wurde bei idg. Völkern auch der Frühling 
und Sommer zur Bezeichnung des 
ganzen J.es verwendet; nach Herbsten 
wird in der lex Bajuvariorum gerechnet, 
nach Laubreisen, d. h. Laubfällen (ahd. 
louprisi) bei den Schweizern 5 ). Das 
deutsche Wort J. (got. jer, ahd. jär t ags. 
gear, engl, year) hat sich aus einer ur¬ 
sprünglichen Bezeichnung für den Früh¬ 
ling entwickelt 6 ) und entspricht dem 
slaw. Wort für Frühling (poln. jar und 


jaro, wie im tschech.). Ähnlich bedeutet 
das slaw. leto Jahr, aber auch Sommer. 
Beide drücken die warme Jahreszeit aus, 
nach der die südlichen Völker rechneten, 
während die nördlichen nach Wintern 
zählten 7 ). 

Den Begriff eines Sonnenj.es gab es 
in der idg. Urzeit noch nicht. Die An¬ 
nahme, daß die Indogermanen durch 
babylonischen Einfluß schon ein Sonnenj. 
besaßen und mit den Zwölften, der Zeit 
vom 25. Dezember bis 6. Januar, welcher 
die zwölf heiligen Nachte der Inder 
entsprechen, den Ausgleich zwischen 
dem älteren Mondj. von 354 Tagen 
und dem bürgerlichen Sonnenj. von 
366 Tagen geschaffen hätten, wird dadurch 
hinfällig, daß nach dem Ergebnis neuerer 
Untersuchungen diese sagenumwobenen 
Zwölften (s. d.) bloß das germanische 
Abbild des christlichen Dodekahemeron, 
der heiligen Zeit zwischen Weihnachten 
und Epiphanias, dem neuen und alten 
Erinnerungstag der Gottwerdung Christi, 
sind, und daß auch die Bekanntschaft 
mit den vier J.punkten des Sonnen- 
j.es, den Sonnenwenden und Nacht¬ 
gleichen, nicht im germanischen Heiden¬ 
tum wurzelt, sondern erst auf die Ver¬ 
breitung des römischen Kalenders bei 
den Germanen zurückzuführen ist 8 ). Die 
Kenntnis der vier J.punkte erhielten 
die Griechen von den Babyloniern, die 
Römer von den Griechen und die Germanen 
von den Römern 9 ). 

So ist anzunehmen, daß die Germanen 
lange Zeit hindurch bloß ein Natur- 
und Witterungsj. d. h. die Zu¬ 
sammenfassung von Winter und Sommer, 
kannten, wobei entsprechend dem Ver¬ 
hältnis von Nacht und Tag der Winter 
vorangestellt wurde, und daß ohne Ver¬ 
bindung mit diesem Naturj. die Zäh¬ 
lung nach Monden, d. h. reinen Mond¬ 
monaten, nebenher lief 10 ). Von ihrer 
anfänglich allgemeinen Abgrenzung des 
J.es nach Witterungserscheinungen und 
Wirtschafts Vorgängen, woraus sich von 
selbst auch die religiöse Seite ergab u ), 
müssen die Germanen noch in ihrer 
heidnischen Zeit zu einem gebundenen 
Mondj. vorgeschritten sein, wie aus dem 


595 


Jahr 


596 


von Beda (De temporum ratione c. 15) 
mitgeteilten Kalender der Angelsachsen 
hervorgeht 12 ). Auch die Römer hatten 
vor Einführung des von den Griechen 
übernommenen vorcäsarischen Kalenders 
wahrscheinJich nur ein primitives Acker- 
bauj. mit zehn Mondmonaten 13 ). 

Das feste Sonnenj. wurde 46 v. 
Chr. von Cäsar mit dem 1. Januar als 
J.esanfang eingeführt 14 ). Es hat sich 
mit den zwölf Monaten (s. d.) und der 
siebentägigen Woche (s. d.) nach und 
nach überall so fest eingebürgert, daß 
alle Versuche von Abänderungen erfolglos 
blieben. Trotzdem z. B. das dezimale 
System im Laufe der Zeit überall herr¬ 
schend wurde, hat sich die zehntägige 
Woche und das zehnmonatliche J. nicht 
durchzusetzen vermocht, auch nicht 
zur Zeit der französischen Revolution 15 ). 
Heute unterscheidet man das bürger¬ 
liche J. oder J. schlechthin mit einer 
ganzen Zahl von Tagen von dem astro¬ 
nomischen J. oder Sonnenj. der 
Zeit eines Umlaufes der Erde um die 
Sonne, die 365 Tage 6 Stunden 9 Mi¬ 
nuten und 9,539 Sekunden beträgt 16 ). 

Die großen Perioden (s. d.) wurden von 
den Alten der besseren Anschaulichkeit 
halber als Großj.e (Weltj.e, Himmels- 
j.e, Götterj.e u. a.) zusammen¬ 
gefaßt. Darnach zählt das Götterj. 
360, das Himmelsj. vier Götterj.e 
oder 144° Je, das große oder 
platonische J. 25.920 J.e, nach deren 
Ablauf der Frühlingspunkt der Sonne 
alle 360 Grade der Ekliptik durchlaufen 
hat, und das Weltj. umfaßt ein Jahr¬ 
hundert von Götterj .en, also einen 
Zeitraum von 36000 J.en 17 ). Im 
alten Griechenland wurde auch der 
Zyklus von acht J.en das große J. 
genannt 18 ). Ein Jahrsiebent (7 J.e) 
wird mit dem Ausdruck J. woche, 
z. B. im Propheten Daniel, umschrieben. 
Aus dem Dezimalsystem gegeben und aus 
der Zehnzahl der Finger hergeleitet 
ist das J.zehnt, sein Zehnfaches, das 
J.hundert und sein Tausendfaches,das 
J.tausend 19 ). 

1 ) Vgl. Martin P. Nilsson Primitive Time- 
Reckoning (Lund 1920) 92 ff. *) Schräder 


Reallcx. 389; Sprachvergleichung 2, 226 t. 

u. Indogermanen 51. Zur Lit. vgl. Sartori Sitte 
u. Brauch 3, 1 Anm. 275 ff. u. Nilsson a. a. O. 
86 ff. 3 ) Vgl. Schultz Zeitrechnung 226. 
4 ) Schräder Reallex. 389 f. 6 ) Ebd. 390. •) Ebd. 
390 u. Schräder Indogermanen 50. 7 ) Grimm 
Myth. 2, 629. 8 ) Schräder Reallex. 392. *) Ebd. 
393. 10 ) Ebd. u. Schräder Indogermanen 53. ll ) 
Vgl. Klapper Schlesien 265. 12 ) Hoops Reallex. 
4, 584. 13 ) M. P. Nilsson Zur Frage von dem Alter 
des vorcäsarischen Kalenders (Strena philolo- 
gica Upsaliensis. Festskrift til P. Persson, 
Upsala 1922) 136. 14 ) Pauly-Wissowa 9, 1, 
611. 15 ) Wundt Mythus u. Religion 3, 340. 

16 ) Meyer Konv.-Lex. 10 (1905), 150 f. 17 ) Bi¬ 
sch off Jenseits der Seele 100 ff. Vgl. Eisler 
Weltenmantel 408 5 . 450 ff. 702. 18 ) Frazer 4. 

70. 1# ) Bischoff a. a. O. 102 f. 

2. Wie bei allen zeitlichen Begriffen 
(s. besonders Tag, Nacht) so kommt 
auch beim J. der Zahlenglaube stark 
in Betracht. Die im Aberglauben so 
wichtige Zahl 72 geht auf die babylonische 
Einteilung des J.es in 72 Wochen von 
je fünf Tagen zurück 20 ). Im deutschen 
Volksglauben und namentlich in den 

Sagen kehren häufig Zeitangaben nach 

J.en wieder, die eine Bevorzugung 
bestimmter Zahlen dartun. Der damit 
verknüpfte Aberglaube gehört zumeist 
in verschiedene, an anderen Orten be¬ 
sprochene Zusammenhänge, z. B. Hoch¬ 
zeit, Tod u. a. 


Ein J.: In demselben J.e hei¬ 
ratet, wer bei einem größeren Mahle zu¬ 
fällig an die Tischecke zu sitzen kommt 21 ). 
Auch im französischen Volksglauben 
schließt man aus allerlei Anzeichen darauf, 
ob man im selben J. heiratet oder nicht, 
oder man sucht durch zauberhafte Hand¬ 
lungen diese Heirat herbeizuführen 22 ). 
In demselben J. stirbt, wer einem 
Leichenzug entgegengeht 23 ), das Läuten 
der versunkenen Glocken hört 24 ), am 
Abreißen einer Kirche mitarbeitet 25 ) usw. 
Ein J. lang müssen die Bauern zu 
Kolbeck tanzen 26 ), brennen die Frauen 
in Schwaben beim Gottesdienst den 
Wachsstock für verstorbene Angehörige 27 ), 
dauert die Klage der Eltern für ihre ver¬ 
storbenen erwachsenen Kinder und um¬ 
gekehrt, während die Klage bei Ehe¬ 
leuten ein J. und vier Wochen dauert 28 ). 
Jedes J. müssen bestimmte Gewässer 
ein Opfer haben (s. J.esopfer), er- 


hei- 


ein 


597 


Jahr 


598 


scheinen zu bestimmten Zeiten Geister, weshalb man sich scheut, alte Katzen im 
so die Himmelssoldaten am Karlsberge Hause zu halten 44 ); alle neun J.e war im 
bei Gablonz 29 ), die in Böhmen gefallenen Norden ein großes Blutopfer, wurden auf 
Soldaten des Alten Fritz, die heimziehen Seeland 99 Menschen geopfert 45 ). Der 
wollen, aber sich nicht aus dem Lande hin- Einfluß des duodezimalen Systems zeigt 
ausfinden, weswegen sie unter fürchter- | sich vereinzelt, wenn es heißt, daß alle 
lichem Geschrei wieder umkehren und zwölf J.e der Eingang zu einem Schatz- 
jeden töten, dem sie begegnen und der berg offen steht 46 ). 
sich nicht mit dem Gesicht zu Boden 30 J.e dauert zuweilen der Vertrag mit 
wirft 30 ) — ein von der wilden Jagd dem Teufel 47 ); mitunter auch 36 48 ). 
(s. d.) übernommener Zug, die selbst Wer das 33. J., das Alter Christi 

jedes J. zur selben Zeit durch ein glücklich erreicht hat, lebt lang 48 *), 
bestimmtes Haus zieht 31 ). Jedes J. Alle 50 J.e zeigt sich ein unschuldig er- 
kam um Harzgerode ein Jahreisen mordetes Kind 49 ), ebenso lange muß 
genanntes geisterhaftes Wesen an einem eine weiße Schatzjungfer auf Erlösung 
bestimmten Tage in die Spinnstube und warten 50 ). Doch gilt fast durchweg die 
kehrte dann vier Wochen lang täglich Zeit von 100 J.en als Wartezeit für 
wieder 32 ), jedes J. kommen die Vene- die armen Seelen 51 ). Alle 100 J.e 
digermännle, um Gold zum Goldbrünnel macht die Sibylla einen Stich an ihrem 
im Grinten 33 ), zeigt sich an einem be- Sterbehemd 52 ), zeigen sich versunkene 
stimmten Tage um Mitternacht der Esel Glocken 53 ) und Schätze 54 ), schlafen die 
mit den goldenen Ohrwascheln in einem sieben Brüder 55 ) (s. Siebenschläfer). Ein 
Bergwerk der Iglauer Sprachinsel 34 ), verbreitetes Wandermotiv ist, daß irgend¬ 
öffnet sich der Zugang zum Schatzberg 35 ), ein Papst Geister auf 90 oder 100 J.e 
läuten die versunkenen Glocken 36 ), er- verbannt hat 56 ). In Oldenburg ist es 
hebt sich Vineta aus der Flut 37 ), losen bei Verpachtungen üblich, die Pachtzeit 
die Freimaurer einen aus, der noch im auf 99 J.e festzusetzen, wenn eigentlich 
selben J. sterben muß 38 ), so daß der 100 J.e gemeint sind 57 ). 

Teufel jedes J. zu einer Seele kommt Ein Geist, der früher alle 100 J.e seine 
(vgl. J.esfrist, J.esopfer). Je ein J. gilt Erlösung suchen durfte, kann dies zu- 

jedes der sieben Löcher im Werwolfs- weilen später nur alle 200 J.e tun 58 ). 
gürtel 39 ). 200 J.e muß ein im 30jährigen Krieg 

Ob man im nächsten J.e heiratet gefallener schwedischer General ruhelos 
oder stirbt, erfährt man durch die Zu- im Eulengebirge umherwandem 59 ). Arme 
kunftserforschung an bestimmten Los- Seelen müssen hie und da auch J.- 
tagen (s. d.) und durch den J. esgang hunderte 60 ) und tausende von J.en 61 ) 
(s. u.). Im nächsten J. stirbt, wer beim auf ihre Erlösung harren; nur alle 1 000 
Bettstaffeltreten seinen Namen rufen J.e laßt sich eine feurige Goldtonne 
hört 40 ). Häufig sind Zeitangaben von sehen 62 ); 1 000 J.e glaubt sich ein Ent- 
drei J.en (s. dreijährig, Zahl) und noch rückter im Jenseits 63 ) und 2000 J.e 
mehr von sieben J.en (s. Siebenj.). kann eine freiwillige Buße im Fegefeuer 
Auch die Verdreifachung der hl. Drei- dauern 64 ). Die Vergletscherung einst 
zahl findet sich. Neun J.e lang holt sich fruchtbarer Almen, auf welchen man 
jedes J. der Neuntöter (wiederkehrende keinen Schnee kannte, erklärt das Tiroler 
Tote) sein Opfer 41 ); ein neun J.e lang in Sagenmotiv von den I 000 kalten J.en, 
der Weise mit Milch allein aufgefütterter die jetzt an der Herrschaft sind 65 ). Unbe- 
Stier, daß er im ersten J. Milch von einer grenzte J.e umschreiben oft Bergwerks- 
Kuh, im zweiten Milch von zwei Kühen sagen. Der Bergsegen in Kliening kommt 
usw. erhält, bezwingt, von einer reinen erst dann wieder, wenn eine schwarze 
Jungfrau auf die Alpe geführt, ein Un- Henne, die jedes J. ein Mohnkom aus 
geheuer 42 ); im neunten J., sonst auch im einem Topf voll Mohnkömer frißt, das 
siebenten **), werden die Katzen zu Hexen, letzte Körnlein gefressen hat 66 ); in Rüden 


599 


Jahr 


600 


erst, bis so viele J.e vergangen sind, als 
Mohnkörner in einem Getreidescheffel 
sind 67 ). Nach einer Sage vom Niederrhein 
wirft eine Mutter, deren einziger Sohn 
im Bergwerk verschüttet wurde, eine 
Bürste in den Schacht und ruft: „So viel 
Haare, so viel Jahre soll die Grube ver¬ 
flucht sein und kein Erz mehr zutage 
fördern“ 68 ). 

Einzelne der angeführten Beispiele 
zeigen den Unterschied zwischen 
der Menschenzeit und Geisterzeit 
(s. Zeit). Wie ähnlich in der Geheim¬ 
lehre ein Tag gleich einem J.e gilt 89 ), 
so ist in der Sage und im Volksglauben 
in Anlehnung an Psalm 89 (Tausend J. 
sind vor ihm wie ein Tag) ein Tag, den 
der Mensch im Geister- oder Totenreich 
verbringt, gleich 100 J.en 70 ). Nach fran¬ 
zösischem Volksglauben entspricht ein J. 
der Menschen einem halben J. des Teufels, 
der bei Nacht nicht schläft und die Nacht 
als ganzen Tag rechnet 71 ). 

20 ) Schröder Germanentum 11. 21 ) Pfalz 

Marchfeld 101. 22 ) S6billot Folk-Lore 1, 343; 
2, 249 ff. 376. 383; 3, 308. 424 f. 506; 4, 58. 
^ 3 *. 139 f. 149 - 151. 23 ) Pfalz Marchfeld 

36. Vgl. S6billot a. a. O. 1, 157. 192; 2, 244. 

3531 4 » 45 - 94 - 97 - 24 ) Jahn Pommern 229 

^Nr. 285. 2S ) Kuhn u. Schwartz 21 Nr. 25. 

Vgl. auch Meiche Sagen 93 Nr. 113. 26 ) 

Grimm Sagen 173 Nr. 231. 27 ) Birlinger 

Schwaben 2, 315 = ZfVk. 17 (1907), 382. 28 ) 

Leoprechting Lechrain 255. 29 ) Peuckert 

Schlesien 69. 30 ) Ebd. 199. 31 ) Zaune rt 

Westfalen 46 ff.; Kapff Schwaben 9 ff. u. a. 
32 ) Kuhn u. Schwartz 204 Nr. 227. 33 ) 

Kapff Schwaben 58. M ) Jungbauer Böhmer- 
■wald 181. 3S ) Jahn Pommern 266 f. Nr. 335; 

Kapff Schwaben 66. 3fl ) Jahn Pommern 219 
Nr. 276. 37 ) Ebd. 205 Nr. 256; Kuhn u. 

Schwartz 28 Nr. 34. *») Jahn Pommern 360 f. 
Nr - 456. 459 . 3 *) Ebd. 383 Nr. 489; vgl. 386 
Nr. 494. 40 ) Pfalz Marchfeld 103 f. Vgl. S 6 - 

billot Folk-Lore 4, 131 ff. 41 ) Jahn Pom¬ 
mern 401 f. Nr. 511. 42 ) Grimm Sagen 119 

Nr. 142. 43 ) Vgl. Peuckert Schlesien 99. 

**) Jungbauer Böhmerwald 196. 43 ) Grimm 

RA. 1, 297. Vgl. Weinhold Neunzahl 6; vgl. 
37 ff. mit weiteren Belegen. 4Ä ) Zaunert 
Rheinland 1, 4 f. 47 ) Ebd. 1, 301; Peuckert 
Schlesien 266. 48 ) Jahn Pommern 299 Nr. 379. 
48; ') Knoop Hinterpommern 166 Nr. 114. 
4# ) Kühnau Sagen 1, in; Peuckert Schle¬ 
sien 117. 60 ) Kühnau Sagen 1, 245 f. 61 ) Ebd. 

I, 217 . 240 251. 255. 259. 265 f. 269. 279 282 f.; 

3, 624. 676. 778; Meiche Sagen 35 Nr. 31; 78 
Nr. 92; 191 Nr. 257; Jahn Pommern 224 

Nr. 281; 253 Nr. 318; Jungbauer Böhmerwald 


iii. 233. 237; Kapff Schwaben 76. 52 ) Peuckert 
Schlesien 67. 63 ) Jahn Pommern 201 Nr. 252. 
* 4 ) Kühnau Sagen 3, 579 f.; Kapff Schwaben 
57. M ) Kühnau Sagen 3, 312 h *•) Jung¬ 
bauer Böhmerwald 24 f.; Peuckert Schlesien 
156. 67 ) Strackerjan2,15^.272. M ) Kühnau 
Sagen 3, 694. 6# ) Ebd. 1, 568 f. *>) Meiche Sa¬ 
gen 225 Nr. 284. «i) Kapff Schwaben 57. 

62 ) Kühnau Sagen 3, 632. ® 3 ) Klapper Er- 

zählungen 357 (36 t.). « 4 ) Ebd. 310 (6 f.). Vgl. 
G. Jungbauer Märchen aus Turkestan u. 
Tibet (Jena 1923) 292. 65 ) Heyl Tirol 233 f. 

Nr. 46 f. «•) Gräber Kärnten 246. ® 7 ) Ebd. 

247 f. Vgl. Jungbauer Böhmerwald 119 u. 
die ähnliche Umschreibung unzähliger J.e 
in SAVk. 2 (1898), 7. w ) Zaunert Rhein¬ 
land i, 121. 6# ) Lüttich Zahlen 21 f. 

70 ) Grimm Sagen 126 Nr. 151; Jahn Pommern 
97 Nr. 117; vgl. 199 Nr. 250; Zaunert Rhein¬ 
land 1, 240. Vgl. Liebrecht Zur Volksk. 28 f. 

71 ) Sebillot Folk-Lore 1, 140. 

3. Viel häufiger als die Personifika¬ 
tion des J.es ist die der J.eszeiten 
(s. d. Frühlingsfeste, J.eszeiten). Mehr 
eine Personifikation des Winters ist die 
J.es alte, die römische Anna Perenna 
und italienische la veccia , mit ihrem 
männlichen Seitenstück Mamurius Vetu- 
rius (il veccio) 72 ). Dagegen ist der 
orientalische J.esdrache ein Sinnbild 
des ganzen J.es 73 ). In der deutschen 
Dichtung wird das neue J. oft persönlich 
gedacht, besonders in Neujahrsliedern und 
-wünschen (s. d.), so im Mittelalter schon 
in dem Buch der Clara Hätzler (14. Jh.) 
als ein neugeborenes Kind, als ein 
neugeborener Gott 74 ). Ähnlich wie 
bei den Isländern der Januar und Februar 
(s. d.) als männliche und weibliche Gott¬ 
heit, der März und April als deren Kinder 
erscheinen 75 ), wird in italienischen 
Mythen das J. als ein himmlisches Ehe¬ 
paar aufgefaßt 76 ). 

Zuweilen wird das J. mit einem Kreis 
oder Ring verglichen 77 ) und von einem 
Kreislauf des J.es gesprochen. Zu weit 
geht aber, wenn man auch das bei Ernte¬ 
festen in Umdrehung versetzte Rad 
(s. Zeit) als eine Symbolik des rollenden 
J.es deutet 78 ). Beliebt ist besonders 
im Rätsel der Vergleich mit einem Baum 
oder mit 12 Bäumen (= Monaten), die 
jeder 30 Äste ( = Tage) haben 79 ). Einen 
J.baum als Sinnbild des ganzen J.es, 
wie dies auch der Maibaum, wenn er das 
ganze J. stehen bleibt, sein kann 80 ). 


601 


Jahr 


602 


gab es schon bei den thebanischen Daph- 
nephorien 81 ). Er fand schon im Alter¬ 
tum seine Erweiterung zu dem Begriff 
des Lebensbaumes 82 ) (s. d.). Verein¬ 
zelt bezeichnet man mit dem Worte J.¬ 
baum auch einen Baum, der viele J.es- 
ringe hat. Nach der Sage des hl. Brandan 
hemmt ein solcher über den Weg gelegter 
J.baum den Teufel 83 ). 

Eine besondere Bedeutung kommt im 
Menschenleben einer bestimmten Anzahl 
von J.en, wie auch Tagen, zu, so sieben 
J.en 84 ) (s. kritische J.e, Perioden). 

Mehr äußerlich ist die schon im Alter¬ 
tum übliche Einteilung des menschlichen 
Lebensalters (s. d.) in Altersstufen 85 ) 
nach je zehn J.en, wie sie in Liedern, 
Sprüchen und Bildwerken bis heute all¬ 
gemein beliebt ist. Doch hat Solon, als 
er diese zehn Stufen in eine Elegie brachte, 
jede zu sieben J.en berechnet. Erst 
der römische Epigrammatiker Lindinus 
hat Solons J.wochen in J.zehnte 
umgewandelt und in einen kurzen Spruch 
zusammengefaßt, der das Vorbild für 
deutsche Reimsprüche wurde. Von diesen 
taucht die älteste Fassung im 15. Jahr¬ 
hundert auf und hat sich mit geringen 
Veränderungen bis in die Gegenwart im 
Volke erhalten. Die in Deutschland am 
meisten verbreitete Form lautet: 

Zehn J. ein Kind, 

Zwanzig J. ein Jüngling, 

Dreißig J. ein Mann, 

Vierzig J. ist wohlgetan, 

Fünfzig J. Stillstand, 

Sechzig J. geht's Alter an. 

Siebzig J. ein Greis, 

Achtzig J. schneeweiß. 

Neunzig J. der Kinder Spott, 

Hundert J. behüt uns Gott 

(ein Gnad' von Gott) M ). 

72 ) ARw. 20 (1920/21), 87. 98. 381 f. Vgl. o. 
Bd. 1, 330 f. 73 ) Eisler Weltenmantel 395®. 428. 
510 f. 516 ff. 74 ) Grimm Myth. 2, 630. 76 ) 

Weinhold Monatnamen 38 f. 7# ) Usener 
Kl. Sehr. 4, 134. 77 ) Grimm Myth. 2, 630. 

78 ) Mannhardt 1, 430. 7 ®) K. Spieß Monats¬ 

baum, Jahresbaum, Weltenbaum (WZfVk. 28, 
1923. 37 t). ®°) Ebd. 49 ff. 81 ) Ebd. 66 . 82 ) 

Eisler Weltenmantel 585 1 . 83 ) Schröder 

St. Brandan (Erlangen 1871) = Alemannia 7 
(1879), 86 f. 84 ) W. Fließ Das Jahr im Leben¬ 
digen u. bes. Der Ablauf des Lebens (Leipzig 
u. Wien 1923); H. Swoboda Das Siebenjahr 
(Wien u. Leipzig 1917). 85 ) A. Hauffen Die 

Altersstufen im deutschen Volksliede in Böhmen 


(Festschrift zur 17. Hauptversammlung des 
Allg. d. Sprachvereins, Reichenberg 1912) 
45—66. 88 ) Ebd. 49. Vgl. noch Jungbauer 
Bibliogr. 259 Nr. 1711, ferner Nr. 1563 a. 1592 a. 
1608a. 1930a. 2704; Boll Sternglaube 93 ff.; 
Pollinger Landshut 237; Pfalz Marchfeld 81. 
109. 

4. Wichtig ist die Zukunftserfor¬ 
schung für das kommende J., die ent¬ 
weder zum Schluß des ablaufenden oder 
zu Beginn des neuen J.es erfolgt (s. Weih¬ 
nacht, Silvester, Neujahr). Der Angang 
(s. d.) am 1. Tag des J.es wird auch 
J.angang oder J.gang genannt 87 ). 
Damit darf nicht der nordische J.s- 
gang (schwed. orsgong), der schwere 
Gang zur Erforschung des künftigen 
J.es, verwechselt werden, der meist in der 
Julnacht erfolgt und ein absichtlich 
gesuchtes und herbeigeführtes „zweites 
Gesicht“ (s. d.) darstellt. Früher ging 
man in der Morgendämmerung in den 
Wald, sprach kein Wort und ließ keinen 
Laut tönen, sah sich nicht um, durfte 
nicht essen noch trinken, kein Feuer 
sehen, keinen Hahn krähen hören, schal¬ 
tete also, um das geistige Schauen vor¬ 
zubereiten, alle äußeren Eindrücke aus. 
Wenn dann jemand gerade bei Sonnen¬ 
aufgang auf dem Kirchwege ging, so er¬ 
schienen so viele Leichen als das J. 
kommen sollten, und auf den Feldern, 
Wiesen und Hufen sah man, wie der 
J.eswuchs sein und ob irgendwo Feu¬ 
ersbrunst ausbrechen werde 8B ). Es heißt 
auch, daß man fastend und schweigend 
nach drei oder sieben Kirchen gehen und 
sie umschreiten muß. Dann sieht man 
auf dem Wege das ganze kommende J. 
sich abrollen. Naht sich ein Krieg, so hört 
man das Getrampel von Soldaten und 
Pferden. Wird die Ernte gut, so hört man 
Ähren von der Sense fallen. Wo jemand 
sterben soll, sieht man einen Leichenzug 
den Hof verlassen 8Ö ). Zu diesem 
J.gang sind in Smäland vor allem fünf 
Nächte geeignet (Thomas-, Jul-, Stefans-, 
Neujahrs- und Dreizehntagsnacht) w ). 
Dem nordischen J.sgang entspricht 
in Österreich das Los-, Kreis- oder 
Kreuzstehen 91 ). 

J.sbedeutung haben auch die ein¬ 
zelnen Kuckucksrufe. So viele man 


603 


J ahresanf ang 


J ahresanfang 


606 


zählt, so viele J.e lebt man 92 ). Auch in 
Frankreich sucht man die Zahl der J.e 
bis zur Heirat oder der Lebensj .e aus dem 
Vogelruf 93 ) oder anderen Anzeichen 94 ) 
zu erforschen. 

Zur Abwehr des Unheils für das 
ganze J. dienen verschiedene Bräuche 
bei den J.esfesten (s. d.), wobei das 
J. selbst zuweilen sinnbildlich zum Aus¬ 
druck kam (s. o.). Bei dem zu Freiburg 
i. B. nach langer Unterbrechung 1792 
wieder erneuerten Bändeletanz 95 ) schei¬ 
nen die an der Stange befestigten 12 
Bänder von zwölferlei Farben den 12 Mo¬ 
naten entsprochen zu haben. Schon im 
alten Italien hat man durch das Ein¬ 


schlagen des J.esnagels in Nortias 
volsinischem Heiligtum wahrscheinlich 
das Unglück sinnbildlich vernageln (s. d.) 
wollen ö6 ). 


87 ) Albers Das Jahr 333. 88 ) E. M. Arndt 

Reise durch Schweden 1 m Jahre 1804. 3 (Berlin 
1806), 86 u. Erinnerungen aus Schweden (Ber¬ 
lin 1818) 362 = Heckscher 108. 89 ) Nils- 

son Jahresfeste 53 = Heckscher 359. 90 ) Sar- 
tori Sitte u. Brauch 3, 72™. 91 ) Baumgarten 
Jahr u. s. Tage 15. 92 ) Böhmerwald, Verl. 

Vgl. Jungbauer Bibliogr. 187 Nr. 1192 
u. SudZfVk. 3 (1930), 143 (Umfrage). 
93 ) Sebillot Folk-Lore 3, 201. 94 ) Ebd. 3, 322. 
505. 95 ) Alemannia 20 (1892), 297 f. 96 ) Bach¬ 
ofen Gräbersymbolik 181 f. mit anderer Aus¬ 
deutung. Vgl. dazu u. zum gleichen Brauch im 
Jupitertempel auf dem Kapitol ZföYk. 1 
(1896), 363 f. 


5. Von sonstigem mit dem J. zusam¬ 
menhängendem Volksglauben ist zu er¬ 
wähnen, daß einem Kind, welches noch 
nicht ein J. alt ist, besondere 
Gefahren drohen. Man darf es nicht 


messen, sonst mißt man ihm den Sarg; 
man darf ihm die Fingernägel nicht mit 
einer Schere abschneiden, sondern muß 
sie mit den Zähnen abbeißen (s. d.), heute 
im Böhmerwald noch allgemein üblich, 
sonst bekommt es eine Neigung zum 
Stehlen; man darf ihm die Haare nicht 
abschneiden, sonst schneidet man ihm 
den Verstand ab; man darf es nicht ab¬ 
regnen lassen, sonst wird es sommer¬ 
sprossig. Zwei Kinder, die noch nicht 
ein J. alt sind, sollen sich nicht küssen, 
weil sie sonst lange nicht sprechen 
lernen 97 ). Man soll ein solches Kind 
ferner nicht an Blumen riechen lassen, 


604 

weil es sonst den Geruch verliert, nicht 
in den Spiegel schauen lassen, weil es 
dann eitel wird, nicht mit ihm „Ver¬ 
stecken“ spielen, weil es dann später 
stehlen lernt, nicht schlagen, weil sonst 
später gar keine Strafe mehr angreift. 
Wenn andrerseits eine Mutter das noch 
nicht ein J. alte Kind mit der Fron¬ 
leichnamsprozession zu den vier Evan¬ 
gelien trägt, so kann das Kind später, 
wenn es auch noch so lange im Wasser 
liegt, nicht ertrinken 98 ). 

In Schlesien schenken die Paten dem 
Kind, wenn es ein J. alt ist, das J.- 
kleid. Die erste Jungfer-Pate muß dazu 
noch den myrtenen J. kränz und ein 
Häubchen beisteuern. So geschmückt 
wird das Kind in der Kirche um den Altar 
getragen, wobei das Kindermädchen eine 
myrtenumwundene Kerze in der Hand 
hält und Opfergeld niederlegt 99 ). Im 
religiösen Leben bürgerte sich der Brauch 
der J.patrone besonders seit dem 17. 
Jh. ein 100 ). 

Im Wetter- und Wirtschaftsglau¬ 
ben gilt der Spruch: 

Sonnj., Wonnj.; 

Kotj., Notj. 101 ). 

Betreffs Wetterglauben s. Jahreszeiten, 
Monate, betreffs Jahresmythus s. 
Jahreszeiten, Jahresfeste, Frühlingsfeste. 

97 ) Böhmerwald, Verf. 98 ) Pfalz Marchfeld 
86 f. Ebd. auch der Glaube betreffs des Finger- 
nägelabbeißens und Abregnens. Vgl. Pollinger 
Landshut 243 f. ") Drechsler 1. 217. 10 °) 

A. Spam er Das kleine Andachtsbild. München 
1930, 171. 101 ) DWb. 4, 2 (1877), 2232. Vgl. 
Grimm Sagen 91 Nr. 104. Jungbauer. 

Jahresanfang. Der J. 4 ) als wichtiger 
zeitlicher Wendepunkt hat im Leben 
aller Völker zu verschiedenem Aber¬ 
glauben, besonders auf die Erforschung 
der Zukunft bezüglich, Anlaß gegeben 
(s. Neujahr). Er ist bei verschiedenen 
Völkern und zu verschiedenen Zeiten 
anders festgelegt 2 ). Manche Völker 
begannen das Jahr mit dem Erscheinen 
der Plejaden, also im Frühling 3 ). 
Der Beginn des astronomischen Früh¬ 
lings war bei den alten Babyloniern der 
ungefähre J. 4 ), auch bei den Indem 
und Persern, während semitische und 
hamitische Völker, wie auch schon die 



1 

/. 


• ■ • 

4 . 






i 

1 




j 

l 



605 

Ägypter, das Jahr im Mittsommer 
begannen, die Mohammedaner und die 
Juden aber im Herbst 8 ). Doch gibt es 
bei den Juden nach der babylonischen 
Gefangenschaft auch ein mit dem Früh¬ 
ling beginnendes kirchliches Jahr 6 ). Nor¬ 
dische Völker dagegen dürften den J. auf 
den Eintritt des Winters verlegt haben 
(s. u.). 

Bei den Griechen gab es verschiedene 
J.e, im Sommer, Herbst und Winter 7 ). 
Die Athener begannen das Jahr ur¬ 
sprünglich wohl mit dem Thargelion, 
dem ersten Sommermonat 8 ). Bei den 
Römern fing das Jahr zuerst mit dem 
März (s. d.) an 9 ), keinesfalls mit dem 
April 10 ); erst mit dem julianischen Ka¬ 
lender endgültig mit dem 1. Januar 11 ). 
Der J. bei den Kelten und Germanen 
weist auf die Zeit zurück, in welcher die 
Viehzucht vorherrschte 12 ), bei welcher 
das Jahr von selbst in die Zeit der Weide 
und der Einstallung zerfiel und die letzte 
einen wichtigen Abschnitt im Jahresleben 
darstellte, zumal damit der gefürchtete 
Winter (s. d.) begann. Wenn die Kelten 
das Jahr am 1. November, die alten Ger¬ 
manen am 1. Oktober begannen, so er¬ 
klärt sich der Unterschied aus den nörd¬ 
licheren Wohnsitzen der Germanen, wo 
eben früher Winter war 13 ). In geschicht¬ 
licher Zeit wurde der J. beim nordischen 
Jahr auf den 14. Oktober angesetzt 14 ). 
Als Anfang des altgermanischen Jahres 
nehmen andere Martini, also die Zeit um 
den 11. November, an 15 ). 

Die Angelsachsen begannen nach Beda 
(De temporum ratione c. 15) das Jahr mit 
dem 25. Dezember, der Mödraneht 
(= Nacht der Mutter) genannt wird 16 ). 
Weihnachten wurde auch in Deutsch¬ 
land der beliebteste J., wobei sich alt¬ 
heidnische Überlieferung mit der neuen 
christlichen Lehre verband. Das Christen¬ 
tum hatte ursprünglich den 6. Januar 
— heute noch der „alte bäuerliche Neu¬ 
jahrstag“ in den Alpenländem 16a ) — 
als J. gefeiert. Auf diesen Tag setzte 
man die Taufe Christi an und damit 
seine geistige Geburt und den Anfang 
seiner göttlichen Sendung, seine Erschei¬ 
nung oder Epiphanie, wie man im An¬ 


schluß an heidnische Anschauungen sich 
ausdrückte. Christus übernahm darin den 
Erscheinungstag eines alten griechischen 
Gottes des Naturlebens, des Dionysos. 
Um die Mitte des 4. Jahrhunderts trennte 
man in Rom das Geburtsfest Christi 
vom Tage seiner Erscheinung und be¬ 
trachtete den 25. Dezember als Ge¬ 
burtstag und zugleich J. Der 25. De¬ 
zember war Ägyptern, Syrern, Griechen 
und Römern der Geburtstag des 
Sonnengottes, der in der römischen 
Kaiserzeit große Verehrung genoß. Auch 
der Geburtsgott des damals viel ver¬ 
ehrten persischen Lichtgottes Mithras 
war auf den 25. Dezember festgesetzt 17 ). 

Im alten Deutschland wurde der J. 
ganz verschieden gefeiert. Selten war es 
der bei den Westgoten ausschließlich üb¬ 
liche 1. Januar des julianischen Kalen¬ 
ders 18 ). Die Franken, Alemannen und 
Langobarden bevorzugten den I. März. 
Dieser hängt bei den Franken mit der 
großen Reichsversammlung, dem März¬ 
feld, zusammen, welches am 4. März ab¬ 
gehalten wurde. Mit der Umwandlung 
des Märzfeldes in das Maifeld ( 755 ) ^ cam 
dieser Tag als J. ab 19 ). Unter Karl dem 
Großen fing das Jahr mit dem 25. März 
an, dem Tage der Verkündigung Mariä, 
an dem die Welterlösung in ihren aller¬ 
ersten Anfängen begann. Der 25. März 
behauptete sich besonders in England, 
aber auch in Spanien und Italien lange 
als J. 20 ). In Frankreich zählte man bis 
1556 das Jahr häufig vom Osterfest 
an, eine Sitte, die sich auch in den Nieder¬ 
landen, in Köln, einem Teil von West¬ 
falen und in der romanischen Schweiz 
einbürgerte. Da Ostern ein bewegliches 
Fest ist, so ergaben sich ungleiche, lange 
und kurze Jahre, weshalb man in Deutsch¬ 
land schon im 14. Jahrhundert ganz von 
diesem J. abging. Hier war im Volke 
seit je der beliebteste J. der Weihnachts¬ 
tag 21 ). Als solcher galt er z. B. in Köln 
noch zu Ende des 16. Jahrhunderts 22 ). 

Gegenwärtig gilt ferner als J. der 
1. August bei den Kopten, der I. Sep¬ 
tember bei den syrischen Christen, der 
1. Oktober des julianischen Kalenders 
bei den Nestorianem und Jakobiten. In 


607 


J ahresfrist—Jahresopfer 


608 


China fällt der J. auf den Tag nach dem 
Neumond, der eintritt, wenn die Sonne i 
im Zeichen des Wassermannes steht, also i 
zwischen dem 20. Januar und 18. Fe¬ 
bruar. Ebenso war es in Japan bis 1872 
und in Korea bis 1892, wonach in diesen 
zwei Ländern der J. des gregorianischen 
Kalenders angenommen wurde 2G ). 

Das vom bürgerlichen Jahr verschie¬ 
dene Kirchenjahr beginnt noch heute 
in der griechischen Kirche mit dem 
1. September, in der abendländischen 
mit dem Advent 24 ). 

*) Vgl. die Karte ,,J.e im Mittelalter" bei 
G. Lüdtke u. L. Mackensen, D. Kultur¬ 
atlas 1. Lief. (1928), Karte Nr. 98. Vgl. 
M. P. Nilsson Primitive Time-Reckoning 
(Lund 1920) 267 ff. 2 ) ZföVk. 9 (1903), 
185. Vgl. Eisler Weltenmantel 459. 3 ) Frazer 
7, 307 ff. 4 ) B. Landsberger Der kultische 
Kalender der Babylonier u. Assyrer (Leipziger 
Semitistische Studien, Leipzig 1915) 6, 21; 
Pauly-Wissowa 9, 1, 608. Vgl. St. Stein¬ 
lein Astrologie , Sexual-Krankheiten u. Aber¬ 
glaube 2 (München u. Leipzig 1915), 45- 

5 ) Albers Das Jahr 35. °) Pauly-Wissowa 
9, 1, 608. 7 ) Ebd. 8 ) Schmidt Geburtstag 115. 

9 ) Frazer 9, 229; ARw. 20 (1920/21), 382. 399 2 . 

10 ) So behauptet Schultz Zeitrechnung 204 f. 

n ) Pauly-Wissowa 9, 1, 611. 12 ) Vgl. Fchrle 
Volksfeste 2 (1920) 6. 13 ) Frazer 6, 81. 14 ) W T ein- 
hold Monatnamen 22; Hoops Reallex. 3, 
236. 16 ) Schräder Reallex. 395. 16 ) Hoops 

Reallex. 4, 584. 1Ca ) Geramb Brauchtum 7. 

17 ) Fehrle Volksfeste 2 (1920) 15 f. 1S ) Hoops 
Reallex . 2, 611. 19 ) Ebd. 20 ) Näheres Nork 

Festkalender 25 f. = Albers Das Jahr 37. 21 ) 

Hoops Reallex. 2, 611 f. 22 ) Wrede Rhein. 
Volksk. 169. 23 ) Meyer Konv.-Lex. 14 (1907), 

560. 24 ) Ebd. 4 (1904), 130- 

Uber J.szauber s. Neujahr. 

Jungbauer. 

Jahresfrist. Mit der Formel ,,Jahr 
und Tag“ wird im deutschen Recht 
des Mittelalters eine Fristbestimmung 
ausgedrückt, die dadurch entstand, daß 
der J. noch die für die gerichtliche Gel¬ 
tendmachung eines Anspruches oder 
Widerspruches erforderliche Zeit hinzu¬ 
gezählt wurde. Da von sechs zu sechs 
Wochen echtes Ding (Volksversammlung) 
gehalten wurde, so umfaßt die Frist von 
Jahr und Tag meist ein Jahr und sechs 
Wochen, wozu noch die gesetzliche drei¬ 
tägige Dauer des echten Dings gerechnet 
wurde x ). Doch wollte man durch das 
Hinzufügen des Wortes Tag in vielen 


Fällen sicher auch nur die völlige Be¬ 
stimmtheit und Unabänderlichkeit der 
Frist, die auf den Tag gilt, betonen. 

Diese rechtliche J., doch meist ohne 
ausdrückliche Beifügung des Wortes Tag, 
findet sich auch im Volksglauben und 
in der Volkssage. Binnen J. muß man 
das von einem Wassergeist oder von 
Rübezahl geborgte Geld zurück¬ 
geben 2 ). Binnen J. holt der Teufel 3 ) 
oder der Tod 4 ) sein Opfer. Binnen J. 
stirbt eins der Brautleute, wenn am 
Tage der Trauung ein Begräbnis ist 5 ); in 
der gleichen Frist stirbt, wer sich selbst 


tot gesehen 6 ), wer eine arme Seele erlöst 7 ) 
oder auch nur mit ihr zu tun hat 8 ), wer 
sich gegen ein Geisterwesen vergangen, 
z. B. den als behaarten Fisch gefangenen 
Wassermann geschlagen hat 9 ). Binnen J. 
wächst auf dem Grab der unschuldig 
Hingerichteten gemäß ihrer Voraussagung 
ein Dornstrauch, auf dem zwei Vögel 
nisten 10 ). Nach J. erst kann am Jahr¬ 
tage (s. d.) die Mutter das im Schatzberg 
vergessene Kind holen 11 ). Nach J. 
werden zuweilen in Württemberg die am 
Palmsonntag an der Stall- oder Haus¬ 
tür aufgehängten Büsche, wenn sie 
nicht schon heruntergefallen sind, ver¬ 
brannt 12 ). 

*) Grimm RA. 1, 306 f.; Meyer Konv.-Lex. 10 
(1905), 152. WeitereLit. JbhistVk 1, 318. 2 ) Zau¬ 
ne rt Westfalen 31; Peuckert Schlesien 183. 
215. 3 )Jahn Pommern 311 Nr. 394; vgl. 320 t. 
Nr. 402. 4 ) Peuckert Schlesien 245. 5 ) Pfalz 
Marchfeld 76. ®) Peuckert Schlesien 88. 

7 ) Jungbauer Böhmerwald 233. 8 ) Kühnau 


Sagen 1, 269; Meiche Sagen 95 Nr. 115; Kapff 
Schwaben 55 f. e ) Peuckert Schlesien 204 t. 
10 ) Jahn Pommern 356 Nr. 450. n ) Jung¬ 
bauer Böhmerwald in, Lit. 252 f. 12 ) Mann¬ 
hardt 1, 566. Jungbauer. 


Jahresopfer. Wie die einem gnädigen 
Gott zu leistenden Opfer gern in regel¬ 
mäßig wiederkehrende Feste übergehen x ), 
so können aus ursprünglich einmaligen 
Opfern, die aus besonderen Anlässen 


dargebracht wurden, periodisch, meist 


alljährlich wiederkehrende Opfer 


sich entwickeln, besonders dann, wenn 


das einmalige Opfer erfolgreich war 2 ). 
Eine andere Art von J. war mit den all¬ 
jährlich stattfindenden Jahresfesten 
von selbst gegeben 3 ), war nament- 


Jahresopfer 


6lO 




609 

lieh beim Jahreswechsel wichtig. Als I tag 12 ), Peter und Paul 13 ), Maria 


Überrest eines altgermanischen J.s mit 
dem Zweck der Sühnung des alten und 
der Erneuerung eines glücklicheren Jahres 
kann auch der Frühlingsbrauch des 
Todaustragens (s. d.) angesehen werden 4 ). 
Gerade der Wechsel der zwei wichtigsten 
Jahreszeiten (s. d.) konnte ein solches 
Opfer veranlassen, wie es sich im Kult 
der alten Mexikaner mit der Opferung 
der alten Maisgöttin, des alten Jahres, 
zu Wintersbeginn äußerte, die als junge 
Maisgöttin im Frühjahr wieder auf¬ 
ersteht 5 ). 

An den gleichen Jahreswendepunkten 
fanden meist auch alljährliche Seelen- 
opfer statt, die man den Toten im Winde, 
später dem Wind selbst, darbrachte. 
Noch im vorigen Jahrhundert steckte 
man in Oberösterreich alljährlich zu Fast¬ 
nacht drei ungebackene, aber geformte 
Brotlaibchen für den Wind auf die Zaun¬ 
pfähle, wozu man sprach: 

Säh, Wind, da hast du das dein, 

Laß ma du a das mein®)! 

Reste dieses J.s sind die Brote, im Böhmer¬ 
wald Seelwecken genannt 7 ), die man 
in Süddeutschland zu Allerheiligen oder 
Allerseelen den Armen spendet 8 ). Wie 
aus Volkssagen hervorgeht, brachte man 
in Norddeutschland dieses Seelenopfer 
dem wilden Jäger, der alle Jahre eine 
Kuh oder mindestens ein jähriges Kalb 
fordert, oder seinen Hunden, früher als 
Tieropfer 9 ), später als Brotopfer 10 ). 
Für die toten Ahnen war ursprünglich 
wohl auch das jetzt dem Hausgeist 
dargebrachte alljährliche Blutopfer der 
Tscheremissen bestimmt 11 ). 

Eine besondere Gruppe der J. bilden 
die Wasseropfer. Frühzeitig wurde 
die Erfahrung gemacht, daß in der heißen 
Sommerszeit, in der viele Menschen er¬ 
hitzt baden, fast jedes Jahr Ertrin¬ 
kungsfälle Vorkommen, sich nach ein¬ 
fachem Volksglauben der Wassermann 
seine Opfer holte. Im Zusammenhang 
mit dem Glauben an Unglückstage 
(s. d.) bildete sich die Vorstellung, daß 
bestimmte Tage besonders gefährlich für 
den Menschen und günstig für den 
Wassermann sind, so der Johannis- 


Magdalena 14 ) und Jakobi 15 ), also 
vornehmlich die Zeit der Hundstage 
(s. d.), ferner von den Wochentagen der 
Freitag 16 ) (s. d.). Und allgemein heißt 
es gleichzeitig, daß jedes Gewässer 
alljährlich, zuweilen zur Mittagsstunde 
(s. Mittag), sein Opfer fordert 17 ), zu¬ 
weilen sogar ein unschuldiges Kind wie 
beim Bauopfer (s. d.), das bei wichtigen 
Wasserbauten, z. B. Teichdämmen, große 
Bedeutung hat. Dieser Glaube fand in 
der Sage seine Weiterbildung in dem 
verbreiteten Motiv, daß der Wasser¬ 
mann sein J. ausdrücklich fordert, 
indem er etwa spricht: ,,Die Zeit (Stunde) 
ist da, und der Mensch ist nicht da!“ 
Gewöhnlich kömmt gleich nach diesem 
Ruf der betreffende Mensch und stürzt 
sich ins Wasser 18 ). 

Sekundär dürfte erst sein, daß man 
zur Befriedigung des Wassergeistes ihm 
selbst ein J. darbrachte, ursprünglich ein 
Menschenopfer 19 ), wie auch sonst von 
germanischen Völkern bei den verschie¬ 
densten Anlässen den Gewässern Menschen 
geopfert wurden 20 ), später ein Ersatz¬ 
opfer. So warf man alljährlich dem 
Nickelmann in der Bode einen schwarzen 
Hahn 21 ), dem Diemelnix Brot und 
Früchte hinab 22 ). In der Iglauer 
Sprachinsel besteht noch heute der 
Brauch, im Frühjahr mitten in den Teich 
eine Männerpuppe zu stellen 23 ). 

Auch der Teufel fordert von den 
Freimaurern einen aus ihrer Mitte, der 
meist ausgelost wird, als J. 24 ). In einer 
norddeutschen Sage holt sich der Neun¬ 
töter (= wieder kehren der Toter) durch 
neun Jahre jedes Jahr ein Opfer 25 ). 

x ) Grimm Myth. 1, 34. 2 ) Schwenn Men¬ 
schenopfer 7. 57. 165. 3 ) Vgl. Golther Myth. 
312 f. 4 ) Kauffmann Balder 286 t. 302 t. 
5 ) Wundt Mythus u. Religion 3, 94 ff. ®) Peter 
Österreichisch-Schlesien 2, 258; Baumgarten 
Aus der Heimat 1, 38 = Ranke Sagen 2 123. 
7 ) Verf. 8 ) Geramb Brauchtum 89 t.; SudZiVk. 
3 (1930), I 57 f Umfrage. 9 ) Strackerjan i, 
461 f. Nr. 249i = Ranke Sagen 2 123 f. 10 ) Kuhn 
u. Schwartz 290 Nr. 324 (2) = Ranke Sagen 2 
123; Zaunert Westfalen 48f. n ) FFC. Nr. 61, 
51. 12 ) Grimm Myth. 3, 143 u. Sagen 44 Nr. 62; 
Zaunert Rheinland 1, 239; Lit. bei Sar- 
tori Sitte u. Brauch 3, 222 7 . 13 ) Sartori a. a. O. 
3, 237. 14 ) Ebd. 3, 238. 1S ) Ebd. 3. 239 f-; 


Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


20 


i 



Jahreszeiten 


612 


J. Micko Volksk. des Marktes Muttersdorf 
(Muttersdorf in Westböhmen 1926) 20. 16 ) Vgl. 
Jungbauer Böhmerwald 51. 1? ) Grimm Myth. 

1, 409; 3, 143 u. Sagen 43 f. Nr. 61 f.; Kuhn u. 

Schwartz 172 Nr. 197 (1); 426 Nr. 236 ff.; 
Stöber Elsaß 1 (1852), Nr. 137; Schön- 

werth Oberpfalz 2, 198; Strackerjan 1, 514 
Nr. 259; Jahn Pommern 147 Nr. 179; 151 ff. 
Nr. 186. 189. 191 f.; Kühnau Sagen 2, 352 
Nr. 955 (Nordostböhmen); Meiche Sagen 
357 ff. Nr. 467. 475. 482. 484; Zaunert Na¬ 
tursagen 1, 118. Vgl. auch o. Bd. 2, 984 Anm. 
13 u. 1691 f. 18 ) Kuhn u. Schwartz 80 f. 
Nr. 84; Wolf Sagen Nr. 204; Strackerjan 1, 
287 Nr. 185 ee; 516 Nr. 259 g; Müllenhoff 
Sagen (1921) 540 Nr. 392; Jahn Pommern 
150 ff. Nr. 183. 186. 189. 191; Ranke Sagen 2 
199f.; Zaunert Natursagen 1, 117 f. u. Westfalen 
43; Jungbau er Böhmerwald 60; Pe ucker t Schle¬ 
sien 203. 19 ) Grimm Myth. 1, 409. 20 ) v. d. 

Leyen Sagenbuch 71. 21 ) Kuhn u. Schwartz 

172 Nr. 197 (1); Grimm Myth. 3, 143; Ranke 
Sagen 2 199. 22 ) Grimm Myth. i, 409. Vgl. 

J ahn Opfergebr. 151. 23 ) A. Altrichter Sagen 
aus der Iglauer Sprachinsel (Iglau 1920) 93 = 
Jung bau er Böhmerwald 18. 24 ) Jahn Pom¬ 

mern 360 f. Nr. 456. 459; Zaunert Rheinland 

2, 193. 25 ) Jahn Pommern 401 f. Nr. 511. 

Vgl. Jahrtag. Jungbauer. 

Jahreszeiten. 

1. Die idg. Völker haben am frühesten 
denjenigen Abschnitt des Jahres durch 
einen bestimmten Namen hervorgehoben, 
der sich dem Menschen am unan¬ 
genehmsten und tiefsten ein prägte, den 
Winter (s. d.). Zu dieser vielleicht lange 
Zeit hindurch einzigen Bezeichnung einer 
J. x ) kam als zweite der Sommer (s. d.), 
der schon dem Namen nach die (dem 
Winter) ,,gleiche, zweite Hälfte“ des 
Jahres zu bedeuten scheint 2 ). Nach der 
warmen J. rechneten südliche Völker, 
nach Wintern nördliche 3 ). 

Diese Zweiteilung 4 ) des Jahres drückt 
sich auch darin aus, daß die Griechen 
das Kultjahr in die dionysische (winter¬ 
liche) und die apollinische Hälfte schieden, j 
die Inder in die pitrayana (Wege der 
Väter = Zeit der Ahnen Verehrung, Win¬ 
ter) und die devayana (Wege der Natur- 

# 

götter) 5 ). Überreste dieser Zweiteilung 
haben in Europa namentlich die Kelten 
und Germanen bewahrt, was in der 
Sprache der Poesie (Heliand, Hildebrands¬ 
lied) und des Rechtes besonders hervor¬ 
tritt. Zu Anfang und zu Ende dieser 
zwei J., im November, der auch als alter 


Jahresanfang (s. d.) in Betracht kommt, 
und im Mai, wurden bis auf Karl den 
Großen jährlich zwei allgemeine Tage¬ 
dinge abgehalten, und diese zwei Zeit¬ 
punkte waren lange die Haupttermine 
für Rechtsgeschäfte und kirchliche Feier¬ 
lichkeiten. Die Zweiteilung ist im alt- 
gallischen Kalender von Coligny durch¬ 
geführt, für die Angelsachsen wird sie 
von Beda (De temporum ratione c. 15) 
ausdrücklich bekräftigt 6 ). Von ihr 
zeugen die ags. Ausdrücke midsumor und 
midvinter. Beachtenswert ist ferner, 
daß im ahd. und mhd. wohl die Bezeich- 
nungen sumerlanc und winterlanc Vor¬ 
kommen, aber kein lenzezlanc oder 
herbestlanc. Überhaupt treten in Europa, 
je weiter man nach Norden kommt, nur 
zwei J., Sommer und Winter, auf, je 
weiter nach Süden aber, drei, vier oder 
fünf. Auch für mythische Bezüge gelten 
nur jene zwei J., obwohl sie zuweilen 
durch Frühling und Winter oder durch 
Frühling und Herbst ausgedrückt werden 7 ). 

Zu diesen zwei J. kam aber schon in idg. 
Zeit, zunächst nur als Übergangszeit, 
eine dritte, der Frühling 8 ) (s. d.), und 
die dadurch entstandene Dreiteilung 
des Jahres wurde bald allgemein üblich. 
Sie ist für das vedische Indien bezeugt 
und auch für die älteren Griechen anzu¬ 
nehmen. Bei den Germanen fand Tacitus 
(Germ. c. 26) diese Dreiteilung vor 9 ). 
Auf sie weist hin, daß häufig nur drei 
Gerichtstage im Jahr angegeben werden, 
und daß man dreimal im Jahre Opferfeste 
(s. Jahresfeste) feierte 10 ). Mit dieser 
Zweiteilung hängt zusammen die bei den 
Indern noch in vedischer Zeit neben einer 
Fünfteilung vorkommende Sechsteilung 
des Jahres 11 ), die bereits zu der Rechnung 
nach Monaten hinüberführt. Damit 
stimmt auch die germanische Eigen¬ 
tümlichkeit überein, mitunter zwei Mo¬ 
nate unter einem Namen 12 ) oder in einem 
Bilde, z. B. Januar und Februar als 
Götterpaar, März und April als deren 
Kinder, wie bei den Isländern, zusammen¬ 
zufassen. 

Durch die Einfügung des Herbstes 
(s. d.), der erst mit dem Obst- und Wein¬ 
bau aufgekommen zu sein scheint 13 ), 








i 


t 



J ahreszeiten 



kam man schließlich zur Vierteilung 
des Jahres 14 ), die ihre tiefere Begründung 
in der Erkenntnis der vier Jahrpunkte, 
den zwei Sonnenwenden und Nacht¬ 
gleichen, fand 15 ). Nach diesen Jahr¬ 
punkten oder nach dem Eintritt der Sonne 
in gewisse Zeichen des Tierkreises 16 ), 
früher auch nach dem scheinbaren Auf- 
und Untergang gewisser Sterne, z. B. 
der Pie jaden 17 ), werden die J. bestimmt. 
Das Volk aber richtete sich oft nach Na¬ 
turvorgängen, namentlich nach der An¬ 
kunft und dem Wegzug der Zugvögel, 
und begrüßte vor allem die erste Schwalbe 
und den ersten Storch oder bestimmte 
Blumen als Boten des Frühlings 18 ) (s. d.). 

Die Wissenschaft unterscheidet zwi¬ 
schen den astronomischen und me¬ 
teorologischen J. Bloß die zweiten 
gelten auch für das bürgerliche Leben. 
Auf der nördlichen Halbkugel der Erde 
zählt man die kältesten Monate, De¬ 
zember, Januar und Februar, zum Win¬ 
ter (s. d.), März, April und Mai zum 
Frühling (s. d.), Juni, Juli, August zum 
Sommer (s. d.), September, Oktober und 
November zum Herbst (s. d.). Damit 
stimmt aber die Auffassung des Volkes 
nicht immer überein, vor allem wird 
meist der November schon als Winter¬ 
monat angesehen und der Februar zum 
Frühling gerechnet. 

*) Lit. bei Sartori Sitte 3, i 1 . 275 ff.; Pfan- 
nenschmid Erntefeste 606 f.; Helm Relig- 
gesch. 1, 295; Martin P. Nilsson Primitive 
Time-Reckoning (Lund 1920) 45 ff. 2 ) Schrä¬ 
der Reallex. 394; Pauly-Wissowa Suppl. 
3, 1164 ff. 3 ) Grimm Myth. 2, 629. 631; 3, 228. 
4 ) Vgl. Sartori a. a. O. 3, 1. 5 ) Schröder 

Rigveda 186. 206 ff. = Waschnitius Perht 

140 f. 6 ) Schräder Reallex. 395 f.; Plannen- 
schmid Erntefeste 311. 7 ) Grimm Myth. 2, 

•631 f. 8 ) Schräder Reallex. 394 f. u. Sprach¬ 
vergleichung 2, 224 ff.; Pauly-Wissowa Suppl. 
3, 1168 f. 9 ) Schräder Reallex. 396. 10 ) Grimm 
Myth. 3, 228 u. RA. 2, 449. n ) Schräder 
Sprachvergleichung 2, 239. 12 ) Schräder 

Reallex. 396. 13 ) Hoops Reallex. 4, 584. 14 ) 

Pauly-Wissowa Suppl. 3, 1170. 15 ) Schräder 
Reallex. 397. 16 ) Ebd.; Pfeiffer Sternglaube 7. 
1? ) Frazer 7, 307 ff. 18 ) Grimm Myth. 2, 635 f.; 
3, 232; Schräder Reallex. 397. 

2. Schon im alten Orient werden die J., 
die man in Beziehung zu den vier Winden 
und den vier Himmelsrichtungen setzte, 
wie andere Zeitabschnitte, personifi¬ 


ziert und vergöttert 19 ). Diese An¬ 
betung der Zeit und ihrer Teile ist viel¬ 
fach aus dem Einfluß der Astrologie zu 
erklären 20 ). Aber auch das Wirtschafts¬ 
leben spielt stark herein. So opferten 
die Athener zur Abwehr der Dürre und 
Herbeiführung eines warmen Regens den 
J.; dabei brachten sie gekochte und nicht 
gebratene Speisen dar, indem sie das 
Wasser im Kochtopf mit dem ersehnten 
Regenwasser in magischen Zusammen¬ 
hang setzten 21 ). 

Wie der einfache Mensch im Wechsel 
von Tag und Nacht nicht selten einen 
Vorgang sieht, bei dem zuerst die Sonne 
die Sterne verschlingt, um dann selbst 
wieder zu Sternen zertrümmert zu wer¬ 
den, so sieht er im Wechsel der J. 
ein ähnliches Bild. Die alten Dämonen 
und Götter müssen zu Beginn des Winters 
zugrunde gehen, um im Frühling wieder 
neu zu erstehen 22 ). Und wie man so im 
Wechsel der J. Leben und Tod von 
Göttern erblickte, so suchte man durch 
entsprechende Zauberhandlungen, die sich 
im Kult zu Jahreszeitspielen ent¬ 
wickeln konnten, der guten Jahreszeit 
beizustehen und die böse abzuwehren 
oder sinnbildlich zu vernichten 23 ). So 
wurden antike Feste (Kybele, Osiris, 
Adonis, Attis u. a.) zu dramatischen 
Darstellungen des Todes und der Aufer¬ 
stehung der Jahreszeitengötter 24 ), 
wozu der Tod und die Auferstehung 
Christi zur Osterzeit das christliche Sei¬ 
tenstück bildet. Dieses im Jahre sich voll¬ 
ziehende Schicksal der ursprünglichen 
Vegetationsgötter wurde schon bei den 
Babyloniern auf das menschliche Leben 
und seine Erneuerung in einer jenseitigen 
Welt übertragen und so aus dem Jahres¬ 
mythus ein Unsterblichkeitsmy¬ 
thus 25 ). Der J.mythus findet seine 
Darstellung auch in der Vernichtung 
oder Vertreibung des alten Jahres, z. B. 
des Mamurius Veturius im alten Rom 26 ). 

Die gleiche Personifikation der J. 
findet sich in der deutschen Volks- und 
Dichtersprache 27 ); dann besonders im 
deutschen J.mythus, den der Balder¬ 
mythus (s. d.) und namentlich Sagen 
von Holda (s. d.) oder der weißen Frau 


615 


Jahrmarkt 


616 


(s. d.) in sich schließen, und in Fest- 
bräuchen (s.Todaustragen,Sommertag), 
bei welchen auch der Kampf der J. 2S ) 
dramatisch dargestellt wird (s. Sommer u. 
Winter). Winter und Sommer erscheinen 
besonders im nordischen Mythus als böse 
und gute Riesen 29 ), wie etwa in dem 
Eddalied der W 7 interriese Thrym 30 ), der 
aber besser als eine Person ohne natursym¬ 
bolische Bedeutung aufzufassen ist, wie 
das ganze Lied als volkstümlich gewor¬ 
denes Kunstgedicht 31 ). Es geht überhaupt 
zu weit, wenn man in jeder Dichtung, 
die einen Kampf enthält, einen J.my- 
thus oder Tag- und Nachtmythus 
erblickt 32 ). Eine Personifikation erfuhren 
die J. auch im Märchen 33 ). Als 
Familiennamen kommen vor Sommer, 
Herbst und Winter 34 ). 

Im gelehrten Aberglauben spielt 
eine Rolle das bei dem Astrologen An- 
tiochos von Athen (2. Jh. n. Chr.) zu¬ 
erst belegte System einer Zusammenstel¬ 
lung der Tierkreiszeichen mit den J., 
dem Lebensalter der Menschen, den Ele¬ 
menten, den Windrichtungen, den Qua¬ 
litäten (warm, trocken u. a.), den Ag¬ 
gregatzuständen (flüssig, dicht u, a.), den 
Säften, Temperamenten und Farben in der 
Weise, daß die Tierkreiszeichen Widder, 
Stier und Zwillinge, weil die Sonne im 
Frühling in das Zeichen des Widders 
tritt, dem Frühling, der Kindheit, Luft 
usw. entsprechen, Krebs, Löwe und Jung¬ 
frau dem Sommer, der Jugend, dem Feu¬ 
er usw., Wage, Skorpion und Schütze 
dem Herbst, der Mannheit, Erde usw., 
Steinbock, Wassermann und Fische dem 
Winter, Alter, Wasser usw. 3S ). Die 
arabischen Astrologen haben dieses Sy¬ 
stem noch weiter ausgebildet 36 ). Es 
hat mit der Volksmedizin besonders dar¬ 
in einen Zusammenhang, daß dem Früh¬ 
ling von den Naturkräften die gärende 
entspricht, woraus sich die Notwendigkeit 
der Frühlingskuren ergibt 37 ). 

Nach deutschem Volksglauben richtet 
sich das Wetter der J. nach bestimmten 
Tagen, so in Oldenburg nach dem Wetter 
an den ersten vier Freitagen in den Fasten, 
die Fastnachtswoche mitgerechnet 38 ); 
im Böhmerwald richtet sich nach den 


ersten drei Märztagen das Wetter des 
Frühlings, Sommers und Herbstes 39 ). 

39 ) Cumont Orient. Rel. (1910) 208. 20 ) Ebd. 
316 36 . Vgl. Eisler Weltenmantel 518. 21 ) Frazer 
i, 310. 22 ) Wundt Mythus u. Religion 3, 91. 
23 ) Frazer 5, 1 ff. Vgl. o. Bd. 1, 447; Eis¬ 
ler Weltenmantel 2Ö4 8 . 514. 24 } Vgl. Gennep 
Rites de passage 257. 25 ) Wundt Mythus u. Re¬ 
ligion 3, 182 f. 212. 380t. 28 ) Frazer 9, 229^. 

Vgl. HessBl. 26 (1927), 18 ff. 27 ) Grimm 

Myth. 2, 633 ff. 2P ) Ebd. 2, 635 ff. 650 ff.; 3, 232. 
29 ) Ebd. 2, 632 f. 30 ) Meyer Germ. Myth. 151. 31 ) 
Golther Myth. 266 f. Vgl. Helm Religgesch. 
1, 200 71 . 32 ) Vgl. Helm a. a. O. 1, 58. 33 ) Bolte- 
Pollvka 1, 105. 107. 34 ) A. Heintze Die 

deutschen Familiennamen 1 (Halle 1922) 52. 

36 ) Boll Sternglaube 65. 36 ) F. H. Dieterici 

Die Propaedeutik der Araber (Berlin 1865) 
141 ff. 37 ) Näheres nach Dieterici bei St. Stein- 
lein Astrologie, Sexyal-Krankheiten u. Aber¬ 
glaube 2 (München u. Leipzig 1915), 163 f. 
Vgl. Eisler Weltenmantel 451 f. u. bes. o. Bd. 
1,807 ff. (Bad § 6. Jahreszeiten). 38 ) Stracker- 
jan 2, 66 Nr. 308 = Wuttke 84 § 9S. 30 ) 

Wäldlerkalender 4 (Obcrplan 1926), 103. 

Jungbauer. 

Jahrmarkt. Schon im Altertum war 
mit den religiösen Festen ein J. aufs 
engste verbunden. Er hatte ursprüng¬ 
lich den Zweck, die Feiernden mit den 
für die Opfer und sonstigen Bedürfnisse 
nötigen Dingen zu versehen, was auch 
heute noch zum Teil bei dem J. vor Wall¬ 
fahrtskirchen der Fall ist. Beim Isis- 
heiligtum in der Nähe von Titharea bei 
Delphi wurde am Vormittag des dritten 
Festtages ein J. abgehalten, an dem 
Sklaven, Vieh, Kleider, goldene und sil¬ 
berne Gegenstände verkauft wurden x ). 
Ebenso kann man annehmen, daß an¬ 
läßlich der großen Jahresopfer (s. d.) 
und Jahresfeste der heidnischen Ger¬ 
manen stets auch ein J. stattfand, der 
mehrere Tage dauerte und so als Vor¬ 
läufer der später im Anschluß an kirch¬ 
liche Feste entstandenen Messen (s. 
d.) angesehen werden kann. 

Der J. hat sich nicht selten aus einem 
altheidnischen Herbstfest (s. d.) oder 
Totenfest (s. d.) entwickelt 2 ), wobei 
ursprünglich wohl nur Lichter zum An¬ 
zünden auf den Gräbern verkauft wur¬ 
den. Auf solche altheidnische Feste und 
Bräuche gehen häufig auch Kirchweih¬ 
feste 3 ) (s. d.) und Wallfahrten 4 ) 
(s. d.) zurück, die ebenfalls stets mit 




r 


617 


J ahrtag 


6l8 


J3 


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5 


einem J. verbunden sind. Andrerseits 
konnte sich aus einem J. ein großes 
Volksfest 5 ) entwickeln. Lehrreich ist 
in dieser Hinsicht das ,,Kät“ genannte 
Volksfest in Annaberg im Erzgebirge, 
das auf die mit einem J. verknüpfte 
katholische Feier des Trinitatisfestes zu¬ 
rückgeht, noch früher aber eine Fried¬ 
hof sfeier gewesen ist 6 ). Auf die alte Zu¬ 
sammengehörigkeit der jährlichen Volks¬ 
versammlungen und Gerichtstage 
weist der Brauch, der früher bei dem 
in Elten am Niederrhein zu St. Veit 
mehrere Tage lang gefeierten J. üblich 
war, indem nämlich hiebei ein klevischer 
Kommissar das St. Vit-Gericht abhalten 
mußte 7 ). 

Im Böhmerwald bezeichnet man mit 
dem Wort J. oder Markt auch das Ge¬ 
schenk, welches man am J. für Ange¬ 
hörige, Dienstboten, denen ein solches 
meist vertragsgemäß gebührt, oder für die 
Geliebte kauft. Je nachdem ein männ¬ 
licher oder weiblicher Heiliger an dem 
Tage gefeiert wird, unterscheidet man 
einen Buben- oder Mädchenmarkt. 
An einem Bubenmarkt, z. B. Michaelis, 
müssen die Burschen den Mädchen ei¬ 
nen ,,Markt“ kaufen, an einem Mädchen¬ 
markt, z. B. Margareta, die Mädchen den 
Burschen 8 ). 

*) Nilsson Griech. Feste 154b 2 ) Vgl. Frazer 
4, 101 f. 3 ) Reinsberg Festjahr 164b 299s.; 
Pfannenschmid Erntefeste 532 f. 560. 4 ) Sar- 
tori Sitte u. Brauch 3, 216. 5 ) Reinsberg 

Festjahr 263 ff.; Sartori a. a. O. 3, 252. 257. 
8 ) John Erzgebirge 203 f.; ZfVk. 5 (1895), 
454 f. 7 ) Sartori a. a. O. 3, 221 Anm. 3. 
8 ) Verf. Jungbauer. 

Jahrtag. Mit diesem Worte oder dem 
allgemeineren Jahrestag oder mit 
Jahr zeit wird der Tag bezeichnet, an 
dem sich irgendein Ereignis jährt, der 
also als ein Gedenktag erscheint 1 ). Im 
besondern bezeichnet es gleich dem 
römischen und kirchlichen Anniver¬ 
sarium die Wiederkehr des Todestages 
der Eltern oder Angehöriger und seine 
festliche Begehung. 

Nach altem Glauben kehrt am J. der 
Tote wieder 2 ), wie auch sonst an Toten¬ 
gedächtnistagen 3 ), besonders der auf ge¬ 
waltsame Weise ums Leben gekommene. 


So erneuert sich alljährlich am J. in 
einem Gasthofe zu Pausa der Zweikampf 
zweier Jünglinge, die sich dort einst 
gegenseitig erschlugen 4 ). Dieses Motiv 
von der Wiederkehr des Toten am J. ist 
besonders stark ausgeprägt im franzö¬ 
sischen Volksglauben 5 ), wo sich der J. 
auch durch andere Anzeichen als durch 
die persönliche Wiederkehr des Toten 
kundgibt 6 ), zuweilen auch nur alle hun¬ 
dert Jahre, indem sich dann z. B. der 
zu Stein Verwandelte bewegt 7 ). Auch 
versunkene Glocken läuten am J. 
des Versinkens 8 ). 

Die Feier des J.es eines Toten er¬ 
folgt noch heute bei den Tscheremissen 
in der Weise, daß alle Kleider des Ver¬ 
storbenen seinem Lieblingspferd auf den 
Rücken gelegt und dieses dann dreimal 
um das Grab geführt wird. Dazu wird 
eine dreiarmige Kerze am Grabe ange¬ 
zündet und ein dünner Kuchen zerteilt 
und dem Toten gesagt, daß heute sein 
J. sei und ihm deshalb das Pferd ge¬ 
schlachtet werde. Das Letztere geschieht 
auch gleich nach der Rückkehr in den Hof, 
und das Fleisch wird zum Gedenkmahl 
zubereitet. Beim Opfer sprechen die 
Hausbewohner zu dem Toten: ,,Iß Ku¬ 
chen und Fleisch! Wir haben dein Pferd 
nicht geschirrt, wir sind nirgends damit 
gefahren, nimm es jetzt zu dir“. Am 
Ende des Opferfestes werden die Gebeine 
des Pferdes zu dem Grabe getragen, der 
Schädel wird an einem Baum aufgehängt, 
das Fell aber wird für die Waisen und 

# t 

Armen verkauft 9 ). Ähnlich müssen wir 
uns die gleiche Feier bei den alten Ger¬ 
manen vorstellen, die, wie die Feier 
des 3., 7. und 30. Tages nach dem Tode 
auch mit Trinken und Singen verbunden 
war, so daß von kirchlicher Seite strenge 
Verbote dagegen erlassen wurden 10 ). 

Gegenwärtig besucht man am J., 
wenigstens in den ersten Jahren nach dem 
Tode oder so lange noch nähere Ange¬ 
hörige leben, das Grab, schmückt es, 
zündet ein Licht darauf an und läßt eine 
Messe lesen, so z. B. im Böhmerwald 
und in Nordböhmen 11 ). An dieser To¬ 
tenmesse beteiligen sich in der Iglauer 
Sprachinsel auch Verwandte und Be- 



Jakobsleiter—Jakobus der Ältere 



kannte 12 ). In W estböhmen zündet man am 
J. in der Stube vor dem Kruzifix ein Öl¬ 
lämpchen an 13 ). Die Juden, welche an 
jedem J. ihrer verstorbenen Verwandten 
von einem Abend bis zum andern ein Licht 
anstecken, haben eigens dazu hergestelite 
Kerzen, die gerade 24 Stunden lang 
brennen 14 ). 

Eine Art Jahresopfer (s. d.) stellt 
dar, wenn früher am J. auch Opfer (Wein, 
Brot, Mehl u. a.) auf den Altar gelegt 
und die Armen beschenkt wurden 15 ), 
was sich zuweilen bei vermögenden Per¬ 
sonen zu großen, dauernden Stiftun¬ 
gen steigerte. Dann wurde mit den 
Worten Seelgeräte, Jahrzeit oder Anni¬ 
versarium alles das bezeichnet, was all¬ 
jährlich am Stiftungs- oder Sterbetage 
zum Seelenheile des Verstorbenen ver¬ 
ausgabt wurde, also die Leistung für See¬ 
lenmessen, für Seelbäder, wie sie be¬ 
sonders in München lange im Brauche 
waren, für Verteilung von Lebensmitteln 
an Arme oder deren Ausspeisung, die im 
alten Nürnberg in „ Seelenhäuser'“ ge¬ 
nannten Genossenschaftshäusern statt - 
fand, für die Beköstigung der Geist¬ 
lichen 16 ) u. a. Eine derartige große J.- 
Stiftung vermachte z. B. der Pfalzgraf 
Rudolf (um 1209—1212) dem Stifte 
Marchtal 17 ). Die großartigste aber ist 
der sagenumwobene sogenannte Calw er 
Jahrtag auf der Wurmlinger Berg¬ 
kapelle, den ein Graf Anselm von Calw 
schon im 10. Jh. gestiftet haben soll, der 
aber wahrscheinlich mit alten Ernten- und 
Totenopfem der Herbstzeit zusammen¬ 
hängt 18 ). 

Der J. spielt auch im Schatzglauben 
eine Rolle, da der Zugang zu manchen 
Schätzen alljährlich nur an einem be¬ 
stimmten Tage offen ist (s. Jahresfrist). 
Am J. stirbt zuweilen der, welcher eine 
arme Seele erlöst hat 19 ). Endlich 
holt der Teufel mitunter am J., wenn 
die Zeit vorbei ist, um Mitternacht sein 
Opfer 20 ). 

Neuere Forschungen scheinen zu er¬ 
geben, daß dem J. beim einzelnen Men¬ 
schen und innerhalb des engeren Ver¬ 
wandtenkreises tatsächlich eine beson¬ 


dere Bedeutung, namentlich in gesund¬ 
heitlicher Beziehung, zukommt 21 ). 

Das Wort J. hat zuweilen die Bedeu¬ 
tung von Jahresversammlung, z. 
B. der Handwerker, so in dem bekannten 
volkstümlichen Spott lied vom J. der 
Schneider 22 ) oder der Bauern 23 ). 


1 ) DWb. 4, 2 (1877), 2240. 2248. 2 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz i, 281 Nr. 3 = Wuttke 470; 
Jungbauer Böhmerwald 165 h; Peuckert 
Schlesien 118. 148; Zaunert Rheinland 2, 217; 
vgl. 1, 252. 3 ) Schräder Reallex. 31. 4 ) Köhler 
Voigtland 524; Meiche Sagen 18 Nr. 20. 
5 ) Sebillot Folk-Lore 2, 426. 446 t.; 3, 250:4, 197. 
267. 302 f. 6 ) Ebd. 1, 320; 2, 190; 4, 385. 7 ) Ebd. 

1, 305. 8 ) Ebd. 2, 360 f.; REthn. 6, 582; 7, 754 

u. Curtze Waldeck 234 = ZfVk. 7 (1897), 117. 
9 ) FFC. Nr. 61, 36 f. 10 ) Schräder Reallex. 30. 
n ) Verf. 12 ) ZfVk. 6 (1896), 410. l3 ) John 

Westböhmen 179 = ZfVk. 17 (1907), 382. Ge¬ 
denkfeiern am J. erwähnt Hoff mann-Krayer 

49 - 
3 * 2 - 

Meyer Baden 600. 1Ä ) Rochholz Glaube 1, 

308 f. 17 ) Birlinger Volksth. 2, 418 f. 18 ) Ebd. 

2, 412 ff. 461 ff.; Birlinger Aus Schwaben 2, 

164; Rochholz Glaube 1, 311 ff.; Alemannia 19, 
49 ff.; Kapff Schwaben 135. 1# ) Jungbauer 

Böhmerwald 233. 20 )Gloning Oberösterreich 53. 
21 ) W. Fließ Das Jahr im Lebendigen u. bes. 
Der Ablauf des Lebens 2 (Leipzig u. Wien 1923) 
68 ff. 22 ) Vgl. Jungbauer Bibliogr. 196 f. 
Nr. 1272. 23 ) DG. 17 (191b), 57 f. Weiterer 

Stoff zum J. ebd. 4 (1902), 168; 5 (1903), 26. 
46 ff. 122. Jungbauer. 


14 ) Rochholz Glaube 1, 166 f. = ZfVk. 17, 
15 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 136 f.; 


Jakobsleiter, die geheimnisvolle zum 
Himmel reichende Leiter, auf der Ja¬ 
kob der Patriarch im Traume die Engel 
auf,- und absteigen sah, symbolisiert als 
eine Stufenfolge von fünfzehn Tugenden, 
zusammengehalten durch den Doppel¬ 
balken der Liebe, dargestellt im Hortus 
deliciarum der Herrad von Landsperg 
(Äbtissin 1167—1195), übertragen auf 
die Altarstufen 1 ), auch Jakobstraße, Him¬ 
melsleiter-Straße genannt, die sonst die 
Milchstraße heißt 2 ). 

*) Sauer Symbolik des Kirchengebäudes 164. 
246. 2 ) Meier Schwaben 1, 236. Wrede. 


Jakobsstraße, Pilgerstraße, infolge Mi߬ 
verstehens auch für die Milchstraße, s. 

\ 

Jakobus (Maior) 1 und Anm. 7, des¬ 
gleichen infolge Übertragung, s. Jakobs¬ 
leiter. Wrede. 

Jakobus der Ältere (Maior), Apostel, 
einer der ersten Jünger, die sich Jesus 
anschlossen, nebst seinem Bruder, dem 







Jakobus der Ältere 


622 


Evangelisten Johannes, ein treuer Be¬ 
gleiter des Herrn und voll feurigen 
Eifers in der Verbreitung seiner Lehre, 
weshalb auch beide vom Heiland die 
Kraftvollen, die Söhne des „Donners“ 
genannt wurden (Markus 3,17) la ), auch der 
erste Apostel, der noch vor Petrus umOstern 
42 (?) durch Herodes Agrippa I. den 
Märtyrertod erlitt. Fest 25. Juli lb ). 
Patron der Spanier, deren Feldgeschrei 
sein Name (St. Jago) wurde, bereits im 
9. Jh. in Compostela in der spanischen 
Provinz Galicien sehr verehrt, daher 
Santiago (Sankt Jakob) de Compostela. 
Hierhin sollen die Überreste des Heiligen 
in der Zeit zwischen dem 7. und 9. Jh. 
aus Jerusalem übertragen und an der 
Stelle, wo jetzt die nach ihm benannte 
Kirche San Jago in der Stadt Compostela 
steht, entdeckt worden sein. Die Meinung, 
J. habe in Spanien das Evangelium ge¬ 
predigt, ist irrig 2 ). Auf deutschem Boden 
wirkten die Schottenklöster für seinen 
Kult. Die ältesten Kölner Festkalender 
führen ihn bereits für das 9.—10. Jh. 
auf 3 ). 

la ) Strack-Billerbeck Kommentar 2, 5. 
**>) AA. SS. Juli VI, 69; Korth Die Kirchen¬ 
patrone im Erzbistum Köln 91 (Quellen und 
Literatur reichlich); Künstle Ikonographie 316. 
2 ) Kellner Heortologie 219. 3 ) Zilliken Kölner 
Festkalender 86. 

i. J. wurde Patron der Pilger. Zahl¬ 
reiche zu seinen Ehren geweihte Kirchen 
und Kapellen in großen Städten und an 
wichtigen Heerstraßen 4 ) und nicht we¬ 
niger zahlreiche Statuen und Devotions¬ 
gemälde bezeugen noch heute die große 
Verehrung, deren er sich als Schutzhei¬ 
liger früher unter den Wallfahrern er¬ 
freute. Besonders unter dem Einfluß 
der spanischen Tradition erscheint der 
Heilige seit dem 12. Jh. fast regelmäßig 
im Pilgergewand der Wallfahrer nach 
Santiago de Compostela in einem Rock 
mit langem Kragen und mit Stab, Reise¬ 
tasche, Wasserflasche und Pilgermuschel 
auf der Brust oder am Hut. Mitunter 
trägt er auch noch das Schwert, weil er 
enthauptet wurde. Aber seit etwa 1300 tritt 
an dessen Stelle der lange Pilgerstab, 
der dann das Attribut des Apostels 
wird 5 ). Infolge der Pilgerfahrten nach 


Santiago, das seit dem 10. Jh. ein immer 
mehr erstrebtes Pilgerziel und bald nächst 
Rom und Jerusalem besuchtester Wall¬ 
fahrtsort wurde, bildeten sich in fast 
allen Teilen des Abendlandes, besonders 
auch in Deutschland, nach dem Hei¬ 


ligen benannte Bruderschaften, auf deren 
Stiftungen viele J.bilder und -kapellen 
zurückführen. Unter den Mitgliedern 
dieser Bruderschaften, den J.brüdern, 
entstanden viele J.lieder (Wallfahrts¬ 
oder Pilgerlieder) und J.legenden mit 
Berichten über J.wunder auf der Pilger¬ 
fahrt, z. B. die seltsame Pilgerlegende 
von dem wunderbaren Galgen und den 
wieder lebendig gewordenen Hühnern, 
vornehmlich in Deutschland und im 
nördlichen Frankreich verbreitet, sowie 


die wunderreiche Sage von den beiden 
treuen J.brüdern, im 14. Jh. durch Kunz 
Kistener literarisch gestaltet 6 ). Von den 
bekannten J.liedern besingt das aus dem 
Ende des 15. Jh. überlieferte Lied ,,Wer 
das elent bawen wel, der heb sich auf und 
sei mein gesel w r ol auf sant Jacobs Stra¬ 
ßen“ 7 ) die beschwerliche und oft gefähr¬ 
liche Fahrt der deutschen Pilger 8 ). 


4 ) Kampschulte Die westfäl. Kirchen- 
Patrozinien 149; Samson Die Heiligen als 
Kirchenpatrone 221; Hofier Waldkult 91. 
5 ) Künstle a. a. O. 317. 6 ) Euling Die Jakobs¬ 
brüder (German. Abhandlungen XVI). 7 ) Die 
Pilgerstraße durch Frankreich nach Galicien, 
durch dessen Vermengung mit Galaxia oder 
Galaxias (via lactea, Milchstraße) man die 
Milchstraße selbst auch St. J.straße nannte. 
Du Cange s. v. Galaxia; Grimm Myth. 3, 106; 
H. Rot zier Die Benennungen der Milchstraße 
im Französischen. Diss. Basel (Erlangen 1913), 
13 ff.; Sepp Sagenschatz 2 669; Lütolf Sagen 386, 
s. auch Jakobsleiter. 8 ) Uhland Alte hoch - u. 
niederdeutsche Volkslieder Nr. 302; Bäumker Das 
kath. deutsche Kirchenlied 2, 203; Liliencron 
Deutsches Leben 388. Über ,,St. J.fahrten und St. 
J.legenden im Mittelalter" s. auch L. Korth 
Mittagsgespenster. Deutsche Studien - u. Wander¬ 
bilder, herausgeg. von Karl Hoeber. Köln 1915. 


2. Der Heilige soll zu den Brunnen¬ 
oder Wasserheiligen gehören, deren Feier¬ 
tage alle in die Juni- oder Julimonate 
fallen, und dementsprechend sollen J.- 
brunnen Heilbrunnen sein 9 ). Ein wun¬ 
dertätiger St. J.born wird bei St. Jacob 
unfernLeutenberg (Voigtland) erwähnt 10 ). 
Über J. als Patron der Bauern und 
Hirten s. unter den folgenden Abschnitten. 


Jakobus der Ältere 


626 


623 


Jakobus der Ältere 


•) Nach Höfler Waldkult 19. 21. 
Voigtland 255 Nr. 641. 


lü ) Eisei 


3. Die wenigstens in der früheren Zeit 
vorzüglich auf dem Pilgerpatronat be¬ 
ruhende große Volkstümlichkeit des Hei¬ 
ligen zeigt sich noch besonders in der Vor¬ 
liebe des Volkes, seinen Namen als Tauf¬ 
namen zu verwenden 11 ) oder ihn dem 
Taufnamen beizufügen I2 ). Der Name 
wurde infolgedessen einer der gebräuch¬ 
lichsten männlichen Eigennamen. Er 
wurde und wird auch ungemein häufig 
in appellativer Bedeutung 13 ) verwandt, 
so in Kinderreimen, Liedern, Schelten, 
Neckrufen, in der Gauner- und Kunden¬ 
sprache, auch übertragen auf Sachen 14 ). 

n ) Schönwerth Oberpfalz 1, 165 Nr. 14; 
Nied Heilige 42. 12 ) Höhn Geburt 276. 

13 ) Wackernagel Kleinere Schriften 3, 162; 
Rochholz Sagen 1, 353; Schweizld. 3, 26. 

14 ) Meisinger Hinz und Kunz 40 (130). 

4. Der J.tag galt und gilt vielfach noch 
als einer der wichtigsten Lostage, aus dem 
man auf das Gedeihen der Früchte und 
auf das Wetter vorzüglich des kommenden 
Winters schließt. Schon drei Tage vor¬ 
her soll das Wetter schön sein, damit 
das Korn , »dauerhaft“ wird. Ebenso 
am J.tage selbst; denn: „Ist es hell auf 
J.tag, viel Früchte man sich versprechen 
mag“. In einigen Gegenden Krains 
herrscht(e) der Glaube, Sonnenschein am 
J.tage bewirke, daß die Linsen recht ge¬ 
deihen würden 15 ). „Hat's zu J. Wind, 
so vird kein Grummet“ und umgekehrt 16 ). 
Bei Eliwangen (Schwaben) sah man am 
Feste des Heiligen in den Brunnen an der 
Kirchhofsmauer und schloß aus dem 
tiefen oder hohen Wasserstande auf ein 
teures oder wohlfeiles Jahr 17 ). Man 

laubte, daß Regen am J.tage (J.regen) 

3m Getreide und den Eicheln 18 ) schade, 
aber einen milden Winter verspreche. 
Anderseits folgt, so glaubt man, auf einen 
schönen und warmen J.tag ein strenger, 
kalter Winter 19 ). „Ist’s zu Jakobi hell 
und warm, macht zu Weihnacht der Ofen 
arm“ 20 ). Viel weiße Wolken am Himmel 
auf St. J. bedeuten viel Schnee im Win¬ 
ter: An J. „blüht“ der Schnee (Redens¬ 
densart alter Leute) 21 ). Auf zahlreiche 
andere an diesen Tag geknüpfte Bauern¬ 
regeln und Volksmeinungen über zu- 


624 

künftige Witterung sei hier nur hinge¬ 
wiesen 22 ). 

15 ) ZföVk. 4 (1898), 45. 16 ) John West¬ 
böhmen 91. 238. 17 ) Meier Schwaben 2, 433. 

18 ) Andree Braunschweig 410. 19 ) Kück 
Wetterglaube 75. 20 ) John a. a. O. 91. 21 ) Schu¬ 
lenburg Wend. Volkstum 155. 22 ) Fogel 
Pennsylvania 232 Nr. 1192; Lütolf Sagen 558 
Nr. 585; Rosegger Steiermark 66; Rochholz 
Naturmythen 6; Bartsch Mecklenburg 2, 294; 
ZfVk. 24 (1914), 59; Wettstein Disentis 165. 

5. Den J.tag beherrschen infolge seiner 
ihm zugemessenen einschneidenden Be¬ 
deutung mancherlei Bräuche und Vor¬ 
schriften. Nach einer Volkssage hat der 
hl. J. Bauern, als diese den Aposteln 
beim Gang durch ein Kornfeld den 
Hut pfändeten, gelobt, ihr Korn¬ 
patron zu sein, wenn sie ihm seinen Hut 
ließen. Seitdem sei J. Kornpatron der 
Bauern, und kein anderer Heiliger als er 
trage einen Hut 23 ). Diese ohne Zweifel 
ätiologische Sage knüpft an den Glauben 
an, daß J. den Fruchtsegen bringt, wes¬ 
halb man seinen Tag oder die Zeit um 
diesen als Beginn des ersten Kornschnittes 
wählte 24 ) (s. auch Ernte § 3). In manchen 
Gegenden galt es geradezu als schimpf¬ 
lich, vor J. zu mähen, da dieser Tag als 
Glückstag für die Ernte angesehen wurde. 
Der Wunsch, sich um J. des neuen Ernte¬ 
segens zu erfreuen, beruht auf der Tat¬ 
sache, daß um diese Zeit die alten Vor¬ 
räte zur Neige gehen oder verbraucht 
sind. St. J. bringt Brot oder Hungersnot. 
Die Sehnsucht nach dem Neuen beseelt 
Menschen und Tiere, und man begleitet 
die Zeit des Überganges mit launigen 
Sprüchen 25 ). Altgeübter Brauch wollte 
und will es, daß man am J.tage die ersten 
Kartoffeln aus der Erde gräbt 26 ), die da¬ 
her Jakobi-Erdäpfel heißen, oder jetzt 
zum ersten Male neue (gekaufte) Kar¬ 
toffeln auf den Tisch bringt 27 ), da solche 
vor J. nicht zuträglich sein sollen. Dem 
Kraut widmet man um diese Zeit be¬ 
sondere Aufmerksamkeit 28 ). Nach einer 
alten Vorschrift soll man am J.tage 
den (Weiß-)Kohl behacken. Wo das 
Kraut (Kohl) nicht vor J. gehackt wird, 
bekommt es nicht viel Häupter 29 ). Soll 
das Kraut recht dick werden, so nimmt 
man am J.tage zwischen n und 12 Uhr 


625 

mittags von jeder Pflanze ein Blatt und 
spricht: „Jakob, Dickkob, werd' so dick 
wie mein Kob, im Namen“ usw. 30 ). In 
.ähnlicher zauberischer Absicht verfuhren 
die Frauen auf der Rabenau bei Gießen, 
wenn sie am J.tage das erste Gemüse 
holten, an eine große Kohlkopf pflanze 
klopften und sprachen: „Jökkob! Dek- 
kob! Hoeber (Häupter) wäi mein Kob! 
Blerrer (Blätter) wäi mein Scherze 
(Schürze)! Strink (Strünke) wäi mein 
Böen (Bein)“ 31 )! An der Werra und vor 
der Rhön gehen die Bauern am J.tage 
durch ihre Krautäcker, um den J. hin¬ 
auszujagen (und den Barthel hineinzu¬ 
tragen) 32 ). Um die Rüben stark und 
kräftig werden zu lassen, gilt im Basel¬ 
land die Vorschrift: „Vor J. (gesät gibt) 
Rüebe, no (J.) Rüebli“ (nachher nur 
Rübchen) 33 ). Gern holt(e) man an 
diesem Tage Beeren und Wurzeln, 
in Thüringen und anderswo die soge¬ 
nannten Joksbeeren (Jakobsbeeren), 
schwarze Beeren (Vaccinium Myrtillus), 
die am J.tage genossen gegen Flüsse 
(Darmkatarrh) helfen 34 ). In Schwaben 
schneidet man dann die Wurzel der 
weißblühenden Wegwarte, einer wilden 
Zichorie, die die Kraft haben soll, 
Dornen oder anderes aus dem Fleisch 
(Haut) zu treiben, auch unsichtbar, stich- 
und kugelfest zu machen und wie die 
Springwurzel Türen und Schlösser zu 
öffnen. Man soll sie um Mitternacht oder 
am J.tage vormittags zwischen 11 und 
12 Uhr unbeschrien schneiden 35 ). An¬ 
derswo, in Welzheim (Württemberg), wird 
der J.tag benutzt, um ein Heilmittel „fürs 
Kolik“ herzustellen. Die Vorschrift lautet: 
„In einen Schoppen Fruchtbranntwein 
tut man am J.tag 3 Nuß vom Baum her¬ 
unterbrechen und tut aus einer jeden 
Nuß 4 Schnitz machen, tut dann die 12 
Schnitz in den Branntwein und läßt ihn 
zweimal 24 Stunden stehen, dann läßt 
man ihn von den Schnitz laufen“ 36 ). In 
der Steckener Gegend (Schlesien) und im 
Böhmischen ist (war?) im Volke die Mei¬ 
nung sehr verbreitet, man könne mittels 
des „Jakobitaues“ von den Kühen viel 
Milch haben. Die Person, die den Tau 
abstreift und das Mittel anwendet, nennt 


man Tauhexe 37 ). Früher soll in einigen 
deutschen Landschaften (Schlesien, Böh¬ 
men usw.) der Brauch geherrscht haben, 
am J.tage einen Bock mit vergoldeten 
Hörnern und mit Bändern geschmückt 
von einem Turm herabzustoßen und ihm 
unten das Blut „abzustechen“ 38 ). Dieses 
galt getrocknet als kräftiges Heilmittel 
gegen vielerlei Krankheiten 39 ). Auch 
die Witterung suchte man mittels ma¬ 
gischen Zaubers wunschgemäß zu ge¬ 
stalten. Eine Vorschrift in Schwaben 
lautete: „Regnet es an J., so muß 
der Bäcker mit dem Mehl laufen; wenn 
es aber nicht regnet, mit dem Wasser. 
Denn im ersten Fall schießt die neue 
Frucht nicht, im zweiten Fall umge¬ 
kehrt“ 40 ). Man hält diese wunderliche 
Vorschrift für einen ursprünglichen Regen¬ 
zauber 41 ). Am J.tage mußte in Tirol 
(Pinzgau) um den Preis des Stärksten 
gerauft werden 42 ); geschah dies nicht, 
so fiel, wie man glaubte, im nächsten 
; Winter sehr wenig Schnee, was als schäd¬ 
lich gilt 43 ). 

23 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 301; Roch¬ 
holz Naturmythen 209. 24 ) ZfVk. 12 (1902), 

337 (Schlesien); Drechsler 1, 148; Tetzner 
Slaven 76; John Westböhmen 90; Stracker- 
jan 2, 93. 125 (361); Fontaine Luxemburg 93; 
ZfVk. 3 (1893), 278; Sartori Westfalen 116; 
Kück YV etterglaube 76; Alemannia 24, 153 

(Jakob un Anne is Acre in alle Lanne); Eber¬ 
hardt Landwirtschaft 5. 25 ) John a. a. O. 

91; Knoop Hinterpommern 17; Kück a. a. O . 
26 ) John a. a. O. 90; Schramek Böh¬ 
merwold 160. 27 ) Köhler Voigtland 177* 

28 ) John a. a. O. 90; Mülhause 66. 2e ) Drechs¬ 
ler 2, 55. 30 ) Wuttke 425 § 665. 31 ) Reins¬ 
berg Festjahr 214. 32 ) Witzschel Thüringen 2, 
217 (27). 33 ) SAVk. 12 (1908), 16. 34 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 267; Schramek Böhmer¬ 
wald 160. 35 ) Meier Schwaben 1, 238—239. 

36 ) Höhn Volksheilkunde 1, 110. 37 ) Kühn au 

Sagen 3, 74. 38 ) Sartori Sitte u. Brauch 3, 239. 
39 ) Strack Blut 56. 40 ) Birlinger Aus Schwaben 

I, 387. 41 ) Gesemann Regenzauber 96. 42 ) Ge¬ 
ra mb Brauchtum 67. 43 ) Vernaleken Mythen 
362. 

6 . Im Wirtschafts- und Volksleben be¬ 
sonders der Alpenländer bildet (e) der 

J. tag einen wichtigen Einschnitt. Viel¬ 
fach wird an ihm das Gesinde (Knechte, 
Mägde, Hirten) wieder neu gedungen, 
indem man ihm das Haft(l)geld zahlt 

I und es bewirtet. Auch wird (oder wurde) 


Ö 27 


Jakobus der Ältere 


628 


das Gesinde gewechselt, so daß der Tag 
zu den Zieh- oder Wechseltagen oder Ge¬ 
sindeterminen gehört(e) 44 ). Desgleichen 
stellte man in Steiermark früher bei den 
Sensenhämmem auch neue Schmiede 
ein 45 ). Wo Körnerbau betrieben wird, 
gestaltete man im Hinblick auf die be¬ 
vorstehende Ernte, also zu recht ersicht¬ 
lichem Zweck, den Tag zum Fest für das 
Gesinde. Man gab den Leuten ein Trink¬ 
geld, das sogenannte Stärkegeld oder die 
Stärketrinke (Umgegend von Memmin¬ 
gen, Allgäu), in Westböhmen die Jako¬ 
bizech genannt 46 ). Für dieses Geld sollten 
sie die Jackeisstärke trinken, damit sie 
beim Komschneiden nicht in den Halmen 
stecken blieben. Wie das Gesinde tat 
sich auch der Bauer mit Schmausen und 
Trinken einen guten Tag an, und die Le¬ 
digen endeten ihn abends mit Tanzen. Da¬ 
zu dürfte wohl der im Masurenland geübte 
Brauch stimmen, am J.tag alle Arbeit 
ruhen zu lassen und schon am Sonntag 
vorher ein Erntefest vor der Ernte zu 
feiern 47 ). Auch in Ostpreußen soll 
(sollte?) man am J.tage nicht mähen, 
vielmehr die Arbeit ruhen lassen 48 ). 
Auf den Almen (Allgäu, Salzburger Ge¬ 
birgsgegenden usw.) gilt der Tag als Höhe¬ 
punkt der Milchwirtschaft. Man sagt 
dort, daß um J. gewöhnlich das tägliche 
Milcherträgnis in den Sennalpen zurück¬ 
geht, die Kühe, d. i. die Milch, „abneh¬ 
men'daher der Spruch „Jakobi an 
Schluck, Lorenz (10. Aug., s. d.) an Ruck 
und Bartime (24. Aug.) nix melT 49 ). 
In den Salzburger Gebirgsgegenden ist 
an dem Tage J. das „Joggesen“ (Ja- 
kobsen) Brauch, d. i. Besuch bei den Sen¬ 
nerinnen (Pongau, Lungau) und bei den 
Melkern (Pinzgau) auf der Alm von Freun¬ 
den, Bekannten und Dienstherren, auch 
in Steiermark 50 ). Im Allgäu feiert man 
diesen Höhepunkt der Michwirtschaft 
als Sennekierbe (Bergkirchweih) 51 ). 
Tanzfeste für die Älpler sind auch in der 
Schweiz bekannt 52 ). In andern Ländern 
mit Weidebetrieb, z. B. in Böhmen, ist 
er besonders Festtag für die Hirten, als 
deren Patron J. dort wohl gilt, auch des 
Viehes, das reich mit Blumen geschmückt 
wird. Im Mittelpunkt des Festes steht 


der Hirtentanz 53 ). Statt der Hirten 
müssen an diesem Tage Knechte und 
Mägde hüten. Auch sonstwo ist am J.tag 
oder um diese Zeit Kirchweih (Kirreweih, 
Kirbe) oder werden fröhliche Feste ge¬ 
feiert 54 ). In Lenzburg (Schweiz) fand 
am Montag der Woche, in der J. gefeiert 
wurde, ein „Ausschießet“ oder ein „J.- 
schießet“ mit nächtlichem Umzug statt, 
freilich anscheinend nur zum Andenken 
an ein rein äußeres Geschehnis 55 ). Viele 
Orte Salzburgs begehen am J.tag das 
Rankein 56 ), ein altes Kraftspiel ähnlich 
dem schweizerischen „Schwingen“, d. i. 
ein Wettspiel am J.tag, dessen Sieger 
den Ehrennamen Hagmaier erhält 57 ). 

44 ) SAVk. 22, 199 („...wir... sind aus¬ 
gefahren mit der alten Regierung wie eine 
Bäuerin am J.tag mit den Mägden"); Bir- 
linger Schwaben 2, 334; Hörmann Volks¬ 
leben 309; Reiser Allgäu 2, 155; John West¬ 
böhmen 91; Meier Schwaben 2, 434. 45 ) Geramb 
Brauchtum 67. 46 ) Leoprechting Lechrain 

189; Rochholz Sagen 1, 390; Reiser Allgäu 2, 
*55 i John Westböhmen 91. 47 ) Toppen Ma¬ 
suren 73. 4 *) Wuttke 85 § 102. 49 ) Reiser 

Allgäu 2, 154. 5 °) Ger amb Brauchtum 67; 

ZfVk. 8, 444. 61 ) Reiser Allgäu 2, 154; Bronner 
Sitt. u. Art 223. 62 ) Hoff mann-Krayer 164. 
53 ) John Westböhmen 91. 208. 212. 54 ) Bir- 

linger Schwaben 2, 125; Kapff Festgebräuche 
19; Meier Schwaben 2, 433—34; Bavaria 1. 
1005; Birlinger Schwaben 2, 225; Reiser 
! Allgäu 2, 180. 181. 205. 216; Rochholz Glaube 
1, 316; Sartori Westfalen 168. 5S ) SAVk. 1 

3 2 i 7 » 37 ; 8, 8. 9. 56 ) Geramb Brauchtum 67. 
57 ) SAVk. 22, 107. 

7. Dem Volk erschien der J.tag wenig¬ 
stens früher allgemein auch als Un¬ 
glückstag, also in einer Doppelrolle wie 
der Johannistag (s. d.). Es hieß, man 
solle nicht baden und nicht klettern; denn 
Wasser und Bäume verlangten ihre Opfer, 
nach der Meinung des Volkes durch Ein¬ 
wirkung unsichtbarer feindlicher Kräf¬ 
te ü8 ). Auch gehe der „Büwitzschneider“ 
an diesem Tage um 59 ). 

58 ) John Westböhmen 91: zu J. „braucht 
der Wassermann an totn Mann"; Wuttke 85 
§ 102; Schönwerth Oberpfalz 3, 237; Groh- 
mann Sagen 71. ZfVk. 1 (1891), 300; s. 
auch Bilwis 1, 1308, besonders 1319. 

8. Am Tage J. oder nach J. wird die 
Teufelskette (s. d.), an der Luzifer be¬ 
ständig feilt, ganz dünn. Um zu ver¬ 
hüten, daß der Teufel sie ganz durch¬ 
feilt, tun (oder taten) in Tälern Tirols 


629 


Jakobus der Jüngere—-Januar 


630 


die Schmiede nach der Tagesarbeit drei 
Schläge auf den bloßen Amboß; in Wald¬ 
kirchen (Niederbayern) macht (e) der 
letzte der Schmiede beim Verlassen der 
Werkstätte einen kalten Schlag auf den 
Amboß 60 ). 

60 ) Mannhardt Germ. Myth. 87 Anm.; 
Amersbach Grimmelshausen 1,14. 

9. J.kerzen soll man beim Schatz¬ 
graben benutzen, da sie gut sind gegen 
„alle Bedrängnis der bösen Geister“ 61 ). 

61 ) Reiterer Ennstalerisch 21. Wrede. 

Jakobus der Jüngere (Minor), Apostel, 
Bruder d.s Apostels Judas Thaddäus, 
Ostern 62 oder 63 gesteinigt und dann 
mittels einer Walkerkeule erschlagen, 
die deshalb sein Attribut wurde, Fest 
1. Mai zusammen mit dem Fest des Apo¬ 
stels Philippus 1 ). Das Schmücken der Häu¬ 
ser mit Maien am Tage der beiden Apostel 
führte man auf eine Legende aus ihrem 
Leben zurück: „An St. Philipps- und J.tag 
ahn dem Abend zue Nacht hat man 
Mayen in den Heußer herausgesteckt 
durch die Ursach, wie von den 1 . Hay- 
ligen in ihrer Legendt geschriben ist“ 2 ). 
Man erkennt sofort die Umbiegung des 
alten Fruchtbarkeitszaubers ins Christ¬ 
lich-Legendäre. Die Vorschrift, daß man 
am Philippstag, der mit dem J.tag zu¬ 
sammenfällt, nicht flicken soll, weil man 
sonst den „Wurm-Beißad“ in den Finger 
kriegt 3 ), ist wohl in ähnlicher Richtung 
zu deuten. S. auch Philippus. 

*) Korth Die Kirchenpatrone im Erzbistum 
Köln 179; Künstle Ikonographie 324. 2 ) Ale¬ 
mannia 17 (1889), 98; Baumgarten Jahr und 
s. Tage 1860, 24; Bäßler Legenden 83. 3 ) Baum¬ 
garten a. a. O. Wrede. 

Januar. 

1. Der J. wurde von Numa Pompilius 
den früheren zehn Monaten des Jahres 
hinzugefügt. Er hat den Namen nach 
dem Gott Janus, dem er geweiht war. 
Die älteste deutsche Bezeichnung Win¬ 
termonat 1 ) dürfte von Karl dem Gro¬ 
ßen selbst herrühren 2 ). Im Breslauer 
Monatsgedicht (15. Jh.) heißt er Wolf¬ 
monat: 

Wolfmondin heyssin yn die leyen, 

Dy wolfe treten denne eren reyen. 

Die Wölfe haben die Ranzzeit von Ende 
Dezember bis Mitte Februar und wurden 
wohl auch meist zu dieser Zeit gejagt 3 ). 


Vom 15. Jh. an wird auch der Name 
Hartmonat üblich, der wahrscheinlich 
auf die harte Kälte und den fest gefrorenen 
Erdboden hindeutet 4 ). Ein Seitenstück 
ist die noch heute in Neubrandenburg 
gebräuchliche Bezeichnung Dick- 
kopp 5 ). Im Tegernseer Kalender (16. Jh.) 
heißt der J. Dreschmonat 6 ). In der 
Schweiz findet sich seit dem 14. Jh. der 
Barmonat oder Bärmonat, wofür bis¬ 
her keine ansprechende Erklärung ge¬ 
funden wurde 7 ). Weinhold, dem seiner¬ 
zeit nur wenig Belege Vorlagen, wollte 
Barmanoth als Schreibfehler für das 
alte Jarmanot erklären 8 ). Dies Jahr¬ 
monat, das auf den Anfang des Jahres 
hinweist 9 ), hat in dem westfriesischen 
jiers foarmoanne ein Seitenstück 10 ). 
Der Lüneburger Kalender von 1480 nennt 
den J. wolgheborn, d. i. volborn 11 ), 
der holsteinische (Bordesholmer) Ka¬ 
lender aus dem Beginn des 16. Jh. kal- 
vermaen 12 ). Um Göttingen hieß er 
noch im 19. Jh. dat kale mand 13 ). 
Am Niederrhein trifft man den Namen 
Lasmant, bei den Flämen und Nieder¬ 
ländern Lauwmaand, früher auch Jan- 
maend 14 ). Erst im 18. Jh. erscheinen 
die Bezeichnungen Eismonat 15 ), dem 
das tschechische leden entspricht, und 
nach dem alten Hornung, das mit dem 
Februar auch den J. bezeichnete 16 ), der 
große Horn 17 ). Die skandinavischen 
Namen, wie z. B. das schwed. Thore, 
Thorsmänad hat Weinhold mit der 
dürren, trockenen Kälte des Monats in 
Zusammenhang gebracht 18 ), während 
man sie jetzt auf den Wachstumsgott Thor 
bezieht, dessen Wiedergeburtszeit in den 
J. fällt 19 ). Fischart bringt in „Aller 
Praktik Großmutter“ eine Reihe von 
wahrscheinlich selbst ersonnenen Namen r 
gewöhnlich nach in den J. fallenden Fest¬ 
tagen, so Stuben- oder Ofenmonat 20 ), 
Königsmonat oder Dreiweisenmonat 21 ), 
Fabianmonat und Bastianmonat 22 ) (Fa¬ 
bian und Sebastian, 20. J.), Paulmonat 23 ) 
(Pauli Bekehrung, 25. J.). Der Name 
Steffaman deutet auf den 25. Dezember 
als Jahresbeginn hin, da der Stefanstag 
auf den 26. Dezember fällt 24 ). 

Eine Personifikation der Monate 


631 


Januar 


Jaspis—Jauche 


634 


und auch des J. 25 ) findet sich in italie¬ 
nischen »neugriechischen, rumänischen und 
slawischen Märchen In einem slo¬ 
wakischen Märchen gibt der J. seinen 
Stab dem März, und wie ihn dieser er¬ 
hebt, schmilzt der Schnee, die Bäume 
knospen und Gras und Veilchen sprießen 
hervor. Wenn aber der J. selbst den 
Stab dreht, entsteht Finsternis, Schnee¬ 
gestöber und Sturm 27 ). 

Zuweilen kommt der Name J. auch 
als Familienname vor, meist Jenner 
geschrieben 28 ). 

1 ) Weinhold Monatnamen 5. 21. 62. 2 ) Ebd. 
6. 3 ) Ebd. 63. 4 ) Ebd. 9. 17. 18. 20. 26. 40. 

5 ) ZfVk.. 5 (1895), 319. Ä ) Weinhold a. a. O. 
14. 36. 7 ) SAVk. 11 (1907), 91 f. ß ) Weinhold 
a. a. O. 15. 9 ) Ebd. 47. 10 ) Ebd. 21. 25. n ) Ebd. 
20. 59. 12 ) Ebd. 20. 47. 13 ) Ebd. 20. 1J ) Ebd. 
18 f. 48. 15 ) Ebd. 11 f. 36. 16 ) Ebd. 2. 17 ) Ebd. 
9 f. 45. 18 ) Ebd. 58 f. lß ) Meyer Germ . Myth. 

218. 20 ) Wcinhold a. a. O. 51. 38. 21 ) Ebd. 47. 
60. 22 ) Ebd. 33. 37. 23 ) Ebd. 52. 24 ) Ebd. 58. 
Zu allen Namen vgl. auch Fredenhagen 
Monatsnamen 131 f. 25 ) Im Berner Jura ist der 
personifizierte ,, Janvier “ als Geber der Neujahrs¬ 
geschenke gedacht, Hoffmann-Krayer 115. 
2<J ) Bolte-Polivka 1, 107. 2T ) Ebd. 1, 104. 

Unrichtig wiedergegeben bei Schultz Zeit¬ 
rechnung 184 Anm. 28 ) A. Heintze Die deut¬ 
schen Familiennamen 5 (Halle 1922) 52. 

2. Im J. tritt die Sonne in das Zeichen 
des Wassermanns 29 ) (s. d.). Am 

Janustag beschlossen die alten Römer die 
Saturnalienmit allerlei Mummenschanz, 
bei welchen man sich gern mit Hirsch- 
und Rindskalbfellen bekleidete. Dies 
fand auch in Gallien Nachahmung. Eligius 
predigte dagegen 30 ), und die Januar¬ 
feier wurde wiederholt von seiten der 
Kirche verboten 31 ) (s. Neujahr). An den 
Januarskalenden wurden auch Geschenke 
verteilt, die Vorläufer unserer Neujahrs¬ 
geschenke 32 ) (s. d.). Heute wird hie und 
da auch noch der 2. J. gefeiert, nament¬ 
lich auf alemannischem Gebiet. In man¬ 
chen Orten gibt die Gemeindeabrechnung 
oder die Wahl der Gemeindebeamten 
Veranlassung zu einer abendlichen Zeche 33 ). 
Im Bentheimschen ist noch jetzt der 2. J. 
„Handgift“ („Beschenkung“). In ver¬ 
schiedenen Orten bei Eisenach heißt 
dieser Tag „Waldvir“ (Waldfeier), und 
alle Arbeit, besonders im Walde, ruht. 
Ebenda wird am gleichen Tag der Hirt 


632 

gedungen, im Osnabrückischen besuchen 
die Dienstboten ihre Verwandten 34 ) und 
in Schlesien wechseln sie den Dienst 35 ). 
Blut von Verbrechern, das am 2. J. fließt, 
kündet im Aargau Krieg und Teuerung 
an 36 ). Der Montag nach Dreikönig 
wird besonders in den Niederlanden ge¬ 
feiert 37 ) (s. Montag). 

Der Jänner ist ein Holzbrenner 38 ), 
gilt als der kälteste Monat, in dem man 
auf seine Gesundheit achten muß 39 ). 
Anweisungen über das Verhalten an den 
einzelnen, mit den Gestirnen in Zusammen¬ 
hang gebrachten Tagen des J. bringt 
bereits eine Heidelberger Handschrift des 
15. Jh. 40 ). Nach einem im 17. Jh. viel 
verbreiteten Buche wird der blind, der 
am 17. J. zur Ader läßt 41 ). Noch heute 
heißt es, daß ein regenreicher 42 ) oder 
schneefreier 43 ) J. die Gottesäcker düngt 
und daß dann besonders viel Frauen 
sterben 44 ). Stirbt eine Wöchnerin im J., 
so sterben in dem Jahre noch sechs an¬ 
dere 45 ). Hochzeiten finden, wenn auch 
keine bestimmten Angaben vorliegen, 
häufig im J. statt. Der Spätherbst und 
der Winter galten ja schon in idg. Zeit 
als besonders geeignet zum Heiraten, und 
der attische Name für J. FajjtTjXuDV deutet 
darauf hin 46 ). Von den im J. geborenen 
Kindern heißt es vereinzelt bei den 
Pennsylvaniern, daß sie geistersichtig 
sind 47 ). 

Die Wetterregeln des J. betonen die 
Kälte des Monats: 

Fangen die Tage an zu langen, 

Kommt der Winter gegangen 48 ). 

Doch ist dies von günstiger Vorbedeutung 
für das Jahr, da der Bauer im J. lieber 
den Wolf, d. i. rauhes, kaltes Wetter, 
als den Pflug im Feld sieht 49 ). Denn: 

J. muß vor Kälte knacken, 

Wenn die Ernte gut soll sacken 50 ). 

Oder: 

Knarrt im Jänner Eis und Schnee, 

Gibts z'r Ernt' vül Koa(r)n und Klee 51 ). 

Umgekehrt ist warmes, sonniges Wetter 1 
im Jänner nicht gern gesehen, denn 

Tanzen im J. die Mucken, 

Muß der Bauer nach Futter gucken 52 ). 

Oder: 

Wachst das Gras im J. 

Ists im Sommer in Gefahr 53 ). 


633 

Nur am Neujahrstag soll schönes Wetter 
sein, dann wird das Jahr fruchtbar 54 ). 
Und im besondem gerät der Flachs gut, 
wenn die Sonne am Neujahrstag auf den 
Altar scheint 55 ). Für den Flachs ist 
Januarregen am wenigsten gut 56 ). Nebel 
im J. bringen ein nasses Frühjahr 57 ) 
oder Maireif 58 ). Wie viele Nebel im J., 
so viele Wetter im Sommer 59 ). Für das 
Wetter des Jahres sind ferner wichtig 
die Lostage: Makarius (2. J.), Drei¬ 
könig, Paul Eins. (10. J.) und Pauli 
Bekehrung (25. J.), Fabian und Se¬ 
bastian (20. J.), Vinzenz (22. J.) co ). 
Für die Hauswirtschaft gilt endlich: 

Gibt 's im J. viel Stern, 

Legen die Hühner gern 61 ). 

29 ) Ausdeutungen bei Nork Festkalender 3 ff. 
30 ) Ebd. 37; ARw. 20 (1920/21), 91 ff. 31 ) Reins¬ 
berg Böhmen 3; Hefele Conciliengeschichte 3, 
516; Friedberg Bußbücher 64. 32 ) SAVk. 7, 

130; Kapff Festgebräuche 5; Geramb 
Brauchtum 7 ff. Vgl. das Augsburger Monats¬ 
gedicht bei Birlinger Aus Schwaben 2, 147. 
33 ) Sartori Sitte 3, 72. 34 ) Ebd. Anm. 35 ) 

Drechsler 1, 50. 3S ) Kohlrusch Sagen 339. 

37 ) Vgl. Höfler Fastnacht 8. Auch das alt¬ 
heidnische Opferfest in Seeland fand im J. 
statt (s. Winter). 38 ) Baumgarten Aus der 
Heimat 1, 42; ZfVk. 2 (1892), 190. 3# ) Hovorka 
u. Kronfeld 2, 378 (Hundertjähr. Kalender). 
40 ) Alemannia 24 (1896), 266 ff. 41 ) Andrce 
Braunschweig 415. 42 ) Reinsberg Wetter 64; 

ZfVk. 9 (1899), 232. 43 ) Wäldlerkalender 4. Jahrg. 
(Oberplan 1926), 104. 44 ) John Erzgebirge 250. 
45 ) Wuttke 215 § 300. 46 ) Schräder Reallex. 
354 f. 47 ) Fogel Pennsylvania 31 Nr. 2. 48 ) B. 
Haldy Bauernregeln (Jena 1923) 12; Drechs¬ 
ler i, 52; ZfrwVk. 1905, 299. 49 ) ZfrwVk. 1914, 
268. 50 ) Haldy a. a.O. 11. 51 ) Vld. 17 (1915), 33 
(Steiermark). 52 ) Ebd. 21 (1919), 90; ZfrwVk. 
1905, 299; Hesemann Ravensberg 107; Baum¬ 
garten Aus der Heimat 1, 43; Reinsberg 
Wetter 64; Haldy a. a. O. 9. 53 ) Haldy a. a. O. 
9. 54 ) Ebd. 13; Zingerle Tirol 124; Vld. 17 

(1915), 33. 55 ) Urquell 6 (1896), 15. 58 ) ZfVk. 2 
(1892), 191 mit unrichtiger Erklärung der 
Redensart ,,Die Jännertropfen tun den Har 
fast völlig auszopfen“. 57 ) Haldy a. a. O. 12; 
Vld. 17 (1915), 33. 58 ) Fogel Pennsylvania 236 
Nr. 1221. 59 ) Zingerle Tirol 131; ZfVk. 7 

(1897), 357 (Tirol). 80 ) Vgl. Reinsberg Wetter 
67 ff.; Haldy a. a. O. 13 ff. 61 ) Eberhardt 
Landwirtschaft 21. 

Vgl. noch Berchta, Dreikönig, Epi - 
phanias, kalte Kirchweih (13. J.), 

Montag (nach Dreikönig), Neujahr, Stern¬ 
singen, Winter. Jungbauer. 

Jaspis. Griech. taeme aus hebr. 
jasepeh, lat. jaspis. Man unterschied 


einen grünen und einen roten oder mit 
roten Adern durchzogenen J. 1 ). Der grüne 
wurde als Amulett am Halse getragen und 
galt als magenstärkendes Mittel. Beson¬ 
ders geschätzt wurde der durchsichtige 
J., den man in Silber fassen ließ 2 ). 
Der rote J. gilt seit dem Altertum als 
blutstillendes Mittel (similia similibus); 
man mußte ihn zu diesem Zweck in der 
Hand tragen. Erwähnt wird seine Wir¬ 
kung bei Nasenbluten, Wundenblutungen 
und dem Blutfluß der Frauen 3 ). 

Aus dem Altertum übernahm das 
Mittelalter den Aberglauben, der J. 
verscheuche die bösen Geister und Ge¬ 
spenster. In Westböhmen trägt man 
ihn noch heute als Amulett gegen den 
Alp am Halse 4 ). Nach württembergischem 
Volksglauben hilft der J. zur Wahrung 
der Jungfernschaft 5 ). Außer diesen 
Tugenden des Edelsteins erwähnt eine 
Klosterhandschrift aus dem 15. Jahr¬ 
hundert noch seine Wirkung gegen Fieber, 
Wassersucht u. a. 6 ). 

Der J. gehört zu den Monatssteinen 
und bewährt seine Tugenden bei den im 
März Geborenen 7 ). 

*) Schräder Reallex r. 2 1, 211; Megenberg 
Buch der Natur 385 f.; Gesner d. f. I. 106 f.; 
Brückmann 263. 2 ) Zedier 14, 273; Gesner 
113; vgl. Schade 1361; Plin. n. h. 37 § 118. 
3 ) Zachariä Kl. Sehr. 348 f.; Agrippa v. N. 
i, 92; Meyer Aberglaube 56; Franz Benedik¬ 
tionen 2, 188; Staricius Heldenschatz (1706), 
467 f.; Bohnenberger 23; Stemplinger 
Sympathie 86; Hovorka-Kronfeld 2, 469; 
Höhn Volksheilkunde 1, 83; ZdVfV. 22 (1912), 
121; Abbildungen bei Gesner 106. 4 ) Meyer 

a. O. 57; Megenberg a. O.; Agrippa v. N. 1,. 
114; Hovorka-Kronfeld 2, 254; ZfdA. 18 
(1875), 437 Nr. 43. 5 ) Bohnenberger 23 — 

Fehrle Keuschheit 154, 1; Höhn a. a.O. 1, 120. 
6 ) Alemannia 26 (1898), 203 u. 212, vgl. Ger¬ 
hardt Novelle 88. 7 ) S. Monatssteine, f Olbrich. 

Jauche. Wie der Dünger (s. d.) 
besitzt auch die J. als animalische 
Absonderung magische Kräfte. Bei der 
ersten Ackerfahrt wird der Pflug mit 
J. begossen J ). Durch Blitz entzündetes- 
Feuer, besonders bei Kirchen 2 ), kann 
nu mit J. gelöscht werden 3 ). Sie be¬ 
fruchtet das Land nur, wenn sie bei ab¬ 
nehmendem Mond aufs Land gebracht 
wird 4 ). Eine besondere Rolle spielt sie 
wie der Kot in der Volksmedizin 5 )_ 



635 


jauchzen 


636 


sie 


Sommersprossen vertreibt man durch 
Waschen mit J., wenn man im Frühjahr 
die erste Schwalbe sieht 6 ). Krebs heilt 
man durch Einreiben mit Katzen). 7 ), 
die Akelei durch Beträufeln mit drei 
Tropfen J., die man unter Hersagung 
einer Formel vom Mistpfuhl des dritt- 
nächsten Hofes gestohlen hat 8 ). Auf 
geschwollene Beine werden mit dem 
eigenen Urin getränkte Leinentücher ge¬ 
legt 9 ), wie man über die Hände, wenn sie 
beim Kartoffelroden rissig geworden sind, 
sein eigenes Wasser laufen läßt 10 ). Auch 
innerlich wird J. angewandt. Man gibt 
sie den Kühen gegen Aufblähung 11 ), 
■die Pferde erhalten gegen Kolik in J. 
getränkte Zeugknäuel 12 ). Man trinkt 
Mistj. gegen Fieber 13 ), seinen eigenen 
Harn gegen Magenkrebs und Leber¬ 
leiden 14 ), gegen Diphtherie mit Petro¬ 
leum untermischt 15 ). 

*) Gesemann Regenzauber 36. 2 ) Wuttke 

401 § 618. 3 ) Grabinski Sagen 45; Mann¬ 

hardt Germ. Myth. 17. 4 ) SAVk. 24, 64. 5 ) Vgl. 
Paullini Dreck-Apotheke. 6 ) Lessiak Gicht 
119; Drechsler 2, 284; Wuttke 343 § 512. 
7 ) Heckscher Hannov. Vkde 1 § 103. 8 ) En¬ 
gelien u. Lahn 264. 9 ) Heckscher a. a. O. 

104. 10 ) Ebd. 11 ) Fogel Pennsylvania 169. 

12 ) Heckscher a. a. O. 103. 13 ) Hovorka- 

Kronfeld 1, 152. 14 ) Heckscher a. a. O. 104. 
15 ) Ebd. Heckscher. 

jauchzen (—ja), juchzen (= ju.) 
und johlen (== jo.). 

1. In gewissen Teilen der Alpen kann 
ja. die Bedeutung von ,,jodeln“ (s. d.) 
besitzen J ); der Juchzer des Hochgebirges 
zeigt zum mindesten formbildende musi¬ 
kalische Elemente, während andernorts 
kaum wesentliche Unterschiede zwischen 
ja. und jo. bestehen. 

i) Jüz = Jodler (Kanton Obwalden, mündl.). 
Über den Juchzer vgl. J. Pommer 444 Jodler 
u. Juchzer (1902), 353; K. Mautner Alte Lieder 
u. Weisen aus dem Salzkammergut 303. 314. 

2. a) Von jo.enden 2 ) und ja.enden 3 ) 
Gespenstern weiß das Volk vielfach zu 
■erzählen. Sie werden in den verschie¬ 
densten Gestalten vorgestellt 4 ), oft mit 
besonderem Namen benannt 5 ) und viel¬ 
fach an ganz bestimmten Orten wirksam 
gedacht 6 ). Es gilt als gefährlich, ihr 
Jo. nachzuahmen. Man kann dadurch 
triefäugig 7 ) oder heiser werden 8 ); meist 
lockt man mit dem Nach johlen das 


u. 


Gespenst an, das sich alsbald einstellt 9 ) 
oder mit jedem Juchzer näher kommt 10 ). 
Da vermögen dann die Pferde sich 
nimmer von der Stelle zu rühren 11 ), 
das Gespenst hockt einem auf 12 ) oder 
führt einen in die Irre 13 ). Man sieht in 
diesen jo.enden Gespenstern Grenz¬ 
frevler 14 ), Mörder 15 ) und andere Ver¬ 
brecher 16 ) oder dichtet ihnen eine 
unheilvolle Liebesgeschichte 17 ) an. 
b) Auch das wilde Heer 18 ) (s. d.) und das 
Nachtgjoad lö ) fährt unter Jo. und Ja. 
durch die Luft, oder es führt in seinen 
Reihen einen durch sein Gejohle beson¬ 
ders hervortretenden ,,Hoimann“ 20 ); johlt 
man mit, so bekommt man Anteil an der 
Jagdbeute 21 ) oder läuft Gefahr, mit¬ 
gerissen zu werden 22 ). c) Die öster¬ 
reichische Sage kennt ja.de Bergmänn¬ 
lein 22a ) und Wildfräulein 22b ). 

2 ) Schöppner Sagen 1, 362 Nr. 360; Roch- 
holz Sagen 1, 297; Reiser Allgäu 1, 59 ff. 

3 ) Schöppner Sagen 3, 124 Nr. 1070; Nider- 
berger Unterwalden 2, 56; Barbisch Vandanz 
339 Nr. 4; Bayerland 25, 316. 4 ) Fischer-Läm - 
merer Schwäbische Sagen (1922) 59 f. (bald als 
Zwerg mit rotem Mantel und großem Hut, bald 
groß und dünn wie ein Messerrücken); Heyl Tirol 
68 (Licht oder Mann ohne Kopf); Bartsch 
Mecklenburg 1, 159 (Schimmelreiter); Heyl 

Tirol 616 (als Vogel Orco [s. d.J). 5 ) Reiser 

Allgäu 1, 61 (Sonntagsjohler); Schöppner 
Sagen 1, 39 (Scheidbachmann); Vernaleken 
Alpensagen (wilder Geißler); Heyl Tirol 68 
(Schnalzjuchzer); Bartsch Mecklenburg 1, 159 
(Juchhans). 6 ) Lachmann Ueberlingen 108 
(im Wald „Kau“); Reiser Allgäu i, 59 (geht 
jede Nacht einen bestimmten Weg); Kapff 
Schwaben 21 (Lemberg); Bavaria 2 b, 787 
(,,im Senkele") usw. 7 ) Kuoni 5 /. Galler Sagen 
198. 8 ) Vernaleken Alpensagen 333. 9 ) 

Reiser Allgäu 1, 61. 62. 25. 10 ) Niderberger 
Unterwalden 2, 57. ll ) Reiser Allgäu 1, 61; 
Lachmann Ueberlingen 108 f. 12 ) Heyl Tirol 
616; Bartsch Mecklenburg 1, 159 ff. Nr. 197 

1 u. 3. 13 ) Fischer-Lämmerer 59 f.; Bavaria 

2 b, 787; Lach mann Ueberlingen 108; 

Bartsch Mecklenburg 1, 160 ff. Nr. 197, 3; 
Reiser Allgäu i, 62. 14 ) Niederhöffer 

Mecklenb. Sagen 2, 79 ff. = Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, Nr. 197,3. 15 ) Rochholz Sagen 1, 296 f. 
16 ) Jecklin Volkstüml. 299; Lach mann 
Ueberlingen 109; Bayerland 32, in. 17 ) He^l 
Tirol 68 ff. 18 ) Beschreibung des Oberamts 
Urach, zweite Bearbeitung (1909), 337. Nieder¬ 
ländisch vgl. Schrijnen Nederlandsche Volks¬ 
kunde 1, 98. 19 ) Pollinger Landshut 119. Vgl. 
Jahn Pommern 21. 20 ) Bauernfeind Nord¬ 
oberpfalz 26. 21 ) Jahn Pommern 18; Kuhn 

und Schwärtz 3 Nr. 2-4; vgl. auch ZfVk. 13, 


637 


J azariel—Ichthyomantie 


638 


186. 22 ) Jahn Pommern 25. 22a ) Calliano 

Niederösterr. Sagenschatz 1, 94. 22fc> ) Ebd. 3, 69. 

3. Beim Sturmwind sollen die ,,wilden 
Männer“ ja. 23 ). 

23 ) Mannhardt 1, 87 = Gesemann Regen¬ 
zauber 61. 

4. Vernimmt man im Gebirge das Ju. 
bestimmter gespenstiger Wesen, so darf 
man für den nächsten Tag mit schlechtem 
Wetter, auf den Hochalpen mit Schnee 
rechnen 24 ). 

24 ) Kuoni St. Galler Sagen 247. 174; Nider¬ 
berger Unterwalden 2, 36. 40 f. 56 t.; Barbisch 
Vandanz 342 Nr. 15. 

5. Seltener sind andere Erklärungen 
für ja.de Laute. Den Hexer, der aus 
Rache ein Unwetter herauf zaubert, glaubt 
man über seine Untat ja. zu hören 25 ), 
ebenso den Teufel über eine gewonnene 
Seele 26 ). Letzterer soll auch durch Ju. 
die Burschen herausfordern und sich 
ihnen zeigen, wenn man ihm nach¬ 
juchzt 27 ). Eine dunkle Sage berichtet 
vom Ja. der steinernen Agnes (s. Agnes II) 
am Sonn wendtage 28 ). Geister ja., wenn 
sie erlöst sind 29 ). 

25 ) Müller Urner Sagen 1 , 241 f. 26 ) Wagner 

Sagen 131 f. ; Gräber Kärnten 299. 28 ) 

Laistner Nebelsagen 167. 29 ) Niderberger 

Unterwalden 2, 46 f. 

6. Am Ja. sollen die Bergmännlein 
ihre Freude haben und gern Antwort 
geben, wenn man ihnen zujauchzt 30 ); 
andernorts glaubt man freilich, sie würden 
sich wegen des Juchzens nicht mehr 
blicken lassen 31 ). Gespenstige Erschei¬ 
nungen verschwinden, wenn man juchzt 32 ); 
fröhliches Ju. bedrückt büßende Geister 33 ). 
Zu hüten hat man sich, bei unstatthafter 
Gelegenheit zu ja. 34 ). 

30 ) Bavaria 2 b, 786 = Böcke 1 Volks sage 
34 f. 31 ) Kuthmayer Österr. Volkssagen 110. 
32 ) Reiser Allgäu 1, 311. 33 ) Reiser Allgäu 1, 
342. 34 ) SAVk. 21, 221. 

7. Das Heulen und Pfeifen des Sturmes 
— an bestimmten Orten mit besonderer 
Wildheit sich austobend — bildet viel¬ 
fach den realen Anlaß, der (oft in Angst¬ 
zuständen) phantastisch erlebt, die oben 

geschilderten Anschauungen wachruft. 

Seemann. 


Jazariel. Name eines Dämons, in 
Fausts Höllenzwang (s. d.) als Graf und 
Oberster der Stammgeister bezeichnet 4 ); 
er begegnet auch als Engel einer der 


28 Mondstationen 2 ), die im antiken 
Zauber schon eine Rolle spielen 3 ). Der 
Name ist wohl der gleiche wie ’ACapn^ in 
einem hellenistischen magischen Papy¬ 
rus 4 ), von Beer dort 5 ) mit dem Nom. 
prop. ’ACapsr^ 1. Par. 27, 22 LXX B = 

,,Gott hilft“ identifiziert, vgl. 

1. Par. 5, 24 LXX A ’UCpojX; 

• • 

a 

1 Esra 9, 27 MeCptrjA-oc mit einer häufigen 
Umschreibung des y durch t. Nach 
Buxtorf 6 ) ist ^o^iy Asariel „nomen 
angeli, praefecti aquis, ne transeant 
terminum suum, et terram operiant“. 

J ) Kiesewetter Faust 2 (1921), 28. 149. 151. 
188. 2 ) Agrippa v. Nettesh. 3, 144; Horst 

Zauber-Bibliothek 4 (1823), 182 (nach dem 

Semiphoras Vnd Schemhamphoras Salomonis 
Regis). 3 ) Vgl. z. B. Reitzenstein Poimandres 
(1904) 262. 4 ) Papyri Osloenses ed. S. Eitrem 
1 (1925), 10 Z. 172. ß ) a. a. O. 79. 6 ) Lexi- 
con chaldaicum ed. Fischer (1869) 797. 

Jacoby. 

Ibiscus s. Eibisch. 

Ichthyomantie (s. Fisch 2). Der Fisch 
wird so gut wie alle anderen Lebewesen 
auch in Erscheinungsformen und Lebens¬ 
äußerungen für die Deutung der Zukunft 
oder die Erforschung eines höheren Willens 
beobachtet. Das gilt für die Gegenwart 
wie für die Vergangenheit. Wenn man 
an der Nordseeküste heute z. B. glaubt, 
daß es Unwetter oder einen Toten gibt, 
sobald die Fische springen, plätschern 
oder ,,schmatzen“, daß von Fischen 
träumen den Tod eines Familienmit¬ 
gliedes bedeute x ), so mögen ähnliche Vor¬ 
stellungen zugrunde liegen wie in Plinius 
Wort: ,,sunt et in hac parte naturae 
auguria, sunt et piscibus praescita“ 2 ). 
Die Geheimnisse seiner dem Auge sich 
entziehenden Lebensweise werden den 
Fisch als besonders geeignet zur Mantik 
gezeichnet haben. Auffallend ist, daß die 
Fischer an Ost- und Nordsee allgemein 
den Fisch für das klügste aller Tiere 
halten 3 ). Wie weit eine ausgebildete 
Schau den Fisch in den Bereich der 
Mantik einbezogen hat, ist für die Antike 
schwer zu erweisen 4 ). Ein Zeugnis des 
17. Jahrhunderts scheint eine solche Schau 
angenommen zu haben. Bei Bartholo¬ 
mäus Anhom heißt es: „Was die tylloo- 
{lavietav, oder warsagen auß dem Ein- 


&39 


Icu cuma—Idisi 


64O 


geweid der in stuk zerhawenen Fischen 
belangt / hat es darmit eine Beschaffen¬ 
heit gehabt / wie mit dem Eingeweid der 
anderen geopferten und geschlachteten 
Thieren . . . Weilen sie aber von fur- 
wizigen Leuten / zu solchen Dingen mi߬ 
braucht werden (!) / geschieht solches 
nicht auß Verordnung Gottes / sondern 
auß anstifften deß Vatters der Lugenen / 
des laidigen Sathans" 5 ). Danach kann 
eine Art Ichthyomantie als Organschau 
dem Prediger Anhorn vom Hörensagen 
oder aus eigener Beobachtung bekannt 
gewesen sein. Ein neueres Zeugnis könnte 
zur Bekräftigung dienen. Danach soll 
man noch am Ende des 19. Jahrhunderts 
aus den Eingeweiden einer bestimmten 
Fischgattung, auf die man große Stücke 
hielt, seine Zukunft bestimmt haben. Eine 
Sage, in der ein Fischer von seinem eigenen 
Sohne erschlagen wird, was ihm aus den 
Eingeweiden bereits geweissagt worden 
war, diente dazu, den Glauben zu er¬ 
härten 6 ). Die Leber des Hechtes wurde 
und wird zur Wetterprognose untersucht, 
in den deutschen Bauernregeln heißt es 
darüber: 

Ist die Hechtsleber, der Galle zu breit / vorn 

spitz / 

Nimmt harter Winter lange Zeit in Besitz 7 ). 

Die Form der Leber wird ähnlich wie bei 
der modernen Milzschau (s. d.) auf Art 
und Länge des Winters bezogen: Der 
Hecht (s. d.) ist ein im Volksglauben häu¬ 
fig auftretender Fisch, Becher nennt ihn 
an erster Stelle 8 ). Fisch und Menschen¬ 
schicksal zeigt schon das Motiv vom 
Ring im Fischbauche in Beziehung stehend, 
nach einer Erzählung von 1583 leben in 
Burgund in einem Weiher so viele Fische 
als Mönche in dem nahen Kloster. Treibt 
ein Fisch tot auf der Oberfläche, so stirbt 
drei Tage darauf ein Mönch 9 ). Diebold 
Schilling erzählt von dem Wunderfisch, 
der 1509 „im Zugerse nit fer von Art zwey 
mal gesähen, der vor alten zitten, wenn 
etwz großes solt fürgan — krieg, tod oder 
türi — ouch vil gesähen ist worden" 10 ). 
Vom Rot-See bei Luzern berichtet man 
weiter, daß „sich ganz ungewöhnlich un- 
gehewer große Fisch sehen lassen", wenn 
der Herr des Sees in demselben Jahre 


sterben wird n ). Als 1587 an der norwegi¬ 
schen Küste ein Hering gefangen wurde, 
der seltsame Charaktere aufwies, hat sich 
eine Flut von Schriften damit befaßt, die 
! Vorbedeutung dieses Wunders zu er¬ 
gründen. Allgemein glaubte man an eine 
Warnung Gottes, andere faßten es später 
! als Ankündigung des Todes Friedrichs II. 
oder des Untergangs der spanischen 
Armada, weiter des Aufhörens der blü¬ 
henden Heringsfischerei bei Bohuslen 
auf 12 ). 

*) Mündlich; Bargheer Eingeweide 120- 
2 ) Plinius nat. hist. IX, 16 (22). ;J ) Mündlich. 
4 ) Hoffmann-Krayer s. v. Fisch 2. ; )Anhorn 
(1674) 307 f. 6 ) Heyl Tirol (1897) 786 Nr. 132. 
7 ) Haldy Bauernregeln in. ,s ) Becher Par- 
nassus medicinalis (1663) 73 f. ,J ) Wolf Nieder¬ 
lande (1843) 259 Nr. 162. 10 ) Lütolf Sagen 281; 
vgl. Vernaleken Alpensagen 404. u ) Ebd. 
1-2 ) Bargheer Eingeweide 115 i., vgl. ngf. 146. 

Bargheer. 

Icucuma, Zauberwort x ) in der Form 
der Klimax oder des Schwindewortes, das 
bei Marcellus Empiricus 2 ) gegen Blutfluß 
als Amulett zu tragen empfohlen wird; 

! ebenfalls gegen Nasenbluten wird es nach 
dem gleichen Autor 3 ) griechisch in der 
Form aoxaoxotfi auxupa dem Patienten ins 
Ohr gesprochen. Auch das nach Thiers 4 ) 
als Mittel gegen schwere Geburt ins Ohr 
der Kreißenden zu sprechende „Su camy 
dur" ist wohl nur aus jenem entstellt. Es 
begegnet auch als Suscuma in einem 
Höllenzwang 5 ). 

l ) Stcmplinger Sympathie 81. 2 ) Heim 

Incantamenta 491 Nr. 97; Buxtorf Lexicon 
chaldaicum (ed. Fischer 1879), 1152. 3 ) Heim 
a. a.O. 532 Nr. 188. 4 ) Thiers i, 417. 5 ) Kiese¬ 
wetter Faust 2 (1921), 136. Jacoby. 

Idisi. Die Gestalten des 1. Merse¬ 
burger Zauberspruchs, durch ihr Ein¬ 
greifen in Kriegshandlung den Walküren, 
durch ihre flechtende Zauberarbeit den 
Parzen verwandt x ), in drei Gruppen auf¬ 
tretend 2 ), gaben in germanischer Zeit 
einem Schlachtfeld ihren Namen 3 ). In 
ahd. Zeit kommt das Wort I., dessen Her¬ 
kunft und Bedeutung unsicher ist 4 ), 
mehrfach, doch ohne mythologische Gül¬ 
tigkeit vor 5 ), vielleicht noch im mhd. 
Wigamur 6 ). Aus den beiden einzigen in 
Betracht kommenden Zeugnissen — Idisia- 
viso und dem Zauberspruch — geht nur 
hervor, daß die I. als „Kampfjungfrauen. 


« 




J ebela—J enseits 



als helfende Begleiter der Kämpfenden 
zu denken sind. Mehr läßt sich aus den 
deutschen Quellen über sie nicht 
schließen" 7 ). Es erscheint müßig, das 
spätere Auftreten gespenstischer Jung¬ 
frauen in der deutschen Dichtung und 
Sage, etwa der Schwanenjungf rauen 
im Nibelungenlied 8 ), an gerade diese ihre 
Erscheinungsform im germanischen Alter¬ 
tum anzuknüpfen. 

*) Aber auch darin den Walkyren ähnlich; 
so ist die Vision des Webstuhls verwoben mit 
der des Schlachtfeldes im Darraddslied der 
Njalssaga [ed. Finnur Jönsson Halle 1908, 
S. 413 ff.). Der Kern dieses Walkyrenliedes 
scheint ein Arbeitsgesang von Weberinnen, 
der in den rufartigen Zeilen: vindom, vindom 
vef Darrajiar [Str. 4, 5, 6] anklingt. Vgl. 

Heu sie r Altgerm. Dichtung 95. 181. Webende 
Nomen: Helgakvida Hundingsbana I Str. 3 f. 

2 ) Die kollektive Dreizahl erklärt sich besser 
aus nahen mythologischen Parallelen als indem 
man eine Schar der Vorhut, die zweite dem 
Heer, die dritte der Nachhut der Kämpfenden 
zuweist wie R. M. Meyer Religgesch. 158 f. 

3 ) Nach Hermann Müllers und Jakob Grimms 

überzeugender Konjektur Idisiaviso aus idista 
uiso Tac. ann. II 16; Jak. Grimm Kl. Sehr. 2, 
6; Myth. 1, 332, vgl. dazu Müllenhoff ZfdA. 
9, 248 f. 4 ) Etymologien zuletzt zusammen¬ 
gestellt bei Erik Brate Disen ZsfdWortfor¬ 
schung 13 (1911,12), 1431t. 5 ) Die noch am 

ehesten von ahd. Frauen- und Ortsnamen be¬ 
ansprucht werden könnte Grimm Myth. 1, 
332; 3, 115. 6 ) Grimm Myth. 3, 115. 7 )Helm 
Religgesch. 1, 305. 8 ) Wie E. H. Meyer Mytho¬ 
logie der Germanen 34 wollte. Ittenbach. 

Jebela in einer Besprechungsformel 
für den Haarwurm x ): „ J. unter dem 
Mist! Drauf Herr Jesus Christ: Es gibt 
der Würmer drei usw." ist entstellt aus: 
„Job lag unter usw.". Schon in einer 
Hd. des 14. Jh.s 2 ) heißt es gegen den 
„blasinden worm": „Der gute herre 
senthe Job der lak in dem miste usw.". 
Unserer Formel entsprechend lautet eine 
in einem Luxemburger Hexenprozeß von 
1614 erwähnte 3 ), gleichfalls gegen den 
Wurm: „St. Job lag in einem Mist, rieffe 
uff zu himmel usw.". Die Septuaginta 
haben das hebr. epher Hiob 2, 8 mit 
xoirpta, Vulgata mit „sterquilinium" statt 
mit „Asche" übersetzt. 

*) ZrwVk. 2 (1905), 283. 2 ) Mone's Anzeiger 
3, 279 Nr. 9. 3 ) Ms. 222 des Inst. Gr.-Duc. 
(hd.); Das 6. u. 7. Buch Mosis (Buchversand 
Gutenberg), 66 (ähnl. Formel). Jacoby. 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


Jenseits (s. a. Himmel, Hölle). 

1. Die begriffliche Unterscheidung „Dies¬ 
seits und Jenseits" *) entwickelte sich nur 
allmählich aus der ursprünglich einheitlich 
erfaßten Welt, aus der für den Primitiven 
einen und einzigen Realität, in der 
Heiliges und Profanes, Totem und Tabu 
zwar geschieden sind, aber auf derselben 
Ebene liegen. Ursprünglich war es un¬ 
sere reale und konkrete Erde, wo die 
großen schöpferischen Urwesen als Ahnen 
und Götter einst ihre Wanderungen voll¬ 
zogen hatten, um dann nach Erfüllung 
ihrer Aufgabe sich in die Erde, in Wasser¬ 
löcher, Berge u. dgl. zurückzuziehen 
(s. Gott 1 b) und zwar an ganz konkret 
bestimmte, nahe gelegene, in das Leben 
des Stammes einbezogene Örtlichkeiten, 
die Kultmittelpunkte und gleichzeitig der 
Aufenthaltsort der Seelen der Abgeschie¬ 
denen waren. Diese Totenseelen waren 
aber zugleich als solche die auf Rein- 
kamation wartenden Seelen. Deshalb 
mieden die jungen Frauen auch gerne 
diese Plätze, so weit sie nicht an ihrer 
Betretung von vornherein gehindert 
wurden, weil dort die gefürchtete Kon¬ 
zeption (s. Inkarnation) zu gewärtigen 
war. Andere Seelen, bevorzugtere, werden 
schon zu diesen Zeiten als zum Himmel 
aufgestiegen gedacht. Aber wieder han¬ 
delt es sich dabei um diesen einen und 
realen Himmel über uns, der schwer zu 
erreichen, aber immerhin zu erreichen ist. 
Diese Schicht ist vorzüglich an den 
australischen Völkern studiert worden 2 ). 
Jedoch ist sie universal. Bei den Man- 
danen herrscht der Glaube so, daß ur¬ 
sprünglich das ganze Volk in einem unter¬ 
irdischen Dorfe gelebt hatte. Ein Teil 
konnte dann an einem Weinstock sich 
haltend zur Oberwelt emporsteigen, ein 
anderer mußte Zurückbleiben. Wenn 
die Mandanen sterben, hoffen sie zu den 
Ursitzen ihrer Vorfahren zurückzuge¬ 
langen 3 ). 

Deutscher Glaube und Aberglaube zeigt 
dies deutlich: Die Kulthöhle, wo die 
Seelenträger aufbewahrt wurden, der 
Berg oder Fels, in dem der Urgott und 
seine Kinder, die Seelen, wohnen, wie 
das Wasserloch, aus dem sie auf- 


21 



643 


J enseits 


Jenseits 


646 



steigen, wie sie in dasselbe eingehen — 
diese Vorstellungen finden sich hier in 
den Sagen vom Hörselbergund Unters- 
berg und all den vielen anderen Orten, 
wo der Gott oder Kaiser wohnt und die 
Toten in seiner Gesellschaft. Aber ebenso 
wohnt Frau Holda (Hel) auch im tiefen 
Brunnen, in den Gold- und Pech-Marie 
hineinsteigen, aus dem folgerichtig aber 
auch die Kinder kommen. Aus diesen 
Bergen heraus führt der Ahnführer die 
Seelen aber auch zu Jagen, Reiten und 
Krieg. Und nicht nur die Brunnen, 
sondern auch die Totenberge sind folge¬ 
richtig Venusberge, in denen Frau Bertha, 
Perchta die Seelen der früh verstorbenen 
(eigentlich ungeborenen) Kinder hütet. 
Diese Verbindung ist notwendig — sind 
ja Tod und Wiedergeburt für diese Stufe 
Korrelate. 

Für den Australier ist die Kulthöhle, 
die Totenhöhle, zugleich Schatzhöhle. Was 
dort bewahrt wird, sind die Stäbe und 
Hölzer, die nicht mehr noch weniger als 
den Schatz der Schätze, nämlich sowohl 
die individuelle Lebenskraft des Einzelnen 
(der Lebenden wie der Toten und der 
Ahnen) wie die kollektive des Stammes 
enthalten, wie auch ,,Kraft“ ganz im 
allgemeinen ausstrahlen. Sie sind nicht 
unzugänglich, vielmehr werden sie in 
regelmäßigen Riten besucht, zur gegen¬ 
seitigen Krafterneuerung für Lebende 
und Tote. Sicheres Verderben aber be¬ 
deutet Eindringen für den Unberufenen 
und Ungeweihten, für den, der nicht das 
Paßwort weiß und doch die Hand an die 
Schätze legen will. Deshalb muß das 
Wasser des Lebens und die Salbe der 
Unsterblichkeit immer aus der Unter¬ 
welt geholt werden (vgl. Amor und 
Psyche), wer aber nicht das richtige 
Verhalten weiß, der wird festgehalten wie 
Istar, wie Persephone, der findet den 
Rückweg aus der Schatzhöhle nicht 4 ). 

Diese Schatzhöhle liegt aber durchaus 
im Diesseits; es führt, mag sie auch von 
magischen Gefahren umwittert sein, ein 
gar nicht weiter, bequemer und nur eben 
nicht jedermann zugänglicher Weg zu ihr. 
Die Schätze sind real. Und real sind auch 
ihre Gefahren, jene Gefahren, die überall 


dem Unkundigen drohen, der mit ma¬ 
gischen Kräften umzugehen wagt. Aber 
ein ,,J.“ bedeutet sie gleichwohl — die 
keimhafte Idee des metaphysischen J. 

1 ) Bischoff Jenseits der Seele 131. 2 ) Beth 

Religion und Magie 2 60. 305; J. Winthuis 
Das Zweigeschlechterwesen 22ft.; Carl Streh- 
low Die Aranda- und Loritjastämme I, II, 78. 
3 ) Bischoff Jenseits der Seele 256; Roß Winans 
Der Geist der Religion 420. 4 ) Gr oh mann 31, 
wo auch das Motiv von Trank und Speise auf¬ 
taucht, das im babylonischen Adapa-Epos 
eine so große Rolle spielt. 


2. Später entwickelte sich die Vor¬ 
stellung, daß die Seele mit dem Leibe 
nicht nur oberflächlich verbunden sei 
und auch nach dem Tode noch auf län¬ 
gere oder kürzere Zeit sich bei ihm auf¬ 
halte und eines Lebens erfreue. Nun 
dachte man den Toten im Grabe (bei 
seinem Leichnam) hausend — die Idee 
der Re inkamation verschwand nicht, 
trat aber zurück — das man ihm als 
Wohnung und Stätte des Bleibens 
heimisch einrichtete. Es ist jene Zeit, 
die im Toten den „lebenden Leichnam“ 
sah, der bald als Plagegeist, bald auch als 
Schutzgeist den Lebenden und der Stätte 
seines letzten Hauses nahe blieb. In diese 
Periode gehören auch jene isländischen 
Sagen, die voll sind von Kämpfen mit 
solchen Umgängern, die keineswegs durch 
Bann und Zauberspruch, sondern durch 
ganz reale Kraft besiegt und sogar zum 
zweiten Male getötet werden. So hat 
Glam einen Unhold besiegt und ver¬ 
wundet, bei diesem Unternehmen aber 
selbst den Tod gefunden. Dann aber be¬ 
unruhigt der umgehende Glam selbst das 
Haus, bis er von Grettir zum zweiten 
Male getötet wird 5 ). 


Wenn nicht besondere Vorsicht beim 
Begräbnis angewendet wird, so glaubt 
das Volk auch heute noch, daß der Tote 
zum Vampyr oder Nachzehrer werden 
könne, dessen man sich durch eine Ver¬ 
stümmelung des Leichnams (s. Nach¬ 
zehrer) zu entledigen hat, sei es, daß 
man einen Pfahl durch den Leib der 
ungetauften Kinder bohrt, sei es, daß 
man die Leiche köpft oder verbrennt — 
und zu noch weitergehender Sicherheit 
die Asche etwa ins Wasser streut 6 ). 


Insofern die adeligen Geschlechter 
sich in Familienbegräbnissen beisetzen 
ließen, wird der Aufenthaltsort der Toten 
ein Ort, wo die verschiedenen Familien¬ 
mitglieder 7 ) sich versammeln, gewisser¬ 
maßen ein Privat-J. Diese J.-Vorstel- 
lung kann dann allgemeinere Bedeutung 
annehmen, wie es bei dem Worte „Hel¬ 
gafell“ offenbar der Fall war 8 ). So kön¬ 
nen auch manche heilige Berge, da die 
Begräbnisorte häufig auf Bergen gelegen 
waren, in dieser abgeleiteten Form zu 
ihrer Bedeutung gekommen sein. 

*) Grettis saga cap. 32 ff.; Hrappr in der 
Laxdäla sagacap. 24. 6 ) Meyer Germ. Myth. 70. 
7 ) Eyrbygja saga cap. 11; Grettis saga cap. 32 ff. 
®) Eyrbygja saga cap. 4. 

3. Allmählich aber wurde sowohl die 
ursprüngliche Verbindung zwischen Toten¬ 
seele und inkarnationsuchender Seele, 
wie die zwischen den lebenden und toten 
Mitgliedern desselben Stammes immer 
lockerer. Die Stätten, wo die Toten¬ 
seelen sich sammelten, wurden Gegenstand 
der Scheu und Verwunderung. Man 
fühlt eine Fremdheit den Toten gegenüber, 
und man glaubt sie daher ferne. Ihr ei¬ 
gentlicher Aufenhaltsort wird ein anderer 
als die gewöhnlichen Kultstätten der Men¬ 
schen, ein anderer auch als das eigene 
Grab. Und damit hebt sich die fast alle 
Kulturvölker so intensiv beschäftigende 
Frage (von der sich nur das Volk Israel 
abzuwenden versuchte): Wo ist dieser 
Aufenthaltsort der Toten? Wo ist das 
J. 9 ) ? Denn innerhalb dieser Schicht 
beginnt sich der Begriff eines „Drüben ", 
■eines „Anderen“ zu bilden. 

a) Die erste Antwort ist: weit weg. 
Jenseits eines Wassers — über Wasser 
können Geister nicht hinüber, — jenseits 
der Wälder 10 ), jenseits des Meeres, eben 
nicht hier. Der Ton liegt dabei auf 
dem „Nicht“ wie auf dem „Hier“. Denn 
im übrigen sind diese Orte ganz ungenau 
lokalisiert, so daß dem Suchenden nie¬ 
mand Auskunft geben kann und er im 
Märchen von einem zum andern geschickt 
wird. Und fast immer finden sich bei 
demselben Volke und innerhalb der¬ 
selben Kulturschicht mehrere neben¬ 
einander hergehende Lokalisierungen. 


Wenn der Ort nur genügend weit weg ist, 
so ist das Bedürfnis des Fragenden be¬ 
friedigt. An eine Transzendenz ist hier¬ 
bei noch nicht gedacht. Betont wird das 
Moment der geographischen Ent¬ 
fernung. An den Grenzen der Erde, jen¬ 
seits des Weltmeeres wohnt nach baby¬ 
lonischer Sage Ut-napischtim, aber Gil- 
gamesch kommt doch zu ihm. Für die 
Griechen liegen die Inseln der Seligen im 
Westen. Aber Herkules holt doch von 
dort die goldenen Äpfel. Nach ger¬ 
manischer Anschauung ist die Seelen¬ 
insel das nahe Britannien, das Nebel¬ 
land. Im Delta, also für jene Periode 
ägyptischer Geschichte, im fernen unzu¬ 
gänglichen Norden, liegt das Totenland 
Ägyptens. 

Und im Norden liegt für den Germanen 
Hels Reich Niflheim, das ursprünglich 
sicher kein Ort der Strafe, sondern all¬ 
gemeiner Totenort war, müssen doch selbst 
Baldr und Nanna dahin; im Süden liegt 
Muspelheim, das Reich der Feuerriesen. 
Dieses Muspelheim hat später zur Vor¬ 
stellung einer Feuerhölle und, in Ver¬ 
bindung mit dem Glauben an einen 
Aufenthaltsort der Toten am Grunde der 
Vulkane, zur Ausbildung der Vorstellung 
einer ganzen feurigen, von unzähligen 
Scharen, Toten und Teufeln bevölkerten 
Unterwelt gegeben. Ein dritter Toten¬ 
ort dieser Art ist das Reich der Toten 
auf dem Grunde des Meeres, in 
das Ran oder ihre Töchter die Ertrin¬ 
kenden ziehen. 

Ist das Reich der Toten aber so fern, 
so ist die Reise dahin weit und beschwer¬ 
lich ll ). Man muß daher dem Toten 
seine Mühen erleichtern. Ursprünglich, 
noch ganz innerhalb des präanimistischen 
Gedankenkreises, tut man dies, indem 
man ihn mit den notwendigen Reise¬ 
zubehören versieht 12 ). Der tote Fürst 
wird ins Schiff gelegt, damit ihn dieses 
ins J. fahre. Vornehme bekommen ihr 
Roß mit oder einen Wagen. Zahllos 
sind infolgedessen die Sagen und Märchen, 
in denen der Mensch — und zwar als Le¬ 
bender gedacht, mit einem schwarzen Roß 
oder einem Wagen in die Hölle abgeholt 
wird. Es besteht auch die Vorstellung, 



647 


J enseits 648 

daß Fährleute, natürliche Menschen, erst ten, welche unversehrt den beschwer- 
später ein nicht-menschlicher Charon, liehen Weg zurücklegen sollen 22 ), 
gegen Fährlohn, den man den Toten mit- Aber genügend Energie und Ausdauer 
gibt, sie in der Nacht übersetzen. So soll vorausgesetzt, kann nicht nur der Tote, 
es an der fränkischen Grenze ein Gebiet sondern auch der Lebende ins J. gelangen, 
gegeben haben, dessen Fährleute von allen und zwar, wie es dieser ganzen prä- 
Abgaben befreit waren, weil es zu ihren animistischen Anschauungsweise ent- 

Obliegenheiten gehörte, die Totenseelen spricht 23 ), in seinem unversehrten Leibe, 

nach der Insel Brittia, Brittannien, En- | Und vermag er von dort drüben die Prin- 


gelland überzusetzen 13 ). Der gewöhn¬ 
liche Sterbliche aber muß meist zu Fuß 
wandern, über beschwerliche, mit Dorn¬ 
büschen bewachsene Landstraßen 14 ), über 
endlose dornige Heiden, durch finstere 
Wälder, wo der „wilde Mann“ seine 
Schätze (den Brunnen, die Äpfel des Le¬ 
bens, das Gold) bewacht 14 *); bald wan¬ 
dert die Seele allein, bald in großem Zuge, 
bald einsam, bald im Geleite eines Seelen¬ 
geleiters, des Todes, der sie abholen kommt 
und dem man entgeht, wenn man ihn fest¬ 
bannt. Die wichtigste Ausrüstung ist da¬ 
her ein tüchtiges Paar neuer Schuhe für 
den Toten; darnach heißt in der Graf¬ 
schaft Henneberg das ganze Leichenbe¬ 
gängnis samt Totenmahl der „Toten¬ 
schuh“ 15 ). Noch in anderer Weise hilft 
man der Seele auf ihrer beschwerlichen 
Reise. Die Armenier lassen Kerzen oder 
Lampen brennen, damit ihr der Weg ins 
J. erhellt werde 1Ä ); ähnlich die Russen 17 ), 
die ihr auch eine Tasse Wasser zur Stär¬ 
kung aufs Fensterbrett stellen 18 ); in Ar¬ 
gentinien bekommt der Tote einen Feuer¬ 
brand, um die Heide vor sich her anzün¬ 
den zu können 19 ). Es sind auch Wirts¬ 
häuser am Wege 20 ), wo der Tote Er¬ 
quickung findet (vielleicht früher die Ziele 
der Wanderung, die nun zu einer Zw*schen- 
station geworden sind). Die erste Nacht 
verbringt er bei St. Gertraud, die zweite 
bei St. Michael, die dritte erst an der end¬ 
gültigen Stätte seines Bleibens 21 ). 

Mit dem Fortschreiten animistischer An¬ 
schauungsweise sind es nicht mehr eigent¬ 
lich die realen Schuhe, mit denen der Tote 
den Weg ins J. macht. Er muß im Leben 
mindestens ein Paar neuer Schuhe ver¬ 
schenken, damit er sie nach dem Tode wie¬ 
derfindet. Der holsteinische Bauer Gott¬ 
schalk sieht in einer Vision eine Linde 
mit lauter Schuhen behängt für die Gu- 


zessin herauszuführen, so ist sie so le¬ 
bendig wie er. Solche Wanderungen ins 
J. erzählte die griechische Sage von 
Odysseus, der allerdings nur bis an 
den Eingang gelangte, von Orpheus. 
Viel deutlicher und altertümlicher sind 
die deutschen Märchen vom Glasberg 24 ), 
oder die Legenden vom Mönch zu Heister¬ 
bach und ihre Varianten, wie die weniger 
bekannte vom polnischen Grafen, den 
sein Freund zum Ritt ins J. abholt (s. 
oben das Motiv des Reitens) und der dort 
300 Jahre verbringt. Auf die Erde zu¬ 
rückgekommen, lebt er nur mehr kurze 
Zeit. Die Reise ins J. verzehrt die Lebens¬ 
kraft. Aber — das ist das Typische — 
zum wirklichen Sterben muß der Mensch 
erst wieder auf die Erde zurück). 
Er war drüben im Leibe und als Leben¬ 
der. Ähnlich weiß auch die talmudische 
Sage von 4 Personen, die als Lebendige 
ins Paradies Eingang gefunden hatten. 

b) An der Grenze vom Präanimismus 
zum Animismus — die Übergänge 
sind durchaus fließend wie all diese 
Vorstellungen — steht die Anschauung 
vom Wohnen der Toten im Götter¬ 
berg, bei den Göttern. Dieser Götter¬ 
berg, ursprünglich durchaus real irdisch, 
entfernt sich zu dieser Schicht aus der 
irdischen Ebene des Seins. Die Götter 
sind ferne gerückt. Mehr und mehr 
sieht man in ihnen ausschließlicher das 
Ganz-Andere. Und ebenso ergeht es in 
dieser Zeit den Toten. Man beschäftigt 
sich jetzt mehr mit der Betrachtung der 
Unterschiede zwischen den Seelen der 
Toten und Lebenden, während man früher 
mehr Gewicht auf die Gleichheiten ge¬ 
legt hatte. Sagte die früheste Schicht, 
daß trotz aller Differenziertheit der Er¬ 
scheinungsform der Tote doch noch und 
zugleich präsumptives Mitglied schon 


649 


J enseits 


650 


wieder sei, so wird jetzt das Schwerge¬ 
wicht auf das Nichtdasein der konven¬ 
tionellen Erscheinungsform gelegt und 
daraus der Schluß auf das Ganz-anders- 
sein gezogen. Die Seele nach dem Tode 
ist entweder mehr oder weniger, mäch¬ 
tiger oder kraftloser als sie es bei Leb¬ 
zeiten war; dies zeigen besonders deutüch 
die ägyptischen Pyramidentexte. 

Der Tote geht noch immer zu den Göt¬ 
tern. Er wird noch immer dem großen 
Ahnen und höchsten Gotte irgendwie 
gleich. Aber mittlerweile ist die ganze An¬ 
schauung von Gott eine mehr transzen¬ 
dente und verjenseitigte geworden, 
was sich in den beständig wiederkehren¬ 
den Überlieferungen spiegelt, daß die 
Götter ursprünglich auf Erden gehaust 
hätten, den Menschen nahe, nun aber sich 
aus dem einen oder andern Grunde zu¬ 
rückgezogen hätten. Der Götterberg, 
einst irgendein irdischer Olympos, irgend¬ 
ein Kultberg der Nähe oder Ferne, wird 
nun über den Wolken lokalisiert. Dort 
wohnen nun die Überirdischen und in 
ihrem Gefolge die Toten. Dorthin kommt 
normalerweise kein Irdischer mehr — 
es sei denn durch besonderes Wunder. 
Und man gelangt dorthin nur, w^enn man 
in besonderer Weise eine Transformation 
durchgemacht hat. Die zu den Göttern 
eingegangenen Toten werden auch für ge¬ 
wöhnlich nicht wiedergeboren. Sie sind 
aus der Nähe der Sterblichen, aus dem 
Kreislauf der Geburten, aus dem Dies¬ 
seits endgültig ausgeschieden. Inwie¬ 
fern diese Wandlung mit dem Aufkom¬ 
men der Feuerbestattung zusammen¬ 
hängt, kann hier nicht ausgeführt werden. 

c) Diese Entwicklung ergab eine Mehr¬ 
heit von J.-Vorstellungen und Lokali¬ 
sierungen, die zur Distinguierung drängte. 

Ursprünglich erfolgte diese nach Stand 
und Kaste. Bei den Ägyptern erreicht der 
tote König einen Platz, der für andere 
verschlossen scheint. Auch bei den Süd¬ 
seeinsulanern gibt es einen gesonderten 
Himmel für Reiche und Mächtige und ein 
J. zweiten Ranges für die Armen, ein J., 
das bisweilen geradezu als eine Hölle, eine 
Art Hel beschrieben wird 25 ). So finden 
sich auch bei den Germanen die Standes- 


und Klassengenossen in einem gesonderten 
J. zusammen. Und selbst als die Sage 
sie ihrer Gesinnung wegen in die Hölle ver¬ 
setzte, so war es doch noch immer eine 
standesgemäße Hölle, wo man seine 
Qualen bei standesgemäßen Beschäfti¬ 
gungen (Essen und Trinken) abbüßte 26 ). 
Daneben aber gab es gewissermaßen eine 
berufsmäßige Teilung. Die Krieger sam¬ 
melten sich um den Kriegsgott; die im 
Kindbett gestorbenen Frauen verweilten 
bei Freya; die den Wassertod Sterbenden 
bei Ran — am Orte der Unseligkeit; die 
übrigen bei Hel, wo auch Baldr in Träg¬ 
heit und Untätigkeit, wie der an den Or¬ 
kus gefesselte Achilles, sein Leben zu¬ 
bringt. Diese kastenmäßige Schich¬ 
tung ist aber zugleich mit einer ethischen 
Schichtung verbunden. Zum Teü liegt 
diese gerade für den germanischen Glau¬ 
ben auf der Hand. Wer den Schlachten¬ 
tod stirbt, als Weiheopfer für den Kriegs¬ 
gott, stirbt einen guten Tod, ist damit ein 
guter Mensch — man braucht gar nicht 
den Gedankengang zu verfolgen, ob und 
inwiefern etwa die mystische Identi¬ 
fikation mit dem Gott eben dadurch 
eingetreten sei. Dasselbe gilt für die 
Frau im Kindbett. Während andere 
Todesarten, wie im unverehelichten Stan¬ 
de, oder ohne Beichte und letzte Weg¬ 
zehrung an sich schlecht sind. Schlecht 
ist der Strohtod; ihn sterbe, wer da wolle. 
Andererseits ist adelig und gut für eine ge¬ 
wisse Zeit identisch. 

Allerdings ist der ethische Gehalt der 
J.Vorstellung uralt. Die Vorstellung 
von der Toten wage, die die Taten des 
Toten wägt, ist dem alten Ägypten so gut 
bekannt wie dem deutschen Mittelalter. 
Das Brückengericht an der Regenbogen¬ 
brücke prüft die Würdigkeit des Pas¬ 
sierenden. Nicht-germanischer Glaube 
betont auch sehr stark die Gefährdung 
der sündigen Seele auf der J.-Reise. Es 
gilt da eine Klippe oder Kluft oder 
Brücke zu überschreiten, über die nur 
der Schuldlose seinen Weg findet. Nach 
germanischem Glauben durften die Un¬ 
gerechten nicht die Brücke über den To¬ 
tenstrom Gioll benutzen, sondern mußten 
mit nackten Füßen durch das von 


6 s I 


Jenseits 


Jenseits 


054 


Schwerterspitzen starrende Flußbett wan¬ 
dern. Im mittelalterlichen Glauben wird 
der Kampf zwischen den Teufeln und 
Engeln um die Seele des Toten betont. 

9 ) Wundt Mythus 1, 581; 2, 487; 3, 556; 
Grabinski Neuere Mystik 187; Clemen Neues 
Testament 130 ff.; Helm Religgesch. 1, 145; 
Dieterich Kl. Sehr. 469fr. 499. 523. 10 ) Wolf 
Beitr. 2, 71. 41 ) Usener Kl. Sehr. 4 , 314; 4 , 

390; v. Negelein Die Reise der Seele ins Jenseits 
in ZfVk. 11 (1901), 16 ff.; v. d. Lcyen Sagenbuch 
1, 34. 140. 138. 177. 12 ) Meyer Germ. Myth. 134. 
303. I3 ) Schwebet Leben nachdem Tode 287, vgl. 
übrigens für eine rein gespenstische Auffassung 
Fornmannasögur 1, 183; E. H. Meyer Völuspa 
166. 14 ) Heyl Tirol 142 Nr. 32. 14a ) Schwebel 
Tod und ewiges Leben 281 f. 15 ) Ebd. 278. 
18 ) ZdVfV. 17 (1907), 380. 17 ) Ebd. 22 (1912), 159. 
18 ) Globus 59, 236. 19 ) ZdVfV. 17 (1907), 371. 

20 ) Kuhn u. Schwartz 31 f.; Rochholz 
Glaube 191; Witzschel Thüringen 2, 143; 
Pinkepank, der Teufel, hält vor der Hölle 
Wirtshaus, vgl. Simrock Mythologie 444. 

21 ) Ebd. 403; Grimm Myth. 2, 699; ZdVfV. 11 

(1901), 20. 22 ) Ebd. 4 (1894), 429. 23 ) Na umann 
Gemeinschaftskultur 28. 24 ) ARw. 15, 604. 625. 
24a ) Kühnau Sagen 3, 307. 25 ) J. G. Frazer 
Immortality 2, 3640. 26 ) Schwebel Leben 

nach dem Tode 288 t. 

4. Die zweite allbeschäftigende Frage, 
sobald das J. sich von dieser ganz realen 
Erde getrennt hatte und die Toten nicht 
einfach — nur eben unsichtbar — das 
Leben ihrer Stammesgenossen in Leid und 
Freud teilten, lautete: Wie sieht es im J. 
aus? Wie hat man sich zu benehmen, 
um daselbst in eine möglichst günstige 
Lage zu gelangen ? 

Diesen brennenden Wunsch zu befrie¬ 
digen werden die verschiedensten Mittel 
angewendet 27 ). Im wesentlichen aber 
gibt es hierzu zwei Methoden. Entweder 
die eigene Seele tritt die Himmelsreise 
oder die Höllenfahrt an; oder aber ein 
Toter kehrt zurück und gibt Auskunft 
über das, was er erfahren hat. 

Beide Formen begegnen schon in sehr 
alten Schichten, so daß schwer auszu¬ 
machen ist, was phylogenetisch als das 
Ältere anzusprechen ist. Wahrschein¬ 
lich aber ist es die Himmelsreise der 
eigenen Seele, die als solche einen not¬ 
wendigen Teil der Initiationserlebnisse 
des Medizinmannes bei vielen Völkern bil¬ 
det 28 ). Diese Himmelsreise, an der der 
Leib nicht teilnimmt und die als solches 
etwas Gewöhnlicheres ist als die Him- 


652 

melfahrt im Leibe, wie sie z. B. das ba¬ 
bylonische Epos von Adapa erzählt 29 ), 
ist für den Schamanismus typisch. Im 
Germanentum treten sie scheinbar erst 
stärker unter christlichem Einfluß auf 30 ). 
An die Bedeutung, welche die Höllenreise 
in Vergils Aeneis gewann, reichen lite¬ 
rarisch die zahlreichen Darstellungen aus 
dem Gebiete christlicher Mystik auf 
deutschem Boden nie heran. Die vielen 
Märchen und Sagen, in denen der Lebende 
das Paradies und die Hölle sehen darf, 
gehören dem obern Typ eher an, als dem 
Typus der Himmelsreise der Seele. 
Selbstverständlich braucht auch die 
lebende Seele einen Führer auf ihrer 
Fahrt 31 ) — bei Mohammed ist es der Erz¬ 
engel Gabriel —, der die Rolle des Seelen- 

I geleiters mit der des getreuen Eck¬ 
harts, des Warners und Mahners, ver¬ 
bindet. Übrigens spielt der Gedanke 
der Begleitung bei der Seelenreise eine 
ungeheure Rolle. Wer unbegleitet ins J. 
kommt, dem geschieht außer anderem 
Übel, daß ihm die Ferse abgeschlagen 
wird, ein Übel, dessen Bedeutung daraus 
zu ersehen ist, daß dem ungeleitet in den 
Unterweltsberg Eindringenden oder die 
freundliche Warnung der guten Macht 
Verschmähenden 32 ) dasselbe Unglück wi¬ 
derfährt. Dieses Unglück ist nämlich 
das Festgehaltenwerden in Hel ursprüng¬ 
lich; das Nichtwiederzurückkönnen, das 
Abschneiden der Heimkehr zu den Leben¬ 
den. Davor behütet das rechte Geleite. 

Ein anderer Weg, Kunde über das J. 
zu erhalten, ist Totenbeschwörung, das 
Totenwecken; von der Kirche, aber auch 
schon vom Alten Testament verboten 33 ); 
über seine Bedeutung für den Glauben 
vgl. die von unübertrefflicher Einsicht 
zeugenden Worte Jesu Luc. 16, 31. Meist 
aber läßt man sich von einem Freund 
oder Verwandten versprechen, daß er 
nach dem Hinscheiden wahrheitsgemäße 
Auskunft geben werde. Diese Auskunft 
kann einfach in okkultistischen Klopf¬ 
oder Wurf phänomenen bestehen 34 ) oder in 
mehr oder weniger ausführlichen Be¬ 
richten 35 ) über aas J.leben. Aber die 
ersehnte Auskunft ist meist recht mager, 
obgleich der Tote mit unsäglichen Qua- 


053 

len, über lauter Nadelspitzen 36 ), den 
jetzt verbotenen weiten Weg ins Reich 
der Lebenden zurücklegen muß. Bis¬ 
weilen muß er sagen, daß er nichts mit- 
teilen darf 37 ); indes ist sein bloßes Er¬ 
scheinen an sich schon Gewahr für ein 
Fortleben an sich, ist also die immer wich¬ 
tiger werdende Zweifelsfrage, ob es über¬ 
haupt Unsterblichkeit oder Fortleben gibt, 
beantwortet. In der Regel aber darf der 
Besuch aus dem J. 38 ) kurzen Bericht 
über seinen Zustand geben. Dieser 
ist fast nie günstig. Er habe vieles ab¬ 
zubüßen, ,,und lachen und weich liegen 
werde oben für die größte Sünde ge¬ 
halten“ 39 ); der Mann, der seine Frau 
heimsucht, bittet sie, für ihn zu beten 39a ); 
ein anderer leidet Entsetzliches, obschon 
er nicht „verdammt“ ist; der pflicht¬ 
vergessene Priester legt dem Freunde 
die Hand auf die Stirne, um ihm einen 
Geschmack seiner Gluten zu geben 40 ); 
keine juristische Geschicklichkeit gilt im 
J.: „Vo Gott abgschwore isch ewig ver¬ 
löre“ 41 ). Oft muß auch der Hörer ster¬ 
ben, nachdem er Kunde aus dem J. 
empfangen hat. Manchmal zeigt sich der 
Gast im „geistlichen Kleide“ (s. Licht¬ 
kleid § 5) 42 ), manchmal als Tier, bis¬ 
weilen auch bleibt er unsichtbar. 

Immer mehr beschäftigt der Gedanke 
der Vergeltung im J. das Bewußtsein 43 ); 
er wird dabei immer mehr zur Vorstellung 
vom J. als dem Ort der Strafe 44 ), als ei¬ 
nem Orte, wo es nicht gut geht, ob man 
nun dort in der Hölle oder im Fegefeuer 
leidet. Nie verschwindet aber ganz die 
Vorstellung vom J. als einem freund¬ 
lichen Orte, als Paradies, wo man mit 
Christus dem Trinkgelage obliegt 45 ), einer 
blühenden Wiese 46 ), Ort der Gemeinschaft 
mit Gott, des Wiedersehens mit unseren 
Lieben 47 ); und letztlich nicht mehr nur 
als dem Orte der Wiederbelebung 48 ), son¬ 
dern des wahren ewigen, des einzigen Le¬ 
bens. 

2? ) Kuoni St. Galler Sagen 28; Heyl Tirol 
57 Nr. 13; Mannhardt Germ. Mythen 441. 

28 ) Beth Religion u. Magie 2 53. 338. 343. 

29 ) Jeremias Altes Testament 675. 30 ) Mschies- 
Vk. 13—14, 42 ff. 31 ) Norden Aeneis VI 
153. *58. 43t- 32 ) Kuhn Westfalen 1, 272; Meyer 
Germ. Myth. 244. 33 ) Ebd. 74 t. 34 ) Grohmann 


194; Kühnau Sagen 1,73 t. 35 ) Schönwert h 
Oberpfalz 3, 151; Gräber Kärnten 187. 188. 191 ; 
Baumberger St. Galler Land 192. 36 ) Waibel 
u. Flamm 1, 154 t.; 2, 256. 37 ) Grohmann 
194t. 38 ) Schönwerth Oberpfalz 1. 363 t.; 

39 ) Strackerjan i, 211. 39a ) SAVk. 25, 130. 

40 ) Meyer Aberglaube 361. 41 ) SAVk. 25, 130. 

42 ) Kühnau Sagen 1, 312. 43 ) Schmidt Gottes¬ 
idee 1, 493; Fischer Oststeirisches 199 ff. 

44 ) Bolt e -Polivka 3, 302; Gün t ert Kalypso 
43 Anm. 4. 45 ) Schwebe 1 Leben nach dem Tode 
318. 46 ) Böckel Oberhessen XVI ff. 47 ) Nor¬ 
den Aeneis VI 249. 343. 48 ) Appian Rom. 
historia 1. 3, 4; Mannhardt Germ. Mythen 
320 t. 

5. Das J. als der Ort der verwandelten 
Seele, einer Seele, die nicht allein die Ver¬ 
wandlung durch das Sterben durchge¬ 
macht hat, ist auch schon ein früher Ge¬ 
danke. Viele primitive Völker haben den 
Gedanken des zweiten Todes (für die 
Isländer s. o. die Zitate aus den sagas), 
aber nicht nur eines zweiten Getötet¬ 
werdens, sondern eines zweiten Sterbens 
als Notwendigkeit, sei es, daß nur die 
guten Seelen weiterleben, die bösen aber, 
wie es besonders drastisch das ägyptische 
Totenbuch darstellt, von den Dämonen 
der Nacht vernichtet werden, sei es, daß 
alle Seelen nach einer gewissen Zeit zu 
existieren auf hören, was vielleicht mit 
dem verblassenden Reinkarnationsglau- 
ben zusammenhängt. Doch daneben be¬ 
steht der Gedanke, daß das J., das er¬ 
habene Lichtreich der Transzendenz nur 
dem Transzendenten zugänglich ist. In das 
Lichtreich mit dem goldenen Glanze 
kann nur der kommen, dessen Seele selbst 
das Lichtkleid trägt. Dieses Lichtkleid 
ist Preis der Tugend und Gerechtigkeit 
(Vergeltung). Aber es ist auch Preis 
magischer Praktiken, welche vor dem 
Sterben von und an dem Gestorbenen voll¬ 
zogen worden waren, oder die nach dem 
Tode an seiner Leiche geschehen (die 
ägyptische Mundöffnungszeremonie) oder 
noch später die wandernde Seele befrieden, 
der nun das Urväterschicksal des An- 
der-Erde-Haftens Fluch geworden ist. 
Diese Praktiken haben oft sehr wenig mit 
ethischer Haltung zu tun, selbst wenn 
man das Erweisen des männlichen Mutes 
als der bedeutsamsten Tugend von sei¬ 
ten des Erlösenden als (stellvertretende) 
Ethik rechnen wollte. Es ist wie oft 


655 


Jerichorose 


656 


eine rein zufällige Handlung, ein Erraten 
des richtigen Wortes, das über die Seele 
entscheidet, ob sie ins J. eingehen darf, 
d. h. ob sie jene Verwandlung erlebt, die 
allein zu dieser Auszeichnung berechtigt. ! 
Daneben bleibt aber auch der Gedanke 
der Läuterung nach dem Tode, der auch 

ohne Magie zur Erlösung führen kann. 

# • 

Ähnliche Vorstellungssphären beherr¬ 
schen auch den modernen Okkultismus, 
der, kurz gesagt, die am wenigsten dem 
Irdischen entfremdeten Geister der ir¬ 
dischen Sphäre verhaftet sein läßt und | 
die Verwandlung in Lichtwesen und das 
damit verbundene Aufsteigen' in höhere i 
Sphären den Bußfertigen und Höherent¬ 
wickelten vor behält. Allerdings läßt sich 
infolgedessen beim Okkultismus fragen, 
ob für ihn das J., zu dem nicht eine un¬ 
überbrückbare Kluft, als ins Gebiet des 
Ganz-Anderen, führt, wieder wie dem 
Primitiven mit dem Diesseits auf einer 
Ebene des Seins liegt. K. Beth. 

Jerichorose (Weihnachtsrose; Anasta- 
tica hierochuntica). 

I. Botanisches. Die J. ist keine Rose, 
sondern ein etwa 20 cm hoher Kreuzblütler 
(Kruzifere), der von den Wüsten Ägyp¬ 
tens bis in die Gegend des Toten Meeres 
und in der arabischen Wüste ziemlich 
häufig ist. Bei der Stadt Jericho kommt 
die Pflanze (wenigstens heutzutage) 
nicht vor. Der Name spielt offenbar an 
auf eine Stelle in den Sprüchen des 
Sirach (24,18), an der die göttliche Weis¬ 
heit verglichen wird mit den Rosen, die 
um Jericho gepflanzt werden 2 ). Die 
sparrig abstehenden Zweige der J. 
trocknen bei der Fruchtreife ein und 
verkürzen sich dabei auf der Oberseite 
viel mehr als auf der Unterseite. Auf 
diese Weise biegen sich die Zweige nach 
innen, so daß die ganze Pflanze eine ku¬ 
gelige Gestalt annimmt. Bei Wasserauf¬ 
nahme strecken sich die Zweige wieder. 
Da es sich hier um rein physikalische Er¬ 
scheinungen handelt (, ,hydrochastische‘ 1 
Bewegungen in der Pflanzenphysiologie 
genannt), so sind sie auch bei der toten 
Pflanze zu beobachten 2 ). Auch die in 
der algerischen Sahara bis Beludschistan 


verbreitete Komposite Odontospermum 
pygmaeum (Asteriscus pygmaeus), deren 
Hüllkelchblätter ähnliche Bewegungen 
ausführen, wird als J. bezeichnet 3 ). In 
Palästina, besonders in Jerusalem, wird 
mit der J. ein schwunghafter Handel ge¬ 
trieben. Durch Reisende bzw. Pilger 
kommt die getrocknete Pflanze vielfach 
zu uns nach Deutschland 4 ). 

*) ARw. i2, 329. 2 ) C. Steinbrinck und 

H. Schinz Über die anatomischen Ursachen 

der hydrochastischen Bewegungen der sog. Jericho¬ 
rosen und einiger anderer Wüstenpflanzen. In: 
Flora 98 (1908), 471—500; Jost Vorlesungen 
über Pflanzenphysiologie 3 1913, 546. 3 ) Fonck 
Streifzüge durch die bibl. Flora 1900, 156 t.; 
Verh. bot. Ver. d. Provinz Brandenburg 23 
(1881), 45. 4 ) Vgl. Birlinger Aus Schwaben 

I, 410. 

2. Die oben geschilderten ,,wunder¬ 
baren“ Bewegungen der J. lenkten offen¬ 
bar schon früh die Aufmerksamkeit des 
Volkes auf sich. Zu den ältesten Zeug¬ 
nissen gehört wohl der Bericht des Pfar¬ 
rers Ludolph von Suchen (aus der Diözese 
Paderborn), der im Jahre 1350 das hl. 
Land bereiste: ,,Von dem Berg Synai 
zeucht man durch die wüstin gegen Si- 
riam in dreyzehen Tagen . . . durch diese 
wüstin ist gegangen die iunkfraw maria 
mit irem kind Jhesu, do sy auß iudea 
Hoch den kung herodem. Vnd an allen 
wegen do sy gegangen ist wachsent dun- 
rosen, die man in diesen landen heyßet 
rosen von Jhericho. Dise rosen sament 
(sammeln) die waldewini (Beduinen) 
vnd gebent sy den pilgerin vmb brot ze 
kaufen. Vnd die sarricenischen weib ha- 
bent die gern bei inen wann sy schwanger 
seient. vnd legent die in Wasser vnd trun- 
kent dar ab. vnd sagent sy seient dar 
zuo vast guot“ 5 ). Schon 1542 wird der 
Glaube, daß sich die J. nur in der Christ¬ 
nacht zur Geburtsstunde des Heilands 
öffne, als falsch bezeichnet 6 ). Praeto- 
rius 7 ) zitiert den Brauch, daß die Heb¬ 
ammen die J. zur Erleichterung der Ge¬ 
burt verwenden 8 ). Als geburtbefordern¬ 
des Mittel war die J. als ,,Rosa Hiero- 
chuntis“ (so in der Apothekertaxe vom 
Jahre 1582 von Frankfurt a. M.) oder 
Herba Rosae Hierochunticae (Taxe von 
Bautzen vom Jahre 1660) in den Apothe¬ 
ken offizinell 9 ). Im 16. Jh. sollte nach 


657 


J erichorose 


658 


italienischem Volksglauben die im Haus 
auf bewahrte J. den Blitz abhalten 10 ). 

5 ) Zitiert nach Jacoby s. unter ,,Literatur”. 
*) Birlinger Aus Schwaben 1, 411; ebenso 
A nh orn Magiologia 1674, 149; Brown Psc«- 
dodoxia epidemica 1680, 532. 7 ) Saturnalien 166 
82 ff. 8 ) Vgl. auch Tentzel Monatl. Unter¬ 
haltungen 1689, 873; Reichelt Amuletta 1692, 
269. 9 ) Schelenz Geschichte d. Pharmazie 1904, 
424. 10 ) Brasavolus Ferrarariensis Examen 
simplicium 1556, 316. 

3. Der Glaube an die wunderbaren 
Eigenschaften der J. findet sich besonders 
auf alemannischem Boden. Vielleicht 
hängt dies damit zusammen, daß es hier 
besonders rührige Vertriebstellen für die 
Pflanze gab (Devotionalien-Industrie von 
Einsiedeln in der Schweiz?). In der 
Schweiz gab es Familien, in denen sich 
eine J. von Geschlecht zu Geschlecht 
vererbte, daher auch die Redensart: 
,,alt wie-n-e(n) J.“ n ). Nach einem Haus 
in Riesbach (Kt. Zürich) strömte in den 
1820er Jahren das Volk aus der Um¬ 
gegend am hl. Abend zusammen, wo eine 
J. („Weihnachtsblueme“) auf einem Tisch 
ausgestellt war. Ihr Aufgehen wurde als 
Vorzeichen für die Witterung des künf¬ 
tigen Jahres betrachtet 12 ). Ebenso war 
in diesen Jahren das Dorf Feldmeilen 
am Zürichsee ein Wallfahrtsort wegen 
einer J. 13 ). Heutzutage ist die J. (in 
Uri) als Weihnachtsorakel selten gewor¬ 
den 14 ). In katholischen Gegenden der 
Schweiz wird die J. am Weihnachts¬ 
abend auf den Tisch (in ein Glas Wasser) 
gestellt. Um diesen versammeln sich Fa¬ 
milie und Gesind zum Gebet, das bis Mit¬ 
ternacht fortgesetzt wird, öffnet sich die 
J. (infolge der Befeuchtung) bis zum fol¬ 
genden Morgen, so gilt dies als Zeichen 
eines gesegneten Jahres, bleibt sie ge¬ 
schlossen, so befürchtet man Unglück 
oder Mißwachs 15 ). Mancherorts heißt es 
auch, daß ein gutes Jahr bevorstehe, wenn 
sich die J. vor Mitternacht öffne, ein 
schlechtes dagegen, wenn dies nach 
Mitternacht geschehe 16 ). Ferner wurde 
das Verhalten einzelner Zweige (beim 
öffnen der J.) als maßgebend für das Ge¬ 
deihen bestimmter Feldfrüchte betrach¬ 
tet 17 ). Auch im Elsaß 18 ), in Württem¬ 
berg 19 ), Baden 20 ), wird das Weihnachts¬ 
orakel mit der J. angestellt. Im Allgäu 


wird die J. am Christabend ins Wasser 
(womöglich in Weihwasser) gestellt; wenn 
sie bis Mitternacht nicht aufgegangen ist, 
stirbt bald jemand im Hause 21 ). In der 
Rheinpfalz bedeutet das Entfalten der J. 
(„Weinrose“) in der Christnacht ein gutes 
Weinjahr. Die Landleute kommen oft 
auf vier bis fünf Wegstunden herbei, um 
sich zu überzeugen 22 ). Daß die J. in der 
Christnacht blühe, glaubt man auch in 
Schlesien 23 ). Im Niederdeutschen ist das 
Wahrsagen aus der J. anscheinend kaum 
bekannt. In Emden (Ostfriesland) je¬ 
doch wurde 1704 darüber geklagt, daß mit 
der J. in der Christnacht Aberglauben ge¬ 
trieben werde M ). Auch in Frankreich 
glaubt man an das Aufblühen der J. in 
der Christnacht usw. 25 ). Nach portugie¬ 
sischem Glauben öffnet sich die J. in der 
Johannisnacht oder auch an Weihnachten 
und bleibt dann bis zum 25. Februar 
offen 26 ). Über sagenhafte „Weihnachts¬ 
blüten“ vgl. auch Apfelbaum, Farn, 
Hopfen, Walnuß 27 ). 

ll ) Schweizld. 6, 1396. 12 ) Ebd. 5, 84. 13 ) Ebd. 
6, 1395 - 14 ) SchwVk. 15, 76. 15 ) Schweizld. 4, 
659: SAVk. i, 65; 9, 36; SchwVk. 3, 87; Manz 
Sargans 139; Stäuber Zürich 2, 118; Unoth 
I, 187 Nr. 146; Hoffmann-Krayer 109; 
Vonbun Beiträge 129. 16 ) St oll Zauberglauben 
175. 17 ) Schweizld. 6, 1396. 1B ) Alsatia 1851, 
105; 1852,151; Jb Elsaß-Lothr. 12, i84;ZfdMyth. 

1, 402; Hertz Elsaß 22. 19 ) Meier Schwaben 

241. 20 ) Meyer Baden 484. 21 ) Reiser Allgäu 

2, 21. 22 ) Bavaria 4, 378. 23 ) Drechsler 

1, 39 - 24 ) Lüpkes Ostfries. Volkskunde 

(1907), 137. 25 ) Beauquier Faune et Flore 2, 
310; Rolland Flore pop. 2, 89. Vgl. auch 
ZfVk. 10, 324; Tille Weihnacht 225. 239. 242. 

4. In Steiermark stellt man bei Ge¬ 
wittern die geweihte J. ins Wasser, um 
den Blitz abzuwehren 28 ). 

28 ) ZföVk. 3, 45, vgl. auch zu Anm. 10. 

5. Sehr alt (vgl. unter 2) ist der Glaube, 
daß die J. den Geburtsakt fördere. Das 
wunderbare Auseinandergehen der Zweige 
soll das Sichöffnen des Mutterschoßes 
symbolisieren. Auch wurde die J. viel¬ 
fach mit der hl. Maria (als Geburtshel¬ 
ferin) in Verbindung gebracht. Als Maria 
während ihrer Schwangerschaft auf das 
Gebirge ging, um ihre Freundin Eli¬ 
sabeth zu besuchen, blühte an jeder 
Stelle, die ihr Fuß berührte, eine J. 
auf 29 ). Die Legende scheint aus Pa- 




Jerusalem 


lästina zu stammen, wo es heißt, daß die 
J. in der Wüste an der Stelle hervor¬ 
sprießte, die Maria auf ihrer Flucht vor 
Herodes mit dem Fuß berührte 30 ). Die 
Gräkowalachen erzählen, daß die J. 
(die angefeuchtet wie eine ausgespreizte 
Hand anzusehen ist) dort erwachsen sei, 
wo die Muttergottes den Abdruck ihrer 
Hände zurückließ, als sie allein in dichter 
Finsternis nach Golgatha empor klomm. 
Die J. heißt daher ^si'p Ilavajiac 
(Hand der Muttergottes) 31 ). Während 
der Geburt vertreibt die J., eingetaucht 
und zum Riechen (?) vorgehalten, die 
Schmerzen 32 ). Bei den Gräkowalachen 
benetzt sich die Gebärende Antlitz und 
Lippen mit dem durch die J. ge¬ 
weihten Wasser, um leichter über die 
schwere Stunde hinwegzukommen 33 ). In 
Monastir (Türkei) hält die Gebärende die 
J. in der Hand 34 ), ähnlich wie in der An¬ 
tike die gebärenden Frauen den heiligen 
Lorbeer Apollos in Händen hielten 35 ). 
Auch in Italien 36 ) und in Portugal 37 ) 
gilt die J. als ein die Geburt förderndes 
Mittel. 

29 ) Meier Schwaben 241. 30 ) Dähnhardt 

Natursagen 2, 258; Rolland Flore pop. 2, 90. 
31 ) ZfVk. 4, 135. 32 ) Bavaria 4, 345 = Becker 
Pfalz 208. 33 ) ZfVk. 4, 135; vgl. Ab bot 

Macedon. Folklore 1903, 122. 34 ) Stern Türkei 

2, 278. 35 ) ZfVk. 4, 135. 36 ) Reinsberg- 

Dü rings feld Ethnogr. Kuriositäten 2 (1879), 5. 
37 ) Rolland Flore pop. 2, 89. 

Literatur: Joh. Sturmius De Rosa Hie- 
richuntica Liber unus, in quo de eins Natura, 
Proprietatibus et Causis pulchre disseritur, 
96 pag. Lovanii 1608; Grasse Beitr. z. Li¬ 
teratur u. Sage d. Mittelalters. 1850, 90—94; 

Rolland Flore pop. 2, 90; Dähnhardt Na¬ 
tursagen 2, 259; Alfr. Jacoby Zur Geschichte 
der Rose von Jericho. In: Ons Hemecht. Luxem¬ 
burg 24 (1918), 57—60. 80—82. 119—121; 

Fonc k Streifzüge durch die biblische Flora 1900, 
157; Strantz Die Blumen in Sage und Gesch. 
*875, 350—355; Schrinen De roos van Je¬ 
richo in: Volkskunde 12, 89 ff.; Marzell Die 
Jerichorose. Eine kulturgeschichtl. Betrachtung 
in: Natur. Leipzig 15 (1924), 246—248; SchwVk. 

3, 87; Baeßler Legenden 76 ff. Marzell. 

Jerusalem. Als Hauptstadt des jü¬ 
dischen Reiches und als irdischer Wohnsitz 
der Herrlichkeit Jahwes war J. mit Not¬ 
wendigkeit für das Judentum Mittel¬ 
punkt des Sinnens und Denkens, Mittel¬ 
punkt der Aufmerksamkeit und damit 


für sie Mittelpunkt. Es wurde, wie von 
jedem antiken Volke seine wichtigste 
Stätte, als Nabel der Welt betrachtet. 
Und ebenso wurde es nach orientalischer 
Vorstellung, wo allem Irdischen ein Himm¬ 
lisches entspricht — und umgekehrt — 
als irdische Spiegelung eines himmlischen 
Sitzes des Gottes angesehen. Ist doch der 
irdische Sitz nur eine in engster Korre¬ 
lation stehende Reduplikation eines himm¬ 
lischen l ). Diese bereits im Alten Testa¬ 
ment vorgebildete Anschauung wurde 
in der Apokalypse Johannis plastisch 
ausgeführt. Und von der Apokalypse 2 ) 
her drang sie mit dem Christentum in 
Deutschland ein 3 ). 

Hier fand die Vorstellung vom himm¬ 
lischen J. als dem Sitze Gottes und der 
Seligen Anknüpfungspunkte an ver¬ 
wandte germanische Vorstellungen 4 ) von 
der Himmelsburg der Götter, in deren 
Ausstattung sich Pracht und Sicherheit 
zeigen. Am nächsten berührt sie sich 
mit der Anschauung von Himingjörg 
und den zwölf goldenen Sälen oder Woh¬ 
nungen der Götter, welche jenseits der 
Regenbogenbrücke lokalisiert waren 5 ). 
Allmählich wurde das himmlische J. 
dem alten Walhall so weit angeglichen, 
daß die Volkssage erzählte, daß der 
Himmelswagen mit dem Himmelskut¬ 
scher allnächtlich nach J. fahre 6 ), wie 
er einst zu Wodan fuhr. Es ist der 
Götterberg, u. z. der Götterberg, der 
fern von der Erde, überirdisch, jenseitig 
(s. Jenseits) gedacht ist, der dieser An¬ 
schauung die leuchtenden Farben leiht 
und sie so populär macht; eine universale 
Vorstellung gewann unter dem Einfluß 
des Christentums ein Lokalname, der 
Name einer kleinen orientalischen Stadt. 

Daß dieser Name dann volkstümlich 
wurde und leicht im Gedächtnis der Menge 
haftete, erklärt, daß der Spott des Volkes 
ihn auch mal den Nachbarn gern als 
Spitznamen anhängte 7 ). Aber auch die 
Anschauung wurde festgehalten, daß J. 
Nabel der Welt sei. Und darum zeigt 
noch die mittelalterliche Karte J. als den 
Nabel der Erde, um den herum die Länder 
und Meere gruppiert sind 8 ). 

*) Jeremias Das Alte Testament im Licht 




Jerusalem in den Segen—Jesuiten 



des alten Orients 621. 630. 635. 2 ) Ap. 21, 12. 14. 
3 ) Lippert Christentum 690; Storfer Jungfr. 
Mutterschaft 188. 4 ) S6billot 1,33; Schröder 
Germanentum 22. 23. 5 ) Meyer Germ. Myth. 189. 
®) Wolf Beiträge 2, 158. 7 ) Strackerjan 2, 

351. 8 ) Jeremias a. a. O. 621. K. Beth. 


Jerusalem in den Segen. Die heiligste 
der Städte steht schon dem Prophetismus, 
mehr noch dem Christentum in zwie¬ 
fachem Lichte: heilig in der Idee, frevel¬ 
haft in der Praxis. Auch die christl. 
Segen spiegeln dies ab. 

1. Reine Gottesstadt. Schon an¬ 
tike judaisierende Beschwörungen nen¬ 
nen ,,das reine Jerusalem'" x ). Noch 
lateinische und deutsche Mäusesegen des 
Mittelalters beziehen sich auf Jerusalems 
exklusive Heiligkeit, Jesaja 35, 9 f. (66, 
17); deutsch 14. Jh.: ,,In der purch ze 
Jher. do enbuet noch chain maus noch 
en-isset chain choren“ 2 ). 

x ) SitzbWien. 36, 121, vgl. 36, 75. 2 ) Die ahd. 
Glossen 4, 469 (12. Jh.) lat.; Schönbach Ana - 
lecta Graeciensia Nr. 13 deutsch. 

2. Jesu Stadt. Hier kommen einige 
alte und beliebte Segen in Betracht. 

a) Die heiligen Orte, s. hierüber 
„Glückselige Stunden“ § 1 a. (Christus 
ist ...) ,,zu Jerusalem gestorben“ oder 
„getötet“; im alten Milstäter Segen, 
12. Jh., aber mit Bezug auf Luk. 2, 22. 42, 
nicht auf den Tod: „dannen (von Bethle¬ 
hem) quam er widere ce Jer.; da ward er 
getoufet“ etc. 3 ). 

b) In dem Segen von der Verren¬ 
kung (s. d.) des Pferdes Jesu ist, je¬ 
doch selten, Jerusalem alsReiseziel genannt, 
so teils im alten Trierer Segen (s. d.), 
teils in späten Aufzeichnungen. 

c) In latein. Formen des Fiebersegens 
(s. d. 1 b), wo Jesus Petrus heilt, liegt 
letzterer gew. „ante portas Jer.“. 

Endlich ist zu nennen der späte Segen 
„Zu Jer. im Dome“, die wohl auf das 
hl. Grab anspielt; s. Blutsegen § ic. 

*) MSD. 1, 180; vgl. Germania 25, 68 (vgl. 
altenglisch Hälsig Zauber Spruch S. 64). 

3. Judenstadt. Eine typische Form 
dieses sehr beliebten, aber erst seit etwa 
dem 17. Jh. belegten Segens: „Jerusalem, 
Jerusalem, du Jüdischy Statt, da man 
Vnseren Lieben herren Jesum Christum 
gekrüziget hat. Man hat ihn gekrüziget mit 
Vil waser und blut, das sei dir Ros oder 


kolly auch Vor die darm Geicht, feifei» 
wurm guth“ 4 ). Auch gegen Gicht, Grim¬ 
men, Kolik, Bauchweh u. ä. Die beiden 
ersten Verszeilen sind wesentlich fest, 
aber die Fortsetzung wechselt 5 ), und der 
urspr. Sinn des Segens ist mithin kaum 
sicher bestimmbar. Gew. wird, wie oben» 
von Jesu Wasser und Blut gesprochen; auch 
z. B. „er hat vergossen Wasser u. Blut“; 
„aus seinen Wunden fließt Wasser u. Blut“; 
also Joh. 19, 34 (s. Longinus). Aber die 
zornig klingende Anrede an Jerusalem 
fordert eine andere Fortsetzung als bloß das 
Hervorheben des heilkräftigen Blutes Jesu. 
Mehrere Texte bieten auch anderes. Schon 
Wendungen wie „Er (Jesus) ist worden zu 
Wasser u. Blut“ 6 ) deuten auf eine 
nicht verstandene Grundlage, die man 
sich zurecht machte. Und einige Varianten» 
darunterrelativalte,sagen:„die Statt ist 
worden zue Wasser vndzue Blut“ oder „Du 
(Jerusalem) sollst werden“ etc. 7 ). Man 
wird demnach an die Zerstörung Jerusalems 
und die Anrede Matt. 23, 37 f. (vgl. 24, 2; 
Apoc. 14, 20) denken, obgleich das Wasser 
hier befremdet. Wollte der Dichter sagen, 
daß Jesu Blut wie ein Strom die frevel¬ 
hafte Stadt nachher überflutete? Vgl. 
das (in bonam partem gemeinte) Bild"des 
Karfreitagshymnus „terra, pontus, astra, 
mundus, quo lavantur flumine“ 8 ). Wie 
die Stadt soll denn auch das Übel fort¬ 


geschwemmt werden. — Daß der Ton 
im Eingang drohend klang, haben meh¬ 
rere Bearbeiter empfunden und verbesser¬ 
ten darum „jüdische“ in „heilige“ oder 
„schöne“ 9 ). 


4 ) Zahler Simmenthal m; vgl. Birlinger 
Schwaben 1, 448; ZfrwVk. 1912, 150; Kuhn 
Westfalen 207 Nr. 591; Engelien u. Lahn 
266 Nr. 152; MschlesVk. H. 14, 93. 5 ) Be¬ 

lege für Variationen (aus Württbg.) Höhn 
Volksheilkunde 1, 112. 6 ) SAVk. 18, 37; Jahn 
Hexenwahn 104. 7 ) Birlinger Volksth. 1, 

204 Nr. 5; Alemannia 2, 138; Bartsch Meck¬ 
lenburg 2, 448 Nr. 2061. 8 ) Wackernagel 

Das deutsche Kirchenlied 1 Nr. 78. 9 ) Vgl. bes. 
ZfVk. 8, 392 Nr. 7. Ohrt. 


Jesuiten. Die außerordentlichen Er¬ 
folge der J., die Macht ihrer Bewegung 
wie das Geheimnis ihres Auftretens und 
nicht zuletzt ihre geistige Überlegenheit 
haben Teilnahme und Urteil bei Freund 


und Feind stets besonders heftig heraus- 


<563 


Jesuiten 


664 


gefordert *). Dem katholischen Volke 
sind sie ebenso starke Helfer geworden 
wie in protestantischen Kreisen „anti- 
christliche Berwölfe“ und „ Jesuwider“, 
teuflische Verschwörer wider Christen¬ 
tum und Deutschheit von den ersten 
polemischen Schriften eines Wigand (1556) 
und Fischart 2 ) bis zu Hoensbroech und 
Ludendorff. Auf protestantischer Seite 
dringt der aus leidenschaftlicher Ab¬ 
neigung, unvollkommen unterrichtetem 
Mißverständnis und blind übertreibender 
und verleumdender Erfindung geborene 
gelehrte Aberglaube ins Volk und 
läßt dort die J. als scheußliche Monstra 
und Schreckgespenster erscheinen; diese 
Ansicht stützt sich seit dem letzten 
Drittel des 16. Jh.s auf unzählige, ab¬ 
stoßende Fabeln 3 ), deren Zahl und 
gehässiger Ton sich im 17. Jh. noch 
steigern 4 ) und die sich auch ins 18. Jh. 
fortsetzen 5 ), um sich noch lange in der j 
Sage zu erhalten 6 ), ja, durch den Kultur- | 
kampf in Deutschland neu belebt, sich 
sogar vom 19. ins 20. Jh. hinüberretten 7 ). 

Mit wie großem Unrecht auch diese 
Schauergeschichten den J. eine niedere 
geistige Haltung zumessen, so haben j 
sich doch selbst diese klugen Vorkämpfer 
der römischen Kirche nicht alle von 
wahnwitzigem Aberglauben in dessen 
Blütezeiten frei halten können. Die 


zeugt, während die Ordensleitung eine 
offizielle Stellungsnahme vorsichtig ver¬ 
mied ; viele Ordensmitglieder wirkten aber 
bei den Hexenprozessen unbedenklich 
mit, zuerst im Trierischen 13 ). Neben 
Förderern standen jedoch bald auch 
Gegner der Prozesse, am bekanntesten 
wurde Spe 14 ). Und im gleichen 17. Jh. 
bekämpften die J. in Bayern durch 
ihre Predigten die geläufigsten Regeln 
des täglichen Aberglaubens und der 
Volksmedizin, welche Bemühung sie mit 
zunehmendem Eifer fortführten 15 ). Die 
in dieser Absicht erfolgende Beschlag¬ 
nahme der im Volk verbreiteten Zauber¬ 
bücher brachte schließlich die J. in Tirol 
in den Ruf, sie wollten alle Zaubermacht 
in ihre Hände bringen, daß ihnen allein 
alle Schätze offen stünden 16 ). Ein Würz- 
! burger Jesuit vereinigte aber noch 1749 die 
gläubige Verwerfung einer als Zauberin 
hingerichteten Nonne mit einem allge¬ 
meinen Angriff auf abergläubische An¬ 
schauungen als einen „gräulichen Über¬ 
rest des Heiden thums“ 17 ). Freilich 
scheinen andere J. 1766 in Landsberg 
am Lech durch Verteilung kleiner Bild¬ 
chen zur Abwehr des Bilwis solchen Aber¬ 
glauben auch wieder gefördert zu haben 18 ). 
Umgekehrt hielt man in der Zeit der 
Hexen Verfolgung unter Protestanten gerne 
die J. selbst für Zauberer 19 ), deren 


Gründer des Ordens lehnten zwar Teu¬ 
felsaustreibungen ab, trotzdem be¬ 
faßten sich manche deutsche Patres, so 
schon Canisius, mit solchen Exorzismen, 
z. B. 1568/1579 in Augsburg, 1583 zu 
Wien, 1589 im Würzburgischen (Hei- 
dingsfeld) 8 ). Im 17. Jh. begegnen solche 
Handlungen 1652/1667 in Eichstätt 9 ), 
1666/1668 in Altötting, wo man einer 
abgefeimten Betrügerin zum Opfer fiel 10 ), 
und 1656/1660 in Paderborn 11 ). Der 
Bericht eines zeitgenössischen J. über die 
Bekehrung von Lutheranern in Schlesien, 
Breslau 1662 und Glogau 1670, meldet 
gleichfalls gläubig von der Austreibung 
eines Gespenstes und sogar des Teufels, 
dieses mit Hilfe eines Schlucks „Ignatius- 
wasser“ ia ). Die selben J. waren als 
Kinder ihrer Zeit natürlich auch von der 
Notwendigkeit der Hexenbrände über- 


Künste man, gleich den Katholiken, 
nicht verschmähte. Diese Meinung lebte 
bis ins 19. Jh. 20 ). In Thüringen sind die 
sogenannten Popelträger, d. h. Geister¬ 
banner, sooft sie in Geschichten Vor¬ 
kommen, fast jedesmal J. 21 ). Noch mehr 
vertrauten die Katholiken, wie überhaupt 
auf ihre Geistlichen (vgl. 3, 561 ff.), so 
besonders auf die J. als ausgezeichnete 
Träger von Geheimkünsten, gleich den 
Franziskanern und Kapuzinern (s. d.), 
doch als diesen beiden Orden überlegene 
Kenner der „weißen Kunst'' 22 ). 
Nicht nur zu Teufelsaustreibungen, welche 
ja manche J. früher auch vomahmen, 
wünschte man sich J., sondern auch um 
Schätze zu beschwören, Geister zu zi¬ 
tieren, zu bannen und zu verbannen, zum 
Kampf gegen Unwetter und Krankheiten, 
also gegen aller Art böse Mächte 33 ). 


665 


Jesus—Jezirah 


666 


Daher überlieferte man noch lange in 
den verschiedensten Gegenden Berichte 
von der Ausübung solcher Taten durch J. 
als wie (nicht immer geglückten) Schatz- 
hebungen 24 ), Geisterbannungen und 
-erlösungen 25 ), wo der Jesuit in Ostdeutsch¬ 
land gelegentlich sogar mit dem Scharf¬ 
richter Zusammenarbeiten soll 26 ) und 
auch den Geist eines protestantischen 
Pfarrers 27 ), selbst Luthers 28 ), zu be¬ 
schwören vermag! In solchem Kampf 
mit teuflischen Gewalten „zeigen die un¬ 
erschrockenen J. oft großen Mut" 29 ). 
Von der Bannkraft über alle bösen Geister 
und den Teufel selbst ist nur ein kleiner 
Schritt zur Herrschaft der J. über den 
Teufel, der ihnen Knechtsdienste leisten 
und ihnen ungeheure Schätze verschaffen 
muß 30 ). Daher soll man eine seltsame 
Spinne, die man im Nachlaß eines 1631 
in Tirol verstorbenen J. gefunden, für 
den Teufel gehalten haben, der als Spi¬ 
ritus familiaris jenem gedient 31 ). So 
werden öfters ganz bestimmte Persön¬ 
lichkeiten unter den J. als Zauberer 
genannt; ein solcher „Seminariherr“ soll 
einen Diebsspiegel besessen haben 32 ), und 
in besonders großem Umfang sind Zauber¬ 
geschichten von einem J. Pater Hahn 
im Erzgebirge erhalten 33 ). Allmählich 
aber, zumal seit der Aufhebung des 
J.ordens im 18. Jh., wurden die J. als 
Zauberer und Geisterbanner von den noch 
volkstümlicheren Kapuzinern verdrängt. 

Das alte zauberische Ansehen der J. 
erklärt die Anschauung, der Hut eines J. 
könne als Schutzmittel dienen 34 ). Daß 
diese unheimlichen J. gelegentlich um¬ 
gehen müssen 35 ) und vom wilden Jäger 
verfolgt werden 38 ), überrascht in pro¬ 
testantischem Lande nicht, vgl. Kapu¬ 
ziner. Andrerseits geht der Fluch eines 
von einem Protestanten erdolchten J. 
in Erfüllung 37 ). 

l ) Vgl. als ausgezeichnete Darstellung R. 
Fülöp-Miller Macht und Geheimnis der Je¬ 
suiten 1929 (mit Bibliographie) und als erstes 
Quellenwerk B. Duhr Geschichte der Jesuiten in 
den Ländern deutscher Zunge 4 Bde. 1907—1928* 
2 ) Duhr a. a. O. 1, 822 ff. 835 ff. 838. 3 ) Ebd. 
1, 826—839. 4 ) Ebd. 2, 2, 651—683. 6 ) Ebd. 4, 2, 
557—563. 6 ) Z. B. Peuckert Schlesien 57 t.; 

vgl. Eisei Voigtland 120. 234. 7 ) Vgl. B. Duhr 
Jesuiten-Fabeln (mehrere umgearbeitete Aufl.); 


s. a. Söbillot Folk-Lore 4, 246. 378. 402. 
8 ) Duhr Geschichte 1, 731-738; 2, 2, 499—501. 
®) Ebd. 3. 753 ff. l0 ) Ebd. 3, 757 — 7 ^- 
n ) Ebd. 3, 766—772. 11 ) ZfVk. 4, 91. 18 ) Duhr 
Geschichte 1, 738—754; 2 , 2, 480—514. l4 ) Ebd. 

2,2, 5 M— 5331 3» 775 0 ; 4 . 2, 313ff- l# ) Ebd. 2 , 2 , 
34 ff. 471 ff.; s. a. 3, 597 (Trier 1692). 671 
(Eichsfeld 1686); 4, 2,164 f. (Steiermark 17. Jh.). 
169 f. 223 (Bayern Mitte ? des 18. Jhs.). 16 ) Al¬ 
penburg Tirol 253 = MschlesVk. 30 (1929), 96. 
l7 ) Duhr Geschichte 4, 2, 319 f. 18 ) DG. 29, 25. 
ld ) Duhr a. a. O. 2 , 2, 502 f.; 3, 773 f. *°) Stemp- 
linger Aberglaube 84; s. w. Anm. 240. * l ) 

Bechstein Thüringen 1 2, 118; 3, 182. 188. 201 
= MschlesVk. 30 (1929), 95. 2a ) Bavaria 1, 

321. 367; vgl. K. Olbrich Der katholische 
Geistliche im Volksglauben in MschlesVk. 30 
(1929), 90 ff., bes. 95—100; s. w. John West¬ 
böhmen 283. 286; Birlinger Aus Schwaben 1, 
362 ff.; Zaunert Hessisch-Nassauische Sagen 
(1929). 328; SSbillot a. a. O. 4, 378. M ) John 
a. a. O. 286; Schönwerth Oberpfalz 1, 370; 

з, 51. 114. 128; Birlinger a. a. O. 24 ) Kuhn 

и. Schwartz 40. 474; Wolf Sagen 205; Wucke 

Werra 1 i, 19. 31. 87 f.; 2, 123; Bechstein 
Thüringen i, 248. 252; 2, 92; Eisei Voigtland 
135. 181; Köhler Voigtland 556; Meiche Sa- 
gen 281. 27; Grohmann 213 = W. §§ 207. 641 ; 
Panzer Beitrag 1, 72; Alpenburg Tirol 331; 
ZföVk. 4, 229; Birlinger Aus Schwaben 1, 251; 
Fient Prättigau 45; s. a. Olbrich a. a. O. 96 ff. 
25 ) Angstmann Henker 101 A. 1; Schambach 
u. Müller 230; Voges Braunschweig 93. 95 ff.; 
Eckart Südhannover. Sagen 67; Schell Ber- 
gische Sagen 380; Wucke Werra 1 1, 19. 1447 
2, 8. 32 f. 47 ff. 97. 104. 160. 164 = W. § 207 = 
NdZfVk. 6, 164; Lyncker Sagen 63; Eisei 
a. a. O. 234; Kühnau Sagen 1, 460; Groh¬ 
mann 196 f.; Panzer Beitrag 1, 69; Birlinger 
Volksth. 1, 67; Reiser Allgäu 1, 95; Vernale- 
ken Mythen n; Alpenburg Tirol 139. 158. 
162. 28 ) Kühnau a. a. O. 1. 476; vgl. Angst¬ 
mann a. a. O. 99. 101. * 7 ) Bechstein a. a. O. 

1, 210. 28 ) Endt Sagen 59 ff- 29 ) Ebd. 194. 

30 ) Meier Schwaben 1, 83!.; s. a. Birlinger 
Schwaben i, 251; Rochholz Sagen 2, 148; 
Schambach u. Müller 165; Voges Braun¬ 
schweig 63; Olbrich a. a. O. 98 ff. 8l ) Keller 
Grab d. Abergl. 4, 63. 3a ) Lütolf Sagen 246 ff- 
u. Ni derber ge r Unterwalden 1, 64 (Dillier 
von Wolfenschießen j- 1745). w ) 1750—1825* 
Endt Sagen 1—in; vgl. John Westböhmen 
286; Sieber Sachsen 228 f.; MschlesVk. 
30 (1929), 93. 34 ) Seligmann Blick 2, 223. 

35 ) Köhler Voigtland 556. *•) Eisei Voigtland 

120. ® 7 ) Stöber Elsaß 2,123 f. 

Müller-Bergström - 

Jesus s. Christus 2, 76ff. 

Jezirah, Sepher J. d. i. „Buch der 
Schöpfung' *, genauer, ,Buch der Gestaltung, 

Bildung, Formung“ (von „bilden* 

formen“ u. ä.), eine nach allgemeiner 
Annahme im 8. oder 9. Jh. verfaßte kleine 


<567 


Igel 


668 


kabbalistische Schrift eines Unbekannten 
(s. Kabbalah). Das Buch beruht auf der 
<iurch die Alexandriner, Philo, die Sa- 
pientia Salomonis usw. in die jüdische 
Theologie eingeführten emanatistischen 
Weltanschauung und der orientalischen 
und pythagoräischen kosmischen Buchsta¬ 
ben- und Zahlenspekulation. Die 22 Buch¬ 
staben des hebräischen Alphabets und die 
10 Ziffern bzw. Sphären sind die Symbole 
der Weltformung. Aus der Einheit des 
göttlichen Geistes entfaltet sich die Zwei¬ 
heit des „Hauches vom Hauch“ (Geist), 
d. i. der Stimme oder des Logos, daraus 
verdichtet sich die Dreiheit des Wassers, 
das in die Vierheit des Feuers übergeht, 
usw. Aus dem Durcheinanderkreisen der 
32 Grundprinzipien, ihren Gegensätzen 
und ihrem Ausgleich, entsteht der ewige 
Kreislauf der Dinge, das Spiel des Ge¬ 
schehens nach Gottes Willen 1 ). Die 
Tradition schrieb das Buch J. dem Erzvater 
Abraham, der noch andere magische 
Schriften verfaßt haben soll 2 ), zu, worauf 
auch der Schluß des Buches hindeutet; 
nach andern soll sein Autor R. Akiba 
(t 120 n. Chr.) gewesen sein, dem eben¬ 
falls noch weitere Werke der Buchstaben¬ 
mystik untergeschoben wurden 3 ). Es 
wurde zuerst 1552 von Postei übertragen, 
später öfters, und spielt bis heute im 
Okkultismus und der Magie eine Rolle; 
manches von dem kabbalistischen Ein¬ 
schlag in den Aberglauben ist auf dieses 
Buch zurückzuführen. Noch jetzt er¬ 
scheint es als Bestandteil magischer 
Sammelwerke und Zauberbücher zu¬ 
sammen mit der Clavicula Salomonis, 
Faust's Höllenzwang, Christophelesgebet, 
Gertrudenbüchlein usw. (s. d. Art.) 4 ). 
Eine Durchsicht der älteren Übersetzun¬ 
gen ließe wohl aus dem veralteten 
Deutsch und der ungelenken, nicht immer 
richtigen Übertragung des modernen 
Abdrucks die Herkunft dieses feststellen, 
der übrigens, wie aus den unmöglichen 
Formen der hebräischen eingemischten 
Buchstaben sich ergibt, ohne Kenntnis 
des Hebräischen gedruckt ist; der Titel: 
„Das Buch Jezira, die älteste kaba- 
listische Urkunde der Hebräer“ ist gleich¬ 
lautend mit dem der Übersetzung von 


J. F. von Mayer 5 ). Die Abweichungen 
und Auslassungen gegenüber dem Text 
der Mantuaner Ausgabe von 1562 lassen 
erkennen, daß eine andere Rezension 
zugrunde liegt. Dem Buch gehen voran 
die ,,32 Wege der Weisheit“ 6 ). 

*) Hauck RE. 9, 6830.; Herzog RE. 
(1857), 196 ff.; RGG. 3, 873; Ersch u. Gruber 
Encyclopädie 2. Sect. 27. Th. (1850), 401; 
A. Fabricius Codex pseudepigr. Veteris Testa- 
menti 1 (1713), 381 ff.; Ph. Bloch Geschichte 
d. Entwicklung d. Kabbala (1894), 22 ff.; E. 
Bischoff Die Kabbalah (1903), 10 ff.; ders. 
Kabbalah 1, 63 ff.; K. Kiesewetter Der Occul- 
tismus des Altertums 333 ff. 366 ff.; A. Franck 
La Kabbala ou la Philosophie religieuse des 
Hebreux (1843) (deutsch von Ad. Gelinek, 
Neudruck 1920); Artis cabalisticae : Hoc est, 
reconditae theologiae et philosophiae scriptorum 
Tomus I usw. Ex Joh. Pistorii bibliotheca 
(Basel 1587); G. Scholem Bibliographia Kab- 
balistica (1927); P. Vulliaud La Cabbale 
juive (1923); F. Weber Jüdische Theologie a. 
d. Gr. Talmud u. verw. Schriften (1897), *96; 
Dornseiff Alphabet 35. 83. 121. 140. 2 ) Fa¬ 

bricius a. a. O. 390 ff. 3 ) Hauck RE. a. a. O. 
683; Bischoff Die Kabbalah (1903), 7. 4 ) Je¬ 
zira das ist das große Buch der Bücher Mosis, 
das sechste ... elfte. Aus ältesten kabba¬ 
listischen Urkunden. Kabbala denudata usw. 
O. O. u. J. moderner Druck. Der Untertitel 
,,Kabbala denudata“ nach des Knorr von 
Rosenroth gleichnamiger Schrift (1677 u. 
1684); Seyfarth Sachsen XXII nennt: Buch 
Jezira. Älteste kabbalistische Urkunde oder 
das Geheimnis aller Geheimnisse. 5 ) Die äl¬ 
teste kabbalistische Urkunde der Hebräer (Leipzig 
1830). Mir nicht zugänglich. 6 ) Vgl. L. Gold¬ 
schmidt Sefer Jesirah (1894), 14 f. Jacoby. 

Igel (Erinaceus europaeus). 

1. „Etleich sprechent, daz des i.s na- 
rung daz merer tail sich verker in sein 
dorn (Stacheln), dar umb, daz daz tierl 
wenig natürlicher hitz hat“ l ). „Allain 
der i. hat zwai after venster (Öffnungen), 
da er den mist aus laezt“ 2 ). ,,Ez spricht 
auch Aristoteles, daz der i. st ende un- 
käusch mit seinem weibel, dar umb, daz 
in die dorn iht stechen auf des weibeis 
rucke, iedoch sagt man mir, daz weibel 
leg sich an den ruck; des gelaub ich paz, 
wan daz ist gemachsamer“ 3 ). Der Phy- 
siologus teilt, alte Schriftsteller exzerpie¬ 
rend, mit, daß der I. auf die Weinstöcke 
steigt, die Beeren löst und diese dann auf 
seine Stacheln spießt 4 ). 

Es soll zwei Arten des I.s geben, den 
Schweine-I. mit einer Schweineschnauze 


669 


Igel 


670 


und den Hunde-I. mit einer Hunde¬ 
schnauze 5 ). 

Im Altertum wie noch heute wird er 
als Haustier an Stelle der Katze zur Ver¬ 
tilgung der Mäuse verwendet 6 ). 

Sein Fleisch wird von den Zigeunern 
sehr geschätzt, in Spanien sogar als Fa¬ 
stenspeise verzehrt 7 ). 

l ) Megenberg ed. Pfeiffer 138 cap. 26. 

*) Ebd. 3 ) Ebd. 4 ) Carus Zoologie 125; Pauly- 
Wissowa 5, 2, 1922; Plinius VIII, 133 (Äpfel); 
Tzetzes zu Lykophr. 1093. 5 ) Knoop Tierwelt 
23 Nr. 192; Brehm Tierleben 2 2, 254. 246; 
Höfler Organoth. 112 f.; hl. Hildegard: Ho- 
vorka-Kronfeld 1, 224; Fischer Schwab - 
Wb. 4, 16; Hofier Volksm. 145. 6 ) Pauly- 

Wissowa 5, 2, 1922; Brehm Tierleben 3 , 

Säugetiere 2, 3580.; Usener Sintflut 249 

Anm. 2. 7 ) ZfVk. 5, 218; Urquell 6 (1896), 2; 
Brehm 2 2, 254. 

2. Der Angang des I.s bringt bei 
den Zigeunern Glück (wohl weil sie sein 
Fleisch lieben, s. Anm. 7) 8 ), um Ant¬ 
werpen aber Unglück 9 ). Wenn du den 
Schwein-I. ausgestreckt (liegend) siehest, 
heißt es bei den Wotjaken, wirst du im 
selben Jahre sterben 10 ). 

Ein I. im Stalle oder unter dem Stall¬ 
boden verursacht Euterkrankheiten, den 
4 Flug’ 11 ). Dagegen bringt es in Norder¬ 
dithmarschen Glück für den Viehstand, 
wenn man einen I. im Stalle vergräbt 12 ); 
das hängt zusammen mit der Verwendung 
des I.s als Bauopfer und als Opfertier 
überhaupt 13 ). ! 

Der I. erscheint auch als Hexentier 14 ). 
In Lippe soll er es sein, der die Bettfedern 
zu sog. Federkränzen, Federkreuzen oder 
Hexenkreuzen zusammengeballt; er wurde 
daher lebendig verbrannt 15 ). 

Ein I. am Graben kündet im Iserge- 
birge drei Tage Regenwetter an 16 ). In 
der Antike wurde zum Schutze gegen Ha¬ 
gel ein Stück von der Haut des Ls am 
schönsten Rebstock befestigt 17 ). 

In früherer Zeit trugen in Kujawien die 
Bettler mannshohe Stöcke bei sich, welche 
am Ende mit einer I.shaut besetzt waren, 
zum Schutze gegen die Hunde 18 ). 

Damit das Kind die Brust der Mutter 
leichter vergesse, legen einzelne Mütter 
etwas Stachliges, etwa einen I.balg auf 
die Brust 19 ). Der Stachel eines Ls fand 
im afrz. Liebeszauber Verwendung 20 ). 


8 ) Urquell 6, 2. 9 ) RTrp. 18, 50. 10 ) Urquell 
4 (1893), 88 Nr. 8. n ) Zahler Simmenthal 23; 
Stephen u. Johnsons Shakespeare XI, 182, 
zu Macbeth IV, 1, 2; vgl. Notes and Queries, 
Folk-Lore (1859), 15- 12 ) Urquell 5 (1894), I 5 8 - 
13 ) Krauß Relig. Brauch 173; Hofier Organoth. 
113. 14 ) Seligmann Blick 1, 122; Melusine 4, 
485. 15 ) ZrwVk. 1 (1904), 76. I6 ) Müller Iser- 
gebirge 15. 17 ) Fehrie Geoponica 8 f. 18 ) Knoop 
Tierwelt 23 Nr. 193; Rogas. Fambl. 7, 25. 
19 ) John Westböhmen 118. 20 ) Gerhardt 

Franz. Novelle 136. 

3. In der Volksmedizin sind der I. 
und seine Teile sehr gesucht: „Der asch, 
der geprant wirt von ainem i. und ge¬ 
mischt mit zeläzem pech oder harz, ist 
guot und pringet den mäsen ir här wider 
auf dem haupt oder an andern enden, 
also spricht Plinius“ 21 ). Vor allem hilft 
das Einnehmen solchen Pulvers aus einem 
lebendig verbrannten I. gegen Epilep¬ 
sie 22 ), aber auch gegen die „wüsten Schä¬ 
den oder prästen, laßt kein übrig fleisch 
wachsen“ 23 ), gegen Wassersucht und 
Blasenschwäche 24 ), Pferdekrankhei¬ 
ten 25 ). 

N ieren- und Blasensteine treibt man ab, 
wenn man I.blut trocknet, pulverisiert 
und in Wasser eingibt 28 ). Um eine Schüs¬ 
sel mit I.blut versammeln sich alle Flöhe 
im Hause 26a ). I.fett wird auf Leib¬ 
schäden (Bruch) gerieben 27 ), auf Wunden 
gestrichen 28 ), gegen Podagra 29 ) ver¬ 
wendet. Schmiert man sich den Leib 
mit I.fett ein, so kann keine erbliche 
Krankheit zu, wenn man auch bei einem 
solchen Kranken oder doch in seinem 
Bette geschlafen hätte 30 ). „Wenn du 
alle flöhe so in einem Hause seind auf einem 
Hauffen wilt zusammenbringen / so nimb 
einen Stecken / schmiere denselben mit 
Fuchs oder mit I.-Schmaltz / stelle ihn hin 
wo du wilt / so setzen sich alle dran“ 31 ). 
I.Öl wurde früher in den Apotheken oft 
verlangt 31a ). „Des i.s flaisch ist gesunt 
dem magen und sterket in vnd hat ain 
kraft ze trucknen vnd ze entsliezen den 
magen. ez macht auch daz harmwasser 
vertig vnd ist den nütz, die genaigt sind 
zuo der elephantischen auzsetzichchait“ 32 ). 
I.galle wird von Plinius (XXX, 46) M ) 
als Verschönerungsmittel erwähnt, I.- 
leber führt Dioskurides (II, 2) als Mittel 
gegen Nierenkrankheit, Wassersucht, 


671 


Ignatius hl.—Iltis 


672 


Krämpfe etc. an 34 ). I.milz gab man 
nach Plinius (XXX, 17) gegen Milz¬ 
leiden 35 ). 

21 ) Megenberg ed. Pfeiffer 138 cap. 26; Hof¬ 
ier Organolh. 113; Hovorka-Kron feld 1, 
223. 22 ) Strackerjan 1, 96 = Jühling Tiere 
84 = Wuttke 126 § 170; 355 § 532. 23 ) Jühling 
83 = Gesner 3, fol. XCIIII. 24 ) Jühling 83!.; 
Hofier Organoth . 268; Krä utermann 160. 
26 ) Drechsler 2, 115; Buck Volksm. 49. 

2# ) 6. u. 7. Buch Mosis 115. 28a ) Staricius 

Heldenschatz 466. 27 ) Schönwerth 3, 262 

Nr. 4; Jühling 84; Schmidt Mieser Kräu¬ 
terbuch 43 Anm. 70; Hofier Volksmedizin 145 
(der I. muß im Frauendreißiger geschossen sein); 
Fossel Steiermark 160. 28 ) Jühling 84; Pol- 
linger 281. 2 *) Der ... Curiöse Künstler etc. 
(Nürnberg 1705) 379 = Germania 22 (1877), 
263 Nr. 24. 3Ü ) Schönweith 3, 264 Nr. 12. 

31 ) Staricius Heldenschatz 466; vgl. Schön¬ 
werth 3, 272. 3 l a) Bavaria 2, 2, 897. 32 ) Megen¬ 
berg ed. Pfeiffer 138 cap. 26; Hovorka-Kron- 
feld 2, 140; Höfler Organoth. 113. 33 ) Höfler 
Organoth. 215. 34 ) Ebd. 180; Schröder Apo¬ 

theke (1685), 1286; Jühling 84; 6. u. 7. Buch 
Mosis 84 (gegen Ausschläge); Gaßner Metiers - 
dorj 76 (gegen Bruch). 3S ) Höfler Organoth. 268. 

4. In Märchen und Sage spielt der 

I. eine große Rolle 36 ). 

3 *) Dähnhardt Natursagen 1, 42. 128. 130. 
J 32 . 338; 3, 8. 489; ZfVk. 23, 407 ff. (mit vieler 
Lit.); 24, 94; Bolte-Polfvka 2, 482 ff. (zu 
Grimm Nr. 108); 3, 339 ff. (zu Grimm Nr. 187); 
Gubernatis Tiere 339 ff. Bächtold-Stäubli. 

Ignatius hl. 

1. I. v. Antiochia, Bischof und Mär- 
tyrer, gest. um 108. An seinem Gedächt¬ 
nistage (1. Febr.) werden bei Innsbruck 
Ignatzibrote gegen Halskrankheiten ver¬ 
teilt J ). 

1 ) ZfVk. 15, 318 f. 

2. I. von Loyola, Stifter und Haupt- 

heiliger des Jesuitenordens, gest. 1556, 
heilig gesprochen 1622. Einige Volks¬ 
heilmittel sind nach ihm benannt 2 ). 
An seinem Tage (31. Juli) wird das 
I.wasser gereicht 3 ). Er heilt namentlich 
auch Besessenheit 4 ). ; 

2 ) ZfVk. 1, 300. 3 ) Franz Benediktionen 1, j 

215. 4 ) Hovorka-Kronfeld 1, 224 t. 

Sartori. 

Ilse s. Else. 

Iltis (Mustela putorius), ahd. illintiso, 
elledis x ), mhd. iltis; zu den volkstüml. Na- 
men vgl. Grimm 2 ), aus dessen Aufzählung 
nur die Formen Ilster, Ulk, Elbtier, Elb- 
katze, Eitier, Ellenbütt 3 ) hervorgehoben 
seien. Gebräuchlicher ist Ratz (wie für 


den Siebenschläfer, auf den Grimm die 
sonst vom I. geltende Redensart „er 
schläft wie ein Ratz" bezieht) 4 ). Endlich 
ist er als „Stänker", „Stinkratz" be¬ 
kannt 5 ). In unserm „Iltis" scheint 
altn. dis = göttliche Frau zu stecken; der 
erste Teil könnte zuschwäb. illen = Beule, 
gr. iha ~ pöpta ^ovatxstcr, lat. ilia, Unter¬ 
leib, Gedärm gehören, was zur Rolle dieser 
Tiere im Volksglauben paßte 6 ). 

*) DWb. 4, 2, 2061; Schräder Reallex. 2 2, 
655 f- 2 ) DWb. 4, 2, 2061; ferner Heinr. Wilh. 
Döbels Neuerößnete Jägerpractica 1 (1754), 42. 
3 ) Lausitzisches Magazin 1792, 16; Job. 

Christoph Strodtmann Idioticon Osna- 
brugense 1756, 312. 4 ) DWb. 8, 209; zu Orts¬ 

namen mit Ratz: Schröder in Germ. rom. 
Monatsschr. 17, 27. 5 )Zedler Universal lex. 14, 
565; Baumgarten Heimat 1, 81. 6 ) Lessiak 
in ZfdA. 53, 121; dagegen Laistner in Ger¬ 
mania 34, 424. 

2. Der I. soll gut sehen, aber schlecht 
hören 7 ). Nach ma. Glauben hatte er 
links kürzere Beine als rechts 8 ), stinkt 
greulich (s. o.) 9 ); die Tiere begatten sich 
liegend 10 ). Fehlt dem Weibchen zur Brunst¬ 
zeit das Männchen, schwillt es an und 
stirbt I0 ). Der I. gilt als Träger der Frucht¬ 
barkeit n ). Er kann das Wetzen eines 
Messers auf Steinen nicht ertragen und 
wird dadurch gereizt, aus seinem Schlupf¬ 
winkel herauszukommen 12 ). 

7 ) Strackerjan 2, 150 Nr. 377. 8 ) Megen¬ 
berg Buch der Natur 129 f. ®) Ebd. 129; 
Zedier Universallex. 14, 565. 10 ) Megenberg 

Buch d. Natur 114. 11 ) Georg Wilke Religion 

d. Indogermanen in archäolog. Beleuchtung 1923 
(Mannusbibliothek 31), 4 f. 12 ) Baumgarten 
Heimat 1, 81. 

3. Der I. gilt als unheimliches Tier (vgL 
Wiesel) 13 ); er ist des Wod Jagdtier 14 ), 
tanzt um die Teufelseiche 14a ); Kirchhofs¬ 
spuk hat I.-Gestalt 14b ). In Müggelsheim 
bei Köpenick trug man Fastnacht einen 
auf ein Brett genagelten I. oder Marder 
um, wobei man Eier sammelte 15 ). In 
Oldenburg heißt darum wohl der Eier¬ 
sammler Fastnacht Eierülk 16 ). In Xanten 
kennt man ein ölkjagen 16a ). Ein Opfer 
an I., Fuchs, Marder findet Fastnacht 
statt, um die Hühner zu sichern I6h ). 
In Schlesien hängt man, um ihn abzu¬ 
halten, einen Wolfskopf ins Tauben¬ 
haus 17 ). Sonst schützte Nis Puck die 
Hühner vor ihm 17a ). 

14 ) Drechsler 2, 233. Vgl. H. Lübbing 


673 


Immaku lat-Zettel—Immergrün 


674 


Friesische Sagen 1928, 224. 14 ) Arndt (Hesses 
Klassikerbibliothek) 5, 247. — 14 *) Ebd. 6, 30. 
14b ) NdZfVk. 8, 57 f. aus Romintner Heide. 
15 ) Kuhn Mark. Sagen 310 f. 16 ) Strackerjan 
2, 150 Nr. 377. 16a )F i rmeni ch 1, 387. 16 °) Boh¬ 
nenberger 110. 17 ) Drechsler 2, 95 nach 

Erasmus Francisci Lust. Schaubühne II. 
17a ) Gust. Fr. Meyer Schleswig-Holstein 45. 

4. Beim Wurmschlag oder Verfangen 
bekommen die Kühe (Oldenb.) Warm¬ 
bier, in dem ein toter I. oder sein Gerippe 
gekocht wurde 18 ). Um Zahnschmerzen 
zu vertreiben, stocherte man mit einem 
Ilzkepitter (membrum, wohl Phallus¬ 
knochen des I.s) im hohlen Zahn 19 ). Kopf 
und Phallusknochen trug man in Süd¬ 
bayern als Amulett, um Kinder zu er¬ 
langen (s. o.) 20 ). Im 18. Jh. galt sein 
Fleisch für gut gegen Schlangenbiß; es 
zerteilte und trieb den Urin; ebenso wirkte 
der I.mist zerteilend 21 ), das Blut schwei߬ 
treibend 22 ). 

18 ) Strackerjan 1, 96; 2, 150 Nr. 377 = 
Wuttke 446 § 703. 19 ) Urquell 3 (1892), 73. 

20 ) G. Wilke Religion d. Indogermanen in 
archäolog. Beleuchtung 1923, 4 f. (mit Abbild.). 

21 ) Zedier Universallex. 14, 566; Andree 

Volkskundliches 142. 22 ) Marshall Arznei- 

Kästlein 78. Peuckert. 

Immakulat-Zettel. Unter den Mitteln, 
die bei kleinen Kindern angewandt werden, 
„bei denen kein Essen, Trinken, Schlafen 
usw. anschlagen will, sondern ganz und 
dürr sind", werden neben kirchlich ge¬ 
weihtem öl zum Benetzen des Mundes 
durch den Exorzisten auch I. erwähnt. 
„Derselben Brauch und Wirkung ist ge¬ 
nügend bekannt aus täglicher Erfahrnis 
sonderlich der Kinder, Ehe- und Hoch¬ 
zeitleuten". Es kann sich nur um ein 
Blatt handeln, dem böse Mächte ab¬ 
wehrende Kraft durch auf ihm geschriebene 
Worte eigen war 1 ). 

*) Birlinger Aus Schwaben 1, 425. 430. 

f Stübe. 

Immergrün (Singrün, Wintergrün ;Vinca 
minor). 

1. Botanisches. Die lanzettlichen 
Blätter sind glänzend, lederartig und 
immergrün. Die hellblauen Blüten be¬ 
sitzen trichterförmige Krone, deren Saum 
fünf stumpfe Zipfel auf weist. Die aus 
Südeuropa stammende Pflanze wächst 
in Mittel- und Süddeutschland hier und 
da wild; sonst wird sie nicht selten (häufig 

Bäcbtold • S t ä u b 1 i, Aberglaube IV 


auf Friedhöfen) angepflanzt x ). Auch 
andere immergrüne Pflanzen wie der 
Efeu (s. d.) oder das Bimkraut (Pirola) 
werden hin und wieder als I. oder Winter¬ 
grün bezeichnet. 

*) Marzell Kräuterbuch 476. 

2. Das I. wird häufig in alten Beseg¬ 
nungen (hier oft unter seiner alten la¬ 
teinischen Bezeichnung „pervinca“) zu 
verschiedenen zauberischen Zwecken an¬ 
gerufen, z. B. um Liebe zu erwerben *). 
Auch diente es dazu, bösen Zauber zu 
vertreiben: „Diß krut sal gesamelt werden 
zwischen den zweyn vnser frawen dagen 
assumptionis und nativitatis das ist unser 
frauwen wurtz wy und ir gebürt... wel¬ 
cher diß krut by yme draget ober den 
hatt der tüfel kein gewalt. Uber 
welcher hußdore diß krut hanget darinne 
mag keyn Zauberey körnen. Kompt sye 
aber in das huß so wenet sye dar in ver- 
raden syn und wychet bald daruß. Mit 
dissem krut beweret man in welchem 
menschen böse geyst sint. Wie die be- 
werungen zu gat laß ich an stan vmb der 
kurtze willen, aber anzwyfel mag keyn 
böser geyst gewalt in dem huß haben 
dar in diß krut ist" 3 ). Daß das zwischen 
den beiden Frauentagen gesammelte I. 
gegen Zauber wirke, wird auch aus der 
Oberpfalz berichtet 4 ). I. schützt gegen 
Zauberkrankheiten 5 ) (am Palmsonntag 
oder an Mariae Himmelfahrt gesammelt), 
unter das Kopfkissen des Kindes gelegt 
mildert es die Erscheinungen (Krämpfe) 
bei schwerem Zahndurchbruch 6 ), in den 
Stall gehängt, schützt es vor Hexen 7 ); 
ebenso gibt man dem Vieh an Walpurgi 
drei Stengeln I. zu fressen 8 ) oder man 
füttert es am Karfreitag „gegen allerlei 
Krankheiten" mit I. 9 ). Daß ein Stück 
Vieh nicht verwirft, füttert man eine 
Handvoll I., das am Karfreitag geholt ist 
(im Altenburgischen) 10 ). Auch bei den 
Wallonen gilt das I. als zauberwidrig, 
daher „Pervenche (= pervinca) contre 
tout mal prend sa revanche" 11 ). Eine 
Hexe richtete eine andere dadurch zu¬ 
grunde, daß sie durch das Herz einer 
krepierten Kuh drei Nägel von einer 
Totentruhe stach, um das Ganze einen 
Kranz von I. schlang, es in Schmalz sott 

22 


675 


Imoi—Impotenz 


676 


und es dann in den Fluß warf 12 ). Wer 
eine „Kehrhexe“ sehen will, muß im 
„Dreisgen“ geweihtes I. über der Tür 
festmachen, durch die die Hexe geht. 
Das I. muß zuvor einige Zeit unter dem 
Meßbuch gelegen haben. Dann sieht man 
die Hexe mit umgekehrtem Kopf auf dem 
Hals 13 ). I. ins Essen getan bewirkt 
Entzweiung zwischen Mann und Frau 14 ). 
Andrerseits heißt es aber das Gegenteil 15 ). 

2 ) Z. B. Alemannia 2, 126. 135; Schön¬ 
bach Berthold v. R. 142; vgl. auch Ohrt 
Da signed Krist 1927, 199; Schmeller Bayr- 
Wb 2, 291; ZfdA. 38 (1894), 18 f.; Cockayne 
Leechdoms 1, 313 fr.; Fischer Angelsachsen 32. 
3 ) Hortus Samtatis, deutsch. Mainz 1485, cap. 
79 ; vgl. auch ZfVk. 24, 7; Birlinger Aus 
Schwaben i, 417. 4 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 
220. 5 ) Sehr oed er Med.-Chym. Apotheke 

1685, 1093. ö ) Manz Sargans 56. 7 ) Mar zell 
Bayr. Volksbot. 201. *) Heimatbilder aus Ober- 
franken 4 (1916), 150. ß ) Bohnenberger 

113. 10) Veckenstedts Zs. 2, 359. H)RolIand 
Flore pop. 8, 33 . 12 ) Leoprechting Lechrain 
43 - 13 ) Alpenburg Tirol 265 t. 1 4 ) Alpen- 

bürg Tirol 399; Witzschel Thüringen 2, 
288. 16 ) Albertus Magnus 1508 cap. 5. 

3. Das I. tritt nicht selten in Orakeln 
auf. In der Matthiasnacht flechten die 
Mädchen einen Kranz von I., einen von 
Stroh und nehmen eine Handvoll Asche. 
Damit gehen sie um Mitternacht schwei¬ 
gend an ein fließendes Wasser, wo sie 
die drei Sachen schwimmen lassen. Schwei¬ 
gend mit verbundenen Augen tanzt ein 
Mädchen nach dem anderen um das 
Wasser und greift sich dann die Vor¬ 
bedeutung: im I. den Brautkranz, im 
Stroh Unglück, in der Asche Tod (Hildes¬ 
heim) 16 ). Vielfach besteht das Orakel 
darin, daß I.blätter ins Wasser geworfen 
werden und aus dem Zusammen¬ 
schwimmen zweier Blätter auf die künftige 
Heirat geschlossen wird 17 ). An Neujahr 
legt man ein I.blatt auf die Feuerstelle 
oder auf eine heiße Feuerschaufel; 
kräuseln sie sich, so bedeutet es Glück, 
verbrennen sie, so stirbt man im kom¬ 
menden Jahr 18 ). Auch wird ein I.blatt 
an Silvester auf einen wassergefüllten 
Teller gelegt. Wird es in der folgenden 
Nacht schwarz, so bedeutet es den Tod, 
wird es gefleckt, Krankheit, bleibt es 
grün, Gesundheit im nächsten Jahr 19 ). 
Um „Unholde“ zu erkennen, legt man 


ein I. auf eine heiße Pfanne, und zwar in 
dem Namen dessen, auf den man Verdacht 
hat. Ist die Person schuldig, so springt 
das I.blatt wieder heraus, wenn nicht, 
so bleibt es darin (Stuttgarter Hs. des 
15 - Jh.) 20 ). Ähnliche Orakel werden auch 
mit anderen immergrünen Blättern ange¬ 
stellt, vgl. Buchs (1,1696), Efeu (2,559). 
Die Kinder nehmen eine I.blüte zwischen 
Daumen und Zeigefinger, drücken den Kelch 
leise, und nicht zu schnell hin und her 
reibend sagen sie: „Tod, Tod komm 
heraus“. Wenn die Staubfäden heraus¬ 
treten, hören sie auf. So oft man den 

Spruch gesagt hat, so viel Jahre hat man 
noch zu leben 21 ). 

1# ) Grimm Myth. 3, 465; ähnlich im Ber- 
gischen: ZrwVk. 3, 63 und in Belgien: Rol¬ 
land Flore pop. 8, 34. 17 ) Schambach Wb. 
x 54 ; Andree Braunschweie Z hist Vpr 
Niedersachsen 1878. 84; Schulenburg Wend 
Volksthum 145; Sch ul 1 er us Pflanzen 1916, 
84. 18 ) Ha 1 1richS iebenb. Sachsen-zS^ Schulle- 
rus Pflanzen 1916, 85; ähnlich in Frankreich 
• als ,,faire petä las prinquas" bekannt: Rol¬ 
land Flore pop. 8, 33. *>) Müller Siebenbürgen 
66. °) Anz. f. Kde d. deutsch. Vorzeit. NF 1 

(1853). 36. 21 ) ZfdMyth. 4, i 77 . 

4- Wenn ein Kind zum erstenmal in 
die Schule geht, so soll man es mit 
„Wintergrün“ (= I. ?) auf den Kopf 
schlagen und dazu sprechen: „Geh zu 
und lerne was“ ! Die Wurzel der Pflanze 
wird dem Kinde in einem Säckchen an¬ 
gehängt, damit es aufmerksam und ge¬ 
scheit wird 22 ). Vielleicht sollen hier die 
unverwelklichen Blätter das Gedächtnis 
versinnbildlichen. 

22 ) Schönwerth Oberpfalz i, 183. Jlarzell. 

Imoi. Zauberwort in der Formel: 
„Imoi sideon giricion", die auf eine an 
der Sonne getrocknete Hechtblase ge¬ 
schrieben wird und dann gegen den 
Mond gehalten wird mit einem an diesen 
gerichteten Spruch l ); dient an den Arm 
gebunden als Mittel, um im Spiel zu ge¬ 
winnen. In sideon dürfte sidus stecken; 
etwa Iftoi, sidus xuptaxöv ? 

*) Württ. Vjh. 13 (1890), 216 Nr. 253. 

jacoby. 

Impotenz. Der Glaube, daß Dä¬ 
monen oder böse, in deren Dienst stehende 
Menschen das Eheglück stören und ins- 
1 besondere die Begattung unmöglich 


677 


Ina, Na, A—Incantatio 


678 


machen können, war früher allgemein 
verbreitet. Schon Hinkmar von Reims 
handelt ausführlich darüber, und auch 
Vertreter der medizinischen Wissenschaft 
räumten diese Möglichkeit und Wirklich¬ 
keit ein. Wenn die höchsten Kreise der 
Kirche und der Wissenschaft solche An¬ 
schauungen hegten, ist leicht zu ermessen, 
von welcher Furcht das ungebildete 
Volk befangen war. Je weiter sich der 
Hexen wahn verbreitete, um so größer 
wurde auch die Angst vor der Ligatur, 
und sie blieb es bis tief in die neuere 
Zeit hinein 1 ) (vgl. Hexe 3, 1847; Liebes¬ 
zauber, Nestelknüpfen). 

*) Franz Benediktionen 2, 178 ff. (Benedictio 
thalami); Delrio Disqu. mag. lib. III, sect. 5, 
p. 435—439; Hansen Zauberwahn 91. 153; 
ders. Hexenwahn 702 (Reg.); Grimm Myth. 2, 
983; 3, 344 f-; Hovorka-Kronfeld 2, 166 ff.; 
Seligmann Blick 1, 199; 2, 496 (Reg.); Sol- 
dan-Heppe 2, 433 (Reg.); Schmid Glarus 31; 
Zimmermann Volksheilkunde 58; Höhn 
Volksheilkunde 1, 119; Jörimann Rezeptarien 
146. Bächtold-Stäubli. 

Ina, Na, A. Zauberworte 4 ) nach dem 
bekannten Schema der Schwindeformel 
(s. Zauberworte). 

*) Vernaleken Alpensagen 373. Jacoby. 

Incantatio. 

1. wie excantatio 1 ) und prae- 

cantatio 2 ), bedeutet ursprünglich Zau¬ 
berspruch, durch den dämonische 
Schädigungen abgewehrt, entfernt oder 
verursacht werden sollen 3 ), dann all¬ 
gemein Zauberei 4 ). Lehrreich ist die 
lateinische Übersetzung (Vulg.) von 
Isaias 8, 19, wo incantationibus inter¬ 
pretierende Wiedergabe einer ganzen 
Reihe griechischer Ausdrücke für die 
verschiedensten Zweige der Zauberei ist, 
während das genau entsprechende £7 tü>ö>] 
in LXX fehlt; ahd. galstar , ags. galdor, 
aJtn. galdr (incantatio) leiten sich ab von 
galan lat. canere. Das ags. spell eigentlich 
dictum, fabula, got. spill , wird Zauber¬ 
spruch 5 ). Die Verba incantarc, excantare , 
praecantare, auch einfach cantare 6 ), be¬ 
deuten besprechen, bezaubern, verzaubern, 
überhaupt eine magische Handlung vor¬ 
nehmen 7 ). Die ausübenden Personen 
incantatores — theotonice dicendo ein 
zöffrer (Freiburg i. d. Schweiz) 8 ) — bzw. 


incantatrices 9 ) bedienen sich der incan- 
tationes, incantamenta , cantus, cantica , 
carmina 10 ). Daneben treten später regel¬ 
mäßig die venena 11 ); veneficium bzw. 
maleficium bedeutet Hexerei 12 ). Die 
Praxis der incantationes, quae non mani¬ 
feste, sed secretissime fieri consueverunt 13 ), 
beschreibt Apuleius de mag. 47: igitur 
(magia) et occulta non minus quam taetra 
et horribilis, plerumque noctibus vigilata 
et tenebris abstrusa et arbitris solitaria 
et carminibus murmurata 14 ). 

*) Pauly-Wissowa 9, 1241. *) Heim 

Incantamenta 468; Jos. M. Heer Ein Karo¬ 
lingischer Missionskatechismus, Freiburg i. Br. 
1911, 23 ff. 81. 3 ) Franz Benediktionen 2, 423. 
4 ) Schönbach Berthold v. R. 24. 5 ) Grimm 

Myth. 2, 1023. 6 ) Apuleius apol. 42, S. 49, 

3 ff. Helm; Abt Apuleius 177 A. 6. 7 ) Pauly- 
Wissowa 9, 1241; Grimm Myth. 2, 1023. 
8 ) Hansen Hexenwahn 523. 9 ) Pauly-Wisso¬ 
wa 9, 1241; Schönbach Berthold v. R. 24. 28; 
Hansen Hexenwahn 211. 299. 503. 523. 10 ) Pau¬ 
ly-Wissowa 9, 1241; Abt Apuleius 22. 165. 
239. 2 43 I Grimm Myth. 2, 1023. n ) Abt Apu¬ 
leius 240; Schönbach Berthold v. R. 24. 26; 
Hansen Hexenwahn 41. 89. 209. 350. 485. 518. 
12 ) Pauly-Wissowa 9, 1241. 13 ) Hansen 

Hexenwahn 518 aus dem Brünner Schöffen¬ 
buch. 14 ) Pauly-Wissowa 9, 1241; Abt 

Apuleius 20. 160. 

2. Die I. als eine der Hauptarten 
der Magie läßt sich bei fast allen 
Völkern nachweisen 15 ). Zahlreiche Be¬ 
lege bezeugen ihre Anwendung bei 
Assyrern und Babyloniern 18 ) wie 
bei den Ägyptern 17 ). Auch die Juden 
kannten solche Zauberworte und -for¬ 
mein 18 ). Daß sie ägyptisches Zauber¬ 
wesen kennengelernt hatten, zeigt Exod. 
7, 11 fecerunt (malefici ) ipsi per incan¬ 
tationes Aegyptiacas et arcana. . . similiter 
(xctl ercoirjoav xai ot itraotSöt xmv Atyuir- 
Ttcov rate cpapp-axtai? autä>v «waaunuc, vgl. 
7, 22). Ihre Vertrautheit mit assy¬ 
risch-babylonischer Magie zeigt das Jubel¬ 
lied auf Babels Fall, Isaias 47, 9: uni- 
versa venerunt super te ... et propter du- 
ritiam incantatorum tuorum (iv rj 
t&v £rtaot 5 u)v exoo 'Kpoöpa, trotz der Macht 
deiner Zauberer) und das ironische: 
Sta cum incantaioribus tuis si prosit 
(ebd. 47, 12). Die Juden hatten das Be¬ 
streben, die heidnischen Incantamenta 
zu judaisieren und ersetzten sie durch 


679 


Incantatio 


680 


Bibelsprüche 19 ). Bei den Griechen 
wurde die I. von den ältesten Zeiten 
an ausgeübt. Das für uns früheste 
Zeugnis steht Od. t 456 f., wo es von den 
Söhnen des Autolykos heißt: cuxetXijv 
8’ Oöoa^os aji6|i.ovoc avxtfleoto ör,aav ^Trtaxa* 
fxevct>c, i7taot8^| 8’atuot xcXaivov ea^eöov 20 ). 
Die Römer sahen sich genötigt, schon 
im Zwölftafelgesetz incantationes und mala 
carmina zu verbieten 21 ). Als das 
Christentum unter Konstantin Staats¬ 
kirche geworden war, erlangten die In- 
cantamenta durch die große Zahl der 
aufgenommenen Heiden, die sich von 
ihrem ererbten Dämonenglauben inner¬ 
lich nicht völlig hatten befreien können, 
auch Eingang in die christlichen Ge¬ 
meinden. Die griechischen und latei¬ 
nischen Kirchenväter des 4. und 5. Jahr¬ 
hunderts nehmen oft Stellung gegen den 
anscheinend nicht auszurottenden heid¬ 
nischen Aberglauben. Die Bemühungen 
der Kirche wurden vielfach sabotiert 
durch die verständnislose Haltung des 
niederen Klerus, da man auf Grund einer 
jüdischen Tradition, Salomon habe die 
I.nen und Exorzismen erfunden (Flav. 
Joseph. Antiq. lud. VIII 2, 5), 

die Ausübung der Ln für erlaubt 
hielt. So waren öfters Mönche und 
Weltgeistliche in diesem Sinn tätig (Isidor, 
de eccl. off. II 16, Migne Patr. lat. 83, 
796 ff.), nach Gregor d. Großen mußten 
sizilianische Kleriker deshalb bestraft 
werden (Registrum lib. V 32, MG. Epp. 
I 3 I 3 )> der Archidiakon Paschalis gar, 
der Gegenkandidat des Papstes Sergius 
(687—701), wurde wegen Vollzug von 
I.nen abgesetzt 22 ). Noch Johann Nider 
Ord. Praed. berichtet in seinem in 
den Jahren 1435—1437 in Basel geschrie¬ 
benen Formicarius lib. I c. 4, daß ein 
Geistlicher in der Nähe von Lindau 


Völkern wucherte der Aberglaube, von 
nationalen Bräuchen befruchtet und durch 
die antike literarische Überlieferung ge¬ 
fördert, weiter fort“ 27 ). 

15 ) Heim Incantamenta 466. 16 ) M. Jastrow 
Die Religion Babyloniensund Assyriens 2 (Gießen 
1905), 273 ff. 17 ) A. Erman-H. Ranke 

Ägypten u. ägypt. Leben im Altertum, Tüb. 1923, 
404 ff. 18 ) L. Blau Das altjüd. Zauberwesen , 
Berlin 1914, 61. 68 ff. 19 ) Ebd. 68. 20 ) Heim 
Incantamenta 466 f.; Rohde Psyche 2, 77; 

A. Dieterich Papyrus magica Lugdunensis, 
Jahrb. f. klass. Philol. XVI 751 ff. «) Pauly- 
Wissowa 9, 1242h; Welcker Epoden oder 
das Besprechen, Kl. Schriften 3, 64 fr.; Heim 
Incantamenta 467; Franz Benediktionen 2, 
424. 22 ) Franz Benediktionen 2, 425 ff. 23 ) Han¬ 
sen Hexenwahn 88 t. 24 ) Ebd. 31t. 59. 197. 
344 ff. 485. 529. 570. 25 ) Ebd. 44. 47. 208 f. 

308 f. 517. 26 ) Ebd. 25. 41. 67 f. 71. 81 f. 88 ff. 
243. 258. 296 ff. 502 t. 523. 547. 548. 578. 
27 ) Franz Benediktionen 2, 426. 

3. Dem menschlichen Wort wird 
bei allen Völkern eine große Kraft zu¬ 
geschrieben 28 ). Wort und Stimme ver¬ 
mögen, die Kräfte der Natur und des 
Geistes dem Menschen nutzbar zu machen. 
Instinktmäßig wendet sich der Mensch 
im Gebet an die Gottheit. Die L 
ist das Zerrbild des Gebetes 29 ), da sie 
sich an dämonische Mächte wendet. 
Johannes Vincentii, Prior der Kirche de 
Monasteriis super Ledum (Les Moustiers, 
am Lay, Vendee) drückt das in seinem 
Liber adversus magicas artes (um 1475) 
so aus: Incantatio vero solis innitur vocibus, 
in quibus cum nulla insit virtus naturalis 
ad eos effectus producendos , ad quos 
carmina ordinant incantatores , restat , ut 
carminum a demone , qui pacto cum 
primis inito incantatoribus se ad hec 
astrinxit, efficacia prestoletur 30 ). Segen 
oder Fluch gehen also aus dem Wort 
hervor 31 ), deshalb muß man seine Worte 
besonders vorsichtig wählen, da die Dä¬ 
monen durch sie zum Mittun oder min¬ 


cum 


„suspectus incantator ei de maleficio “ 
sei 23 ). So ist denn auch in christlicher 
Zeit, namentlich in Italien 24 ), Frankreich 25 ) 
und Deutschland 2Ö ) der Glaube an 
die Macht der I. und ihre Ausübung 
außerordentlich verbreitet. Der Kirche 
des Mittelalters war es nicht gelungen, 
ihren Verboten Geltung zu verschaffen. 
Namentlich in den „germanischen 


destens zur Zeugenschaft aufgerufen 
werden 32 ). Sollen sie freilich wirksam 
sein, so sind gebundene, feierlich gefaßte 
Worte (verba concepta) nötig, Lied und 
Gesang. Die Formen der Poesie stehen 
in engem Zusammenhang mit der Kraft 
der Rede, mögen nun Priester oder Arzt 
oder Zauberer sich ihrer bedienen 33 ). 

Im allgemeinen kann man ursprünglich. 


Incantatio 


682 


68l 


eine gutartige und eine bösartige I. 
unterscheiden je nach dem Ziel, das 
sich der Incantator steckt. Jene hat 
vor allem apotropäisch-prophylaktischen 
Charakter, diese, die I. im engeren 
Sinne, wirkt sich im Schadenzauber 
aller Art, in Behexung von Mensch und 
Tier, in Geister- und Totenbeschwörungen 
u. dgl. aus. Die Griechen kannten eine 
xaX-rj £7ru>&Vj (xac os S 7 t(i> 8 dc xaoxac sivai 
xotK Xo*po; rouc xaXooc Plat. Charmid. 
p. 157 A), die zur Heilung von Krank¬ 
heiten und Wunden angewandt wurde. 
Der platonische Sokrates freilich bekämpft 
die Ansicht des Zalmoxis, daß zur Heilung 
<puXXov und <06ij nötig seien, schreibt dem 
<p6XXov allein die Heilkraft zu und er¬ 
klärt die als jxtjosvoc dctoo Trpcq- 

paxoc ousctv (Plat. Charmid. p. 155 E— 
158 B). Anderwärts erkennt Platon die 
Berechtigung dieser Besprechung aus¬ 
drücklich an und bezeichnet sie als x^Xirjai; 
xtov vöatuv (Euthyd. 290 A, Pol. IV 426 B). 
In der übrigen griechischen Literatur 
begegnet £t:iü 8außer Od. x 457 sehr 
selten. Herodot erwähnt in seiner Be¬ 
schreibung eines persischen Opfers die 
Tätigkeit des ixctyo?, welcher ‘itapcaxsiu? 
iTCGtetöst Osoyovl'tjv, otVjv ot) exetvot Xsyousi 
elvai xtjv £7iGcoi6r 4 v (I 32). Megasthenes 
nennt die Beschwörungen indischer Brah- 
manen über schwangere Frauen zur Er¬ 
leichterung der Niederkunft Epoden 
(Fr. 40, Müller FHG. II 435). Nur diese 
irccpoaG von denen die „Krankheits¬ 
besprechungen“ ziemlich oft auftreten 34 ), 
gelten als xaXat. In den allermeisten 
Fällen steht cnü> 07 j für Zauberspruch im 
schlimmen Sinn. Nach Plat. Pol. II 364 C 
verwenden sie oqupxat xat jidvxst; zu 
Götterzwang und Defixion, Sympos. 
202 E erscheint sie neben der {xa-ffavsta 
und fOTjxsia, um in den „Gesetzen“ 
(XI 933 Au. D) neben den iitaYco-yai, 
xaxaoeacii; und der cpappaxsta bei Todes¬ 
strafe verboten zu werden. Dieselbe 
Bedeutungsentwicklung haben I., in- 
cantamentum, incantare und incan¬ 
tator im Lateinischen durchgemacht 35 ). 

Am häufigsten wurde die I. als 
Segen (s. d.) entweder allein oder in 
Verbindung mit Kräutern (s. d.) zu 


Heilzwecken gebraucht, da man die 
meisten Krankheiten auf die Einwirkung 
von Dämonen zurückführte. Die I. 
im engeren Sinne ist Zauber (s. d.) 
schlechthin, die Tätigkeit der Zauberer 
und Hexen in ihren verschiedensten 
Formen 36 ). 

28 ) Pauly-Wissowa 1, 88; Grimm Mythol. 
2, 1023. 29 ) Franz Benediktionen 2, 422. 

30 ) Hansen Hexenwahn 230. 31 ) Grimm 

Mythol. 2, 1023. 32 ) Pauly-Wissowa 1, 88. 

33 ) Grimm a. a. O. 34 ) Abt Apuleius 43 A. 1. 
33 ) Ebd. 41 ff. 36 ) Hansen Hexenwahn 25. 32. 
41 f. 245. 252. 260. 309. 516 ff. 524; Schön¬ 
bach Berthold v. R. 25 t.; Pauly - Wissowa 
9, 1242; Abt Apuleius 169. 

4. Die Incantamenta weisen ver¬ 
schiedene Formen auf. Neben dem 
ganz einfachen Schema: Ad albuginem 
oculorum te carpo, ut subvenias oder Omnia 
mala bestiae canto 37 ) stehen die excan- 
tationes oder evocationes morbi, 
die den Aufenthalt des Krankheits¬ 
dämons im Körper des Kranken voraus¬ 
setzen 38 ). Versagen diese, so greift der 
incantator zu Drohungen 39 ). In zwei 
Ritualien des 12. und 13. Jahrhunderts 
begegnet diese Art unter dem Titel 
Excommunicatio morbi. In den Exor¬ 
zismen war das Schelten der Dä¬ 
monen von jeher gebräuchlich. Ein 
besonders lehrreiches Beispiel bietet die 
Vita der hl. Euphrasia (c. 13. AASS. 
13. März, II 925) 40 ). Oft wird das Übel 
auf ein Tier oder einen Gegenstand über¬ 
tragen. So empfiehlt z. B. Marcellus 
(de medic. lib. 300 C) gegen Schmerzen 
im Zäpfchen, eine lebende Schwalbe 
wohl verschlossen am Halse zu tragen; 
das Übel werde innerhalb 9 Tagen be¬ 
hoben sein 41 ). Sympathiezauber spielt 
in der ganzen Magie, besonders in der 
Volksmedizin eine große Rolle 42 ). Be¬ 
liebt ist das Schema des dSuvotiov, z. B. 
hirundo tibi dico t quomodo hoc (sc. aqua) 
in rostro iterum non erit , sic mihi dentes 
non doleant toto anno 43 ). Viele Zauber¬ 
sprüche haben die Form kleiner Ge¬ 
schichten. Diese Form, die schon in 
den Zauberpapyri erscheint M ), stellt wohl 
letzten Endes eine Nachbildung eines 
wirklichen Exorzismus dar. Der zweite 
Merseburger Zauberspruch und die Straß- 


683 


Indiculus 


684 


burger Blutsegen gehören hierher. Die 
Sprüche sind sehr kurz, wie z. B. das 
Gespräch Christi mit der Rose aus Schle¬ 
sien oder die Unterhaltung zwischen 
Christus und dem kranken Petrus 45 ). 
In einer schlesischen Besprechung gegen 
den Magenkrampf tritt gar unerklär- 
hcherweise die Mutter Gottes an die 
Stelle des Dämons: 

Die Mutter Gottes ging über Land, 

Pa begegnet ihr der Heiland. 

Per Heiland sprach: Wo willst du hin? 

Pie Mutter Gottes sprach: Ich will die Menschen 

Per Heiland sprach: Nein das sollst du nichTtun." 
Im Namen usw. 48 ). 

Einfacher ist die Form des Gleichnisses : 

• damals Maria ... so soll auch 
l etzt " • • - 47 )- Manche Incantamenta sind 
später in Kinderlieder und -spiele 
übergegangen, wie das westfälische: 

Riut riut sunnenfuegel, 

Suente Peiter ies kuemen, 

Suente Tigges well kuemen 
riut riut alle mius x.. 

alle't unglück iut duesem hius 48 ). 

Neben den volkstümlichen Sprüchen, 
die ins tin kt mäßig gewachsen sind,’ 
stehen mehr verstandesmäßig künsG 
liehe Gebilde. Bei den Griechen fanden 
Homerverse, bei den Römern Vergü¬ 
sse hierfür Verwendung, Juden und 
Christen bevorzugten das AT und NT 49 ), 
namentlich die Psalmen 5 °). Eine nicht 
minder große Rolle spielen im Zauber der 
Name Gottes, die Engel, Heiligen 
usw. 1 ). Überaus beliebt waren die unter 
der Bezeichnung ’Etpsaia Ypa^ara be¬ 
kannten Zauberworte, zu denen auch die 
christliche Gnosis manchen Beitrag lie¬ 
ferte 62 ). Welche Bedeutung endlich der 
Zahl im Aberglauben zukommt, dafür 
liefert das tägliche Leben noch zahlreiche 

Beispiele S3 ). Astrologisch-ägyptischen 
Ursprungs sind wohl die 72 Krankheiten 
des Menschen, eine Zahl, die auch sonst 
sehr oft begegnet 54 ). Eine schlesische 
Besprechung sagt vom Fieber: „Der du 
bist neunerlei und einundzwanziger “ 55 ), 
eine fränkische spricht von siebenund¬ 
siebzig Gichtern 58 )\ In einem alten Gebet 

heißt es gar: Defende me ab omnxbus 281 
malis 57 ). 

Nichtchristliche Beschwörungen schlies- 


sen oft mit der Formel rfa ffy totyo 
Ta X u > die nach den Zauberpapyri obli¬ 
gatorisch ist, während christliche Gebete 
meist in ein demütiges <jtü>|isv x *X«öc 
ausklingen. Aber noch Nicolaus Myrep- 
sius (Medicae artis principes post Hippo- 
cratem et Galenum ed. H. Stephanus 

I I 5 Ö 7 . P- 5S4 F) schließt ein Gebet: veniat 
sanatio in praesens unguenlutn, celeriter, 
celeriter, abeat, abeat, abeatmalum. Amen i& ). 

Rhythmus und Klang erhöhen den 
Eindruck des Zauberspruchs. Daher 
können carmina in allen metrischen 
Formen der antiken Poesie erscheinen 
Dazu treten vielfach Parallelismus der 
Glieder, Stab- und Endreim usw. 59 ). 

37 ) Heim Incantamenta Nr. wu 38 } FhH 

S. 476-482. «) Ebd S. 479^482 3 «)Fran d z 

Benediktionen 2, 421. 539. 54 6. «) Pradel 

{jebete 124; Heim Incantamenta S. 483 f. 12 ) Heim 

f• a - °- S - 484—491. 43 ) Ebd. S. 491—495 

46^ radel Gebete 94 ' 45 ) M schlesVk. 4> 67. 

) Drechsler 2, 2, 318; Lammert 136 f. 47 ) 

bchonbach Berthold v. R. 124 ff 4 «) Heim 

Incantamenta 5 12 ff. 4y )Ebd. S. 514—520. 520 ff • 

Pradei Gebete 67 f.; Blau Altjüd. Zauberw. 68.' 

' y 2an ^. Ztschr. 1 (1892), 567 ff.; 2 

(1893), 291 ff.; Alemannia 4 280. 51 ) Pradel 
Gebete 141 ff. 47 fl. ; Blau a. a. O. 117 fl.; Heim 
a. a. O. 522 ff.; Franz Benediktionen 2, 424 f. 
528. 533 ff.; Dornsei ff Alphabet 2 145. &2) Pra¬ 
del a.a.O. 34 f. Z. 16ff. 45 f. 129; Abt Apuleius 

D 2 7 Ai Heim Incantamenta 525 ff.; Franz 
Benediktionen 2, 423. 429; Dornseif f Alphabet* 

36. 130^3) Heiin a . a . 0 . 542 ff.; Pradel a. a. O. 

73 Dornseiff a. a. O. 91 ff. u. ö. 54 ) Pra- 
dd a. a . O. 73 ff. «) Drechsler 2, 303. 

ssVp ^r^V 267 - 5? > Alemannia 4> 280. 

) Pradel a. a. O. 72. 59 ) Heim a. a. O. 544 ff. 

5 * Die Strafen für die incanta- 
tores waren die für Zauberer und 
Hexen üblichen. Im Mittelalter wurde 
die I. eines der Hauptziele der In¬ 
quisition «*). So intensiv aber auch zu 
manchen Zeiten ihre Bekämpfung sein 
mochte, sie war in der einen oder anderen 
Form zu eng mit dem Leben des Städters 
wie des Landmannes verwachsen, um 
völlig ausgerottet werden zu können 61 ). 

60 ) Hansen Hexenwahn 24. 245 ff. 485. 537 
547 f. fii) Vgl. Badner Land, Unterhaltungsbeil* 
d. Freiburger Zeitung Nr. 22 (30. Mai 1926). 

Mengis. 

Indiculus superstitionum et paga- 

niarum. 

1. Der I. ist ein Verzeichnis heidnischer 
Bräuche und Anschauungen, das sich 



in der aus Fulda oder Mainz stammenden 
Handschrift Cod. Pal. 577 der Vatika¬ 
nischen Bibliothek auf Bl. 7* findet. Es 
wurde im Jahre 1652 aufgefunden und 
damals bei Jac. Dragondalli zu Rom ge- 
gedruckt 1 ). Die Zahl der späteren Aus¬ 
gaben ist sehr groß 2 ), die maßgebende 
ist nun die von Boretius 3 ). Ein Faksimile 
bei Gallee, Facsimilia-Sammlung nr. XI a . 

Außer weit zerstreuten Einzelerklä¬ 
rungen 4 ) gibt es zusammenfassende Kom¬ 
mentare 5 ), von denen der von Saupe 6 ) 
trotz einigen Mängeln wertvoll ist: er 
kommentiert das Denkmal unter reich¬ 
licher Heranziehung zeitgenössischer Pa¬ 
rallelen und späteren volkskundlichen 
Materials. 

x ) Vgl. Steinmeyer AfdA. 14, 287 ff. 

(mit Richtigstellung fehlerhafter Angaben bei 
andern). 2 ) z. B. bei J. Grimm Myth. 3, 
403; Wad stein Kl. altsächs. Sprachdenkmäler 
nr. XIII; Clemen Fontes historiae relig. Germ. 
s. 42 f. 3 ) Mon Germ., Leges, sectio II, Capit. 
reg. Franc I, 233!. 4 ) Vgl. A. Leitzmann 

Saxonia I, PBB. 25, 586 ff.; F. Schneider 
ARw. 20, 112; Radermacher Bcitr. 96!. 

6 ) Z. B. Binterim Denkwürdigkeiten 2; He- 
fele Conz. gesch. 2 3, 505 ff. 6 ) H. A. Saupe 
Der I. s. e. p. Progr. des städt. Realgymnasiums 
zu Leipzig, 1891. 

2. Der I. umfaßt dreißig, z. T. ganz 
kurze, lateinische Sätzchen. Man hat 
in diesen die Kapitelüberschriften eines 
nicht erhaltenen ausführlichen Werkes 
sehen wollen, was aber unbeweisbar ist; 
eher stellen die Sätze doch wohl eine kurze 
Anweisung vor für Geistliche und Be¬ 
amte, die auf diese Dinge zu achten haben. 

Der Inhalt der Sätze ist recht mannig¬ 
faltig: Von Göttern (Mercurius und Jupi¬ 
ter) sprechen Nr. 8 und 20, von Stein - und 
Baumkult Nr. 6. 7, von sonstigen Kultstät¬ 
ten Nr. 4. 18, von abergläubischem (d. h. 
heidnischem) Kultbrauch, Zauber und 
Wahrsagung Nr. 5. 9 — 17. 21—30, von 
Totenkult 1. 2. Zweifellos haben Germa¬ 
nisches im Auge die sechs Sätze, die einen 
Göttemamen oder germanische Worte 
enthalten (Nr. 2. 6. 8.15. 20. 24), auch das 
meiste andere kann germanisch sein, ob¬ 
wohl es allgemeinerer Natur ist, fremdartig 
sind die spurcalia in Februario, auf 
christlich-heidnischen Synkretismus wei¬ 
sen die Nummern 19 mit der Nennung 


der Maria und 25: göttliche (?) Verehrung 
von Toten. 

In dieser bunten Mischung berührt 
sich der I. mit einer größeren Zahl von 
Denkmälern (Capit ularien, kirchlichen Ver¬ 
ordnungen, Predigten, Traktaten) des 
8. und 9. Jahrhunderts. Besonders eng 
sind die Berührungen mit dem ersten Teil 
der pseudoaugustinischen Homilia de sa- 
crilegiis 7 ), so daß man sogar manchmal 
an eine gemeinsame Vorlage denkt 8 ). 
Abhängigkeit in einzelnem von Caesarius 
von Arles verfechten Boese 9 ) und Bou- 
driot 10 ). 

7 ) Hrsg, von Caspari ZfdA. 25, 313—316 
und Anekdota, Christiania 1886. 8 ) Hauck KG. 
2, 404; vgl. AfRw. 20, 112. 9 ) Superst. Arelat. 

s. 34 f. 10 ) Altgerm. Religion 37 u. ö. 

3. Zeit und Ort der Entstehung und 
die unmittelbare Bestimmung des 
Stückes sind umstritten. Da der I. zu¬ 
sammen mit Aktenstücken der Synode 
von Estinnes von 743 überliefert ist, 
hat man 11 ) auf Entstehung auf dieser 
Synode schließen wollen. Da die Hs. in 
ihrem ersten Teil chronologisch geordnet 
scheint, der I. in der Reihe aber auf das 
sächsische Taufgelöbnis folgt, schlossen 
Scherer 12 ) und andere dagegen auf Ent¬ 
stehung in der Zeit der beginnenden 
Sachsenbekehrung etwa 772—780. Doch 
ist keine dieser beiden Datierungen aus 
der Überlieferung zwingend zu folgern. 
Der einzig sichere Anhalt kann sich nur 
aus dem Inhalt ergeben. Danach möchte 
Boudriot 13 ) den I. lediglich als ein Werk¬ 
zeug der bonifazischen Reform des ver¬ 
wilderten fränkischen Christentums be¬ 
trachten. Eine solche Auffassung über¬ 
sieht aber, daß die genannten Bräuche z. 
T. als etwas noch so lebendiges genannt 
werden, wie es damals doch wohl nur 
in den Außenbezirken des fränkischen 
Reiches der Fall gewesen sein mag: Nie¬ 
derfranken, Sachsen, Friesland. Wenn 
der I. nun aber auch Dinge enthält, deren 
Existenz für diese Gegenden bezweifelt 
werden muß, so ist zu bedenken, daß alle 
diese Schriften Eventualanweisungen ent¬ 
halten, für welche sie Anleihen bei älteren 
Schriften machen. 

Der Versuch, definitiv zu entscheiden. 


687 

welchem Zweck der I. unmittelbar seine 
Entstehung verdankt, muß ausgehen von 
den vier germanischen Worten des I.: 
dadsisas, nimidas, nodfyr, yrias 14 ). Wenn 
diese auch in ihrem Lautstand nicht ganz 
klar sind, so dürfen sie doch mit größter 
Wahrscheinlichkeit als sächsisch oder frie¬ 
sisch betrachtet werden. Erscheinungen 
aus dem religiösen Leben eines dieser 
beiden Stämme sind also ins Auge ge¬ 
faßt. Damit rückt auch die Datierung 
eher ans Ende des Jahrhunderts herunter 

als in die Zeit der Synode von Estinnes 
hinauf. 

ll ) Hauck KG. 404. 12 ) MSD. 3 2, 317 t. 

* 3 ) A. a. O. 18. 14 ) Vgl. Saupe a. a. O.; 

Leitzmann a. a. O., wo auch auf frühere Li¬ 
teratur verwiesen ist. Helm. 

Ingwer. Die Droge ist der getrocknete, 
stark aromatisch schmeckende Wurzel¬ 
stock des aus dem tropischen Asien 
stammenden Zingiber officinale. Der 
Zahnleidende kaut I., spuckt den Speichel 
auf ein Leinwandläppchen und trägt 

es drei Tage lang in der Tasche bei 
sich J ). 

J ) Most Sympathie 119L = Wuttke 341 
5 5 ° 8 . Marzeil. 

Initiation. Der Übergang von einem 
Modus des Seins in den anderen, von 
Kindheit zur Männlichkeit oder zur Ge¬ 
schlechtsreife, ist für den Primitiven mehr 
als ein Hineinwachsen in höhere Alters¬ 
stufen und ein Sichentfalten des natür¬ 
lichen Menschen. Es ist eine tiefgreifende 
Wandlung, die aus einem unfertigen einen 
fertigen Menschen macht und um des 
bestmöglichen Ausgangs willen durch dazu 
bestimmte ältere Leute geleitet wird. 
Darum sind diese wichtigen Perioden 
des Lebens mit Riten verbunden, die 
bezwecken, den Menschen auf diesen 
Ubergangsstufen für seine neuen Pflichten 
und Rechte vorzubereiten x ) und ihm 
selbst die Bedeutung dieses Zeitpunktes 
unauslöschlich einzuprägen. Zum Teil 
handelt es sich in den der eigentlichen 
Einweihung voraufgehenden Prozeduren , 
um eine praktische Übung der Kräfte, 
um eine Belehrung in den wichtigsten 
Sitten und Gebräuchen, um eine ethische 
Beeinflussung, auch um eine Erprobung 


688 

der Eignung des jungen Menschen für 
den kommenden harten Lebenskampf 2 ). 
Deshalb enthalten die meisten I.sriten 
auch Motive, welche am besten aus 
diesen profanen Zwecken erklärlich 
i sind, die Knaben werden von älteren 
Leitern in die Einsamkeit geführt für 
eine Zeit, die bei manchen Stämmen 
wenige Tage, bei anderen viele Monate 
umfaßt, dort in allen Arten von Körper¬ 
übungen unterrichtet, zugleich in Stam¬ 
mesrecht und Ethik wie im richtigen so¬ 
zialen Verhalten unterwiesen 3 ). Bei 
Mädchen tritt an Stelle des Freiluft¬ 
lebens, dem die Knaben unterzogen 
werden, häufig eine Periode der Ab¬ 
geschlossenheit und Unbeweglichkeit 4 ); 
oder auch eine Übung im Tanzen und der 
körperlichen Geschmeidigkeit 5 ). Bei 
beiden Geschlechtern setzt eine unerhört 
harte Behandlung, endloses Fasten und 
Frieren die Widerstandskraft auf die 
äußerste Probe 6 ), auch wenn nicht solche 
Proben gemacht werden, wie das Aus¬ 
reißen aller Haare (Araber) 7 ) oder das 
Reiben mit Ameisenhaufen (Indianer) 8 ). 

Der Mittelpunkt und Zweck jeder I. 9 ) 
aber ist die Verwandlung des Initianden, 
die sich in Form einer Tötung und 
Wiedergeburt abzuspielen pflegt. Der 
große Geist wird als herniederkommend 
gedacht; er tötet den Initianden und 
verschlingt ihn 10 ). Dann wird eine 
Zeremonie der Erweckung (Bekleidung 
mit einer Tierhaut u. a.) vorgenommen, 
als deren Resultat der Initiand nun als 
identisch mit dem Gott, als identisch 
mit den schon früher vergöttlichten äl¬ 
teren Stammesgenossen und damit seiner¬ 
seits als vollwertiges Mitglied des Stammes 
angesehen wird 11 ). Resultat dieser I. 
ist für den nunmehr Initiierten ein Kraft¬ 
zuwachs; er hat die göttliche Kraft in 
sich aufgenommen. Folge dieses Kraft¬ 
zuwachses, dieser Verwandtschaft, seiner 
Verwandlung in ein Zwei-Geschlechter- 
Wesen, wie Winthuis erklärt 12 ), ist, 
daß er nun auch in der Lage ist, aktiv 
an dem Kulte seiner Stammesgenossen 
teilzunehmen. Wer die Einweihung nicht 
erfahren hat und doch etwa daran teil¬ 
nehmen wollte, den erwartete das Straf- 


* 689 

t 

gericht des Stammes — aber nicht nur 
als Ersatz für das Gericht der mißbrauch¬ 
ten an sich tödlichen Macht 13 ). Mit 
-der Vervollständigung bzw. Erneuerung 
des Wesens und der Aufnahme in den 
Stammesverband hängt zusammen, daß 
dem Vollwertigen nunmehr die Ehe er¬ 
laubt ist und das Zeugen von Kindern 14 ). 
Eine große Rolle spielen die Zirkum- 
zisions- und Subinzisionszeremonien, die 
mit den I.en so häufig verbunden sind 15 ). 
Über ihre Bedeutung besteht noch keine 
Klarheit; wahrscheinlich verbinden sich 
hier magische Zwecke mit apotropäischen; 
soll der Geschlechtsapparat für seine 
künftige Funktion geweiht werden ? 
Soll das vergossene Blut die Geister ver¬ 
treiben ? Soll es als Analogon anderer 
Fruchtbarkeitsriten der Erde höchste 
Fruchtbarkeit verleihen ? Soll eine 
Kastration als ein Teil der symbolischen 
Tötung angedeutet werden ? Handelt es 
sich um einen Weiheritus? Um ein 
Menschenopfer nach dem Grundsatz pars 
pro toto? Das läßt sich in allgemeiner 
Form nicht ausmachen. Die Motive sind 
mehrdeutig und wechseln auch nach Ort 
und Zeit. Sicher ist die magische Ab- 
zweckung. Magische Abzweckung haben 
wahrscheinlich auch die Orgien, die mit 
den I.szeremonien verbunden sind 16 ). 

Die Initianden selbst werden von den 
Stammesgenossen sorgfältig ferne ge¬ 
halten. Insbesondere die Frauen dürfen 
sie nicht sehen. Sie gelten als Tote; das 
bedeutet die weiße Farbe, mit der sie 
bestrichen sind 17 ). Oft wird dies so weit 
getrieben, daß sie sich anstellen müssen, 
als hätten sie während ihres I.stodes die 
Sprache des Volkes und seine Gebräuche 
vergessen. 

I.sriten gingen auch der Hochzeit als 
einem bedeutsamen Mysterium voraus, 
sowohl als Weiheriten der Braut an den 
Gott 18 ) wie als bloße Hingabe des Haares 
im Tempel 19 ), durch Preisgabe an den 
Fremden 20 ) oder durch Orgien beim 
Hochzeitsfest 21 ). Von diesen I.sriten 
haben sich im Aberglauben noch manche 
Bräuche der Enthaltung oder der Pein 
erhalten, die beiden Teilen, am meisten 
aber der Braut auf erlegt werden 22 ), was 


690 

ein anderes ist als die Zulassung zu den 
Stammeskulten. Die Braut darf z. B. 
während des Hochzeitsmahles nicht trin¬ 
ken, der Bräutigam wird geprügelt; eine 
lange Vorbereitungszeit mit Weihungen 
beider Teile geht der Eheschließung 
voran 23 ). Bei den Indern, wo die Auf¬ 
nahme als Schüler bei einem Lehrer ein 
ähnlich einschneidendesErlebnis bedeutete, 
war auch diese mit I.sriten verbunden, 
die eine magische Verbindung herstellen 
sollten 24 ). 

Die Zulassung zu den verschiedenen 
Mysterienkulten war auch mit solchen 
Einweihungen verbunden, Jünglingsweihe 
war ebenso wie die Zulassung zur Zauber¬ 
praxis 25 ) ganz natürlich, da ja der Nicht¬ 
eingeweihte sowohl Schaden genommen 
als Schaden gestiftet hätte. Erst die Ein¬ 
weihung gab ihm die Kraft, vor dem An¬ 
gesichte der Gottheit zu bestehen und das 
von der Gottheit geforderte Verhalten 
zu beobachten. Damit war aber zugleich 
gegeben, daß die Einweihung eine Ver¬ 
göttlichung war, indem sie die Aufnahme 
in den Bund der Diener und Genossen 
der Gottheit bedeutete; sie war oft unter 
dem Bilde der Vermählung mit der Gott¬ 
heit dargestellt und hing wie bei den 
eleusinischen Mysterien mit einem hierös 
gämos zusammen 26 ). Ihre Wirkung er¬ 
streckte sich infolge dessen bis über das 
Grab, wie die orphischen Goldtäfelchen 
betonen 27 ). Der Myste ist Gemahl der 
weiblichen Gottheit und hat als solcher 
Anrecht auf den Platz bei ihr wie unter 
ihren Dienern. 

Aus altgermanischen Zeiten sind I.sriten 
nicht direkt überliefert. Die Schwert¬ 
leite stellt sich auf den ersten Blick als 
ganz profaner Akt dar. Erst Weiser 
ist es gelungen, Spuren von mit I.en ver¬ 
bundenen Jünglingsbünden aufzuzeigen 2 ®). 
Dennoch muß der Gedanke der I. im 
deutschen Volke tief Wurzel geschlagen 
haben. Denn die Hexenbündnisse (s. 
Hexe) mit dem Teufel zeigen das typische 
Bild der I., der Identifizierung mit der 
Gottheit, wobei die geschlechtliche Ver¬ 
einigung, die keine Befriedigung ver¬ 
leiht (es scheint dies ein typischer Zug 
der Mysterienorgien gewesen zu sein, um 


Ingwer—Initiation 


Initiation 


6 g i 


Inkarnation 


692 


durch diese Differenzierung das ganz an¬ 
dere der Mysterienhochzeit hervorzuheben: 
der Priester im Mysterium zu Eleusis er¬ 
hielt zur Herbeiführung der Impotenz 
den Schierlingstrank, in anderen Fällen 
wurde eine symbolische Darstellung offen¬ 
bar vorgenommen; bei den Primitiven 
wurden die Initianden den Orgien im 
Zustande frischer Verwundung durch die 
Beschneidung unterzogen, was große 
Schmerzen bereitet haben muß), das 
Siegel der Vereinigung bedeutet, das 
gemeinsame Bundesmahl, die Aufnahme 
in die Gefolgschaft, die die Aufprägung 
gewisser körperlicher Merkmale (Täto¬ 
wierungen?), die Verleihung gewisser 
Kräfte und Fähigkeiten magischer Natur 
als Folge der Einweihung, der auch eine 
Lehrzeit vorauszugehen pflegt. Ob auch 
die Vorstellung, daß die Speisen beim 
Teufelsmahl nicht schmecken, damit zu¬ 
sammenhängt, daß bei I.en die Speise 
der Initianden mit den ekelhaftesten 
Ingredienzien versetzt wurde (bei den 
Australiern gehörte das Genießen von 
Menschenkot zu den Zeremonien), be¬ 
dürfte näherer Untersuchung. 

Andere I.sriten sind z. B. die der Auf¬ 
nahme in die Nachbarschafts- (s. Nach¬ 
barschaft) oder Jugendbünde. Sie haben 
sich in den Freimaurerbünden erhalten 
und feiern eine neue Blüte in den Geheim¬ 
bünden Amerikas. 

*) v. Gennep Rites de passage 92 ff.; Bern¬ 
feld Gemeinschaftsleben 188 ff.; Beth Reli¬ 
gion und Magie 2 175. 225. 244 ff. 308. 311. 338 f. 

Ä ) I* Lawson History of Carolina 382; Plu- 
tarch Lycurgus 18; M. Nilsson Griech. Feste 
190 ff.; ARw. 9, 397 ff. 3 ) B. Gutmann Das 
Recht der Dsckagga 309 ff. 4 ) R. Briffault 
The Mothers 2, 371. *) Paul Krische Das 

Rätsel der Mutterrechtgesellschaft 231 ff. ®) The 
Cosmopolitan 28, 45öS.; R. Brieffault The 
Mothers 2, 193. 7 ) R. F. Burton Personal 

Narrative of a Pilgrimage to El-Medinah and 
Mecca 3, 80 ff. 8 ) Reports of the Cambridge ; 
Anthropological Expedition to Torres Straits 
5 , 215. *) Beth Religgesch. 95; Schmidt Gottes- 
idee 1, 493; Gold mann Einführung 123 ff.; 
Frazer 12, 318; Fabricius Deposition . 10 ) 

H. A. Junod The Life of a South African 
Tribe II pass.; Spencer Native Tribes of the 
Northern Territory of Australia 211. u ) Brnbd. 
15, 161. l2 ) Winthuis Zweigeschlechterwesen 
139 ff. 13 ) Spencer Native Tribes of the North¬ 
ern Territory of Australia 162. 14 ) Journal An- 


throp. Institute 18, 287. **) H. Ploß Kind pass- 
16 ) Die I.szeremonien berühren sich enge 
mit den Intichiumazeremonien: Röheim Au- 
stralian Toiemism. 17 ) Frazer 3, 156. 1S ) E. 

Reelus Primitive Folk 172. 1# ) Pfister Re¬ 

liquienkult 2, 494 f. * 0 ) Strabo XVII i. 46. 
21 ) Herodot IV, 172; Pompeius Mela De 
situ orbis 1, 8. 22 ) Schönwerth Oberpfalz 
pass. 23 ) Gut mann Recht der Dschagga. 
24 ) Knuchel 34. 25 ) Apuleius von Madaura 
185. 26 ) Dieterich Mutter Erde pass. 17 ) Lily 
Weiser Altgermanische Jünglingsweihen und 
Männerbünde (1927). 28 ) Briffault The Mo¬ 
thers 3, 332 ff. K. Beth. 

Inkarnation. Der Glaube der Primitiven 
schreibt der Zeugung keinen oder nur 
einen beschränkten Anteil an der Geburt 
der Kinder zu. Worauf es ankommt, ist 
das Eingehen eines Seelenwesens in den 
Leib der künftigen Mutter. Dieses Seelen¬ 
wesen mag dem Einfluß der Gottheit zu¬ 
zuschreiben sein 1 ), es mag aus der un¬ 
geheuren Schar wartender Seelen in sie 
eingehen 2 ), es mag ihr mit dem Fleische 
eines Tieres übermittelt werden 3 ), das 
das Totem des Kindes später bilden soll; 
es mag der neue I. suchende Ahnengeist, 
der Vater oder Großvater sein (s. d.) 4 ); 
der Seelengeist ist immer das eigentlich 
lebensspendende Element 5 ); und es 
kommt für die Eltern darauf an, dieses 
Wesen, das im Anfang mit dem Körper 
nur oberflächlich verbunden ist, festzu¬ 
halten und zu stärken. Viele magische 
Bräuche, Speise- und Arbeitsverbote 
dienen diesem Zwecke: das Männerkind¬ 
bett, die vielen Tabus der schwangeren 
Mutter (s. Kind und Mutter); aber man 
behandelt die Seele auch direkt als an- 
kommenden oder noch nicht eingewöhnten 
Gast. Die Alfuren schließen bei Geburt 
eines Kindes zu diesem Zwecke die Fenster 
und Türen wieder, damit die Seele 
nicht entfliehe; die Bulgaren machen sie 
auf, damit sie einziehen könne. Solange 
das Kind nicht irdische Speise, Milch 
oder Honig, gekostet hat, ist es nicht voll 
irdisch, und es kann getötet werden. Es 
wird nach der Taufe unter den Tisch 
(auf die Erde) gelegt, um Kräfte zu er¬ 
halten. Ob das Auf-die-Erde-Legen nach 
der Geburt, von wo es erst die Hebamme 
oder der Vater aufheben mußte, auch — 
außer dem Umstand, daß es durch eine 


693 


I nkubation 


694 


menschlich-juridische Handlung erst in 
die irdische Gesellschaft aufgenommen 
werden muß (s. Vater) — die Herkunft 
des Kindes von Mutter Erde 6 ) symboli¬ 
sieren sollte und seine Verbindung mit 
dem meist in der Erde lokalisierten 
Geisterreiche 7 ), ist nicht zu entscheiden. 
Wenn ein Mädchen aus einer Quelle oder 
aus einem Brunnen trinkt, in der sich 
der Mond spiegelt, wird es schwanger 8 ). 
In der Bretagne glaubt man, daß, wenn 
Mondstrahlen auf den Unterleib einer 
Frau fallen, diese ein Mondkalb gebäre 9 ). 

Nun ist aber der sich inkarnierende 
Geist nicht immer nur ein unbestimmter 
Jemand, sondern es kommt auch sehr 
darauf an, ob und wer seinen Sitz in 
diesem Neugeborenen auf schlägt. Die 
Religionsgeschichte ist voll von solchen 
regelmäßigen oder außerordentlichen I.en. 
In dem Apisstier inkarniert sich Ptah 
(Re, Osiris) 10 ), im Mnevisstier zu Helio- 
polis Gott Re; die Avataras Brahmans 
werden mit den wichtigsten Funktionen 
der Offenbarung verknüpft u ); die I.en 
des Buddha gehören auf dem Gebiete 
des Lamaismus zu dauernden Einrich¬ 
tungen. Im Christentum nahm der 
I.sglaube bestimmende Form an: die I. des 
göttlichen Logos wurde zum Glaubens¬ 
zentrum. Sein Gegenpol war der Glaube 
an die I.en des Teufels, gezeugt mit einer 
reinen Jungfrau; insbesondere der zum 
Kreise der Artusritter gehörige Klingsor. 
Die Furcht vor den „Teufelskindern“, 
Teufels-I.en, beherrschte das Mittel- 
alter 12 ). 

x ) Briffault The Mothers 2, 449 ff. 2 ) 

Grimm Myth. 1, 281; Visscher Naturvölker 2, 
562; Frazer 12, 316; Beth Religgesch . 56 f. 

з ) Beth Religion u. Magie 2 14 f. 47. 4 ) J. G. 

Frazer Immortality 2, 417 f. *) ZdVfV. 13 
(1903), 375. 8 ) Dieterich Mutter Erde pass. 

7 ) Beth Religion u. Magie 2 247t.; Grimm 
RA. 458. 8 ) O. Henne-Am Rhyn Deutsche 

Volkssage 36. ö ) Revue Celtique 3, 452. 

10 ) G. F. Moore History of Religion 2, 197 f. 

и ) J. E. Carpenter Theism in Medieval 

India 246. 12 ) Muir Sanscrit Texts 4, 156; 

Paul Wurm Religgesch. 384. K. Beth. 

Inkubation (vom lat. incubare = liegen ) 
bedeutet das sich Niederlegen an heiliger 
Stätte, um durch Traum, Vision oder 
Audition den Willen der übernatürlichen 


Mächte zu erfahren und vor allem ihre 
Hilfe zu erlangen. Die Wurzeln dieses 
Brauches reichen weit zurück, in uralte 
Zeit, da die chthonischen, „irdischen“ 
Geister das Menschenleben beherrschten. 
Die ursprüngliche Form der I. ist wahr¬ 
scheinlich der Gräberschlaf: der Mensch 
legt sich auf das Grab des verstorbenen 
Ahnen, damit dessen Geist ihm erscheine 
und ihm helfe. Dabei ist wesentlich, daß 
man sich ganz auf den Boden hinlegt, um 
die Berührung mit der Sphäre des Ahnen- 
geistes möglichst intensiv zu gestalten. 
Die I. wird dann im Lauf einer langen Ent¬ 
wicklung übertragen auf allerlei Orte, 
an denen Geister lokalisiert gedacht sind: 
Höhlen, Quellen, Kreuzwege, Bäume u. a. 
Beim Übergang vom Animismus zum 
Theismus wird die I. vor allem an die 
Wohnungen der Götter, an den Tempel 
gebunden (daher auch die deutsche Be¬ 
zeichnung Tempelschlaf für I.). Mehr 
und mehr kompliziert sich der bei der I. 
zu beobachtende Ritus: strenge Reini¬ 
gungszeremonien müssen vorhergehen 
usw.*)• 

Die I. findet sich hin und her in der 
primitiven Welt 2 ); sehr ausgeprägt ist 
sie im vorderasiatischen Kulturkreis (Ba¬ 
bylonien und Ägypten) 3 ). Das klassische 
Beispiel ist die griechische I., die vor allem 
bei den Tempeln der Heilgötter (Askle¬ 
pios u. a.) eine hervorragende Rolle spielt, 
sofern die Menschen hoffen, im Schlaf 
von dem Gott geheilt zu werden, oder 
wenigstens im Traum Anweisungen zu 
Kur und Heilung zu bekommen 4 ). In 
der ausgehenden Antike war der Glaube 
an die I. in der synkretistischen Gedanken¬ 
welt des Mittelmeerbeckens tief einge¬ 
wurzelt. Aus dieser Umwelt drang er 
dann in das junge Christentum ein. Vor 
allem hängte sich die I. an diejenigen 
christlichen Heiligen, die das Erbe der 
antiken und synkretistischen Heügötter 
an traten: an Kosmas und Damian (s. d.) 
und Cyrus und Johannes. Die Nach¬ 
richten frühmittelalterlicher Schrift¬ 
steller sind voll von Wunderberichten 
überschwänglichster Art 6 ). Mit der 
steigenden Rationalisierung des Christen¬ 
tums hat sich der durch und durch ma- 


<595 


Inkubus—Insekt 


696 


gische Glaube an die I. mehr und mehr 
verloren. Im 16. und 17. Jh. hören wir 
nur noch vereinzelt von 1 . 6 ). Und die Nach¬ 
richt, daß in Griechenland noch heutigen 
Tages Mütter für ihre kranken Kinder 
zu Füßen der Heiligen schlafen 7 ), darf 
wohl als Kuriosum gebucht werden. Im 
deutschen Volksglauben der Gegenwart 

finden sich jedenfalls kaum noch Spuren 
von I. 

2 ) Allg. Literatur: R. Deubner De incu¬ 
bahone. 1900; Mary Hamilton Incubahon 
or the Cure of disease in Pagan Temples and 
Christian Churches. London 1926; Pauly-Wis- 
sowa 9, 12560.; Hastings 7, 206 ff.; Beth 
Rehgion u, Magie 2 58 ff. 2 ) Treffliche Beispiele 
bei J. W. Hauer Die Religionen 1 (1923), 257 f. 

) Ebd. 262. 4 ) Weinreich Heilungswunder . 

1909. 5 ) Lucius Heiligenkult 257. 263. 299 

*) Meyer Aberglaube 96. 7 ) Ebd. 96. 

Rühle. 

Inkubus, vom lateinischen incubo (ur¬ 
sprünglich Bezeichnung für Alpdruck 
und den ihn verursachenden Alp), heißt 
ein männlicher Geist, der in buhlerischer 
Absicht Menschenfrauen heimsucht; das 
weibliche Gegenstück ist der Sukkubus. 
Hierbei handelt es sich um die Personi¬ 
fizierung erotischer Traumgestalten, deren 
Existenz im Altertum und Mittelalter 
niemand zu bezweifeln wagte. Der große 
Kirchenlehrer Augustin 4 ) hält sie ebenso 
für Wirklichkeit wie etwa eine Bulle des 
Papstes Innozenz VIII. vom Jahre 1484 2 ). 
Noch im 16. Jh. glaubte man, der Mark¬ 
graf Albrecht von Brandenburg (j* 1557) 
habe einen Sukkubus gehabt 3 ), den man 
in Weibsgestalt oft an seiner Seite sah 4 ). 
Diefenbachs Glossar kennt den I. als 
„teufel, der die frawen reyt“ 5 ). Ge¬ 
schlechtlicher Verkehr mit dem I. wurde 
vor allem den Hexen (s. d.) zur Last 
gelegt, und manches harmlose Weib hat 
ihrer angeblichen Teufelsbuhlschaft wegen 
auf dem Scheiterhaufen geendet 6 ). Nach 
allgemeiner Volksanschauung sind die 
Inkubi nicht zeugungsfähig, die Sukkubi 
nicht gebärfähig. Doch kommt es dann 
und wann vor, daß Inkubi Kinder zeugen, 
so soll z. B. Merlin von einem I. 
stammen 7 ); man erklärt die Sache dann 
so, daß der Dämon den Samen eines 
Mannes, den dieser in der Nacht verlor, 
sich angeeignet und damit operiert 


habe 8 ). Heute glaubt im Ernst niemand 

mehr an das Vorhandensein solcher Ko¬ 
bolde. 

*) De civ. dei XV, 23. 2 ) Tylor Cultur 2, 

191. 3 ) Meyer Aberglaube 266. 4 ) Zimmernsche 
Chronik 2 4, 68. 5 ) Alemannia 7 (1879) *0 

!> Soldan-Heppe 2. 434; ARw. 16, 623. 
7 ) Alemannia n (1883), 86. *) Meyer Aber¬ 
glaube 266. Rühle. 

Inri. Die Abkürzung I. N. R. I. ist 
dem Titulus des Kreuzes Jesu nach 
Joh. 19, 19: Jesus Nazarenus Rex 
Judaeorum entnommen und später an 
Stelle der älteren Form Rex Jud(eorum) 
bzw. ICX oder ICXC allgemein auf das 
Kruzifix gesetzt worden J ). Im Aber¬ 
glauben hat der ,,Titulus triumphalis“, 
wie die Worte genannt wurden 2 ), weite 
Verbreitung gefunden, im Wettersegen 3 ), 
gegen Wunden 4 ), Schmerzen 5 ), zur Er¬ 
leichterung der Geburt 6 ), zum Schutz 
gegen Gespenster, Hexerei usw. 7 ), auf 

9 ). 1554 soll am 

Himmel das Zeichen I. erschienen sein 
(Parallele zu KonstantinsKreuzesvision) 10 ) 
und 1580 in Aquileja das authentische 
Bluturteil des Pilatus gefunden worden 
sein mit dem Titulus 11 ). 

*) Zöckler Das Kreuz Christi (1875), 211. 
213; Bergner Grundriß der kirchl. Kunst¬ 
altertümer (1900) 328. 350 (hebr. in lat. Let¬ 
tern). 2 ) Franz Benediktionen 2, 87. 91; Thiers 

1, 411. 3 ) Franz a. a. O. 2. 81. 91. 4 ) ZdVfV. 1, 
(i891), 316; Kronfeld Krieg 87 nach Balth. 
Becker Bezauberte Welt (1693). Lammcrt 
203. 6 ) Thiers 1, 411. 7 ) Geistl. Schild 81. 83; 
ZdVfV. 9 (1899), 374. 375; Schramek Böhmer¬ 
wald 264; Seyfarth Sachsen 151. 152. 162. 

8 ) HcssBl. 20 (1921), 1. 8) Jennings Rosen¬ 
kreuzer 2, 195; Ohrt Trylleformier i, 189 
Nr. 224; 202 Nr. 269; 444 Nr. 989; 493 Nr.’iogo; 

2, 109. 10 ) Strackerjan 1, 20. u ) Melchior 

Lussy Reißbuch gen Hierusalem (Freyburg i. 
Uchtland 1590), 31 f. Jacoby. 

Insekt. 

1. Biologisches. Die I.en, denen 
die Alten im allgemeinen ein geringes 
wissenschaftliches Interesse entgegen¬ 
brachten 1 ), spielen in der Volkskunde 
eine bedeutende Rolle (vgl. z. B. die 
Artikel Fliege, Floh, Laus). Über 
die Entstehungsart der parasitischen I.en 
ist im Volke allgemein der Glaube ver¬ 
breitet, sie gingen unmittelbar aus altem 
Holz, Schmutz u. dgl. hervor (vgl. die 
italienische Ausdrucksweise: Questo letto 


i 


697 


Insekt 


698 


fa citnici , dieses Bett macht Wanzen). 
In der europäischen Türkei 2 ) und bei 
kurdischen Stämmen Kleinasiens 3 ) sind 
die I.en aus dem Körper einer getöteten 
Schlange (nach einer anderen Version 
aus der in die Winde verstreuten Asche 
des Tieres) hervorgegangen. Im deut¬ 
schen Volksglauben galten die Elben in 
I.engestalt als Frucht der Vermischung der 
Hexe mit dem Teufel 4 ). Nach einem 
mittelalterlichen Volksglauben brütet der 
Kuckuck I.en aus, die sich unter seine 
Flügel setzen und ihn zu Tode beißen 5 ). 

*) Keller Tierwelt 2, 395. 2 ) ZfVk. 16, 383. 
*) A. a. O. S. 386. 4 ) ZfdMyth. 3, 272 f. 5 ) A. 
a. O. 3, 273 fg. 

2. Animismus. Wie der Vogel, so 
ist auch das geflügelte I. Seelentier, d. h. 
die menschliche Seele nimmt nach dem 
Tode die Gestalt eines solchen I.s an, 
manchmal zur Strafe für ein sündhaftes 
Erdenleben 6 ). Als Seelentiere gelten 
namentlich Hummel, Heimchen, Biene, 


Baum als Schmarotzer anfressenden I.en 
nahm man eine ähnliche Tätigkeit der 
als Dämonen gedachten I.en am tierischen 
und menschlichen Körper an 16 ). 


B. 


m 


a) Hautausschläge. Daß z. B. 
Hautausschläge von bösen Elben in 
I.engestalt herrühren, ist eine uralte Vor¬ 
stellung, die sich schon bei den Germanen 
und den alten Indern nach weisen läßt 17 ). 
Indras großer Stein (Indrasya mahl 
drishal) gilt als Töter alles schädlichen 
I.engeschmeißes, das in Kopf, Rücken und 
Eingeweide eingedrungen ist, wie Indra 
auch sonst zu den I.en in engem Verhältnis 
steht. Ja er nimmt selbst einmal die 
Gestalt einer Mücke an H). 

b) Pest. Nach einem oberpfälzischen 
Volksglauben lö ) ist die Pest ein in der 
Luft fliegendes Weib, das I.enschwärme 
ausschickt, die sowohl den Menschen als 
auch das Speisefleisch stechen und so die 
Pest verbreiten. 


Homiß, Schmetterling, Spinne, Ameise 7 ). 
In Nordindien genießen gewisse Len 
als Ahnengeister Verehrung 8 ). Die el¬ 
bischen I.en 9 ) nannte man Holde , Hol- 
derken, Holdiken 10 ). Als I. (Fliege oder 
Spinne) erscheint auch der Berggeist 11 ). 

Gegen die Verheerungen schädlicher 
I.en dienten zum Schutz der Felder 
gewisse Zaubersprüche 12 ). Im mittel¬ 
alterlichen West- und Mitteleuropa, in 
Frankreich, Deutschland, Dänemark, 
Holland usw. sowie in Kanada, Brasilien 
und Peru war gegen massenhaft auf¬ 
tretende Len wie Heuschrecken, Käfer, 
Raupen, Engerlinge die kirchliche Ban- 
nung üblich 13 ). Gewissen I.en wie Bremsen, 
Raupen, Engerlingen machte man in aller 
Form den Prozeß. Solche Prozesse fanden 
z. B. statt in Lausanne (1479), Troyes 
(1516), Uri (1492, 1557) 14 ). 

6 ) Frazer 8, 299. 7 ) Tobler Epiphanie 36 f. 
§ 8; Ackermann Shakespeare 35 f. 8 ) Crooke 
Northern Ivdia 345 f. ®) ZfVk. II, 264. 
10 ) ZfdMyth. 3, 272 fg. 11 ) MschlesVk. 13, 75. 
12 ) Franz Benediktionen 1, 39; 2, 4; Frazer 8, 
275 f. 279 f. 281. 13 ) Bregenzer Tierethik 160. 
14 ) Mannhardt German. Mythen 368 2 ; Acker¬ 
mann op. cit. 36. 

3. Krankheitsdämonie. Der Krank¬ 
heitsdämon nimmt häufig die Gestalt 
eines Ls an 15 ). Nach Analogie der den 


c) Gehirntierchen. Der Glaube, daß 
im Gehirn vorhandene I.en Ursache von 
Geistesstörungen sind, ist uralt und all¬ 
gemein verbreitet (vgl. weiter oben). In 
Österreich heißt Sekten (= I.en)im Kopf 
haben ,,geistig nicht normal sein“ 20 ). 
Die häufigsten dieser ,,Gehirntierchen“ 
sind: Made, Engerling, Ameise, Käfer, 
Horniß, Hummel, Wespe, Raupe, Schmet¬ 
terling, Motte, Fliege, Mücke, Zikade, 
Grille, Küchenschabe 21 ) (s. d.). 

d) I. als Alp. Auch als Alp quälen 
einige I.en den Menschen. Solche elbische 
Tiere sind: Raupe (Haarwurm), Puppe, 
Made, Mücke, Motte, Schmetterling, 
Bremse 22 ) (s. d.). 

15 ) Krauß Relig. Brauch 39. ie ) Mannhardt 
1, 290. 604. 17 ) ZfdMyth. 3, 274. 18 ) Mann¬ 
hardt German. Mythen 135 8 . 19 ) Schön- 

werth Oberpfalz 3, 16. 20 ) Höfler Krankheits¬ 
namen 630. 21 ) Riegler Tier 248; WS. 7, 

131—134. 22 ) Höfler op. cit. 12. 

4. Volksmedizin. In der Volksmedi¬ 
zin fanden namentlich die Käfer häufig 
Verwendung, worüber Fritz Netolitz- 
ky 23 ) ausführlich gehandelt hat. 

23 ) Koleopterol. Rundschau 7, 122—129; 
8, 1—19. 

5. Vorbedeutung. Die volkstüm¬ 
lichsten unter den I.en wie Klopf¬ 
käfer, Marienkäfer, Schmetterling, Grille 


699 


Insel—Jod 


700 


usw. gelten als Orakeltiere 24 ). Flöhe und 
andere Parasiten meiden Sterbende — 
wohl eine Folge des subkutanen Flui¬ 
dums — was als ein Todeszeichen gedeutet 
wird 25 ). Von der Bedeutung der I.en 
in Galläpfeln siehe unter „Gallapfel“. 

24 ) Hopf Tierorakel 200 fg. 25 ) Strafforelli 
Errori 179 f. Riegler. 

Insel. Die Insel an sich spielt im 
Glauben des Volkes keine große Rolle. 
In Sagen, besonders von der Entstehung 
der Ln, werden diese im griechisch-römi¬ 
schen Altertum wie bei uns mehrfach als 
schwimmend bezeichnet J ). Wo die Form 
einer I. merkwürdig ist, sucht eine Be¬ 
gründungssage den Ursprung zu erklären. 
Eine kleine I. in Hinterpommem besteht 
hauptsächlich aus Granitblöcken. Wie 
ist sie entstanden ? Ein Fischer ver¬ 
machte dem Teufel seine Seele, wenn 
dieser an einer tiefen Stelle des Sees in 
einer Nacht eine Kirche baue. Der Fischer 
aber überlistete den Teufel, der die Kirche 
schon fast fertig hatte. Aus Wut darüber 
zerstörte dieser den halbfertigen Bau. 
Die steinige I. zeugt davon 2 ). Das Mittel¬ 
stück der I. Sylt soll die Schuhsohle eines 
Riesen sein. Er verlor sie, als er vom 
Schiff aus über das Meer nach Deutsch¬ 
land hinüberschritt 3 ). Wassersagen 
werden mit I.n verbunden: im Lebamoor 
in Hinterpommern raubte einst ein Lind¬ 
wurm ein Schloßfräulein. Auf einer 
kleinen I. im See hört man jetzt noch ihr 
Wimmern 5 ). . 

1 ) Sepp Altbayer . Sagenschatz 372 ff. 705; 
Kuhn West/. 1, 290; ZdVfV. 2, 164; Siecke 
Oötteratlrib. 47; Sebillot Folk-Lore 2, 70 ff. 
-) Knoop Volkssagen 71. 3 ) Jensen Die nord- 
jriesischen Inseln 30. 4 ) Knoop a. a. O. 38 

^ r - 7 2 - Fehrle. 

Internacht s. Unternacht. 

Job s. Hiob. 

Jobiana s. Zobiana. 

Jod, einer der zehn Gottesnamen 1 ), 
der in Verbindung mit Tetragrammaton 
(s. d.) auftritt. Er entspricht der Ab¬ 
kürzung # > für (m)n\ wie denn schon der 
koptisch-arabische Traktat über „die 
Geheimnisse der griechischen Buchstaben“ 
zum Jota die Erklärung gibt: „iod, le 
seigneur ou Jehova ( 1 ocü>)“, arab.: „iod 
c’est le seigneur du tout“ 2 ). Hieronymus 


usw. 3 ) haben dafür Ja, das auch dort 
vor dem Tetragramm steht. Verdoppelt 
begegnet die Verkürzung Ja schon in 
dem PP PP Jes. 38, n, das Aquila und 

Theodotion y la ’la umschreiben 4 ), und in 
einer Reihe Psalmen als einfaches 'lot. 
’la ’la kommt auf einer antikem Gemme 5 ) 
vor, ferner in hellen. Zauberpapyri: tot ta 6 ), 
bei Martin von Arles: Ya Ya 7 ), im Hep- 
tameron des Petrus von Abano: Ja Ja 8 ). 
Aquila schrieb in der Tat JTrP 9 ), das 
auch syrisch vorkommt 10 ); man wird 
dabei wohl an die (falsche) Etymologie 
WJV „er wird sein“ vgl. Ex. 3, 14 denken 

dürfen, die auch als Gottesname dient n ). 
Wie bei Agrippa folgt der Name auf 
Eheie im Tr. Baba Bathra des Talmud: 
nipp JT rpn>x nvw 12 ). Wie man das 
Tetragramm zu und V'i verkürzte, so 
auch zu ™ 13 ), das auch zahlenmäßig 
dem PPJT entspricht 14 ); als Ya Ya Ya 
finden wir es im Heptameron 15 ), als Yii 
im Höllenzwang 16 ) und als m vielleicht 
schon in den hellen. Zauberpapyri 17 ). 
Das einfache ' legt die Kabbalah aus als 
N2N (genitor) und KB'n (principium 

omnium) lö ), das dreifache wird erklärt als 
TrP niiT TIT „einer ist Gott, einer“ 19 ). 

l ) Agrippa v. Nettesheim 3, 54; Kiese¬ 
wetter Faust 405; Ersch-Gruber Encyklo- 
pädie 9, 293 (das 3fache hl. Kreuz); H. L. Held 
Das Gespenst des Golem (1927). 163 ff. 175. 2 ) Heb- 

belynck Les my st er es des lettre s Grecques (Le 
Museon, Louvain 1901, Nouv. Ser. 2. 375). 
3 ) Opp. ed. Erasmus (Froben, Basel 1537) 3, 94; 
Kiesewetter Der Occultismus des Altertums 
350; Zimmermann Bezaar (hd.) 89 a; Franz 
Benediktionen 2, 92; Horst Zauberbibliothek 2, 
132. 4 ) Origines Hexapl. Fragm. ed. Field 2 

(1867), 506. 5 ) Blau Das alt jüdische Zauber¬ 

wesen (1898), 81. «) Dieterich Papyrus magica 
musei Lugdunensis Batavi, Jb. f. dass. 
Philol. v. A. Fleckeisen, 16. Suppl.-Bd. (1888), 
814 (11, 20). 7 ) Thiers i, 355. 8 ) Agrippa 
von Nettesheim 4, 136. 146. 9 ) Hauck 

RE. 23, 665. 10 ) Origenis H. Fr. ed. Field 2,431. 
n ) Schwab Vocabulaire 253. 12 ) Blau a. a. O. 
102, vgl. auch Kiesewetter Der Occultismus 
des Altertums 350. 13 ) So schreiben z. B. die 

Handschriften des Jesus Sirach vgl. R. Smend 
Die Weisheit des Jesus Sirach (1906). 14 ) Schwab 
a. a. O. 259. 15 ) Agrippa v. Nettesheim 4, 
*36. 139. 18 ) Kiesewetter Faust 414. 17 ) Wes¬ 
sely 1,120 Z. 3021; Dieterich Abraxas 4 Z. 21. 
182 Z. 9 (tu aia. (uumju = dreifaches uuu). 
18 ) Nork Hebr.-chald.-rabb. Wörterbuch (1842), 
268. w ) Buxtorf Lexicon chald. ed. Fischer 


701 


Jodeln—Jodokus, hl. 


7 02 


J 


{1879), 509; Dalman Aramäisch-neuhebr. Hand¬ 
wörterbuch (1922), 51 des Anhangs. Jacoby. 

Jodeln. Unter den j.den Geistern 1 ) 
ist besonders gefährlich der Zutzeran im 
Kanton Waadt: antwortet man ihm 
mehr wie zweimal, so reißt er einem 
einen Arm oder ein Bein aus 2 ). In den 
Alpenländern zieht das wilde Heer unter 
J. vorüber 3 ), und auch die „Nachtschar“ 
versteht sich darauf 4 ). Hört der Senne 
in tiefer Nacht j., so ist Schnee zu er¬ 
warten 5 ). Wie es der Teufel versteht, 
als j.des Maidli Seelen zu fangen, weiß 
schon Joh. Cysat zu berichten 6 ). 

Gefährlich ist's, auf Hexenplätzen 
seiner Lustigkeit durch J. Ausdruck zu 
geben 7 ). 

Chüejerbueben hatten schon das Glück, 
durch Geistersennen ausnahmsweise schön 


j. zu lernen 8 ), ja auf solche Weise soll 
sogar der erste Kuhreihen entstanden 
sein 9 ). — S. a. jauchzen. 

J ) Stöber Elsaß 2, 59 Nr. 69. 2 ) Ceresoie 
159; vgl. Sebillot Folk-Lore 1, 283. 3 ) Tiroler 
Heimatblätter 4, 276 f. 4 ) Jecklin Volkstüml. 
96 f. 5 ) Niederberger Unterwalden 2, 17. 
*) Brandstetter Wuotan 132. 7 ) Heyl Tirol 
310 f. 8 ) Lütolf Sagen 457 ff.; Niederberger 
Unterwalden 2, 36 f.; SchwVk. 19, 55; Jecklin 
302 f. 9 ) Kuom St. Galler Sagen 98 f. Nr. 203. 


mit Hiob (Job). Jedoch war und ist, 
z. B. noch in Bayern, auch die schon 
vereinfachte Form Jodok volkstümlich. 
Die weitaus häufigste Form ist in Deutsch¬ 
land Jost. Die Formen Jobs und Jobst 
entstanden in den Bistümern Bamberg 
und Eichstätt 3 ). 

*) Über die legendäre Vita des Heiligen aus¬ 
führlich und sehr kritisch jetzt Jost Trier 
Der heilige Jodocus (Germanist. Abhandl., hg. 
v. Fr. Vogt, 56. Heft), Breslau 1924, S. 15—86. 
Vgl. über diese auch kultgeographisch grund¬ 
legende Arbeit SAVk. 25, 158; Histor. Ztschr. 
131, 289 ff. Zur Kultgeographie des hl. J.s. 
ferner Trier Histor. Ztschr. 134, 319—349. 

2 ) Künstle Ikonographie der Heiligen 330. 

3 ) Trier a. a. O. 108. 

2. Die Verehrung des Heiligen erstreckte 
sich von der Bretagne bis Krain und 
Steiermark, vom Kanton Freiburg 
(Schweiz) bis nach Schleswig-Holstein, 
vom Rhein bis zum Kurischen Haff. 
Stätten seiner Verehrung ballten sich auf 
deutschem Boden am Mittelrhein, be¬ 
sonders in der Eifel, ferner um Konstanz, 
in der inneren Schweiz und in Westfalen 
zusammen. Als älteste deutsche Stätten 
der Verehrung des Heiligen sind für das 
9. Jahrhundert Prüm in der Eifel und für 
das 11. Jahrhundert Walberberg zwischen 

T> ___ _ T/ I L A 


Joder s. Theodul. 

Jodokus, hl. 

Nach der Überlieferung Sprößling des 
bretonischen Fürstengeschlechtes, des 
Judhael und dessen Gattin Prizel, ver¬ 
zichtete auf die Herrschaft über die 
Bretagne, wurde Priester, pilgerte nach 
Rom und siedelte nach Runiac über, wo 
er als Einsiedler lebte und wo später an 
der Stelle seiner Einsiedelei das Kloster 
St. Josse-sur-mer (Pas de Calais) erbaut 
wurde. Als Zeit seines Todes wird d. J. 669 
angenommen. Festtag 13. Dezember x ). 
Dargestellt als Pilger mit Stab, oft mit 
einer Krone zu seinen Füßen, außer und 
neben dieser mit einem Schiff in der Hand 
oder mit Schiffen im Hintergrund u. a. 2 ). 

1. Der Name des Heiligen, wahrschein¬ 
lich ursprünglich Judokus, erscheint in 
den verschiedensten, meist verkürzten 
Formen, in Frankreich als Josse, in 
Deutschland als Joos, Jost und als Jobs, 
Jobst, diese beiden infolge Vermengung 


deutsche Verehrungsbewegung geht auf 
das Eifel- und Moselgebiet zurück. 

3. Wegen der großen Zahl seiner Patro¬ 
nate erlangte der Heilige eine besonders 
große Volkstümlichkeit, oder aber infolge 
einer früh stark einsetzenden Verehrung 
wurde er als Patron immer begehrter. 
Er wurde oder wird noch angerufen gegen 
Feuersbrunst, Emtebrand, Gewitter- und 
Hagelschlag, für das Gedeihen der Feld¬ 
früchte, des Obstes, weiter gegen Enger¬ 
linge, Kornmilben und alle Schädlinge 
des Getreides und gegen Viehseuchen. 
Vermutlich infolge der sprachlichen Ver¬ 
mischung seines Namens Jost mit Job 
(Hiob) wurde er zum Patron der Siechen 
und Siechenhäuser. Dieses Siechen- 
patronat ist freilich nur für Deutschland 
bezeugt. Sonst gilt er auch allgemein 
als Krankenpatron und Patron der 
Hospitäler. In Pestzeiten wurde er an¬ 
scheinend ebenfalls besonders verehrt, also 
auch Pestpatron. Auch gegen andere 



703 


Johannes d. Evangelist—Johannes der Täufer 


704 


705 


Johannes der Täufer 



Übel wandte man sich an ihn 4 ). Auf 
Grund mehrerer, nach der Legende durch 
seine Fürbitte hervorgerufener Heilungen j 
•Blinder wurde er auch Patron der Blinden. 
Weiterhin ist oder war St. J. neben 
Jakobus, dem „Zwölfboten“, typischer 
Wallfahrtsheiliger und als solcher Be¬ 
schützer der Pilger, der Reisenden, der 
Schiffer und Seefahrer überhaupt. Sein 
Kultzentrum St. Josse-sur-mer galt neben 
San-Jago-di-Compostella als hochberühm¬ 
tes Pilgerziel. Auf Vermischung des hl. 

J. mit diesem hl. Apostel Jakobus, mit 
dem der hl. Jodokus vielfach gemeinsam 
verehrt und am Jakobstage gefeiert 
wurde, ist auch das bereits erwähnte 
Obstpatronat des hl. Jodokus zurück¬ 
zuführen, da am Jakobstage vielfach die ! 
kommende Obsternte gesegnet wurde. 
Einigemal ist er auch als Patron der Liebe 
und des Kindersegens bezeugt, desgleichen 
als Vermittler eines Ehegatten, besonders ! 
für Mädchen 5 ). In je einem einzelnen 
Falle erscheint er als Patron des Kellers 1 
und der Bäcker 6 ). Zu betonen ist, daß die 
kultische Verbreitung der Patronate des j 
hl. J. nach Gegenden und Zeiten ver- j 
schieden gewesen ist. 

4 ) Z. B. gegen Halsübel, Wrede Eifeier 
Volksk . 2 83; oder gegen Zahnleiden, Köhler I 
Kleinere Schriften 3, 550. ö ) Schweiz. Id. 3, 72; | 
SAVk. 25, 146. 6 ) Trier a. a. O. 214. 215. ! 

4. Sein Tag wird auch als Lostag (Wetter) ' 
genannt 7 ). 

7 ) In Bayern: Wan der Sprichwörter-Lex. 2, 
1019 f. Wrede’ 

Johannes d. Evangelist (27. Dezember). 
Der Tag zeigt einige Weihnachtsbräuche, 
die auch an benachbarten Tagen geübt 
werden, wie Würstesammeln und Ge¬ 
schenke der Paten an ihre Patenkinder 1 ). 
Besonders wichtig ist die an diesem Tage ! 
vorgenommene Weihe des Weines (s. ! 
Johannissegen). Dem Evangelium des J. 
wird besondere Zauberkraft zugeschrieben 
(s. Johannisevangelium). Der Name des 
Evangelisten kommt in Zauberformeln 
vor, wie in einer braunschweigischen gegen 
Pferdekolik „de livling Johannes“ 2 ). Er 
ist (in Franken) auch „Wetterherr“ 3 ). 

In der Oberpfalz erzählt man, Joh. der 
Evangelist habe sich die Gnade erbeten, 
am jüngsten Tage die ohne Taufe gestor¬ 


benen Kinder in den Himmel führen zu 
dürfen 4 ) (wohl weil sein Tag dem der 
„unschuldigen Kindlein“ unmittelbar vor¬ 
hergeht). So heißt es von einem Kinder¬ 
brunnen in Jugenheim a. d. Bergstraße, 
Maria sitze mit dem h. Johannes darin, 
geige den noch ungeborenen Kindern vor 
und spiele mit ihnen 5 ). 

*) Sartori Sitte 3, 50. A. 8 und 9. 2 ) Andree 
Braunschweig 426; vgl. 416 f. 3 ) Wuttke 23 
(21). 4 ) Schönwerth Oberpfalz i, 204. 5 ) Wolf 
Beitr. 1, 165. Sartori. 

Johannes von Nepomuk, hl. Geboren 
zu Pomuk (Kr. Pilsen, Böhmen), Domherr 
in Prag. König Wenzel IV. ließ ihn 1393 
am Vorabend des Himmelfahrtsfestes in 
die Moldau stürzen, nach der späteren 
Legende, weil er sich weigerte, ihm zu 
verraten, was ihm die Königin im Beicht¬ 
stuhl anvertraut habe. 1729 heilig ge¬ 
sprochen; Gedächtnistag: 16. Mai*). Er 
ist Schutzpatron von Böhmen, wird aber 
auch im westlichen Münsterlande (als 
Jans Bomseens) und in Luxemburg ver¬ 
ehrt 2 ). Er ist namentlich Brückenhei¬ 
liger 3 ) und Patron der Beichtväter 4 ). 
Man verkauft St. Nepomukzungen, zun¬ 
genförmige Körper aus Stein, in Silber 
gefaßt, die gegen Zungenleiden und gegen 
üble Nachrede helfen 5 ). In der Um¬ 
gegend von Waldsee gab es ein „Mucken¬ 
feuer“, vielleicht zu seinen Ehren 6 ). In 
der Nähe von Nepomukstatuen zeigt sich 
allerlei Spuk 7 ). 

2 ) Künstle Ikonographie der Heiligen 350; 
Reinsberg Böhmen 239 ff. Mitunter ist er mit 
Joh. Hus verwechselt worden: Andree-Eysn 
Volkskundliches 128. 2 ) Fontaine Luxemb. 

113 (als Schützer gegen Verleumdung). 3 ) Men¬ 
zel Symbolik i, 155. 4 ) Beißel Heiligenver¬ 

ehrung 2, 52. 5 ) Andree-Eysn 127 f.; Andree 
Votive 120. 6 ) Birlinger Vclkst. 2, 97. 7 ) 

Ivühnau Sagen 1, 308 f. 405. 523. Sartori. 

Johannes der Täufer (24. Juni). 

1. Person und Name des Täufers. — 2. J.tag 
als Feiertag. — 3. Sonnenwende und sonstige 
„Wendungen“. — 4. Erneuerung und Kräfti¬ 
gung. — 5. Blick in die Zukunft. — 6. Wetter¬ 
regeln. — 7. Förderung der Gesundheit bei 
Menschen und Vieh. — 8. Förderung der Frucht¬ 
barkeit in Acker und Garten. — 9. Kräuter¬ 
sammeln. — 10. Weiterübung von Mai- und 
Pfingstbräuchen. — n. Wunder aller Art. Un¬ 
heimliche Wesen. Schutz- und Abwehrmittel. — 
12. Gefährlichkeit des J.tages. — 13. Opfer. — 
14. Seelenpflege. 

1. Joh. d. T. ist mit dem Mittsommer 


deshalb in Verbindung gebracht worden, 
weil er (nach Lukas i, 36) ein halbes Jahr 
älter war als Jesus. Seine Person spielt 
im übrigen in Glauben und Brauch des 
Johannistages keine besondere Rolle. 
Um Leobschütz sagt man wohl, der Heilige 
steige selbst in der J.nacht hernieder, 
segne die Blumen, die ihm zu Ehren ge¬ 
pflückt sind, und halte alles Ungemach 
von Haus und Hof fern x ). Am Vortage 
macht man ihm in Böhmen ein Lager aus 
Johannisblumen, auf dem er in der Nacht 
ruht, wenn man beim Abpflücken gebetet 
hat, worauf die Kräuter unter das Vieh¬ 
futter gemischt werden 2 ). In Schenken- 
dorf Kr. Guben erscheint der „Hans“ in 
der J.nacht als Mann ohne Kopf, ganz 
grün angezogen 3 ). An den „Täufer“ er¬ 
innert der Glaube, wenn man ein Kind 
am J.tage taufen lasse, so sei das so gut, 
als wenn man ihm tausend Taler mit¬ 
gebe 4 ). öfter wird der J.tag, wie so 
manche Festtage, persönlich dargestellt. 
In Schellbronn tritt Joh. d. T. als Maske 
im Vegetationsbrauch auf 5 ). Sogar von 
einem Weibe des J. ist die Rede 6 ). In 
Reichenbach wirft man nebst dem Mai¬ 
baum auch eine Person, den „Johannes“, 
ins Wasser 7 ), und in Braunschweig wird 
nach mehrtägiger Feier der „Johannich“ 
begraben 8 ). 

Ohne Beziehung auf seinen Tag ist von 
J. d. T. nicht allzu oft die Rede. Er ist 
Schutzpatron der Schneider, der Läm¬ 
mer und der Hirten und Schutzheiliger 
vieler Ortschaften 9 ). In Zaubersegen 
wird der Name J. ohne weitere Bestim¬ 
mung zwar manchmal genannt, aber dann 
ist wohl meist der Evangelist (s. d.) ge¬ 
meint, namentlich wenn er in Gemein¬ 
schaft mit Maria auftritt. Doch kommt 
auch der Täufer gelegentlich vor 10 ). 
Von Slovenen und Krainern wird er gegen 
BJitz und Hagelschlag angefleht u ). Früher 
wurde er auch bei Heiserkeit angerufen, 
denn es heißt ja: vox clamantis in de- 
serto 12 ). Die „Johannisangst“ ihrer 
Kinder (Alpdrücken) bewegt die Mütter 
zu einem Bittgang, um den hl. Joh. an¬ 
zurufen 13 ). Vgl. Johannishaupt, Jo¬ 
hannis Enthauptung, Johannis¬ 
krankheit. 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


Der Name des Täufers hat im Volke 
die größte Verbreitung und Allgemein¬ 
verwertung gefunden 14 ). Über ihn hat 
der Teufel keine Gewalt 15 ). Wo im Hause 
ein J. wohnt, schlagen Donner und Blitz 
nicht ein 16 ). Um einen Schatz heben zu 
können, muß man J. heißen 17 ). Der 
„gute Johanni“, ein Hauskobold, trägt 
den Leuten alles zu 18 ). Die zwölf „Jo¬ 
hannesse“ fahren auf einer Glücksscheibe 
durch alle Länder 19 ). 

x ) Drechsler 1, 143. 2 ) Wuttke 104 (134). 
3 ) Brunner Ostdeutsche Volksk. 234. 4 ) Enge- 
lien u. Lahn 234. 5 ) Meyer Baden 227. 6 ) 

Mannhardt 1, 467 f. 493. 7 ) Köhler Voigtl. 

176; Sartori Sitte 3, 231 A. 52. 8 ) Andree 
Braunschweig 2 358; ZfVk. 9, 438; Sartori 3, 
236 f. 9 ) Albers Das Jahr 242. Reliquien des 
J.: Journal de psychologie (Paris) 24 (1927), 
63 ff. 10 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 215; 
Frischbier Hexenspr. 39. n ) ZföVk. 4, 145. 
12 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 10. 13 j Fox 

Saarland 260 f. 322. Vgl. Journal de psycho¬ 
logie 24, 66. 14 ) Meisinger Hinz und Kunz 

29 ff.; Mensing Schles.-Holst. Wb. 2, 1041. 
15 ) Bechstein Thüringen 2, 16; Tettau u. 
Temme 143. 16 ) Mannhardt German. Myth. 
26 A. 2; Birlinger Volkst. 1, 194. 17 ) Stracker- 
jan 1, 327; Eisei Voigtland 183 (486). 18 ) 

Müllenhoff Sagen 323. I9 ) Witzschel Thür. 

I, 298 (309). 

2. Der J.tag ist zwar jetzt ein „ab¬ 
gesetzter“ Feiertag, aber das Volk 
empfindet das als eine Ungehörigkeit, 
und wenn es in Billerbeck nach Johanni 
regnet, so schieben das viele auf diese 
Entwertung 20 ). Ein Bauer bei Arendsee, 
der trotzdem feiert, findet ein Zwei¬ 
groschenstück 21 ). In Tirol gilt der J.tag 
noch als halber Bauernfeiertag 22 ), in 
Oberösterreich wird das Futter für das 
Vieh an vielen Orten schon am Vortage 
eingebracht 23 ). Man soll wenigstens alle 
schwere und knechtische Arbeit ruhen 
lassen 24 ), auch solche, bei der Haustiere 
nötig sind 25 ). In Mayen-Niedermendig 
warnt man vor dem Stricken, weil 
sonst der Blitz einschlage 26 ) (Weiteres 
s. u. 12). Übrigens feierte man früher 
an manchen Orten mehrere Tage der 

J. woche hindurch 27 ). 

20 ) Sartori Westfalen 58. 21 ) Kuhn u. 

Schwartz 116 (130). 22 ) Hörmann Volks¬ 

leben 121. 23 ) Baumgarten Jahru. s. Tage 27. 
24 ) Sartori 5 . u. Br. 3, 222. 25 ) HessBl. 7, 28. 
2G ) ZfrwVk. 12, 82. 27 ) Kapff Festgebr. 19; 
ZfVk. 9, 438. 


23a 



707 


Johannes der Täufer 


708 


3. Joh. d. T. ist der einzige Heilige, der 
an seinem Geburtstage und nicht an seinem 
Sterbetage gefeiert wird. Es ist Mitt¬ 
sommer, und Mittags- und Mitternachts¬ 
stunde sind von gleicher Weihe und 
Heiligkeit. Wie am kürzesten Tage des 
Jahres 28 ), so findet auch am längsten 
die Sonnenwende in allerlei „Wen¬ 
dungen“ auf Erden ihr Gleichnis und 
Ebenbild. Die Fischer auf Finkenwärder 
glauben, daß in der J.nacht jedes Wrack 
auf dem Grunde des Wassers sich wende 29 ). 
Der Kranz von neunerlei Blumen, den 
man auf Johanni flicht und in der Mitte 
der Stube aufhängt, dreht sich das ganze 
Jahr hindurch 30 ). In Lerbach (Oberharz) 
schmücken die Kinder kleine Tannen¬ 
bäumchen und drehen sie unter Gesang 
von der Linken zur Rechten 31 ). Im 
Honter Komitat (Ungarn) gehen sie in 
der Morgendämmerung von Haus zu 
Haus mit Stahl und Feuerstein und werfen 
den Stahl mit den Worten „Stahl bringe 
ich und habe euch Feuer geschlagen“ so 
auf die Erde, daß er sich eine Zeitlang 
dreht. Es heißt, daß dadurch das Haus 
vor Feuerschaden, die Saat vor Dürre 
beschützt werde 32 ). „ Johannig dreiht sik 
dat här upr kau“: die Kühe werden rauh 33 ). 
„Johanni dreiht sik jedes Blatt an’n 
Boom“ 34 ). „Wenn sich das Blattwerk 
dreht“, müssen Blutstropfen vom J.kraut 
gesammelt werden 35 ). In Brandenburg 
muß ein nackter Mann die Zwiebeln über 
der Erde umknicken 36 ), und im Erz¬ 
gebirge schneidet in der Nacht der Teufel 
die Spitzen der Pflanzen ab 37 ). Andrer¬ 
seits knüpfen sich auch an die sommer¬ 
liche Sonnenwende die in den winterlichen 
Zwölften so gehäuften Verbote des 
Drehens. In Norwegen darf man nicht 
braugn, der Rost im Brauhause würde 
sich sonst schämen und sich umdrehen. 
Man darf auch nicht backen und sonst 
keine Arbeit verrichten, wobei etwas 
umzudrehen ist 38 ). Auch anderswo ist : 
untersagt zu spinnen und Dünger zu 
fahren 39 ). 

Sartori 3, 55 A. 5. 29 ) Lauffer Nieder¬ 
deutsche Volksk. 88 . 30 ) Schulenburg Wen¬ 
disches Volkst. 145. 31 ) Mannhardt Germ. 

Myth. 512; ZfdMyth. 1, 81. 32 ) Z fVk. 4, 402. 
33 ) Andree Braunschw . 2 413. M) Wossidlo 


im Beiblatt z. Warener Tageblatt v. 20. Juni 
1926 (Nr. 41); Urds-Brunnen 5, 129 (Solling); 
Vgl. SAVk. 30, 1 ff. (schon bei Theophrast und 
Plinius: ebda 5); Kück Wetterglaube 72 ff. 
35 ) Tetzner Slaven 381 (Polaben). 36 ) Fehrle 
Johannistag 11. Vgl. Grimm Mythol. 3, 438 
( XI 7 )- 37 ) John Erzgeb. 205. 38 ) Liebrecht 

Zur Volksk. 315 (32). 3 ») Wuttke 402 {619). 

4*7 (650). 

4. Die zweite Hälfte des Jahres beginnt. 
Es ist zwar die absteigende, aber sie 
bringt doch etwas Neues, in mancher 
Hinsicht Frisches und Kräftiges. 
Wenn man ein Kind am J.tage taufen 
läßt, das ist so gut, als wenn man ihm 
tausend Taler mitgäbe 40 ). Kinder, die 
zu Johanni entwöhnt werden, haben 
Glück 41 ), sie wandeln in lauter Sonnen¬ 
schein 42 ), bekommen die Zähne leicht 
und haben auch später keine Zahn¬ 
schmerzen 43 ). Entzweite versöhnen sich 
wieder und trinken den J.segen (s. 
d.) 44 ). Wenn man jetzt die Pelze und 
Tuchsachen heraushängt und ausklopft, 
kommen die Motten nicht hinein 45 ). 
Noch vor Sonnenaufgang werden die 
Brunnen gereinigt 46 ), sonst kommen 
Maden und Würmer in das Wasser. Das 
ausgeschöpfte Wasser gibt man dem Vieh 
zu trinken, damit es gesund bleibe 47 ). 
Hier und da wird das häusliche Feuer 
erneuert 48 ). Im nördlichen Posen wird 
als deutscher Brauch angegeben, daß 
nach Löschung aller Feuer ein Rad so 
lange an einem Pfahle gedreht wird, bis es 
Feuer fängt 49 ). Am Niederrhein wurde 
der Feuerherd mit dem Scharholz, einem 
schweren Eichenblocke, neu angelegt; 
das alte wurde zerstoßen und unter das 
Saatkorn gemischt oder in den Garten 
gestreut 50 ). Der Kuckuck hört nun auf 
zu rufen. Wenn er noch nach Johanni 
schreit, so bedeutet das Teuerung 51 ). 
Wenn er (in Böhmen) nicht schon vor 
J.tag schreit, so ist das Landvolk in Be¬ 
sorgnis, daß die Saat ein Unglück treffen 
werde 52 ). Gewisse Früchte werden erst 
jetzt dem Genüsse freigegeben 53 ). Mütter, 
denen ein Kind gestorben ist, dürfen vor 
Johanni keine Kirschen und Erdbeeren 
essen 54 ). Auch eine Schwangere muß 
sich vor J. jeder Frucht wie Erdbeeren, 
Taubeeren enthalten, sonst ißt sie dem 


709 


Johannes der Täufer 


710 


Kinde die Freude ab 55 ). Der Jäger soll 
vor J. keine Erdbeeren essen, weil er 
sonst keinen sicheren Schuß mehr hat 56 ). 
Vom J.tage an schadet die Maulwurfs¬ 
grille dem Mais nicht mehr 57 ). 

40 ) Engelien u. Lahn 1, 234 (25). 41 ) Sar¬ 
tori 5 . u. Br. 3, 225. 42 ) John Erzgeb. 63. 

43 ) Engelien u. Lahn 1, 247 (99); vgl. 234. 
Man muß sich dazu auf einen Stein setzen: 
Beibl. z. Warener Tageblatt v. 20. Juni 1926 
(Nr. 141). 41 ) Sartori 3, 233. 45 ) Engelien 

u. Lahn 234; Bartsch Mecklenburg 2, 291. 
46 ) Sartori 3, 232. 47 ) ZfVk. 7, 148 (Anhalt). 
48 ) Sartori 3, 229. 4d ) Brunner Ostdeutsche 

Volksk. 234. 60 ) ZfrwVk. 12, 89. 51 ) Grimm 

Myth. 3, 442 (228: Chemnitzer Rockenphilo¬ 
sophie). 467 (904: Bayern); Pollinger 
Landshut 166; Leoprechting Lechrain 79; 
Zingerle Tirol 85 (715. 716); Fontaine 
Luxemburg 63; Kuhn Westfalen 2, 75 (226). 
Er wird zum Habicht: Schnippei Ost- u. 
Westpr. 2, 17 f. 62 ) Reinsberg Böhmen 318 f. 
53 ) Sartori 3, 235 f. 54 ) Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 203 f.; Panzer Beitr. 2, 13; Urquell 
N. F. 1, 10 f. (Tschechen); Mannhardt Germ. 
Mythol. 248. 55 ) Schönwerth 1, 152 (3). 

56 ) Landsteiner Niederösterreich 57 A. 1. 

57 ) Manz Sargans 124. 

5. J.nacht und J.tag gewähren, wie 
alle bedeutsamen Wendepunkte des 
Jahres, einen Blick in die Zukunft 58 ). 
Was in der J.nacht geträumt wird, 
geht immer in Erfüllung 59 ), oder doch 
wenn man am J.abend zwischen 11 
und 12 Uhr stillschweigend neun Kräuter 
zu einem Strauße bindet und diesen 
unter das Kopfkissen legt 80 ). Ritzt 
jemand in der J.nacht ein bestimmtes 
Zeichen auf Silber oder weißem Leder 
ein und schläft darauf, so träumt er, 
was er will, wenn die Sonne am tiefsten 
steht (Island) 61 ). Heirat und Tod sind 
die wichtigsten Gegenstände der Wi߬ 
begier. Wenn Zweige, namentlich Ranken 
der Fetthenne (Sedum telephium), am 
J.tage eingesteckt werden und dann 
zusammen wachsen, so ist daraus auf 
Heirat oder Sterbefall zu schließen 62 ). 
Die Zeit des Wartens auf den Bräutigam 
wird durch Kranzwerfen bestimmt 63 ); 
ebenso auch ein Todesfall 64 ). Mit Hilfe 
des J.Straußes von neunerlei Blumen 
kann man den Zukünftigen sehen; der 
Strauß muß aber durch die Tür ins Haus 
geworfen oder durch das Fenster hinein- 
gesteckt werden 65 ). Art und Stand des 


| künftigen Gatten werden durch das Ge¬ 
räusch erhitzten Wassers angedeutet 66 ), 
durch Sehen ins Wasser 6? ), durch 
„Kaulchendrehen“ und Beobachtung des 
Inhalts einer Grube 68 ), durch Zupfen der 
Wucherblume (Chrysanthemum leucan- 
themum) 6Ö ), durch Rasenbeschauung 70 ). 
Um den künftigen Liebsten im Traume 
zu sehen, soll man das Wasser des Baches 
mit der Fußspitze berühren unter Aus¬ 
sprechen einer Formel 71 ), Samen streuen 72 ), 
Kuchen 73 ) oder Kranz unter das Kopf¬ 
kissen legen 74 ). In Tirol müssen Liebes- 
orakel während des (sehr kurzen) Feier¬ 
abendläutens vorgenommen werden 7S ). 
Am „Böhnele“, das am J.tage gepflückt 
wurde, kann man sehen, ob man im lau¬ 
fenden Jahre stirbt oder nicht 76 ). Um 
zu wissen, wer zuerst stirbt, steckt man 
Pflanzen für die einzelnen Hausgenossen 
irgendwohin, und wessen Pflanze zuerst 
verdorrt, der stirbt zuerst 77 ). Mädchen 
schneiden am J.abend Zwiebelstangen 
in gleicher Höhe ab. Die, deren Schaft 
am nächsten Morgen am meisten ge¬ 
wachsen ist, wird das meiste Glück haben 78 ). 
In England ziehen um Mitternacht alle 
Todeskandidaten des nächsten Jahres 
am Kirchenportal vorüber in die Kirche 79 ). 
Die Lebenshöhle, in der die Lebenslichter 
der Leute von Aichleit brennen, öffnet 
sich am J.tage 80 ). 

38 ) Sartori $. u. Br. 3, 224; Wuttke 253 
(366); ZfVk. 2, 392 ff. (Neugriechen). 59 ) Manz 
Sargans 127. 60 ) Drechsler 2, 202; Schnippei 
Ost-u. Westpr. 1, 34. 61 ) ZfVk. 13, 277. #2 ) Hoff- 
mann-Krayer 163; ZfrwVk. 12, 85; Töppen 
Masuren 71 f.; NiedZfVk. 4, 241; Reinsberg 
Festjahr 2 225; ObZfVk. 2, 117; Mensing Wbch . 

2, 1046. Vgl. unten A. 77. 63 ) Grimm Mythol. 

3, 464 (848); 475 (1093); Drechsler 1, 144; 

Knoop Posen 333 (113); Vernaleken Alpen¬ 
sagen 343; Hörmann Volksleben 116; Tetzner 
Slaven 80 (Litauer); Knoop Hinterpommern 
181; Schnippei i, 32 f.; Sartori 3, 224 A. 11. 
64 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 287. 65 ) Köhler 
Voigtland 376. C6 ) Drechsler 1, 145 f. ® 7 ) Ur¬ 
quell N. F. 1, 11 (Tschechen); Rosegger 

Steiermark 65. 262. 68 ) Lemke Ostpreußen 1, 

20 f.; Töppen Masuren 73. 69 ) Wüstefeld 

Eichsfeld 142 (die J.blume gibt dem Mädchen 
auch Auskunft über den zu erwartenden Kinder¬ 
segen); Reinsberg Festjahr 225. 70 ) Volk 

u. Rasse 3, 115. 71 ) Meyer Baden 168. 72 ) Ho- 
vorka u. Kronfeld 2, 173 (Angerburg). 

73 ) Höfler Gebildbrote d. Sommer-Sonnenwend* 
zeit 13. 74 ) Bartsch Meckl. 2, 285; John 


7ii 


Johannes der Täufer 


Erzgeb. 205; Hörmann Volksleben 115; Sar- 
tori 3, 224 A. 11. 75 ) Hörmann 115 f. 7e ) Hoff- 
mann-Krayer 163 f.; SAVk. 15, 5. ”) Grimm 
Mythol. 3, 473 (1020); vgl. 482 (126); ZfVk. 6, 
4°7 (Iglau i. Mähren); John Erzgeb. 117; 
Toppen Masuren 71; Meiche Sagen 657. 
Vgl. oben A. 62. 78 ) Knoop Posen 333 (114). 
7# ) Reinsberg Festjahr 2 224. 80 ) Zingerle 

Tirol 159 (1356). 

6 . Auch für das Wetter ist der J.tag 
ein wichtiger Wendepunkt. Hat man vor 
J. keinen Regen, so hat man ihn nach 
J- 81 )• Vor J. soll die ganze Gemeinde 
um Regen beten, nachher zwingt’s ein 
altes Weib allein 82 ). ,,Wenns Wätter 
uf Johanni nit änderet, so änderet’s 
nümme“ 83 ). Ist das Wetter vor St. J. 
grob, so ist es nachher mild und lind, 
denn St. J. will seinen Regen haben 84 ). 
J.regen bringt keinen Segen 85 ). „ J. 
tauft/' sagt man dann 86 ). Wenn’s am 
J.tage regnet, so regnet’s noch vier 
Wochen 87 ) oder vierzig Tage 88 ). Die 
Haselnüsse geraten dann schlecht 89 ),und 
viele Mädchen werden schwanger 90 ), es 
gibt keinen Salatsamen 91 ), der Weizen 
wird brandig und die Ernte schlecht 92 ). 
Mittags von n—12 Uhr stehen die Buch¬ 
eckern offen, regnet’s dann, so verdirbt 
die Mast 93 ). Dagegen sagt man wieder 
in Röbel: Wenn’s J.tag regnet,gibt’s gute 
Buchmast 94 ). Der große Gleichberg bei 
Römhild nimmt am J.tage kein Un¬ 
gewitter an, sondern zerteilt es ö5 ). 

81 ) And ree Braunschweig 410; ZfrwVk. 12, 
84. 82 ) ZfVk. 9, 233 (Nordthüringen); Men- 

sing Schlesw. Wb. 2, 1042, Kück Wetter¬ 
glaube 71. 83 ) SAVk. 12, 20 (Baselland) 84 ) 

Leoprechting Lechrain 184!. 85 ) John 

Erzgeb. 207. 86 ) Mitt.Anhalt.Gesch. 14, 21 ; 

Wüstefeld Eichsfeld 141. 87 ) Bartsch 

Meckl. 2, 292. 88 ) Stracke rjan2,92; Drechs- | 
ler i, 146. 89 ) Andree Braunschw. 413; 

ZfVk. 23, 61 (Österreich); Lütolf Sagen 106 
(aber es gibt gute Frucht); Bayerischer Heimat¬ 
schutz 23, 126 (schon i. J. 1604); Meier 
Schwaben 2, 429; Drechsler 1, 146; 2, 149; 
Kuhn Westfalen 2, 175 (485); Meyer Abergl. 
214; Zingerle Tirol 160 (1361); Grimm Myth. 

3 * 43 ** (116: Chemnitzer Rockenphilosophie: 
aber die Huren geraten). 90 ) Leoprechting 
184. 91 ) Zingerle 159 (1358). 92 ) Schönwerth 
Oberpfalz 2, 128 (2); Pollinger Landshut 231; 
Engelien u. Lahn 1, 234 (24). 93 ) Kuhn 

Westfalen 176 (486); Bartsch Meckl. 2, 291; 
Kuhn u. Schwartz 393 (91); Andree Braun¬ 
schweig 410; Urds-Brunnen 5, 129 (Solling). 


712 

° 4 ) Bartsch 2, 292. 95 ) Bechstein Sagen¬ 

schatz d. Frankenlandes 259 (124). 

7. Die Vornahme gewisser Handlungen 
am J.tage heilt Krankheiten und fördert 
Gesundheit und Wohlbefinden bei 
Menschen und Vieh. Vor Sonnenaufgang 
stillschweigend Eichenholz auf den Leib 
gestrichen beseitigt alle offenen Schäden 96 ). 
Gegen englische Krankheit legt man das 
Kind am J.morgen nackt in den Garten 
und säet Leinsamen darüber. Wenn die 
Leinsaat aufgeht, zu „laufen" anfängt, 
fängt auch das Kind an zu laufen 97 ). 
Der von der Gicht Geplagte geht in der 
J.nacht stillschweigend nach der Grenze 
der Feldmark und pflanzt dort einen 
Alvenstrauch, worauf die Gicht ver¬ 
schwindet 98 ). Wer von der Krätze be¬ 
freit werden will, muß sich in der J.nacht 
über drei Wasserfurchen wälzen "). Um 
sich vor Bruchschaden und ähnlichen 
Leiden zu befreien, kriecht man durch 
gespaltene Bäume 10 °). Gegen Ermüdung 
auf der Reise und gegen Rückenschmerzen 
band man geweihten Beifuß um sich 101 ). 
Auch gegen Gespenster, Zauber, Un¬ 
glücksfälle und Krankheit hilft diese 
Umgürtung 102 ). Sein Pferd kann man 
von Bauchgrimmen heilen, wenn man 
seinen letzten Kommunionshut auf eine 
in der J.nacht geschnittene Weide hängt 103 ). 
Ein Kind, das man vor Sonnenaufgang 
unter eine Haselstaude bringt, wird von 
der Sonne nicht gebräunt 104 ). Das Schau¬ 
keln (s. d.), das namentlich bei Letten 
und Esten vorgenommen wird, ist wohl 
als eine Art Reinigung durch die Luft 
zu betrachten 105 ). Am J.tag werden 
Leute vom Veitstänze befreit, vor dem 
sie den ganzen vorhergehenden Monat 
Angst gehabt haben 106 ). Allerlei Speisen 
und Getränke sind von besonderer Kraft¬ 
wirkung 107 ). Die Butter, die um J. ge¬ 
schlagen wird, ist sehr heilsam und wird 
deshalb aufbewahrt 108 ). Gegen Kopf¬ 
schmerzen ißt man Semmelmilch 109 ). Met¬ 
trinken hilft gegen Kreuzweh 1I0 ). Aus 
den Blüten der am J. abend gewundenen 
Kränze kocht man Tee gegen verschie¬ 
dene Krankheiten 111 ). Den um n Uhr 
eingetragenen Tee trinkt man um 12, 
um sich gesund zu erhalten 112 ). Wer 


r 


' 


713 


Johannes der Täufer 


714 


1 am J.tage Milch mit Holunder trinkt, hat 
Jp das ganze Jahr keinen Anstoß von der 
Rose 113 ). In Tirol und im Salzburgischen 
, / pflegt man am J.abend dreierlei, siebener- 
lei oder neunerlei Kuchen zu backen 114 ), 
i Vor allem liebt man es, die Blüten der 

4 

i? Holunderstauden in Schmalz gebacken 
zu essen 115 ), dann wird man das Jahr 
über nicht krank 116 ). 

v 

® 6 ) Grimm Mythol. 3, 471 (970). 97 ) Stracker- 
jan 1, 92 f. 98 ) Bartsch 2, 285. 99 ) Beiblatt 

z. Warener Tageblatt v. 20. Juni 1926. xo °) Ebd.; 
Strackerjan 1, 83. 101 ) Bartsch 2, 287; 

Marzeil Pflanzenwelt 26. Vgl. oben 1, 1006. 
102 ) Grohmann 90 (635). 103 ) Strackerjan 

I, 95 - 1UJ ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 27. 

105 ) ZfrwVk. 23, 49. 54; Brunner Ostdeutsche 
Volksk. 235. lü6 ) ZfVk. 24, 126 f. 127. 237 f. 
107 ) Höf ler Gebildbrote der Sommer-Sonnen¬ 
wendzeit. S.-A. a. d. 3. Heft des 16. Jahrg. der 
ZföVk. 1910; Sartori S. tt. Br. 3, 235. 108 ) Zin¬ 
gerle Tirol 160 (1362). lrt9 ) John Erzgeb. 206. 
110 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 27. m ) 
Toppen Masuren 71. 112 ) John Erzgeb. 205. 

113 ) Mannhardt Germ. Myth. 26. 1U ) ZfdMyth. 
3, 339; Zingerle Tirol 160 (1365). I15 ) Höfler 
Gebildbrote 12; ders. Waldkult 108; BayHfte 1, 
93; Leoprechting Lechrain 184; Kapff 
Festgebr. 19; Hörmann Volksleben 117; John 
Westb. 226; Lehmann Sudetendeutsche 147; 
Schramek Böhmerwald 159. 116 ) Baum¬ 

garten Jahr 27. 

8. Wie auf Menschen und Tiere, so 
wirkt auch auf Acker und Garten der 
Segen des J.tages 317 ). Die Großrussen 
mähen bis zu diesem Tage das Heu nicht, 
weil es bis dahin keine wirkliche Nähr¬ 
kraft hat 118 ). Am J.abend soll man 
Zwiebeln legen, so werden sie groß Uö ). 
Am J.tage muß man Zwiebeln umtreten 
oder peitschen 12 °). Man fegt den Kohl, 
das schützt vor Raupen 121 ). Man muß 
um drei der gesteckten Krautpflanzen 
Land aufhäufeln, dann bekommt man 
viele Krauthäuptchen 122 ). Das An¬ 
häufeln des Gemüses hilft auch gegen den 
Erdfloh 123 ). Groß und fett wird das 
Kraut, wenn am J.tage ein Stein 
hineingeworfen wird 124 ). Am J.abend 
soll man alles säen, was man kraus haben 
will, Krauskohl usw. 125 ). Wenn man am 

J. tage die Weinstöcke schüttelt, so be¬ 
kommt der Wein angenehmen Geruch 
und Bodengeschmack 126 ). Der Bauer 
geht zum Weizenfeld und liest das J.evan- 
gelium, dann wird der Weizen nicht 


brandig 127 ). Am J.tage gesteckte Ret¬ 
tiche werden groß und „schossen" nicht 128 ). 
Wenn Disteln gestochen werden, wachsen 
sie nicht wieder 129 ). An der J.vigilie muß 
man den Lauch aufbinden, sonst versinkt 
er 130 ). Drei Tage vor oder nach J. soll 
man Flachs säen, dann wird er recht 
lang 131 ). Der Zauber der Nacktheit und 
das Wälzen von Paaren auf dem Acker- 
und Gartenland kommen öfter zur Aus¬ 
übung 132 ). Im Saalfeldischen tanzen in 
der J.nacht die Mädchen um den Flachs, 
ziehen sich nackt aus und wälzen sich 
darin 133 ). Um das Korn vor den Vögeln 
zu schützen, muß man in der J.nacht 
nackt aufs Feld gehen, aus jeder Ecke 
einige Halme mähen und sie, zum Kreuz 
geformt, in den Schornstein hängen, wo 
weder Sonne noch Mond hinscheint 134 ). 
Auch kann man den Vögeln „die Mäuler 
zu tun" 135 ). Selbst bedenkliche Mittel 
auf Kosten der Nachbarn werden nicht 
gescheut, um den Ertrag des Feldes zu 
steigern 136 ). Künftiger Erntesegen läßt 
sich jetzt vorauserkennen. So viele Tage 
vor oder nach J. der Flieder blüht, so 
viel vor oder nach Jakobi wird der Roggen 
reif sein 137 ). Wenn me z’ Johanni drei 
öpfel a de Bäume gseht, se soll me 
d’ Hurt z’wäg mache, denn’s git vil Obs 
(Baselland) 138 ). 

117 ) Sartori S. u. Br. 3, 223. 118 ) Zelenin 
Russische Volksk. 371. 119 ) Lütolf Sagen 106. 
12 °) Eberhardt Landwirtschaft 3. m ) Wuttke 
417 (648: Oldenburg). 122 ) Köhler Voigtland 
3 7 7 - 123 ) ZfrwVk. 2, 295. 124 ) John Erzgeb. 225. 
125 ) Reinsberg Böhmen 318. Vgl. ZfrwVk. 12, 
84. 126 ) Meier Schwaben 2, 428. 127 ) John 

Westb. 84. 128 ) John Erzgeb. 225. 129 ) ZirwVk. 
j 4, 30; 12, 84. I3 °) Wettstein Disentis 173 

(22). 131 ) Urds-Brunnen 5, 129 (Solling). 

132 ) Sartori 3, 223 A. 10. 133 ) Grimm Mythol. 
3,452 (519). 134 ) Maack Lübeck 62. 13S ) ZirwVk. 
12, 84 f. 136 ) Bartsch 2, 286 (1434). Vgl. 
290 (1446). Auch um die Milch der Nach¬ 
barinnen sich anzueignen: Grimm Mythol. 3, 
417 ( 3 °)- 137 ) Bartsch 2, 292. 138 ) SAVk. 12, 16. 

9. Was jetzt die Natur an Kräutern 
hervorbringt, ist von besonderer Güte 
und Kraft. Manche werden erst dadurch 
heil- und zauberkräftig, daß sie am 
J.tage geholt werden 1S9 ), und zwar in der 
Mittagsstunde, sonst sind sie kraftlos 140 ). 
Dazu gehört vor allem das J.kraut 
(Hypericum perforatum) 141 ) (s. d.). Oft 



715 


Johannes der Täufer 


716 


ist die Sammlung von 7 oder 9 Arten von 
Feldblumen vorgeschrieben 142 ). Den 
J.strauß pflückt man am besten aus 
9 verschiedenen Kräutern. Er ist gut 
gegen alle Krankheiten, auch gegen Blitz 
und Feuersgefahr, Hexen und Teufel, 
wenn man ihn am Haus oder Stall auf¬ 
hängt. Einige kochen sich den Strauß 
und essen ihn, andere machen sich Tee 
daraus 143 ). Der Rauch der J.kräuter, die 
man während eines Gewitters entzündet, 
schützt das Haus gegen Blitz und Donner 
und beschwichtigt den Sturm 144 ). Im 
Egerlande muß man das heilwirkende 
Fünffingerkraut während des Mittag- 
läutens schneiden 146 ). Die J.hand 
(Orchis maculata) bringt Glück und 
Geld und schützt gegen Blitz 146 ). Sie 
wächst zwischen 12 und 1 Uhr aus der 
Erde. Ihr Bestreichen hilft gegen allerlei 
Flüsse und Übel 147 ). Das am J.tage 
gehauene Gras wird auf dem Boden ge¬ 
trocknet und den Tieren unters Futter 
gegeben, um sie vor Schaden und Be- 
schreiung zu schützen 148 ). Zwischen 
II Uhr und Mittag soll man in drei 
Schnitten eine Aschen schneiden, mit 
der man viele Schäden durch bloßes 
Auflegen heilen kann 149 ). Um Disteln 
vom eigenen Acker zu vertreiben, muß 
man am J.tag um 12 Uhr Pflanzen auf 
anderer Leute Gebiet versetzen 16 °). 

Andrerseits glaubt man aber auch, 
daß (wegen des bösen Krebses, s. unten 12) 
Flieder, Kamillen und andere Blüten 
vor Johanni gepflückt werden müssen 
(sie können sonst mehr schaden als 
nützen) 151 ) und daß nur die detn J.tage 
vorausgehende Nacht zum Sammeln 
geeignet sei 152 ). Wer in dieser das J.kraut 
blühend findet, wird reich und glück¬ 
lich 153 ) (vgl. auch Johanniskohle). 

Mit den gesammelten Kräutern und 
Blumen werden auch die Häuser be¬ 
hängt 154 ). Sie schützen vor Brand und 
Gewitter 155 ). Auch auf die Hausdächer 
wirft man Kränze gegen Brand und Ge¬ 
witter; sie bleiben liegen, bis die Luft 
sie wegweht 156 ). Jede Seite des Daches 
muß einen Kranz haben 157 ). Man wirft 
für jede Person des Hauses einen; wessen 
Kränzchen herunterrutscht, der stirbt 


bald 158 ). Mit den brennenden oder 
rauchenden Überresten der Kränze des 
vorigen Jahres beräuchert man die wilden 
Stachelbeerhecken 159 ). Zu Duyven in 
Holland schmückt man die Häuser mit 
Zweigen von Nußbaum und Rosen 160 ). 
Ebenso am Niederrhein mit rosenge¬ 
schmückten Nußzweigen (Jans-tack), die 
vor Blitz und Donner bewahren sollen 161 ). 
In Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern 
und Deutschböhmen ist die Arnika die 
eigentliche J.blume. Man steckt sie an 
die Felder, damit Bilmesschnitter und 
Hexen nicht schaden können 162 ). Im 
Eichsfelde sind alle Häuser mit Kränzen 
von gelbgrünem Mauerpfeffer (Sedum 
acre) behängt 163 ). In Windischgarsten 
geht vor Tagesanbruch fast aus jedem 
Hause jemand um Haselzweige, woran 
je 4 bis 5 Blätter sind. Sie werden in 
die Fenster gestellt 164 ). Haselnußlaub 
und Tauron wird in Merkenbrechts am 
J.abend in den Flachs gestreut, damit 
keine Hexe darüber komme 165 ). In 
Bocholt schmückt man die Häuser mit 
Birken 166 ). Ebenso in Posen 167 ). Die 
Kaschuben schmücken ihre Stuben mit 
Kalmusblättern und Ahornzweigen 168 ). 
In Eichfelde steckt man in jedes Garten¬ 
beet einen Erlenzweig, damit es der Maul¬ 
wurf nicht zerwühle 169 ). In Polen trägt 
man am J.abend Kräuter ein, legt Korn¬ 
blumenkränze zum Schutze gegen Hexen 
vor die Ställe, pflanzt Bäumchen auf den 
Dünger und zieht eine Girlande vor den 
Stall 170 ). Ähnlich in Schlesien, auch 
über die Dorf- oder Straßeneingänge, 
damit kein böser Geist einziehe. Die 
mit Rosen behängten Schnüre heißen 
Rosentöpfe 171 ). In Anhalt ist die J.kröne 
allgemein, entweder ein einfacher Kranz 
oder zwei kreuzweise ineinander gescho¬ 
bene Reifen. Radeln hineinzuwinden, 
die den Blitz anziehen sollen, war in 
Radegast verboten und in Zehmitz 
Rosen 172 ). An manchen Orten wird die 
Krone, sobald der erste Roggen einge¬ 
fahren wird, von ihrem Orte herab¬ 
genommen, in vier Teile zerrissen und je 
ein Stück davon in die vier Ecken der 
Scheune gelegt. Dadurch soll das Korn 
vor Mäusefraß geschützt werden 173 ). Unter 



der J.kröne wird getanzt 174 ). Auch die 
Brunnen werden geschmückt 175 ). 

139 ) Sartori 3, 224 t.; ders. Westfalen 167; 
Zahler Simmental 61; Fontaine Luxemburg 
162; Vernaleken Alpensagen 373; ZfrwVk. 
12, 86 f.; Schnippei Volksk. v. Ost- u. West¬ 
preußen 1, 28 ff.; Heckscher 132. 386 f.; 
Frazer 11, 43 ff.; Sebillot Folk-Lore 3, 419. 
465. 474 ff.; Journal de psychologie (Paris) 24 
(1927) 49 ff. Die vor Zauber schützende J.- 
wurzel blüht dreimal, am Weihnachtsabend, am 
Osterabend und am J.tag: Witzschel Thür. 
2, 275 (82). 14 °) ZfVk. 4, 86. 141 ) Fehrle Jo¬ 
hannistag 14 f.; Dähnhardt Natursagen 2, 19. 
228. 257; NiedZfVk. 4, 242 f.; Mensing 

Schles. Holst.Wb. 2, 1046; Marzell Pflanzen¬ 
welt 25; Volkskunde 20, 168 ff.; Frazer ii, 
54 k; ObZfVk. 2, 117 k Über den Beifuß 
(Artemisia vulgaris): ebd. 2, 115k Oben 1, 
1006 f. 142 ) Fehrle 15. 143 ) Maack Lübeck 48 f. 
Vgl. Bartsch Mecklenb. 2, 291. 144 ) Ebd. 2, 

287. 145 ) Lehmann Sudetendeutsche 147 f. 

i48 ) NiedZfVk. 4, 242; Marzell Pflanzenwelt 28; 
Reinsberg Festjahr 2 228. 147 ) Kuhn u. 

Schwarz 392 t. 1J8 ) John Erzgeb. 206; vgl. 
Leoprechting Lechrain 184. 149 ) Ebd. 15 °) 

Bartsch 2, 290 (1446). 151 ) Ebd. 2, 289. 

152 ) Toppen Masuren 72; Lemke Ostpr. 1, 19; 
ZfVk. 1, 297 f.; Kuhn u. Schwartz 392 
(88); Bartsch 2, 285; Boeder Ehslen 87; 
Heckscher 387. 153 ) John Westb . 86; vgl. 

John Erzgeb. 248. 154 ) Sartori 3, 229t.; 

ZfrwVk. 12, 890.; Zelenin Russische Volksk. 
371 f -; Journal de psychologie 24, 55 f. 57. 

155 ) John Erzgeb. 205. Vgl. oben 1, 1006. 

156 ) Schmitz Eifel 1, 40; Z rwVk. 12, 92. 

157 ) Wrede Rhein. Volksk . 273. 158 ) Schüller 

Progr. v. Schäßburg 1863, 20 (10). 159 ) Wrede 
Elfter Volksk . 2 223. 16 °) Kuhn Westfalen 2, 

173 (482). Nußbaumblätter, am J.tage vor 
Sonnenaufgang gepflückt, schützen vor Ge¬ 
witter und Krankheiten: Sebillot Folk- 
Lore 3, 383. 384. Vgl. Journal de psychologie 

Paris) 24, 49 f. 53 f. 161 ) ZfrwVk. 12, 89. 92. 
(Vgl. auch Wüstefeld Eichsfeld 143 f. 162 ) Mar¬ 
zell Pflanzenwelt 25 f. 1G3 ) Wüstefeld 142. 
143 f. 161 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 28. 
165 ) Landsteiner Niederösterreich 63 k 188 ) 
Kuhn Westfalen 2, 173 (483). 187 ) Knoop 

Posen 332 (109). 188 ) Seefried-Gulgowski 

211. 169 ) Knoop Posen 333 (112). 17 °) Tetzner 
Slaven 491. 171 ) Drechsler 1, 141. Vgl. ferner 
Schmitz Eifel 1, 40; Wolf Beitr. 2, 391; 
ZfrwVk. 12, 90; Marzell Pflanzenwelt 28 f.; 
Sartori 3, 230 f. 172 ) ZfVk. 7, 147. Vgl. 
Sartori 3, 231 A. 51; ZfrwVk. 12, 90 f.; 
Heckscher 428 f. 173 ) ZfVk. 7, 148. 174 ) Z rwVk. 
12, 90 f.; Sartori 3, 230 f. A. 49. 50. Getanzt 
wurde überhaupt viel: ebda. 233. Der Haus¬ 
tanz an diesem Tage schützt ein ganzes Jahr 
lang vor Blitz: Birlinger Schwaben 2, 120. 
175 ) Sartori 3,. 232 A. 56. 

10. Viele dieser Bekränzungen dienen 
der Abwehr, in vielen lebt aber auch 


noch der so manche Frühlingsbräuche 
begleitende Wunsch weiter, die frische 
Triebkraft der lenzhaften Natur den 
Behausungen der Menschen und Tiere 
nutzbar zu machen. So haben sich auch 
andere auf ähnlichen Absichten beru¬ 
hende Bräuche und Vorstellungen der 
Mai- und Pfingstzeit bis Johanni hin 
verschoben. 

Vor allem ist die Errichtung eines 
Maibaumes auch noch zu Johanni 
verbreitete Sitte (Johannisbaum) 176 ). 
In Reichenbach wurde ein Maibaum ins 
Wasser geworfen; vorher tat man das¬ 
selbe mit einer Person, die ,,der Jo¬ 
hannes“ hieß 177 ). In Perigord pflanzte 
man feierlich einen Maibaum und aß 
vom frischen Brote 178 ). Weiteres unter 
,,J.teuer“. In Nordböhmen machen 
Kinder aus dreierlei Blumen kleine 
Polster, das sog. ,,J.bett“, legen Heiligen¬ 
bilder darauf und stellen sie unter den 
Tisch; am andern Morgen finden sie dann 
Näschereien, Obst oder Geld darin 179 ). 
Damit soll wohl dem guten Sommergeist 
ein Nest gemacht werden, wie in England 
das Brüdbett zu Lichtmeß 18 °). Das 
Vieh wird bekränzt 181 ), namentlich die 
Kuh, die morgens zuletzt zur Herde 
kommt 182 ). Hier und da wird ein 
Hahnenschlag gefeiert 183 ). In mensch¬ 
licher Gestalt erscheint der Sommer¬ 
segen in Gestalt des Maipaares 184 ). J. 
selbst findet in der J.nacht ein neues 
Weib 185 ). Ein Laubmann tritt auf und 
wird in Heischegängen hcrumgeführt 186 ). 
Bei den Sorben vermummte man einen 
,,Johann“ mit birkenrindener Larve und 
Blumengewinden. Er mußte durchs Dorf 
reiten und ward von den Jungen zu haschen 
gesucht und seiner Blumen beraubt, die 
heilbringend sein sollten 187 ). Auch die 
Veranstaltung von Kämpfen zeigt noch 
den Gegensatz zwischen Sommer und 
Winter 188 ). Wie für Liebesorakel, so ist 
auch für Liebeszauber der Tag ge¬ 
eignet. Spinnen zwei Freundinnen, wäh¬ 
rend man am J.tage die Abendglocken 
läutet, zusammen einen Faden, teilen 
diesen und tragen ihn bei sich, so macht 
er sie glücklich in der Liebe und bewahrt 
sie vor allerlei Unglück 189 ). Wieder 





Johannes der Täufer 


Johannes der Täufer 



werden Höhen bestiegen 19 °). An einigen 
Orten im Norden schlägt man sich 
gegenseitig mit Nesseln, die in Urin ge¬ 
taucht sind 191 ). Wassergüsse werden 
vorgenommen 192 ). Im Gouv. Cherson 
badeten am J.tage 1884 Weiber bekleidet 
im Flusse und begossen dabei eine aus 
Zweigen und Kräutern gemachte Puppe, 
um Regen zu schaffen 193 ). So gelten 
Bäder in der J.nacht als besonders heil¬ 
sam 194 ). Ein einziges Bad in den Quellen 
von Laimnau bei Tettnang, am J.abend 
genommen, wirkt neunmal so viel wie 
eines an irgend einem andern Tage 195 ) 
(s. auch J.tau). Sie werden aber viel¬ 
fach auch als sehr gefährlich untersagt 
(s. unten 12). Fließendes Wasser, schwei¬ 
gend in der J.nacht zwischen 12 und 1 Uhr 
geschöpft, bleibt das ganze Jahr lang 
heilsam für Menschen und Vieh 196 ). 


176 ) Sartori 3, 230. 377 ) Köhler Voigtland 
176; Gesemann Regenzauber 65. 178 ) Mann- 
hardt 1, 180, vgl. 187. 179 ) ZföVk. 5, 175; 6, 126. 
18 °) Sartori 3, 85. 89. 181 ) Ebd. 3, 231 A. 53; 
Tetzner 5 /^en 8 o. 190. 243. 464. 182 ) Sartori 
3, 231 A. 54. 183 ) Ebd. 3, 234 A. 67; Brunner 
Ostdeutsche Volksk. 230. 233. 184 ) Frazer <5, 

244 f. iss) Mannhardt 1, 467 f. (Polen)! 
186 ) Sartori 3, 231; Kuhn u. Schwartz 188; 
vgl. 492; Brunner Ostd. Volksk. 231. 187 ) Tetz- 
ner Slaven 333. 188 )Sartori 3, 234. 189 )Haltrich 
Siebenb. Sachs. 287. 39 °) Sartori 3, 235; Hoff- 
mann-Krayer 164. lül ) Mannhardt German. 
Myth. 102. 192 ) Sartori 3, 231. 193 ) Wein¬ 

hold Ritus 23. 194 ) Sartori 3, 223; Boudriot 
Altgerman. Relig. 41; Frazer 5, 246 ff.: 10, 172. 
205 f. Vgl. oben 1, 8iSf. Dazu Sebillot 
Folk-Lore 2, 160 f. 461. 198 ) Urquell N. F. 1, 

183. 196 ) HmtK. 37, 113 (23): ZfrwVk. 10, 11. 
Gewisse Quellen sind von besonderer Wirkung: 
Sebillot 2, 282 ff. Auch Flüsse und stehende 
Gewässer: ebd. 2, 321. 


11. J.tag und J.nacht sind voller Wun¬ 
der. Die Sonne macht drei Sprünge 197 ), 
und man kann ihr Spiegelbild in einem 
Eimer Wasser tanzen sehen 198 ). Alles 
Wasser verwandelt sich in Wein 199 ). 
Die Pferde können reden (kurische Neh¬ 
rung) 20 °). Die „steinerne Agnes“ bei 
Reichenhall jauchzt, wenn die Sonne durch 
den Felsspalt scheint 201 ). Klirren von Huf¬ 
eisen 202 ) und klagende Musik 203 ) tönen aus 
dem Innern des Berges. Wenn die Bienen 
am J.tage schwärmen, so bauen sie einen 
Kelch 204 ). Versunkene Glocken tauchen 
empor und sonnen sich oder lassen ihr 


Geläute erklingen 205 ). Eine goldene 
Platte erscheint auf dem Wasser des 
Quells 206 ), eine vergrabene Abendmahls¬ 
kanne 207 ), eine silberne Schüssel und ein 
silberner Löffel 208 ), auf dem Kummerow- 
See ein großer Bernsteinberg und eine 
goldene Wiege 209 ). Mitternacht und 
Mittag sind gleicherweise die für solche 
Erscheinungen geeignete Zeit. Aus vielen 
der mecklenburgischen Seen steigen Glanz¬ 
gestalten ans Licht 210 ). Versunkene 
Städte und Schlösser werden sichtbar 2n ). 
In Schlesien glaubte das Volk, die vor¬ 
geschichtlichen Graburnen wüchsen aus 
der Erde empor 212 ). Auch Schätze 
„blühen“, „brennen“, werden „ausge¬ 
wettert“ und können gehoben werden 213 ). 
Der Tillenberg bei Eger mit seinen 
Schätzen tut sich am J.tag um 9 Uhr 
auf 214 ) * auf dem Ochsenkopf die Geister¬ 
kirche mit ihren Reichtümern 215 ). Bei 
Aichleit blühen in der J.nacht die ver¬ 
lorenen Erzgruben 216 ). Aber nur Sonn¬ 
tagskinder sehen die Schätze und können 
sie heben 217 ). Oder man muß ein Messer 
darauf werfen 218 ). Die Zauberblume, 
die den Zugang dazu öffnet, wächst 
empor 219 ). Weiße Jungfrauen zeigen 
sie an 22 °) oder wollen selbst erlöst 
werden 221 ). Aus dem Glambecksee 
kommt „Jen“ am J.mittag mit einem 
Backtrog voll Gold und schaufelt es 
am Ufer um 222 ). Auf dem Pechhorn 
erscheint eine silberne Riesenkanne voll 
Gold 223 ). Der Starost von Seekath 
sitzt in jeder J.nacht auf den Trümmern 
seines Schlosses 224 ). Mannigfacher Spuk 
läßt sich blicken: ein langer Zug von 
Mönchen 225 ), ein Leichenzug 226 ), ein 
gespenstischer Wagen 227 ), Geister 228 ), 
Näkk und Nixe 229 ). Aus dem Schlo߬ 
berge bei Neuburg kommen am Mittag 
alle hundert Jahre uralte Frauen und 
Männer heraus und sehen sich vergeblich 
nach der „Prinzessin“ um 23 °). Zwerge 
feiern in der J.nacht ihre Hochzeit 231 ). 
Am Ascheborn versammeln sich mittags 
zwischen 12 und 1 Uhr sämtliche Ottern 
der Umgegend, voran der Otternkönig 
mit goldenem Krönlein 232 ). Auch in 
Mecklenburg huldigen die Schlangen in 
der J.nacht ihrem König 233 ). Am Tage 


oder in der N ach t wird die Wünschelrute 
aus einem Haselstrauch geschnitten 234 ). 
In der Ukermark muß sie bei einem 
Kinde, das getauft wird, mit eingebunden 
werden und so den Namen Johannes er¬ 
halten 235 ). Auch die geisterbannende 
Glücksrute wird auf J. zwischen 11 und 
12 gebrochen 236 ). Im Eichsfelde sucht 
man die Springwurzel 237 ). Nie fehlende 
„Blutkugeln“ werden in der Mitternacht 
gegossen 238 ). Wer einen Wechseltaler 
haben will, muß in der J.nacht dem 
Teufel eine Katze opfern 239 ). In der 
Mitternacht blüht das Farnkraut und 
trägt in derselben .Stunde noch Samen 240 ). 
Er macht reich und glücklich 241 ) und 
allwissend 242 ). Wer davon etwas zu 
seinem Gelde legt, dem nimmt er nicht 
ab 243 ). Auch verleiht er gewaltige 
Stärke 244 ). Mit einer solchen Blüte in 
der Hand findet man Schätze 245 ). Wem 
ein Samenkorn in die Schuhe fällt, der 
kann sich unsichtbar machen 246 ); es 
passiert etwas Schlimmes 247 ). Am J.¬ 
mittag kann man sich auch einen Haus¬ 
kobold im Walde besorgen, der alle 
Arbeiten aufs schnellste verrichtet 248 ). 

Auch viel unheimlicheren Wesen 
gibt der J.tag Spielraum. Bei den Ehsten 
sind die Zauberer in der J.nacht be¬ 
sonders gefährlich 249 ). In Dänemark 
besudelt der Drache, in Holstein und 
Mecklenburg der fliegende Krebs 
Wasser und Pflanzen mit Gift und verur¬ 
sacht Krebsschaden 250 ). Während des 
Feierabendläutens am Vorabend von J. 
reitet der Bilwerschneider oder der 

böse Feind durch die Getreidefelder und 

• ♦ 

verbrennt die Ähren. Darum läutet 
man nur ganz kurz 251 ). Er reitet auf 
einem Bock 252 ). Die Ähren verlieren 
in der J.nacht ihre Körner, weil die 
Pferde des Teufels ihren Futterhafer 
eintragen 253 ). Auf dem Teufelsstein bei 
Hohen-Kränig schiebt der Teufel jeden 
J.tag Kegel 254 ). Vor allem aber begehen 
die Hexen jetzt ihre Feste und treiben 
ihre Künste 255 ). Am J.Sonnabend-Abend 
unter dem Feierabendläuten sammeln sie 
die Kräuter, deren sie sich zu ihren 
Zaubereien bedienen 266 ). Eberesche und 
Birke verlieren in der J.nacht ihre 


Knospen; sie werden von den Hexen 
verspeist 257 ). Ein Jäger soll am J.tag 
vor Sonnenaufgang nicht ausgehen, auf 
keinen Fall aber jagen, sonst wird er von 
den Hexen zerrissen 258 ). In Rom sam¬ 
meln sich in der J.mitternacht die Hexen 
auf dem Lateransplatze und ziehen ge¬ 
meinschaftlich nach Benevent zur „Hoch¬ 
zeit“, um dort unter einem alten Baume 
ihre Tänze aufzuführen 259 ). In Nor¬ 
wegen kann man sie sehen, wenn man 
in der J.nacht auf einem Kreuzwege, über 
den noch keine Leiche geführt worden ist, 
mit neunerlei Laubholz ein Feuer an¬ 
zündet 260 ). Die Hexen sind eifrig be¬ 
müht, in die Häuser der Menschen einzu¬ 
dringen, die man daher schützen muß 
durch angeheftete Blumenkränze und 
Kräuter 261 ), angemalte Kreuze und 
sonstige Abwehrmittel 262 ). Man knallt 
mit Peitschen 263 ) und schießt 264 ). In 
Waldzell kehrt man mit einem Besen, 
der die Nacht zuvor nicht unter Dach 
gewesen ist, das ganze Haus; um Losen¬ 
stein wird dreimal mit geweihtem Pulver 
geschossen 265 ). In Rottenburg läutete 
man von 9 Uhr abends bis morgens mit 
allen Glocken zusammen, um Teufel und 
Hexen zu stören. Alle Luken müssen 
zugemacht,alle Ritzen verstopft werden 266 ). 
In Eberstallzell läßt man die Schweine 
nicht auf den Mist 267 ). Sand und Stroh 
streut man im Böhmerwald vor den Stall, 
denn die Hexen müssen, ehe sie hinein 
können, die Sandkörner und Halme 
zählen, und inzwischen bricht der Morgen 
an 268 ). Vor der Stallung muß am J.tage 
ein Gefäß mit Wasser stehen 269 ). Das 
Vieh selbst wird beräuchert 27 °). Man 
gibt den Kühen Hartenau zwischen das 
Futter, damit sie nicht blaue Milch 
geben 271 ), legt Stahl in die Krippen oder 
vor die Stalltür und bindet das Vieh mit 
Strängen von Bast an 272 ), schleppt in 
der J.nacht ein weißes Laken über die 
Weide, dann können böse Leute dem 
Vieh nichts antun 273 ). Im Spreewald 
steckte man um J. Kröten auf einem 
Stock neben den Kuhstall 274 ). Wenn 
man dem Vieh Gras gibt, das vor Sonnen¬ 
aufgang gemäht ist, so schadet ihm keine 
Zauberei 275 ). 


i 

J 

X 

V • 



197 ) Sebillot Folk-Lore 2, 171, vgl. 212. 282. • 
i» 8 ) Fontaine Luxemburg 62. 19S ) Bartsch 2, 1 
288; Sebillot 2, 374. 20 °) Globus 82, 238. 

201 ) Laistner Nebelsagen 304. 202 ) Meiche 

Sagen 241 (307). 203 ) Bartsch 1, 272. 204 ) 

Schmitz Eifel 1, 43. ZfVk. 7, 118. 121. ! 

123. 128. 272; Heckscher 361; Kühnau I 
Sagen 3, 539 t.; Knoop Posen 30. 31h 268; 1 
Rogasener Familienblatt 3, 59. 84: 4, 33. ! 
* 06 ) Bartsch 1, 276. 207 ) Ebd. 1, 250. 208 ) ZfVk. I 
7, 123. 209 ) Jahn Pommern 194; Goldene i 

Wiege aus dem Hügel: Bartsch 1, 39 (56); 
Sepp Religion 235. 21 °) Beiblatt z. Warener 

Tageblatt v. 27. Juni 1926 (Nr. 147). 2n ) Ebd.; j 
Bartsch 1, 293; Kuhn Mark. Sagen 198; ■ 
Eisen-Erkes 79!.; Sebillot Folk-Lore 2,68. ; 
212 ) Drechsler 2, 240. 213 ) Sartori 3, 224; 

Urquell 3, 163; 5,80; Bartsch i, 87. 249!.; 2, 
285. 290; Müllenhoff Sagen 347; Knoop 1 

Hinterpommern 59. 119; ders. Posen 298 (27). 
332 (106); ZfVk. 27, 160; Köhler Voigtland \ 
640; Kühnau Sagen 3, 559 f. 616. 644. 652 f. 
749; Meiche Sagen 745; Vernaleken Alpen¬ 
sag. 150 h; ZföVk. 4, 225; Reinsberg Böhmen 
314; Heckscher 361; Liebrecht Zur Volksk. 
375 f- (Portugal); Sebillot Folk-Lore 1, 245. 

4, 20. 214 ) Köhler Voigtl. 642. 215 ) Schöppner j 
Sagen 1, 164. 2l6 ) Zingerle Tirol 159 (1352). 
^ 17 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 287; Kühnau 
Sagen 2, 83. 218 ) Schell B er gische Sagen 214 ' 
(hier am Nachmittag des J.tages). 219 ) Schön- 
werth Oberpfalz 2, 239 f.; Meiche Sagen 622. 
661; Schöppner Sagen 3, 129. Goldene Lilie 
wächst aus dem Teich: Sebillot 3, 451. 22 °) 

Schambach u. Müller 99 ff. Vgl. Laistner 
Sphinx 1, 242 f. 257 f. 221 ) Kuhn u. Schwartz 
23 f.; Pröhle Harz 50; ders. Unterharz 12 (36); 
Jahn Pommern 185. 207 f. 210 f. 218. 220. 221. 
224. 225. 245; Bartsch 1, 270. 272 f. 273. 276; 
Beibl. z. Warener Tagebl. v. 27. Juni 1926 j 
(Nr. 147); Schulenburg Wend. Volkst. 145; 
Sebillot Folk-Lore 1, 403; 2, 200. 222 ) Bartsch 
1, 243. 223 ) Alpenburg Alpensagen 12. 

224 ) Tettau u. Temme 243. 225 ) Eisei Voigt- | 
land 81 f. 226 ) Schöppner Sagen 1, 256 f. ! 
227 ) Knoop Posen 30. 228 ) Reinsberg Böhmen 
312 f. 229 ) Eisen-Erkes 87, 89. 23 °) Bartsch j 
1» 3 ° 8 . 231 ) Haupt Lausitz i, 31. 232 ) Meiche 
Sagen 398 (521). 233 ) Beibl. z. Warener Tage¬ 
blatt v. 20. Juni 1926 (Nr. 141). 234 ) Sartori 

з, 224 A. 13; Zingerle Tirol 104 (890); 

Leoprechting Lechrain 98; Frazer 11, 67 ff. 
235 ) Kuhn u. Schwartz 393 (90). 23fi ) Curtze 
Waldeck 207. 237 ) Wüstefeld Eichsfeld 144. 

Vgl. auch Pröhle Harz 99. 23S ) SchwVk. 17, 66. 
239 ) Beibl. z. Warener Tageblatt v. 20. Juni 1926 
(Nr. 141). 24 °) Marzeil Pflanzenwelt 30 f. 

4J41 ) Niderberger Unterwalden 1, 72; ZfVk. 
24, 14 (16. Jh.); Frazer ii, 65 f.; Schnippei 
Ost- u. Westpr. 1, 132 f. 242 ) Zelenin Russische 
Volksk. 370, vgl. 371. 243 ) Baumgarten Jahr 

и. s. Tage 27; Zingerle Tirol 103 (882). 2J4 ) Ur¬ 
quell N. F. 1, 182; Toppen Masuren 72. 
24S ) Zingerle Tirol 158 (1350); Toppen 72 f.; 
Knoop Posen 332 (106); Reinsberg Böhmen 


311 f. 246 ) Bartsch 2, 288; Mensing Wb. 2 , 
1044; Hörmann Volksleben 114 h; Meiche 
Sagen 657 f. Auch den Liebsten erscheinen 
lassen: Geramb Brauchtum 62. 247 ) Bartsch 
2, 291 (1453). 248 ) Kuhn u. Schwartz 393 

(92). 249 ) Eisen-Erkes 15. 25 °) Meyer 

German. Mythol. 97. 99; Bartsch 2, 285. 287. 
289 f.; Kuhn Westfalen 2, 174; ZfVk. 23, 282 
(24); Mensing Schl.H.Wb. 2, 1044 (auch 

der J.käfer). 251 ) Leoprechting Lechrain 
20; Pollinger Landshut 116. 117. 220 f. Er 
heißt auch J.Schnitter: Sartori 2, 72. Mittel 
gegen ihn: Meiche Sagen 287. 252 ) ZfVk. 
1, 298 (Bayern). 253 ) Mailly Sagen a. Friaul 23. 
254 ) Jahn Pommern 287. 255 ) Strackerjan 1, 
387 ff. 421; 2, 92; Müllenhoff Sagen 215; vgl. 
214; Mensing Wb. 2, 1044; Lemke Ostpr. 
1,21; Knoop Posen 11; Beibl. z. Warener Tage¬ 
blatt v. 20. Juni 1926 (Nr. 141); ZfrwVk. 2, 
167 (Elberfeld); Boeder Ehsten 86; Krauß 
Relig. Brauch 116, vgl. 128; Urquell N. F. 1, 10 
(Tschechen); Sartori 3, 222; Frazer 11, 73 ff.; 
Zelenin Russische Volksk. 394. 256 ) ZfdMyth. 
1, 294 f. (Tirol). Man läutet deshalb nur kurz: 
Zingerle Tirol 158 (1345. 1348). 257 ) Stracker¬ 
jan 2, 92; Kuhn u. Schwartz 392 (86). 

258 ) Landsteiner Niederösterreich 57 A. 1. 

259 ) Schlözer Römische Briefe 95. Vgl. oben 1, 

1041 f. 26 °) Liebrecht Zur Volksk. 319 (52). 
261 ) MschlesVk. 7, 86; Zelenin Russische 

Volksk. 371. Vgl. auch oben 9. 282 ) Brunner 
Ostdeutsche Vkde. 234; Lemke Ostpr. 3. 42; 
Frischbier Hexenspr. 11; Wuttke 78 f. (92). 
263 ) Drechsler i, 137; Lemke Ostpr. 1, 20; 
Baumgarten Jahr 11. s. Tage 27. 264 ) Lemke 
1, 20; Liebrecht Zur Volksk. 319 (53: Nor¬ 
wegen). 263 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 28. 
266 ) Birlinger Volkst. i, 278. 267 ) Baumgarten 
Jahr 28. 268 ) Schramek Böhmerwald 159. 

269 ) Ebd. 160. 27 °) Baumgarten Jahr 28; 

Knoop Posen 332 (105); Beibl. z. Warener 
Tageblatt v. 20. Juni 1926 (Nr. 141); Sebillot 
Folk-Lore 3, 106. 271 ) ZfVk. 7, 148 (Anhalt). 

272 ) Frischbier Hexenspr. 11. Vgl. Knoop 
Posen 90. 273 ) Strackerjan 2, 93. 274 ) Schu¬ 
lenburg Wend. Volkst. 47. 275 ) Baumgarten 
Jahr 28. 

12. So hat der J.tag trotz allen Segens 
und aller Wunderkräfte, die ihm eigen 
sind, doch etwas Unheimliches und 
Gefährliches. Er gilt als Unglücks¬ 
tag. Leute, die sich an ihm begegnen, 

mahnen einander zur Vorsicht 276 b In 

* 

Sizilien sind alle Mütter in Angst um ihre 
Kinder und suchen sie im Hause zu be¬ 
halten 277 ). Von Filippo Maria Visconti 
wird erzählt, er habe an diesem Tage 
nie ein Pferd bestiegen 278 ). Keine Nacht 
hat solche Schrecken wie die J.nacht 279 ). 
Wer in ihr geboren ist, kann zwar mehr 
als andere Leute 28 °), aber man sagt auch 


725 


Johannes der Täufer 


726 


von solchen Kindern, sie würden Werwolf 
oder Nachtmar 281 ). Allgemein h^ißt es, 
daß J. eine, zwei (einen ,,tiefen“ Schwim¬ 
mer und einen „hohen“ Klimmer) oder 
drei Personen zum Opfer fordere 282 ). 
Eine muß in der Luft, eine im Feuer und 
eine im Wasser umkommen 233 ). Oder: 
Wasser, Boden und Luft fordern ihre 
Opfer 284 ). In Köln will J. sogar 14 tote 
Männer haben 285 ). Am J.tage und den 
nächstfolgenden Tagen fahren die sam- 
ländischen Fischer nicht in die See, weil 
das Meer dann hohl gehe und ein Opfer 
verlange 236 ). Am Strande des Harings- 
vliets in Holland fahren die Fischer in 
der J.nacht nie aus, um nicht „geäfft“ 
zu werden 287 ). Wenn im Magdeburgischen 
jemand ins Wasser fällt, darf ihn niemand, 
wenn er nicht selbst ertrinken will, heraus¬ 
ziehen, ehe die Sonne untergegangen ist 288 ). 
In Schlesien soll man überhaupt vor J. 
in keinem Flusse baden, weil bis dahin 
das Wasser schädlich ist 289 ). Von vielen 
Gewässern und Brunnen erzählt man, 
daß sie am J.tage ein Opfer verlangen 29 °). 
Zu Rotenburg bekommt der Neckar vom 
Spital ein Laib Brot; unterläßt man dies 
Opfer, so wird der Fluß wild und nimmt 
einen Menschen 291 ). In Quedlinburg 
warf man jährlich schwarze Hähne in die 
Bode, an andern Orten Kinderkleider 292 ). 
Man soll daher nicht baden 293 ) und nicht 
auf einen Baum steigen, wenigstens nicht 
auf einen Kirschbaum 294 ); auch nicht 
bei Gewitter spazieren gehen 295 ), sonst 
ertrinkt man, stürzt zu Tode oder wird 
vom Blitz erschlagen. Noch vieles andere 
ist am J.tage verboten. Man soll nicht 
barfuß gehen, weil der böse Krebs fliegt 
und sich unter die nackten Fußsohlen 
setzt 296 ). Wenn man an Blumen riecht, 
auf denen er gesessen oder über die er 
geflogen, so kriegt man Nasenbluten. 
Darum ist es am besten, am J.tage an 
keiner Blume zu riechen 297 ) und über¬ 
haupt nichts Grünes vom Boden aufzu¬ 
heben, sonst bekommt man den Leichen¬ 
wurm, der dann dreimal 24 Stunden 
herumschwärmt 298 ). Auch Wäsche soll 
man nicht draußen hängen lassen, weil 
sich in der Nacht zwischen 12 und 1 Uhr 
der Krebs darauf setzt; auch kein Acker¬ 


gerät 2 "). In der Mark Brandenburg 
fliegt nachts ein Skorpion umher; was 
er anrührt, vertrocknet 30 °). Nach un¬ 
garischem Glauben darf am J.tage keine 
Maid lange barhaupt in der Sonne stehen, 
sonst verunglückt sie im Kindbett 301 ). 
Man gibt keine Milch aus dem Hause und 
bringt kein Wasser herein 302 ). Dagegen 
kann man den Milchnutzen des Nachbarn 
an sich ziehen, wenn man drei Hände voll 
Gras aus dessen Garten nimmt, ins 
Wasser tritt und das Gras hinter sich 
wirft (Böhmen) 303 ). Und wer die Pest 
erzeugen will, muß sich die Milch von 
zweien Schwestern zu verschaffen suchen 
und diese in der J.nacht in ein Grab auf 
dem Friedhof schütten, dann wird er 
Jammergeschrei vieler Menschen hören 304 ). 

276 ) Meyer Baden 506. 277 ) Tredc Heiden¬ 

tum 3, 391. 278 ) Meyer Abergl. 214 f. 279 ) Bir¬ 
linger Volkst. 2, 102. 2M0 ) Strackerjan 2, 93; 
Mensing Schl.H.Wb. 2, 1044. Wer an einem 
Montag drei Stunden nach Sonnenaufgang, 
zur Zeit der Sommernachtgleiche geboren wird, 
kann mit Geistern umgehen: Grimm Myth. 
3, 463 (810). In Ungarn sagt man von einem, 
der auffallendes Glück hat: „Am J.tage schien 
zuerst die Sonne auf ihn" : Wlislot ki Magyaren 
44. 281 ) Meyer German. Myth. 121. 2M2 ) Sartori 
3, 222; ZfrwVk. 12, 82; Hoff mann-Krayer 
163; Lütolf Sagen 106 ff.; Knoop Posen 32. 
283 ) SAVk. 15, 5. 284 ) Schell Berg. Sag. 392 

(40). 2B5 ) Meyer 507. 286 ) Tettau u. Temme 
277 f. 287 ) Reinsberg Festjahr 22 4. 28fl ) Bir¬ 
linger A. Schwaben 1, 389. 2H9 ) Drechsler 

2, 148; ZfVk. 11, 207. 29 °) Meier Schwaben 2, 
428 f.; Kuhn Mark. Sagen 374; Kuhn u. 
Schwartz 80 f.; Jahn Pommern 216 (270); 
Sebillot Folk-Lore 2, 339. 291 ) Meier Schwaben 
2, 429. 292 ) Höfler Gebildbrote d. Sommer¬ 

sonnenwendzeit S.-A. 7. 293 ) Rochholz Glaube 
1, 69; Urquell N. F. 1, 183; Hoff mann-Kray er 
163; Sartori 3, 222 A. 7. 294 ) Meyer Baden 507; 
Hoff mann-Krayer 163; ZfrwVk. 12, 82; 

Sebillot 3, 380. 2y5 ) Rochholz Glaube 1, 69. 
29G ) Bartsch Meckl. 2, 289 f. 297 ) Ebd. 298 ) Ver¬ 
naleken Alpensagen 373; Drechsler 1, 289. 
2 ") Bartsch 2, 289; Sartori 3, 222 A. 6. 
30 °) ZfVk. 1, 181. 301 ) Ebd. 4, 404. 302 ) Baum¬ 
garten Jahr 28; Sartori 3, 222 A. 5. 303 ) 

Wuttke 267 (391). 304 ) Krauß Relig. Brauch 
65 f. 

13. Neben den Opfern, die der J.tag 
sich selbst holt, sind die Menschen ihm 
gewisse Gaben schuldig. Außer dem 
Wasser, von dem schon § 12 die Rede 
war, werden auch die übrigen Elemente 
gefüttert 305 ). Magyaren werfen eine 






J ohannisbad—Johannisbeere 


728 


Handvoll Salz der Sonne zu 306 ). Beim 
J.stein im Pleskauschen versammeln sich 
um Mitternacht in der J.nacht die Bettler 
der ganzen Umgegend und beten. Mit 
dem Morgengrauen kommen die Bewohner 
der umliegenden Ortschaften. Auf den 
Stein werden brennende Wachskerzen 
aufgestellt und Gaben dargebracht. Die 
Milch dazu ist kniend an vier Donners¬ 
tagen gemolken worden 30? ). Vielleicht 
deutet auch das als „Hexenverbrennung“ 
bezeichnete gemeinsame Biertrinken auf 

freiem Felde in Lägerdorf auf ein altes 
Opfermahl 308 ). 

305 ) Sartori 3, 235 A. 79. w*) Wlislocki 
Magyaren 44. ■">?) Hovorka u. Kronfeld 1, 
340. 308 ) Müllenhoff Sagen 213 f. 

14. Auch einige Spuren der Seelen¬ 
pflege zeigt der J.tag 30S ). In der Bre¬ 
tagne kommen, wie in der Weihnachts¬ 
und Allerseelennacht so in der J.nacht, 
alle Seelen zusammen 31 °). Die sieben- 
bürgischen Zeltzigeuner spannen in dieser 
Nacht einen weißen Faden über das 
nächstgelegene Wasser, damit die noch 
nicht ins Totenreich gelangten Seelen, 
die zu dieser Zeit ihre Hinterbliebenen zu 
besuchen pflegen, das Wasser über¬ 
schreiten können. Auch stellen sie ein 
Gefäß mit Milch vor ihr Zelt, damit die 
Seelen sich daran laben können 311 ). 

309 ) Sartori 3, 236. S. auch Johannisfeuer § 9. 

°) Le Braz La legende de la morl 3 2, 56. 68. 

) Wlislocki Volksglaube 158. Sartori. 

Johannisbad s. Bad i, 818 ff. 
Johannisbeere (Ribes rubrum). 

1. Botanisches. Bekannter Garten¬ 
strauch, dessen rote, zu Trauben ange¬ 
ordnete Beeren um Johanni reifen. In 
der Sage wird die J. mit dem hl. Johannes 
zusammengebracht, der die Beeren ge¬ 
segnet 2 ) oder damit seinen Hunger ge¬ 
stillt haben soll 2 ). Bei der schwarzen J. 
(R. nigrum) sind die Früchte schwarz, 
die ganze Pflanze besitzt einen wanzen¬ 
ähnlichen Geruch. Die J.n wurden offen¬ 
bar erst seit dem 14. Jh. näher beachtet 3 ). 

x ) D äh n har dt Naturg. Volksmärchen 1898, 
87- 2 ) Teirlinck Plantenkult 1904, 208 f. 

3 ) Hoops Reallex. 1, 204; S. Killermann 
Zur Gesch. der Johannis- und Stachelbeere in: 
Naturw. Wochenschr. 34 (1919), 344—347. 

2. Die schwarze J. wird als Gichtbaum 
oder -strauch häufig in der sympathe¬ 


tischen Medizin verwendet. Gegen 
reißende Gicht geht man vor Sonnen¬ 
aufgang zu einem schwarzen J.strauch 
und spreche: „Busch, ik klag di — De 
riten Jicht dei plagt mi; — Sei plagt mi 
woll Dag un Nacht: — De irst Vagei, dei 
oewer di flücht, — Dei nem dei riten 
Jicht mit“ 4 ). Gichtkranken wird der 
„Gichtbaum“ über Nacht auf die Gicht¬ 
stellen gebunden und am frühen Morgen 
dann im Namen usw. eingesetzt, wobei 
man mit den Zweigen dreimal das Kreuz¬ 
zeichen macht; gedeiht der Gichtbaum, so 
verschwindet die Gicht 5 ), oder es wird 
bei Gliederreißen ein junges Stämmchen 
gespalten und wieder zugebunden. Wenn 
die Wunde verwachsen, ist auch das 
Gliederreißen weg 6 ). Der Gichtkranke 
muß den Gichtstock in die Erde setzen 
und ihn pflegen 7 ). Auch wird der Gicht¬ 
kranke mit den Zweigen des schwarzen 
J.Strauches berührt 8 ). Man legt drei 
oder fünf Hölzchen oder drei einjährige 
Sprosse, auch Blätter und Zweige unter 
das Kopfkissen ö ). Der schwarze J.strauch 
muß zur Gichtkur am Johannisabend von 
einer Jungfrau gestohlen und nackt um 
Mitternacht gepflanzt werden (Deutsch¬ 
böhmen) 10 ). Übrigens wird der Tee aus 
den Blättern oder der Rinde der schwarzen 

J. auch als empirisches Mittel gegen 
Gicht gebraucht n ). 

4 ) Bartsch Mecklenburg 2, 403. 5 ) Drechsler 
2, 308. '•') MschlesVk. 27 (1926), 238. 7 ) Panzer 
Beitrag 2, 300. ü ) ZhistVer Niedersachsen 1878, 
100; Bavaria 4, 406; vgl. auch Kück Lüneburger 
Heide 240 f.; Urquell N. F. 1. 183. 9 ) Zimmer¬ 
mann Volksheilkunde 50; Meyer Baden 42. 
10 ) Urban in Prager Med. Wochenschr. 27 (1902). 
n ) Köhler Voigtland 351; Osiander Volks - 
arzney-mittel 1838, 138; ZfrwVk. 1913, 18. 

3 - Gegen den „Schnaggler“ (singultus) 

I esse man drei rote J.n (Lechrain) 12 ). 
Sommersprossen befeuchte man mit dem 
Saft von unreifen J.n 13 ). Kinder, die 
unreife J.n (oder Stachelbeeren, s. d.) 
essen, bekommen Läuse (Bern) 14 ). 

12 ) Landsberger Geschichtsbl. 3 (1904), 66. 

13 ) Lammert 179. 1«) SAVk. 8, 271. 

4. Träumt man von schwarzen oder 
roten J.n, so kommt ein Trauerfall in der 
Familie vor 15 ). 

10 ) Wilde Pfalz 113. 

5. Eine Mutter, der ein Kind gestorben 


Johannisblut—Johannis Enthauptung 


730 


T 729 

t .' 

ist, wird nie mehr vor Johanni J.n essen; 
denn die Beeren, die bis dahin reifen, ver¬ 
teilen die Engel an die verstorbenen 
Kinder und das Kind, dessen Mutter 
die Beeren selbst ißt, kann im Himmel 
keine bekommen 16 ). S. auch Erd¬ 
beere (2, 893). 

16 ) Klarmann u. Spiegel Sagen u. Skizzen 
aus dem Steigerwald 1912, 229. Marzell. 

Johannisblut. 

1. Man nennt so den rötlichen Saft 
der Blütenblätter des Johanniskrautes 
(Hypericum perforatum), der als wunder¬ 
kräftig gilt *) (s. J. d. Täufer § 9). Die 
Pflanze gibt durch ihn noch immer ihren 
Abscheu über den Mord des Johannes 
kund 2 ). Auch der Blutstropfen, den man 
am Johannismittag im Schopf des Farn¬ 
krautes findet, soll von Johannis Ent¬ 
hauptung herrühren 3 ). In Böhmen meint 
man, die Kornsaat gehe deshalb rot auf, 
weil das Blut des hl. Johannes, der, von den 
Heiden verfolgt, in ein Kornfeld flüchtete, 
sie rot färbte 4 ). Als Johannisblut gilt ferner 
der rote Farbstoff einer Lack-Schildlaus, 
die an der Wurzel des Knäuelkrautes 
(Scleranthus annuus) und des Habichts¬ 
krautes (Hieracium pilosella) lebt. Auch 
dies „Blut“ kann, in der Mitternacht 
stillschweigend gesammelt, viele Wunder 
tun 6 ). Wischt man davon jemand etwas 
an die Kleider, so hat er Glück im Spiel ®). 
Tut man es vor der Herzgrube ins Hemd, 
so ist man vor dem Biß toller Hunde 
sicher 7 ). 

*) Marzell Pflanzenwelt 78; NiedZfVk. 4, 
242 f.; Mensing Schl.Holst.Wb. 2, 1046; 

Heckscher 387. In Bayern gewinnt man ihn 
mit kochendem öl: ZfVk. i, 298. Uber das 
Blut des Täufers als Reliquie: Beißel Hei¬ 
ligenverehrung 1, 138. 2 ) Wüstefeld Eichs¬ 

feld 141. 3 ) Bartsch Meckl. 2, 291 (1452); vgl. 
Grohmann Sagen 312. 4 ) John Westböhmen 

186. 5 ) Marzell Pflanzenwelt 27; NiedZfVk. 

4, 243 f.; Bartsch 2, 286 (es sollen sich kleine 
Würmer daraus entwickeln); Frazer 11, 56 f. 
fl ) Bartsch 2, 286; Seifart Sag. a. Hildesheim 
2, 134 f. 7 ) Bartsch 2, 285 f.; Beiblatt z. 
Warener Tagebl. v. 20. Juni 1926. 

2. Das Blut des hl. Johannes, das in der 
Johannisnacht als Tau hemiederfällt, läßt 
einen Nußbaum bei Moruzzo in Friaul 
bis zum Frührot die schönsten Nüsse 
tragen 8 ). 

8 ) Mail ly Sagen aus Friaul 23. Sartori. 


Johannisbrot (Ceratonia siliqua). Die 
Früchte des in den östlichen Mittelmeer- 
ländem häufig wachsenden J.baumes 
(Hülsenfrüchtler), die in getrocknetem 
Zustande oft zu uns kommen und gern 
von den Kindern gegessen werden 1 ). 
Der Name rührt daher, daß sich Jo¬ 
hannes der Täufer nach der Legende in 
der Wüste von diesen Früchten ernährte. 
Das J. hat apotropäische Eigenschaften: 
Wer sich neunmal geweihtes J. (oder ist 
hier ein Kultgebäck gemeint?) in die 
Kleider näht, über den hat der Wasser¬ 
mann keine Macht 2 ). Bei den Serbo- 

9 

kroaten beißt am Weihnachtsabend zu 
Beginn des Abendessens jeder, um gegen 
die „große Krankheit“ (golema bolest) 
gefeit zu sein, vom J. ab 3 ). In Steiermark 
dient der Tee aus den Früchten gegen 
Fraisen 4 ). 

1 ) Schräder Reallex. 2 1, 542 f. 2 ) Schlesien: 
ZfVk. 11, 207. 3 ) Schneeweis Weihnachten 56. 
4 ) Fossel Volksmedizin 74. Marzell. 

Johannis Enthauptung (29. August). 
Johannes d. Täufer ist der einzige Heilige, 
dessen Geburtstag gefeiert wird wie der 
Christi. Doch knüpfen sich auch an 
seinen Todestag gewisse Äußerungen 
des Volksglaubens 1 ). Einiges ist wohl 
vom Sonnwendtage auf ihn übertragen. 
Er ist der beste Tag zum Wurzelgraben 
(Tirol) 2 ). In der Nacht blüht das Farn¬ 
kraut, auf das Johannes' Blut gespritzt 
ist, und man kann mit Segensprüchen 
dessen Samen fangen 3 ). Wo dieses Kraut 
auf dem Felde wuchert, muß man es am 
Tage J. E. ausreißen, dann wächst es nicht 
nach 4 ). In der Nacht um n Uhr wächst 
eine Wunderblume auf dem Löbauer 
Berge 5 ). Zum Säen ist J. E. ein un¬ 
glücklicher Tag 6 ). Man darf nicht in 
einen Baum hauen, sonst muß dieser ver¬ 
dorren 7 ). Weder am Tage J. E. noch an 
einem späteren gleichen Wochentage darf 
das Kraut heimgebracht werden, sonst 
verdirbt es im Bottich 8 ). Nach dem 
Dichter des Reinardus hat das Haupt 
des Joh. die Herodias in die Luft ge¬ 
blasen, so daß sie seitdem darin umher¬ 
fährt 9 ). Auf dem Berge bei Dittersbach 
zeigt sich alle 5 Jahre eine Art Leichenzug 
der Zwerge 10 ). Wenn man die Wein- 


73 i 


J ohaunisevangelium 


732 


stocke schüttelt, bekommt der Wein 
einen eigentümlichen Geschmack 11 ). 

*) Die morgenländische Kirche begeht ihn 
als Festtag; das Datum wurde auf dem zweiten 
nicäischen Konzil (787) festgesetzt: Albers 
Das Jahr 241 f. 2 ) ZfdMyth. 1, 332. 3 ) Groh- 
mann Sagen 312; vgl. Johannisblut. 4 ) ZfVk. 
24, 12 {16. Jh.). 5 ) Meiche Sagen 663; Kühnau 
Sagen 3, 476 f. 6 ) Rantasalo Ackerbau 2, 
38- 39- 7 ) Grimm Mythol. 3, 444 (302: Rocken¬ 
philosophie); vgl. 468 (908: Bayern). 8 ) ZföVk. 
4, 146. 9 ) Grimm Mythol. i, 235 t. 10 ) Meiche 
Sagen 334. 11 ) Eberhardt Landwirtschaft 10 

(wird auch vom Rochus- und vom Lorenztage 
gesagt). Sartori. 

Johannisevangelium. Der Prolog des 
J.s, c. 1, 1—14, ist seit alters zu magischen 
Zwecken benutzt worden. Anlaß dazu 
gab seine Christ ologische Lehre 4 ); ins¬ 
besondere mag die Identifizierung Christi 
mit dem Logos, verbum, dazu geführt 
haben, weil dem „Wort“ und seiner 
geheimnisvollen Wirkung und Kraft im 
Zauber eine prinzipielle Bedeutung zu¬ 
kommt. So ist das J. zur Zauberformel 
und zum Amulett geworden. 

Der erste, der von einem solchen Ge¬ 
brauch des J. spricht, ist Augustinus, 
nach dessen Zeugnis man zu seiner Zeit 
gegen Fieber das J. an den Kopf legte 2 ). 
1023 verbot die Synode von Seligenstadt 
das abergläubische Abbeten des J.s 3 ). 
Beim Ausgang des Mittelalters — und 
bis heute hat sich dies erhalten — trug 
man es als Amulett am Hals oder las es 
gegen allerlei Gefahren. Dazu schrieb 
man den Prolog auf Jungfempergament 
und steckte den Zettel, der später auch 
gedruckt erscheint, in einen Federkiel, 
in eine Haselnuß oder eine Kapsel, faßte 
ihn auch in Gold, Silber oder anderes 
Metall 4 ). Das J. hilft gegen die Gichter, 
indem man die daran leidenden Kinder 
auf das auf geschlagene 1. Kap. des J.s 
setzt 5 ), gegen Kopfschmerz 6 ), Zahnweh 7 ), 
Fieber 8 ), die bösen Geister und Hexen 9 ), 
es bewahrt den Weizen auf dem Feld 
vor dem Brand 10 ), verleiht UnVerwund¬ 
barkeit 11 ) usf. Als Betruf wird es auf 
der Alp gebraucht 12 ), ferner als Stall¬ 
segen 13 ), zum Heben von Schätzen 14 ), 
zum Entdecken von Dieben 15 ), es gibt 
Glück im Spiel 16 ). Weiter spielt es eine 
große Rolle im Wetterzauber als Abwehr¬ 


mittel gegen Gewitter 17 ) und macht den 
Regen aufhören 18 ). Es wird im Teufels¬ 
exorzismus verwendet lö ). Wenn die 
Sage dem Hirtenbuben durch den Teufel 
verbieten läßt, das J. je wieder herzu¬ 
sagen 20 ), so beruht auch dies auf Exor¬ 
zismusbrauch 21 ); als der Hirte es pfeift, 
schützt es ihn vor dem Bösen. Als Ein¬ 
lage begegnet es auch im Colomanssegen 
(s.d.) 22 ) und in Himmelsbriefen (s. d.) 2Z ). 

Joh. 4, 43 --56 dient als Fiebersegen 24 ); 
Joh. I, 14. 19, 30 steht auf einer Metall¬ 
scheibe, die als Amulett zu deuten ist 25 ). 
Mit Rücksicht auf die wetterbannende 
Kraft des J. erscheint es auch als Glocken¬ 
inschrift 2fi ). Weiteres s. u. 27 ). 

J ) Franz Benediktionen 2, 57; SAVk. 23 
(1920), 22ff.;Dornseiff Alphabet (1925), 118 ff. 

2 ) Hauck RE. 1, 469; Meyer Aberglaube 104. 

3 ) Höhn Volksheilkunde 1, 69. 4 ) Le Blant 

Le premier chapitre de Saint Jean et la croyance 
ä ses vertus secretes (Revue archeologique 1894, 
2, 8 ff.); Kluge Bunte Blätter (1908), 78 ff.; 
Klingner Luther 126. 128; Götze Luther 13; 
Trithemius Aniipalus maleficorum (Köln 1624) 
B. 2 c. 5; Birlinger Aus Schwaben 1, 398; 
Zahler Simmenthal 41 f.; Strackerjan Olden¬ 
burg 1, 49; Wolf Beiträge 1, 231; Franz Ntco- 
laus Jawor 153. 155 f.; Wuttke 144 § 199; 181 
§ 245; Kronfeld Krieg 42; Meyer Baden 366. 
575; ZrwVk. 1 (1904), 151 f.; Geistlicher Schild 
2 ff. 75 ff.; Enchindion Leonis Papa (franz. 
Übers.) 17 ff.; W 7 ürttVjh. 13 (1890), 253 Nr. 391; 
Seligmann Blick 2, 339; Thiers 1, 82. 276; 
Collin de Plancy Dictionnaire infernal 
(1830), 205; ZfVk. 13 (1903), 279. 5 ) SAVk. 

20 (1917), 46. 6 ) Schultz Alltagsleben 291. 

7 ) Bartsch Mecklenburg 2, 429. 8 ) Frisch¬ 

bier Hexenspr. 56. 118; Hovorka u. Kron¬ 
feld 1, 28 f. 148; (Keller) Grab d. Abergl. 5, 
68. 9 ) Grimm Myth. 3, 502 Nr. 38; Ranke 

Sagen 70; Zahler a. a. O. 174; Rothenbach 
Bern 56; Meyer Baden 39; Dettling Hexen¬ 
prozesse 15; Kühnau Sagen 2, 468 f.; Manz 
Sargans m. 10 ) John Westböhmen 331. 11 )Wolf 
Beiträge 1, 251; Klingner Luther 128. 12 ) SAVk. 
2, 295; SchwVk. 8, 62 f. 13 ) Baumberger 
St. Galler Land 188; Manz Sargans 92. 14 ) 

Lütolf Sagen 236; Panzer Beitrag 2, 72; 
Scheible Kloster 3, 488 (fliegendes Blatt). 
15 ) Frischbier Hexenspr. 118; Bartsch Meck¬ 
lenburg 2, 31. 16 ) Bartsch a. a. O. 2, 32. 

17 ) Franz Benediktionen 2, 52 ff.; Meyer 

Baden 363; Eberhardt Landwirtschaft 4; 
ZföVk. 8 (1902), 181; Geistl. Schild 2 f.; Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 117 Nr. 2; Drechsler 2, 
136; E. Legrand Bibliothhque grecque vulgaire 
2 (1881), 20 ff. (griechische Psalmenzauber, 

mittelalterlich, Ps. 102. 103); J. Wier De 
praestigiis daemonum (franz. Übers., Neuausg. 
1885) 2, 199. 18 ) Birlinger Volksth. 1, 196. 


733 


J ohannisfeuer 


734 


19 ) Delrio Disquisitiones magicae (Köln 1679), 
1050; Klingner Luther 34; J. Wier a. a. O. 127. 

20 ) Grimm Myth. 2, 830; Kohl rusch Sagen 291; 

Herzog Schweizersagen 2, 173 f. 21 ) Franz 
Benediktionen 2, 561. 22 ) WürttVjh. 13 (1890), 
246 Nr. 369. 23 ) HessBl. 1 (1902), 25. 21 ) Ale¬ 
mannia 25 (1897), 128; Höhn Volksheilkunde 
1, 134. 25 ) ZfEthnol. 15. 354; 19. 69. 26 ) K. 

Bergner Grundriß d. kirchl. Kunstaltertümer 
in Deutschland (1900), 356. 27 ) John West¬ 

böhmeny; Alemannia 4 (1876), 271; 11 (1883), 
268; Baumgarten Aus der Heimat 1, 65; 
Lippert Christentum 690; Reuschel Volks¬ 
kunde 2, 23; Niderberger Unterwalden 3, 609; 
Pollinger Landshut 275; Laube Teplitz 61; 
ZfVk. 13 (1903)» 443 - Jacoby. 

Johannisfeuer. 

1. Die Sitte des Mittsommerfeuers, 
namentlich am Vorabend des Johannis¬ 
tages 1 ), geht durch ganz Europa 2 ). In 
Niederdeutschland sind die i euer freilich 
jetzt so gut wie verschwunden. Sie wurden 
früher auch in den Städten, vor dem 
Rathause oder auf dem Markte ange¬ 
zündet. Die Absicht ist vor allem, die 
Luft zu reinigen und böse Geister 
zu verscheuchen 3 ). Darum werden 
sie auch hier und da auf Kreuzwegen 
abgebrannt 4 ). In Lägerdorf (Holstein) 
machte man in der Johannisnacht auf 
freiem Felde ein großes Feuer an, hängte 
einen Braukessel mit Bier darüber und 
trank das warme Bier. Das ganze Dorf 
nahm daran teil. Dann und wann ging 
eine Frau etwas vom Feuer weg und rief: 
„Kummt häer, jü ole Hexen, 'rint Füer“. 
Das nannte man das Verbrennen der 
Hexen 5 ). Andrerseits sollen die Feuer 
auch der nun auf ihrem Höhepunkte 
stehenden Sonne Beistand leisten 6 ). 
Diesem Zweck dient auch wohl das öfter 
damit verbundene Scheibenschlagen 7 ). 
Neben den auf dem festen Boden empor¬ 
lodernden Feuern sind Läufe mit bren¬ 
nenden Besen und Fackeln um und 
durch die Felder üblich 8 ). Auch bren¬ 
nende Räder werden von Höhen herab¬ 
gerollt 9 ). In Hessen-Nassau sollte das 
„Hagelrad“ dem Hagel wehren 10 ); in 
Conz versprach es, wenn es brennend in 
die Mosel gelangte, eine gesegnete Wein¬ 
ernte 11 ), in Wales einen dürftigen Ertrag, 
wenn es erlosch, ehe es den Fuß des 
Hügels erreichte 12 ). Das J. schafft 
eine gute Ernte 13 ) und macht uner¬ 


wünschtem Regen ein Ende 14 ). Sein 
Unterbleiben setzt die Felder den größten 
Gefahren aus 15 ). In Kremsmünster hieß 
es, der Acker, auf dem es angezündet 
werde, freue sich neun Jahre darauf 16 ). 
In Wales waren 3 oder 9 Holzarten für 
das Feuer erforderlich, sowie die ange¬ 
sengten Reisigbündel, die man vom letzten 
Mitsommerfeuer aufbewahrt hatte 17 ). In 
Böhmen zündete man am liebsten 7 Reisig¬ 
bündel an 18 ). 

*) Geramb Brauchtum 56. In Markdorf 
a. Bodensee wird es mittags 12 Uhr abgebrannt: 
Fehrle Volksfeste 72. ln einigen Gegenden 
Ungarns in der Frühe des Johannistages: 
Wlislocki Magyaren 43. 2 ) Sartori Sitte 3, 

225 ff.; Heckscher 373!.; Mensing Schl.H. 
Wb. 2, 1042t.; v. Gennep im Journal de 

pyschologie (Paris) 24 (1927), 28 ff.; Frazer 
10, 160 ff. 3 ) Frazer 10, 171 (Norwegen). 
172 (Norrland in Schweden). 180 (Estland). 
202 (Irland); Zelenin Russische Volksk. 372. 
Über die Versuche, das J. mit Balders Ver¬ 
brennung zusammenzubringen: Kau ff mann 
Balder 8 ff. 4 ) Frazer 10, 189 (Jura). 191 
(Poitou). 5 ) MüUenhoff Sagen 213 f. *) Im 
Mhd. heißt der Johannistag sungiht, sunnegiht 
(Grimm Mythol. 3, 176), was als Sonnenbe¬ 
schwörung gedeutet wird: Weiser Jul 6. 
7 ) Sartori 3, 228 A. 31; Birlinger Volkst. 
2, 106; ZfVk. 3, 359; Frazer 10. 165 (Ober¬ 
bayern). 166 (Würzburg). 168 (Schwarzwald). 
Bei den Litauern im Memellande umwickelt 
man Kartoffeln mit Werg, zündet sie an und 
schnellt sie empor: Brunner Ostdeutsche Volksk . 
235. 8 ) Frazer 10, 189 (Jura). 197 f. (Northum- 
berland). 206 (Schottland); Reinsberg Böhmen 
307. 308. 310. 311; John ItV-s/b. 85; Roch- 
holz Glaube 2, 146; Drechsler 1, 136; 

Wlislocki Magyaren 41. 9 ) Kbd. 43; Reins¬ 
berg Böhmen 307; Grimm Mythol. 1, 519 
(Kärnten); Vernaleken Mythen 307 f.; Frazer 
10, 191 (Poitou: über die beider). 10 ) Kück 
u. Sohnrey 150. n ) Fontaine Luxemburg 61; 
Grimm Mythol. 1, 513!. lÄ ) Frazer 10, 201. 
13 ) Ebd. 188 (Vogesen). Man wirft zu diesem 
Zweck Steine hinein: S6billot Folk-Lore 3, 
460. 14 ) Frazer 10, 187 f. (Picardie). 15 ) Ebd. 
188 (Ardennen). 1B ) Baumgarten Jahr 27. 
Vgl. Geramb Brauchtum 63. 17 ) Frazer 10, 

201. 18 ) Reinsberg Böhmen 307. 

2. Das Abbrennen des J.s ist Ge- 
meinschaftssache, selten macht ein 
Bauer außerdem noch eines für sich allein, 
um sein Vieh hindurchzutreiben 19 ). Be¬ 
sonders feierlich geht die Anzündung 
in Frankreich vor sich 20 ). Oft vollzieht 
sie der Priester 21 ), oder der Älteste und 
Ehrwürdigste 22 ), oder ein junger Mann 
und eine junge Frau 23 ). In Mecklenburg 


735 


Johannisfeuer 


736 


mußte das aus dem J. stammende 

Notfeuer von zwei Burschen angezündet 

werden, die den Namen Johannes trugen 24 ). 

In der Normandie zündete man das J. 

in dem Augenblicke an, wo die Sonne im 

Begriff war, unter den Horizont zu 

tauchen 25 ). Mitunter wird berichtet, daß 

es durch Reibung von Holz hervorgebracht 
werde 26 ). 

19 ) Frazer io, 188 (Perche). 20 ) Wolf Bei¬ 
träge 2, 393 ff. 21) Frazer 10, 184. 187. 188. 191. 
22 ) Ebd. 191. 193. 23 ) Ebd l86 24 ) Beiblatt 

z. Warener Tageblatt v. 20. Juni 1926 (Nr. 141). 
25 ) Frazer io, 185. 26 ) Rochholz Glaube 2, 145 {. ; 
Wlislocki Magyaren 44; Frazer 10, 176 (Ru- 
thenen). 177 (Polen). 

3. Der Flammenstoß wird umtanzt 27 ) 
und von den jungen Leuten übersprun¬ 
gen, oft paarweise 28 ). Jeder, der den 
Sprung machen wollte, mußte etwas 
Holz mit bringen 29 ). Wer nicht hinüber¬ 
kam, durfte nicht mit zum Eierheischen 
gehen 30 ). Wer sich etwas verbrennt, 
muß ein Pfand geben, das aus einem 
Kleidungsstück besteht; von oben, mit 
der Mütze, fängt man an 31 ). Oft ging 
man vor dem Sprunge betend um das 
Feuer 32 ). Auch Eltern sprangen mit 
ihren kleinen Kindern auf dem Arm hin¬ 
durch, wenn das Feuer niedriger geworden 
war 33 ). Mitunter ging man erst, wenn es 
ganz niedergebrannt war, durch die 
Kohlen 34 ). Doch ist es gefährlich, das ■ 
Springen bis über Mitternacht auszu¬ 
dehnen. Nach 12 Uhr springen die 
Hexen 35 ). Das Überspringen des J.s 
bringt Gesundheit für das ganze Jahr. 
Es schützt vor Fieber 36 ), Kolik 37 ) 
und Rückenschmerzen, namentlich 
bei der Erntearbeit 38 ). Wer neun Sonn¬ 
wendfeuer sieht, stirbt das Jahr nicht, 
heiratet usw. Wer nicht neun Feuer 
„zusammenbringt“, muß viel an Kreuz¬ 
weh leiden 3Ö ). Das Hineinschauen ins 
Feuer stärkt die Augen, namentlich wenn 
man durch Rittersporn oder Blumen¬ 
kränze hindurchsieht 40 ). In Belgien 
springen Frauen durchs Feuer, um eine 
leichtere Entbindung zu erzielen 41 ). Auch 
von Sünden reinigt der Sprung (Griechen¬ 
land und Türkei) 42 ). Wer durchs J. 
springt, kann Schätze sehen 43 ). So 
hoch man springt, so hoch wird das 


Korn 44 ), und die Eltern des höchsten 
Springers erhalten die meiste Frucht 45 ). 
Namentlich die Höhe des Flachses wird 
dadurch bestimmt 46 ), was beim Springen 
in einem besonderen Wunschspruche zum 
Ausdruck gebracht wird 47 ). Wer keine 
Scheiter zum Feuer gibt, dem wächst der 
Flachs nicht 48 ). Auch vom Vieh halten 
die Feuer die Krankheit fern, wenn es 
durch oder um sie getrieben wird 4e ) 
oder über die erloschenen Kohlen 50 ), 
wenn auch erst am andern Morgen 51 ). 
In Irland wird mitunter der gesamte 
Viehbestand durch ein künstliches Roß 
dargestellt 52 ). Im polnischen Ober¬ 
schlesien tanzten die Hirten nach einer 
Geige um das Feuer und sprangen darüber 
hinweg, damit das Vieh nicht lahm 
werde 53 ). Manchenorts werden auch auf 
den Wegen, über die das Vieh getrieben 
wird, J. entzündet 54 ). 

2T ) HessBl. 25, 167 f. 28) Mannhardt 1, 
464 f. 492 f. 29 ) Meier Schwaben 2, 425. 

30 ) Schmitz Eifel 1, 41. 3 *) Urquell N. F. 1, 
185; Meier Schwaben 2, 423 f. 32 ) Baumgarten 
Jahr 27. 33 ) Frazer 10. 189 (Berry). Man 

glaubte, daß die Kinder dann sofort gehen 
könnten: ebd. 182 (Touraine u. Poitou). 
34 ) Frazer 10, 204 (Irland). 35 ) Baumgarten 
Jahr 27. 36 ) Grimm Mythol. 3, 468 (918: 

Bayern); John Westb. 86. 255; Frazer 10, 190 
(Mittelfrankreich). 194 (Belgien). Den unge- 
sengten Springer kommt dies Jahr kein Fieber 
an, die ungesengte Springerin wird für dies 
Jahr nicht , .angebrannt" (schwanger): 
Leoprechting Eechrain 183. 3/ ) Frazer io, 
195 h (Belgien). 38 ) Meyer Baden 225; ZfVk. 

1, 298 (Bayern); Fehrle Johannistag 11. In 
der Franche-Comte gingen alte Frauen deshalb 
vierzehnmal unter Gebeten um das Feuer: 
Frazer 10. 189. 3Ö ) Baumgarten Jahr 27. 

Vgl. Wein hold Kennzahl 35. 40 ) Sartori S. 
u. Br. 3, 228; Drechsler 1, 137; 2, 297; Leh¬ 
mann Sudetendeutsche Volksk. 147; Land- 
s t einer Nieder Österreich 45; Frazer 10. 162. 163. 
163 f. Man schläft an Winterabenden nicht ein: 
Drechsler 1, 137. «) Frazer 10, 194. 42 ) ARw. 
1 7 > 363- 43 ) Wuttke 80 (93)- 4I ) Meyer 
226. 45 ) Ebd. 225. 4C ) Leoprechting Lech- 

rain 183; John Westb. 86; Schönwerth Ober¬ 
pfalz i, 414 (9); Baumgarten Jahr 28; Mann - 
hardt 1, 5 02 ; Frazer 10, 165 (Oberbayern). 

In Kleinrußland und Estland wirft man 
allerlei ins Feuer für langen Flachs: Frazer 
io, 176. 180. 47 ) Kap ff Festgebräuche 18; Bir- 
linger Volkst. 2, 98, vgl. 104; Ders. Schwaben 
2, 119; Meier Schwaben 2, 423; Panzer Beitr. 

2, 549. «) Meyer Baden 225. 226; ZfVk. 7, 329. 

49 ) Mannhardt 1, 519; Vernaleken Mythen 


737 


Johannisfeuer 


738 


308 f.; Knoop Posen 323 (111); Frazer 10, 165 
(Oberbayern). 171 (Norwegen). 176 (Rußland). 
185. 188(Frankreich). 203(Irland). 50 ) Schramek 
Böhmerwald 158; Frazer io, 182 (Frankreich). 
51 ) Tettau u. Temme 277. 52 ) Frazer 10, 203. 
M ) Drechsler 1, 137. 54 ) Schramek Böhmer¬ 
wald 158. 

4. Nicht nur die feurige Glut, auch der 
Rauch verscheucht Hexen und böse 
Gewalten 55 ). Darum kommt es darauf 
an, möglichst viel Rauch zur Entwick¬ 
lung zu bringen 56 ). Er muß über die 
Felder gehen 57 ), dann macht er die 
Wolken für das Korn unschädlich 58 ). 
Kinder und Vieh werden hindurch¬ 
getrieben 59 ). In Frankreich (Beauce u. 
Perche) steckten die Umstehenden den 
Kopf in die Rauchwolken in dem Glauben, 
das werde sie vor einer Menge Unglück 
bewahren 60 ). Steigen Rauch und Flam¬ 
men gerade in die Höhe, so ist eine reiche 
Obsternte zu erwarten, denn der Rauch 
verjagt aus den Bäumen alles Böse 61 ). 
Gibt es viel Funken beim J., so steht 
eine reiche Kornernte bevor 62 ). 

55 ) Frazer 10, 161. 56 ) Hörmann Volks¬ 

leben 119; Reiser Allgäu 2, 150; Geramb 
Brauchtum 61. 62; MdBlfVk.3, 11 (oberes Erzge¬ 
birge). 57 ) Frazer 10. 201 (Wales). 58 ) Rosegger 
Steiermark 260. 59 ) Frazer 10, 192 (Saintonge). 
60 ) Frazer 10, 188. 61 ) Drechsler 1,137. 62 ) Ebd. 

5. Während die J. brannten, hielt 
in Douai arm und reich offene Tafel 
auf der Straße, und jeder Vorübergehende 
wurde zum Trinken eingeladen 63 ). Ähn¬ 
lich in London 64 ). Auch in Deutschland 
schmauste und zechte man beim J. 65 ). 
Im Aargau und in Schwaben kochte man 
an ihm Erbsen, die dann für Wunden 
und Quetschungen gut waren 66 ). In 
österr.-Schlesien bricht man vor Johanni 
vom Holunder eine Blütendolde ab, 
backt sie in einem Pfannkuchen und 
verzehrt beides beim J.; das schützt 
gegen Zahnweh 67 ). 

83 ) Wolf Beitr. 2, 392. 64 ) Frazer 10, 196; 
Reinsberg Festjahr 231. w ) Jahn Opfergebr. 
44. 8ß ) Grimm Mythol. 1, 514; Sartori 5 . 

u. Br. 3, 235. ® 7 ) Drechsler 1, 137. 

6. Von hoher Bedeutung ist das J. 
für die Liebe. Wer nicht zum Zu¬ 
schauen kommt, der wird niemals hei¬ 
raten 68 ). Wenn die Paare beim Sprunge 
ihre Hände nicht loslassen, so gilt es als 
ihr Schicksal, daß sie einander heiraten 69 ). 

Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube IV 


Das geschickte Überspringen von seiten 
der Mädchen galt als günstiges Vorzeichen 
für baldige Verheiratung 70 ). Ein Mäd¬ 
chen, das 9 Feuer brennen sieht 71 ) oder 

um 9 Feuer tanzt 72 ), heiratet in dem 
, . • • 

Jahre. Überall in Deutschland springen 
besonders gern erklärte Liebespaare über 
die Flammen 73 ), und der Bursche wirft 
die Scheibe für sein Mädchen, wobei ihr 
Name genannt wird 74 ). Auch werden 
Liebespaare beim J. ausgerufen 75 ), 
und in einem Liede, das man in Polen 
beim Umtanzen singt, wird St. Johann 
selbst aufgefordert, sich ein Weib zu 
suchen 76 ). Auf der estländischen Insel 
Moon wird, während das Feuer brennt, 
im Walde das Beilager des Johannis¬ 
paares vollzogen 77 ). Im Fellinschen 
tanzten unfruchtbare Weiber nackt um 
die Ruine, auf der das Feuer am Johannis¬ 
abend brannte 78 ). Manchmal muß das 
jüngste Ehepaar das Feuer anzünden 79 ). 
Aus den Kränzen, die beim J. ver¬ 
wandt werden, entnimmt in Ungarn das 
Mädchen Fingerzeige für künftige Ehe 80 ). 

68 ) Zelenin Russische Volksk. 372. Ä# ) Ebd. 
70 ) ZfVk. 4, 402 (Ungarn); Wlislocki Ma¬ 
gyaren 60 f. 71 ) John Westb. 257, vgl. 86. 
Vgl. auch oben A. 39. 72 ) Mannhardt 1, 456 
(Bretagne); Frazer 10, 189 (Berry). 73 ) Mann¬ 
hardt 1, 464 f. Vgl. Frazer 10, 168. 74 ) Mann¬ 
hardt 1, 465. 75 ) Sartori 3, 229 A. 43; Mann¬ 
hardt 1,607. 7Ä ) Mannhardt i, 466 ff. 77 ) Ebd. 
1, 469. 78 ) Boeder Ehsten 13; Weinhold 

Ritus 11. 79 ) Sartori 3, 228 A. 40. 80 ) ZfVk. 

4, 402. 403. 

7. Beim Springen über das J. um- 
gürtet man sich mit Blumen und 
Kräutern 81 ), namentlich mit Beifuß 
und Eisenkraut 82 ). Das Kraut wird 
nachher ins Feuer geworfen, und man 
glaubt mit ihm alles Unglück zu ver¬ 
brennen 83 ). In Ertingen erklärt man das 
Hineinwerfen von Beifuß, Rauten, St. 
Hansen-Gürtelkraut und Geweihtem in 
die Flammen damit, daß es schon nach 
Betläuten sei, wenn das Feuer brenne, und 
die Hexen einem etwas anhaben könnten 84 ). 
Man hält auch Pflanzen ins Feuer, 
um ihre Heilkraft zu stärken. In 
Ungarn Gliedkraut mit den Worten: 
„Keine Beule werde an meinem Leibe, 
kein Bruch an meinem Fuße“ 85 ). Dort 
wirft man auch beim Überspringen des 

24 




739 


J ohannisgürtel—Johannishaupt 


740 


Feuers Obst in die Glut, das man dann 
hervorscharrt und als Mittel gegen Zahn- 
und Bauchschmerzen aufbewahrt 86 ). In 
Poitou gingen die Leute dreimal mit 
Walnußzweigen in der Hand um das 
Feuer, Schäferinnen und Kinder zogen 
Reiser von Nüssen und Wollkraut (Ver- 
bascum) durch die Flammen; die Nüsse 
sollten Zahnweh heilen, das Wollkraut 
das Vieh gegen Krankheit und Ver¬ 
hexung schützen 87 ). Häufig wird das 
J. um einen hohen Baum aufge¬ 
schichtet, der mit Sträußen, Bändern 
und Kränzen behängt ist 88 ). Man be¬ 
wahrt auch wohl den am 1. Mai gesetzten 
Baum dazu auf oder auch die Sträuße 
und Reiser des Fronleichnamstages 89 ). 
Anderswo verbrannte man nicht mehr 
einen Baum, aber die das Holz zusammen¬ 
bettelnden Knaben trugen einen ge¬ 
schmückten Maibaum voraus 90 ). In 
Nürnberg steckten die Buben den Leuten 
Maibäume vor die Häuser und erhielten 
dafür Geld, Holz und stumpfe Besen zum 

J öl ). 

8l ) Frazer 10. 176 (Rußland). 201 (Wales). 
82 ) Wolf Beitr. 2, 386; Wuttke 106 (137); 
Reinsberg Böhmen 310; Zelenin Russische 
Volksk. 371 f. Vgl. oben 1, 1006. Man führt 
das auf antiken Einfluß zurück: Fehrle Jo¬ 
hannistag 13. «) Wolf Beitr. 2, 386; ZfVk. 29, 
41 1 ; Boeder Ehsten 87; Sartori S. u. Br. 3, 
227 A. 29. 84 ) Birlinger Volkst. 2, 105. 85 ) 

Wlislocki Magyaren 62. 86 ) ZfVk. 4, 404. 

87 ) Frazer 10, 190. Ähnlich im Dep. Vienne 10, 
191. Vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 420. Auch Steine 
werden zum Heil- und Fruchtbarkeitszauber ins 
Feuer gerollt: Sebillot 1, 354 f. 335. 88 ) Mann¬ 
hardt 1, 177 ff. 513 A. 4; Sartori 3, 226 f.; 
Frazer 10, 180 (Oesel). 181 (Tscheremissen). 
185 (Normandie). 188 (Beauce und Perche). 
192 (Südfrankreich). 199 (Cornwall). 89 ) Baum¬ 
garten Jahr 27. 28. »°) Mannhardt 1, 180; 

v gk 5 2 4 k; Panzer Beitr. 1, 217. 219. 91 ) Panzer 
2, 239. 

8 . Andrerseits werden ins J. auch 
Dinge geworfen, deren Verbrennung auf 
die Beseitigung alles Alten, Un¬ 
brauchbaren, Lebensfeindlichen hin¬ 
zielt. Sehr häufig ist die Verbrennung 
einer Strohpuppe oder „Hexe“ 92 ). Manch¬ 
mal ist der „Lotter“ zu Luther und seiner 
Kathi geworden 93 ). Auch Tierknochen 
werden im J. verbrannt 94 ), doch wohl 
um das Böse femzuhalten. Selbst lebende 
Wesen verbrennt man 96 ). 


92 ) Mannhardt i, 502. 512 ff. 614; Sartori 
3 , 228; Birlinger Volkst. 2, 100 f. 105; Baum¬ 
garten Jahr 27; ZföVk. 3, 8; Wolf Beitr. 2, 
392; Zelenin Russische Volksk. 372. 93 ) Mann¬ 
hardt 1, 513 — Zingerle Tirol 159 (1333. 
I 355 ); Hörmann Volksleben 119; Birlinger 
Volkst. 2, 99. 94 ) Sartori 3, 227; Wolf Beitr 
2, 387; MschlesVk. 21, 94 f.; Kauffmann 
Balder 271 A. 3. 93 ) Mannhardt 1, 515 t.; 

Sebillot Folk-Lore 3, 280 (Schlangen); v. 
Gennep im Journal de Psychologie 24 (1927). 
2 9 - 43 k 77 (Füchse und Katzen), über die 
Katzen: Jostes Sonnenwende 1, 161 f. 175 f. 

9. Auch der armen Seelen wird ge¬ 
dacht. Man setzte ihnen in Frankreich 
Stühle oder Steine ans Feuer, damit sie 
sich daran wärmen könnten 96 ). 

96 ) Wolf Beitr . i, 253; Frazer 10. 183. 184; 
Sebillot Folk-Lore 1, 354; Le Braz La 
legende de la mort 2, 68. 50 f. 

10. Glück bringt es (in Irland), wenn es 
gelingt, ein brennendes Scheit vom J. 
nach Hause zu bringen. Wer zuerst in 
seinem Hause damit ankommt, trägt das 
Glück des Jahres hinein 97 ). In Ober¬ 
bayern erneuert man damit das vorher 
gelöschte Herdfeuer 98 ). Weiteres s. unter 
Johanniskohle. 

y7 ) Frazer 10, 205. 38 ) Ebd. 163. Vgl. Sar¬ 
tori 3, 229. Sartori. 

Johannisgürtel s. Beifuß. 

Johannishaupt. 

1. Votivbilder, die das Haupt des Jo¬ 
hannes darstellen, werden gegen Kopf- 
leiden geopfert; noch wirksamer ist das 
Aufsetzen von Schüsseln, auf denen das 
Haupt des Täufers gemalt oder einge¬ 
schnitzt ist, auf den Kopf des Leidenden. 
Auch setzt dieser seinen Hut auf das ge¬ 
weihte Haupt des Johannes, betet und setzt 
dann den Hut wieder auf. In der Wall¬ 
fahrt skapelle auf dem Tiroler Berge „Hohe 
Salve“ tragen die Wallfahrer geschnitzte 
Johannisköpfe um den Altar gegen 
Kopfleiden J ). In Oberbayem wird ein 
hölzernes J., das öfters an einer Kette 
in der Nähe von Flüssen in Kapellen¬ 
nischen untergebracht ist, ins Wasser 
geworfen, um durch sein Stillstehen die 
Lagerstelle eines im Flusse Ertrun¬ 
kenen anzugeben 2 ). 

l ) And ree Votive 146; SAVk. 14, 28711.; 
Zfö\k. 10, 107; Hmtl. 14, 192; Bayer. Heimat¬ 
schutz 23, 40; D. Heimat, Ztschr. d. Westfäl. 
Heimatbundes (Dortmund) 10 (1928), 181 f. 
Gleiche Verwendung der Glocke: oben 3, 870. 


; 


74i 


Johannishand—Johanniskrankheit 


742 


In Luxemburgischen Kirchen setzen sich die 
Wallfahrer beim Opfergang einen Reifen oder 
Kranz von Eisen auf den Kopf und opfern 
auch solche Gegenstände gegen Kopfschmerzen: 
Fontaine Luxemburg 110. 2 ) Meyer Baden$o$. 

2. In der Grafschaft Cork (Irland) wird 
ein großer Stein als das wahre Haupt 
Johannes des Täufers betrachtet; bei ihm 
werden Reinigungseide geleistet und Ver¬ 
träge abgeschlossen 3 ). 

3 ) Lady Wilde Ancient legends of Ireland 240. 


Johannishand s. Knabenkräuter. 


4 ) Reinsberg Böhmen 309. 310; Frazer 10, 
165 (Bayern). 5 ) Ebd. 195 (Belgien). 8 ) Wolf 
Beitr. 2, 395. 7 ) Meyer Baden 104. 8 ) Hör¬ 

mann Volksleben 121. 9 ) Reiser Allgäu 2, 149; 
Meyer Baden 226; Drechsler 1, 137; 2, 59; 
John Erzgeb. 2 25; ZfVk. 11, 273t.; Frazer 
10, 203 (Irland). 10 ) Kück u. Sohnrey 149 h; 
Leoprechting Lechrain 183; Panzer Beitr. 
1, 210; 2, 549; John Westb. 184; Frazer 10, 165 
(Bayern). n ) Egerl. 4, 37. Vgl. Baumgarten 
Jahr 28. 

2. Man findet auch außerhalb des 
Johannisfeuers Kohlen. Auf allen Wiesen, 
wo man am Johannistage den Boden auf¬ 


Johanniskohle. 

I. Die Asche und die Kohlen des er¬ 
loschenen Johannisfeuers bewahren noch 
lange ihre zauberische Kraft. Um das 
Haus vor Krankheiten, namentlich aber 
vor Feuer und Blitzschlag zu schützen, j 
nimmt man einen Brand mit nach Hause J ). j 
Man vergräbt Kohlen neben das Haus 2 ) : 
und unter die Türschwelle 3 ) und steckt sie 
sogar mitunter noch glimmend unter 
das Dach 4 ). Asche wird, mit Wasser 
gemischt, gegen Schwindsucht einge¬ 
nommen 5 ). Ein Strauß, den man durch 1 
die Glut geschwungen hat und an der ! 
Stalltür aufhängt, schützt das Vieh vor 
bösen Mächten 6 ). In Merdingen halten 
die Kinder über das Johannisfeuer ein j 
mit Blumen verziertes Kreuz, das zu Hause 
aufbewahrt wird, um gegen Gewitter ! 


gräbt, stößt man darauf. Man muß sie auf 
den Fruchtboden legen, dann schützen sie 
das Korn vor Würmern und das Haus vor 
Blitzschlag 12 ). Wenn man am Johannis¬ 
mittag Schlag 12 Uhr eine Beifußpflanze 
aufgräbt, so findet man unter der Wurzel 
eine brennende Kohle; sobald die Glocke 
ausgeschlagen hat, ist sie verschwunden. 
Wenn man sie stillschweigend wegnimmt 
und aufbewahrt, hilft sie gegen allerhand 
Krankheiten 13 ). Auch unter anderen 
Pflanzen findet man Kohlen, die zu 
manchen Dingen gut sind 14 ). Man muß 
dort nach Geld graben 15 ). Auch sind 
solche Kohlen gut gegen Fieber 16 ). 

12 ) Meier Schwaben 2, 427. 13 ) Bartsch 

Mecklenb. 2, 290, vgl. 287; Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 209. Linne meint, es handle sich bei 
diesen „Kohlen“ um die abgestorbene Wurzel 
der Pflanze: Mar zell Pflanzenwelt 26. Vgl. 


zu schützen 7 ). In Tirol macht man aus 
der Asche eine Lauge, mit der man den 
Kühen, die mit der Läusekrankheit be¬ 
haftet sind, die Haut abwäscht 8 ). Sehr 
verbreitet ist der Brauch, Kohlen und 
Asche vom Johannisfeuer in die Felder 
und Gärten zu legen 9 ). Besonders das 
Gedeihen des Flachses wird dadurch ge¬ 
fördert 10 ). Im Egerlande trägt die Magd 
oder die Tochter des Hauses das Holz 
noch glimmend und rauchend eilenden 
Laufes zum Flachsfelde und steckt es 


oben 1, 1009 f. 14 ) Kuhn u. Schwartz 393 
(94); Wolf Beitr. 2, 391; Mensing Schl.Holst. 
Wb. 2, 1046. 15 ) Bartsch 2, 291. 18 ) SAVk. 

15, 180. Sartori. 

Johanniskrankheit heißt die Epilepsie 
als eine veitstanzähnliche Krankheitsform, 
die durch Genuß von Geißfleisch ver¬ 
ursacht werden sollte *). Von der Plage 
des Johannistanzes wurden im 14. und 
15. Jh. namentlich die Gegenden an Rhein 
und Mosel und die Niederlande heim¬ 
gesucht. Erst am Veits- oder am Johannis¬ 


dort in eine Ecke. So hoch der Brand 
steht, so hoch wächst in diesem Jahre die 
Leinpflanze 11 ). 

l ) Wuttke 400 (617); Wolf Beitr. 1, 217; 
Knoop Posen 332 f.; Reinsberg Böhmen 
309. 310; Frazer 10, 183 f. (Bretagne). 187 
(Picardie). 188 (Beauce und Perche). 190 
(Poitou). 191. 192. 195; Sebillot Folk-Lore 1, 
106. 2 ) ZfVk. 4, 402 (Ungarn). 3 ) Reinsberg 
Böhmen 310; Lippe rt Christentum 650. 


tage wurden die Kranken davon befreit 2 ). 
In Flandern sagt man, Gott habe den 
h. Johannes mit dieser Krankheit be¬ 
straft, als dieser ihn vorwitzig gebeten 
habe, ihm den Donner zu zeigen 3 ). Hier 
ist aber der Apostel J. gemeint, der seit 
alters „Wetterherr“ ist 4 ) und der auch 
bei der „Gehanneskränkt“, die Kinder 
beim Zahnen befällt und die davon Er- 




743 


J ohanniskräuter 


744 


griffenen wie Hähne krähen läßt, ange¬ 
rufen wird 5 ). 

*) Höfler Krankheitsnamen 251. 317; ZfrwVk. 
12, 99 f. 2 ) Uhland Schriften 3, 3990. Vgl. 
auch v. Gennep im Journal de psychologie 
24 (1927), 53 f. 65 f. 3 ) Hovorka u. Kron- 
feld 2, 209. 4 ) SAVk. 23, 25. 6 ) Fontaine 

Luxemburg 108. Sartori. 

Johanniskräuter. Das Johannisfest 
spielt als Sommersonnenwende im Pflan¬ 
zenkulte vieler indogermanischer Völker 
eine große Rolle. Den an Johanni (bzw. 
am Vorabend) gesammelten Kräutern 
wird eine besondere Heilkraft oder Macht, 
das Böse abzuwehren, zugeschrieben 1 ). 
In einem Hexenprozeß zu Briancon vom 
28. November 1437 bekennt der aus 
Regensburg stammende Angeklagte: in 
die festi s. Johannis Baptistae certas 
her bas colligebat pro medicinis nomi- 
natis in processu, et flexis genibus prius 
ipsas adorando et extrahendo in nomine 
suorum dyabolorum et in despecti dei 
omnipotentis omnium creatoris 2 ). Auch 
bei romanischen 3 ) und besonders bei 
slavischen 4 ) Völkern stehen die J. in 
hohem Ansehen. In Frankreich kennt 
man sogar die sprichwörtliche Redensart 
„employer toutes les herbes de la Saint- 
Jean“, die besagen soll, daß man alle 
Mühe daran gesetzt hat, um eine Person 
zu heilen oder einer Sache zum Erfolg zu 
verhelfen 5 ). In vielen Gegenden werden 
Kränze oder Kronen an Johanni aus J.n 
gewunden 6 ). Sie werden im Hause 
oder Stall gegen Krankheit, Blitzschlag 
usw. aufgehängt 7 ), auch werden sie im 
Liebesorakel gebraucht 8 ). Nicht selten 
werden diese Kränze auf das Dach ge¬ 
worfen 9 ). Im Bayrisch-Österreichischen 
werden an Johanni die sog. „Sonnwend¬ 
buschen“ (Johannibuschen) gebunden, die 
aus verschiedenen um diese Zeit blühenden 
Kräutern bestehen, so in Steiermark aus 
Pfingstrose, Frauenmantel, Zittergras, 
Skabiose, Eichenlaub, Feuerlilie, Johannis¬ 
kraut, Maßlieb, Sauerampfer, Wetter¬ 
distel, Quendel, Bergkraut (?), Butter- 
blümel oder aus Frauenhaar (Polytri- 
chum), Johanniskraut, Bocksbart, Wucher¬ 
blume, Vergißmeinnicht, Thymian, Hasel¬ 
zweige, Dotterblumen und rotem Klee 10 ). 
In Niederbayem besteht der Sonnwend¬ 


büschel aus Blättern der Hasel und 
Eiche, aus Wucherblumen, Johannis¬ 
blumen (Amica montana), rotem und 
weißem Klee, Haferrispen, Herrgotts¬ 
zehen (Lotus comiculatus), Sonnwend- 
scheberl (Briza media), Wiesennelken, 
Glockenblumen, Hosen- oder Schneider¬ 
knopf (Sanguisorba officinalis), meist ist 
auch eine Kornähre und Klof (Alectoro- 
lophus maior) dabei 11 ). Diese Sonn¬ 
wendbüschel sollen gegen das Einschlagen 
des Blitzes schützen. In Oberfranken 
winden die Mädchen an Johanni kleine 
Kränze, werfen sie ins Johannisfeuer, 
nehmen sie halbverkohlt wieder heraus, 
beißen hinein und glauben dann, das 
Jahr über keine Zahnschmerzen zu be¬ 
kommen 1 ~). Ähnlich werden in Frank¬ 
reich Walnüsse (s. d.), die noch an ihren 
Zweigen hängen, im Johannisfeuer an¬ 
gekohlt. Wer dann hineinbeißt, solange 
die Nüsse noch warm sind, ist vor Zahn¬ 
weh geschützt 13 ). Hier haben wir die 
alte Ideenverbindung „Feuer und Zahn“ 
vor uns: Zahnstocher aus dem Holz eines 
vom Blitz getroffenen Baumes gelten als 
Mittel gegen Zahnschmerzen 14 ). Auch 
sonst gelten die J. in Verbindung mit 
dem Sonnwendfeuer als Präservativ gegen 
Krankheiten, vgl. Beifuß (s. 1, 1006), 
Rittersporn. Am Tag vor Johanni 
nimmt man sog. Johannisblumen (Chry¬ 
santhemum leucanthemum oder Arnica 
montana ?) und macht daraus ein Lager. 
In der Nacht, so erzählen die Leute, 
kommt der heilige Johannes und legt 
auf das bereitete Lager sein Haupt. Dies 
geschieht jedoch nur, wenn man beim 
Pflücken der Kräuter betet und nicht 
sündigt. Am anderen Morgen will man 
den Eindruck seines Hauptes auf den 
Blumen wirklich sehen. Diese Blumen 
sind dann außerordentlich heilsam und 
werden * besonders dem kranken Vieh ins 
Futter gemischt 15 ). Andrerseits sind 
aber die Kräuter am Johannistag auch 
„tabu“, vgl. Frühlingsblumen (3, 160): 
Wenn man am Johannistag an einer Blume 
riecht, auf welcher der „Krebs“ (Maul¬ 
wurfsgrille) gesessen oder über welche 
er geflogen, so bekommt man Nasen¬ 
krebs (vgl. den Glauben, daß man beim 


745 


J ohannisminne 


746 


Riechen an gewissen Frühlingsblumen 
wie Märzglöckchen oder Seidelbast eine 
„wehe“ Nase bekomme!). Darum ist es 
am besten, am Johannistag an keiner 
Blume zu riechen. Was über der Erde 
wächst wie Salat, Erdbeeren usw. darf 
man am Johannistag nicht pflücken, 
denn der „Krebs“ könnte es berührt 
haben 16 ). 

x ) Schroeder Arische Religion 2 (1916), 
265 ff. 271; Frazer Balder 2 (1913), 45—75; 
Heckscher 386 f. 2 ) Hansen Hexenwahn 543. 

3 ) Sebillot Folk-Lore 3, 474; ATradpop. 16, 

287. 4 ) Yermoloff Volkskalender 290. 292; 

Praetorius Deliciae pruss. 25; Schulenburg 
254; Arnaudoff Die bulgar. Festbräuche 1917, 
69; Strauß Die Bulgaren 1898, 348; Guber- 
natis Myth. des plant. 2, 181; FFC. 52, 268. 

4 ) Sebillot a. a. O. 6 ) Reichhardt Deutsche 

Feste 1908, 170. 7 ) ZfVk. 7, 147; Wirth Bei¬ 

träge 6/7, 31; Wrede Rhein. Volksk. 193; 
Geramb Brauchtum 62; Panzer Beitrag 1, 212. 
8 ) Frazer Balder 2 (1913), 53. °) z. B. Wrede 
Eifeier Volksk . 2 223. 10 ) Unger u. Khull 

Steir. Wortsch. 368. 598; vgl. auch Geramb 
Brauchtum 62. n ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 
45. 12 ) ebd. 44 f. 13 ) Rolland Flore pop. 4, 59. 
14 ) Wuttke 97 § 121, vgl. auch Plinius Nat. 
hist. 28, 45. 15 ) Grohmann 98. 16 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 289, vgl. Drechsler i, 289. 

Literatur: Siehe auch Neunerlei Kräu¬ 
ter. Konrad Bohner Johanniskräuter 
Heimatbilder aus Oberfranken 1 (1913), 

248—252; H. Bardy Les herbes de la Samt 
Jean, sorcellerie et medecine (Bull. med. des 
Vosges 1894); Bertrand La religion des 
Gaulois 1897, 122—139. Marzeil. 

Johannisminne. I. Die Minne Jo¬ 
hannes des Evangelisten. 

1. Die ältesten Belege. — 2. Zusammenhang 
mit altgerman. Minnetrunk. — 3. Der kathol. 
Weiheritus. — 4. Die geweihte J. im kirchlichen 
Gebrauch. — 5. Die geweihte J. im Laien¬ 
gebrauch. — 6. J. als Abschiedstrunk. — 7. J. 
vor dem Sterben und bei der Hochzeit. — 
8. Vereinzeltes. 

1. Dem Andenken des Heiligen Jo¬ 
hannes Evangelista einen Minnetrunk x ) 
darzubringen, ist eine Sitte, die uns in 
häufigen Zeugnissen seit dem 12. Jahr¬ 
hundert begegnet. Die Selbstverständ¬ 
lichkeit und Regelmäßigkeit, mit der 
des Brauches in den Epen der mhd. Zeit 
Erwähnung getan wird, beweist füglich, 
daß der Brauch durchaus volkstümlich 
und zu dieser Zeit an Rhein und Donau 
allgemein bekannt war; andrerseits läßt 
die Tatsache, daß er früher überhaupt 


nicht erwähnt wird, vermuten, daß er 
seine endgültige Ausbildung und Ver¬ 
breitung nicht vor dem n. Jahrhundert 
erfahren hat. — Die frühen Quellen des 
12. und 13. Jahrhunderts zeigen uns 
in großer Übereinstimmung die J. als 
Abschiedstrunk vor der Reise, als hö¬ 
fische Sitte, wie sie vom Gastgeber 
an den ritterlichen Gästen 2 ), von der 
Dame an den scheidenden Geliebten 3 ), 
vom gewappneten Kämpen vor der 
Schlacht geübt wurde 4 ), zunächst wohl 
nur als letzter gemeinsamer Trunk des 
Reisenden mit den Zurückbleibenden, 
dem ein frommer Gedanke, ein guter 
Wunsch für die Fahrt, gleichsam als Toast 
beigefügt wurde, sehr bald jedoch mit 
dem immer stärker werdenden Neben¬ 
gedanken, dieser Trunk habe an sich die 
Kraft, daz wir vroel/ch ze samen schiere 
komen müezen 5 ) und wer in träne, der 
waz behnt vor schaden und vor leide 6 ). 
Auch den Wein vor dem Genuß zu segnen, 
scheint schon im 3. Jahrhundert gelegent¬ 
liche Übung gewesen zu sein 7 ). Im Os¬ 
wald bringt der Rabe als Bote sant Jo¬ 
hannes minne 8 ); hier hat das Wort noch 
nicht die Bedeutung eines Abschieds¬ 
trunkes, den es an anderen Stellen des¬ 
selben Epos 9 ) schon aufweist; so zeigt 
uns diese früheste Quelle den Entwick¬ 
lungsgang des Brauches. Auch bei 
Hochzeiten ist es bereits im 13. Jahr¬ 
hundert nach dem Ausweis des Augs¬ 
burger Stadtrechtes 10 ) gelegentlich Sitte, 
J. zu trinken: Der Abschiedstrunk wird 
bei allen nur möglichen Gelegenheiten 
genossen, u. a. auch als Schlußtrunk bei 
Gelagen, wie er uns in der Weinprobe 
begegnet u ). So zeigen uns die frühesten 
Belege, die für den Brauch die Bezeich¬ 
nungen sant Johannes segen 12 ) und sant 
Johannes minne 13 ) oder beide (sant Jo¬ 
hannes minn und segen 14 )) gebrauchen, 
ihn bereits in voller Entwicklung zu der 
Mannigfaltigkeit der späteren Jahrhun¬ 
derte bis zur Gegenwart. 

x ) Vgl. den Artikel Minne. 2 ) Dietrichs erste 
Ausfahrt 43, 12 f.; Salomon und Morolf v. 3103; 
Ottokar Reimchronik v. 97882. 3 ) Minne¬ 

kloster (Laßberg Liedersaal 2, 262). 4 ) Erek 
v. 8650 f. 6 ) Minnekloster a. a. O. •) Dietrichs 
1. Ausfahrt 43, 10 ff. 8 ) Vgl. Wrede Rhein. 


747 


Johannisminne 


748 


Volksk. Anm. 419. ®) hg. Ettmüller v. 610. 

1127. 1225. 10 ) Meyer Stadtbuch von Augsburg 
S. 244. n ) Vgl. Zingerle Johannissegen 185. 
12 ) Erek v. 8651; Weinprobe a. a. O.; Salomon 
und Morolf v. 3103. 13 ) so stets im Oswald; 

Ottokar Reimchronik v. 97883; Minnekloster 
a. a. O. 14 ) Dietrichs 1. Ausfahrt a. a.O. Weitere 
Belege bei Grimm Myth. 1, 49 f. 

2. Nach diesen frühesten Quellen kann 
es kein Zweifel sein, daß ein unmittel¬ 
barer Zusammenhang der J. mit einem 
bestimmten Götterminnekult nicht be¬ 
steht lö ). Die Sitte des Minnetrinkens 
wurde zwar aus heidnischer Zeit über¬ 
nommen und, wie es die Gelegenheit, 
die örtlichen Verhältnisse und die be¬ 
sondere Beliebtheit gewisser Heiliger be¬ 
dingten, auf einzelne Heilige übertragen, 
u. a. in ziemlich später Zeit auch auf 
Johannes, viel später als auf Stephan 16 ), 
und auch auf Gertrud 17 ). Karl der Große, 
der gegen die Auswüchse des Minnetrin¬ 
kens einschreitet 18 ), benennt die J. 
nicht; sie war also zu jenen Zeiten noch 
nicht volkstümlich und allgemein ver¬ 
breitet. Die Übertragung auf Johannes 
geschah also zu einer Zeit, als die alten 
Götter längst vergessen waren; die Tat¬ 
sache, daß die J. höfische Sitte wurde, 
trug entscheidend zu ihrer raschen Ver¬ 
breitung und Ausbildung bei. 

15 ) Zingerle Johannissegen S. 197 ff. sucht 
Zusammenhang mit Frö = Freyr. 16 ) Vgl. den 
Artikel Stephansminne. 17 ) Vgl. den Artikel 
Gertrudenminne. 18 ) Vgl. den Artikel Karls¬ 
minne. 

3. Den wesentlichsten Anteil an der 
Erhaltung, Verstärkung und Ausbildung 
der J. hat die katholische Kirche, 
die, anscheinend am Ende des 12. Jahr¬ 
hunderts, die Sitte ihrem Kult ein¬ 
fügte. Sie tat dies zweifelsohne, um 
einem unausrottbaren Volksbrauche, der 
bedenkliche Neigung zum Aberglauben 
und zur Völlerei aufwies, einen neuen, 
vertieften Inhalt zu geben. Da sie nicht 
an seine Bedeutung als Abschiedstrunk, 
die er im Volke hatte, anknüpfen konnte— 
Johannes Evangelista ist zwar der 
Patron wahrer Freundschaft (als Lieb¬ 
lingsjünger und Freund Christi), nicht 
aber der Schirmer für Reisende 19 ) —, 
mußte sie dem Brauche einen andern Sinn 
geben; sie benutzte hierzu die bekannte 


| Legende, wonach Johannes dadurch, daß 
er einen Giftbecher ohne Schaden leerte, 
einen Christenfeind bekehrte (in Rom, 
I Milet oder Ephesus) 20 ). Das Gebet, 
j das er dabei gesprochen haben soll, ist 
j die Keimzelle der kirchlichen Weihe- 
i formein, die uns seit Beginn des 13. Jahr- 
| hunderts in deutschen Missalen und 
nur in solchen 21 ) begegnen. Auch durch 
diesen Umstand und durch die Tatsache, 

I daß in allen Weiheformeln das Wort 
arnoY in der üblichen Weise das deutsche 
minne übersetzt, ist erwiesen, daß der 
kirchliche Ritus auf deutsch-volkstüm¬ 
licher Grundlage beruht; er fehlt auch 
in den andern germanischen Ländern 
(Skandinavien, England) völlig. — Mit 
der Einbeziehung in den kirchlichen 
Ritus erfolgte auch die prinzipielle Fest¬ 
legung des Weiheaktes auf den 27. XII.; 
nur ganz gelegentlich wird eine Weihe nach 
Bedarf gestattet 22 ), und die österrei¬ 
chische Weiheformel des 14. Jahrhunderts, 
die den Akt für den zweiten Ostertag 
vorschreibt, bleibt ganz vereinzelt. 

19 ) D. H. Kerler Die Patronate der Heiligen 
(1905) S. 122. 20 ) Vgl. hierzu und zum Fol¬ 

genden Franz Benediktionen 1, 294 ff.; ZdVfV. 
b. 185; Birlinger Volksth. 2, 457 (Legende 
von 1439); ZfdMyth. 3, 58, 300 (Volkslieder 
und Meistersingerlieder); ganz verfehlt K. 
Zickendraht SAVk. 23 (1920), 26 f. Gegen 
Gift waren auch andere Heilige, z. B. Bene¬ 
dikt v. Nursia, Jacobus de Marchia, Konrad 
v. Konstanz und Norbert, gefeit. 21 ) Daß einige 
norditalienische Missalien die Weiheformel 
kennen, erklärt sich wohl durch deutsche 
Beeinflussung. 22 ) Franz Benediktionen 1, 326. 

4. Der ursprüngliche Sinn, den die 
Kirche der J. beilegen wollte, war wohl 
der eines Segenstrunkes, durch den die 
ihn Genießenden der umfassenden Men¬ 
schen- und Gottesliebe des Evangelisten 
teilhaftig werden sollten. Nach der 
Weihe teilte der Priester aus gemein¬ 
samem und besonders für diesen Zweck 
bereitgehaltenem Pokal, wie ein solcher 
vom Anfang des 14. Jahrhunderts noch 
im Regensburger Dominikanerkloster auf¬ 
bewahrt wird den Gläubigen den 
geweihten Wein mit den Worten: ,,Bibe 
amorem St. Johannis in nomine patris 
et filii et Spiritus sancti“ an der Kommu¬ 
nionbank aus. In dieser Form hat sich 


749 


Johannisminne 


750 



die Sitte noch in vielen katholischen 
Landgemeinden Deutschlands erhalten, 
so am Rhein (Rundgang um den Hoch¬ 
altar 24 )), in der Eifel 25 ), in Baden 26 ), 
Württemberg 27 ), im Allgäu 28 ), im Lech¬ 
rain 2Ö ), in Oberbayem 30 ) und in der 
Steiermark 31 ). Weinstiftungen für diesen 
Zweck sind uns seit dem 14. Jahrhundert 
bezeugt, so aus Wörth (Steiermark) 
von 1321 32 ), aus Neunkirchen (ebda.) von 
X352 33 ), aus Leoben (ebda.) von 1384 34 ), 
aus Regensburg von 1466 (Stiftung eines 
Amtes und 30 Messen, nach denen J. 
gereicht werden sollte) 35 ), aus Plassen- 
burg von 1484 36 ), für die Pegnitzer 
St. Gilgenkirche aus derselben Zeit 37 ). 
Bei dem weiten und ganz anders orien¬ 
tierten volkstümlichen Gebrauch der J. 
konnte es jedoch nicht ausbleiben, daß 
die Kirche auch die eine oder andere volks¬ 
tümliche Sitte mit ihrem Ritus verband; 
so erlauben einige Missalien Weihe und 
Austeilung auch vor Reisen, indem sie 
an die alte Bedeutung der J. anknüpfen 37 ), 
andernorts wurde sie Pilgern als Schutz 
gegen Gefahren, Besessenen bei Tob¬ 
suchtsanfällen, Soldaten, die ins Feld 
zogen 38 ), Verbrechern vor ihrem Todes¬ 
gange 39 ) kirchlich gereicht. 1431 er¬ 
hielten so z. B. die Regensburger Krieger, 
die gegen die Hussiten auszogen, kirchlich 
geweihten und dargebotenen Johannis¬ 
segen 40 ), im 16. Jahrhundert war es in 
Regensburg üblich, am 1. I. ihn den 
Gläubigen für ein glückliches neues Jahr 
zu reichen 41 ). Besondere Ausbildung 
hat jedoch der Brauch gefunden, ihn 
vom Priester nach der kirchl. Trauung 
dem Brautpaare und den Hochzeits¬ 
gästen darbieten zu lassen, auch dies 
eine Anlehnung an die alte volkstümliche 
Sitte. Dann , falls wein (nämlich ge¬ 
weihter Wein) da ist , beginne der priester 
und reiche den trunk dem bräutigam, dann 
der braut und dem umstände , haben sie 
keinen wein , dann darbet alle , bestimmt 
eine Agende aus Sagan (Schlesien) um 
die Mitte des 15. Jahrhunderts 42 ); das 
Pfarrbuch von Reinhardshausen (Schwa¬ 
ben) überläßt den an der Hochzeit üb¬ 
lichen und überbliebenen St. Johannes¬ 
wein dem Pfarrer *). Solcher Johannis¬ 


segen oder Johannislieb ist heute noch 
bei Hochzeiten in Bayern 44 ), Baden 45 ), 
in der Pfalz 45 ' 1 ), am Lechrain (hier 
nimmt das Brautpaar zwei Schlücke, alle 
übrigen nur einen) 46 ) und in Steiermark 47 ) 
gelegentlich bekannt; auch die Russen 
und Griechen kennen eine Darbietung 
von Wein nach der Brautmesse (das 
griechische Brautpaar zerbricht den Becher 
nach dem Trunk 48 )). Diese Sitte wur¬ 
zelte im Volke so stark, daß sie sogar 
noch im 17. Jahrhundert in protestantisch- 
pietistischen Kreisen, so 1659 bei der 
Hochzeit der Stieftochter der Herzogin 
von Holstein mit dem Grafen Zinzendorf, 
geübt wurde 49 ); ob sie durch den manchen¬ 
orts üblichen Brauch, daß der Pfarrer 
zur weinkäuflichen Kopulation hinzu¬ 
gezogen wurde 50 ), verstärkt wurde, mag 
dahingestellt bleiben. Die Reformation 
verbot natürlich für ihre Gegenden die 
kirchliche Weinweihe (so z. B. die Pfalz- 
Neuburger Kirchenordnung von 1543 61 )); 
i damit vernichtete sie auch den weltlich- 
i volkstümlichen Brauch mit allen seinen 
Weiterungen in ihren Geltungsbezirken. 

23 ) Jung Germanische Götter und Helden in 
christlicher Zeit (1922) 59 ff. 24 ) Wrede Rhein. 
Volksk. 203. 25 ) Wrede Eifier Volksk} 203. 

2# ) Meyer Baden 490. 27 ) Kapff Festgebräuche 6; 
Tylor Cultur 1 87. 28 ) Reiser Allgäu 2 24. 

29 ) Leoprechting Lechrain 211. 30 ) Bavaiia 1 
387. 3l ) Geramb SteirVk. 58. 32 ) ZdVfV. 6 (1896), 
186 f. 33 ) Ebd. 187. 34 ) Ebd. 187 f. 36 ) Zingerle 
Johannissegen 192 f. 38 ) Ebd. 37 ) Ebd. 38 ) Franz 
Benediktionen 1, 329; 2, 572. *•) Macken¬ 

sen Henkersmahl und Johannisminne ZRG. 
Germ. Abt. 1924, 325 ff. 40 ) Zingerle Jo¬ 
hannissegen 192 f. 41 ) Franz Benediktionen 

1, 328; auch der Rat ließ am Neujahrstage Jo¬ 

hanniswein in der Kirche reichen. Eine Aus¬ 
teilung zu Weihnachten verfügen auch die 
Weistümer: Grimm Weist. 1, 241. 243. 42 ) 

Klapper Schlesien 298. 43 ) Birlinger Schwaben 

2, 121. **) E. H. Meyer Germ. Myth. 213; 

Quitzmann Baiwaren 89 f.; Jung Germanische 
Götter und Helden in christlicher Zeit (1922) 60 
(Chiemgau). 45 ) Meyer Bade» 246. 45 *) Becker 
Pfalz 294 (g’hannswein). 46 ) Leoprechting 
Lechrain 243. 47 ) G. Busch an Das deutsche Volk 
in Sitte und Brauch (1924). 48 ) F. X. Schmidt 
Johannissegen (Wetz er-Welte Kirchenlexikon 
5, 265). 4# ) G. Frey tag Bilder aus der deutschen 
Vergangenheit 4, 35. 60 ) M. Diehl Zur Ge¬ 

schichte des Gottesdienstes und der gottesdienst¬ 
lichen Handlungen in Hessen (1899) 308. 

61 ) W. Hoffmann Den Johannes segen trinken 
(HessBl. 23, 111). Daß diese hessische Sitte, 



75i 


J ohannisminne 


752 


die der Braut vorschreibt, am Hochzeits¬ 
morgen Weinsuppe zu essen, um mit Kindern 
gesegnet zu werden {Seligmann 2, 96), als 
Rudiment des hochzeitlichen Johanniswein¬ 
trinkens aufzufassen ist, bezweifle ich. Auch 
der oberkärntnerische Hannsenwein, der von 
der corona getrunken wird, wenn ein Bursche 
beim Mädel von seinen Kumpanen überrascht 
wird (Germania 31, 346 f.), gehört kaum hierher. 

5. Dadurch, daß die katholische Kirche 
es nicht verstand, den von ihr umgestal¬ 
teten Brauch in der von ihr gewählten 
Bedeutung rein zu erhalten, öffnete sie 
selbst einer großen Zahl von abergläu¬ 
bischen Auswüchsen Tür und Tor. Ver¬ 
hältnismäßig selten und ungefährlich 
scheint die volkstümliche Ansicht, die 
in der J. eine Art Abendmahl er¬ 
blickt 52 ), gewesen zu sein. Ungleich 
folgenschwerer wurde die Einführung 
der Sitte, daß Hausvater und Körper¬ 
schaften eigenen Wein zur kirchlichen 
Weihe bringen durften, den sie nach 
erfolgter Weihehandlung wieder mit- 
nahmen: so gelangte der geweihte Wein 
in die Privathäuser, und was mit ihm 
geschah, war der kirchlichen Aufsicht 
entzogen. Ursprünglich war die Sitte 
wohl so gemeint, daß der Hausvater 
beim festlichen Mittagstisch die J. feier¬ 
lich austeilen sollte, wie dies heute noch 
in Schwaben 53 ), Steiermark — dort 
heißt der Brauch ,,Weinhansel“ 54 ) —, in 
Westböhmen 54a ) und in andern katho¬ 
lischen Gebieten geschieht; dabei scheint 
es, in Anlehnung an die kirchliche Weihe¬ 
formel, früh üblich geworden zu sein, 
eine Art Segensspruch als Toast zu 
sprechen, der ausdrücken sollte, was man 
sich von dem Umtrunk erhoffte 5S ). Am 
beliebtesten und verbreitetsten blieb bis 
in unsere Tage der Vers: 

Am Johannissegen 

Ist alles gelegen 56 ). 

So ließ sich auch die Münchener Schuh¬ 
macherinnung zehn Kannen mit Wein 
weihen, die nach dem Hochamt in feier¬ 
licher Form unter die einzelnen Mit¬ 
glieder verteilt wurden 57 ). Daß 1657 
im Stift Seckau Johanniswein für die 
Mahlzeit nur den Herren im Domstift 
und dem Spital zugebilligt wurde 58 ), 
läßt darauf schließen, daß man wenigstens 
gelegentlich versuchte, gegen den häus¬ 


lichen Mißbrauch einzuschreiten. — Die 
über den kirchlichen Sinn hinausgehende 
Bedeutung, die das Volk dem geweihten 
Wein zumißt, wurzelt in dem Gedanken, 
daß ein Trunk geweihten Weines als 
gleichsam inwendig getragener Talisman 
Schutz gegen allerlei Übel gewähren 
könne. Dem kirchlichen Sinn angenähert 
ist die im Badischen 59 ) und Schwäbischen 60 ) 
gelegentlich geäußerte Hoffnung, die J. 
bewirke eine allumfassende Menschen¬ 
liebe. Auf kirchlicher Basis beruht auch 
der Glaube, sie schütze gegen Gift und 
schädliche Speisen 61 ), wie er uns in 
Luxemburg 62 ), Schwaben 63 ) und andern¬ 
orts begegnet; es ist nur eine Folgerung 
hieraus, wenn man weiterhin meint, sie 
helfe gegen alles unheimliche Böse, be¬ 
sonders gegen Zauberei 64 ), Gespenster 65 ), 
den Teufel 66 ), Hexen 67 ), den bösen 
Blick 68 ) und Gewittergefahr 69 ), wenn man 
sie Verhexten eingibt 70 ), dem Wein in 
den Fässern beimischt, damit er nicht 
schadhaft werde 71 ), dem Vieh gegen 
Verzauberung zu trinken gibt 72 ), dem 
ersten Kindsbad 73 ) sowie der letzten 
Ölung 74 ) etwas von ihr zusetzt und 
schließlich meint, sie helfe gegen allerlei 
Krankheiten: so wird der Johannissegen 
sorgsam das ganze Jahr als kräftige Haus¬ 
medizin aufgehoben, die auch gegen allerlei 
Unheil hilft 75 ). Sind in allen diesen Ver¬ 
wendungen schon starke Ansätze zu 
zauberhaftem Gebrauch deutlich, so ge¬ 
winnt der Zauber die Oberhand, wo die 
J. zur Fruchtbarmachung der Felder be¬ 
nutzt wird, indem man etwa wie in Nieder¬ 
bayern (Lichtensee) das Antlaßkreuz mit 
Johanniswein begießt 76 ), das Gründonners¬ 
tagsei, das mit Brot, Salz und geweihten 
Kräutern der ersten Garbe beigefügt 
wird, mit ihm bespritzt 77 ), ihn auf die 
Erde oder auf die Felder sprengt 78 ), 
oder die Bäume gegen Raupengefahr in 
der Weihnachtsnacht mit einer Mischung 
von Küchenasche und Johanniswein be¬ 
spritzt 79 ). Man trinkt auch die J. als 
Stärke (Männer) und Schöne (Frauen), 
um stark und schön zu werden 80 ), oder als 
Mittel, die Zwietracht zwischen Eheleuten 
zu beseitigen 81 ). Der magyarische 
Brauch, die Eingeweide des Viehs, das 


753 


J ohannisminne 


754 




den Weihnachtsbraten abgegeben hat, 
mit Johanniswein zu übergießen, um am 
nächsten Tage aus ihnen zu weissagen 
{Heiratsorakel) 82 ), ist in Deutschland 
nicht bekannt 83 ). 

62 ) Wuttke 141 § 194; Götzinger Real¬ 
lexikon (1885) 437 f. 53 ) Wuttke 141 § 194. 
M ) Rosegger Steiermark (1914), 367 ff. 

***) John Westböhmen 24. 55 ) Johannessegen 
aus älterer Zeit s. ZdVfV. 1, 319; Erk-Böhme 
3, 802 f. {Ende des 14. Jh., gereimt); Franz 
Benediktionen i, 331 f. (ebf.); moderne: SAVk. 
14, 273; ZdVfV. 6, 184 f.; Birlinger Volksth. 

2, 112; Zingerle Johannissegen 179; Vonbun 
Beiträge 133 f. 56 ) Reinsberg Festjahr 398; 
Zingerle Johannissegen 179; Vonbun Beiträge 
133 f. 57 }Quitzmann Baiwaren 250f. 58 ) ZdVfV. j 
6 , 185. 69 ) Meyer Baden 490. 60 ) Kapff Fest - ! 
gebrauche 6. 61 ) So schon Burkard Wal dis 3, 
13: Johannes zu behüten hat — Das eim ge¬ 
trunken Gift nicht schad; ferner Zedier Univer- 
sallex. 36 (1743), 1260; Birlinger Volksth. 2, 
ui; Wuttke 141 § 194; Preuß Johannes im 
Wandel der Jahrhunderte (1922) 7; E. H. Meyer 1 
Germ. Myth. 218. 62 ) Fontaine Luxemburg 10. ! 
63 ) Birlinger Schwaben 2, 122. 64 ) Ebd.; 

Wuttke 141 § 194; Birlinger Volksth. 2, m. 

65 ) Mailly Friaul 114; Böckel Volkslieder j 
XXXVIII f. 66 ) Ebd. 67 ) Meyer Baden 559. 
M ) Kondziella Volksepos 152 (Pustertal). 
• 9 ) Wuttke 304 § 448; Kondziella Volksepos 
152 (Lechtal); Jahn Opfergebräuche 270 (Tirol); 
E. H. Meyer Germ. Myth. 218; Preuß Johannes 
im Wandel der Jahrhunderte (1922) 7; Bir¬ 
linger Schwaben 2, 122. 70 ) Heyl Tirol 292 

Nr. 110. 71 ) Hoffmann Ortenau 53; Wuttke 
141 § 194; Fontaine Luxemburg 10; Bir¬ 
linger Schwaben 2, 122; Meyer Baden 

490; Preuß Johannes im Wandel der Jahr¬ 
hunderte 7; Jahn Op {ergebrauche 270 (Rhein¬ 
pfalz). 72 ) Kapff Festgebräuche 6; Wlislocki 
Magyaren 32 (Siebenbürgen). 73 ) Meyer Baden 
16. 491. 74 ) Ebd. 491. 75 ) Fontaine Luxemburg 
10; Meier Schwaben 2, 467; Birlinger Schwaben 
1, 420; 2, 122. 126; Bavaria 1, 387; Jahn Opfer¬ 
gebräuche 272 (Oberbayern: gegen Gicht, Taub¬ 
werden, für Wachstum der Kinder); Spiel vom 
Neithard (Keller 2, 432, 21); Matthesius 
Von der Sündfluth 394; Wuttke 141 § 194; 
ZdVfV. 6, 185; Lammert 27 (Oberbaiern); 
Manz Sargans 50; J. zur Herstellung des Salz¬ 
steines (Santehanssegens) benutzt: Reiser 
Allgäu 2, 24; Leoprechting Lechrain 211. 
7e ) Jahn Opfergebräuche 82. 77 ) Ebd. 158. 

78 ) Wuttke 292 § 427. 79 ) Ebd. 427 § 669. 

Ä0 ) Seb. Frank Weltbuch 1 (1567), 132; Burkard 
Waldis Das Päpstisch Reich 3, 5 nach Nao- 
georgus Regnum Papisticum 4 (1553), 133; 
H. Preuß Johannes im Wandel der Jahrhun¬ 
derte (1922) 7. 81 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 
426; Rippel Alterthumb, Ursprung und Be¬ 
deutung aller Ceremonien (1723) 64. 82 ) Wlis¬ 
locki Magyaren 33. 83 ) Vgl. zum ganzen Ab¬ 


schnitt Zingerle Johannissegen 180 ff.; Franz 
Benediktionen 1, 330 ff.; Thomasius D« poculo 
St. Johannis. 

6. Neben diesen auf dem kirchlichen 
Gebrauch fußenden Verwendungen der 
J. und z. T. durch sie stark beein¬ 
flußt läuft die J. in ihrer alten Form 
als Abschiedstrunk durch die Jahrhun¬ 
derte bis zur Gegenwart. Bei Oswald 
von Wolkenstein bedeutet minne sanct 
Johans den Abschiedskuß, den man sich 
vor dem Scheiden gibt 84 ); in mehreren 
Verordnungen des 14.—16. Jahrhunderts 
wird bestimmt, daß am Abschluß der 

Verhandlungen J. oder Johannesliebe 

_• « 

(falsche Übersetzung des kirchl. amor 
Johannis?) zu reichen sei 85 ). In Hein¬ 
rich von Wittenweilers ,,Ring“ rufen die 
Bauern beim Abschied: ,,trinkt hin Sant 
Johansen segen“ 86 ). Man pflegte sich 
Sant Johan ze bürgen zu setzen 87 ), daß 
man wieder fröhlich und gesund zu ein¬ 
ander käme. Der Zeugnisse für J. als 
Abschiedssegen im 15. und 16. Jahr¬ 
hundert sind so viele 88 ), daß wir wohl 
nicht fehlgehen, in ihr einen der leben¬ 
digsten und verbreitetsten Bräuche der 
Zeit zu sehen. Auch Luther gab schei¬ 
denden Besuchern gerne Johannistrunk 
und -segen 89 ) und erwähnt die Sitte des 
öfteren in seinen Werken 90 ). Wer sie vor 
der Reise übte, war gefeit gegen allerlei 
Gefahren; davon weiß die Zimmernsche 
Chronik einige Fälle zu berichten 91 ). Der 
Brauch, J. am Schluß des Mahles zu 
trinken, wurde immer allgemeiner 92 ), 
auch hier erhoffte man von dem Trünke 
einen ungefährdeten Heimweg 93 ). So 
kam der Name die Letze für den Jo¬ 
hannissegen auf, der immer mehr zur 
üppigen Trinksitte und zur euphemisti¬ 
schen Bezeichnung für einen kräftigen 
Umtrunk wurde 94 ), den man, wenn er 
einem dargeboten ward, nicht abschlagen 
durfte 95 ). Nur in besonders frommen 
Familien wurde er etwa als segenbrin¬ 
gender Freundschaftstrunk empfunden 96 ), 
sonst bot er willkommene Gelegenheit 
zu lustigem Gelage 97 ), gegen das u. a. 
das Soester Ministerium 1728 einschreiten 
mußte 98 ). Protestantische antikatho¬ 
lische Schriften fanden in dem Brauch 



755 


Johannisminne 


756 


eine willkommene Gelegenheit, die Schwe¬ 
sterkonfession zu schmälen 99 ); ihre 
Schilderungen werden kaum übertrieben 
sein, wo selbst katholische Verteidigungs¬ 
schriften, die den Brauch in reinerer 
Form gern retten wollten, die Mißstände 
in derbster Form rügen mußten 10 °). Noch 
heute ist der Johannissegen als Abschieds¬ 
trunk in manchen katholischen Gebieten 
üblich, so in Böhmen, wo er auch als 
Versöhnungstrunk fungiert 101 ), in Bayern, 
wo man einige Tropfen, den Becher rück¬ 
wärts über den Kopf schwingend, zur 
Erde fallen läßt 102 ), gelegentlich in Öster¬ 
reich (Schlußtrunk bei Gastmählern) 103 ), 
bei den Lausitzer Wenden, bei denen er 
swjaty Jan heißt 104 ), in der Oberpfalz, 
wo er die Heimkehrenden vor Gespenstern 
beschützt 105 ) und andernorts 106 ). Ge¬ 
legentlich wird er auch als Mittel gegen 
die Gefahr des Ertrinkens gehalten 107 ). 
Beachtenswert ist die Form, in der er 
beim Abgang eines Salzzuges von Passau 
nach Regensburg ausgebracht wurde 108 ); 
hier war auf dem Boden des Gemein¬ 
schaftslebens der Salzfahrerinnung ein 
strenger Ritus entstanden, der übrigens 
auch anordnete, daß einige Tropfen rück¬ 
wärts zu verspritzen seien. Die bayrischen 
Donaufischer benetzten mit dem Johannis¬ 
segen ihre Geräte, auf guten Fang hof¬ 
fend 109 ). Bei allen diesen Sitten wurde 
und wird zwischen geweihtem und unge- 
weihtem Wein nicht sehr unterschieden; 
es mag auch bezweifelt werden, daß aller 
Johanniswein, den in katholischen Ge¬ 
genden die Wirtshäuser am 27. XII. feil¬ 
bieten, geweiht sei. In protestantischen 
Gegenden ist der Brauch naturgemäß ver¬ 
schwunden; nur in der niederrheinischen 
Sitte, vor dem Auseinandergehen noch das 
Scketmeschen miteinander zu trinken 110 ), 
zeigt sich vielleicht noch ein dürftiges 
Rudiment der alten Sitte. 

84 ) Vgl. Grimm Myth. 3, 31. 85 ) Grimm 

Weistümer 1, 562. 564; Mon. Boica XXXV a 
138. 88 ) hg. Bechstein 96. 87 ) Laßberg 

Liedersaal 3, 313; Zingerle Johannissegen 
184 f. 88 ) Weimarer Jahrbuch 6, 29; G. Grupp 
Kulturgeschichte des Mittelalters 6 (1925), 73, 
196; AltdBlätter 1, 413; auch bei Grimmels¬ 
hausen: Amersbach Grimmelshausen 2, 47. 
8# ) Klingner Luther 130. 90 ) Götze Luther 31. 
M ) Hg. Barack 2, 121; 3, 201; Birlinger 


Schwaben 2, 121. 92 ) B. Wagner erwähnt ihn 

des öfteren, so im Kirchenspiegel (1595) 108, 
Passionale (1612) 127; aus einer gereimten 
Tischzucht des 16. Jh. bei Boeckel Volkslieder 
XLI; KapfenbergerRatsprotokolle(i684—1709): 
ZdVfV. 6, 186; Kondziella Volksepos 152. 
In Basel verlangten unverschämte Bettler im 
15. Jahrhundert gansbraten und gebackene 
hühner und johannes genug: Jung Germanische 
Götter und Helden in christl. Zeit (1922) 60; 
häufig in Fastnachtsspielen. ® 3 ) B. Wagner 
Passionale (1612) 127. 94 ) Vgl. die Belege unter 
92. 95 ) SAVk. 14, 272 f.; Birlinger Schwaben 
2, 126; Zimmernsche Chronik 3, 201. 98 ) SAVk. 
14, 272 f. ; Knauer Hundertjähriger Kalender 
2 (1863), 79. 97 ) Laube Teplitz 37. 98 ) Sartori 
Westfalen 167. ") So Nicolaus Gryse 

Spegel des antichr. Pawestdoms (1593); Matthe - 
sius Von der Sündfluth 394; Thomasius 
De poculo St. Johannis ; Albertinus Lucifers 
Königreich und Seelengejaidt (hg. Liliencron) 
196 (a. 1616). 100 ) Abrahamisches Gehab Dich 

wohl (1729) 364 ff. 101 ) Reinsberg Festjahr 
398. 102 ) Meyer Baden 491; Wuttke 141 

§ 194. 103 ) ZföVk. 3 (1897), 9. 104 ) Haupt 

Lausitz 2, 194 Nr. 305. Im Slav., Mähr, und 
oberschles. Polen swddian: Alemannia 1 (1873), 
197. 105 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 187. 

106 ) In Nassau und am Oberrhein: Boeckel 
Volkslieder XLI, vgl. ferner Weinhold Frauen 
2, 191; Albers Das Jahr 248 f.; J. Aschbach 
Kirchenlexikon 1 (1846), 281; Franz Bene¬ 
diktionen 2, 271; ZdVfV. 8. 396; 9, 356; 

Wuttke 404 § 629. 107 ) DG. 13, 183. 108 ) 

Panzer Beitrag 2, 231; Sartori 2, 161. 109 ) 
Panzer Beitrag 2, 231. no ) Fontaine Luxem¬ 
burg 10; hildesheimisch: die scheidelkanne 
trinken: Grimm Myth. 3, 31. 

7. J. vor dem Sterben zu begehren, ist 
mit dem 19. Jahrhundert aus dem Volks¬ 
brauch geschwunden. Dürer berichtet 
von seiner Mutter: sy begert awch for 
zw trvnken sent Johans segn 111 ); der 
Nürnberger Ritter Curat v. Haideck 
verlangte ihn vor seiner Ermordung 112 ), 
Betha Bonas letzter Wunsch vor ihrem 
Tode zielte auf ihn n3 ). Wenn eine 
Biberacher Chronik des 17. Jahrhun¬ 
derts bestimmt, die Siechenmagd solle 
alle Nacht zwei Kannen guten alten Weins 
den Kranken zur J. bereithalten 114 ), 
so ist auch hier wohl an Sterbende zu 
denken. Geilers ,,Höllischer Löwe" setzt 
Sant Johannes segen nemen = sterben 115 ). 
Seltsam berührt eine sehr frühe Verord¬ 
nung aus Amiens (a. 1407), die unter¬ 
sagt, daß die Leichenzüge an allen 
Straßenecken halt machen, um Jo¬ 
hanniswein zu trinken 116 ). Hat sich hier 


757 


J ohannisminne 


758 


U 

fl 


der Minnetrunk in seiner alten Form 
(= Totengedächtnistrunk) erhalten? — 
Auch Delinquenten vor oder auf ihrem 
letzten Gange wurde J. gereicht 117 ), 
ebenfalls ein seit dem 18. Jahrhundert 


beate Johanneis praecursoris) 1 ), und auch 
in einem Liede von Heriger wird Johannes 
paptista pincerna 2 ) erwähnt. In diesen 
frühen Zeugnissen tritt uns somit der 
typische Heiligenminnetrunk der ersten 


nicht mehr zu belegender Brauch. — Da¬ 
gegen hat sich die J. bei Hochzeiten 
gelegentlich bewahrt, so in Groß-Schönach 
(Baden), wo sie von den Brautleuten vor 
dem Kirchgang genossen wird 118 ), in 
Tirol 119 ) und österreichisch-Schlesien 12 °). 

m ) Lange-Fuhse Dürers schriftlicher Nach¬ 
laß (1893) 13. 112 ) Chroniken der deutschen 

Städte 3, 149 (Meisterlins Nürnberger Chronik). 
U3 ) Seraphische Liebes flammen (1769) 50. 

114 ) Birlinger Volksth. 2, m. 115 ) Vgl. Ale¬ 
mannia 1 (1873), 197. 116 ) Grupp Kulturge¬ 

schichte des Mittelalters 6 (1925), 100. 117 ) Be¬ 
lege bei Mackensen Henkersmahl und Jo¬ 
hannisminne, ZRG. Germ. Abt. 1924, 327 ft. 
118 ) Meyer Baden 289. 119 ) Reinsberg Fest¬ 

jahr 398. 12 °) Boeckel Volkslieder XLI. 

8 . Einige vereinzelte Anwendungen der 
J. mögen noch kurz erwähnt sein. In 
Teplitz scheint früher eine Vermengung 
der J. mit der Stephansminne erfolgt 
zu sein; jedenfalls trank man J. am 
Stephanstage 121 ). Johannisbier wird aus 
Westfalen bezeugt 122 ). Die Magyaren 
kontaminierten J. und Weinkauf (mag. 
dldomds , siebb. aldemesch, slav. oldomris ) 
und tranken sie beim Abschluß von Kauf¬ 


christlichen Jahrhunderte entgegen, wie 
er üblich war, ehe sich die großen Minne¬ 
kulte entwickelten: auf einen beliebigen, 
besonders angesehenen Heiligen wird die 
vorchristliche Kultsitte übertragen, oft 
spontan und der Eingebung des Augen¬ 
blicks folgend (daher die große Zahl und 
der häufige Wechsel der Heiligenminne¬ 
kulte), zuweilen durch die besondere 
Gunst der Verhältnisse Verbreitung ge¬ 
winnend, festwurzelnd und andere Minne¬ 
kulte erstickend, wie das bei der Minne 
des Evangelisten der Fall war. Ihrer 
Ausbreitung und allgemeinen Beliebtheit 
| verdankt auch die Täuferminne ihr 
! rasches Absterben; in all den Jahrhun¬ 
derten, in denen jene die unbedingte Vor¬ 
herrschaft, ja Alleinherrschaft ausübt, 
hören wir von dieser nichts; zu ihrem 
schnellen Ende — große Verbreitung hat 
sie scheinbar nie besessen — trug natür¬ 
lich auch der Umstand entscheidend bei, 
daß die Kirche die Evangelistenminne 
durch Aufnahme in ihren Ritus sanktio¬ 
nierte, während die Täuferminne nie 


vertrügen (urkundlich seit 1424) 123 ). — 
Wie sehr der eigentliche Sinn der Sitte 
der späteren Zeit verlorengegangen war, 
zeigt das Beispiel des hessischen prot. 
Geistlichen H. C. Schiede, der den Brauch 
in einem Kreis kathol. Geistlicher kennen¬ 
lernte und ihn diesen, die ihn nicht er¬ 
klären konnten, im orthodox-theologischen 
Sinne ausdeutete 124 ). 

121 ) Lehmann Sudeten 134. 122 ) Kuhn u. 

Schwartz 84. 123 ) Wlislocki Magyaren 32 f. 
124 ) Schiede Allerneueste Reisen in das Innere 
von Afrika 2 (1801), 120. 

II. Die Minne des Täufers. 

1. Die ältesten Belege. — 2. Die Täuferminne 
der letzten Jahrhunderte und der Gegenwart. — 
3. Außerdeutsches. 

1. Des Täufers Minne zu trinken, war 
anscheinend früher üblich als die Minne 
des Evangelisten. Jedenfalls ist das 
Zeugnis bei Luitprand (Leg.) durchaus 
auf den Täufer zu deuten (potas in amore 


geweiht wurde 3 ). 

l ) Bei Grimm Myth. 1, 49. 2 ) Ebd. 3, 31. 
3 ) Franz Benediktionen 1, 294 f. 

2. Mit dieser älteren Täuferminne haben 
die jüngeren Zeugnisse der letzten Jahr¬ 
hunderte und der Gegenwart, die uns von 
einer solchen erzählen, nichts zu tun. 
Vielmehr handelt es sich bei ihnen 
zweifellos um Übertragungen der so un- 
gemein beliebten Evangelistenminne auf 
Johannes Baptista und seinen Festtag 
(24. VI.), eine Übertragung, die durch 
die große Beliebtheit des Johannistages 
beim Volke und durch die besonderen 
Befugnisse des Täufers — er ist, weil 
sein Haupt der ausgelassenen Zech¬ 
gesellschaft des Herodes gezeigt wurde, 
Patron der Gastwirte 4 ), — ihre hin¬ 
reichende Erklärung findet 5 ). So trinkt 
man am 24. VI. J. zur Versöhnung 8 ), 
ein Brauch, der für Rottenburg a. N., 
Tettnang, Heilbronn und Überlingen am 


759 


Johannistau 


761 


J ohannis würmchen 


762 


See noch für das 19. Jahrhundert bezeugt 
ist 7 ); hier wurden picknickartige Feste auf 
offener Straße oder gemeinsame Gelage als 
J.-trunk gefeiert. Ein wenig J. in den j 
Brunnentrog geschüttet, tut dem Vieh 
gut 8 ); auch gegen Gespenster galt die 
Täuferminne nach Ausweis der Zimmern - 
sehen Chronik 9 ) gute Dienste. Beim Jo¬ 
hannisfeuer genossen, verleiht sie den 
Trinkern Stärke 10 ); in Bayern und Steier¬ 
mark heißt dieser Trunk Methansei 11 ); 
in Hamburn bei Zelle wird er durch das ! 

I 

Johannisbier ersetzt 12 ). Der Bierum- ■ 
trunk, der beim Hexenverbrennen in der ; 
Johannisnacht in Lägerdorf (Herrschaft j 
Breitenburg) geübt wurde 13 ), ist wohl j 
ursprünglich solch Johannisbier, kräftig 
gegen Gespenster, gewesen. In Baiern j 
trank man J. für einen warmen und j 
fruchtbaren Sommer 14 ). Andernorts, 1 
besonders im protestantischen Süddeutsch- j 
land 15 ), wurde und wird die Täuferminne | 
als einfache Trinksitte ausgebracht, wie ’ 
denn auch in Westböhmen einer, der am ; 
24. VI. noch eines trinken möchte, sagt: j 
,,Das wird am Khänessegngetrunken“ 16 ). ! 
— Es empfiehlt sich, gegen die z. T. recht j 
oberflächlich auf notierten Zeugnisse, die j 
das Bestehen einer Täuferminne glaub- | 
haft machen wollen, vorsichtig zu sein; 
bei vielen kann man sich des Eindruckes 
nicht erwehren, daß sie aus Unwissenheit 
oder Ungenauigkeit die Minne des Jo¬ 
hannis Evangelista mit der des Baptista 
vermengen 17 ). 

4 ) D. H. Kerler Die Patronate der Heiligen 
(1905) 131. 5 ) Grimm Myth. 1, 522 denkt an 
eine Übertragung durch Vermittlung des 
Feuers, das wie in der Johannisnacht auch ! 
beim altgermanischen Minnetrunk eine Rolle 
gespielt habe. 6 ) E. H. Meyer Germ. Myth. 
217; Sartori 3, 233. 7 ) Zingerle Johannis¬ 
segen 180 f.; Birlinger Volksth. 2; Meier 
Schwaben 2, 427 f.; Meyer Baden 491. 8 ) ebd. 
490 - 9 ) 2, 47; Birlinger Schwaben 2, 121. 

10 ) Jahn Opfer gebrauche 344. n ) Ebd. 

12 ) Ebd. 13 ) Ebd. 44. 14 ) Sartori 3, 233; 

Panzer Beitrag 2, 239. 15 ) Meyer Baden 491; 
Wuttke 141 § 194; Kircher Weing 4. 18 ) John 
Westböhmen 2 87. 17 ) So Schell BergVk. 101; 

Fontaine Luxemburg 62; Lammert 83. 

3. Gelegentliche Hinweise zeigen uns j 
die Täuferminne auch in außerdeut sehen 
Gebieten. In Italien wird am 24. VI. 
der Johanniswein zu Orakelzwecken be¬ 



nutzt 18 ). Im Arrondissement Mont- 

lucon trank man nach einer im Freien 

% 

verbrachten Nacht mit Wein vermischtes 
Wasser aus der Johannesquelle als saint 
vinage als Fruchtbarkeitssegen lö ). Ein 
wendischer Beleg aus Kloster Marien¬ 
stern (bei Kamenz) ist als aus der Luft 
gegriffen erwiesen worden 20 ). 

l8 ) Franz Benediktionen 1, 297. 19 ) P. Sain- 
tyves Essais de Folklore Biblique (1922) 225. 
20 ) ZdVfV. 22 (1912), 13. Mackensen. 

Johannistau. Der Tau der Johannis¬ 
nacht ist voll Kraft und Segen x ). Er 
befreit von Sommersprossen 2 ). Man 
badet nackt darin gegen allerlei Krank¬ 
heiten 3 ), namentlich gegen Krätze und 
Epilepsie und auch gegen Flohe 4 ). Be¬ 
sonders gesund ist er für die Füße 5 ). Daher 
auch die Warnung, man dürfe am Johannis¬ 
tage frühmorgens nicht mit Schuhen auf 
eine Wiese oder ein Feld gehen, sonst er¬ 
zürne man den h. Johannes und die Ernte 
werde nicht gut ausf allen (Schrimm, 
Kr. Birnbaum) 6 ). Der J. macht auch 
Kräuter und Blumen heilkräftig 7 ). Man 
verwendet ihn als Gärungsmittel für den 
Brotteig 8 ). Die Johanniskränze, die 
man an die Haustür hängt, legt man vor¬ 
her in der Johannisnacht auf den Rasen 9 ), 
und der Besen, mit dem man in Waldzell 
am Johannistage das Haus kehrt, um es vor 
Hexenkröten zu sichern, darf die Nacht 
vorher nicht unter Dach gewesen sein 10 ). 
Man nimmt ein ,,Grastuch“, zieht es 
vor Sonnenaufgang so lange im Tau 
herum, bis es um und um naß ist, und 
wischt damit jedes Stück Vieh vom 
Kopf bis zum Fuß sorgfältig ab 11 ), dann 
können böse Leute ihm nichts antun 12 ). 
Man tränkt mit J. die Kühe, damit sie 
reichlich Milch geben 13 ). Wenn ein Knecht 
seine Pferde recht dick haben will, geht 
er am Johannistag vor Sonnenaufgang 
aufs Feld und streicht mit seinem Futter¬ 
sack den Tau von des Nachbarn Ge¬ 
treide herunter, geht schnell nach Hause 
und windet den Tau seinen eigenen Pferden 
in den Trank aus. Seine Pferde werden 
dann zunehmen, während die des Nach¬ 
barn abmagern (Tschechen) 14 ). Wenn 
man frühmorgens auf seiner Wiese ein 
Weib in ein Geschirr Tau sammeln sieht, 


so ist es eine Hexe 15 ). Knechte, die sich 
in der Johannisnacht auf einer Wiese im 
Tau wälzen, können in der Kirche die 
Hexen erkennen 16 ). Wer von den Hüte¬ 
buben beim Peitschenknallen am Vor¬ 
abend von Johanni zu früh schnalzt, wird 
„durchs Morgentau“ gezogen und führt 
durchs ganze Jahr den Spottnamen „Tau¬ 
wäscher“ 17 ). Tau = Blut des Johannes s. 
Johannisblut 2. 


*) Sartori S. u. Br. 3, 223. Auf Fehmarn 
schädlich: Mensing Wb. 2, 1044. 2 ) Drechs¬ 
ler 1, 142; ZfVk. 12, 428 (obere Nahe); Bohnen¬ 
berger 23. 3 ) Liebrecht Gervasius 56 f. 

(Schweden u. Island); ZfVk. 8, 288 (Island). 
4 ) SAVk. 15, 242; ZfrwVk. 12, 83; Journal de 
Psychologie (Paris) 24 (1927), 59. Bei Padua 
Frauen gegen Behexung: Hofier Gebildbrotc 
der Sommersonnenwendzeit 8. 5 ) SchwVk. 11,48; 
ZfVk. 22, 91 (17)- 6 ) ZfVk. 22, 9i (20). 7 ) Wolf 
Beitr. 2, 391. 8 ) Höfler 8. 9 ) ZfrwVk. 12, 92. 
10 ) Baumgarten Jahr 28. 11 ) Ebd. 12 )Stracker- 
jan 2, 93. 13 ) Zelenin Russische Volksk. 370. 
14 ) Urquell N. F. 1, 11. 15 ) Baumgarten Jahr 
27. 16 ) Müllenhoff Sagen 214. 17 ) Baum¬ 
garten Jahr 27. Sartori. 


Johanniswürmchen. 

I. Onomastisches. Der Name „J.“ 
umfaßt zwei Arten, das kleine J. (Lam- 
pyris splendidula) und das große J. (Lam- 
pyris nocticula). Durch das bekannte 
nächtliche Leuchtvermögen, das von der 
Unterseite des Hinterleibes ausgeht, 
mußte das Insekt die Phantasie des Volkes 
in hohem Grade anregen. Es spielt daher 
im Aberglauben keine geringe Rolle. 

a) Benennung nach der Zeit des Er¬ 
scheinens. Der Name „J.“ bezieht sich 
auf die Zeit des Erscheinens und findet 
sich auch im Dänischen, Russischen, 
Polnischen, Ungarischen 4 ). Vgl. ferner 
triest. lusola {fogo) de S. Giovani 2 ). Hier¬ 
her gehört auch das im Drautal übliche 
Sunnawend käf‘er l z ) , bay T.Sunnwendvöglein , 
-käferlein 4 ), dem gottsch. Schumitt - 
kawerle 5 ) (Schumitten = Sonnenwende) 
entspricht. 

b) Nach dem Leuchten. Die meisten 
mundartlichen Namen dieses Insekts 
beziehen sich jedoch auf das nächtliche 
Leuchten. Daher der ahd. Name ghmo, 
gleimo, mdh. glime, gleime, nhd. noch 
bisweilen gleime (zu glimmen) 6 ). Sonst 
kommen in Mundarten vor: Westfalen: 


glüwörmeken , Altmark: fürworm , glim- 
stertje „Glimmschwänzchen“, Mecklen¬ 
burg: gleuwurm, flämmstirt „Flamm- 
schwanz“ 7 ). Im Bergischen sind üblich: 
leu(t)ärschken (mit Varianten), gloiärsch- 
ken, johannesförzkelchen, - fönkchen , 
fünkelchen (vgl. veron. sdinssa = Fun¬ 
ken) 8 ) für- oder flimmerwörmken y lech - 
(= Licht )wörvnken 9 brockmönchen „Brach¬ 
möndchen“, kerzenscheinchen 9 ). Im Ge¬ 
biete von Minden-Ravensberg: glenge- 
würmken , gluimken-wuerm, fuierwuerm , 
juier männken, goltwuerm , lüchtfunken, 
lüchtkäfer 10 ). Im Gebiete von Lübeck: 
blankworm, glemmworm n ), glemmoors 
„Glimmarsch“ 12 ). Entsprechend sind 
die Namen in den übrigen germanischen 
| Sprachen: holl, glim-wormpje , engl, glow- 
worm, schwed. lysmask „Lichtraupe“ 13 ). 
Die Namen in den klassischen Sprachen, 
altgriech. XajjLitupi* und lat. cicindela 
(von candere „glühen“) beziehen sich 
auch auf das Leuchten 14 ). Die Redupli¬ 
kation in dem Lat. deutet auf das Inter- 
! mit tierende der Lichterscheinung 15 ). Vgl. 

! den piemontes. Namen des Insekts 
cer-e-top = chiaro-e-scuro 16 ). Im Schrift- 
I ital. heißt das J. entweder lucciola 
„Lichtchen“ (franz. luciole , neuprov. 
luseta , luseto 17 )) oder verme lucente (franz. 
ver luisant) „leuchtender Wurm“ 18 ), im 
Span, bicho de luz 19 ) oder luciernaga 20 ). 
In Ascoli ist lucciola-a-cappella 21 ) üblich 
(Die Knaben stecken sich das Käferchen 
auf den Hut). Das Italienische ist be- 
I sonders reich an originellen mundartlichen 
Bezeichnungen für das Insekt, durch die 
auch die deutschen Namen eine ent- 

1 

sprechende Beleuchtung erfahren. Als 
folkloristisch besonders bemerkenswert 
' seien hervorgehoben: lüsar de S. Antoni 
(Udine) 22 ), fogo de S. Luigi, fogo de santa 
Maria (Trieste) 23 ), lantcrnetta di S. 
Pietro (Roma) 24 ). foco-n culo (Aquila) 25 ), 
luci-culu (Catania) 26 ) entsprechen genau 
altgriech. irujoXaji/rcu 27 ). Drastisch ist 
caga-fogo (Valeggio) 28 ). Als „Licht des 
Schäfers“ erscheint das Insekt im Sizil.: 
lud i picuraru (Messina) 29 ), fa lustru 0 ’ 
zupicuraru „leuchte dem Onkel Schäfer“ 30 ) 
(Palermo) 31 ). Ein Kollektivname ist 
cento-lume (Lecce) 32 ). Als „kleiner Mond“ 



7 63 


J ohanniswürmchen 


764 


wird das J. in Capodistria (luneta) 33 ) 
und in der Languedoc (lunet) 34 ) bezeichnet. 

c) Nach weiblichen Heiligen. Nicht 
selten sind Benennungen nach weiblichen 
Heiligen 35 ): Catlena = Catarina (Bo¬ 
logna), Santa-ciecula (Acjuila), Maddo- 
neddha (Lecce), Santa Chiara (Catanzaro). 

d) Nach Anrufungen. Der Kinder¬ 
sprache verdanken ihre Entstehung die 
Anrufnamen cala-bassa „komm’ herab“ 
(Porto-Maurizio) 36 ) und ca -ca -luna — 
cala, luna! (Lecce) 37 ). 

e) Nach animistischen Vorstellungen. 
Auf der Vorstellung, daß die J. Toten¬ 
seelen sind, beruhen ciari-viorti „Toten¬ 
lichter“ (Vicenza) und franz. lanterne 
de moo „Totenlaterne“ (Cöte d’or) 38 ). 
In Montona sind nach dem Volksglauben 
die J. Seelen aus dem Fegefeuer, für 
die gebetet werden soll. Daher der Name 
fielegrini „Pilger“ 39 ), cummaruccia 40 ) 
„kleine Gevatterin“ (Cosenza) dürfte auf 
Tabu beruhen (Vgl. span, comadreja, 
schles. Gevatterlein = Wiesel und Ähn¬ 
liches 41 )). 

l ) Edlinger Tiernamen 62. 2 ) Garbini 

Antroponimie 1303. 3 ) DallaTorre Tiernavien 
62; Carinthia 96, 65. 4 ) Heinzerling 

Wirbellose Tiere 9. 5 ) Satter Gottscheer Tier- 

namen 13. 6 ) Heinzerling a. a. O. 7 ) Ebd. 

8 ) Garbini op. cit. 1065. 9 ) Leithaeuser 

Volkskundliches 1, 1/1S. 10 ) Hartwig Minden- 
Ravensberg 1, 35. u ) Mitteil. Lübeck. Gesch. 
3, 41. 13 ) ZfdWortf. Beih. zu Bd. 9, 4. 13 ) Edlin¬ 
ger op. cit. 62. u ) Ebd. 15 ) Keller Tierwcli 2, 40S 
ie ) Garbini op. cit. 1348. 17 ) Rolland Faune 3, 
341. 18 ) Edlinger op. cit. 62. 19 ) a. a. O. 

20 ) Rolland op. cit. 3, 342. 21 ) Garbini op. 

cit. 1325. 22 ) Id. 1303. 23 ) Id. 1330. 24 ) Id. 1334. 
25 ) Id. 1331. 28 ) Id. 1320. 27 ) Keller Tierwelt 2, 
408. 28 ) Garbini op. cit. 1302. 29 ) Id. 1320. 

30 ) Id. 1340. 31 ) Id. 1339. 32 ) Id. 1340. 33 ) Rol¬ 
land op. cit. 3, 341. 34 ) Garbini op. cit. 1342. 
35 ) Id. 1343. 36 ) Id. 1345. 37 ) Id. 1337. 38 ) Rol¬ 
land op. cit. 3, 342. 39 ) Garbini op. cit. 1348. 
40 ) Id. 1353 f. 41 ) WS. 4, 175 fg. 

2. J. = Irrlicht. Die J. gelten auch als 
Spukgeister, die in die Irre führen 
(Lindau) 42 ), was natürlich auf einer 
Verwechslung mit den Irrlichtern be¬ 
ruht 48 ) (Vgl. franz. dial. keulais [Cöte 
d'or] „Irrlicht“ und „J “ 44 )). Die Al¬ 
chemisten warfen auch Irrlichter und J. 
in einen Topf und rühmten sich ihrer 
Kunst, beide bei Tageslicht zum Leuchten 
zu bringen 45 ). 


42 ) Wirth Beiträge 4/5, 27. 43 ) Müllenhoff 
Natur 61 § xoo; Ranke Volkssage 50 fg. 44 ) Rol¬ 
land Faune 3, 342. 45 ) Peters Pharmazeutik 

I . 279. 

3. J. = Schutzengel. Auch die christ¬ 
liche Mythologie hat sich des J.s be¬ 
mächtigt. So rettet nach einer mährischen 
Sage ein Schutzengel einen im Gebirge 
Verirrten, indem er als J. vor ihm herfliegt 
und ihm den Weg weist 4y ). Nach einer 
süditalienischen Sage sendet der Herr 
ein J. in die finstere Grotte eines armen 
Gefangenen, um sie zu erhellen (Ätio¬ 
logische Deutung des Namens candela 
„Kerze“ 47 )). 

46 ) ZföVk. 10, 143. 47 ) Garbini op. cit. 1357. 

4. J. = Schatzsymbol Das goldene 
Leuchten der J. hat die Vorstellung eines 
Schatzes hervorgerufen: nach schwä¬ 
bischem Volksglauben liegt dort, wo 

J. auf der Erde sind, ein Schatz 43 ) 
(Vgl. in der Schweiz Goldkäfer für J.) 49 ). 

48 ) Meier Schwaben 1, 53; Wuttke 411 § 638. 
49 ) Zingerle Johannissegen 217. 

5. J. in der Zauberkunst. In der Magie 
spielt das J. keine sonderliche Rolle; 
es dient lediglich zum Gießen der Frei¬ 
kugeln, mit denen man einen unfehlbaren 
Schuß erlangt, und zur Bereitung einer 
Hexensalbe 50 ). 

5Ü ) Zingerle a. a. O.; Wuttke 114 § 151; 

452 § 7 M- 

6. J. = Orakeltier. Das J. gilt als 
glückbringendes Tier 51 ) nach Wundts 52 ) 
Vermutung, weil sein Halsschild zusammen 
mit den Flügeldecken annähernd der 
Figur eines Kreuzes gleicht. So bringt es 
auch nach einem belgischen Aberglauben 
Glück, wenn man am 24. Juni (Johannis¬ 
tag) J. fängt 53 ). Im Gegensatz hierzu 
bedeutet im badischen Volksglauben ein 
Lichtschein von J. nachts unter der Krippe 
baldigen Tod 54 ). 

Schon bei den alten Römern galt 
nach Plinius hist. nat. XVIII, c. 27 
das J. als Orakeltier in der Landwirt¬ 
schaft. Sein Leuchten war ein Zeichen 
für die Reife der Gerste und zum Säen 
der Hirse 55 ). Eine ähnliche Bedeutung 
muß das Insekt noch heute in Piemont 
haben, darauf deutet sein Name messonera 
„Schnitterin“ (Turin) 66 ). 

Als Wetterprophet gilt das J. im 


765 


J ohanniswu rzel—J ordansegen 


766 


Böhmerwalde. Leuchtet es hell, so gibt 
es schönes Wetter 57 ). Von den Kindern 
wird das J. als Wetterorakel benützt. 
Sie setzen das Insekt auf die Hand und 
fordern es mit einem Spruch zum Fliegen 
auf. Fliegt es weg, so wird das Wetter 
schon; bleibt es, kommt Regen 58 ). In 
ähnlicher Weise richtet man in Nord¬ 
deutschland an das J. Fragen über die 
Lebensdauer 59 ). Mythisch zu deuten ist 
vielleicht der Schweizer Spruch, in dem 
die Kinder dem J. Milch mit Brocken 
versprechen. Es ist zu beachten, daß die 
Hausschlange (= Hausgeist) in derselben 
Weise gefüttert wird 60 ). 

51 ) Wettstein Disentis 175 Nr. 52. 52 ) 

Wundt Mythus und Religion 2, 157. 53 ) Rol¬ 
land Faune 3, 343. 54 ) Meyer Baden 579. 

hh ) Keller Tierwelt 2, 408; Hopf Tierorakel 202. 
5# ) Garbini op. cit. 1156. 67 ) Schramek 

Böhmerwald 250. 58 ) Kuhn Westfalen 2, 91 

Nr. 283; Germania 5, 214; Panzer Beiträge 2, 
547; Schmitz Eifel 73; Rochholz Kinder¬ 
lied 92. 59 ) Zingerl e op. cit. 217. 60 ) Ebd. 

Riegler. 

Johanniswurzel s. Farn. 

Jonas gilt als Vorbild Christi, da er 
3 Tage und 3 Nächte im Bauche des 
Walfisches verborgen war 1 ), und wird 
mit Bezug darauf in einem Spruche gegen 
Zigeunerkunst und Lebensgefahr ver¬ 
wandt 2 ). In kirchlichen Segensformeln 
wird oft auf seine Befreiung hinge¬ 
wiesen 3 ). Auch im Todaustragelied 
kommt er vor 4 ). Bei den großen Fasten 
in Ninive dürfen auch die Tiere nichts 
genießen 5 ). Das ist vielleicht die Veran¬ 
lassung für das auch im deutschen Brauche 
nicht selten für Tiere vorgeschriebene 
Fasten. 

*) Menzel Symbolik 1, 432 ff. 2 ) Geistl. 
Schild 154; Romanusbüchlein 10. Nicht¬ 
deutsche Sagen von ihm: Dähnhardt Natur¬ 
sagen 1, 336. Die J.geschichte als Märchen: 
Hans Schmidt Jona. E. Untersuchung z . 


t t I 


scher Tradition. Für ersteres vgl. 2. Kö¬ 
nige 5, 10, Mark. 1, 5. Für das Stehen 
Josua Kap. 3, eine Wiederholung des 
grundlegenden Wunders mit dem Roten 
Meere, und 2. Könige 2,8. Zur Zeit Jesu 
wollte Theudas das Josua wunder wieder¬ 
holen 2 ), offenbar an eine messianische 
Erwartung seiner Gegenwart anknüpfend 
(vgl. Jesaja 50, 2?). — Schließlich ent¬ 
stand auch der Glaube, daß der Jordan bei 
Jesu Taufe gestanden hatte, ein Glaube, 
den der Bericht des italienischen Pilgers 
Antoninus (6. Jh.) tatsächlich voraus¬ 
setzt. Ad. Jacoby hat erwiesen 3 ), daß 
dies Wunder 4 ) in einen sehr alten apo¬ 
kryphen Taufbericht gehörte. Ein griechi¬ 
scher Text solchen Inhalts ist zufällig 
erhalten: „Er (Jesus) wurde getauft ... 
und der Jordan wich zurück: der Herr 
aber sprach zu Johannes: Sage dem 
Jordan ,Stehe, denn der Herr ist zu uns 
gekommen*. Und alsbald standen die 
Fluten“. Einen wirklichen Zweck hat ein 
solches Wunder nur für eine Überfahrt: 
das alte Mose-Josua-Wunder wurde mit 
der vorliegenden Tradition über Jesus 
und den Jordan gewaltsam verbunden. 
Obiger Text versucht im Anfang eine 
„geistige** Deutung: der Fluß wich von 
selbst, aus Ehrfurcht (vgl. Psalm 77, 17; 
114, 3); hiermit ist aber die Fortsetzung 
unvereinbar. Es gab also zwei Auf¬ 
fassungen des Wunders, eine geistigere 
(„Psalmenwunder“) und eine derbere (der 
Jordan steht auf Befehl, ,, Josua-Theudas- 
Wunder“). Auf erstcre spielen syrische 
und griechische Kirchenväter und Rituale 
recht oft an. Die zweite tritt, mehr oder 
weniger konsequent, in dem Segen 


weniger konsequent, in dem Segen 
hervor. Dieser hat wiederum zwei Haupt¬ 
typen: einen ganz legendarischen, der 
einen wirklichen Übergang voraussetzt 


vergleichenden Religionsgesch. Göttingen 1907; 
Gunkel Märchen 14. 33. 133. 3 ) Franz Bene¬ 
diktionen 2, 687 (Reg. s. v. Jonas). 4 ) John 
Westböhmen 51. 5 ) Jona 3, 7; Gunkel Märchen 
34 - Sartori. 

Jordansegen *). 

1. Vorgeschichte. Die Segen vom 
Jordan erwähnen teils seine Heiligkeit im 
Allgemeinen, teils und vornehmlich ein 
bestimmtes Wunder, das Stehen des 
Flusses. Beide Motive fußen auf bibli¬ 


oder gar erzählt und die Taufe gar nicht 
erwähnt, und einen halbbiblischen mit der 
Taufe. 

*) Literatur Ebermann Blutsegen 24 fl.; 
Hälsig Zauberspruch 88 ff.; MSD. 2, 2740.; 
Ohrt Vrid og Blöd 99 ff. *) Josephus An- 
iiqu. XX 5, 1. 3 ) Jacoby Ein bisher unbeach¬ 
teter apokrypher Bericht über die Taufe Jesu 
(Straßbg. 1902), der gr. Text S. 17. 4 ) An- 

tonins Itinerarium Cap. 11, ed. Gildemeister 
S. 9. 




767 


Jordansegen 


768 


2. Stehen des Stromes; Typus 
„Übergang“. Die Wunder von 2. Mose 
Kap. 14 (Rotes Meer) und Josua Kap. 3 
(Jordan) erwähnen schon antike Beschwö¬ 
rungen 5 ). In den christl. volkstümlichen 
Segen sind sie erst sehr spät belegt (als 
Blutsegen und sonst). Deutsch z. B.: 
„Moses ging durch das Rote Meer, schlug 
mit dem Stab in die Flut, die Flut die 
stund, so thu du, Blut“ 6 ). Im Norden 
(bes. Schweden und Norwegen) sind 
solche Segen über Mose, Josua und auch 
Noah recht beliebt 7 ). 

Der Segen von Jesus und dem 
Jordan ist einer der ältesten und in 
Mittel- und Nord-Europa beliebtesten 
Blutsegen. Keine Belege bei den neu¬ 
romanischen Völkern? Der älteste Beleg 
des christl. Segens, c. 900 (vatik. Hschr.), 
ist vulgärlateinisch: „Christus et S. Jo¬ 
hannes ambulans ad flumen Jordane, 
dixit Chr. ad S. Johanne: ‘Restans, 
flumen Jordane*. Commode (d. h. So¬ 
gleich) restans fl. Jordane, sic reste[t] 
vena-[i]st [a]“ 8 ). Also Befehl an Johannes 
wie im Apokryph (s. § 1); nach „ad S. 
Joh.“ ist sicher ein „Die“ zu ergänzen. 
Derselbe Typus (Flußübergang — vgl. 
„ambulans“ — ohne Taufe) ist deutsch 
12. Jh. vertreten: „Christ unde Johan 
giengon zuo der Jordan; da sprach Christ: 
'stant Jordan, biz ih unde Johan über 
dih gegan’. Also Jordan do stuont, so 
stant du N illius bluot“ 9 ). Dann wieder 
im 15. Jh. 10 ) und, obschon recht selten, 
in späten Aufzeichnungen, z. B. „Als 
Jesus über den Jordan ging, da standen 
alle die Wasser still; ist das nicht wahr“ ? n ), 
z. T. unter Vermischung der bibl. Grund¬ 
lagen 12 ). Eine Neuschöpfung dieses 
Typus durch den Einfluß der biblischen 
Parallelwunder war zu jeder Zeit möglich. 
— Seit dem 15. Jh. bieten niederländisch, 
englisch und nordisch mehr oder weniger 
deutliche Seitenstücke 13 ). 

6 ) Denkschriften d. Wiener Akademie 36, 121; 
Deißmann Bibelstudien 26; Papyri Osloenses 
1 (Oslo 1925), 8 (hier auf Typhon bezogen). 
e ) Wuttke § 230 Oldenbg.; Strackerjan 
L 77 > Bartsch Mecklenburg 2, 379 Nr. 1774; 
Frischbier Hexenspr. 38 Nr. 11 (hier Josua 
Gap. 3). 7 ) Z. B. Meddeianden fr. Nordiska Mu- 
seet 1897 S. 26; O. Lindskog Jon Johanssons 


Signerier 7. 9; Norske Hexefml. Nr. 1239 fr.; 
1253 ff. — Aus Frankreich ZfVk. 24, 146 Nr. 14. 
8 ) MSD. 2, 275. ») Ebd. u. ZfdA. 23. 43b. 

10 ) Heinrich Ein miltelenglisches Medizinbuch 
116 f. lateinisch. n ) Slesvigske Provinsialefterret- 
ninger ny R. 4, 312 Angeln; Strackerjan 1 
1, 68; ZfVk. 7, 59 Nr. 26 Mecklenbg.; vgl. 
SAVk. 10, 42 (Bosheitszauber?). 12 ) Z. B. 
ZfrwVk. 1, 217; Strackerjan 1 1, 68 (vgl. hier 
Mark. 4, 39). So oft im Norden. 13 ) MSD. 2, 
276 aus den Altdeutschen Blättern 2, 271 f. 
nieder!.; Heinrich (s. Anm. 10) 231 f.; Danni- 

T ry lief ml. Nr. 71 ff. 11130.; Norske Hexefml. 
Nr. 1245 f. 

3. Stehen des Stromes: Typus 
„Taufe“, der gewöhnliche Typus des 
Jesus-J.s, schon vom 10. Jh. an lateinisch 
und vom 12. an deutsch belegt. Lat. 
z. B.: „Adiuro sanguis... vt non fluas 
plus quam Jordanis aha, quando(?) Chri¬ 
stus in ea baptizatus est. ..“, 10. Jh. 14 ). 
Deutsch z. B.: „So uerstant du bluod, 
sose Jordanis aha uerstunt, do der heiligo 
Johannes den heilanden Christ in iro 
tovfta..“, aus dem Bamberger Segen 
(c. 1200?) 15 ). In der neueren Zeit z. B.: 
„Blut, du sollst stille stehn, wie das Wasser 
im Jordan stand, da unser Herr Christus 
getaufet ward“ 16 ). In mehreren der alten 
Aufzeichnungen sind der Longinus- und 
diese Form des J.s verbunden. 

Diesem Typus gehören auch die meisten 
der vom 15. Jh. an belegten Fälle an, wo 
der alte Blutsegen für andere Zwecke 
verwendet ist: das Stillen irgendeines 
Leidens (Gicht u. ä.), des Feuers, der 
Tiere, Diebe, Waffen 17 ). Bei den betr. 
Feuer- und Diebssegen ist das „Stehen“ 
gewöhnlich auf Jesus oder Johannes 
übertragen, was bisweilen auch bei den 
Blutsegen der Fall ist („NN sali dat 

Bloot stan, as unser Herr Christus in’n 
Jordan“ 18 )). 

Segen über das Stehen des Jordans 
bei der Taufe sind in England (seit 
c. 1400) 19 ) und in Skandinavien 20 ) all¬ 
gemein, auch polnisch 21 ) vertreten. By¬ 
zantinisch ist eine Aufzeichnung bekannt 22 ). 

14 ) Dieser und zwei von c. 1100 Steinmeyer 
378 t.; Heinrich (s. Anm. 10) 120, 15. Jh. 

1& ) AnzfKddV. 15, 216. Vgl. Milstäter Segen 
MSD. 1, 180, s. Glückselige Stunden § 1 a u. 
Jerusalem § 2; MSD. 2, 273 f. passim, vor 1300; 
ebd. 275 f. Eliassegen (14. Jh.), s. Blutsegen 
§ 2; ZfVk. i, 315, 15. Jh.; Urquell 2(1898), 
104, 16. Jh. (mit eigentüml. Motivierung). 


K 


769 


Josaphat, Tal 


770 


1# ) ZfVk. 7, 56 Nr. 1 a, Mecklenbg. Vgl. ZrwVk. 
1, 218; Strackerjan 1 1, 68; Bartsch Meck¬ 
lenburg 2, 375 Nr. 1753 b c; Frischbier 

Hexenspr . 38; BlpommVk. 1, 139; 7, 115* 

17 ) Für Feuer u. Diebe s. Feuersegen § 3, Diebs¬ 
segen §2; Krankheit: WürttVjh. 13, 221 Nr.276; 
Bartsch Mecklenburg 2, 410 Nr. 1898; Tiere: 
Germania 32, 452, 15. Jh.; ZföVk. 14, 132; 
Waffen MSD. 2, 276; Drechsler 2, 273. 

18 ) Bartsch 2, 375 Nr. 1753 d; Frischbier 
Hexenspr. 39. lö ) Angl. 19, 81; Wright-Halli- 
well Reliquiae aniiquae 1, 315; FL. 6, 203. 
20 ) DanmTryllefml. Nr. 64 ff.; Norske Hexefml. 
Nr. 1244. 21 ) Tettau u. Temme 269 (tschechisch 
Grohmann 178 ohne Taufe). 22 ) Pradel 
Gebete 13; vgl. Jacoby ZfdA. 54, 206; Ohrt 
Vrid og Blöd 100. 


lieber Ereignisse (vgl. Glückselige Stunden 
§ 1 a) die Jordan taufe eingehen; so alt¬ 
englisch im 12. Jh. 31 ), deutsch z. B. im 
15.: „Es was ein Kind geboren zu Bed- 
lehem vnd ward getragen gen Hiervs- 
zenlem, es war getofft im Jordan; so 
war das ist, gestand dies din blutt“ 32 ) 
(Hier kann zugleich das Stehwunder 
genannt sein, so im Milstäter Segen 33 )). — 
Besondere Fälle. 11. Jh. (Eitersegen?): 
„.. .Wazzer fluzit, Iordan heizit, da der 
heiligo Crist inne gedofet ist“ 34 ). 11. Jh. 
Straßburger Blutsegen, dessen Anfang 
eine Sonderform des Longinussegens (s. d.) 


4. Stehen des Stromes; Sonder¬ 
formen. Die Rute (Gerte) im Jordan. 
Vorbild sicher Moses Stab, 2. Mose 14, 16. 
Blut- oder Schutzsegen, vom 14. Jh. 
an bekannt. Im 14. Jh. (lateinisch und) 
deutsch: „...Got warf die gerten in 
Jordan, die da haizzet Vria (sic), und 
hieß den Jordan still stan; also belib min 
lib vor in (den Feinden etc.) gesund“ 23 ). 
Auch mit Christus oder Maria als Subjekt 24 ). 
Es bestehen englische und nordische 
Seitenstücke 25 ). — Uber die Jordan¬ 
brunnen s. Blutsegen § 1 d. — Kurz¬ 
formen. Im 10. Jh. (Trierer Hschr.): 
„Vnde venis tu iordane sanguis et aqua; 
periuro te ... ut redeas...“ 26 ). Anders 
in späten Aufzeichnungen, wo bloß die 
Taufe fehlt, z. B.: „Blut, du sollst stille 
stan wie das Wasser im Jordan“ 27 ). 

23 ) MSD. 2, 276. 24 ) AnzfKddV. 1871, 304; 

Germania 32, 454; Bartsch Mecklenburg 2, 
374 Nr. 1752. 25 ) Henderson Notes on the 

Folk-Lore of Northern Counties 2 136; Danm. 
Tryllefntl. Nr. Soff.; O. Lindskog Jon Johanssons 
Signerier 8. 28 ) ZfdA. 32, 171. 27 ) Bartsch 2, 
374 Nr. 1753 a; Jahn Hexenwahn 70. 

5. Andere J. beziehen sich gewöhnlich 
auf die Heiligkeit des gesegneten Flusses 
(vgl. §1). Schon eine sehr alte lateinische 
Beschwörung (Dalmatien, 6. Jh. ?) hebt her¬ 
vor, daß der böse Geist den (feurigen) Jor¬ 
dan nicht überschreiten kann 28 ). In deut¬ 
schen (Wund-) Wassersegen (s. d.) heißt 
es z. B. — nach dem Vorbilde kirch¬ 
licher (Tauf-) Wasserbenediktionen 29 ): 
„Daz wasser muezz als wol gesegent sein, 
als der heilig Jordan, da got selber inn 
getauft word“ 30 ) (14. Jh.?). — Weiter 
kann in Herrechnungen heilsgeschicht- 


ist, wo aus „Jordan“ eine Person wurde. — 
Und anderes 35 ). 

28 ) Corpus Inscriptionum Latinarum 3, 2, 
961; vgl. neugriech. FL. io, 171; Hovorka u. 
j Kronfeld 1, 76 Bukowina. 29 ) Franz Bene¬ 
diktionen 1, 51 (212); vgl. Cilia Locupletissimus 
thesaurus 7 (1750) 327. 30 ) ZfdA. 32, 141; vgl. 
ZfVk. 1, 315; AnzfKddV. 1873, 227; Jühling 
Tiere 288. 31 ) Hälsig Zauberspruch 64. 32 ) Ger¬ 
mania 25, 68; vgl. 25, 67; Urquell 2 (1898), 
103. 33 ) S. oben Anm. 15; auch englisch, s. die 
Hinweise Anm. 19; vgl. noch Hildegards 
Physica 3, 26; Migne Patrologia Lat. 197, 1236 
(12. Jh.). 34 ) ZfdA. 21, 210; Steinmeyer 380. 
36 ) MSD. 2, 287 (12. Jh.); Bartsch 2, 401 
Nr. 1869; 2, 488 (vgl. Man sikka Über russische 
Zauberformeln 261); ZfVk.i, 194; Höhn Volks¬ 
heilkunde 1, 129; ZfdA. 15, 454 f. Ohrt. 

Josaphat, Tal. 

Fr. Oetker in den Preuß. Jb. 43 (1879), 2630.; 
Bächtold-Stäubli in SAVk. 15, 38 ff. 

Den Abschluß des Weitendes bildet nach 
parsischem und späterem jüdischen wie 
christlichem Glauben ein Weltgericht, das 
nach Joel 4, 2. 14. 16 (Ezechiel 39,11) bei 
Jerusalem im T J. statt findet 1 ). Paulus läßt 
die Frage, wo das Gericht statt finden werde, 
unentschieden 2 ); nach Justin, also im 
2. Jh., ergeht es bei Jerusalem (Dial.40) 3 ). 
Bis etwa 1100 hat das TJ. dann nur noch 
eine Rolle als Begräbnisort der Jungfrau 
Maria gespielt, keine der vielen Reise¬ 
beschreibungen weiß von ihm als Gerichts¬ 
ort 4 ). Wadstein möchte die Pilger¬ 
fahrten nach Jerusalem Anfang 11. Jh. 
mit dem Glauben an das nahe Gericht 
im TJ. in Zusammenhang bringen 6 ); 
vielleicht auch deshalb war das TJ. besät 
mit Mönchszellen 6 ). Honorius von 
Autun (um 1100) scheint der erste zu 
sein, der das TJ. als Gerichtsort nennt 7 ), 


Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 






771 


Josaphat, Tal 


77 ? 


ihm folgten Petrus Lombardus (ca. 1150) 8 ), 
Jacobus a Voragine 9 ), der Marner 10 ) 
und Hugo von Langenstein 11 ) im 13. Jh. 
Von nun an läßt sich eine ununterbrochene 
Belegreihe bis in unsere Zeit aufstellen. 
Ich nenne nur noch als für uns wichtig 
unter den Schwärmern des 17. Jh.s 
Abraham von Frankenberg lla ), im 18. Jh. 
Daniel Müller ub ), die Salomonische Sy¬ 
bille des 14. Jh.s 12 ), die 15-Vorzeichen- 
Legende 123 ), die in die Volksbücher „Zwölf 
Sybillen Weissagungen“ von 1516 und 
„Weissagung der Königin Michalda“ von 
1811 12b ), wie in die „Wahrhafftige Be¬ 
schreibung des jüngsten Gerichts im Tal 
J.“ ausmündet 12c ). Die Idee scheint 
auch im späteren Jüdischen und Moham¬ 
medanischen nachweisbar zu sein 12d ). 

x ) August Frh. v. Gail BaotXcta xou fleoo 
1926 (91 ff. 98 ff. 104 ff. i 4 iff. 164 ff.) 224 t; 
Paul Volz Jüd. Eschatologie 1903, 259; E. 
Kautzsch Apokryphen u. Pseudepigraphen 2, 
266. 2 ) v. G a 11 liest aus I. Thessal. 4, 17 ein Ge¬ 
richt in der Luft heraus; ich kann mich nicht 
entschließen, die Stelle anders auszulegen, 
als daß es sich um ein ihm Entgegeneilen han¬ 
delt. 3 ) Leonh. Atzberger Gesch. d. christl. 
Eschatologie innerhalb der vornicänischen Zeit 
1896, 149. Vgl. hierzu Kynewulf bei Wad¬ 
stein in ZfwTh. 38 (1895). *) E. H. Meyer 

Völuspa 1889, 259 ff.; Titus Tobler Descrip - 
tiones terrae sanctae 1874, 32 (66). 78. 199; J. 

C. M. Laurent Peregrinatores medii aevi qua - 
tuor 1873, 68. 150; Philippi liber de terra 
sancta in Österreich. Vierteljahrsschr. f. kath. 
Theol. 10 (1871), 259 t.; 11 (1872), 10. 42 f. 
Legenda aurea des Jacobus a Voragine 
(übers, von R. Benz 1907) 2, 5 ff. Vgl. auch 
Pfister Reliquienkult 125 N. 443. 6 ) Z. f. 

wissensch. Theol. 38, 559 f. «) So Johannes Wir- 
ziburgensis bei Tobler 167. 7 ) Elucidarium: 

Migne PL. 172, 1165 D.; danach die Predigt 
ZfdPhil. 27, 153; 24,45; doch vorher schon 
Haymo v. Halberstadt in epist. I ad Thessal . 
MigneP.L. 117, 772. ») (J. = die Welt) Petri 
Lombardi libri IV sententiarum, studio et cura 
PP.Collegii S . Bonaventurae editi 2 (1916), io2 4 f. 

~ dist. 48. c. 4. •) Legenda aurea (übers, von R. 
Benz 1907) 1, 12. (Im Anschluß Heinrich 
von Neustadt Von gotes zurkunft, edid. Strobl 
1875). 10 ) Wackernagel Kirchenlied 2, 95; 

ZfwissenschaftlTheol. 38, 615. «) Martina: 

Bibi. d. liter. Ver. Stuttgart 38 (1856), 515. 
*!*) FrankfurterZtg. 29. 5 - 1925 u. 17. 6. 1925. 
llb ) Illgens Zfhistor. Theol. IV 4,233. 12 ) Schade 
Geistl. Gedichte d. 14. u. 15. Jh. vom Niederrhein 
j 854 > 32 i ß- Vgl. Schröer in Germania 12, 308 f.; 
Mone Schauspiele 1,319. 12 *) Vgl. jüngster 

Tag. ** b ) Peuckert Sybille Weiß Register. 
l,c ) Görres Dtsch. Volksbücher 1807, 257 ff. 


12 d) Männling Curiositäten 1713, 375 nach 
E. Francisci Letzte Rechenschaft 953; J. H. 
Oswald Eschatologie 1893 6 , 373; muhamed.: 
Pilgerreise des Wolfg. Stockmann 1606 in 
Niderberger Unterwalden 3. 1, 117; M. B. 
Weinstein Der Untergang der Welt u. Erde 

1914» 40. 

2. Die Vorstellung vom endlichen Ge¬ 
richt im TJ. hat sich im Volksglauben 
noch hie und da gehalten. So heißt es 
in Tirol, daß es anbreche, wenn der ewige 
Jude das TJ. betreten werde 13 ). Wir alle 
kommen dort wieder zusammen 14 ). Eine 
Ladung vor das Jüngste Gericht 16 ), das 
Gericht der Ewigkeit 16 ) ist also eine 
Ladung ins TJ. Im Norden werden 
Bösewichte vor das Bischofsgericht zitiert 
und müssen, wenn dieser vor dem Termin 
stirbt, nachsterben 16a ). 

13 ) Heyl Tirol 32 Nr. 37. “) Salzburger Weih¬ 
nachtsspiel, vgl. Germ. 12. 309; K. J. Schröer 
Weihnachtsspiele aus Ungarn 1857, 149. 

16 ) So Jakob Böhme seine Verfolger: Peuckert 
Lebenjak. Böhmes 1924, 129; Hexen ihre Richter: 
(die Schlettstadter): Lutz im Theatrum de 
venefciis 1586, 9 (in Berg); Joh. Wier De 
praestigiis daemonum 1586, 436; Zauberer: 

Dobeneck 2,457 nach GodelmannZte magis, 
veneficis et lamiis 1582 1 . II. c. 2; ferner Grässe 
Preußen 2, 744 (aus Hessen); Wolf Hessen 
16 f. = Zaunert Hessen-Nassau 325 f.; Meier 
Schwaben 2, 501; Baader N. Sagen 104; 
Grimm Sagen Nr. 334; Peuckert Schlesien 
30; auch Meyer Schleswig-Holstein 145; Mn- 
böhm. Exk. 2, 74; Schles. Provinzialbl. i, 417 = 
Martin Illig Das Nimptscher Land im Blüten¬ 
kranz d. Sage 1921,6. 16 ) Alemannia 11, 29. 

Gering Islendzk Aeventyri 2 (1884), 13. 

3. Heute bedeutet gewöhnlich eine La¬ 
dung ins TJ. ein Zitieren vor den gött¬ 
lichen Richterstuhl, nicht am Jüngsten 
Tage, sondern innerhalb einer bestimm¬ 
ten 17 ) kürzesten Zeit 18 ) nach dem Tode 
des Zitierenden; es werden Fristen von 
drei 19 ), acht 20 ), vierzig 203 ) Tagen, vier 21 ), 
sechs 22 ), acht Wochen 23 ), einem Jahr 24 ) 
genannt. In ihrem Rechtsgefühl Ge¬ 
kränkte 25 ), oder Verurteilte laden ihre 
Richter 26 ), Ankläger 27 ), Zeugen 28 ) vor, 
ebenso tun das beleidigte Tote 29 ), zum 
Mahl geladene Gehängte 30 ), unschuldig 
Getötete 31 ); es ist der höchste Richtort, 
vom Kaiser und Papst kann man noch 
an Gott appellieren 31a ). Feinde fordern 
sich gegenseitig, um dort ihre Sache 
auszumachen, und der Überlebende wird 
entrückt 32 ) oder stirbt dann dem Toten 


773 


Joseph hl. 


774 


schleunigst nach 33 ), denn dieser schwebt 
bis zu dem Augenblick zwischen Himmel 
und Erde (s. Fegefeuer) 34 ). Stirbt der 
Ladende, zieht es wohl dem überlebenden 
den Rock überm Kopf zusammen 33 ). 
Die Ladung ins TJ. wurde als solch 
starker Fluch empfunden 36 ), daß man 
sie bestrafte 37 ) und ihre Rücknahme 
erzwang 38 ). Ja, der sie aussprach, 
sprach sich selbst das Todesurteil; er 
starb binnen kurzem 39 ). In Niedersachsen 
hielt man dafür, daß auch ein Toter 
Gott bitten konnte, einen Lebenden 
nachzurufen: anbraweln (vgl. Nach¬ 
zehrer) *°). „Ins TJ. gehen“ für „sterben“ 
wird im Elsaß von verendenden Tieren ge¬ 
braucht 41 ). Neben der Ladung vor Gottes 
kannte man übrigens im Nordischen auch 
eine Ladung vor des Teufels Gericht, wo 
jeder verurteilt wird 413 ). 

17 ) Adam a Lebenwaldt Achtes Traktätl 
von deß Teuffels List und Betrug 1683, 144 f.; 
Weber Demokritos 3, 216; Fischer Schwab. 
Wb. 4, 104 f.; Schweizld. 3, 75 (Germania 25, 
312 f.). 18 ) Höhn Tod 314; Müller Uri 1, 66. 

19 ) Kuoni St. Galler Sagen 145; Müller Uri 

I, 62 f. 65 f.; Osenbrüggen Studien 335; Ders. 
Deutsche Rechtsaltertümer aus der Schweiz 3. Heft 
39, 40; Gust. Fr. Meyer Schleswig-Holstein 145. 

20 ) Müller Uri 1, 66. 203 ) Wolf Niederländ. 

Sagen 1843, 391 f. 696 Nr. 313. 2l ) Grimm Sagen 
Nr. 334; Alemannia 11, 29; Scheible Kloster 

II, 1195 F 22 ) Baader N. Sagen 104. 23 ) Erk- 

Böhme 1, 643; Fr. L. Mittler Deutsche Volks¬ 
lieder 1855, 372. 24 ) Wolf Deutsche Märchen u. 
Sagen 1845, 212; Wenzig Westslav. Märchen- 
schätz 94; Osenbrüggen Studien 335; Ders. 
Rechtsaltertümer 3, 40. 25 ) Ebd. 39; Studien 334; 
Hugo Gering Islendzk Aeventyri 2 (1884), 60 f.; 
SAVk. 14, 190; 15, 38f., vgl.Eckardt Südhannov. 
Sagen 199. 26 ) Ösenbrüggen Studien 335; Ders. 
Rechtsaltertümer 3, 39; Ders. Das alamannische 
Strafrecht im deutschen MA. 1860, 387; Birlin- 
ger Schwaben 2, 505; Lebenwaldt Achtes 
Traktätl 144. 138 f.; Alemannia 38, 19; vgl. 
Nachw. 15; ferner Wolf Deutsche Märchen u. 
Sagen 212; SAVk. 15, 38. 27 ) Lebenwaldt 

Achtes Traktätl 144; Osenbrüggen Studien 335. 
28 ) Alemannia 11, 29; 38, 19; Birlinger Aus 
Schwaben 1, 163. 29 ) Müller Uri 1, 65 f.; Wal¬ 
liser Sagen 1, 230t. 30 ) Müller 1,62f.; Kuoni 
St. Galler Sagen 145. 31 ) Curtze Waldeck 247 t. 
31a ) Legenda aurea (Benz) 1,17. 32 ) Germania, 
3,419. 33 ) Müller Uri 1,64 f.; Alemannia 10,265; 
11, 29 (11,111); Meyer Schleswig-Holstein 244; 
Mnböhm. Exk. 2, 74; SAVk. 14, 190; Gering 
Islendzk Aeventyri 2, 13. 34 ) Baader N. Sagen 
104. 35 ) Müller Uri 1, 66. 36 ) Höhn Tod 314. 
37 ) Osenbrüggen Studien; Ders. Rechtsalter - 
iümer 3, 38 ff. 38 ) Ebd. 39. 35> ) Alemannia 11, 


29. 40 ) Schambach-Müller 364 zu 236, 2; 

Germania 25, 312 t. 41 ) Martin u. Lienhart 
Elsaß. IVb. 1, 412. 41a ) Gering Islendzk Aeven¬ 
tyri 2, 61. 

4. Ladet ein Toter einen Lebenden ins 
TJ-, so kann diesem nur geholfen werden, 
wenn sein Patenkind, das unschuldig 42 ), 
ohne etwas gegessen zu haben 43 ), starb, 
oder das von ihm je ein Geschenk 
empfing 44 ), für ihn eintritt. 

42 ) Müller Uri 1, 64 f. 65 f. 43 ) Ebd. 630.; 
Walliser Sagen 1, 231 f. 44 ) Kuoni St. Galler 
Sagen 145. Peuckert. 

Joseph hl. 

1. Nährvater Jesu (Nutritor Domini). 
Volkstümliche Verehrung findet er erst 
vom 15. Jh. ab. Gregor XV. machte 
seinen Gedächtnistag (19. März) i. J. 
1621 zum gebotenen Feiertage; Bene¬ 
dikt XIII. fügte 1729 seinen Namen in 
die Allerheiligenlitanei ein, und Pius IX. 
erklärte ihn am 8. Dezember 1870 zum 
Patron der Gesamtkirche x ). J. ist Pa¬ 
tron der Zimmerleute 2 ) und Holzhauer a ), 
der Eheleute 4 ), auch der Ursulinen 6 ) 
und überhaupt Beschützer der Keusch¬ 
heit 6 ). Die in Oberbayem üblichen 
Josefi-Kränze (geflochtene Teigkränze) 
sind Symbole der Jungfräulichkeit 7 ). 
J.sringe werden von jungen Eheleuten 
getragen und sind gut gegen unkeusche 
Anfechtungen 8 ). Die Mädchen beten dem 
J. ein Vaterunser, damit sie einen guten 
Mann bekommen 9 ). Das J.sbild in Würz¬ 
burg sagt ihnen, ob sie überhaupt einen 
kriegen 10 ). J. wird im Haussegen an¬ 
gerufen 11 ) sowie im Betruf der Sennen 12 ), 
auch im Bienensegen kommt er vor 12 ). 
J.lilien und deren öl werden gegen Rotlauf, 
Haut Verbrennungen usw. gebraucht u ). 
An einigen Orten heißt die Milchstraße 
auch J.sstraße 15 ). In Steiermark wird 
in der Adventszeit ein J.sbild von Haus 
zu Haus getragen 16 ), s. Frautragen. 

x ) Kellner Heortologie 205 ff.; Künstle Ikono¬ 
graphie 352; Dähnhardt Natursagen 2, 265 ff. 
2 ) Beissel Heiligenverehrung 2, 64. 141; John 
Westböhmen 49. 3 ) Schramek Böhmerwold 142. 
4 ) Höf ler Fastnacht 95. 6 ) Pollinger Landshut 
79. 6 ) Stoll Zauberglauben 122. * 7 ) Höf ler 

Fastnacht 95. Andere J.sgebäcke: Nork Fest¬ 
kalender 1, 226. 8 ) Birlinger Schwaben 1, 421. 
9 ) Ebd. 1, 415. 10 ) ZfdMyth. 3, 68 f.; vgl. oben 
2, 576. u ) Meyer Baden 359; vgl. Bartsch 
Mecklenburg 2, 325. 11 ) SchwVk. 18, 53 ff. 


775 


Iria—irreführen 


77 6 


13 ) Franz Benediktionen 2, 136. 14 ) ZfVk. 1, 

295. 15 ) Birlinger Volkst. 1, 190; Meyer 

Baden 517. 16 ) Geramb Brauchtum 101. 

2. Am J.stage beschenken sich Mäd¬ 
chen und Burschen 17 ). Er war früher im 
Saterlande ein beliebter Hochzeitstag 18 ). 
An ihm paaren sich alle Vögel 19 ). Er 
ist ein besonderer Festtag der Kinder 20 ). 
Er gilt als erster Frühlingstag. „St. J. 
schlägt einen glühenden Nagel in die 
Erde“ 21 ) oder kommt „mit an Käppi voll i 
Wärm“ 22 ). „Ist s an J.i hell und klar, j 
so kommt ein gutes Jahr“ 23 ). Wenn am 
J.stage der Wind geht, geht er das ganze 
Jahr hindurch 24 ). In Böhmen fangen 
die Kinder nun an Ball zu spielen 25 ). 
Die Lichtarbeit hört auf, und im Kt. 
Schaffhausen ist Lichterschwemmen 26 ). 
Selbst der faulste Bauer soll nun den Pflug 
im Felde haben 27 ). Die Weide beginnt 2S ). 

17 ) Reinsberg Böhmen 104. 18 ) Stracker- 

jan 2, 90. 10 ) Fontaine Luxemburg 34; 

Sebillot Folk-Lore 1, 402; 3, 169. 20 ) Sartori 
Sitte 3, 129. 21 ) John Westböhmen 49; Drechs¬ 
ler 1, 64; ZfrwVk. 23, 32; Sartori 3, 129. 
22 ) Schramek Böhmerwald 142. 23 ) Pollin- 

ger Landshut 231; ZfrwVk. 23, 33. In Spa¬ 
nien macht J. schönen Sonnenschein: Mann¬ 
hardt Germ. Myth. 395. 24 ) Zingerle Tirol 

143 (1239). 25 ) Reinsberg Böhmen 105. 

28 ) Hoffmann-Krayer 140; ZfrwVk. 23, 33 
(Aachen). 27 ) Meyer Baden 416. 28 ) Ebd. 

135; vgl. 131. 162. Sartori. 

Iria, Zauberwort in der Amulettauf¬ 
schrift, die in weichem Brot verzehrt 
wird: „X Iria Kiria Critha X X Katffer 
Furias Drack X “ *). Das ist wohl weitere 
Entstellung aus einer bereits verstüm¬ 
melten Formel: „Uram Eviram Cafram, 
Cafratrem, Cafratrosque“ 2 ) gegen den 
Biß toller Hunde, die schon Thiers 3 ) in 
der Form bringt: „Iram. quiram. fran 
fratem fratesque“ etc., nach ihm Schutz 
gegen Schwertstreich. Eine fernere Form 
dürfte sein: „Irioni (Izioni) khiriori 
(khirioni) essera (esseza) kuder fere 
(feze)“ 4 ) auf oder in Brot, gegen Hunds¬ 
wut wirksam, vgl. „Irioni khirioni“ 5 ), 
die man auf Brot geschrieben bei sich 
trägt. Vereinfacht wohl in „Ira bira lira 
pira“ 6 ), wo das erste Wort durch Än¬ 
derung des ersten Konsonanten, wie 
häufig in Zauberworten, zu Klang Worten 
abgewandelt ist. In dem zweiten Wort I 


steckt vielleicht xuoioc, das in einem 
Exorzismus als „quirius“ erscheint 7 ). 

a ) Drechsler 2, 282. 2 ) Seyfarth Sachsen 
173 h 3 ) 1, 376. 4 ) Wier De praestigiis 

daemonutn (1583) 5 c. 8; Thiers 1, 356. 
5 ) Thiers 1, 356; Delrio Disquisitiones ma- 
gicae (Köln 1679), 493. 6 ) Hovorka u. Kron- 
feld 1, 29. 7 ) Franz Benediktionen 2, 587. 

Jacoby. 

irreführen. Wer sich im Walde, im 
Nebel 4 ), nachts oder sonst verirrt, glaubt 
sich gern auf spukhafte Weise „irrege - 
führt' 4 . Dies I. wird als vorübergehende Be¬ 
wußtseinsstörung aufgefaßt, das sich bis 
zu völliger Geistesverwirrung steigern 
kann (ein Irregeführter, der glücklich 
zu Haus angelangt ist, nimmt plötzlich 
Stock und Hut: ‘Ich muß machen, daß 
ich heimkomme") 2 ). Dabei gilt das I. 
meistens als das Werk eines (sichtbaren 
oder unsichtbar bleibenden) Spuk¬ 
geistes 3 ); insbesondere die Waldgeister 
(s. d.), so schon im 13. Jh. das Waldweib 
die „rauhe Else“ 4 ), und die Irrlichter 
(s. d.), aber auch der wilde Jäger 5 ), das 
Mittagsweibchen 6 ), Rübezahl 7 ), Hexen 8 ) 
und viele andre führen irre. Gelegentlich 
heißt es aber auch unpersönlich, ‘es" 
oder ‘ein Zauber" führe einen da und da 
irre 9 ), bes. an Plätzen, wo jemand er¬ 
mordet oder sonst eines unnatürlichen 
Todes verstorben ist 10 ), an Kreuzwegen 11 ) 
und auf dem ‘Hexentanzplatz’ 12 ). Ein 
solcher Ort ist ein Trrfleck’ 13 ) oder ‘Irr- 
Revier" 14 ); dort „ist es nicht richtig“ 15 ). 
Auch wer auf die ‘Irrwurzel’ 16 ) oder das 
Trrkraut" (s. d.) 17 ), in das Trrligsporr" 
(die Spur einer geisternden Schweine¬ 
herde) 18 ), tritt, wem Samen vom Irr¬ 
kraut in die Schuhe fällt 19 ), geht irre; 
wer von der Irrwurzel ißt, findet sich nicht 
mehr heim 20 ). — Die Macht des Irr¬ 
zaubers endet entweder von selber mit 
Ablauf der Geisterstunde, oder mit dem 
Glockenschlag und Glockenläuten 21 ) 
(darum wird vielerorts abends für Ver¬ 
irrte geläutet 22 ); Glocken und Kirchen 
sind von Verirrten zum Dank für ihre Ret- 
tung gestiftet 23 )); oder sie wird durch Ge¬ 
genzauber gebrochen: dazu muß man (mit 
Stahl) Feuer schlagen 24 ) (vgl. Irrlicht), ein 
Kleidungsstück 25 ), und zwar den Rock 26 ) 
(die Taschen in Rock und Hosen) 27 ) 


: 


777 


Irrkraut, -wurz 



oder die Schürze 28 ) umkehren, die Schuhe 
verwechseln oder umkehren 29 ), den Hut 
anders setzen 30 ) oder in die Höhe werfen 
(nach welcher Richtung er zu liegen 
kommt, dahin hat man zu gehen) 31 ), 
sich um sich selbst drehen 32 ) oder einen 
Purzelbaum schlagen 33 ), sich hinsetzen 
und beide Daumen einziehen 34 ) oder sich 
daran erinnern, mit wem man am letzten 
Christabend zu Tisch gesessen 35 ), am 
letzten Gründonnerstag harte Eier ge¬ 
gessen hat 36 ). 

Laistner Nebelsagen 172. 2 ) Meier 

Schwaben 1 Nr. 21; Schönwerth Oberpfalz 3, 
276; vgl. auch Mannhardt 1, 129. 3 ) z. B. 

Lütolf Sagen Nr. 74; Walliser Sagen 1 Nr. 47. 
49. 58. 63. 79; SAVk. 5, 256; 8, 304; 11, 133; 
12, 50; 23, 231; Reiser Allgäu 1 Nr. 1. 5. 48. 
65. 110. 125. 127. 339 ( 5 )- 439 ( 5 ); Birlinger 
Aus Schwaben 1 Nr. 118. 365; Ders. Volks - 
thüml. i, 7. 230. 292; Meier Schwaben 1 Nr. 21. 
22. 102, 1. 3. 4. 118; Alemannia 16, 249; Kün- 
zig Sagen Nr. 71. 72; Leoprechting Lechrain 
50 f.; Vernaleken Mythen 154. 213 Nr. 36; 
Zingerle Sagen Nr. 313. 427; Panzer Beitrag 
2 Nr. 223. 262; Kühnau Sagen 1 Nr. 153 
(S. 142). 315. 477. 478. 481. 491 (S. 465). 
511. 522. 549. 603. 608 (S. 573). 626. 632; 3 
Nr. 1756 (S. 377); Eisei Voigtland Nr. 191. 198. 
222. 225. 320 Anm. 341. 367; Hüser Beitr. 

2, 15; Strackerjan 2, 404c. 4 ) Wolfdietrich 

B ed. Jänicke (Berlin 1871) Str. 3iif. 317 *•. 
vgl. auch Mannhardt 1, 629 s. v. 'irregehn'; 
Waschnitius Perht 176. 5 ) Meiche Sagen 

Nr. 542; Kühnau Sagen 2 Nr. 1061. 1077. 
1081. 1118, 2; Hovorka-Kronfeld 1,423; vgl. 
Meiche Sagen Nr. 308 (= Köhler Voigtlar.d 
Nr. 108); Plischke 70. 6 ) Meiche Sagen 

Nr. 462. 7 ) MschlesVk. 1914* 20 ö* 8 ) Strak- 
kerjan 1, 423 (b). 9 ) Eisei Voigtland Nr. 605. 
606 u. Anm.; Kühnau Sagen 1 Nr. 221. 535. 
537; Reiser^ llgäu S. 50. 10 ) Kühnau Sagen 
1, Nr. 63 (= ZfVk. 7, 446, 1); ZföVk. 4, 218. 
n ) Plischke 62. 12 ) Heyl Tirol 310 Nr. 125. 
13 ) Kühnau Sagen 1 Nr. 538 ( = ZfVk. 4, 456); 
Peuckert Schlesien 166 f. 14 ) Meiche Sagen 
Nr. 193. 15 ) Köhler Voigtland 523 Nr. 118. 

18 ) z. B. Zingerle Sagen Nr. 826 u. Anm.; 
Alpenburg Tirol 409; Schönwerth Oberpfalz 

3, 276; Jungbauer Böhmerwald 72; vgl. 

Grimm Myth. 3, 356. 17 ) Stöber Elsaß 2 

Nr. 194; ZfdAlt. 3, 364 Nr. 33; vgl. auch die 
herbe d'egarement in Frankreich: Sebillot 
Folk-Lore 1, 164. 185 f. 285 f.; 3, 467 f. 18 ) Lü¬ 
tolf Sagen 462. 19 ) Stöber Elsaß 2 Nr. 194; 

Wucke Werra Nr. 489. 20 ) Toeppen Ma¬ 

suren 134; vgl. auch die (romantische?) Trr- 
blume' Schönhuth Burgen 2, 223; Keinz 
Steiermark Nr. 112. 21 ) Kühnau Sagen 1 
Nr. 535; Panzer Beitrag 2, 146 f.; Lütolf 
Sagen Nr. 74; Künzig Baden Nr. 71. 22 ) z. B. 
Schambach u. Müller Nr. 32. 33; Stracker¬ 


jan 2, 335 f.; vgl. ZfVk. 7, 366. 23 ) Panzer 

Beitrag 2, 417; vgl. auch Abendläuten oben 
1, 37 f. 24 ) Hüser Beiträge 2, 15; Reiser 
Allgäu 1 Nr. 110. 25 ) Meiche Sagen Nr. 308 

(= Köhler Voigtland Nr. 108); Liebrecht 
Zur Volksk. 338 Nr. 202; vgl. auch Sebillot 
Folk-Lore 3, 468. 26 ) Fogel Pennsylvania 386 f. 
Nr. 2074 f. 27 ) Reiser Allgäu 2, 448 (241); 
Schönwerth Oberpfalz 3, 276; Grimm 

Myth. 3, 464 Nr. 852; vgl. Mannhardt 1, 140. 
28 ) Grimm a. a. O. 29 ) Bartsch Mecklenburg 2, 
317 Nr. 1572; Kuhn Westfalen 2, 23 Nr. 62; 
Wucke Werra Nr. 489; Grimm Myth. 3, 464 
Nr. 852; ZfdAlt. 3, 364 Nr. 33; vgl. Globus 57, 
283; Sebillot Folk-Lore 3, 468. 30 ) Grimm 

Myth. 3, 457 Nr. 657; Köhler Voigtland 432. 
31 ) Reiser Allgäu 2, 448 (241). 32 ) Witzschel 
Thüringen i, 182. 33 ) ZfVk. 4, 456 (— Kühnau 
Sagen 1 Nr. 538). 34 ) Schönwerth Oberpfalz 

3, 276. 35 ) Grohmann 244 Nr. 1581. 38 ) Köhler 
Voigtland 432. Ranke. 

Irrkraut, -wurz. Nach weitverbrei¬ 
tetem Glauben eine geheimnisvolle Wurzel. 
Der Wanderer, der auf sie tritt, kommt 
vom Weg ab, verirrt sich und findet sich 
nicht mehr zurück 4 ). Ab und zu wird 
die I. vom Volk als der Farn (s. 2,1215 ff.) 
gedeutet, der ja oft an abgelegenen Wald¬ 
stellen wächst und im Aberglauben eine 
große Rolle spielt. Auch das Motiv, daß 
der auf die I. Getretene den Weg wieder¬ 
findet, wenn er die Schuhe auszieht, 
weist auf den Farn hin 2 ). Auch 
mit der Springwurzel (s. d.) wird die 
I. gleichgesetzt 3 ). Die I. ist eine Baum¬ 
wurzel, die über Kreuz geht oder die Form 
eines Andreaskreuzes bildet 4 ), oder die 
Wurzel eines vom Blitz getroffenen 
Baumes 5 ). Jetzt kennt man die I. nicht 
mehr; ein Zillertaler Ölhändler hat im J. 
1803 vor seinem Tode die letzte ver¬ 
brannt, und zwar auf den Befehl des 
Geistlichen, den er beim Sterben zu sich 
kommen ließ 6 ). Auch in nichtdeutschen 
Ländern ist die I. bekannt 7 ). 

*) Marzeil Bayer. Volksbot. 223:8.; Bohnen¬ 
berger 113; Fogel Pennsylvania 373; SAVk. 
25, 139; Bechstein Sagensch. d. Frankenlandes 
1 (1842), 268 f.; Alpenburg Tirol 409; Panzer 
Beitrag 1, 260; 1, 138; Grohmann 88; John 
Westböhmen 227; Baumgarten Aus der Heimat 
3, 6; Bindewald Sagenbuch 221; Pfister 
Hessen 166; Schramek Böhmerwald 247; 
Lohmeyer Saarbrücken 93; ZfdMyth. 1, 332; 
Rosegger Steiermark 65; Amersbach Licht¬ 
geister 41; ZfVk. 4, 155; Simrock Mythologie 
503. 2 ) Kuhn Herabkunft 223 8.; Kleemann 
Beitr. zu einem nordthür. Idiotikon 1882, 9; 



Irrlicht 



Firmenich Völker stimmen 2, 146 (im Henne- 
bergischen); Schmitt Hetlingen 16; Kuoni 
St. Galler Sagen 256. 3 ) Pollinger Landshut 118. 
4 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 276. 5 ) Schramek 
Böhmerwald 247. 6 ) Alpen bürg Tirol 409. 

7 ) de Cock Volksgeloof 1, 16; Feilberg Ordbog 
3, 1052; Sebillot Folk-Lore 1, 164; Romania 13 
(1884), 155; Gubernatis Plantes 1, 237. 

Marzeil. 

Irrlicht. 

1. Ursprung der Vorstellung. 
Benennungen. Als I.er (im wissen¬ 
schaftlichen Sinn) bezeichnet die Meteoro¬ 
logie kleine vom Boden aufsteigende, 
meist schnell wieder erlöschende, manch¬ 
mal aber auch mehrere Sekunden lang 
stehende, mit schwacher bläulicher oder 
gelblich-rötlicher Flamme brennende 
Lichterscheinungen, die sich vor allem 
im Spätherbst (wenn der Fäulnisprozeß 
in der Natur seinen Höhepunkt erreicht 
hat) in stillen Nächten in sumpfigen und 
moorigen Gegenden zeigen. Die Existenz 
dieser I.er, die die Naturwissenschaft um 


die Mitte des 19. Jhs. am liebsten ganz 
abgeleugnet hätte, wird heute nicht mehr 
bezweifelt. Die Art ihrer Entstehung ist 
umstritten x ). — Die unerklärliche und be¬ 
unruhigende Erscheinung solcher I.er, da¬ 
neben auch die huschenden Flämmchen 
des Elmsfeuers (s. d.), phosphoreszierendes 
Holz, fliegende Johanniswürmchen, viel¬ 
leicht auch die seltene Erscheinung des 
Kugelblitzes 2 ) haben zusammengewirkt, 
um den Glauben an die I.er (im Aberglau¬ 
benssinne) zu erzeugen, der, dem Altertum 
unbekannt und erst seit dem 16. Jh. deutlich 
bezeugt (s. u.), heute wohl durch ganz 
Europa verbreitet ist; vgl. dänisch lygte- 
tnand 3 ), schwedisch irrbloss , englisch will 
o’ the wisp , jack 0'lautern, niederländisch 
dwaallicht , französisch feu foll et 4 ), ita¬ 
lienisch fuoco fatuo , cularsi 5 ), tschechisch 
swetylko , bludicka usw. 6 ). — Im deut¬ 
schen Sprachgebiet finden wir neben den 
aus mitteldeutschen Mundarten in die 
Schriftsprache aufgenommenen Namen 
‘Irrlicht’ und ‘Irrwisch' (nach der Ähnlich¬ 
keit mit einem brennenden Strohwisch) 
eine Fülle landschaftlich wechselnder Be¬ 
nennungen; besonders reich an solchen 
ist Nord- und Mitteldeutschland; hier 
zeigt sich auch die mythische Vorstellung 
vom I. schärfer ausgeprägt als in Süd¬ 


deutschland und in der Schweiz, wo das 
| I. mehr oder weniger mit dem Feuermann 
(s. d.) zusammenfällt: in Schleswig- 
Holstein heißt das I. Tümmelding 7 ), 

- Dwerlicht 8 ), in Oldenburg spoklecht 9 ), 
in Westfalen und am Niederrhein irr - 
luchte 10 ), irrfackel , dwallicht (sich ver- 
dwalen = sich verirren ),quadlicht (quad == 
böse) 11 ), wipplötschc 12 ), dröglicht 13 ), in 
Luxemburg draulicht 14 ), im Hannover¬ 
schen und im Harz stölten - (= Stelzen?) 

! und stölkenlicht 15 ), in der südlichen Alt¬ 
mark und im Braunschweigischen dicke - 
pot (= Dickfuß als das tretende, auf¬ 
hockende?) und daraus entstellt hucke - 
pot , tückebote , tückebold 16 ), in der Mark 
Brandenburg lüchtemannchcn 17 ), in Meck¬ 
lenburg irdfiämmken , irdlicht , flämm- 
stirn , flackerfiir 18 ), in Pommern dwer- 
licht und lopend für 19 ) ( in Ostpreußen 
lichtkedräger und schwidnikes (aus dem 
Litauischen) 20 ); in Mitteldeutschland fin¬ 
det sich neben irrlicht und irrwisch , in 
der Niederlausitz erlwischchen 21 ), in 
Sachsen irreding 21 ), im Voigtland irrflämm¬ 
chen 23 ), in Hessen heerwisch 24 ), im Nas- 
sauischen druckfackel 25 ), in Württemberg 
und Baden schäuble ( = Strohbund) und 
daraus entstellt stäuble 26 ), in der Schweiz 
zunselwible , jüersteinmannli 27 ), während 
; die Bezeichnungen züsler, brennender , 
brünnlig wohl vornehmlich dem Feuer¬ 
mann (s. d.) gelten; in Österreich scheint 
ein eigener deutscher Name für das I. 
zu fehlen, man sagt: ‘er hat ein Licht, ein 
Lichtlein, einen Schein gesehen’; in den 
\ östlichen Alpenländern und im Böhmer- 
I wald heißt das I. buchelmännle (von 
slav. * buckle ‘Fackel’ zu buchati * lodern’) 
und daraus entstellt fuchtelmännlein 28 ). 

2 ) Vgl. Samford Igms fatuus in Scientific 
Monthly 9 (1919), 358 t.; Müller-Erzbach 
Über die Beobachtung von Irrlichtern in d. Me- 
teorol. Zs. 17 (1900), 505 f.; Fornaschon Kri¬ 
tische Beitr. zur I.erfrage 1899. 2 ) W. Brand 

Der Kugelblitz Hamburg 1923 (Probleme der 
kosmischen Physik II/III). 3 ) Feilberg 
Ordbog 2, s. v. *) Sebillot Folk-Lore 2, 418 g. 
5 ) Scientific Monthly 9, 359. •) Weitere außer¬ 
deutsche Namen für das I. z. B. bei Grimm Myth. 
2, 764; 3 . 279. 7 ) Müllenhoff Sagen Nr. 255. 
8 ) Mensing Schlesw.Wb. 1, 975. *) Stracker- 
jan 1, 221, 225 (k). 10 ) ZrwVk. 1907, 223. 224. 
n ) Kuhn Westfalen 2, 63 Nr. 60. 61. 63. 12 ) Zf- 
rwVk. 22 (1925), 84. 13 ) Schell Berg. Sagen 166 





Irrlicht 



Nr. 65: vgl. Kluge Et. Wb. unter „Irrlicht“. 
14 ) Gredt Luxemburg 659 ff. 15 ) Schambach 
Wb. 212; Pröhle Harzsagen 2 197. 16 ) Kuhn 

u. Schwartz 425 Nr. 229. 230; Temme Alt¬ 
mark 80; Ndd. Jahrb. 29, 149. 17 ) Kuhn 

Mark. Sagen 98; ZfVk. 14, 425; Kuhn u. 
Schwartz 425 Nr. 231. 18 ) ZfVk. 5, 223. 

19 ) Kuhnu. Sch wartz 426 Nr. 234. 20 ) Frisch¬ 
bier PreußWb. 2, 25; Plenzat Sage u. Sitte 51. 
21 ) Gander Niederlausitz 48 Nr. 122. 22 ) Grimm 
Myth. 3, 279 (aus Chr. Reuters Schelmußski). 
23 ) Eisei Voigtland Nr. 449. 24 ) ZfdMyth. 1, 

246; Grimm Sagen Nr. 276; Wolf Sagen 
Nr. 138. 25 ) Kehrein Nassau 31. 32. 26 ) Meier 
Schwaben 1 Nr. 101, 2; Künzig Baden Nr. 70. 
27 ) Rochholz Naturmythen 187. 28 ) Briefliche 
Mitteilung von Prof. A. Pf alz vom Bayer.-österr. 
Wb. in Wien. 


2. Beschreibung. Im Unterschied 
zum Feuermann gilt das I. meistens als 
kleines Wesen, worauf schon die mehr¬ 
fachen Diminutiva in seiner Benennung 
hinweisen; nur in Schlesien heißt es aus¬ 
drücklich, es gebe kleine und große I.er 
(,,der große Leuchter'*) 29 ). Gewöhnlich 
sieht man vom I. nichts als das Licht: es er¬ 
scheint als schwebendes blaues Lich- 
lein 30 ), als Laterne „von einer Hand ge¬ 
halten, ohne daß man sonst etwas sieht“ 31 ), 
man sieht „nichts als die helle linke Hand 
mit den fünf leuchtenden Fingern“ 32 ), 
den leuchtenden Kopf einer dunklen Ge¬ 
stalt 33 ), ein feuriges Rad oder eine feu¬ 
rige Kugel mit feurigen Rippen 34 ), 
einen Pferde sch ädel, aus dem die Flammen 
schlagen 35 ); in der Mark hat das I. ge¬ 
waltig lange Beine (die wohl mehr aus 
seinem schnellen Schreiten geschlossen 
als eigentlich gesehen sind) 36 ), in Schle¬ 
sien ein rotes Wams und statt der Mütze 
eine Laterne 37 ); daran erinnert, daß man 
im Voigtland das I. ‘Rotkäppel, Rotkopf, 
Rothösel, Rotstrumpf, Rotröckel, Teufels- 
böckel’ schimpft 38 ). — Die I.er fliegen 
ungeheuer schnell (allg.); man kann sie 
gelegentlich flöten hören 39 ). Wenn 
sie einen anrühren, fühlt sich’s an wie mit 
einer Rindsblase und verursacht Schmer¬ 
zen 40 ) und ein geschwollenes Gesicht 41 ). 
Fängt man eins, so ist es bei Lichte be¬ 
sehen ein Knochen 42 ) oder ein Toten¬ 
kopf 43 ). — Am liebsten erscheinen die 
I.er im Herbst bis in die Adventszeit 44 ), 
aber auch im Spätsommer 45 ) und in den 
Fasten 46 ), bes. bei trüber Witterung und 


gedrückter Luft 47 ). Sumpfige Wiesen, 
Moore, Friedhöfe, der ‘Schindanger’ sind 
ihr Lieblingsaufenthalt; auch zeigen sie 
sich gern, wo Schätze vergraben sind (s. 
Schatzfeuer) 48 ). 

29 ) Kühnau Sagen Nr. 381. 389; Drechsler 
1, 315; Kuhn u. Schwartz 425 Nr. 232. 
30 ) Lavater Von Gespänsten (1578) 38 

(= Rochholz Sagen 1, 351); Eisei Voigtland 
Nr. 449. 31 ) Kollier Voigtland 499; Greß 

Holzland 34; Gander Niederlausitz Nr. 129; 
vgl. Kuhn Märk. Sagen Nr. 95; die „umgehende 
Laterne“ wird zuweilen vom I. unterschieden: 
Quensel Thüringen 253. 3a ) Gräber Kärnten 
Nr. 181. 183. 33 ) Eiscl Voigtland Nr. 449; 

Schell Berg. Sagen 397 Nr. 1. M ) Gredt 
Luxemburg Nr. 660; Rochholz Sagen 2 
Nr. 320. 35 ) ZfrwVk. 1907, 223. 3e ) Kuhn u. 

Schwartz Nr. 89; vgl. Gräber Kärnten Nr. 81. 
37 ) Kühnau Sagen 1 Nr. 443. 3B ) Eisei 

Voigtand Nr. 451. 39 ) Schell Berg. Sagen 166 
Nr. 65. 40 ) Grohmann 19. 21 Nr. 85. 92. 

41 ) Rochholz Sagen 2, 85. 4a ) Kuhn u. 

Schwartz Nr. 116; Strackcrjan 1, 225k. 
43 ) Kuhn u. Schwartz Nr. 260. 44 ) Kühnau 
Sagen 1 Nr. 429. 389; ZfVk. 14, 425; Grimm 
Sagen Nr. 276. 45 ) Müllenhoff Sagen Nr. 258. 
4# ) Drechsler 1, 315. 47 ) ZfVk. 14, 425. 

48 ) Lemke Ostpr. 1, 64: Secfried-Gulgowski 
193; Tetzner Slaven 192; Andree Braun¬ 
schweig 379; ZfrwVk. 1907. 122; Kühnau 

Sagen 1 Nr. 227. 380; 3 Nr. 2095; Panzer 
Beitrag 2, 142; ZföVk. 13, 132; vgl. auch 
Sebillot Folk-Lore 4, 208. 


3. Mythische Einordnung. Die 
I.er gelten für „brennende Seelen“ 49 ), 
und zwar (seltener) von Bösewichtern, 
z. B. Grenzfrevlern 50 ), Selbstmördern 51 ) 
u. dgl. 52 ), bzw. Ertrunkenen 5S ), oder 
(allgemein verbreitet) für die Seelen un- 
getauft verstorbener Kinder M ), denen 
auch die mittelalterliche und katholische 
Kirchenlehre ein besonderes Schicksal 


zuschreibt 55 ); man erzählt sich darum 
auch von Versuchen, sic zu taufen 66 ). — 
In der Lausitz heißt cs, die I.er seien 
‘Jüdelchen’, d. h. koboldartige 57 ) We¬ 
sen (s. auch Jüdel). 


49 ) Gräber Kärnten Nr. 184; Vonbun 
Sagen 2 120 (f.). 60 ) SAVk. 22, m; Gräber 

Kärnten Nr. 181; Bartsch Mecklenburg 2, 4; 
Kuhn u. Schwartz 425 Nr. 230; Woeste 
Mark 45: auch schwedisch: Afzelius 2, 363. 
61 ) Meiche Sagen Nr. 353: Knoop Hinter¬ 
pommern 13; Müllenhoff Sagen Nr. 257. 258. 
558. 62 ) ZfdMyth. 1, 246; Meier Schwaben 2, 

500 Nr. 337; Strackerjan 1, 221; 2, 112. 
63 ) ZfVk. 24, 417: Meiche Sagen Nr. 350. 
84 ) z. B. Prätorius Weltbeschreibung 269; 
Grimm Myth. 2, 765; 3, 279; Urquell 1, 152; 


783 


Irriicht 


784 


Tetzner Slaven 461; Bartsch Mecklenbg. 
2, 4; Haas Rügen 2 105; Temme Pommern 339; 
Knoop Hinterpommern Nr. 18; Kuhn Mark. 
Sagen 373 Nr. 95; Kuhn u. Schwartz 425 f.; 
Temme Altmark 80; Schambach u. Müller 
363 zu Nr. 226; Schulenburg no; Gander 
Niederlausitz Nr. 122; Wuttke Sachs. Vk. 
320; ZfdMyth. 3, in Nr. 9; Schell Berg. 
Sagen 304 Nr. 24; ZrwVk. 1908, 272; Köhler 
Voigtland 499; MschlesVk. 5 (1902), 81; Kühnau 
Sagen 1 Nr. 460. 422; Grohmann Nr. 90; 
Alemannia 9, 273; Manz Sargans 127; vgl. 
auch Volkskunde 10, 182 ff. und Sebillot 

Folk-Lore 2, 420. 55 ) Wetzer u. Welte 5, 284; 
Bautz Fegfeuer 126 f. 5Ö ) Schell Berg. Sagen 


so wenn man Feuer schlägt (!) 76 ), wenn 
man ihnen ein Messer, einen Schlüssel 77 ) 
(d. h. Eisen) oder einen Sechser (als Be¬ 
zahlung) hinwii ft 78 ), mit Friedhofserde 
(s. d.) nach ihnen wirft 79 ) oder auf eine 
Leiter steigt, wohin das I. (das immer 
nah am Boden bleibt) nicht nach- 
kommen kann 80 ). — I.er als Omen: ein 
I. zur Linken gilt als gutes Zeichen 81 ), 
andererseits zeigt das Erscheinen von 
j Lern den Tod (eines Verwandten) an 82 ); 

! antiker Tradition entsprechend wurde 


304 Nr. 24: ZrwVk. 22, 84; auch niederländisch: j ein I., das sich im Jahr 1620, vor der 

Wolf Niederld. Sagen Nr. 261 521; vgl. auch ; Prager Schlacht, auf des Obersten Fahne 
Kochholz Naturmythen 178 (aus Zerrenner ' , Y , \ r- - TT . . 

Ackerpredigten 1783, 248). «) Gander Nieder- setzte (Elmsieuer), für ein Vorzeichen 

lausilz Nr. 125. 128. des Sieges gehalten 83 ). 


4 * Verhältnis zum Menschen. Aus 58 ) Kühnau Sagen 1 Nr. 388. 59 ) Gander 
der nur leicht ins Mythische gesteigerten Niederlausitz Nr. 123. 129; Gredt Luxemburg 


Erfahrung stammt die Vorstellung, daß 
die I.er, wenn man auf sie zukommt, ver¬ 
schwinden 58 ) oder (ihrem Namen ent¬ 
sprechend), den Menschen irreführen: 
wer in der Meinung, ein von Menschen 
getragenes Licht vor sich zu haben, ihnen ; 
nachgeht, gerät vom Wege ab und in den 
Sumpf; fällt dann der Irregeführte ins 
Wasser, so klatschen sie schadenfroh in 
die Hände oder lachen ihn aus 59 ). Rein 
mythisch dagegen heißt es: die I.er sind 
i. allg. gutmütiger Natur; sie kommen auf 
Anruf (auch auf unausgesprochenen 
Wunsch) zum Menschen herangeflogen 60 ) 
und leuchten ihm für geringes Entgelt: 
ein Geldstück 61 ), ein Butterbrot 62 ) oder 
etwas Milch 63 ), oder für ein ‘Vergelts¬ 
gott', das sie ‘erlöst', wie den Feuer¬ 
mann 64 ). — Dem Unfreundlichen da¬ 
gegen, der ihnen Dank oder Bezahlung 


Nr. 665. 60 ) ZfrwVk. 1907, 224; Müllenhoff 

Sagen Nr. 255. fll ) Kühnau Sagen 1 Nr. 377; 

| Köhler Voigtland 499; Eisei Voigtland Nr. 454; 
Meiche Sagen Nr. 351. 361; Gander Nieder- 
laasitz Nr. 123. 126. 128. 131; Schulenburg 
Wend. Vt. 52; Kuhn u. Schwartz Nr. 88; 
Baader Sagen Nr. 330; Bohnenberger 9; 
vgl. Rochholz Sagen 2 Nr. 312. 82 ) Meiche 

Sagen Nr. 362; Gander Niederlausitz Nr. 134. 
63 ) Ebd. Nr. 133. ® 4 ) Reiser Allgäu 1 Nr. 419; 
Kühnau Sagen 1 Nr. 420; Grohmann 
Nr. 93; Knoop Hinterpommern Nr. 107. ® 5 ) 

Gander Niederlausitz Nr. 126. ® 6 ) Eisei 

Voigtland Nr. 451: Kühnau Sagen 1 Nr. 453. 
430. ® 7 ) Eisei Voigtland Nr. 452. ® 8 ) Roch¬ 

holz Sagen 2 Nr. 320; Andree Braun¬ 
schweig 379; Kuhn u. Schwartz Nr. 169. 
69 ) Meiche Sagen Nr. 351; MschlesVk. 1906, 
m. 70 ) Drechsler 1, 315; vgl. Kühnau 
Sagen i Nr. 453. 7l ) Globus 69 (1896), 11. 

72 ) Gräber Kärnten Nr. 181. 183; Groh¬ 

mann Nr. 88; Eisei Voigtland Nr. 451; 
Meiche Sagen Nr. 360; Schell Berg. Sagen 
166 Nr. 65; vgl. auch Sebillot Folk-Lore 2, 
419. 73 ) Pf ister Hessen 92 Nr. 12. 74 ) Bohnen- 


vorenthält 66 ), und dem Dummdreisten, 
der sie neckt, sie beschimpft 66 ) oder gar 
nach ihnen schießt 67 ), hocken sie auf 68 ), 
geben sie Ohrfeigen 69 ), zünden sie das 


berger 9. 75 ) z. B. Grimm Myth. 3, 455 

(611); Alemannia 9, 273; ZfVk. 24, 417; Zrw¬ 
Vk. 1907, 224; Drechsler 1, 315; Eisei 

Voigtland Nr. 453; PrÖhle Unterharz Nr. 252; 
Kuhn u. Schwartz Nr. 90. 169; Gander 


Haus an 70 ); auch mögen sie nicht, daß 
man mit dem Finger nach ihnen zeigt 71 ) 
oder ihnen nachpfeift 72 ). Wer mit dem 
Stock nach einem I. schlägt, dem speit es 
Feuer ins Gesicht, daß er davon stirbt 73 ); 
wer ein I. ausschlägt, hat sich das Leben 
ausgeschlagen 75 ). — I.er loszuwerden 
gibt es verschiedene Mittel: auf einen 
Fluch verschwinden sie, wogegen sie aufs 
Beten herankommen (allgemein) 75 ); eben- 


Niederlausitz Nr. 123. 124. 140; Schambach 
u. Müller Nr. 226; vgl. auch Sebillot Folk- 
Lore 2, 418. 78 ) Eisei Voigtland Nr. 453; 

ZrwVk. 1906, 208. 77 ) Drechsler 1, 315. 

78 ) Eisei Voigtland Nr. 453; vgl. Sebillot 
Folk-Lore 2, 420. 79 ) Haupt Lausitz 1, 59. 

8Ö ) Schell Berg. Sagen 174 Nr. 85. 81 ) Gander 
Niederlausitz Nr. 122. 82 ) ZfdMyth. 2, 418 (10); 
ZrwVk. 1907, 224; Kuhn Westfalen 2, 23 Nr. 60. 
83 ) Grimm Myth. 2, 951; Stemplinger 

Aber gl. 32. 

5. Alter der Vorstellung. Die aus- 


785 


Irrsteine—Isis 


786 


gebildete Vorstellung von Lern (im Aber¬ 
glaubenssinn) kann ich nicht über das 

16. Jh. zurückverfolgen und sehe keinen 
Anlaß, sie für älter zu halten als die letzten 
Jahrhunderte des Mittelalters 84 ). Auch 
die lat. Bezeichnung ignts fatuus scheint 
nicht früher belegt als im 16. Jh. 85 ) und i 
ist wohl dem deutschen Namen nachge¬ 
bildet. Luther freilich fand Namen 
und Vorstellung schon vor: er verwirft 
in seinem ‘Widerruf vom Fegfeuer’ von 
1530 die Ansicht, die ‘Irrwische’ seien 
arme Seelen 86 ), und erklärt sie vielmehr 
für ,,schwebende tewffel, qui homines in 
pericula ducunt“ 87 ). Die Naturwissen¬ 
schaft des 16. Jhs. lehnt die übernatür¬ 
liche Erklärung der I.er ab 88 ); im 

17. und 18. Jh. wurde die I.erfrage mehr¬ 

mals in wissenschaftlichen Schriften be¬ 
handelt, die auch auf die abergläubischen 
Vorstellungen eingehen und sie natürlich 
zu erklären unternehmen 89 ); die wissen¬ 
schaftliche Ansicht des 18. Jh. von der 
Natur der I.er findet man am übersicht¬ 
lichsten in J. H. Zedlers Großem Uni- 
versal-Lexikon (Bd. XIV 1, 1279 f.). 

Trotz aller Bekämpfung durch die Wissen¬ 
schaft hat sich der I.erglaube im Volk bis 
in das 20. Jh. hinein lebendig erhalten: 
„Alles will ich glauben, nur das nicht, 
daß die I.er Dünste sein sollen“ 90 ). Eine 
volkstümlich-natürliche Erklärung lautet: 
‘I.er sind Frösche, das Licht ist das Fun¬ 
keln der Augen’ 91 ). 

84 ) Gegen Mogk Mythol. 266. 85 ) z. B. Car¬ 
danus de rer um v artet ate, Basel 1557, Lib. 14 
cap. 69. Das Zitat bei Grimm Mythol. 2, 764: 
‘ann. corbei. a. 1034' bezieht sich auf die von 
Paulliniim 17. Jh. gefälschtenCorveier Annalen: 
Chr. Fr. Paullini rerum... Germanicarum 
syntagma 2 (Frankfurt 1698), 385; vgl. Jaffe 
Bibi. hist. 1 (1864), 38 und P. Wigand Die 
Corveyer Geschichtsquellen (1841) 41 ff.; das 

ae. scinldc (Fischer Angelsachsen 14) zielt 
nicht auf I.er. 86 ) Luther Werke (Weimarer 
Ausg.) XXX 2, 385. 87 ) Ebd. XXXII 177. 

88 ) z. B. Cardanus a. a. O.; Joh. Garcaeus 
Meteorologia (Wittenberg 1568) cap. 9 und viele 
andre. 89 ) z. B. Sigm. Scherertz libellus con- 
solatorius de spectris et daemonibus (Wittenbg. 
1621) I 1; Sam. Hentschel disputatio de 
meteoris ignitis . . et in specie de igne fatuo 
(Wittenbg. 1652); M. F. von Schaewen 
diss. physica de igne fatuo Germanis Irrwisch 
aut Irrlicht dicto (Regiom. 1714) und die dort 
genannte Lit. 90 ) ZrwVk. 1907, 224 (10). 
91 ) Gander Niederlausitz Nr. 122. Ranke. 


Irrsteine sind lichte Steine mitten im 
Walde, durch die eine dunkle Ader zieht. 
Ihre Gestalt ist gleichgültig, wenn nur 
ein Streifen hindurchgeht und die helle 
Färbung des Steins von der dunklen 
trennt. Ihren Namen haben sie da¬ 
von, daß sie den Menschen in die Irre 
führen x ). 

J ) Schönwerth Oberpfalz 3, 277 Nr. 3. 

Olbrich. 

Isaak. Der Mann im Monde soll I. 
i sein, der ein Bündel Holz zu seiner eigenen 
i Opferung auf den Berg Moria trägt 1 ). 
In kirchlichen Segensformeln wird oft 
auf die Gnaden hingewiesen, die Gott 
| Abraham, 1 . und Jakob erwiesen habe 2 ). 

j i) Prätorius Weltbeschr. 1, 447 — Grimm 
! Myth. 2, 600. 2 ) Franz Benediktionen 2, 687 

] (Register s. v. Isaak). Sartori. 

Isidor, hl. 

1. Bischof von Sevilla, gest. 636. Sein 
Tag ist der 4. Februar. Er „faßt in den 
Etymologien (Etymologiarum s. ori- 
ginum libri XX), die das erste Kon¬ 
versationslexikon des Mittelalters be¬ 
deuten, den ganzen Vorstellungskreis des 
antiken Zauberwesens zusammen“ *). 
Auch achtet er auf die heimische Landes¬ 
sitte 2 ). 

2 ) Franz Benediktionen 2, 28, vgl. 522; 

Wetzer u. Welte 6, 969 ff.; Herzog-Hauck 
9, 447 ff. 2 ) ARw. 20, 121 f. 

2. Spanischer Landmann im 12. Jh„ 
Patron des Bauernstandes. Sein Tag ist 
der 15. Mai 3 ). In Steiermark begleitet 
er in altertümlicher Bauerntracht mit 
der h. Notburga die Fronleichnamspro¬ 
zession 4 ). Sein Name ist in Niederöster¬ 
reich als Taufname aber nicht beliebt 6 ). 
In der Nieder-Bretagne sagt man, daß 
I. die Maulwürfe sterben ließe 6 ). In 
manchen Gegenden Frankreichs gilt er 
als Viehbeschützer 7 ). 

3 ) Künstle Ikonographie 358; Wetzer u. 

Welte 6, 963 f.; Höfler Waldkult 88; Andree 
Votive 10. 4 ) Geramb Brauchtum 51. *) ZfVk. 
7, 101. e ) Sebillot Folk-Lore 3, 37. 7 ) Selig¬ 
mann 2, 327. Sartori. 

Isis. Schiffsumzüge bei einem Teil der 
Sueben wurden von Tacitus l ) als Isis¬ 
dienst 2 ) interpretiert. „Das aus der 
Fremde her Eingeführte liegt kaum in 
dem Namen Isis, da bei Merkur, Mars, 
Herkules, deren Benennung gleich un- 
germanisch aussehen mußte, nichts auf- 


78 7 


Island—Jucken 


788 


fiel; fremdartig schien Zeichen und Bild 
des Schiffes, weil ihn dies an das römische 
navigium Isidis erinnerte“ 3 ). Von Grimm 
wurde diese Nachricht mit Berichten 
über Schiffsumzüge im deutschen Mittel- 
alter verbunden, so mit dem vom Schiff 
des Bauern im Walde von Inda (Korneli¬ 
münster bei Aachen) um 1133 *). Die 
allegorische Umstilisierung und Erwei¬ 
terung der Taciteischen Notiz mit antiken 
Motiven durch Aventin, der aus Isis eine 
Frau Eisen 5 ) macht, hat mit der Rolle, 
die Isis in der griechischen alchimisti- 


name Wodans s. u. Wilder Jäger, Wodan. 
2 ) Myth. 1, 836; 3, 295. 3 ) Menzel Odin 

S. 179 f. 4 ) Nicht auf drei, denn Wolf Deutsche 
Märchen und Sagen Nr. 380 scheint identisch 
mit , .Unterredungen aus dem Reiche der 
| Geister“ (?) 1, 642. Quellen zitiert bei Wolf 
1 s. u. 5 ) Wolf Deutsche Märchen und Sagen. 

Leipzig 1845 S. 505 Nr. 380: Gualterus van 
| Meer, Hofjunker Karls V., begegnet vor Island 
1 einem Gespensterschiff, darauf ein Erzbischof 
! in den Hekla gefahren wird. Er wird Franzis¬ 
kaner. 6 ) Ebda. S. 325 Nr. 406: Fischer sehen 
auf einem glühenden Schiff den toten Kapitän 
Jan Bart. 7 ) Caesarius von Heisterbach 
im Dialogus miraculorum (ed. Strange Köln 
1851 2 Bde.) bringt in der distinctio duodecima 


sehen Literatur spielt 6 ), nichts zu tun. 

Germania cap. IX. 2 ) Grimm vermutet 
darunter den Kult einer Göttin Zisa, der in 
späten unsicheren Quellen aus Augsburg belegt 
ist Myth. 1, 220. 242 ff. 3 ) Grimmil/Wi 1, 213. 
4 ) Myth. 1, 213 ff.; 3, 86 f.; weiter ausge- 


(II 316 ff.) eine reiche Reihe von Beispielen. 
8 ) Wolf Hessische Sagen 90 Nr. 133 (mündlich) 
aus der Nähe von Wenings im Vogelsberg, 
Anm. S. 200. Ittenbach. 

Isländisch Moos s. Flechten. 

Ito. Zauberwort in einer Formel zur 


spönnen von Schade Ursula 71 ff. 5 ) Grimm 
Myth. 1, 220. 6 ) Kopp Beiträge 1, 388 ff. 

Ittenbach. 

Island. Jakob Grimm brachte die 
Hackelberg, Heckeiberg 1 ), „des wüten¬ 
den Jägers, also Teufels Aufenthalt“ 
über die niederdeutschen und dänischen 
Formen mit Heklufjall, dem isländischen 
Vulkan Hekla in Verbindung, der als 
Sammelort der Hexen gilt 2 ). Menzel 3 ) 
knüpfte daran die Behauptung: ,,Als 
man Island entdeckt hatte, wurde das 


Bewahrung vor Schaden: Ito, alo, massa 
| Dant (Dandi) Bando (Banto) III Amen 
(Jnri) J ), wo zu „massa Dant Bando“ 

1 aus dem Herpentil (s. d.) verglichen 
werden kann: asanta Banta 2 ), aus dem 
| jenes entstanden zu sein scheint. Sinn¬ 
lose Worte. 

1 ) ZfVk.9 (1899), 374; Urquell 3 (1892), 236. 
2 ) Horst Zauber-Bibliothek 1 (1821), 172. 175. 

Jacoby. 

Itum. Zauberwort in der Formel 1 ): 
„itum, otum, utum“ zur Besegnung eines 


Totenreich dorthin und zwar in den I verwundeten Fingers; das erste Wort 


feuerspeienden Berg Hekla verlegt“. Er kann aufgefaßt werden als latein. „itum 
beruft sich außer auf Grimm auf zwei , ( est ) = man (näml.: Der Schmerz und 


Sagen 4 ), wovon die eine 5 ), eine zur ; Schaden) ging (fort)“, durch Klangworte 
Bekehrungslegende umgebogene Geister- weitergebildet, wozu die Änderung des 
schiffsage, sich weder als deutsch noch • Vokals wie oft in diesen Formeln benutzt 


als volksläufig beweist, während die wurde (s. Zauberworte). Doch sei be¬ 


andere 6 ) weder mit Seelengeleit noch 
mit Island etwas zu tun hat. Sagen von 
der Hölle im feuerspeienden Berg sind in 
Deutschland geläufig und schon aus dem 
12. Jahrhundert belegt 7 ), ohne daß ein 
isländischer Vulkan genannt würde. Wo 
diese Sage sich verbunden mit der von 
Seelenentführung im deutschen volks¬ 
kundlichen Umkreis findet 8 ) und somit 
ein Gegenstück zu jener Sage von der 
Höllenfahrt des Erzbischofs bildet, ist 
der Vulkan „ein feuerspeiender Berg“ 
und der Entführte „ein berüchtigter 
Wildprethändler in Ketsch“. 

1 ) Uber Hakelberg sowie Hackelbernd als Bei¬ 


merkt, daß Otum als Dämonenname in 
südslavischen Zaubersprüchen vor¬ 
kommt 2 ). 

J ) Birlinger^ws Schwaben 1,441. 2 ) Krauß 
Relig. Brauch 49. Jacoby. 

Jucken. Unter diesem Stichwort sind 
im folgenden die unwillkürlichen, auf 
Nervenreize verschiedener Art zurück¬ 
zuführenden Empfindungen des Juckens, 
Zuckens, Springens, Zitterns, Klopfens 
u. dgl. in den Haut- oder Muskelpartien 
der verschiedenen Körperteile zusammen¬ 
gefaßt, soweit ihnen im Volksaberglauben 
eine mantische Bedeutung beigelegt wird. 
Akustische Erscheinungen ähnlicher Art 




789 Jucken 79O 

wie das Ohrenklingen, ebenso auch das ] ihm, wie andere Formen des niederen 

Schlucken, Niesen u. dgl., werden in Vorzeichenglaubens, einer wissenschaft¬ 
besonderen Artikeln behandelt. liehen Darstellung offenbar nicht würdig 12 ). 

Neben „jucken“, das in diesem Zu- Das einzige uns erhaltene griechische 
sammenhang schon im 12. Jh. auftritt Zuckungsbuch ging unter dem Verfasser¬ 

kommen für die in Frage stehenden namen des Melampus, eines seit ältester 
Empfindungen noch folgende Bezeich- Zeit oft genannten und für allerlei Wahr- 

nungen häufiger vor: beißen 2 ), grim- sageschriften in Anspruch genommenen 

men 3 ), krümmen 4 ), krimmern 5 ), Propheten und Sühnepriesters 13 ). In 
kitzeln 6 ), laufen 7 ), dagazen 8 ). der uns überlieferten, in mehreren Fas- 

Der Glaube an die zukunftweisende sungen vorliegenden Form stammt das 
Bedeutung dieser Phänomene ist außer- Zuckungsbuch des Melampus aus später 
ordentlich weit verbreitet und kann auf Zeit, es wurde, wie Diels (i, 12) sagt, 
ein sehr hohes Alter zurückblicken; er „in den letzten trübsten Zeiten des 
hat bei den verschiedensten Völkern Heidentums, also vom 4. bis 7. Jh. aus 
eine förmliche pseudowissenschaftliche älteren Werken zusammengestellt“; seine 
Literatur hervorgebracht, ähnlich der Urform mag immerhin zu Beginn der 
Traumdeutung, der Chiro- und Geo- Kaiserzeit, vielleicht sogar noch etwas 
mantie, der Astrologie und anderen Weis- früher anzusetzen sein 14 ). Es ist damit 

sagungsmethoden. In den Untersuchun- die älteste uns erhaltene Schrift dieser 

gen von Diels 9 ), die für dies Gebiet Gattung, da die indische Zusammen¬ 
ais grundlegend zu gelten haben, werden Stellung im Kathasaritsagara (Ozean 

griechische, slavische, rumänische, arabi- der Geschichte) des Somadeva zwar 

sehe, hebräische, türkische und indische ältestes Gut enthält, aber erst im 11. Jh. 

„Zuckungsbücher“ zusammengestellt und entstanden ist 15 ). 

abgedruckt; vermehrt wird diese syste- Daß der mit J. verbundene Aber- 
matische Literatur durch zahlreiche, aus glaube vom Mittelalter als lebendiges 
der mündlichen Volksüberlieferung bei- Erbteil des Altertums übernommen wor- 

gebrachte Einzelangaben aus Deutsch- den ist, erweist die Polemik der christ¬ 
land, Skandinavien, England, Frankreich liehen Schriftsteller. Bereits Augustinus 

und anderen Ländern Europas. Für nennt ihn bei einer Aufzählung „höchst 

zahlreiche Völker der außereuropäischen sinnloser Beobachtungen“ an erster 

Erdteile, darunter die Eskimos, Alt- Stelle 16 ), der ungefähr gleichzeitige Ver- 

mexikaner und Altperuaner, die Cora- fasser der „Responsa ad questiones Aegyp- 

Indianer, Abiponen, Hindu u. a. m. hat tii episcopi“ sucht die Sinnlosigkeit der 

Preuß 10 ) das in der ethnographischen Palmomantik im allgemeinen und für 

Literatur weit zerstreute Material vereinigt. die Christen im besonderen zu erweisen 17 ). 

Im klassischen Altertum wurde die Die dem griechischen 7r*XjAoc entsprechende 

Zukunftdeutung aus den Gliederzuckun- Bezeichnung 18 ) „salissatio“, ursprüng- 

gen (7:aXaot) als TraXtxtxov (sc. oc xr^ lieh wie dieses ein medizinischer Fach- 

otojviaxtxr^), rctXuxr^ (später auch ausdruck 19 ), wird von den christlichen 

<mxr') xs^vr) bezeichnet. Die erste Schriftstellern auf jene heidnische Kunst 

Systematisierung dieser Kunst wurde bezogen, ihre Vertreter werden als „sali- 

anscheinend von dem großen Universal- satores“ bezeichnet Die deutschen 

gelehrten Poseidonios (1. Jh. v. Chr.) Prediger des 15. Jhs. übersetzen den 

in seinem Werke über die Mantik vor- Ausdruck mit „Springkunst“ 21 ) oder 

genommen, der als Stoiker für die Er- „Springung“ 22 ). Auch bei den Divina- 

scheinungen des Volksglaubens ein leb- tionsautoren des 16. Jhs., denen die 

haftes Interesse hatte 11 ); Cicero, der Schrift des Melampus nicht unbekannt 

in seiner Schrift De divinatione dem war, findet sich, meist unter den „auguria , 

Poseidonios vielfach folgt, erwähnt die die Zuckungsweissagung erwähnt, wenn 

Palmomantik freüich nicht; sie erschien auch seltener, als andere Divinationen**). 


79i 


J ucken 


792 


Die astrologischen Beziehungen der ein¬ 
zelnen Körperteile auf bestimmte Ge¬ 
stirne, die in der Schrift des Melampus 
bei der Behandlung der Finger deutlich 
erkennbar sind und in der Ausbildung 
der Chiromantie, Geomantie u. a. m. eine 
so bedeutungsvolle Rolle gespielt haben, 
machen sich in späterer Zeit nicht weiter 
bemerkbar. Während bei Serben, Bul¬ 
garen und Rumänen noch heute ge¬ 
druckte Zuckungsbücher umlaufen, die 
den Zusammenhang mit den älteren 
Versionen nicht verleugnen 25 ), scheint 
es dergleichen bei den germanischen und 
romanischen Völkern Westeuropas weder 
in der Gegenwart zu geben noch früher 
gegeben zu haben. 

Fast in sämtlichen erhaltenen Zuckungs¬ 
büchern finden wir eine ungemein starke 
Spezialisierung der Einzeldeutungen. Es 
werden nicht nur die rechte und die 
linke Seite, die einzelnen Teile der in 
Frage stehenden Körperpartien u. a. m. 
berücksichtigt, sondern die Deutungen 
sind auch verschieden je nach Geschlecht, 
Beruf, sozialer Stellung usw. der be¬ 
troffenen Personen. Es versteht sich 
von selbst, daß es sich hier um ausge¬ 
klügelte Zusammenstellungen handelt, die 
für den Gebrauch von gewerbsmäßigen 
Propheten und besonders wißbegierigen 
Laien bestimmt waren, vergleichbar etwa 
unseren Traum- und Punktierbüchern. 
Auf keinen Fall stellen sie etwa eine 
Kodifikation der im Volksglauben und 
Volksmunde wirklich lebenden Meinungen 
dar. Diese werden sich immer auf einige, 
besonders häufig auftretende und be¬ 
sonders auffällige Erscheinungen be¬ 
schränkt haben. So ist es bezeichnend, 
daß den 187, durch die Untergruppen 
wohl auf fast Tausend vermehrten Einzel¬ 
deutungen des Melampusbuches in der 
ganzen antiken Literatur eigentlich nur 
ein einziger in den Rahmen des Alltags¬ 
lebens gestellter Fall gegenübersteht, näm¬ 
lich das Zucken des Auges oder Augen¬ 
lides. Daß dies Phänomen an mehreren 
Stellen der Literatur auf taucht, läßt 
vermuten, daß es sich um ein beliebtes, 
dem Volksleben entnommenes poetisches 
Motiv handelte **). So wird auch die 


kirchliche Polemik vor allem die ge¬ 
werbsmäßigen Vertreter im Auge ge¬ 
habt haben, wenn sie die saliatores, 
ebenso wie die Vertreter anderer fal¬ 
scher Weissagekünste, mit ihren Strafen 
belegte. 

Wenn man den genetischen Zusammen¬ 
hang zwischen der volksmäßigen und 
der systematischen Form dieses Aber¬ 
glaubens erfassen will, so dürfte, wie 
schon angedeutet, die Grundlage wohl 
in einigen wenigen Vorstellungen der 
Unterschicht zu suchen sein, die dann 
von findigen Systematikern aufgegriffen 
und zu einem vielräumigen „Lehrgebäude“ 
ausgestaltet oder aufgeblasen wurden. 
Wieviel nun von dem heute in einem 
Volk aufzufindenden Bestand an Einzel¬ 
vorstellungen Primitivgut und wieviel 
„aus der quasigelehrten Literatur in den 
Volksboden durchgesickertes Grundwasser 
der Zuckungsliteratur“ 27 ) ist, wird sich 
kaum feststellen lassen, am wenigsten 
bei den Völkern, die eine solche Literatur 
selbst nicht besitzen, wie die Deutschen. 
Wenn sich hier, wie es in einigen, aber 
seltenen Fällen zutrifft, die Deutungen 
mit denen aus den Zuckungsbüchem 
anderer Völker decken, so könnte man 
an Entlehnung denken. Ein strikter 
Beweis ließe sich dafür freilich nur führen, 
wenn diese Parallelen ganz besondere, 
„ausgefallene“ Deutungen beträfen; dies 
ist jedoch jedenfalls für den deutschen 
Aberglauben nicht der Fall. Vergleicht 
man die zum großen Teil sehr einfachen 
und auf naheliegenden Assoziationen be¬ 
ruhenden Deutungen des deutschen Aber¬ 
glaubens mit den zum Teil sehr w 7 eit 
hergeholten oder auch völlig willkür¬ 
lichen der Zuckungsbücher, so ist man 
eher geneigt, den Einfluß von Quellen 
solcher Art sehr gering einzuschätzen. 
Die Spezialisierung beschränkt sich hier 
fast ausschließlich auf die im Volks¬ 
glauben auch sonst sehr bedeutungs¬ 
vollen Unterschiede von rechts und links; 
ganz vereinzelt findet sich eine Unter¬ 
scheidung nach dem Auftreten des J.s 
am Vor- oder Nachmittag 28 ); nur ein¬ 
mal, und zwar in einem älteren Zeugnis, 
gilt die Deutung nur für Mädchen oder 


793 


J ucken 


794 


verheiratete Frauen 2Ö ), gelegentlich auch 
nur für Kinder 30 ). j 

Die folgende Übersicht über die auf 
das J. bezüglichen Meinungen des deut¬ 
schen Aberglaubens macht keinen An¬ 
spruch auf Vollständigkeit, dürfte aber 
doch von den wichtigeren Erscheinungen 
nur wenige übersehen haben. Bei sehr 
reichlich belegten Formen begnügt sie 
sich mit der Anführung einiger weniger 
Quellen; Parallelen aus außerdeutschen 
Gebieten sind gelegentlich zum Vergleich 
beigefügt. In der Anordnung folgt sie 
dem Schema der meisten Zuckungsbücher, 
indem sie den menschlichen Körper vom 
Kopf bis zu den Füßen durchgeht; die 
Deutungen sind stichwortmäßig so kurz 
wie möglich zusammengefaßt: 

Kopf: Schläge 31 ), baldiger Regen 32 ), 
Reichtum 33 ). 

Stirn: Fremder Besuch 34 ). — Auge 
(allg.): Weinen 35 ), Schläge 36 ), Besuch 37 ), 
erfreuliches Erlebnis 38 ). —Augenbraue: 
Tod 39 ). — Linkes Auge: Weinen 40 ), 
Lachen 41 ), unangenehme Begegnung 42 ), 
angenehme Begegnung 43 ), vormittags 
Unglück, nachmittags Glück 44 ). — Rech¬ 
tes Auge: Weinen 45 ), Lachen 46 ), an¬ 
genehme Begegnung 47 ), unangenehmes 
Erlebnis 48 ), angenehmes Erlebnis 49 ), 
Ärger im Haushalt 50 ), vormittags Glück, 
nachmittags Unglück 51 ). — Backe: ! 
Weinen 52 ). —Nase: Neuigkeit 53 ), Brief 54 ) 
Kuß 55 ), Gedenken des Geliebten 56 ), An¬ 
kunft des Geliebten 57 ), angenehmer Be¬ 
such 58 ), Freude 59 ), Verdruß 60 ), Ver¬ 
leumdung 61 ), Schläge 62 ), Fall in 
Schmutz 63 ), Gestank riechen 64 ), Kuchen 
essen 65 ), Rotwein trinken 66 ), Rausch 67 ), 
Billigerwerden des Schmalzes 68 ), Un¬ 
wetter und Wind 69 ). Auch bei der 
Nase werden die rechte und die linke 
Seite bisweüen unterschieden 70 ). — Ohr: 
Neuigkeit 71 ). — Mund: Kuß oder Süßes 
zu essen 72 ). — Hals: Kindtaufe oder 
Hochzeit 73 ). — Ellbogen: Man be¬ 
kommt einen anderen Bettkameraden 74 ). 
— Hand: Geld 75 ), Regen und Un¬ 
wetter 76 ). Ohne Deutung: s. Anm. 71 (v. 
J. 1483). — Handteller: Gewinn 77 ), 
Arbeit 78 ), Besuch 79 ), Brief 80 ). •— Rech¬ 
te Hand und linke Hand: Daß das 


J. der rechten Hand das Ausgeben, das 
der linken Hand das Einnehmen von 
Geld bedeute, oder umgekehrt, ist wohl 
die am häufigsten auftretende Form 
dieses ganzen Aberglaubens; die Belege 
hierfür sind so zahlreich, daß sich die 
Aufführung von Einzelstellen erübrigt. 
Die Bewertung der beiden Seiten wechselt 
stark und wird öfters in denselben geo¬ 
graphischen Gebieten vertauscht. Einiger¬ 
maßen einheitlich scheint die Beziehung: 
rechts — Ausgabe, links — Einnahme 
für die folgenden Länder zu gelten: 
Oldenburg 81 ), Mecklenburg 82 ), Neu¬ 
mark 83 ), Pommern 84 ), Ostpreußen 85 ), 
Niederöster reich (Wien) 86 ), Island 87 ), 
Nordengland 88 ), Schottland 89 ), Polen 90 ). 
Das umgekehrte Verhältnis: links — 
Ausgabe, rechts — Einnahme liegt vor 
in der Rheinprovinz 91 ), Posen 92 ), 
Schweiz 93 ), Flandern und Holland 94 ), 
Südengland 95 ), Finnland 96 ), Ungarn 97 ), 
bei galizischen 98 ) und nordamerikani¬ 
schen ") Juden. Dagegen wechseln die 
Beziehungen von rechts und links, günstig 
und ungünstig besonders in Schlesien 100 ), 
Bayern 101 ), Böhmen 102 ), Norwegen l03 ), 
Nordamerika 104 ). — Neben diesen ver¬ 
breitetsten Erscheinungsformen treten im 
deutschen Aberglauben andere Deutungen 
sehr zurück; z. B. J. der linken Hand: 
Schläge 105 ), Besuch 106 ), der rechten 
Hand: man wird etwas wegschenken 107 ). 

— Finger: J. des Daumens: Geld¬ 

ausgeben 108 ). — Seite: es sucht uns 
jemand 109 ). — Rücken: Schläge 110 ), 
die Butter wird billiger m ). — Hinterer: 
Schläge 112 ), man wird zu Gevatter ge¬ 
beten 113 ), guter Butterertrag i14 ), die 
Schwiegermutter heckt Zähne oder be¬ 
kommt Haare auf den Zähnen 115 ). — 
Fuß: Tanzfest 116 ), Reise in fremdes 
Land 117 ). — Fußsohle: gleichfalls 

Tanz 118 ) oder Betreten fremden Bodens 119 ). 

— Linker Fuß: schlechtes Gelingen 120 ), 
weite Reise 121 ). — Zehen: Ballen am 
großen Zeh: Regen 122 ). — Hühner¬ 
augen: schlechtes Wetter 123 ). — Haut: 
Schläge 124 ). 

q St. Trudberger Hohes Lied hsg. v. Haupt 
95, 16, vgl. a. Grimm Myth. 3, 411 (i 393 )i 
Hasak Christi. Glaube 105 (1483). 2 ) Bar- 


795 


Jucken 


796 


bisch Vandans 347; Pollinger Landshut 166; 
Strackerjan 2, 181; WZfVk. 33, 10 u. ö. 
3 ) Dähnhardt Volkstümliches i, 98 Nr. 19; 
Engelien-Lahn 283 Nr. 279; Schulenburg 
Wend. Volkstum 124. 5 ) Drechsler Schlesien 2, 
196; Peuckert Schles. Vkde. 126. 6 ) Unoth 1, 
184 Nr. 93. 7 ) John Erzgebirge 37. ”) WZfVk. 
33 » I 35 * 9 ) Beiträge zur Zuckungsliteratur des 

Okzidents und Orients 1 und 2 in Abh. Berl. 
1907/08 (Berlin 1908/09). Ältere Zusammen¬ 
fassungen: Bouche-Leclerq Hist, de la divi- 
nation 1, 100; Oliphant in Am. Journ. of 
Philol. 31, 203. 10 ) Die Vorbedeutung des Zuckens 
der Gliedmaßen in der Völkerkunde in Globus 95, 
245; vgl. ferner Haberland Die Vorbedeu¬ 
tungen am eigenen Körper in Globus 35, 58; 
Fleischer Über das vorbedeutende Gliederzucken 
bei den Morgenländern in Abh. Sachs. Ges. d. 
Wiss. 1849, 244; Qvigstad Lapp. Abergl. 48 
Nr. 2840.; Stern Türkei 1, 396; Tönjes in 
ARw. 14, 480 (Ovambo). Eine reichhaltige Über¬ 
sicht über die Fundstellen für weitere ethno¬ 
logische Parallelen bei Halliday Greek Divi- 
nation 174 Anm. 1; ältere Literatur bei Fa- 
bricius Bibliogr. antiquaria 3 (1760) 607. 
n ) Suidas s. v. oltovtauot, lloastStovto;, ItßuUa; 
Nonnos In Gregor. Naz. 72, Migne P. G. 36, 
1024. 12 ) Diels a. a. O. 1, 10. 13 ) Eine Schrift 
des Melampus JJspt TepcTtov xat a^fjtEtiuv wird 
von Artemidoros Oneirocr. 3, 28 erwähnt; 
nach Cumont Catal. cod. astrol. 4, 110 ist das 
Zuckungsbuch diesem Sammelwerk entnommen. 
Die Schrift r.epi naXuiüv wurde zuerst im Jahre 
1545 von C. Peruscus in Rom herausgegeben, 
eine lateinische Übersetzung von A. Niphus er¬ 
schien in dessen Buch De auguriis, Basel 1533. 
Der allein zuverlässige Text liegt in der Ab¬ 
handlung von Diels vor, der 1, 6 ff. über die 
Überlieferungsgeschichte und die Ausgaben aus¬ 
führlich berichtet. 14 ) Diels 1, 10. Der Rest 
eines älteren Zuckungsbuches aus einem Pa¬ 
pyrus des 3. Jhs. wurde von G. Vitelli in 
Atene e Roma 7, 61 veröffentlicht und von 
Diels 2, 10 mit dem Melampusbuch verglichen. 
Das Fragment ähnelt diesem in Aufbau und 
Ausdrucksweise, stimmt aber in den Deutungen 
nur ausnahmsweise mit ihm überein. Eigen¬ 
tümlich ist hier die jedem Vorzeichen beige¬ 
fügte Vorschrift, eine bestimmte Gottheit zu 
versöhnen. Ähnliches findet sich in arabischen 
und indischen Zuckungsbüchern und wird von 
Diels auf alte animistische Vorstellungen 
zurückgeführt, die in jedem unwillkürlichen 
Zeichen, das sich im Körper zeigt, die Ein¬ 
wirkung eines Dämons erblicken und apotro- 
päische Gegenmittel für nötig halten. Mit 
Recht vergleicht er hierzu Hippokrates De 
morbo sacro 1, 6, 360 L. — Über weitere Papyrus¬ 
fragmente griechischer Zuckungsbücher vgl. 
Körte in Arch. f. Papyrusforschg. 7, 254. 
15 ) Ocean of Story ed. Penzer 2 (London 1924 f.), 
144; 5, 200. Vgl. ferner Pischel bei Diels 2, 
116. l8 ) De doctrina Christiana 2, 31: His 

adiunguntur milia inanissimarum observatio- 
num: si membrum aliquod salierti etc. l7 ) (Ju- 


stinus) Quaest. et resp. 19, Migne P.G. 6, 1265, 
qu. 19. 18 ) Corp. Gloss. 5, 513. 19 ) Galenus 

Tcepi Tpdpo'j xou naÄfxoO, 7, 584 ff. ed. Kühn; Mar¬ 
cellus Emp. 21, 5. 20 ) Isidoros Orig. 8, 9, 

29: saliatores vocati sunt, quia dum eis mem- 
j brorum quaecumque partes salierint, aliquid 
sibi exinde prosperum seu triste significari 
praedicant. Mehr oder weniger wörtlich findet 
sich diese Kennzeichnung in anderen kirchlichen 
Schriften und Verordnungen, so im Decretum 
Gratiani, Corp. iur. canon. ed. Friedberg 1, 1024; 
vgl. ferner Thomas von Haselbach (1387 
bis 1464) ZfVk. 12, 9; Nikolaus von Dinkels¬ 
bühl und Antonin von Florenz bei Klapper 
in MschlVk. 21, 89 und 68 Nr. 25. 21 ) ZfVk. 

11, 277 (Traktat vom Ende d. 15. Jhs.). 22 ) SAVk. 
27, 132 (Lanzkranna Hymelstrass, 1484). Die 
frühesten deutschen Erwähnungen verwenden 
den Ausdruck ,Jucken“, s. o. Anm. 1. <23 ) Peu- 
cer Comm. de praecip. generib. divinationum 
(1560) 222; Bodin Demonomanie (1598) 1, 5; 
Camerarius Comm. de generib. div. (1575) 
6. 37; Delrio Disquis. mag. (1603) 2, 89; 
Zanchius De divinatione (1610) 35 Nr. 17; 
Vincentius Bellov. Speculum (Ausg. 
1624) 1112. 24 ) Diels 1, 12. 28 Nr. 90—94; 

Pauly-Wissowa 14, 1279; Hopfner Offenba¬ 
rungszauber 1, 158 Nr. 623 f. 25 ) Diels 2, 36. 
42. 45. Über die slawischen Zuckungsbücher 
(Trepetnik) ebd. 19 ff. 26 ) Theokrit 3, 36: 
aD.cTGtt d'fHaXjxd; peu 0 Be^ioc. apd 7’ iorjaci 
aurav; vgl. Plautus Pseudol. 106 f. Miles 
glor. 692 f. Noch in byzantinischer Zeit wird 
dies Motiv in der erotischen Dichtung verwandt: 
Makrembolites 'lo xalP Taptvrjv 9, 4. Mit 
anderer Deutung (oaxpuiuv toüto TExp^piov) 
Chrysostomos Homil. 12 ad Eph., Migne 
P. G. 62. 92. 2r ) Diels 2, 23. 2tJ ) Drechsler 
Schlesieyi 2, 196; auch die weiteren Belege be¬ 
ziehen sich sämtlich auf schlesisches Gebiet: 
Engelien-Lahn 283 Nr. 279; Urquell 
3, 40; ZfVk. 4, 81. 29 ) Meyer Aberglaube 135 
(aus Der alten Weiber Philosophey, 1556). 
3J ) SchwVk. 10, 36. 31 ) Grimm Myth. 3, 349. 
Nr. 141 (aus der Rockenphilosophie). 32 ) ZfdMyth. 
3, 173. 33 ) Journ. Am. Folkl. 38 Nr. 149, 391 
(jüdischer Aberglaube: lf your head itches 
youTe going to take riches); Diels 1, 21, 4. 
34 ) ZfdMyth. 3, 175. 35 ) Rosegger Volksleben 
2, (1875) 83; Unoth 1, 184 Nr. 93; Mensing 
Schl.-holst. Wb. 2, 1051; Grohmann 222; 
Shakespeare Othello 4, 3 u. ö. 36 ) SchwVk. 
10, 36. 37 ) WZfVk. 32, 35; Wuttke 218 §308. 
M ) John Westböhmen 249. 39 ) John Erzgebirge 
116, dagegen Angenehmes im Aberglauben von 
Lesbos: Georgeakis-Pinaud Folkl. de Lesbos 
334, Ärger im schottischen Volksglauben: 
Campbell Superstitions of Scotland (1900) 258. 
Ohne Deutung: Grimm Myth. 3, 411 Nr. 38 
(Hs. v. J. 1393: du solt nüt glöben ... an die 
brawen vh der wangen jucken). Die Sucht der 
älteren Autoren, ihre Divinationslisten zu ver¬ 
mehren, führte zur Statuierung einer besonderen 
„Blepharomantie“, s. (Bouhours) Remarques 
ou Reflexions (1692) 91. *°) Bartsch Mecklen- 


797 


J ucken 


798 


bürg 2, 313; Mensing a. a. O.; Urquell 4, 
74 (galizische Juden); De Cock Volksgeloof 
1, 179 Nr. 176; Notes and Queries 8, 344 (Finn¬ 
land). 41 ) Grimm Myth. 2, 935; Lammert 
224; Mensing a. a. O.; ZfdMyth. 3, 175. 

42 ) Baumberger St. Galler Land 201; Mschles- 
Vk. 2, 64; Pollinger Landshut 163; Urquell 
3, 40; Schweiz. Id. 1, 135 (v. J. 1692); Diels 
1, 23, 22. 43 ) Schramek Böhmerwald 

256; Grohmann Aberglaube 222 (tschechisch). 
44 ) Drechsler 2, 196; Englien-Lahn 283 
Nr. 279; ZfVk. 4, 81. tt ) Grimm Myth. 2, 
935; Lammert a. a. O.; Mensing a. a. O.; 
ZfdMyth. a. a. O. 4Ö ) Mensing a. a. O.; Notes 
and Queries (Finnland) a. a.O. 47 ) Baumberger 
usw. s. Anm. 42 und 26; Diels 1, 23, 25. 
**) Grohmann Aberglaube 222 (tschechisch). 

Fogel Pennsylvania 96 Nr. 391; ZföVk. 3, 
52. 6u ) SAVk. 2, 219. 51 ) s. Anm. 44. Auf¬ 

fallend ist die von Haupt in Globus 37, 192 
Nr. 33 für Breslau mitgeteilte Deutung: Krim- 
mert einem das rechte Auge, so spricht das 
andere: ,,es ward dir einer ein Nußbäumchen 
ins linke setzen -4 und umgekehrt. 62 ) Campbell 
Superstitions 258, vgl. das Verbot v. J. 1393 oben 
Anm. 39. 63 ) Köhler Voigtland 397; MsäVk. 7, 
in u. ö., eine der am weitesten verbreiteten 
Deutungen, auch Diels 1, 23, 23. Bisweilen 
Spezialisierungen nach guter, z. B. ZfVk. 20, 
385, und schlimmer Nachricht, z. B. Wuttke 
218 § 308. 64 ) Fogel Pennsylv. 82 Nr. 305. 

96 Nr. 391. 65 ) ebd. 66 ) Manz Sargans 125. 

67 ) Barbisch Vandans 347; Unoth 1, 184 
Nr. 93. 6S ) Fogel a. a. O.; ZfdMyth. 3, 175. 

M ) Bartsch Mecklenburg 2, 313 Nr. 1528 b. 
*°) Engclien-Lahn 283 Nr. 279; John 
Westböhmen 247; Liebrecht Zur Volksk. 327; 
WZfVk. 33, 98 U. ö. 61 ) Barbisch Vandans 
347; Drechsler 2, 196. 62 ) Haltrich Siebenb. 
Sachsen 315. 63 ) Drechsler a. a. O.; MsäVk. 7, 
204 (aus dem Spinnrocken von Praetorius, 
1678); Peuckert Schles. Vkde. 126. 64 ) ZfdMyth. 
3, 311 Nr. 20 (v. J. 1556); Mensing Schl.- 
holst. Wb. 2, 1051; ZfVk. 20, 385. 65 ) Drechsler 
a. a. O.; Globus 37, 192; WZfVk. 33, 98. 66 ) Zfd¬ 
Myth. 3, 175. 311. 67 ) Grimm Myth. 3, 477 Nr. 
1138 (v. J. 1668); MsäVk. 7, 204 (1678). 68 ) Bir- 
linger Aus Schwaben 1, 414. 69 ) Mensing 

a. a. O. 70 ) rechts günstig, links ungünstig: 
Köhler Voigtland 397; Pollinger Landshut 
166; WZfVk. 33, 9S, umgekehrt: MsäVk. 
7, m. 71 ) Rosegger Volksleben 2 (1875), 
83. Ohne Deutung das Verbot in Der Seelen 
Trost (1483) bei Hasak Christi. Glaube 105: 
(du solt nicht glauben) das sich die oren 
juckent oder die hend oder deszgleichen. Der 
Glaube findet sich auch bereits erwähnt im 
St. Trudperter Hohen Lied ed. Haupt 95, 16: 
so dich din öre iucket odir din ouge (12. Jh.). 
Auch hier bisweilen Unterscheidung von rechts 
und links: Fogel Pennsylv. 93 Nr. 374; 94 
Nr. 375 ; auch in diesem Falle wechselt die 
günstige und ungünstige Bedeutung der beiden 
Seiten. 72 ) Urquell 3, 271. Kuß (oder 

Schluck Schnaps) auch in schottischem und 


nordamerikanischem Glauben: Campbell Su¬ 
perstitions 258; Journ. Am. Folkl. 40 Nr. 156, 
160, vgl. Chaucer Canterbury Tales A 3682 f. 
Im isländischen Volksglauben bedeutet J. an 
Mund oder Kinn, daß man etwas zu essen oder 
zu trinken bekommt, was man lange nicht ge¬ 
schmeckt hat: ZfVk. 8, 156. 72 ) ZfdMyth. 3, 

316 (v. J. 1556); Grimm Myth. 3, 439 Nr. 141. 
Die Schulter erwähnt ohne Spezialdeutung 
Nonnos in Gregor. Naz. 72, Migne P.G. 36, 
1024. 74 ) ZfdMyth. 3, 175; auch im Schotti¬ 

schen: Campbell Superstitions 258. 76 ) Dähn¬ 
hardt Volkstüml. 1, 98 Nr. 19; John Erz¬ 
gebirge 37; ZrwVk. 4, 257; ZföVk. 4, 151. 
78 ) Urquell 1, 188. 77 ) Engelien-Lahn 

283 Nr. 279; John Erzgebirge 37; ZföVk. 3, 
52; ZfVk. 20, 385. 78 ) John a. a. O. 79 ) ebd. 33. 
80 ) WZfVk. 33, 17. 81 ) Strackerjan 2, 181. 

82 ) Bartsch Mecklenburg 2, 313. 83 ) Engelien- 
Lahn 283. 84 ) Knoop Hinterpommern 187. 

85 ) Urquell 1, 64. 88 ) WZfVk. 33. 17. 87 ) ZfVk. 
8, 156. 88 ) Revue trad. pop. 26, H34. 8B ) Camp¬ 
bell Superstitions 258. *°) Mündlich aus Pa- 

bianice. 91 ) Dirksen Meiderich 49 Nr. 7; 
ZrwVk. 2, 206; 12, 59. 92 ) Kogasener Familien¬ 
blatt 2, 48. 93 ) SchwVk. 3, 74. ® 4 ) De Cock 

Volksgeloof i, 179 Nr. 177; Gittöc in: Loten 
Vast 1890, 52. 98 ) Rev. trad. pop. 26, 384. 

9e ) Notes and Queries 8, 344. B7 ) s. Anm. 95. 

B8 ) Urquell 4, 274. ") Journ. Am. Folkl. 38 Nr. 
149 » 39 i- 1W0 ) Drechsler Schlesien 2, 196; 

ZfVk. 4, 326. 101 ) Lammert 217; Pollinger 
Landshut 164. 102 ) John Westböhmen 249; 

Grohmann Aberglaube 222. lu3 ) Liebrecht 
Zur Volksk. 327. 104 ) Fogel Pennsylv. 86 Nr. 
330; 101 Nr. 422; 103 NT. 42t), Journ. Am. 
Folkl. 40 Nr. 156, 163; ARw. 12, 570. l ‘ ,# ) WZf¬ 
Vk. 33, 17; interessant ist der ebd. aus dem 
Aberglauben Wiener Großstadtkinder mit¬ 
geteilte Brauch: Wenn die linke Hand juckt, 
so gibt man einen Kuß darauf und legt sie auf 
den Kopf; es kommt soviel Geld, als Haare 
sind. lu6 ) SchwVk. 3, 74. Im schottischen und 
nordamerikanischen Glauben bedeutet J. der 
rechten Hand Begegnung mit einer Person, die 
man mit Händedruck begrüßen wird: Camp¬ 
bell Superstitions 258; Fogel Pennsylv. 101 
Nr. 422; ARw. 12, 576; Journ. Am. Folkl. 40 
Nr. 156, 163. J. der rechten Hand in Polen: 
man wird jemandem eine Ohrfeige geben 
(mdl. aus Pabianice). 107 ) Vernaleken Mythen 
353 Nr. 72. m ) Drechsler Schlesien 2, 196. 
Bei Shakespeare Macbeth 4, 1 sagt die eine 
Hexe: By the pricking of my thumbs, Something 
wicked this way comes. 1U9 ) ZfdMyth. 3, 175. 
110 ) WZfVk. 33, 137. in ) ZfdMyth. 3, 175, vgl. 
Anm. 114 . J. des Magens in nordamerikanischem 
Glauben: bevorstehender Festbesuch, Journ. 
Am. Folkl. 40 Nr. 156. 163. ni ) WZfVk. 33, 21. 
113 ) Globus 37, 192 Nr. 6. ll4 ) ZfrwVk. 12, 59; 
Fogel Pennsylv. 83 Nr. 306; de Cock Volks¬ 
geloof 1, 180 Nr. 178. ll8 ) Globus 37, 192 Nr. 
7; WZfVk. 32, 38. 34, 25. 116 ) Mensing Schl.- 
holst. Wb. 2, 1051; Schulenburg Wend. 

Volkstum 124. ll7 ) ZfdMyth. 3, 175; ARw. 12. 


799 


Judäs 


800 


576, vgl. Georgeakis-Pinaud Folklore de 
Lesbos 334. 11S ) Drechsler Schlesien 2, 196; ; 

Grimm. Myth. 2, 935. 119 ) Rosegger Volks - j 
leben 2, 83; Fogel Pennsylv. 87 Nr. 335; ! 
Journ. Am. Folki. 40 Nr. 156, 163. 120 ) Reiser 
Allgäu 2, 428. 121 ) WZfVk. 33, 10, dagegen in 
böhmischem Glauben: zu Hause bleiben, 

G roh mann Aberglaube 223, während J. im 
rechten Fuß eine Reise bedeutet. In nord- 
amerikanischem Glauben folgert man aus J. 
im rechten Fuß, daß man eine Reise machen 
und willkommen sein wird, aus J. im linken 
Fuß, daß man bei gleichem Vorhaben un¬ 
willkommen ist: Journ. Am. Folki. a. a. O. 
128 ) Drechsler Schlesien 2, 196. 123 ) Mensing j 
Schl.-holst. Wb. 2, 1051; WZfVk. 33, 135 

124 ) ebd. 33, 18. Boehm. 


Judas Ischariot in den Segen 1 ). The- i 
ma ist hier teils Judas’ Verrat, teils sein 
späteres Verhalten; in beiden Fällen kann 
seine körperliche oder seelische Unruhe | 
betont sein. Nach dem Zwecke fallen die j 
Segen in drei Gruppen: Brandsegen, Fort- j 
bannungen u. Diebssegen. ! 


Der Brandsegen „Feuer, verlier deine 
Hitz, wie der Judas seine Färb verloren 
hat, als er den Herrn Jesus Chr. verraten j 
hat" scheint deutsch nur einmal belegt 
(Hessen) 2 ); französisch ist er sehr be¬ 
liebt (Schweiz, Nordfr., Belgien), z. B.: 
„Feu, perds ta chaleur, comme Judas 
perdit sa couleur en trahissant le saint 
Sauveur" 3 ); ältester Beleg 16. Jh. 4 ). 
Vgl. Luk. 22, 48. 

Fortbannungen. In einem Segen des 
„Albertus Magnus" werden verschiedene 
Leiden beschworen: „daß Ihr hinweg¬ 
geht, wie Judas aus dem Garten ist ge¬ 
gangen" 6 ): urspr. „aus dem Saal", Joh. 
13» 30 ? In einem bei Gryphius über- ! 
lieferten Fiebersegen heißt es u. a.: j 
„Mathes gang ein, Pilatus gang aus" 6 ). 
Auch dies ist sinnlos: hier dürfte Pilatus 
für Judas stehn (die beiden figurieren in 
Diebssegen zusammen), der Spruch be¬ 
zieht sich dann auf die Ergänzungs¬ 
wahl Apostelgesch. 1, 25 f. Der Ruf „Ud j 
Judas, ind Jesus" soll in Dänemark Rau- I 
ferei verhindern 7 ). 

Judas in den Diebssegen s. d. § 4. 
Hier kann sowohl der Kuß 8 ) als auch die j 


Reue erwähnt sein. Die einmal belegte 
Wendung „(so weh) als wie dem Judas 
in der Höllenpein" 9 ) ist dem nachfolgen¬ 


den, üblichen Passus über Pilatus ent¬ 
lehnt (schwedisch heißt es in einer Ge¬ 
wehrverhexung: „So unmöglich sei es 
dir, zu entleiben, wie Judas u. Pilatus in 
das Paradies zu treten" 10 )). — Daß J. 
selber ein Dieb war, Joh. 12, 6, scheint 
für diese Segen keine Rolle zu spielen. 

In dem Bamberger Blutsegen n ) steht 
„Judas" sicher für „Jude" d. i. Longinus, 
s. d. „Petrus u. Judas" in einem Blut¬ 
segen 12 ) für „P. u. Jesus" ? 

x ) Literatur Archer Taylor Judas Iscariot 
in Charms and Incantations (Washington Uni- 
versity Studies vol. VIII Hum. Series Nr. 1 
1920). 2 ) ZfdA. 7, 536 Nr. 14. 3 ) Melusine 1, 

400; weitere Belege Ebermann ZfVk. 24, 139 
Nr. 7; Taylor 4 ff. 4 ) SAVk. iS, 4. *) Württ. 
Vjh. 13, 201 Nr. 200 (vgl. ZfVk. 8, 201 mit 
Vertauschung der Personen ?). 6 ) Grimm 

Myth. 3, 503. 7 ) D anmT rylle fml. Nr. 837. 853. 
8 ) Der Kuß neugriechisch FL. 10, 171 f. 9 ) ZfVk. 
8, 346. 10 ) Meddelanden fr. Örebro Läns 

Museum 7, 102. u ) AfdA. 15, 216. 12 ) ZfVk. 

16, 173. Ohrt. 

Judas Ischarioth, nach der biblischen 
Überlieferung aus Geldgier zum Verräter 
Jesu geworden, auf deutschem Boden 
bereits im Heliand als Treubrecher be¬ 
sonders gebrandmarkt, deswegen auch 
in späterer deutscher Dichtung A ) als der 
„arme", d. i. der armselige, elende J. 
hingestellt, frühzeitig in einer über das 
ganze Abendland verbreiteten Legende, 
die zufrühest nachweisbar ist in der 
lateinischen Fassung der „Legenda aurea" 
des Jacobus a Voragine (gest. 1298) und 
in deutscher Sprache zuerst im „Alten 
Passional" vom Ende des 13. Jhs., außer 
als Verräter wie Oedipus in der antiken 
Sage als Vatermörder und Blutschänder 
und infolgedessen als ein besonderes 
Scheusal vorgeführt, in den volkstüm¬ 
lichen deutschen Passionsspielen des Mittel¬ 
alters und über dieses hinaus als Geld¬ 
wucherer und Verräter gezeigt, der vom 
Teufel getrieben ist, eine für die dra¬ 
matische und mimische Gestaltung dieser 
Volksschauspiele außerordentlich wichtige 
Figur, die sich auch als Sinnbild des vom 
Bürgertum als wucherisch eingeschätzten 
und deshalb gehaßten Juden festsetzte 
und als solche auf die Entwicklung 
manchen Brauches wie des J.jagens 
und J.verbrennens und auf die Ver¬ 


801 


Judas 


802 


breitung volkstümlicher Lieder 2 ) ein¬ 
gewirkt haben mag, die voll von bitterem 
Hohne dem Haß gegen den Verräter 
Ausdruck verliehen. Der Name J. er¬ 
weiterte allmählich seine Bedeutung und 
wurde zum Gattungsnamen. Denn im 
Volk nennt man einen verräterischen, 
heimtückischen und von Neid und Haß 
erfüllten Menschen nach ihm 3 ), in Winter¬ 
thur ähnlich einen Turm, der eine Folter¬ 
kammer enthielt 4 ). 

• * 

1. Bereits in der apokryphen Über¬ 
lieferung macht sich das Streben be¬ 
merkbar, J. schon als Knaben zu brand¬ 
marken 5 ). Erzählungen dieser Art setzten 
sich im Volke fest, so die von dem bissigen 
Knaben J. Zügellose Phantasie mittel¬ 
alterlicher Kreise machte ihn weiterhin 
zum Gegenstand von Erzählungen antiken 
Geschmackes oder scheute sich nicht, 
Züge seines verworfenen Charakters auf 
Gestalten der germanischen Mythologie 
zu übertragen 6 ). Als Typus mensch¬ 
licher Verworfenheit mußte er schon 
äußerlich entsprechend gekennzeichnet 
sein. Er trägt vor allem rotes Haar und 
einen roten Bart 7 ). Nach der Spiel¬ 
anweisung der Luzemer Rodel von 1545 
heißt es: „Judas Verrätter, rott lang 
Har und Bart, ein gelen Rock, einen 
rotten großen Seckell am Hals“, ähnlich 
in dem ersten selbständigen J.drama 
des Thomas Naogeorgus (Kirchmair) 1552. 
Diese anscheinend im Mittelalter herr¬ 
schende Vorstellung seiner äußeren Person 
zeigt sich auch in der älteren Malerei 8 ). 

*) Büchner Judas Ischarioth in der deutschen 
Dichtung (1920), mit kurzen Hinweisen auf die 
urchristliche Überlieferung und geschichtliche 
Stellung des J. und auf die wichtigste theolo¬ 
gisch wissenschaftliche Literatur hierzu. Vgl. 
auch Lexikon für Theologie und Kirche Bd. 4; 
Lippert Christentum 690. 2 ) Wackernagel 

Das deutsche Kirchenlied 2 (1867) Nr. 615 f.; Li- 
liencron Deutsches Leben LII. 227; John 
Westböhmen 64 (beim Eierholen am Karsamstag 
von Buben gesungen); Böckel Handbuch 100; 
ZfVk. 20 (1910), 253; Jungbauer Bibliogr. 
166 Nr. 1036; Taylor im Journ. of Engl, and 
Germanic Philol. 19, Nr. 3 (Gründliche Unter¬ 
suchung über den J.reim und das J.verbren¬ 
nen); Büchner a. a. O. 30. 78 Anm. 7. 3 ) Mei- 
singer Hinz und Kunz 46. 4 ) Schweiz. Id. 3,14. 
*) Büchner a. a. O. 78 (11); Müller Siebenbürgen 
219: J. beißt seine Mutter nahe der Ferse in 
den Fuß, weshalb die Menschen vor der Ferse 

Bäcbtold-S täubli, Aberglaube IV 


eine Vertiefung haben. Recht abgeschmackt 
ätiologisch! 6 ) Stemplinger Aberglaube 10; 
Meyer Germ. Myth. 261. 7 ) Quitzmann 55. 
8 ) Büchner Judas Ischarioth 37. 79 Anm. 14. 

2. Den wichtigsten Tagen aus dem 
Leben des Verräters maß man üble Kräfte 
bei, in erster Linie dem Tage, an dem 
er sich erhängte. Das soll der 30. April 
gewesen sein, der deshalb besonders 
zu den sogenannten verworfenen Tagen 
gerechnet wird 9 ). Der Todestag ist 
ferner ein sogenannter Schwindtag (s. d.) 
und gilt sogar als der „böseste" 10 ). Die 
Legende oder Sage berichtet, der Verräter 
habe sich an einer Weide erhängt oder 
am Holunderbaum und deswegen seien 
diese Bäume verflucht. Der Holunder 
verbreite dieser sündhaften Tat des J. 
wegen einen unangenehmen, stinkenden 
Geruch und die Weide werde hohl und 
berste n ). Auch bezeichnet man den 
am Holunderstamm wachsenden Schwamm 
als J.ohr (Fungus sambuci, Ruricularia 
sambucina), das freilich als Heilmittel 
gegen werkelnde, d. i. triefende Augen 
galt 12 ). Der Strick, an dem J. sich er¬ 
hängte, wurde (wird noch ?) in der Peters¬ 
kirche zu Rom über dem Altar der Simon 
und Juda gezeigt 13 ). Weiterhin be¬ 
trachtete man den Tag seiner Geburt 
als einen der „verworfenen" Tage. Die 
an ihm Geborenen würden „Krüppel und 
Zuchthausriegel", wie es hieß 14 ). Als 
Geburtstag bezeichnete (oder bezeichnet) 
man den 1. April, der dann als J.tag 
vorzugsweise galt oder gilt lö ). Bei den 
Magyaren gilt oder galt dieser Tag als 
„infelicissimus" beim Schatzgraben 16 ). 
Anderswo wird der 14. Juli als der Ge¬ 
burtstag des J. angegeben. Der an 
diesem Tage Geborene soll kein Glück 
haben 17 ). Auch der letzte Novembertag 
wird als Geburtstag bezeichnet und soll 
deshalb einer der schlimmsten Tage 
sein 18 ). In der Oberpfalz nannte oder 
nennt man den 7. Monatstag J.tag 19 ). 
Als Tag seines Verrates gilt der Mittwoch 
der Karwoche, der infolgedessen nach 
der christlichen Vorstellung unauslösch¬ 
lichen Makel an sich trägt 20 ). In Schlesien 
wurde teils an diesem Tage, teils am 
Karsamstag ein als J. Vermummter 
übel behandelt (s. u.) 21 j. 


26 




803 


Judas 


Judas 


806 



3. Den Namen des J. übertrug man 
auf Unangenehmes oder Übles; so nannte 
(nennt ?) man den Hautausschlag der 
Sommersprossen J.dreck, bran de J., 
die nur ,,Thunars heiliger Vogel, der 
Kuckuck“, wegzunehmen die Macht 
habe 22 ). 

4. Eine Rolle spielte J. auch in kirch¬ 
lichen Formeln und in teils noch heute 


lebendigen Zaubersprüchen 23 ). Er wird 
erwähnt in dem Gebet, das der Formel 


für die Probe mit dem geweihten Bissen 
Brot vorangeht, weiter in einer Exorzis¬ 
musformel für Besessene 24 ). Ebenso 
wird der Name J. in einem Spruch zum 
Vernageln eines Diebes und zur Wieder¬ 
erlangung gestohlenen Gutes an erster 
Stelle vor Pilatus und Christus genannt 25 ). 
Peter Dörflers Spruch vom Roggenstroh 
in der Erzählung „Der Roßbub“ mit 
dem Anfang ,,Judas geht in ölberg 
Garten . . .“ ist zwar eigens geformt, 
aber vermutlich an altes Volksgut an¬ 
gelehnt. 


9 ) Meyer Baden 511. 10 ) Zingerle Tirol 

130 ff.; ZfVk. 4 (1894), 109. n ) Bartsch 
Mecklenburg 1, 524; 2, 167; Andree Braun¬ 
schweig 403. 12 ) Märze 11 Pflanzenwelt 115; 

ZfVk. 1 (1891), 295. 13 ) Arnold v. Harff 22 

(1496) 38. 14 ) Höhn Geburt Nr. 4, 261. 15 ) Pol- 
linger Landshut 168; Baumgarten Jahr u. 
s. Tage 23; Höhn Tod Nr. 7, 311. 1C ) Wlislocki 
Magyaren 98. 17 ) ZfVk. 24 (1914), 59: Kleinsee 
bei Bergenhusen in Stapelholm. 1S ) Meyer 
Baden 511; Treppenwitz der Weltgeschichte 
8. Aufl. S. 17. lö ) Schönwerth Oberpfalz 1, 
183 (20). 2j ) Wuttke 60, 69; Meyer Baden 511. 
21 ) Drechsler 1, 94; Sartori Sitte u. Brauch 
3, 139. 22 ) Mannhardt Germ. Mythen 135. 

23 ) Taylor Judas Iscariot in charms and m- 
cantations. Washington University Studies 8, 
Humanistic Series Nr. 1, 3—17. 24 ) Franz 

Benediktionen 2, 364. 388. 600. 25 ) Kuhn West¬ 
falen 2, 194 (546). 

5. Die Person und die Tat des Ver¬ 


räters boten in der Karwoche, die in 
manchen Gegenden, z. B. am Nieder¬ 
rhein, J.woche hieß 26 ), Anlaß zu mimisch¬ 
dramatischen Szenen in der öffentlich¬ 


v 


1 


keit, zu deren Entstehung und Ver¬ 
wurzelung J.szenen aus den Passions¬ 
spielen beigetragen haben mögen. Um 
Leobschütz liefen schon am ,,krummen“ 
Mittwoch die Jungen mit Brandfackeln 
(Besen) „a Judas suchen“ 27 ). Dieser 
Brauch wurde auch das J.sehen genannt; 


er berührt sich mit dem des J.verbrennens 
(s. u.) am Karsamstag. Anderswo in 
Schlesien wurde am Gründonnerstagabend 
ein rothaariger Knabe 28 ) oder ein Knabe 
in roter Weste 29 ) mittels Lärminstru¬ 
mente als Judas gejagt. Den Brauch 
nannte man das J.austreiben, auch Sauer¬ 
brennen 30 ), da die Besen zusammen¬ 
geworfen und verbrannt wurden, also 
der J. verbrannt wurde. Ebenfalls in 
Schlesien wurde in symbolisch-mimischer 
Handlung der Judas in Gestalt einer 
Tonne 31 ) mittels Steine und alter Töpfe 
solange beworfen, bis er zerbarst. Als 
weiteres Glied in der Kette der Bräuche, 
den J. zu jagen und zu vernichten, 
könnte man den Brauch ansehen, an 
seiner Stelle ein Tier (Katze, Ziegenbock) 
vom Kirchturm zu stürzen, wie es in 
Schlesien geschah,genannt das J.stürzen 32 ). 
Eine Art J.jagen veranstalteten früher 
in Luxemburg 33 ) die Kinder am Kar¬ 
freitag. In Köln nannte man das große, 
mit viel Geräusch verbundene Reine¬ 
machen am Karsamstag zur Vorbereitung 
auf das Osterfest den J. ausfegen 34 ), 
wobei man sich gegenseitig die Vorstellung 
beigebracht haben mag, es handele sich 
um die Austreibung einer Art Dämon. 
Im Sauerland versammeln sigh am Abend 
des Karsamstags die Jungen und Burschen 
in der Schule, um den J. zu jagen, d. i. 
beim Glockenschlag 12 einen Höllenlärm 
zu verüben und mit Geheul zur Tür 
hinauszufahren 35 ). Offenbar mit den 
Trauermetten an den Vorabenden der 
Kartage in Verbindung zu bringen und 
infolgedessen als eine Art übernommenes 
und entstelltes Kulturgut zu betrachten 
wäre der Brauch, bei diesen Metten an 
die Bänke und Wände 36 ) zu schlagen, 
um den Verräter J. zu treffen. In der 
Eifel wurde bei der Auferstehungsfeier 
am Morgen des Ostertages nach dem 
Umzug um die Kirche Gepolter gemacht, 
das J.jagen 37 ) genannt. In Mexiko 
arbeitet man zur Feier des Osterfestes 
auf den Straßen mit Rasseln, um dem 
J. die Knochen zu zerschlagen 38 ). 

6. Eine außerordentlich weite Ver¬ 
breitung gewann das J.feuer 39 ) am 
Karsamstag, das freilich kaum etwas 


anderes ist als das Osterfeuer (s. d.). 
Bei diesem J.feuer wurde Stroh und 
Reisig um einen Pfahl oder ein Kreuz 
so aufgeschichtet, daß vielfach die Gestalt 
einer menschlichen Figur mit ausgebrei¬ 
teten Armen sich bildete. Diese erhielt 
den Namen J. oder auch Ostermann. 
Sonst wurde ein angekleideter Stroh¬ 
mann als J. verbrannt, indem man eine 
Puppe, die den Verräter Judas bedeuten 
sollte, in den Feuerbrand warf 40 ). In 
Köln wurde am Karsamstag im Dom 
ein Wergbündel, Pürk (Perücke) genannt, 
mittels der Osterkerze angezündet und 
nach einer (jüngeren?) Meinung des 
Volkes als J. verbrannt, ilach dem 
Ordinarius der Kölner Meßbücher von 
1525 zum Hinweis auf die Flüchtigkeit 
und Hinfälligkeit des irdischen Lebens 
vernichtet 41 ). Der Name J.feuer blieb 
auch da, wo die Figur verschwand 42 ). 
Nachgewiesen ist das J.feuer für fast ganz 
Mitteldeutschland und für die schwäbi¬ 
schen und bayerisch-österreichischen Län¬ 
der einschließlich der Schweiz und Tirol. 
In Westfalen, Braunschweig, Hannover, 
am Harz, in der Altmark brannte das 
J.feuer am Ostertage. Der Brauch ver¬ 
pflanzte sich mit dem christlichen Kult 
aus der „alten“ Welt nach den Sied¬ 
lungsländern 43 ). Zu beachten ist, daß 
im Allgäu 44 ) schon das Funkenfeuer 
am ersten Fastensonntag den Namen 
„Jaudasbrennen“ führte und anderswo 
der um Mittfasten (Lätare) verbrannte 
Strohmann J. genannt wurde 45 ). Das 
J.feuer gehört wie das Osterfeuer über¬ 
haupt nach Ursprung und Bedeutung 
zu den Frühlingsfeuern, die agrarkulti¬ 
schen Zwecken dienten 46 ). Ausgang 
für beide mag das Feuer gewesen sein, 
das der Priester am Morgen des Kar¬ 
samstags vor der Kirche ursprünglich 
durch Reibung oder mittels Feuersteins 
entzündete und weihte. Bereits während 
dieser Feuerweihe fand hier und da eine 
wirkliche J.Verbrennung statt. Sonst 
wurden in diesem neuen heiligen Feuer 
Gegenstände, z. B. alte Meßgewänder 
oder “Grabkreuze, verbrannt, deren Aschen¬ 
reste vom Volke zu magischen Zwecken 
verwandt wurden. Wie andern Jahres¬ 


feuern mißt man dem J.feuer zauberische 
Kraft bei. Schon die Feuerhandlung 
hat magische Zweckbestimmung; sie soll 
z. B. Hagelschlag abwenden helfen und 
die Fruchtbarkeit der Äcker fördern. 
Auch die Kohlen dieses Feuers sind heil- 
und zauberkräftig. Man ist bestrebt, 
sie noch glimmend heimzubringen, um 
durch sie das „neue“ („heilige“) Licht 
zu erhalten 47 ). Kohlen des verbrannten 
J. oder aus solchen geformte Kreuze 
steckte man in die Felder (Wintersaaten), 
um sie gegen Mäusefraß 4B ) oder gegen 
den „Bilmazschnitta“ 49 ) zu schützen 
oder das Wachstum und die Güte des 
Kornes 50 ) zu fördern. Man brachte 
sie in den Stall, um das Vieh vor Krank¬ 
heiten zu bewahren 51 ), unters Haus¬ 
dach, in den Koch- und Backofen zum 
Schutz gegen Feuersgefahr 62 ), in den 
Keller gegen Kröten und Ungeziefer M ). 
Im Hause aufbewahrt galten oder gelten 
sie überhaupt als bewährtes Mittel gegen 
Übel jeglicher Art sowie gegen Hexen¬ 
werk, Spuk und Zauberei, auch als Mittel 
für erfolgreiches Schießen auf spukhafte 
Gestalten 54 ). Auch wurden Holzspäne 
an einem Ende ins J.feuer gesteckt und 
angekohlt und, auf diese Weise magisch 
gemacht, heimgeschleppt zum Schutz 
gegen Blitzschlag und Feuersgefahr w ). 
Zum Anmachen des Saatgetreides (Sämm- 
träis) wurden ebenfalls solche Kohlen 
verwandt 56 ). Im Gegensatz zu der allge¬ 
meinen Auffassung von der wirksamen 
Verwendung der Aschenreste des J.feuers 
glaubte man auf dem Eichsfeld, die 
Asche des Osterfeuers, in dem der J. 
verbrannt wurde, bringe Verderben, wes¬ 
halb man sie ins Wasser streute 67 ). Im 
Odenwald schüttete man die Asche in 
eine Grube an der Kirchhofsecke und 
begrub so den J. 58 ). In Althenneberg 
(Oberbayem) wurde die Glut von zwei 
Burschen die ganze Nacht gegen Ent¬ 
wendung streng bewacht, die Asche bei 
Sonnenaufgang sorgfältig gesammelt und 
in das fließende Wasser des Rötenbaches 
geworfen 60 ). Als gelehrt oder pseudo¬ 
gelehrt müssen die Versuche gelten, den 
J. des J.feuers als Umformung des Christ¬ 
blockes oder als den hingestorbenen 


8 c >7 


Jude, Jüdin 


808 


Winter 61 ) darzustellen oder als den der 
Vegetation schädlichen Dämon 62 ) in kirch¬ 
licher Umdeutung anzusehen oder ganz 
allgemein das J.teuer wie andere Fest¬ 
feuer als symbolische Verbrennung von 
Hexen 63 ) oder mythologisch oder als 
kirchliches Gegenstück einer zu bannen¬ 
den heidnischen Volkssitte zu bezeich¬ 
nen. Die Willkür in der Deutung dieses 
Feuers lehrt die anderwärts unternom¬ 
mene Gleichsetzung des J. mit dem 
ewigen Juden 64 ). Der „alte Jude“, d.i. der 
Verräter J., hieß auch die Figur, die man 
am „schwarzen“ Sonntag oder Toten¬ 
sonntag in der Gegend von Weidenau 
(Schlesien) aufs Feld trug und abends 
verbrannte 65 ). 

26 ) Wrede Rhein. Volksk. 2 255. 27 ) Drechs¬ 
ler 1, 78. 94. 2S ) Reinsberg Böhmen 123. 

29 ) Drechsler 1, 77 — 78. 3 °) Urquell 6, 155: 
Niederschlesien. 31 ) Drechsler 1, 94 (Glogau). 
32 ) Ebenda. 33 ) Fontaine Luxemburg 38. 
34 ) Wrede Rhein. Volksk. 2 258. 35 ) Sartori 

Westfalen 153. 3Ö ) Panzer Beitrag 2, 554. 

Birlinger Aus Schwaben 2, 160. 37 ) Schmitz 
Eifel 1, 27. Gepolter gedeutet als Versinn¬ 
bildlichung des Erdbebens; Wrede Eifler 
Volksk. 2 215. 3S ) ZfVk. 20 (1910), 253. 39 ) Al- 
satia 1851, 131; Kenrein Nassau 2, 142; 

Birlinger Volksth. 2, 62; Alemannia 2 (1874), 
144; 24 (1896), 145; Meyer Baden 98; Leo- 
prechting Lechrain 26; Zingerle Tirol 
96; Hörmann Volksleben 60; SAVk. 20, 
196; 8, 313; 11 (1907), 246: Einsiedeln; John 
Westböhmen 63; Lehmann Sudetend. Volksk. 
143; Schramek Böhmerwald 147; Land¬ 
steiner Niederösterreich 43; HessBl. 3, 162 f.; 
Schweizld. 1, 582; DG. 15 (1914), 125: Ober¬ 
bayern; John Oberlohma 150; Sommert 
Egerland 118; Quitzmann 63; 273; Bavaria 
1, 1002; 4, 393; Frazer 12, 326. 40 ) Mann¬ 

hardt 1, 505 = Wolf Beiträge 1, 74. 41 ) Annalen 
d. histor. Vereins f. d. Niederrhein 37 (1882), 
201; Wrede Rhein. Volksk. 2 257. 42 ) Leo- 

prechting Lechrain 172; Zingerle Tirol 149 
(1286). 43 ) ZfVk. 20 (1910), 253: Mexiko (J.- 

puppen werden aufgehängt oder verbrannt). 
**) Reiser Allgäu 2, 99. 46 ) Meyer Baden 88. 
In der Gegend von Weidenau (Schlesien) hieß 
er „der alte Jude“, vgl. Vernaleken Mythen 
296. 48 ) Panzer Beitrag 1, 213; Becker Früh¬ 
lingsfeiern 8; Mannhardt 1, 504; ZfVk. 3 
(1893), 353; Freudenthal Das Feuer im 

deutschen Glauben und Brauch 274 ff. Zu¬ 
sammenfassend und kritisch. 47 ) John West¬ 
böhmen 62. 48 ) G roh mann 62 49 ) John 

Westböhmen 184. 60 ) Schramek Böhmerwald 

148: am Ostermontag, zugleich mit geweihten 
Palmzweigen. 61 ) Grohmann 133; Elsäß. 
Wörterbuch 1, 404; Elsäß. Jahrb. 3, 123; 


Schmeller Bay. Wb. 1, 1203. 52 ) John West¬ 
böhmen 63. 63 ) Ebenda. 54 ) SAVk. 8, 313: 

Einsiedeln. 66 ) Meyer Baden 98; Schramek 
Böhmerwald 148. M ) John Westböhmen 62. 
B7 ) Sartori 3, 151. B8 ) Meyer Baden 95. 

ß9 ) Wolf Beiträge 1, 72 — 73. 60 ) Lippert 
Christentum 485. 61 ) Jahn Opferbräuche 133; 

Wuttke 70 §81; Sartori 3, 150. 62 ) Der¬ 
selbe 153. ® 3 ) Simrock Mythologie 560. 562. 

64 ) ZfVk. 20 (1910), 399: Schwarzach bei Rastadt. 
66 ) Vernaleken Mythen 296. 

7. Es könnte auffallend erscheinen, daß 
man ein Kartags- oder Ostergebäck mit 
J. in Verbindung bringt und nach ihm 
benennt 66 ), wenn dies, wie zu vermuten, 
nicht ganz äußerlich und rein willkürlich 
geschähe oder früher geschehen wäre. 
Anders kann man sich die Holsteiner 
bzw. Hamburger J.ohren, Osterflädchen 
oder Flachkuchen mit einem das Ohr¬ 
läppchen andeutenden und das Gebild- 
brot entstellenden keilförmigen Aus¬ 
schnitt, kaum erklären. Eine besondere 
Rolle, etwa eine volksmedizinische, spielt 
dieses Gebäck nicht. Genau so wären die 
deutschböhmischen J.zelten und der meist 
in böhmischen Gegenden und hier vor¬ 
wiegend am Karsamstag aus den Teig¬ 
resten der Mulde gebackene, Koteisch, 
Kotouc genannte J. oder J.wecken, eine 
weckartig zusammengedrückte Brezel, ein¬ 
zuschätzen. Der in der Bunzlauer Ge¬ 
gend am Karfreitag in Form eines ge¬ 
drehten Strickes oder einer gewundenen 
Stange gebackene J. wird gewiß nicht 
ohne Phantasie als Symbol des Strickes 
gedeutet, mittels dessen sich J. erhängte. 
In der Raudnitzer Gegend ist der J. ein 
kleiner glitschriger, mit Honig beträu¬ 
felter Knollen (Talken). Wer am Kar¬ 
samstag von dem Honig dieses Gebäckes 
in das Zimmer spritzt, vertreibt die 
Flöhe 67 ). 

66 ) Reinsberg Festjahr 102 f.; Höfler 
Ostern 11. 19. 43; Schütze Holstein. Idiotikon 
3 (1800—1806), 177. 6T ) Grohmann 86. 

Wrede. 

Jude, Jüdin. 

Es kann sich im folgenden nur um den 
J.n im deutschen Aberglauben handeln; 
die Behandlung jüdischen A.s würde zu 
weit führen. Nur einige notdürftigste Hin¬ 
weise seien erlaubt. Da sind zuerst die ein¬ 
schlägigen Artikel in The Jewish Encyclo- 
paedy, in der Enzyclopaedia judaica 1928, 


809 


Jude, Jüdin 


8lO 


ferner zahlreiche Aufsätze und Angaben 
in den Mittlgn. d. Gesellsch. f. jüd. Vk. 
(Hamburg 1898 ff.), der ZfVk., Urquell 
usw. Jüdische Sagen bringen Graesse, 
Preußen, Knoop, Posen; zum jüd. 
Märchen (wie zu den Sagen) liegen Micha 
Josef bin Gorions große Sammlungen 
„die Sagen der J.n“ (alttestamentl. 
Stoffe) und „der Born Judas“ mit rei¬ 
chen Literaturangaben vor. Zur Schwank¬ 
literatur haben wir im Urquell Material; 
daneben die Sammlung OlSvangers, Ro¬ 
sinkess mit Mandlen. Reichhaltiges Ma¬ 
terial zum jüd. Aberglauben, zu Sitte 
und Brauch bieten Eisenmenger, Buxtorf, 
Schudts Monographie der Frankfurter 
J.n usw. Es darf an dieser Stelle nicht 
unerwähnt bleiben, daß manches aus dem 
jüd. Glauben in unsern Geistesschatz über¬ 
gegangen ist, zum Teil vermittelt durch 
Bibel und Christentum, zum Teil durch 
jüd. Schrifttum zu uns getragen, zum 
Teil beim Nebeneinanderwohnen über¬ 
nommen 1 ). So ist die Sage vom Mein¬ 
eidigen mit dem hohlen Stock zuerst 
in jüd. Quellen bezeugt 2 ). Wenn S. 
Bugge und nach ihm E. H. Meyer die 
eddische Mythologie erfüllt von jüd.- 
christl. Stoffen sahen, so war das freilich 
übertrieben; aber die letzten Jahre haben 
uns manches bemerken lassen, was aus 
dem jüd.-christl. Kreis, — z. T. durch den 
synkretistischen Hellenismus vermittelt, — 
zu uns gedrungen ist, ehe an schriftliche 
Überlieferung zu denken ist; vgl. etwa 
Schröders Germanentum, und oben unter 
Antichrist, Endschlacht, dürrer Baum. 
Weiter haben die J.n, als sie noch abge¬ 
sondert wohnten, schon christlich-abend¬ 
ländischen, ja durchaus deutschen Aber¬ 
glauben 3 ), übernommen. 

Die Bedeutung der ostjüdischen als 
einer deutschen Kultur 4 ), — der Zusam¬ 
menhang des Jüdischen mit dem „Rot¬ 
welsch“, der der J.n mit den Räuber¬ 
banden älterer Zeit 5 ) sei nur erwähnt. 

J ) M. Güdemann Gesch. d. Erziehungswesens 
n. d. Kultur d. Juden in Deutschland 3 (1884), 
128 f. 199 t. 2 ) C. Calliano Niederösterreich. 
Sagenschatz 2 (1924), 178 {.; Grässe Preußen 2, 
894; Tegethoff Franzos. Märchen 1, Nr. 11 b 
u. Anm.; Germania 25, 274 ff.; ARw. 13, 75 ff.; 
14, iff.; Scheftelowitz Altpalästinensischer 


[ Bauernglaube (1925) Anm. 40. 41. 3 ) Güde- 

j mann 2, 2191. 220 (Armillus). 332 f. (vgl. 

] Buxtorf Judenschul 657 s.); 3, 103; I, 128 ff. 
4 ) Februarheft d. Süddeutsch. Monatshefte 1916; 
vgl. etwa auch Opatoschu Der letzte Waldjude 
1928. 6 ) Güdemann 3, 172 f.; L. Günther 

Dt sch. Gaunersprache 1919, 4 N. 5. 

Der J. als Arzt und Gelehrter. 
Der J. war einer der wichtigsten Ver¬ 
mittler des arabischen (und damit auch 
antiken) Wissens 6 ); das hat ihn ganz 
besonders befähigt, die ärztliche Kunst 
auszuüben; vom Zeitalter Gregors von 
Tours bis in das 16. Jh. begegnen uns jüd. 
Ärzte 6a ); Karl der Kahle 7 ), ConradII. 8 ), 
Innozenz VIII. 9 ) hielten berühmte jüd. 
Leibärzte; Arnaldus von Villanova, der 
Alchemist, wendet sich gegen solche 
Bevorzugung 10 ) ebenso wie im 16. Jh. 
Lonicer 11 ), oder ständig die Kirche. Da¬ 
durch, daß der Mediziner an der Uni¬ 
versität ausgebildet wurde, die dem J.n 
versagt war, ist des J.n medizinischer 
Beruf allmählich verfallen 12 ). Heut übt 
der polnische J. die Kunst nach „Doktor¬ 
büchern“, wie sie bei uns im 18. Jh. im 
Schwange waren 13 ). 

Auch andere Wissenschaften sind vom 
Araber zum J.n gekommen, so etwa die 
Steinkunde 14 ), die Astrologie 15 ) und nicht 
zuletzt die Alchemie 16 ). 

6 ) Vgl. etwa M. Güdemann 2 (1884), 96 f. 
149 ff.; Graetz Gesch. d. Juden 6, 99 ff.; 
Lammert 13; Boehm-Specht Lettisch-litau¬ 
ische Märchen 53. ® a ) Güdemann 2, 14. 15. 

18. 24. 64. 71. 128. 152 ff. 237 ff. 262 ff. 284 f.; 

з, 196 ff.; Georg Caro Sozial - u. Wirtschafts¬ 
geschichte d. Juden 1 (1908), 93. 233. 413; Otto 
Stobbe Die Juden in Deutschld. während d. MA. 
1866, 279 f.; Georg Liebe Das J.ntum in d. 
deutsch. Vergangenheit 1924, 29. 53; Alphons 
de Spina Fortalicium fidei bei Constantin 
Ritter Cholewa von Pawlikowski Hundert 
Bogen aus mehr als 500 alten u. neuen Büchern 
über d. J.n neben den Christen 1859, 686 ff.; 
Johann Jacob Schudt Jüd. Merkwürdig¬ 
keiten 1714 IV. Teil 182 ff.; Lammert 6. 190. 

7 ) Caro 1, 153; Güdemann 2, 14; vgl. unten. 

8 ) Caro 1, 175. 9 ) Strack Blut 97; A. Ber¬ 

liner Gesch. d. Juden in Rom 2 (1894), 79 f. 
10 ) Diepgen Arnald v. Villanova als Politiker 

и. Laientheologe 1909, 36. n ) Liebe 53. 12 ) Vgl. 
etwa Schudt II. 1, 385!.; Pawlikowski 
206 f. nach Eisenmenger; doch Emma 
Locher Venediger sagen. Fribourg. Diss. 1922, 65. 
13 ) Strack Blut 98 f. l4 ) Grimm Myth. 2, 1017. 
16 ) Karl Kiesewetter Geheimwissenschaften 
1895, 300 ff.; Franz Strunz Gesch. d. Natur¬ 
wissenschaften im MA. 1910, 55. 89; Caro 2, 


811 


Jude, Jüdin 


812 


« * 


84 f.; Güdemann 2, 18. 106. Uber einzelne 
jüd. Astrologen Sitzb. Mü. 1901, 139. 188 f. 
265 N. 2. 18 ) Schudt II. 1, 402 f.; 2, 329; IV, 
2iof.; Güdemann 3, 136. 

Der J. als Zauberer. ,,Daß jüd. 
Ärzte abergläubische Mittel... brauchen, 
ist bekannt“ 17 ). Als Zauberer haben die 
J.n immer gegolten. Es braucht hier nur 
auf das tatsächliche Vorhandensein einer 
jüd. Magie, auf die Golemmythe, die 
Zauberkünste Salomos verwiesen zu 
werden, um die Berechtigung einer solchen 
Ansicht zu begreifen 18 ). Acta apost. 
8, 9 ff.; 13, 6; 19, 19; Josephus, Anti- 
quitates VIII. 2, 5 finden sich Zeugnisse 
für die Ausübung jüd. Magie. Erinnert 
mag ferner an den Simon Magus der 
nichtkirchl. Literatur werden 18a ). In der 
Macariaslegende verwandelt ein J. eine 
Frau in ein Pferd lö ), wozu die Erzählung 
vom R. Jannai, der eine Frau in einen 
Esel verwandelt 20 ), eine Parallele bietet. 
Ein jüd. Zauberer (Zambres) hat nach 
der Sylvesterlegende einen Stier mit 
einem Wort getötet 21 ). Jüd. Exor¬ 
zisten beschworen bei Cabades in Persien 
einen Schatz 22 ), ein J. in der Theo¬ 
philuslegende den Teufel 23 ). Großen 
Ruhm hat im späten MA. der Arzt 
Sedechias (876) erlangt, der durch die 
Luft fuhr, Menschen und Heuwagen ver¬ 
schluckte und Menschen die Glieder 
abhieb und ansetzte 24 ). Um 970 konnte 
sich ein J. in einen Wolf verwandeln 
und unsichtbar machen 24a ). 1066 töteten 
J.n durch Wachsbildzauber den Erzbischof 
Eberhard von Trier 25 ). Im 13. und 14. Jh. 
mehren sich die Belege 26 ). Ein J. be¬ 
schwört den Teufel 27 ). 1349 hatte man 
in Gotha die J.n wegen Zauberei in Ver¬ 
dacht 28 ). Ein Zauberer war auch der 
Magdeburger Pfefferkorn 1514 29 ), und 
für Zauberer hielten Luther 30 ) wie die ; 
katholische Kirche die J. 31 ). Ein J. j 
kann ,,fest“ machen und erbietet sich 
dazu Herzog Albrecht von Sachsen 32 ); 
die Niederlage Karls V. 1542 hat der J. j 
Doran bewirkt 33 ). Als Zauberer xat’ 
steht im 16. Jh. Abraham von Mainz 
da; aber er ist nur einer von vielen 34 ). 
Joachim II. von Brandenburg hielt 
Lippold an seinem Hof 35 ); Rudolphs II. 


Kammerdiener Philipp Lang kennt die 
jüd. Zauberei 36 ); Abraham von Francken- 
bergs Freund in Amsterdam, Rabbi 
Menasseh ben Israel, ist der Magie er¬ 
geben 37 ). Als Faust sich ihr zuwandte, 
verschaffte er sich jüd. Bücher 38 ); 
| wieder ein J. hat durch einen aufge¬ 
schriebenen Spruch ein Pferd beruhigt 39 ), 
eine Besessene geheilt 39a ). Rübezahl 
hat gar für einen jüd. Zauberer aus 
| Venedig gelten sollen 40 ). 

Fast immer wird betont, daß es bei 
jüd. Zaubereien sich um das Aussprechen 
bestimmter Worte, um Schriftzauber 
! handelt. Zu der Ausbildung solchen 
Glaubens mag nicht allein die unver¬ 
ständlich scheinende jüd. Schrift bei¬ 
getragen haben, — auch der Teufel 
schreibt Krickel-krackel, — es mögen 
kabbalistische Lehren von der Kraft des 
ausgesprochenen vierbuchstabigen Gottes¬ 
namens, von der Kraft englischer Namen, 
bekannt geworden sein. Kabbalistische 
Anschauungen dringen im 15./16. Jh. ein; 
hatte doch eben Pico und nach ihm 
Reuchlin die Kabbalah heraufgeholt; 
jetzt erst schreibt Trithemius die Sede- 
chiassage auf 41 ); die Kabbalah ist eine 
Zauberschrift 42 ), nach der es die Pan- 
; sophen des 16., 17. Jh. verlangt 43 ). Jü¬ 
dische Worte nehmen in deutschen Zauber¬ 
büchern einen weiten Raum ein 44 ), ja 
scheinen deren wirksame Bestandteile 
gewesen zu sein, und Mephistopheles 
wird als jüd. Dämonenname gedeutet 45 ). 
Die deutsche Zauberei der Faustzeit steht, 
wie ich nachwies, auf jüd. Zauberschriften 
und Überlieferungen 453 ). Die J.nschule 
ist eine ,,schwarze Schule“ 46 ). Aber 
der jüd. Arzt und Magier Banajas kennt 
die ägyptische Magie 47 ). 

Es ist nach alledem begreiflich, daß 
man noch heut dem J.n zauberische Kraft 
zuschreibt 48 ). Er führt Willige zum 
Teufelsbund 48a ). Ein J. besitzt den Sicht¬ 
spiegel 49 ), macht die Königin im Märchen 
durch Genuß eines Apfels sclrwanger 50 ), 
bannt Schlangen 51 ), versteht die Tier¬ 
sprache 52 ), liest Zauberbücher 52a ) wie 
das 6. und 7. Buch Mose 53 ), das die J.n 
aufgezeichnet haben 53a ), zaubert Mi߬ 
liebigen den Kopf im Fenster fest 54 ) 


1 


813 


Jude, Jüdin 


814 


oder ein Hirschgeweih auf diesen 55 ), er 
übt Blut entziehen als Femzauber S6 ), wie 
ihm vor allem schädigender Zauber zu¬ 
geschrieben wird. So ist es nicht ratsam, 
ihn zu necken, weil er dann Bosheits¬ 
zauber übt 56a ). J.n verhexen den Stall 56b ). 
Bekannt ist, wie er mit einem Schweine¬ 
herz eine Viehseuche verursacht (er hatte 
ein Menschenherz haben wollen, um eine 
Pest zu verursachen) 57 ). Jüdin 58 ) wie 
J. 59 ) können behexen, verschließen Ge¬ 
bärende (Schloßzauber) *°), sind fest (s. o. 
2, 1354), schwimmen, hineingestoßen, 
auf dem Wasser 60a ). Wenn ein Kranker 
sterben will, soll er J.n für sein Leben 
beten lassen 61 ); sonst können sie ge¬ 
sundbeten 62 ). Bei gerichtlichem Zwei¬ 
kampf fürchtete man angeblich ihre 
Anwesenheit 63 ), weil Schadenstiften des 
J.n Ziel ist. Selten wirkt ihr Zauber Gu¬ 
tes; so erscheinen J.n als Feuerbanner 64 ); 
sie vermögen Gewitter unschädlich zu 
machen 66 ), Unfruchtbarkeit 66 ), Spuk¬ 
geister zu bannen 67 ), sind spuksichtig 67a ). 
Hierher gehört wohl auch, daß ein Bauer 
Rothschild, der den Teufel durch Wette 
überlistet, J. wird 68 ). 

I7 ) Schudt Jüdische Merckwürdigkeiten II. 
2, 212. 1S ) Zur jüd. Magie: Ludw. Blau D. 

altjüd. Zauberwesen 1914; Schiatter Gesch. 
Israels v. Alexander bis Hadrian 1925, 313 ff. 
397 f. N. 48; 443 N. 365 f.; ZfVk. 20, 73; Deiß- 
mann Licht v. Osten 1909; Golem: s. o. 3, 939 ff.; 
Knoop Posen 358; Schudt 3, 206 ff. Zu 
Salomon vgl. die Literatur bei Micha Josef b. 
Gorion Born Judas 3, 297 ff. 321 f.; Bolte- 
Polivka 2, 419; C. Burdach Vorspiel 1, 
159 ff.; Handwörterbuch ,,Märchen" unter Jüd. 
M. lta ) bin Gorion Born Judas 1, 59 f. 363; 
vgl. ferner die Untersuchungen zur Teophilus- 
legende. 19 ) Schudt II. 2, 210; Petrus Bins- 
feldius Traktat von Bekanntnuß d. Zauberer 
und Hexen 1592, 25 A. 20 ) Schudt II. 2, 210 — 
Eisenmenger 1, 436 f. 21 ) Güdemann 2, 40. 
295 ff.; Legenda aurea (übers. R. Benz 1907) 1, 
n8ff.; ZfVk. 11, 275. Dr. Priebatsch-Breslau 
hat in der Legende Nestorianisches entdeckt. 
w ) Augustin Calmet Erscheinungen von Geistern 
1 (1752), 248. 23 ) Klapper Erzählungen 319; 
v. Reichlin-Meldegg D. dtsch. Volksbücher 
v. Joh. Faust 1 (1848), 19. 24 ) Caro 1, 153; 

Joannes Trithemius Chronicon monasterii 
Hirsaugiensis 1690. I, 34 = Schudt II. 2, 
210 = ARw. 17, 475 = Bodin in Scheibles 
Kloster 2, 231; Lavater im Theatrum de 
veneficiis 1586, 171 f.; Alemannia 10, 284 f.; 
11, 274. 281; Bolte-Polivka 2, 540 N. 1. 
“•J Bodin (nach Trithemius) im Kloster 2, 


223 f. 25 ) Trithemius = Schudt II. 2, 212 f.; 
4» 3391 O. Stobbe Juden in Deutschland 1866, 
183; Meyer Aberglaube 194; Calmet Von 
Erscheinungen d. Geister 2 (1752), 126; Caro 

1, 165; Fox Saarländer Volkskd. 119; Roskoff 
Gesch. d. Teufels 1, 304 f.; Wolf Deutsche 
Märchen u. Sagen 1845, 549. 26 ) Güdemann 1, 
199 f.; 2, 94. 165. 181. 221 ff. 254 f. 333 ff.; 3, 

153 f. 208. 27 ) Klapper Erzählungen 282. 

28 ) Schudt 1, 466. *•) Horst Zauberbibliothek 

2, 512 f.; Schudt 4, 245 f. 30 ) Pfitzner Wid- 

manns Faust 262 nach Luthers Tischreden ; 
Braeuner Curiositaeten 366 = Meiche 567 N.; 
vgl. auch Alfr. Falb Luther u. d. J.n 1921. 
31 ) v. Pawlikowski 766 nach Marcus Lom¬ 
bard us Gründtlicher Bericht Vnd Erklärungen 
von der Juden Handlungen 1573. 82 ) Meiche 

567 N.; s. festmachen. 33 ) Eisenmenger 
1, 163 f.; Schudt II. 2, 212. 34 ) Peuckert 

Von weißer u. schwarzer Magie 1928, 15 ff. 
35 ) Annalen d. J. ind.preuß. Staaten 1790, 70 ff. 
(Lippolds Zauberbuch 1m Auszug ebd. 73!.). 
Fidicin Historisch-diplomatische Beiträge z. 
Stadt Berlin 5 (1842), 427; J. C. W. Moehsen 
Beiträge z. Gesch. d. Wissensch. in d . Mark 
Brandenburg 1783, 518 ff.; Janssen Gesch. 
d. dtsch. Volkes 8 (1903), 738; C. Burdach 
Vom Mittelalter zur Reformation III 2 1 , 409 t. 
3Ö ) Friedr. Hurter Philipp Lang; Pawli¬ 
kowski 774 N. 37 ) Peuckert Rosenkreutzer 
348. 38 ) v. Reichlin-Meldegg Die dtsch. 

Volksbücher v. Johann Faust 2 (1848), 11 (Chal- 
däische Schriften); Peuckert Weiße u. schwarze 
Magie 42. 39 ) Schudt II. 2, 393. 3#a ) Bekker 
Die bezauberte Welt 4 (1693), 47 - 40 ) Rege 11 

in MschlesVk. 18, 195 f. 41 ) Zur Kritik der¬ 
selben Bolte-Polivka 2, 540 N. 1. 4 *) Schudt 

3, 160 ff. 330 f. 211; Porta Magia naturalis 
1713, 3; E. Bischoff Die Kabbala ; Peuckert 
Pansophie I. 43 ) Vgl. Anm. 32; Peuckert 
Rosenkreutzer 26 f.; Leben J. Böhmes ; Schudt II. 

I, 188 ff. 44 ) Peuckert Pansophie IV; Reich¬ 

lin-Meldegg 2, 199. Vgl. etwa Die wahre u. 
hohe Beschwörung der . . . Gertrudis; der golde¬ 
ne Habermann; Kiesewetter Faust 2, 58 ff.; 
dazu Bischoff Elemente d. Kabbalah 2; Heim 
Incantamenta 521 f. 524; Kayser in ZDMG. 
42 {1888), 456L; Reichlin-Meldegg 2, 

154 ff. 190. 192. 114. 150, endlich Jacobys 

Artikel in diesem Wb. 45 ) Kiesewetter 
Faust 156 ff. Andere jüd. Dämonennamen: 
RhM. 75, 393 ff. 45a ) Peuckert Pansophie 
1932 T. 2. 46 ) Carl Calliano Niederöster¬ 

reich. Sagenschatz 2 (1924), 33; ZfdMyth. 3, 
323. 4? ) Calliano 97. 48 ) Gockelius Traktat v. 
d. Beschreien u. Bezaubern 1717, 93 und fol¬ 
gende Anm.; ZfrwVk. 1907, 198; P. Zaunert 
Dtsch. Märchen seit Grimm 1, 397 ff. = Pröhle 
KHM. 37 ff.; Jahn Pommern u. Rügen 1891, 
325; Lemke Ostpreußen 3, 178!.; vgl. Siuts 
Jenseitsmotive 56. 99!.; Strackerjan 1, 451. 
Hierher auch Reiser Allgäu 1, 434 f. (Fro- 
benius Atlantis 3, ii2ff.); Globus 79, 152. 

Wolf Niederländ. Sagen 638!. 49 ) Schudt 

II. 2, 211 nach Valvasor Ehre d. Hertzogth. 





Jude, Jüdin 


8l6 


«17 


Jude, Jüdin 



Crain; dasselbe von R. Simeon in Mainz: 
Schudt II. 2, 211 f. 60 ) Hahn Griech.-alban. 
Märchen 1, 317 u. oft. B1 ) Kuoni St. Gallen 
122 f. 62 ) Schudt II. 1, 336 f. Vgl. „vogel- 
sprachekund wie Salomo“. 62a ) Alfred Kara- 
sek-Langer u. Strzygowski Sagen d. Bes¬ 
kidendeutschen 1930, 162; Krauß Märchen d, 
Südslawen 194 t. 63 ) Lemke Ostpreußen 3, 
72 f.; Künzig Schwarzwald 1930, 36. 63a ) Kara- 
sek-Langer u. Strzygowski Beskiden 149. 
ö4 ) Schudt II. 1, 338. 55 ) Knoop Posen 

302 f. 6Ö ) Schell Berg. Sagen 270. 66a ) Kara- 
sek-Langer u. Strzygowski Beskiden 147 f. 
68 b) Fox Saarland. Vk. 1927, 278. 57 ) Schudt 

4, 298. 461; Pawlokow’ski 675; Kühnau 
Oberschles . Sagen 347 f. ß8 ) Zaunert Rhein¬ 
land 2, 31; Jahn Hexenwesen 28; Soldan- 
Heppe 2, 94. 69 ) Zaunert 2, 138; Mansikka 
82. *°) Schudt II. 1, 27 f. 60a ) Reiser Allgäu 
1, 434 f. 61 ) (Bergstraße) Wuttke 149 §208. 
® 2 ) Fox Saarländ. Vk. 124. 63 ) Kuoni St. 

Gallen 122 f. ® 4 ) Bauern-Philosophie vom Ver¬ 
fasser d. Buchs v. Aberglauben. Passau 1802, 
1, 164!.; Wolf Beitr. 2, 376; Waibel u. 
Flamm 2, 237; Zaunert Rheinland 2, 168 f,; 
Schell Berg. Sagen 482 Nr. 36; Sieber 
Harzlandsagen 255 f.; Künzig Schwarzwald 
1930, 292 f.; Schudt II. 1, 77 ff.; Bischoff 
Elemente d. Kabbalah 2, 186 f. 192 f. 85 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 119. es ) Jahn Opferge¬ 
bräuche 17. 67 ) Brandenburg 197; Haase 

Sagen aus d. Graf sch. Ruppin 1887, 23 f. 66; 
Knoop Hinterpommern 103 f. (Jahn Hexen¬ 
wesen 28?); Künzig Schwarzwald 28. 56. 83. 
87a ) Künzig Schwarzwald 80 ff. 80 ) (Görlitzer) 
Wegweiser 1834, 369 ff. zu Haupt Lausitz 1 
Nr. 95. 

Es ist nach dem begreiflich, daß Gegen¬ 
stände jüd. Herkunft zauberische Kräfte 
haben. So erleichterte ein geweihter 
jüd. Paradiesapfel die Geburt Friedrich 
Wilhelms IV. von Preußen 69 ). J.nmatzen, 
in die Christenblut gebacken ist (mündlich 
aus Thom, Westpreußen, Grünfier bei 
Filehne, Posen), dienen, die Feuersbrunst 
zu stillen oder das Haus vor Feuer zu 
bewahren 70 ), schützen vor Blitzschlag 
und Hagel 71 ), die Kleider vor Schaben 72 ), 
helfen gegen das Gefrieren einzelner 
Körperteile 73 ), werden an die Nachbarn 
verschenkt 74 ). Auch Brot, mit hebr. 
Buchstaben beschrieben, stellt das Feuer 75 ). 
Die (nichtjüd.) Soubrette Josefine Gall- 
meyer trug auf einer Wallfahrt nach 
Mariazell eine Mesue 76 ). Der Teufels¬ 
pakt wird mit J.nblut geschrieben 77 ). 
Bosheits- und Abwehrzauber mit jüd. 
Leichen findet in Polen statt 78 ); ein j üd. 
Groschen ist nötig, wenn man Zauberer 


werden will 79 ). Gibt man einem J.n eine 
schwarze Henne, kann man seinen Feind 
totbeten 80 ). Ein J.nmädchen war bei 
einer hamburgischen Schatzgräberei 1783 
als Opfer notwendig 81 ). In einem J.n- 
tempel findet sich ein Schatz versteckt 82 ). 

89 ) Knoop Posen 314. 70 ) Schönwerth 

Oberpfalz 2, 85 f. 87; Birlinger Volksth. 1, 199; 
Wuttke 401 § 617. Vgl. auch Fox Saarld. Vk. 
126. 71 ) Meier Schwaben 2, 501; Schmitt 

Hettingen 18; Bohnenberger 114; Bir¬ 
linger Volksth. 1, 195. 72 ) Birlinger Volksth. 

1, 195. 73 ) John Westböhmen 253; Hofier 

Ostergebäcke 39. 74 ) ZfrwVk. 14, 173. 7S ) ARw. 
r 3 » 530 nach Abhdlgn. f. Kunde d. Morgenld. 
VII. 3, 110. 76 ) Strack Blut 48. 77 ) Wlislocki 
Magyaren 166. Vgl. Reichlin-Meldegg 2, 
19 (Strack Blut 13). 78 ) Urquell 3, 51.53.54. 
150. 79 ) Ebd. 3, 151. 80 ) John Westböhmen 164. 
216; vgl. Schönwerth Oberpfalz 1, 345. 

81 ) Strack Blut 68 f.; vgl. Schöppner Sagen 

2, 349 - 82 ) Kühnau Sagen 3, 621. 

In Schatzsagen ist häufig von J.n die 
Rede; entweder tritt der J. als Schatz¬ 
gräber 83 ) auf, zeigt sich lüstern nach 
Schätzen 84 ), so daß er die ihm helfenden 
Gesellen ermordet (,,Die drei Schatz¬ 
gräber“) 85 ), — oder er hat Schätze ver¬ 
borgen, erscheint als Schatzhüter 86 ), wie 
auch vorm Unterwelt schloß der ver¬ 
steckten Prinzessin ein J. als Wächter 87 ) 
steht. Er findet durch den Geist im Glase 
den Schatz 88 ). Im Urner Land, in Tirol, 
Sachsen ist der Venediger ein J. 89 ). 
Auch bei Kuschwarda (Böhmen) ver¬ 
gruben J.n einen Schatz und machten 
seltsame Zeichen an den Stein 89a ). 

83 ) Zaunert Rheinland 2, 98; Emma 
Locher Venedigersagen 65. 84 ) Hahn Griech. 

u. alban. Märchen 1, 81 f. Vgl. unten. 85 ) 
Grässe Preußen 2, 832 N.; Zaunert West¬ 
falen 171. 88 ) Jungbauer Böhmerwald 179; 

Pröhle Unterharz 148!.; N.lausitz. Magazin 
16, 128 ff.; Gräve Volkssagen . . . der Lausitz 
1839, 70 f.; Meiche Sagen 40 Nr. II. 

87 ) Zaunert Märchen aus d. Donaulande 298 f.; 
Haltrich Volksmärchen aus Siebenbürgen Nr. 40 
= Losch Balder 102 ff. 88 ) Bolte-Polivka 2, 
417. 89 ) Müller Uri 1, 294; Alpenburg Tirol 
271 f. 320; E. Locher Venedigersagen 63 ff.; 
Heinr. Schurtz D. Seifenbergbau im Erz¬ 
gebirge 1890, 131 f. 89a ) Jungbauer Böhmer- 
wald 179. 

In der eschatolog. Sage. Der Anti¬ 
christ wird von einer Schlange und einer 
Jüdin, einer jüd. Hure gezeugt (s. d.). 
Er zieht alle Juden an sich 89b ). (Die 
Kabylen glauben, daß die J.n aus dem 


Verkehr von Witwen mit ihren toten 
Männern hervorgegangen sind 90 )). Gog 
und Magog hält man für ein Volk ein¬ 
geschlossener J.n 91 ). Vorm Weitende 
werden alle J. zu Christus bekehrt sein 92 ), 
deshalb findet sich nach Spielbähns (s. 
Propheten) Weissagung, wenn die glück¬ 
liche Zeit beginnt, kein J. mehr in Deutsch¬ 
land 93 ). 

89 b) c. Burdach Vorspiel I 1 (1925)» 239 ff. 

90 ) Frobenius Atlantis 1, 103. 91 ) Braeuner 
Ab. sächs. Ges. Wiss. Phil.-hist. Kl. 7, 977 
nach jüng. Titurel; Fredegarius scholasti- 
cus c. 66; s. o. 1, 484. Vgl. ARw. 13, 
520. 92 ) Nach Rom. 11, 25!.: Ambrosius: Migne 
PL. 14, 8420.; 17, 867«.; Gregorius Magn. = 
Friedr. Murawski Die J.n bei den Kirchen¬ 
vätern 1925, 30. 33; Isidor v. Sevilla: 

Migne PL. 83, 1190 f. = Murawski 34; 

Pawlikowski 7321.; Caro 1, 224; Sitzb.Mü. 
1884, 577 f.; Th. Beykirch Propheten¬ 
stimmen (1849) 65. 93 ) Zaunert Rheinland 2, 

523; P. Bahlmann Rhein. Seher u. Propheten 
1901, 40; Jos. Burg Höchst merkwürdige Prophe¬ 
zeiungen d. alten Bernhard, genannt Spielbähn. 
1848, 46; Wilh. Schrattenholz Spielbähn d. 
Prophet 1849, 27. Vgl. Endschlacht, jüngsterTag. 

J. verwünscht. Die eschatolog. Sagen 
haben schon die Anschauung als Grund¬ 
lage, daß der J. verdammt, unwürdig sei. 
Als böser Mensch erscheint er ebenso in 
Spuksagen menschengestaltig 94 ) oder als 
Irrlicht 95 ). Es ist deshalb begreiflich, daß 
er auch wie ein Böser begraben wird; 
man stößt ihn durch ein Loch in der 
Hauswand, trägt ihn nicht durch die Tür 96 ). 
Die J.n kommen auch nicht in den 
Himmel, nur auf die grüne Wiese 97 ). 

94 ) Alemannia 19, 162; Kap ff Schwaben 52; 
Kühnau Sagen 1, 304; Joh. Schober Sagen 
d. Spessarts 1912, 28. 95 ) Langer DVöB. 5, 

156; Kühnau Sagen 3, 340 f.; Hugo Gniel- 
czyk Am Sagenborn der Heimat 1922, 74 f.; 
Zaunert Hessen-Nassauische Sagen 1929, 337 f. 
98 ) Strackerjan 1, 452 Nr. 247. 97 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 25 = Germania 26, 91. 
Doch vgl. Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm 
2, 76 ff.; Calliano Niederösterreich. Sagenschatz 
2, 110. 

Der J. ein Feind des Göttlichen. 
Der J. ist Gott verhaßt 98 ), und seine 
Feinde beriefen sich im MA. auf göttliche 
Befehle, ihn auszurotten 99 ). 

Der J. haßt aber auch den Christengott. 
Auf seinem Altar sitzt eine Kröte 10 °), 
Katze 101 ). Er verspottet und schmäht 
Christus 102 ), verflucht seinen Namen 103 ), 


heißt ihn einen Zauberer 104 ), lästert 
Maria 105 ) und die Heiligen 106 ). In den 
Synagogen wird gegen die Christenheit 
gebetet 107 ). Seinen Stuhlgang wischt er an 
ein bedrucktes Papier und ist glücklich, 
wenn auf diesem der Name Christi steht 108 ). 
Der J.n Haß richtet sich gegen das Kreuz, 
und sie zertreten selbst zufällig ein Kreuz 
bildende Strohhalme 109 ). Sie verun- 
ehren 110 ), bespeien das Kruzifix m ), ver¬ 
richten ihre Notdurft an ihm 112 ), mi߬ 
handeln das Kreuz m ), schießen 114 ) oder 
werfen mit Steinen nach ihm 115 ), wobei 
sich zuweilen wunderbare Blutmirakel 
zeigen. Ähnlich besudeln 116 ), zer¬ 
stechen 117 ), zerschlagen sie Marienbil¬ 
der 118 ), die Gräber und Gebeine der 
Christen U8a ). Die Kirchen 119 ) wie die 
heiligen Gefäße verunehren sie 12 °), — 
ein seltsamer Vorwurf, wenn man liest, 
wie oft Kelche usw. an J.n verpfändet 
worden sind 121 ). Auch heilige Quellen 
wurden von ihnen entweiht 122 ), so daß 
sie versiegten. Vor dem Morde eines 
hl. Eremiten schreckten sie nicht zu¬ 
rück 123 ). Sie beteten, Gott möge die 
Christenheit vertilgen 124 ). Man begreift 
nach alledem, daß der Storch, Gottes 
Vogel, nicht auf einem J.nhause nisten 
mag 125 ). 


98 ) Vgl. Anm. 125. 99 ) Caro 2, 202 f.; Schudt 

1, 452 f. 455 f.; Religionsgespräche mit J.: 

Elisab. Schenkheld Die relig. Gespräche d. 
dtsch. erzählenden Dichtung d. 13. Jh. Marburg. 
Diss. 10 °) Schell Berg. Sagen 497 Nr. 7. 
101 ) Herrn. Gloede Märkisch-pommer sehe 
Volkssagen 20. 102 ) Hieronymus Commen- 

tarius in Isaiam : Migne PL. 24, 86. 467. 
498 = Heinr. Murawski J.n bei d. Kirchen¬ 
vätern 1925, 21; Eisenmenger I c. 2 = Pawli¬ 
kowski 79 ff.; Tentzel Monatl.Unterrdgn. 
1693, 100 f. 562 f.; 1694, 146 ff.; Güdemann 

2, 37 und häufig in der antisemit. Literatur; 
Schudt II. 1, 22 f.; Birlinger Schwaben 2, 
408; Volkskunde 2, 141. Vgl. auch Männling 
Curiositaeten 208 f. 103 ) Pawlikowski 638. 
104 ) Eisenmenger 1 c. 3; Pawlikowski 82. 
633 f. nach Toledoth Jeschu. 10C ) Glatz 1492: 
Schudt 1, 389; Prag: ebd. II. 1, 399; Klapper 
Erzählungen 281 f. 10a ) Caro 1, 92 f. 107 ) Pawli¬ 
kowski 688 f. nach Alphons de Spina. 108 ) Mey¬ 
er Aberglaube 194 nach Brenz Jüd. Schlangen¬ 
balg 9. l09 ) Schudt II. 1, 307 nach Pfeffer¬ 
korn Der Juden veindt 1509. uo ) Jungbauer 
Böhmerwald 70; Pawlikowski 675 nach de 
Spina. U1 ) Schudt II 1, 304 ff.; Brenz Jüd. 
Schlangenbalg 10; Tentzel Monatl. Unter - 



819 


Jude, Jüdin 


820 




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Jude, Jüdin 


822 


redungen 1694, 305 f. 977; Grässe Preußen 
2, 740. m ) Knoop Posen 276. 113 ) Künzig 
Schwarzwald 243; Klapper Erzählungen 307. 
324; Stobbe 187 N. 1; Schudt II. 1. 308 ff. 
114 ) Ebd. 304; Pawlikowski 711. 712. 115 ) H. 
Günter Legendenstudien 175 Anm. 6; Schles. 
Provinzbl. 117, 618. 116 ) Caro 2, 17. und Anm. 
117 ) Wolf Niederländ. Sagen 416 f.; Schöpp- 
ner Sagen 1, 272. 118 ) Ebd. 1, 477; Chri¬ 

stusbild 1480 Sagan: Nik. Pol Jahrbücher 
d. Stadt Breslau 2 (1813), 133. 11Sa ) Zu 

1576: Nicolaus Pol Jahrbücher d. Stadt 
Breslau 1813 ff., 4. 84. 119 ) Schudt II. 2, 

216; 4, 156 f. 120 ) Caro i, 357. 359. 121) Dar- 
über häufig Nachrichten, vgl. etwa Güde- 
mann 2, 36 f. 122 ) Kühnau Ober schles. Sagen 
1926, 281. 282. 306 (522!); Grässe Preußen 2, 
731 f.; Zaunert Hessen-Nassau 82; Knoop 
Posen 275. 340. 123 ) Caro 2, 205. 124 ) Caro 
2, 214; Meyer Aberglaube 194. 125 ) Birlinger 
Schwaben 1, 411; Waibel u. Flamm 1, 198. 

Hostienschändung *). Am deutlichsten 
sprach sich der J.n Haß gegen alles Christ¬ 
liche in Hostienschändungen aus 126 ). 
Die ersten Berichte sind vom Ende 
des 11. Jh. (Mainz) 127 ), von 1202 (Lauda 
im Würzburgischen) 128 ). Doch scheint 
man hier spätere Sagen vordatiert zu 
haben, denn erst Ende des 13. Jh.s setzt 
die Hochflut der Anklagen ein. So sprach 
man 1243 von einem Hostienfrevel zu 
Belitz (Mark Brandenburg) 129 ), 1287 in 
Techow bei Pritzwalk 130 ), im selben Jahr 
anläßlich des „Ritualmordes** am „guten 
Werner** in Bacharach 131 ), 

1290 Paris 132 ) 

1291 Iphofen in Bayern 133 ) 

1294 Laa in Österreich 134 ) 

um 1298 in Franken (Rintfleisch) 135 ) 
1299 Röttingen 136 ) 

1304 werden in Italien in Predigten 
ähnliche Beschuldigungen geäußert 137 ) 
1302 Korn-Neuburg in Österreich 138 ) 
1306 in Frankreich 139 ) 

1310 Steiermark 139a ) 

1325 Krakow 
1330 Güstrow 139b ), 

J 333/34 am Bodensee, Konstanz 14 °) 
1338 Pulkau Nieder-Österreich 141 ) 


*) Man wird hier keine Polemik gegen diese 
und ähnliche (Ritualmord) von menschlicher 
Torheit ausgeschlachteten Sagen suchen; es 
kommt nur darauf an, die Nachrichten, welche 
ins Volk gedrungen sind, auf zu zeichnen. Auch 
eine historische Quellenkritik erscheint hier 
nicht am Platze. 


1338 Deggendorf, Straubing 142 ), Wolfs¬ 
berg 142a ) 

1342 Hornberg 143 ) 

1369 Brüssel 144 ) 

1377 Deggendorf 145 ) 

1389 Prag 146 ). 


In der Ordenszeit trieb ein J. in Ost¬ 
preußen mit der Hostie Zauber 147 ) 
1401 Glogau 148 ) 

1404 Lauingen 14Sl ) 

1405 in Spanien 149 ) 

1411 Heiligenblut am Jauerling (N.- 
öst erreich) 149 *) 

1421 Wien und Enns 15 °) 

1427 Stemberg in Mecklenburg 151 ) 
1453 Breslau, Jauer 152 ), Striegau und 
Löwenberg 153 ), Schweidnitz 154 ), Lange¬ 
wiese b. Sibyllenort 155 ) 

1468 Neisse 156 ) 

1478 (1484) Passau 175 ) 

1492 Glatz 158 ), Breslau 159 ), Stemberg 
(vgl. 1427) 16 °) 

* 496/97 Steier, Kärnten, Krain, Öster¬ 
reich 161 ); unter Erzbischof Eberhard III. 
in Salzburg und Hallein 161a ) 

1510 Knobloch bei Spandau, Mark 
Brandenburg 162 ) 

1514 Pfefferkorn in Halle (Sachsen) 163 ) 
1519 Regensburg 164 ) 

1556 Pachazeto (Polen) 165 ) 

1591 Preßburg 166 ). 

Paracelsus in seinen theologischen 
Schriften handelt von dergleichen Fre¬ 
veln 167 ). 

1642 in Wien Verzweiflungstat eines 
J.n 168 ). 

1703 Fürth 169 ) 


Diese Reihe ließe sich noch leicht ver¬ 
längern, denn der Glaube an Hostien¬ 
frevel wurde durch Schriften, die fürs 
Volk berechnet waren, dauernd lebendig 
erhalten 17 °). War doch 1859 noch v. 
Pawlikowski von der Wahrheit der Nach¬ 
richten überzeugt 171 ), und tauchen sie 
in Bänkelgesängen auf 172 ). 


12S ) C. Burdach Vorspiel I 1 (1925), 241 f.; 
Meyer Aberglaube 197; Schudt II. 1, 21 ff.; 
Klapper Erzählungen 325; Jungbaue r Böhmer¬ 
wald 267 zu 237; Gräber Kärnten XXXVIII; 
127 ) Schudt 1, 440 f. 128 ) Alemannia 10, 5. 
129 ) Annalen d. Juden in d. preuß. Staaten 1790, 
löff. 13 °) Ebd. 19H; Kuhn Mark. Sagen 225Ü.; 
Brandenburg 215; Kruspe Erfurt 1, 29 f. 


131 ) Grässe Preußen 2, 133 i. 132 ) Pawlikowski 
681 nach Stadtpfarrer Franz Xaver Maßl 
Geschichte der wunderbaren hochheiligen Hostien 
in d. hl. Grabeskirche zu Deggendorf 1828, 23 ff. 
133 ) Schöppner Sagen 3, 74 Nr. 1013. 134 ) Caro 
2, 196; M.G. SS. 9, 658. 135 ) Stobbe 186 f.; 
Schudt 4, 281. 293 f. 13e ) Schöppner 3, 66ff. 
137 ) Güdemann 2, 260. 13S ) Kießling Frau 

Saga im nieder Österreich. Wäldviertel 5 (1924), 306. 
139 ) Pawlikowski 705 nach de Spina. 139a ) 
Stobbe 283. 139b ) Niederhöffer Meckl. 

Sagen 2, 145. 14 °) Waibel u. Flamm 1, 25 ff. 

141 ) Kießling Frau Saga 7, 106; Caro 2, 203L 

142 ) Ebd. 2, 204; Stobbe 187; Panzer Beitrag 
2, 17; Schöppner Sagen 2, 66. 142a ) Gräber 
Kärnten 404. XXXVIII; vgl. oben 1, 1602f. 

143 ) Caro 205. 144 ) Wolf Niederländ. Sagen 

262 ff.; Volkskunde 2, 142; Pawlikowski 681 
nach Maßl. 145 ) Ebd.; Georg Liebe Das Juden¬ 
tum 1924, 21; Caro 2, 204; L. Steub Altbayri¬ 
sche Kulturbilder 1896, 102 f.; Schöppner Sagen 
2, 66 f.; Conrad von Salzburg Treuer Heils- 
ermahner 1683, 279; Globus 92, 108; vgl. auch 
Pawlikowski 636 N. 2. 144 ) Schudt 1, 220 f.; 
4, 157. 147 ) Grässe Preußen 2, 615. 148 ) Schles. 
Provinzbl. 117 (1843), 377 ff.; Lucae cu- 

rieuse Denckwürdigkeiten 2 (1689), 2195; Ders. 
Schles. Kern-Chronik 250; Jac. Schickfus 
new vermehrte schles. Chronica 4 (1625), 178. 
148 ») Schöppner Sagen 2, 401. 149 ) Paw¬ 
likowski 713. 149a ) Anton Mailly Nieder¬ 

österreichische Sagen 1926, 108 f. 15u ) Pawli¬ 
kowski 24ff. 28 f. 151 ) Ebd. 681 nach Maßl. 
152 ) Nik. Pol Jahrbücher d. Stadt Breslau 18130. 
2, 3 f.; 3 * 15L; Peter Eschenloers Gesch. d. 
Stadt Breslau (ed. Kunisch) 1827. 1,13; Schles. 
Provinzialbl. 108, 1 ff.; 40, 41 off.; 117, 

611 ff.; Schudt i, 389; 4, 273; Peuckert 
Schlesien 44; Pawlikowski 681 nach Maßl; 
Kühnau Breslauer Sagen 1926, 104 f.; vgl. 
Ullrich Kuhländchen 102. 153 ) Ztschr. d. Ver. 
f. Gesch. Schlesiens 6, 378 f.; Schles. Provinzbl. 
40, 415 f.; 117, 614 ff. 154 ) Jac. Schickfus 
new vermehrte schles. Chronica 4 (1625), 86; 

1, 113; vgl. Nachw. 152. 153; Schles. Provin¬ 

zialbl. 40, 415 f.; 117, 614 f.; Kühnau Mittel - 
schles. Sagen 1928, 98 h; zu 1450 nach einem 
Bild in d. Pfarrkirche: John Quincy Adams 
(übers. Friese) Briefe über Schlesien 1805, 
190 f.; (J. W. F i sc her) Bemerkungen auf einer 
Reise durch einen Teil d. schles. Gebirges 1793, 
65. 155 ) Philo Schlesien 35 = Kühnau Brest. 
Sagen 105 f. 156 ) Schles. Provinzbl. 117, 617. 
157 ) Pawlikowski 681 nach Maßl 636!.; 
Liebe 21; Schudt 1, 338; Stobbe 292; 
v. Liliencron Histor. Volkslieder 2, 142 ff.; 
Schöppner Sagen 2, 57; Naumann Gemein¬ 
schaftskultur 1S5. 158 ) Schudt 1, 389; Joh. 

Gottl. Kahlo Denkwürdigkeiten der Grafschaft 
Glatz 1757, ii2f.; Grässe Preußen 2, 199; 
Peuckert Schlesien 44; Die Grafschaft Glatz 
15 (1920), 36. 159 ) Schles. Provzlbl. 117, 619. 
lt0 ) Liebe 33; Niederhöffer Meckl. Sagen 

2, 141 ff. 141 ) Schudt 1, 342; Pawlikowski 
30 f. 181a ) Freisauff Salzburg 477. 162 ) Ebd. 


681 nach Maßl; Annalen d. Juden 49 ff.; 
Liebe 33. 183 ) (Nicht der Humanist) Goedeke 

1, 451; Pawlikowski 681 nach Maßl; Schudt 

4,245; Horst Zauberbibliothek 2, 406. Ifl4 ) Liebe 
33 165 ) Pawlikowski 681 nach Maßl. 166 ) 

Liebe 22. 16T ) Karl Sudhoff Versuch einer 

Kritik d. Echtheit d. paracels. Schriften 2 (1899), 
291. 168 ) Schudt II. 2, 91 ff- 189 ) Ebd. II. 

2, 22 f. 17 °) Pawlikowski 636 N. 2; Nau¬ 
mann Gemeinschaftskultur 185. 171 ) Pawli¬ 
kowski 673. 172 ) Naumann Gemeinschafts- 

kultur 185. 

Kreuzigung. Nicht nur der Glaube 
daran, daß der J. die christl. Religion 
verachte, auch der Glaube, daß er den 
Christen hasse, führten zur Entstehung 
der Ritualmordsagen. Ich verweise auf 
den betr. Artikel und behandle hier nur 
die Sagen, welche von einer besonderen 
Art dieser Morde, der Kreuzigung, 
sprechen, obwohl die Art unserer Quellen 
oft nicht gestattet, diese von den Ritual¬ 
morden um des Blutes willen zu sondern. 
Wenn diese Scheidung trotzdem erfolgt, 
so deshalb, weil in den Kreuzigungen 
ganz besonders religiöse Gründe (Lästerung 
Christi) angenommen worden sind. 

Gekreuzigt sollen worden sein 
1144 der Knabe Wilhelm von Nor- 
wich 173 ) 

1160 ein Knabe in Glocester 174 ) 

1171 ein Kind in Blois 175 ) 

1182 Kinder in Pontoise, Braisne und 
ein Christ in Saragossa 176 ), 

ebenso ist in Frankreich unter König 
Philipp ein Christ 177 ), zu unbestimmter 
Zeit ein Heiliger gekreuzigt worden 178 ). 
1250 Arragonien: Dominicus de Val 179 ) 
1255 Hugo von Lincoln 180 ) 

1279 ein Knabe in Northampton 181 ) 
1288 oder 1293/94 Rudolf von Bern 182 ) 
1301 kreuzigen die J.n in Magdeburg 
ein hölzernes Bild 183 ) wie auch unter 
Landgraf Albrecht die Thüringer J.n einen 
Knaben kreuzigten 184 ). 

1389 Prag 185 ) 

1490 Guardia bei Toledo 186 ) 

1541 eine Katze gekreuzigt 187 ) 

I 1547 ein Knabe Michael in Rawa 
(Polen) 188 ) 

1791 Siebenbürgen 189 ) 

1892 Ingrandes (Dep.Vienne) 190 ) 

Es zeigt sich, daß der Aberglaube be¬ 
sonders in Westeuropa zuhause war und 


823 


Jude, Jüdin 


824 


verhältnismäßig früh (s. Ritualmord) 
erlischt. Zeitig treten Ersatzopfer auf 
(s. o.), wie etwa die J.n zu Köln Ostern ein 
Wachsbild kreuzigen 191 ). Ob der Aber¬ 
glaube heut noch lebt, ist schwer zu 
sagen, da man diese Anschuldigungen 
mit denen vom Blutopfer (s. Ritualmord) 
vermengte. 

173 ) Acta SS. Martii 3, 588 ff.; Pawlikowski 
181; Athanasius Fern Jüd. Moral und Blut- 
Mysterium 5 1926, 22 (eine Hetzschrift, die 
mit Zitaten prunkt, welche leider fast nie 
stimmen). 174 ) AA. SS. Martii 3, 591; Pawli¬ 
kowski 182; Fern 22. 175 ) MG. SS. 6, 520 = 
Meyer Aberglaube 195; Fern 22 zu 1071. 
176 ) Fern 22. 177 ) Pawlikowski 675. 178 ) 

Sebillot Folk-Lore 1, 380. 179 ) AA. SS. August. 
6, 777 ff.; Pawlikowski 178; Fern 22. 

18 °) AA. SS. Mart. 3, 589; Jul. 6, 494 t.; Caro 2, 
16 f.; Pawlikowski 182; Fern 22. 181 ) 

Strack Blut 124. 182 ) Henricus Murer Hel¬ 

vetia sacra 1648, 299 f.; Pawlikowski 181; 
Strack Blut 141 ff.; Fern 23. 183 ) Schudt 

4, 249. 184 ) Kruspe Erfurt 1, 38. 185 ) Schudt 

I, 220. 186 ) Strack Blut 147; Fern 24. 187 ) Paw¬ 

likowski 756. 188 ) AA. SS. April. 2, 839; Paw¬ 
likowski nach dem 1602 gedruckten „Ver¬ 
zeichnisse der unschuldigen Kinder, welche von 
den J.n getötet wurden“; Fern 25. 189 ) 

Strack Blut 122. 19 °) Ebd. 157. 191 ) Schudt II. 
2, 105. 

Aus religiösen Gründen hassen 192 ) 
und ermorden 193 ), wie man glaubte, J.n 
diejenigen, welche von ihrem zum christl. 
Bekenntnis übertreten, die sie mit christl. 
Gebärden und Gebeten reizen 194 ). Die 
wohl im Nordfranzösischen entstandene 
Legende vom J.nknaben 195 ) basiert auf 
diesem Glauben. —- Abgefallene ziehen 
sie durch den Abtritt, dadurch wird die 
Taufe aufgehoben 196 ). Andrerseits setzt 
man das ungetaufte Kind gleich dem 

J. n, und sagt: im Taufwasser werde der 
J. weggeschwemmt 196a ), wie die ersten 
Haare des Kindes J.haare heißen 196b ). 

192 ) Murawski Juden bei d. Kirchenvätern 
(14) 27 f. 193 ) Anshelm v. Ziegler u. Kniep- 
hausen Histor. Labyrinth d. Zeit 1701, 3820.; 
Liebe 83 und Abbildung 68; Schudt II 1, 
170 h; II 2, 166 f.; 4, 192 f.; Pawlikowski 
174 ff.; vgl. Waibel u. Flamm 1, 27; vgl. 
auch „Freimaurer“. 194 ) Vgl. Ritualmord, 
Nachw. 85; Pawlikowski 183.707; Schud^tT, 
221; Thomas Cantiprat. Bonum univer¬ 
sale 1605, 289 — c. 29. 19s ) Tegethoff Fran¬ 
zösische Märchen 1, 99 f. und Anm. 311 Nr. 13 b; 
Eugen Wolter Der Judenknabe 1879 = Bi- 
bliotheca normannica II; Klapper Erzäh¬ 
lungen 278. 301. 362; Germania 3, 430 f.; 27, 


129 ff.; Pawlikowski 711; Tentzel Monatl. 
Unterredgn. 1694, 980 ff.; Kühnau Bres¬ 

lauer Sagen 1926, 131; vgl. auch Krauß Märchen 
d. Südslawen 1, 181; Herrlein Spessart 1906 2 , 
129 f. = Joh. Schober Sagen d. Spessarts 
1912, 270. 196 ) Cäsarius v. Heisterbach 

Wunderbare Geschichten (München s. a.) 36. 
ls6a ) Rosegger Älpler 152. 196b ) Andrian 

Alt-Aussee 109. 

Daß J.n Kinder rauben, wie Agobardus 
Lugdunensis behauptete 197 ), mag wahr 
gewesen sein, so lange J.n Sklavenhändler 
waren 198 ). Freilich erklärte man, es 
geschehe, um sie zu beschneiden 199 ), also 
aus religiösen Gründen. Es ist verständ¬ 
lich, daß die soeben berührten aber¬ 
gläubischen Meinungen, welche den J.n als 
Religionsfeind sehen, auf kirchliche An¬ 
schauungen zurückgehen, wie wir sie seit 
den ersten Jh.en durchs ganze MA. hin¬ 
durch, bis in die Neuzeit finden 20 °). 

197 ) Murawski J.n bei d. Kirchenvätern 34; 
Caro 1, 138; Goedeke 1, 451. 198 ) Georg 

Jacob Arabische Berichte 1927, 5 ff. 199 ) Güde- 
mann 2, 260; Caro 2, 16; Strack 124. 125 
(zu 1235). 20 °) Vgl. etwa Murawski Juden 

bei d. Kirchenvätern. 

Der J. als Volksfeind. Der J. ist ein 
Volksfeind, der ebenso den Einzelnen wie 
das ganze Land verrät. Ein Volksglaube, 
der nicht nur im MA. lebendig war 201 ), 
sondern auch heut noch spukt 202 ), wobei 
man auch solche Schlüsse nicht scheut: 
„Weltkrieg“ ergibt in hebr. Buchstaben 
die Zahl 1914, deren Quersumme = 15, 
was nach alttestamentar. Geheimzeichen 
„Jehova“ bedeutet 203 ). Die „alliance 
israelite“ 203a ) treibt Landesverrat; sie 
ist das Organ eines jüd. Fürsten, der 
irgendwo unsichtbar regiert 204 ). 

201 ) Frobenius Atlantis 2, 20; Schöppner 
Sagen 1, 264!.; Grässe Preußen 2, 899; 
GddV. IX. 11, 52 = Annales Bertin. zu 848; 
Pawlikowski 651 f. 674; Schudt 1, 361 f. 
449 ff.; 4, 158. 159. 291 f.; Goedeke 1, 451; 
Beck de juribus Judaeorum 540; vgl. H. v. Schu¬ 
bert Gesch. d. christl. Kirche im Frühmittelalter 
1921, 256. 202 ) Vgl. etwa die Hammer-Flug¬ 

schriften, die Ztschr. Hammer; Sebillot 
Folk-Lore 4, 403 f.; Paul Stintzi Die Sagen 
d. Elsasses 1 (1929) 267; s. auch Freimaurer. 
203 ) Frau M. Ludendorff nach Vossische Ztg. 
30. 3. 27. 2D3a ) Güdemann 2, 4 N. 1. 204 ) C. 
Bleibtreu Vertreter d. Jahrhunderts 1, 272. 
Vgl. Dionysius v. Lützenburg Antichrist 
1716, 70 f.; Fortgesetzte Sammlung v. alten u. 
neuen theol. Sachen 1725, 164. 263 f. 

Der J. ist ein Mörder 205 ), der gern mit 


i 


025 Jude, 

Gift umgeht 206 ). Er scheut aber auch 
nicht davor zurück, eine ganze Stadt 207 ), 
ein Heer 208 ), Fürsten 209 ) zu töten. Zu¬ 
weilen behauptet man, anthropophage 
Gründe bestimmten ihn 210 ), oder er 
sauge Christenmädchen, die bei ihm 
dienen, nachts das Blut aus 210a ). 

M5 ) AA. SS. Septembr. 5, 7280.; Güde¬ 
mann 2, 262; Caro 1, 401; Zaunert Hessen- 
Nassau 208 f. ; Hahn Griech. u. alban. 
Märchen 1, 31. 206 ) Pawlikowski 687 f.; 

Annalen d. Juden in d. preuß. Staaten 1790, 
59; Schudt 1, 273 h; II. 1, 377 f.; 4, 245 f. 
*° 7 ) Ebd. 1, 390 nach Trithemius Chronicon 
ad 1309; Zaunert Hessen-Nassau 172. 208 ) 

Kruspe Erfurt 1, ioif.; Horst Zauber¬ 
bibliothek 2, 512 f.; Schudt i, 386; II. 1, 391. 
* 09 ) Ebd.; Annalen d. Juden 66 ff.; Pollinger 
Landshut 65 f. 21 °) Peuckert Schlesien 44; 
Kühnau Breslauer Sagen 180 f.; Karad- 
schitsch Volksmärchen d. Serben 1854, 208. 
2l0a ) ZfsudetendtschVk. 2, 33. 75; vgl. ebd. 
2, 129. 

Wohl, weil die Formalitäten des jüd. 
Eides vom gewöhnlichen abwichen 2U ), 
erhob man die Beschuldigung, den J.n 
sei der Meineid erlaubt 212 ). 

m ) Zum J.neid: Brunner Dtsch. Rechtsgesch. 
1, 228 N. 21. 275 ff. ; Pawlikowski 768. 779!. 
903; Schudt II. 2, 63 ff.; 4, 243 ff.; Liebe 14; 
ARw. 13, 154; 17, 6730.; Germania 26, 376; 
O. Stobbe Juden in Deutschland 1866, 1480.; 
Güdemann 3. 153 k; Freybe Leben im Recht 
73 ff. 212 ) Berliner Börsen-Courier 30. 9. 1926 
Abendausgabe; Vossische Zeitung 1. 10. 1926; 
A. Dinter Sünde wider das Blut 371 N. 2. 

Am deutlichsten zeigt sich die jüd. 
Volksfeindschaft,wenn sieSeuchen erregen, 
entweder durch zauberische Mittel (s. o.) 
oder dadurch, daß sie Brunnen vergiften. 
Der Vorwurf soll ihnen schon im 12. Jh. in 
Böhmen 213 ), 1226 in Breslau (?) 214 ), 1308 m 
der Waadt 213 ), 1267 in Wien 215 ), 1316/18 
in den Eulenburgschen Landen 216 ), 1319 
in Franken 217 ) gemacht worden sein, 
wird 1321 in Frankreich laut 218 ) und 
erlangt 1348/49 in Deutschland furcht¬ 
bare Bedeutung 219 ). 1397 ist in Colmar 220 ), 
1448, 1453 in Schweidnitz 221 ), 1472 
wieder in Regensburg davon die Rede 222 ), 
1541 werden nach Capistrans Predigt 
in Brieg die J.n 222a ), im 16. Jh. Pfeffer¬ 
korn in Halle dessen beschuldigt 223 ), 
und um 1543 hören wir in Schweidnitz 224 ) 
wieder davon. Im Volk hielt sich der 
Glaube noch lange 225 ). Als Mittel, die 


Jüdin 826 

Pest zu erzeugen, wird Pflanzengift, 
Menschenblut,Urin, die Hostie genannt 226 ). 

213 ) Strack Blut 196 f.; Joh. Gottl. Kahlo 
Denkwürdigkeiten der . .. Grafschaft Glatz 1757, 
113 N. 135. 214 ) Kolmar Grünhagen Breslau 
unter d. Piastcn 1861, 85. 216 ) Caro 2, 189. 

216 ) Schudt 4, 294 f. 217 ) Stobbe 188. 218 ) Caro 
2, m; Strack Blut 196!.; Stobbe 188. 
Zlj ) Caro 2, 205 ff.; Annalen d. Juden in d. 
preuß. Staaten 1790, 37!. 41 ff.; Schudt 1, 
456 ff.; C. Burdach Vorspiel I 1 (1925), 219 ff. 
233 ff.; Otto H. Brandt Die Limburger Chronik 
1922, XXXIX ff. 102. 114; Stobbe 188 ff. 
285; Megenberg Buch d. Natur 91; Birlinger 
Aus Schwaben 2, 4070.; Grässe Preußen 2, 
693 f.; Zaunert Westfalen 188; Kruspe 
Erfurt 1, 39; Waibel u. Flamm 1, 26 f. nach 
Stumpfs Schweiz. Chronik ; im 14. Jh. Kie߬ 
ling Frau Saga 7, 30 f. M '’) Stobbe 288. 
221 ) Schickfus new vermehrte schles. Chronica 4, 
86; Kühnau Mittelschles. Sagen 98 f.; Schudt 1, 
389. 222 ) Schudt 4, 231 f. ma ) Kühnau Mittel¬ 
schles. Sagen 390 ff. 223 ) Schudt 4, 246; zu 
Pfefferkorn vgl. Goedeke 1, 451. * 24 ) Schudt 
1, 3 ^ 9 - 226 ) Goedsche Schles. Sagen-, Historien - 
u. Legenden schätz 1840, 84; ZfdMyth. 3, 62; 
Kühnau Mittelschles. Sagen 444 f.; Kießling 
Frau Saga 4, 98 f.; 5, 21 f. 22# ) Strack Blut 
196 f. nach Graetz 7, 369 ff. 

Daß man im J.n in politischer Hinsicht 
den Volksfeind sieht, ward schon erwähnt. 
Dazu kommt neuerdings der Vorwurf der 
Rassenfeindschaft, der in der heutigen anti- 
semit. Literatur (Hammer; Franz Kießling) 
wie im Schundroman (A. Dinter) eine 
große Rolle spielt. Betont wird besonders, 
daß durch sein minderwertiges Blut das 
edlere arische verseucht werde; betont 
seine Geilheit 227 ), die seit alters bekannt 
ist, und die sich heut besonders gegen 
harmlose Mädchen richte, um auf diesem 
Wege „die Rasse zu verseuchen“. Kinder 
von einem J. kommen dann mit roten 
Haaren zur Welt 227a ). 

227 ) Murawski Die J.n bei d. Kirchenvätern 
1925, 34; Hahn Griech. u. alban. Märchen 1, 
31; Kretzschmar Neugriech. Märchen 24 f. 
336 N. 47; Leskien Balkanmärchen 261 ff.; 
Schudt II. 1, 321 ff. u. 4, 133 ff. (von den 
Frankfurter Juden); Alemannia io, 5; vgl. 
auch Kühnau Ober schles. Sagen 1927, 443 ff. 
** 7a ) Gaßner Mettersdorf 14. 

Der J.nhaß ist alt, geht schon in vor- 
christl. Zeiten zurück 228 ). Welche Motive 
bei uns ausschlaggebend waren, ist schwer 
zu sagen; gewiß neben religiösen auch 
wirtschaftliche 229 ). Die heutige antisemit. 
Literatur wendet sich vor allem an den 
Halbgebildeten, der unkritisch alles Ge- 


827 


Jude, Jüdin 


828 


druckte glaubt; das Volk wurde von 
ihr nur auf dem Umweg über die Zeitung 
oder parteipolitische, hündische Agita- j 
tion erfaßt, wobei man vor allem den | 
Ostj.n an griff, und dabei vergaß, daß 
er ein Träger deutscher Sprache und 
Kultur im Slavischen gewesen ist 230 ). i 
Aber jenseits dieser Zeiterscheinung liegt 
im Volk eine Abneigung gegen den J.n; 
er ist nicht angesehen 231 ), wird in Lied 1 
und Schwank lächerlich gemacht 232 ); 
es wird „hepp, hepp“ hinter ihm her¬ 
gerufen 233 ), man fordert spöttisch Matzen 
von ihm 234 ), trägt den „Tod“ beim 
Winteraustreiben dem J.n in den 
Kasten 235 ). Es gilt als verdienstlich, 
ihn zu betrügen und zu überlisten 236 ). 
Selbst der „lange Wacker“, ein neckender 
Spuk, hatte es auf J.n abgesehen 236a ). 
Ein Kleriker entehrt des J.n Tochter 
unter dem Vorgeben, er sei der Engel 
Gabriel und wolle mit ihr den Messias 
zeugen, und man findet das witzig 237 ). 
Man zwingt ihn, das Kruzifix zu grüßen 238 ), 
verweist ihn von ehrlichen Gesellschaf¬ 
ten 239 ). Er muß Spottdienste leisten 240 ) 1 
und wird verhöhnt, indem man von 
ihm einen Pasch (3 Würfel) fordert 241 ), 
auf ein Brett klopft 242 ), mit Steinen nach 
ihm wirft 243 ). Besonders beliebt ist im 
16. Jh., ihn an einer Sau saugend dar¬ 
zustellen 244 ); auch an öffentlichen Ge- 


Frechheit 257a ); sie stehlen 258 ), lügen 
und betrügen 259 ), sind albern aber¬ 
gläubisch 26 °). Aber es ist auch von der 
Einfalt des J.njungen (dumme Hans) die 
Rede 261 ). Trotz alles Hasses begreift 
man doch, daß ein Frevel an J.n ebenso 
bestraft wird wie der an einem andern 261 *). 

228) Felix Stähelin D. Antisemitismus d. 
Altertums 1905; Aug. Bludau J.n u. J .nver- 
folgungen im alten Alexandria 1906; Wilcken 
in Abh. Sachs. Ges. d. Wissensch., Phil.-hist. 
Kl. 27 (1909), 759 ff.; H. v. Schubert Gesch. 
d. christl. Kirche im FrühMA. 1921, 106. 165. 181. 
184 f.; Murawski Zusammenhang mit In¬ 
quisition: S. Reinach Cultes, mythes et 

religions 2 (1906), 401 ff.; Otto Clemen Flug¬ 
schriften aus d. ersten Jahren d. Reformation 
1 (1907), 373 ff.; Alfr. Falb Luther u. d. J. 
1921; Reinh. Lewin Luthers Stellung z. d. J. = 
Neue Studien 2. Gesch. d. Theologie 10; Hist. 
Ztschr. in, 432 f. 22i ) Caro 1, 455 ff. 

231) ) Süddeutsche Monatshefte Febr. 1916, 

682 ff. 674 ff. 82911. 711 ff. 231 ) Curtze 

Waldeck 279; Zaunert Dtsch. Märchen aus 
d. Donaulande 1926, 36; Grimm KHM. Nr. 115. 

232 ) Fox Saarland. Vk. 1927, 125; Mackensen 

Hanseat. Sagen 96; Karl Rothe r Schles. 
Sprichwörter 1928, 205; ZfrwVk. 16, 22 ff.; 
17, 8 ff. 19; 18, 55; Schütze Holstein. Idiotikon 
2, 94 f.; Liebe 59 ff.; Reichlin-Meldegg 
Faust 2, 121. 233 ) Wrede Rheni. Volkskd. 

1922, 105; Jungbauer Bibliographie 313 

Nr. 2096; Montan us Volksfeste 132. 234 ) 

Höfler Ostern 11. 235 ) Peuckert Schles. 

Volkskunde 1928, 92; Drechsler 1, 66. 23 *) Cä- 
sarius v. Heisterbach Wunderbare Geschich¬ 
ten, München s. a. 31 f.; ZfVk. 9, 358; Grimm 
KHM. Nr. 7. 110; Wisser Plattdtsch. Volks- 


bäuden (in Wittenberg, Aschersleben, 
Magdeburg, Dessau, Zerbst, Frankfurt 
a. M., Salzburg) fand sich dergleichen. 
Es gehen Wunderzeitungen um, daß eine 
Jüdin Schweine gebar 245 ). Vielleicht 
stammt von hier die Sage, daß Jesus ihn 
höhnende J.n in Schweine verwandelt 
hätte 246 ). Mitunter haben J.n auch 
Schweinsohren 247 ), Beulen am Gesäß 248 ); 
sie stinken, am meisten in der Karwoche 249 ). 
Wenn sie spucken, bleibt der Speichel 
in ihrem Bart hängen 250 ); sie spucken dem 
Christen in Speise und Trank 251 ). Ebenso 
aber sollen sie angeschnäuzt werden 
(Wien) 251a ). Auch ihre krumme Nase 
wird zu deuten versucht 252 ). Sie müssen 
um ihrer Bosheit willen wandern 253 ). 
Unter ihren Eigenschaften nennt man 
Feigheit 254 ), Habgier (Shylock) 255 ), 
Geiz 256 ), Falschheit und Faulheit 257 ), 


märchen 1 (1919), 74 f.; Boehm u. Specht 
Lettisch-litauische Märchen 1924, 289 ff. 291t.; 
Kretzschmer Neugnech. Märchen 191. 205 f.; 
Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm 1, 280 f.; 
v. Reichlin-Meldegg Dtsch. Volksbücher v. 
Joh. Faust 1848, 74; Müllenhoff Sagen 535Ü.; 
Sieber Harzsagen 1928, 165 f.; Zaunert Dtsch. 
Märchen aus d.Donauld. 157. 169 f. 23ßa ) Wolf 
Deutsche Märchen u. Sagen 346. 237 ) v. d. Leyen 
in BayHfte 1, 58; Cäsarius v. Heister- 
bach34; Schudt 1,411 f.; Güdemann 3, 206; 
Zingerle Volksmärchen aus Süddeutschld. 35 ff.; 
Jak. Wassermann Juden von Zirndorf 1918, 
30 ff. Vgl. auch Bünker Schwänke, Märchen 
u. Sagen in heanz. Mundart 1906, 410!.; Tille 
Verzeichnis d. böhm. Märchen F.F.C. 34, 308 ff. 
Das Motiv schon im Indischen: Joh. Hertel 
Ind. Märchen 1921, 92 ff. 238 ) Kruspe Erfurt 
1, 105. 23J ) Grässe Preußen 2, 680 f. 240 ) 

Schudt II. 1, 263. 241 ) Ebd. II. 1, 277 ff. 

242 ) Ebd. 1, 351 ff.; 4, 239 f.; Rheinische Ge¬ 
schichtsblätter 2 {1895/96), 180; Heinr. Ans¬ 
helm v. Ziegler u. Kniphausen Histor. 
Labyrinth d. Zeit 1701, 1307. 243 ) Schudt II. 
1, 262; Strackerjan 1, 453 Nr. 247. 244 ) 


829 


Jude, Jüdin 


830 


Tentzels Monatl. Unterredungen 1693, 534f-: 
Liebe 16. 35. 88. 105; Schudt 1, 258; II. 
1, 260 f.; 4, 249 — 251; Pawlikowski 752; 
Güdemann 3, 206; Archiv f. Landeskd. 

Provinz Sachsen 3, 157; vgl. auch ZrwVk. 17, 9; 
vgl. Schöppner Sagen 2, 219; Nik. Pol Jahr¬ 
bücher 3, 7. 245 ) Pawlikowski 652; ZfdPhil. 

36, 491; J anssen Gesch. d. Dtsch. Volkes 5, 342; 
Liebe 57; doch vgl. Schudt II. 1, 250. 
24# ) Dähnhardt Natursagen 2, 102 ff. 2790.; 
Wolf Niederländ. Sagen 665; ZfVk. 5, 101; 
S6billot Folk-Lore 3, 141; Schudt II. 1, 347 
nach Dudulaeus (17. Jh.); Globus 92, 288. 
* 47 ) Strackerjan 2, 182 Nr. 420. 248 ) Wolf 

Beitr. 1, 249. 249 ) Strackerjan 1, 451 Nr. 247; 
Schudt II. 1, 344. 25 °) ZfdMyth. 3, 67; Bir- 
linger Volksth. 1, 383. 851 ) Meyer Aberglaube 
194; Strackerjan 1, 451 Nr. 247. Verbot, 
mit J.n zu speisen, ist häufig, vgl. z. B. Caro 

1, 91 f.; Lammert 50. 25ia ) ZföVk. 32, 40. 

***) MschlesVk. 11 (1906), 96; Kühnau Ober - 
schles. Sagen 477 i. 253 ) Birlinger Aus Schwaben 

2, 410. 2M ) ZfVk. 5, 320; ZfDtschkd. 39, 204; 

Schudt 1, 319 f. 324 f.; Rother Schles. Sprich¬ 
wörter 306. 266 ) ZfDtschkd. 39, 204; Klapper 
Erzählungen 282; Schöppner Sagen 2, 335ff.; 
Volksfreund in den Sudeten (Hirschberg i. R.) 
1831, 420 (J. in Wolfsgrube); Zaunert Rhein¬ 
land 1, 233 (2, 96); ZfdMyth. 2, 432; Krauß 
Märchen d. Südslawen 202 ff. 266 ) Zaunert 
Rheinland 2, 170 f. 287 ) ZfDtschkd. 39, 204. 
* 58 ) Schlesiens Vorzeit in Wort u. Bild 4, 607 
(Hausspruch); Boehm u. Specht Lettisch¬ 
litauische Märchen 277. 2M ) Nachw. 257; 
Zaunert Rheinland 1, 189; Güdemann 3, 
147 f.; Schudt II. 2, 86; Pawlikowski 
830; Birlinger Volksth. 1, 501. 2€0 ) Rother 

Schles. Sprichwörter 94. 261 ) Bolte-Polivka 

3, 146 f. 261a ) Karasek-Langer u. Strzy- 
gowski Beskiden 97 f. 

Der J. als ethnologisches Objekt. Es 
war nicht zuletzt das Gefühl, ein ganz 
fremdes Volk vor sich zu haben, welches 
dazu verführte, auf seine Sitten und 
Bräuche zu achten. Man bekümmerte 
sich um jüd. Gebäcke (s. o.) 262 ), um ihre 
Säuglingspflege 263 ), vor allem aber um 
ihre Sterbebräuche. Wenn sie Karfreitag 
nicht die Knochen ihres Fleisches ins Wasser 
werfen, stirbt eins aus der Familie 264 ). 
Wenn ein J. stirbt, wird er durchs ganze 
Haus getragen und gegeißelt, daß er 
nicht wiederkommt 26S ); in Hessen gilt 
das bloß, wenn er Sonnabend stirbt 
(Eschwege, mündl.). Neun Tage wird im 
Hause getrauert, ein Licht gebrannt, 
nichts aufgeräumt 266 ). Der Tote wird 
auf eine flache Holzpritsche gelegt, 
rasiert 267 ), die andern setzen sich auf ihn 
und drücken den Kot heraus (Posen 


mündl.). In den Sarg bekommt er Geld 268 ), 
es dem Messias zu geben, und Steine, 
Christus damit zu bewerfen 269 ), im Ber- 
gischen Hammer, Zange, Kupfermünzen 
und Brot 27 °), in Schlesien außer Geld 
und Steinen einen Topf Essen, Scherben 
auf die Augen und ein Schloß vor den 
Mund 271 ). Ein Frauensarg wird niedrig 
in Bändern getragen Ä72 ). Begegnet ein 
Schwein, so wird die Leiche noch einmal 
zurückgetragen 273 ). Aus dem J.nknöchlein 
(Lus) ersteht bei der Auferstehung der 
ganze Leib wieder 274 ). Auch die jüd. 
Frommheit wird beachtet und findet 
Anerkennung 275 ), und es zeigen sich beim 
Tode Unschuldiger Wunder 276 ). Die 
Fabeleien des Dudulaeus (Anhang der 
Schrift vom ,,ewigen J.n“ über die Strafen 
der 12 Stämme) leben noch fort 277 ). 

262 ) Höf ler Weihnacht 36; Ostergeb&cke 39; 
Aus d. Beuthener Lande 2 (1925), 148. *•*) 

Lammert 137. 2ft4 ) SchwVk. 10, 30. 14# ) 

Strackerjan 1, 451 Nr. 247. ,44 ) Aus d. 

Beuthener Lande 2 (1925), 148, wo noch andere 
Sterbegebräuche genannt werden; Peuckert 
Schles. Volkskd. 1928, 169 f. ,#T ) Ebd. 169. 
2W ) Schulenburg 110. ,a# ) Peuckert Schles. 
Volkskd. 169; Jahn Hexenwesen 28; Jos. 
Winckler Pumpernickel 1926, 202 f. ,7 °) 
ZrwVk. 1908, 251. * 71 ) Peuckert Schles. 

Volkskd. 169; vgl. dazu Jahn Hexenwesen 28. 
272 ) Peuckert 170. 273 ) Strackerjan 1, 452 
Nr. 247. 274 ) ZfVk. 5, 101 f.; Männling 

Curiositaeten 369. ,78 ) Meyer Baden 345. 

27# ) Pawlikowski 116; Strackerjan 
1, 46; Caro 1, 216. * 77 ) Jahn Hexenwesen 

27 f. 

Der gewöhnliche Beruf des J. ist viel¬ 
fach, wenigstens im Osten bis vor kurzer 
Zeit, der des Hausierers 278 ), Musikan¬ 
ten 278a ) gewesen, der mit einem großen 
Huckesack übers Land zog. Das hat dazu 
geführt, daß man Kinder mit ihm und 
seiijem Sack schreckt 279 ). Seltsam, daß 
auch dem toten Kinde auf dem Wege 
zum Himmel drei J.n auflauern t80 ). 

278 ) Zaunert Rheinland 1, 89; 2, 96; Fox 
Saarld. Volkskd. 121. 122. 125. 355 f.; Pröhle 
Märchen f. d. Jugd. 45 ff.; Zaunert Dtsch. 
Märchen seit Grimm 1, 199; 2,58 (Rother 
Schles. Sprichwörter 254). 17&Ä ) Ausd. Beuthener 
Lande 1 (1924)» x 33 - * 79 ) Bmd. 29, 43. 44; 

Knoop Hinterpommern 158 Nr. 29; Wrede 
Rhein. Volkskd. 156; Eifeier Volkskd. 142; 
mündl. aus Posen; doch vgl. ZföVk. 4, 269. 
*®°) Drechsler 1, 298; Peuckert Schles. Vk. 
231. 



831 


Jude, Jüdin 


832 


Angang. Gegenzauber. Der Angang 
des J.n bedeutet (Hessen, Böhmerwald) 
Glück 281 ), besonders am Neujahrstage 
(Ungarn) 282 ), Unglück (Ostfriesland, 
Franken, Erzgebirge) 283 ) oder einen 
Prozeß 284 ). Ein J. als erster Käufer 
verheißt schlechte Geschäfte 284a ). Ein 
Spieler, der dort sitzt, wo ein J. saß, 
hat kein Glück 284b ). Fragt am Morgen 
ein J. nach der Zeit und antwortet man, 
gibt man das Glück fort 285 ). Träumen 
von J.n bedeutet Ärger, Klatsch 286 ), 
Verluste 287 ). Ein Riß im Kleid, der Tod 
bedeutet, heißt J. 287a ). In Schlesien 
und am Hunsrück fürchtet man ihren 
bösen Blick 288 ). 

Schlagen zwei übers Kreuz Wasser 
ab 289 ), reichen sie sich die Hände über 
Kreuz 2893 ), stirbt ein J. 


M1 ) ZfVk. 18, 312; Schramek Böhmerwald 
256. 2ß2 ) ZfVk. 4, 318; Wien: ZföVk. 33, 46. 

J 83 ) Wuttke 208 §288; John Erzgebirge 

l f 37. 284 ) Wuttke 208 §288. 284a ) Kehrein 
Nassau 2, 257 Nr. 94. 284b ) Bl. Pomm. Vk. 

3, 106. 2M ) Drechsler 2, 194 f.; Peuckert 

Schles. Volkskd. 170; ZföVk. 33, 46. 288 ) Drechs¬ 
ler 2, 202. 287 ) Großes Traumbuch (Brl., Uni- 
versitas-Vrlg.) 65. 287a ) Wiener Kinderglaube 

ZföVk. 33, 45. 288 ) Wuttke 444 § ^ 99 - 2811 ) 

Drechsler 2, 257; ähnlich ZföVk. 33, 46. 
289a ) Knoop Hinterpommern 182 Nr. 253; 
Der Oberschlesier 3, 773; mündl. in Breslau 
(auch von Juden); vgl. Volkskunde 2, 141. 

Wetter. An jüd. Feiertagen ist stets 
schon Wetter 290 ). Wenn es schneit, 
sagt man, der J. habe das Deckbett 
aufgeschnitten und jetzt fliegen die Flaum¬ 
federn heraus 290a ). Haben sie spät Ostern, 
gibt es ein spätes Frühjahr 291 ). Erhängt 


sich ein J., gibt es großen Wind (vgl. 


Selbstmörder) 292 ). Gegen Hagel wird 


der J., der letzte Rückenwirbel des 


Schweines, im Kamin aufgehängt 293 ). 


l9 °) Drechsler 2, 199; Peuckert Schles. 
Volkskd. 170; mündl. durch ganz Schlesien; 
es regnet: Aus d. Beuthener Lande 2 (1925), 148. 
a90a ) (Niederösterreich): Germania 29, 105 

Nr. 39. 291 ) Drechsler 2, 199. 292 ) Hermann 

Gloede Märkisch-pommer sehe Volkssagen 52; 
BIPommVk. 5, 104; Oberschles. Heimat 2, 108 
aus Gleiwitz. 283 ) Eberhardt Landwirtschaft 4. 

Vegetationszauber. Möhren darf man 
nicht am Sonnabend (J.nsonntag) säen, 
sonst erhalten sieWurzein wie J.nbärte 294 ). 
Das Karsamstag in den Acker Stecken 
Schaden-abwehrender Kreuze heißt „den 


J.n in den Acker stecken“ 295 ). Um Leob- 
schütz (Schles.) werden am Karmittwoch 
Feuer auf den Feldern angezündet: das 
J.nsehen 296 ) (Judas suchen, sehen) 297 ). 

294 ) Mar zell Pflanzen im Volksleben 1925, 82. 
29s ) Schönwerth Oberpfalz 1, 434 N. 5. 

2J6 ) Jahn Opfer gebrauche 126; vgl. ZföVk. 
33, 48. 2 * 7 ) Drechsler 1, 77 f. 

In Jahresspielen. In den Fastnachts¬ 
umzügen erscheint im deutschen Böhmen 
ein J. 298 ). Der „Tod“, der beim Sommer¬ 
singen den J.n ins Haus getragen wird 2 "), 
ist der J. (?) 300 ). Im Dorf Weyer (Eifel) 
werden Ostern die J.n verhöhnt und es 
wird mit Steinen nach den Haustüren 
geworfen 300a ). Die Kohle des am Oster¬ 
sonnabend verbrannten, geweihten Holzes 
heißt J. kohle 300b ). In Wulfen (Anhalt) 
wird beim Mädchentanze acht bis vierzehn 
Tage nach Pfingsten dem J.n der Bart ab¬ 
geschnitten 301 ). Weihnachten finden sich 
in Gesellschaft des Bären (s. d.) und 
Schimmelreiters im Ermland drei J.n 
ein m ), ebenso begegnet er im schles. 
Weihnachtsspiel 3023 ). Von J.nwettrennen, 
ähnlich dem Wettrennen der Buckligen, 
Dirnen, wird aus Rom 16. Jh. berichtet 303 ). 

298 ) John Westböhmen 38.39.43. 164; Langer 
DVöB. 5, 115 ff. 130; ii. 139 ü; 7 , 179 = Leh¬ 
mann Sudetendtsch. Volkskd. 1926, 138 (Vgl. 
Liebe 58 f.). 2 ") Drechsler 1, 66 f.; Peuckert 
Schles. Volkskd. 92; Stieff Schles. hist. Laby¬ 
rinth 309 f.; Unsere Heimat (Beilag. z. Rati- 
borer Rundschau) 1924 Nr. 8 nach Matthias 
Moritz Chronik v. Piltsch. 30 °) Vernaleken 
Mythen 296 (aus Österr.-Schlesien); darnach 
wohl Mogk Sitten u. Bräuche 60. 300a ) Wrede 
Rhein. Vk. 259. 3D0b ) Vernaleken Alpen¬ 
sagen 113. 3Ü1 ) ZfVk. 7, 89 f. 302 ) Brunner 

Ostdtsch. Volkskd. 1925, 205. 302a ) MjdVk. 7 

(1901); vgl. Vogt Weihnachtsspiele Register. 
303 ) ZfVk. 2, 56—67. 

Der J. in der Medizin. Es handelt sieb 
hier nur um den passiven Anteil des J.n 
(s. sonst Sp. 810). Eine Erkrankung des 
letzten Finger- oder Zehengliedes heißt 
in Posen Judsche (= Jüdin); die weiße 
ist eine schmerzhafte Vereiterung; die 
schwarze (Blutvergiftung) führt zum Tod 
(mündl. aus Grünfier Krs. Filehne). Jüd. 
Leichenteile dienen in Galizien gegen 
Typhus 3 04 ); der Leichnam, zerschnitten, 
als Heilmittel 305 ); J.nweihrauch W6 ) > 
J.nstein ^J, J.npech s 08 ), J.nsalbe **)> 
J.npflaster 310 ) waren gebräuchlich. In 


833 


Jüdel—jüdisches Gericht 


834 


den epischen Teilen vieler Segen spielen 
die J.n, die Jesu peinigten, Jerusalem 
die J.nstadt, Longinus ein Jüd usw. 
eine Rolle 3U ). Der J.n-Kalender enthält 
die Bedeutung der „Zeichen“ für den 
Aderlaß 312 ). 

304 ) Strack Blut 63 = Urquell 2, 179; 3, 
126 ff. 305 ) Strack Blut 63. 30 «) Joh. Jak. 
Schröders medizin-chymische Apotheke 362. 

307 ) Ebd. 280. 316 f.; Archiv f. Gesch. d. Medizin 
3 » 49 - 59; Megenberg Buch d. Natur 381. 

308 ) Hovorka-Kronfeld 2, 189. 30a ) Archiv f. 

Gesch. d. Medizin 3, 287. 286; Alemannia 13, 
63 f.; 19 . 31. 3b. 31 °) Ebd. 19, 32 f.; Urquell 

1, 27. 311 ) Vgl. etwa Lammert 263; Höhn 

Volksheilkd. 1, 88; Birlinger Aus Schwaben 1, 
446; Schönwerth Oberpfalz 3, 267; Seyfarth 
Sachsen 134; Bartsch Mecklenburg 2, 384; 
SchwVk. io, 45; Mein Heimatland 10, 9L; 
ZrwVk. 1905, 282; Germania 26, 233 t.; ZfdA. 
27, 3 ° 9 ; ZfEthn. 31, 47 1 Nr. VI; Mansikka 
45. 47. 48; Wuttke 170 §229; Wlislocki 
,Volksglaube 160. 312 ) Heer Aliglarn. Heiden¬ 

tum 7. 

Erwähnt, weil manche lokalen Fabeleien 
daran knüpfen, mag werden, daß eine 
Reihe von mit „Jude“ zusammengesetzten 
Orts- und Flurnamen im Sprachgebiet 
vorhanden ist 313 ). 

313 ) Z. B. Schönwerth Oberpfalz 3, 349; 
Baader N. Sagen 84 f. — Künzig Schwarz¬ 
wald 298; Birlinger Aus Schwaben 1, 321; 

2, 408; Gand er Niederlausitz 121. 

Der J., Wirbelknochen des Schweins, 
im Stall aufgehängt, schützt gegen Be¬ 
hexung des Viehs 314 ). 

314 ) Meisinger Volkskd. v. Rappenau 1906, 

52. Peuckert. 

Jüdel, Jüdelchen, Jülchen, Jüd- 
chen, ein Hausgeist oder Erdmännchen 
in Thüringen, Sachsen und Niederlausitz. 
S. Gütel, Gütchen (3, 1233 ff.). 

Burren. 

Judenbaum. In einem Segen gegen 
Zahnschmerz heißt es: „Guten Abend, 
du J., hier bind ich dir alle meine Zahn¬ 
schmerzen an“ usw. x ). Die Formel ge¬ 
hört in die große Gruppe der Segen, in 
denen der Schmerz auf einen Baum über¬ 
tragen wird 2 ). Seyfarth nimmt mit 
Recht an, daß es ursprünglich wohl hieß 
„guter Baum“, doch könnte sich damit 
die Vorstellung vom Judasbaum ver¬ 
bunden haben. 

x ) Seyfarth Sachsen 196. 2 ) Wuttke 328 

§ 488; WürttVjh. 13 (1890), 175 Nr. 75; 176 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


Nr. 79; 217 Nr. 256; Müllenhoff Sagen 513 
Nr. 17; Kuhn Mark. Sagen 376; Witzschel 
Thüringen 2, 272. 273. 283; Das 6. u. 7. Buch 
Mosis (Buchversand Gutenberg), 44. 52. 60; 
Birlinger Volksth. 1, 209 Nr. 316. Jacoby. 

Judica. Der 5. Sonntag in den Fasten. 
Er wird der schwarze Sonntag, auch der 
lahme, lose, Passionssonntag genannt und 
gilt als Unglückstag J ). Es muß an 
ihm regelmäßig jemand eines gewalt¬ 
samen Todes sterben 2 ). In österr.- 
Schlesien glaubt man, daß auf dem ganzen 
Erdenrunde drei neugeborene Kinder er¬ 
trinken müssen. Wer auf dem Felde 
arbeitet, bei dem schlägt nächstes Jahr 
das Gewitter ein 3 ). Man darf nirgends 
hingehen als in die Kirche; der Teufel 
geht um und sucht, wen er verschlinge 4 ). 
Auch in Luxemburg, wo der Tag Elle- 
sonndech (Angstsonntag) heißt, darf man 
nicht ausgehen, sonst begegnet einem 
der Teufel 5 ). Auf dem Eichsfelde wurde 
der Sonntag Judica früher als der weiße 
Sonntag bezeichnet. Es gab in jedem 
Hause Hirsebrei, in Duderstadt Schnee¬ 
milch 6 ). Bei den Tschechen ist auf J. 
Todaustragen, bei den Mähren in 
Schlesien Sommereinbringen 7 ). In 
Ohrdorf (Hannover) werden die Mädchen 
von den Knaben bespritzt 8 ). 

*) Sartori 5 . u. Br. 3, 134 A. 14. a ) Meyer 
Aberglaube 213. 3 ) Drechsler 1, 74 f. 4 ) 

Haltrich Siebenb. Sachsen 285. 6 ) Fontaine 
Luxemb. 33. 6 ) Wüstefeld Eichsfeld 61. 

Über die Speisen und Gebäcke des Tages: 
Höfler Fastnacht 96. 7 ) Vernaleken Mythen 
294 f.; Tetzner Slaven 275; Sartori 3, 130 
A. 1. 8 ) Ebd. 3, 155 A. 39. Sartori. 

jüdisches Gericht. In einigen Be¬ 
sprechung sformeln gegen Gicht oder das 
Kalte (Fieber), von denen eine bereits 
um 1600 in sächsischen Visitationsakten 
steht, heißt es von Jesus: „Gott der Herr 
stand im Jüdengericht“ usw. o. ä. J ). Die 
Juden schreien: Gott der Herr hat die 
Gicht; das leugnet Jesus usf. Ähnliche 
Sprüche sind im Albertus Magnus ent¬ 
halten 2 ), wobei aus dem Judengericht 
auch wohl das „Jüngste Gericht“ wird 3 ) 
oder das „Gottes Gericht“ 4 ), manchmal 
auch einfach: „Jesus trat in den Saal, da 
fochten ihn die Juden an überall“ 5 ). 
Die Sprüche hängen zusammen mit denen 
gegen den „Ritter“ oder „Ritten“ *), 

27 



jüdisches Land 


jung 



d. i. rite, ritte, ritt; ahd. rito, ritto; ags. 
hridhe „Fieber“ 7 ), vgl. den Spruch, 
den die hl. Hildegard überliefert 8 ): „si 
quis ridden habet, accipe de fructu fagi, 
cum primum procedit, et eum in pura 
aqua scilicet springbornen, commisce; et 
haec verba die: ,Per sanctam scincturam 
sanctae incarnationis qua Deus homo 
factus est, tu riddo, vos febres, defice et 
deficite in frigore et calore tuo in homine 
isto N.‘, et tune aquam illam da illi ad 
bibendum; per quinque dies eam parabis, 
et si aut cottidianam aut quartanam 
habuerit, ab eis cito liberabitur, aut 
Deus eum liberare non vult“. Diese 


Fiebersprüche erzählen, daß Jesus im 
Gericht oder am Kreuz gezittert habe 
usw. 9 ), ein aus alten Gebeten 10 ) über¬ 
nommener apokrypher Zug der Leidens¬ 
geschichte, der vielleicht mit Mt. 26, 37. 
Luc. 22, 44 zu verbinden ist. So heißt es 
in einem Gebet des Antidotarius animae 
des Salicet (15. Jh.) von dem am Kreuz 
hängenden Christ 11 ): „cum turbatis 
sensibus, cum rauca voce, cum vertigine 
cerebri“. Als volkstümliches Bild war 
das J. G. schon im 16. Jh. wie auch noch 
heutzutage verbreitet 12 ). 

J ) Seyfarth Sachsen 134. 2 ) WürttVjh. 13 

(1890), 166 Nr. 34. 3 ) a. a. O. 175 Nr. 76; 188 
Nr. 131; 241 Nr. 361, vgl. 209 Nr. 229; Scheible 
Kloster 3. 511. 4 ) WürttVjh. 13, 187 Nr. 126. 
190 Nr. 160; Sechstes u. siebentes Buch Mosis 
(Buchversand Gutenberg), 77. 5 ) WürttVjh. 

a. a. O. 204 Nr. 208; Scheible a. a. O. 495. 
•) WürttVjh. a. a. O. 203 Nr. 207; Scheible 
a. a. O. 494. 7 ) Wackernagel AltdWb. (1878), 
239. 8 ) Physica 3, 26; Migne Patr. Lat. 197, 
1235 f- 9 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2, 231; 
ZfdA. 13, 214; 17, 429; 24, 188; ZfVk. 1 (1891), 
174; Grimm Myth. 3, 500 Nr. 16; Thiers 1, 
357, vgl. 1, 85 nach Cajetan's Summa s. voc. 
incantatio; Revue arch£ologique 1892, 58; 

Hovorka u. Kronfeld 1, 150 f.; Mansikka 
Über russische Zauberformeln (1909), 101. 

10 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 204. n ) Thiers 
4, 55. 12 ) ZfVk. 18 (1908), 149; Drugulin 

Histor. Bilderatlas 1 (1863) Nr. 2394 (aus Ulm 
von A. Ulhart, zweite Hälfte des 16. Jh.). 

Jacoby. 


jüdisches Land. In einem Dreifrauen¬ 
segen von 1602 gegen die Hinsch oder 
Haisch heißt es 1 ): „Es wohnten drey 
im j. L., die eine sprach: ich stehe“ usw., 
wo sonst der Berg Sinai oder die Midbar 
(Wüste) u. ä. genannt ist 2 ). Gemeint 


sind die drei Marien Mc. 16, 1 (wo man 
Salome mit der Maria, Frau des Kleophas, 
identifizierte) 3 ). Das 3. L. als dieser 
Wohnsitz erklärt sich danach leicht. 

x ) ZrwVk. 2 (1905), 297; 9 (1912), 3. 2 ) Württ. 
Vjh. 13 (1890), 168 Nr. 43; 197 Nr. 179; 204 
Nr. 209; Panzer Beitrag 1, 269; Scheible 
Kloster 3, 496; Seyfarth Sachsen 166; Elsäss. 
Mschr. 1913, 3890.; Mansikka Über russ. 
Zauberformeln (1909) 1940. 3 ) Vgl. Seyfarth 
Sachsen 118; Ebermann Blutsegen 81. 

Jacoby. 

Jugend s. jung. 

Jul s. Weihnacht. 

Juli. 

I. Der J. hieß bei den Römern, die das 
Jahr mit dem März begannen, ursprüng¬ 
lich Quintilis, der 5. Monat. Im Jahre 
45 v. Chr. erhielt er zu Ehren Julius 
Cäsars, der in diesem Monat geboren war, 
den Namen Julius 1 ). Der älteste deutsche 
Name, Heumonat 2 ) (Hewimänoth,Heu- 
wet), dürfte schon vor Karl dem Großen 
üblich gewesen sein, da er sich in den 
meisten germanischen Sprachen und auch 
bei den Finnen, Esten, Letten und Klein¬ 
russen findet 3 ). Im holsteinischen (Bor- 
hesholmer) Kalender (16. Jh.) heißt der 
J. Hundemaen, was mit dem Hin¬ 
weis darauf erklärt wurde, daß im J. 
die Hündin läufig wird 4 ). Sie wird aber 
auch im Frühjahr läufig, weshalb man 
besser an die Hundstage (s. d.) denkt. 
Im deutschen Banat heißt der J. auch 
Wärmemond 5 ); auf Sylt Barigtmuun 
(Erntemonat) 6 ), im dän. Ormemaaned, 
was auf die um diese Zeit auftretende 
rote Schildlaus bezogen wird, wie man 
dies von den slawischen Monatsnamen 
annimmt 7 ) (tschech. cerven = Juni, cer- 
venec — kleiner Juni, Juli). In Fischarts 
„Aller Praktik Großmutter“ stehen die 
Namen: Dieboltmonat (Theobald, 1. J.), 
Hundshochzeit und Jakobsmonat (25. J. ) 8 ). 

Wegen Personifikation des J. s. 
Monat. 

J ) Meyer Konv-Lex* 10 (1905), 360. 2 ) Wein¬ 
hold Monatnamen 43 f.; H. Fredenhagen 
Deutsche Monatsnamen (Festschr. z. 18. Haupt- 
vers. d. Allg. d. Sprachvereins. Hamburg 1914. 
S. 141). 3 ) Reinsberg Böhmen 329. 4 ) Wein¬ 
hold a. a. O. 46. 6 ) Ebd. 60. 6 ) Ebd. 32. 7 ) Ebd. 
51. 8 ) Ebd. 36. 46. Zum Namen „erster Augst“ 
s. August. 


2. Im J. tritt die Sonne in das hitzige 
Zeichen des Löwen 9 ) und die Hunds¬ 
tage (s. d.) beginnen. Daher empfahl der 
hundertjährige Kalender besondere Acht¬ 
samkeit. Man soll sich vor hitziger 
Speise und Trank hüten, allerhand küh¬ 
lende Früchte und Sachen mit Maß ge¬ 
nießen, schleimige Speisen fleißig meiden, 
Arzneien, Purgieren, Baden und Ader¬ 
lässen unterlassen, auch sich der Un¬ 
keuschheit und übrigen Schlafens ent¬ 
halten und den Kopf nicht mit Sorgen 
und Kummer beschweren 10 ). Der J., in 
dem im alten Rom am 7. die Nonae Ca - 
j>rotinae zu Ehren Junos gefeiert wurden, 
die an die Saturnalien erinnern u ), ist erst 
in neuerer Zeit der beliebteste Monat 
für verschiedene Festlichkeiten und Ver¬ 
einsveranstaltungen geworden 12 ). 

Spärlich sind die auf Wetter und 
Landwirtschaft bezüglichen Über¬ 
lieferungen. Der J. soll, besonders für den 
Weinbau, sonnig sein, denn „was der Juli 
nicht kocht, kann der September nicht 
braten“ 13 ), wird dann später schwer zur 
Reife kommen. Nach ungarischem Volks¬ 
glauben soll man von dem am 1. J. ge¬ 
mähten Heu den Tieren zu Weihnachten 
zu fressen geben, dann bleiben sie das 
ganze Jahr gesund; und wenn man an 
diesem Tage ein Stück Roggenbrot ißt 
und darauf Wein trinkt, so wird man im 
Jahre nie hungrig sein 14 ). Regen am 
2. J. 15 ) (Maria Heimsuchung), aber noch 
häufiger am 10. J. (Siebenbrüder) 16 ) be¬ 
deutet, daß es sechs, im zweiten Falle sie¬ 
ben Wochen lang regnet. Der 13. J. 
(Margaretha) gilt allgemein als Regen¬ 
tag 17 ). Im Böhmerwald sagt man: ,,D’ 
Margredl brunzt gern“ 18 ), und in Tirol 
heißt Margaret die Wetterfrau. Regnet 
es an ihrem Tage, so hält der Regen 
vierzehn Tage an 19 ). Von anderen Los¬ 
tagen (s. d.) des J. ist besonders wichtig 
der Jakobstag (25. J.) 20 ). 

•) Ausdeutung bei Nork Festkalender 45öS. 
10 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 379 f. 11 ) Frazer 
2» 313. 12 ) Vgl. Reinsberg Festjahr 199 ff. 
13 ) Vld. 21 (1919), 90 (Österreich); Wäldler- 
kalender 4 (Oberplan 1926), 103. 14 ) ZfVk. 4 
(1894), 4 ° 4 - 15 ) Baumgarten Aus der Hei¬ 
mat i, 50; ZrwVk. 1914, 270. 18 ) Hese- 

mann Ravensberg 108; Reinsberg Böhmen 


349 u. Wetter 155; Haldy Bauernregeln 68 f.; 
Jungbauer Volksdichtung 225. 17 ) Reins¬ 

berg Böhmen 350 u. Wetter 154; Haldy 67. 
18 ) Jungbauer Volksdichtung 225. l9 ) Zin- 

gerle Tirol 167. Ähnliches gilt von Maria 
Magdalena (22 J ), die ..gern weint“, d. h. Regen 
bringt (Leoprecht ing Lechrain 189). 20 ) 

Reinsberg Festjahr 2140.; Sartori Sitte 
3 . 29 f. 

Vgl. Ulrich (4. Juli), Jakob (25.), Anna 
(26.), Abdon (30.). Jungbauer. 

jung (Jugend). Als j. und Jugend 
wird die Zeit des Menschen bezeichnet 
vom zartesten Kindesalter bis zur vollen 

I 

geistigen und körperlichen Entwickelung 
des Organismus, das wäre also beim Manne 
etwa bis zum 23. und beim Weibe bis zum 
20. Lebensjahr. — Es ist nicht mehr als 
billig und natürlich, daß sich die Sym¬ 
pathie der Älteren dem j.en Geschlecht 
zuwendet. Die Jugend bedarf der Stütze 
und Leitung, sie ist unerfahren, und sie 
ist in ihrer sorglosen Frische und wachsen¬ 
den Kraft die Freude der bedachtsam ge¬ 
wordenen Jahre 1 ). Diese können in die 
Jugend alles Wünschenswerte und Gute 
hineindenken, und sie tun es auch. Denn 
obgleich die Kräfte der Jugend an Ver¬ 
stand, an Urteilskraft und Gedächtnis 
oft erstaunlich zunehmen, obgleich die 
Phantasie ihr Leben durchdringt und er¬ 
hebt, so bleibt die Jugend, wenn sie un¬ 
verbildet ist, naiv in ihrem Leben und 
fügt sich der bildenden, erfahrenen Hand. 
Daher ist es richtig: „Bei dem Volk wie 
bei den Frauen steht immerfort die Ju¬ 
gend obenan“. Man begegnet ihr gern. 
In den Läden hat man es gern, das Hand¬ 
geld an jedem Tage von einer j.en 
Person zu empfangen 2 ). Das bringt dem 
Verkäufer Glück. Ebenso, wenn man 
zu Anfang eines neuen Tages oder in der 
Silvesternacht, oder am Ncujahrstage 
erst jungen Leuten begegnete 3 ). Es 
brachte der älteren Person Glück, wo¬ 
möglich für das ganze Jahr 4 ). Wenn 
die Brautleute auf ihrem Wege zur Kirche 
von einem j.en Burschen aufgehalten 
werden, so bedeutet das für sie Glück 6 ). 
Hingegen bringt die Begegnung der Alten 
Unglück (vgl. Alter und alte Weiber, 
Angang). 

Alles, was sich gesund entwickelt, wird 
dem Menschen heb, und umgekehrt faßt 


839 


jung 


841 


J ungbrunnen—J ungfrau 


842 


840 


den Menschen gegen alles Verwelkende 
oder krankhaft Ungesunde wachsende Ab¬ 
neigung und Mißtrauen. Den Alten 
kommt selbst das Mißtrauen in die eigene 
Kraft. Es glückt ihnen nicht mehr wie 
in den jungen Jahren, — und wenn es 
das Pfropfen der Bäume wäre 6 ). Das 
Glück begleitet die Jugend wie ein leuch¬ 
tendes Feuer, wie ein Etwas, das uner¬ 
gründlich und unerschöpflich hilft. Man 
sieht ihrer Kraft manches nach und ver¬ 
zeiht ihr die Äußerung des Mutwillens 7 ). 
Sie kann sich vieles zumuten, etwa in 
schwerem Arbeiten oder dem Tanze, was 
alten Leuten den Tod bringen würde, 
doch geht auch sie gelegentlich an der 
Überspannung der Kräfte zugrunde 8 ). 

Dem blühenden Alter ist die Züge¬ 
lung durch das erfahrene Alter durchaus 
nötig. So sehr sich ,,gesetzte Männer 
und Frauen" am frischen und natürlichen 
Wesen der Jugend erfreuen mögen, so 
treten sie doch auf dem Dorfe Über¬ 
spannungen gewöhnlich mit der nötigen 
Energie entgegen. Das Alter ist sich seiner 
Überlegenheit bewußt und macht sie 
geltend. Unter den Südslaven spricht 
die ältere Frau zur jüngeren: Ich war 
früher da als du. An dir ist die Reihe zu 
folgen, weil du jünger bist 9 ). Bei uns 
spricht wohl der Vater ironisch zur recht¬ 
haberischen Tochter: Du hast ja auch 
ganz Recht, du bist ja was älter als ich. 
Unter den Südslaven redet in den Bera¬ 
tungen der Ältere, und der Jüngere 
schweigt 10 ). Bei uns heißt es: ,,Ein 
Junger rede nicht, es sei denn, daß ein 
Alter nieset, da er sprechen mag: Gott 
helf“. Unter den Südslaven hat der Haus¬ 
vorstand ein großes Recht, sogar das freie 
Jüngstenrecht n ). „Die Eltern bleiben 
in der Regel mit ihrem jüngsten Sohn unter 
einem Dach. Wen der Vater wähle, ist 
seine Sache" 12 ). 

Unterdes regt sich überall in der Welt 
die Eifersucht der älteren Söhne gegen 
den jüngsten Bruder. Das geschieht im 
Märchen sowohl wie in der Josephsge¬ 
schichte 13 ). Sie stoßen ihn in einen 
Brunnen oder in eine Zisterne 14 ). Das 
Wasser des Brunnens hat aber nach einer 
baskischen Erzählung 15 ) die Kraft, daß 


es dem, der sich damit wäscht, die ewige 
Jugend verleiht. Weiter entwickelt sich 
die Brunnensage zu der Vorstellung, daß 
der Grund des Brunnens den Eingang 
zu einer neuen Welt 16 ), dem Lande der 
j ewigen Jugend, bilde, was sich mit dem 
bekannten Grimmschen Märchen be¬ 
rührt 17 ). Klar und deutlich wird die Vor- 
j Stellung von dem Lande ewiger Jugend, 
wo die Sonne scheint, die Wiesen grünen, 

; die Bäume blühen, in den irischen El- 
i fenmärchen 18 ). Das Land der Elfen liegt 
; unter den Wassern, es liegt auch tief im 
| Berge, und wem es beschieden, hinein¬ 
zukommen, der findet die Tür, durch¬ 
schreitet den dunklen Gang und lebt, 
alles vergessend, im Lande, wo 200 Jahre 
I wie ein Tag sind. So versinkt Osschin mit 
dem makellosen weißen Füllen, das er 
j in dunkler Nacht auf seinem Felde ge- 
| fangen, in die Erde und lebt 300 Jahre 
bei den Toten im Lande des ewigen 
Lenzes 19 ). 

Es sind Gedanken der Sehnsucht nach 
| dem bleibenden Gute des Lebens, die sich 
zum Bilde des Landes ewiger Jugend 
verdichten, Gedanken, die die Sehnsucht 
der Alten wiedergeben, und zwar in der 
Form des irdischen Lebens; in der Sage 
vom Kulengraver aber mit christlichen 
| Ideen durchsetzt 20 ). Die Jugend selbst 
lebt sorglos der Gegenwart und freut sich 
des Lebens, ohne die großen Güter, Ge¬ 
sundheit und Jugend, zu erkennen. Sie 
bilden das der Jugend notwendige At¬ 
tribut. 

Das spätere Alter, dem die Zeiten 
eisern sind, sehnt sich nach der Ju¬ 
gend, der holden Führerin, zurück 
und weiß von Mitteln, die die Jugend 
erhalten 21 ) oder Menschen wieder j. 
machen 22 ). Der Runzelbalg alter Weiber 
wird verjüngt durch das Wasser des 
Brunnens Boncia 23 ). Tiefer geht die Sage 
unter den wilden Völkern der Erde, daß 
den Menschen ursprünglich von der Gott¬ 
heit die Unsterblichkeit zugedacht war. 
Sie sollten die Jugend erneuern, wie 
Pflanzen und Eidechsen die alte Haut 
abwerfen und sich in glänzender Jugend¬ 
frische zeigen. Aber die Menschen haben 
durch Undankbarkeit gegen den gütigen 



Gott das zugedachte Gut verwirkt und 
müssen sterben 24 ). 

- 1 ) Hergez Die Jugendspiele. Progr. Brüx; 
Herzog Volksfeste 125 ff.; ders. Schweizer - 
sagen 2, 43 f. 2 ) Wuttke 487 § 777 u. 210 § 292; 
SAVk. 7, 136; Schönbach Berthold v. R. 31. 
3 ) SAVk. 19, 21; ZfrwVk. 1906, 65; Wuttke 
208 § 288. 4 ) Drechsler 1, 48. 5 ) SAVk. 8, 268. 
•) Ebd. 19, 44. 7 ) Meyer Baden 392. 8 ) 

Schramek Böhmerwald 222. 9 ) Krauß Sitte 
u. Brauch 667. 10 ) Ebd. n ) Rütimeyer 

Urethnographie 4; Storfer Jgfr. Muttersch. 189. 
12 ) Krauss Sitte u. Brauch 667. 13 ) 1. Mose 

cap. 37 ff. 14 ) Sebillot Folk-Lore 2, 325. 
15 ) Ebd. 5. Note. 16 ) Ebd., oben. 17 ) Bolte- 
Polivka 1, 207 ff. 18 ) Mannhardt Germ . 
Mythen 457. l9 ) Ebd. 462!. 20 ) Müllenhoff 

Sagen 172 ff. 21 ) SAVk. 23 (1921), 166; Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 218. 22 ) Frazer 5, 180; 

Wolf Beiträge 2, 5. 23 ) Birlinger Schwaben 1, 


a&R 24\ Fra 7pr 


TAT 


Inßtf d 


Jungbrunnen s. Verjüngung. 
Jungfrau s. Sternzeichen. 

Jungfrau (J.), Jungfräulichkeit (Jk.), 
jungfräulich (j.lieh) (Jungfern- = J.n-). 


1. Allgemeine und christliche Wertung der Jk. 
2. Germanische Auffassung. 3. Kennzeichnung 
u. Erprobung der Jk. 4. Jk. im Fruchtbarkeits-, 
Viehschutz- und Regenzauber. 5. Glücks- und 
Heilkraft der Jk. 6. J. im Volksbrauch und in 
volkskundlichen Benennungen. 7. J. in der 
Sage (vgl. bes. Art. Keuschheit, ledig, auch 
Mädchen, Braut u. Frau). 

1. Bei Primitiven sowohl wie bei Kultur- 

finrlp-n wir rlpn Glanhpn daß die 


Jk. ein „mysteriöses Etwas" sei, „das in 
übernatürlicher Weise sowohl im Himmel 
als auch auf Erden eine Macht ausübt" x ). 


Aus der gerade im Sexuellen sich zei¬ 
genden Verschiedenheit der seelischen 
Anlage und der moralisch-religiösen Ent¬ 
wicklung erklärt sich die verschiedene 
Bewertung der Jk. in aller Welt. 
Wenn man sagt: „Höher angelegte Völker 
haben vor der Jk. stets ehrfürchtige 
Scheu gehabt" 2 ), so muß man sich über 
die Verschiedenartigkeit und verschiedene 
Herkunft dieser Ehrfurcht Rechenschaft 
ablegen; allgemein erinnert sei an die 
Bedeutung der Jk. in den Jugendweihe¬ 
riten 3 ), die kultische Defloration durch 
Fetisch, Priester, Fürst 4 ), die kultische 
Preisgabe und Opferung der Jk. 5 ) 
(vgl. christl. Opfer der Jk. bei Jung¬ 
vermählten an heiligen Tagen) 6 ), die 
Darbringung einer „reinen" J. als er¬ 
lesenste Opfergabe 7 ), die Schändung 


christlicher Märtyrerinnen als Vorbe¬ 
dingung der an reiner J. nicht voll¬ 
streckbaren Todesstrafe 8 ), die Verwen¬ 
dung der J. im Kult und Aberglauben 
als Zauberin, Priesterin und Gottes¬ 
braut 9 ) (vgl. Reinigung von Athene- 
Heiligtum durch barfüßige J.en) 10 ), 
schließlich „das christliche Institut der 
gottgeweihten J.en“ u ) und die reli¬ 
giös-mystische Vergeistigung und Ver¬ 
göttlichung der Jk. bis zum christl. 
Marienkult 12 ) (Marienamulett gegen 
bösen Blick u. a. 13 )). 

Aus der antiken Welt, in der die Sage 
von der j.liehen Mutterschaft viel¬ 
fach lebendig war 14 ), brachte die rö¬ 
mische, „jungfräuliche" Kirche 15 ) 
(eine „unverdorbene Eva") 16 ) uns die 
Ende des 4. Jh.s sich durchsetzende 
Lehre von der (fortwährenden) Jk. Ma¬ 
rias 17 ), der „Anfängerin der Jk." und 
späteren Patronin aller J.liehen lö ). Dem 
unerfreulichen Gelehrtenstreit über phy¬ 
sische Einzelheiten dieser Jk. Marias 19 ) 
folgt eine wachsende Bevorzugung des 
J.enstandes vor dem Ehestand 20 ) zum 
Nachteil unserer abendländischen Moral 21 ) 
(der Stand der Witwen kommt dem der 
J.en nahe 22 )), — und eine teils einseitig 
sexuelle, teils überschwenglich religiöse 
Betonung der „unbefleckten" Jk., die 
gerade zur Zeit der stärksten Entehrung 
und Entrechtung der Frau (Prügelzucht, 
Hexenhammer s. Frau) am stärksten 
hervortritt 23 ) und parallel geht mit 
starken orientalischen Einflüssen auf un¬ 
sere abendländische Sitte. „Reine und 
unbefleckte J.en sind das Ideal aller 
moslimischen Liebessehnsucht" 24 ), und 
der Koran verspricht den Gläubigen im 
Jenseits J.en, die immer schön bleiben 
und nie Mütter werden 25 ). 

*) Jennings Rosenkreuzer 2, 132; vgl. Hart¬ 
land Primitive Paternity 2, 327 (Reg.); Frazer 
12, 513 (Reg.); Sebillot Folk-Lore (Reg.). 
2 ) Weinhold Frauen 3 1, 195. 8 ) Visscher 

Naturvölker 2, 416 ff. 4 ) Liebrecht Zur 
Volksk. 420 f. 511. 5 ) Frazer 1, 30; Nilsson 
Griech. Feste 3650.; Pauly-Wissowa ii, 2, 
2174. 6 ) Z. B. Arnold v. Harff 53, 31. 7 ) Vgl. 
die Darstellung auf Gemmen Höfler Organo- 
ther. 10 u. 285; Spuren in Volkssagen z. B. Wolf 
Beiträge 2, 88. 8 ) Jennings Rosenkreuzer 2, 133. 
*) Pauly-Wissowa 11, 2, 2131; Fehrle 


843 


J ungfrau 


844 


Keuschheit 58. 10 ) Roscher Lex. 1, 138; 

Weinhold Ritus 5. n ) Feusi Gottgeweihte 
J.en (1917) 206 ff. 12 ) Gihr Meßopfer 188. 190. 
235. 404; Pradei Gebete 53; ZfVk. 10, 234; 
Storfer Jungfr. Mutterschaft 189; vgi. als 
Endpunkt der Entwicklung etwa Böckelmann 
Moderne Mariendichtung (Anthologie). 13 ) Se¬ 
ligmann 2, 327. 14 ) Steinmann Die Jung¬ 

frauengeburt u. d. vergl. RelGesch.\ Weinreich 
Heilungswunder 20; Boll Offenbarung Joh. 121. 
123; Usener Relgesch. Unters. 1 (1889), 1. 

70 ff.; vgl. auch Frazer Totemism 4, 376; 
Schmidt Gottesidee 1, 493; Clemen Neues 
Testament 223 ff. 15 ) ARw. 8, 373 ff. u. 9, 73 ff. 
(Conybeare Die jungfräul. Kirche u. d. jungfr. 
Mutter, Übersetzung). l8 ) ARw. 9, 75. l7 ) 

Harnack Materialien = Hahn Biblioth. 
der Symbole u. Glaubensregeln 3740.; Lehner 
Marienverehrung i. d. ersten Jh.n 2 (1886) 133 f. 
139; Stolle Kirchenväter 500. 18 ) Lucius 

Anfänge des Heiligenkultes 428 ff. 433. 
1# ) Kurtz Lehrbuch der Kirchengeschichte 1, 
uöf.; Erweis durch Hebammenuntersuchung 
(Clemens von Alexandrien), Lucius Heiligen- 
kiUt 422ff.; vgl. dagegen Koran Sure 19, 16ff. 
20 ) Lucius Heiligenkult 429; Siebert Heili¬ 
gen- u. Reliquienverehrung 11. 21 ) Vgl. Theiner 
Die Folgen der erzwungenen Priesterehelosigkeit. 
22 ) Z. B. Ambrosius Libri ires de Virginibus , 
Stolle Kirchenväter 271; vgl. Klapper Er¬ 
zählungen 26, 337. 23 ) Hansen Zauberwahn 

488 ff. 24 ) Stern Türkei 2, 125. 25 ) Koran, 

Sure 2, 23. 

2. Den ausgesprochen christlichen 
Begriffen von der Keuschheit (s. d.) 
und der Jk. 26 ) widerspricht die alt- 
germanische Auffassung sehr stark. 
Sie weiß, soweit wir sehen können, noch 
nichts vom Wert der „physischen Jk.", 
für die nach einem bekannten Spottwort 
noch Emilia Galotti stirbt. Sie sieht in 
der J. die künftige Frau und Mutter und 
in der Mutter oder Ehefrau niemals die 
um den Idealwert der Jk. beraubte, 
minderwertige Weiblichkeit. 

Wenn im Süden „die Elementargewalt 
des Volksglaubens" für den Gottessohn 
„eine j.liehe Mutter verlangte" 27 ), so hat 
im Norden der Volksglaube (im Nach¬ 
klang alter Mütterkulte) immer wieder 
den Müttern den für die J.en reser¬ 
vierten Heiligenschein zurück verlangt. 
Fern allem Kampf um Lösung der Seele 
vom Irdischen seiner Natur hat der Ger¬ 
mane das J.liehe wohl nur als das Wach¬ 
sende und Werdende, das sich Bewahrende 
und Zukunft Tragende im Hinblick auf 
seine natürliche Bestimmung gewertet, 


und von hier aus die vom Römer bewun¬ 
derte voreheliche und eheliche Keuschheit 
seiner Sitte geschaffen, die weder durch 
den Anblick der Körper 28 )* und das freie 
Nebeneinander der Geschlechter, noch 
durch Ehe und Elternschaft beeinträch¬ 
tigt werden kann, und für die unsere ganze 
Kulturgeschichte in zahlreichen Vertei- 
digungsschrif ten desEhestandes ver¬ 
geblich kämpft. Vgl. das Sprichwort 
„die Ehe ist kein Verlust der Jk." 2Ö ). 

Trotz der üblichen vorehelichen 
Enthaltsamkeit 30 ) kennt das Ger¬ 
manische nicht die spätere Betonung 
bräutlicher Jk. mit Jungfernkranz 
und Jk.sprobe 31 ), noch eine Scheu vor 
Witwenheiraten; und eine Schändung 
wird ohne Rücksicht auf die Jk. als eine 
Vergewaltigung fremden Willens (der 
Frau oder ihrer Sippe) bestraft 32 ). Be¬ 
achtlich ist die verschiedene Bewertung 
der J. in den Wehrgeldbestimmungen der 
Stammesrechte; bald halbe, bald doppelte 
Mannesbuße. 

Nur insofern also ist „die indogerma¬ 
nische Vaterfamüie eine Hüterin jung¬ 
fräulicher Unbeflecktheit", ohne für den 
Begriff der unbefleckten J. oder der Jk. 
auch nur einen gemeinsamen Namen 
zu haben 33 ) (vgl. zapÖEvo; und virgo) 34 ). 
Auch auf germ. Sprachgebiet fehlt völlig 
eine Unterscheidung der Jk. durch 
besonderes Wort. Das altnord, „masr" 
wird erst in späten, christlichen Dich¬ 
tungen und Überlieferungen in dieser 
Richtung abgegrenzt („sannr meydömr" 
der Maria in der „Lilia") 35 ) und durch 
das Lehnwort „jungfrü" ersetzt. Saga 
und Edda mit ihrem Frauenreichtum 
betonen den Begriff der „unberührten" 
oder „gefallenen" J. nicht. Göttinnen 
mit betonter Jk. in Snorris Mythenwerk 
(z. B. Gefion) sind von geringer religions¬ 
geschichtlicher Bedeutung 36 ). Wo dem 
Weiblichen an sich „sanctum aliquid" 
zugesprochen wird, grenzt sich die Jk. 
nicht durch besondere Heiligkeit ab. 
Von Brynhild zu Emilia und Gretchen, 
wie von Nerthus und Frea-Frigg zu Maria 
gehen wichtige Entwicklungslinien un¬ 
serer Sittlichkeit. Lehrreich zumal ist 
ein Vergleich zwischen der eddischen 


845 


J ungfrau 


846 


Brynhildsage und dem Nibelungen¬ 
lied. Erst letzteres verknüpft die krie¬ 
gerische Körperkraft der Brynhild mit 
der Jk.; nach der widerwärtigen Bändi¬ 
gungsszene nimmt Günthers „Minne" 
ihr „meituom" und Kraft 37 ). 

Walkürenmacht in nordischer Sage 
(vgl. Helgidichtung, Völundlied u. a.) 38 ) 
ist nicht an die geschlechtliche Unbe¬ 
rührtheit gebunden, und weder im 
Zauber noch im Kult genießt die reine J. 
besonders betonte Geltung 39 ), während 
dann, bedeutungsvoll, im Parzival der 
verheiratete Held neben betont j.liehen 
Gralsträgerinnen das Heiligtum ver¬ 
waltet 40 ). 

So erwächst also der auf die Jk. bezügl. 
Aberglaube aus den zwei Wurzeln 
der heidnischen Ehrfurcht vor den wach¬ 
senden und noch ungelösten Kräften der 
Jugend und der Christ 1 . Wertschätzung 
der dem Triebhaft-Sündigen nicht ver¬ 
hafteten Keuschheit. 

l< ) Vgl. bes. Klapper Erzählungen 402, 20 f. 
,T ) Fehrle Keuschheit 24. 28 ) Vgl. Schrä¬ 

der Reall. 1, 580, wo das Verwundern des 
Römers auf eine das 19. Jh. kennzeichnende 
Art mißverstanden wird. 29 ) Graf-Dietherr 
Dt. Rechtssprichwörter 139. 3J ) Caesar De 

bell. Gail. 6 , 21. 31 ) Vgl. Schräder Reall. 1, 

581. 32 ) Vgl. His Gesch. d. dt. Strafrechts bis 

zur Karolina 140 ff. 33 ) Schräder Reall. 1, 
331; man weiß, wie bedeutungsvoll die 
griech. Übers, von Jes. 7, 14: „junge Frau" 
durch rapftevo; geworden ist; Fehrle Keusch¬ 
heit 24. 34 ) Schräder Indogermanen 82; Ders. 
Reall. 1, 580; seine Beweisführung fällt mit der 
Entscheidung über den Quellenwert der von 
Weinhold Frauen 2 2, 199 f. herangezogenen, 
altnordischen Belege (vgl. Schräder Reall. 1, 
347 ) 35 ) Vgl. Krause Die Frau in der Sprache 
der aliisl. Familiengesch. 93 38 ) Tiede Gottes¬ 
erkenntnis 226 macht freilich sogar Wuotan 
zum jungfräulichen Gott. 37 ) Fehrle Keusch¬ 
heit 62. 38 ) Vgl. Nachklang weiblicher Waffen¬ 
fähigkeit u. Walkürennatur Kohlrusch Sagen 
175 f.; RTrp. 1890, 12: La fille deguisSe en 
dragon (Thiersot); Urquell 4, 249 ff. 39 ) Vgl. 
dagegen Weinhold Frauen 3 1, 195 schwär¬ 
merische Annahme von bevorzugter J.enver- 
wendung im germ. Kult und Zauber. 40 ) Par¬ 
zival 477, 13 ff.; Birch-Hirschfeld Sage 

vom Gral (1877) 249. 

3. An allerlei Äußerlichkeiten und mit 
oft unsauberen Mitteln sucht der Volks¬ 
glaube die so wichtig genommene (phy¬ 
sische) Jk. oder ihren Verlust festzu- 
stellen 41 ). Weithin beliebt ist die (auch 


im slavischen Hochzeitsbrauch beliebte) 
J.enprobe 42 ), die zumal überall da, wo 
Jk. im Kult eine Rolle spielt, erscheint 43 ) 
(außerhalb des christlichen Bereichs vgl. 
die heilige Schlange im Juno-Kult, die 
die Nahrung aus den Händen unkeusch 
gewordener Priesterinnen verschmäht und 
so diese entlarvt) 44 ). 

Die Jk. hat verloren, wer nicht mehr 
gegen das Kitzeln empfindlich ist 45 ). 
Kommt der am Barbaratag vom Mädchen 
geschnittene Zweig bis Weihnachten nicht 
zur Blüte, so ist es keine J. mehr 46 ), 
desgleichen, wenn es das Salzfaß auf 
den Tisch zu stellen vergißt 47 ). Die 
Volksmedizin lehrt: Bei J.en ist die kleine 
Vene im Auge rot, bei „Gefallenen" 
blau 48 ), und selbst die Reaktion auf an¬ 
geblich harntreibende Mittel (Ammoniak- 
pulver, Efeuwurzel usw.) wird beob¬ 
achtet 49 ). Bienen können eine reine J. 
nicht stechen 50 ). 

Die sittenrichterliche Skepsis 
des Volksglaubens läßt sich oft nur 
durch ein Wunder besiegen, wie es 
in Hexenprozessen von der des Teu¬ 
felsverkehrs angeklagtcn J. auch ver¬ 
langt wurde. Wenn jemand ein er¬ 
loschenes Licht wieder anblasen kann 61 ), 
oder beim Krautstecken eine Pflanze 
auf den Stein setzt und diese gedeiht 11 ), 
so ist die Jk. glaubhaft bewiesen. Das 
Bad im Morgentau vermag die verlorene 
Jk. wiederzugeben 53 ) und cs heißt, daß 
das Mädchen, das sieben Hurenkinder 
geboren habe, wieder zur J. werde 64 ). 
Pharisäisch wacht die Volksmoral über 
der Jk.; die Spinnstuben waren „förm¬ 
liche Sittengerichtc" 55 ); „gefallene" Mäd¬ 
chen müssen die Gemeinschaften der J.en 
verlassen 56 ), werden verspottet 67 ) und 
selbst beim Tanz an den Schluß gestellt 58 ). 

Das im M. A. gleichzeitig mit der männ¬ 
lichen Bordellgewöhnung wachsende In¬ 
teresse für weibliche Unberührtheit (vgl. 
das Motiv von der J. im Turm), gibt 
neben anderen Kennzeichnungen der Jk., 
(z. B. rotes Band usw. 59 )) auch dem 
J.en- oder Brautkranz seine (sexuelle) 
Bedeutung 60 ) (vgl. die Sitte einer be¬ 
sonderen J.entracht 61 )). Mit bestimm¬ 
tem Kraut geflochten und zum Feste 


847 


J ungfrau 


848 


getragen oder vors Kammerfenster ge¬ 
hängt 62 ), schützen Jungfernkränze be¬ 
drohte Unschuld vor dem Versucher 63 ), 
dem schlimmen Schatten des „faustischen“ 
Menschen; und selbst die Gretchen- 
schicksale, die er schafft, zeigen sich im 
voraus an. So „fällt“ im Allgäu bald 
eine J., wenn sich bei der Fronleichnams¬ 
prozession die Quasten der weißen Fahne 
verknoten 64 ). Wenn ein Mädchen Bier 
verschüttet, kommt sie zu Fall 65 ), den 
Gang zur Hebamme darf eine J. nicht 
wagen u. a. m. 66 ). 

41 ) Z. B. ZfVk. 15, 349; Strackerjan 2, 189 
(Nr. 434). 42 ) Wilutzky Recht 1, 125; ZfVk. 

13, 268; Andree-Eysn Volkskundliches 217; 
Strauß Bulgaren 316; Krauß Sitte 197 ff. 
223 ff. 383. 462. 43 ) Vgl. auch den in der 

altnord. Möttulssage nach altfrz. Vorbild und 
im M. A. noch oft verwendeten Schwank von 
der Keuschheitsprobe mit Mantel an Artus' 
Hof. 44 ) Wissowa Religion 185. 45 ) ZfVk. 8, 
156; Liebrecht Zur Volksk. 371. 48 ) John 

Wtstböhmen 5. 47 ) Wolf Beiträge 1, 239. 48 ) Ger¬ 
hardt Franz. Novelle 49. 49 ) Musäus 107 Nr. 
21; Ploß-Bartels Weib 1, 567!.; L ammert 
146. 60 ) Grohmann 84. S1 ) Panzer Beitrag 

1, 258, 308. 52 ) John Westböhmen 198. 53 ) 

Schönwerth Oberpfalz 2, 133; Weinhold 

Ritus 41. 54 ) Strackerjan 2, 202. 55 ) Meyer 
Baden 173. B8 ) Gaßner Mettersdorf 48; Hill- 
ner Siebenbürgen 18; Meyer Baden 324; Sar- 
tori 3, 212; Schulenburg 107. 57 ) Sartori 

3, 206 (Meyer Baden 223). 58 ) John West¬ 

böhmen 46. 59 ) Grüner Egerland 43. 60 ) Wrede 
Rhein. Volksk. 81 ff. 188; ZfVk. 23, 261. 

81 ) Jensen Nordfries. Inseln 293. 62 ) Schram- 


ek Böhmerwald 149. 


) Sartori 3, 220. 


M ) Reiser Allgäu 2, 148. 65 ) Wuttke § 317. 
**) Höhn Geburt 260; vgl. Andree Braun¬ 
schweig 403. 

4. Die Rolle, die die J. oft neben dem 
Jüngling und dem Jungvermählten in 
manchen an Fruchtbarkeitszauber 
erinnernden Volksbräuchen spielt 67 ), 
ist wohl wesentlicher von der heidnischen 
als von der christlichen Bewertung 
der Jk. bestimmt. „Der Zustand des 
Handelnden beeinflußt die Handlung“ 68 ), 
und man wird wohl hier so wenig wie 
beim alten Nerthuskult die physische 
Keuschheit der kultisch oder zauberisch 
handelnden, zumal weiblichen, Jugend 
als entscheidende Vorbedingung zur Auf¬ 
nahme des göttlichen „numen“ zu suchen 
haben 69 ). Manche Bräuche müssen oder 
mußten hier und da von J.en oder all¬ 


gemein von Ledigen ausgeführt werden 70 ) 
(s. ledig), so der Maitanz, der Wasser¬ 
guß in Frühlingsbräuchen 7l ), wie ähnlich 
das Anzünden des „Notfeuers“ durch 
Knaben, Junggesellen 72 ), das Sammeln 
des Holzes zum Sonnwendfeuer 73 ) u. a. 
m. Vgl. die Rolle der Jünglings- und 
Jungfrauengemeinschaften bei Bräuchen 
wie dem Eierlegen zu Schönecken (Eifel) 
u. a. 74 ). Die J. am Pfluge bringt der 
Saat Gedeihen (feierliches Vorpflügen) 75 ), 
schützt gegen die Pestschwestern 76 ), oder 
befreit die Gemeinde von der Vieh¬ 
seuche 77 ). Ähnlich schützte man in Böh¬ 
men das Vieh, indem man es den von einer 
J. (am Jakobitage) getragenen Kranz 
fressen ließ 78 ). Auch soll das Tuch zur 
Aussaat von einem (siebenjährigen) Mäd¬ 
chen gesponnen sein 79 ). 

Vom Flachsfeld vertreibt in der 
Provinz Hannover eine reine J. (nackt) 
Erdfloh und Maulwurf mit dem Spruch: 
„Erdfloh (bzw. Winneworp), ik wicke 
(jage)dik,ne reine J.jaget (plaget) dik“ 80 ). 
Durch Geschrei suchten schlesische Mäd¬ 
chen den Flachs zu „erschrecken“, „damit 
er in die Höhe fahre“ 81 ). Eine J. (nackt) 
muß die Henne setzen (jüd.) 82 ), aus dem 
Bett einer J. tut man etwas Stroh oder 
Laub ins Brutnest, wenn man Glück 
(oder auch keine Hähnchen) haben 
will 83 ); der Kuh muß eine J. zu fressen 
geben, wenn man ein weibl. Junges 
wünscht, oder wenn sie beim Melken 
nicht still hält, Futter aus der Schürze 
einer reinen J. 84 ), und dem Brautpaar 
muß eine J. (oder junge Frau) das Bett 
machen 85 ). Neben diese Bräuche stellt 
sich die Verwendung des j.liehen Mäd¬ 
chens im sog. Regenzauber und Ver¬ 
wandtem, das oft nackte (schon von 
Burchard von Worms bezeugte) 86 ) „Re¬ 
genmädchen“, das Mannhardt und Wundt 
als zum kultischen Vollzug des Regen¬ 
zaubers nötigen Vegetationsdämon, Wein¬ 
hold als Regenopfer 87 ), Gesemann nur 
als Zauber deuten 88 ), letzterer sich 
stützend auf den Glauben an die beson¬ 
dere, durch die Keuschheit verstärkte 
Zauberkraft der Jk. 89 ). 

67 } Z. B. Mannhardt i, 237 t. * 8 ) Fehrle 
Keuschheit 64. *•) Jedoch Fehrle Keuschheit 64. 


849 


J ungfrau 


850 


I' 

*4 


70 ) Fehrle Volksfeste 45 k; Sartori 3, m. 
Tl ) John Westböhmen 75; Fehrle Volksfeste 46 
u. a. 72 ) Colshorn Mythologie 350 f.; Lauffer 
Niederdt. Volkskd. 123; Schlosser Galgen¬ 
männlein 96. 7S ) Wolf Beiträge 2, 3S3: Hinein¬ 
deuten fremder Reinheitsbegriffe. 74 ) Schmitz , 
Eifel 1, 30. 75 ) ZfVk. 14. bes. S. 143 f.; Mann- ! 
hardt 1, 560; Weinhold Ritus 27; Hoffmann- 
Krayerin SAVk. 11 (1907), 263 ff. 76 ) Krauß 
Volk). 101. 77 ) Mannhardt 1, 561 ff.; Usener 
HessBl. 1, 202 ff. 78 ) Wuttke § 440. 79 ) Gese¬ 
mann Regenzauber 13; Wuttke § 652 (Hess. 
Bay. Oberpf. Pf., Ostpr.); Strackerjan i, 54; 
Frischbier Hexenspr. 135. 80 ) Heckscher 

Hannover (1930). 145 - 61 ) Drechsler 2, 33. 
82 ) Weinhold Ritus 43 - 83 ) Wuttke § 672; 

Meyer Baden 412. 84 ) Eberhardt Landwirt¬ 
schaft 16 f. 8B ) Wuttke §568; Fehrle Volks¬ 
feste 47. 8# ) Mogk Menschenopfer 32 Anm.; 

vgl. Mannhardt i, 329. 87 ) Weinhold Ritus 
22. 88 ) Gesemann Rege?izauber nf.; vgl. 

Sebillot Folk-Lore 2, 224. 89 ) Fehrle Keusch¬ 
heit 55 u. 62; Pradel Gebete 123. 

5. Diese besondere Glücks- und 
Zauberkraft der Jk. äußert sich viel¬ 
fältig. Nur der reinen J. gegenüber hat 
die Hexe (wie auch der Teufel, vgl. 
Faust) keine Macht 90 ); der von keuscher 
J. gesponnene Faden ist besonders zauber¬ 
kräftig und glückbringend 91 ). Der Jäger, 
der sich viel Beute wünscht, muß sich 
von einer J. das Gewehr reichen oder sie 
darüber springen lassen 92 ) (oder das Knie 
einer J. sehen, Polen), jedoch im Angang 
bringt reine J. meist Unglück 93 ), zumal 
am Hochzeitstage 94 ) (Knabe und Hure 
Glück 95 )), und eine reine J. kann nach 
der Sage den wildesten Stier an einer 
Haarschnur führen 96 ). Zumal zum er¬ 
folgreichen Schatzgraben ist oft Teil¬ 
nahme einer reinen J. nötig, sei es als 
Schatzopfer 97 ) oder als Schatzheberin 98 ), 
in geweihter Nacht mit geweihter Kerze, 
mit dem reinen, bzw. sich als unwürdig 
erweisenden Jüngling 99 ), oder auch bei 
der Zurüstung (Rute, Kerze, die durch 
ihr Verlöschen den Schatz zeigt) 10 °), 
und bei der Bannung der den Schatz 
hütenden Wesen (Verwendung der 
„menses“) 101 ). 

Der schles. Volksmund freüich erzählt, 
daß der Schatz im Berg („Landskrone“) 
erst gehoben wird, wenn so viele reine 
J.en Zusammenkommen, daß sie den Berg 
durchsägen können, und man verspottet 
die Spröden, sie wollten dabei einst 


helfen 102 ). Auch wem es gelingt, auf 
einer Totenbahre, die nur J.en trug, 
sechsmal auszuschlafen, dem winkt ein 
solcher Märchenschatz 103 ). 

Auch zur Vertreibung von Unge¬ 
ziefer und Krankheit am Menschen 
taugt die Jk. Um Wanzen los zu werden, 
legt man drei von ihnen in den Sarg 
einer reinen J. 104 ), Bettnässer geben ihr 
etwas von ihrem Harn mit ins Grab 105 ). 
Kranken Kindern gibt man einen von 
einer J. gesponnenen Gamstrang unters 
Kopfkissen 106 ). Reine Jünglinge ver¬ 
mochten nach märkischem Glauben die 
„Rose“ durch Funkenschlagen zu ver¬ 
treiben 107 ). Bereits nach Plinius werden 
Fallsüchtige geheilt, wenn eine reine J. 
sie mit dem Daumen berührt 108 ), und 
über eine schwer Gebärende soll eine J. 
hinwegschreiten, ihren Gürtel fallen las¬ 
send 109 ). Von Geschlechtskrankheit be¬ 
freit Verkehr mit reiner J. u0 ), und un¬ 
garische Zigeunerinnen wissen mit Blut 
einer keusch gestorbenen J. sich vor Un¬ 
treue ihres Geliebten zu schützen m ). 
Der Glaube an die Heilkraft des „un¬ 
schuldigen“ j.liehen Blutes zumal gegen 
Aussatz 112 ) hat die christlichen Dichter 
von Hartmann bis Hauptmann beschäf¬ 
tigt 113 ). Auch das derj. gewährte Vorrecht, 
Verurteilte vom Galgen loszubitten, sei 
hier als Zeichen besonderer Beachtung 
der Jk. erwähnt u4 ), die im übrigen auch 
in der bes. Geltung und Behandlung der 
J.en bei allen Festen (z. B. Sonderbe- 
wirtung der j.liehen Paten vor dem Tauf¬ 
gang u. a. 115 )) zum Ausdruck kommt. 

90 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 174. 91 ) Vgl. 

die von Mädchen gesponnene heÜ. Schnur der 
Brahmanen ZfVk. 21, 157- “) Wuttke § 715; 
Strackerjan 2, 188; Schramek Böhmerwald 
255 - 93 ) Grimm Myth. 3, 440; Meyer Aber¬ 

glauben 136. 94 ) John Erzgebirge 92. 95 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 274; Grimm Myth. 2, 941. 
••) Vernaleken Alpensagen 7. 97 ) Meiche 

Sagen 720. 893. 98 ) Kühnau Sagen 3, 607. 

99 ) Ebd. 3, 606; 1, 241. 10 °) Wlislocki Ma¬ 

gyaren 88. 101 ) Ebd. 102. l0a ) Kühnau Sagen 
3 , 558. 103 ) Wuttke S. 411. 104 ) Urquell 5, 

34; Drechsler 2, 3. 10B ) Höhn Tod 333; 

Ders. Volksheilk. 1, 117. 1M ) Lammert 124; 

Wuttke § 542. 107 ) Kuhn Märkische Sagen 377; 
vgl. o. Anm. 72. 108 ) Stempiinger Sym¬ 

pathie 68. 109 ) Grimm Myth. 3, 447 Nr. 410; 
ZfrwVk. 1906, 229; Wuttke § 324* 326. 


9 


851 


Jungfrau 


852 


n0 ) Hovorka-Kronfeld 2, 152. n ) Urquell 3 
(1892), 12. n2 ) Klapper Erzählungen 234,17! 
U3) V g! Gregorius 224 ff.; Armer Heinrich 2, 2. 
114 ) Burkhard Waldis 4, 67; Birlinger 
Schwaben 2, 460; Mittler Dt. Volkslieder 

Nr. 243 (vgl. Nr. 311!); Liebrecht Zur 
Volksk. 433. us ) Drechsler 1, 194; Fontaine 
Luxemburg 142. 

6 . In den Volksfesten und Bräuchen 
wird vielfach der J. (Jungfer) auch ohne 
Betonung der Keuschheit gedacht (bis¬ 
weilen besonders der ältesten J. im Haus), 
die Fastnacht oder Silvester auf dem 
Tisch tanzen muß u. a. m. I16 ): So in den 
J.enfesten 117 ), der J.enfastnacht 118 ), wie 
im Jn.- oder ,,Mädchen-Tanz“ li9 ), 
schließlich an (kirchlichen) J.en tagen 
(bes. geeignet zum Pflanzen usw.) 12 °). 
Das bekannte Jn.stechen (Burschen und 
Mädchen stechen mit verbundenen Augen 
oder im Vorbeilaufen nach Stroh- oder 
Holzpuppe) 121 ) muß hier unerklärt 
bleiben. Desgleichen volkskundlich be¬ 
achtliche Wortzusammenstellungen wie 
J. im Bade, (Sauj., ein Knochen) 122 ), 
J.nbrot (Wecken, einst an Frauen¬ 
kloster geliefert) 123 ), J.n-Apfel (mit 
dessen Hilfe das Mädchen nachts den 
Zukünftigen sieht) 124 ), J.n-Küchlein (als 
Fastnachtsgeschenk) 125 ), J.n-Honig 126 ), 
J.n-Leder 127 ), -Schwefel (Mittel gegen 
Krätze) 128 ), J.n-Kränzel (Gebäck), mit 
mancherlei Aberglauben beim Einkauf 129 ), 
J.n-Gans 13 °), J.n-Milch 131 ) und J.n- 
Schmarren (in Oberbayem beim Flachs¬ 
brechen gegessen) 132 ), J.n-Kuß (mittel¬ 
alterliche Tortur, vgl. die ,,eiserne J.“) I33 ), 
J.n-Palme (Säfelbaum) 134 ) u. a. 

Eine besondere Bedeutung hat das 
J.n-Pergament, aus der Haut eines 
neugeborenen und ungetauft verstorbenen 
Kindes bereitet 135 ), findet Verwendung 
in Schutzamuletten aller Art 136 ), dient 
zum „Festmachen“ 137 ), zum Bannen des 
Feuers (mit Fledermausherz), und ein Stück 
von einem Hemd, darin eine J. ihre Rei¬ 
nigung gehabt hat 138 ), zum Schutz für 
Schwangere 139 ), zur Heilung von Ge¬ 
schwüren 14 °) und zum Schatzgraben 141 ) 
und Liebeszauber 142 ), ähnlich wie das 
entsprechende J.enwachs, das auch 
gegen Viehschaden 143 ) und Zahnweh der 
Kinder 144 ) hilft und dem Jäger sicheren 

Schuß gibt 145 ). 


11B ) John Erzgebirge 191. ll7 ) ZfVk. 24, 222. 
1X8 ) Fehrle Volksfeste 46 f.; Kapff Fest¬ 
gebräuche 13; Sartori 3, 134. u») John 

Erzgebirge 189; Sartori 3, 119. 120) Boeder 

I Ehsten 76; Strackerjan 2, 91; Rosegger 
Steiermark 232 ff. 121 ) Sommer Sagen 153; 
Tetzner Slaven 334; Sartori 2, 98. 122 ) ZfVk. 
5, 101. 123 ) Höfler Ostern 6. 60. 124 ) Drechsler 
1, 7 - 12S ) Sartori 3, 134. 126) Höhn Volks¬ 

heilkunde 1, 93; Hovorka-Kronfeld 2, 41. 
127 ) Andree Braunschweig 424. 128 ) ZfVk. 7, 

290. 129 ) ZfVk. 12, 201. 130 ) Zachariä Kl. 

Schriften 231 ff. 356 ff. 131 ) Jahn Opfer¬ 
gebräuche 200. 132 ) Birlinger Volkst . 2, 221; 

Waibel u. Flamm 1, 56 f. J33 ) Heyl Tirol 458; 
Gander Niederlausitz 115. l34 ) Höfler Wald¬ 
kult 127. 135 ) Meyer Aberglaube 263. 136 ) Agrip- 
pa von Nettesheim 3, 69; ZfVk. 23 (1913), 7. 9. 
13? ) Sta.rici\i§ Heldenschatz 95; ZfVk. 23, 126 f.; 
Schweizld. 4, 661. 13Ä ) Leoprechting Lech¬ 
rain 22. 13 ») ZfVk. 1, 178. 14 <>) Hovorka- 

Kronield 2, 394; ZfVk. 7, 412; Lammert 207. 
141 ) ZföVk. 6, 114 f.; Lütolf Sagen 234. 142 ) 

Birlinger Schwaben 1, 462; Grimm Myth. 

3, 462. 143 ) ZfVk. 22, 184. 144 ) Rochholz 

Kinderlied 337. 145 ) John Westböhmen 328. 

7. In der Sage erscheint die J. teilweise 
überirdisch als Nachklang alter Ma¬ 
tronen- oder Göttinnenverehrung 
oder vergessener Heiligenlegenden, 
teilweise als die vom wilden Mann oder 
Frauenjäger 146 ) verfolgte und wunder¬ 
bar gerettete Unschuld. Bezeichnungen 
wie J.nteich 147 ), J.nbrunnen 148 ), J.en- 
stuhl 149 ), J.nhöhle I5 °), J.enstein 1S1 ) er¬ 
zählen viele Sagen. 

Heidnische Gottesgedanken im Bilde 
überirdischer Weiblichkeit leben noch 
fort in den durch Feenmärchen (s. Fee) 
beeinflußten Vorstellungen von den oft 
j.liehen weißen Frauen 152 ). Für den 
Wandel unserer Sitte und Wertung der 
Jk. ist kennzeichnend, daß aus ehemaligen 
göttlichen Müttern (vgl. Nerthus-Frea- 
Frigg) j.liehe Nothelferinnen 153 ), hel¬ 
fende, heilende, warnende, schenkende 
und Schicksal fügende oder auch nur 
schöne, tanzende J.en werden 154 ). (Selbst 
die mütterlichste, die Sonne, wird zur 
J.) 155 ). Bemerkenswert ist das Vor¬ 
kommen dreier J.en, so in altertüm¬ 
licher Entzauberungs- und Heilzauber¬ 
formel 156 ). Von den „Einbet, Warbet 
und Wilbet“ 157 ) und den drei j.liehen 
Schwestern christlicher Legende (Fides, 
Spes, Charitas) 158 ) geht ein Weg zu den 
historischen drei schönen Schwestern des 


853 


J unggeselle—J ünglingsweihe 


854 


Königs Dagobert 1., die ihre Unschuld 
vor dem Hemmungslosen durch kühnen 
Sprung über den Fluß gewahrt haben 
sollen 159 ), und von da zu den die mittel¬ 
alterliche Phantasie so überaus beschäf¬ 
tigenden Frauenjagden in Sage und 
Legende: Die durch den Lüsternen (meist 
Jäger, auch Mönch) bedrohte Un¬ 
schuld rettet sich durch kühnen Sprung, 
der dem sündigen Verfolger mißlingt oder 
unmöglich ist 16 °). Namen wie „J.n- 
sprung“ und ähnl. bewahren diese 
Sagen 161 ). 

Eine Mecklenburger Sage erzählt, wie 
eine J., ihre Unschuld dem Verlobten zu 
beteuern, ihren Fuß so fest auf einen Fels 
setzt, daß die Fußspur noch heute zu 
sehen ist 162 ). Thüringer und Tiroler 
Sagen wissen von der J., die, um ihre Jk. 
zu bewahren, erfolgreich um Häßlich¬ 
keit betete, sich einen Bart anwünschte 163 ). 
Endlich ist die verzauberte, von Un¬ 
holden geraubte, auch selbst Schätze 
hütende 164 ) und von (keuschem) Jüng¬ 
ling erlöste J. ein beliebtes Motiv un¬ 
serer Volkssage 165 ), als Nachklang jener 
reineren Zeit, wo die allgemeine mittel¬ 
alterliche Lüsternheit noch Trollen, Riesen, 
Neidingen und Berserkern Vorbehalten 
war. — Auch böser Spuk und Dämonie 
hat sich vereinzelt, so „galant“ 166 ) der 
Aberglaube gegenüber den J.en ist, an 
j.liehe Wesen der Volkssage geknüpft 167 ), 
und der Teufel hat nach mittelalterlichen 
Erzählungen in Gestalt einer schönen und 
frommen J. die Keuschheit manches 
Klerikers bedroht 168 ). 

148 ) Mannhardt 1, 127. 147 ) Meiche Sagen 
388. 148 ) Vernaleken Mythen 19; Panzer 

Beitrag i, 105; Baader Volkssagen 10. l4# ) 

Baadtr Volkss. 377. 15 °) Meier Schwaben 1, 

300; Niderberger Unterwalden i, 79 f. 
l51 ) Boeder Ehsten 13 u. a. l52 ) Vgl. u. a. 
Wrede Rhein. Volksk. 10. 140; Kühnau 

Brot 23; Heckscher Hannover 1 (1930), 19. 
153 ) Fehrle Keuschheit 168. 154 ) Schambach 
u. Müller Nr. 99 f.; Wolf Beiträge 2, 87 f.; 
Kühnau Sagen 1, 347; Strackerjan 2, 298; 
ZfVk. 1, 216; Haupt Lausitz i, 149. 15S ) Kuhn 
Herabkunft des Feuers 93. 156 ) Hovorka- 
Kronfeld 2, 394, vgl. a. 2, 374; Krauß Rel. 
Brauch 49. 157 ) Panzer Beitrag 1, 1 ff. 168 ) 

Wrede Rhein. Volksk. 318 Anm. 87. “•) Pan¬ 
zer Beitrag 1, 348. 160 ) Müller Siebenbürgen 17; 
Schulenburg 4; Meier Schwaben 1, 288 f. 


1#1 ) Vgl. noch Panzer Beitr. i, 197 f.; Witz- 
schel Thüringen 1, 169; Grimm Sagen 226 ff. 
118; Laistner Nebelsagen 276 f.; Meiche 
Sagen 915; Baader Volkssagen 83; Sebil- 
lot Folk-Lore 1, 371. 321 f. 162 ) Bartsch 
Mecklenburg i, 432 f. l83 ) Witz sc hei Thü¬ 
ringen 1, 203; Heyl Tirol 132 Nr. 23. l64 ) Gan¬ 
der Niederlausitz 166. l65 ) Reiser Allgäu 1, 

104; Wolf Beiträge 2, 10; Meyer Rel. Gesch. 
220; Niderberger Unterwalden 1, 79 ff.; 

Rochholz Kinderlied 299; Schambach u. 
Müller 102 f.; Gander Niederlausitz 76 
(Nr. 197). 166 ) Strackerjan 2, 188. 187 ) 

Pfister Hessen 3; Birlinger Schwaben 1, 119; 
Ders. Volkst. 1, 69 ff. lM ) Klapper Erzäh¬ 
lungen 403, 21 ff. Kummer. 

Junggeselle, Jüngling s. ledig. 

Jünglings weihe. Der Übergang von 
der Kindheit zum Jünglingsalter wird 
bei vielen Völkern durch die Vornahme 
bestimmter, herkömmlich geregelterHand- 
lungen gekennzeichnet. Die physische 
Pubertät ist dafür gewöhnlich nicht 
maßgebend, es handelt sich vielmehr 
darum, den Knaben an einem durch die 
Sitte gegebenen Zeitpunkte von seiner 
bisherigen Lebensgemeinschaft in Haus 
und Familie abzusondern und einer 
neuen anzugliedern, die nicht nur durch 
gleiches Alter, sondern auch durch die 
künftige Tätigkeit (als Krieger, Jäger, 
Ehemann usw.) bestimmt wird. Viel¬ 
leicht hat ursprünglich auch die Absicht 
Anteil, Wachstum und Erstarkung der 
Knaben zu fördern. Oft wird die J. 
als Neugeburt, Wiedergeburt aufgefaßt, 
und die Knaben werden zu „Geistern“ 
gemacht durch Bemalung, Maskierung, 
Erzeugung von Geisterstimmen. Durch 
die Aufnahme in die Geheimbünde wird 
auch die Fähigkeit erworben, an den 
religiösen Verrichtungen der Männer 
teilzunehmen x ). Der Jüngling muß, 
ehe er die Vorrechte des vollen Mannes 
erlangt, oft schwere und blutige Proben 
seines Mutes geben und wird argen 
Quälereien ausgesetzt 2 ). Für das ger¬ 
manische Altertum hat L. Weiser bei 
Chatten, Hariem, Langobarden, He¬ 
rulern, Taifalem eine rituelle Aufnahme 
in kultische Verbände nachgewiesen, na¬ 
mentlich aber bei den altnordischen 
Berserkern und Wikingern 3 ). Auch 
hier wird der Gedanke eines Geister¬ 
oder Totenheeres, in das die Jünglinge 




855 


j ungmachen—J üngster 


856 


zeitweilig eintreten, mehr oder weniger 
deutlich durchgeführt. H. Schurtz 
möchte in den Vermummungen des 
Pfingstlümmels und ähnlicher Gestalten 
ursprüngliche Schreckbilder bei Weihe¬ 
festen der Jugend im Frühling sehen. 
Auch die gelegentlich dargestellte schein¬ 
bare Tötung bezieht er darauf und meint, 
sie sei vielleicht erst später auf das Aus¬ 
treiben des Winters bezogen 4 ). Jetzt 
ist die Aufnahme des „Buben“ in den 
Kreis der „Burschen“ gewöhnlich an 
die Zahlung eines „Einstandes“ (in Ge¬ 
stalt von Getränken) geknüpft 5 ). Über 
sonstige Einzelbräuche s. Hänseln. 

*) Vgl. van Gennep Rites de passage 93 ff. ; 
Schurtz Altersklassen 95 ff.; Ders. Urgeschichte 
H9ff. 193; Thurnwald inEberts Reallex. 
6, 172 ff.; Nilsson Religion 97 ff.; M. Zeller 
D. Knabenweihen, Bern 1923 (geht auf euro¬ 
päische Bräuche nicht ein). 2 ) Schurtz 
Altersklassen 97 ff.; Smith Relig. d. Semiten 
251 ff.; ZfVk. 26, 283 f. (Arandas). 3 ) Weiser 
Altgermanische Jünglingsweihen u. Männerbünde 
(1927) 33 ff. 43 ff. 4 ) Schurtz 115 f. 119. 
Vgl. Gesemann Regenzauber 69 f. 74 f. 5 ) 
Becker Frauenrechtliches 60 f. Sartori. 

jungmachen s. Verjüngung. 

Jüngster (Jüngstenrecht). Wie der 
älteste Sohn oder die älteste Tochter des 
Hauses vor den jüngeren Geschwistern 
ausgezeichnet sind (s. älteste^), so hat 
auch das jüngste Kind des Hauses 
etwas Geheimnisvolles in seinem Wesen 
und vor den anderen Kindern einen ge¬ 
wissen Vorzug. Beim Sch 1 afengehen soll 
man des Abends nichts auf dem Tische 
lassen, sonst kann das älteste oder das 
jüngste Kind im Hause nicht schlafen 1 ). 
Bricht des Nachts ein Gewitter los, so 
soll man das jüngste Kind nicht auf¬ 
wecken; solange es schläft, schlägt der 
Blitz nicht ein 2 ). Die drei ersten Hagel¬ 
körner werden dem jüngsten Kinde in 
die Hand gegeben 3 ). In der Umgegend 
von Marseille spricht das jüngste Kind 
in der Neujahrsnacht bestimmte Zauber¬ 
formeln 4 ). Anderwärts bringt es den 
Fruchtbäumen in der Neujahrsnacht ein 
Geldopfer 5 ). Oder es beendet die Ernte, 
indem es die letzten Ähren in den drei 
höchsten Namen abschneidet, während 
die Arbeiter, ein Vaterunser betend, dabei¬ 


stehen 6 ). In diesen Bräuchen mischen 
sich heidnische und christliche Vor¬ 
stellungen. Der Brauch wird von Kindern 
I im zarten Alter geübt, man mißt ihnen 
eine besondere Wirkung bei. So z. B. 
wenn ein Knabe unter 7 Jahren heil¬ 
kräftige Kräuter brechen muß, oder ein 
unschuldiges Kind an einem Gewebe 
mit wirkt. 

Der Jüngstgeborene gilt leicht für den 
klügsten unter den Söhnen eines Hauses; 
im Märchen siegt er über seine Um¬ 
gebung durch List 7 ) oder durch seine 
sorglose Kraft, wie im Märchen von Einem, 
der auszog, das Fürchten zu lernen 8 ). 
Ist das jüngste Kind ein Mädchen, so 
weiß es durch seine Klugheit die Brüder 
zu retten 9 ). Das Märchen schildert, wie 
sich dem jüngsten Kinde die Liebe der 
Eltern in besonderem Maße zuwendet, 
man kann die Neigung bis zum heutigen 
Tage beobachten, und sie findet sich 
besonders dann stark bestimmend, wenn 
das jüngste Kind ein Spätling der Ehe 
ist, also von den älteren Geschwistern 
durch eine Reihe von Jahren geschieden. 
Es ist manchmal, als wenn Eltern das 
bei den älteren Kindern Versäumte und 
Versehene im jüngsten Kinde nachholen 
und diesem ihre reife Lebenserfahrung 
wollten zugute kommen lassen. Vom 
Volke wird diese Sorge, wenn sie sich in 
bestimmten Grenzen hält und nur per¬ 
sönliche Vererbung, als etwa die einer 
Alraunwurzel, betrifft, als recht aner¬ 
kannt 10 ). Wenn es aber darüber hinaus¬ 
geht, und dem jüngsten Kinde das ganze 
Hofgut zufallen sollte, da doch dem 

• «r 

Altesten nach Recht und Herkommen 
das Bauerngut zusteht, so kann gegen 
eine solche Änderung ein ganzes Dorf 
und nicht bloß die gesamte Verwandtschaft 
auftreten. Denn der Besitz einer Familie 
steht über dem Willen des Einzelnen, 
und zwar um so mehr, je größer das Hof¬ 
gut oder Bauernwerk ist u ). Gesetz und 
Herkommen bestimmen das Verhältnis 
der Landbevölkerung, es bleibt das ge¬ 
wohnte Recht vor allem in der Frage der 
Erblassung. Es kann den Geschwistern 
ein Mehr oder Weniger von dem Haupt¬ 
erben aus der Verlassenschaft zugebilligt 


*57 


Jüngster 


858 


werden, aber die Masse des Gutes bleibt 
unzerteilt und in einer Hand. 

Nun gibt es in einigen Gegenden 
Deutschlands und des Auslandes ein sog. 
Jüngstenrecht, wonach der Hof auf 
den Jüngsten übergeht, und dieser die 
anderen Kinder auszuzahlen hat 12 ). 
Grimm ist der Ansicht, daß sich dieses 
Jüngstenrecht selten finde 13 ). Wo 
dieses Recht aus alten Zeiten stammt 14 ), 
da bleibt es, und wird niemand im Lande 
etwas gegen die Sitte einwenden 15 ). 
E. H. Meyer behauptet, daß das Jüngst¬ 
geburtsrecht in Deutschland viel weiter 
verbreitet sei, als Grimm in seinen Rechts¬ 
altertümern annimmt. Er will für Baden 
zwei Hauptordnungen der Wirtschaft 
feststellen 16 ). 

Die tatsächlich geltende Erbfolge ist 
in ihrem Verhältnis zueinander nicht 
leicht zu bestimmen. Jedenfalls aber 
ist aus dem Charakter des Volkes zu ent¬ 
nehmen, daß, wo die eine Erbfolge gilt, 
die entgegengesetzte nicht aufkommen 
kann. Hier und da werden die in den 
letzten zwanzig Jahren erworbenen Güter 
den Jüngsten zugeeignet 17 ). Nicht selten 
freilich machen betagte Eltern den Ver¬ 
such, dem jüngsten Kinde oder auch 
einem jüngeren das Gut zuzuwenden, 
weil sie dadurch länger im Besitz bleiben 
und den „Säbel nicht abzuschnallen 
brauchen“ 18 ). Die Alten wenden dabei 
den Spruch an, daß sich niemand eher 
ausziehen werde, als bis er sich zu Bett 
legen wolle. Aber der Versuch, das 
jüngste Kind vorzuziehen, schlägt fast 
regelmäßig fehl. 

Um das Jüngstenrecht historisch zu 
verstehen, ist auf das Mutterrecht 
verwiesen. Man bemüht sich, da es doch 
seltsam ist, daß dem jüngsten Kinde 
ein unbedingter Vorzug vor dem ältesten 
im Jüngstenrecht gegeben ist, diesen 
Vorzug aus dem Mutterrechte 19 ) zu folgern 
und nachzuweisen, wonach die Mutter, 
solange die Gemeinschaftsehe bestand, 
das Besitztum auf das unter ihren Kin¬ 
dern, das ihr das geeignete zu sein schien, 
vererben konnte und es gewöhnlich auf 
das jüngste zu vererben pflegte, weil 
dieses die beste Gewähr bot, den Unter¬ 


gang des nach dem chthonischen Prinzip 
dem Tode verfallenen Geschlechtes hin- 
auszuzögem 20 ). Die Spuren dieses 
Rechtes und Vorzuges des Jüngstgebo¬ 
renen will man in der Mythologie und 
Geschichte der antiken Völker erkennen. 
Bachofen müht sich, im poetisierenden 
Stil und allegorischer Beweisführung 
einen geheimnisvollen Vorzug des jüngsten 
vor den älteren Kindern eines Hauses zu 
erweisen 21 ). Auf anderem Wege sucht 
Frazer das Jüngstenrecht, welches bereits 
im Alten Testament als das Ursprüng¬ 
liche zu erkennen sei, zu begründen 22 ). 
Wie dem auch sein mag, so ist für die 
Gegenwart sicher, daß lediglich praktische 
Rücksichten maßgebend sind, wenn an 
Gesetz oder Sitte in der Erbfolge ge¬ 
rüttelt wird. 

Die Vorstellungen von den wunder¬ 
samen Kräften des jeweilig Jüngsten 
sind im Volke stark zurückgegangen. 
Sie sind wohl noch wirksam, wo die 
jüngste Person in der Ernte das letzte 
Korn schneidet 23 ). Und es klingt an 
die Fruchtbarkeitsriten an, wenn die 
Übung von gewissen Bräuchen Jung- 
vermählten zugeteilt wird 24 ). In an¬ 
deren Gegenden ist die Auswahl der 
Jüngstverheirateten zur bloßen Form 
herabgesunken, wenn sich nämlich junges 
Volk zum Schmausen zusammenfindet 26 ); 
oder der ursprüngliche Gedanke ist kaum 
noch zu erkennen 26 ), oder er ist zum 
lustigen Scherz geworden: der jüngste 
Knecht wird gehänselt 27 ) und ebenso 
die jüngste Frau bei der Taufe 28 ). Das 
Dorf bringt es dabei zu neuen Bräuchen. 
So muß in Mittelhessen die junge Frau, 
wenn sie ihr erstes Kind zum Impfen 
bringt, den anderen Weibern einen süßen 
Likör zum besten geben. 

1 ) Grimm Myth. 3, 437 Nr. 91; 3, 472 Nr. 
1004; Schönbach Berthold v. R. 151. 2 ) Sar¬ 
tori Sitte 2, 16; Rochholz Kinderlied 348. 
3 ) Eberhardt Landwirtschaft 4, 4 ) Wolf 

Beitr. i, 118. 5 ) Bartsch Mecklenburg 2, 232. 
e ) Meyer Baden 431. 7 ) ZdVfV. 4 (1894), 288. 
8 ) Grimm Märchen Nr. 4. 9 ) Ebd. Nr. 9. 25 
u. Nr. 49. 10 ) Amersbach Grimmelshausen 2, 52. 
ll ) L. F. Werner Aus einer vergess. Ecke 1, 
(Langensalza 1925), 166 ff. 12 ) Liebrecht Z. 
Volkskunde 431. 13 ) Grimm RA. 1, 654 ff. 14 ) 
Drechsler 1, 223; Hoff mann Ottenau 69. 



859 


jüngster Tag 


860 


16 ) SAVk. 21 (1917), 77 u. 25, 71. 1B ) Meyer 
Baden 324 und 330. 17 ) ZdVfV. 11 (1901), 441. 
1B ) SAVk. 23 (1921), 211; Reuschel Volksk. 

2, 76. 19 ) Bachofen Mutterrecht 431. 20 ) Ebd. 
429. 21 ) Ebd. 216 ff. 22 ) SAVk. 23 (1920), 211. 
23 ) Frazer 12, 533 (8, 158 u. 161); Meyer 
Baden 431. 24 ) SAVk. 11 (1907), 263 u. 249; 
Wrede Rhein. Volkst. 253; Meyer Baden 214; 
Schmitz Eifel 1, 20. 25 ) Sartori Sitte 3, 267 
u. 108; Schmitz Eifel 1, 21. 26 ) Meyer Baden 
214; Fontaine Luxemburg 29. 67; Schmitz 
Eifel 1, 63; Brodmann Ettingen 67. 27 ) Mann« 
hardt 1, 613. 28 ) Schmitz Eifel 1, 64. 

Boette. 

jüngster Tag. 

1. Der 3. T. ist der letzte Tag x ) dieser 
Welt, ein synonymer Ausdruck für „Weit¬ 
ende“ (s. Eschatologie), an dem das 
Weltgericht (s. jüngstes Gericht) statt¬ 
findet. 

Wo ein Weitende erwartet wird, kon¬ 
zentriert sich das Denken darauf, sein 
Kommen zeitig genug zu erkennen. Die 
Vorzeichen des j. T.es, die ,,messianischen 
Wehen“, geben dem Wissenden Aufschluß 
über den Termin. Bei fast allen eschato- 
logisch denkenden Völkern werden die¬ 
selben Zeichen angegeben; die Frage, 
wo dies oder jenes bestimmte Vorzeichen 
herkommt, ist deshalb sehr schwer zu 
beantworten, und unser Wissen um ihre 
Geschichte steckt noch in den Anfängen. 
Es sei z. B. nur erwähnt, daß Gunkel, 
Jeremias u. a. sie von Babylon, Gardiner 
von Ägypten, v. Gail aus dem Parsischen 
her kommen lassen; sicher sind alle Völker 
an ihrer Gestaltung beteiligt, und auch 
aus „primitiven Kreisen“ lassen sich Ein¬ 
flüsse konstatieren. Das Einzelne ist 
nach Olriks Vorgang 2 ) noch zu klären. 

Eine besondere Bemerkung erfordert 
die j. T.-Erwartung des deutschen MA.s. 
Entsprechend augustinischer Lehre (de 
civ. dei XX) ist der König, der die vera 
pax befördert, rex justus; sein Gegenteil 
rex iniquus, tyrannus, wird von der 
superbia geleitet. Die Zeit des rex iniquus 
ist eine unheilvolle; sie ähnelt der vorm 

3. T. Hieraus ergibt sich, daß die Zeit 
des rex iniquus und die des Antichrist 
zusammenfallen kann (s. Antichrist IV 2), 
und daß man immer wieder das Weit¬ 
ende nahe glaubt, denn unter jedem 
tyrannus erfüllten sich die Vorzeichen. 


Bemheim, dem wir diese Erkenntnis ver¬ 
danken 3 ), hat sie in einer Reihe Arbeiten 
von seinen Schülern darstellen und weiter¬ 
führen lassen 4 ): 

Ich nenne: Gerhard Bagemihl Otto II. und 
seine Zeit im Lichte ma.lieber Geschichtsauf¬ 
fassung 1913 (64 ff. 87 ff.); Karl Grund 

Die Anschauung des Rudolfus Glaber in seinen 
Historien 1910; Franz J. Feind Die Persön¬ 
lichkeit Kaiser Heinrichs II. nach der augusti- 
nisch-eschatologischen Geschichtsauffassung 1914; 
Gust. Boelkow Die Anschauungen zeitge¬ 
nössischer Autoren über Heinrich III. im Zu¬ 
sammenhang mit den Theorien Augustins, der 
Sibyllinischen Prophetien und der Apokalypse¬ 
kommentare 1913; Gottfried Werdermann 
Heinrich IV., seine Anhänger und seine Gegner 
1913 (18 ff. 42 ff.); Karl Gold Einheitliche 
Anschauung u. Auffassung d. Chronik Ekke¬ 
hards von Aura 1916 (14. 15 f. 18. 20. 26 f. 97); 
Karl Leßmann Die Persönlichkeit Kaiser 
Lothars III. 1912 (37 ff. 45 ff. 50 ff.); Fritz 
Radcke Die eschatolog. Anschauungen Bern¬ 
hards v. Clairvaux 1915; H. Karge Die Gesin¬ 
nung u. die Maßnahmen Alexander III. gegen 
Friedrich I. Barbarossa auf Grund der august.- 
eschatolog. Anschauungen 1914; Wilh. Puhl¬ 
mann Der Staufer König Conrad IV. 1914 
(6 f. 11 ff. 25 f. 28 f. 31 ff.); C. Brückner Die 
Auffassung d. Stau fers Manfred u. seiner Gegner 
1914; Helmuth Hintz Ma.liche Geschichts¬ 
anschauung u. Eschatologie in einem Apocalypse- 
kommentar aus dem 13. Jh. 1915. 

Man wird das Material, das diese Ar¬ 
beiten Zusammentragen, kritisch sondern 
müssen ß ), denn sicher ist nicht die Auf¬ 
zeichnung jedes Unglücks aus eschatolog. 
Ideen heraus geschehen 6 ), hat oft keine 
Hintergründe gehabt als eben den, Kuriosa 
zu notieren. 

*) DWb. IV, 2, 2374 f. 2 ) Ragnarök 1922; vgl. 
dazu R. Reitzenstein Die nordischen, persi¬ 
schen u. christl. Vorstellungen v. Weltuntergang, 
Vorträge d. Bibi. Warburg 1923/24, 1490.; 
ders. Altgriech. Theologie u. ihre Quellen : ebd. 
1924/25, 1 f. 3 ) Bern heim in Deutsche Ztschr. f. 
Geschichtswissensch. 1896/97 N. F.; Z. f. Rechts- 
gesch. 33 Kan. Abtlg. 2 (1912). 4 ) Sämtliche Ar¬ 
beiten als Greifswalder Dissertationen erschie¬ 
nen. Erwähnt mag werden, daß die Hintz’sche 
von den joachit. Einflüssen Zeugnis gibt. Vgl. 
auch Konr. Sturmhoefel Gerhöh von Reichens- 
berg Abhdlg. z. Jb. d. Thomasschule Leipzig 
1888. 1889. 5 ) Hampe in DLitZtg. 1914, 

2537 f. ®) Das geht deutlich hervor aus dem, 
was Gold 26 schreibt, aber nicht beachtet. 

2. Wann kommt der j. T. ? 

I. Berechnungen: Eine der geläufigsten 
Berechnungen des Datums gründet sich 


jüngster lag 


862 


86l 

auf die Lehre von den 6000 Jahren der 
Welt; vgl. darüber Weltzeitalter. Auf 
ihr beruht die Annahme, daß im Jahre 
1000 das Ende komme 7 ), was damals 
manches Erschrecken auslöste 8 ). Als 
1000 vorüberging, ohne daß etwas ge¬ 
schah, rechnete Rodulfus Glaber 1000 
Jahre von Christi Tod ab, so daß er 1033 
als kritischen Termin erhielt 9 ). Im 
16./17. Jh. war diese Berechnungsart 
sehr im Schwange 10 ). Auf einem falschen 
Verstehen mag beruhen, wenn man um 
Liegnitz das Ende im Jahr 6000 er¬ 
wartet u ); andernorts nennt man 
2000 12 ), das 4. Jahrtausend 13 ). Astro¬ 
nomische Berechnungen 14 ) spielten im 
späten MA. und in der Neuzeit eine 
Rolle. Der Toledobrief (s. d.) nannte 
1186 15 ), 1400 Joan. de Brugis 16 ), 1492 
Felix Hemmerlin 17 ), nach 1500 das joachit. 
Buch libellus de semine scripturarum 16 ), 
1524 ängstete die astronom. Konstellation 
auch Luther 18 ), 1530/40 nahm Fran- 
ciscus Meletus im Quadrivium temporum 
als Datum an 16 ), 1569 Joan. Parisiensis, 
de Antichristo 16 ), 1588 oder 1589 be¬ 
stürzte viele Astronomen 18 ), an 1651 16 ) 
oder 1657 19 ) dachte Joh. Hilten; 1647 
erwartete Columbus das Ende 16 ), 1719 
zwei schwärmerische Betrüger in Frank¬ 
reich 20 ), zwischen 1700 und 1734 Nico¬ 
laus von Kues wie Leonhart Krentzheim 
in Liegnitz 21 ), 1791 Gamaleon, Prophetia 
de ultimis temporibus 18 ), 2002 Pico della 
Mirandola 16 ), um 2000 auch Gottfried 
Kohlreif 21a ) und um 3200 Brandler- 
Prachts Sintflutberechnungen 21d ). Im 
Vogt lande erwartete man den j.T. am 
12. 6. 1740, weil Mars und Jupiter in 
Konjunktion standen 21b ), in Schlesien 
1572 nach einem neuen Wunderstem 21c ). 
Oft läuft Astronomie 22 ) und religiöse 
Schwärmerei (s. u.) zusammen. Auch 
die Daten, welche das Kommen des 
Antichrists angeben, wird man heran¬ 
ziehen dürfen (s. Antichrist VI). Be¬ 
stimmte Tage werden zuweilen ange¬ 
geben, so Ostern (Auferstehungsstunde = 
Stunde der Wiederkehr) 22a ), ferner wenn 
Annunciatio Dominica mit dem Rüst tag 23 ) 
oder Johannis und Fronleichnam 24 ) zu- 
sammenfallen. 


Schwarmgeister und religiös erregte 
Gemüter haben immer wieder feste Daten 
genannt 25 ). Ich verzeichne eine Auswahl, 
die reichlich zu ergänzen ist. Gregor d. 
Große wähnte den j. T. nahe 25 ); 848 
prophezeite ihn in Mainz Thiota aus 
Alemannien 26 ), 960 ein Eremit Bernhard 
nach Trithemius 27 ), 1012 wurde er durch 
einen Engel verheißen M ); 1100 nannte 
Benzo von Alba 29 ), 1148 hielt sich in 
Reims ein Ketzer für den, der das j. G. 
bringe 30 ), und wenig später rechnete Otto 
von Bamberg (Herbord 1 18) und Otto von 
Freising, wie der französische Chronist 
Rigord. 1260 nannte Joachim von 
Fiore, 1320 errechnete der Schreiber des 



1369 am Tage Viti oder Bartholomaei 
oder St. Lucia oder Matthaei verheißt 
ihn Conrad Schmid aus Thüringen 32 ); 
für das 15. Jh. liegen eine Reihe von An¬ 
gaben vor 33 ); 1522 errechnete ein Pre¬ 
diger aus ViDebVnt In qVem pVpVge- 
rVnt = Apoc. Joh. 1. 7; 1613 aus 
IVDIC 1 VM; 1666 aus dem Umstand, 
daß alle römischen Zahlziffem zusammen¬ 
trafen CDILMVX 33a ). 1527 soll es vor 

Pfingsten oder in der Holderblüte sein 34 ). 
Luther erwartete nach der 6000 Jahr- 
Rechnung 1540 das Ende 3ö ), ebenso 
wußte Sebastian Franck 36 ) und wohl 
auch Paracelsus 37 ) den Tag nahe; 1533 
oder 1588 oder 1692 ist davon die Rede 37a ); 
die Schwenckfelder von Harpersdorf 
sprachen 1589 vom Ende und Paracelsi 
religiöse Schriften hatten sie infiziert 38 ); 
ein Kind weissagt ihn 1557 39 ), in welcher 
Zeit ihn auch die Schlesier erwarteten 39 ®), 
für 1606 verhieß ihn Noah Kalb aus 
Ulm *°), und Paul Nagel für 1619 die neue 
Sintflut 41 ); Andreas Argolus war für 
1656 42 ), Martin Richter zu Bicheln 
in Thüringen für 1688, nachdem er 
Ludwig v. Frankreich als das apo¬ 
kalyptische Tier mit der Zahl 666 
errechnet hatte 4Z ), wie andere für 1666, 
weil damals die Zahlzeichen MDCLXVI 
zusammentrafen 44 ). Auch die Zeit von 
1714 wurde genannt 45 ), und zwei 
Schwärmer verhießen den j. T. 1719, 
zwei andre in Köln 1773 46 ). Daniel 
Müller nannte das Jahr 1777 47 ), ein 



86 3 


jüngster Tag 


865 


jüngster Tag 


866 



bayrischer Schwärmer Kloß in Sachsen 
1817/18 48 ); evangelische Schwärmer um 
Liegnitz 1835 49 ). In Frankreich wurde 
dem Dreikönigstag 1840 50 ) mit bangen 
Gefühlen entgegengesehen, im Eulen¬ 
gebirge dem Jahr 1848 51a ), in England 
dem Jahre 1867 51 ) wie 1843 dem Ende 
des März (oder dem 27. April) nach des 
amerikanischen Propheten Miller Berech¬ 
nungen anläßlich eines Kometen 50 ), und 
1911 noch hat bei uns in Schlesien der 
Komet Halley das j. Gericht herauf¬ 
bringen sollen; die alte Siebelten in 
Kaiserswaldau hatte bestimmt damit ge¬ 
rechnet, so wie bei einem Meteor im 
Isergebirge 1917 Messersdorf er vom Weit¬ 
ende sprachen. Ebenso sollte in West¬ 
falen ein Komet am 17./18. Dez. 1919 
das Ende bringen 51b ). Auf Angaben 
sektiererischer Schwärmer wie etwa der 
ernsten Bibelforscher, soll dabei gar 
nicht eingegangen sein 52 ). 

Die Ansprüche der Schwärmer gingen 
noch weiter. Der von 1148 wollte die 
Lebendigen und Toten richten 30 ); 1414 
wollte auch Conrad Schmid das Gericht 
halten 53 ), wie der Begharde Kannler 
1381 54 ); ja Conrad Schmid sprach gar 
von sieben bis acht Richtern 65 ). 

Unter den Propheten des j. T.es werden 
große Namen, wie Enoch 56 ) oder Sibilla 
Weiß 57 ) genannt. Aber man kannte auch 
falsche Propheten 58 ), zu denen die Man- 
däer s. Z. Christus rechneten 59 ). In den 
Alpen weissagen Stromer ihn nahe 59a ), 
und die Kalendermacher wissen ihn 59b ). 

Die zitierten Greifswalder Dissertationen vgl. 
I. 7 ) Hans v. Schubert Gesch. d. christl. 
Kirche im Frühmittelalter 1921, 282; ZfdA. 22, 
425 f.; Grund 10 f.; Radcke 6 N. 4; Raumer 
Gesch. d. Hohenstaufen 6, 582. Über Otfrieds 
Eschatologie: C. Burdach Vorspiel I 1 (1925), 
124 f.; die altenglische: ebd. I i, 110 ff. 8 ) Wad¬ 
stein in Z. f. wiss. Theologie 38 (1895), 558; 
Bouquet Recueil des hist, des Gaules et de la 
France 10, 332 = Fleury Histoire ecclesiastique 
12 (1722), 304; Othlo v. St. Emmeran bei Migne 
PL. 122, Prooemium XV; Grund 10 ff. 14 ff. 
®) Grund 11 f. 15; Wadstein 558 f. Vgl. Bou¬ 
quet Recueil 10, CXIV zu 10. 10 ) Köstlin in 

Theolog. Stud. u. Krit. 1 (1878), 134 f.; Joseph 
Bau tz Weltgericht u. Weitende 1886, 21 f. 
u ) Peuckert Schlesien 70. Vgl. auch Wadstein 
556; Balthasar Reber Felix Hemmerlin 1846, 
456. ia ) ZfVk. 22, 156. 13 ) Schönwerth Ober- 


pfalz 3, 332. 14 ) Einige nennt Henricus Winan- 
dus Prognosticon auf/ das Jar . . . 1588. Magde- 
burgk 1588. 15 ) Annales Marbacenses (rec. 

Reincke-Bloch) MG. SS. in usum scholarum 
1908, 56. 16 ) Wadstein 570 f. 17 ) Balth. 

Reber Felix Hemmerlin 1846, 456 f. 18 ) Peuk- 
kert Rosenkreutzer 1928, 8 ff.; Warburg in 
Sitzb. Heidelb. 10. H. 26, 35. 19 ) Brauner 

Curiositaeten 425. 2C ) Ebd. 428 h 21 ) Leonhart 
Krentzheim Conjecturae oder Christliche Ver¬ 
mutungen deß Herrn Nicolai Cusani 1629 s. 1 . 
21a ) Kohlreifii Chronologia sacra 1724 = Fort¬ 
gesetzte Sammlung v. alt. u. neuen theol. 
Sachen 1725, 976. 21b ) Bauern Philosophie. 

Vom Verfasser des Buchs v. Aberglauben. Pas- 
sau 1 (1802), 200 f. 21c ) Schickfus Schles. 
Chronica 225 = Breslauer Erzähler 1S08, 282 f. 
21d ) Martin Karpinski Unsere Zukunft im 
Lichte der Weissagungen 1921, 36 f. 22 ) Vgl. auch 
die Prognostica: Janssen Gesch. d. deutschen 
Volkes 6 (1888), 426 ff; Peuckert Rosen¬ 

kreutzer 8 ff. 22a ) Männling Curiositaeten 
3 75 - 23 ) Wadstein 552 f. 24 ) Schönwerth 

Oberpfalz 3, 332. 25 ) Wadstein 551 ff. 561 ff. 
Vgl. auch die Angaben der Greifswalder Disser¬ 
tationen und unten 2. II. 26 ) Sigbert v. Gem- 
bloux MG. SS. 6, 339 nach Annales Mettenses 
u. Annales Fuldenses. 27 ) Chron. Hirsaug. ed. 
S. Galli 1690. 1, 103 = Wadstein 551 f. 
28 ) Chronicon des Hugo von Flavigny MG. SS. 
8, 390. 29 ) Boelkow 86. 30 ) Raumer Gesch. 
d. Hohenstaufen 6, 290 f. 31 ) Hintz 80. 86 f. 
32 ) K. Ed. Förstemann Neue Mitteilungen aus 
d. Gebiet histor. antiquarischer Forschungen 
2 (1836), 16. 21 f. 33 ) Wadstein 568; Henricus 
de Hassia bei Pez Thesaurus anecdotorum novis - 
simum 1721 I. 2, 541; Bezold in Sitzb. Mün¬ 
chen 1884, 567. 573. 33a ) Männling Curio- 

sitäten 374. 375 nach Camerarius und Praetorius. 
34 ) ARw. io, 124. 3S ) Köstlin in Theol. Stud. 
Kritiken 1 (1878), 134 f. Vgl. Grisar Luthers 
Kampßilder 4 (1923), n8f. 121. 125. 36 ) Chro¬ 
nica, Zeytbuch vnd Geschychtbibel 1531. DXXiiij 
A. 37 ) Deutsche Rundschau 1929 (Nov.), 123 ff. 
37a ) Schudt Jüd. Merkwürdigkeiten 3 (1714}, 57; 
Tentzel Monatl. Unterredungen 1693, T °8- io 9 - 
M ) Peuckert Rosenkreutzer 1928, 243 ff.; Niko¬ 
laus Pol Jahrbücher d. Stadt Breslau 4 (1813), 
93. 3l> ) Hans Fehr Massenkunst im 16. Jahr¬ 

hundert 1924, 13. 88; Janssen Gesch. d. deut¬ 
schen Volkes 6 (1868), 430 f. 3#a ) Gust. Bauch 
Gesch. d. Breslauer Schulwesens Codex Dipl. 
Sil. 26, 293. 40 ) Janssen 431t. 41 ) Gottfr. Arnold 
Unparteyische Kirchen- und Ketzerhistorie 3 
(1700), 54 § 9. 42 ) Abdiae Trewen Professoris 
publici Auffrichtiges Bedencken Altorff 1653, 
A2A. 43 ) Arnold 3, 148 § 24. Zur Berechnung 
vgl. Puhlmann 26. u ) Meyer Aberglaube 141. 

46 ) Unschuldige Nachrichten 1714, 876. 

4 *) Bräuner Curiositäten 427 ff.; P. Bahl- 
mann Rhein. Seher u. Propheten 1901, 33. 

47 ) Z. f. histor. Theologie 4, 242 ff. 48 ) Ebd. 10 

H. 4, 73. 104. 49 ) Kühnau Sagen 3, 483. 60 ) 
Bunzlauer Sonntagsblatt 1840, 32; 1843, 56. 
480. 61 ) Carintia 55 (1865), 202. 51a ) Wilh. 



Schremmer Schlesische Vk. 1928, 130. 51b ) 

ZfrwVk. 17, 52. 62 ) Vgl. Joseph Bautz Welt¬ 

gericht u. Weitende 1886, 15 ff. 22 f. 53 ) K. Ed. 
Förstemann Neue Mitteilungen 2, 21; Die christ¬ 
lichen Geißler ge Seilschaften 1828, 168 ff. 64 ) Z. f. 
Kirchengesch. 5, 491 f. 497. 66 ) Förstemann 

Neue Mitteilungen 2, 31. 58 ) Francisci Hölli¬ 
scher Proteus 973. 57 ) Panzer Beitrag 2, 309. 

68 ) Matth. 24, 24; Sib. 2, 165 t.; II. Baruch 48, 
34; Josephus B. J. 6, 285; 20, 167 ff. 188; W. 
Brandt Mandäische Schriften 1893, 85 = 

Reitzenstein Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 19. 
Auch Traumgesichte verwirren: Henoch 99, 
8; Philo de execrationibus 2 ff. 53 ) Brandt 
Mandäische Schriften 45; Reit zenstein in 
Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 19. 59a ) Rosegger 

Älpler 326. 59b ) Ebd. 141. 


II. Pandemien. Mit Verkündigungen j 
der eben geschilderten Art hängen eine j 
Reihe religiöser Pandemien zusammen. ' 
Ich nenne die Wallfahrten 60 ) und Pilger- 1 
züge 61 ) um 1033 nach Jerusalem, — ; 
Züge von Menschen, die in der Nähe j 
des Weltgerichtsortes sterben wollten; i 
ich erinnere an die Kreuzzüge, vor allem 1 
die gegen die injusti 62 ), an die Geißler, j 
die 1260, nach Joachim von Fiores ! 
Weissagung, und im 14. Jh. erscheinen 63 ), i 
sowie an die Tanzwut, die der Limburger j 
Chronist für eine Vorbotschaft Ende¬ 
christes hielt 64 ). Um 1840 traten in 
Schweden 8 — 12 jährige Mädchen als 
Propheten des Weitendes auf 65 ). 


80 ) Ekkehard von Aura Hierosolymita 
ed. Hagenmeyer 1877, 45 f.; Wadstein 559 f.; 
Grund 64. Vgl. auch II. Baruch 70, 10—71, 1. 
81 ) Wadstein 558. 559 t. 42 ) Gold 20 f. 

(Radcke 109 ff.); Puhlmann 19t * 3 ) Wad¬ 
stein 366; Förstemann Christi. Geißlergesell¬ 
schaf len 1828, 168 ff.; Limburger Chronik (ed. 
Otto H. Brandt 1922) 106 nach Magdeburger 
Schöppenchronik. ° 4 ) Brandts Limburger 
Chronik 47 f. ® 5 ) Bunzlauer Sonntagsblatt 1842, 
163. 


III. Es darf für die Mehrzahl der im 
folgenden behandelten Motive ein für 
allemal auf die Sibyllen-Volksbücher und 
meine Untersuchung derselben („Sibylle 
Weiß“) verwiesen werden. 

Elementarkatastrophen als Vorzeichen. 
Elementarkatastrophen, früher selbst 
eschatologische Vorgänge, werden zu Vor¬ 
zeichen des Endes. Das gilt besonders 
von Erdbeben 66 ), die nach heutigem 
Volksglauben sechs Wochen vorm 
j. T. auftreten 67 ). Die Erde steht auf 
drei Walfischen, regt sich einer, dann 


Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


gibt’s ein Erdbeben; regen sich alle drei, 
geht die Welt unter (Steiermark) 68 ). 
Sonnen- und Mondfinsternisse (s. d. und 
Eschatologie) haben gleiche Bedeutung 69 ); 
oft ist es ein Tier, das das Gestirn an¬ 
greift; gelingt ihm die Tat, bricht das 
Ende an 70 ). Sonne und Mond kämpfen 
miteinander, und wenn eins das andere 
besiegt, ist der Zeitpunkt des j. T.es 
da 71 ). Dann scheint die Sonne bei Nacht, 
der Mond am Tage 72 ). Andere Vorzeichen 
besagen, daß die Sonne fleckig wird 73 ), 
daß sie im Westen aufgehe 74 ), daß Sonne 
und Mond an ihren Ort zurückgehen = 
verschwinden 75 ). Der Himmel zer¬ 
reißt 76 ) durch einen Blitz = ein Feuer¬ 
strom erscheint am Himmel 77 ), die 
Sterne kämpfen, geraten in Verwirrung 78 ), 
verdunkeln 7Ö ), gehen an ihren Ort, so 
daß der Himmel ohne Sterne sein wird 80 ); 
neue Sterne erscheinen 81 ), Kometen 82 ), 
Sternschnuppen und Meteore 83 ), die 
Sterne fallen vom Himmel 84 ); es zeigen 
sich Wunderzeichen am Himmel, z. B. 
kämpfende Menschen 85 ). Blutregen 
fällt 86 ), es regnet Steine 87 ), Pfeile und 
Schwerter 88 ), Kreaturen 89 ), Feuer ®°), 
brennendes Pech 902 ). Stürme und Un¬ 
wetter 91 ), Gewitter 92 ), Staubwirbel vom 
Himmel 93 ) erscheinen; die sieben Pierony 
erzeugen ein Unwetter 93a ); die vier Winde 
gehen an ihren Ort zurück 94 ). Die 
Erde birst, und es bricht Feuer aus 
ihr hervor 95 ); es gibt lange Winter 
und kurze Sommer 96 ) oder lauter Win¬ 
ter 97 ), fimbulvetr 98 ). Feuersbrünste 
verzehren die Städte "), die Vegetation 
verbrennt 10 °), das unterirdische Feuer 
steigt auf 101 ), unfruchtbare Zeiten und 
Dürre 102 ) mit Hungersnot 103 ) brechen 
herein. Die Berge stürzen ein 104 ), 
das Land versinkt ins Meer 105 ), Afrika 
oder England geht unter 106 ), die unter¬ 
irdischen Wasser brechen aus 107 ), 
Seuchen und Pest kommen über Mensch 
und Vieh 108 ), so daß weite Länder ent¬ 
völkert sind (s. Endschlacht) 109 ). 

68 ) Grimm Myth. 3, 242. Tartarisch: Olrik 
Ragnarök 364; lappisch: Olrik 401; parsisch: 
Bahman Yast 3, 4 = v. Gail Baaüeta toj ticoü 130; 
jüdisch-christlich: Joel 2, 10; Jes. 24, X 9 f*; 
Ezechiel 38, 20; II. Baruch 32, 1; 70, 8 (IV. 
Esra 6, 16); Ascensio Mos. 10, 4; Matth. 24, 7; 

28 




867 


jüngster Tag 


868 


Apoc. Joh. 6, 12. 13. Anno 557: Wadstein 545; 
ma.lich: Pseudo-Ephraem bei C. E. Caspari 
Briefe, Abhandlungen u. Predigten 1890, 211 f.; 
Tiburtin. Sibylle: Ernst Sackur Sibyllin. 
Texte u. Forschungen 1898, 184; Gold 15 t.; 
MG. SS. 6, 353. Germanisch-christlich: Gyl- 
faginning 51 = Neckel-Niedner Jüngere 

Edda 1925, 110 (vgl. E. H. Meyer Völuspa 
1889, 185); P. Bahlmann Rheinische Seher u. 
Propheten 1901, 33; Freisauff Sagen 327. ® 7 ) 
Kühnau Sagen 3, 483. 88 ) Germania 36, 389. Vgl. 
die Untersuchung über das Erd beben-Ungeheuer 
bei A. Olrik Ragnarök. Zum Erdbeben als 
Vorzeichen ferner Bräun er Curiositäten 429 

u. unten „15 Vorzeichen". ® 9 ) Lappisch: Ol¬ 

rik 401; Tartarisch: Olrik 364; altperuanisch: 
Soederblom La vie future 202; amerikanisch: 
W. Krickeberg Märchen d. Azteken u. Inka¬ 
peruaner 1928, 210; babylon.: Alfred Jere¬ 
mias Handbuch d. altorientalischen Geistes¬ 
kultur 1913» 216; ägyptisch: G. Roeder 

Altägyptische Erzählungen u. Märchen 1927, 
114.116 (vgl. jedoch v. Gail 43 ff. 49 ff.). In¬ 
disch: Olrik 388; parsisch: Bahman Yast 3, 4 
= v. Gail 130; BY. 2, 42 = v. Gail 131; jü¬ 
disch-christlich: Joel 2, 10; 3, 4; Matth. 24, 
29; Apoc. Joh. 6, 12; Test. Levi 4, 1. Und Ap. 
Joh. folgend Legenda aurea (übers. R. Benz) 
1, 7 f. Germanisch-christlich: Vaff>rudnismäl 
46 = Genzmer Edda 2, 92; Voluspä: ebd. 
57; Gylfaginning 51 = Neckel-Niedner 

Jüngere Edda 110; Olrik 36 ff. Ma.lich: Gesta 
episcoporum Leodicensium zum 22. 12. 968 
(Otto I. in Calabrien) = Wad stein 546; 
1033: Grund 10 ff. 68 ff.; Feind 32; 13. Jh.: 
Puhlmann 25; 1414: Förstemann Heue 
Mitteilungen 2, 22; Paris 1406: Sebiliot Folk- 
Lore 1, 52; Posen 12. 8. 1654: Knoop Posen 
336. Sonne gibt keinen Schatten mehr: Schön- 
werth 3, 336. 70 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 

69 = Quitzmann 199t. Vgl. Olrik 36 ff. u. 
Register. 71 ) Jahn Pommern 46; Panzer 
Beitrag 2, 297. 72 ) IV. Esra 5, 4; Henoch 80, 

4 f.; Sib. 3, 801 f. 73 ) Bahman Yast 2, 31 — 

v. Gail 131. 74 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 330. 
75 ) mandäisch, linke Genza: Reitzenstein in 
Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 29 N. 2; altperuanisch: 
Soederblom 202; Schönwerth Oberpfalz 3, 
330. 78 ) Zittert: tartarisch: Olrik 364; Jes. 
63, 19 - 77 ) Sib. 8, 243; Matth. 24, 27; Luc.; 
17, 24. Vgl. v. Gail 423. 78 ) Sib. 5, 512 ff.; 
Babylonisch: Jeremias Altoriental. Geistes¬ 
kultur 216; Henoch 8o, 6f.; Sib. 3, 801 f.; 2, 184!.; 
IV. Esra 5, 5 79 ) Joel 2, 10; Puhlmann 25. 
80 ) Mandäisch, linke Genza: Reitzenstein 
in Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 29 N. 2. 81 ) Feind 
15 I- 82 ) Sib. 3, 334; Gold 23 f.; Fehr Massen¬ 
kunst im 16. Jh. 1924, 88; Peuckert Schle¬ 
sien 70; Bunzlauer Sonntagsblatt 1843, 480. 
Vgl. auch oben 2. I. Mit dem Kometen 1400 
fängt die Endzeit an: Zwölf) Sybillen Weissa¬ 
gungen 1516; 13. Sybille nach der Salomonischen 
Sybille; s. Peuckert Sibylle Weiß. 8S ) Math. 24, 
30; Apoc. Joh. 6, 13; Sigbert von Gembloux 
Chronographia MG. SS. 6, 333 ; Wadstein 551; 


Legenda aurea (übers. Benz) 1, 8; Sdbillot 
Folk-Lore 1, 51; Bautz Weltgericht u. Weit¬ 
ende 145; Grünberger Meteorfall: Bunzlauer 
Sonntagsblatt 1841, 177. Dagegen Beda: 

Fischer Angelsachsen 22. 84 ) Bahman Yast 2, 

31. 42 f.; Matth. 24, 30; Apok. Joh. 6, 13; IV. 

Esra 5, 4; Henoch 80, 4 ff. Allgemein verbreitet: 
Olrik 339 ff.; lappisch: Olrik 401; indisch 
Olrik 388; Vgluspä = Genzmer Edda 2, 57; 
Gylfaginning 51 = Neckel-Niedner Jüngere 
Edda 110; Böckel Volkslieder 99 Nr. 115; Mitt¬ 
ler Deutsche Volkslieder 1865, 371; W. Boette 
Religiöse Volkskd. 1925, 162; Erk-Böhme 3, 
165; Hruschka-Toischer 58 Nr. 84 b; 
Sonne, Mond, Sterne fallen: P. Bahlmann 
Rhein. Seher u. Propheten 1901, 33. Vgl. 
Nachweise zu 79. 80. 85 ) Matth. 24, 30; Sib. 3, 
334 - 796 ff.; Apoc. Abr. 30; Josephus B. J. 
VI 2850.; Gold 23 f.; dazu Kampers im 
Histor. Jb. 36, 248 und Strabo Migne PL. 
114, 334. 8S ) Panzer Beitrag 2, 293; vgl. 

W. Krickeberg Märchen der Azteken u. In¬ 
kaperuaner 1928, 210. 8 ') (ca. 1785) Neue lau- 
sitzische Monatsschr. 1805, 217!.; Kühnau 3, 
452; Gold 26; Grund 49 ff. 87. 89 ff. 8s ) Olrik 
389. 89 ) Bahman Yast 2, 42 f. = v. Gail 131. 
®°) II. Baruch 27, 10; Sib. 5, 378; Kühnau 
Sagen 3, 487; Meyer Schleswig-Holstein 222. 
90a ) Franz Kießling Frau Saga im nieder - 
Österreich. Waldviertel 4 (1926), 84. 9l ) G. 

Roeder Altägyptische Erzählungen u. Mär¬ 
chen 1927, 115; babylonisch: A. Jeremias 
Altorientalische Geisteskultur 215. 216; Bahman 
Yast 3,4 = v. Gail 130; indisch: Emil Abegg 
D. Messiasglaube in Indien u. Iran 1928, 26; 
Aich eie Zigeunermärchen 174; keltisch: Olrik 
32; germanisch-christlich: Vpluspä en skamma 
12 = Genzmer Edda 2, 46; Gylfaginning 51 = 
Neckel-Niedner Jüngere Edda 110; Ps. 
Ephraem bei Caspari Briefe 212; so noch zum 
Dreikönigstag 1840: Bunzlauer Sonntagsblatt 
1840, 32; Karl O. Wagner Pinzgausagen 1925, 
65; Freisauff Sagen 316. 327. Gehört hierher 
,»beugen sich die Bäumelein'' in den Volks¬ 
liedern Note 84? 92 ) Olrik 386; so erwarteten 
manche in einem Wintergewitter 5. 1. 1524 = 
Nik. Pol Jahrbücher d. Stadt Breslau 3 (1813), 
34, und am 20. 12. 1740: Eugen Träger Bres- 
lauisches Tagebuch . . . Steinbergers 1891, 36, den 
j. T.; ähnlich auch Brieg 1535: Pol 3, 81 ff.; 
Karl O. Wagner Pinzgausagen 1925, 71; 

Freisauff Sagen 374; vgl. Kießling 4, 112. 
93 ) Sib. 3, 800 f. 93a ) Karasek-Langer u. 
Strzygowski Sagen d. Beskidendeutschen 1930, 

32. 94 ) Mandäisch: linke Genza: Reitzen- 

stein in Sitzb. Heidelb. 10 H. 12, 29 N. 2. 
96 ) Lappisch Olrik 401; IV. Esra 5, 8; Apoc. 
Joh. 9, 2; Freisauff Sagen 327; (Joh. Bürgel) 
Was ein Kirchdorf im Kreise Goldberg-Hayn au 
anno 1813 erfuhr s. 1 . (1913), 14. w ) Indisch: 
Abegg 26; Schönwerth Oberpfalz 3, 332. 
a7 ) Ebd. 331. 332; Herrn. Lübbing Friesische 
Sagen 1928, 105 = Mül len hoff Sagen 249; 
Kießling Frau Saga 4, 84. Winter kein Winter: 
Zaunert Westfalen 243. 98 ) Vaff>ruÖnismäl 


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jüngster Tag 


870 


44 = Genzmer Edda 2, 91 f.; Gylfaginning 
51 = Neckel-Niedner Jüngere Edda 110; 
Meyer Völuspa 1850.; Olrik 15 ff. 331 ff.; 
Quitzmann 197; Soederblom La vie future 
189 ff. 204 ff. ") Apoc. Abr. 30. 10 °) Tartarisch 
Olrik 364; indisch Olrik 386; W. Kricke¬ 
berg Märchen der Azteken 210; Völuspa = 
Genzmer Edda 2, 42; Muspilli 59. 101 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 329; Bautz Weltgericht u. 
Weitende 147. 102 ) Lappisch: Olrik 434; türkisch 
Olrik 389; indisch Abegg 26 f.; Olrik 386; 
buddhistisch: Ab egg 179; altperuanisch: 

Soederblom 202; ägyptisch: G. Roeder Alt- 
ägypt. Erzählungen u. Märchen 115; baylonisch: 
Jeremias Altoriental. Geisteskultur 214. 215; 
jüdisch-christlich: Apoc. Abr. 30; II. Baruch 
27, 6; 70, 8; Jubil. 23, 18; Henoch 80, 2 f.; 99, 
5; 100,11; Sib. 3, 539 ff.; 2, 156; IV. Esra 6, 22. 
Apoc. Joh. 11, 6; Bahman Yast 2, 42; 3, 4 = 
v. Gail 131. 130. Von 10 Kornfeldern schwinden 
7, und die andern 3 reifen nicht: ebd. 2, 31 = 
v. Gail 131; Ps.-Ephraem bei Caspari Briefe 
212; Rochholz Sagen 1, 72; Kühnau 3, 483. 
103 ) Roeder Altägypt. Erzählungen u. Märchen 
115. 116; Indisch: Olrik 386; Abegg 27; 
mongolisch: Olrik 389; Jeremias Altoriental. 
Geisteskultur 216; IV. Esra 6, 22; Matth. 
24, 7; Philo de execrationibus 2 ff.; ma.lich: 
Ps.-Ephraem bei Caspari 212; Puhlmann 39; 
Grund 61 f.; Gold 23. 25; Radcke 14; Wad¬ 
stein 565; Meyer Völuspa 184?; Kießling 
Frau Saga 4, 84; Mailly Fnaul 46; vgl. auch 
Nachw. 102. 1U4 ) Bundahischn 30, 33; mandäisch, 
linke Genza: Sitzber. Heidelb. 10. H. 12, 29 
N. 2; Luc. 3, 5; Ascensio Mos. 10, 4; Sib. 8, 234; 
Herrn. Lübbing Fries. Sagen 103 = Müllen- 
hoff Sagen 249. 105 ) Apoc. Joh. 6, 14; Tiburtin. 
Sibylle = Herrn. Sackur Sib. Texte u. For¬ 
schungen 184; Puhlmann 33? 39?; Vgluspä = 
Genzmer Edda 2, 42. VQluspä en skamma 12 = 
ebd. 46; Gylfaginning 51 = Neckel-Niedner 
Jüngere Edda 110. Indisch: Olrik 386; keltisch 
Olrik 32; isländisch: Olrik 29t.; dänisch 
24 f. 394 f.; Herrn. Lübbing Friesische Sagen 
105 = Müllenhoff Sagen 249; Schönwerth 
Oberpfalz 3, 337. Vgl. allgemein Olrik 22 ff. 
108 ) Brauner Curiositäten 429; P. Bahlmann 
Rheinische Seher u. Propheten 1901, 33. 107 ) 

Vernaleken Mythen 154; Grohmann Sagen 
62 f.; Kühnau Sagen 3, 377; Peuckert 

Schlesien 268; Nachweis 261. 108 ) Babylonisch: 
Jeremias Altoriental. Geisteskultur 214. 216; 
indisch: Abegg 28; keltisch: Olrik 32; jüdisch- 
christlich: Apoc. Abr. 29. 30; Philo de execratio¬ 
nibus 2 ff.; Sib. 2, 156; 3, 538. 633; ma.lich: Ps.- 
Ephraem beiCaspari2i2; Gold23;Grund5o; 
tiburtin. Sibylle bei Sackur Sib . Texte u. For¬ 
schungen 184; Fehr Massenkunst im 16. Jh. 
1924, 88; Sitzber. Heidelb. 10. H. 26, 51 f. 
Theol. Stud. Kritiken 1 (1878), 134. Vgl. Meyer 
Völuspa 185. 184. 109 ) Indisch: Abegg 27. 

IV. Altern der Schöpfung. Die 
Erde tritt vor dem j. T.e ins Greisen- 
alter 110 ); Jahre, Tage und Monate 


nehmen um ein Drittel ab 111 ), der Erd¬ 
boden verdirbt und versagt 112 ), ebenso 
altern die Dinge auf der Erde U3 ), die 
Werkzeuge der Menschen 114 ); Kräfte und 
Leistungen der Geschöpfe lassen nach 115 ), 
nur geringwertige Tiere und Pflanzen 
gedeihen 116 ), Jahrkälber werden ins Joch 
gespannt i17 ), Störche, Schafe und Bienen 
verschwinden 118 ); die Menschen werden 
kleiner und schwächer geboren U9 ), sie 
altern schneller, ihr Lebensalter nimmt 
ab 120 ), sie werden alt geboren 121 ), so daß 
Jahrkinder sprechen 122 ), die Geborenen 
nach einem Tage laufen, Mädchen mit 
5 Jahren gebären 123 ). Endlich gebären 
Tiere und Menschen nicht mehr 124 ) (nach 
indischem Glauben werden dann viel 
Kinder geboren 11 ’ 5 )); das Gebären ist 
mühevoller 126 ), die Frauen bringen Fehl¬ 
geburten, Monstra zur Welt 126 ), und 
gerade Monstra waren im MA. ein sicheres 
Zeichen nahen Unterganges 127 ); es werden 
keine Knäblein mehr geboren (s. Anti¬ 
christ) 128 ). 

no ) Über die Motive dieses u. der nächsten 
Abschnitte s. jetzt Reitzenstein in: Vorträge 
d. Bibi. Warburg 1924/5, 1 ff.; Ekkehard von 
Aura Hierosolymita (ed. Heinr. Hagenmeyer 
1877) 45; vgl. den dort angezogenen Guibert 
von Nogent (um 1124) 46 N. 24; Oeuvres de Ri- 
gord 1, 82 f. j= Sitzb. Mü. 1901, 183; Wadstein 
562 f. 547; Schönbach Altdeutsche Predigten 2, 
9 nach Gregorius (Migne PL. 76, 1080). Ul ) 
Bahman Yast 2, 53; 2, 31 = v. Gail 130 f. Vgl. 
Henoch 80, 2; IV. Esra 5, 50 ff.; 14, 10. 15 f.; 
v. Gail 288. 112 ) Jes. 24, 4; babylon.: Jeremias 
Altoriental. Geisteskultur 214. 215; mongolisch: 
Olrik 389; IV. Esra 6, 22; Hen. 80, 2; Philo 
De execr. 2 ff.; dänisch: Olrik 393. u3 ) Mon¬ 
golisch: Olrik 389; indisch: Olrik 386; Abegg 
27. 114 ) Tartarisch: Olrik 364. ilä ) Bahman 

Yast 2, 42 f. = v. Gail 131. Indisch: Olrik 
386. 387; Abegg 27. Mongolisch: Olrik 389. 
Vgl. überhaupt Olrik 385 ff. 11B ) Indisch: 
Olrik 386. 387; Abegg 27. 78; buddhistisch: 
Abegg 150. u7 ) Indisch: Abegg 27. l18 ) Dä¬ 
nisch: Olrik 393. 119 ) Mongolisch: Olrik 389; 
türkisch: Olrik 389; indisch: Olrik 386; 
Abegg 27. 78; parsisch: Bahman Yast 2, 31 = 
v. Gail 131; IV. Esra 5, 50 ff. Dänisch: Olrik 
494; Alpenburg 36 ff. 12 °) Jubil. 23, 9 ff. 
Indisch: Abegg 27 f. 78; buddhistisch: Abegg 
149. 121 ) Mongolisch: Olrik 389; indisch: Olrik 
388; Jubil. 23, 25; Sib. 2, 154 f. Auch die Tiere: 
Olrik 367. 121 ) IV. Esra 6, 21. 122 ) Ebd.; mon¬ 
golisch: Olrik 389. 123 ) Mongolisch: Olrik 389; 
indisch: Olrik 386. 388; Abegg 28. 124 ) Ägyp¬ 
tisch: vgl. den von v. Gail 58 angezogenen, 
wenn auch nicht hierher bezogenen Text. 


jüngster Tag 


Babylonisch: Jeremias Altoriental. Geistes¬ 
kultur 214. 215. 216; Sib. 2, 163 1 2 Jahre vorher 
nicht mehr: MschlesVk. 8, 46; 7 Jahre vorher 
nicht mehr: Schönwerth Oberpfalz 3, 329 f. 
126 ) Olrik 386; doch ist das ein Zeichen von 
Unzucht der Frauen: Ab egg 33. 126 ) Indjsch: 
Abegg 27; Bahman Yast 2, 42 f. — v. Gail 
131; Henoch99,5; IV. Esra 5,8; 6,21. 12? ) IV. Esra 
5, 8. Luthers Glaube daran: Sitzb. Heidelb. 
10. H. 26, 51 f.; Klingner Luther 99. 128 ) SAVk. 
14, 183; als Vorzeichen speziell des Antichrists 
(s. d.): Kießling Frau Saga 4, in; Reiser 
Allgäu 1, 419. 

V. Vorm j. T. ist die Natur verkehrt 129 ). 
Die Jahreszeiten verfließen ineinander 
(s. III) 13 °), sind verkehrt 131 ), das Meer 
von Sodom hat Fische 132 ), im Süßwasser 
findet sich salziges 133 ); das Meer schlägt 
ohne Wind Wellen (Seebär) 134 ), Steine 
schwimmen auf dem Wasser 135 ), das 
Wasser fließt bergauf 136 ), Quellen und 
Flüsse stehen still 137 ), das Meer und die 
Ströme vertrocknen 138 ); vielleicht ist 
auch hieran die große Schwüle schuld, 
die dem j. T. vorangeht 139 ) und die 
Dürre bewirkt (s. III). Doch ist das 
letzte halbe Jahr fruchtbar 140 ), ja es 
wird überhaupt von großer Fruchtbar¬ 
keit der letzten Zeit gesprochen 141 ). 
Andrerseits führen die Quellen Blut 142 ), 
und Blut quillt aus Steinen und Bäu¬ 
men 143 ), der Schnee fällt blutrot 143a ). 
Nahe ist das Ende, wenn der Wald von 
Menschenhand gepflanzt werden muß 144 ), 
die Wurzeln der Bäume sich gen Himmel 
drehen 145 ), wenn die Hühner krähen 144 ), 
die Uhren 13 schlagen 146 ), Wagen ohne 
Pferde fahren (s. Automobil, Prophe¬ 
zeiung) 147 ), die Welt eisern wird (man will 
darunter die Eisenbahnen verstehen; in 
Wahrheit ist es wohl der alte Spruch, 
daß dann der Himmel eisern, regenlos 
wird) 148 ), die Menschen 4 Arme, 2 Paar 
Schuhe an den Füßen und 2 Hüte tra¬ 
gen 149 ) (s. III), ein Kind mit einem gol¬ 
denen Zahn geboren wird 1493 ), wenn Steine 
zusammen wachsen 150 ), wenn der Fuhr¬ 
mann im Gestirn Gr. Wagen auf das Pferd 
springt 151 ), oder der Gr. Wagen — als 
Kessel gedacht — überkocht 152 ). 

129 ) Nach, indischer Lehre eine Folge des 
sittlichen Niederganges der Menschen: Emil 
Abegg Der Messiasglaube in Indien u. Iran 
1928, ^25 f.; buddhistisch: ebd. 179; Lüders 
Buddhist . Märchen 138; Hemavijaya Katharak- 


nakara (übers. Joh. Hertel) 1, 17 ff. 80 ff. 
13r) ) Keltisch: Olrik 32; dänisch: Olrik 493. 
m ) Indisch: Abegg 26. 132 ) IV. Esra 5, 7. 

133 ) IV. Esra 5, 9. 134 ) Tartaren: Olrik 364; 

Angelsachsen: Olrik 367. 136 ) Olrik 46. 

136 ) Lappisch: Olrik 401; nordisch: Olrik 
146. l37 ) IV. Esra 6, 24. l38 ) Lappisch: Olrik 

401; indisch: Olrik 386; bei den Kantäern 
(Sekte mandäisch-manichäischer Art): Sitzb. 
Heidelb. 10 H. 12, 29 N. 2; ebd.: Flüsse ufern 
aus. 139 ) Babylon.: Jeremias AUoriental. 
Geisteskultur 215; Vpluspä en skamma 12; 
indisch: Olrik 386; Schönwerth Oberpfalz 3, 
330. 14 °) Kühnau Sagen 3, 483. 141 ) Tiburtin. 
Sibylle: Sackur Sib. Texte u. Forschungen 185; 
Fehr Massenkunst im 16. Jh. 88; Müller 
Siebenbürgen 4 f. 142 ) Tartaren: Olrik 364. 
143 ) Joel 2, 30; Zach. 14, 5 ff.; IV. Esra 5, 5; 
Sib. 3, 804. 143a ) Wilh. Schremmer Schles. 

Vk. 1928, 130. 144 ) Schönwerth Oberpfalz 

з, 332; ebd.: Wald abgetrieben; Riehl Land 

и. Leute 1861, 48. 145 ) Kühnau Sagen 3, 483. 

146 ) Thüringen ZfdA. 3, 367 = Grimm Myth. 
3, 242. 147 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 331; 

Mailly Friaul 48; Reiser Allgäu 1, 419. 
So auch in der Schlachtenbaumprophetie, 
z. B. Zentralbl. f. Okkultismus 7, 610; Riehl 
Land u. Leute 1861, 48. Vgl. Abegg 114. 134 = 
selbstbewegende Götterwagen. 148 ) Schön- 
wert h3, 332. 143 ) Herrn. LübbingEVt^s. Sagen 
104 = Müllenhoff Sagen 248. Vgl. Abegg 26. 
14&a ) Kühnau Sagen 3, 415 f. 15 °) Unten 2 IX; 
S6billot Folk-Lore 1, 324. 330. 161 ) Schu¬ 

lenburg Wend. Volksthum 167. Vgl. lappisch: 
Olrik 400. 152 ) Sebillot Folk-Lore 1, 31. 

VI. Das große Erschrecken. Die 
Schöpfung wird von bangem Entsetzen 
ergriffen, so daß die Steine schreien und 
laut aneinander schlagen 153 ), das Meer 
mit einer Stimme brüllt 154 ). Die wilden 
Tiere 155 ) und Vögel 156 ) verlassen ihren 
Ort. Der Rabe wird vor Schreck weiß, 
die Taube schwarz 157 ). Heißt es ,,die 
Waldvöglein singen“, so scheint das ver¬ 
derbt zu sein für „die Englein singen“ 158 ); 
oder macht der jähe Schreck sie laut ? 
Ein starrer Schrecken liegt auf den 
Menschen 159 ); sie verbergen sich in 
Höhlen 160 ); Gerüchte erregen sie 161 ); 
die Bücher sind angesichts der Feste auf¬ 
getan 162 ); aus Angst gehen alle Ge¬ 
schöpfe zugrunde 163 ). Dämonen und 
Gespenster wandeln umher 164 ). 

153 ) IV. Esra 5, 5; Hab. 2, 11. 154 ) Olrik 401; 
IV. Esra 5, 7. Vgl. Gunkels Bemerkung ebd. 
Vgl. unten ,,15 Vorzeichen": die Meerwunder 
brüllen. 155 ) Roeder Altägypt. Erzählungen u. 
Märchen 115; IV. Esra 5, 8. lfi6 ) Ebd.; Ezech. 
38, 20. Vgl. auch Olrik 437: Gänse fliegen 
nordwärts. 157 ) Dänisch: Olrik 47. 158 ) VgL 




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jüngster Tag 



Note 84; ,.Engelein": Hruschka-Toischer 
hat 58 Nr. 84 b: Wei ß vögelein; Boette 
162. 15S> ) Luc. 21, 26; Henoch 99. 8; IV. 
Esra 5, 1 ff.; II. Baruch 25, 3; 70, 2; 
Legenda aurea (Benz) 1,8; Ps.-Ephraem bei 
C. E. Caspari Briefe, Abhandlungen u. Pre¬ 
digten 1880, 212. 16 °) Luc. 23, 30; Matth. 24, 

15 ff.; Apoc. Joh. 6. 15 t. (siehe Toledobrief); 
Ps.-Ephraem bei Caspari 212 f. lßl ) II. Ba¬ 
ruch 48, 34; Philo de execrationibus 2 ff.; 
Josephus B.J. 6. 285; 20, 167 ff. 188. 162 ) 

IV. Esra 6, 20; Gunkel: die Plagen bringenden 
Zauberbücher; ebenso Volz Jüd. Eschatologie 
178. 163 ) Mandäisch: Sitzb. Heidelb. 10 H. 12, \ 
29 N. 2; Zaunert Westfalen 241. 164 ) Tartaren: 
Olrik 364; keltisch: Olrik 32; IV. Esra 6, 26; 
II. Baruch 27, 9; Matth. 27. 53; Muspells synir: 
Lokasenna 42; Gylfaginning 51 = Neckel- 1 
Niedner Jüngere Edda 110; Helgakvida 
Hundingsbana II 40; Gust. Neckel Studien 
z. d. germ. Dichtungen vom Wel tunt ergang in 
Sitzb. Heidelb. 9; Gold 17; Grund 24. 26; 
Schönwerth Oberpfalz 3, 330. 

i 

1 

VII. Zerrüttung des menschlichen Le- ] 
bens. Den Katastrophen und Umkeh- | 
rungen der Natur geht eine Katastrophe j 
und Umkehr des menschlichen Lebens i 
parallel, ja diese bedingt nach indischem 
Glauben jene 129 ). Aufruhr und Fried- j 
losigkeit, ein Krieg aller gegen alle wird j 
erfolgen 165 ), Fremdvölker fallen ein 166 ); j 
vgl. Endschlacht. Das Land wird ver- ' 
wüstet 167 ); Städte veröden, als hätten ; 
sie nie existiert 168 ). Dieser Krieg ist 1 
nicht nur ein Krieg von Völkern gegen • 
Völker, sondern auch ein Bürgerkrieg, j 
Vorm Ende werden sich nämlich die 
sozialen Verhältnisse verkehren, der Bauer 
will ein Edelmann, und niemand mehr 
vom König abhängig sein; hoch und ■ 
nieder, reich und arm sind vertauscht 169 ). j 
Ungerechte Könige saugen das Land , 
aus 170 ). Üppigkeit und Hoffahrt werden 
einreißen, was sich besonders in der 
Kleidung äußert 171 ). Das Geld wird 
wertlos sein; vorher aber kommen noch I 
die großen Pfennige 172 ). Spiel und 
Lustbarkeiten nehmen überhand 173 ). 
Noch ärger als all dies ist der sittliche 
Verfall 174 ); ein böses, sündhaftes Ge¬ 
schlecht wird sein 175 ); die Bosheit nimmt 
zu 176 ), die Liebe erkaltet 177 ). Das Ver¬ 
brechen ist keine Schande mehr 178 ), 
Gesetzlosigkeit, Ungerechtigkeit 179 ), Ge¬ 
walt 180 ) herrschen; Ehre wird zu Schan¬ 
de 181 ), Wahrheit und Glaube 182 ),Treue 183 ) 


sind geschwunden; jeder sucht seinen 
Vorteil 184 ), ja man verläßt die Heimat 185 ) 
oder nimmt fremde Sitte an 186 ). Menschen 
werden mit Tiemamen gerufen werden 187 ); 
die Armut wird verachtet 188 ); der Geiz 
ist so groß, daß die Bauern keinen Rain 
mehr dulden 189 ); Maß und Gewicht wird 
gemindert 190 ), die Menschen werden 
Diebe 191 ), Räuber 192 ), Verbrecher 193 ) 
sein. Hurerei und Unzucht herrschen 194 ), 
die Familie zerfällt und Ehebruch ist 
keine Sünde 195 ); es werden mehr unehe¬ 
liche als eheliche Kinder geboren 196 ); 
Greise schänden Mädchen 197 ), man treibt 
Blutschande, Sodomiterei 198 ). Das Leben 
verkehrt sich; die Frauen sind manns¬ 
toll 199 ), tragen Männerkleidung 200 ), Fa¬ 
milie und Sippe zerfallen; der Freund ist 
wider den Freund, der Vater wider den 
Sohn 201 ); Mütter töten oder verkaufen 
ihre Säuglinge 202 ). Das letzte Geschlecht 
wird ein abtrünniges sein 203 ); wegen der 
Sünde muß es ja immer schlimmer 
werden 204 ), — wenn manche auch sagen, 
der Abfall geschehe um der großen Not 
willen 205 ), — und allenthalben zeigt sich 
Abfall 206 ), Verachtung des Glaubens und 
Götzendienst 207 ); der Gottesdienst hört 
auf 208 ), weil der Tempel geschändet 
wird 209 ), das hl. Feuer verlischt 21 °). 
Ein Streit um den Glauben hebt an 211 ); 
man hält die kirchlichen Gebote nicht 
mehr 212 ),verachtet die Geistlichkeit 213 ); der 
katholische Glaube wird ganz klein 214 ). 
Zuletzt gibt s viererlei Glauben 215 ); die 
Ketzerei nimmt überhand 216 ). Und dann 
wird Rom untergehen 217 ), der Papst 
drei Menschenalter nach dem Weltkrieg 
beseitigt werden 217a ). Wie sich in alle¬ 
dem die Vermessenheit der Menschen 
äußert, so auch darin, daß man Gottes 
Erde mißt 218 ). Der Meinung vom 
allgemeinen Abfall steht eine andere 
entgegen, die sagt, daß der 3. T. komme, 
wenn alle Menschen Christen 219 ), und 
Türken 22 °) wie Juden 221 ) bekehrt worden 
sind. Zuletzt aber wird die Mehrzahl der 
Menschen sterben 222 ), wie nach jüdischem 
Glauben ja auch nur ein Rest gerettet 
werden wird. Die Seelen der um ihres 
Glaubens willen Verfolgten werden vom 
nächtlichen Gottesdienst ausgehen und 


1 





«75 


jüngster Tag 


876 


das Ende predigen 222a ). Dann wird eine 
Kirche entstehen, in der die Guten 
Zuflucht finden werden 222b ). 

165 ) Türkisch: Olrik 389; babylonisch: 
Jeremias Altoriental . Geisteskullnr 215. 216; 
ägyptisch: Roeder Altägypt. Erzählungen u. 
Märchen 115; vgl. v. Gail 8, 58; buddhistisch: 
Abegg 150; parsisch: Bahman Yast 2, 35 ff.; 
3, 14 = v. Gail 129. 132; mandäisch: Brandt 
Mandäische Schriften 85 = Sitzb. Heidelb. 10 
H. 12, 19; jüdisch-christlich: Matth. 24, 6f.; 
Hab. 1, 6; IV. Esra 5, 5; 9, 3; Henoch 99, 4; 
100, 1 ff.; II. Baruch 48, 32; 27, 1 ff.; 70, 2 ff.; 
Jubil. 23, 20. 23; Apoc. Abr. 30; Daniel 9, 26; 
Sib. 3, 538. 633 ff. 660 f.; 5, 361; vgl. weiter 
Volz Jüd. Eschatologie 1750.; v. Gail 289; 
ma.lich: Wadstein 557. 546 f., wo die Zitate 
N. 3: Kemble 2, 376. 161 und N. 4: 3, 248 
lauten müssen (ebenso S. 557 N. 3 lies anstatt 
Pertz VIII p. 212: MG. SS. 6, 212); Tiburtin. 
Sibylle: SackuriS3. 184; vgl. die bei 1 genannten 
Greifswalder Dissertationen; Ps.-Ephraem bei E. 
Caspari Briefe 212; Zaunert Westfalen 241.244; 
Bräuner Curiositäten 429; Müller Sieben¬ 
bürgen 4f.; ZfdMyth. 3, 34 t.; 13. Sibylle in 
Zwölf Sybillen Weissagungen 1516; Gylfa- 
ginning 51 — Neckel-Niedner Jüngere Edda 
110; Meyer Völuspa 182. 184. 166 ) Chronicon 
Vulturnense zu 880: Muratori Rerum Itali- 
cartitn Scriptores I 2, 404; Türken 1010 vor 
Jerusalem: Chronica Godelli: Bouquet Recueil 
des histoires des Gaules et de la France 10, 262; 
Ps.-Ephraem bei Caspari Briefe 213; vgl. Gog 
und Magog. 167 ) Herrn. Lübbing Fries. Sagen 
1928, 104; Müllenhoff Sagen 250; dänisch: 
Olrik 47; mandäisch: Sitzb. Heidelb. 10 H. 12, 
29 N. 2. 168 ) Ebd.; keltisch: Olrik 32; indisch: 
01rik386; Abegg27; Ps.-Ephraem bei Caspari 
Briefe 212; Peuckert Sibylle Weiß. 16S ) Mon¬ 
golisch: Olrik 389; keltisch: Olrik 32; in¬ 
disch: Olrik 386. 387; Abegg 30; ägyptisch: 
Roeder Altägypt. Erzählungen u. Märchen 116; 
v. Gail 57; parsisch: Bahman Yast 2, 38 = 
v. Gail 130; jüdisch-christlich: II. Baruch 70, 
3f.; Jubil. 23, 19; Dirr Kaukas. Märchen 
1919, 197; Lübbing Fries. Sagen 104 f. = 
Müllenhoff Sagen 248!.; dänisch: Olrik 
397; Zaunert Westfalen 242. 17 °) Indisch: 

Abegg 31. 79; buddhistisch: Abegg 179. 
Vgl. Ps.-Ephraem bei Caspari Briefe 212. 
171 ) Fehr Massenkunst 88; Radcke 71 f.; 
13. Sib. in Zwölf) Sybillen Weissagungen 
1516; Meyer Baden 521; Kärnten: ZfdMyth. 3, 
34 f.; Zaunert Westfalen 243; Müller Sieben¬ 
bürgen 4 f.; Reiser Allgäu 1, 419; Schönwerth 
Oberpfalz 3, 331. 332; dänisch: Olrik 393; 
indisch: Ab egg 30. 78. 172 ) Lübbing Fries. 

Sagen 104. 173 ) Zaunert Westfalen 242; 

Peuckert Rosenkreutzer 247 ff. 174 ) Bahman 
Yast 2, 30. 39 = v. Gail 130; Abegg 78; 
Jes. 24, 5; Matth. 24, 10. 12; II. Baruch 27, 
11 f., 70, 6; Philo de execrationibus 2 ff.; 
Volz Jüd. Eschatologie 179; v. Gail 289; 
Wadstein 548 f. 561. 572; Greifswalder Disser¬ 


tationen s. 1; Sackur 184. Er setzt 1460 ein: 
Salomon. Sibylle; Peuckert Sibylle Weiß. 
l76 ) Jubil. 23, 14; Sib. 5, 74; Radcke 13 f.; 
Detmar Chronik, in O. H. Brandt Lim¬ 
burger Chronik 1922, 103. 176 ) Balth. 

Reber Felix Hemmerlin 1846, 456; Wad¬ 
stein 561 ff. 564. 177 ) Wadstein 550!.; 

Migne PL. 133, 641; Roeder Altägypt. Er¬ 
zählungen u. Märchen 116. 178 ) Müller Sie¬ 
benbürgen 4. 179 ) Roeder Altägypt. Erzählun¬ 

gen 114. 116; v. Gail 56!.; indisch: Olrik 
386. 387; Abegg 31; parsisch: Bahman Yast 
2, 39 = v. Gail 130; IV. Esra 5, 2. 10 f.; He¬ 
noch 91, 6; Tiburtin. Sibylle: Sackur Sib. 
Texte 183 f.; 13. Sib. in Zwölff Sybillen Weis¬ 
sagungen 1516; Gold 16; Mailly Friaul 48. 
lt0 ) Henoch 91, 6; II. Baruch 27, 11; Tiburtin. 
Sibylle Sackur Sib. Texte 183. 184; 13. Sibylle 
in Zwölff Sybillen Weissagungen 1516; Mailly 
Friaul 48; Lübbing Fries. Sagen 105. 181 ) 

Ebd. 104; II. Baruch 48, 35; 13. Sibylle in 
Zwölff Sybillen Weissagungen 1516. 182 ) IV. 

Esra 5, 1; 6, 28; 17, 17; Tiburtin. Sibylle: 
Sackur 184; indisch: Olrik 386; Abegg 31. 
183 ) Indisch: Abegg 31; Sib. 4, 153?; 13. 
Sib. in Zwölff Sybillen Weissagungen 1516; 
Ps.-Ephraem bei Caspari 212; Zaunert 
Westfalen 241. 242. 184 ) Indisch: Abegg 31 f. 
78; Brandt Mandäische Schriften 85 = Sitzb. 
Heidelb. 10 H. 12, 19. 185 ) Bahman Yast 2, 
39 = v. Gail 130; Müllenhoff Sagen 250. 
Vgl. Abegg 31. 18Ä ) Dänisch: Olrik 397. 

187 ) Lübbing Fries. Sagen 105. 188 ) Tiburtin. 
Sibylle: Sackur Sib. Texte 184; 13. Sib. in 
Zwölff Syb. Weissagungen 1516; Schönwerth 
Oberpfalz 3, 333; Indisch: Abegg31. 189 ) Schön - 
werth 3, 332. Vgl. Tiburtin. Sibylle: Sackur 
184; 13. Sib. in Zwölff Sybillen Weissagungen 
1516; Radcke 15 ff. 71 ff.; Grund 32 b; In¬ 
disch: Ab egg 78. 19 °) 13. Sib. in Zwölff Syb. 
Weissagungen 1516. 191 ) Indisch Olrik 386. 

387; Abegg 31; Buddhistisch: Abegg 149* 
192 ) Roeder Altägypt. Erzählungen 116; Thiet- 
mar v. Merseburg VII 23; 13. Sib. in Zwölff 
Sybillen Weissagungen 1516; Tiburtin. Si¬ 
bylle: Sackur 183., 184. 193 ) Ebd. 184; Ps.- 

Ephraem bei Caspari 212. Buddhistisch 
Abegg 149. 194 ) Indisch: Olrik 386; Abegg 
31. 77; II. Bar. 27, 12; Jubil. 23, 14; Grund 
49 - 61; 13. Sib. in Zwölff Sybillen Weissagun¬ 
gen 1516. 195 ) Tartaren: Olrik 364. Indisch: 

Abegg 31. 77 f.; Schönwerth Oberpfalz 3, 
331. 196 ) Ebd. 331. 197 ) Indisch: Olrik 387; 

mongolisch Olrik 389; Tiburtin. Sibylle: 
Sackur 183. 198 ) Tiburtin. Sibylle: Sackur 

183; indisch: Olrik 386; Abegg 28. 32. 199 ) 
Indisch: Abegg 32 f. 2M ) Quitzmann 197. 
So auch die Frauen: Abegg 33. 78 f.; Zau¬ 
nert Westfalen 243. 201 ) Bahman Yast 2, 

30 = v. Gail 130; Marcus 13, 12; IV. Esra 
5, 9; 6, 24; Henoch 100, 2; Jubil. 23, 19; Ti¬ 
burtin. Sibylle: Sackur 183; Ps.-Ephraem 
bei Caspari Briefe 212; 13. Sib. in Zwölff 
Sybillen Weissagungen 1516; Puhlmann 35; 
Voluspd — Genzmer Edda 2, 40; vgl. dazu 


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jüngster Tag 


878 


Müllenhoff DA. 5, 21; Meyer Völuspa 183; 
Gylfaginning 51 — Neckel-Niedner Jüngere 
Edda 110\ Zaunert Westfalen 241. 242; indisch: 
Olrik 387; Abegg 77; babylonisch: Jeremias 
Altoriental. Gsisteskultur 214. 215. 216; Roeder 
Altägypt. Erzählungen 116; Meyer Religgesch. 
16 f. 202 ) Jeremias Altoriental. Geisteskultur 
216; Henoch 99, 5; Philo de execrat. 3. 203 ) 

Iranisch: Abegg 221; Henoch 93, 9; 13. Sib. 
in Zwölff Sybillen Weissagungen 1516; Zaunert 
Westfalen 242. 204 ) Wadstein 548; Nachweiszu 
129. 205 ) II. Baruch 28, 3. 206 ) Bahman Yast 2, 
33 ff. 44 ff. = v. Gail 130; indisch. Olrik 386. 
388; Abegg 28 f.; buddhistisch: Abegg 178 f.; 
Jubil. 23, 21; v. Gail 289!.; Wadstein 549. 
567; Zaunert Westfalen 241. 20? ) Indisch: 

Olrik 386. 388; Abegg 29. 77; Henoch 80, 7; 
99, 7 f.; Jubil. 23. 19; Sib. 4, 152; Volz Jüd. 
Eschatologie 180; 13. Sib. in Zwölff Sybillen 

Weissagungen 1516; Radcke 17: Ministri 
Christi sunt et serviunt Antichristi. 208 ) Gold 
17. Indisch: Abegg 29. 209 ) Volz Jüd. Escha¬ 
tologie 180; Tiburtin. Sibylle: Sackur 183; 
keltisch: Olrik 32; indisch: Olrik 386. 2l °) 

Olrik 396. 211 ) Müllenhoff Sagen 250. 212 ) 

Zaunert Westfalen 243. Indisch: Abegg 28 f. 
78 f. Buddhistisch: Abegg 178. 213 ) Sc hon- 

werth Oberpfalz 3, 330; Lübbing Fries. Sagen 
104. Vgl. 13. Sib. in Zwölff Syb. Weissagungen 
1516. Indisch: Abegg 79. Buddhistisch: Abegg 
178. 214 ) C. Burdach Vorspiel I 1 (1925), 239h.; 
Zaunert Westfalen 242. Vgl. Indisch: Olrik386. 
387. 215 ) Müllenhoff Sagen 250. 216 ) Indisch: 
Olrik 386; Abegg 29; Grund 14. 23. 28 ff.; 
Feind 42. 51; Radcke 46 ff. 50 ff.; Puhl¬ 
mann 25. 21? ) Schönwerth Oberpfalz 3, 331; 
beruht das auf tiburtin. Sibylle: Sackur 
184: Roma in persecutione et gladio ex- 
pugnabitur ? Vgl. die buddhistische Meinung 
Abegg 180. 2lTa ) Martin Karpinski Unsere 
Zukunft im Lichte d. Weissagungen 1921, 36 ff. 
2ls ) Dänisch: Olrik 393. 21J ) Marcus 13, 10; 

Ekkehard von Aura MG. SS. 6, 212; Tibur¬ 
tin. Sibylle Sackur 185; P. Bahlmann Rhein. 
Seher u. Propheten 1901, 33; Mschles Vk. 8, 46; 
Schönwerth 3, 330 f. 22i ’) Teoiosphorus 1516, 
34; Bräuner Curiositäten 429. Konstantinopel 
zerstört: ebd.; P. Bahlmann Rheinische Seher 
u. Propheten 1901. 33; Peuckert Schlesien 72; 
ders. Sibylle Weiß. 221 ) Radcke 56 f.; tiburtin. 
Sibylle: Sackur 185. 222 ) Tartaren: Olrik 364; 
Roeder Altägypt. Erzählungen 115; mandäisch: 
Sitzb. Heidelb. 10 H. 12, 29 N. 2; Philo de 
execr. 2 ff.; Henoch 100, 1 ff.; II. Baruch 48, 
37; 70, 6 ff.; Sib. 3, 635 ff.; 5, 376 ff. 222a ) Kara- 
sek-Langer u. Strzygowski Sagen d. Bes¬ 
kidendeutschen 1930, 208 Nr. 539 (vgl. Bolte- 
Polivka 3, 472). 222b ) Ebd. Nr. 538. 

VIII. Vorzeichen religiöser Tendenz. 
Der j.T. bricht 40 (45) Tage nach der 
Tötung des Antichrists an 223 ), wenn alle 
30 Jahre alt sind 224 ), nach der discessio 
des Imperium Romanum 225 ), wenn Jeru¬ 


salem neu gegründet wurde 225a ), nachdem 
Kaiser Karl wiederkehrte 226 ); es herr¬ 
schen noch 11 Päpste bis dahin, und der 
letzte wird wie der erste Papst Petrus 
heißen 227 ). 

223 ) Petrus Damiani Migne PL. 145, 839; 
Jos. Bautz Weltgericht u. Weitende 1886, 139 ff.; 
Peuckert Sibylle Weiß\ Vernaleken Alpen¬ 
sagen 69; ZfdPhil. 27, 151; 1290 Tage rechnet 
Seb. Franck Chronica 1531 DXXiij R. 224 ) 
ZfdPhil. 27, 153. Parsisch: 30 Jahre vor An¬ 
fang des Milleniums Retter geboren: v. Gail 
126. 225 ) Augustinus de civ. dei XX 19; 

Knop 27; Puhlmann 7; Gold 12; Ps.- 
Ephraem bei Caspari Briefe 214. 225a ) Martin 
Karpinski Unsere Zukunft im Lichte d. Weis¬ 
sagungen 1921, 37. 226 ) Zaunert Rheinland 1, 
81. Siehe dürrer Baum, Weltzeitalter, schlaf. 
Kaiser. 227 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 330. 
Gehört wohl zur joachit. Lehre vom „Engel¬ 
papst“. 

IX. Vorzeichen mythologischen Inhalts, 
Wunder. Der j. T. ist, wenn bestimmte 
schlafende Steinbilder erwachen 228 ), Burg 
Grimmenstein ins Tal hinabgerückt 229 ), 
bestimmte Steine in die Erde gesunken 
sein werden 230 ), sich aus der Erde he¬ 
ben 230a ), umdrehen a30b ), die Steinplatte 
der Wallfahrtskirche Maria Schnee (Böh¬ 
men) so weit klafft, daß ein beladener 
Wagen durchfährt 231 ), vom Kreuz bei 
Caslau die Querbalken abfallen 232 ), die 
Bildsäule des hl. Ernestus zerfällt 233 ), 
die Fußspur in der Felber Kirche ver¬ 
schwindet 233a ), das Kruzifix in Braunau, 
das alle Jahre sein Haupt ein wenig senkt, 
dieses auf die Brust neigt 234 ); an der Bam- 
berger Wage das Zünglein richtig steht 235 ); 
das Grab der Sibilla Weiß so weit von der 
Mauer gewichen ist, daß ein Reiter herum¬ 
reiten kann 236 ), der Leichnam eines Wei߬ 
künstlers vom Kirchhof bis zur Brücke 
fortgewachsen ist 237 ), aus dem ver¬ 
mauerten Brunnen in Braunau wieder 
eine Quelle fließt 238 ), die Rippe der 
Heiden jungtrau in der Kirche zu Oberburg 
(Steiermark) vertropft ist 239 ), wenn die 
nähende Jungfrau im Berg ihr Hemd 
fertig hat 240 ), Tannhäusers Bart um den 
Tisch gewachsen ist 241 ), der schlafende 
Kaiser wiederkehrt 242 ), das schlafende 
Heer zur Endschlacht erwacht 24S ) und 
als Vorspiel der Zobten Feuer speit M ) 9 
wenn der Schlachtenbaum (s. d.) aus¬ 
grünt 245 ), die Linde der Heidenjungfrau 





jüngster Tag 



zu Eisersdorf eingeht 246 ), das Nagel¬ 
schiff fertig ist 247 ), Ahasver (Jerusa- 
lemit. Schuhmacher) nach Dänemark 
kommt 248 ), noch einmal den oder jenen 
Ort passiert 248a ), der Drache, der Kriem- 
hild bewacht, zur Hölle gefahren ist 249 ), 
Luzifer loskommt 250 ), die Urko (gefes¬ 
seltes Unterweltstier) alle Haare von der 
vor ihr liegenden Haut gefressen hat, 
und sie frißt jedes Jahr ein Haar 25i ), wie 
die Hemdnäherinnen jedes Jahr einen 
Stich tun 240 ), wenn endlich die Unter¬ 
weltstiere loskommen (Schlange 252 ), 
Sau 253 ), Stier 254 ), Maulwurf 255 ), Maus, 
Walfisch 255 ), Frosch 2553 )), der Wolf los¬ 
kommt 256a ), die kleinen Teufel Ahidjul 
auf die Erde kommen 256b ). 


228 ) Buddhistisch: Soederblom La vie fu- 
ture 203. 204; Grohmann Sagen 60. 22a ) Mailly 
Niederösterreich. Sagen 117 h; vgl. Sebillot 
Folk-Lore 2, 96. 23 ') Böhmisch: Olnk 396; 

Jungbauer Böhmerwald 115t. 253; Gioh- 
mann Sagen 64. Dänisch: 

Posen 396; Olrik 396. 

367; Stein verschwindet: 

23 ° a ) Freisauff Sagen 330. 

1, 418. 231 ) Jungbauer Böhmerwald 158. 

* 32 ) Grohmann Sagen 65. 233 ) Kahlo Denk¬ 
würdigkeiten d. Graf sch. Glatz 147; Peuckert 
Schlesien 71. 233a ) Karl O. Wagner Pinzgau¬ 

sagen 1925,150. 234 ) Peuckert Schlesien 71; ders. 
Rosenkreutzer 247; Kühnau Sagen 3, 521; vgl. 
Wolf Deutsche Märchen u. Sagen 1843, 290; 
Künzig Schwarzwaldsagen 221. 235 ) Frei¬ 
sauff Salzburg 161. 23fl ) Panzer Beitrag 


Olrik 396; Knoop 
Tartarisch: Olrik 
Kühnau 2, 633. 
230b ) Reise vAllgäu 


2, 54 f- 309 - 


237 


) Alpenburg Tirol 312. 


238 ) Kühnau 3, 521. Vgl. Sebillot Folk-Lore 


2, 210. 


239 


) Grimm Sagen Nr. 140. 


240 


) Su- 


bella: Kühnau Sagen 1, 535 Nr. 594. 595; 
MschlesVk. III, 5, 61; Peuckert Schlesien 67; 
Heuscheuerjungfrau: Kühnau Sagen 1, 556; 3, 
665; Jungfrau in Ringelkoppe: Kühnau Sagen 

1» 557 55 8 ; 3 , 521; Grohmann Sagen 57 f.; 

imBarzdorfer Gebirge: Kühnau 1, 561 f.; Melu¬ 
sine in Luxemburg: Zaunert Rheinland 1, 302. 

241) H 

erzog Schwei zersägen 1, 123 Nr. 124. 
Kaiser Karls Bart: Schöppner 1, 3; Frei¬ 
sauff Sagen 26. 242 ) Zaunert Rheinland 1, 

81; Westfalen 82. 245; Sieber Harzlandsagen 
1928, 89; Vernaleken Alpensagen 228; Frei¬ 
sauff Sagen 10. 26. 175. 243 ) Grohmann Sagen 
64; Peuckert Schlesien 69; Kühnau Sagen 3, 
517. 518. 521; Freisauff Sagen 175; Vernale¬ 
ken Alpensagen 62; Lübbing Fries. Sagen 105; 
Soederblom 277. 244 ) Peuckert Schlesien 69 
= Kühnau Sagen 3, 517. 246 ) Lübbing Fries. 
Sagen 105; Freisauff Sagen 173. 175. * 49 ) 

Die Grafschaft Glatz 15 (1920), 58. 247 ) Olrik 
72 ff. us ) Olrik 395; Reitzenstein in Vorträge 
d. Bibi. Warburg 1923/24, 1490.; Freisauff 


164; vgl. Olrik Ragnarök; Panzer Beitrag 2, 
426 f. 248a ) Walliser Sagen 1, 245. 249 } Mo ne Un¬ 
tersuchungen z. Gesch. d. teutschen Heldensage 
1836, 168. 25 °) Vernaleken Alpensagen 69; 

Freisauff Sagen 164; Quitzmann 197. 
251 ) Schwedisch: Olrik 362. 252 ) Vgluspä = 

Genzmer Edda 2, 42. Dänisch: Olrik 394 f.; 
isländ.: Olrik 361; irisch: ebd.; vgl. Grimm 
Myth. 3, 242. 253 ) Dänisch: Olrik 27 f. lö4 ) Dä¬ 
nisch: Olrik 24 f. 255 ) Grohmann Sagen 60. 
255a) Jungbauer Böhmerwald 102. 256 ) VQluspä 


Genzmer Edda 2, 40. 41. 


256a 


) Leo Fro- 


benius Atlantis 1 (Kabylen), 103. 

X. Lokale Anzeichen (vgl. IX). 
Der j. Tag wird kommen, wenn Rungholt 
wieder auf taucht 257 ), die Kirche zu 
Eidum zum 2. Male von der See und vom 


Sande ingesettet worden ist 258 ), die 
Straße übers Balglereck bei Klausen führt, 
die große Glocke vom Turm zu Velthums 
fällt, auf dem Hochaltar zu Villanders 

1 

den Rossen Heu vorgeschüttet wird (das 
: erste und zweite ist schon geschehen) 259 ), 
| der Ansidlfelsen bei Lienz in die Drau 
i fällt 260 ), der Grulicher Schneeberg aus- 
| bricht 261 ), der Fisch mit Charakteren im 
! Stadtgraben von Liegnitz zum dritten Mal 
I gefangen werden wird 261a ). Solche lokale 
| Vorzeichen werden im Friesischen 262 ) 
und Dänischen 263 ) viel genannt. 


257 ) Grässe Preußen 2, 1041. 258 ) Müllenhoff 
Sagen 250. 259 ) Zingerle Sagen 1859, 408. 

29{J ) Ebd. 261 ) Peuckert Schlesien 268, vgl. 
Wilh. Schremmer Schles. Volkskd. 1929, 105 
i Nr. 92; Reiser Allgäu 1, 418 f.; Nachw. 107. 
2#ia) Peuckert Schlesien 70; zu Grunde liegt 
wohl das ,,Gespräch eines Senators" 1539: 
Dobeneck 2, 143, in Kaiserslautern bedeute der 
Fang Kaiser Friedrichs Zukunft. Vgl. Becker 
in NdZfV^4 (1926), 131. 262 ) Lübbing Fries. 
Sagen 104 f. 263 ) Olrik 22 ff. 


XI. Kalender. Der Sonntagsbuchstabe 
hat das große Geheimnis in sich, aber 
die genaue Berechnung kennt nur der 
Kalendermacher 263a ). 

263a ) Rosegger Älpler 141. 


3. Legende von den 15 Vorzeichen. 
Im MA. spielte die Legende von den 
15 Vorzeichen des j. Gerichtes eine be¬ 
sondere Rolle; da sie nicht in den lebenden 
Volksglauben eingegangen ist, sei sie nur 
kurz erwähnt 264 ). Wir haben mehrere 
Redaktionen, die nebeneinander gehen; die 
verbreitetste war die der Legenda aurea. 
Völlig abweichend von ihr ist die Aufzäh¬ 
lung eines Basler Elucidarius 268 ), die von 



V 


1 


\ l 


1 


t 


T- 

I 


88I jüngster Tag 882 


Haupt 267 ) mitgeteilte, die des Misnaere 268 ) 
und die des Nicolaus Winckler 269 ). Sie 
von den zehn Vorzeichen, die jüdische 
Schriften nennen 269a ), abzuleiten, er¬ 
scheint nicht angängig. 

Jacobus a Voragine nennt: 1. das 
Meer erhebt sich 40 Fuß hoch über die 
Berge 27 °); 2. es versiegt 271 ); 3. es kehrt | 
in sein Bett zurück, die Meerwunder i 
brüllen 138 ); 4. das Meer verbrennt 272 ); j 
5. Bluttau der Bäume 143 ), die Vögel ! 
sammeln sich 155 ); 6. Bauten und Städte - 
zerstört 273 ); 7. Steine zerreißen unter : 
furchtbarem Getön 153 ); 8. Erdbeben 66 ); 

9. die Erde wird eben 274 ) und alle Berge 
zu Pulver; 10. die Menschen kommen aus : 
ihren Höhlen 160 ) hervor; 11. die Gebeine 

der Toten erscheinen auf den Gräbern 275 ), ! 

9 \ 

die Gräber tun sich auf; 12. die Tiere | 
sammeln sich 154 - 155 ), die Sterne fallen 
und geben Zeichen 84 ), ein Feuerstrom 
erscheint am Himmel 77 ); 13. die Auf er- : 
stehung (vgl. jüngstes Gericht) 276 ); 14. 
Weltbrand (s. Eschatologie); 15. neuer 1 
Himmel und neue Erde. 

Eine Beschwörung Vinculum Salomonis 
verarbeitete die Zeichen, indem sie jedem 
Engelsnamen eins beimaß 276a ). Die Vor¬ 
zeichen, die das Zwölf-Sibyllen-Volksbuch 
angibt, gehen auf Sebastian Frank zurück, 
bestehen also neben unserm Text 276b ). 

284 ) Michaelis in Herrigs Archiv 46, 33 ff.; 
Peiper im Archiv f. Literaturgesch. 9 (1880), 
1175.; Nölle bei PBB. 6 , 413 ff.; Aug. Wund¬ 
rack Der Linzer Entcrist Marb. Diss. 1886, 
46 ff.; Karl Reuschel Untersuchungen z. d. 
deutschen Weltgerichtdichtungen des II. bis 
lg. Jh. Leipziger Diss. 1895, 41 ff.; Gustav 
Grau Quellen und Verwandtschaften d. älteren 
germ. Vorstellungen v. jüngsten Gericht 1908, 261 ff. 
Vgl. weiter Anton E. Schönbach Altdeutsche 
Predigten 2, 10. 192. 194. 312; ZfdPhil. 19, 
304 ff.; Grimm Myth. 3, 242; Germania 28, 
402 ff.; Alemannia 1, 70 f.; ZfdA. 3, 523; Paul 
Kristeller Holzschnitt u. Kupferstich 1922 4 , 37. 
2 ") Wackernagel Deutsch. Handschr. d. Basler 
Univers.-Bibliothek, Rektoratsprogr. 1835, 22. 
297 ) ZfdA. 1, 1170.; vgl. Nölle 446, dessen 
Einordnung falsch ist, und Quitzmann 205. 
268 ) v. d. Hagen Minnesinger 3, 96 f. 268 ) Nico¬ 
laus Winckler aus Forchheim Bedencken Von 
künftiger verenderung. Augsburg 1582 G. R. 
263 ») Buxtorf Judenschul 649 ff.; Pawlikows- 
ki 733. 2 -°) Bautz Weltgericht u. Weitende 

143. 147. 2:1 ) Ascensio Mos. 10, 6; Test. Levi 
4, 1. 272 ) Sib. 8, 225 f. 2:3 ) Bahman Yast 2, 
26 f.; Ezechiel 38, 20; Apoc. Joh. 16, i8f. 


274 ) Bundahischn 30, 33; Luc. 3, 5; Ascensio 
Mos. 10, 4; Sib. 8, 234. 275 ) Yasna 13, n. 22. 
28; IV. Esra 7, 32; Dan. 12, 2; Ezech. 37?; 
I. Thessal. 4, 16 f. ; Apoc. Joh. 20, 12. 279 ) Yast 

19, 94(?); I. Kor. 15, 52; I. Thessal. 4, 15 ff. 
276 a ) Nigromantisches Kunstbuch, Köln a. Rh. 
1743 bei Peter Hammers Erben (Scheibledruck) 
83 ff. 279b ) Peuckert in MschlesVk. 1928, 217 ff. 

4. Naher oder ferner Termin. Der 
Zeitpunkt des j. T.es wird oft als nahe 
empfunden; die Axt ist den Bäumen 
schon an die Wurzel gelegt 27 7 ); 1928 
stehen alle Toten auf 277a ); die Hemd¬ 
näherin ist am letzten Ärmel 24 °); es 
werden nur noch 11 Päpste sein 227 ), ja 
alle Vorzeichen sind schon geschehen 278 ). 
Um eine Kirche bei Brixen ist eine Kette 
2 l h mal geschlungen; jedes Jahr wird ein 
neues Glied (1 Fuß lang) zugefügt; reicht 
sie dreimal herum, ist das Ende da 278a ). 
— Der j .T. wird als sehr fern 279 ), aber doch 
als bestimmt kommend aufgefaßt; man 
kann einen Spuk nicht ewig, nur bis 
zum j. T. verbannen 280 ). So setzt man 
Fristen ,,bis zum j. T." 281 ); bis zum j. T. 
bleiben die mit Luzifer gestürzten Engel 
als Norgen 281a ); möge Schnee die ver¬ 
wünschte Alp am Davoser Schwarzhom 
decken 282 ), muß Tannhäuser auf Erlösung 
warten 283 ), der bei Frau Hulli 284 ), bei der 
Nixe 285 ) bleiben, wer zu ihr geht; der ewige 
Jude umgehen 286 ), der wüde Jäger ja¬ 
gen 287 ); ist Sibylle in den Turm 288 ), der 
Teufel in einen Turm der Stadtmauer ge¬ 
bannt 289 ), der Drache im Fledermausstein 
bei Itschna (Zürichsee) gebunden darf 
der Bergmeister als Bergmönch um¬ 
gehen 291 ), wünscht sich Hackelberg zu 
jagen 292 ), tanzen die Teilnehmer am ver¬ 
botenen Tanz 292a ), verflucht sich Müllers¬ 
tochter in den Stein 293 ), ist Hexenge¬ 
sindel in den Stein gebannt 294 ), reitet der 
Bauer, der beim Hexenritt verunglück¬ 
te 295 ), büßt der Teufelsbündner 295a ), 
geht der ewige Jude 295b ). Bis zum jüng¬ 
sten Tag muß mancher Böse als Spuk 
um wände ln 296 ), zechen die Ritter in der 
versunkenen Burg Landecke 296a ), muß 
mancher Spuk verbannt büßen 297 ), Heide 
zählen 298 ), der sich selbst verschwörende 
Meineidige schreien 2 "), versucht der in 
den Gletscher verbannte, diesen zu spal¬ 
ten 299a ), denn bis zum j. T. kann der 



88 3 


jüngstes Gericht 


884 


Spuk nicht Ruhe finden, wenn er nicht 
erlöst wird 30 °), ist der Himmel den Selbst¬ 
mördern verschlossen 300a ). Bis zum j. T. 
versucht der Tote umsonst, den Knoten 
im Sterbehemd zu lösen 300h ). Bis zum 
j. T. geht die weiße Frau um 301 ), spielen 
Engel und Teufel um Reginalds Seele 301a ); 
ihn erwartet der verbannte Geist auf der 
Hühnerspielspitze am Brenner 302 ); bis 
zum j. T. mißt ein daumenlanges Männel 
im mnl. Brandaengedicht den See 303 ), 
muß der vor Gottes Gericht Geladene 
stehen, wenn ihm nicht verziehen wird 304 ). 
So viel Seelen wie der liebe Gott hofft 
der Wassermann am j. T. gefangen zu 
haben 30S ). 

277 ) Matth. 3, 10. 277a ) Wiener Kinderglaube 
ZföVk. 34, 42. 2r8 ) Wadstein 544; Migne 

PL. 40, 667; Schönbach Altdeutsche Predigten 

з, 184; vgl. Kühnau Sagen 3, 483: in genau 

200 Jahren. 2;8a ) Panzer Beitrag 2, 393. 
279 ) Höhn Tod 326. 2a0 ) Grässe Preußen 

2, 1070 t. 2S1 ) DWb. 4, 2, 2374; Jäklin Volksth. 
3 » 350; ZfdA. 8, 218 f.; Lammert 183; Zahler 
Simmenthal 102. 105. nof. 281a ) Zingerle 
Sagen 1859, 39. 282 ) Herzog Schwei zersägen 1 

2, 5. Ist Kirche versunken: Karasek-Langer 

и. Strzygowski Sagen d. Beskidendeutschen 26. 

283 ) Kuoni St. Galler Sagen 129; SAVk. 14, 
182 f. 284 ) Zaunert Natursagen 1, 107; ZfdMyth. 
1, 23 ff.; bei Bergfrau: Freisauff 136. 235 ) 

Sieber Harzlandsagen 29. 286 ) Peuckert 
Schlesien 65. Vgl. die weinende Dame Rolands 
im Pierre-Degouttante: Sebillot 1, 329 f. 

287 ) Sieber Harzlandsagen 69; Kuhn Mark. 
Sagen 19 f.; Zaunert Rheinland 2, 234; Küh- 
naü 2, 479. 458. 506; Ranke Sagen 2 126. 
2S8 ) Peuckert Schlesien 67. Vgl. Nachw. 240. 
289 ) Grimm Sagen 150. Herzog Schweizer¬ 
sagen 1 1, 212 f.; vgl. Jegerlehner Oberwallis 
72 f. 291 ) Sieber Harzlandsagen 297. 2J2 ) Kuhn 
Mark. Sagen 187 t. 292a ) Walliser Sagen 2, 118. 
293 ) Ebd. in ff. 294 ) Müller Sagen aus Uri 
1, 103; ins Moor: Ullrich Kuhländchen 77. 
235 ) Kuhn Westfalen 1, 374. 295a ) Mailly Friaul 
73ff. 2,J5b ) Künzig Schwarzwald 199; Anm. 286. 
^ Kühnau Sagen 4, 146; Oberschles. Sagen 
389; Jungbauer Böhmerwald 117; Herzog 
Schweizer sagen 1 2, 126; Kuoni St. Galler 

Sagen 140 f. 145 t.; Kapff Schwaben 23. 
30; Baader N. Sagen 38; Zaunert Rheinland 
I, 21; 2, 224; Kuhn Westfalen 1, 215; Wucke 
Werra 281; Quensel Thüringen 323; Grässe 
Preußen 2, 661; Karl Ed. Haase Sagen d. 
Grafschaft Ruppin 1887, 79. Vgl. dazu v. 
Gail 121. 308. 296a ) Herrn. Janosch Unsere 

Hultschiner Heimat (1924), 24. 297 ) Müller 

Sagen aus Uri 1, 14 f.; 2, 162; Alpenburg 
Tirol 187 1 ; Panzer Beitrag 1, 188; Herrn. 
Heller Höhlensagen aus d. Land unter d. Enns 
1924, 78; Wolf Deutsche Märchen u. Sagen 176; 


Zaunert Rheinland 2, 12: Sieber Harzland¬ 
sagen 188. Vgl. Zaunert Deutsche Märchen 
seit Grimm 1, 121. 293 ) Herrn. Lübbing Fries . 
Sagen 144 f. 2 ") Strackerjan 1, 364 = 
Ranke Sagen 2 50. 299a ) Freisauff Sagen 

614 f. 30 °) Jäklin Volksth. 1 3, 9. 300a ) Harry 
Söiberg. Der Seekönig 1930, 112; Andrian 
Altaussee 118. 300b ) Festschr. f. Lemke 1908, 

234. 301 ) Sieber Harzlandsagen 69. 301a ) Wolf 
Niederländ. Sagen 1850, 212. 302 ) Alpenburg 
Tirol 182. 303 ) Grimm Myth. 1, 373 f. 3u4 ) 

Wen zig Westslav. Märchenschatz 94. 3 ° 5 ) 

Kühnau Sagen 2, 356 f. 

Ohne Parallelen ist ein französischer 
Glaube (Loire-Inferieure), daß am j. T.e 
alle Katzen die Mauer der Hölle entlang¬ 
klettern 306 ). 

30,i ) Sebillot 3, 122. Peuckert. 

jüngstes Gericht. 

1. Europäischer und vorderasiatischer 
Glaube lehrt, daß über jeden Menschen 
ein göttliches Gerichtsverfahren statt¬ 
findet. Entweder erfolgt dies nach dem 
Tode des Einzelnen oder im Rahmen 
eines allgemeinen Weltgerichtes am Ende 
des Aion. Im Volksglauben haben beide 
Meinungen ihren Niederschlag gefunden; 
durch ein dem Einzelnen geltendes Ge¬ 
richt wird der Böse zum Spuken verur¬ 
teilt; vor ihm erzwingt er das Nach¬ 
sterben seines Bedrängers, vgl. Josa¬ 
phat. Im Folgenden ist aber nur vom 
endlichen Weltgericht zu sprechen. 

Zum Ausdruck j. G. vgl. jüngster Tag. 

2. Der Glaube an ein j. G. läßt sich 
in den ältesten persischen Religionsur¬ 
kunden, den Gathas *) (6. Jh. v. Chr. 2 )), 
wohl auch in den Veden 3 ) nach weisen. 
Es wird an der Brücke des Scheiders, 
der Cinvatbrücke, durch das Feuer, nach 

i Offenlegung der Bücher, das Gericht 
erfolgen L ). Da es zu Lebzeiten Zara¬ 
thustras 4 ) geschehen soll, ist dieses End¬ 
gericht zugleich Individual-Totengericht. 
Im jüngeren Avesta, nach Zarathustras 
Tode, scheint der Glaube an das Indivi¬ 
dual-Totengericht zu überwiegen, obwohl 
vom Endgericht noch immer die Rede ist 6 ). 

Das nachexilische Judentum übernahm 
die Weltgerichtsidee von den Persern 6 ). 
Die Apperzeption wurde dadurch er¬ 
leichtert, daß seit Arnos von einem Ge¬ 
richtstag Jahves die Rede war (1, 3 ff. 
13; 2, 1 ff.; 9, 1 ff.) 7 ). Eine bedeutende 


885 


jüngstes Gericht 


886 


Förderung erhielt der Gerichtsgedanke ! 
durch die Aufnahme des Glaubens an ] 
eine Auferstehung der Toten 8 ) und der j 
Aionenlehre 9 ), so daß jetzt erst von einem 
allgemeinen ,,End“gericht die Rede sein 
kann 10 ). Von Daniel 7, 9 ff. über Henoch 
60 ff., IV. Esra 7, 26 ff. bis Matthäus 25, 
31 ff. und Apoc. Joh. 20, 11 ff. kann man 
ausführliche Schilderungen finden. Bous- 
set 11 ), Volz 12 ) und v. Gail 13 ) haben 
die darauf bezüglichen Stellen aus der 
hellenistisch-römischen Zeit des Juden¬ 


sit... judicare omnes homines 15 ). Von 
Arn, dem Salzburger Erzbischof, fordert 
Alcuin gelegentlich der Frage, wie ein 
Heide zu unterweisen sei: Zuerst ist er zu 
unterweisen über die Unsterblichkeit der 
Seele, das zukünftige Leben, die Ver¬ 
geltung für Gute und Böse usw. 16 ). 
Das j. G. spielte als das abschließende 
Ereignis in der Darstellung des christl. 
Weltbildes eine Rolle. Vielleicht war es 
; Gebot der Mission, den Germanen ein 
geschlossenes Weltbild zu geben, denn 


tums gesammelt; die Ausbreitung der j 
Idee durchs ganze christl. Altertum bis ! 
Nicäa hat Atzberger dargestellt 14 ). Augustin ! 
faßte, de civitate Dei XX, das Ganze 

1 

zusammen. j 

v. Gail BssiXcta to} 1926, 89 ft. 

Vgl. Hübschmann in Jb. f. protest. Theologie 
5 (1879), 225 ff.; N. Soederblom La vxe 

future d'apres le Mazdaisme 1901; E. Böklen 
Die Verwandtschaft d. jüdisch-chnstl. mit d. 
pars. Eschatologie 1902; Karl Holl Ges. Auf¬ 
sätze II Der Osten 1928, 2 f. 2 ) Zur Datierung: 
Joh. Hertel Die Zeit Zoroasters 1924- 3 ) Herrn. 
Oldenberg Religion des Veda 1923, 541 ; 

Scheftelowitz im ARw. 14, 322 t. 4 ) v. Gail 
94. 5 ) Ebd. 98 ff. 105. 6 ) E. Böklen Die 

Verwandtschaft-, Volz Jüd. Eschatologie 85 f.; 

J. Schef telowitz Die altpers. Religion u. 
d. Judentum 1920, 206 f. Besonders v. Gail 
219 ff. 7 ) Ebd. 1670. 8 ) Ebd. 312. 303 ff. 

9 ) Bousset-Greßmann Die Religion d. 
Judentums im spätheilenist. Zeitalter 1926, 257. 

10 ) v. Gail 312. u ) Bousset-Greßmann 
Religion d. Judentums 257 ff. 12 ) Paul Volz 
Jüd. Eschatologie von Daniel bis Akiba 1903, 
257 ff. 13 ) v. Gail 312 ff. 14 ) Leonhard 
Atzberger Geschichte d. christl. Eschatologie 
innerhalb d. vornicänisehen Zeit 1896, Register 
unter Weltgericht. Vgl. besonders: nachapostol. 
Zeit 107 ff. Griechen d. 2. Jh. 1580., Irenaus 
259 ff., Tertullian 329 h., Hippolyt 288, Method. 
490, Origines 449 ff., Lactanz 608 ff.; Reitzen¬ 
stein in Sitzb. Heidelb. 10, H. 12, 34 t. 37. 

3. Dem MA. gehörte die Lehre vom 
j. G. zu den Grundwahrheiten des Glau¬ 
bens. In den Vorschriften des Aachener 
Konzils 789 heißt es 82: Primum omnium 
praedicandum est omnibus generaliter, 
ut credant Patrem et Filium et Spiritum 
sanctum... Item praedicandum est, quo- 
modo Dei filius incarnatus est de Spiritu 
sancto ex Maria semper virgine pro salute 
et reparatione humani generis, passus, 
sepultus et tertia die resurrexit et ascendit 
in celis; et quomodo iterum venturus 


Entstehung und Zukunft interessierten 
sie sehr 17 ), man kann das aus Karls 
Anweisungen 789 herauslesen, und die 
sog. karolingische Musterpredigt wäre 
wirklich ein Muster; sie umfaßt Schöpfung, 
Erlösung, Endgericht 18 ). Denn daß es 
auf ein solches Wissen ankam, dafür 
zeugt schon Columban, der Glauben 
definiert als die Überzeugung von der 
Wahrheit des j. Gs. 19 ). 

Natürlich hat man daneben die Lehre 
vom j. G. für die Morallehre ausgewertet. 
Den oben erwähnten Predigten hängt ein 
! moralisierender Schluß an 20 ); noch im 
’ 11. Jh. fordert das Homiliar des Bischofs 
! von Prag, daß man die Menschen zu guten 
j Werken stärke durch die Predigt von den 
. Schrecken des Gerichts 21 ). 

Zur Zeit Muhammeds 21a ), dann in den 
Wirren der späten Karolingerzeit, gesteht 
862 Karl II., der Kahle: Das angefangene 
j Gute ist zurückgegangen. Es haben in 
i diesem Reiche erschreckliche Übel ein 
! solches Wachstum gehabt... Daher 

i müssen wir ausrufen: Die Kinder sind 

) 

| bis an die Geburt gekommen, und es ist 
keine Kraft zu gebären da 22 ). Ich greife 
1 aus vielen Klagen diese heraus, weil sie 

I ♦ • 

zeigt, daß eschatologische Ängste um¬ 
gehen ; das Nicht-mehr-gebären der Frauen 
ist seit alters ein Vorzeichen des Weit¬ 
endes (vgl. jüngster Tag). In den latei¬ 
nischen Hymnen gewinnt das Thema 
de die judicii Bedeutung 23 ); Otfrid (V, 
19 ff.) räumt ihm einen weiten Raum 
ein; der Heliand, Cynewulfs Crist III., 
wie überhaupt die ags. Literatur 24 ) und 
nicht zuletzt das deutsche Muspilli wie 
Adsos Antichristschrift (vgl. Antichrist) 
gehören hierher. 


887 


jüngstes Gericht 


888 


Das ii. und 12. Jh. läßt darin nicht 
nach. Zwar ist es nicht mehr so sehr die 
augenblickliche Bedrängnis, obwohl man 
immerfort das Ende erwartete (vgl. 
jüngster Tag), — man geht eher wieder an 
die Gestaltung des christl. Weltbildes. 
Honorius Augustodunensis mit seinem 
ersten Elucidarius 25 ), dem bald andere 
folgten, mag dafür Beispiel sein (Ezzos 
Gesang wie die summa theologiae 26 ) 
übersetzten den Honorius ins Deutsche). 
Auf ihm stehen jetzt die meisten Dar¬ 
stellungen. Auch die Predigtliteratur des 
12., 13. Jh. benützt ihn neben Rabanus 
Maurus und Gregor dem Großen 27 ). 
Erwähnt seien für die mhd. Frühzeit noch 
das fränkische Bruchstück vom j. G. 29 ), 
die Gedichte der Frau Ava 30 ), der Fried- 
berger Christ und Antichrist 31 ), Otto v. 
Freisings 8. Buch, das auf Augustin 
steht, — die Spiele vom j. G. der späteren 
Jh.e 32 ); im übrigen sei auf Wadsteins 
Zusammenstellung verwiesen 33 ). 

Im 16. und 17. Jh. hat man sich noch 
einmal ausgiebig mit der Idee befaßt 
(s. jüngster Tag, Antichrist); es sei auf 
die Zusammenstellung in meinen „Rosen- 
kreutzem“ 34 ) verwiesen. Da gerade diese 
Zeit für die Ausbildung des Volksglaubens 
von Bedeutung war 35 ), wird man die 
einzelnen Äußerungen 36 ) wohl zu be¬ 
achten haben. 

15 ) M. G. Leges. 16 ) F. R. Albert Geschichte 
d. Predigt in Deutschland 2 (1892), 26. 17 ) E. H. 
Meyer Mythologie (1903) 24; Ehrismann in 
PBB. 35, 209. 18 ) ZfdA. 12, 436 ff. Vgl. Albert 
Predigt 1, 132. 133. 134 N. 2. 19 ) Albert Pre¬ 
digt 1, 41. 20 ) Vgl. auch Albert Predigt 1, 102. 
107. 160. 21 ) Ebd. 2, 162. 21a ) Reitzenstein 
in Sitzb. Heidelb. 10, H. 12, 37; Soederblom 
274 ff. 22 ) Albert Predigt 2, 43 f. 23 ) M. G. 
Poetae latini 4, 491 ff. 507 ff. 521 ff. 599. 601 f. 
602 ff. 644. 646 ff.; ebd. 1, 468f. Vgl. F. J. Mone 
Lateinische Hymnen d. Mittelalters 1 (1853), 403- 
422; Waldstein in Z. f. wiss. Theologie 38, 
562 f. 611 ff. 24 ) Gustav Grau Quellen u. 
Verwandtschaften d. älteren germanischen Dar¬ 
stellungen des jüngsten Gerichtes = Studien z. 
engl. Philologie 31 (1908). 25 ) Migne PL. 172, 
1165 f. 26 ) Albert Waag Kleinere deutsche 
Gedichte d. 11. u. 12. Jh. 1890, 16 ff. V. 289 ff. 
27 ) ZfdPhil. 27, 150 ff. 184; Anton E. Schön* 
bach Altdeutsche Predigten 2 (1886), Nr. 4. 5. 
Gregor: ebd. Bd. 2 Nr. 4; Bd. 3 Nr. 77; 
Friedr. Vogt Gesch. d. mhd. Literatur im 
Grundriß d. deutschen Literaturgeschichte 
1, 26. *•) Albert Leitzmann Kleinere geistl. 


Gedichte d. 12. Jh. 1910, 12 ff. Ebd. 9 f.: Can- 
tilena de conuersione Sancti Pauli. 30 ) ZfdPhil. 
19, 129 ff. 275 ff.; ZfdA. 50, 312. 3i ) MSD. 

XXXIII. 32 ) Wadstein in Z. f. wiss. Theol. 
38, 585 ff.; Künzelsauer Fronleichnamsspiel 
von 1479: Germania 4, 359; Mone Schauspiele i, 
2650.; Jellinghaus in ZfdPhil. 23, 4260.; 
43, 245 ff.; P. Jessen Die Darstellung des Welt¬ 
gerichts bis auf Michelangelo 1883, 6. 33 ) Z. f. 

wiss. Theologie 38, 538 ff. 34 ) Peuckert 
Rosenkreutzer 1928, 8 ff. 25 f. 39 t. 43 ff. 45ff. 
71. 77 ff.; Peuckert Jakob Böhme 1924, 

2 ff. 6 ff.; vgl. auch Luthers Tischreden 
(Weimarer Ausg.) 5, 5237. 35 ) Peuckert 

in Z. f. Deutsche Bildung 1928, 580 ff. 36 ) 
Peuckert in Deutsche Rundschau 1929, 1300. 

4. Einer gesonderten Erwähnung be¬ 
dürfen das ahd. Gedicht Muspilli (31—36. 
63 ff.) und die Vcfluspä der Edda, weil 
man in beiden eine heidnische Darstellung 
des j. G. angenommen hat. Was die Vq- 
luspä betrifft, so ist schon von Grimm die 
Möglichkeit christl. Einflusses erwogen 
worden 37 ). Heut schreibt man allgemein 
die Strophen ,,Kemr enn rike at regen- 
döme Qflogr ofan, säs qIIo nepr" d. h. das 
j. G., der christl. Zeit zu 38 ). Die Herkunft 
des Muspilli aus der lateinischen Predigt¬ 
literatur (und Ephraem) scheint mir 
erwiesen zu sein 39 ). Neckel bemerkt 
zu dem Ausdruck: Wir sehen nirgends 
ganz klar, wer oder was Muspell eigentlich 
ist. Der älteste Quellenbestand erweckt 
den Eindruck, daß Muspell eine Person 
sein muß, ein Dämon oder ein Riese. 
Ein geistlicher Dichter hat den j. T., der 
plötzlich über die Menschen kommt, und 
bei dem es zugeht, wie wenn man mit 
Feuer das Unkraut verbrennt, seinen 
Landsleuten anschaulich gemacht, indem 
er ihn Mudspell oder Mudspelles megin 
nannte. Eine solche Veranschaulichung 
war wünschenswert, denn ,,jener Tag“ 
des Evangeliums ist ein unklares Etwas; 
die Assoziation mit Muspell lag aber un- 
gemein nahe, wenn dieses Wort an den 
Dämon denken ließ, der am Ende der 
Dinge mit Feuer über die Welt fährt 40 ). 
Muspilli ist die Götter-Endschlacht gegen 
ein Dämonenheer 41 ), in der Übergangs¬ 
zeit ,,jener Tag“ des Endgerichtes. 

37 ) Myth. 2, 680. 38 ) F. Genzmer Edda 2, 
43; E. H. Meyer VÖluspa 1889, 234. Doch vgl. 
G. Neckel Studien zu d. germanischen Dich¬ 
tungen vom Weltuntergang 1918 in Sitzb. Heid. 
9 Heft 7, 39. 39 ) AfdA. 35, 194h; Gunter- 


889 


jüngstes Gericht 


890 


mann in ZfdPhil. 41, 401 ff.; v. Unwerth in 
PBB. 40, 349 ff. 40 ) Sitzb. Heid. 9. Heft 7, 36. 
35; Braune in PBB. 40, 427!!. 433ff. 41 ) Sitzb. 
Heidelb. 9 H. 7, 4 f. 12 ff. 23 ff. 43 ff. 

5. Motivverzeichnis. Zum j. G. ge¬ 
schieht die zweite Parusie (Advent) 
Christi 42 ); das entspricht dem Stand der 
Erniedrigung und Erhöhung des apostol. 
Bekenntnisses, ist m. W. im Neuen Testa¬ 
ment nicht direkt ausgesprochen, dürfte 
aber auf Stellen wie 1. Thessal. 4, 13 ff.; 

5, 1 f., Matthäus 24, 43 beruhen. Vier 
Fahrten Christi nennt eine alte Predigt, 
die vom Himmel bei seiner Geburt, die 
Höllenfahrt, die Himmelfahrt und die ! 
Wiederkehr zum j. G. 43 ). Die 12-Apostel- 
lehre nennt als 1. Zeichen: der Himmel 
tue sich auf, als 2.: den Schall der Po¬ 
saune 44 ). Sie ist das Kriegsinstrument, 
das Jahve (Sach. 9, 14; Psalm 47, 6) 
bläst 45 ), wird dann (I. Kor. 15, 52) zum 
Signal der Totenauferstehung 46 ). Die 

Sibyllen (8, 239), lateinische Hymnen 
(Dies irae), die Predigtliteratur 47 ), Mus¬ 
pilli (73), Vqluspä 48 ), Cynewulfs Crist III, 
879 ff. 948 ff., die spätere Dichtung 49 ), 
wie die Schauspiele 50 ) bewahrten den 
Zug, der im Volksglauben noch lebendig 
ist 51 ). Als 3. Zeichen nennt die 12- j 
Apostellehre die Totenauferstehung 52 ); i 
sie ist parsischen Ursprungs, kommt zur 
Zeit der Makkabäer zu den Juden 53 ). 
Erst der Glaube daran ermöglicht den j 
Glauben an das allgemeine Endge- j 
rieht 54 ). In der ma.liehen Literatur **) j 
bezeugt (Muspilli 79 ff.: Engel er- • 
wecken die Toten), findet er sich heut I 

im Volkslied 56 ) und Volksglauben 56 -); 
am j. G. sammeln die Toten ihre Beine 57 ); 
das Meer hat ebensoviele Tote, ja einen 
mehr, als der Erdboden 58 ); die toten j 
Juden wälzen sich unter der Erde ins j 
heilige Land, um da aufzuerstehen 59 ); j 
vgl. auch Josaphat. Die Lebenden, die 
nach 1. Kor. 15, 51 f. verwandelt werden, 
holt im Schwankmärchen 59a ) Petrus in 
einem Sack in den Himmel. Ein läutern¬ 
der Feuerstrom geht aus; auch der ist 
parsisch bezeugt 60 ), findet sich dann 
Sibylle 2, 253, 315 f. und in ma.liehen 
Texten 61 ). Das Gericht findet an einem 
Sonntag (Ostertag) statt 62 ); so lehrt 


das MA.; das geht wohl auf Arnos 5, 18 
und die Bezeichnung „Tag des Herrn“ 
für Sonntag zurück. Es beginnt um 
Mitternacht 63 ); zwar ist nach jüd. 
Glauben die Nacht Zeit des Unheils 64 ), 
aber es dürfte sich hier um Ausdeutung 
von 1. Thessal. 5, 2; Matth. 25, 6; Luc. 
12, 38 handeln 64a ). Das Gericht findet bei 
Jerusalem 65 ), im Tal Josaphat (s. d.), 
oder im Luftraum statt; v. Gail bezieht 

I. Thessal. 4, 17 darauf 66 ); deutet das 
Volkslied „ihr sollt treten auf die Spitzen, 
wo die Engel sitzen“ 67 ) dasselbe an? 
Entsprechend dem Gerichtsort sitzt der 
Richter auf einem Thron 68 ) oder auf dem 
Regenbogen 6Ö ). Auch Christus als Rich¬ 
ter kommt „in den Wolken“, vom 
Himmel her 70 ), aus einer weißen Wolke 
oder auf einem weißen Pferd aus einer 
Wolke 71 ); Engel und Himmelsheer be¬ 
gleiten ihn 72 ); doch erscheint er auch 
ganz allein 71 ). Vor seiner Kunft erscheint 
in den Wolken das Zeichen des Menschen¬ 
sohnes (Matth. 24, 30), nach gewöhnlicher 
Deutung das Kreuz, oder die Engel tragen 
die Marterwerkzeuge vor ihm her 78 ). 
Das Kreuz wird vor seinem Gerichtsstuhl 
aufgerichtet werden 74 ). Entsprechend 

II. Thessal. 1, 8 (Psalm 50, 3; Joel 2, 3) 
geht Feuer vor ihm her 7S ); Muspilli 55 f.: 
verit stuatago in lant, verit mit diu 
vuiru; schwere Stürme stehen auf 76 ), 
die nach jüd. Glauben erst nach dem 
Urteil kamen, ebenso wie das Gewitter 77 ); 
doch sagt man auch, Christus komme im 
Wetter 78 ); so habe ich es noch als Kind 
gehört. 

Gott, der Richter 79 ), hat dieses Amt 
bei den Christen an Christus, den Menschen¬ 
sohn, abgetreten 80 ). Diesem assistieren 
die Engel, die Heiligen 81 ), die aber auch 
allein den Gerichtshof bilden 81a ). Vor 
dieses Gericht werden alle gezogen, der 
Teufel 82 ), die gefallenen Engel 83 ), darum 
beben selbst die hl. Engel 84 ) und die 
Gerechten 85 ) davor. Viele, wie z. B. 
die drei Männer im Zobten, erwarten den 
Tag zitternd 86 ). Nach II. Baruch 54, 21 
wird jeder einzeln zitiert 86a ); sonst ist 
von zwei 87 ) oder vier Gruppen 88 ) die 
Rede, die nach dem italien. Schauspiel 
Michael scheidet 89 ). Die Guten werden 




891 


jüngstes Gericht 


892 


in lichter, die Bösen in schwarzer Gestalt 
erscheinen 90 ). Nur die „Elementarwesen“ 
Paracelsi (s. d.), les petits hommes in 
Armagnac, sterben vorm Gericht und 
auferstehen nicht 91 ). Auch die unschul¬ 
digen Kinder dürften ihm entgehen; 
die führt der hl. Johannes in den 
Himmel 92 ); sie kommen nach dem j. G. 
wieder auf die Welt 92a ). 

Daß die Seelen gewogen werden 93 ), 
ist wohl aus dem ägypt. in den jüd. 
Glauben 94 ) übergegangen. Jüdisch ist 
auch das Zählen der einzelnen Hand¬ 
lungen gegeneinander 95 ); parsischen Ur¬ 
sprungs 96 ), daß über die Taten der 
Menschen von Gott oder einem Schreiber¬ 


Gesch. d. christl. Eschatologie 1896, 191 ; Cädmon: 
Wadstein in Z. f. wiss. Theologie 38, 595; 
Schönbach Alldeutsche Predigten 1 (1886), 
147 f. 180; 2, 193 zu 12. 194. 43 ) Ebd. 1, 198. 
44 ) Atzberger 101; Joseph Bautz Welt- 
I gencht u. Weitende 1886, 148 ff. 45 ) v. Gail 
I Baat/.Eia tVj «Ieoü 1926, 222 f. Das Gericht 

als Schlachttag: Volz 89. 46 ) v. Gail 304. 

1 47 ) Rabanus Maurus bei Migne PL. 112, 1618. 
48 ) v. 46; Genzmer Edda 2, 40; E. H. Meyer 
VÖluspa 1889, 188 ff. 49 ) Bruder Wernher im 
13. Jh.: Wadstein 614; Dichter des 15. Jh.: 
Wadstein 610. 50 ) Wadstein 587. 588. 592. 

51 ) Freisauff Salzburg 26; Grohmann Sagen 
63 f. 62 ) Atzberger 101. 63 ) v. Gail 303 ff. 

426 t. 64 ) Ebd. 312. 6b ) Kynewulf Crist III 

8390. 1022 ff.; Rabanus Maurus Migne PL. 
112, 1618; Honorius Augustodunensis Migne 
PL. 172, 1076; Mone Latein. Hymnen d. 

Mittelalters 1 (1853), 404; Schönbach Pre- 


engel Buch geführt wird 97 ); Petrus 
Blesensis unterschied sogar drei Bücher; j 
librum viae (hl. Schrift), conscientiae et ; 
vitae "). Die zu richtenden Menschen j 
haben bestimmte Zeichen an sich"). j 
Die älteren deutschen Gedichte wissen, j 
daß der Mensch seine Taten bekennt; | 
jedes einzelne Glied sagt aus 10 °). Ja, die 


digten 1, 172; 2, 14. 66 ) Erk-Böhme 3, 165; 
Böckel Volkslieder 99 Nr. 115; Mittler Deut¬ 
sche Volkslieder 1865, 371 Nr. 473. 474; N.lausitz. 
Magazin 59, 370 aus Sorau; als Bettlergebet 
in der südl. Oberlausitz: ebd. 47, m; Hrusch- 
ka-Toischer 58 Nr. 84 b. 56a ) Grässe Preußen 
2, 260; ZfVk. 22 (1912), 156 t. 6T ) Im Schwank 
von den Hammeldieben: Joh. Wier de prae- 
stigiis daemon. 1586, 44 f. nach Erasmus; 

Grimm KHM. 192; Bolte-Polivka 3, 395. 


Welt und alle Kreatur klagt ihn an 100a ). 
In Schleswig-Holstein vergleicht eine Sage 
die Menschen mit Nüssen; sie sehen sich 
alle gleich, aber dann wird die Schale 
zerbrechen und das Innere offenbar 10öb ). 

Christus erscheint entweder in Glorie 101 ), 
oder in der Gestalt seines Leidens, seiner 


Vgl. auch Sebillot Folk-Lore 4, 149. 58 ) Sä¬ 

bill ot Folk-Lore 2, 38; vgl. auch Kühnau 
Sagen 2, 337. 69 ) Meyer Aberglaube 193 f.; 

Buxtorf 641; vgl. Jude. B9a ) Grimm KHM. 
192; Bolte-Polivka 3, 379 ff. 6Ü ) v. Gail 
91 f. 104 t. 224; Sehettelowitz Altpersische 
Religion u. d. Judentum 1920, 206 bezieht 
sich auf Adolf Ha mack Ein jüdisch-christl. 
Psalmbuch aus d. 1. Jh. 1910, 69 Ode 39, wo 


Auffahrt 102 ); er zeigt seine Wunden und \ 
Martern (das tat ich für dich!) 103 ), und 
er ist nach Innozenz III. Ankläger, 
Richter, Advokat und Zeuge zugleich 104 ). 
Doch fungiert auch der Teufel als An¬ 
kläger 105 ). Christus hält dann eine 
Gerichtsrede mit dem anschließenden ' 
Urteil 106 ). Im hl. Zorn verflucht er die 
Bösen 107 ); die Erde tut sich auf und sie 
versinken in die Hölle 107a ). Maria zeigt 
fürbittend ihm ihre Brüste 108 ); wo Gott 
der Richter ist, wird auch von Christi 
Fürbitte erzählt 109 ). Ob solche Fürbitte 
nützt an dem Tage, an dem keiner dem 
andern helfen kann no ) ? Nach vollen¬ 
detem Spruch loht das Feuer auf, und 
reinigt die Welt von allem Bösen 111 ). ; 
Der Teufel und die Verurteilten werden 
ins Scheol, die Hölle, geworfen und ver¬ 
schlossen 112 ), die gute Zeit beginnt. 

*“) ('lementinen: Leonhard Atzberger 


aber nichts darüber zu finden ist. 61 ) Ja- 
cobus a Voragine Legenda aurea, übers, von 
R. Benz 1 (1917), 11; Freidank Bescheiden¬ 
heit 179, 6 ff. 16. 62 ) Bouterwek Cädmon 

des Angelsachsen bibl. Dichtungen LVIII; 
Honorius Augustod., Migne PL. 172, 1165; 
Pseudo-Augustin Migne PL. 39, 2070; ZfdPhil. 
27, 149. 150; Kelle Speculum ecclesiae 177; im 
Frühling, weil alle Wunder Gottes im Frühling 

u. um Ostern: Joh. Garceus Eine christl. 
kurtze Widerholung d. warhafftigen Lere v. 
d. Zukunfjt d. Herrn Christi. Wittenberg 1569 
DijA. Vgl. Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 62 f. N. 3. 

63 ) Beda, Migne PL. 94, 674; Aelfrik bei 
Wadstein 556; Honorius Aug., Migne PL. 
172, 1077. 1165; Schönbach Predigten 2, 15. 

64 ) Gunkel Die Psalmen, im Göttinger Hand¬ 
kommentar z. Alt. Testament 1925 4 , 198. 199. 
e4a ) Das sagt wenigstens Haymo von Halber¬ 
stadt in Epist. I ad Thessalon., Migne PL. 
117, 773 - 85 ) v - Gail 224 f.; Cädmon bei Wad¬ 
stein 595; Kynewulf Crist III, 875 ff. ® 6 ) 

v. Gail 320. 425. Vgl. Petrus Damianus, 

Migne PL. 144, 303; ZfdPhil. 27, 153. ® 8 ) 

v. Gail 317, 427; Bousset-Greßmann 

Religion d. Judentums im spätheilenist. Zeit- 


893 


jüngstes Gericht 


894 


alter 1926, 257!.; Paul Volz Jüd. Eschatologie 
von Daniel bis Akiba 1903, 89. 260. 264; 

Muspilli 85 f.; Kynewulf Crist III, 12170.; 
Legenda aurea 1, 12. Vom jüngsten Gericht: 
Albert Leitzmann Kleinere geistl. Gedichte 
des 12. Jh. 1910, 12. Rex sedebit in solio: 
Rabanus Maurus, Migne PL. 112, 1619; Schön¬ 
bach Predigten 1, 181. 69 ) Wadstein 582; 

St. Hilarius, Migne PL. 9, 371; Gregorius 
Magnus, Migne PL. 76, 133. Im Volkslied: 
vgl. Nachw. zu 36. Zugrunde liegt wohl Ezechiel 1, 
27 f.; Apoc. Joh. 4, 3. 70 ) v. Gail 317. 424; 

vgl. auch Daniel 7, 13; Apoc. Joh. 4, 14. 16; 
Volz Jüd. Eschatologie 266; Sib. 8, 218; Ra¬ 
banus Maurus, Migne PL. 112, 1618; Haymo, 
Migne PL. 118, 21 f.; Schönbach Predigten 2, 
iof.; Mone Latein. Hymnen 416 (So wohl auch 
Muspilli 74). Christus als imperator: ZfdPhil. 
27, x 53 - 71 ) Apoc. Joh. 19, 11; v. Gail 423; 
Kühnau Sagen 3, 495. 72 ) Volz Jüd. Escha¬ 

tologie 261; Bousset-Greßmann Religion d. 
Judentums 257 f.; v. Gail 317. 425; Wadstein 
374; Kynewulf Christ III, 9250.; Muspilli 75 ff.; 
Richthofen Fries. Rechtsquellen 1840, 131; 
Schönbach Predigten i, 181; ZfdA. 12, 439. 
73 ) v. Gail 423; Wadstein 574 und G. Grau 
Quellen u. Verwandtschaften d. alt. german. 
Darstellungen d. j. G.s 1908, 64 f. 250 f.; Rabanus 
Maurus, Migne PL. 110, 149; 112, 1618; Petrus 
Damiani, Migne PL. 144, 775; Legenda aurea 1, 
13; Honorius Aug., Migne PL. 172, 1165; 
Wackernagel Die alten deutschen Handschr. 
d. Basler Universitäts-Bibliothek 23; Werner 
Deflorationes, Migne PL. 157, 740; Schön¬ 
bach Predigten 2, 11; ZfdPhil. 27, 153; Ale¬ 
mannia 1, 71. Vom jüngsten Gericht: Leitz¬ 
mann 12; Hugo v. Trimberg, Renner bei Wad¬ 
stein 608; Hoffmann Fundgruben 2, 135; 
Mone Latein. Hymnen 404; Richthofen 
Fries. Rechtsquellen 131; Bautz Weltgericht 
u. Weitende 148 ff. 74 ) Kynewulf Crist bei 
Wadstein 595. 7B ) v. Gail 317; Wadstein 

605. 611 = M. G. Poetae lat. 4, 507’ff.; Mone 
Lat. Hymnen 405. 416; Jacobus a Voragine 
Legenda aurea, übers, von Benz 1, 11; Gre¬ 
gorius M., Migne PL. 79, 143; Honorius, 
Migne PL. 172, 1077; Schönbach Predigten 
2, 14; Kynewulf Crist III, 925 ff. 78 ) Muspilli 
59; Kynewulf Crist III, 975 f. 952; Mone Latein. 
Hymnen 405. 77 ) Volz Jüd. Eschatologie 281. 

280 f. 78 ) v. Gail 423 zu Matth. 24, 27. 30; 
Sibyll. 5, 345; Hildegard von Bingen bei Wad¬ 
stein 578; Schönbach Predigten 1, 148; 

vgl. Schöppner Sagen 3, 105; Wilh. Wis¬ 
se r Plattdeutsche Volksmärchen 2, 224. 7Ö ) 

Bousset-Greßmann Religion d. Judentums 
257. Bei den kaukasischen Bergjuden: Marcus 
Landau Hölle u. Fegfeuer 1909, 119. Vgl. 
Note zu 56. 80 ) v. Gail 317. 319. 424 f.; Atz¬ 
berger 159. 259. 288; Wadstein 574. Zum 
Menschensohn vgl. v. Gail 412 f. 81 ) v. Gail 
319 f. 425; Wadstein 582; Atzberger 330; 
544; Muspilli 74 f.; Kynewulf Crist III, 942. 
925 ff.; Legenda aurea 1, 13. Vom jüngsten 
Gericht: Leitzmann 12; Schönbach Pre¬ 


digten 3, 236; ZfdPhil. 27, 154; Mone Schau¬ 
spiele i, 296 ff. 81a ) Midrasch Paradies u. Hölle: 
M. Landau Hölle u. Fegfeuer 118; Weisheit 
Salomonis 4, 20 f. = ebd.; Vision Othlos von 
Emmeran: ebd. 119. 82 ) Honorius August., 

Migne PL. 172, 1077; Schönbach Predigten 
2, 14. ö3 ) Engel und Dämonen: v. Gail 318; 

Atzberger 10H. 288; Bousset-Greßmann 
251 f.; Volz Jud. Eschatologie 89 f. 271. 274. 
84 ) Haymo, Migne PL. 118, 21; Radulphus 
Ardens, Migne PL. 155, 1679; Schönbach 
Predigten 2, 10. Alemannia 1, 69. 85 ) Rupert, 

Migne PL. 1Ö9, 1034; Volz 87. 88. 8# ) 

Peuckert Lehm Jakob Böhmes 1924, H2ff. 
Vgl. Beer: oben i, 073. 8#a ) Volz 91. 92 ff. 95 ff. 
87 ) Matth. 25. 32 1 .; Legenda aurea 1,12; Schön¬ 
bach Predigten 1, 10; Müllenhoff Sagen 571 
Nr. DLXXXV. 88 ) Legenda aurea 1, 12 f.; 
Honorius August., Migne PL. 172, 281. 1166; 
Petrus Lombard., Migne PL. 191, 65; Canti - 
lena St. Pauli bei Leitzmann 9; ZfdPhil. 27, 
153 f. Nach jüd. Glauben (Volz 268 f.) erfolgt 
die Scheidung erst zu Ende des Gerichts. 
89 ) Wadstein 592. 90 ) Hildegard v. Bingen 

bei Bousset Antichrist Wadstein 

578 (597); Paracelsus im Liber de Nymphis 
etc. in Bücher und Sehrt Jftrn, ed. Huser 
9 (1589 ff), 08. (>(>. <>1 ff.; Sä bi llot Folk-Lore 1, 
456. ö2 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 204 Nr. 2. 

02 a ) Andrian Alt-Aussee 111. 93 ) Michael 

wägt: Urquell 1898, 203; Wad.stein 582; 
Jahrb. f. roman, u. engl. Literatur 8, 410; 
B. Schmidt Volkslieder d Neugriechen 247 = 
M. Landau Holle u Fegfeuer 114; ZfdA. 
60, 230. Die Visionen Thumlls und Turpins: 
Landau 114 Aus Tirol: ebd Zum Wägen 
vgl. noch Volz Jud Eschatologie 95; Bousset- 
Greßmann Religion d. Judentums 238. Im 
Tschechischen werden Sünden und Almosen 
gegeneinander gewogen: Tille Verzeichnis d. 
böhm. Märchen V. 1 \ (*. 34, 194- M ) So v. Gail 
315. Dazu M. Eandau 113, der parsische 
und mandäischc Stellen anführt W6 ) Volz 
Jüd. Eschatologie 94 f. ••) v, (»all 88. 90. 
225. * 7 ) Ebd. 313 ff.; Bousset-Greßmann 

Religion d. Judentums 238, Volz Jüd. Escha¬ 
tologie 266. 93 ff.; Harder in ZfVk. 37, mff.; 
M. Landau Holle und Fegfruer 1909, 114 ff. 
Die älteren german. Gedichte kennen keinen 
Tatbeweis aus Büchern. Hierher zu ziehen 
ist wohl auch das Märchen: Der Teufel 
in der Kirche: ZfdA öo, 230; Le Grand 
d’Aussy Fablxaux 2, 17 Landau 118. Vgl. 
Pesikta rabbati: Landau 1 lü. Weitere An¬ 
gaben über Buchführung: Talmud — Landau 
116; Visio Beda: ebd. 117, Visio Prudentii: 
ebd. 118; Ti Schendorf Apokal. apocr. 44 ff. 
Der Schutzengel als Ankläger: Legenda aurea 1, 
16. 98 ) Wad stein O04. Vgl. auch ZfdA. 6, 

149 ff. ••) Bousset-Greßmann 258. 100 ) Siehe 
Nachw. 98; Muspilli 91 f. Dieags. Rede der Seele 
an den Leichnam 95 ff. Vgl. Volz Jüd. Escha¬ 
tologie 267; Sibyll. 8, 230. Die „Werke" klagen 
den Menschen an: Volz 94 f.; Legenda aurea 1, 
15 f. Das Gewissen: Legenda aurea 1, 16. 


895 


Juni 


896 


100a ) Legenda aurea 1, 16. 10Db ) Müllenhoff 
(Mensing) Sagen 1921, 268 Nr. 405 = Meyer 
Schleswig-Holstein 223. 1U1 ) Kühn au Sagen 

2, 495. Vgl. Nachw. 68. 69. 102 ) Actaapost. 1, 

11; Atzberger 101; Sibylle 8, 256; Gregorius 
M., Migne PL. 76, 1079; Rabanus Maurus, 
Migne PL. 110, 28. 424; Haymo, Migne PL. ■. 
118, 21; Schönbach Predigten i, 181; 2, 11; i 
Legenda aurea 1, 13; Hildegard v. Bingen bei 
Wadstein 578; Vom jüngsten Gericht bei 
Leitzmann 12; Engl. Schauspiel bei Wad stein 
388. I03 ) Vom jüngsten Gericht Leitzmann ! 

12; Mone Latein. Hymnen 404; Mone Schau¬ 
spiele i, 283; Wad stein 588; Legenda aurea 
1, 12. Späte ma.liehe Dichter: Wadstein 
608. 609. 614. 615; Muspilli Schluß, Kynewulf 
Crist III, 1108 ff. iiiöff. 104 ) Migne PL. 217, 
988. Vgl. Volz 265 f.; Legenda aurea 1,16. 105 ) 
Legenda aurea 1, 15 nach Augustin; Ludw. j 
Bechstein Das große Thüringische Mysterium ; 
oder das geistl. Spiel von den 10 Jungfrauen 1S55. i 
Vgl. Volz 79. 106 ) Volz Jüd. Eschatologie 265; 
v. Gail 226 f. 317. 427 f. 11. häufig in ma.liehen ! 
Texten auf Grund von Matth. 25, 31 ff. Maßstab j 
des Entscheids: Matth. 25; vgl. auch Volz 91 f. j 
96 £E. 107 ) Schauspiele 1, 283. 107a ) Alemannia j 

1, 78. 108 ) Mone 1, 297 = Wadstein 615 N. \ 
1; Bechstein Das große Mysterium 30 f.; Con- | 
rad v. Würzburg bei Wadstein 614 t. 109 ) j 
Meister Rumeland bei Wadstein 615 N. 5. 
u0 ) Volz Jüd. Eschatologie 92. 267; Bousset- 
Greßmann Religion d. Judentums 258 f.; 1 
Bousset Antichrist 169; Muspilli 57; vgl. dazu \ 
v. Unwerth bei PBB. 40, 357 f.; Grau 241; | 
Wadstein 597; Otfrid V, 19, 47 ff.; Rabanus 
Maurus, Migne PL. 112, 1609ff.; Vom jüngsten 
Gericht bei Leitzmann 12; Freidank Be¬ 
scheidenheit 179, 22 f. in ) v. Gail 224. 317. 320 f.; 
Volz 277. 280 f.; Gregorius, M. Migne PL. 79, 
143; Schönbach Predigten 1, 148; 2, 12. 

112 ) Volz 272 ff.; v. Gail 339 ff. 

6. Das j. G. als Vergeltungstag. Der 
religiöse Volksglaube wurde oben (5) j 
besprochen. Darüber hinaus heißt es: j 
abgeschnittene Haare, die man nicht 
verbrenne, müsse man am j. T.e sam¬ 
meln 113 ); dasselbe gilt im Norden von ; 
den abgeschnittenen Fingernägeln 114 ). 
Beim j. G. will Busewoy über Herzog 
Boleslaus gerechtes Urteil fordern 116 ). 
Vgl. Josaphat. 

113 ) Meyer Baden 512. 114 ) Germania 26, 204. 
Vgl. Liebrecht Z. Volksk. 319. n5 ) Peuk- 
kert Schlesien 30; Schles. Provinzialbl. i, 417; 
Martin Illig Das Nimptscher Land im Blüten¬ 
kranz d. Sage 1921, 6. 

7. Im Segen. Bei Gott und dem j. G. 
wird das kalte Gesicht 116 ), die Gicht 117 ), 
das Friesei 117a ), das Feuer 118 ), das Blut 119 ) 
beschworen, Diebe U9a ), der Schuß ge¬ 
stellt 119b ). Die Nennung erfolgt wohl. 


weil es das größte und furchtbarste 
Ereignis ist. Doch kennt das Nigroman- 
tische Kunstbuch auch eine Beschwörung 
beim erschrecklichen Tag des ängstlichen 
j. G.s 119c ). 

116 ) Urquell i (1890), 169; Lammert 213. 
Vgl. ZfdMyth. 4, 109; ZfVk. 17, 198. U7 ) Ger¬ 
mania 26, 233 t. Nr. 25. 117a ) Naumann 

Gemeinschaftskultur 143; Lammert 213. 118 ) 

Baumgarten Heimat 1, 162. 119 ) Grimm 

Myth. 3, 501 Nr. XXXII. n - a ) Jahn Hexen¬ 
wesen 56 f.; MVerBöhm. 18 (1880), 156; Viktor 
Lommer Volkstüml. aus d. Saalthal 1, 21 f. 
119b ) Ebd. 1, 15 f. 119c ) Köln 1743 (Scheible- 
druck) 81. 

8. Eschatologische Mystik im Volks¬ 
glauben. Am j. G. fährt der Teufel mit 
einem feurigen Ofen ein Jahr umher; 
wer hineingeht und sich verbrennen läßt, 
kommt nach einem Jahr in den Him¬ 
mel 120 ). Am Tage des j. G.s klettern alle 
Katzen längs der Mauer der Hölle entlang 
(franz.) 121 ). 

12 °) Knoop Posen 337. 121 ) Sebillot Folk- 
Lore 3, 122. Peuckert. 

Juni. 

I. Der J. ist nach Juno benannt, 
nach andern, was wenig wahrscheinlich 
ist, nach L. Junius Brutus, dem ersten 
Konsul Roms 1 ). Die älteste deutsche 
Bezeichnung Brachmonat (Brach- 
mänoth) ist entstanden, weil in diesem 
Monat bei Dreifelderwirtschaft das Brach¬ 
feld bearbeitet wird 2 ). Im Breslauer 
Monatgedicht (15. Jh.) heißt es daher: 

Der brochmonde her och heyst 

Von dem roczigen gebawer allermeyst. 

Sy reyssen denne das feit umme. 

Dy lenge und och dy kromme 

Vnd machens bequeme czu der czeyt 3 ). 

Von anderen Namen finden sich: 
Sommermonat 4 ), das dem norweg. 
Sumarmoanar und schwed. Midsommar 5 ) 
entspricht, Rosenmonat 6 ), Lüsemaen 
im holsteinischen (Bordesholmer) Ka¬ 
lender (16. Jh.), wobei an die Schild¬ 
laus zu denken ist, nach der der Juli 
dän. Ormemaaned heißt 7 ), Hunger- 
muun auf Sylt 8 ), womit treffend die Le¬ 
bensmittelknappheit dieser Zeit vor der 
Ernte bezeichnet wird, niederländ. We- 
demaent, dem der Weidmonat bei 
Fischart entspricht 9 ), der außerdem in 
seiner „Aller Praktik Großmutter“ noch 
die Namen anführt: Hundsman (s.Hunds¬ 


897 


J ütel*—Kabbala 


898 



tage), Johannmonat, Maedermonat und 
Nicomonat (wahrscheinlich nach Nico- 
medes, 1. Juni) 10 ). 

Im J. tritt die Sonne aus dem Zeichen 
der Zwillinge in das der Krebse 11 ). 
Wegen Personifikation des J. vgl. 
Monat. 

x ) Meyers Konv.-Lex. 10 (1905), 376. 2 ) Ebd. 
3 (1905), 2 97 i Weinhold Monatnamen 34 f.; 
SAVk. 11 (1907), 94 f.; H. Fredenhagen 
Deutsche Monatsnamen (Festschr. z. 18. Haupt- 
vers. d. Allg. d. Sprachvereins. Hamburg 1914, 
141); Baumgarten Heimat 1, 49. 3 ) Wein¬ 

hold a. a. O. 35. 4 ) Ebd. 56. 6 ) Hoops Reallex. 
3, 236. 6 ) Weinhold a. a. O. 53. 7 ) Ebd. 49. 
8 ) Ebd. 46. 9 ) Ebd. 60. 1C ) Ebd. 46 ff. n ) Aus¬ 
deutung bei Nork Festkalender 373 ff. 

2. Im J., in dem im alten Rom ein Fest 
der Vesta stattfand 12 ), in Frankreich 
früher alljährlich ein neuer Stein zu den 
Menhirs aufgerichtet wurde, welche „on 
illuminait ä grands frais la nuit qui pre- 
cedait cette ceremonie“ 13 ), und in Ru߬ 
land zuweilen noch Frühlingsbräuche 
ähnlich dem Todaustragen, geübt wer¬ 
den 14 ), kommt neben dem Fest der 
Sonnenwende (s. d.) für den Aber¬ 
glauben wenig in Betracht. Doch fallen 
meist auch die Pfingsten (s. d.) und 
damit der Dreifaltigkeitssonntag (s. 
d.) und Fronleichnam (s. d. und Don¬ 
nerstag) in den J. 

Wie der Oktober und März (s. d.), so 
werden im Wetterglauben der J. und 
Dezember in Zusammenhang gebracht. 
So heiß es im J. ist, so kalt soll es im 
Dezember sein; und so naß oder trocken 
der J. ist, so soll auch der Dezember 
sein 16 ). Im allgemeinen ist ein trockener 
J. erwünscht: 

J., trocken mehr als naß. 

Füllt mit gutem Wein das Faß 16 ). 

Oder: 

Wenn kalt und naß der J. war, 

Verdirbt er fast das ganze Jahr 17 ). 


Nur im oberen Böhmerwald heißt es: 
„Im J. solTs regnen, daß dem Hirten 
die Kleider vom Leibe fallen“ 18 ). Von 
einzelnen Tagen, meist Lostagen (s. 
d.), sind zu nennen: der 2. J., an dem 
Lein gesät werden muß 19 ); der 8. J. 
(Medardi), der das Wetter auf sechs 
Wochen voraussagt 20 ), und günstig ist 
für die Feldarbeit, denn 

Wer auf Medardi baut, 

Dem wachst viel Flachs und Kraut 21 ). 

Ferner der 15. J. (Veit) 22 ), im Böhmer¬ 
wald besonders wichtig für das Kraut¬ 
pflanzen **); der 17. J. als ausgesproche¬ 
ner Unglückstag (s. d.) 24 ); der Johannis¬ 
tag (s. d.), der 27. J. (Siebenschläfer) 26 ) 
und Peter und Paul 2Ö ) (s. d.). 

Nach dem hundertjährigen Kalender 
soll man im J. vorsichtig im Essen 
und Trinken sein 27 ). 

l2 ) Domaszewski Religion 179; Frazer 2, 
127 Anm. 13 ) S6billot Folk-Lore 4, 14. 14 ) 
Frazer 4, 262. 15 ) Reinsberg Wetter 139; 

B. Haldy Die deutschen Bauernregeln (Jena 
1923) 54. M ) Reinsberg Böhmen 289 u. Wetter 
139; Haldy a. a. O. 54. 17 ) Drechsler 1, 133; 
Reinsberg Wetter 139; Haldy a. a. O. 54. 
18 ) John Westböhmen 236. l9 ) Leoprechting 
Lechrain 180; Wuttke 421 § 657 (Mecklen¬ 
burg). 20 ) Leoprechting Lechrain 180; Zin- 
gerle Tirol 157; Reinsberg Böhmen 290 u. 
Wetter 140; Haldy a. a. O. 58 ff. 21 ) Zin- 
gerle Tirol 157; Reinsberg Böhmen 295; 
Jungbauer Volksdichtung 225. M ) Baum¬ 
garten Heimat 1, 49; Sartori Sitte u. Brauch 
3, 221; Frazer io, 335; Leoprechting 

Lechrain 181; Reinsberg Böhmen 299 ff. u. 
Wetter 1430.; Haldy a. a. O. 59 f. 23 ) Jung¬ 
bauer Volksdichtung 225; John Westböhmen 
70. 24 ) Vgl. Fogel Pennsylvania 263 Nr. 1372. 
“) Reinsberg Wetter 149; K. Kaßner Das 
Wetter 2 (Nr. 25 von „Wissenschaft u. Bildung'* 
Leipzig 1918) 24. 24 ) Leoprechting Lech¬ 

rain 185; Reinsberg Böhmen 325 ff. u. Fest¬ 
jahr 194 ff. u. Wetter 149!.; Haldy a. a. O. 
60 f. 27 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 379. 

Jungbauer. 

Jütel s. Gütel. 




Kabbala. Die K. ist eine mystische 
Weltanschauung und Welterklärung, die 
das mittelalterliche Judentum ausgebildet 
hat. Das Wort K. selbst bedeutet „Über¬ 
lieferung“ (der heiligen Lehrtradition) x ). 
Ausgehend von dem Gottesbegriff, der 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


als En Söph d. i. das Endlose im zeit¬ 
lichen und räumlichen Sinn, die in sich 
ruhende und unveränderliche Einheit, von 
dem manche Kabbalisten als Zweites das 

A A 

Or En Söph, das unendliche Licht, unter¬ 
schieden, definiert wird, ist das be- 


29 




899 

herrschende Thema der K. die Erklärung 
des Werdens der Welt aus dem ewigen 
Sein. Im Grunde Emanationstheorie 
schwankt die K. doch zwischen dieser 
und der durch die Bibel gegebenen Creatio, 
die man nicht preisgeben konnte. Im 
Anschluß an die von der jüdischen 
Tradition angenommenen io Schöpfungs¬ 
worte Gottes (es heißt Gen. i zehnmal: 
vajjömer Elohim „und Gott sprach“) 
läßt die K. aus Gott io Unnächte, die 
Sephiröth (von acpatpot?) ausströmen, nach 
dem Buch Jezirah (s. d.) den Geist, die 
Luft, das Wasser, das Feuer, dann die 
sechs Raumgrenzen, die später, in dem so¬ 
genannten kabb. Baum, dessen Wurzeln 
im Himmel, die Krone auf Erden hegt 2 ), 
vereinigt, als Kether (Krone), Chochmäh 
(Weisheit), Binäh (Einsicht), Chesed 
(Gnade), Din (Gericht), Tiphereth 
(Schönheit), Nezach (Sieg), Höd (Hoheit), 
Jesöd (Fundament), Malchüth (Herr¬ 
schaft) bezeichnet werden. Manche der 
Namen sind bei einzelnen Kabbalisten 
auch anders genannt. Sie werden unter¬ 
einander wieder in Gruppen zusammen¬ 
gefaßt, die den Übergang der geistigen 
zur materiellen Welt darstellen, wie 
denn in der Selbstentfaltung Gottes in 
den Sephiröth nach der Entfernung 
dieser von ihrem Ausgangspunkt ihr 
Reichtum und ihre Geistigkeit immer 
mehr abnimmt. Die Sephiröth er¬ 
scheinen bald als zwischen Gott und der 
sichtbaren Welt eingeschobene Wesen, 
bald als göttliche Kräfte. Dieser ema- 
natistische Prozeß ist hervorgerufen durch 
den Zimzüm, die Kontraktion des Un¬ 
endlichen, und führt zu 4 Stufenwelten, 
dem Öläm haaziläh (Welt der Strahlung), 
Öläm habberiäh (Welt der Schöpfung), 
Öläm hajeziräh (Welt der Formung) und 
Ölämhaasijjäh (Welt der Ausgestaltung). 
In diese Spekulation mischt sich mm die 
Idee vom Makrokosmus ein, indem die 
Gesamtheit der Sephiröth sich auch zur 
Gestalt des Adam kadmöni, des himm¬ 
lischen Urmenschen, zusammenschließt, 
der zugleich das reine und ewige Urbild 
des Mikrokosmus, des irdischen oder 
„ersten“ Menschen Adam, ist. Ein Reich 
des Bösen in entsprechender Gliederung 


900 

steht nach späterer Lehre diesem Reich 
des Guten gegenüber. Den Welten ge¬ 
hören auch die ihnen eigentümlichen 
Wesen an, der ersten die Schechinäh 
(der Glanz Gottes), der zweiten die Ur¬ 
form der zu schaffenden Dinge und 
Gottes Herrlichkeitsthron, der dritten die 
Engel und Seelen der Gerechten, aber auch 
die Dämonen, der vierten die sinnliche 
Welt der Erscheinungen. In das System 
werden die 10 Gottesnamen, die 10 Ge¬ 
bote, die Planetensphären und der Tier¬ 
kreis, die Engelordnungen, die Teile des 
menschlichen Leibes hinein verflochten. 

Der Mensch als Mikrokosmus und Ab¬ 
bild des Urmenschen steht zwischen 
Himmel und Erde, zwischen Zeit und 
Ewigkeit, ist teilhaft göttlicher und ir¬ 
discher Natur. Schon der Leib ist der 
Siegelabdruck des Urmenschen und ent¬ 
spricht den Sephiröth. Die Seele aber, 
trichotom, ist als nephesch das belebende 
Prinzip, als rüach die Quelle des mora¬ 
lischen Lebens, als neschämäh endlich 
die Vermittlerin des Umgangs und der 
Verbindung mit Gott. Zweck des mensch¬ 
lichen Lebens ist Prüfung und Läuterung 
der Seele, und wir wundem uns nicht, in 
diesem Zusammenhang auch der Lehre 
von der Seelenwanderung, Gilgül neschä- 
möth, zu begegnen. Vermöge seiner Na¬ 
tur steht denn auch der Mensch in sym¬ 
pathischer Verknüpfung mit der ganzen 
Natur, der sinnlichen und übersinnlichen, 
der irdischen und überirdischen, und 
kann mit den Geistern der Zwischen¬ 
welten in Verkehr treten wie auch mit 
Gott. 

Diese mystisch-magische Weltanschau¬ 
ung ist die Reaktion auf den im Aristo- 
telismus des Mittelalters auch in der jü¬ 
dischen Religionsphilosophie sich aus¬ 
breitenden Rationalismus. Ihre Anfänge 
gehen schon ins 7. Jhdt. zurück, soweit 
wir mit einiger Sicherheit urteilen können. 
Zunächst Merkhaba- und Metatronmystik, 
Spekulation über Gottes Thron und Hof¬ 
staat, Buchstaben- und Alphabetmystik, 
Spekulation über Gottes Unendlichkeit 
in dem seltsam anthropomorphistischen 
Schiur Komah 3 ), entwickelt sich seit 
dem 8. Jhdt. mit dem Buch Jezirah 


Kabbala 





Kabbala 



(s. d.) die Bereschithmystik, die Schöp¬ 
fungsmystik, die im 13. Jhdt. im Zöhar 
(s. d.) ihren Höhepunkt erreicht. Die sog. 
praktische K. findet ihren Hauptaus¬ 
druck in dem wohl schon dem 10. Jhdt. 
bekannten Buch Räziel (s. d.). Dann 
verfällt die K., nicht ohne vorher auch 
in die christliche Gedankenwelt einge¬ 
drungen zu sein. Schon Albertus Magnus 
kennt das Buch Räziel im 13. Jhdt., 
ebenso Joh. Hartlieb im 15. Jhdt.; 
gleichzeitig mit dem Kölner Dominikaner 
zeigt der Spanier Raimundus Lullus die 
Bekanntschaft mit der K. in seiner „Ars 
magna“. Als im 15. Jhdt. der Plato¬ 
nismus und Neuplatonismus in dem 
wiederentdeckten Corpus der hermeti¬ 
schen Schriften neuen Einfluß gewann, 
erlangte auch die K. starke Beachtung 
und Bedeutung. Pico de Mirandola schrieb 
i486 seine „Conclusiones cabbalisticae", 
Reuchlin 1494 sein Buch „De verbo 
mirifico“ und 1517 „De arte cabbalistica“; 
Agrippa von Nettesheim 4 ), Trithemius, 
Theophrastus Paracelsus 5 ), Helmont, 
Fludd 6 ) usw. sind in ihrem Bann, Joh. 
Pistorius sammelte 1587 in seinen „Artis 
cabbalisticae scriptores“ die kabbalisti¬ 
schen Bücher, im folgenden Jahrhundert 
schrieb Knorr von Rosenroth seine „Kab¬ 
bala denudata“ (1677). Im Chassidismus 
des Ostens lebt die K. heute noch unter den 
Juden weiter 7 ). Gegenwärtig ist sie Nutz¬ 
nießerin der mystischen Stimmung auch 
im Westen und findet viele neue Freunde 
in weitesten Kreisen. 

Es ist wohl mit Sicherheit anzunehmen, 
daß in der K. Platonismus, vorzüglich 
in der neuplatonischen Ausgestaltung, 
und Neupythagoreismus nachwirken. In 
mancher Beziehung ist die alexandrinische 
Religionsphilosophie mit ihrem geist¬ 
vollen Vertreter Philo eine überraschende 
Parallele, zumal in der Lehre von den 
Mittlermächten zwischen Gott und der 
sichtbaren Welt. Aber fraglos sind auch 
noch ältere Bestandteile der orientalischen 
Weisheit auf dem Umweg über die gno- 
stischen und orientalischen Sekten und 
religiösen Gemeinschaften, z. T. durch 
die talmudische Überlieferung, auf sie 
vererbt worden 8 ). Aber man wird sich 


immer vergegenwärtigen müssen, daß 
die K. als solche erst ein kühnes Gedanken¬ 
gebilde des Mittelalters ist, das, wie 
schließlich alle Systeme, selbstverständ¬ 
lich mancherlei Gut der Vergangenheit 
aufgesogen, dies aber in eigener Weise 
in sich verarbeitet und ausgeformt hat. 
Sie ist ein imponierender Versuch, der 
ewigen Frage nach dem Woher und 
Wohin, dem Warum und Wozu der Welt 
und des Menschen, nach Grund und Ziel 
alles Seins und Werdens Antwort zu geben 
und ihrer Herr zu werden 9 ). 

Was ihr einen Platz im Zusammenhang 
des Aberglaubens, auch des deutschen, 
sichert, das ist ihre praktische Auswer¬ 
tung als Folgerung aus dieser Erkenntnis 
der Welt- und Lebensbedingungen und 
ihr Nachleben im Aberglauben. Namen-, 
Buchstaben- und Zahlenzauber sind von 
ihr nachdrücklich beeinflußt worden. Da¬ 
mit hat die K. antike Überlieferungen 
aufgegriffen, die uns in den hellenistischen 
Zauberbüchem auf Schritt und Tritt be¬ 
gegnen, wo die mystische Bedeutung des 
Numerus, der Buchstaben, vor allem der 
sieben Vokale, des Alphabets und der 
Gottes- und Götter-, der Engel- und 
Dämonennamen eine maßgebende Rolle 
spiel 1. Mit den schon älterer Methode 
der Rabbinen geläufigen Mitteln der 
Gematriä, des Nötärikön, des Zirüf und 
der Themüräh 10 ) feiert die Auslegung 
der Schrift, das Finden, Bilden, Spielen 
von und mit den seltsamsten Namen und 
Beziehungen Orgien und versteigt sich 
in die merkwürdigsten Absonderlichkeiten. 
Diese praktische K., kabbäläh maasith, 
die von der spekulativen oder theore¬ 
tischen, kabbalah ijjünith, unterschieden 
wird und schließlich auch „Amulett, 
Pentakel“ u. ä., überhaupt „Zauberei, 
Magie“ bedeutet 11 ), wirkt sich aus in der 
Beherrschung der Gottesnamen, Tetra¬ 
gramm oder Schern bzw. Schemhamm- 
phöräsch (s. d.) 12 ), des 10- 13 ), 12-, 22-, 
42-, 72- 14 ) buchstabigen Namens oder 
der 70 bzw. 72 Namen Gottes 15 ), denen 
auch 72 Namen Jesu Christi nachgebildet 
werden 16 ), usw. Die Kenntnis des Na¬ 
mens ist Besitz der Baale schein d. i. 
„Herrn, Kenner des Gottesnamens“ 17 ), 



903 


Kabbala 


904 


und mit ihm richten sie ihre magischen 
Künste aus 18 ). Astrologie, Chiromantie, 
Physiognomik verbinden sich mit dieser 
K. 19 ). Ihr entstammen zahlreiche Amu¬ 
lette mit Gottes-, Engel- und Dämonen¬ 
namen, wie etwa der weitverbreitete Schutz¬ 
zettel für die Geburt gegen Lilith (s. d.) 20 ), 
Psalmenzauber (s. d.), Zauber mit Sprü¬ 
chen des Alten Testaments, Schwinde¬ 
formeln, Zauber quadrate (s.d.), Salomons¬ 
siegel (s. d.), Davidschild (s. d.), Ab¬ 
breviaturen wie Araritä (s. d.), Agla 
(s. d.) usw., die freilich zum Teil von der 
K. aus älterer Tradition übernommen 
wurden und dann in den deutschen Aber¬ 
glauben und die Magie hinüberdrangen. 
Zu ihr gehören auch alte Zauberbücher 
wie das „Schwert des Moses“ 21 ) und die 
„Weisheit der Chaldäer“ 22 ). Eine Menge 
deutscher Zauberbücher enthalten mehr 
oder weniger kabbalistischen Stoff oder 
berufen sich auf die K. als Quelle 23 ). In 
der Sprache der Gegenwart lebt das 
Wort K. noch fort im Sinn von „heim¬ 
liche Rottierung, Geheimbund, Ränke¬ 
schmieden“ im Anschluß an die Bedeu¬ 
tung „Geheimwissenschaft“ 24 ). 

l ) Buxtorf Lex. chald. talm. et rabb. (ed. 
Fischer 1869), 971; F. Weber Jüd. Theologie 
a. Gr. des Talmud u. verw. Schriften (1897), 81. 
92; Hauck RE. 9, 671 u. s. 2 ) Zu dieser Vor¬ 
stellung vgl. Z.f.Missionsk. u. Religionswiss. 43 
(1928), 78 ff. 3 ) Ph. Bloch Gesch. d. Entwickelung 
der Kabbala u. d. jüd. Religionsphilosophie (1894), 
14 h; E. Bischoff Die Kabbalah (1903), 8; 
M. Gaster Studies and Texts in Folklore 2 
(1925—28), 1330 ff. 4 ) Agrippa v. Nettesh. 
3, 50 ff. 346 ff. 5 ) Paracelsus 174. ®) Para¬ 
celsus 233: Summum bonum quod est verum 
Magiae Cabalae Alchymiae verae Fratrum Ro- 
saecrucis verorum subjectum (1629). 7 ) M. 

Buber Vom Geist des Judentums (1916) c. 6: 
Das Leben des Chassidim; S. A. Horodezky 
Relig. Strömungen im Judentum (1920). 8 ) E. 

Bischoff Babylonisch-Astrales in Talmud und 
Midrasch (1907); W. Bousset Die Haupt¬ 
probleme der Gnosis (1907), 201 ff.; R. Reitzen¬ 
stein Poimandres (1904), 42. 44. 110. 181. 
189; Dornseiff Alphabet 139 ff. 9 ) Außer den 
o. i. Text angegebenen alten Werken von 
Reuchlin usw. vgl. P. Bongo Numerorum 
mysteria (Bergomi 1599); J. Wier De praestigiis 
daemonum 1. 2 c. 3 (franz. Ausg. Paris 1885, 
I, 175); M. Delrio Disquisitiones magicae (Köln 
1679) 54* 599; F. A. Christian! Der Juden 
Glaube u. Aberglaube (ed. Chr. Reineccius 1713), 
59 ff.; Cabalae verior descriptio d. i. gründliche 
Beschreibung aller natürlich, und übernatürlich. 


Dingen, wie durch das Verbum fiat alles er¬ 
schaffen usw. (Hamburg 1680); Horst Zauber - 
Bibliothek 6 (1826), 488 Reg.; A. Franck La 
Kabbale ou la Philosophie religieuse des Hebreux 
(1843, deutsch von A. Gellinek 1844; anast. 
Neudr. 1920); Ersch u. Gruber Ency- 
clopädie Sekt. 2 Bd. 27 (1850, von Stein¬ 
schneider); Herzog RE. 7 (1857), 193^* 

(E. Reuss); Hauck RE. 9. 670 ff. (Wünsche); 
Jewish Encyclopedia 3 (1902) s. v. Cabala 
(Ginzberg); RGG. 3, 8740.; Ph. Bloch s. o. 
Anm. 3; E. Bischoff Die Kabbalah (1903; n. 
Aufl. 1920); Ders. Die Elemente der Kabbalah 
(1913/14; n. Aufl. 1920/21); E. L£vy (= Abb£ 
Constant) Les mystires de la Kabbala (1921 ?); 
Ders. Histoire de la magie (1892), 23 ff. 51 ff. 
105 ff.; C. Vulliaud La Cabbale juive (1923)» 
S. Rubin Heidentum und Kabbala (1893); 
Ders. Kabbala und Hagada (1895); Gr. 
Mathers The Kabbalah unveiled (1887); Papus 
(= Encausse) Die Kabbala. Deutsch v. I. 
Nestler (1921); A. Lehmann Aberglaube und 
Zauberei (1908), 132 ff. 188 ff. 218 ff.; E. Müller 
Der Sohar und seine Lehre (1923); C. Kiese- 
wetter Der Occultismus des Altertums 3050.; 
M. Dessoir Vom Jenseits der Seele (1917), 
209 ff.; Collin de Plancy Dictionnaire in¬ 
fernal (1850), 106; Soldan-Heppe 2, 435; 
Tiede Gotteserkenntnis 341; Schröder Ger¬ 
manentum 11; Güntert Göttersprache 71; 
Schindler Aberglaube 88 ff.; Jennings Rosen¬ 
kreuzer 2, 276 Reg.; A. L. Caillet Manuel 
bibliographique des Sciences psychiques et occultes 
1 (1912), 271 ff.; 2, 350; L. Held Das Gespenst 
des Golem (1527); J. de Pauly Sepher ha-Zohar 
(1911); Encyclopedia Britannica 13 {1929 h 
233 ff.; La Grande Encyclop6die 8, 587 ff. 
(J. Loeb); Th. W. Danzel Magie und Geheim¬ 
wissenschaft (1924), 1700. 10 ) Weber a. a. O. 

121 ff.; Buxtorf a. a. O. 229. 677; Dornseiff 
a.a.O. i36ff.; Bischoff Kabbalah 16ff.; Ders. 
Elemente 2, 221; Hauck RE. 9, 68of. u )Buxtorf 
a. a. O. 971. 12 ) ebd. a. a. O. 12040.; Joh. 

Hartliebs Buch aller verbotenen Kunst (1914), 
XLVII. 16; M. Luthers Schrift vom Schern 
ham'phorasch (Erlang. Ausg. d. d. Werke 
Bd. 32); A. Margaritha Der gantze jüdische 
Glaube (ed. Reineccius 1713). 2930.; Christiani 
a. a.O. 59 ff.; ZDMG. 32 (1878), 465. 735 f *. 
33 (1879), 297; Gaster a. a. O. 1, 290 ff. 417 ff.; 
Bischoff Elemente 2, 100 ff.; Lehmann a. a. O. 
141 ff.; Dornseiff a. a. O. 54 gibt die Litteratur 
über den Namenglauben im allgemeinen; Arch- 
angelus de Borgonuovo Spiegel des Heils. 
Vom Namen Jesu (s. Buxtorf a. a. O. 97 2 )- 
13 ) Hieronymus Opp. (Basileae, Froben 1537) 
3,94; Pseudo-Euagrius [Cotelerius Eccles. 
graec. mon. 3 (1688), 116; de Lagarde Ono- 
mastica sacra (1887), 229 ff.]; Isidorus Hisp. 
Etym. 7, 1 (Migne Patr. Lat. 82, 2590.); 
Scheible Kloster 3, 300. 307 ff. 14 ) Buxtorf 
a. a.O. 1205. 1208. 1212, vgl. 426; Petrus Gala¬ 
tinus De arcanis catholicae veritatis (15*8) 1* 2 
c. 18; Bischoff Elemente 2, 1156.; Marga¬ 
ritha a. a.O. 293 ff.; Scheible Kloster 3, 3° 2 : 


905 


Käfer 


906 


L. Blau Das altjüdische Zauberwesen (1914), 
139; Held Golem 175. 177. 181. 187. 190 ff. 
195; Bloch a. a. O. 4. 10; Delrio a. a. O. 
54; Agrippa von Nettesh. 3, 1460.; Horst 
a. a. O. 3, 136 t.; Lehmann a. a. O. 141; 
Jezira das ist das große Buch des Buches Moses 
(mod. Druck von E. Bartels. Neuweißensee) 
im Schlußteil 130 f. 131 (aus P. Galatinus ex- 
cerpiert); F. Buchmann Schlüssel zu den 72 
Gottesnamen der Kabbala. Frühzeitig in deut¬ 
sche Quellen übergegangen vgl. Pfeiffer Zwei 
deutsche Arzneibücher aus dem 12. u. JJ. Jhdt. 
Sitz.-Ber. Wien. Ak. 42 (1863), 150; Alemannia 
2 (1874), 135; MittschlesVk. 13, 23; L. Uhland 
Alte hoch- u. niederd. Volkslieder (3. Aufl.) 2, 157 
Nr. 309 Str. 4 u. 12; Pradel Gebete 74; Gaster 
a. a. O. 2, 1075. 16 ) Es gibt auch eine Liste der 
72 Namen Gottes, die „folgende 72 Völcker mit 
Vier Buchstaben (also tetragrämm) schreiben und 
nennen“ vgl. Scheible Kloster 3, 283; Jezira 
136 f.; Thiers 1, 167; Jezira a. a. O. i, 128; 
Enchiridion manuale 53. 1Ä ) Pradel a. a.O. 74; 
Haupt Üb. d. mitteld. Arzneibuch d. Meisters 
Bartholomaeus Sitz.-Ber. Wien. Ak. 71 (1872), 
521; Horst a. a.O. 2, 129. Es sind wohl die auch 
im Enchiridion manuale (s. Geistl. Schild), 
franz. Edit. mit der Datierung: A Rome 1740, 
S. 84 genannten „noms de Jesus-Christ. 17 ) 
Bischoff Elemente 1, 184. 2, 36; Ders. Kab¬ 
balah 81. 18 ) Solche Geschichten s. bei Held 
Golem ; Salomon aben Verga Liber Schevet 
lehuda ed. M. Wiener 2 (1924), 13 2 f*. Scheible 
Kloster 11, 1130. 1135. 20 ) Abbildungen solcher 

Amulette in Bischoffs Büchern und bei Vul¬ 
liaud. 21 ) Gaster a. a.O. 1, 288 ff. 22 ) ebd. i, 
338 ff. 23 ) Semiphoras und Schemhamphoras Sa¬ 
lomonis Regis: Horst a. a.O. 2, i34ff.; 3- l6 8ff.; 
Scheible Kloster 3, 300ff.; Clavicula Salomonis 
ed. A. Luppius (s. a. Clav. Sal.); Magia Divina. 
Anno 1745: Scheible a. a. O. 3, 524 ff.; Kiese - 
wetter Faust 2 (1911), 26. Zoroasters Telescop: 
Scheible a. a. O. 414 ff. Lux mundi Eleazar 
Hacklier, des großen Cabalisten Arthascha usw.: 
Kiesewetter a. a. O. 2, 26; Oraculum Caba- 
listicum oder gantz neu erläuterte Cabalistische 
Tabellen (Augspurg 1750); Praxis cabulae 
nigrae doctoris Xohannis Fausti, magi celeberrimi 
oder Unerforschlicher Höllenzwang (Passau 
1612; ed. Scheible 1849, vgl. Kiesewetter 
a. a. O. 1, 158. Geheime Kunst-Schule magischer 
Wunder-Kräfte usw. im 6. u. 7. Buch Mosis (s. d.), 
mod. Druck von E. Bartels, Berlin-Weißen¬ 
see; das B. ist verwandt dem „Sepher Schim¬ 
musch Thehillim oder Gebrauch der Psalmen 
usw. Ein Fragment aus der praktischen Kabbala, 
übers, von Gottfr. Selig (Berlin 1788)“ (s. d. A. 
Psalmenzauber); Paracelsus Magia Divina 
seu Praxis Cabulae Albae et Naturalis (sie wurde 
angeblich von P. 1515 dem Kaiser Maximilian I. 
übergeben): Kiesewetter a. a. O. 2, 162; 

Jezira a. a. O. 135 (Tabelle der Sephiroth); 
Cabbala Salomonis (dt. Hd. von ca. 1820; Th. 
Ackermann, Geh. Wissensch. Kat. 596; Mün¬ 
chen 1927), 4; Praxis Caballe Albe et Nigre 
Doctor Iohanni Faustii (Cabbal.-mag. Bücher¬ 


schatz Bd. 1, ca. 1922). Der Kornreuther (s. d.) 
führt seine Wissenschaft auf die Cabbala Thagi 
Alfagi zurück, vgl. Jezira 1. Teil 152; Horst 
a. a. O. 1, 161. Ebenso sagt das Enchiridion 
man., das sich nach S. 15 „aux sages cabalistes“ 
wendet, auf S. 89 über die „Vertus des sept 
Psaumes (die S. 18 ff. stehen), sie seien „tir6s 
de la Cabale“. Auch der Adept Salomon Trismo- 
sinus beruft sich auf „Cabalische vnd Magische 
Bücher in Egyptischer Spraach“ vgl. Kiese- 
wetter Die Geheimwissenschaften 79 usw.; 
MittschlesVk 31 (1930), 220; Seyfarth Sachsen 
XXIII. 303; Horst Zauber-Bibliothek 1, 371: 
Frat. Vincencii Ord. P. Das geheime My¬ 
sterium Cabalisticum aus dem Spanischen ins 
Teutsche übersetzt. Mit 32 Gemählden (der Do¬ 
minikaner Vincentius von Beauvais war alche- 
mistischer u. ä. Weisheit zugänglich und unter 
seinem Namen gingen allerlei derartige Schriften 
um; vgl. C. Kiesewetter Die Geheimwissen¬ 
schaften 36). 24 ) Kluge Et Wb (1915). 220. 

J acoby. 

Käfer. 

1. Allgemeines. Von Käfern 1 ) ist im 
Volksglauben häufig die Rede. Besonders 
oft werden genannt: Maik. (s.d.), Hirschk. 
(s. d.), Mistk. (s. d.), Johanniswürmchen 
(s. d.), Marienk. (s. d.). Nicht selten läßt 
es der Mann aus dem Volke bei dem Kol¬ 
lektivnamen „K.“ bewenden. Im folgen¬ 
den soll der Versuch gemacht werden, den 
Begriff „K.“ folkioristisch zu umschreiben. 

x ) Etymologisches und Onomastisches zum 
K. vgl. bei Grimm Mythol. 2, 576; Schräder 
Reall. 401; Edlinger Tiernamen 62; Riegler 
Tier 243. 

2. Biologisches. Schon im Altertum 
unterschied man eine beträchtliche An¬ 
zahl von K.n. Aristoteles bemüht sich, 
aus den verschiedenen Arten den Begriff 
„K.“ zu abstrahieren, was ihm aber nicht 
recht gelingt. Er sagt (hist. an. V 19 
p. 552 bi) folgendes: Die K. entwickeln 
sich aus Larven, die auf Birnen-, Kiefer-, 
Feigenbäumen und Hagebuttensträu- 
chern leben und haben die Neigung, 
übelriechende Dinge aufzusuchen, weil 
sie aus derartigen Stoffen entstehen 151 ). 

ia ) Pauly-Wissowa 10, 2, 1478 ff. 

3. Animismus. Wie andere Insekten 
(vgl. namentlich Schmetterling) ist der 
K. eine häufige Seelenepiphanie. Elbe 
und Mare erscheinen in K.gestalt 2 ). 
Nicht selten bergen sich darin ver¬ 
wunschene Prinzen und Prinzessinnen 8 ). 
Namentlich Goldk. und Maik. sind im 
germanischen Heidentum von großer Be- 


90 7 


Käfer 


908 



Kaffee 



deutung, doch werden sie fortwährend 
miteinander vertauscht 4 ). An einem 
altgermanischen K.kult dürfte kaum zu 
zweifeln sein, obwohl die Zusammen¬ 
hänge mit Thor nicht sicher sind 5 ). In 
Süddeutschland sind Sagen von gol¬ 
denen oder schwarzen K.n besonders 
häufig 6 ). Elbische K. unterscheiden sich 
von gewöhnlichen durch eine außer¬ 
ordentliche Größe (vgl. altnord, iötunoxi 7 ), 
isländ. iötunuxi 8 ) „Riesenochse“ als Na¬ 
me eines Kurzflüglers, Staphylinus maxil- 
losus) und einen prächtigen Glanz 9 ). 
Ein Niederschlag der alten mythischen 
Bedeutung des K.s findet sich in den so 
zahlreichen K.liedern. 

3 ) Mannhardt Germ. Mythen 367 ff. 3 ) Ebd. 
4 ) 243 fg. 5 ) Grimm Mythol. 2, 576 f. ®) Wolf 
Beiträge 2, 447. 7 ) Grimm a. a. O. 8 ) ZfVk. 8, 
287. 9 ) Wolf a. a. O. 10 * ) Mannhardt op. cit. 

369- 


4. Kobold (spiritus familiaris). Be¬ 
sonders häufig ist der K. Erscheinungs¬ 
form des Kobolds, ja „Käferchen“ findet 
sich in einer sächsischen Sage als Ko¬ 
boldname n ). Als spiritus familiaris wird 
er in Branntweingeist gehalten 12 ), macht 
Gold 13 ), verschafft Geld 14 ), bringt Glück 
im Spiel 15 ), führt aber auch nach tücki¬ 
scher Koboldart ins Verderben 16 ). 

u ) Meiche Sagen 299 Nr. 388. 12 ) Leo- 

prechting Lechrain 76. l3 ) Mannhardt Germ. 
Mythen 367 f. 14 ) Birlinger Volksth. 1, 94 f. 
15 ) Kühnau Sagen 2, 4 f. 16 ) Sommer Sagen 
34 Nr. 31. 


5. Hexe, Teufel. Nach einem nord¬ 
deutschen Volksglauben verwandeln sich 
Hexen in K. 17 ). In einer oberpfälzischen 
Sage bannt ein Pfarrer auf dem Kelch¬ 
tuch den Bösen in die Gestalt eines 
kleinen K.s 18 ). 

17 ) Strackerjan 2, 176 Nr. 409. 18 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 45 f. 

6. Krankheitsdämon. Psychische 

Zustände wie Delirium, schlechte Laune, 

Rausch werden zuweilen vom Volks¬ 

glauben auf das Vorhandensein eines 

imaginären Hirnkäfers zurückgeführt. 

Vgl. hiezu die rum. Redensart a aveä 

gändacl in cap t K. im Kopfe haben, von 

einem, der ein wunderliches Benehmen 

zeigt 19 ). Die Masuren glauben an die 

Existenz eines lebendigen eigenartigen 

Wesens im menschlichen Körper, Ma- 


cica genannt, das wie der Bandwurm 
erblich ist und die Gestalt eines K.s 
haben kann 20 ). 

19 ) Riegler Tier 244; WS. 7, 132 2 . 20 ) Ho- 
vorka u. Kronfeld 2, 128. 

7. Za über ab wehr. Infolge seines 
dämonischen Charakters wurde der K. 
auch als Apotropäon gebraucht. Schon 
Plinius berichtet von K.-Amuletten 21 ). 
Zu den ältesten Amuletten gehören die 
Nachbildungen des heiligen ägyptischen 
K.s (Scarabaeus, Pillendreher) 22 ). 

21 ) Grimm Mythol. 2, 983. 22 ) Meyer Aber¬ 
glaube 256; Kronfeld Krieg 41. 

8. Bannfluch (Prozesse). Wie fest 
man noch im späteren Mittelalter von dem 
dämonischen Charakter gewisser K.arten 
überzeugt war, geht aus der Tatsache 
hervor, daß die der Landwirtschaft 
schädlichen K. (Maik., bzw. Engerlinge) 
von kirchlichen Würdenträgern exkom¬ 
muniziert wurden (z. B. 1479 u. 1505 
in Bern) 23 ). Ja, sie wurden sogar vor Ge¬ 
richt geladen, und da sie nicht erschienen, 
in contumaciam verurteilt 24 ). 

23 ) Meyer Aberglaube 81. 24 ) Ebd.; Nider- 
berger Unterwalden 3, 528 fg. 

9. Orakeltier. In der Landwirtschaft 
schließt man nach einem schwäbischen 
Volksglauben aus dem häufigen Auf¬ 
treten von K.n auf ein gutes Wein¬ 
jahr 25 ). In einer elsässischen Sage wird 
das Erscheinen eines K.s mit einem 
schwarzen Kreuz auf den geschlossenen 
Flügeln als Himmelszeichen gedeutet und 
veranlaßt den Bau einer Kirche 26 ). 

Gewisse K.arten wie der Klopfk. (An- 
nobium pertinax, s. „Holzwurm“) und 
Totenk. (Blaps mortisaga) (s. d.) gel¬ 
ten als Todesomen 27 ). Ob der Passus 
von „dem Herrn, der klopfen kommt“ 
in der von der Luzerner Regierung im 
Pestjahr 1594 erlassenen Verordnung sich 
auf den Holzwuimbezieht, wie J ühling 28 ) 
will, scheint zweifelhaft. 

2S ) Eberhardt Landwirtschaft 11. 28 ) Stöber 
Elsaß 1, 58 Nr. 79. 27 ) Hopf Tierorakel 200; 

Schwebel Tod u. ewiges Leben 125; Unoth 1, 
181 Nr. 33. 28 ) Tiere 91. 

10. Volksmedizin. Als Mittel gegen 
Zahnschmerz, auch prophylaktisch, wird 
empfohlen, einem auf den Rücken ge¬ 
fallenen K. wieder auf die Beine zu hel¬ 
fen 29 ). 


Auch in der volkstümlichen Tierheil¬ 
kunde finden K. Verwendung: Kühen, 
die im Vormagen verstopft sind, schiebt 
man lebende K. in den Hals, damit sie 

den Magen durch wühlen 30 ). 

29 ) Op. cit. 90; Lammert 233; Wuttke 
35i § 527- 30 ) Strackerjan 1, 97; 2, 176 

Nr. 407; Wuttke 446 § 703. Riegler. 

Kaffee. Mit überraschender Schnellig¬ 
keit ist der Kaffee ungefähr seit der Mitte 
des 18. Jhs. das häusliche Getränk ge¬ 
worden, in der einen Gegend etwas früher, 
in der andern etwas später, und hat manche 
alte Suppen und Breie ersetzt x ). Mannig¬ 
faltiger Aberglaube knüpft sich an ihn: 
Allgemein verbreitet ist z. B. die Meinung, 
daß man schön werde, wenn man kalten 
Kaffee trinke 2 ) oder schwarzen Kaffee ohne 
„Päckli“ (d. h. ohne Zichorie oder ohne 
andere Zutaten 3 )). Wenn junge Mädchen 
zum Tee oder Kaffee eher den Rahm als 
den Zucker geben, werden sie alte Jung¬ 
fern 4 ), wird der Geliebte untreu 5 ). Man 
bekommt eine böse Schwiegermutter, 
wenn man noch Kaffee in der Tasse hat 
und schüttet trotzdem frischen dazu 6 ) 
(Heidelberg). Streut man einige Körner ge¬ 
weihten Salzes in den Kaffee, so bannt 
man die Verliebtheit des andern (Baden 7 )). 
Wenn sich Schaum auf dem Kaffee 
findet, bekommt man Geld 8 ). Ziehen 
sich alle Schaumbläschen nach der Mitte 
hin zusammen, so gibt es oder bleibt es 
gut Wetter 8 ). Ist bei Frostwetter ge¬ 
mahlener Kaffee in der Lade fest, so 
friert es noch lange; fällt er aber in zwei 
Häufchen, so deutet es auf gutes Wetter 9 ). 
Schluckt man den Zuckerschaum auf 
dem Kaffee (das „Küssel“ oder „Mäusel“) 
auf einmal hinunter, so bekommt man 
in kurzem ein liebes Geschenk 10 ). 

Die Wahrsagerei aus dem Kaffeesatz 
gehört zum ältesten belegbaren K.-Aber¬ 
glauben. In der Pariser Damenwelt war 
sie bereits im Anfang des 18. Jhs. sehr 
verbreitet; teils wurde sie von gewerbs¬ 
mäßigen Weissagerinnen ausgeübt, teils 
von den Kaffeetrinkerinnen selbst. Die 
Einzelheiten entsprechen ziemlich den 
unten ausführlich wiedergegebenen 10a ). 
1742 erschien in Leipzig „Die Wahrsagerin 
aus dem Coffee- Schälgen mit Bemer¬ 


kungen von C. G. B.“. 1756 in Raab 

„Das oraculum astronomico-geomanti- 
cum oder die Kunst und Weisheit im 
Kaffee und allen andern Gießungen das 
Schicksal zu sehen“. In seinem 1744 
zuerst erschienenen scherzhaften Helden¬ 
gedicht „Der Renomist“ singt F. W. 
Zachariä (III, 47): 

„In Leipzig war damals die nun verlohrne Kunst, 
Aus dickem Caffeesatz, durch schwarzer Geister 
Gunst, 

Die Zukunft auszuspähn; und die geheimsten 
Thaten, 

Geschehn, und künftig noch, prophetisch zu 
errathen“. 

Wie weit verbreitet schon im 18. Jh. 
dieser Aberglaube war, zeigt der Um¬ 
stand, daß „Das Grab des Aberglau¬ 
bens“ 1 (1777), 63 ff. ihm das ganze 
vierte Stück widmet. Es schildert den 
Vorgang wie folgt: Sie (d. h. die Wahr- 
| sagerin) schüttet „das Oberschälchen 
j ohngefähr halb voll dicjcen Coffee, und 
| schwinget dasselbe dreymal, nicht mehr 
i und nicht weniger, in die Runde herum, 

| damit der Coffeesatz sich überall ansetze. 

: Diejenige, welche am sichersten gehen 
I wollen, hauchen nach dieser Schwingung 
I dreymal in die Tasse hinein, weil zu ver- 
muthen ist, der weissagende Odem einer 
solchen begeisterten Person werde die 
Theilgen des Coffees in der Tasse in be¬ 
deutende Figuren zusammenordnen. Wenn 
dieses geschehen: setzt sie die Tasse ver¬ 
kehrt auf einen Tisch, damit der Coffee 
i ablauffe. Sie rückt alsdenn die Tasse 

t 

j noch zweymal fort, damit zu drey ver- 
schiedenenmalen der nichtsbedeutende 
Coffe herauslauffe, und die wahrsagende 
Theile des Coffees ganz allein in der 
Tasse hangen bleiben. Endlich nimmt sie 
die Tasse in die Höhe und sieht hinein 
usw.“. Nach diesem Gewährsmann liefen 
! damals Arm und Reich, Hoch und Nie¬ 
drig zu Wahrsagerinnen; in Hamburg 
wandten sich um die Mitte des 18. Jhs. 
besonders werdende Mütter an die „Küm- 
kenkiekersch“, um das Geschlecht des 
Kindes zu erfahren. Mit der Bezeichnung 
„Caffeemantia“ hängte man dieser Kunst 
sogar ein wissenschaftliches Mäntelchen 
um 10c ). Auch in neuerer und neuester 
Zeit wird die Kaffeeweissagung noch be- 


Käfig 


912 


911 

trieben n ). Es ist interessant zu sehen, 
welche Weiterbildungen dieser Aberglaube 
bei den Deutschen Pennsylvaniens er¬ 
fahren hat: Viel Kaffeesatz in der Tasse ist 
das Vorzeichen vieler Tränen 12 ). Wenn 
man die Tasse ausleert und die Tasse 
wieder auf st eilt, ersieht man aus der Zahl 
der Ringe in der Untertasse, wie viel Leute 
auf Besuch kommen 13 ). Schüttet man 
Kaffee aus, wenn man Besuch bekommt, 
kann man in der Tasse sehen, ob der Be¬ 
sucher ein Mann oder eine Frau ist 14 ). 

Wenn ein Mädchen die Kaffeekanne 
offen stehen läßt, bekommt es einen 
„affenmauligen“ Mann 15 ) oder laufen 
alle Freier fort 1 *). Zum Hausrate darf 
man nicht Kaffeetassen schenken, weil 
dann die Frau Schläge bekommen 
würde 17 ). Springt eine Bohne aus der 
Kaffeemühle, dann ist Besuch zu er¬ 
warten 18 ). 

Der Kaffee spielt auch in der Volks¬ 
medizin eine Rolle: Gegen Schlucken ißt 
man z. B. eine Kaffeebohne 19 ). Hat 
jemand das „Sodbrennen“, so nehme er 
eine ungerade Anzahl von Kaffeebohnen, 
zerbeißt und verschluckt sie 20 ). Magen¬ 
weh verschwindet, wenn man nach dem 
Essen eine Messerspitze voll gemahlenen 
Kaffee einnimmt 21 ). Kaffeesatz vor allem 
ist heilkräftig: er hilft gegen Bleich¬ 
sucht 22 ) und gegen das „Rote“ beim 
Rindvieh, dem es unter Aussprechen eines 
kurzen Zauberspruchs eingegeben wird 23 ). 
Wenn ein Kind schwer zahnt (s. d.), soll 
man ihm Kaffee geben, mit dem man 
das Brot bestreicht, bevor es in den 
Backofen kommt 24 ). Seiht man den 
Kaffee durch den Spüllumpen, so läuft 
die neue Magd nicht fort 26 ), bleiben Hund 
und Katze beim Haus 26 ), oder bekommt 
man kein Heimweh 27 ). Gegen das letztere 
hilft auch Erde von einem Kreuzwege 
oder von einem frischen Grabe, im 
Kaffee getrunken 28 ). 

Eine Reihe von Belegstellen über die 
Kaffeeweissagung verdanke ich F. Boehm. 

*) Sartori Sitte 2, 32; Drechsler 2, 7f.; 
Meyer Baden 339 f.; Birlinger Schwaben 2, 
388!. 2 ) Meier Schwaben 2, 509 Nr. 412; 

Lammert 44; Panzer Beitrag 1, 262 Nr. 101; 
Bartsch Mecklenburg 2, 316 Nr. 1563; Drechs¬ 
ler 2. 11; Urquell 3 (1892), 165 Nr. 9; Wuttke 


309 § 456. 3 ) Manz Sargans 69 Nr. 99. 4 ) 

Strackerjan 1, 55 §54; 2, 226 §477. 6 ) Drechs¬ 
ler i, 277; ZdVfVk. 8 (1898), 449. ®) Alemannia 
3 (1905), 302. 7 ) Meyer Baden 171. 8 ) Urquell 
1 (1890), 48 Nr. 30; ZdVfVk. 20 (1910), 383; 
Drechsler 2, 198 f.; Fogel Pennsylvania 

80 f. Nr. 291 ff. ®) Strackerjan 1, 38; Drechs¬ 
ler 2, 199; Urquell 3 (1892), 40. 10 ) Drechsler 
2, 194; Urquell 3 (1892), 40. 10a ) J. v. Effen La 
Bagatelle 3 (Amsterdam 1719), 181. 10b ) Finder 
Hamb. Bürgertum (1930) 9, nach: Der morali¬ 
sierende Kröger, 7. Dez. 1751. 10c ) Fabricius 

Bibliogr. antiqu. 3 (1760), 597. u ) Strackerjan 

1, 100; 2, 226 Nr. 477; Bartsch Mecklenburg 2, 
331 Nr. 1602b; Peuckert Schles.Vkde. 125; 
Merlin Wahrsagekunst 59; auch zahlreiche der 
bekannten Traum- und Punktierbücher enthalten 
eine Anweisung, die sich z. T. ziemlich genau an 
die älteren Vorschriften anschließt, z. T. jedoch 
auch nicht unerheblich davon abweicht. So be¬ 
steht der Brauch, zunächst den Kaffeesatz, nach¬ 
dem man die gesamte Flüssigkeit abgeschüttet 
hat, zunächst eine Stunde lang ruhig stehen zu 
lassen. Darauf wird er nochmals erwärmt, 
mit etwas Wasser angerührt und in kleinen Men¬ 
gen auf einen trockenen Teller gegossen; dieser 
wird ungefähr eine Minute lang hin- und her¬ 
geschwenkt und die dann noch vorhandene 
Flüssigkeit abgegossen. Die zurückbleibenden 
Kaffeesatzteilchen gruppieren sich dabei zu 
mehr oder weniger deutlichen Figuren, die dann 
gedeutet werden, s. Streicher Das Wahrsagen 
(Wien 1926) 58; dort auch die üblichen Deutun¬ 
gen für die am häufigsten auftretenden Figuren. 
12 ) Fogel 90 Nr. 350. 13 ) Ebd. 378 Nr. 2032. 

14 ) Ebd. 58 Nr. 172; vgl. auch Roberts in 
Journ. Am. Folk 1. 40 nr. 156, 1790. (Louisiana). 

15 ) Urquell 1 (1890), 48 Nr. 31. 16 ) Drechsler 1, 
227. 17 ) Köhler Voigiland 425. 18 ) John Erz¬ 
gebirge 33. 19 ) ZfrheinVk. 11 (1914), 168. 20 ) Ebd. 
167. 21 ) Lammert 253; Hovorka-Kronfeld 

2, 126. 22 ) Stoll Zauberglaube 103. 23 ) Woeste 

Mark 52 Nr. 4. 24 ) Fogel Pennsylvania 311 

Nr. 1649. 25 ) Ebd. 153 Nr. 716. 26 ) Ebd. 143 

Nr. 665. 27 ) 152 Nr. 715. 28 ) Ebd. 151 Nr. 708. 

Bächtold - Stau bli. 

Käfig. Bei einem Todesfall wird der 
K. umhängt oder an einen anderen Ort 
verbracht, sonst sterben die Vögel 1 ). 

1 ) Wuttke 459 § 726; Drechsler 1, 292; 
Höhn Tod 324; Reiser Allgäu 2, 314; Dirksen 
Meiderich 49 Nr. 7; Alemannia 27, 240; ZfrwVk. 

4. 273. 

Das Einschließen in einen K. war eine 
alte entehrende Strafe 2 ). 

2 ) SSbillot Folk-Lore 4, 341; Rer. boic. 
script. Augsburg 1 (1763), 616; Wand er Sprw.- 
Lex. s. v. Korb; Grimm DWb. s. v. Korb; 
J. Dex Metzer Chronik, hg. G. Wolfram, 
Metz 1906, 363; F. Palsgrave Doc. a. Records 
Hist. Scotland 1, 358 f. Entwicklungsverwandt¬ 
schaft ist nicht klar zwischen K.- und Korb¬ 
strafen, worüber s. H. Fehr Recht im Bilde 


913 


Kaiserminne—Kalb 


914 


109. 169—170; V er dam Handelingen en Mede- 
deelingen van de Maatschappij der Ned. Letter¬ 
kunde te Leiden 1901—1902, 27—42; R. 

Quant er Schand- u. Ehrenstrafen in d. deut¬ 
schen Rechtspflege 114—16. 

In der Schweiz schloß man kranke bzw. 
unartige Kinder in einen K. ein, wo sie 
blieben, während der Priester die Messe 
las; das Verfahren sollte sie heilen 3 ). 

3 ) SchwVk. 11, 45. Taylor. 

Kaiserminne s. Karlsminne. 

Kaisersage s. Nachtrag. 

Kain. Als derjenige, der den Mord in 
die Welt gebracht hat, der Inbegriff alles 
Schlechten. Der Tag, an dem er seinen 
Bruder Abel erschlug, der letzte Montag 
im April, gilt im Schapbachtal als einer 
der schlimmsten Tage 1 ). Die Tat geschah 
auf einem Roggenfelde, das davon rot 
gefärbt wurde; daher kommt es, daß 
die Roggensaat immer ganz rot aus der 
Erde hervorkeimt 2 ). Von den Kainiten 
stammen die Unholde in der Welt 3 ). 
Der Mann im Monde soll nach dem Glau¬ 
ben mancher Völker Kain (und Abel) 
sein 4 ). In der Normandie heißt die wilde 
Jagd la chasse Cain. Sie verkündet stets 
ein Unglück oder den Tod eines Kran¬ 
ken 5 ). 

J ) Meyer Baden 511. Bei den Magyaren der 
1. August: WTislocki Magyaren 98. 2 ) Meier 
Schwaben 248 (273); Dähnhardt Natursagen 
1, 249. 3 ) Meyer Völuspa 172. 4 ) Grimm 

Myth. 2, 600 (bei Dante); Mailly Sag. a. 
Friaul 90 f.; Globus 92, 287 (Rumänen in der 
Bukowina); Zelenin Russische Volksk. 397; 
Dähnhardt Natursagen 1, 2540.; Sebillot 
Folk-Lore 1, 20. 5 ) Wolf Beitr. 2, 162. 163; 

Meyer German. Myth. 237; Sebillot 1, 173. 
Sagen von Kain und Abel: Dähnhardt 1, 
248 ff. Sartori. 

Kakukakilla. In einer Wolfsthurner 
Handschrift des 15. Jhs. heißt es: „Für 
die ratzen schreib diese wort an vier ort 
in das haws „Sanctus [so!] Kakukakilla“ 1 ). 
In der Klosterkirche zu Adelberg in Würt¬ 
temberg stellt ein Altarbild eine Heilige 
mit zwei Mäusen zu ihren Füßen dar, 
unter der der Name Cutubilla steht. An¬ 
derswo lautet dieser Kakukilla, Kuka- 
kille, Kakwy 11 a. Man hat die Heilige 
mit der h. Gertrud identifizieren wollen 2 ). 
Doch sind alle jene Namen wohl Ent¬ 
stellungen von Columkille, der keltischen 


Benennung des h. Columba (s. oben 2, 
99), dem freilich eine besondere Be¬ 
ziehung zu Ratten und Mäusen nicht 
nachzuweisen ist 3 ). 

1 ) ZfVk. 1, 321. 2 ) Ebd. 1, 444; 2, 199 ff. 

3 ) Ebd. 8, 341 f.; Andree Votive 16. 

Sartori. 

Kalander s. Galander 3, 257f. 

Kalb. 

1. Kälberaufzucht. Bei abnehmen¬ 
dem Mond geworfene Kälber eignen sich 
nicht zur Nachzucht 1 ), ebensowenig Don¬ 
nerstagskälber, weil sie dumm werden 2 ), 
weiter Freitagskälber 3 ), Kälber, die am 
Valentinstag 4 ) oder Karfreitag 5 ) geboren 
sind. Wenn Kälber im Krebs jung sind, 
wachsen sie schnell und gut 6 ). „Welcher 
St. Bartholomäus eines Kalbes rechtes Ohr 
gelobet, das wird auch wohl gedeihen“ 7 ). 
Fronfastenkälber sind geistersichtig 8 ). In 
Mecklenburg schneidet man Kälbern, die 
zur Aufzucht bestimmt sind, ein Stück¬ 
chen vom Ohr ab, brennt es zu Pulver 
und gibt es ihnen mit dem ersten Saufen 
als Schutz vor bösen Leuten 9 ). Kein 
Kalb soll man auf ziehen, wo die Unter¬ 
irdischen wohnen 10 ). 
j Das Kälberquieken. In Westfalen 
schneidet der Hirt am 1. Mai das Vogel¬ 
beerbäumchen (Quieke), auf das die 
ersten Sonnenstrahlen fallen, mit einem 
Ratz ab. Im Beisein der Hausleute und 
Nachbarn schlägt er damit diejenige 
junge Stärke, die „gequiekt“ werden 
soll n ). Mit dem Zweig der Eberesche, 
die dem Thor heilig war, weiht man die 
Kälber 12 ). Die Tiere erhalten dann vom 
Hirten Namen 13 ). Kalb kommt auch 
vor in den Pflanzennamen 14 ). Kälber¬ 
woche ist die Zeit vom 27. 12.— 5. i. f 
weil in ihr der Abwurf der Kälber erwartet 
wird 15 ). „Kälba weis“ ist die vierzehn¬ 
tägige Ruhepause nach Neujahr, in der 
der Dienstboten Wechsel stattfindet 18 ). 
Bei der Überführung auf den Markt er¬ 
hält in Achdorf das Vieh den „Chalber- 
segen“, damit es gut laufe 17 ). Beim Aus¬ 
ziehen bekommen Knecht und Magd 
einen „Kälberlaib“ mit 18 ). „Kalbsvögel“ 
ist ein rotbraunes Fleischgericht im Früh¬ 
ling in der Schweiz 19 ). 

D Pollinger Landshut 156. 2 ) Ebd. 155. 



915 


Kalb 


917 


Kalb 


918 



' * 

* / 

Y 


*) Strackerjan 2, 140 Nr. 270. 4 ) Grimm 

Myth. 3, 438 Nr. 127; Wirth Beiträge 4/5, 8. 
5 ) Höfler Ostern 13. 

7 ) ZfdMyth. 3, 313. 

9 ) Seligmann Blick 


Pennsylvania 174 Nr. 
falen 1, 9 Nr. 10. 


«) SAVk. 24 (1922). 65. 
8 ) Lütolf Sagen 333. 
2, 128. Dazu Fogel 
838. 10 ) Kuhn West- 

Dazu 2, 71 Nr. 213. 


u ) Mannhardt Germ. Myth. 19. 12 ) Meyer 

Germ. Myth. 83. 214. 13 ) Sartori Westfalen 

114; ZfdMyth. 2 (1854), 85; Simrock Mythol. 
314. 14 ) Marz eil Pflanzennamen 219. 15 )Schra- 
mek Böhmerwald 121. l6 ) John Westböhmen 19. 
17 ) Meyer Baden 399. l8 ) John Westböhmen 29. 
19 ) Höfler Organoth. 170. 


K. entwöhnen und anbinden. Es 
soll an einem Tag geschehen, auf den 
Weihnachten fiel 1 ), Dienstags oder Don¬ 
nerstags, d. h. an Fleisch tagen 2 ). In 
Pommern werden die Kälber gleich nach 
der Geburt fortgenommen und erhalten 
gemolkene Milch 3 ). In Westböhmen 
läßt man die Kälber 3 bis 3 r / 2 Wochen 
saugen. Dann erhalten sie einige Tage 
Milch und Wasser und allmählich härteres 
Futter. Manche stillen das Kalb mit 
drei Tagen ab und geben dann Wasser 
mit Milch, weiches Brot, gekochte Kar¬ 
toffeln, geschnittene Halme. Solche 
Kälber sollen kräftiger werden 4 ). Saugt 
das Kalb, wenn es nicht mehr soll, so 
erhält es einen Korb mit Stacheln um 
das Maul, daß die Kuh vor ihm flieht 5 ). 
Das Entwöhnen nennt man in Denz¬ 
lingen „abtränken“ 6 ). 


Das Wegnehmen des Kalbes von der 
Kuh geschah vielfach mit frischge¬ 
waschenem Schurz oder im Kirchenrock, 
dann wird das Kalb reinlich 7 ). Auch 
gibt man ihm nach dem letzten Saugen 
ein Stück Brot, das man mit in der Kirche 
gehabt hatte, so daß der Segen darauf ge¬ 
sprochen war 7 ). Die Hausfrau soll den 
Strick, an dem das Kalb angebunden wird, 
am Sonntag mit in die Kirche nehmen, 
dann wird es gedeihen, und dabei neue Klei¬ 
der anziehen, dann bleibt es sauber 8 ). Am 
besten bindet man das Kalb Sonntag 
Mittag an mit den Worten: „I bind di 
an zum Dein (Gedeihen) un net zum 
Schrein“ 9 ). Ähnlich in Schlesien 10 ), 
wenn die Leute aus der Kirche kommen, 
mit den Worten: „Gott walt's!“, dann 
wird es gedeihen. Der Schwanz des 
Kalbes soll mit einem Wollfaden um¬ 


wickelt werden, dann wird das Kalb vor 
Abweichen bewahrt 11 ). Die Magd, die 
das Kalb anbindet, nimmt Brot und 
Most, genießt davon und spricht: „So 
sauf wie ich sauf, und friß wie ich iß“ 12 ). 
Das älteste Kind soll das Kalb anbinden, 
dann kann keine Hexe zu 13 ). Im Zeichen 
des Stiers, Steinbocks, Widders soll man 
keine junge Kuh anbinden 14 ). Das Kalb 
muß rückwärts in seinen Stand geführt 
werden, damit es vor Behexung geschützt 
ist 15 ). Auch soll man Kälber und Hennen 
rückwärts aus dem Stall laufen lassen, 
wenn sie ihn zum erstenmal verlassen, 
damit sie sich leicht zurückfinden 16 ). 
Zwillingskälber setzt man nicht gern ab, 
weil sie später nicht begattet werden 17 ). 

Wird das Kalb von der Kuh wegge¬ 
nommen oder verkauft, so muß mancher¬ 
lei geschehen, um ihr Heimweh nach 
dem Kalb zu stillen. Man soll ihr den 
Strick des Kalbes um die Hörner binden, 
der Geruch beruhigt sie 18 ). Man reibt 
das Kalb mit einem Büschel Grummet 
ab 19 ) oder zieht ihm drei Wische durch 
das Maul und gibt dieses der Kuh 20 ) 
oder stößt das Kalb beim Abschied drei¬ 
mal unter die Kuh 21 ). Der Schlächter 
stellt wohl das Kalb auch mit dem 
Schwanz an das Maul der Kuh, bevor 
er es holt 22 ). Man legt auch einen Holz¬ 
span in die Krippe des Nachbars 23 ) oder 
einen Stein vor die Krippe, an dem die 
Kuh leckt 24 ). Besonders häufig gibt 
man der Kuh Haare oder Stirnhaare des 
Kalbes 25 ). Das Kalb wird, wenn es ver¬ 
kauft ist, rückwärts aus dem Stall ge¬ 
führt 26 ). Die Kuh muß über eine Schürze 
schreiten 27 ). Wenn zu der Kuh ein 
fremdes Kalb angebunden wird, be¬ 
streicht man beiden das Maul mit Brannt¬ 
wein, so gewöhnen sie sich aneinander 28 ). 

*) ZfVk. 11 (1901), 273. 2 ) Wirth Beiträge 
4/5, 8; Drechsler 2, 102. 3 ) ZfVk. 10 (1900), 
49 - 4 ) John Westböhmen 210. 5 ) ZfVk. 10 

(1900), 49. 6 )Meyer Baden 402. 7 )Eberhardt 
Landwirtschaft 15. 8 ) Drechsler 2, 102. 

9 ) Meyer Baden 402. 10 ) Drechsler 2, 102. 

u ) Pollinger Landshut 156. 12 ) Bohnen¬ 

berger 16; dazu Fogel Pennsylvania 174 
Nr. 836. 13 ) Grimm Myth. 3, 456 Nr. 639. 

14 ) Stemplinger Aberglaube 112. 15 ) Drechs¬ 
ler 2, 102. 16 ) Birlinger Volksth. 1, 122. 

17 ) Wirth Beiträge 4/5, 8. 18 ) Eberhardt 


Landwirtschaft 16; Reiser Allgäu 2, 439; 
Meyer Baden 402; John Erzgebirge 226; 
Sartori Sitte 2, 142; Drechsler 2, 102. 

19 ) Reiser Allgäu 2, 439. 20 ) Eberhardt 

Landwirtschaft 16. 21 ) Ebd. 22 ) Engelien 

u. Lahn 24. 23 ) Eberhardt Landwirtschaft 

16. 24 ) Drechsler 2, 102. 25 ) Pollinger 

Landshut 156; Grimm Myth. 3,417 Nr. 21; 
Grohmann 137; Woeste Mark 54; Wirth 
Beiträge 4/5, 8; Fogel Pennsylvania 161 Nr. 764. 
765; 169 Nr. 809; 171 Nr. 817; 171 Nr. 819. 
26 ) Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1031; Fogel Penn¬ 
sylvania 170 Nr. 810. 27 ) Fogel Pennsylvania 

171 Nr. 815. 28 ) Wuttke 444 §699. 

Das Kalb als Opfertier. Bei den 
Germanen wurde das Kalb häufig als 
Opfertier der besitzenden Klassen be¬ 
nutzt. Sonst wohl nur aus wirtschaft¬ 
lichen Gründen anstatt des Ebers*). 
Noch heute erscheint das Kalb vielfach 
als Gebüdbrot (Julku se) und ist auch 
eine Segen und Gesundheit vermittelnde 
Kultspeise 2 ). Das schwedische Julkuse 
hat die Form eines tierischen Schien¬ 
beines 3 ). Nur der Name weist noch auf 
das ursprüngliche Kalbsopfer hin. Den 
herkömmlichen Namen des Opfertiers 
übernahm das aus Teig gebackene tierische 
Schienbein 4 ). Wahrscheinlich ist dieses 
Julkuse-Gebäck identisch mit einem 1555 
erwähnten, das — so groß wie ein fünf¬ 
jähriges Kind — in der Julzeit an alle im 
Hause verteilt wurde. Der Fruchtbar¬ 
keitszweck wurde hier durch üppige 
Spendeform gekennzeichnet 5 ). 

An diese Opferbräuche erinnert das 
gemästete und geschmückte Kalb, das 
am Tage vor Fastnacht in Tübingen von 
den Metzgerknechten umhergeführt wur¬ 
de. Dabei wurde jedem Metzgermeister 
ein Hoch gebracht. Abends hatten die 
Gesellen Tanz. Den Wein lieferten die 
Meister 6 ). Ein Kalbskopf mit Zitronen 
und Rosmarin war in Mittenwald, Tirol, 
Schwaben häufigstes Hochzeitessen. Im 
Allgäu aß man bei gewöhnlichen Hoch¬ 
zeiten nur, „was Kuh und Kalb gibt“ 7 ). 
Kalbskopf und Kalbsgekrös sind ein be¬ 
liebtes Gericht zusammengekocht. Vgl. 
„Kopf und Krös = Haupt und Glieder, 
Herr und Knecht“. Die Frühlingszeit, 
die Zeit der erwachenden Vegetations¬ 
kraft, in der „die Schön und Stärk“ am 
Methtage Lätare getrunken wird und 


alle Schönheits- und Stärkemittel für 
Mann und Weib im besten Schwange 
waren, lieferte darum die meisten Haut¬ 
heilmittel unter den Tierorganen der 
Volksmedizin 8 ). 

x ) Höfler Weihnacht 14. 2 ) Ders. Organoth. 
84. 3 ) ZfVk. 12 (1902), 430. 4 ) ZföVk. 1903, 

Taf. VIII, 27. 5 ) Höfler Weihnacht 64. 6 ) 

Meier Schwaben 2, 373 Nr. 3. 7 ) Höfler 

Hochzeit 11. 8 ) Ders. Organoth. 85 f. 

Das deutsche Märzenkalb. Es 
hat sein Analogon im altrömischen Pali¬ 
lienkalb 1 ). Es kam aus dem älteren 
Frühjahrsopfer vermutlich als Volk und 
Herden von Winter- und Stallseuchen 
reinigendes Mittel in die Volksmedizin 2 ). 
An das Opfer dieser Zeit erinnert noch 
das elsässische Märzenkalb 3 ) und das 
oberbayrische „Märzenkalbl“ 4 ), sowie das 
Kalbskopf essen in den oberbayrischen 
Spitälern und der Lätarekalbskopf, ein 
fastenzeitliches Gebäck in Napfkuchen¬ 
form, der in Bürgerhäusern an diesem 
Tag aufgetragen wurde 5 ). Die einzelnen 
Teile des Märzenkalbes sollten besonders 
heilsame Wirkungen haben 8 ). Meist 
findet es als Hautverschönerungsmittel 
Verwendung 7 ). Die Brühe vom ge¬ 
sottenen Kalbskopf z. B. ist gut gegen 
Krätze und Pockennarben 8 ), die Ein¬ 
geweide des schwarzen Märzenkalbs gegen 
das Schwinden der Glieder 9 ). Kalbshim, 
noch heute als Krankenkost sehr beliebt, 
ist volksmedizinisch dem Kalbskopf 
gleichwertig 10 ). 

x ) Höfler Organoth. 34. 2 ) Ebd. 85. 3 ) 

Elsäss. Wb. 1, 432. 4 ) Höfler Fastnacht 84. 

5 ) Höfler Organoth. 85; ders. Fastnacht 84. 91. 

6 ) Schmeller Bayr. Wb. 1, 1239. 7 ) Höfler 

Organoth. 167. 8 ) Ebd. 85 = Jühling Tiere 

150. •) Höfler Organoth. 245. 10 ) Ebd. 85; 

dazu Land stein er Niederösterreich 66 = Mann¬ 
hardt Forschungen 63; Baumgarten Heimat 
1, 87. 

Ein spukendes Kalb erscheint mit 
Pferdekopf 1 ), feurig 2 ), als Kobold 3 ). Ein 
feuerrotes Kalb zieht durch die Ochsengasse 
von Mergentheim, wenn es brennen oder 
Hungersnot oderPest geben soll 4 ). EinKalb- 
gespenst wird immer größer 5 ). Bekannt sind 
das Kalb von Schwyz 6 ), das Stadtkalb 
von Bern 7 ), das Dorfkalb 8 ). Das Kalb 
erscheint als Wassermann 9 ), als Kom- 
dämon 10 ). Die Hexe reitet auf einem 


919 


Kalb 


920 


Kalb 11 ). Kalb kündet Krieg 12 ). Ein 
Geist erscheint in Kälberhaut 13 ). 

Das Kalb als Schatzhüter oder 
-heber 14 ). Mittelst eines schwarzen 
Kalbes kann man einen Schatz finden 15 ). 
Kalbfell braucht man zum Schatzheben 16 ). 
Ein goldenes Kalb findet sich unter 
Schätzen 17 ). Als schwarzes Kalb 
spukt bei Ypern ein Mann, der bei Leb¬ 
zeiten ein goldenes Kalb angebetet und 
jeden Sonntag ein lebendes Kalb ge¬ 
opfert hatte 18 ). Kälberstimmen beim 
Haberfeldtreiben 19 ), Kalbfell bei Um¬ 
zügen 20 ) zu Neujahr. 

x ) Kühnau Sagen 1, 322; dazu Waibel u. 
Flamm 2, 219; 2, 94; Lohmeyer Saarbrücken 
5. 116; Birlinger Volksth . 1, 115; Lachmann 
Überlingen 461; Herzog Schweizersagen 2,52; 
Bartsch Mecklenburg 1, 142; Meiche Sagen 
48 Nr. 39; 59 Nr. 67; Schell Bergische Sagen 19 
Nr. 9; Schönwerth Oberpfalz 2,341. 2 ) 

Schmitt Hetlingen 8; Sepp Sagen 45 Nr. 16. 
3 ) Wirth Beiträge 1, 10. 4 ) Birlinger 

Volksth. 1, 115. 5 ) Schell Bergische Sagen 40 

Nr. 50. 6 ) Rochholz Naturmythen 77. 7 ) 

Ders. Sagen 2, 18. 8 ) Ders. Naturmythen 77. 

®) Meiche Sagen 387 Nr. 509. 10 ) Mann¬ 

hardt Forschungen 378. u ) Simrock Mytho¬ 
logie 472; Strackerjan 2,141 Nr. 370. 12 ) 

Meiche Sagen 54 Nr. 56; dazu Kühnau Sagen 
3,467. 13 ) Lütolf Sagen 160. 14 ) Kuhn West¬ 
falen 1,13 Nr. 15; Reusch Samland Nr. 70; 
Panzer Beitrag 2, 181; Schell Bergische Sagen 
387 Nr. 33; Baader Sagen 22; Hoffmann 
Ortenau 86; Köhler Voigtland 501; Haupt 
Lausitz 88; Kühnau Sagen 3, 459; Wuttke 
53 Nr. 59. 15 ) Rochholz Sagen 1, 261. 18 ) 

Alemannia 37 (1909), 18. 17 ) Heyl Tirol 620 

Nr. 87; OberdZfVk. 5 (1931), 14 ff. 18 ) Köhler 
Voigtland 501. I9 ) Simrock Mythologie 551. 

20 ) Ebd. 572. 

Das Kalb in der Volksmedizin. 
Kalbsblut. Ein Kind zahnt leicht, wenn 
man es zum Fleischer bringt, der ihm 
mit einem in Kalbsblut getauchten Finger 
durch den Mund fährt x ). Das Blut vom 
schwarzen Stierkalb findet sich in der 
Schwindsalbe der Herzogin von Bayern 2 ), 
dasselbe gegen Gliederschwinden 3 ). Das 
Kalbsbrösel wird erst im 15. Jahr¬ 
hundert erwähnt. Es ist ebenso wie das 
Wampenbrösel (= Pankreas) ohne Be¬ 
deutung für die Volksmedizin 4 ). Kalbs¬ 
dreck in Essig gegen geschwollenes Ge- 
mächte 5 ). Dazu ein Vers aus Vorarlberg: 
„Hoale, Hoale Kälblisdreck, i moan an 
Moarga is alles weck“ 6 ). Kälberfett 


aus den Gedärmen und Omento gegen 
Kolik 7 ). Kalbfleisch roh gegen krank¬ 
hafte Augenröte 8 ), zum Einreiben von 
Warzen und dann in die Erde vergraben 9 ). 
Mit dem Urin des an Keuchhusten kranken 
Kindes in einen Topf tun und diesen in 
fließend Wasser werfen 10 ). Kalbsgalle 
fehlt in der deutschen Volksmedizin 11 ). 
Plinius erwähnt die Kalbsgalle bei Frauen¬ 
leiden und als Mittel zur Hautverschö¬ 
nerung 13 ). Kalbsgeschlinge von einem 
Märzenkalb, wenn einem die Adern zu 
kurz werden 14 ). Gegen Gliederschwinden, 
vom schwarzen Kalb 15 ). Gegen die Bräu¬ 
ne 16 ). ,,Nimm ein Gr öb von einem schwar¬ 
zen Kalb, ädere es wohl aus und trockne es 
von dem Geblüt sauber, danach nimm 
Frühlingskräuter und Gartengewürz. Diese 
Stück alle klein gehackt, unter das Grob 
getan, gieß Geißmilch darauf. Gegen 
Lungen wasser " 17 ). 

In Deutschland war das K.s-Herz noch 
im 18. Jahrhundert offizinell 18 ), besonders 
bei dämonistischer Epilepsie und den wie 
ein Wurm zehrenden Krankheiten. Das 
Herz eines schwarzen Märzenkalbes tritt 
an die Stelle des Kalbskopfes 19 ). Zu¬ 
sammen mit Leber, Lunge nimmt man 
das Herz eines schwarzen Kalbes gegen 
Wehtage in einem Glied 20 ). Gegen 
Bauchfluß werden in Westböhmen die 
hohlen Gebeine eines Kalbskopfes .ge¬ 
dörrt, pulverisiert und in einer Eierschale 
mit Wein eingenommen 21 ). Kalbskopf 
als Apotropäon siehe Ochsenkopf. Un- 
gewässerte Kalbsleber mit Kreuzsalbei 
gemischt gegen Abnehmen der Kinder 22 ), 
gegen das Schwinden der Glieder 23 ), 
besonders häufig vom schwarzen Kalb, 
vielleicht im Vollzug antiker Vorschriften, 
gegen Dörrsucht und Husten und Hitze 
der Leber 24 ). Das Überwiegen der Kalbs¬ 
leber in der Volksmedizin vor andern 
Tierlebem und die Art ihrer Verwendung 
sprechen für die Ableitung dieser Therapie 
aus dem Opferkult, bei welchem das Kalb, 
namentlich das Erstlingskalb, zum Haus¬ 
oder Sippenopfer der Frühlingszeit ver¬ 
wendet wurde 25 ). Sie dient zur Stärkung 
der Leber 2Ö ), gehackt gegen Trübung der 
Hornhaut 27 ), gegen Augenleiden schon 
bei Marcellus Empiricus, 5. Jahrhundert 


921 


Kalender 


922 


in Bordeaux 28 ). Kalbslunge und Leber 
geröstet, das davon abfließende Wasser 
gegen Abzehrung 29 ). Frische Lunge zer¬ 
hackt und mit altem Wein dick eingekocht 
gegen Schwindsucht 30 ), desgleichen mit 
Lungenkraut und Salbei gebrannt gegen 
aufsteigende Lunge 31 ). Kalbs magen 
zu Brandsalbe und um Gliedwasser zu 
stillen 32 ). Kälbermark erscheint in der 
mittelalterlichen dänischen Volksmedizin 
als ein Mittel gegen Ohrwürmer 33 ). Mit 
Wachs und Rosenessig auf Gersten¬ 
körner 34 ). Gegen geschundene Brust¬ 
warzen einer Kindbetterin 35 ). Wenn 
die Gebärmutter hart und Flüssigkeit in 
ihr ist 36 ). 

l ) Jühling Tiere 153; Wuttke 393 Nr. 602. 
*) Jühling Tiere 149. 3 ) Ebd. 144 = Höfler 
Organoth. 245. 4 ) Höfler Organoth. 279. 

6 ) Jühling Tiere 142. 6 ) ZfVk. 8 (1898), 43. 

7 ) J ühling 153. 8 ) Ebd. 151; Höfler Organoth. 

169. *) Jühling 154. 10 ) Ebd. 153; Celsus 

(1. Jahrh. n. Chr.) erwähnt das Fleisch der 
Kalbsfüße und des Kalbskopfes als mildes 
Nahrungsmittel. Kalbfleischbrühe als Mittel 
gegen Schlangenbisse, Kälbermark als Pflaster- 
mittel bei Geschwüren, namentlich Steinschnitt¬ 
wunden. S. Höfler Organoth. 84. u ) Ebd. 
202. 12 ) Jühling 145. l3 ) Höfler Organoth. 

204. 14 ) Jühling 150 = Höfler Organoth. 

167. 245. 15 ) Jühling 143 = Höfler 166. 243. 
lf ) Jühling 144. 17 ) Höfler Organoth. 245. 

1B ) Ebd. 19 ) Ebd. 86. 20 ) Ebd. 245 = Jüh¬ 
ling 150. 21 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 302. 

,2 ) Jühling 153. 23 ) Ebd. 149. 24 ) Höfler 

Organoth. 166. 167. 202. 26 ) Ebd. 169. 2# ) Ebd. 
166. 27 ) Ebd. 169; Jühling 150. 28 ) Höfler 
Organoth. 201. 29 ) Jühling 151 = Höfler 

Organoth. 166. 273 = ZfVk. 8 (1898), 43. 

M ) Hovorka u. Kronfeld 2, 43. 31 ) Jühling 
153. 32 ) Ebd. 149. 33 ) Höfler Organoth. 84. 

M ) Jühling 154. 35 ) Ebd. 147. 36 ) Ebd. 145. 

Wirth. 

Kalender. 

1. Mit dem Wort K. bezeichnet man 
das Verzeichnis der nach Wochen und 
Monaten geordneten Tage eines Jahres 
(s. d.) nebst Angabe der Feste, der Mond¬ 
phasen, des Auf- und Unterganges der 
Sonne und verschiedener anderer astro¬ 
nomischer Ereignisse 2 ), woran sich weitere 
Angaben über allerlei Wissenswertes und 
Beiträge, die der bloßen Unterhaltung 
dienen, anschließen können. Der von dem 
mittellateinischen calendarium abgeleitete 
Name geht auf das lateinische calendae 
(von calare = ausrufen) zurück, bedeutet 


also ursprünglich Ausruftag, dann Monats¬ 
anfang. Im alten Rom wurde der Neu¬ 
mond, mit dem der Monat begann, durch 
den Pontifex Maximus ausgerufen. In 
seiner Bedeutung als Monatsanfang und 
insbesondere als Neujahrsanfang hat sich 
das Wort Calendae besonders in romani¬ 
schen und slawischen Ländern erhalten 2 ), 
wo es nicht allein das Neujahr, sondern 
auch Weihnachten oder die ganze Zeit 
der Zwölften bezeichnet und überdies 
auf die Bräuche dieser Zeit übergegangen 
ist. So bedeutet das tschechische koleda 
sowohl den Umzug zu Weihnachten, bei 
dem Geschenke gesammelt werden, dann 
aber auch Weihnachtsgeschenk und Weih¬ 
nachtslied selbst, ferner auch Neujahrs¬ 
geschenk und Neujahrslied. Dieses Wort 
wurde auch von den Deutschen in Böhmen 
übernommen. So gingen in Teplitz früher 
die Chorgesangknaben in der Zeit von 
Weihnachten bis Dreikönig von Haus zu 
Haus „Golede geigen“ z ), und in Neuem er¬ 
hielt der Lehrer früher für das Aufschreiben 
der Buchstaben C M B zu Dreikönig in 
den Häusern den Cölendagrosehen 4 ), ein 
Brauch, der noch heute bei den Deutschen 
in der Slowakei üblich ist. Bei den Slo¬ 
wenen heißen die Neujahrssänger und 
Neujahrsmusikanten Koledniki*). In Ru߬ 
land wird wohl oft der heilige Abend allein 
Koljada genannt, aber man kennt auch, 
besonders im Süden und Westen, zwei 
Abende dieses Namens, die „reiche“ oder 
Wasiljewskaja Koljada (Silvesterabend) 
und die „arme“, „strenge“ oder Krescht - 
schenskaja Koljada (Vorabend der Wasser¬ 
weihe) 6 ). 

Unser Wort K. bedeutet aber nicht bloß 
das Verzeichnis oder Buch, welches die 
jährliche Zeitrechnung enthält, sondern 
auch diese selbst. Bei den alten Griechen 
und Römern beruhte das Kalenderjahr 
auf dem Mondjahr 7 ). Erst Julius Cäsar 
schuf im Jahre 46 v. Ch. durch die Ein¬ 
führung des nach ihm benannten j uliani- 
schen K.s den Ausgleich mit dem Son¬ 
nenjahr. Bei den Deutschen läßt sich ein 
vorrömischer K. nicht nachweisen 8 ), doch 
hat die Mehrzahl der Germanen den 
julianischen K. in der Form, welche er 
seit 8 n. Ch. hatte, schon zur Zeit des 



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926 


Heidentums übernommen. Nur bei den 
Skandinaviern ist er vermutlich erst mit 
dem Christentum eingedrungen. Mit der 
Übernahme des römischen K.s waren 
jedenfalls Umbildungen und Anpassungen 
an den alten Volksglauben verbunden. 
Von einem gotischen K. ist leider nur ein 
Bruchstück erhalten, aus dem man sich 
keine rechte Vorstellung machen kann 9 ). 
In dem von Beda 10 ) mitgeteilten K. der 
Angelsachsen führt der 25. Dezember, 
mit dem das Jahr beginnt, den Namen 
Mödraneht (Nacht der Mutter) u ). Eine 
feste Ordnung gab es im Kalenderwesen 
das ganze Mittelalter hindurch nicht, zu¬ 
mal der Jahresanfang (s. d.) verschieden 
gefeiert wurde. Da die mittlere Länge 
des julianischen Jahres um 11 Minuten und 
12 Sekunden gegenüber dem Sonnenjahr 
zu groß ist, so ergab sich mit der Zeit ein 
Mißverhältnis und die Notwendigkeit 
einer Kalenderreform, die Papst Gregor 
XIII. im Jahre 1582 veranlaßte. Man 
ließ, um die Frühlingstag- und -nacht¬ 
gleiche wieder auf den 21. März zurück¬ 
zuführen, im Oktober 1582 zunächst 
10 Tage ausfallen und bestimmte, daß 
die Schaltjahre bei den sogenannten 
Säkularj ahren, den das Jahrhundert 
schließenden Jahren, wegfallen mit Aus¬ 
nahme der durch 400 ohne Rest teilbaren 
Jahre (1600, 2000 usw.). Dadurch wurde 
erreicht, daß das gregorianische Jahr im 
Durchschnitt nur um 26 Sekunden länger 
ist als das natürliche Sonnen jahr, so daß 
erst nach mehr als 3300 Jahren ein Fehler 
von einem Tag entsteht, der beim juliani¬ 
schen K. schon nach etwa 129 Jahren 
eintrat 12 ). Der gregorianische K. 
stieß in den protestantischen Ländern 
lange auf Widerspruch 13 ) und fand hier 
erst im 18. Jahrhundert Geltung. In 
den Ländern, in welchen die nichtunierte 
griechische Kirche vorherrscht, blieb zu¬ 
meist der julianische K., der am 1. März 
1900 bereits um 13 Tage hinter dem gre¬ 
gorianischen K. zurück war. Dieser aber 
beginnt sich nun auch hier durchzusetzen; 
Bulgarien hat ihn 1916 eingeführt, einige 
Jahre später auch Sowjetrußland. 

In allerj üngster Zeit sind Bestre¬ 
bungen im Gange, durch eine neue Ka¬ 


lender re form ein für die ganze Welt 
gültiges Einheitsjahr von 13 Monaten mit 
je 28 Tagen oder 4 vollen Wochen zu 
schaffen, das besonders in geschäftlicher 
Beziehung Vorteile bietet. 

l ) Meyer Konv.-Lex. 10 (1905). 454- 2 ) ARw. 
20 (1920,21), 84 ff.; Reinsberg Böhmen 17 f.; 
Sartori Sitte 3, 26. 3 ) Laube Teplitz 38; 

für Ostböhmen vgl. Jungbauer Bibliogr. 141 
Nr. 843. 4 ) John Westböhmen 2 31. 6 ) ZföVk. 

3 (1897). 3 2 - 6 ) Stern Rußland 1, 351. 7 ) 

Pauly-Wissowa 10, 2, 1568 ff. 8 ) Fischer 
Altertumsk. 116. 9 ) Hoops Reallex. 4,585. 

10 ) De teviporurn ratione c. 15. u ) Hoops 
Reallex. 4, 584. 12 ) Professoren-Kalender f. d. 

Schuljahr 1926/27 (Böhm.-Leipa 1926), 30 f. 
13 ) Vgl. ZfVk. 23 (1913). 81. — Zum ganzen 
Abschnitt vgl. Wilh. Uhl Unser Kalender in 
seiner Entwicklung von den ältesten Anfängen 
bis heute (Paderborn 1893), ferner die Lit. bei 
Sartori Sitte 3, 276. 

2. In der Geschichte des deutschen 
K.s stehen der ältere kirchliche und 
der jüngere weltliche K. einander gegen¬ 
über, zu denen sich noch ein oft nur 
mündlich überlieferter Volkskalender 
gesellt. Die Klostermönche des Mittel¬ 
alters, die ihre K. in der Regel auf mehrere 
Jahre im voraus machten, beschränkten 
sich darauf, die Festtage und die Ge¬ 
dächtnistage der Heiligen zu vermerken 14 ). 
Wohl das älteste Stück ist der handschrift¬ 
lich im Lustgarten (Hortus deliciarum ) 
der Herrad von Landsperg, Äbtissin des 
Klosters Hohenburg im Elsaß, aus dem 
12. Jahrhundert erhaltene K. 15 ). Das 
Mittelalter hat den kirchlichen Fest¬ 
kalender 16 ) in 24 lateinische Merkverse 
gebracht, die Hexameter von geringem 
Wohlklang sind. Auf jeden Monat ent¬ 
fallen zwei Verse, die gewöhnlich aus den 
verkürzten Namen der Heiligen bestehen 
und zusammen so viel Silben zählen als 
der betreffende Monat Tage hat. Ein 
solcher K. hieß nach dem Anfang der 
Januarverse „Cisio Janus“, wobei cisio 
die Abkürzung von circumcisio (Domini — 
Beschneidung des Herrn) ist. Zur Zeit 
der Reformation suchte man vergeblich, 
diese im Volk beliebte Cisio zu beseitigen 
oder wenigstens im protestantischen Sinne 
umzuformen; selbst Melanchthon be¬ 
schäftigte sich mit der Abfassung einer 
Cisio 17 ). Man nahm sie zumeist auch in 
die K. auf. Tohann Colerus bringt in 


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seiner Oeconomia ruralis et domestica 18 ) 
und im Calendarium perpetuum, die wahre 
Volksbücher des 17. Jahrhunderts waren, 
die Cisio noch in lateinischer Form. Die 
Januarverse lauten: 

Cisio Janus Epi. sibi vendicat Oc. Feli. Mar. An. 
Prisca Fab. Agn. Vincenti Pau. Po. nobile lumen. 

Hier erscheinen den Silben entsprechend, 
welche den einzelnen Monatstagen zu¬ 
fallen, die folgenden Festtage angeführt: 
Circumcisio Domini (1. Januar), Epi- 
phania (6.), Octava Epiphaniae (13.), 
Felix (14.), Marcellus (16.), Antonius 
(17.), Prisca (18.), Fabian und Sebastian 
(20.), Agnes (21.), Vincentius (22.), Pauli 
conversio (25.), Polycarpus (26.). In der 
Oeconomia bringt J. Colerus aber auch 
die wahrscheinlich aus der Zeit der Re¬ 
formation stammende deutsche Cisio, in 
„Knüttelhardos“ abgefaßt. Nach einem 
Schweizer Druck 19 ) aus dem Jahre 
1539, überschrieben ,,Der Cisioian zu 
Deutsch, darin alle fümemliche Fest, 
Feyr und Heiligen durchs gantz jar 
künstlich an fingern aus zu rechnen ge¬ 
funden werden“, lautet der auf den Januar 
bezügliche Teil: 

Jenner, 31 Tage A. 

Jesus b. das c. Kindt d. ward e. beschnitten f., 
Drei g. Künig A. von b. Orient c. kamen d. 

geriten e. 

Unnd f. opfferten g. dem A. Herren b. lobesam c. 
Anthomus d. sprach e. zu f. Sebastian g.: 

Agnes A. ist b. do c. mit d. Paulus e. gewesen f., 
Wir g. sollten A. auch b. mit c. wesen. 

Hier bedeutet jedes Wort einen Tag. Die 
Worte, welche einen Fest- oder Heiligen¬ 
tag bezeichnen, ergeben sich von selbst. 
Die Buchstaben A—f dienen zur Berech¬ 
nung der Sonntage und Wochentage ver¬ 
mittels des Sonntagsbuchstabens (s. 
Sonntag §1). 

Neben den kirchlichen K.n, zu denen 
auch der K. Karls des Großen gehört 20 ), ! 
gab es seit dem 14. und 15. Jahrhundert 
auch weltliche K. auf Pergament, wie 
der im Germanischen Museum zu Nürn¬ 
berg aufbewahrte aus 1398 21 ) oder auf 
Holz, wie der aus dem Kanton Wallis 
stammende aus dem 15. Jahrhundert, 
bei dem alle Unglückstage durch Kerben 
bezeichnet sind 22 ). Holzkalender sind auch 
die seit dem 12. Jahrhundert bekannten, 


auf Holz eingeritzten Runenkalender, 
immerwährende K., die in Schweden 
bis zum 17. Jahrhundert in Gebrauch 
waren 23 ). Bei den Slowenen finden sich 
noch zu Ende des 18. Jahrhunderts Holz¬ 
kalender 24 ). Im Druck erschienen im 
15. Jahrhundert zunächst die meist in 
Süddeutschland hergestellten Einblatt¬ 
kalender und die immerwährenden 
K., von welchen der älteste der 1439 von 
Johannes de Gamundia (Hans von 
Schwäbisch-Gmünd) herausgegebene ist. 
Den ersten Jahreskalender gab Peypus 
1513 in Nürnberg heraus 25 ). 

Die immerwährenden K. waren für 
jedes Jahr brauchbar, wenn man die 
nötigen Hüfsmittel für die Bestimmung 
der beweglichen Feste besaß, weshalb ihnen 
oft eine Ostertafel (s. Ostern) beigegeben 
war 26 ). Ähnlich wie beim K. der alten 
Maya und Mexikaner in Mittelamerika eine 
Zahl und ein Name genügten, um einen 
bestimmten Tag und ein Jahr zu be¬ 
zeichnen 27 ), muß man den Sonntags¬ 
buchstaben (s. Sonntag § 1) und die 
Goldene Zahl (s. d.) eines bestimmten 
Jahres wissen, wenn man mittels des 
immerwährenden K.s den vollständigen 
K. dieses Jahres finden will. Mit dem 
Worte ,,immerwährender K.“ bezeichnet 
man übrigens auch die Tabellen selbst, 
welche die einzelnen Tage des Jahres und 
daneben die sich wiederholenden Buch¬ 
staben A bis G sowie die Epakten oder 
die entsprechenden Goldenen Zahlen ent¬ 
halten, dann aber auch überhaupt alle 
Tabellen und sonstigen Hilfsmittel, die 
zur Lösung kalendarischer Aufgaben für 
einen längeren Zeitraum dienen. Eine 
Tabelle mit dem immerwährenden K. 
bleibt nur beim julianischen K. für alle 
Zeiten gültig; beim gregorianischen ist 
sie bloß für ein oder ein paar Jahrhunderte 
brauchbar 2®). 

Zehn Jahre nach der gregorianischen 
Kalenderreform erschien das Calendarium 
perpetuum et sex libri oeconomici (i59 2 ) 
des JohannColerus, das bis zum 19. Jahr¬ 
hundert immer wieder neue Auflagen er¬ 
lebte. In den ersten Ausgaben steht bei 
jedem Monat die lateinische Cisio Janus. 
Außerdem bringt das Buch Monatsreime, 


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Wetterregeln und eine Menge von An¬ 
weisungen in bezug auf Haus-, Feld- und 
Viehwirtschaft und die Gesundheit des 
Menschen, wobei auch der an einzelne 
Tage oder den Monat selbst geknüpfte 
Aberglaube überliefert wird. Noch be¬ 
rühmter wurde der hundertjährige K. 
Dieser von dem 1664 gestorbenen Abt 
Knauer, der den Ausdruck „hundert¬ 
jährig“ selbst nicht gebraucht hat, ver¬ 
faßte K. erschien zum erstenmal 1704, 
nachdem bereits 1701 Chr. von Hell- 
wig, der die Handschrift Knauers be¬ 
nützt hatte, seinen hundertjährigen K. 
herausgegeben hatte, und wurde so be¬ 
liebt, daß bis zu Ende des 19. Jahr¬ 
hunderts immer wieder Neudrucke er¬ 
schienen sind 29 ). 

Neben diesen gedruckten K.n gibt es 
auch eine Art Volkskalenderim engsten 
Sinne. Auch heute, wo wohl in den meisten 
Bauernstuben der K. als Buch, Abrei߬ 
kalender oder Blattkalender an der Wand 
hängt, kommen noch geschriebene K. 
vor, indem man etwa die einzelnen Tage 
der Woche mit Kreide an einer besonderen 
Tafel vermerkt 30 ). So schreibt auch 
der Hausvater in Zweitlingen bei Öhringen 
für die Kinder, damit sie die Zeit bis Weih¬ 
nachten leichter erwarten können, die 
Tage von Advent bis Weihnachten mit 
Kreidestrichen über die Stubentüre, wobei 
die Donnerstage als die Klöpferlestage, 
der Thomastag und der Beginn der Zwölf¬ 
nächte besonders hervorgehoben werden 31 ). 
Zu beachten ist endlich, daß der münd¬ 
lich überlieferte K. des Volkes nicht 
stets mit dem offiziellen K. übereinstimmt. 
Im Pinzgau gilt z. B. der 1. Januar nur 
als kirchlicher Feiertag, viel wichtiger 
ist der 6. Januar, der Dreikönigstag, der 
Perchtentag oder „obrister“ (oberster) 
Tag genannt wird und als Jahresanfang 
(s. d.) angesehen wird 32 ). Andrerseits 
zeigt der Volksglaube und Volksbrauch 
noch Spuren des vorgregorianischen K.s, 
indem manche Überlieferungen an den 
alten Tagen haften geblieben sind. So 
hat z. B. der 12. Mai (Pancratius) als der 
frühere 1. Mai noch einige Züge des Wal¬ 
purgistages erhalten 33 ) (s. auch kürzester 
und längster Tag). 


14 ) Mitt. antiquar. Ges. Zürich 12 (1858/60), 3. 
15 ) ZfVk. 19 (1909), 250. 16 ) K. vorwiegend des 
ausgehenden 15. Jahrhunderts bei H. Gröte¬ 
te nd Zeitrechnung des deutschen Mittelalters 
u . der Neuzeit 2. Bd. 1. Abt. (Hannover 1892). 
17 ) Mitt. antiquar. Ges. Zürich 12, 23 t. 18 ) Wit¬ 
tenberg 1591—1601. 1# ) Mitt. antiquar. Ges. 

Zürich 12, 23 £f. 20 ) Vgl. F. Piper Karls des 
Große 'i Kalendarium und Ostertafel (Berlin 1858). 
21 ) Mitt. antiquar. Ges. Zürich 12,4. 22 ) Ebd. 

20 f. 23 ) Ebd. 4; ZfVk. 19 (1909), 250; Hoops 
Reallex. 3,5; Schultz Zeitrechnung 96 f. 
24 ) ZföVk. 3 (1897), 32. 25 ) Meyer Konv.-Lex. 
10 (1905), 459. 26 ) Hoops Reallex. 3, 4 f. 27 ) 
K. Weule Leitfaden der Völkerkunde (Leipzig 
u. Wien 1912) 45; Frazer 6, 28 t. Anm. 3. 
28 ) Meyer Konv.-Lex. a. a. O. 459. 29 ) J. Ber- 
thold Beiträge zur Entwicklung des hundert¬ 
jährigen K.s im Centralbl. f. Bibliothekswesen 
8 (1891), 89 ff.; G. Hell mann Meteorologische 
Volksbücher (Berlin 1895) 47 h.; K. Kaßner 
Das Wetter (Nr. 25 von Wissenschaft u. Bildung, 
Leizpig 1918) 21 ff. 30 ) Sartori Sitte 2, 48. 
31 ) Kap ff Festgebräuche 4. 32 ) Andree-Eysn 

Volkskundl. 158. 33 ) Wuttke 85 § 101. 

3. Der K. kann die Bibel des Aber¬ 
glaubens 34 ) genannt werden, die sich 
auf der engsten Verbindung uralten 
Naturglaubens 35 ) und Sternglaubens 
mit dem religiösen Glauben aufbaut 
und reichlich mit Zahlenmystik 36 ) 
durchwoben ist. Den Zusammenhang mit 
der Religion beweist vor allem der Um¬ 
stand, daß schon in den ältesten Zeiten, 
wie heute noch bei Naturvölkern 37 ), das 
Verfassen des K.s vornehmlich Sache der 
Priester war 38 ). Und den K. benützte 
man seit je, um das Leben in Einklang mit 
höheren Einflüssen zu bringen, um Un¬ 
glück zu vermeiden und das Glück, 
vor allem auch die Gesundheit, an sich 
zu fesseln und zu bewahren, um die Zu¬ 
kunft zu erforschen, wobei namentlich 
die Erforschung des künftigen W'etters 
für den Landmann von Wichtigkeit war. 

a) Bezüglich Glück und Unglück 
kommt vor allem der Glaube an günstige 
und ungünstige Tage in Betracht (s. 
Tagewählerei, Glücks- und Unglückstage), 
der schon im K. der Babylonier 39 ) — 
der älteste semitisch-babylonische K. 
stammt aus ca. 2325 v. Ch. 40 ) — nieder¬ 
gelegt ist, wo z. B. der 13. Adar als ein 
„schlechter“ Tag verzeichnet wird, an dem 
man weder Fische noch Vögel essen durfte, 
während der 14. und 15. Adar ,,gute“ Tage 
waren 41 ). Im K. der Ägypter 42 ) waren 


929 


Kalender 


930 


die omina angegeben und wurden einfach 
abgelesen 43 ). Ebenso entscheiden heute 
noch die Dsurchaitschi, eine eigene Prie¬ 
sterklasse der Kalmücken, jede Anfrage 
mit einem Blick auf die zwölf Monats¬ 
tafeln mit der Liste der weißen und 
schwarzen Tage 44 ). Im Staatskalender 
der Römer war gleichfalls die rechtliche 
Beschaffenheit des Tages vermerkt, d. h. 
ob derselbe zur Vornahme öffentlicher 
oder privater Geschäfte geeignet war oder 
nicht 45 ) (s. Unglückstage). Neben diese 
staatlich festgesetzten Tage traten andere. 
So bringt eine Kalendertafel bei Pe- 
tronius „dies boni et incommodi “ 46 ), und 
später fanden auch die ägyptischen 
Tage (s. d.) Aufnahme in die K., so bei 
Philocalus. Dieser römische K. hatte auch 
in christlicher Zeit noch Geltung, der für 
Rom bestimmte K. des sogenannten 
Chronographen vom Jahre 354 ver¬ 
zeichnet z. B. bei den Spieltagen noch 
die Namen der Götter, zu deren Ehren sie 
stattfanden 47 ). Der mit dem K. aufs 
engste verknüpfte Glaube an Unglücks¬ 
tage (s. d.) erhielt sich, trotzdem die 
Kirche dagegen ankämpfte; er wurde 
unbeabsichtigt sogar von Vertretern der 
Kirche gefördert. So bildet Beda’s Pro- 
gnostica temporum vielfach die 
Grundlage für den späteren Kalender¬ 
glauben 48 ), und die Cisio Janus selbst 
war die Quelle neuen Aberglaubens, da die 
darin hervorgehobenen Gedenktage als 
besonders bedeutungsvoll aufgefaßt 
wurden. Viele von diesen kehren tat¬ 
sächlich in den Verzeichnissen der Un¬ 
glückstage (s. d.), Schwendtage (s. d.) 
und Lostage (s. d.) wieder und werden bei 
der Tagewählerei (s. d.) beachtet. Auf¬ 
fällig ist auch, daß in der Cisio in der Zeit 
vom 22. Juli bis 24. August, also während 
der verrufenen Hundstage (s. d.) sich die 
angeführten Festtage, im ganzen 25, 
häufen. 

Wie schon im ältesten gallischen K., 
dem Druidenkalender, die Zeichen D. 
oder N. anzugeben scheinen, ob nur der 
Tag oder die Nacht für religiöse Ver¬ 
richtungen geeignet sind 49 ), so wurden 
schon auf den ältesten handschriftlichen 
K.n des n. und 12. Jahrhunderts, dann 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


auf Drucken wie auch auf Kolzkalendem 
die unheilvollen Tage besonders be¬ 
zeichnet (s. Unglückstage). Erst später 
bringt man auch Verzeichnisse der 
Glückstage (s. d.), und der K. wird zu 
einem Vertreter des Glückes, zum Glücks¬ 
zeichen, so mit den im 15. Jahrhundert 
auftauchenden Einblatt drucken, auf deren 
Holzschnitten zuweilen das Glücksrad 
(s. d.) zu sehen ist. Geschäftlich verstand 
diesen Aberglauben schon der aus Basel 
stammende Leonhard Thumeysser (1530 
—1596) auszunützen, der in Berlin nicht 
nur K. mit orakelhaften Prophezeiungen 
herausgab, sondern den davon Bedrohten 
gleichzeitig als Schutzmittel Talismane aus 
Metall verkaufte, die zum Teil von Ber¬ 
liner Goldschmieden verfertigt waren 50 ). 
Die Auffassung des K.s als Glückszeichen 
äußert sich in der Gegenwart noch darin, 
daß in vielen Gegenden der Rauchfang¬ 
kehrer und der Briefträger, also Per¬ 
sonen, die selbst als glückbedeutend 
gelten, zu Neujahr einen Blattkalender 
oder ein Kalenderbüchlein überreichen. 

b) Der Glaube an günstige und un¬ 
günstige Tage steht in engster Beziehung 
mit dem Glauben, daß solche Tage auch 
für die Gesundheit des Menschen wichtig 
sind. Darauf nehmen schon die einseitig 
bedruckten Blattkalender Rücksicht, in¬ 
dem sie die Aderlaßtage bezeichneten 51 ), 
und bald werden ärztliche Anweisungen 
und Ratschläge ß2 ), wann gut aderlassen, 
purgieren, arzneien, baden usw. sei, ein 
notwendiger Bestandteil des K.s. Das 
Aderlaßmännlein mit Angaben, wann 
die rechte Zeit zum Schröpfen, Purgieren, 
Baden und Haarschneiden, aber auch 
zum Pflanzen und Säen u. a. sei, erschien 
zuerst 1518 bei Stöffler in Ulm 53 ), dann 
1522 in dem zu Oppenheim gedruckten 
„New gross Römischen Calender“ 54 ). 

c) Ebenso wichtig wurde der K. für das 
Wetter und Wirtschaftsleben. Dies¬ 
bezügliche Anweisungen wurden oft in 
besonderen Kalenderreimen gegeben, 
so z. B. in einem K. des Jahres 1573 (Dil¬ 
lingen) 65 ). Sie wurden auch in andere 
volkstümliche Bücher aufgenommen, so 
z. B. in ein 1568 zu Augsburg erschienenes 
Stemdeutebuch 56 ). Die gedruckte Ka- 

30 




Kalender 


932 



Kalk 



lenderregel darf aber nicht durchwegs 
der alten, mündlich überlieferten Bauern¬ 
regel gleichgestellt werden. Beide unter¬ 
scheiden sich oft wesentlich, da jene nicht 
selten eine bloße Kuriosität der latein¬ 
reimenden Mönche des Mittelalters ist, 
während diese wohl begründete, aus ur¬ 
alter Naturbeobachtung geschöpfte Er¬ 
fahrungssätze sein können 57 ). Gerade 
betreffs der Wetter- und Wirtschafts¬ 
regeln erfuhr der K., besonders zu Beginn 
des 16. Jahrhunderts, aus der übrigen 
volkstümlichen Literatur eine starke Be¬ 
reicherung, so aus der zuerst 1508 er¬ 
schienenen „Bauern-Praktik" (1, 94 iff-)> 
den schon zu Ende des 15. Jahrhunderts 
zuerst in lateinischer, dann in deutscher 
Sprache erscheinenden Prognostiken 
und namentlich dem zuerst 1505 erschie¬ 
nenen „Wetterbüchlein" von Leon¬ 
hard Reynmann, der den größten Teü 
seines Werkes dem Liber astronomicus des 
italienischen Astrologen Guido Bonatti 
(13. Jahrh., gedruckt 1491) und dem 
Opusculum repertorii pronosticon in mu- 
tationes aeris von Firmin de Belleval (ge¬ 
druckt 1485) entnommen und die Bauern¬ 
regeln unter Benutzung alter Erfahrungs¬ 
grundsätze wohl selbst in Reime gebracht 
hat 68 ). 

Da alle diese Anweisungen und Regeln 
medizinischer oder meteorologischer wie 
auch wirtschaftlicher Art einen festen 
Bestandteil jedes K.s bildeten, erhielten 
sie den Namen Kalenderpraktiken. 
Gegen den darin enthaltenen Aberglauben 
kämpfte schon Fischart in „AllerPraktik 
Großmutter" an, dann aber besonders die 
Zeit der Aufklärung 59 ), die sich vor 
allem gegen die wertlosen Wettervorher¬ 
sagen des hundert j ährigenK.swendete, 
dessen Name später zu der mißverständ¬ 
lichen Auffassung führte, daß er „hundert¬ 
jähriger" K. heiße, weil sich das Wetter 
nach 100 Jahren wiederhole. Als aber 
die Berliner Akademie der Wissenschaften, 
welche das Vorrecht der Herausgabe von 
K.n in Preußen hatte und auf die Ein¬ 
nahmen daraus angewiesen war, auf An¬ 
regung Friedrichs des Großen im Jahre 
1779 die Wetterprophezeiungen des hun¬ 
dertjährigen K.s wegüeß, war der Absatz 


so gering und der Unwille der Käufer so 
groß, daß man im Jahre 1780 notge¬ 
drungen die „ungegründeten Wetter¬ 
prophezeiungen" wieder abdruckte 60 ). 
Und auch gegenwärtig herrschen vielfach 
die gleichen Verhältnisse. Als in dem 
vom deutschen Verein für Volkskunde 
und Volksbildung im Böhmerwalde für 
1923 herausgegebenen „Wäldlerkalender" 
die Wetterangaben nach Knauers hundert¬ 
jährigem K. absichtlich weggelassen, 
bzw. durch einen auf klärenden Aufsatz 
über richtige Wetterbeobachtung ersetzt 
wurden, äußerten viele Käufer aus dem 
Bauernstände ihre Unzufriedenheit und 
kauften im nächsten Jahre lieber einen 
anderen K., der die geforderten Angaben 
brachte 61 ). 

34 ) John Erzgebirge 49. **) Wundt Mythus 

з, 427f. 36 ) Ebd. 2. 81 ff.; 3. 356ff. 37 ) M. P. 

Nilsson Primitive Time-Reckoning (Lund 1920) 
347 ff. 38 ) Frazer 4, 69; 7, 83. 39 ) Vgl. B. 

Landsberger Der kultische K. der Babylonier 

и. Assyrer (Leipz. Semit. Stud. VI, 1915) 17 

Anm. 40 ) Jeremias Rehggesch. 40. 41 ) Frazer 
9, 398 Anm. 2. 42 ) Vgl. ebd. 6, 24s. 43 ) Jere¬ 
mias Religgesch. 78. 44 ) Stern Rußland 1, 95. 
«) Emil Aust Die Religion der Römer (Münster 
1899) 36; Wissowa Religion 2. 48 ) G. Gunder¬ 
mann Die Namen der Wochentage bei den 
Römern in ZfdWortf. 1 (1900), 177. 47 ) Stemp- 
linger Abergl. 2. 48 ) AnSpr. 99 (1897). 12 

Anm. 1; 100, 154. 49 ) Schräder Reallex. 981. 
w ) Meyer Aberglaube 22, 31. 61 ) K. Kaßner 

Das Wetter 2 (Nr. 25 von W. u. B. Leipzig 1918) 
20 f. 62 ) Vgl. Lammert 80; Gundel Sterne 
(1922) 294. 63 ) Meyer Aberglaube 22. M ) Vgl. 
Alemannia 5 (1877), 237. 55 ) Ebd. 244 f. w ) 

Hmtg. 1 (1919 20), 189 t. 57 ) Rocliholz Natur¬ 
mythen 2. M ) Kaßner a. a. O. 18 ff. 69 ) Be¬ 
sonders (H. L. Fischer) Das Buch vorn Aber¬ 
glauben 1 (Leipzig 179°). 344 ff- u - Dauern- 
Philosophie 1 (Passau 1802), 196 ff. ®°) Kaßner 


a. a. O. 23. 6l ) Verf. 

4. Der Kalenderglaube der Gegen¬ 
wart, womit bloß der auf den K. selbst 


bezügliche Glaube und Aberglaube ge¬ 
meint ist, nicht, wie es hie und da irr¬ 
tümlich geschieht 62 ), der ganze Aber¬ 
glaube des Jahres, bezieht sich bezeich¬ 
nenderweise hauptsächlich auf das 
Wetter. Man sagt wohl in Braunschweig: 
„Den kalenner maket de minschen, dat 
wedder de leiwe herrgott" 63 ), und in Nord¬ 
thüringen „Den Kalender machen die 
Mänder (Männer), aber das Wetter der 
liebe Gott" 64 ). Oder man verspottet im 


Hinblick darauf, daß die K. gerne nasses 
Wetter prophezeien, einen Menschen mit 
immer tropfender Nase mit der Redensart: 
„Der hat eine Nase wie ein alter Ka¬ 
lender, der allzeit ein nasses Wetter pro¬ 
phezeit" 65 ). Aber in Wirklichkeit ist 
auch heute noch der auf dem K. beruhende 
Wetterglaube im Volke fest verankert, 
zumal er vielfach auf die Erfahrung von 
Jahrhunderten sich stützen kann und 
durchaus nicht immer Aberglaube zu 
sein braucht 66 ). Denn den Bauernregeln 
liegt immerhin einiges Wahre zugrunde 67 ). 

In der Volksmedizin kommt der K. 
allerdings nicht mehr für das Aderlässen, 
Purgieren, Baden usw. in Betracht, man 
achtet aber doch bei der Anwendung von 
Hausmitteln auf die Kalenderzeichen. 
Krankheiten nehmen nach dem Analogie¬ 
prinzip nur ab, wenn sie bei abnehmen¬ 
dem Mond behandelt werden, während 
man bei zunehmendem Mond nur dann 
„doktert", wenn etwas wachsen soll 68 ). 
Vor allem wichtig sind die Kalender¬ 
heiligen als Krankheitspatrone 69 ), vor¬ 
nehmlich im katholischen Süddeutsch¬ 
land. In Österreich verschluckt man 
Heiligenbüder, Eßzetteln oder Eßbildeln 
genannt, bei Krankheiten 70 ) und tut dies 
auch mit den kleinen Abbildungen der 
Heiligen vom sog. Manderlkalender, 
der für Analphabeten hergestellt wird 71 ). 
Vertretung der Person durch den Namen 
liegt in dem Aberglauben der Steiermark 
und Oberösterreichs vor, wenn man beim 
Ausräuchem eines behexten Kindes neben 
neun Holzarten und Kehricht oder Staub 
aus der Kirche, der auch von dem Zau¬ 
berer herstammen kann, einen alten K. 
benützt, weil darin der Vorname des 
Zauberers sicher verzeichnet ist 72 ). Viel¬ 
fach gehen endlich handschriftliche Re¬ 
zepte, die im Volke verbreitet sind, auf 
K. zurück, aus welchen sie abgeschrieben 
wurden 73 ), die aber selbst wieder oft 
aus dem volkstümlichen Heilschatz ge¬ 
schöpft haben dürften. 

Seltener wird der K., außer in Rück¬ 
sicht auf das Wetter, im Wirtschafts¬ 
leben zu Rate gezogen. Das Analogie¬ 
prinzip macht sich geltend, wenn es in 
Steiermark in Beachtung der Ka¬ 


lenderzeichen heißt, daß im Fisch kein 
Bauholz gehackt werden soll, sondern im 
Wassermann, weil es sonst nicht aus¬ 
trocknet, oder daß der Speck im Zeichen 
der Wage eingehackt werde, weil er dann, 
wenn ihn der Bauer verkauft, mehr 
wiegt 74 ). Ebenso wiegen nach Kärtner 
Volksglauben die im Zeichen der Wage 
entwöhnten Kälber später am schwersten, 
und in dieser Zeit sind auch die jungen 
Pferde und Ochsen am gelehrigsten 75 ). 

Ebenso dürften es heute schon sehr 
seltene Ausnahmen sein, wenn bei Ge¬ 
burt eines Kindes auf die Kalender¬ 
zeichen geachtet wird, nach welchen die 
im Zeichen des Krebses oder des Skor¬ 


63 


) 


pions geborenen Kinder unglücklich, die 
im Zeichen der Zwillinge, Fische und 
des Widders geborenen glücklich werden 
und den im Wassermann geborenen Kin¬ 
dern der Tod durch Ertrinken droht 76 ) 
(s. Astrologie, Geburt, Tierkreis). 

Auf den K. als Glückszeichen (s. o.) 
deutet der Brauch im Erzgebirge, daß die 
Kinder ihre Eltern am Neujahrsmorgen 
mit einem K. beschenken 77 ). Gibt man 
dem Kinde selbst den K. oft in die Hand, 
so wird es gelehrt 78 ). Mit Aufkommen 
der Abreißkalender entstand der 
Glaube, daß es etwas Unangenehmes für 
das Haus bedeutet, wenn man am K. 

einen Tag zu früh abreißt 79 ). 

® 2 ) Z. B. ZfVk. 4 (1894)» 305 ff- 392 ff. 

And ree Braunschweig 409. ® 4 ) ZfVk. 9 (1899), 
2 35 - #i ) Pfalz Marchfeld 116. 6Ö ) Andree 

a. a. O. ® 7 ) Pfannenschmid Erntefeste 509. 
®®) Seyfarth Sachsen 950.; Reiterer Steier¬ 
mark 106. 69 ) ZfVk. 1 (1891). 292 ff. 70 ) ZföVk. 
13 (1907), 112; 20 (1914), 141. 71 ) Ebd. 13, 112 
= Andree-Eysn Volkskundliches 121; vgl. 
S. Seligmann Die magischen Heil- und Schutz¬ 
mittel 41. 7S ) Seligmann Blick 1, 319; Baum¬ 
garten A. d. Heimat 3, 25. 73 ) Andree Braun¬ 
schweig 1 300. 74 ) Reiterer Steiermark 122. 

Vgl. Wäldlerkalender (Staab) 5 (1928), 98. 

75 ) Wuttke 88 § 105. 78 ) Ebd. 87 § 105; John 
Erzgebirge 49; vgl. Lehmann Aberglaube 2 209 ff. 

77 ) John Erzgebirge 184= Sartori Sitte 3, 57. 

78 ) Wolf Beiträge 1, 207; Wuttke 395 §605. 

Vgl. Baumgarten a. a. O. 3 {1869), 10. 

79 ) SchwVk. 3, 74 (Zürich). Vgl. bes. Glücks- 

tage, Jahr, Tagewählerei, Unglücks¬ 
tage. Jungbauer. 

Kalk. Ungelöschter Kalk wurde im 
Altertum in der Heilkunde vielfach äußer¬ 
lich angewendet 1 ). In der deutschen. 


935 


Kalmus—kalt 


93 <> 


Volksheilkunde findet er hauptsächlich 
Verwendung zu heilsamen Umschlägen 
bei Hautausschlägen, trockenen und 
nassen Flechten, Geschwüren und eitern¬ 
den Wunden u. dgl. *). Als Heilmittel 
wird er schon in den beiden ältesten deut¬ 
schen Arzneibüchern erwähnt 3 ). Kalk¬ 
wasser wurde früher bei „schmerzender 
Schwerigkeit“ der Lenden und Füße emp¬ 
fohlen 4 ). Lonicer beschreibt eine aus 
Kalkwasser bereitete Salbe gegen Warzen 
und eine aus Kalk, Bleiweiß und Wachs 
hergestellte Salbe gegen faule Schäden 
und den Wolf 6 ). In Frankreich mischt 
man unter das Samengetreide Kalk, der 
zwischen Himmelfahrt und Mariä Geburt 
gebrannt sein muß 6 ). 


J ) Pauly-Wissowa io, 1065 ff. 2 ) Zahler 
Sitnmenthal 86; Köhler Voigtland 351; ZfrwVk. 


1 (1904)» 102; G. 

buch 41 Nr. 19. 
Arzneibücher 36. 

6 ) Lonicer 54. Ä ) 


Schmidt Mieser Kräuter- 
3 ) Pfeiffer Zwei deutsche 
4 ) Bressl. Samml. 8, 468. 
S6billot Folk-Lore 3, 452. 

f Olbrich. 


Kalmus (Acorus calamus). 1. Bota¬ 
nisches. Schilfähnliche, aromatisch 
riechende Pflanze mit dickem, im Boden 
kriechendem, aromatisch riechendem 
Wurzelstock, dreikantigem Stengel und 
langen schwertförmigen Blättern. Nicht 
selten an Ufern von stehenden und fließen¬ 
den Gewässern. Der Wurzelstock (Rhi- 
zoma calami) wird als magenstärkendes 
Mittel verwendet 1 ). 

2. Im katholischen Süddeutschland 
werden häufig die Wege, die von der 

Fronleichnamsprozession beschritten wer¬ 
den, mit K. bestreut 2 ). Wird dieser an 
Fronleichnam gestreute K. bald dürr, 
so ist das ein Zeichen für eine gute Heu¬ 
ernte 3 ). Das an Abzehrung leidende 
Kind wird in Wasser gebadet, in dem am 
Fronleichnam zusammengelesener K. ge¬ 
kocht wurde 4 ). Besonders in Nord- und 
Ostdeutschland dient der K. zum Schmuck 
des Pfingstfestes. Er wird vor die Stuben¬ 
tür, auf den Fußboden usw. gestreut 5 ). 

3. K. wird an Johanni dem Vieh zum 
Schutz gegen Behexung gegeben 6 ). Auch 
in China gilt der K. als Apotropaeum 7 ). 
Als „Tragezauber“ trägt man gegen 
Zahnweh eine K.wurzel im Schuh 8 ), 



gegen Schlaganfälle im Sack (Tasche) 8 ), 
vgl. Herbstzeitlose, Roßkastanie. 

4. In einer oberpfälzischen Sage bringen 
Kinder „schlechten Kalmus“ (vielleicht 
die dem K. in Stengeln und Blättern 
ähnliche gelbe Wasser-Schwertlilie, Iris 
pseudacorus ?) zum Holzweiblein und 
fragen, wozu denn der schlechte K. gut 
sei. Da kommt ein Männlein und ruft 
dem Holzweiblein zu: „Anna Brigl (Bri¬ 
gitte), alles darf man sagen, nur nicht 
für was der schlechte K. gut ist. . .“ lü ). 
Fast die gleiche Sage wird in der Ober¬ 
pfalz von „Roßhaar und Zwiebelschalen“ 
erzählt u ). 

x ) Mar zell Kräuterbuch 435; Heilpflanzen 
26 f. 2 ) Schmeller BayWb. i, 469; Mnbölim- 
Exc. 21, 228. 3 ) Die Oberpfalz 7 (1913). 235; 

Marzell Bayr. Volksbotanik 235. 4 ) Drechsler 
Schlesien 2.314. 6 ) Kuhn Westfalen 2,164; 

Bartsch Mecklenburg 2, 270; MschlesVk. 9, 78. 
•) Toeppen Masuren 93; Treichel V, 30; 
Seefried-Gulgowski 178; Jahn Hexen¬ 
wesen 358. 7 ) Seligmann Blick 2, 68. 

8 ) Manz Sargans 56. ®) Marzell Bayr. Volks¬ 
botanik 171. 10 ) Schönwerth OberPfalz 

2 - 367. n ) Höser Volksheilknndc 3 — Marzell 
Bayr. Volksbotanik 227. Marzell 

kalt. 

1. In der ma. Naturlehre hatte k~ 
neben den Eigenschaftswörtern heiß, 
feucht und trocken seinen besonderen 
Platz. Je zwei von diesen dienten je¬ 
weils zur Kennzeichnung der Dinge und 
Wesen der belebten und unbelebten 
Natur. Die vier Elemente wurden mit 

diesen Eigenschaftswörtern umschrieben; 
während man die Luft aus heißer und 
feuchter „Natur“ bestehend glaubte, galt 
das Feuer als trocken und heiß, das Wasser 
als k. und feucht und schließlich die 
Erde als k. und trocken x ). In der glei¬ 
chen Weise geschah die Einteilung der 
Gestirne. In den Planetenbüchern des 
MA. wird z. B. der Saturn als trocken 
und k., die Venus und der Mond als k. 
und feucht beschrieben 2 ). Ebenso be¬ 
handelte man die einzelnen Jahreszeiten; 
der Herbst und der Winter waren k.er 
„Natur“, dieser feucht, jener trocken 8 ). 
Da man den vier „Naturen“, wie man 
immer die allen Dingen und Wesen zu¬ 
geschriebenen verborgenen Grundkräfte 
nannte, geheime Einflüsse auf den Men- 


937 


Kamille 


938 


sehen und alle „Geschöpfe Gottes“ zu¬ 
sprach 4 ), namentlich in astrologischer 
Beziehung, so lag eine Bezeichnung der 
menschlichen Wesensarten mit den ge¬ 
nannten Eigenschaftswörtern nahe: von 
den vier Temperamenten bezeichnete man 
Melancholie und Phlegma als k., und zwar 
dieses als feucht und k., jene als trocken 
und k. 4a ). Bei der Schilderung der j 
Pflanzen und Gesteine kehrt k. mit den 
erwähnten Wörtchen immer wieder. | 
„Seint ain kraut an der kräft k. ist, daz j 
ander warm“ 5 ). Dasselbe sagt die ma. 
Naturlehre auch von den Gesteinen aus 6a ). \ 

*) AnzfKddV. 1854, 18411.; Megenberg ed. 
Pfeiffer S. 68 ff. 2 ) Deutsches Museum 1842, 
243 s.; AnzfKddV. 1854, 184. 3 ) Ebd. 185. 

4 ) Ebd. 4a ) Ebd. 6 ) Megenberg 379. 6a ) Ebd. 
429. 

2. Eine Reihe Krankheitsbezeich- 
nungen der Volksmedizin sind mit k. 
zusammengesetzt 5b ). Für die verschie¬ 
densten Krankheiten besteht beim Volke 
der Ausdruck k.er Brand, so für 1. k.es 
Feuer, 2. für eine Krankheit, bei der 
die Haut hochrote Anschwellungen zeigt 
und hohes Fieber vorhanden ist, 3. für 
den Milzbrand der Pferde und 4. für das 
Kaltefieber bei Kühen fl ). Bei den beiden 
letztgenannten Krankheiten ist die Be¬ 
zeichnung k. wohl auf die bei diesen auf- 


! sind zu nennen: k. (-e, -er, -es) Abscess, 
! Atem, Beulen, Blase, Bresten, Flüsse, 
Gebrechen, Gedärm, Geschwulst, Ge- 
sücht, Gicht u. a. m. 14 ). 

ß b) Fehrle Zauber 52 f. ®) Höfler Krank - 
heitsnamen 68. 7 ) Fossel Volksmedizin 13. 

8 ) Hovorka-Kronfeld 2, 414. 9 ) Ebda. 414 f. 
10 ) Lammert 259. u ) Höfler Volksmedizin 88. 
12 ) Hovorka-Kronfeld 2, 48. 13 ) DWb. r, 
1175!. 14 ) Höfler Krankheitsnamen 256 ff. 

3. Weitverbreitet ist der Aberglaube, 
daß man besondere Schönheit erlange, 
wenn man k.en Kaffee trinke 15 ). In 
Böhmen glaubt man durch den Genuß 
k.er Speisen, die gekocht sind, schön 
zu werden 1Ä ). 

1& ) Wuttke 309. 18 ) Ebd. Herrmann. 

Kamille (Matricaria chamomilla). 

1. Botanisches. Korbblütler (Kom¬ 
posite) mit doppelt fiederteiligen Blättern 
und Blütenköpfen, deren Scheibenblüten 
gelb und deren Strahlenblüten weiß sind. 
Der Blütenboden ist (im Gegensatz zu der 
sonst ähnlichen Hundskamille, Anthemis 
arvensis) innen hohl. Die K. ist in Äckern 
und auf Schuttplätzen nicht selten. In 
der Volksmedizin (K.tee!) genießt sie 
großes Ansehen *). 

2. Sehr verbreitet ist der Glaube, daß 
die K.n besonders heilkräftig sein sollen, 


tretende Kälte der Haut zurückzuführen wenn sie an Johanni gesammelt werden 2 ), 

(fieberk.). Überhaupt erscheint vielfach vgl. Holunder, Johanniskräuter, 

dem Volke jede Fieberbewegung, aus Kümmel. In die an Johanni gepflückten 

welcher Erkrankung sie auch immer ent- K.n kommen keine Würmer hinein 8 ). 

standen sein mag, wenn sie mit fahler Nach Johanni haben die Hexen auf die 

Blässe und Frosterscheinungen auftritt, K.n genäßt 4 ). K.n müssen vor Johanni 

als k.er Brand 7 ). Im allgemeinen gilt gepflückt werden, weü an diesem Tage 

Krebs als k.er Brand 8 ). Im Odenwald, in der „böse Krebs“ über die Felder fliegt 6 ). 

Schwaben, Ober- und Unterfranken kennt In Siebenbürgen glaubt man, daß am 

man gewisse Zaubersegen, um den k.en Johannistag sich die echte K. in die 

Brand zu vertreiben °). In der Oberpfalz Hundsk. verwandle. Dies rührt wohl 

nennt man das Wechselfieber wegen der daher, daß diese etwas später blüht als 

damit zusammenhängenden Frosterschei- die echte K. fl ). Daß die K.n an Johanni 

nungen k.es Fieber 10 ). In Oberbayem gepflückt werden müßten, glaubt man 

spricht man von k.-vergiftet, wenn sich auch im französischen Belgien 7 ), in 

jemand Rheumatismus zugezogen hat u ). Italien 8 ) und in Litauen 9 ). 

Eine Samenentleerung ohne wollüstige ; 3. Man steckt in die erste Garbe Har- 


Erregung, wie sie der Teufel haben soll, tenau (s. Hartheu) und K. zum Schutz 


wenn er mit Hexen buhlt, heißt im Volke gegen Ungeziefer l0 ). Die Zusammen- 
k.e Natur 12 ), männliche Selbstbefrie- Stellung mit „Hartenau“ läßt vermuten, 
digung häufig k.er Bauer 13 ). Von an- daß es sich hier um ein antidämonisches 
deren Krankheitsbezeichnungen mit k. Mittel handelt (vgl. auch andere „Jo- 


939 


Kamin—Kaminfeger 


940 


hanniskräuter“ wie Arnika, Beifuß). 
Wer K. bei sich trägt oder in der Hand 
hält, kann nicht behext werden “). Die 
K. wird in Bündeln von den Landleuten 
unter den Balken in der Stube aufgehängt. 
Kommt eine Hexe ins Zimmer, so bewegt 
sich das Bündel 12 ),vgl.Bärlapp,Manns¬ 
treu. 

4. Die K. wird im Volke häufig gegen 
Augenkrankheiten verwendet 13 ). Ge¬ 
gen Augenkrankheiten soll sie nach Pseudo- 
Apuleius 14 ) vor Sonnenaufgang mit der 
Anrufung gepflückt werden: ,,ad albu- 
ginem oculorum te carpo, at subvenias“ 15 ). 
Wenn man an Hundsk.n riecht, bekommt 
man leicht eine böse Nase 16 ). 

5. Nach der Sage sind die ,,Hermänn¬ 
chen“ (= Volksname für K.) verwun¬ 
schene Soldaten l7 ). „Hermanla“ heißen 
östlich der Warthe auch die Zv/erge l8 ). 
Es wird sich hier wohl um eine ,,ety¬ 
mologische“ Sage handeln, da „Hermanla“ 
usw. volksetymologische Anlehnungen an 
„Hermanek“ (böhmischer Name der K.) 
sind. 

!) Marzeil Kräuterbuck 382 1 ; Heilpflanzen 
212—214. 2 ) Kuhn Westfalen 2, 177; Vecken- 
stedts Zs. 4, 69 (Prov. Sachsen); Marzeil 
Bayer. Volksbot. 40; Fischer SchwäbWb. 3, 
1159; Frazer Balder 2 (1913)* 6 3 - 3 ) Vecken- 
stedts Zs. 1, 399 - 4 ) Treichel X, 462. 6 ) 

Bartsch Mecklenburg 2, 289. 6 ) Schullerus 

Pflanzen 1921, 364. 7 ) Sebillot Folk-Lore 

3, 472. 8 ) ATradpop 9, 344; Reinsberg- 

Düringsfeld Kuriositäten 1 (1879), 35. 9 ) 

Brosow Baumverehrung 1887, 25; Treichel 
X, 462. 10 ) ZfVk. 7, 155 (Anhalt). ll ) Witz- 
schel Thüringen 2, 275 = Seligmann Blick 
2, 68. 12 ) ZhistVerNiedersachsen 1878, 91 

(Solhng). 13 ) Z. B. ZfrwVk. 1, 91; 5 » 100. 

14 ) De medic. herbarum rec. Ackermann 1788, 
183, offenbar nach Plinius Nat. hist. 24, 133. 

15 ) Vgl. Höfler Kelten 268. 16 ) ZfrwVk. 5, 150. 
17 ) Grohmann 100; vgl. Rochholz Schweizer¬ 
sagen 2, 254; Mannhardt Germ. Myth. 475 f.; 
Sepp Sagen 512. 18 ) ZfVk. 4, 455. Marzell. 

Kamin s. Schornstein. 

Kaminfeger (Essenkehrer, Rauchfang¬ 
kehrer, Schornsteinfeger). 

A. Der K. als Objekt des Anganges (s. 1, 
4090.). Seine Begegnung gilt allgemein 
als gutes Vorzeichen J ); die in voller Aus¬ 
rüstung 2 ), die mit drei K.n und drei Schim¬ 
meln 3 ), zu Neujahr, am Morgen 4 ), be¬ 
deutet Glück oder den Empfang eines 
Briefes während des Tages 5 ); am Weih¬ 


nachtsmorgen die Heirat für einen Bur¬ 
schen, wenn er vier zusammen sieht, 
darauf einen Schimmel, dann ein Mäd¬ 
chen, das seinen Gruß erwidert 6 ). Zur 
Begegnung kommen oft weitere Be¬ 
dingungen, so z. B. hält man einen 
schwarzen Knopf an der eigenen Klei¬ 
dung, wenn man ihn gesehen hat, so 
lange, bis man einen Schimmel sieht. 
Das bringt Glück 7 ), oder ein Wunsch 
geht in Erfüllung (Steiermark) 8 ); auch 
soll man außer dem K. und dem Schim¬ 
mel noch ein rotes Dach und eine Post¬ 
kutsche sehen (sogar die Schwiegermutter 
nach Wiener Kinderglauben) 9 ). Trägt 
dagegen der K. beim Angang keine 
Leiter, so bedeutet das Unglück 10 ). 

Die Beachtung des Anganges kann man 
noch gegenwärtig fest st eilen, vor allem 
bei der städtischen Bevölkerung, wenn 
auch hier in sehr vielen Fällen nur in 
Reminiszenz an früheren Aberglauben. 

Der Grund, daß der K. einen günstigen 
Angang abgibt, liegt vor allem in seiner 
besonderen Erscheinung (s. oben I, 
4190.); eine weitere Begründung mag darin 
zu suchen sein, daß die K.gesellen zu Neu¬ 
jahr die Jahresrechnung in den Häusern 
einkassierten und unter Glückwünschen 
! Gaben für sich sammelten. Sie über¬ 
reichten dafür bis in die jüngste Zeit 
ein Blatt mit dem Kalender. Dieses 
Blatt enthielt auch immer einen Glück¬ 
wunsch, wurde auf einer Tür, meist 
der Schlafkammertür, befestigt und bot 
den Bewohnern für das ganze Jahr den 
Kalender. Die K. waren so die ersten 
N eu j ahrsgrat ulanten. 

B. Der K. im absoluten Aberglauben. 

1. Außer seinem günstigen Angang 
werden seinen Arbeitsgeräten und Tätig¬ 
keiten bestimmte Kräfte zugeschrieben. 

a) eine Heil-herbeibringende dem Be¬ 
sen ; daher bricht man von diesem, wenn er 
ihn im Vorhaus ablegt, schnell, unbeach¬ 
tet drei kleine Ruten ab und bewahrt sie 
auf, weil sie Glück bringen (Ratibor, 
Rybnik) n ). Hier spielt der Besen, in¬ 
sofern er aus Ruten und Zweigen besteht, 
und diese mit Ruß bedeckt sind, die ent¬ 
scheidende Rolle (s. Besen, Rute, Lebens¬ 
rute). Das macht sich der K. zu Nutzen, 


941 


Kamm 


942 


denn er verkauft zu Neujahr Besenhaare 
für die Geldbörse 12 ) (s. Hecktaler). 

b) Dieselbe heilsame Wirkung wird 
auch dem ihm anhaftenden Ruß zuge¬ 
schrieben; daher lassen sich manche von 
ihm berühren, sie streifen im Vorüber¬ 
gehen an ihn an; mit zwei (drei) Fin¬ 
gern berühren sie ihn und spucken aus, 
dabei ist zu sagen: Rauchfangkehrer, 
Glück 13 ). 

c) Seine Tätigkeit des Fegens kann 
das Heil verhindern, denn der Milch¬ 
ertrag schwindet, wenn er im Hause 
fegt und gerade eine Kuh gebellt hat. 
Daher wird ihm hier und da zu dieser 
Zeit das Kehren verweigert (Dörnberg 14 )). 
Hier tritt die Bedeutung des Kehrens 
hervor (s. kehren). Wenn er aus dem¬ 
selben Grund kein Kehrgeld bekommt, 
so ist es deshalb, weil in dieser für den 
Milchertrag wichtigen Zeit nichts aus dem 
Haus weggegeben und verliehen werden 
darf (s. Glück, leihen, kaufen, verkaufen, 
wegtragen). 

2. Gleichsetzung des K.s mit dem Teufel: 
Durch sein geschwärztes Äußeres wird er 
der Schwarze geheißen (Kinder werden ge¬ 
schreckt), und im weiteren wurde aus dem 
Vergleich mit dem Schwarzen = Teufel 
eine Gleichsetzung, so daß der Teufel als 
K. mit Hörnern und Geißfüßen er¬ 
scheint 15 ). 

3. Der K. als Geisterbanner. Er hat 
die Kraft Geister zu bannen und zu 
vertragen, doch im Gegensatz zu Je¬ 
suiten und Franziskanern mit Hilfe 
des Teufels (Mittelfranken) 16 ). Die durch 
seine äußere Erscheinung bedingte Gleich¬ 
setzung mit dem Teufel ließ ihn Geister 
bannen. 

4. Die K. waren beteiligt an den ver¬ 
schiedenen Frühlingsfeiern 17 ), teils als 
alleinige Veranstalter, so zu Fastnacht; 
ihre Ausrüstung eignete sich besonders 
zu Narrenumzügen 18 ), teils als Gruppen 
in diesen 19 ). 

*) SchwVk. 3, 74 (Zürich); SAVk. 8, 268 
(Kanton Bern); John Erzgebirge 38. 2 ) Ale¬ 
mannia 33, 300. 3 ) Pollinger Landshut 165; 
DG. 13, 126. 4 ) Mündl. (Oberes Mühlviertel). 
*) Alemannia 33, 303. 6 ) SchwVk. 10, 29. 

7 ) ZföVk. 33, 135 (Wien). 8 ) Mündl. (Steier¬ 


mark). 9 ) ZföVk. 33, 135. 10 ) Alemannia 33, 
300. n ) Drechsler 2, 260. 12 ) ZföVk. 33, 135. 
13 ) Ebd. 14 ) Drechsler 2, 101. 15 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 40. 1S ) Ebd. 3, 114. 17 ) 
Mannhardt 1, 322, 425 h.; Reinsberg Fest¬ 
jahr 133 ff. (Jack in the green, in London am 
i.Mai). 18 ) Sartori Sitte 3,95. 19 ) Heimatgaue 1, 
192 (Oberes Mühlviertel); John Erzgebirge 184 
(Neujahr). Jungwirth. 

Kamm. 

1. Der K. dient zur Abwehr von Hexe¬ 
rei und bösem Zauber. In einem Bauern¬ 
hause in Ditmarschen fand man im 
Innern eines Ständers ein Messer und 
einen K. a ). Um das Sterben des 
Viehes zu verhindern, verbrennt der 
Bauer in der Niederlausitz im Stalle 
einen K. 2 ). Zum Schutz der Tiere vor 
Ungeziefer vergräbt man unter der 
Schwelle der StaÜtür einen alten Kamm 3 ). 
Der Kuh wirft man in die erste Tränke 
nach dem Kalben einen K. und eine 
Handvoll Salz 4 ); ebenso dem Kalbe 
gegen Behexung 5 ). Um das Buttem zu 
beschleunigen und hindernde Hexerei zu 
beseitigen, legt man einen K. unter 
das Butterfaß 6 ). Je schmutziger dieser 
ist, um so besser wird die Butter 7 ). Man 
muß dazu den engen Kamm nehmen 8 ). 
Man reist sicher, wenn man einen K. in 
die Tasche nimmt 9 ). Zum Schutze 
gegen böse Geister legt die Wöchnerin 
einen Kamm in ihr Bett 10 ). Beim Ab¬ 
stillen erhält das Kind neun Tage lang 
einen Kamm um den Hals, damit es nicht 
krank und nicht mager werde. Anderswo 
soll die Mutter einen K. an einem Bande 
über der Achsel am Rücken gehängt 
tragen 11 ). Auch wenn die Wöchnerin 
das Wochenbett schon verlassen hat, 
trägt sie noch Messer und K. auf der 
Brust, um vor allem bewahrt zu sein 12 ). 
Bei den Bulgaren legt man ihr einen K. 
auf den Kopf 13 ). Merkt die Mutter, daß 
eine Entzündung der Brüste im Ent¬ 
stehen ist, so soll sie diese mit warmem 
Rüböl gehörig einreiben und einen feinen 
Haark. (Lüskam) darauf legen 14 ). In Mün¬ 
chen tragen Wöchnerinnen einen Elfen- 
beink. an einer Schmu* um den Nacken, 
und in den Vierlanden legt man einen 
solchen auf die entzündeten Brüste der 
Wöchnerin 15 ). Auch die Messingkämme 


943 


Kamm 


944 


an den Kummeten der Pferde dienen der 
Abwehr 16 ). 

Ziemlich häufig ist auch die Verwendung 
des Kammes zum Heilzauber. Zum 
Kühlen einer Geschwulst wendet man das 
tagelange Tragen (Auflegen) eines Kammes 
an 17 ). Gegen „Gnirrgnarr" (Sehnenent¬ 
zündung) nehme man jemand heimlich sei¬ 
nen K. weg und binde ihn auf das leidende 
Glied 18 ). Wenn ein Kind der Wenden den 
Krampf hat, muß man ihm den K. eines 
Gestorbenen unter den Kopf legen, dann 
hört der Krampf sofort auf 10 ). Gegen 
Lähmungen schlagen die Rumänen in 
Südungam über dem im Bette liegenden 
Kranken zwei Wollkämme aneinander, 
während die „weise Frau" Beschwörungs¬ 
formeln sagt. Die beiden Kämme werden 
dann unter das Krankenbett gelegt. 
Wird das dreimal wiederholt, so ist die 
Heilung sicher 20 ). Unruhig Schlafende 
und solche, die im Traume reden, schlägt 
man mit dem Griffe eines Kammes auf 
den Mund 21 ). Damit das Kind ruhig 
schlafe, legt man ihm in die Wiege einen 
K. oder eine Spindel 22 ). Gegen Augen¬ 
entzündung wird in Japan ein K. von 
Tsugeholz so lange auf dem schwarzen 
Saume des Bandes längs den Matten am 
Boden gerieben, bis er heiß wird, und 
nachher mit den kranken Augenlidern 
in Berührung gebracht 23 ). Wenn man 
ein Kind zum erstenmal mit einem neuen 
K. kämmt so bekommt es großes Haar 
(Hessen) 24 ). Der Kamm der h. Hildegund 
soll gegen Kopfweh helfen 85 ). In der 
St. Galler Stiftskirche wurde der K. der 

h. Wiborada auf bewahrt und gegen 
Kopfweh gebraucht 26 ). 

1 ) ZfEthn. 30, 27. 2 ) Globus 72, 354 - 

3 ) Drechsler 2, 104. 4 ) Ebd. 101. 6 ) HessBl. 

i, 13. fl ) Grimm Myth. 3, 457 (667: Württem¬ 

berg); Eberhardt Landwirtschaft 18; Köhler 
Voigtland 428; John Erzgeb. 134; Urquell 6, 101 
(Juden). 7 ) Toppen Masuren 100. 8 ) Wolf 

Beitr. 1,227(319)- 9 ) SAVk. I2 ' x 5 *- 10 )Temes- 
vary Volksgl. in d. Geburtshilfe usw. in Ungarn 
72. u ) John Westböhmen 119. Vgl. Temes- 
vary 117. 12 ) Drechsler 2, 205. 1S ) Strauß 
Bulgaren 210. 14 ) ZfrwVk. i, 200; Wirth 

Beitr. 2/3, 8. Vgl. auch Mannus 7, 17 f. w )Oben 
2, 781. 16 ) Mannus 7, 20, wo weiteres über 

diesen Zweck des K.s in vorgeschichtlichen 
Perioden (er bedeutet hier nach Wilken viel¬ 
leicht ursprünglich die Hand). 17 ) Lemke 


Ostpr. 1, 49. 18 ) Mensing Schlesw. Wb. 3, 32. 
19 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 208. 20 ) Ebd. 

2, 250. 21 ) Strauß Bulgaren 417. 22 ) Zelenin 
Russische Volksk. 302. 23 ) Globus 90» * 3 0 - 

24 ) Wolf Beitr. 1, 207 (32). w ) Menzel Sym¬ 
bolik i, 466. 26 ) Rochholz Gaugöttinnen 141; 

Ders. Sagen i, 16. Der Kamm ist auch Attribut 
der h. Prisca und der h. Verena: Menzel 
Symbolik i, 466. Zu letzterer vgl. Rochholz 
Sagen 1, 13; 2, LII; ders. Gaugöttinnen 112. 
121. 137. 141. Vgl. unten 4. Kamm im Grabe 
von drei heiligen Jungfrauen in Köln: Wolf 
Deutsche March, u. Sag. 293 (182). 

2. Der K. gilt als gefährlich und 
unglückbringend. Im italienischen 
Märchen stirbt das Mädchen, in dessen 
Haar die Mutter den K. hat stecken 
lassen; nach Jahren springt er heraus, 
und das Mädchen erwacht 2? ). In Japan 
nehmen eine Frau oder ein Mädchen von 
ihrem Mann oder Geliebten keinen K. 
als Geschenk an. Wenn man einen findet, 
läßt man ihn liegen, denn die Silbe ku, 
die Unglück bedeutet, findet man auch 
im Worte kushi, Kamm 28 ). Man ver¬ 
meidet es, nachts einen K. wegzuwerfen. 
Wer einen weggeworfenen auf hebt, wird 
in eine andere Person verwandelt 2Ö ). 
Auf Neuseeland gilt es als ein Verbrechen, 
wenn eine geheiligte Person ihren K. oder 
irgend etwas, was ihren Kopf berührt hat, 
auf einem Platze läßt, wo Nahrung ge¬ 
kocht ist 30 ). In Sandhof (Crailsheim) 
warf eine Hexe einer Frau einen K. ins 
Bett, und von Stund an war diese nicht 
mehr richtig im Kopfe 31 ). Wenn Kinder 
einen Läusek. in den Mund nehmen, so be¬ 
kommen sie schwarze Zähne 32 ). Wer beim 
Neujahrsorakel unter dem Topfe einen 
K. findet, dem wird es nicht gut gehen. 
Die Deutung des K.es gibt zu lautem 
Gelächter Anlaß 33 ). Von einem K. träu¬ 
men bedeutet schweren Ärger 34 ). Ärger 
und Verdruß wird einem bereitet, wenn 
man einen K. fallen läßt 35 ). Mit einem 
neuen K. soll man zuerst ein Tier (Hund, 
Katze) kämmen, ehe man sich selbst 
kämmt 36 ), sonst fallen einem die Haare 
aus 37 ) oder die Kinder kriegen Läuse, 
auch ist der K. gleich aufgenutzt 38 ). 
Während (in Sarawak) die Männer 
Kampfer sammeln, dürfen ihre Frauen 
daheim keinen K. berühren, sonst würden 
die Lücken zwischen den Fasern der 



945 kämmen 946 

Bäume, anstatt sich mit den kostbaren f nacht die Haare, verbrennt die ausge- 


Kristallen zu füllen, leer werden wie die 
Lücken zwischen den Zähnen eines 
Kammes 39 ). 

27 ) Mannhardt Germ. Mythen 632. 28 ) Glo¬ 
bus 90, 113. 29 ) Florenz Japan. Mythol. 50 t. 
30 ) Frazer 3, 256. 31 ) Höhn Volksheilkunde 

1,134. 82 ) Drechsler 1, 216. 33 ) Vernaleken 
Mythen 355; Reinsberg Böhmen 601 f. 
* 4 ) Peuckert Schles. Volksk. 127. 35 ) John 

Erzgeb. 35. 36 ) Panzer Beitr. 1, 265 (152); 

ZfVk. 23, 283; Lemke Ostpr. 3, 55. 87 ) Drechs¬ 
ler 2, 97. a8 ) Urquell 3, 230 (Ostpr.). 89 ) Frazer 
L 125. 

3. Im deutschen Märchen findet sich 
der Zug, daß ein Verfolgter einen K. hinter 
sich wirft und durch dessen Verwandlung 
in einen Berg oder ein Dickicht sich 
seinen Verfolgern entzieht 40 ). Fenix- 
znännchen, die eine Wöchnerin verfolgen, 
müssen erst einen K. aufheben und damit 
Flachs hecheln 41 ), oder versuchen den 
K. zu zerbrechen 42 ). Verbreitet ist auch 
die Wendung in einer Gruppe von Sagen, 
daß ein Meineidiger bei dem „Schöpfer" 
und „Richter" über ihm schwört und 
dabei Löffel und Kamm im Sinne hat 43 ). 
Der K. einer vom Teufel Geholten ist 
in einer Felsenplatte im Spronsertal ab¬ 
gedrückt 44 ). 

40 ) Grimm Märchen 1 Nr. 79 (,,Die Wasser¬ 
nixe“); Bolte-Polivka 2, 1400. Oben 2, 
1655. Auch bei fremden Völkern: Florenz 
Japan. Mythol. 53; Anthropos 9, 855 f. 857; 
SAVk. 30, 118. 41 ) Kühnau 2, 112. 42 ) Ebda. 
2, 113. 43 ) Rochholz Sagen 2, L; Birlinger 

Volkst. 1, 222. 44 ) Zingerle Sagen 285 (506). 

4. K.ist manchmal — vulva 45 ). Ob aber 
damit, wie Jostes meint, das Attribut 
der h. Verena als Patronin der Dirnen 
und Freudenhäuser zusammenhängt 46 ) ? 

45 ) Dibelius Die Lade Jahves 92; Jostes 
Sonnenwende i, 136; Höfler Krankheitsnamen 
257. 46 ) S. oben Amn. 26. 

5. über den K. im Totenbrauch s. 
Grabbeigabe; Leichen Waschung. 

Sartori. 

kämmen. 

1. Das K. kann den Menschen von ge¬ 
wissen Übelständen befreien. In 
einer Erzählung der Onondaga-Indianer 
des Staates New-York verjüngt sich ein 
altes Weib dadurch, daß sie mit einem 
Beinkamm ihr Haar so lange kämmt, als 
ihr Arm ausreicht 4 ). Gegen Zahnschmerz 
kämmt man sich in der Karfreitagsmitter- 


fallenen über Kohlenfeuer und zieht 
den Rauch in den Mund 2 ). Dem Kinde 
muß in den ersten sechs Wochen oft der 
Kopf mit einem engen Kamm gekämmt 
werden, sonst bekommt es für sein Leben 
lang einen Grindkopf 3 ). Gegen Jucken 
kämmt die Heilkünstlerin dem Kranken 
den ganzen Körper vom Kopf bis zu den 
Zehen 4 ). Vielleicht hat den Glauben 
an die magische Kraft des K.s auch die 
mit seiner Hilfe ermöglichte Beseitigung 
von allerlei Ungeziefer, in dem man dä¬ 
monische Wesen erblickte, unterstützt 6 ). 
Wenn die Mutter das Kind kämmt und es 
weint, so zeigt sie ihm die Läuse und 
droht ihm, diese würden es in den Wald 
tragen 6 ). Um den Liebsten im Traum 
zu sehen, kämmt sich am Andreas- oder 
Thomastage das Mädchen nackt die 
Haare rückwärts 7 ). Dadurch soll vielleicht 
der Kopf zum Träumen klar gemacht 
werden. Das Mädchen soll auch den 
Kamm, mit dem es sich am Andreas¬ 
abend gekämmt hat, in ein Knäuel 
Garn wickeln und unter sein Kopfkissen 
stecken 8 ). In der alten Grafschaft 
Baden wurden die Kinder am Verenen- 
tage (1. Sept.) festlich frisch gekleidet 
und namentlich darauf gesehen, daß die 
Köpfe gewaschen und die Haare schön 
gekämmt waren. Das schützte gegen alle 
späteren Krankheiten des Hauptes ®). 
In der Provence kämmen sich die jungen 
Mädchen im Mondschein, um schönen 
Haarwuchs zu kriegen und einen Mann 
zu finden 10 ). Das vielfach vorgenommene 
rituelle K. der Braut soll wohl alle ihr 
anhaftende „Unreinheit" von ihr ent¬ 
fernen n ). In Indien kämmt man sie 
mit hundertzähnigem Kamm aus Schilf 
hinweg 12 ). Bei den Hochzeiten der 
Inselschweden im finnischen Meerbusen 
muß die Braut den Gästen einzeln die 
Haare rein kämmen. Zur Seite sitzen 
die beiden Hochzeitsmarschälle und 
schlagen alles Herausgekämmte tot. Da¬ 
für erhalten sie den „Läusepfennig“ 13 ). 

Vorsichtsmaßregeln: Wer sich von 
einem andern k. oder frisieren läßt, 
darf sich nicht dafür bedanken, sonst 
fallen ihm die Haare aus 14 ). Die beim 




947 


kämmen 


948 


K. ausgehenden oder beim Schneiden her¬ 
abfallenden Haare darf man nicht weg¬ 
werfen. Die Vögel bauen sie in ihre 
Nester, und man bekommt Kopfweh, 
oder es gehen die Haare aus 15 ) (s. 3,1271!). 

i) Globus 76, 199. 2 ) Drechsler 2, 300. 

3 ) And ree Braunschweig 292. 4 ) Strauß 

Bulgaren 416. 5 ) Mannus 7, 25. 6 ) ZfdMyth. 

2, 2. Vgl. dazu Wossidlo Mecklenburg 3, 180. 

7 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 141 f. Vgl. ZfVk. 

4, 393. 407 (Ungarn); Globus 76, 272 (Huzulen). 

8 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 177. 9 ) Rochholz ; 

Sagen 1, 13 f.; ders. Gaugöttinnen 142; Hoff- 
mann-Krayer 165t. 10 ) S^billot Folk-Lore 

1, 46. u ) Schröder Hochzeit 151; Piprek 
Hochzeitsgebräuche 10. 143. 190- Vgl. Wossidlo 
Von Hochtiden 13 f. („Wenn’n sik Lüs’ antrugen 
lett, säden de Ollen, dee ward’n sinläder nich 
wedder los“). 1Z ) Oldenberg Veda 494- 
13 ) Rochholz Sagen 2, LII f. 14 ) Curtze 
Waldeck 380. 1S ) Witzschel Thüringen 2, 282 

(69); Wuttke 314 (464)* 

2. Der Ungekämmte setzt sich -- wie 
der Ungewaschene — bösen Einflüssen aus. 
Wer ungekämmt ausgeht, über den haben 
die Hexen Gewalt 16 ). In ungekämmtes 
Haar nistet gern die Perchtl etwas hinein, 
sollten es auch nur kleine oder größere 
Läuse sein 17 ). Wer Sonntags ungekämmt 
in die Kirche geht, der bekommt die Fried- 
hofläuse 18 ). Lassen sich die Kinder nicht 
kämmen, so drehen sich die Läuse aus den 
Haaren einen Strick und ziehen sie ins 
Wasser oder in den Wald 19 ). Das Kind, 
das morgens nicht gekämmt wird, hat ver¬ 
worfenen Tag und ist den bösen Leuten 
verfallen 20 ). 

Die weiße Jungfer auf der Sausenburg 
sagte einst einem Manne, seine Haare 
seien noch nicht gekämmt, er solle heim¬ 
gehen und sie strählen, was er auch eilig 
tat 21 ). Bei den Kalmüken darf ein 
älterer Bruder seine Schwägerin nie im 
Hemde oder mit ungekämmten Haaren 

sehen 22 ). 

lft ) Alpenburg Tirol 370. 17 ) Ebd. 370 f. 

1B ) Rosegger Steiermark 63. 19 ) Urquell 1, 165; 
Rochholz Kinderlied 318; Meyer Baden 52. 
Ungekämmte Kinder heißt man „Berchtelen ; 
Mannhardt Germ . Mythen 296. 20 ) Rochholz 
Kinderlied 318; Zingerle Tirol 197. 21 ) Baader 
NSagen 18. 22 ) Globus 67, 88. 

3. Dagegen kann man durch Ver¬ 
meidung des Kämmens (wie des 
Waschens) den Körper zauberkräftig 
machen. Wer sich dem Teufel verbunden 


hat und sich sieben Jahre lang weder 
wäscht noch kämmt, wird ihn wieder 
los 23 ). Andrerseits gewinnt man einen 
dienstbaren Geist, wenn man 9 Tage 
lang das Ei einer schwarzen Henne unter 
der linken Schulter trägt und sich während 
dieser Zeit nicht wäscht und kämmt 
(Böhmen u. Mähren) 24 ). Um sich von 
Fieber frei zu halten, geht man vor 
Sonnenaufgang aufs Feld, ohne sich ge¬ 
waschen und gekämmt zu haben, und 
spricht einen Segen (Böhmen) 20 ). Wer 
von Tollwut befallen ist und sich nach 
St. Hubert in Behandlung gegeben hat, 
darf sich 40 Tage lang das Haar nicht 
kämmen 26 ). Von den Erlösern Ver¬ 
wünschter und Verzauberter wird ver¬ 
langt, daß sie sich eine bestimmte Zeit 
lang nicht waschen noch kämmen (auch 
den Bart nicht abnehmen und die Nägel 
nicht schneiden) 27 ). Ahes das würde 
ihnen etwas von ihrer Kraft nehmen. Als 
Gelübde bis zur glücklichen Erfüllung 
eines bestimmten Vorsatzes ist die Ver¬ 
meidung des Kämmens aus der Ge¬ 
schichte des Norwegers Harald Schönhaar 
bekannt 28 ), und auch für Wali, den 
Rächer Balders, wendet die Völuspa eine 
entsprechende Formel an 29 ). In den Ge¬ 
schichten vom Bärenhäuter verlangt der 
Teufel von diesem, daß er längere Zeit 
ungewaschen und ungekämmt bleibe 30 ). 
Peruanische Indianer pflegten sich für 
eine wichtige Handlung vorzubereiten 
durch Fasten, Enthaltsamkeit und da¬ 
durch, daß sie sich nicht wuschen und 
kämmten und ihre Hand nicht an ihren 
Kopf legten 31 ). Ebenso befolgen die 
Leute aus der Gegend von Moresby (Neu- 
Guinea), ehe sie zum Handel aufs Meer 
gehen, allerlei Tabugesetze; der Mann 
darf sich z. B. nicht kämmen 32 ). 

23 ) Grimm Myth. 2, 850; 3, 455 (626: Pforz¬ 
heim). 24 ) Wuttke 264 (386). 25 ) Hovorka 

u. Kronf eld 2, 332. 28 ) Fontaine Luxemburg 
78. 27 ) Schambach-Müller 45. 336. 400 

(vgl. Mannhardt Germ. Myth. 509); Urquell 
5, 119. 28 ) Thule 14, 93 *■, vgl. 112; ZfVk. 35 36, 
276 f. 29 ) Str. 34 (Gering). 30 ) Grimm Märchen 
Nr. 100. 101. 31 ) Frazer 3, 159 Anm. 32 ) Ebd. 
203. 

4. Verbote des K.s sind überhaupt 
zahlreich. Auch hier ist wohl oft die 


t 


1 





kämmen 



Vorstellung maßgebend, daß dem Körper 
zu viel Kraft entzogen werden könne. 
Kämmt sich eine Schwangere nach 
Sonnenuntergang, so wird ihr Kind viel 
weinen 33 ). Eine Wöchnerin darf sich bis 
zur Aussegnung nicht k., sonst gehen ihr 
die Haare aus 34 ), oder der Teufel gewinnt 
über sie Gewalt 35 ). Wenigstens darf sie 
es in den ersten 14 Tagen nicht, sonst 
bekommt sie Kopfleiden 36 ). Bei den 
Esten soll an dem Tage, wo ein Kind ge¬ 
tauft wird, seine Mutter ihr Haar nicht k., 
ebensowenig das beliebte ,,Kopfsuchen“ 
an sich ausüben lassen, sonst werden bei 
des Täuflings Hochzeit die Gäste in 
Unfrieden geraten 37 ). Kinder soll man 
im ersten Lebensjahre nicht k., auch 
darf man ihnen nicht Haare und Nägel 
schneiden, sonst sterben sie oder haben 
Unglück 38 ) oder kriegen einen kranken 
Kopf 39 ). Bei den Galelaresen darf man 
ein Kind nicht k., ehe es Zähne gekriegt 
hat, sonst werden diese später von einander 
getrennt wie die Zähne eines Kammes 40 ). 
Man darf sich nicht im Bette kämmen, 
denn davon wird man bettlägerig vor 
Altersschwäche. Das kann man ab¬ 
wenden, wenn man spricht: „Ich 
werfe von mir die Altersschwäche, aber I 


nicht den Kamm'*. Wenn eine Frau * 
sich im Bette kämmt, wird sie schwere 
Entbindungen haben oder ihren Mann 
verlieren (Island) 41 ). Wenn sich die 
Schwangere im Bett kämmt, wird ihr j 
Kind nur kurze Zeit leben 42 ). Für be¬ 
stimmte Tage ist das K. untersagt, j 
Kämmt man sich am Freitag, so mehrt 
sich das Ungeziefer 43 ), oder es bringt 
Ausschlag 44 ). Am Donnerstag soll man 
es lassen, damit die Läuse den Unter¬ 
irdischen nicht in die Schüssel fallen 45 ). 
Wenn das Weib sich am Sonntag kämmt, \ 
so stirbt ihr Mann 46 ). Auch Karfreitag 
und Ostern soll man sich nicht k., sonst 
kratzen die Hühner im Garten 47 ). Auch 
in Ungarn darf man es am Karfreitag 
nicht; aber in einigen Gegenden kämmt 
sich gerade an diesem Tage die Maid 
unter einen Weidenbaume, um schöne, 
lange Haare zu bekommen 4Ö ). Wenn 
man sich in der Osterwoche wäscht und 
kämmt, bekommt man Läuse 49 ). Aber 


in der Schweiz heißt es: wenn man am 
Karfreitage sich strählt, bekommt man 
das ganze Jahr keine Läuse 60 ); und in 
Ober-Wölz (Steiermark): wer an Kopf¬ 
schmerzen leidet, soll sich am Karfreitag 
das Haar auskämmen, an allen übrigen 
Freitagen des Jahres es aber ungekämmt 
lassen 51 ). Im Fellinschen darf man 
am Aschermittwoch den Kindern den 
Kopf nicht kämmen und bürsten, weil 
sonst viel Schelver und Ungeziefer sich 
ansammeln soll 52 ). Auch am Tage nach 
Mariä Heimsuchung soll man sich nicht k. 
und bürsten aus ähnlichem Grunde 53 ). 
Die Saaner Hirten hüten sich, nach 
Mittag, während die Sonne sinkt, sich zu 
kämmen. Einen Grund dafür wissen sie 
nicht 54 ). Die römische Flaminica durfte 
sich an einem bestimmten Festtage ihr 
Haar nicht k. 55 ). Wer einen Kobold im 
Hause hat, darf sich nie k. oder waschen 5Ö ). 
In den schottischen Hochlanden darf 
keine Schwester bei Nacht ihr Haar k., 
wenn ihr Bruder auf See ist; das würde 
Sturm und Unwetter hervorrufen 57 ). 
Dasselbe ist in Frankreich nach Einbruch 
der Nacht einer Frau verboten, die ihren 
Mann oder ihre Verwandten auf dem 
Wasser hat 58 ). Damit im Weizen kein 
Rankkorn auf komme, soll man nicht bei 
der Weizensaat den Kopf k. oder den Hut 
zurechtrücken (Nordgroßrussen in Trans- 
baikalien) 5Ö ). Wenn ein Choctaw einen 
Feind getötet hatte, durfte er sich während 
eines Monats nicht k., und wenn sein 
Kopf juckte, ihn nur mit einem Stäbchen 
kratzen 60 ). Wenn die Zentral-Eskimos 
Seetiere getötet haben, dürfen u. a. 
die Frauen nicht ihr Haar k. und sich das 
Gesicht nicht waschen 61 ). Auf einigen 
Inseln der Molukken dürfen die Frauen 
nach einem Todesfälle ihr Haar nicht 
k. 62 ). 

3S ) Strauß Bulgaren 293. 34 ) Reiser All¬ 
gäu 2, 229. 8ß ) Drechsler 1, 204. 3# ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 160 f.; Birlinger Volhst. 1, 
477. 37 ) Boeder Ehsten 24. 38 ) Knoop Hinler- 
pommern 157 (23); Toppen Masuren 82; 

Wuttke 392 (600). 39 ) Urquell 6, 180 (Pom¬ 
mern). 40 ) Frazer 1, 157. 41 ) ZfVk. 8, 158; 
Liebrecht Zur Volksk. 369. 4a ) Temesvary 
Volksbräuche usw. in d. Geburtshilfe in Ungarn 22. 
43 ) Meier Schwaben 2, 391 (61); Grimm Myth . 
3, 442 (241: Chemnitzer Rockenphilosophie). 


I i 


95 i 


Kammer—Kampf 


952 


Vgl. oben 3, 66. 44 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 
288. 46 ) Kuhn u. Schwartz 323. Vgl. Wolf 
ßeitr. 1, 69; Mannhardt Germ. Myth. 48. 
*•) Strauß Bulgaren 287. 47 )Toppen Masuren 
101. Aus demselben Grunde auch Lichtmeß nicht: 
Lemke Ostpr. 1, 90. 48 ) ZfVk. 4. 394- 4B ) Kapff 


Festgebräuche 14 


50 


) SAVk. 8, 314; Nider- 


berger Unterwalden 3, 345. 61 ) Hovorka u. 
Kronfeld 2, 191. 62 ) Boeder Ehsten 80. 

53 ) Ebd. 133 f. 64 ) SAVk. 21, 32. 55 ) Frazer 3, 
14. »•) Wolf Bcitr. 2, 335 - 67 ) Frazer 3, 271. 
* 8 ) S6bilIot Folk- Lore 2, 15. 59 ) Zelenin 

Russische Volksk. 30. co ) Frazer 3, 181; vgl. 
187. ei ) Ebd. 3, 20S. ca ) Wilken Über d. Haar¬ 
opfer: Revue coloniale internationale 1886, 
241. — Wer sich mit dem Kamm kämmt, mit 
dem die Leiche gekämmt ist, muß sterben oder 
ihm fallen die Haare aus Wuttke 462 (732). 

5. In Sagen werden häufig Geister¬ 
wesen dadurch gekennzeichnet, daß sie 
ihre langen schönen Haare nachts oder 
am hellen Mittage, im Mondlichte oder 
im Sonnenschein, oft mit einem goldenen 
oder elfenbeinernen Kamme kämmen. 
So namentlich verwünschte Frauen und 
Schatzhüterinnen 63 ), Elfen 64 ), See- 
jungfem und Wasserfrauen 65 ), auch der 
Wassermann 66 ). Busch Weibchen lassen 
sich gern von Menschen kämmen und 
belohnen sie dafür 67 ). Frau Berta kämmt 
mit Vorliebe ihre Kinder oder läßt sich 
selbst von ihren Mägden kämmen 68 ). Zu 
diesem K. der Geisterwesen haben wohl 
öfters Licht- und Nebelerscheinungen 
Anlaß gegeben 6Ö ). Im Schloßberg auf 
Poel sitzt eine alte Frau schlafend, in 
ihrer Rechten einen goldenen Kamm 
haltend, zu ihren Füßen ein goldener 
Pudel. Als sie einmal einen Knaben mit 
diesem Kamme kämmt, verwandelt sich 
sein Haar in Pudelzotten, und er wird 
mehr und mehr einem Pudel ähnlich 70 ). 

63 ) Schell Bergische Sag. 507 (26); Müllen- 
hoff Sagen 347; Reusch Samt and 65. 70; 
Meiche Sagen 756 (927); Panzer Beitr. 1, 81 f.; 
Haupt Lausitz 1, 16; Roch holz Sagen 1.240; 
ders. Gaugöttinnen 140 f.; Kühnau Sagen 
1, 133 f. 479; 2, 611; Witzschel Thüringen 1, 
117; Grimm Myth. 2, 804. 807; Knoop Hinter- 
potnmern 150; Sebillot Folk-Lore 1, 244. 463. 
6i ) Grimm Irische Elfcnmärchen LXIX. 
<8 ) Kuhn u. Schwartz 11. 174; Müllenhoff 
109; Reusch Samland 26; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 197. 228; Grimm Sagen 2 62 (57); 
Ders. Mythol. 1, 143. 406; Kühnau 2, 121; 
Söbillot Folk-Lore 2, 35. 132. 200. 340. 411. 
413; Zelenin Russische Volksk. 389; Globus 
66, 54 f. (Abchasen); 71, 374 (Permier); Caval- 
*ius-Stephens Schwedische Volkssag. u. Mär¬ 


chen, deutsch von Oberleitner 363 (Jungfrau 
kämmt Perlen aus ihrem Haar). Die Jungfrau 
im Jungfernbrunnen zu Steinen wäscht und 
kämmt nicht nur sich selbst, sondern hat auch 
schon Vorübergehende, die schmutzig und uuge- 
strählt waren, in dem Brunnen gewaltsam ge¬ 
reinigt und gekämmt: Baader NSagen 10. Vgl. 
auch Grimms Märchen Nr. 181 „Die Nixe im 
Teich“. 8e ) Meiche Sagen 357; Vernaleken 
Mythen 163; Bienemann Livland. Sagenbuch 
68f. (Der Teufel). 67 ) Meiche 350. 351; Haupt 
Lausitz 1, 41 f. 68 ) Waschnitius Perht 44 (Süd¬ 
tirol). 69 ) Meyer German. Mythol. 124. Im kata¬ 
lanischen Kinderliede heißt es: „Es regnet und 
die Sonne scheint, die Hexen k. sich“: Ebd. 
In Cantal sagt man, wenn es zu gleicher Zeit 
weht und schneit, der Teufel kämme seine Frau: 
Sebillot Folk-Lore 1, 87. 70 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 1, 309 f. Sartori. 

Kammer s. Stube. 

Kampf. 

1. Durch Langeweile, Übermut, Be- 
tätigungs- und Spielbetrieb und das Ge¬ 
fühl überschüssiger Kraft werden Knaben 
und junge Männer oft genug zu Kampf 
und Handgemenge getrieben 1 ). Auch ver¬ 
anlaßt das Bewußtsein selbständiger Be¬ 
deutung und engerer Zusammengehörig¬ 
keit die Bewohner aneinander grenzender 
Orte oder Ortsteile oder auch Gruppen 
verschiedener Stände und Berufe seit 
altersher dazu, ihrer Eifersucht nicht 
bloß in Neckereien und Wortgeplänkel, 
sondern auch in Handgreiflichkeiten Aus¬ 
druck zu geben 2 ). Es können sich in der¬ 
artigen Kraftentfaltungen auch wohl 
Reste militärischer Übungen verstecken 3 ). 
Doch gibt es eine Reihe von Fällen, in 
denen der Kampf sich in magischen Ab¬ 
sichten zu bestimmten Zeiten und Ge¬ 
legenheiten unter herkömmlichen Formen 
abspielt, also zum Ritus geworden ist. 

D ZfVk. 27, 116 f. 2 ) ZfrwVk. 8, 136; 12, 1Ö7; 
Messikommer 1, 125; Hörmann Volksleben 
336; Zelenin Russische Volksk. 351 f. Im Alter¬ 
tum: Seeck Gesch. d. Untergangs der antiken 
Welt 2, 113!. 3 ) Rochholz Kinderlied 486 lf.; 
SAVk. 8, 176 f. 

2. Im Frühling macht sich der aus 
langer Winterhaft befreite Lebensdrang 
naturgemäß mit besonderer Energie Luft. 
Das zeigen schon die Haustiere, wenn sie 
zum erstenmal wieder aus dem Stall 
kommen und sich in mutwilligen Kämpfen 
austoben 4 ). Aber wenn auch viele der 
in dieser Zeit sich abspielenden Prüge- 


953 


Kampf 


954 


leien keinen besonderen Sinn haben, so j 
stehen doch manche von ihnen in engerer 
oder weiterer Beziehung zu den gewalt¬ 
samen Auseinandersetzungen, die man 
als „Kampf zwischen Winter und 
Sommer“ zu bezeichnen pflegt. Solche 
Kämpfe finden statt zwischen den Be¬ 
wohnern verschiedener Straßen, Stadt¬ 
quartiere, Dörfer oder Dorfteile, gewöhn¬ 
lich an altherkömmlichen Orten, oft an 
einem Grenzgebiet, namentlich an einer 
Brücke oder einem Gewässer 5 ) und zu 
bestimmten Zeiten, meist im Frühling, 
zu Fastnacht oder in der Fastenzeit 6 ), zu 
Ostern 7 ), im Mai 8 ), zu Pfingsten 9 ), sel¬ 
tener zu anderen Jahreszeiten, zu Jo¬ 
hanni 10 ), Michaelis 11 ) oder Martini 12 ). 
Gewöhnlich kämpfen größere Scharen 
miteinander, auch wohl die Vertreter ver¬ 
schiedener Stände 13 ), mitunter auch 
einzelne Personen 14 ). Der Kampf ver¬ 
läuft nicht selten in der Form, daß von 
der einen Partei eine höhere Stellung 
eine „Burg“, die die andere besetzt hält, 
gewaltsam erstürmt wird 15 ). Noch öfter 
handelt es sich darum, daß ein maskierter 
männlicher oder weiblicher Teilnehmer I 
oder eine Puppe oder sonst ein Gegen¬ 
stand den Preis des Sieges bildet, um 
den der Streit sich dreht. So der Maibaum 
oder ähnliches 16 ), die Pfingsthütte 17 ), 
der Schoßmeier 18 ). Im Amte Calenberg 
kämpfen Hedemöpel und Laubfrosch um 
die Greitje 19 ). Manchmal gibt es auch 
zu heftiger Gegenwehr Veranlassung, wenn 
ein Dorf dem andern die den „Winter“ 
darstellende Puppe zuzuführen sucht 20 ), 
s. Laetare. In Claustal soll man früher zu 
Johanni einen Kampf aufgeführt haben, 
in dem zuletzt der „Teufel“ besiegt, 
gefesselt, auf ein Brett gebunden und 
als kraftloser Alter hinweggeschleppt 
worden sei 21 ), s. Sommer und Winter. 

All diese Bräuche beruhen wohl zunächst 
auf dem gefühlsmäßigen Wunsche etwas 
Altes, Überlebtes, unbrauchbar Geworde¬ 
nes loszuwerden, abzuschütteln, gewisser¬ 
maßen wegzuprügeln und in neu ent¬ 
fesselter Lebenskraft einem Neuen, 
Frischeren, Glückverheißenden entgegen¬ 
zustreben. Insofern darf man von „Tren¬ 
nungsbräuchen“ reden. Der Drang nach 


Verkörperung unterstützt dann hier mehr 
die Vorstellung, die feindlichen, per¬ 
sönlich gedachten Mächte aus dem Felde 
zu schlagen, dort mehr die Hoffnung, 
Kraft und Fruchtbarkeit in irgend 
einem Symbol gewinnen und nutzbar 
machen zu können. 

4 ) Sartori Sitte 2, 149 A. 2; Kuhn 11. 
Schwartz 389 (75); Hörmann Volksleben 317; 
Wüstefeld Eichsfeld 85 ff. Wie die Tiere so 
kämpfen auch die Hirten miteinander: Meyer 
Baden 124. 125. 138. 6 ) ZfrwVk. 12, 169. 6 ) Sar¬ 
tori Sitte 3, 120 f. 121 A. 146. 124 A. 164. 
Zu Mittfasten: ebd. 3, 133 f. 7 ) Ebd. 3, 163. 
A. 76 (manchmal stehen sich auch Jünglinge 
und Mädchen gegenüber). 8 ) Ebd. 3, 179. 
9 ) Ebd. 3, 202; vgl. 203 A. 40. 10 ) Ebd. 3, 

234 f. A. 71; vgl. 226 A. 22. u ) Ebd. 3, 258. 
A. 18 (beim Sammeln für das Michaelisfeuer). 
1Ä ) Ebd. 3, 270 f. 13 ) Ebd. 3, 161 A. 67 
(Metzger und Bäcker oder Müller bei der öster¬ 
lichen Eierlesete in der Schweiz). 14 ) Ebd. 3, 
133 f.; ARw. 7, 312 f.; John Westböhmen 39. 43 
(die beiden Hanswürste beim Faschingsumzug). 
14 ) Wrede Eifeier Bauernleben (S. A. aus der 
Eifel-Festschrift 1913) 27; ZfrwVk. 7, 177 t. 
(Boppard); Wolf Beitr. 1, 178; SAVk. n, 242; 
Hoffmann-Krayer 157 f.; ZfdMyth. 1, 176 
(Limburg u. Brabant); MsäVk. 5. 343; Sartori 
3, 234 A. 71; Zelenin Russische Volksk. 380 f. 
(Großrussen in der Butterwoche). 18 ) Mann¬ 
hardt 1, 162 f.; Fontaine Luxemb. 23 f. 
17 ) Mannhardt 1, 323; Ders. Forschungen 
194. 18 ) Mannhardt 1. 441; Ders. Forschungen 
194. 1# ) Ders. Forsch. 142. *°) Rochholz 

Kinderlied 484; Schöppner Sagen 2, 251 f.; 
Drechsler 1, 68. ai ) ZfdMyth. 1, 82. 

3. Um eine gewaltsame Aneigung des 
Erntesegens handelt es sich in gewissen 
Brecheibräuchen. Im steirischen Ober¬ 
lande setzt am Ende des Brechelmahles 
die Großmagd eine verdeckte Schüssel 
auf, worin sich nichts anderes als Blumen¬ 
sträuße, Äpfel, Nüsse, Domen und Brenn¬ 
nesseln befindet, um die nun unter den 
Brechlem ein lebhafter Kampf beginnt. 
Wer die meisten erobert, hat das Vor¬ 
recht, mit der Brechelbraut den Ehren¬ 
tanz zu machen 22 ). In Hochfilzen ist 
es für die Liebhaber der Brechlerinne n 
ein Hauptspaß, den sog. „Brechelbusch“, 
einen mit Bändern und Äpfeln geschmück¬ 
ten Tannenwipfel, mit List oder Gewalt 
zu rauben, den die Brechlerinnen behüten 
und oft in energischer Gegenwehr ver¬ 
teidigen 23 ). Um eine Verscheuchung 
der dem Wachstum feindlichen Gewalten 
dagegen handelt es sich bei dem Auszug 



955 


Kampt 


956 


der „Stopfer“ (stopfen = stechen) in Grau¬ 
bünden um die Mittsommerszeit. Sie 

zogen in Harnisch und Waffen mit großen 
Stecken und Knitteln von einem Dorf zum 
andern, liefen gegeneinander, stießen und j 
stachen einander mit ihren Stecken und 
machten hohe, seltsame Sprünge. Sie 

taten das, damit ihr Korn besser gerate 24 ). j 

**) Meyer Baden 275. 23 ) Hörmann Volks - \ 
leben 171t. Ähnliches: SAVk. 20, 382 f* Vgl. 
Mann har dt Forschungen 158 f. (Kampf um den j 
Kopf des Oktoberrosses in Rom); 195 (um die ] 
Fahne des h. Servatius in der Bretagne). , 
24 ) Mannhardt Forschungen 1, 551 f. Vgl. 1 
SchwVk. 1. 313; 3. 40; 15, 40. Ähnliche Kämpfe | 
bei außereuropäischen Völkern z. B. Croolce 
Northern India 43 f. 399 ; Klemm Allg. Cultur - ; 
gesch. d. Menschheit 4, 369 (Tonga); Globus 87, 

350 (Mexiko). j 

4. In mannigfachen Formen finden wir j 
den Kampf als rituellen Bestandteil der ; 
Hochzeit. Er kommt an den ver¬ 
schiedensten Stellen der Feier vor 25 ), 
bei der Abholung der Braut 26 ), zwischen 
den Brautleuten selbst 27 ), nach der Kopu¬ 
lation 28 ) zwischen bestimmten Gruppen 
von Beteiligten 29 ). Die Beweggründe 
können verschiedener Art sein. Die Bedeut¬ 
samkeit der Vermählung ruft eine Art von 
seelischer Entladung hervor und äußert , 
sich in „Übergangsbräuchen“, die sowohl | 
die Trennung von dem bisherigen Zu¬ 
stande der Hauptbeteiligten wie den 
Übergang in den neuen erleichtern 30 ). 
Auch Zauber- und Dämonenglaube spielt 
hinein. Wenn der Übergang sich allzu 


Frauen von mittlerem Alter gerät 32 ). Mit¬ 
unter dreht sich der Kampf um einen be¬ 
stimmten Gegenstand, der von den 
Hochzeitsteilnehmem erobert wird 33 ). 
Dann liegt vielleicht neben der Absicht, 
Trennung und Übergang zu kennzeichnen 
und zu unterstützen, auch der Glaube 
zugrunde, daß etwas, was der Braut ent¬ 
rissen wird, dem Räuber Glück bringe. 

2S ) ZfrwVk. 22, 71 ff. 26 ) Ebd. 73 f. 27 ) Ebd. 
75 f. 28 ) Ebd. 72 t. 2ä ) Ebd. 76 f. 80 ) Gennep 
Rites de passage 175 ff. 31 ) Vgl. dazu Sartori 
Sitte 1, 83; Samter Geburt 41 f. 32 ) JbNdSpr. 
1, 144. 33 ) So das um den Spinnrocken auf dem 
Kammerwagen gewundene Band: Köhler 
Voigtland 238. Das alte Spinnrad: Kuhn 
Mark . Sag. 359. In Rom kämpfte das Hochzeits¬ 
gefolge um die Fackel, die dem Zuge voran¬ 
geleuchtet hatte, namque his qui sunt potiti 
diutius feruntur vixisse (Servius): Samter 
Familienfeste 16 f. Anm. Wenn bei den Wabende 
(Ostafrika) die feierliche Eheschließung voll¬ 
zogen ist, streiten sich die beiderseitigen Fami¬ 
lienangehörigen unter lautem Schreien und 
Lärmen um die Matte, auf der der Bräutigam 
während der Zeremonie gestanden hatte. Die 
Sitte will, daß die Matte schließlich der Familie 
der Braut zufällt: Anthropos 6, 898. 

5. Kämpfe beim Todesfälle sind bei 
fremden Völkern nichts Seltenes 34 ). Sie 
haben wohl in der Regel den Zweck, die 
gefährlichen Todesgeister zu verscheuchen. 
In Irland fanden Kampfspiele bei der 
Leichenwache statt, die vielleicht in 
einer ähnlichen Absicht wurzelten 35 ). Auch 
aus den schottischen Hochlanden wird von 
einem Kampf berichtet, den die Freunde 
des Toten veranstalten und bis zum 


leicht und glatt vollzieht, so droht die 
Gefahr, daß böse, schadenfrohe Mächte 
sich hineinmischen und die Handlung 
stören oder vereiteln. Manchmal ist 
vielleicht auch eine wirkliche Abwehr der 
Geister bezweckt 31 ). Schließlich wird 
dem Brauch auch wohl der Sinn einer 
Vorbedeutung untergeschoben wie im 
westfälischen Lenne- undVolmetal. Wenn 
sich hier die weiblichen Gäste um die 
Braut streiten und es den Jungfrauen 
gelingt, ihre bisherige Genossin lange zu 
verteidigen, so wird gesagt, die junge 
Frau müsse früh Witwe werden; gelingt 
es den alten, sie fortzuführen, so heißt 
es, sie werde ein trauriges Alter erleben. 
Das beste Vorzeichen einer glücklichen 
Ehe ist, wenn die Braut in die Gewalt der 


Blutvergießen fortsetzen 36 ). Erinnert 
sei an die Leichenspiele des griechischen 
und römischen Altertums, die wohl aus 
Kämpfen gegen die Mächte des Todes 
vielleicht sogar gegen den Geist des Ver¬ 
storbenen selbst 37 ) entsprungen, schlie߬ 
lich aber zu einer Ehrung und Freude des 
Toten geworden und in Griechenland 
vielfach mit den Jahresfesten einzelner 
Heroen verbunden worden sind. In 
Deutschland scheint nichts dergleichen 
vorhanden zu sein, s. aber Schlag. 

34 ) Vgl. z. B. Koch-Grünberg Zwei Jahre 
unter den Indianern 1, 134. 139- 163; Globus 96, 
26 (Schamakoko); Klemm Allg. Cultur gesch. 1, 
297 (Australien); Kr ui j t Het animisme in den 
indischen Archipel 267. 343; Gennep Rites de 
passage 234 f.; Frazer 9, 174 f. #5 ) Lady 
Wilde Ancient legends of Ireland 120 f. 122 f. 


957 


Kampfer 


958 


S6 ) Le Braz La Ugende de la mort 3 1, 228. 
37 ) Wundt Völkerpsychologie 2, 1, 423 f. 

6. Bei den Germanen kämpften Fürsten 
oder besonders Erwählte statt der Heere 
zum Austrag von Zwistigkeiten. Das 
Ergebnis galt als Gottesurteil 38 ). Daß 
ein Einzelkampf als vor bedeutend für 
den Ausgang eines Krieges betrachtet 
wird, berichtet schon Tacitus 39 ). Noch 
von dem Wojwoden der Walachei, Michael, 
wurde erzählt, daß er i. J. 1599 im Kriege 
gegen die siebenbürgischen Edelleute vier¬ 
zehn ungarische Knaben gleichen Alters 
gegen einander mit Fäusten habe kämpfen 
lassen, um den Ausgang des Kampfes 
zu erfahren. Seine Partei wurde dabei 
besiegt 40 ). Im Norden scheint man 
derartige Vorentscheidungen durch den 
Kampf von Tieren herbeigeführt zu 
haben, wenigstens kommt dies Motiv 
(und zwar mit Hunden) öfters im schwe¬ 
dischen Märchen vor 41 ). Es ist wohl 
denkbar, daß der letzte Grund eines 
solchen Vorkampfes nicht bloß die Ab¬ 
sicht sei, den Ausgang des Hauptkampfes 
im voraus zu erfahren, sondern ihn auch 
in zauberischer Weise günstig zu beein¬ 
flussen. Dann müßte man freilich den 
Vorkampf nach Art eines Analogiezaubers 
gestalten, wie es bei Naturvölkern vor¬ 
kommt 42 ). 

38 ) Gregor v. Tours 2, 2. 10, 3; Paul. Diac. 
Hist. Langobard. 1, 12; Grimm RA 3 9270. 
a> ) Germania 10: ejus gentis, cum qua bellum 
est, captivum quoquo modo interceptum cum 
electo popularium suorum, patriis quemque 
armis, committunt: victoria hujus vel illius pro 
praejudicio accipitur. Vgl. Procop De bello 
Gothico 1, 20 (Beiisar und Vitigis). 40 ) Müller 
Siebenbürgen 2, 68 f. 41 ) Cavallius-Stephens 
Schwedische Volkssag. u. Märchen, deutsch von 
Oberleitner 65. 69. 73. 83. 84. 86. 88. 91. 42 ) Vgl. 
z. B. Frazer 1, 132. 134; ferner: Nilsson 
Griech. Feste 404 ff.; NJbb. 14, 676; ARw. 7, 

301 f. 

7. J. G. Frazer geht in seinem Buche 
„The golden bough“ von einem Brauche 
im heiligen Hain der Diana bei Aricia aus. 
Danach mußte der Priester der Göttin, 
der den Titel rex Nemorensis führte, 
seine Würde durch einen Zweikampf 
mit dem bisherigen Inhaber erringen 43 ). 
Auch in unsem bäuerlichen Verhältnissen 
treten Bräuche auf, die in bescheideneren 
Maßen die Zuerkennung von Rang 


1 und Würde von einem Kampfe ab¬ 
hängig machen. In der Baar rangen un¬ 
mittelbar nach der ersten Auffahrt am 
Maitage die Roßbuben auf der Weide mit¬ 
einander ; die drei Sieger wurden zu 
Hauptleuten, die drei nächst Starken zu 
„Knappen“ ernannt 44 ). 

s. Schwerttanz. 

43 ) Frazer i, 8 ff. Weiteres ebd. 2, 321 f.; 
4, 22 ff. 118. 191 f. 44 ) Meyer Baden 124. Vgl. 
ferner Birlinger A. Schwaben 2, 348; Kuhn u. 
Schwartz 379 (54). Sartori. 

Kampfer« 

Der Name der harzigen Substanz, 
die aus Holz und Blättern des Kampfer¬ 
baumes gewonnen wird, wurde erst im 
Mittelalter durch arabische Einflüsse be¬ 
kannt (alcanfor, hebr. kopher = Harz, 
Pech); mhd. Kaffer, Kampfer 1 ). Die 
Wirkung des Kampfers gegen Reißen 
und Rheumatismus ist in der Volks¬ 
heilkunde von jeher bekannt 2 ). In Zedlers 
Universallexikon werden dem Kampfer 
eine Unmenge von Heilkräften nach¬ 
gerühmt und der Ausspruch Theophrasts 
angeführt: eine Arznei gegen giftiges 
Fieber ohne Kampfer wäre wie ein Soldat 
ohne Degen 3 ). Staricius berichtet, daß 
etliche sogar als Schutz gegen Pest nur 
Säcklein mit Kampfer um den Hals 
hängten 4 ). Im Voigtlande steckt man 
den Kampfer in ein vielfach zusammen¬ 
gefaltetes Papier, auf dem eine Zauber¬ 
formel steht, und trägt dies als Amulett 
gegen böse Einflüsse auf der bloßen 
Brust 5 ). Nach Peters spielt beim Einkauf 
von Heilmitteln die Zahl neun eine wich¬ 
tige Rolle: wenn eine Dorfsibylle ihren 
Kampfer einkauft, um ihn gegen Gicht 
in einem Beutelchen bei sich zu tragen, 
verlangt sie immer nur für neun Pfennige; 
denn sonst hilft der Kampfer nicht 6 ). 
In Schlesien gibt man zum Schutz gegen 
Behexung dem Vieh aufgelösten Kampfer 
unter das Futter 7 )« 

l ) Schräder Reallex. 407; Kluge EiWb. s. v. 
2 ) Romanusb. 163; ZdVfV. 7 (1897), 163; 
Köhler Voigtland 351. 3 ) Zedier 5, 470 ff. 

4 ) Staricius Heldenschatz (1706), 489 Nr. 24; 
Grimm DWb. 5, 149; vgl. Krauss Volk¬ 
forschungen 102. 6 ) Wuttke 356 § 533. •) Pe¬ 
ters Pharmazeutik 1, 250. 7 ) Drechsler 2, 

252; vgl. 104; ebda. 263: K. und Alaun bei 
einem Jägerzaubermittel. f Olbrich. 


959 


Kanarie nvogel—Kaninche n 


96a 


Kanarienvogel (Scrinus canaria). 
Der K. wurde nach der Eroberung der 
Kanarischen Inseln 1478 zunächst in 
Spanien und dann durch Handel im übri¬ 
gen Europa eingeführt *); alt überlieferter 
Aberglaube läßt sich also bei ihm nicht 
erwarten. Verbreitet ist die Vorstellung, 
daß er (wegen seiner Farbe) die Gelb¬ 
sucht an sich ziehe, wie die Goldammer 
(s. i, 368), der Gimpel (s. 3, 850), der 
Kreuzschnabel (s. d.) 2 ). Diese Farben- 
sympathie ist alt. Schon Plinius (N. H. 3 °> 
28) sagt: „Icterus heißt im Griechi¬ 
schen ein Vogel von seiner Farbe; wenn 
man ihn ansieht, soll man von der Gelb¬ 
sucht geheilt werden, er selbst aber ster¬ 
ben; ich glaube, daß er in lateinischer 
Sprache Galgulus (Goldammer) heißt“. 
Fossel 2 ) weist in Anm. 10 auf Haesers 
Geschichte der Medizin (1, 11) hin, wo¬ 
nach schon bei den alten Indern die Gelb¬ 
sucht durch gelbe Vögel gebannt wurde, 
k Die Gepflogenheit, auf längere Flug¬ 
fahrten einen K. in das Luftschiff 
(Zeppelin) oder Flugzeug (Do X, Herbst 
1930) mitzunehmen, ist noch unaufge¬ 
klärt. 

In Bayern gilt der Glaube, daß der 
schnelle Tod eines K.s mit dem eines 
entfernt wohnenden Anverwandten Zu¬ 
sammenfalle 3 ); in der badischen Orte- 
nau wird bei einem Todesfall der Käfig 
des K.s verhängt 4 ). 

i) Brehm 4 9, 40S. 3 ) Fossel Steiermark 120; 
Hovorka-Kronfeld 2, 107 (nach Michel 

Urban, für Westböhmen), in; Jühling Tiere 
246 (nach Kögler (?)). 3 ) Lammert 100. 

4 ) Hoffmann Ottenau 78. Hoffmann-Krayer. 

Kaninchen. 

1. Etymologisches. Die historisch 
nachweisbare Heimat des K.s (lepus 
cuniculus) ist die Pyrenäenhalbinsel, wo 
es durch seine ungeheure Vermehrung 
und sein alles verwüstendes Treiben eine 
wahre Landplage geworden ist 4 ). Lat. 
cuniculus wird von den Alten ausdrück¬ 
lich als iberisch erklärt (Baskisch 
unchi ,,K/‘) 2 ). Von den Griechen, denen 
das Tier ursprünglich fremd war, wird das 
lat. Wort als xovtxXoc, xoovtxXo* entlehnt 
(neugriech. xouveXt 3 )). Aus dem Latein 
ist es ferner in die romanischen Sprachen 4 ) 


und von da in das Germanische einge¬ 
drungen. Auf ndl. konijin (mndl. cunin ) 
beruht afrz. connin < connil < cuniculus . 


Nhd. Kaninchen ist Dirn, von md. canyn, 
canyne 5 ), woraus bergisch knzn (neben 
kning, kneng) 6 ). Nordd. Karnickel 
beruht auf ostmitteld. canickelgen, car- 
nickelgen 1 ). Mhd. küneclin, küngel 6 ) 
gehen direkt auf cuniculus zurück. Durch 
volksetymologische Einmischung von ahd. 
kunig „König“ wurde das Wort als 
„Königlein“ gedeutet. Vgl. die dial. 
Formen eis. küngel , österr. (verdeut¬ 
lichend) kiniglhas , danach nhd. Königs- 
hase 9 ) und die Nachbildungen (Bedeu¬ 
tungslehnwörter) im Slawischen (russ. 
korolek , poln. krolik, Dim. von krol 
„König“) sowie im Lettischen (karalikas 

zu krall „König“ 10 )). 

Bei der engen Verwandtschaft des 
K.s mit dem Hasen sind Benennungen 
nach diesem Tiere nicht weiter ver¬ 
wunderlich. Als „kleiner Hase“ erscheint 
das K. im Altgriechischen (Xorfßtov, 
Xccftosöc) n ). Daneben findet sich ein 
griech.-massil. Xsßrjpi; 12 ). Daß auch 
die Römer zwischen „Hase“ und „K.“ 
nicht scharf schieden, geht aus der Be¬ 
zeichnung leporarium für einen zur K.- 
zucht bestimmten Tiergarten hervor 13 ). 

Auch in verschiedenen deutschen Mund¬ 
arten wird das K. nach dem Hasen be¬ 
nannt. So heißt es Stallhase im westL 
Mitteldeutschland und in Schwaben, 
Greinhase oder schlechtweg Hase in Ober¬ 
hessen, KuhJu im Erzgebirge, Küllhase 
(Kiill = cuniculus) in der Schweiz u ), 
Schtubenhaslain in Gottschee 15 ). (VgL 
rum. iepure de casä „Haushase“). 

1 ) Edlinger Tiernamen 64. a ) Schräder 
Reallex. 407 f. 3 ) Keller Antike Tierwelt 1, 218. 
4 )Meyer-LübkeÄ£W r &. Nr. 2397. 6 ) Weigand- 
Hirt DWb. Sp. 978. 8 ) Leithaeuser Volks¬ 

kundliches I/i, 18 f. 7 ) Weigand-Hirt a. a. O. 
8 ) ebenda. ®) Riegler Tier 84. 10 ) Schräder 
op. cit. 407 f.; Edlinger Tiernamen 64; Rieg¬ 
ler Tier op. cit. 84 Anm. n ) Pauly-Wissowa 
10, 2, 1478 ff. 12 ) Schräder a. a, O. 13 ) ebda. 
14 ) Riegler Tier 85. 15 ) Satter Tiernamen 13. 

2. Biologisches. Nach französischem 
Volksglauben ist der Hase von Gott, das 
K. jedoch vom Teufel geschaffen 16 ). 
Ebenso wie dem Hasen schreibt der 
Franzose dem K. ein schwaches Ge- 


Kanthariden 


962 


961 


dächtnis zu ( avoir une memoire de lapin), 
weshalb ehemals in Frankreich der Genuß 
des K.fleisches beim Volke als gedächtnis¬ 
schwächend galt 17 ). Nach böhmischem 
Aberglauben ziehen K. Mäuse an und be¬ 
gatten sich mit ihnen 18 ). Bei den Kata¬ 
lanen darf man die K. nicht zählen, 
sonst gehen sie drauf 19 ). Damit sie nicht 
da vonlaufen, wenn man sich ihnen nähert, 
muß man die ganze Zeit pfeifen. Sie 
horchen dann mit gespitzten Ohren ohne 
sich zu rühren 20 ). Nach antikem Aber¬ 
glauben hat das K. im Herzen einen 
Knochen 21 ). 

10 ) Sebillot Folk-Lore 3, 3. 17 ) Riegler 

Tier 87. 18 ) Grohmann 61. 19 )Gomis Zoologia 
S. 188 Nr. 734. 20 ) op. cit. S. 188 Nr. 735. 

21 ) Pauly-Wissowa a. a. O. 

3. Beziehung zur Venus. Wie der 
Hase (s. d.) steht auch das K. wegen 
seiner Fruchtbarkeit in Beziehung zur 
Venus. Die Liebesgöttin wurde mit K. 
dargestellt 22 ), auch wurden ihr diese 
Tiere geopfert 23 ). Mit der erotischen 
Bedeutung des K.s dürfte es Zusammen¬ 
hängen, wenn im Hennegau K.fleisch als 
Übertrager der Lues gilt 24 ). 

M ) Siecke Göllerattribute 151. 23 ) Stengel 

Opfergebräuche 200. 24 ) Sebillot Folk-Lore 3, 48. 

4. Animismus. Gleich dem Hasen 
(s. d.) ist auch das K. eine häufige Seelen¬ 
epiphanie. Bei den Algonkinindianern 
ist es Totemtier 25 ). In unseren Kinder¬ 
liedern erscheint die Seele nicht selten 
als K. 26 ). Das metaphysische K. ist meist 
durch seine weiße Farbe kenntlich. Im 
französischen Volksglauben haust ein 
solches K. in Ruinen, ist unverwundbar, 
wird von Hunden gemieden und führt 
irre 27 ). Auch Feen und weiße Frauen 
(dames blanches) nehmen K.gestalt an 28 ). 
Tieferen Sinn bekommt die weiße Farbe 
in dem Volksglauben von der Milchfrau, 
die bei Lebzeiten getaufte Milch ver¬ 
kaufte und nach dem Tode zur Strafe als 
weißes K. umgehen muß 29 ). In England 
(zu Dartmoor in Devonshire) nimmt das 
vom wilden Jäger verfolgte Weib, um sich 
zu retten, vorübergehend die Gestalt 
eines weißen K.s an 30 ). 

2S ) Wundt Mythus 2, 159. 26 ) Wolf Niederl. 
Sagen 328 u. passim; Mannhardt Germ. 
Mythen 425®. 27 ) Sebillot Folk-Lore 4, 200. 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


28 ) op. cit. 3, 5-S; 4, 200. 29 ) Wolf Deutsche 

Märchen u. Sagen 172, zit. beiTobler Epiphanie 
S. 52 § 12. 30 ) Mannhardt 1, 122. 

5. Angang. Mit der animistischen 
Rolle des Tieres hängt die pessimistische 
Bedeutung von dessen Angang in Frank¬ 
reich und England zusammen (vgl. Hase). 
Aus deutschem Sprachgebiet liegen keine 
Belege vor. Als böses Zeichen gilt die 
Begegnung eines K.s in Ille-et-Vilaine 31 ). 
Ist ein K. in einem Wagen, stürzt dieser 
um 32 ). Bei Fischern ist das K. als un¬ 
glückbringendes Tier tabu 33 ). In Corn- 
wallis ist das K. dem in die Grube ein- 
fahrenden Bergmann ein böses Vor¬ 
zeichen 34 ). 

I 31 ) Sebillot op. cit. 3, 23. 32 ) op. cit. 3, 102. 

! 33 ) op. cit. 3, 21. 34 ) Hopf Tierorakel 67; Ho- 
j vorka-Kronfeld 1, 30. 

1 

; 6. Zauber und Gegenzauber. Ver¬ 

wendung des K.s zum Zauber scheint 
bei den Kulturvölkern nicht bekannt zu 
sein. Einen Fall von Regenzauber, bei 
dem ein K.fell zur Verwendung kommt, 
berichtet Frazer 35 ) von einem Neger¬ 
stamm. 

Auch im Gegenzauber spielt das K. 
keine sonderliche Rolle. Im Simmenthal 
(Schweiz) schützt ein K. im Stalle die 
Euter der Kuh vor Erkrankung (, ,Flug‘ *) 36 ). 
In Span.Amerika (Del Rio) bewahrt sein 
Herz vor Behexung 37 ). 

j 3ä ) 1, 295. 36 ) Zahler Simmenthal 40. 37 ) Se- 
; ligmann Blick 2, 124. 

i 7. Volksmedizin. Vielfach wird das 
K. in der Volksmedizin gebraucht. Zu 
Kranken wird es in das Bett gelegt, damit 
es die Krankheit an sich ziehe (Lungen¬ 
entzündung, Gelenkrheumatismus usw. ) 38 ). 
In Barcelona schneidet man ein lebendes 
K. entzwei und legt es Typhuskranken 
! auf den Bauch 39 ). K.fell wirkt schmerz¬ 
stillend (auch in Frankreich) 40 ) und wird 
namentlich säugenden Frauen auf die 
geschwollenen Brustdrüsen gelegt 41 ). Eine 
K.pfote in der linken Achselhöhle hilft 
gegen Zahnschmerzen 42 ). 

38 ) Hovorka u. Kronfeld 1, 231; 2, 43. 
39 ) Gomis Zoologia 189 Nr. 737. 40 ) Sebillot 
Folk-Lore 3, 49. 41 ) Lammert 169; Jühling 
Tiere 58. 42 ) Sebillot a. a. O. Riegler. 

Kanthariden. Das Wort K. bedeutet 
eigentlich nichts anderes als Käferchen, 

3i 




963 


964 


weshalb man sich nicht zu wundem 
braucht, wenn allerlei käferartige In¬ 
sekten gelegentlich so benannt werden. 
Namentlich die Schriftsteller des Alter¬ 
tums, die über Gifte und Gegengifte be¬ 
richten, werfen offenbar zwei Tiere zu¬ 
sammen: Lytta vesicatoria und Meloe 
eichorei. Die Ähnlichkeit der Larven 
beider Insekten hat ohne Zweifel die 
Konfusion begünstigt 1 ). Die Lytta vesi¬ 
catoria, die genauerhin als ,,Spanische 
Fliege” bezeichnet wird, ist keine Fliege, 
sondern ein länglicher, fast zylindrischer 
Käfer, 1 7 «—2V* cm lan §» 5 “ 8 mm breit, 
oben glänzend smaragdgrün oder goldgrün, 
zuweilen bläulich, mit durchdringendem, 
widrigem Geruch. Sein Vorkommen be¬ 
schränkt sich nicht bloß auf Spanien, son¬ 
dern auf fast ganz Süd- und Mitteleuropa. 
Er lebt auf Flieder, Geißblatt, Holunder, 
Ahorn, Eschen, Pappeln und Lärchen und 
tritt in den heißen Monaten scharenweise 
auf 2 ). Die in Deutschland vorkommenden 
Kanthariden gehören zur Käferfamilie der 
Meloidae, von denen die Meloe cichorei 
die bekannteste ist, Mai wurm oder Öl¬ 
käfer genannt 3 ). Zur Unterscheidung 
von dem bekannten Maikäfer bezeichnet 
man ihn in Bayern und Schlesien als 
,,Maiwurmkäfer“ 4 ). Der Gehalt an 

Gift (Kantharidin, C 10 H 12 O 4 ) schwankt 
bei den einzelnen Käferarten bedeutend. 
Das Kantharidin befindet sich vorzugs¬ 
weise im Blut und in den Geschlechts¬ 
teilen, überhaupt im ganzen Rumpf. Dies 
hatten schon frühe die Hippokratiker 
erfaßt, weil sie Kopf, Beine und Flügel 
als unwirksam wegwarfen. Das Rezept¬ 
buch des Scribonius Largus (1. J. 
v. Ch.) cap. 189 5 ) und die Arzneimittel¬ 
lehre des Pedanius Dioscurides (1. J. 
n. Ch.) 2, 65 6 ) verwenden indessen das 
ganze Tier, während Plinius n. h. 11, 
118 und 29, 93 f. zwar die Verwendung des 
Kopfes und der Beine kennt, selbst aber 
die Flügel bevorzugt. Auch hält er, 
ebenso wie Dioscurides, die bunten, mit 
gelben Querstreifen auf den Flügeln 
versehenen, desgleichen die dicken und 
etwas fettigen K. für besonders wirksam. 
Auf Grund der Verwendung der K. als 
Diurcticum, Abortivum, als Mittel 


zur Beförderung der Katamenien, zur 
Heilung von Aussatz, Krebs, Flechten 
und Wassersucht, läßt sich von den ver¬ 
schiedenen K.arten, welche die Alten 
meinen, kein genaues Bild gewinnen, da 
von Dioscurides und Plinius auch der 
Buprestis, einer von uns nicht mehr 
näher bestimmbaren Käferart, solche und 
ähnliche Wirkungen zugeschrieben wer¬ 
den 7 ). Bei den Römern war die tödliche 
Wirkung des Kantharidins sehr ge¬ 
fürchtet. Plinius führt den Tod des 
römischen Ritters Cosinus auf K.behand- 
lung zurück. Von der Tötung durch K. 

! zeugt ferner die Anekdote bei Cicero, 
wonach Theodor von Cyrene dem Ty¬ 
rannen Lysimachus, der ihn mit dem 
Tode bedroht, zuruft: ,,Du kannst ja 
| etwas gar Großes, da du die Kraft einer 
Kantharide hast” 8 ). In den „Giften und 
Gegengiften” nennt Ps. Dioscurides als 
Symptome der K.vergiftung: Ent¬ 
zündung, Blasen, Erkrankung der Ham- 
wege, blutiger Ham, Übelkeiten, Schwin¬ 
del und Geistesgestörtheit. Die Ein¬ 
wirkung auf die Harnwege stempelten die 
K. zum Aphrodisiacum. In einem 
Senatusconsultum der frühen Kaiserzeit 
wird die Verabreichung von stimulieren¬ 
den Mitteln mit Ausweisung bedroht; 
Mandragora, Bubrostis (Buprestis) und 
K. stehen hier in einer Reihe, woraus 
ersichtlich ist, daß man die Buprestis von 
den K. unterschied. 9 ). Die diuretische 
Wirkung des mäßigen K.gebrauchs ist 
fernerhin den arabischen Ärzten bekannt, 
von der aphrodisischen berichten sie aller¬ 
dings nichts. Erst der Arzt Ambroise 
Paret (1517—1590) hebt die Benützung 
der K. als Aphrodisiacum ausdrücklich 
hervor. Zu seiner Zeit war der Gebrauch 
von K.haltigen Pastillen und Bonbons 
in Frankreich Mode geworden. Im 
18. Jahrh. benützte die galante Welt 
„Pastilles ä la Richelieu” und „Bon¬ 
bons ä la Marquis de Sade“. Die 
„Diavolini di Napoli”, Damaskusbrot 
und Tunispralinees sind in der Haupt¬ 
sache mit K. versetzte Süßigkeiten 10 ). 
Ende des 18. Jahrh. verstand man unter 
„Kanthariden” auch eine Sammlung von 
erotischen Gedichten usw., die J. G. 


05 


Kanthariden 


966 


Büschel herausgab u ). Die volkstüm¬ 
lichen Bezeichnungen für die K., 
welche als Pulver oder Getränk zu stimu¬ 
lierenden Zwecken eingenommen werden, 
zeichnen sich durch. derbe Unverblümt¬ 
heit aus: Lust- und Liebespuiver, Mut- 
und Reitpulver, Geil- und Hahnenpulver, 
„Steh auf”, Steifpulver, Beutelsstück¬ 
pulver, Pimperpulver, Fotzenpulver, Wut- 
und Satanspulver, Wut wein und Wut¬ 
schnaps, Hammelbammelessig oder Sah¬ 
nenstangenessig 12 ). Der Gebrauch der K. 
ist in Deutschland allgemein und früh¬ 
zeitig bekannt. Der Amstädter Kräuter¬ 
mann (Anfang des 18. Jahrh.) gibt zu der 
Bereitung der von den Frauenzimmern 
hoch venerierten Morsellen folgendes Re¬ 
zept: Candirte Stendelwurtz, Mannstreu- 
wurtzel, weißen Senfsamen, Zimmet, 3 
Quentl. Stinci Marini und Spanische 
Fliegen, welche von Köpfen, Flügeln und 
Füßen gereinigt sind, dazu Zucker in 
Aqua magnanimitatis solviret, bereite 
davon Morsellen-Täfflein. Solche dienen 
den jungen Weibern, so faule Männer im 
Bett haben, davon die Männer nach und 
nach ein Stückchen essen können, werden 
wohl operieren 13 ). Recht zweifelhaft ist 
eine aridere Angabe Kräutermanns: Wenn 
man die große Zehe des rechten Fuß.s 
mit Öl, in welchem Spanische Fliegen 
zerkochet, salbet, so wird das membrum 
virile wunderwürdig starren 14 ). Auch 
im Kaffee werden heimlich von den 
fränkischen Mädchen K., denen der Kopf 
abgebissen ist, für den Geliebten ge¬ 
kocht 15 ). In Bayern und in Tirol, wo noch 
die alte Sitte der Komm- oder Probe¬ 
nächte besteht, spielen die K. eine 
Rolle 16 ). Dort nennt man die K. wegen 
ihrer diuretischen Wirkung „Piß- oder 
Haferlkäfer”, im Hennebergischen da¬ 
gegen werden sie ganz einfach „Muckele” 
genannt 17 ). Die häufige Anwendung der 
K. ist jedoch nicht unbedenklich 18 ). In 
einer Anweisung heißt es: „man gebe nicht 
viel davon, sonst wird das Weibsbild 
verrückt” 19 ). Bei übermäßigen Dosen 
stellt sich bei den Männern Satyriasis 
und Delirium, bei den Frauen Nympho¬ 
manie ein 20 ). Es ist leicht verständlich, 
wenn man der Impotenz durch K.Be¬ 


handlung entgegentritt 21 ). Gegen den 
Biß eines tollen Hundes streuen 
südungarische Zigeuner ein Pulver aus K.; 
auch in Deutschland werden „Hunds- 
wutmittel” von Plausierern angeboten 22 ). 
In Persien werden K. von den Prosti¬ 
tuierten dargereicht, in China ist der 
Gebrauch der K. als Gift und Aphro¬ 
disiacum uralt 23 ). Die marokkanischen 
Städtebewohner bedienen sich der K. in 
Form einer Latwerge in ausgedehntem 
Maße 24 ). Im Liebeszauber ist die K. 
gern gesehen, da sie ein Bestandteil des 
Liebestrankes ist 25 ). Um die Mitte des 
17. Jahrh. legte sogar einmal in Frank¬ 
reich ein Hirte eine K. unter das Corpo- 
rale während der Messe, um sich die 
Frauen und Mädchen in der Liebe gefügig 
zu machen 26 ). Auf wen sich eine K. setzt, 
der wird sich in Liebcshändel verwickeln 27 ). 
Jetzt werden K. nur noch als Brunst¬ 
pulver für Kühe innerlich angewandt M ). 

l ) Abels: A. f. Kriminalanthropologie 62, 385 
| zu 50, 212. 2 ) Möller in K. E. der Pharm. 3, 

337. 3 ) Keller Antike Tierwelt 2, 414. 4 ) Abels 
62, 383t. *) F. Rinne Das Rezeptbuch des 

Scribonius Largus — Hist. Stud. aus dem Phar- 
makol. Institut der Univers. Dorpat 5 (1896), 
88. •) Hörendes Des Pedanius Dioscurides 

Arzneimittellehre übers, u. erkl. (Stuttgart 1902) 
171. 7 ) R. v. Grot Über die in der Hippokrati- 
| sehen Schriften Sammlung enthaltenen pharmakolo¬ 
gischen Kenntnisse — Dorp. Hist. Stud. 1 (1889), 
105 f.; Dioscurides 2, 66; Plinius 29, 94. 
8 ) Tu sc. Disp. 5, 40. 117 = Valerius Maximus 
6, 3 Ext. 3 (284, 21 ff. Kempf). 9 ) Berendes 
a. a. O.; Rinne a. a.O.; Digesten 48. 8. 3. 3 
u. 4. 10 ) Abels 50, 213. ll ) Ders. 62, 385 zu 
50, 214. 12 ) Ders. 50, 202. 207; G. Arends 

Volkstümliche Namen der Arzneimittel, Drogen 
und Chemikalien (1926) 179. 205. 13 ) 164 = 

Jühliag Tiere 90. 14 ) 165 = Jühling 90 = 
Anthropophyteia 4, 115 = Aigremont Fu߬ 
erotik 41. 15 ) Wuttke 365 Nr. 551; Flügel 

Volksmedizin 46. = Ploss Weib 9 1, 651. 16 ) Abels 
50. 203. 17 )Ders. 205. 18 ) I. Bloch Das Sexual¬ 
leben unserer Zeit (1908) 500; Hovorka und 
Kronfeld 1, 232. 19 ) Anthropophyteia 6, 224. 

20 ) Abels 206. 21 ) v. Henrici Weitere Studien 
über Volksheilmittel verschiedener in Rußland leben¬ 
der Völkerschaften = Dorp. Hist. Stud. 4 (1894), 
128; v. Wlislocki Volksglaube 169; Ders. Ma¬ 
gyaren 93. 22 )Ders. Volksglaube 162; v. Grot 106; 
Abels 62, 384 zu 50, 206 u. 220. 23 ) Ders. 50, 
216. 24 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 166. 25 )Wlis- 
locki Volksglaube 134; Gerhardt Franz. 
Novelle 136. *•) S^billot Folk-Lore 3, 331. 

27 ) Wlislocki Magyaren 80. 28 ) Berendes 171. 

Karle. 


967 


Kanzel—Kapaun 


968 


Kanzel. Nach schlesischen Sagen ver¬ 
mag ein K.Schlüssel, den man in der 
Christnacht abzieht, den Zugang zu ver¬ 
borgenen Schätzen auf dem Gipfel der 
Landskrone zu öffnen. Andere glauben, 
es müsse der K.Schlüssel aus der Görlitzer 
Peterskirche sein und man brauche dazu 
die dort liegende Habermann’sche Altar¬ 
bibel 1 ). 

Bemischer Volksglaube aus dem Anfang 
des 19. Jahrhunderts vermeint, es helfe 
einem Kranken mehr, wenn auf drei K.n 
für ihn gebetet wird, statt auf einer 2 ). 
Scherzhaft sagt man in Schwaben von 
der Verlesung der Konfirmanden: „Sie 
werden von der Kanzel herabgeschmissen" 
(das Gleiche andernorts bei dem kirch¬ 
lichen Heiratsaufgebot), und um diesen 
Ausdruck den Kindern wörtlich glaubhaft 
zu machen, sagt man, die Konfirmanden 
müßten sich deswegen mit Baumwolle 
umwickeln, oder man stelle Betten unter 
die K.n, damit die Konfirmanden nicht 

so hart auf fielen 3 ). 

Die K. als Verkündigungsort des Evan¬ 
geliums ist dem Teufel selbstverständlich 
verhaßt, und ihre Erstellung bedeutet für 
ihn oft das Ende seiner Macht. So wollte 
er nach einer oldenburgischen Sage einst 
eine im Bau befindliche Kirche zerstören, 
das konnte er, solange die K. noch nicht 
fertig war. Da er aber mit der Zertrüm¬ 
merung bis kurz vor der Bauvollendung 
warten wollte, damit den Leuten die Lust 
verginge, mit dem Bau wieder anzufangen, 
wurde er überlistet: bevor die Kirche noch 
gedeckt wurde, stellte man die K. auf. 
Wütend, aber umsonst, stemmte sich der 
Teufel mit dem Rücken an die Mauer, 
um die K. mit dem Fuße umzustoßen. Die 
Spur von Pferdehuf und Schwanz ist 
noch im Mauerwerk zu sehen und wurde so 
Anlaß zu dieser Sage 4 ). — Viel häufiger 
aber • sind Sagen von sog. Teufelsk.n, 
von denen aus der Teufel selbst um An¬ 
hang wirbt. In der Schloßkirche zu 
Chemnitz z. B. steht der eigentlichen K. 
die sog. Teufelsk. gegenüber, die der 
Teufel selbst aus Wut über das neuerbaute 
Gotteshaus in einer Nacht erstellte, deren 
Zugang er aber aus besonderer Bosheit 
vermauerte. Die Spur eines Pferdefußes 


verrät sein Wirken 5 ). Groß ist die Zahl 
der Felsen, die man ihrer besonderen 
Gestalt wegen Engels- und Teufelsk.n 
genannt hat: Engel und Teufel sollen 
sich da jeweils gegenüber gestanden und 
um die Wette gepredigt haben, um 
dem Gegner Menschenseelen abzujagen 9 ). 
Von andern Teufelsk.n wird erzählt, daß 
sie der Teufel bei nächtlichen Hexen¬ 
versammlungen besteige, um von dort 
aus zu predigen 7 ). Auch einzelne Felsen 
mit dem Namen: K., Predigerstein oder 
Predigerstuhl kommen häufig vor 8 ). 

i) Haupt Lausitz 1, 256. 2 ) SAVk. 21 (1917), 
48. 3 ) Höhn Geburt 278; Bächtold Hochzeit 1. 
268. 4 ) Strackerjan 2, 288. 6 ) Meiche 

Sagen 457 Nr. 593, nach Grässe Sachsen 1, 
Nr. 553. °) Grimm Sagen 1, 238 u. Myth. 855; 
Laistner Nebelsagen 36. 39£. 242; Eisei Voigt- 
land Nr. 5. 7 ) Grässe Preußen i, 481. •) Wein¬ 
hold Festschrift 150. Künzig 

Kapaun. Von dem kastrierten Hahn 
wissen wir in der Gegenwart keinen deut¬ 
schen Volksglauben nachzuweisen. Alles, 
was die älteren Zoologen über ihn be¬ 
richten, ist antiken oder mittelalter¬ 
lichen Tierbüchern entnommen. Beson¬ 
ders ausführlich ist Gesner in seinem 
Vogelbuch *). Zunächst spricht er, im 
Anschluß an Plinius (N. H. 37, 54, I 44 )> 
Solinus (Coli. rer. mem. 1,77), den Phy- 
siologus und Spätere von dem Stein, 
der im Magen und der Leber des ver¬ 
schnittenen Hahns wachse und zu man¬ 
chen Dingen gut sei 2 ). ,,Auß dem buch der 
natur (Thomas Cantimpratensis De 
natura rerum) 3 ) / Etwan wird dem Hanen 
nach drey jaren verschnitten / vnd denn 
! laßt man jn fünff oder sechß jar darnach 
laben / so wirt in seiner läberen der stein 
Alectoria gefunden: vnd nach dem er 
den empfangen / trinckt er nit mer. 
Darumb so einer disen stein in seinem 
mund hat / dürst jn darnach nit weyter.. 
Phisiologus sagt / daß diser stein in deß 
Hanen bauch wachse / dem nach drey 
jaren capaunet seye / vnd siben jar dar¬ 
nach läbe: dann zu der selbigen zeyt 
wirt er jn tragen. Mit disem stein sol 
man alle ding mögen erwerben 
vnd überkommen. Dann der ist gut 
denen die nieren erkaltet sind. Der von 
den frawen getragen / machet sy jrem 


969 


Kapelle 


970 


mann wolgefallen / macht in sighafft 
kriegen on durst: darumb streytend die 
künig so den im mund getragen / gewal- 
tigklichen. Er machet auch den menschen 
angenäm. Daß er aber dise ding alle 
vermöge / sol er im mund verschlossen 
getragen werden“. Auch Georg Agricola 
(welche Schrift ?) wird von Gesner zitiert. 
Auf fol. 85 spricht er, nach Leonellus 
Faventinus, Euonymus Philiater, Mar¬ 
cellus und eigenen Erfahrungen von der 
Heilkraft des K.enfleisches, -fettes 
und namentlich der Absud brühe. Auch 
nach Ettner’s ,,Arzneiaffen“ 968 ist 
ein Brustpflaster von Feigen und K.enfett 
gut gegen alle Kinderkrankheiten. 

Deutsche Ausgabe v. 1555, fol. 83h. 2 ) 77b 
3 ) Bei Vincentius Bellovacensis Speculum 
naturale über 16, cap. 79. Hoff mann-Krayer. 

Kapelle. 

1. Allgemeines. 2. K.n über heilkräftigen 
Quellen. 3. Über Bäumen und Bildstöcken. 

4. Votivgaben. 

1. Während der Protestantismus vor¬ 
wiegend nur Gemeindekirchen kennt, 
haben die Katholiken außer Pfarr- und 
Klosterkirchen noch zahlreiche Neben- 
Kirchen und -Kapellen: Wallfahrts- oder 
sog. Gnadenk.n, Sühnek.n und reine 
Privatk.n, besonders in Gebirgsgegenden 
und Gebieten, wo die Hofsiedlung vor¬ 
herrscht. Die meisten solcher K.n sind 
in Privatbesitz und werden für den 
kirchlichen Kultus nicht direkt benötigt. 
Ihre Entstehung verdanken sie etwa 
einem frommen Gelübde für Errettung 
aus Not oder Krankheit oder aber einem 
Wundergeschehnis. — Manche K. ist 
ferner gebaut worden, um einen um¬ 
gehenden G e i s t zu beruhigen oder eine 
arme Seele zu erlösen 1 ), auch um 
den Teufel zu vertreiben 2 ). Bau-und 
Gründungssagen vom verschleppten Bau¬ 
material, von platzweisenden Zugtieren i 
oder Vögeln, himmlischen Erscheinungen, 
geheimnisvoller Musik aus dem Innern 
eines Baumstammes usw., sind auch hier 
wie bei den Kirchen (s. d.) ganz geläufig. 

Wie sehr K.n unterm besonderen 
Schutz des Himmels stehen, zeigte 
sich manchmal bei Feuersbrünsten, wo 
die K. mit Altar allein verschont blieb, 
während alles ringsum niederbrannte 3 ). 


Wunderbare Zeichen 4 ) oder Gespenster 5 ) 
verhindern, daß K.n, auch wenn sie 
baufällig geworden sind, abgebrochen 
oder auch nur, daß sie umgebaut werden 6 ); 
in anderen Fällen nötigen sie die An¬ 
wohner, eine bereits zerstörte K. wieder 
aufzubauen 7 ). Niemand darf ungestraft 
Steine vom Gemäuer einer K. für welt¬ 
liche Bauten benützen 8 ). 

2. Auffällig viele K.n sind über heil¬ 
kräftigen Quellen erbaut worden 9 ), 
aus denen man trinkt, mit deren Wasser 
man sich wäscht, um allerlei Krankheiten 
zu heilen. Besonders häufig wird der 
Gnadenbrunnen gegen Augenerkrankun¬ 
gen gebraucht (Luden-, Ottilien-, Magda- 
lenen-, Ulrichs-, Marien-, St. Wolfgang¬ 
quellen), aber auch gegen Zahnschmerzen, 
Kopfweh, Gliederreißen und vieles An¬ 
dere 10 ). In den meisten Fällen sind unver- 
kenntlich diese K.n zum Schutz der Heil¬ 
quellen erbaut, zugleich natürlich, um 
für die Betenden und Heilungsuchenden 
einen Andachtsraum zu schaffen. Die 
Quelle ist also fast stets älter als die K. 
selbst. K.n über Heilquellen, den sog. 
Agiasmata, finden sich auch im heutigen 
Griechenland und zwar oft an der Stelle 
einer alten Asklepiosquelle 11 ). In Deutsch¬ 
land waren sicher viele von K.n überbaute 
Quellen schon Kult- und Opferstellen in 
vorchristlicher Zeit. Der Patron der K. 
hat den heidnischen Mythos verdrängt 
bzw. übernommen. 

3. Wie über Quellen sind Wallfahrts¬ 
kapellen öfters über einem Bildstock 
oder einem Baumstumpf mit dem 
Gnadenbild gebaut, das zuvor nur mit 
einem einfachen Schutzdach versehen 
war. Ja über ganze Bäume wurde eine K. 
errichtet, so zu Maria-Linde in Ostpreußen, 
wo man um 1400 die Linde als Trägerin 
des Marienbildes mit ihrer Krone in die K. 
einbezog, bis der Gipfel durch das Dach 
wuchs und darin die K. überschattete 12 ). 
Man wagte nicht, den heiligen Baum zu 
versehren. An berühmten Wallfahrts¬ 
orten baute man über die alte K., die 
stehen blieb, später prunkvolle Kirchen, 
so in Loreto, in Assisi, Maria Einsiedeln, 
in Saragossa. 

4. Das Innere der K.n ist, besonders 



97i 


Kapitularien 


972 


in Süddeutschland, häufig mit Weihe- 
und Votivgaben geschmückt, die an der 
Wand der Decke oder dem den Altar ab¬ 
schließenden Gitter hängen und von 
zahlreichen Heilungen Zeugnis ablegen. 
Vgl. hierzu Andree, Votive und Weihe¬ 
gaben des katholischen Volkes in Süd¬ 
deutschland, Braunschweig 1904 und Kriß, 
Gnadenstätten, 1931. Besonders her¬ 
vorgehoben sei hier die Sitte, K.n von 
außen mit großen Votivketten zu um¬ 
spannen. So sind viele Leonhardsk.n u. 
-Kirchlein in Krain, Kärnten, Steiermark, 
Salzburg, Tirol, Bayern und Württemberg, 
also in dem ganzen Gebiet, in dem der 
Heilige als Viehpatron verehrt wird, noch 
heute von mächtigen, bis 100 m langen 
Eisenketten umzogen, die meist in Höhe 
des oberen Drittels der Kirchenfenster 
mit eisernen Klammern befestigt sind 13 ). 
Sie wurden vielfach von Bauern ,,ver¬ 
sprochen", die mit ihrem Vieh in Lebens¬ 
gefahr gerieten 14 ), von Frauen, deren 
Männer im Krieg waren, für glückliche 
Heimkehr 15 ) oder anläßlich einer Vieh¬ 
seuche aus den Stallketten 16 ) und aus den 
Hufeisen der erkrankten, in einem Fall der 
jungen 17 ) Rosse zusammengeschmiedet 18 ). 
Eine Kette der Leonhardskirche bei St. Veit 
in Kärnten soll aus den Hufeisen gefallener | 
Pferde gemacht sein 10 ). Andree ver- j 
mutet 20 ) auf Grund eines Kupfers der j 
Leonhardskirche in Inchenhofen aus dem 
Jahre 1752, daß neben den Halsketten 
des Viehes früher auch Ketten von 
befreiten Gefangenen geopfert wurden, 
wofür sich tatsächliche Belege finden 21 ). 
Wie wir schon sahen, ist in vielen, teils 
vermuteten, teils bezeugten Fällen aus den 
verschiedenen eisernen Votivgdben (Huf¬ 
eisen, Halsketten der Tiere, Kerkerketten) 
eine große imposante Votivkette ge- I 
schmiedet worden 22 ); daneben bleibt 
mehrfach die Möglichkeit, daß die große 
Kette primäre Stiftung ist. Von der 
großen Eisenkette um die Leonhards-K. j 
bei Brixen glaubt man, daß alle sieben j 
Jahre ein neues Glied hinzuwachse und 
wenn sie sich dreimal herumschlinge, 
dann gehe die Welt unter 23 ). Zum Dank 
für Errettung aus Türkengefahr soll man 
um die Höllerk. bei St. Georgen in 


Kärnten gar eine goldene Kette gelegt 
haben; sie wurde von den Friesachern 
aber später gegen eine eiserne vertauscht, 
und zur Sühne dafür muß heute noch 
alljährlich eine Messe gelesen werden. 
Das Volk glaubt, die Kette solle die 
Macht des Teufels abhalten 24 ). Zur 
Erklärung der kettenumspannten 
Kirchen und K. sind verschiedene Ver¬ 
suche gemacht worden. Liebrecht 25 ) 
verweist auf das Seil zum Artemistempel 
in Ephesos und die bretonische Sitte, 
einen dreifachen Wachsgürtel um die 
Kirche zu legen. Ganz wahrscheinlich ist 
Simrocks Vermutung 26 ), daß eine Be¬ 
ziehung zu dem Seidenfaden um Laurins 
Rosengarten bestehe. Quitzmann 27 ) 
glaubt, ein Nachleben des nordischen 
Mythos von Fro, dem Gefangenenbe¬ 
freier, in der Kettenumspannung zu 
erkennen (s. Hegung 3, 1628ff.). 

x ) Kühnau Sagen 1, 199 Nr. 192; Philo 
Schlesien 1884, 24; Kuoni St. Galler Sagen 19. 
2 ) von Mailly Friaul 71 Nr. 86, IV. 3 ) Zim- 
mernsche Chronik 2, 167 ff. 4 ) Solothurner 
Wochenblatt 1 (1911), 426. 6 ) Kühnau Sagen 
3, 434 Nr. 1807 (aus Naso Phoenix redivivus 
1667). 6 ) Kühnau 3, 447 Nr. 1822. 7 ) von 

Mailly Friaul 70. 8 ) Hoffmann Orienau 90; 
Baader Sagen 96; Panzer Beitrag 2, 203 Nr. 
353 - 9 ) Wein hold Quellen 38; Andree Vo¬ 
tive 24. 10 ) Ebd. iS ff. n ) Schmidt Volks¬ 
leben der Neugricchen 79. 12 ) Beissel Wall¬ 

fahrten zu unserer lieben Frau. Freiburg 1913, 
275. 13 ) Andree Votive 70 ft. 14 ) Ders. a. a. O. 

70. 15 ) Huber Fromme Sagen aus Salzburg 

1880, 84. 16 ) Bavaria 1, 384. 17 ) Birlinger 

Aus Schwaben 1, 50. 18 ) F. X. Kraus Die 

Kunstdenkmäler des Kreises Villingcn, Freiburg 
1890,37. 10 ) MAGW. 23, 200. ao ) Andree a. a. O. 

71. 21 ) Jegerlehner Oberwallis 159. 22 ) Außei 

den Anmerkungen 14—19 bereits genannten 
Beispielen vgl. Schierghofer Altbayerns Um¬ 
ritte 11. Leonhardifährten. München 1913, 51; 
Panzer Beitrag 2, 393. 23 ) Heyl Tirol 116. 

24 ) Gräber Kärnten 368 Nr. 502. 25 ) Zur Volks¬ 
kunde 309. 26 ) Myth . 4 (1887) 433 u. 515. 27 ) Die 
heidnische Religion der Baiwaren 92. 

Künzig. 

Kapitularien. 

Waitz, DVG. 3, 599 ff.; 4, 82 ff.; R. Schrö¬ 
der Rechtsgeschichte §32; v. Amira Grundriß 
der german. Phil. Bd. 5, § 6. 

Kapitular ist zunächst die Bezeichnung 
der in Kapitel eingeteilten Verordnungen 
der Karolingerzeit seit Pippins distincta ca - 
pitula von 755. Dann wird die Benennung 
auf andersartige karolingische Satzungen 


973 


Kapnomantie 


974 


i • 


übertragen und auf die entsprechenden 
Verordungen der Merowinger zeit, für 
welche ursprünglich andere Bezeichnun¬ 
gen (edictum, decretum usw.) galten. 

Die Kap. sind teils königliche Erlasse, 
teils Beschlüsse von Reichsversammlungen. 
Sie haben den Zweck, geltendes Recht 
zu ergänzen. Ob die von Boretius x ) 
stammende Einteilung in Capitula legibus 
addenda, Capitula per se scribenda und 
Capitula tnissorum mehr als eine äußer¬ 
liche Einteilungsberechtigung hat und 
wirklich rechtshistorisch wesentliche Un¬ 
terschiede trifft, ist bei den Rechts¬ 
historikern 2 ) strittig. 

Gesammelt wurden die zerstreuten Kap. 
in alter Zeit nur recht unvollkommen 
von Ansegis von Fontanelle 3 ) im Jahre 
827. Die jetzt maßgebende Sammlung 
ist die der Monumenta 4 ). 

Der Inhalt der Kap. erschöpft nicht 
alle Seiten des Rechtslebens, aber berührt 
sie doch alle. In bunter Mischung bieten 
sie uns teils dauernde, teils zeitlich ein¬ 
malige Verordungen auf weltlichem und 
kirchlichem Gebiet. Auf letztgenanntem 
übernehmen sie gelegentlich die Bestim¬ 
mungen vorausgegangener Synodalbe- 
schlüsse und stützen sie durch die staat¬ 
liche Autorität 5 ). Unter diesen Be¬ 
stimmungen finden sich zahlreiche Ver¬ 
ordungen über die im Volke fortlebenden 
Reste von heidnischen Anschauungen und | 
Bräuchen jeder Art. Man vergleiche ! 
vor allem das von Werminghoff 1897 
fertiggestellte Register zu der Monu¬ 
menten ausgabe. Ebenso wie die Capi- 
tulare in ihrer Gesamtheit beziehen sich 
auch diese Bestimmungen auf Verhält¬ 
nisse der fränkischen und nicht fränkischen, 
natürlich der romanischen Bevölkerung des 
Gesamtreiches. Nicht immer ist diese 
Beziehung genau festzustellen. Allge¬ 
meiner Art ist die Admonitio generalis 6 ) 
von 789, für sächsische Verhältnisse ist 
vor allem die 777 oder 785 entstandene 
Capitulatio de partibus Saxoniae 7 ) wichtig, 
während das interessante Capitulare de 
villis neuerdings nach Südfrankreich 
(Aquitanien) verlegt wird 8 ) und bei 
dieser Annahme aus den für die deutschen ; 


Stämme wichtigen Quellen ausscheiden 
muß. 

x ) Die K. im Langobardenreich 1864 und Bei¬ 
träge zur Capitularienkritik 1874. a ) G. See- 
liger Die K. der Karolinger 1893 und derselbe 
bei Hoops Reallexikon 3, 15 f.; dazu Schrö¬ 
der a. a. O. 3 ) Literatur bei Schröder a. a.O. 
S. 261. 4 ) MG. Leges sect. II Capit. reg. Franc. I 
hrsg. von A. Boretius 1883, II hrsg. von 
A. Boretius und V. Krause 1893. c ) Vgl. 
Helm Relig.gesch. 1, 92 Anm. 108. 6 ) MG. I, 
S. 52 f. 7 ) A.a.O. 82 ff. 8 ) Vgl. ZfRechtsgesch. 
Germ. Abt. 36, 1 ff. Helm. 

Kapnomantie (Rauchwahrsagung). 

Die Bezeichnung ist nicht antik, sondern 
eine Neubildung vermutlich des 16. Jhds., 
geprägt nach dem Muster anderer, aus 
dem Altertum überlieferter Divinations- 
namen 2 ). Sie ist seit Agrippa in Ge¬ 
brauch und fehlt kaum in einem der zahl¬ 
reichen Bücher des 16.—-20. Jhds., die 
die einzelnen Wahrsagekünste behan¬ 
deln 2 ). 

Im Aberglauben der Gegenwart oder 
der jüngsten Vergangenheit lassen sich 
zahlreiche Zeugnisse für Zukunftsdeu¬ 
tung aus dem Rauch nachweisen; sie 
sind größtenteils von Freudenthal 3 ) 
gesammelt worden, der außerdem im 
Artikel „Rauch" dies Gebiet nochmals 
behandeln wird. Darum seien hier nur 
die hauptsächlichsten Erscheinungsfor¬ 
men dieses Glaubens hervorgehoben, um 
einen Vergleich mit denen der Antike 
und des Mittelalters zu ermöglichen. 
Es wird sich dabei zeigen, wieweit die 
antike K. etwa in späterer Zeit fortge¬ 
wirkt hat. Eine Musterung der Zeugnisse 
ergibt ohne weiteres, daß für die Neuzeit 
zwei Grundformen zu unterscheiden sind: 
die Beobachtung des Rauches ist ent¬ 
weder nur Teilstück eines größeren 
Ritenkomplexes, oder aber sie stellt sich 
als eine selbständige, ad hoc veranstaltete 
mantische Handlung dar. Der erste 
Typ liegt z. B. in folgenden Fällen vor: 
Wenn bei einem Sterbefall das Stroh 
verbrannt wird, auf dem der Tote ge¬ 
legen hat 4 ), oder wenn dem heraus¬ 
getragenen Sarg heißes Wasser nach¬ 
gegossen wird 5 ), so zeigt die Richtung 
des Rauches oder Dampfes an, wo sich 
der nächste Todesfall ereignen wird. 
Wenn nach der letzten Kommunion oder 


975 


Kapnomantie 


977 


Kapnomantie 


978 


der letzten Ölung der Rauch der aus¬ 
gelöschten Kerze nach oben steigt, so 
deutet man dies auf Genesung des Kran¬ 
ken; bewegt er sich auf die Tür zu, so 
kündet er Tod; ähnliche Beobachtungen 
werden gemacht, wenn die Lichter aus¬ 
geblasen werden, nachdem der Sarg 
hinausgetragen worden ist 6 ). Beim Früh¬ 
lings- und beim Johannisfeuer schließt 
man aus der Richtung des Rauches auf 
den Zug der Gewitter, auf den Ausfall der 
Ernte, auf die Herkunft des Freiers 7 ). 
Beim Ausräuchern der Scheune am Christ¬ 
abend, am Neujahrs- oder Dreikönigs¬ 
tag gilt ein senkrecht und geschlossen 
aufsteigender Rauch als günstiges, ein 
geteilter als ungünstiges Vorzeichen 8 ). 
In allen diesen Fällen hat das Wahrsagen 
aus dem Rauch einen mehr sekundären 
Charakter: die Handlungen, mit denen 
es verbunden ist, werden nicht ausdrück¬ 
lich zu diesem Zweck vorgenommen, 
das beobachtete Phänomen ist nur eins 
von einer größeren oder kleineren Anzahl 
anderer; so kommt es z. B. bei den best¬ 
feuern auch darauf an, daß sie prasselnd 
und hoch brennen, die K. ist hier eng 
mit der Feuerwahrsagung (s. Feuer, 
Pyromantie) verbunden, während sie bei 
der Beobachtung des Kerzenrauches nur 
eine der verschiedenen Formen des Kerzen¬ 
orakels ist (s. Kerze, Lychnomantie). 
Anders ist es, wenn ein Mädchen einen 
alten Besen anzündet, um aus der Rich¬ 
tung des entstehenden Rauches die Her¬ 
kunft ihres Freiers zu erschließen 9 ), 
wenn man an einem besonders gewählten 
Tag auf das Niederschlagen des Rauches 
achtet, um festzustellen, ob ein Todes¬ 
fall bevorsteht 10 ), wenn man Weihrauch 
in einen neuen, mit glühenden Kohlen 
gefüllten Topf wirft, um Gewißheit über 
Gesundung oder Tod eines Kranken zu 
bekommen, je nachdem der Rauch gerade 
aufsteigt oder zur Tür hinzieht 11 ). 

Für die Zeugnisse über die antike K. 
läßt sich genau die gleiche Gruppierung 
in zwei Haupttypen durchführen; auch 
hier finden wir teils eine eng der Pyro¬ 
mantie angeschlossene, teils eine selbst¬ 
ständige K. Wir begnügen uns wieder 
mit einigen Beispielen und verweisen für 


976 ff 

die Einzelheiten auf die einschlägigen 
Darstellungen 12 ). In den meisten Fällen J 

bezieht sich die antike K. auf den Rauch, 
der vom Brandopfer aufsteigt. Sie stellt 
sich also damit als eine der zahlreichen 
beim Opfer geübten Divinationen dar, 
speziell als Teil der Pyromantie oder, noch ; 

genauer, der Empyromantie dar, d. h. ^ 

der Prophezeiung aus den s^ropa, den 
am Opferfeuer sich darbietenden Zeichen. 

Es brauchte sich dabei nicht nur um 
blutige Opfer zu handeln; auch die Ver¬ 
brennung von Weihrauch u. dgl. bot 

dazu Gelegenheit und wurde von Be- 
kämpfern des Tieropfers, wie Pytha¬ 

goras, ausschließlich dafür verwendet 13 ), 
vgl. Libanomantie. Der Beobachtung , 

des Opferdampfes wurde in manchen ;; 

Kulten eine so große Bedeutung beigelegt, 
daß zum Tempelpersonal ein besonderer 
,,Rauchbeobachter“ (xonrvau'^c) gehörte 14 ). 

Da die Mantik auf Grund der Empyra 
und damit des Opferrauches ein beliebtes 
Motiv der antiken Dichtung war 15 ), so , 

sind wir über einige Einzelheiten der 
Deutung unterrichtet: So galt zu starker 
Rauch bei schwacher Flamme als un¬ 
günstiges Zeichen, dagegen bedeutete ein 
normaler, gerade aufsteigender Rauch 
Gutes. Auch die Richtung des Rauchs 
und seine Färbung wurden beachtet, 
purpurne Farbe wurde als glückliches, 
blutige als unglückliches Vorzeichen ge¬ 
deutet. Der zweite Grundtyp einer 
selbständigen, eigens zum Zweck der 
Zukunftserkundung (fatidicum sacrum) 
angestellten K. ist im Altertum gleich¬ 
falls vertreten, wenn auch nur ein Zeugnis 
dafür vorliegt 16 ). 

Über die Verbreitung der IC. im frühen 
Mittelalter gibt es keine völlig ein¬ 
deutigen Zeugnisse. Die 17. Kapitel¬ 
überschrift des Indiculus superstitionum 
,,De observatione pagana in foco vel in 
inchoatione rei alicuius“ bezieht sich 
keinesfalls ausschließlich auf die K. 17 ), 
sondern offenbar auf die verschiedensten 
pyromantischen Gebräuche. Die bei Eli¬ 
gius von Noyon (gest. um 641) 18 ) 
und bei Pirmin von Reichenau (gest. 

758) 19 ), erwähnten „impurae, impuriae“ 
oder dgl. sind noch nicht einwandfrei 


gedeutet; keinesfalls können sie, wie 
neuerdings versucht wurde, einfach als 
Rauchorakel = Ijjnrupa erklärt werden 20 ), 
eher wäre es möglich, darunter Wahr¬ 
sagerinnen zu verstehen, die aus dem 
Feuer und dem Rauch prophezeiten **). 
Aber selbst wenn dies zuträfe, ist aus 
diesen Stellen nicht mit Sicherheit auf 
germanische Vorstellungen zu schließen, 
da sie vermutlich auf Caesarius von 
Arelate zurückgehen, dessen Polemik sich 
nicht gegen germanisches, sondern süd¬ 
gallisches, hellenistisch-orientalisch beein¬ 
flußtes Heidentum richtet 22 ). Daß sich 
gewisse, auf einfachen Assoziationen be¬ 
ruhende Anschauungen von der Bedeu¬ 
tung des Rauches auch bei den Germanen 
vorfanden, ergibt sich aus dem Glauben, 
je höher der Rauch bei der Leichen Ver¬ 
brennung steige, mit umso größerer Ehre 
werde der Verstorbene droben emp¬ 
fangen 23 ). 

Von den Schriftstellern des ausgehen¬ 
den Mittelalters und der Neuzeit, die 
sich über die K. äußern, ist an erster Stelle 
J. Hartlieb zu nennen, der auf die 
Rauchwahrsagung im Rahmen seiner aus¬ 
führlichen, wenn auch verworrenen Be¬ 
handlung der Pyromantie (s. u. Anm. 1) 
in den Kapiteln 80—82 seines 1456 er¬ 
schienenen Werkes ,,Buch aller ver¬ 
boten Kunst“ zu sprechen kommt 24 ). 
Für ihn ist die Pyromantie eine ,,Kunst 
der Zauberei und des Unglaubens“ mit 
„Meistern“ und „Meisterinnen“, An¬ 
rufungen, Opfern und sonstigem Zere¬ 
moniell, sogar die Verwendung von kind¬ 
lichen Medien wird erwähnt. Zunächst 
wird uns eine einfache Form geschildert: 
„Etlich die mercken, wie der rauch gän 
krump oder schlecht“. Die verschiedenen 
Erscheinungen des Rauches und der 
Flammen werden von Hart lieb auf 
natürliche Ursachen zurückgeführt: 
„Wann jn wärhait ist das holtz grön, es 
gibt dicken wäßrigen räch; ist es dürr vnd 
clain, es gibt liechten vnd schönen 
flammen; ist es wintig, der räch naigt 
sich“ (Kap. 81). Dann jedoch beschreibt 
er eine zweite Form: „Mer vindt man 
maister jn diser kunst, die nemen vaist 
(=Fett) von etlichen tyeren, die jch von 


ergrung nit nenn, sy prennen die vnd 
mainen jn dem räch gar vil ding sehen; 
das als des tewfels gespenst ist. etlich 
diser kunst pyromancia maister vnd 
Schüler, die nemen gantze yngwaid vnd 
prennen die vff des tewfels altar vnd 
weissagen dann vff dem gesicht des rächs, 
vnd der vngelaub hatt dann ain besundern 
namen, den haißt man auspicium“ (Kap. 
82). Diese Beschreibung mit ihrer Be¬ 
stimmtheit und ihren wiederholten Aus¬ 
fällen gegen die Meister dieses Zaubers, 
die viele Zeitgenossen verführen („schaw, 
hochgelobter fürst, wie werden die armen 
lüt verfürt. wer, herre, der sündt, es ist 
warlich zeitt“ Kap. 81), zeigt, daß es 
sich hier nicht um Antiquarisches, sondern 
um einen durchaus aktuellen Unfug 
handelte. Die hier geschilderte Methode 
hat durchaus den Charakter einer selb¬ 
ständigen, ausdrücklich zum Zweck der 
Wahrsagung angestellten zeremoniellen 
Handlung, fällt also unter den zweiten 
der oben auf gestellten Haupt typen. Die 
Behandlung bei Agrippa 25 ), wo an¬ 
scheinend die Bezeichnung K. zum ersten 
Male auftritt, ist dagegen kurz und, wenn 
auch im Präsens geschrieben, deutlich 
antiquarischen Charakters. Von großer 
Bedeutung aber ist die Angabe des 
Cardanus 26 ), daß man Samenkörner von 
schwarzem Mohn oder Sesam auf glühende 
Kohlen geworfen und dabei Zauber¬ 
formeln gemurmelt habe; ein reiner Knabe 
oder eine schwangere Frau habe dann im 
Rauch Erscheinungen gesehen und daraus 
die Zukunft gedeutet. Auch Tierein- 
geweide würden auf glühende Kohlen 
gelegt, um K. zu üben. Auch hier also 
tritt die K. als selbständige Form eines 
Orakelzaubers auf, im Zeremoniell, der 
Verwendung von Medien usw. anderen 
Divinationen, z. B. der Hydromantie 
(s. d.) verwandt. Die Ähnlichkeit mit 
den Angaben Hartliebs ist nicht zu 
verkennen, eine unmittelbare Abhängig¬ 
keit ist kaum anzunehmen, doch wäre 
Benutzung einer gemeinsamen Quelle 
nicht unmöglich; die Angabe des Car¬ 
danus, daß man Mohn- und Samenkörner 
in das Feuer geworfen habe 27 ), wird von 
späteren Darstellern der K. häufig wieder- 



979 


Kapuziner 


980 


holt 28 ). Darstellungen der K. seit dem 
Ausgange des Mittelalters, die sich auf eine 
bloße Registrierung und Namendeutung 
oder Wiedergabe antiker Belegstellen be¬ 
schränken, sind hier absichtlich über¬ 
gangen. 

Daß das Mittelalter die K. als tat¬ 
sächlich geübte und selbständig geübte 
Wahrsagekunst gekannt hat, dürfte durch 
die beigebrachten Zeugnisse erwiesen sein; 
mindestens durch Hart lieb ist sie auch 
für Deutschland belegt. Für diese Zeit 
kann man die Nachwirkung der durch 
orientalische Einflüsse verstärkten antiken 
K. mit ziemlicher Sicherheit annehmen. 
Freilich unterscheidet sich diese von 
zünftigen Propheten mit allerlei Hokus¬ 
pokus betriebene Rauchwahrsagerei stark 
von den eingangs angeführten simplen Zu¬ 
kunftsdeutungen, die das Volk heute aus 
den Erscheinungen des Rauches folgert, 
und die, wie sich zeigte, zum weitaus 
größten Teile keinen selbständigen, son¬ 
dern einen mehr akzessorischen Charakter 
haben. Wieviel davon als letzter Rest 
antiker und mittelalterlicher Riten auf¬ 
zufassen und wieviel ursprüngliches Volks¬ 
gut ist, läßt sich kaum entscheiden. Zu 
bemerken ist immerhin, daß ähnliche 
Vorstellungen von der mantischen Be¬ 
deutung des Rauches weit über die Erde 
und die Zeiten verbreitet sind 29 ). 

1 ) Hartlieb (1456, s. u. Anm. 23) gebraucht 
die Bezeichnung K. nicht, sondern rechnet die 
Rauch Wahrsagung noch durchaus zur „Pyro- 
mancia“, deren Benennung antik ist, s. Pvro- 
mantie. 2 ) Ganz vereinzelt steht die nach lat. 
haruspicina gebildete Bezeichnung „fumispi- 
cina“ bei Praetorius Coscinomantia (1677) 
A 2. 3 ) Freudenthal Das Feuer (1931) 76. 
177. 243. 251. 299. 4 ) Freudenthal 76; 

Schönwerth Oberpfalz 1, 251; ZfrwVk. 5, 246. 
*) Witzschel Thüringen 2, 258. 6 ) Freuden¬ 
thal 177. 7 ) Ebd. 243. 299; Wrede Eifeier 
Vkde. 97; Fehrle Volksfeste 73. 8 ) Geramb 
Knaf fl- Handschrift 53. •) Knoop in MschlesVk. 

7, 43 Nr. 1 (Posen). 10 ) WZfVk. 35, 150 (Steier¬ 
mark). 11 ) Urquell 4, 18 (Siebenbürgen). 

12 ) Bouch^-Leclerq Hist, de la Div. 1, 178 
und in Daremberg-Saglio Dict. des ant. 2, 299; 
Boehm in Pauly-Wissowa 10, 1909; Halli- 
day Greek Divination (1913) 184; Stengel 
Griech . Kultusaltert . 2 55. 13 ) Diogenes Laert. 

8, 20. 14 ) Inscr. Graecae 14, 617 t. (Heiligtum 
der Artemis Sphakelitis in Rhegion). 16 ) Staeh- 
lin Das Motiv der Mantik im ant. Drama 
(1912) 44. 150. w ) Seneca Oedipus 299. 17 ) So 


Widlak Synode von Liftinae 27. 18 ) Mon. 

Germ. Script. Merow. 4, 705, 15; Grimm 

Myth. 3, 401. lö ) Caspari Kirchenhisl. Anelt - 
| dota 1 (1889), 173. 20 ) Boudriot Altgerman . 
j Religion { 1928)33. 21 ) Caspari a. a. O.; Fehrle 
in ObZfVk. 1, 106. 22 ) Boudriot a. a. O. 

4 ff. 23 ) Wackernagel Kl. Schriften 1 (1872), 
28. 24 ) Ausg. v. D. Ulm (1914) 50 f. 2Ö ) De occ. 

1 philosophia 1, 57, Opera ed. Bering 1, 89 h, dt. 

| Ausg. 1, 275. Ohne Bezugnahme auf die antiken 
I Zeugnisse erwähnt Codes Chyromantie Ana- 
j stasis (1517) 2 vb den Gebrauch, aus der Rich¬ 
tung des vom Herdfeuer ausgehenden Rauches 
zu wahrsagen, vgl. a. Wimpina De divinations 
in Farrago Miscellaneorum (Köln 1531) 101, wo 
die Rauchwahrsagung ausdrücklich als gleich¬ 
zeitiger Aberglaube bezeichnet wird. 26 ) Opera 
1 (1663), 565 a. 27 ) Die Erwähnung des Sesams, 
einer besonders im Orient angebauten Pflanze, 
läßt auf orientalische Quellen schließen. 2S ) 
Pictorius De speciebus magiae, in Varia (1559) 
61, auch bei Agrippa Opera 1, 483, dt. Ausg. 
4, 170; Peucer De generib. divinationum 2 (1560) 
206; Bodin Dcmonomanie (1598) 122, auch hier 
i wird betont, daß die K. zurzeit noch viel von 
| Zauberern geübt werde, die sie zur ,,weißen 
j Magie“ rechneten. Aber ,,il s'en faut mieux 
I garder que de la peste“, vgl. a. Fischarts 
Übersetzung von Bodins Werk (Hamburg 1698} 
ui; Delrio Dtsquis. Magicae 2 (1603), 174; 
Rabelais Gargantua 3, 25, dt. Ausg. v. Gelbcke 
1, 399 . dazu Gerhardt Franz. Nov. 110; Lon- 
ginus Trintim Magicum (1611) 98; Bulen- 
gerus Opuscula (1621) 212. 22 ) Krauß in 

ZfVk. 2, 186 (Südslawen, Mohamedaner); 

Schneeweis in ZföVk. Erg.-Bd. 13, 133 (Alte 
Preußen, Südslawen); Macculloch Ueligion 0/ 
the ancient Cells (1911) 248; Qvigstad Lappi¬ 
scher Abergl. (1930) 47 Nr. 279h; Journ. Am. 
Folkl. 40 (1927), Nr. 536. 608; Scheftelowitz 
Altpalästin. B au cm glaube (1925) 135; Skeat 
Malay Magic (1900) 410; Fehlinger Ge¬ 
schlechtsleben der Naturvölker (1921) 33 (Neu- 
Guinea). Boehm 

Kapuziner. Neben den Jesuiten (s. d.) 
gewann der franziskanische Orden der K. 
seit dem 17. Jh. eine wachsende Bedeu¬ 
tung im katholischen Deutschland. Als 
Seelsorger des niederen Volkes, durch ihre 
Tätigkeit in den Beichtstühlen und Volks¬ 
missionen, als Prediger und Berater er¬ 
warben die K. sich bald den Beinamen 
„Volksmänner" *). Die Aufhebung des 
Jesuitenordens ließ Ende des 18. Jhs. das 
Ansehen der K. noch höher steigen 2 ), 
und ihre Volkstümlichkeit bewahrte sich 
z. B. in der Schweiz und in Steiermark bis 
heute 3 ). Eine solche Vertrauensstellung 
zwang natürlich die K., auch die aber¬ 
gläubischen Ansichten und Neigungen der 


Kapuziner 


982 


981 


auf sie hörenden Seelen zustimmend oder 
ablehnend zu beeinflussen, wie sie um¬ 
gekehrt wegen dieses großen Vertrauens, 
das sie genossen, vom Volke auch für in 
abergläubischen Dingen zuständig ge¬ 
halten wurden. Und tatsächlich griffen 
die Iv. zuweilen fördernd in den Aber¬ 
glauben ein. So wirkten sie unzweifelhaft 
gelegentlich an Geisterbannungen mit, 
s. u. In der Frage des Exorzierens Be¬ 
sessener fanden sich bei den K.n gleich wie 
bei den andern Orden Anhänger und 
Gegner dieser Handlung, letztere aber 
nicht zum wenigsten aus Besorgnis vor 
Betrug, wie aus einem Paderborner Fall 
1657 erhellt 4 ). Am Hexenwahn hielten 
die K. im allgemeinen länger fest als z. B. 
die Jesuiten 5 ). Noch 1892 betätigte sich 
ein K. in Wemding im bayrischen Schwa¬ 
ben als Teufelsaustreiber 6 ). Auch in 
anderen Nöten erwiesen sich die K. hilfs¬ 
bereit; so wurde in der Schweiz Aller¬ 
mannsharnisch von den K. gegeben, wenn 
der Käse nicht geraten wollte 7 ). Die K. 
segneten dem Volke Kräuter und Wurzeln 
und verteilten Schutzmittel und Amulette 
gegen Viehseuchen und Hexerei 8 ), ja, 
bannten selbst eine Viehseuche 9 ). Gläubige 
Schweizer Katholiken tragen noch im 20. 
Jh. sogenannte K.skapuliere gegen unsitt- i 
liehe Gedanken und leibliche Gefahren 10 ). j 
Angesichts solchen Wirkens traute man 
den K.n mit Vorliebe die Kraft zu, außer¬ 
gewöhnliche, zauberhafte Handlungen aus¬ 
zuführen, die über den gemeinen Men¬ 
schenverstand gingen. Es war, wie ge¬ 
sagt, nicht immer ohne Ursache, wenn 
die K. als besonders erfolgreiche Ver- 
treiber bösartiger Krankheitserreger u ), 
als Teufels-, Hexen- und Geisterbanner 
auch unter Protestanten galten, besonders j 
in der Schweiz im Kanton Bern 12 ), als 
Kenner der „weißen Kunst" gleich den 
Jesuiten oder Franziskanern angesehen 13 ). 
Daher suchte 1690 in Mülhausen ein 
Bestohlener Hilfe bei K.n, woraufhin 
der Dieb das Entwendete zurückgab 14 ). 
Als Geisterbanner wünschte man einen 
„heiligmäßigen, frommen K." 15 ). Einen 
solchen zog man einem Weltgeistlichen 
noch um 1860 in Memmingen vor, denn 
„ein K. hat mehr Gewalt vom heiligen 


Vater" 16 ). In unzähligen Sagen treten 
deshalb K. als Geisterbanner auf 17 ), 
welche die Beschworenen mitunter im 
Kuttenärmel davontragen oder zu zweit 
in die Mitte nehmen. Diesen Erzählungen 
liegen nicht selten wirkliche Ereignisse 
zugrunde, wie wenn z. B. um 1660 
protestantische (!) Älteste in Westhofen 
bei Worms einen K. für diesen Zweck 
holten 18 ); in Baden und im Elsaß ließ 
man ebenfalls von K. Geister in Säcke 
und Flaschen bannen 10 ); von den Zuger 
Vätern K. wurde die Mitwirkung an 
Geisterbeschwörungen im 18. Jh. noch 
lange mit Überzeugung erzählt 20 ). Im 
Allgäu und in Tirol sind sogar bestimmte, 
namentlich erwähnte K. als besonders 
tüchtig überliefert 21 ). Seltener erschei¬ 
nen K. als Schatzgräber 22 ), vgl. dagegen 
die Jesuiten. Neben diesen Zauber¬ 
künsten traute man den K.n noch andere 
zu; so glaubten die Thurgauer, die Kon- 
stanzer K. beschwüren bei einer erfolg¬ 
losen Belagerung der Stadt durch die 
Schweden 1633 die Feuerkugeln 23 ). 
Protestantische Berner meinten vor 100 
Jahren, die K. würden für Geld Leute 
tot beten 24 ). In Frankreich sagt man, 
die K. vermöchten in der Zukunft zu 
lesen, besonders bei der Geburt eines 
Kindes 25 ). So werden die K. wie alle 
Zauberkundigen schließlich mitunter zu 
unheimlichen Gestalten. Öfter begegnet 
daher ein abgeschiedener K. unter bösen 
Mächten leidend: vom wilden Jäger 
gejagt 26 ), vom Wuotisheer verfolgt 27 ), 
als Schimmelreiter 28 ), als „geistweis ge¬ 
hender" Schatzhüter 20 ). Es heißt aber 
auch einmal ein freundlicher Hausgeist in 
einem früheren Ulmer Kloster „der gute 
K." 30 ). In Italien fürchtet man sich vor 
dem bösen Blick der K. 31 ), und um Metz 
ist der Angang eines K.s ein Vorzeichen 
schlechter Jagd 32 ). 

*) M. Hei mb uche r Die Orden und Kon¬ 
gregationen der katholischen Kirche 2 2 , 392 f.; 
vgl. Meyer Baden 536. a ) Alpenburg Tirol 
139. 3 ) v. Geramb Die Knaffi-Handschrift 49; 
Stoll Zauberglaube 52 f. 71 f. 4 ) B. Duhr Ge¬ 
schichte der Jesuiten in den Ländern deutscher 
Zunge 3,767. ö ) Soldan-Heppe 2, 53. 6 ) Ebd. 
2, 348; Hellwig Aberglaube 33; Stemplinger 
Aberglaube 22; vgl. DG. 15, 27 h 7 ) SAVk. 15, 


983 


Karausche—Karde 


984 


13; vgl. Gotthelf SAVk. 22, 112. 8 ) Meyer | 
Baden 536; DG. 14, 29; SAVk. 18, 115; 21, 47. 
■*) Lütolf Sagen 115. 10 ) Stoll Zauberglaube 
71 f. u ) Sartori Westfalen 72. 74 (1803, Kloster 
Werl); Höhn Volksheilkunde 1, 68; Zahler 
Simmenthal 55; Niderberger Unterwalden 3, 
527; Man2 Sargans 45; Reuschel Volkskunde 
2,25. 12 >SAVk. 8, 277; 21, 36. 47 f. 55 h. (Beob¬ 
achtungen Berner Geistlicher um 1826); Frik- 
kart Kirchengebräuche 166; zahlreiche Belege 
in Gotthelfs Schriften, vgl. SAVk. 18, 114 t.; 
21, 81; 22, 112. 199; 15, 13 (Emmental); 
Messikommer 1, 175; vgl. Angstmann 

Henker 91 u. SchwVk. 5, 24 (G. Keller Grüner \ 
Heinrich ); Meyer Aberglaube 296; Württem¬ 
berg: Bohnenberger 7 f.; VkBll. 1911, 11. 
13 ) Bavaria 1, 321. 367. 14 ) Alemannia 7, 246. 
15 ) MschlesVk. 30 (1929), 94. 16 ) DG. 14, 29. 

17 ) Angstmann Henker 101 A. 1; Stracker- 
jan 1, 253; Mackensen Nds. Sagen 101; 

Grässe Preußen 2, 696t; Jungbauer Böhmer¬ 
wald 114; Schönwerth Oberpfalz 3, 1130.; 
Reiser Allgäu 1, 82. 166. 313. 348 t 44 i* 457 i 
R a n k e Sag^n 2 65; Birlinger Volksth. 1,72 ;ders. 
Aus Schwaben i, 208. 3620.; Bohnenberger 8 
(98). 10 (100); Waibel u. Flamm 2, 153. 155; 
Künzig Baden 7. xof. 17; ders. Schwarzwald¬ 
sagen 49 f. 55 f. 77. 218; Fi ent Prättigau 247; 
Rochholz Sagen 1, 304t; 2, 131 ff.; Kuoni 
St. Galler Sagen 63; s. a. W. §§207. 774; NdZfVk. 
6 , 164. 18 ) HessBl. 11,8. 19 ) Alemannia 12, 19 
(ViHingen 1744. 1759); Meyer Baden 536. 560; 
Künzig Baden 11. 17; Stöber Elsaß 1, 106; 2, 
132. ao ) SAVk. 21, 212. 21 ) Reiser Allgäu 1, 
2iof.; Birlinger Aus Schwaben 1, 233; Alpen¬ 
burg Tirol 280; Manz Sargans 45f.; MschlesVk. 
30 (1929), 92ff. 22 ) Ebd. 96; Rochholz Sagen 1, 
260. 23 ) Alemannia 6, 285 f. 24 )SAVk. 21, 36; vgl. 
18,114 t. (Gotthelf Bauernspiegel). 2ß ) Sebillot 
Folk-Lore 4,253. 2 ®)Wolf Sagen 19; Eisei Voigt¬ 
land 62. 27 ) Birlinger Aus Schwaben i, 95. 

28 ) Künzig Baden 29. 29 ) Meier Schwaben 1,274; 
umgehender K.: Sebillot a. a.O. i, 280; K. als 
Geisternameim Schweizer Kinderspiel vgl. Roch¬ 
holz Sagen 1, 352f. 30 )Birlinger Volksth. 1, 52; 
spukende K. s. a. Künzig Schwarzwalds. 26. 67f. 
84. 95. 204. 31 ) Seligmann Zauberkraft 132. 

32 ) Sebillot a. a. O. 4, 252. Müller-Bergström. 

Karausche fern. (Carassius carassius 
£.), mundartlich sehr verschiedene For¬ 
men, x ) eine Karpfenart. 

In Stettin muß man am Silvester¬ 
abend K.n essen, nachdem man sie ein¬ 
gekauft hat, ohne zu handeln. Die 
Schuppen werden getrocknet und das 
ganze folgende Jahr im Portemonnaie, 
Strumpf, Geldschrank u. a. aufbewahrt; 
dann wird man nie Mangel an Geld haben 
(s. Fisch 2, 1534; Karpfen). In 
Neuwarp (Pommern) sagt man: K. mit 
Maibutter ist gesund 2 ). 


Ob der coracinus des Plimus 3 ) die K. be¬ 
deutet, ist ungewiß. Frisius (1541) und 
Kirsch (1713) übersetzen: Coracinus, Ka- 
rusch, Karausch 4 ). Die Leber des cora¬ 
cinus ist nach Plinius gut für die Augen. 

Eine sagenhafte Verwandlung in 
eine Riesenkarausche erzählt Grässe 6 ). 

*) Brehm TierlA 3, 163. 2 ) BIPommVk. 5, 

126. 3 ) NH. 32, 24 (70). 4 ) Diefenbach 

Glossarium (1857) 150. ß ) Preußen 2, 298. 

Hoffmann-Krayer. 

Karde (Schutt-Karde; Dipsacus Sil¬ 
vester). 

1. Botanisches. Distelähnliche Pflan¬ 
ze, deren l / 2 bis i 1 / 2 m hoher Stengel 
ebenso wie Blätter und Blütenstiele mit 
Stacheln besetzt ist. Die Stengelblätter 
sind am Grunde miteinander verwachsen 
und büden so ein trichterförmiges Becken, 
in dem sich das Regenwasser sammelt 
(vgl. unter 2). Die bläulichen, kleinen 
Blüten sind zu einem walzenförmigen, 
nach dem Verblühen igelähnlichen Blüten¬ 
stand vereinigt. Die K. wächst häufig auf 
Schutt, an Wegrändern usw. 1 ). 

2. In alten Kräuter- und Medizin- 
büchem 2 ) werden die ,,Würmchen", die 
man in den Blütenköpfen der K. findet, als 
Amulett gegen Quartanfieber genannt. 
Es handelt sich hier um keinen deutschen 
Aberglauben, da sich das Mittel bereits 
bei Dioskurides 3 ) findet: Die Würmer 
des Blütenkopfes (der K.) in ein Säckchen 
gegeben und um den Hals oder Arm ge¬ 
bunden, sollen das viertägige Fieber 
heüen. Plinius sagt, daß in dem Kraut 
,,labrum Venerium“ (=Waschbecken der 
Venus, wie die K. wegen der becken¬ 
förmig verwachsenen Blätter genannt 
wird, s. unter 1) ein Würmchen enthalten 
sei, das man an die Zähne drücke oder 
mit Wachs in hohle Zähne einschließe. 
Das ausgerissene Kraut dürfe aber den 
Boden nicht berühren. Bei den Magyaren 
heißt es, daß derjenige, der den „Wurm" 
der K. mit den Fingern zerdrücke, eine 
„elektrische Kraft" erhalte, so daß ein 
jeder, dessen kranken Zahn er umfasse, 
den Zahnschmerz verliere 6 ). Es handelt 
sich hier jedenfalls um eine in den Blüten¬ 
köpfen der K. lebende Insektenlarve. Mit 
dem zwischen den Blättern der K. ange- 


985 


Karfreitag 


986 


l. 


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VI # 






sammelten Wasser bestreicht man ent¬ 
zündete Augen 6 ) oder Sommersprossen 7 ). 

3. Die Weberk. (D. fullonum) soll 
Glück bringen 8 ). 

4. Die K. zeigt die Zeit der Dinkel¬ 
saat an: Blüht der oberste Abschnitt des 

% 

Blütenstandes zuerst auf, so wird die 
Frühsaat am besten sein, wenn der un¬ 
terste, die Spätsaat 8 ). Vgl. Augentrost, 
Heidekraut, Königskerze. 

x ) Marzell Kräuterbuch 333 f. 2 ) Z. B. j 
Mizaldus Memorab. Centur. 1592, 161; Wolff 
Scrutin. amulet, medic. 1690, 159; Poppe Kräu¬ 
terbuch 1625, 315; Tabernaemontanus Kreu¬ 
terbuch 1731, 1071. 3 ) Mat. med. 3, 11. *)Nat. hist. 
25, 171. 6 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 844. 

•) Fuchs Kreuterbuch 1543, cap. 82; Andree 
Braunschweig 423; Beauquier Faune et \ 
Flore 2, 156; Rolland Florepop. 7, 14. 7 ) Schul- j 
lerusim „Kalender des Siebenb. Volksfreundes" j 
1908; Sebillot Folk-Lore 3, 490. 8 ) Bohnen- j 
berger 113. 9 ) Forstner Beschreibung von > 

Franken 1 (1791), 70; vgl. Marzell Bayer. 
Volksbot. 104. Marzell. 

Karfreitag 

1. Allgemeine Trauer. 2. Verbote. 3. Fasten. 
Gebotene und verbotene Speisen. 4. Allerlei I 
Verrichtungen. 5. Vorkehrungen für Vieh und | 
Geflügel. 6. Für Acker und Garten. 7. Für 
Heilung von Krankheiten. 8. Weissagungen, 
Wetterregeln. 9. Allerlei Zauber. Geister und 
Hexen. 10. Geburt und Tod. 

1. Der Karfreitag J ) gilt in der katho¬ 
lischen Kirche von jeher als Tag der Trauer 
und Enthaltung. Die Protestanten be¬ 
trachten ihn als hohen Feiertag. In 
Preußen hat er seit 1899 die Geltung eines 
bürgerlichen allgemeinen Feiertages 2 ). 

Die ganze Natur trauert; die Zweige 
der Bäume senken sich tiefer; die Tiere 
neigen im Stalle um Mittag wie müde 
ihr Haupt 3 ). Die Sonne scheint nicht 4 ) 
oder trauert bis nachmittags drei Uhr 5 ). 
Im Ammerlande wird sogar das am Grün- j 
donnerstag für Ostern glänzend geputzte ! 
Geschirr den K. über in Körbe verpackt 6 ). 
Wer mit geputzten Schuhen geht, wird 
von Ottern und Nattern gebissen 7 ). In 
den Eiern glaubt man Kreuze wahrzu¬ 
nehmen 8 ). Sagen berichten von Häusern 
und Städten, die versunken sind, weil 
in ihnen der Trauertag durch Tanzen 
entweiht ist 9 ). Wer nicht zur Kirche 
geht, schläft zu Hause den ganzen Tag 
hindurch (Angerburg-Goldap) 10 ). Doch 
hat sich die lärmende „Rumpelmette" des 


Gründonnerstags hier und da auch auf 
den K. übertragen 11 ) wie auch das „Judas¬ 
verbrennen" 12 ) und „Judasstürzen" (Her¬ 
abwerfen von Katzen vom Turm) 13 ). 

x ) Bezeichnungen: Höfler Ostern 12. Oben 
3, 46. 2 ) Kellner Heortologie 55 f. 3 ) Wüste- 
feld Eichsfeld 64. 4 ) Zingerle Tirol 148 (1275). 
5 ) Meier Schwaben 389 (52). 8 ) Strackerjan 2, 
69; Hoops Sassenart 44. 7 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2. 2 58(1350). 8 ) Holschbach Volksk.d.Kr. 
Altenkirchen 100. 9 ) Kühnau Sagen 3, 358. 398. 
10 ) Urquell 3, 230. ll ) Hoffmann-Krayer 
145. 12 ) Wrede Rhein. Volksk. 257. 13 ) Drechs¬ 
ler 1, 92; Sartori Sitte 3, 116 A. 2. 

2. Knechtische und geräuschvolle Ar¬ 
beit ist verboten, aber auch mancherlei 
anderes 14 ). Der Schmied darf Hammer 
und Nägel nicht gebrauchen, denn es 
sind Leidenswerkzeuge 15 ). Der Jäger 
geht nicht auf die Schnepfenjagd, denn 
am K. schießt man stets fehl 16 ). Das 
Hechtstechen soll man unterlassen, denn 
man sticht doch nur Schlangen 17 ). Den 
Jungen werden die Taschenmesser weg- 
genommen, denn jedes 
durch Schnitzeln entsteht, 


Spänchen, das. 
wird den Täter 


nach seinem Tode quälen, oder er findet 
das ganze Jahr über kein Vogelnest 18 )„ 
Vor allem unterläßt man das Pflügen und 
Graben 19 ), um Christus nicht im Grabe 
zu beunruhigen *°). Sagen erzählen von 
Mädchen, die in Felsen verwandelt worden 


sind, weil sie am K. Holz aus dem Walde 


geholt haben 21 ), und von dem Manne, der 
in den Mond versetzt ward, weil er Domen 


verbrannt hat 22 ) oder sein Feld mit 
Domen umzäunen wollte 23 ). Was man 
näht, das hält nicht 24 ). Wer näht, kriegt 
einen bösen Finger 25 ). Wer eine Nadel 
in die Hand nimmt, den verfolgt das 
Gewitter 26 ). Wenn man draußen Wäsche 
auf hängt, muß in Jahresfrist jemand aus 
dem Hause sterben 27 ). Man soll nicht 
waschen und kein frisches Hemd an¬ 


ziehen 28 ). Man soll sich nicht kämmen, 
sonst kratzen die Hühner im Garten 29 ). Die 
Butter muß vor Sonnenaufgang fertig sein, 
weil sie sonst nicht zustande kommt 30 ). 
Man soll am K. kein Tier töten, nicht 
einmal eine Fliege, sonst wird man das 
ganze Jahr über von solchen Tieren be¬ 
lästigt 31 ). Der Landmann soll nicht 
einmal ein Tier schlagen, das würde ihm 
Unsegen bringen 32 ). Niemand soll 





98 7 


Karfreitag 


988 


Milch verkaufen oder verschenken (das 
würde nur den Hexen nützen) und auch 
sonst nichts aus dem Hause geben oder 
ausleihen 33 ). Von der Straße darf man 
nichts aufheben, denn die Hexen lassen 
da allerlei fallen, und kein Geschenk an¬ 
nehmen s 4 ). Wer am K. reist, den trifft 
Unglück 35 ). 

14 ) Sartori Sitte 3, 143 A. 2. 15 ) Ders. 

Westfalen 154. 1# ) Bartsch 2, 259. Wohl aber 
muß die Elster am K. geschossen werden: 
Witzschel Thüringen 2, 196(27). 17 )ZfVk. i. 
181 (Mark Brandenburg). 18 ) Ebda. 12, 423 
(Obere Nahe). 19 ) ein Pflüger versinkt: Jahn 
Pommern 156!. *°) Grimm Myth. 3, 459 (706: 
Ansbach); Baumgarten Jahr 21; Pollinger 
Landshut 210; Hmtl. 14, 82; Campbell Witch- 
craft etc . in the highlands and Islands of Scotland 
262. Ursprünglich vielleicht, weil das Eisen den 
unterirdischen Geistern lästig ist: Frazer 3, 229. 
11 ) Kühnau Sagen 2, 649. 22 ) Schell Berg. 

Sagen 54 (85). as ) Urquell 3, 291 (Holstein u. 
Lauenburg); Kuhn Westfalen 2, 82 (255). 
i4 ) Bartsch 2, 259 (1352). *®) ZfVk. 1, 181 

(5: Mark Brandenburg). 28 ) Grimm Myth. 3, 
492 (10: Litauen). 27 ) Strackerjan 2, 69; 
Witzschel 2, 196(26). 28 )Holschbach Volksk. 
d.Kr. Altenkirchen 100. Wer das tut, fällt sich 
zu Tode: Baumgarten Jahr 21. 29 ) Toppen 
Masuren 101. 80 ) Drechsler 1, 86. 81 ) Reiser 
Allgäu 2, 117. 82 ) Wüstefeld Eichsfeld 64. 

**) John Westböhmen 208; Schramek Böhmer¬ 
wald 240; Birlinger Volkst. 1, 322; Drechsler 
1, 91. M ) Meier Schwaben 387 f. (43). 85 ) ZfVk. 
4. 395 (Ungarn). 

3. Das Fasten wird vielfach noch 
strenge innegehalten 38 ). Alte Leute 
fasten, bis die Sterne aufgehen 37 ). Nie¬ 
mand ißt ein Frühstück 38 ). Man fastet 
gegen Augenkrankheit, Epilepsie usw., und 
wenn man eine Krankheit nicht loswerden 


Am K. ist gut backen 49 ). Das dann ge¬ 
backene Brot ist heilig; wer davon ißt, 
wird selig 50 ). Drei am K. gebackene 
Brote, in einen Getreidehaufen gelegt, 
hindern Mäuse und Ratten davon zu 
fressen S1 ). Wer am K. oder Gründonners¬ 
tag Bretzeln ißt, bleibt das ganze Jahr 
von Fieber frei 62 ). Die Mädchen müssen 
nüchtern von den Bretzeln essen, die 
ihnen die Burschen nachts um 12 Uhr 
ins Fenster reichen, dann bekommen 
sie das Fieber nicht. So lange die K.s- 
bretzel nicht schimmelt, bleibt der Geber 
treu 53 ). In englischen Dörfern wird die 
K.ssemmel als Heilmittel genossen und 
auch dem Vieh verabreicht, wenn eine 
Seuche im Stalle ausbricht 54 ). Das 
Abendmahlsbrot des K.s soll vor allem 
Unheil schützen und Feuersbrünste 
löschen, in die es geworfen wird 6S ). Auch 
dem Hofhund muß man ein Butterbrot 
geben, in das ein Kreuz eingeschnitten 
ist 60 ). Wer K.s Linsen ißt, dem geht das 
Jahr über sein Geld nicht aus 57 ). Anders¬ 
wo dagegen soll man keine Hülsenfrüchte 
essen, vor allem nicht Erbsen und Linsen 58 ). 
In Liegnitz erhielt im Karthäuser¬ 
klosterhof jährlich am K. jeder, arm oder 
reich, ein Almosen von Brot, Hering 
und Münze. Die empfangenen neuen 
Gröschel waren gut zu allerlei Zauber¬ 
wirkungen. Wenn nicht ausgeteilt wurde, 
glaubte man, die Stadt würde ein großes 
Unglück treffen 69 ). 

3e ) Sartori 3, 144. Vgl. Kellner Heortologie 
71. 74. Beibehaltung bei Protestanten: ZfVk. 


kann 39 ). Wer Fleisch ißt, kriegt die Hände 
voll Warzen 40 ), oder den beißen im Som¬ 
mer die Mücken sehr 41 ). Wer einenRausch 
hat, muß ihn dreimal beichten 42 ). Das 
Trinken wird (wohl weil Jesus am Kreuze 
dürstete) überhaupt untersagt. Wer es 
tut, wird das ganze Jahr von Schnaken 
gestochen 43 ) oder hat immer Durst 44 ). 
Wer aber am K. Durst leidet, dem schadet 
kein Trunk das Jahr über 4S ). Selbst für 
das Vieh soll K. ein Fasttag sein, sonst 
gedeiht es nicht 4Ä ). Doch werden auch 
wieder bestimmten Speisen besondere 
Wirkungen zugeschrieben 47 ): Wer mor¬ 
gens nüchtern einen Apfel ißt, bekommt 
das ganze Jahr über kein Magenweh **). 


21, 115. 87 ) Zingerle Tirol 148 (1273). 

88 ) Schramek Böhmerwald 146. 89 ) Urquell 3, 
230; Lemke Ostpreußen 1, 13. 40 ) SchwVk. 4, 
41. 41 ) Knoop Hinterpommern 179 (225); 
Bartsch Meckl. 2, 259 (1351). Oder die Flöhe: 
ZfVk. 1, 181 (Brandenburg). 42 ) Zingerle 
Tirol 149 (1283). 43 ) Meier Schwaben 389 (51); 
BayHfte 2, 173. 44 ) Reiser Allgäu 2, 114 (6); 
ZfVk. 21, 257 (Isartal); Hmtl. 14, 340; Meier 
Schwaben 389 (Wein aber darf man trinken). 
45 ) Grimm Myth. 3, 446 (356: Chemnitzer 
Rockenphilosophie); 468 (913: Bayern). 

48 ) Strackerjan 2, 69; BayHfte 2, 173; Sar¬ 
tori 3, 146 A. 11. 47 ) Sartori 3, 144 A. 4. 
48 ) Reiser 2, 115 (n). In Frankreich soll man 
dagegen keine Äpfel essen: Söbillot Folk-Lore 3, 
390. 49 ) Drechsler 1, 91. 60 ) Fontaine 

Luxemburg 37. 41 ) S6billot Folk-Lore 3, 42. 

52 ) Witzschel Thür. 2, 195 (10). Vgl. Höhn 
Volksheilk. 1, 114; Kapff Festgebräuche 15. 


989 


Karfreitag 


990 



r 

K 


M ) Meier Schwaben 387; Kapff 14. 64 )Höfler 
Ostern 15. Vgl. Sepp Religion n8f.; Reins¬ 
berg Festjahr 130 f. “) Hoff mann-Krayer 
145. 5e ) Kuhn Mark. Sag. 378 (20); Andree 
Braunschweig 342. * 7 ) Grimm Mythol. 3, 454 

(586; Pforzheim). B8 ) Meier Schwaben 388; 
Ebeling Blicke in vergessene Winkel 2, 223. 
* 9 ) Drechsler 1, 92. 

4. K. ist ein wichtiger Jahreseinschnitt, 
gilt als Frühlingsanfang 60 ) und ist daher 
wie alle Zeitanfänge für die Verrichtung 
mancher Handlungen, die dem Hause 
und seinen Bewohnern Nutzen bringen, 

von Bedeutung. Die Entwöhnung der 
Kinder geschieht am besten an oder nach 
K. 61 ). Am Nachmittag müssen sie zuerst 
zur Kirche gehen, damit sie klug werden 62 ). 
In Gnesen werden sie morgens noch im 
Bette von ihren Eltern tüchtig mit 
Birkenreisern geschlagen 63 ). Wenn man 
mit einem Lindensprossen, der am K. 
beim Zwölf uhrschlage geschnitten wurde, 
den ersten Kindsbrei anrührt, so bekommt 
das Kind nie Zahnweh 64 ). Man soll sich die 


Essig reinigt, erhält ihn das ganze Jahr 
rein und lauter 78 ). Kehrt man vor 
Sonnenaufgang den Staub aus allen 
Ecken der Stube, so bekommt man keine 
Flöhe und Wanzen oder sonstiges Unge¬ 
ziefer 77 ). Wanzen können auch dadurch 
vertrieben werden, daß man vor Sonnen¬ 
aufgang mit einem Hammer an alle vier 
Ecken der Bettstatt schlägt 78 ). Durch 
Kehren vertreibt man Kröten und Holz¬ 
würmer 79 ). Im Schwarzwalde kehrt man 
in der K.snacht um 12 Uhr mit einem 
ganz neuen Besen die Stube und legt ihn 
dann auf einen Kreuzweg 80 ). Die Mädchen 
tragen früh vor Sonnenaufgang das Stroh 
aus ihren Betten über die Grenze. Sie 
meinen, daß sie dann das ganze Jahr hin¬ 
durch die Flöhe los werden 81 ). In West¬ 
falen misteten früher die Knechte vor 
Sonnenaufgang die Ställe aus; man 
glaubte, daß in das Land, das mit diesem 
Miste gedüngt wurde, keine Würmer 
kämen 82 ). Wenn man Ruß im Schornstein 


Nägel schneiden, dann bekommt man das 
ganze Jahr über keine Zahnschmerzen 86 ). 
Das Schneiden der Haare befördert den 
Haarwuchs 88 ). Man schützt Kinder vor 
bösen Leuten, wenn man ihnen die Nägel 
an Händen und Füßen und drei Schnipfel 
Haare abschneidet, sie verbrennt oder in 
die Dunggrube wirft 87 ). Doch heißt es 
auch wieder, daß am K. abgeschnittene 
Haare nicht wieder wachsen 88 ) oder daß das 
Abschneiden viel Kopfweh verursache 89 ). 
Wer an Kopfschmerzen leidet, soll sich 
am K. das Haar auskämmen, an allen 
übrigen Freitagen des Jahres es aber un¬ 
gekämmt lassen (Oberwölz) 70 ). Wenn 
man an K. strehlt, bekommt man das 
ganze Jahr keine Läuse 71 ). Wenn man 
die Kleider an die Sonne hängt, so kommen 
weder Motten noch Schaben hinein 72 ). 
Putzt man sich die Schuhe, so wird man 
von keiner Schlange oder anderem Tier 
gestochen (Neumark) 73 ). In das Holz, 
das am K. gehauen wird, kommt nie ein 
Wurm, auch „schwint“ es nicht 74 ). 
Am K. vor Sonnenaufgang werden viel 
Stecken geschnitten vom Elsebeer-, 
Eschen- und Haselholz, auch Wurzen 
gegraben; denen allen wohnt da eine 
große Kraft inne 76 ). Wer am K. den 


fegt, so bleibt das Haus das Jahr über 
vom Feuer verschont 83 ). Weidenruten 
und Ellernreiser kann man in der Frühe 
zu einem Band zusammendrehen, ohne 
daß sie brechen. Ellemkränze, in den 
Häusern aufgehängt, schützen vor Feuer 
und Gewitter 84 ). Auch wenn man 
Pflanzen, die am K. geweiht wurden, 
während eines Gewitters verbrennt, ent¬ 
fernt man die Gefahr “J. Das „Moadlgam" 
wird vor Sonnenaufgang von einem Maid¬ 
lein, das noch nicht sieben Jahre alt ist, 
gesponnen. Es taugt zum Schwundwenden 
und allerlei anderem 8e ). Manche Ma߬ 
regeln gehen auf Kosten des Nächsten: 
Man wirft eine mißliche Sache gern an eine 
Stelle, wo sie von andern aufgehoben 
wird 87 ). Wenn man eine frische Hasel¬ 
gerte abhaut, einen Rock über den Stuhl 
hängt und tüchtig darauf losschlägt, so 
tut es dem Feinde, den man im Sinne hat, 
weh 88 ). Ebenso wenn man eine Elsbeer- 
rute schneidet und diese unter Anrufung 
der h. Dreifaltigkeit gegen Sonnenaufgang 
hält 89 ). Oder der Geklopfte wird todmüde 90 ). 
Wer am K. unertappt stiehlt, kann das 
ganze Jahr hindurch mit gleicher Sicher¬ 
heit stehlen 91 ). Zur Beschaffung wirk¬ 
samer Zaubermittel ist der K. besonders 





99i 


Karfreitag 


992 


geeignet: ein Hagedomstrauch, am K. 
geschnitten, dient zum Austreiben der 
bösen Geister 92 ); die Wünschelrute wird 
aus einer Haselstaude geschnitten 93 ), ein 
Wechseltaler durch Opfer einer Katze an 
den Teufel gewonnen 94 ), ein Zauber¬ 
schlüssel geschmiedet 95 ). F reischütz 

wird man, indem man auf die Hostie 
schießt 96 ). Wer mit einem Kreuzdorn¬ 
stabe, in der K.snacht geschnitten, geht, 
dem begegnet kein Gespenst. Schläge 
damit an die vier Ecken des Stalles oder 
an die Ständer heilen das dazwischen 
stehende Vieh 97 ). Durch Erbsen, die in der 
K.snacht gepflanzt sind, kann man sich 
unsichtbar machen 98 ). Über Kraft und 
Verwendung des Wassers s. K.swasser. 

60 ) Auf der anglo-normannischen Insel Serk 
lassen die Knaben Schiffchen schwimmen: 
Söbillot Folk-Lore 2, 168. In der Nieder- 
Bretagne ist Hochzeit der Vögel: ebda. 3, 169. 
Die Schwalben kommen immer vor K., um der 
Prozession beizuwohnen: ebd. 3, 185. 61 ) Wutt¬ 
ke 393 (601: Böhmen); Drechsler 1, 90 f. 
6a ) Bartsch 2, 259; Niderberger Unterwalden 

з, 345. * 3 ) Knoop Posen 327 (78). 64 )Rochholz 

Kinderlied 292. 65 ) Kuhn Westfalen 2, 134 

(402: Neumark); Birlinger Schwaben 1 386; 
Reiser 2, 115 (8); Witzschel 2, 195 ( J 7 ); 
Seyfarth Sachsen 284. 66 ) Hörmann Volks¬ 
leben 56; Zingerle Tirol 149 (1282); Reiser 2, 
114 (7). 67 ) Meier Schwaben 390 (59). 68 ) John 
Erzgeb. 193. 69 ) Reiser 2, 114 (8). 70 )Hovorka j 

и. Kronfeld 2, 191. 71 ) SAVk. 8, 314; Nider- j 

berger Unterwalden 3, 345. 72 ) Grimm M. 3, 
446 (355: Chemnitzer Rockenphilosophie); Pan¬ 
zer Beitr. 2, 296. 73 )Kuhn Westfalen 2, 134 (401). 
74 ) Reiser 2, 117 (28). 7Ö ) Leoprechting Lech¬ 
rain 172. 76 ) Ebd.; SchwVk. 15, 28 (22); oben 2, 
1061. 77 )Kuhn Westfalenz, 134 (403:Neumark); 
Drechsler 1, 87 ff. (wo noch andere Mittel); 
Birlinger Volkst. 1, 472; Manz Sargans 95; 
vgl. Sartori 3, 145 A. 9. 78 ) Manz a. a. O. 

Vgl. Witzschel 2, 195 (16). 79 Reiser 2, 114 
(4. 5). 80 ) Meier Schwaben 389 (54). 81 ) Knoop 
Posen 327 (79). 82 ) Sartori Westfalen 154. 

M ) ZfVk. 1, 180 (Brandenburg); Baumgarten 
Jahr 21. 84 ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 19; 

Kuhn u. Schwartz 374 (23. 24). 85 ) Wuttke 
305 (449). 80 )Baumgarten Jahrzii. 87 )Boh- 
nenberger 15. 88 ) SAVk. 2, 269; 24, 306; 

Hoffmann-Krayer 147; Reiser 2, 117 (27); 
Meier Schwaben 245. 89 ) BayHfte 1, 91. 

®°) SchwVk. 10, 30. 91 ) Drechsler 1, 91. 

92 ) Seefried-Gulgowski 177. 93 ) Sartori 

Sitte 3,146 A. 15; Knoop Posen 293; Pollinger ! 
Landshut 118; Baumgarten Jahr 21. 94 ) Küh- 
nau Sagen 2, 10. 9B ) Meier Schwaben 387 (42). 
M ) Kühnau 3, 260. ® 7 ) Bartsch Meckl. 2, 258 
(1347). M ) Meier Schwaben 246. 


5. Für das Vieh sind am K. allerlei 
Vorkehrungen zu treffen 99 ). Die Ställe 
werden ausgeräuchert 100 ). Man darf den 
Stall nicht auf machen, damit die Hexen 
nicht eindringen 101 ). Tiere, die am K, 
gezeichnet werden, gehen nicht verloren 102 ). 
Durch einen Schnitt ins rechte Ohr wird 
das Vieh vor Krankheit und Gefahr ge¬ 
schützt 103 ). Den Lämmern schneidet man 
zu besserem Gedeihen die Schwänze ab 104 ). 
Vor Sonnenaufgang peitscht man das Vieh 
stillschweigend mit Kreuzdomruten; die 
Schmerzen haben die Hexen, die auf dem. 
Vieh sind 105 ). Wenn man mit einer 
Palme vom Palmsonntag die Kühe im 
Stalle streichelt, plagt sie das Ungeziefer 
nicht mehr 106 ). Unglück wendet es ab, 
wenn man das Vieh mit Asche bestreut 107 ). 
Im Traunviertel stach man früher während 
der Passion ein schwarzes Lamm, be¬ 
spritzte mit dem Blute die Rinder und 
beschmierte das Brot, das ihnen am 
Ostersonntage verabreicht wurde. Es 
schützte gegen den Wolf. Hafer; mit diesem 
Blute bespritzt und den Hühnern gegeben, 
hielt den Fuchs ab 108 ). Wird für das Vieh 
vor Sonnenaufgang etwas Erde vom 
Garten geholt, so schadet ihm den 
Sommer über kein Futter 109 ). Junge 
Saat, vor Sonnenaufgang geholt und dem 
Vieh zu fressen gegeben, macht, daß keine 
Krankheit daran kommt uo ). Drei Gabeln 
Mist werden vor Sonnenaufgang aus dem 
Stalle gegen Blutgang des Viehes gewor¬ 
fen m ). Wenn man vor Tage ein Stück 
Schweinefleisch am Grenzrain so eingräbt, 
das die Speckseite nach dem eigenen 
Felde, die magere nach dem des Nach¬ 
barn zu liegt, so zieht man allen Müch- 
nutzen vom Nachbarn auf das eigene 
Vieh 112 ). Hausfrauen streichen mit einem 
Ring aus Holz über das Kruzifix, das auf 
den Stufen des Altars liegt. Durch 
diesen Ring treibt man dann das junge 
Vieh und das Geflügel, damit ihm weder 
Hexen noch Fuchs und Geier schaden 
können. Zu gleichem Zwecke backt 
man „Marterbrote“ und gibt davon dem 
Vieh zu fressen 113 ). Vor Sonnenaufgang 
reitet man seine Rosse in die Wette, dann 
werden sie von den Bremsen nicht ge¬ 
plagt 114 ). Pferde müssen vor Sonnenauf¬ 


993 


Karfreitag 


994 


gang ausgetrieben werden, wenn sie im 
folgenden Jahre von der Gelbsucht frei 
sein sollen 115 ). 

Besondere Sorge wird auch dem Ge¬ 
flügel gewidmet. Man soll die Hühner 
möglichst früh aus dem Stalle lassen 116 ), 
damit sie die Herrschaft in der Nachbar¬ 
schaft erhalten 117 ). Hat das Federvieh 
Läuse, so reinige man den Stall vor 
Sonnenaufgang 118 ). Läßt man seine 
Hühner ihr Morgenfutter aus dem 
Schmelztiegel fressen, so vertragen sie 
kein Ei; auch die Hemmkette hilft 119 ). 
Am K. muß man ein „brüetigs“ Huhn 
haben, sonst bekommt man das ganze Jahr 
keine solchen 120 ). Manche Maßregeln 
sichern das Geflügel gegen Raubzeug 121 ). 
Am K. ausgebrütete Hühner schützen vor 
Krankheiten und sind heilkräftig 122 ). 


und dann mit diesem über den Kohl im 
Garten streichen; dann hat dieser von 
Raupen nichts zu leiden 127 ). Damit 

der Klee gut gerate, streut man Asche 
darauf 128 ). Um ihre Fruchtbarkeit zu 
stärken, werden die Obstbäume geschla¬ 
gen 129 ), mit der Axt bedroht 13 °), ge¬ 
schüttelt 131 ), geputzt und mit Stroh 
umwunden 132 ), mit geweihtem Wasser be¬ 
gossen 133 ). Um Böhmisch-Brod läuft man 
wohl auch mit einem Säckchen Erbsen 
im Garten herum und schlägt damit an die 
Bäume, dann tragen diese so viele Früchte, 
; als Erbsen im Säckchen sind 134 ). Kocht 
j man am K. Obst, so werden das die 
1 Bäume durch reichen Ertrag lohnen 135 ). 
In Menzenschwand beschneidet man die 
Obstbäume meist am K. 136 ). Man klopft 
mit Hämmern an sie und will aus dem 


99 ) Sartori Sitte 3, 146 A. 11. In Poitou j 
sang man in den Ställen eine Art Psalm, um j 
das Vieh zu segnen: Sebillot Folk-Lore 3, 107. 
10 °) Drechsler 1, 87. 10J ) Eberhardt Land¬ 

wirtschaft 14. 102 ) Wettstein Disentis 173 (28). j 
103 ) Manz Sargans 92. Vgl. Hoffmann- j 
Krayer 147; SchwVk. 11, 49. 104 ) Manz 136. 
10B ) Bartsch 2, 259. 106 ) Reiser Allgäu 2, 116. 
107 ) Drechsler 1, 90. 108 ) Baumgarten Jahr 
21. 109 ) Reiser 2, 117 (29). no ) Birlinger 

Volkst. 1, 471; BayHfte 1, 90 (Schwaben); I 
Reiser 2, 117 (30). ni ) Witzschel Thür. 2, 
195 (18). 112 ) Wuttke 267 (391: Böhmen). 

11S ) Hörmann Volksleben 57 f. Am K. wurden j 
früher vom König von England Ringe gesegnet ! 
als Heilmittel gegen Krampf und fallende Sucht: ; 
Sepp Religion 119. 114 ) Birlinger Volkst. 2, 78. ; 
llB ) Ders. A. Schwaben 1, 386. n6 ) Meyer 

Baden 503. 117 ) Eberhardt Landwirtschaft 21. 
l18 ) Unoth 1, 183 (72). 119 ) Witzschel 2, 196 ! 
(24. 25). 12 °) SAVk. 24, 64. 121 ) Reiser 2, 115 f.; ' 
Schönwerth Oberpfalz 1, 352; Köhler Voigt¬ 
land 372; Grohraann 142 (1043); Hmtl. 14, 
100; SAVk. 24, 65. 122 ) John Erzgeb. 234. 

6 . Auch für Acker und Garten ist der 
K. wichtig 123 ): Man vertreibt Mäuse und 
Maulwürfe, indem man ihre Haufen aus¬ 
einander recht 124 ). Zu Fastnacht ge¬ 
schnittene Pflöcke werden am K. vor 
Sonnenaufgang mit der Hacke in die 
Grenzen der Felder eingeschlagen; so 
weit der Hall geht, so weit können Maus 
und Maulwurf nicht zu 125 ). Mittags 12 
Uhr soll man unter dem Fliederbaum 
Sand wegnehmen und gegen die Sperlinge 
in die Saat streuen 126 ). Man soll die 
Stube mit einem frischen Besen kehren 


Klange schließen, ob es viel Obst gibt 
oder nicht 137 ). Vorzüglich geeignet ist 
der K. zum Pflanzen und Säen 138 ). Alles, 
was in die Erde gesetzt wird, gedeiht 139 ). 
Vielleicht spricht bei diesem Glaubender 
Gedanke an Christi Grablegung und Auf¬ 
erstehung mit. Die Kartoffeln können an 
keinem günstigeren Tage gelegt werden 14 °). 
Doch heißt es auch wieder, daß am K. 
gelegte Erdäpfel räudig würden 141 ). In 
Schluchsee versetzt man die Zimmer¬ 
pflanzen und pflanzt die Ableger 142 ). Im 
katholischen Süd Westfalen säet man den 
Frühflachs, was eine besonders gute Ernte 
sichern soll 143 ). Am K. gesäetes Kraut 
wird groß und fett 144 ). In die Erbsen 
kommen keine Würmer 145 ). Auch Bohnen 
soll man setzen 146 ). Klee gedeiht, wenn 
man vormittags Asche auf die Erde 
streut 147 ). Zwiebeln, die am K. gesäet 
werden, werden gut; das kommt von den 
Tränen her, die an diesem Tage um 
Christus geweint werden, weil auch beim Zu¬ 
bereiten der Zwiebel die Augen tränen 148 ). 
Blumen säet man besonders gern 
am K. 149 ). Balsaminensamen, am K. 
gepflanzt, bringt die verschiedensten 
bunten Blüten hervor 150 ). Wer zu ver¬ 
schiedenen Stunden Blumensamen säet 
oder stupft, kann damit Blumen von ver¬ 
schiedenen Farben erzielen 151 ). Die am 
K. mittags 12 Uhr beschnittenen Nelken 
werden recht dicht und groß 152 ). Doch 


Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV. 


32 a 


995 


Karfreitag 


996 


kommt der am K. beschnittene Garten¬ 
salbei nicht zum Blühen 153 ). — In 

manchen Tiroler Kirchen schütten 
Leute über das zur Verehrung ausgestellte 
Kreuz Mais oder anderes Getreide. Es 
gehört dem Küster 154 ). Man legt davon et¬ 
liche Hände voll in den Getreidekasten 155 ); 
auch schüttet man verschiedene Ge¬ 
treidearten über das Kreuz, und die 
Art, von der am meisten auf dem Christus¬ 
bilde liegen bleibt, gedeiht in diesem 
Jahre am besten 156 ). Jeder eilt am 
frühen Morgen in den Garten, kniet ins 
Gras und betet, weil da die Leiden 
Christi anheben, zu den fünf Wunden 
des Herrn 157 ), wogegen es in Stendal 
wieder heißt, man dürfe nicht in den 
Garten gehen, sonst gäbe es Raupen 158 ). 

12S ) Sartori Sitte 3, 145 A. 8. 124 ) Eberhardt 
Landwirtschaft 4; SAVk. 24, 65. 125 ) Schön- 

werth Oberpfalz 1, 401 (8). 12# ) Schulenburg 
252. 127 ) Meyer Aberglaube 213. 128 ) John 

Erzgeb. 225. 129 ) Hör mann Volksleben 56; 

Zingerle Tirol 148 (1274). 13 °) Frazer 2, 22 
(Armenien). m ) Eberhardt Landwirtschaft 12 ; 
Witzschel Thür. 2, 194 f., vgl. 195 (12); 

Schauerte Sauerl. Volksk. 44; Grohmann 
45 (285); ZfVk. 4, 394 (Ungarn). 132 ) Eberhardt 
12; Drechsler 1, 89. * 33 ) ZfrwVk. 3, 149. 

1M ) Grohmann 45 (285). 135 ) Eberhardt 

12 13«) Meyer Baden 385. 137 ) Sartori 3, 145 

A. 8. Das Obst gerät dann besser: Birlinger 
Volkst. 1, 472 (11); Höf ler Waldkult 97. 
188 ) Sartori 3, 145 A. 7; Fontaine Luxemburg 
37; Rantasalo Ackerbau 2, 29. Aber unge¬ 
eignet, wenn der hundertste Tag des Jahres 
auf K. fällt: Witzschel Thür. 2, 215. Man 
soll überhaupt nichts säen: Sebillot Folk-Lore 
3 * 453 - 13# ) Zingerle Tirol 148 (1280); Hör¬ 

mann Volksleben 56; Hmtl. 14, 99; SchwVk. 
7, 31; Manz Sargans 136; Strackerjan 2, 69 f. 
Manche Pflanzen müssen am K. gepflanzt wer¬ 
den: Sebillot Folk-Lore 3, 372. 373. 374. 
14 °) SchwVk. 7, 31; SAVk. 20, 196; Manz 136; 
Schauerte Sauerl. Vkde 44. 141 ) Vernaleken 
Alpensagen 369. U2 ) Meyer Baden 502. 

14S ) HmtblRE. 5, 146. 144 ) John Erzgeb. 225. 

145 ) Meyer Baden 423; Zingerle Tirol 149 
(1284); SchwVk. 4, 41. 147 ) Wuttke 424 (663). 
148 ) ZfrwVk. 12, 129 (Paffrath im Bergischen). 
* 49 ) Ebd. 12, 10. 15 °) Ebd. 18, 37 (Elberfeld). 
151 ) Reiser Allgäu 2, 116 (23). 152 ) BayHfte 

1, 90. 163 ) Ebd. 1, 91. 154 ) Zingerle Tirol 148 
(1276); Sepp Religion 119. 155 ) Zingerle 148 
(1277). 15e ) Ebd. 148 (1278); vgl. Hörmann 

Volksleben 57 f. 157 ) ZföVk. 5, 64. 158 ) Kuhn u. 
Schwartz 374 (26). 

7. Für Heilungen ist der K. besonders 
günstig 1M ). Eine ärztliche Untersuchung 


an diesem Tage ist besser als zu jeder 
andern Zeit 160 ). Vieler Wurzeln Heil¬ 
kraft wird gesteigert, wenn sie am K. aus¬ 
gegraben werden 161 ). Besprechungen 
werden gern am K. vorgenommen, oder 
dieser Tag wird doch in der Formel als 
| maßgebend hervorgehoben 162 ). In Erfurt 
gab man ein über dem Kruzifix gereichtes 
Brot als Fiebermittel 163 ). Ein vortreff¬ 
liches Mittel gegen Augenübel ist, sich am 
K., während die Scheidung geläutet wird, 
im Namen Jesu die Augen zu waschen 164 ). 
Die Hände soll man mit Froschlaich wa¬ 
schen, das verhindert ihr Auf springen 165 ). 
Gegen Magenleiden trinkt man vor Son¬ 
nenaufgang in den drei höchsten Namen 
Essig 166 ). Ein aus Sargnägeln oder 

-griffen geschmiedeter Ring vertreibt 
Gicht und Gliederschmerzen 167 ). Nach 
Grimmelshausen werden die Gichtringe 
am K. von nackten Schmieden aus einer 
Galgenkette geschmiedet 168 ). Besonders 
zahlreich sind die Mittel gegen Zahn¬ 
schmerzen 169 ). Auch ist der Tag gut zum 
Aderlässen der Haustiere 170 ). Gegen 
Bruchschaden zieht man Kinder durch 
den Spalt eines Baumes 171 ). Auch das 
Verbohren und Vernageln von Krank¬ 
heiten ist häufig m ). An manchen Orten 
wird der „Schlag mit der Lebensrute“ voll¬ 
zogen 173 ). Wer am K. mittags um 
12 Uhr in der Erde gräbt, findet kleine 
Kohlen; die sind gut gegen vielerlei, vor¬ 
nehmlich gegen Krämpfe 174 ). Wenn eine 
am K. drei Messerspitzen voll Mehl, 
etwas von einem Brot Geschabtes und 
noch ein „Stücklein“ einnimmt, so wird 
sie ein ganzes Jahr nicht schwanger 175 ). 

159 ) Sartori Sitte 3, 146 A. 12. 16 °) John 

Erzgeb. 193. 161 ) Drechsler 1, 90. 162 ) Ho- 

vorka u. Kronfeld 2, 335 (Mähren); Dähn- 
hardt Volkstüml. 1, 80 (4); ZfVk. 7, 290; Ale¬ 
mannia 26, 70 f.; Lammert 265. 1M ) ZfVk. 

11, 274; vgl. Panzer Beitr. 2, 281. 433 f. 
i® 4 ) ZfVk. 8,400 (Bayern). 165 ) Witzschel Thür . 
2, *95 ( x 3 )- 186 ) Höhn Volksheilkde 1, 102 (das 
ist wohl auf den Essigschwamm des Evange¬ 
liums zurückzuführen. Man soll am K. Essig 
putzen oder von der Essigmutter ziehen: Hoff- 
mann-Krayer 146; vgl. auch oben A. 76. 
147 ) Höfler Ostern 13; Hoffmann-Krayer 
147. 168 ) ZfVk. 22, 124. 169 ) Wuttke 351 (526); 
Reiser Allgäu 2, 114 (9); Hoff mann-Krayer 
146; SAVk. 15, 4; Drechsler 1, 90. 17 °) Hoff- 
mann-Krayer 147; Reiser 2, 115; Drechs- 


997 


Karfreitag 


998 


ler 1, 90. m ) Wuttke 338 (503); Drechsler 
1, 89; Witzschel 2, 196 (21); Meier Schwaben 
390 (56); Hoffmann-Krayer 146; Hmtl. 14, 
99; Sepp Religion 119. 172 ) Witzschel 2, 196 
(23); Reiser 2, 114 (9); Schulenburg Wend. 
Volkst. 252. 173 ) Knoop Posen 327 (78); vgl. 

Meyer Germ. Myth. 137; Frazer 9, 268; 
Bartsch Meckl. 2, 258 (1348). 174 ) Unoth 1, 

181 (35); Schulenburg 252. 175 ) Höhn 

Hochzeit 1, 1. 

8. Zu Weissagungen findet der K. 
in Deutschland nur geringe Verwendung. 
Wenn es auf die Uhr zu gleicher Zeit mit 
dem Vaterunserläuten schlägt, so stirbt 
bald jemand im Ort 176 ). Zerbissenes 
Gebäck, unters Kopfkissen gelegt, dient 
in Ungarn zum Liebesorakel 177 ). Sieht 
man zur Zeit des Passionsgottesdienstes 
ein Geldstück auf den Boden rollen, so 
greife man schnell mit der Hand an den 
Kopf; soviel Haare man anfaßt, soviel 
Geldstücke findet man im Jahre; die an¬ 
gefaßten Haare aber fallen aus 178 ). Doch 
ist der K. für die Witterung von ent¬ 
scheidender Bedeutung. Es soll kein 
Wind wehen 179 ). Wenn helles Wetter 
ist, so gibt es einen guten Sommer, regnet 
es aber, ein schlechtes Jahr 180 ), die 
jungen Gänse gehen zugrunde 181 ), die 
dritte Pflanze geht vom Acker 182 ), 

das Heu lohnt nicht 183 ). Doch heißt 
es auch: wenns K.s regnet, gibt es 
ein gutes Jahr 184 ). Am häufigsten 

wohl: K.sregen bringt große Dürre 185 ). 
Oder: der noch kommende Regen taugt 
nichts 186 ). Wenns friert, so gibts ein 
gutes Frühjahr, und kein Frost schadet 
mehr 187 ). Am K. solls gefroren sein, und j 
wenns auch nur einen Spatzen trägt 188 ). 
Man sagt aber auch: wenns Christus im 
Grabe friert, dann frierts noch 40 Nächte 189 ). 
Frost in der K.s- und Karsamstags- 
nacht bringt auch Frost in der Buch¬ 
weizenzeit 190 ). Wenn K. kalt ist, ist es I 
der kälteste Tag des Jahres 191 ). j 

176 ) Alemannia 24, 155. 177 ) ZfVk. 4, 395. j 

178 ) ZfVk. 4, 394 (Ungarn). 179 ) Leoprechting j 
Lechrain 172. 18 °) Vernaleken Alpensag. 415 
(125); Witzschel 2, 195 (11); ZfVk. 17, 449; 
12, 423; ZfrwVk. 2, 207. 181 ) John Westb. 62. 
,ÄÄ ) Bartsch 2, 259 (1355). 183 ) John Westb. 62. 
184 ) ZfrwVk. 3, 149; SAVk. 12, 20; Sepp Religion 
120. 185 ) Grimm Myth. 3, 474 (1044); Kuhn 
u. Schwartz 374 (22); ZfVk. 9, 232 (Nord¬ 
thüringen); John Erzgeb. 194; Andree Braun¬ 
schweig 410; Schauerte Sauerländ. Volksk . 43; 


John Westb. 61; ZfdMyth. 2, 102 (Bayern); 
Leoprechting Lechrain 172; SchwVk. 6 , 36 f.; 
Kück Wetterglaube 63 ff . 186 ) Witzschel 2, 197 
(29); Schulenburg Wend. Volkst. 141; Ale¬ 
mannia 24, 155; Reiser 2, 117 (33). 187 ) Bir¬ 
linger A. Schw. 1, 386t. 387; Hörmann Volks¬ 
leben 56; Schramek Böhmerwald 146; Pollinger 
Landshut 230; Fontaine Luxemburg 37; Reiser 
Allgäu 2, 117 (34). 188 ) Leoprechting 172. 
189 ) Kuhn Westfalen 2, 134 (400); Schauerte 
Sauerl.Volksk. 43 f.; Wüstefeld Eichsfeld 64. 
19 °) Strackerjan 1, 21. 2, 70. 191 ) Campbell 
Witchcraft etc. in the Scottish highlands 263. 

9. Mannigfachem Zauber gibt der K. 
Raum, und Geister und Hexen treiben 
an ihm ihr Wesen 192 ). In der Mitter¬ 
nachtsstunde verwandelt sich alles flie¬ 
ßende Wasser in Blut 193 ). Das Vieh redet 
194 ). Alles Verwünschte muß sich regen 195 ). 
Pilatus zeigt sich auf seinem Throne auf 
der Oberfläche des Pilatussees 196 ). 
Schatzberge öffnen sich 197 ), Schätze 
sonnen sich 198 ), und die Schatzjungfrau 
könnte erlöst werden, aber es mißlingt 199 ). 
Versunkene Glocken läuten 200 ), aus dem 
Teiche, der ein Gasthaus verschlungen 
hat, kräht der Hahn 201 ). Das wilde Heer 
zieht durch die Luft 202 ), und der ewige 
Jäger ist verdammt, weil er am K. gejagt 
hat 203 ). In entlegenen Kirchen findet um 
Mitternacht eine Geistermesse statt 204 ). 
Gespenster lassen sich zahlreich sehen 205 ), 
denn dieK.snacht ist dieHauptgeisterzeit 206 ). 
Blaue Flämmchen zeigen sich 207 ), ein 
goldener Arm 208 ), irreführende Geister 209 ), 
schöne Frauen 210 ), Holzfräulein breiten 
ihre Wäsche aus 211 ), ein Fischer spukt, 
weil er am K. gefischt hat 212 ). Wenn es 
nachmittags 3 Uhr zum Sterben Jesu läu¬ 
tet, geht ein an die Wand eines Hauses 
in Lungern gemalter großer Mann zum 
Kirchenbrunnen Wasser trinken 213 ). Geht 
man auf einen Kreuzweg, so kommt mit 
dem Schlage der Mitternacht der Teufel, 
und man kann allerlei von ihm erhalten 214 ). 
Mit einer Pfeife, die man nachts 12 Uhr 
an einem Kreuzwege aus einem Knochen 
einer schwarzen Katze gemacht hat, kann 
man Geister zitieren 215 ). Vor Sonnen¬ 
aufgang soll man auf einen kleinen Berg 
gehen, dann sieht man alle Engel und 
alle verstorbenen Leute, die man kannte 216 ). 
Hexen haben am K. die größte Macht 
und werden durch Gewaltmaßregeln 



999 


Karfreitagsei 


IOOO 


vertrieben 217 ): in der Gegend von Oels 
unter großem Rumor mit alten Besen 218 ), 
in Kremsmünster mit Stecken, Peitschen 
und Büchsen 219 ). Man kann sie in der 
Kirche erkennen 22 °). In Dietenheim 
(Illertal) sieht man sie im Grieß Wurzeln 
graben; um 12 Uhr muß man sich davon 

machen 221 ). 

192) öfters wird die gleiche Kraft des Geburts¬ 
und des Sterbetages Christi betont: Meier 
Schwaben 176 (Hexen ziehen um). 390 (Bruch 
des Kindes geheilt). 463 (Teufel hilft auf dem 
Kreuzweg). 116 (wilder Jäger schießt gegen die 
Sonne). m ) Drechsler 1, 84. 194 ) Lachmann 
Überlingen 401. 195 ) Rochholz Naturmythen 

155. 19 ®) ZfVk. 17, 63; Niderberger Unter¬ 

walden 1, 154; Cysat 65 (wenn man die Passion 
predigt). m ) Meiche Sagen 697. 744; Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 241; Grohmann Sagen 171; 
John Westb. 200; Kühnau Sagen i, 232. 558. 

571; 3 » 5^0. 591- 597 - 599 - 600. 601. 604. 614. 
631. 641. 643. 650. 662. 738. 762 (meist während 

des Absingens der Passion). 198 ) Drechsler i, 
86 f.; Meier Schwaben 48; SchwVk. 10, 30; 
Lütolf Sagen 64. 65. 66. 67; Niderberger 
Unterwalden 1, 81; Lachmann Überlingen 97; 
Vernaleken Mythen 135. 1## ) Meiche Sagen 
579; Schönwerth 2, 413; Baader NSagen 18; 
Kühnau Sagen 1, 615; Rochholz Naturmythen 
160f. 20 °) ZfVk. 7, 127; Mecklenburg 13, 17; 
Knoop Posen 259. 201 ) Kühnau 3, 35 8 - 

202 ) Bohnenberger 3. 203 ) Schell Bergische 

Sag. 161 (53). Man stellte sich daher nachts vor 
die Tür, um sein Rufen zu hören: Henssen 
Zur Geschichte d. berg. Volkssage 22. 204 ) Fon¬ 
taine Luxemburg 38. 205 ) Kühnau Sagen 3, 49. 
51. 20 ®) Bohnenberger 7. 207 ) Grohmann 

Sagen 23. 208 ) John Westb. 61. 209 ) Rochholz 
Sagen 1, 250 f. 21 °) Ebd. 1. 276. 211 ) John 

Westb. 200. 212 ) Bartsch Meckl. 1, 407. 213 ) Lü¬ 
tolf Sagen 269 (207); Niderberger Unter¬ 
walden 1, 72. 214 ) Meier Schwaben 2, 389. 

215 ) Drechsler 1, 87. 216 ) SchwVk. 10, 30- 

217 ) Sartori Sitte 3, 145 A. 10. 218 ) Drechsler 
1,86. ai9 ) Baumgarten Jahr 21. 22 °) Strak- 
kerjan 1, 421; Meier Schwaben 2, 391 (60). 
221 ) Birlinger Volkst. 1, 326. 

10. Die von drei an demselben K. ge¬ 
borenen Priestern gleichzeitig gelesene 
Messe ist besonders heilkräftig 222 ). Sonst 
aber ist Geburt an K. bedenklich. Kinder, 
die am K. zur Welt kommen, werden sich 
später erhängen oder sterben eines ge¬ 
waltsamen Todes 223 ). Auch stellt man 
kein Kalb auf, das am K. geboren ist 224 ). 
Dagegen hat man es gern, wenn jemand am 
K. stirbt; er wird selig 225 ), seine Knochen 
werden nie verwesen 226 ). Steht eine 
Leiche am K. im Hause, so schlägt es 


in dem Jahre nicht ein 227 ). Ein Begräbnis 
hält schwere Gewitter vom Dorfe fern 228 ). 
Dagegen wieder: Liegt am K. eine Leiche 
im Orte, so gibt es im Laufe des Jahres 
ein Schadenfeuer, meist durch Blitz 229 ). 
Besuch der Kirchhöfe am K. dient hier 
und da auch abergläubischen Zwecken 23 °). 
In Siebenbürgen holt man vom Friedhofe 
Attich, ein Mittel gegen jede Krankheit 231 ). 
Mädchen schenken ihren Liebsten ein auf 
dem Friedhofe rotgesottenes Ei, um bei 
ihnen Liebe zu entzünden 232 ). 

222) NdZfVk. 6, 18. 223 ) Wuttke 74 (87: 

Böhmen). 224 ) Wolf Beitr. i, 229 (Hessen). 

225 ) Höhn Tod 316; BayHfte 6, 209 (49). 

226 ) ZfVk. 4, 395 (Ungarn). 227 ) John Erzgeb. 

194. 228 ) Ebd. 128. 229 ) Drechsler 1, 90* 

23 °) Sartori Sitte 3, 144 t. A. 6. 231 ) Haltrich 

Siebenb. Sachsen 286. 232 ) Hör mann 60. 

Sartori. 

Karfreitagsei. Das am Karfreitag ge¬ 
legte Ei hat besondere Eigenschaften so¬ 
wohl an sich wie auch als Speise x ). Es 
verdirbt nicht 2 ), sondern trocknet höch- 
| stens ein 3 ). Wenn man am Karfreitag 
ein frisches Ei über das Haus wirft, so 
zerbricht es nicht 4 ). K.er nehmen die 
Ostereierfarbe nicht an 5 ). Zerdrückt 
man eines, so bekommt man die Aus¬ 
zehrung 6 ). Die günstigste Stunde, ein 
K. zu magischen Zwecken zu benutzen, 
ist die zwischen 11 und 12 Uhr vor¬ 
mittags am Karfreitag selbst, weil in 
ihr Christus den Geist aufgab 7 ). K.er 
dürfen zwar verschenkt, aber nicht ver¬ 
kauft werden, da sie sonst ihre Wirksam¬ 
keit einbüßen 8 ). Wenn auf einem Berner 
Bauernhöfe am Karfreitag keine Henne 
brütet, so kommt der Bauer um Hab 
und Gut 9 ). 

K.er sind gute Bruteier 10 ). Sie 
bringen Hühner und Hähne mit jährlich 
wechselnder Farbe hervor 11 ). Der am 
Johannistage gefundene Farnsamen muß 
in einer Feder von einem Hahn, 
der aus einem K. ausgebrütet worden 
ist, aufbewahrt werden 12 ). Wenn man 
ein K. findet und jeder Henne davon 
etwas zu fressen gibt, so holt sie das 
Jahr über „der Vogel“ nicht 13 ). K.er 
schützen vor Krankheiten und Seuchen u ), 
ziehen Fieber an sich 15 ), feien gegen 
Kreuzschmerzen und Kolik 16 ), verleihen 


1001 


Karfreitagswasser 


1002 


Stärke und sichern namentlich gegen ! 
Leibschaden (Bruch) 17 ), verhindern | 
Wundliegen 18 ) und bringen Muttermäler 
zum Verschwinden 19 ). Für das Wohl¬ 
ergehen der Wöchnerin sind sie am 
besten 20 ). Auch das Gedeihen des Viehes 
fördern sie, bewahren es vor Krankheit 
und werden ihm vor dem ersten Weide¬ 
gang oder vor der Alpfahrt eingegeben 21 ). 
Sie sichern vor dem Blitz 22 ) und löschen 
das Feuer, in das sie geworfen werden 23 ). 
Mit einem Ei, das am Karfreitag von 
«iner schwarzen Henne gelegt wurde, 
kann man Tote im Wasser auf finden; 
wirft man es über die Schulter hinter 
sich, so kann man einen Schatz finden 24 ). 
Wer ein K. bei sich trägt, hat Glück im 
Spiel 25 ). Dem Kinde gibt man vor dem 
ersten Schulwege eines zu essen, in das 
man die Buchstaben des gedruckten Al¬ 
phabets verhackt hat 26 ). Wenn man in 
der Karfreitagsnacht um 12 Uhr ein ver¬ 
rührtes Ei in ein Glas mit Wasser schüttet, 
so kann man am andern Morgen aus den 
Figuren, die es bildet, erkennen, welche j 
Früchte in dem Jahre geraten werden 27 ), j 
Nimmt man ein Ei, das am Grün¬ 
donnerstag gelegt ist, am Karfreitag mit j 
in die Kirche, so sieht man alle Hexen ver- I 
kehrt in den Stühlen sitzen 28 ). Legt man 
in den Sack am Karfreitagmorgen ein Ei 
von einem schwarzen Huhn, das keinen 
Schwanz hat, so sieht man alle Geister 
in der Kirche 29 ). Wenn man das erste 
am Karfreitag gelegte Ei einer schwarzen 
Henne unter der Achselhöhle durch 9 Tage j 
ausbrüten läßt, so kommt ein kleines j 
Männchen heraus, von dem man sich alles 1 
wünschen kann 30 ). Man ißt K.er, um 
Knaben zu zeugen 31 ). Auf der schwä¬ 
bischen Alb bringt die Frau ihrem Manne 
am Karfreitagsmorgen, wenn er noch im 
Bette liegt, ein gesottenes Gänseei und 
backt ihm abends einen Eierkuchen 32 ). 
Mädchen schenken ihren Liebsten ein 
auf dem Friedhofe rotgesottenes Ei, um 
bei ihnen Liebe zu entzünden 33 ). Üb¬ 
rigens wird das am Karfreitag gelegte 
Ei mitunter erst am Ostersonntag ge¬ 
gessen 34 ) wie das Gründonnerstagsei am 
Karfreitag. 

*) Vgl. oben 2, 607. 610. 2 ) Wuttke 430 


(674); ZfVk. 8, 340; Kapff Feslgebr. 14; Meyer 
Baden 411. 502; SchwVk. 7, 12; SAVk. 21, 203; 
Sebillot Folk-Lore 3, 233. 3 ) Stoll Zauber¬ 
glauben 68. 4 ) Zingerle Tirol 149 (1285). 

6 ) SchwVk. i, 4. 6 ) Meyer Baden 502. 7 ) Stoll 
Zauberglauben 68. 8 ) Ebd. 118. 9 ) SchwVk. 

6, 34. Wenn aber ,,ein schwarzes Hinckel auf 
Karfreitag legt, das Haus trifft das Jahr aus 
keyn Unglück“, heißt es in einer Rheingauer 
Handschrift aus der ersten Hälfte des 17. Jahr¬ 
hunderts: ARw. 24, 174. lü ) Kapff Festgebr. 
14; Eberhardt Landwirtsch. 21. X1 ) Wuttke 

430 (673): Meier Schwaben 388 (45): Die aus 
einem K. entstandenen Hähne haben besonders 
hervorragende Eigenschaften: Sebillot Folk- 
Lore 3, 218. 12 ) Niderberger Unterwalden 1, 72. 
13 ) Reiser Allgäu 2, 115. 14 ) Höfler Ostern 17; 
SchwVk. 6, 34; 10, 31; Sebillot 3, 233. 

15 ) Stoll Zauberglaube n8f. 16 ) Drechsler 1, 
90; Sebillot 3, 233. 17 ) Grimm Myth. 3, 459 
(712: Ansbach); Hof f mann-Krayer 146; 
SchwVk. 6, 34; Meyer Baden 411. 549; Lam- 
mert 257; Stoll Zaubergl. 68; Reiser Allgäu 2, 
115 (13); Meier Schwaben 389 (55). 18 ) Manz 
Sargans 63. 19 ) Ebd. 20 ) Höhn Geburt 263. 

21 ) Manz 53. 93. 22 ) Meyer Baden 502; Manz 
87; Stoll Zaubergl. 118; Hoffmann-Krayer 
146. 23 ) Jahn Opfergebr. 139; Birlinger 

Volkst. 2, 443; Kuhn Westfalen 2, 133 (Eng¬ 
land); Sebillot Folk-Lore 3, 234; Bull, de 
folklore 2, 3 (28). 24 ) Reiser 2, 115 (15)- 

25 ) Wuttke 409 (636); ZfVk. 8, 340. 26 ) Meyer 
Baden 109. Oben 2, 608. 27 ) Meier Schwaben 
388 (46). 28 ) ZfrwVk. 2, 203 (obere Nahe); vgl. 
Sebillot 3. 234. 29 ) SchwVk. 10, 31. 30 ) John 
Westb. 217. 31 ) Baumgarten Aus d. Heimat 

3 , 5 - 32 ) Meier Schwaben 390 (55). 33 ) Hör¬ 
mann Volksleben 60. 34 ) Sartori Sitte 3, 142 
A. 15. Sartori. 

Karfreitags wasser. Das Wasser wird 
am Karfreitag in vielen Kirchen ge¬ 
weiht x ), hat aber auch an sich — fließend 
oder springend — an diesem Tage be¬ 
sondere Heiligkeit und Kraft 2 ). Man 
soll sich an einem Bache oder wenigstens 
mit Bachwasser waschen zum Andenken 
an den Bach Kidron oder daran, daß 
Christus in dieser Nacht von den Juden 
durch einen Bach geschleppt wurde 3 ). 
Man glaubt, daß sich in der Mittemachts¬ 
stunde, des Todes Jesu wegen, alles 
fließende Wasser in Blut verwandle und 
daß also das Blut des Heüandes eigentlich 
die Wunder tue 4 ). Mädchen und Burschen 
schöpfen vor Sonnenaufgang lautlos gegen 
den Strom das heilwirkende Wasser 5 ). 
Ist kein Bach oder Fluß in der Nähe, so 
schöpft man aus Brunnen und Trögen, 
deren Wasser der Sonne zufließt 6 ). In 



1003 


Karf unkelstei n 


1004 


der Gemeinde Brütten wird das W asser 
Schlag 9 Uhr vom Gemeindebrunnen 
geholt 7 ). Kleinen Kindern bringt die 
Mutter das fließende Wasser nach Haus, 
wäscht sie ab und trägt es wieder in den 
Bach, daß es fort fließe und die Krank¬ 
heiten fortschwemme. Mehr erwachsene 
Kinder müssen wenigstens im Hofe nieder¬ 
knien und dort beten, bis sie abgewaschen 
sind 8 ), öfters wird das Taufwasser vom 
K. genommen 9 ). 

Das K. wird nie stinkend und heilt 
Krätze und Ausschlag, wenn man sich 
darin badet 10 ). Wer es trinkt, wird nicht 
durstig. Auch heilt es Sommersprossen, 
schützt das Sauerkraut vor Fäulnis und 
wird auf Blumen gegossen 11 ). Wer 
unterm Schiedungsläuten sein Gesicht 
wäscht, bekommt keine Sommerflecken 12 ). 
Wer sich die Füße wäscht, bleibt vor 
Fußkrankheiten bewahrt 13 ). Wäscht 
man sich vor Sonnenaufgang die Hände, 
so brechen sie nicht auf 14 ). Von Zahn¬ 
schmerzen bleibt man verschont, wenn 
man sich zwischen n und 12 Uhr in 
einem laufenden Brunnen Hände und 
Füße wäscht 15 ) oder sich in Quellwasser 
den Mund ausspült 16 ). Ein Trunk aus 
fließendem Wasser vor Sonnenaufgang 
sichert Gesundheit und jugendliches Aus¬ 
sehen 17 ). Die Pferde werden in die 
Schwemme geritten 18 ). Wenn man sie 
im Wasser gegen den Strom gehen läßt, 
werden sie nicht krank 19 ). Dem Vieh ist 
das K. ebenso heilsam. Man wäscht es 
damit vor Sonnenaufgang und reinigt 
damit den Stall 20 ) oder treibt das Vieh 
morgens zum Brunnen 21 ) oder in den 
Fluß 22 ). Nicht nur die Pflanzen, sondern 
auch alle Hausgeräte werden mit K. 
gewaschen und gescheuert 23 ). Nach altem 
Glauben badet sogar der Rabe seine 
Jungen mit Flußwasser, damit sie schwarz 
werden, denn sonst bleiben sie weiß 24 ). 

Zauberhaft wirkt auch der Morgentau 
des Karfreitags. Auch er befreit von 
Sommersprossen 25 ). Freilich kann auch 
eine Mistpfütze seine Stelle vertreten 
oder der Saft einer vor Sonnenaufgang 
angeritzten Waldeiche 26 ). Wer am Kar¬ 
freitag vor Sonnenaufgang auf dem Rasen 
seine Hände im Tau wäscht, der spricht: 


,,Ich wasche meine Hände mit heiligem 
Karfreitagstau; was ich anrühr und an¬ 
schau, das zerspringt und zerreißt 

nicht“ 27 ). 

J ) Meyer Baden 503. 2 ) Vgl. oben i, 810 f. 

3 ) Drechsler 1, 84; ZföVk. 5. 64; Hörmann 
Volksleben 36. 4 ) Drechsler 1, 84. 5 )Ebd. 1,83; 
ZföVk. 4, 83 f. 6 ) Drechsler i, 84. 7 ) SchwVk. 
7, 12 8 ) Grohmann 45. ®)Höhn Geburt 271. 
10 ) Meyer Baden 503; Strackerjan 1, 79; 

! Grohmann 44 (282. 283). 45 (289. 290). 182 
(1271); oben i, 811. u ) Meyer Baden 502. 

12 ) Grimm Myth. 3, 458 (697: Ansbach). 

13 ) Drechsler 1, 84; Reiser Allgäu 2, 114. 

! 14 ) Reiser 2, 115 (10). 15 ) Ebd. 16 ) Knoop 

| Posen 327 (80). 17 ) John Erzgeb. 192. 18 ) Sar- 
; tori Sitte 3, 132 A. 22. 19 ) Grohmann 46 (292). 

1 20 ) Drechsler 1, 84 f. 21 ) Meyer Baden 303. 

1 22 ) Tetzner Slaven 276. 23 ) Drechsler 1, 85. 
24 ) Ebd. 25 ) Bohnenberger 23. 2 *)Drechsler 
1, 84. 27 ) Meyer Baden 503. Sartori. 

Karfunkelstein. Plinius führt als 
Karfunkelsteine Edelsteine von verschie¬ 
dener Art und Farbe an. Im allgemeinen 
war Karfunkel Bezeichnung für rötlich 
strahlende Edelsteine; seit dem 13. Jh. 
unterschied man als Arten des Kar¬ 
funkels: Rubin, Rubin = Baiais, Granat 
und echten Karfunkel 1 ). Da man 
diesen ,.echten“ Karfunkel nicht bekam, 
verkauften die Edelsteinhändler als Kar¬ 
funkel die sog. „Katzenaugen“; nach 
Zedier stammten sie ja auch, wie der 
Karfunkel, aus Indien und waren köst¬ 
liche, durchsichtige, feurig glänzende 
Steine 2 ). Der echte „große“ Karfunkel- 
! stein, von dem im Mittelalter so viel 
erzählt wird, der auch in Märchen und 
Sagen eine Rolle spielt, gehört in das 
Reich der Fabel. Seit den frühesten 
Zeiten hatten Indienfahrer die aben¬ 
teuerlichsten Geschichten von der unge¬ 
wöhnlichen Größe und dem übernatür¬ 
lichen Glanz der Karfunkelsteine be¬ 
richtet, die sie in den Palästen der indi¬ 
schen Fürsten gesehen hätten. So sollten 
der König von Pegu, der König von 
Siam, der Kaiser der Tataren u. a. 
Karfunkel besitzen, die so wunderbar 
leuchteten, daß sie die finstersten Räume 
sonnengleich erhellten 3 ). Auch in dem 
Briefe des Presbyters Johannes werden 
Karfunkel erwähnt, die in seinem Palaste 
in der Nacht leuchteten 4 ). Aus solchen 
Berichten entstand der Glaube des Mittel¬ 


1005 


Karlsminne—Karl-Segen (Kaiser) 


1006 


alters, daß der echte Karfunkel allen 
anderen Edelsteinen Rang und Preis 
streitig mache, die Finsternis derartig 
durchleuchte und mit seinen Strahlen 
durchdringe, daß man keines anderen 
Lichtes bedürfe, daß er alle Tugenden 
und Kräfte besitze, die man den anderen 
Edelsteinen zuschrieb, besonders alle Luft- 
und Dunstgifte verscheuche. Dazu sagt 
mit Recht der kritische Verfasser des 
Artikels „Karfunkelstein“ in Zedlers Uni- 
versallexikon: „Alle diese alten Nach¬ 
richten vom Karfunkel sind fabulös und 
schmecken nach Tradition .... obwohl 
immer wieder von ihnen erzählt wurde, 
so will ihn doch keiner gesehen haben“ 5 ). 

J ) Schade 1365 ff.; Megenberg Buch 
der Natur 376 f.; Lonicer 57; Paracelsus 
83 Abs. 2. 2 ) Zedier 15, 244!. s. v. Katzen¬ 

augen; Schade 1403 (Katzenaugen); Brück¬ 
mann 246; vgl. Grimm DXVb. 5, 212. 

3 ) Westermanns Monatshefte 119 (1915), 1656; 
Zedier 5, 780 s. v. Karfunkel; Breßl. Samml. 
32, 403. 4 ) G. Oppert Der Presbyter Johannes 
{1864), 41 u. 47. 5 ) Zedier, Schade a. a. O.; 
Agrippa v. N. 1, 92 u. 134; Müller Uri 1, 
271 ff. Nr 377 ff.; vgl. J. P. Hebels Gedicht 
„Der KP 

Ein solcher Fabelstein war für Märchen 
und Sagen so recht geeignet. Vom Kar¬ 
funkelstein geht das magische Licht aus, 
das wunderbar feurig flammend die Ge¬ 
mächer erhellt, in denen die Unterirdi¬ 
schen, Berggeister und Zwerge hausen 6 ). 
Als Rätsel, „worüber sie zum großen 
Nutzen dessen, der sie um dessen Lösung 
angeht, Bescheid geben würden“, nennt 
man in Oberösterreich den Karfunkel¬ 
stein. Aber nur wer alle Anfechtungen 
und Prüfungen bestand, erhält die er¬ 
wünschte Auskunft und damit Reichtum, 
Glück und Segen 7 ). Die Märchen¬ 
schlange (in der Franche-Comte „vouivre“ 
genannt) trägt einen Karfunkelstein als 
Krone oder als einziges Auge; sein Funkeln 
verrät ihren Zufluchtsort. Dieser Kar¬ 
funkel ist von unschätzbarem Wert, 
und wer sich seiner bemächtigen könnte, 
würde unermeßlich reich werden 8 ). Dich¬ 
tungen von Romantikern verklärten den 
funkelnden Stein der Schlange zum Sinn¬ 
bild der Poesie; durch seinen Besitz wird 
der Traum zur Wirklichkeit 9 ). Grübelnde 
Mystiker sahen in dem „echten“ Kar¬ 


funkel den Kristall der Wissenden, der 
sie mit hohem Wissen und geistigem 
Glück belohnte 10 ). 

6 ) LütjensZtt^rg 90; Gräber Kärnten 49 Nr. 
55 (gelber Karfunkel in der Felsenwohnung der 
heidnischen Riesen); Wolf Beiträge 2, 123; 

Mannhardt Germ. Myth. 451 f. 447 u. a.; 
Meyer Germ. Myth. 126; Schell Bergische Sagen 
359; Heyl Tirol 383 f. u. 459 Nr. 19. 7 ) Böckel 
Volkssage 72. ö ) SAVk. 25, 191; Grimm 
Myth. 3, 198; Nouveau Larousse 4, 992; Stöber 
Elsaß Nr. 1; vgl. Lütolf Sagen 322; Amers¬ 
bach Lichtgeister 26 (Deutung als Irrlicht); 
vgl. Sebillot Folk-Lore 2,207. ü ) MschlesVk. 
12, 2 (1910), 145. 10 ) Tiede Gotteserkenntnis 

136. t Olbrich. 

Karlsminne. 

1. Daß in frühchristlicher Zeit in 
Deutschland nicht nur die Minne Christi 
und der Heiligen 4 ), sondern auch des 
Herrschers und seiner Familie ausge¬ 
bracht wurde, beweist am klarsten, daß 
die Sitte des Minnetrinkens zunächst 
durchaus nichts mit christlichen Kult¬ 
gedanken zu tun hat. Vielmehr scheint 
uns gerade dieser Brauch den eigent¬ 
lichen Kerngedanken des Minnetrinkens 
in ziemlicher Treue bewahrt zu haben; 
daß es hier auf die Person des (fränki¬ 
schen) Herrschers angewandt wird, ist 
vielleicht z. T. als Nachwirkung des 
römischen Imperatorenkultes, wie er be¬ 
sonders im römischen Heere gepflegt 
wurde, zu erklären. 

*) Vgl. den Artikel Minne. 

2. Ob die Kaiserminne auch auf andere 
Herrscher als auf Karl den Großen 
getrunken wurde, bleibt ungewiß. Sicher 
ist jedoch, daß es zu seiner Zeit all¬ 
gemeine Übung war, auf ihn und seine 
Söhne den Minnetrunk auszubringen. 
Wir entnehmen diese Tatsache dem 
26. Kapitel seines Kapitulars vom Jahre 
789, in dem er auch die Stephansminne 
(s. d.) untersagt 2 ). Daß es sich hierbei 
nicht um einen vereinzelten Fall, sondern 
um eine weit verbreitete Sitte handelt, 
macht der Umstand wahrscheinlich, daß 
Karl sich genötigt sah, mit dem Gesetz 
gegen sie einzuschreiten. 

*) MG. Capit. reg. Franc. I 64. 

Mackensen. 

Karl-Segen (Kaiser). Ein im Text des 
Himmelsbriefes seltener auftretender Brief, 
der als selbständiges Stück in mittel- 


1007 


Karneol—Karpfen 


I008 


alterlichen Zauberbüchern erscheint, so 
im Colomanus-Büchlein. Hier wird über 
die Herkunft des Textes berichtet, daß 
der Brief von Gott dem Abt Colomanus 
für seinen Vater, den König von Iberia, 
gesandt sei. Dieser glaubte nicht an die 
Schutzkraft des Briefes und erprobte 
sie an einem Verbrecher, dem weder 
Schwert noch Gift noch Feuer schadeten. 
Nun ließ er den Brief vervielfältigen, 
und eine dieser Abschriften schickte 
Papst Leo an Kaiser Karl d. Gr., der es 
auf einen Schild mit goldenen Buchstaben 
malen ließ x ). Als „Gebet Kaiser Karls 
des Großen“ existiert ein Gebet, in dem 
Jesus um Schutz gegen den Teufel an¬ 
gerufen wird. Wer dieses Gebet bei sich 
trägt, ist geschützt vor seinen Feinden, 
vor Feuer und Wasser, Dieben und 
Räubern, Gespenstern und bösen Geistern. 
Er bekommt nie Fieber und wird niemals 
falsch angeklagt oder ungerecht ver¬ 
urteilt. Kein Mensch darf böse Gesinnung 
gegen ihn hegen. Diese Fassung ist weit 
jünger, sie stellt eine starke Verall¬ 
gemeinerung und Verchristlichung der 
alten Zauberformel dar 2 ). Der Kaiser 
Karl-Segen hat noch eine Reihe von 
Umformungen erfahren; je nach den 
Orten und Zeiten seiner Verbreitung 
treten neue Motive hinzu 3 ). Er tritt 
noch als „ein sehr nützliches Gebet, 
welches der Papst Leo seinem Bruder 
Carolo wider seine Feinde geschickt“ 
mit ähnlichen Verheißungen, wie oben 
angeführt, in einem kathol. Erbauungs¬ 
buch auf 4 ). 

i) Wuttke 167 §225; Stübe Himmels¬ 
brief 9; Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 3. 2 ) ZdVfVk. 
13 (1903), 164; Kronfeld Krieg 103. 3 ) DG. 

10, 65; Alemannia 16 (1888), 233 f.; MschlesVk. 

13/14 (1911). 615 ff.; 18 (1907b 3 6fi - 48; 19 

(1908), 55. *) Geistl. Schild 93 — 95 - t Stübe. 

Karneol. Die Alten nannten den 
Karneol „Sarder“ (cjapS&ov, sarda). Auch 
Zedlers Universallexikon verweist s. v. 
Sarder auf Karneol. Erst im Mittelalter 
entstand die Bezeichnung comiol (rot 
wie comus, die Kornelkirsche); seit dem 
15. Jh. tritt dafür der Name carneolus 
(rot wie caro, Fleisch) auf. Der Name 
Sarder ist bei Juwelieren noch heute 
für eine Varietät des Karneols üblich. 


auch die Franzosen haben neben comaline 
den Namen sardoine x ). 

Wegen seiner roten Farbe galt der 
Karneol stets als stillendes Mittel bei 
allen Blutungen, Nasenbluten, Blutungen 
der Frauen, blutendem Zahnfleisch usw. 2 ). 
Aus Aristoteles übernahm das Mittelalter 
den Aberglauben, wer den Karneol am 
Halse oder im Siegelringe trage, lasse sich 
nicht vom Zorn hinreißen 3 ). Nach 
Zedier wurde der Stein gern in Hals¬ 
gehängen und Armbändern getragen; 
man glaubte, er vertreibe die Furcht, 
widerstehe der Zauberei und helfe, schwan¬ 
geren Frauen auf den Leib gebunden, 
zur Erhaltung der Leibesfrucht und 
Beförderung der Geburt 4 ). In Tirol 
wird er noch heute als Ringstein, seltener 
auf der Brust, als Amulett gegen Furcht 
und Schrecken getragen 5 ). Dem ent¬ 
spricht die Angabe Lonicers, der Sardius 
vertreibe die Furcht und mache beherzt 6 ). 
In den alten Apotheken wurde der 
Karneol auf verschiedene Weise ver¬ 
arbeitet; er galt als blutstillendes und 
blutauffrischendes Mittel und wurde pul¬ 
verisiert bei Eiterungen und Geschwür¬ 
bildungen des Zahnfleisches verwendet 7 ). 
Heute wird der Stein nur noch als Siegel¬ 
stein gern getragen 8 ). 

*) Schräder Reallex . 2 1, 211; Schade 

1378 t. u. 1420; Quenstedt 206 f.; Gesner 
d. f. I. 141; Bergmann 120. 2 ) Megenberg 

Buch der Natur 380; Arnoldus S. 20; Ale¬ 
mannia 26 (1898), 203 (15. Jh.); Schade 
a. a. O.; vgl. Megenberg a. a. O. 396 (Sarder) 
u. Lonicer 58. 3 ) Hovorka-Kronfeld 1, 

232; Megenberg, Schade a. a. O. « 4 ) Zedier 
5, 896; Agrippa v. N. 5, 291; Franz Bene¬ 
diktionen 2, 188; vgl. Seligmann 2, 30 (K. 
Amulett gegen bösen Blick bei Griechen, 
Türken, Brasilianern); Goethe Westöstl. Divan 
I, Segenspfänder. 5 ) Alpenburg Tirol 411. 
®) Lonicer a. a. O. 7 ) Zedier, Schade a. a. O. 
8 ) Brückmann 119 u. 204. fOlbrich. 

Karneval s. Fastnacht. 

Karpfen (Cyprinus carpio L.) t der 

Antike unbekannt 1 ). 

1. Vom Zeugungsakt des K.s sagt 
Albertinus, nach Albertus Magnus: „Wenn 
die Karpfin vermerkt, daß sie baldt ge- 
beren werde, alsdann verfügt sie sich 
zu ihrem Männlin, derselb lest einen 
milchenen Samen in ihren Mundt fallen* 


1009 


Karpfen 


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dadurchwirdt sie alsobaldt schwanger“ 2 ). 
Über ihre Entstehung aus Kot sagt Ges- 
ner: „Dise fisch wonend in allerley wasse¬ 
ren / dann es wachsend vnd entspringend 
deren etlich von jnen selber / auß wüst vnd 
kadt / one samen / als von etlichen 
anderen fischen auch geschriben wirdt / 
vnd die erfarenheit söllichs erzeigt“ 3 ). 
Über die Geschlechtslosigkeit: „In 
etlichen wyeren sollend K. gefangen 
werden, in welchen kein vnderscheid 
des geschlächts, röglings oder milcklings 
mag gespürt werden. Solche werdend 
one zweyfel die seyn / so von jnen selbs 
wachsend vnd geschaffen werdend“ 4 ). 
Über den Augen hat der K. je ein Stein- 
chen in „eines halben Mondes Gestalt“, 
das medizinal verwendet wird 5 ) (s. u. 
Nr. 3) oder, wenn beim Essen an Weih¬ 
nacht gefunden, Glück bringt 6 ). Ver¬ 
einzelt ist die Angabe, daß der K. (wie 
der Hecht, s. d. 3, 1608) die Marter¬ 
werkzeuge Christi im Kopfe trage 7 ). 
Nach Gesner schwindet und wächst ihr 
Hirn mit dem Mond 8 ). Er berichtet 
auch über einige „Wunderkarpffen“, mit 
Menschenkopf u. a. 9 ). 

Lenz Zoologie 517. 2 ) Der Welt Tummel¬ 
platz 600 (vgl. Albertus Magnus De ani- 
malibus 1 . 24 § 26 [nicht in der Ausgabe v. 
Stadler]; Vinc. Bellov. 1 . 17 c. 142). 3 ) Ges¬ 
ner Fischb. 164 a. 4 ) Ebd. 164 b. 5 )Jühling 
Tiere 29 (s. a. Gesner 164 a). 6 ) Drechsler 

I, 34; 2, 223. 7 ) Fischer SchwäbWb. 4, 230. 

8 ) Gesner Fischb. 164 b. 9 ) 165 a. 

2. Aus den Kopfknochen setzt man 
eine Vogelgestalt (Taube), den „heiligen 
Geist“, zusammen und hängt sie über dem 
Tisch an die Decke als Schutzmittel gegen 
Hexen 10 ). Die Schuppen des an Weih¬ 
nacht oder Silvester gegessenen K. werden 
im ganzen Hause umhergestreut, dann 
bringen sie den Bewohnern Glück, im 
Geldbeutel aufbewahrt: G e 1 d (vermutlich 
wegen ihrer Münzengestalt) 11 ) (s. Fisch 2, 
1534; Karausche). In Schlesien trägt 
das Mädchen am Weihnachtsabend die 
Gräten und andere Reste des K.s im 
Tischtuch ins Freie und schüttet sie an 
einem Kreuzwege aus, dann wird sie im 
kommenden Jahre Braut. Auch ist es 
dort Sitte, die vom Weihnachtsmahl übrig 
gebliebenen Fischgräten und Frucht¬ 


schalen an die Ob st bau me zu legen, um 
deren Gedeihen zu fördern (s. Fisch 2, 
1537) 12 ). Der Rogen, besonders an 
Weihnacht oder Silvester gegessen, bringt 
ebenfalls Glück u. Geld: „So viel Körner, 
so viel Gold“ 13 ). Die Lebensjahre eines 
Neugeborenen bestimmt man in Gnesen 
dadurch, daß man einen K. fängt, ihn 
wiegt und die Gewichtszahl [welche 
Gewichtseinheit?] mit 3 multipliziert 14 ). 

10 ) Drechsler 2, 222 {. 249. n ) Ebd. i, 23. 
44; 2, 223; ZfVk. 25, 87; Knoop Tierw. 23; 
Schulenburg Wend. Volksl. 132 A. 2. 12 )Jahn 
Opfergebr. 287. 13 ) ZfVk. 25, 87; Drechsler 

i, 33 - 14 ) Knoop Tierw. 23; BlpomVk 5, 126; 
Veckenstedts Zs. 3, 395. 

3. Volksmedizinisch wird der K.- 
stein (s. 1) gegen Epilepsie und Schlag 
gebraucht 15 ). Nach Gesner ist der K.stein 
„löblicher von einem läbendigen ge¬ 
nommen, dann von einem todten oder 
gesottenen. Zu pulffer gestossen ge¬ 
steh er das blut: vnd so das blut von 
der nasen auff den gantzen stein fließt / 
sol es zu stund geston. Weyter ist er 
nutz dem grien (Harngrn*s); im mund 
gehalten / widersteh dem sod / oder 
sodt / oder hertzwasser / behüt vor dem 
bauchgrimmen: sy werdend auch von 
etlichen am halß getragen zu etlichen 
Kranckheiten“ 16 ). Auch im Elsaß wurde er 
gegen das Nasenbluten angewendet 17 ). 
Schwenckfeld sagt: „Dem K. wächst im 
Schlunde ein dreieckiger Stein von der 
Größe und Gestalt einer Wolfsbohne; hält 
man ihn im Munde, so hemmt er das 
Aufwallen und die Hitze der gelben 
Galle, treibt Steinchen heraus und be¬ 
wahrt vor der Kolik. Er stillt das Nasen¬ 
bluten, wenn er gepulvert und mit 
Cydonienflaum in die Nase eingeführt 
wird. Von manchen wird er auch gegen 
die Fallsucht empfohlen“ lö ). 

In Württemberg wird auf das gicht¬ 
leidende Glied das dreieckige Beinchen 
aus einem K.kopf („K.stein“) gebunden 
(Riedhausen-Saulgau) 19 ). Gebärende, 
die den Harn nicht halten können, 
nehmen eine K.blase, gedörrt und ge¬ 
pulvert, ein 20 ). K.galle ist gut gegen 
Staar (s. Fisch 2, 1539), blöde Augen, 
Rotlauf, Rose, Grieß, Kolik, Epi¬ 
lepsie 21 ). „Sein feißte angeschmiert 


IOII 


Karren—Karsamstag 


Ka r tenschlagen—Kar tenspiel 


1014 


1012 


1013 


nimpt den hitzigen schmertzen der nerv¬ 
aderen" (Spannader) 22 ). 

Im Brauch kommt der K. namentlich 
als Weihnachtsspeise vor 23 ). Die 
Slaven backen K. in den Festlaib beim 
Sippenfest 24 ). Am Portal des Doms 
von Merseburg ist ein K. angebracht 
(s. Fisch 2, 1542, Hering 3, 1782, 
Lachs) 25 ). Sagen berichten von K. mit 
goldenen Ringen um den Hals 26 ) 
oder mit Goldkette, wie diejenigen in 
Barbarossas Weiher (vgl. Hecht Bd. 3, 
1613) 27 ), von hundertjährigen K. 28 ) 
alter Familien, in deren Schloß sie ab¬ 
gebildet sind 29 ), von K., die der hl. Veit 
den armen Kloster-Brüdern von Corvei 
zu seinem Festtag durch ein Wunder 1 
stiftet 30 ), von einem Wassermann in 
Gestalt eines K. 31 ), von der Verwand¬ 
lung eines schlimmen Burgknappen in 
einen K. 32 ). 

15 ) Jühling Tiere 29. 110; Doebel Jäger - 
Practica 4, 73. 16 ) Gesner Fischb. 165 a. 

17 ) Alemannia 1, 198. X8 ) Catalogus 2, 429. 

19 ) Höhn Volksheilkunde 1, 143. 20 ) Jühling 

Tiere 29 (s. Kräutermann 1725). 21 ) Höfler 

Organother. 225; Gesner Fischb. 165 a; Doebel 
J Öger-Practica 4, 73; SAVk. 10, 267 (Uri). 
22 ) Gesner Fischb. 165 a. 23 ) ZfVk. 3, 154 
(Schlesien); Höfler Hochzeit 13 (Böhmen); 
Dähnhardt Volkstümliches i, 77 (Sachsen). 
24 ) Krauß Sitte u. Brauch 56. 26 ) Kruspe 

Erfurt 1, 91 f. 26 ) Kühnau Sagen 3, 462; 
Peuckert Schles. Sagen 70; Haupt Lausitz 
1, 140. 27 ) Bavaria 4, 2, 290; Hebel Pfalz. 

Sagen 2. 28 ) Gesner Fischbuch 164 b. 29 ) Haupt 
Lausitz i, 247. 30 ) Grässe Preuß. Sagen 1, 748. 
3X ) Meiche Sagen 381. 32 ) Grässe Preuß. S. 

3, 298. Hoffmann-Krayer. 

Karren s. Wagen. 

Karsamstag. 

1. Am K. 1 ) sind die Fasten zu Ende, 
und beim Gloria der Messe erklingen 
wieder die seit Gründonnerstag verstumm¬ 
ten Glocken. Diesen Augenblick soll 
man für die verschiedensten glückbrin¬ 
genden Handlungen benutzen 2 ). Man holt 
schon das Osterwasser (s. d.) 3 ). Das 
Hausdach 4 ), die Bienenstöcke und das 
Vieh werden begossen 5 ). Die Mädchen 
laufen zum Wasser und waschen sich, um 
schön zu werden 6 ). Wasser, aus drei 
laufenden Brunnen gesammelt, schützt 
diejenigen, die sich damit das Gesicht 
waschen, vor Sommersprossen, Haut¬ 


ausschlägen und Augenkrankheiten; sie 
müssen aber mit dem Waschen fertig 
sein, ehe das Geläute zu Ende ist 7 ). 
Auch vor Kopfschmerz und Sonnenstich 
bewahrt das 8 ). Händewaschen schützt 
gegen Warzen 9 ). Der Hausherr geht 
mit einem Schlüsselbund klimpernd in 
Wohnhaus und Hof herum, um von 
Kröten verschont zu bleiben 10 ). Die 
Schwaben werden mit einem Besen aus¬ 
gekehrt n ). In Traunstein (Oberbayern) 
eilt jeder Bauer, die bereit gehaltenen 

Pferde an den Pflug zu spannen, um zu 

% 

ackern 12 ). Die Obst bäume werden ge¬ 
schüttelt oder mit Wasser begossen 13 ), 
auch bedroht 14 ). In Eschbach löst man 
die in der Christnacht um die Obstbäume 
gebundenen Strohseile während des Kar- 
samstagsläutens ab 15 ). In Böhmen läutet 
man auch mit den zusammengebundenen 
Schlüsseln des Hauses; so weit der Schall 
reicht, so weit tragen die Bäume 16 ). 

x ) Bezeichnungen: Höfler Ostern 19. 2 ) Sar- 
tori Sitte 3, 146 t. A. 1. 3 ) Ebda. 3, 152 A. 21. 
In Berlin noch 1869: Pfannenschmid Weih¬ 
wasser 207. 4 ) SchönwerthOfcßr/)/ah 2, 86 (2); 
John Westb. 242. 6 ) John Westb. 63. 6 ) Ebd. 
') Reiser Allgäu 2, 126. 127; John Westb. 
63. 242; Vernaleken Mythen 315; S6billot 
Folk-Lore 2, 274. 8 ) Hovorka u. Kronfeld 

2, 191; vgl. Sebillot 2, 240. y ) Hoffmann- 
Krayer 149. xo ) John Westb. 64. xx ) Bohnen¬ 
berger 18. X2 ) ZfVk. 14, 138. 13 ) John Westb. 
63. 224. 242; Hoffmann-Krayer 149; Manz 
Sargans 117; Sartori 3, 146 A. 1. X4 ) Frazer 
2, 22 (Sizilien). 15 ) Meyer Baden 384. 
lö ) Reinsberg Böhmen 134!. 

2. Vor der Kirchentür wird bereits 
vor der Messe das Osterfeuer in Brand 
gesetzt (s. Feuerweihe). An manchen 
Orten wird es als Judasverbrennen 
bezeichnet 17 ). Derselbe Ausdruck wird 
auch für das weltliche Osterfeuer ge¬ 
braucht, das gleichfalls schon oft am Kar- 
samstagabend abgebrannt wird 18 ). 

lv ) Sartori Sitte 3, 148. A. 7; Taylor 
The burning of Judas, Washington University 
Studies 11, Humanistic Series 1 (1923), 1596. 
Im Sauerlande ,,jagt“ man in der Schule nachts 
um 12 Uhr mit großem Lärm den Judas: 
Sartori Westfalen 153. X3 ) Sartori 3, 149; 

Wrede Rhein. Volksk. 258; Kück u. Sohn- 
rey 90. 

3. Auch Wasser wird am K. kirchlich 
geweiht I9 ) (s. Ost er tauf). Vielfach 
bringen die Leute auch Eier, Brot, 


1 




Salz, Hafer, kurz alles, was im Haus¬ 
halte gebraucht wird, in die Kirche, um 
es segnen zu lassen; davon wird am 
Ostertage den Speisen etwas beigefügt, 
und auch dem Vieh gibt man davon 2°). 

19 ) Sartori 3, 152 A. 21; Frazer io, 
122 ff. 20 ) Schauerte Sauerl. Volksk. 44; 
Wüstefeld Eichsfeld 67; Hovorka u. 
Kronfeld 1, 374; Leoprechting Lechrain 28. 

4. Das ganze Haus wird gereinigt. 
Man kehrt alle Winkel mit einem neuen 
Besen 21 ). In Köln nannte man das 
„den Judas ausfegen“ 22 ). Beim Gloria¬ 
läuten beeilen sich die Mägde, den Keh¬ 
richt unbemerkt in des Nachbars Hof zu 
werfen; dadurch wird das eigene Haus 
von allem Ungeziefer frei, und der Nach¬ 
bar bekommt es 23 ). Hier und da wird 
am K. bereits die kirchliche Aufer¬ 
stehungsfeier abgehalten 24 ). 

2X ) Wuttke 400 (615). 22 ) Wrede Rhein. 

Volksk. 258. 23 ) Schramek Böhmerwald 245; 

Lemke Ostpreußen 1, 14. 24 ) Wüstefeld 

Eichsfeld 67; John Westb. 64; Niderberger 
Unterwalden 3, 349. In Köln hat nur die Kirche 
St. Maria im Kapitol das Vorrecht, die Auf¬ 
erstehungsfeier schon am Abend des K.s um 
8 Uhr zu feiern: Wrede Rhein. Volksk. 258. 


5. Nach der abendlichen Auferstehungs¬ 
feier in der Kirche gehen die Kinder auf 
die Saatfelder und rupfen die junge Kom- 
saat aus, um sie daheim ins Bettstroh zu 
legen (gegen Ungeziefer) oder dem Vieh 
ins Futter zu streuen 25 ). Doch darf in 
Ostpreußen das Vieh am Abend nicht 
abgefüttert werden; es kriegt von Sonnen¬ 
untergang bis zum Ostermorgen kein 
Futter 26 ). Findet man am K. Zecken in 
den Schafen, so geben die Kühe im Jahre 
reichlich Milch 27 ). Wenn es am K. regnet, 
so „batet“ das Futter nicht 28 ). Vieh, 
das am K. zur Welt kommt, gedeiht 
besser, steht auch höher im Preise 29 ). 

**) John Westb. 65; Reinsberg Böhmen 
135; Bronner Sitt’ u. Art 132. 26 ) Lemke 

Ostpr. 1, 14. 2r ) ZfVk. 4, 396 (Ungarn). 

18 ) Meyer Baden 504 f. 28 ) Baumgarten Jahr 
22. 


6. Auch am K. haften gewisse Ver¬ 
bote; Man soll nicht auf dem Felde 
arbeiten *°) und nicht säen, weil man 
den Boden, in dem Christus lag, in 
Ruhe lassen soll 31 ). Doch muß man in 
Neuenkirchen am Karfreitag und K. mit 
aller Macht säen und in Oldenburg an 


diesen Tagen Erbsen pflanzen 32 ). Man 
soll nicht waschen 33 ). Doch soll man 
recht schwere Gegenstände heben (s. d.), 
wodurch man an Kraft zunimmt 34 ). Eier, 
an diesem Tage gelegt, sind besonders 
gesund, und man trinkt sie roh, weil 

man davon stark wird 35 ). 

30 ) ZfrwVk. 4, 21 (Kr. Minden). 3X ) Eber- 
hardt Landwirtschaft 2. 32 ) Strackerjan 

2, 70. 33 ) Ebd. 2, 78. 34 ) Schramek Böhmer - 
wald 147. 36 ) Baumgarten Jahr 22. 

7. Alle bösen Geister weilen am K. in 
der Holle, um die Predigt Christi zu hören; 
darum ist jetzt die beste Zeit, das schir¬ 
mende Hufeisen an die Tür zu nageln 36 ). 
i Doch sind auch wieder in der Nacht auf 
; Ostern alle Wiedergänger sichtbar 37 ), 
i und in Steiermark geht am K. die wilde 
; Jagd um 38 ). 

3Ö ) ICück Lüneburger Heide 38. 37 ) Stracker¬ 
jan 2, 78. 3s ) ZfVk. 8, 442. Sartori. 

Kartenschlagen s. Nachtrag. 

Kartenspiel. 

1. Der Ursprung der Spielkarten 
ist gänzlich unbekannt und bedarf noch 
sehr der Aufhellung. Angeblich stammen 
sie aus China. Sicher ist, daß sie aus 
dem Orient (im geläufigen Sinne) stam¬ 
men und durch die Araber oder während 
der Kreuzzüge nach Europa, vermutlich 
! zuerst nach Italien (Sizilien) gebracht 
j wurden. In Italien sollen sie 1379 zuerst 
eingeführt worden sein. Sie sind aber 
älter, denn für Deutschland, wo die 
K.-Erzeugung schon frühzeitig in Blüte 
I stand und die Kartenmacher nachge- 
I wiesenermaßen 1384 bereits Innungen 
gebildet haben (die erste beglaubigte 
Innung scheint sogar aus dem Anfang 
des 14. Jh. zu stammen), stammt der 
erste sichere Nachweis aus dem Jahre 
1377. In Belgien werden sie 1379, in 
Frankreich 1392 ausdrücklich erwähnt, 
und 1463 erließ England bereits ein 
Einfuhrverbot für Spielkarten. Aus dem 
15. Jh. sind K.e erhalten, die sich durch 
große Schönheit und künstlerischen Ge¬ 
schmack auszeichnen. Viele sehen in 
ihm eine bloße Umwandlung des Schach¬ 
spieles ; j edenfalls ist die zugrunde liegende 
Idee die kämpfender Parteien. Es wurde 
daher auch zuerst vorwiegend in Kriegs- 



ioi5 


Kartenspiel 


I0l6 


lagern gespielt x ). Ein Zusammenhang 
mit dem Würfelspiel ist kaum vorhanden. 
Daß es mit diesem zusammen in einem 
Atem genannt wird, hat seinen Grund in 
anderen Ursachen. Wie das Würfelspiel 
scheint es bald nach seiner Einführung 
mit nicht minderer Leidenschaft betrieben 
und so manchesmal die Ursache zum 
völligen Ruin unverbesserlicher Spieler 
geworden zu sein. Daraus allein ist wohl 
erklärlich, daß es stets mit dem Teufel 
in Verbindung gebracht wird la ), als 
dessen Spiel es gilt, der es erfunden hat 2 ), 
der gerne um Seelen spielt. Außer aus 
Sagen geht das auch aus zahlreichen 
Redensarten 3 ) hervor. Geister, Zwerge 
und der wilde Jäger sind der Sage eben¬ 
falls als Kartenspieler bekannt (s. u.) — 
Seit jeher hat das K. einen bedeutenden 
Anteil an der Volksunterhaltung 4 ), wenig¬ 
stens soweit die besonneren Kammer- und 
Kommerzspiele, bei denen es sich nicht 
so sehr um Gewinn als um Geschicklich¬ 
keit handelt, in Betracht kommen. Heute 
noch dient es in seinen verschiedenen 
Arten zum Zeitvertreib, besonders auf 
dem Dorfe 5 ), wo es teils im Wirtshaus, 
teils in den einzelnen. Bauernhäusern 
gespielt wird, zur Unterhaltung an den 
langen Winterabenden und an Sonntagen 
nach der Kirche. 

*) Die alten K.e, die große Wichtigkeit für 
die Geschichte der Metall- und Holzschneide¬ 
kunst sowie der Typographie besitzen, sind 
künstlerisch oft sehr wertvoll: K.e wurden 
herausgegeben von Geisberg (1905)» ferner 
von Lehrs (die ältesten deutschen Spiele 
des kgl. Kupferstichkabinettes zu Dresden, 
Dresden 1885). — Kataloge: Bierdimpfl Die 
Sammlung der Spielkarten des bayrischen 
Nationalmuseums, München 1884; Katalog 
der im Germanischen Museum befindlichen K.e 
und Spielkarten, Nürnberg 1886. Sonstige 
Literatur: Breitkopf Versuch über den Ur¬ 
sprung der Spielkarte, Leipzig 1874; Tylor j 
History of Playing Cards, London 1865. Über 
ein K. aus der 1. Hälfte des 15. Jh.s in 
der Stadtbibliothek in Zürich s. Reber 
F. Hemmerlin 156; Neujahrsblatt der Stadtbibi. 
Zürich 1853, 8; Alte Kunst S. 123. ^ Grimm 
Myth. 1, 124. 2 ) Kuhn u. Schwartz Nr. 63; 
484 Nr. 152; Wolf Beiträge 2, 121; Stracker- 
jan 2, 237 Nr. 499; Simrock 5 481; Ver- 
naleken Mythen 58; Quitzmann 15; Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 42 ff. 3 ) Über z. T. gereimte 
Redensarten vgl. SchwVk. 4, 32. 46 f.; 5, 28; 
<), 32 1 ; 10, 9; 11, 14; Urquell 5 (1894), 260; 


Sartori 2, 1S7. 4 ) Reiser Allgäu 2, 337 ff. 

(Beschreibung versch. K.e 337—343). 5 ) Sar¬ 

tori a. a. O. 

j 

2. Sp.-K.n sind unglückbringend, 
darum werfen die Soldaten sie, wenn sie 
in die Schlacht gehen, von sich, weil sie 
die Kugeln anziehen (Old., Schw.) 6 ). 
Über den, der dieses Teufelswerk bei sich 
trägt, haben Tod und Teufel Macht 7 ). 
Im Jahre 1864 (gegen Dänemark) 7 ) und 
1866 (österr.-preuß. Krieg) 6 ) waren weite 
Strecken der Schlachtfelder von zer¬ 
rissenen K.en übersät. 

6 ) Wuttke 455 §719 = Strackerjan 1, 47 
Nr. 64; Sartori 2, 169 = Strackerjan 1, 51; 
Brnd. 1916, 168; Strackerjan 2, 237 Nr. 499; 
SAVk. 19, 218. ") Dieterich Kl. Sehr. 250. 

3. Seltsamerweise kann dieses Spiel, 
dem so wenig Gutes nachgesagt wird, zu 
Gottes Lob dienen, wie so manche 
geistliche Auslegung des K.s beweist. 
Neben einer solchen aus der Bretagne 
und zwei aus Dänemark 8 ) besitzen wir 
auch zwei deutsche Fassungen in Lieder¬ 
form aus Nordböhmen bzw. von der 
sächsischen Grenze 9 ), deren Zusammen¬ 
hänge untereinander noch nicht erforscht 
sind. Die Urfassung, die wohl noch in 
den Ausgang des Mittelalters zurück- 
reichen mag, wird zweifelsohne von einem 
das K. liebenden Kleriker herrühren. 
Um 1905 fand Andree, allerdings nicht 
mehr in den Krambuden (bei Wallfahrts¬ 
orten), aber noch ziemlich häufig in den Ka¬ 
pellen Tirols, geistliche Spielkarten, 
welche in Beutelchen bei den Heiligen¬ 
bildern hingen. Sie dienten nicht zum 
Spielen, sondern zum Ziehen eines guten 
Rates, der unter der Flagge einer Spielkarte 
segelte. Es sind alte Drucke, die K.- 
Blättchen 4V2 X 7 cm groß und der 
Titel lautet: „Geistliches Kartenspihl zu 
verdienstlicher Zeitvertreibung in 32 Blät¬ 
tern bestehend und zu Trost der armen 
Seelen in Druck gegeben. Augsburg bei 
Johann Stötter“. Die Einteilung ist 
nach der deutschen Karte (Eichel, Herzen, 
Laub, Schellen), und jedes Blatt schließt 
mit der Anweisung, wie viele Vaterunser 
oder Avemaria für die armen Seelen zu 
beten sind 10 ). 

8 ) ZfVk. 4 (1894), 253—255; Grundtvig 
Gamle danske Minder i Folkemunde 2, 309; 


1017 


Kartenspiel 


I0l8 


vgl. Sartori 2, 1S7. ,J ) ZföVk. 6 (1900), 1540. 
i0 ) Andree Votive 21. 

4. Nicht Karten spielen soll man am 
Sonnabend (an dem man sich für den 
Sonntag vorbereiten muß) (Westpr.) u ) 
und Sonntag, bes. nicht während des 
Gottesdienstes 12 ), in der Karwoche (bes. 
Gründonnerstag und Karfreitag) 13 ) und 
während der Weihnachtsfeiertage 
(hi. Abend bis 2. Weihnachtsfeiertag) 14 ). | 
K. in der Kirche gilt als schweres I 
Vergehen 15 ). Meist werden die Frevler 
vom Teufel geholt, und nur selten ist eine 
Rettung durch das Dazwischentreten des 
Pfarrers möglich 16 ). j 


u ) Urquell 5 (1894), 258. 12 ) Ebd.; Bartsch j 
Mecklenburg 1, 434 ff.; Strackerjan 2, 237 
Nr. 499; Heyl Tirol 653 Nr. 124; Reusch 
Samland Nr. 81. 13 ) Bartsch a. a. O. 1, 435. 

437b Nr. 611 1 . 14 ) Müllenhoff Sagen 148 

Nr. 204 1 ; Gräber Kärnten 4 254 Nr. 346. 15 ) 

Meiche Sagen 464 Nr. 602; Heyl Tirol 100 
Nr. 63. 16 ) Bartsch a. a. O. 1, 435. 


5. Glück und Unglück beim K. wird 
in verschiedener Weise erklärt und her¬ 
beigeführt 17 ). Vor dem Anfang befragt 
man durch Abheben eines anderen Spie¬ 
les Karten das Orakel, wer zu beginnen hat. 
Die aufliegenden Karten machen dann 
nach Wert und Farbe ihre Andeutungen 
(Westpr. 18 ), fast allg.). Das Glück bannt 
man auf verschiedene Weise auf seine 
Seite: wenn man sich das Geld zum 
Spiele borgt (Westpr., Pom., Meckl., 
Sachs. 19 )) oder Wünschelsamen (Schw. 20 )), 
Johannisblut (Hildesheim) 21 ), Knaben¬ 
kraut 22 ), Karfreitagseier 23 ) oder einen 
Vierklee 24 ), der ohne Wissen des Priesters 
ins Meßbuch gelegt wurde, sowie ein 
rotes Kelchtuch, das in der Christnacht 
beim Gottesdienst gebraucht wurde 
(Tir.) 25 ), bei sich trägt. Besonders glück¬ 
bringend ist etwas Blut von Hingerich¬ 
teten 26 ) oder ein Diebsdaumen (West- 
bö 26a )). Wenn der Spieler, ohne daß eres 
weiß, ein „Knoop' f (früheres dänisches Vier¬ 
bankschillingstück) in der Tasche hat 27 ), 
so gewinnt er. Gewinn bringt es, wenn 
man das Herz einer Fledermaus mit 
einem roten Faden um den linken Arm 
bindet (Tir. 28 ), Wetterau), oder um 
den Arm, mit dem man auswirft (Tir. 28 ), 
westböhm. Erzg. 28a )) oder unterm Rock 


trägt (Westbö. 28b )); wenn man das Herz 
einer Eule, den Stein aus dem Rücken ei¬ 
ner Fledermaus oder den Kopf eines Wie¬ 
dehopfes bei sich trägt 28c ), oder die linke 
Pfote eines Maulwurfes abbeißt und bei 
sich trägt (Old.) 29 ) oder ein Spielmänn¬ 
chen in der Tasche hat (Schles. 30 )); 
wenn man den Stuhl umkehrt und mit 
der Lehne nach dem Tische zu stellt 
(Hamb., Old.) oder auch, falls man un¬ 
glücklich spielt, den Stuhl etwas verrückt 
oder einen andern nimmt 31 ); wenn man 
eine Nähnadel, mit welcher der untere 
Vorderteil eines Hemdes zugenäht ist, 
vor sich in die untere Seite der Tisch¬ 
platte steckt (Pr.), wenn man jemand, 
der einen „guten Blick“ hat, in die Karten 
gucken (Old.) 32 ) oder sich von einem 
andern den Daumen halten läßt (Brand., 
Old. 33 ), allgemein). Wer mit der Fuge 
(des aufklappbaren Spieltisches) in einer 
Richtung sitzt, also beim Ausspielen auf 
die Ritze haut, pflegt zu gewinnen 
(Westpr.) Gewinn bringt es, wenn 
man die Karten einzeln vom Tisch nimmt 
und sie in der Hand ordnet (Ostpr.) s 5 ), 
ebenso wenn man sich vor dem Spiel 
an einem Schweinetrog scheuert 
(Dithm.) 36 ). Wer anfangs gewinnt, ver¬ 
liert dann bestimmt und umgekehrt 
(Bö., Old.) 37 ). Ist jemand am Weih¬ 
nachtsabend oder am Karfreitag (an 
welchen Tagen man nicht spielen soll, 
siehe oben 4) im K. glücklich, so hat er 
auch im (folgenden) Jahre stets Glück 
(Schles.) 38 ). Eine Glückshand kann 
man sich verschaffen, wenn man sich 
in der Ostemacht von 11—12 Uhr auf 
einen Kreuzweg, der zugleich Toten weg 
ist, hinlegt und dort trotz aller lächer¬ 
lichen und schrecklichen Erscheinungen 
weder lacht noch weint, weder betet 
noch eine Silbe spricht. Da kommt der 
Teufel in Gestalt eines Jägers, nimmt den 
Liegenden bei der Hand und verleiht 
ihm Gewinn bei jedem K. (Tir.) 39 ). 
Man kann sich auch die Karten von einer 
alten Frau besprechen lassen (Westpr.) 40 ). 
Manche Leute verstehen das „Karten¬ 
färben“, d. h. sie können nach Belieben 
die eigenen oder die Karten der Gegner 
zu ihrem Vorteil „umfärben“ (machen. 


ioi9 


Kartenspiel 


1020 


daß sie jedesmal die Hand voll Trümpfe 
bekommen) 41 ). Damit aus einem Kinde 
ein tüchtiger K.er werde, wurden dem 
Kinde früher bei der Taufe Karten in 
die Windeln gesteckt 42 ). Um allzu großem 
Gewinn zu steuern (was man in der Regel 
als etwas Unheimliches ansieht), soll 
man dem Gewinnenden drei Kreuze 
machen (Westpr.) 43 ). Auch soll man nicht 
mit dem Spiele, das zum Auslosen der 
Plätze gebraucht wurde, zuerst Karten 
geben 43 ). Man ruft auch den hl. Nepo¬ 
muk an (und andere seltsame Heilige) 433 ). 

17 ) Strackerjan a. a. O. 2, 237 Nr. 499. 
18 ) Urquell 5 (1894), 259. 19 ) Ebd. 1 (1890), 64; 
5, 258; Meyer Aberglaube 228 — Grimm MythA 
3, 436 Nr. 51—52- 2Q ) Wuttke 98 § 123 = 409 
§436. 21 ) Ebd. 104 § 134 = Seifart Sagen aus 
Hildesheim 2, 134; W. 410 § 636. 22 ) W. 108 
§ 140 = Köhler 377; Wuttke 410 § 636. 23 ) W. 
74 § 87 = 409 § 636. 24 ) Ebd. 102 § 130; 

410 § 636; Fogel Pennsylvania 80 Nr. 287. 
a ) Quitzmann 247 = Panzer Beitr. 2, 553; 
Zingerle Tirol Nr. 531. 731. 893. 28 ) Wuttke 
137 § 189 == 410 §636. 26a ) John Westböhmen 
285. 27 ) ZdVfVk. 20 (1910), 382. 28 ) ZföVk. 2 
(1896), 157. 28a ) Erzg.-Ztg. 23 (1902), 236 u. 

28 (1907), 255. 28b ) John Westböhmen 252. 

28c ) Grimm Myth* 3, 442 Nr. 251. 2 *) Urquell 
1 (1890), 64. ^ Kühnau Sagen 2, 4. 31 ) Urquell 
1, 64. 3 *j Wuttke 410 §636; Seligmann 

Blick 1, 247; Strackerjan 1, 113. 33 ) Strak- 
kerjan a. a. O.; Meyer Aberglaube 228 = häm¬ 
mert 216. Vgl. Plinius hist. nat. 38, 2, 5. ^Ur¬ 
quell 5 (1S94), 258 t.; in einigen Gegenden gilt 
auch das Entgegengesetzte. 35 ) Ebd. 1, 64. 
36 ) ZfVk. 20, 382; vgl. für Westpreußen Ur¬ 
quell 5, 260. 37 ) Wuttke 223 § 317; eine 

Schweizer Redensart sagt: ,,Verlust beim ersten 
Spiel bringt später Glück" (SchwVk. 4, 47). 
M ) Drechsler 1, 30. 3d ) Wuttke 263 §384 
= Zingerle Tirol 97. 125; vgl. Alpenburg 
Tirol 253. 40 ) Urquell 5, 260. 41 ) Reiser 

Allgäu 1, 221. 42 ) Hüser Beiträge 2, 23. 43 ) 

Urquell 5 (1894), 259. 43a ) Urquell 5 (1894), 

258. 

6 . Unglück im Spiel. Beim K.en links 
herumgeben, ändert das Glück (Westpr., 
Sachs.) 44 ). Unglück bringt ferner das 
Sitzen unter dem Balken (Schlesw.) 45 ), 
Essen von schwarzem Brot während des 
Spielens 48 ), vorheriges Ansehen der Karten 
(Westpr.); dem Kartengeber, wenn es 
beim Abheben „gekleckert“ hat, d. h. 
wenn die Karten in mehreren Häufchen 
oder weit auseinander fallen (Westpr.) 47 ). 
Nachteil bringt es ferner, wenn jemand, 
der ein „schlechtes Auge“ hat, in die 


Karten schaut 49 ). Auch soll ein Spieler 
dem Mond nie den Rücken zukehren 48a ). 

44 ) Urquell 5, 259. 45 ) ZfVk. 2o ; 382. 48 ) Ur¬ 
quell 4, 274. 4T ) Ebd. 5, 259. 4e ) Strackerjan 


U 113- 


48a 


) Meyer Aberglaube 227. 


7. Viele Sagen erzählen von k.en¬ 
den Geistern 49 ) — vielfach sind es im 
Leben Spieler und Säufer oder Betrüger 
(im K.) gewesen — vom wilden 
Jäger 50 ), der selbst die Karten austeilt, 
von Kobolden 51 ), die mit Wohlgefallen 
dem K. Zusehen. 

4 9 Quitzmann 15 = Panzer Beitr. 2, 

Nr. 175; Vernaleken Mythen 56h Nr. 29; 
Wolf Beitr. 2, 121; Heyl Tirol 594 Nr. 54; 
Kühnau Sagen 1, 501; Bartsch Mecklen¬ 
burg j, 433h; Scliönwerth Obsrpfalz 3, 122; 
Correvon Gespenstergesch, 15. 50 ) Wolf a. 

a. O. = Kuhn u. Schwartz 58 t. Nr. 63. 
61 ) Kühnau a. a. O. 2, 234 = Vernaleken 
a. a. O. 58 f.; nach dänischem Volksgl. unter¬ 
halten sich die Nisse mit K. (ZfVk. 8, 5). 
Kartenspiel im Nobiskrug: Kuhnu. Schwartz 
131 f. 484. 

8. Sehr groß ist die Zahl der Sagen, in 
denen sich der Teufel den K.ern 
zugesellt 52 ). Die eigene Lust am Spiel 
oder aber das Fluchen der Spieler zieht 
ihn an. Gerne beteüigt er sich, wenn 
des Sonntags (bes. während des Gottes¬ 
dienstes), an heiligen Festtagen oder 
gar in der Kirche gespielt wird. Er er¬ 
scheint plötzlich, ohne daß die Tür sich 
öffnet (und verschwindet ebenso wieder) 53 ), 
als Fremder im Mantel 54 ), am häufigsten 
als Jäger oder Mann im grünen 55 ) oder 
blauen 56 ) Rock und schaut dem Spiel 
bloß zu 57 ) oder nimmt daran teil. Nach 
Oldenburger Glauben sitzt er beim K. 
unter dem Tisch und steht mit Schwanz 
und Pferdefuß hinter dem, der flucht 58 ). 
Meist wird er beim Herabfallen einer 
Karte erkannt an seinem Pferde-, Hühner¬ 
oder Krähenfuß 59 ). Bekommt er die Kreuz- 
As, so flucht er schrecklich und wirft sie 
unter Gotteslästerungen unter den Tisch 
(Kämt.) 60 ). Häufig entweicht er von 
selbst, nachdem er sich zu erkennen ge¬ 
geben hat 61 ) oder die Leute laufen davon, 
während er sich mit dem Gelde aus dem 
Staube macht 62 ), oder er muß durch 
einen Vers aus dem Gesangbuch, die 
Nennung des Namens Christi oder gar 
durch die Beschwörung des Pfarrers oder 
Kapuziners vertrieben werden 63 ). Oft 


1021 


Kartenspiel 


1022 


t. 


verleidet er den Spielern, ohne ihnen 
weiter zu schaden, das K. für immer 64 ), 
manchmal entgehen sie ihm nur mit 
Mühe und Not 65 ), oder sie sterben vor 
Schreck 66 ). Hie und da nimmt er auch 
einen Spieler, gewöhnlich den, der nicht 
aufhören will oder einen, der besonders 
stark flucht, mit sich in die Hölle 67 ), 
zerschmettert ihn an der Wand, dreht 



ihm das Genick um 68 ) usw. Letzteres 
Schicksal bereitet er besonders den Spie¬ 
lern, die in ihrer Leidenschaft in der 
Kirche spielen. In einer Tiroler Sage 
erscheint er einmal halb als Mensch, 
halb als Bock 69 ), eine Lausitzer Sage 
weiß zu berichten, daß er einmal aus 
Ärger über sein ständiges Verlieren die 
letzte Karte in einen Stein drückte 70 ). 

62 ) Quitzmann 15 = Schönwerth Ober- 
Pfalz 2, 175. 402; 3, 27. I4iff.; Wolf Beitr. 

1, 121; Heyl Tirol 799 Nr. 240; Kuhn West¬ 

falen 1. 322 Nr. 266; Gand er Niederlausitz 
15 Nr. 53, 143. M ) Schell Bergische Sagen 
159 Nr. 47. 54 ) Bartsch Mecklenburg 1, 434 

Nr. 1. 437 f. 55 ) Kühnau Sagen 2, 609 = 
Riesengebirge in Wort und Bild, Heft 27/28 
(1890), 63; Bartsch 1, 436 Nr. 5. 7; Gräber 
Kärnten 4 288 f. Nr. 392. 66 ) Bartsch 1, 435. 
* 7 ) Ebd. 1, 435. 438 f. 5S ) Strackerjan 1, 330 
Nr. 200. 63 ) Bartsch 1, 434 = Müllenhoff 
Sagen 148 Nr. 204; 363 Nr. 351; Meie he Sagen 
474 Nr. 615. 40 ) Gräber a. a. O. 61 ) Schell 

a. a. O. 220 Nr. 189; 293 Nr. 3. Ä2 ) Müllenhoff 
263 Nr. 351. c3 ) Bartsch 1, 435 Nr. 4; 1, 436 
Nr. 7. #4 ) Ebd. 1, 438 t.; Schell a. a. O. 
202 Nr. 151; 57 Nr. 92. 6Ö ) Kühnau Sagen 

2, 622 f.; Müllenhoff a. a. O. 148 t. Nr. 204. 

* c ) Schell a. a. O. 17 Nr. 6. 4r ) Bartsch 

1» 437 h 439 f.; Ranke Sagen 261 (*267) = 



Schambach u. Müller 160 Nr. 174; Meiche 
Sagen 464 Nr. 602. 6i ) Müllenhoff a. a. O. 

148 ff. Nr. 204. 69 ) Heyl Tirol 100 Nr. 63. 

70 ) Kühnau a. a. O. 2, 616 = Haupt Lausitz 


^ I, 92. Weitere Belege f. d. Zusammenhang 
J zwischen K. und Teufel: Eckart Südhannover. 


Sagen 157; Schmitz Eifel 2, 64; Nider- 
* berger Unterwalden 2, 104 f.; Sommer Sagen 
56 Nr. 48; Bindewald Sagenbuch 86. 

9. Auch durch andere unheimliche 
4 *. Erscheinungen werden K.er in ihrem 
< Vergnügen gestört; durch eine schwarze 
Frau 71 ) oder eine (unbeschreibbare) 
', unheimliche Gestalt 72 ); sie werden für 
; ihr Vergehen auch auf andere Weise be¬ 
straft 73 ), in Stein verwandelt 74 ), von 
einer einstürzenden Höhle erschlagen 75 ). 
In ganz seltenen Fällen bleibt das K. 
am Sonntag ohne böse Folgen 76 ). Leiden¬ 


1 


schaftliche Spieler werden durch eine 
Eidechse, die mit Karten im Maul plötz¬ 
lich erscheint, geheilt 763 ). 

71 ) Schell a. a. O. 163 Nr. 59. 72 ) Bartsch 
a. a. O. 1, 437. 73 ) Reusch Samland Nr. 81. 

74 ) Vernaleken Alpensagen 273 f.; Gräber 
a. a. O. 254 Nr. 346. 75 ) Heyl Tirol 653 Nr. 124. 
76 ) Kühnau Sagen 1, 521. 7 ® a ) Vernaleken 

Mythen 259 f. Nr. 181. 

10. Sonstiger Aberglaube mit 
Spielkarten. Wenn man einen neuen 
Stall baut, so soll man von einem Spiel 
Karten eine Anzahl von jeder Farbe ein¬ 
mauern, damit die Kühe aller Farben im 
Stalle gedeihen (Westbö., Bärringen im 
Erzgeb.) 77 ). In der Algersdorfer Gegend 
(Wemstadt) mauert man beim Bau eines 
neuen Stalles nur eine neue Spielkarte un¬ 
ter der Türschwelle ein (Nordbö. 78 )). Ist 
ein Schwein beschrien, so soll man die 
Blätter von einer alten Karte inwendig 
hin und her im Saustall anzwecken, 
damit es ihr besser wird 79 ). Mit Karten 
kann man auch wahrsagen, wenn man 
ein K. in einer „geraden“ Stunde in 
einem Kreuzweg vergräbt und die drei 
höchsten Namen dabei sagt und sie, 
nachdem sie drei Nächte dort gelegen 
haben, erst wieder ausgräbt (Schwz.) ®°). 
Im ehern, österr.-Schlesien verfuhr man 
folgendermaßen: Man nahm die vier 
Damen eines Spieles, legte sie in eine 
Reihe und gab jeder Karte den Namen ei¬ 
ner Person. Hierauf legte man 12 Karten, 
darunter den Herzkönig, der Reihe nach 
vor die Damen. Die Damen, zu der nun 
der Herzkönig kam, wurde nach rechts 
gedreht. Welche Dame sich zuerst vier¬ 
mal gedreht hatte, die war dem durch 
den Herzkönig Dargestellten zur Frau 
bestimmt 81 ). In Deutschböhmen wird 
noch heute der gute oder schlechte Aus¬ 
gang einer Sache durch Befragen der 
Karten erforscht. Kräftig gegen Fraisen 
ist das Papier, in welches ein Spiel Karten 
eingeschlagen ist. Man verbrennt es und 
gibt dem Kinde die Asche ein (Bärin¬ 
gen) 82 ). Uber Weissagungen durch K.n 
vgl. Tylor, Cultur 1, 82. 

77 ) Sartori 2, 140 = John Westböhmen 
245; Erzg.-Ztg. 21 (1900), 234. 78 ) ZföVk. 6 

(1900), 176. 78 ) Seyfarth Sachsen 272 = 

Rockenphilosophie 6, cap. 73, 367. ®°) SAVk. 



1023 


Kartoffel 


1024 


8, 278 f. 81 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2, 
175. 82 ) Erzg.-Ztg. 21 (1900), 80. Herold. 

Kartoffel (Solanum tuberosum). 

1. Die K., die bekanntlich aus Süd¬ 
amerika stammt, wird in Deutschland 
erst seit der ersten Hälfte des 18. Jh.s in 
größerem Maße angebaut. So kommt es 
wohl, daß über die K. trotz ihrer weiten 
jetzigen Verbeitung und ihrer Bedeutung 
als Volksnahrungsmittel im Gegensatz zu 
anderen seit langer Zeit bei uns gebauten 
Kulturpflanzen (s. Getreide, Rüben, Lein) 
verhältnismäßig wenige altertümliche 
abergläubische Meinungen bekannt sind. 
Sie beziehen sich meist auf das ,,Stecken" 
der K., wo dem Mond und besonders 
den Zeichen des Tierkreises alle möglichen 
„homöopathischen" Einflüsse zugeschrie¬ 
ben werden. Man darf die K.n nicht 
im Neumond stecken x ), auch nicht im 
zunehmenden Mond (,,sie wachsen ins 
Kraut und setzen keine Knollen an") 2 ). 
Die K. darf man nicht stecken im Stein¬ 
bock, da lassen sie sich nicht weich 
sieden 3 ) oder sie werden klein 4 ), nicht 
im Krebs, da setzen sie keine Knollen 
an, sondern nur Wurzeln 5 ), bekommen 
eine kranke („krebsige") Schale 6 ), blei¬ 
ben klein (weil im Krebs alles „zurück¬ 
geht") 7 ), werden wurmig und zerfres¬ 
sen oder werden verkrüppelt 8 ), nicht 
im Skorpion ®), nicht im Zeichen der 
Fische, da werden sie wässerig und faulen 
leicht 10 ); nicht in der Jungfrau, da wer¬ 
den sie räudig oder blühen das ganze 
Jahr 11 ). Günstige Zeichen zum Stecken 
sind die Wage 12 ), da wiegen sie schwer 13 ), 
die Zwillinge, da sind sie recht ergie¬ 
big 14 ), Löwe und Widder, „da be¬ 
kommt man löwenmäßig viel", bzw. „so 
viel, daß sie einem beim Einheimsen zu¬ 
wider (!) werden" 15 ). K.n darf man 
nicht am Montag legen, da werden sie 
„madig" (etymologischer Aberglaube, 
Gleichklang von „Montag" und „ma¬ 
dig“) 16 ). Am Gründonnerstag (bei Voll¬ 
mond) gelegte Kartoffeln geraten gut 17 ), 
auch am Karsamstag oder überhaupt in 
der Karwoche 18 ) soll man K.n stecken 1# ). 
Wenn sich beim Pflanzen der K.n große 
Wolken am Himmel zeigen, so werden 
auch die K.n sehr groß 20 ). Beim K.- 


stecken legt man ein rotes Band hin, 
damit die K.n Freude haben und mehlig 
werden 21 ). Wenn man K.n gelegt hat, 
so setze man sich ein wenig an den Rand 
des Ackers nieder, damit die K.n mit 
ausruhen, dann tragen sie reichlicher 22 ). 
Beim K.stecken spricht man: „Wir setzen 
drei K.n den Menschen zum Brot, den 
Mäusen zum bittem Tod". Die Formel 
ist vom Legen der ersten Garbe in die 
Scheune übernommen 23 ). 

*) Marzeil Bayer. Volksbotanik 101, gerade 
umgekehrt: Fogel Pennsylvania 200. 2 ) 

Schüllerus Pflanzen 421, ebenso in Estland 
und Finnland: FFC 31, 3, dagegen im zu¬ 
nehmenden Mond: Rosegger Steiermark 67: 
FL. 25, 278 (Piemont); Fogel Pennsylvania 
194) 3 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 100; 

Fischer Schwab Wb. z, 771; ZfrwVk. 6, 185. 
4 ) Marzeil a. a. O.; Fogel Pennsylvania 202. 
ö ) SAVk. 7, 142. 6 ) Bartsch Mecklenburg 

z, 203; Frischbier Naturkunde 224. 7 ) Trei¬ 
chel V, 60. 6 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 99; 
Fogel Pennsylvania 203. ZföVk. 13, 19; 
Treichel V, 60. lö ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 
99; Spieß Obererzgebirge 17; ZfVk. 6, 183 
(Thüringen). u ) Wartmann St. Gallen 73. 
ia ) Eberhardt Landwirtschaft 200. 13 ) Eber¬ 

hardt Landwirtschaft 200; Wartmann St. 
Gallen 73; Fogel Pennsylvania 204. ^Eber¬ 
hard t Landwirtschaft 200; als schlechtes Zeichen 
dagegen, „weil die K.n klein bleiben und häufig 
miteinander verwachsen" : Märze 11 Bayer. Volks- 
botanik 99. 15 ) Blätter d. Schwäb. Albvereins 

12 (1900), 536; vgl. auch Fischer Schwäb- 
Wb. z, 774; 5, 1759; Bartsch Mecklenburg 
2, 203; Fogel Pennsylvania 201. 16 ) Engelien 
u. Lahn 282; ZfVk. 1, 186 — Brandenburg 
114; auch bei den Lappen: Qvigstadt Lappi¬ 
scher Aber gl. 1920, 79. 11 ) Spieß Oberer z- 

gebirge 35; John Erzgebirg 224. 18 ) Wilde 

Pfalz 117. ld ) Eberhardt Landwirtschaft 200. 
20 ) Treichel VI, 35. 21 ) Müller-Fraureuth 

1, 297. 22 ) Spieß Obererzgebirge 35. 23 ) Meyer 
Baden 423. 

2. Eine reiche K.ernte steht bevor, 
wenn am Neujahrstag viel Schnee fällt 24 ), 
wenn in der Christnacht viel Sterne am 
Himmel sind 25 ) oder wenn es viel Mai¬ 
käfer gibt 26 ). Wenn beim K.legen die 
K.n nicht reichen, wird eine schlechte 
Ernte 27 ), ebenso wenn es am Grün¬ 
donnerstag regnet 28 ). 

24 ) DVöB. 6, 25. 25 ) John Westböhmen 198. 
28 ) Drechsler 2, 198. 27 ) Wirth Beiträge 6/7, 
zi. *•) Marzell Bayer. Volksbotanik 106. 

3. Die K. als Orakel. Weiße K.- 
stauden (Blätter, in denen kein oder 
wenig Blattgrün ausgebildet ist) bedeuten 


1025 


Karwendelkraut—Karwoche 


1026 


einen Todesfall 29 ), werden diese aber 
später wieder grün, so genest der Kran¬ 
ke 30 ). Träume von K.n deuten auf eine Woh¬ 
nungsveränderung (Ostpreußen) 31 ). Zu 
kräftige und zu reichlich blühende K.pflan¬ 
zen bringen Unglück 32 ). Wird beim K.legen 
eine Reihe übersehen, so stirbt jemand 
aus dem Besitztum 33 ). Wenn die K.- 
stauden im Herbst stark blühen, so gibt 
es einen kalten Winter (Rheinpfalz) 34 ). 

**) Marzell Bayer. Volksbotanik 66. 30 ) ZfVk. 
1, 184 (Mark Brandenburg), vgl. Bohne, Klee, 
Kohl. 31 ) Urquell 1, 203. 32 ) Köhler Voigtland 
392. **) Drechsler 2, 58. **) Origin.-Mitt. 

von Müller 1909. 

4. In der sympathetischen Medizin 
wird die K. zum Vertreiben von Warzen 
benutzt. Man reibt die Warze mit der 
Schnittfläche eines K.Stückes und wirft 
es dann an einen Ort, wo weder Sonne 
noch Mond hinscheint oder vergräbt es 
unter der Dachtraufe 35 ). Warzen werden 
mit einer gestohlenen K. gedrückt und 
diese einer Leiche mitgegeben 36 ). Die 
in der Hosentasche (im „Sack") bei sich 
getragene K. schützt vor Rheumatis¬ 
mus 37 ). An Maria Kräuterweihe (15. 
August) soll man K.n holen, dann kann 
man neun Krankheiten wegessen 38 ). Eine 
K., durch die eine Quecke gewachsen 
ist, wird gekocht gegen Bettnässen ver¬ 
zehrt (Ostpreußen) 3S> ). K.wasser, das 
man beim Sieden der Knollen erhält, ist 
gut gegen Läuse "). 

Ä ) ZfVk. 8, 200 (Westhavelland); Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 237; Marzell Bayer. 

Volksbotanik 161; SAVk. 25, 280 (Clos du 
Doubs); Fogel Pennsylvania 317. 38 ) Sey- 

farth Sachsen 210. 37 ) ZfVk. 1, 191 (Berlin); 

die K. muß gestohlen sein: Marzell Bayer. 
Volksbot. 171; ebenso in Frankreich und Belgien 
(SchwVk. 2, 78; Rolland Flore pop. 8, 110; 
S6biIlot Folk-Lore 3, 489 t.); in England 
(Dyer Plants 297; FL. 19, 89), in den Ver¬ 
einigten Staaten von Amerika (Bergen Animal 
and Plant-Lore 100), in Pennsylvanien (Fogel 
Pennsylvania zbj. 305. 327; hier auch gegen 
Hämorrhoiden), ja sogar auf Haiti (Anthro- 
pophyteia 8, 163); vgl. Herbstzeitlose, Kalmus, 
Roßkastanie. M ) Fischer Schwäb Wb. 4, 711. 
M ) Urquell 3, 15. *°) Ulrich Volksbotanik 40. 

5. Verschiedenes. Am Hirsmontag 
(Montag nach Invocavit) soll man nicht 
K.n aus dem Keller holen, sonst kommen 
die Mäuse in die K.behäJter 41 ). Wenn 
ein Kind an einem Tag, an dem (gesät 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


wird oder) K.n gesteckt werden, geboren 
wird, so wird die Saat keine Frucht 
bringen und die K.n werden ungenießbar 
werden 42 ). Wer viel K.n ißt, wird dumm 43 ). 
Nach einer Schweizer Sage verschmähten 
einst die Leute die K.n und erklärten 
sie nur als Schweinefutter brauchbar. Da 
wurde Gott zornig und wollte die K.n 
so wachsen lassen, daß sie wirklich nur 
als Schweinefutter tauglich wären. Auf 
die Fürbitte der Muttergottes führte 
jedoch Gott dieses Vorhaben nicht aus 44 ). 

41 ) SAVk. 15, 5. 42 ) Knoop Pflanzenwelt 

11, 76. ^ Schulenburg 242. 44 ) Lütolf 

Sagen 537, vgl. Roggen. Marzell. 

Karwendelkraut s. Quendel. 

Karwoche. 

1. In der K. hat jeder Tag seine eigen¬ 
tümliche Bezeichnung x ). Montag und 
Dienstag sind von keiner besonderen 
Wichtigkeit. Am „krummen Mittwoch" 
von 11—12 Uhr mittags wird „die Faste 
ausgeläutet" oder „totgeläutet", wobei 
in Winterberg eine Katze vom Turm ge¬ 
worfen und damit „der Faste der Hals 
gebrochen" sein soll 2 ). Am Mittwoch hat 
sich einst der Verräter Judas erhängt und 
zwar, wie die Südtiroler behaupten, an 
einer Rebe. Sie hüten sich daher an diesem 
Tage die Reben zu beschneiden, weil sie 
sonst völlig verderben würden 3 ). Um 
Leobschütz findet ein „Judasaustreiben" 
statt 4 ). In Appenzell ist Chüechlitag; 
dann halten die Schulkinder in der Schul¬ 
stube ein Kuchen-Mittagsmahl 5 ). In 
Ostfriesland ziehen die Kinder die ganze 
K. bettelnd und singend von Haus zu 
Haus 6 ). 

l ) Sartori Sitte 3, 138; ders. Westfalen 152; 
ZfrwVk. 18, 34 f.; Namen der K.; Höfler 
Ostern 1; K.ngebete: SAVk. 12, 287; 

.SchwVk. 4, 29 f. 2 ) Schauerte Sauerl. Volksk. 
42. 3 ) Hörmann Volksleben 54. 4 ) Sartori 

3, 139 A. 4. 5 ) Vernaleken Alpensagen 369. 
®) Sartori 3, 160 A. 65. 

2. Manche Verbote betreffen die ganze 
K.: Man soll nicht Dünger fahren 7 ), 
kein Vieh kastrieren 8 ), keine Erbsen 
kochen 9 ), keinen Knoblauch setzen 10 ). 
Wenn der Bruthenne Eier untergelegt 
werden, muß einer aus der Familie des 
Hauses sterben n ). Ein in der K. ge¬ 
kauftes Kleidungsstück bringt seinem 

33 


1027 


Karwoche 


1028 


Träger Unglück 12 ). Wessen Bett frisch 
bezogen oder verstellt wird, der bleibt 
ein ganzes Jahr krank 13 ). Weber, 
Schmiede und Zimmerleute müssen in 
der K. feiern 14 ). Man soll nicht bläuein, 
denn so weit der Bläuel gehört wird, 
schlägt im Sommer der Hagel I5 ). Vor 
allem soll man nicht waschen, sonst stirbt 
jemand im Hause 16 ), namentlich der, der 
in einem zu dieser Zeit gewaschenen 
Hemde krank wird 17 ), oder den Kindern 
schwären die Finger 18 ), es entsteht Krank¬ 
heit * 9 ), es hagelt *). Nur Hexen waschen 
in dieser Woche 21 ). So viel Fuder Mist 
aus dem Dorfe gefahren werden, so viel 
Leichen werden in dem Jahre aus dem 
Dorfe getragen 22 ). Wer in der K. einen 
falschen Schwur tut, dem wächst nach 
seinem Tode die Zunge aus dem Grabe 
als Domstrauch 23 ). In Gebweiler durften 
die Frauen in der K. nie ohne Schürze 
das Haus verlassen 24 ). Im Erzgebirge 
darf man nicht taufen 25 ). 

7 ) Wuttke 417 (650); Kuhn u. Schwartz 
374 (21). 8 ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 20. 

*) Ebda. 10 ) Halt rieh Siebenb. Sachsen 286. 
n ) Sebillot Folk-Lore 3, 228. 12 ) John Erzgeb. 
193. 13 ) Ebd. 14 )‘ Strackerjan 2, 70. 

15 ) Schullerus Siebenbürgisch-sächsische Volksk. 
143. M ) Witzschel Thür . 2, 196 (26); Höhn 
Tod 314; SchwVk. 4, 12. 17 ) Mitt. Anhalt. 

Gesch. 14, 19 f. lö ) Schulenburg Wend. 
Volkst . 142. 1# ) Knoop Posen 327. 2U ) Halt- 

rieh Siebenb. Sachsen 286. 21 ) Kapff Fest- 

gebr. 14. 22 ) Witzschel Thür. 2, 196 {28). 

23 ) ZfVk. 4, 303 (Ungarn). 24 ) Sartori 3, 144 
A. 2. 25 ) Wuttke 387 (589). 

3. Dagegen soll man vor Sonnenaufgang 
die Bäume im Garten schütteln, dann 
setzen sich keine Raupen an 26 ). Auch 
soll man Kartoffeln legen 27 ). Der große 
Putz in den Kartagen gilt im Kinzigtal 
als ein Mittel, das Ungeziefer zu vertreiben; 
man kehrt aber die Treppe hinauf statt, 
wie gewöhnlich, hinunter, die Stube von 
der Tür weg anstatt auf sie zu 28 ). In 
der Eifel sagt man „Kuörwoch — Schuör- 
woch", weil die Pflugschar nun in volle 
Tätigkeit gesetzt werden soll 29 ). Samen 
von Blumen, denen man mannigfache 
Farbentöne wünscht, säet man in der 
K. 3 °). Anderswo wieder darf man nichts 
säen, da es nicht aufgeht 31 ). Ein in der 
Marterwoche abgebrochener Senker läßt 


den Blumenstock eingehen 32 ). Gicht¬ 
ringe soll man in der K. schmieden 33 ). 

2a ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 20. 27 ) Sar¬ 

tori Westfalen 115. 28 ) Hmtl. 14, 98. 29 ) Wrede 
Eifeier Volksk. 212; Fontaine Luxemb. 36. 
30 ) Meyer Baden 423. 31 ) Eberhardt Land- 

wirtsch. 2 (Cannstadt). 32 ) John Erzgeb. 244. 
33 ) Seyfarth Sachsen 268. 

4. In der K. herrscht gewöhnlich, ihrer 
Stimmung entsprechend, schlechtes Wet¬ 
ter 34 ). Sie ist vorbedeutend für Un¬ 
glück 35 ). Alle in ihr Geborenen gelten 
als Todes- und Leidenskinder 36 ), selbst 
die Gänschen dürfen nicht auskommen, 
weil sie nicht geraten würden 37 ). Wer 
in ihr stirbt, erleidet auf dem Wege in 
den Himmel alle Schmerzen, die Christus 
in dieser Woche erlitt, und muß auch an 
jedem Passe die Maut zahlen. In dieser 
Zeit ist die Himmelstür verschlossen, und 
nur das Höllentor bleibt offen (Romänen 
im Harbachtale) 38 ). Doch wünscht bei 
den Bewohnern der böhmisch-sächsischen 
Grenze eine Mutter, deren Säugling in 
der K. lebensgefährlich erkrankt, daß 
Gott ihn noch vor Ostern zu sich nehme, 
damit er mit den Engelchören das Auf¬ 
erstehungsfest feiere 39 ). Ein in der K. 
offenes Grab hält Blitzschlag vom Orte 
fern 40 ). 

34 ) Wrede Eifeier Volksk. 212; ZfrwVk. 
3, 148. 35 ) Köhler Voigtland 371. 36 ) John 

Erzgeb. 50. 37 ) Globus 72, 333 (Lausitz). 

38 ) ZfVk. 22, 159. 39 ) Reinsberg Böhmen 117. 

40 ) John Erzgeb . 194. 

5. Die ganze K. hindurch tobt das 
wilde Heer, die Herodesjagd 41 ), der 
Bonenjäger 42 ). Der Teufel tanzt „op 
Stöllpen“ oder geht ,,op Stelzen“ 43 ). In 
Schweden fahren die Ovaettir 44 ). Die 
Haselschlange kommt aus den Tiefen der 
Erde hervor, um zwischen den Wurzeln 
des Haselstrauches ihre Eier zu legen. 
Haselruten, die man in der K. schneidet, 
schützen Gebäude und Zelte vor dem 
Blitz 45 ). Ein Schatz zeigt sich als gol¬ 
denes Kalb 46 ). Wer viele böse Gedanken 
gehabt hat, der macht mit geweihter 
Kreide am ersten Abend der K. ein 
Kreuz unter sein Bett, damit ihn nicht 
nächtlicherweile der Teufel heimsüche, 
der um diese Zeit gern die Menschen 
besucht und ihnen seinen Beistand an¬ 
bietet 47 ). 


1029 


Käse 


1030 


41 ) Sartori Westfalen 153. 42 ) Ebd. 62. 

43 ) Ebd. 153. 44 ) Meyer German. Myth. 141. 

45 ) Wlislocki Volksglaube 146. 4e ) SAVk. 

25, 290. 47 ) ZfVk. 4, 393 (Ungarn). 

6 . In einigen Orten wird in der K. der 
Osterochse (s. d.) zur Schau durch die 
Straßen geführt 48 ). Die Eier der letzten 
Tage der K. muß in Steinbach die ganze 
Familie essen 49 ). 

48 ) Sartori 3, 156 A. 46. 49 ) Meyer Baden 

4 11 - Sartori. 

Käse. 

1. Geschichtliches. 2. K. als Kraftspeise. 
3. K. als Apotropaion. 4. K. und Brot als 
Speise der Unsterblichkeit. 5. K.ordal und 
K. im Diebeszauber. 6. K.weihe. 7. K. 
und Vegetationsdämonen. 8. Kobolde und 
k.nde Gespenster. 9. K. und Brot als Gottes¬ 
speise. 10. Bestrafung der K.frevler. 11. 
Hexendrachen und K. 12. Hexen stören das 
K.geschäft, dazu Gegenzauber. 13. K. und 
kosmische Erscheinungen im Volkswitz. 14. 
K. als Opfer. 15. Quellopfer. 16. Vegetations¬ 
opfer. 17. Ernteritus. 18. Totenopfer. 19. 
Sonstige Opfer: Schicksalsfrauen und Percht, 
Votivgaben usw. 20. K.spenden und -abgaben. 
21. K.feste und K.essen. 22. K. und Fasten¬ 
zeit. 23. K.augurium. 24. Zauber mit K. 
25. K. und Verlobung. 26. K. und Hochzeit. 
27. Geburt, Taufe und Wochenbett. 28. Allerlei 
Aberglaube und Redensarten. 29. K. im Heil¬ 
zauber. 30. K. in der Volksmedizin. 

1. Die Bereitung des wässerigen Weißk. 
ist auch im Norden Europas sehr früh 
bekannt, bevor die feinere Technik des 

f eformten K. aus dem Süden eindrang x ). 

Iber die germanischen Verhältnisse schei¬ 
nen sich die Angaben bei Cäsar und 
Plinius zunächst zu widersprechen: Cäsar 
berichtet: maiorque pars eorum victus in 
lacte, caseo, carne consistit 2 ). Plinius 
spricht den Barbaren überhaupt die 
Kenntnis der Käsebereitung ab 3 ): Mirum 
barbaras gentes, quae lacte vivant, igno- 
rare aut spernere tot saeculis casei dotem, 
densantes id aloqui in acorem iucundum 
et pingue butyrum: spuma id est lactis, 
concretiorque quam quod serum vocatur. 
Cäsar meint den wässerigen Quarkkäse, 
wie er heute noch bei den Bauern bevor¬ 
zugt wird, Plinius aber den technisch 
feineren Formkäse der Südländer; aus 
dem Süden kam ja auch das Lehnwort 
Käse zu caseus, als die Germanen diese 
feinere Art der Bereitung kennenlemten; 
die romanischen Sprachen übernahmen 


das vulgärlateinische formatium (ahd. 
formizzi), belegt z. B. bei Columella 4 ), 
nach der Form, in die man den K. preßte 5 ). 
Am genauesten drückt sich Tacitus aus 6 ): 
cibi simplices: agrestia poma, recens fera 
aut lac concretum, eine Art Quarkkäse 
aus der gestockten Milch primitiv ge¬ 
wonnen, die als Getränk der Skythen 7 ) 
und des Polyphem 8 ) erwähnt wird. Uber 
die Völker zwischen Rhein und Elbe sagt 
Strabo: TpocpT) 0 ebrö xtov ÖpeppaTtuv 77 
irXetVci], xaftarsp tote vopaat 9 ). Über die 
nordischen K.arten siehe Areander 10 ), 
über die deutschen allgemein Heyne u ), 
Fuße 12 ), Schmeller 13 ) und Schräder 14 ), 
für die Schweiz das Id. 15 ). Für die aus¬ 
schließlich Milchwirtschaft treibenden Völ¬ 
ker ist K. wichtiger als Brot, das zeigen 
die Schweizer Redensarten 16 ); von den 
Eidgenossen wird betont: K. und Ziger 
war ihre Spis 17 ), mit K. und Brot zogen 
sie in den Krieg; eine Stelle zwischen 
Bern und Laupen, wo sie Rast hielten, 
heißt noch heute ,,K.- und Brot-Hübeli“ 18 ). 
Der Erzbischof Olaf Magnus rühmt 1555 
die Größe und Güte der K. in Schweden 
und Finnland 19 ). 

q Ebert Realiex. 6, 233; Schräder Realiex} 
1, 560; Fischer Altertumsk. 55; Heyne Nah¬ 
rungsmittel 316 ff. 2 ) De hello Gallico 6, 22; 
Hoops Reallex. 3, 17 ft.; Müllenhoff Alter¬ 
tumskunde 4, 347 ff.; über die ganze Frage: 
E. P. Herdi Die Herstellung und Verwertung 
von Käse im griechisch-römischen Altertum. Diss. 
Bern 1918, 2—6. 44 ff. (zitiert: Herdi Käse). 
3 ) Hist. nat. ii, 239;M a r t i n y Kirneu. Girbe 1895, 
12. 4 ) Columella 7, 8, 3; Herdi Käse 34—36. 
44. 6 ) Pauly-Wissowa io, 1489—1496; Herdi 
Käse 34: prov. fourmo. e ) Germania cap. 23; 
Herdi 1 . c. 6. 7 ) Herdi 14. 8 ) Homer Odyssee 9, 
216 ff.; Herdi I. c. 20. 27. 9 ) 291 (2, 399, 21). 
10 ) O. Ar eander Die altertümliche Milchwirtschaft 
in Nordschweden. Stockholm 1911. n ) Hausalter¬ 
tümer 2, 315 ff. 12 ) Hoops 1 . c. 13 ) Bayr. Wb. 1, 
1298 ff.; vgl. Schramek Bömerwald 322. 
14 ) 1 - c. 559 ff. 16 ) Schweizld. 3, 502 ff. 506 ff. 
508 ff.; vgl. Zedier Universallex. 15, 49 ff.; 
über die K.bereitung: Schweizld. 1 . c. 510 ff. 
1B ) Schweizld. 1 . c. 17 ) ebd. 3, 503. 18 ) 1. c. 504. 
1B ) O. Magnus Historia de gentibus septentrio - 
nalibus. Rom 1555, 466 ff. cap. 46. 

2. K. als Kraftspeise. In der Antike 
aßen die Athleten K. wegen der großen 
Nährkraft 3 °). In einem alten Schwank, 
der schon 1705 in den Physica des Neander 
aufgezeichnet wurde, steht die später oft 



I03i 


Käse 


1032 


variierte Geschichte von dem Greis, der 
seinen Großvater hat fallen lassen; der 
Fürst, der auf der Jagd zu diesem Haus 
der Uralten kommt, frägt nach der Speise, 
durch die sie so alt geworden seien; diese 
besteht aus K., Milch und gesalzenem 
Brot 21 ). Nicht immer war diese Meinung 
von der Kraft und Gesundheit spendenden 
Eigenschaften des K. herrschend; im 
Frühmittelalter, besonders im Kloster 
(das mag mit der Enthaltung von K. in 
der Fastenzeit Zusammenhängen, vgl. 
auch § 30), galt der K. als ungesund, man 
genoß ihn nur mit Zugabe von Gewürz 
oder Honig; so im liber viventium von 
Pfäfers 22 ): c. recentum in mel intingere 
bonum est; das empfiehlt schon Ekkehart 
in seinen benedictiones ad mensas 23 ): 

Hunc caseum dextra signet deus intus 
et extra. 

Parturiat nullos lactis pressura lapillos. 

Mel, piper et vinum lac dant minus esse 
noci vum. 

Lactis pressuram crux melle premat 
nocituram. 

Optime sumetur caseus, si melle . . . 


detur.- 

*°) Herdi 1 . c. 62—66; Pausanias 6, 7, 
10; Herdi Käse 41; Pauly-Wissowa 11, 
1495. 21 ) Rochholz Glaube 1, 193. 22 ) Mitt. 

d. antiquar. Ges. Zürich 3, 120. 23 ) 1 . c. m 

vers 139 ff. 

3. K. als Apotropaion: Wie Brot 
(vgl. §§ 20 ff.) als Kraftspender und 
Hauptnahrung, ferner entsprechend seiner 
Bedeutung im Kult, Gesundheit und 
Segen spendet und vor Unheil und allem 
bösen Antun schützt, so auch aus den¬ 
selben Gründen der Käse: Wie man 
nach dem Journal bei Gernsbach im 
Speyerischen beim Wickeln des Kindes 
ein wenig Brot und Salz einwindelte 24 ), 
so berichtet Runge zum Volksglauben 
im Emmental: Wenn man dem Tauf¬ 
kind vor dem Gang zur Kirche ein 
Stückchen Brot und K. einbindet, so 
leidet es in seinem Leben keinen Mangel 
und hat stets zu essen Dieser Brauch 
hat natürlich mit einem Dämonenopfer 
nichts zu tun, wie es Höfler vermutet 26 ). 
Bei Jr. Gotthelf lesen wir: Als man 
das Kind zur Taufe fäschete, band Anne 
Bäbi ein dünnes Scheibchen Brot und 


einen dito K. ein und sagte: He nun 
so denn, su wirst öppen so Gottei nie 
Mangel lide, sondern gäng öppen g'nueg 
z’essen han 27 ). Damit die Kinder nicht 
beschrien werden, hängt man ihnen 
schwarzen Kümmel, K. und ein Stückchen 
Brot um den Hals 28 ). 

In England legt man gegen den bösen 
Blick Brotkrumen unter das Kopf¬ 
kissen (vgl. Brosamen) und hängt sich 
Brot und K. um den Hals 29 ). Wenn 
in Northumberland ein Kind zur Taufe 
getragen wird, beschenkt die Wärterin, 
die den Zug anführt, die erste ihr be¬ 
gegnende Person (vgl. Angang 1, 420 ff.) 
mit Brot, Käse, Ei und Salz 30 ); in den 
drei beiden letzten Fällen ist die apotro- 
päische Absicht ganz klar. Auf den 
Hebriden machte man am 1. 5. einen 
Käse, welcher bis zum nächsten 1. 5. 
als eine Art von Zaubermittel gegen 
Milchzauber aufbewahrt wurde 31 ) (kraft- 
und segenbringende Festspeise). Wenn 
man im Pandschab ein Pferd für ver¬ 
hext hält, wendet man folgenden Zauber 
an, um das festzustellen: man mißt das 
Pferd von den Ohren bis zur Schwanz¬ 
spitze mit einem Baumwollfaden, den 
man um ein Kügelchen aus K.teig 
rollt und ins Feuer wirft. Brennt der 
Faden, bevor der Teig gekocht ist, so 
ist das ein sicheres Zeichen, daß ein 
böser Blick auf das Pferd geworfen 
wurde 32 ). 

In Bern-Wählern war es bis vor kurzem 
Sitte, in der Kirche beständig K. und 
Brot auf der Kanzel zu haben; daran 
hängt, wie man meint, Wohl und Glück 
der Gemeinde 33 ). In das Gebiet der 
Magie gehört eine Geschichte in der 
Kosmographie von Qazwini: Inmitten 
des Berges Ulustän im Lande Rum be¬ 
findet sich ein kreisförmiger Engpaß; 
wer diesen passiert, indem er am Anfang 
hinein und am Ende wieder heraus¬ 
kommt und dabei Brot und Käse ißt, 
dem schadet der Biß des tollen Hundes 
nicht; beißt der tolle Hund einen andern 
Menschen, so braucht er nur zwischen 
den beiden Füßen dessen, der durch das 
Passieren des Engpasses und das Essen 
von Brot und K. bißfest geworden ist. 


I0 33 


Käse 


1034 


durchzukriechen, um ungeschädigt davon¬ 
zukommen M ). Ist das eine Vermischung 
des Brot- und Käseordals (vgl. § 5) 
mit dem Ritus des Durchkriechens? 

24 ) Grimm Mythol. 3, 453, 564, vgl. 570. 

2i ) ZfdMythol. 4, 2 Nr. 23; Mannhardt Germ. 
Mythen 634; Rochholz Naturmythen 254; 
ZföVk. 15, 89; vgl. Hillner Siebenbürgen 38 
A. 136. ,e ) ZföVk. 1 . c. 27 ) Schweizld. 3, 505. 

25 ) Seligmann Blick 2, 97, vgl. 38. **) Ders. 

2, 94 - 3j ) ZföVk. 1 . c. 89. 31 ) Frazer 10, 154. 
32 ) Seligmann 1 . c. 1, 266. M ) Schweizld. 3, 
503. **) Jacoby im ARw. 13, 531 ff. 

4. Käse und Brot als Speise der 
Unsterblichkeit (s. Milch): Perpetua 
erlebt im Traume die Paradiesherrlichkeit 
und empfängt von Christus einen Bissen 
K. 34a ). Epiphanius 35 ) und Augustinus 36 ) 
erzählen von einer Sekte der altchrist¬ 
lichen Kirche, die Brot und K. als Abend¬ 
mahlselemente betrachtete, man nannte 
sie Artotyriten 37 ). Diese Sekte war 
besonders in Galatien verbreitet 38 ). Wie 
Milch (vgl. Milch und Blut im Artikel Milch) 
ist K. die Speise der Unsterblichkeit, 
Christus selbst ist die himmlische Milch 39 ); 
K. aber ist festgewordene Milch wie es im 
Paedagogus des Clemens von Alexandria 
heißt 40 ): xal 6 xupociaXaxxo; eaxt 73 m (dk% 
irsirrflö?; das betont auch Tertullian 41 ): 
nam ex coagulo in caseo vis est sub- 
stantiae, quam medicando constringit, 
id est, lactis. So wird K. zur Speise der 
Unsterblichkeit. So wird K. zur sakra¬ 
mentalen Speise; nach Clitarch leben 
die persischen Magier von K. und Brot 42 ): 
Xa^avov Tpooij, xupo; xe xal apxo* euxsXifc. 
Nach Plinius lebte Zoroaster in der 
Wüste von Käse 43 ). In Persien gab 
es Mysterien, bei denen Feigenkuchen 
und Sauermilch als eine Art Kommunio 
genossen wurden 44 ). 

34a ) Ichthys 2, 512 ff. 35 ) In der Ketzerbe¬ 
schreibung bei Migne 41, 1, 879; Jacoby 1 . c. 
543; dpTOTupi'roc; oe aüioü; xaXoOatv dr .6 toü 
rot; auTüjv p.'jTT7jpi'oi; apxov xai xvpdv. 

34 ) Augustinus de haeres. 28: artotyritae sunt, 
quibus oblatio eorum hoc nomen dedit; offerunt 
enim panem et caseum, dicentes a primis homini- 
bus (Moses 1, 4, 3 und 4) oblationes de fructibus 
terrae et ovium fuisse celebratas. 37 ) Krauss 
Realenzyklopaedie 1, 95. 3S ) Jacoby 1 . c. 543ff. 

Clemens Paedag. bei Jacoby 1 . c. 554. 
40 ) Jacoby 552. 41 ) De carne Christi 19 ed. 
Semler 3, 386; Jacoby 1 . c. 555. **) Bei 
Diogenes Laertius ed. Cobet 2; Jacoby 


1 . c. 556. 43 ) Hist. nat. n, 242 (2, 362, 7 ff. 

Mayhoff): tradunt Zoroaster in desertis caseo 
vixisse annis 30 ita temperato, ut vetustatem non 
sentiret. u ) Plutarch Vitae parall. ed Sintenis 
1 (Artaxerxes) 5, 106. 

5. Brot- und Käseordal 45 ) (vgl. 
Brot § 36 und Bissen): Seit der Papyrus 
magica Londinensis 46 46 ) veröffentlicht 
ist, wissen wir, daß die Probe mit Brot 
und Käse schon im 5. Jahrhundert in 
Ägypten bekannt war: Auf Ziegenk. und 
Weizenbrot schreibt man 47 ): ‘Epjrijv, as 
xaXa j Ösov dildvaxov.. . . 7tapa8oc cpmp’ ov 
£73tui. Nach einem andern Rezept soll man 
auf Ziegenkäse schreiben: Siaroxa Tatu, 
cpcoS'-popi irapdSoc <pu>pov 8v £73x0) * 0 i 

xtc auxujv jxt] xaxairtTQ xo SoDsv auxtp, auxox 
Icmv 6 xXs'}ou. Ausläufer dieser helleni¬ 
stischen Magie finden wir in byzantinischer 
Zeit unter den von Vassiliev herausgegebe¬ 
nen Anecdota: efc xXettttjv Aaß<Lv apxov 
pixpöv xal xopov, Iv xm apxu> psv im^pa^ov 
aapatoua, iv ok xq> xupu aapa'pa 7 )X, xal 80c 
cpa^eTv xou; uirouxac v^axei;* xal eohscuc o 
amoc 6n:o7:vi-pqa3Tai xal ic auxoo “('vuxjDiq- 
dstai 48 ). Hermes, der Gott der Diebe im 
hom. Hymnus, wird zum Entdecker der 
Diebe. Daß übrigens auch die Brot probe 
allein schon antik war, beweist eine Notiz 
in den pseudoakronischen Scholien zu 
Horaz epist. 1, 10, 9 49 ): Cum in servis 
suspicio furti habetur, ducuntur ad sacer- 
dotem, qui crustum panis carmine in- 
fectum dat singulis; quod cum haeserit, 
manifestum reum furti asserit. Neben 
der Tatsache, daß in hellenistisch-heidni¬ 
schen Kreisen das Brot-Käseordal zur 
Entdeckung der Diebe verwandt wurde, 
spielt noch die Verwendung von Brot 
und K. beim Abendmahl im Christen¬ 
tum eine Rolle (vgl. §4). Aus diesen 
Wurzeln entstand das im mittelalter¬ 
lichen Recht geübte Ordal. Die Einzel¬ 
heiten der legalen, im Mittelalter geübten 
Probe sind in Brot (§ 36) und Bissen 
vorgelegt. Zur Ergänzung muß noch 
auf die benedictio panis et casei ad 
examinationem furti im St. Florianer 
Rituale hingewiesen werden ®°). Viele 
Reste dieser gesetzlichen Institution haben 
wir noch im deutschen Volksglauben: 
In Hartliebs Buch aller verbotenen Kunst, 
Unglaubens und der Zauberei, geschrieben 




1035 


Käse 


1036 


1455 > steht 61 ): mer vind man lewt die 
ainen Käs segnent und mainent, wer 
schuldig sei an dem diebstal der müg 
des käs nit essen, wiewol darein etlich 
saiffen für käs geben wird, noch ist es 
sünd. 

Grimm glaubt, daß die im Mittelalter 
berühmten Kieuzk. als geweihte K. 
angesehen wurden 62 ); mit Recht weist 
Jacoby daraufhin, daß das Kreuz hier 
eine Fabrikmarke war 63 ); diese K. 
stammten aus den Schwaigen (Vieh¬ 
höfen) 54 ) des Klosters zum heiligen 
Kreuz in Donauwörth; diese waren mit 
einem Kreuz bezeichnet und standen 
in hohem Ruf 55 ). Die Edikte, die gegen 
diese K. erlassen wurden, wenden sich 
alle gegen die Fabrikation der K. durch 
andere Klöster; denn das Kloster zum 
heiligen Kreuz hatte sich eine Art Monopol 
gesichert 56 ). Ein von Kaiser Sigismund 
1430 ausgestelltes Privileg sagt: . . . das 
niemands uf einigem Swaihoff wo die 
gelegen sein, kes machen sulle gezeichet 
mit dem Zeichen des heyligen Kreuz 
dann allein in den Swaihofen zu seinem 
kloster gehörenden 57 ). Ein Privileg 
handelt de caseis cruce non signandis, 
ausgestellt von dem Herzog Heinrich 
1448 68 ). Anhom berichtet in seiner Ma- 
giologia 59 ): Eine lächerliche Weise einen 
Dieben zu erfahren war jenne / da einem 
Würt / von etlichen / die er des Nachts 
beherberget / etwas gestolen worden / 

. . . . der Würt .... gab einem jeden 
ein Stuck käs zu essen / und sagt: welcher 
unschuldig / dem widerfahre nichts / 
wer aber den Diebstall begangen / dem 
reisse dieses Stuck Käs den Bauch auf. 
Als sie nun den Käs genommen / hat einer 
von der Gesellschaft nicht daran ge¬ 
wollt / sondern ein Stuck Käs zu essen 
hinderhalten / weil er seines Bauches 
geförchtet. Deswegen ihn der Würt 
herzhaft angeredet und gesagt: Du bist 
der Dieb gib mir den Diebstall wieder / 
oder ich will anderst mit dir verfahren. 

Noch zu Wuttkes Zeit schrieb man 
auf ein Stück Holländerk. bestimmte 
Buchstaben und Zeichen und gab es 
dem des Diebstahls Verdächtigen w). Ein 
altes Rezept bietet Jühling 61 ) (16. 


Jhdt.): Nim keße, schneit schnitten dar- 
uon, schreib mit einer messer spitzen 
nachfolgende Characteres vnnd des tauff- 
nahmen, der es Essen soll drauff. 

1 —j—I Diuans |-j-| max I—j— | niuax i-j-f 

auff die ander Seitten schreib 

I—[—I Diuans !— 1 -| na 1—j-| niuax 

vnnd den Tauffnahmen darzu. Giebst 
dem vordechtigen zu essenn. Welche 
schult habenn, können ihre schnitte 
nicht aufeßen. 

Nach dem Hageno wer Familienbuch 
schreibt man, um einen Dieb zu ermitteln, 
folgende Worte 62 ): Deus. Meus. Max. Pax. 
Virax. auf einen Bissen Käse und lasse es 
denjenigen verzehren, auf den man Ver¬ 
dacht hat. Hat er es getan, so kann er 
den K. nicht aufessen und wird im 
Gesicht wie eine Kornblume, auch schäumt 
sein Mund wie der eines Bären. Mit 
Recht leitet Rochholz einen St. Galler 
Brauch vom Brot-K.ordal ab: Nach 
einem Nonnengebet wog man die Last 
der begangenen Sünden durch das Ge¬ 
wicht eines Kruzifixes gegen K. und 
Brot auf 63 ). Aus der griechisch-heid¬ 
nischen Volksüberlieferung übernommen, 
wurde das Käseordal unter dem Einfluß 
der Abendmahlsprobe und der Ver¬ 
ehrung des K. als sakramentale Speise 
als legales Rechtsmittel sanktioniert, bis 
schließlich der Weg wieder im Volks¬ 
aberglauben endete. Zugrunde liegt die 
auch bei ähnlichen Gebräuchen anderer 
Völker 64 ) zutagetretende Beobachtung, 
daß man das schlechte Gewissen des 
Diebes durch eine feierlich inszenierte 
greifbare Symbolik wecken und zur Ent¬ 
deckung benutzen kann. 

45 ) Glotz L’ordalie dans la Grece primitive 
ui ff.; Jacoby 1 . c. 525—566. 46 ) Denkschrif¬ 
ten der Wiener Ak. 1888, 131. 134; Dieterich 
Abraxas 63. 47 ) Bei Jacoby 540 ff. 4S ) Anecdota 
Graeca-Byzantina 1, 340; Jacoby 1 . c. 536. 
49 ) 2, 242 (Zeile 20 ff. Keller); im Text selbst 
ist von einem Ordal keine Rede; hier vergleicht 
sich Horaz mit einem Tempeldiener, der sich 
an den Opferkuchen einen Ekel angegessen 
hat; vgl. Stemplinger Aberglaube 57; die 
Quellenangaben vermißt man in dieser Schrift 
schmerzlich. 5J ) Franz Das Rituale von St. 
Florian F. 1904, 129 ff. 185; vgl. I. G. 


1037 


Käse 


1038 


Eccardus Commentarius de rebus franciae 
orientalis. Wirceburgi 2 (1729), 928; L. Rok- 
kinger Quellenbeiträge zur Kenntnis des Ver¬ 
fahrens bei den Gottesurteilen (Quellen zur bai¬ 
rischen und deutschen Geschichte 7, 313—409) 
350. 397 Zeile 629 ff.; Rozier e Recueil general 
des formales usite'es dans Vempire des Francs. 
Paris 1859, Nr. 614 ff.; Argovia 17 (1886), 12 ff. 
Grimm Mythol. 2, 929 A. 1. 51 ) Grimm Mythol. 
3, 428. 51; vgl. 2, 929; W. 350. 52 ) Myth. 2, 
929 A. 1. 53 ) 1 . c. 531. 64 ) Schmeller Bair. Wb. 
2, 627. 55 ) Schmeller 1 . c. 1, 1389; Fischer 

SchwäbWb. 4,741. 66 ) Schmeller 1 . c. 57 ) Mo- 
numenta boica 16, 50 Nr. 16. 6ö ) 1 . c. 55 Nr. 18. 
5H ) Anhorn Magiologia 773 ff. ®°) W. 350. 
51 ) Jühling Tiere 286. ® 2 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 340, 1624, vgl. 1623. 63 ) Rochholz 

Glaube 1, 12; vgl. Pfannenschmid Erntefeste 
382 ff. ft4 ) Jacoby 1. c. 564 ff.; die japanischen 
Bergmönche lassen den Dieb ein mit mystischen 
Zeichen beschriebenes Stück Papier verschlin¬ 
gen. 

6 . Die Käseweihe: Unter den am 
Osterfeste geweihten Eßwaren finden wir 
neben Fleisch, Eiern usw. auch den K. 
Seit dem 10. Jh. hat sich die Weihe¬ 
formel ziemlich unverändert gehalten 65 ). 
Auch hier führte wie bei der Weihe der 
Eier (siehe Ei § 8) der Schluß der Formel 
,,ut quicumque ex populis tuis come- 
derint, omni benedictione et gratia tua 
saturati repleantur in bonis“ zu der 
Ansicht, daß diese geweihten K. für 
Heilzwecke besonders gut seien: Nach 
Baisamon wurde ein Arzt abgesetzt, 
weil er auf den Altar auf den Rat eines 
gottlosen Menschen Fleisch und K. ge¬ 
legt hatte, um damit Krankheiten zu 
heilen 66 ). Vor allem konnte die bene- 
dictio casei contra febres den Glauben 
auf bringen, daß man solchen geweihten 
K. gegen Krankheiten verwenden könne: 
Deus .... rogo vos, ut mittere digne- 
mini benedictionem vestram super hanc 
creaturam salis et aquae vel pomi vel 
casei, ut proficiant ad salutem omnibus, 
quibus dantur, ut sanitas eis fiat in ore, 
in naribus, in oculis .... in omibus 
membris illius . . . . 67 ). Es ist oben 
ein Zeugnis zitiert worden, nach dem 
man die geweihten K. mit Vorliebe zu 
Ordalen benutzte. 

6ß ) Franz Benedictionen 1, 592; Jacoby 
556; Schmeller BairWb. i, 1137; Pfannen¬ 
schmid Weihwasser 66; Höfler Fastengebäcke 
27. 6ä ) Franz 1 . c. 591 A. 4. ® 7 ) Franz 1 . c. 2, 

477 ü. 


7. K. und die Vegetationsdämo¬ 
nen: In den Alpenländem, deren Be¬ 
wohner hauptsächlich von der Käse¬ 
bereitung leben, befassen sich die Alm¬ 
vegetationsgeister natürlich mit diesem 
Geschäft. Eine Hauptgruppe von Sagen 
berichtet von der Erfindung des süßen 
K.s durch diese Kobolde. Der wilde 
Jäger in Wälschtirol bei Folgareit wird 
von den Holzschlägern trunken gemacht 
und gefangen; er lehrt die Knechte das 
Käsen; wenn er nicht zu früh entkommen 
wäre, hätte er noch manches lehren 
können, besonders aus Milch Wachs 
zu machen 68 ). Als wunderbares Geschenk 
der Kobolde wird immer wieder die 
Erfindung des Lab und des Süßkäsens 
betont: Der wilde Mann (Salvanel) in 
Valsugana bei Borgo wird durch zwei 
mit Wein gefüllte Milchgefäße gefangen 
und lehrt die Bereitung von Butter, K. 
und Lab 69 ). Die Erdleutchen auf Seelis- 
berg konnten dem Hirten wegen des 
Föhn das Vieh nicht besorgen, daher 
gingen zwei Kühe ein. Zum Ersatz 
lehrten die Leutchen den Hirten das 
Käsen mit Lab; er mußte die letzte 
Gais töten; und sie zeigten ihm, wie 
er aus dem Magen derselben ,,Lup“ 
bereiten könne 70 ). Im Maiensässe von 
Schuders erriet ein Senn, der bisher 
nur Käse aus Sauermilch bereitet hatte, 
durch List das Süßkäsen: ein Fänggen- 
mannli käste in seiner Abwesenheit für 
ihn, weil er mit ihm gut befreundet war; 
die K. aber waren süß wie Butter; aber 
das Mannli wollte das Geheimnis nicht 
preisgeben; da sagte einmal der Senn 
mit freudiger Miene: Jez chan i denn 
au süess käsa; darauf ereiferte sich das 
Mannli: Häst süessa Chäs gmacht, so 
häst au Mäga g’ha. Da probierte es der 
Senn mit einem Gizimagen, und der 
Versuch gelang 71 ). Das letzte Wild- 
mannli auf der Alp Matschieis sagte 
einst den Sennen, sie wüßten nicht, 
daß nach dem Käsen noch das beste 
in der Schotte bleibe; die Sennen wollten 
ihm das Geheimnis entlocken und stellten 
ihm Schnaps hin; das Mannli aber roch 
daran und ging mit den Worten fort: 
I trouw der nit, du chünntist mi büürla 72 ). 


1039 


Käse 


1040 


Käse 


IO42 


Aus der „Schotta“ bereiten die Fänggen 
Gold 73 ). 

Auf einer Graubündner Alp bat ein 
wildes Männlein, das von dem Sennen 
gut gehalten worden war, diesen, er möchte 
es käsen lassen, aber ihm bis zu Ende 
Zusehen, ohne zu sprechen. Als es nach 
der Meinung des Sennen fertig war, 
stellte es den Kessel mit Schotte über 
das Feuer und schickte sich an, von 
neuem zu hantieren; da lachte der Senn, 
weil das Männlein aus der Schotte noch¬ 
mal käsen wolle. Das Männlein aber 
legte die Kelle beiseite und sagte: 

Wenn d'nüt weist, 
so seist. 

Es ließ sich nicht mehr sehen; hätte 
aber der Senn geschwiegen, dann hätte 
er gelernt, aus der Schotte Nutzen zu 
ziehen. So blieb das ein Geheimnis, 
und man kann mit der Schotte nur die 
Schweine tränken oder das Blut reinigen 74 ). 
Das Käsmandel im Lessachwinkel käst 
von den Resten der abziehenden Sennen 
und Hirten; noch heute wird das Käs¬ 
mandel zu Martini in die Alm einge- 
glöckelt. und zu Georgi von der Alm 
ausgeglöckelt 75 ). 

Vor allem verstehen die Fänggen- 
mannli die Kunst, aus Gemsenmilch K. 
zu machen; die Gemsen kommen frei¬ 
willig in die Höhle und lassen sich melken; 
die K. sind sehr süß. Man darf sie beim 
K.n nicht belauschen und ihnen nicht 
Zusehen; weil ein Knabe dieses Gebot 
übertrat, verschwanden die Mannli aus 
der Felsenhöhle oberhalb Camana in der 
Mitte des Safientales 76 ). Wie das von 
den Vegetationsgeistem geschenkte Brot, 
so ist auch der Gemsk. eine Wunder¬ 
gabe, er geht nicht aus: Die Erdmännlein 
auf dem Pilatus hatten mit den Gems¬ 
jägern ein Übereinkommen: Dafür, daß 
die Jäger die Gemsen verschonten, er¬ 
hielten sie einen Gemsk., von dem sie 
immer essen konnten, ohne daß er ab¬ 
nahm; als sie aber einmal einem andern 
davon gaben, nahm er ab 77 ); ähnlich 
eine Sage im umerischen I sental 77a ). 
Auf der „Schocht eien alp“ gibt ein Herd- 
mannli einem armen Kind für die darbende 
Mutter Brot, K. und Mehl; die Gabe geht 


nicht aus 78 ). In Giswil auf dem Zuber 
lieh ein Mannli von einem reichen Bauern 
eine Kuh; als Gegengabe erhielt der 
Bauer ein Bratkäsli, das nie ausging; 
aber man durfte es nie ganz auf essen, bis 
ein hungriger Schneider und ein Schuh¬ 
macher, die zu Stör kamen, den K. 
aufaßen 79 ). Die Heidenleutchen in der 
Schwändi schenkten früher oft ihren 
Günstlingen Gemsk. oder „Fadenklun- 
geli“, welche nie ausgingen; aber der Be¬ 
sitzer mußte Stillschweigen bewahren, 
sonst verlor die Gabe ihre Kraft 80 ). 

Die Bergmännchen im Bernerland ma¬ 
chen aus der Milch der Gemsen Käse, 
die solange wieder wachsen und ganz 
werden, wenn man sie angeschnitten 
oder angebissen hat, bis man sie un¬ 
vorsichtigerweise völlig und auf einmal, 
ohne Rest zu lassen, verzehrt 81 ). 

Ein Zwerg schenkte einem Jäger einen 
Gemsk.; an dem hätte er sein ganzes 
Leben gehabt, wenn er ihn nicht ganz ver¬ 
zehrt hätte; nach einer andern Version aß 
ein Gast den Gemsk. auf, der das Geheim¬ 
nis nicht kannte 82 ). Eine arme Frau in 
den Schüpferbergen (Entlebuch) bekam 
von einem Erdmännchen einen K., der 
nie ausging, wenn kein Fremder davon 
aß. Als die Frau aus Vergessenheit einem 
Fremden davon gab, nahm der K. wie 
jeder andere ab 82a ). Die Tiroler Kaser¬ 
mandeln und Almstrudler verschenken 
goldene K. 83 ). Eine Almerin gab dem 
bittenden Gerlos-Mandel von ihrem Brot 
und Käse; dafür bekam sie ein Lehm- 
küglein, das zu Gold wurde 84 ). 

® 8 ) Mannhardt 1, ii2ff.; Schneller 
Wälschtirol 200, 2; 210, 3. w ) Mannhardt 
1 . c. 113; Schneller 1 . c. 213. 70 ) Herzog 

Schweizer sagen 1, 199 Nr. 177; Lütolf Sagen 
481 ff. Nr. 443. n ) Herzog 1 . c. 2, 119 Nr. 109; 
vgl. Luck Alpensagen 14; Lütolf Sagen 481 Nr. 
443; 487 Nr. 447; J ec kl in Volkstümliches (1916) 
378 ff. 71 ) Herzog 1 . c. 2, 118 Nr. 108. 73 ) Von- 
bun Beiträge 54. 74 ) Vernaleken Sagen 217; 
Vonbun 1 . c. 54; vgl. Mannhardt 1, 112. 
76 ) Vernaleken 1 . c. 195 ff. Nr. 143; Zingerle 
Sagen 85; ders. Kinder - und Hausmärchen 211. 
7fl ) Herzog 1 . c. 1, 131 Nr. 109; Vonbun 1 . c. 
53 - 77 ) Niderberger Unterwalden 1, 27, vgl. 
19. 21; Lütolf Sagen 487 Nr. 447. 77a ) Lütolf 
Sagen 484 d. 78 ) Niderberger 1 . c. 1, 36. 
7ß ) Ders. 1, 40 vgl. 44. ®°) Ders. 1, 44. 

81 ) Grimm Sagen 213 Nr. 298; vgl. Mannhardt 


1041 


n 1 


'1 


t. 


1 


Germ. Mythen 54. 82 ) Grimm 1 . c. 215 Nr. 301; 
l vgl. Rochholz Glaube 1, 13. 82a ) Lütolf Sagen 
483. ® 3 ) Rochholz I. c. 1, 12 ff.; ders. Sagen 1, 
327. 84 ) Alpenburg Tirol 113 Nr. 24. 

8 . Unfug treibende Kobolde 
Und k.n de Gespenster: Der Starken¬ 
berger Schloßwichtele nahm einmal, weil 
ihn jemand erzürnt hatte, die Winterk. 
und rollte einen nach dem andern über 
den Rain; dabei hat er schier g’schöllat 
glacht 85 ). 

Die Kasermandl machen 1 beim Abkasen 
£ einen großen Lärm. Das Kasermandel auf 
der Klapfbergeralp im Ultentaie ist ein¬ 
äugig 86 ). In einer verlassenen Almhütte 
bei Chur käst um Mitternacht ein Ge¬ 
spenst, das wie ein Senn aussieht, nach 
allen Regeln; um 1 Uhr verschwindet es 
mit Ächzen und Geheul 87 ). Die Alm¬ 
gespenster auf der Ritteralm treiben mit 
den Käslaiben Unfug 88 ). In einer Hütte 
auf der Voralp zu Giswil kästen jede 
Nacht Geister 89 ). Ein Handknabe auf 
einer Alm im Kanton Uri, der einen ver¬ 
gessenen Melkstuhl in der verlassenen 
Hütte holen wollte, traf dort drei geister¬ 
hafte Sennen, die kästen; in dem Kessel 
war dreierlei Suffi: rote, weiße und 
schwarze; nach der Erklärung der Sennen 
bedeutete die rote die im Sommer ver¬ 
schüttete und versudelte Milch (nach 
einer Sagenversion machen die Berg¬ 
männlein aus der das Jahr über ver¬ 
schütteten Milch K.) 90 ); die weiße, daß 
sie die Kühe recht gemolken, die schwarze, 
daß sie häufig in der Alp geschworen 
hätten 91 ). Das Kasermandel auf der 
Hochalm in der Riß (Nebental des Unter- 
inn) ist der böse Geist eines für seine 
Sünden büßenden Sennen 92 ); aus dem¬ 
selben Grund muß das Kasermandel auf 
dem Lehmkopf in der hinteren Riß 93 ) und 
das Kasermandel ohne Kopf auf der 
Weißbrunneralm im Ultentaie bei St. 
Gertrud umgehen 94 ). Das Kasermandel 
in den Höttinger Alpen ist ein gut¬ 
mütiger Geist, der nach Mariä Geburt die 
Alm bezieht 95 ). Nach der hessischen 
Sage werfen die Irrlichter, wenn sie 
gereizt werden, mit faulem Käse 96 ). 
Auf dem Burgberg der Burg Brunst ein 
geht um Mittag und Mitternacht eine 


weiße Jungfrau um, die Käsejungfrau, die 
bis zum Eselsbrunnen geht 97 ). Im 
Waldlande will eine Frau Kasmaden 

gesehen haben, sagenhafte Tierge st alten 98 ). 

8fi ) Alpenburg l.c. 108 Nr. 17. 8# ) Mann¬ 
hardt 2, 1040. 109ff. 87 ) Vernaleken Sagen 334 
Nr. 2. 88 ) Gräber Kärnten 77 Nr. 91. 89 ) Nider¬ 
berger 1 . c. 2, 11. ß0 ) Ders. 1, 19. 91 ) Herzog 
1 . c. 1, 200 Nr. 178; Lütolf Sagen 458 Nr. 424. 
92 ) Alpenburg 1 . c. 162 Nr. 25. * 3 ) Ders. 163 
Nr. 26. ö4 ) Ders. 180 Nr. 48. ö5 ) ZfVk. 8, 324, 
vgl. Urquell 3, 244. w ) ZföVk. 15, 89; Wolf 
Hessische Sagen Nr. 219. 97 ) Schambach- 
Müller 9 Nr. 9. 98 ) Reiterer Ennstalerisch 50. 

9. K. und Brot als Gottesspeise. 
Schließlich ist K. wie Brot eine heilige 
Speise: Wie in Baden ein verirrtes Kind 
3 Tage von einer weißgekleideten Frau 
mit Brot gespeist wird "), so ist auch K. 
neben Brot eine Gottesspeise: Eine säch¬ 
sische Ortssage leitet den Namen des 
Dorfes Gottesspeise bei Zwickau davon 
ab, daß ein Engel einem im Schnee¬ 
gestöber verirrten Knaben Brot und K. 
spendete 10 °). Daher ist die K.Schändung 
genau so entsetzlich und schwer bestraft 
wie die Brotschändung. Wie ein Liebes¬ 
zaubermittel wirkt die Gottesspeise in 
einer Schweizer Sage: Ein Bettler gibt 
der Gräfin Margarethe von Greyerz, die 
in der Kirche über ihre kinderlose Ehe 
Tränen vergießt, K. und Brot für die 
hungernden Kinder; er glaubt, sie weine 
aus Not. Die Gräfin verwahrt die beiden 
Stücklein in zwei verdeckten Silber¬ 
schüsseln; übers Jahr kann sie die Wun¬ 
derspeise als Taufschmaus den Gästen 
auf tischen 100a ). 

M ) Waibel-Flamm 2, 106; über Engel- und 
Wunderbrote: ZföVk. 20, 77—79. 10 °) Grimm 
Sagen 255, 361; Bolte-Polivka 3, 463; vgl. 
Haupt Lausitz 1, 253, 314. 100a ) Rochholz 

Naturmythen 255. 

10. Bestrafung der K.frevler (vgl. 
Brot §§ 7 ff.): a) Die Version in Schlesien, 
in der Mark, in Pommern und Mecklen¬ 
burg, ganz entsprechend den in diesem 
Kreis überlieferten Brotsagen vgl. Brot 
§ 7a: In Kielingswalde bei Habelschwerdt 
warfen die Hirtenbuben Brot und 
weißen Käse auf den Boden, spien 
und hieben mit Peitschen danach; sie 
warfen beides den Abhang hinab und 
riefen: Mach ok schnell, du Brot, daß de 
dar Quork nich anoch koan; da wurden 



1043 


Käse 


1044 


alle verschüttet, und es zeigten sich 
Sandsteinfelsen 101 ). Auf dem Käsebrett, 
einer Steinlehne im Heuscheuergebirge, 
schändete einst ein Hüterbub Brot und 
Käse; dafür wurde er zu Stein 102 ). Auf 
dem Felde des Gutes Hohenwardin sieht 
man drei Steine, an die sich folgende 
Sage knüpft: Zwei Schäferknechte warfen 
zum Zeitvertreib ihren K. auf der Erde 
umher und haschten ihn gegenseitig; zur 
Strafe wurden sie in Steine verwandelt 103 ). 
Der Siebenbrüderberg bei Mohrin in der 
Mark hat seinen Namen davon, daß dort 
sieben Brüder zur Strafe versteinert wur¬ 
den ; sie hatten nämlich auf einen Käse so 
lange drauflosgehauen, bis Blut kam (vgl. 
Brot § 8) 104 ). In der Nähe von Boitzenburg 
steht eine Eiche, die der Käsebaum heißt; 
unter dieser Eiche schimpfte einst ein 
Ackerknecht über sein Frühstück (Butter¬ 
brot mit Käse): ,,Der Teufel soll mich 
holen, wenn ich schon wieder Käse¬ 
butterbrot esse“; er nagelte ein Butter¬ 
brot an den Stamm; der Teufel holte 
ihn 105 ). Ein in Doberau dienendes 
Mädchen, das Brot und Käse aus Wut 
verfluchte, wurde in Stein verwandelt 106 ). 
b) Die Alpensagen 107 ) (vgl. Brot § 7bund 
Milch): Reiche Almen versinken wegen 
des frevelhaften Übermutes der Be¬ 
wohner: a) Nach einer mündlichen Er¬ 
zählung (1856) pflästerte der gottlose 
Senn auf der Blümlisalp den Weg zur 
Hütte mit Käskäsen (feinste Käsart) 108 ). 
Südwestlich vom Hinterberg, unweit Aus¬ 
sen, hinter dem Elendgebirg, liegt die 
sogenannte verfallene Alm; hier herrschte 
einst Reichtum an Vieh und Milch; die 
übermütigen Bewohner belegten die Wege 
von einer Almhütte zur andern mit K. 
und verkleisterten die Ritzen der Hütten 
mit Butter und K.; da kam ein furcht¬ 
bares Unwetter, und alles erstarrte zu 
Eis und Stein 109 ). Im Simmental gaben 
die Kühe einst jeden Tag drei Eimer 
Milch; daher molk man die Milch nicht 
in Gebsen, sondern in einen Weiher. 
Die Treppe, die hinabführte, war aus 
Käslaiben gebaut, den Anken füllte man 
in hohle Eichbäume; mit der Milch 
wusch man das Geschirr, mit Anken 
polierte man die Hauswände; bei einem 


großen Sturmwind trat der Milchweiher 
über und ersäufte alle Bewohner (Kan- 
dertal im Berner Oberland) 110 ). Der 
Milch- und Käsereichtum gehört zu den 
Ingredienzien des Schweizer Schlaraffen¬ 
landes, des goldenen Zeitalters, darauf 
1 geht die Redensart: Das ist gewesen, wo 
der K. mit der Elle verkauft wurde 111 ). 
In der Sewlialp floß einst die Milch wegen 
der Milchkräuter in Strömen; da luden 
die übermütigen Älpler die Talleute ein 
und machten über den Sewlisee eine 
Brücke aus Käs und Anken und spotteten 
Gottes; die Folge war eine große Gewitter¬ 
flut; nach einer andern Version baute 
ein Bauer eine Straße aus Käse 112 ). 
Die Entstehung einer Kuppe des Glär- 
nisch, genannt Vreneli's Garten, erklärt 
man so: Hier war einst eine Alm; um 
ihren Reichtum zu zeigen, baute Vreneli, 
des Hirten Tochter, eine Treppe aus 
K.; aber die schlecht behandelte und 
bewirtete Schwiegermutter wünschteeinst, 
daß die Käse zu Stein würden, und so 
geschah es 113 ). Der Senn auf der Ober- 
plegialp am Glämisch hatte eine Treppe 
aus Käse gebaut und seiner Mutter Mist 
zur Speise vorgelegt; da stürzte er in 
die Gletscherspalte 114 ). An Stelle der 
Hochalmspitz waren einst blühende Wie¬ 
sen und Almen; aber am Sonntag schoben 
die Burschen aus Übermut mit Käse¬ 
kugeln und Butterkegeln. Daher versank 
alles, und die Hochalmspitz erstand 115 ). 
Aus demselben Grunde versanken die 
Almen in den Hochtälern des Elend 116 ) 
und die Koralm 117 ). Die Knappen von 
Schönfeld im Drautale, die viel Gold 
fanden, schoben ebenfalls am Sonntag 
mit Kegeln aus Butter und Kugeln aus 
Käse; als sie einem lebenden Stier die 
Haut mit glühenden Zangen abzogen, 
erscholl eine Stimme: Heute Schönfeld, 
morgen Steinfeld, und alles versank 118 ), 
ß) Eine besondere moralische Note hat eine 
andere schweizerische Sagengruppe: Ein 
junger Erbe wirtschaftete auf der Grün¬ 
alp, wo alles im Überfluß vorhanden war; 
das Beste sandte er seiner Geliebten; 
die Mutter ließ er darben; als ihn einst 
seine Geliebte besuchte, vergeudete er 
Milch, Butter und K. in unsinniger Weise; 


1045 


Käse 


IO46 



zuletzt belegte er den Platz vor der Hütte 
mit Käselaiben, damit die Geliebte den 
Fuß nicht besudle (vgl. Brot §7b). Der 
Mutter gibt er anstatt Schotten und 
Zieger Mist als Speise; doch durch ein 
Wunder des Himmels findet die Mutter 
in der Tause Butter und K.; die Alm 
versinkt in Schneegestöber und Eis 119 ). 
Auf den Klariden-Älpen hielt einst ein 
Senn eine leichtfertige Weibsperson so in 
Ehren, daß er ihr den kotigen Weg von 
der Hütte bis zum Käsgaden mit Käse 
bedeckte, damit sie die Schuhe nicht 
besudle. Als er seiner Mutter Pferdeharn 
in die Milchspeise tat, verfluchte sie ihn; 
er wurde mit der Dirn verschlungen, und 
Firne und Felsen fielen übereinander 120 ). 
Bei Scheuchzer steht diese Klaridensage 
ausführlicher 121 ). Dieselbe Version bringt 
Müller 122 ) von der Blümlisalp im Schä- 
chentale. Hier begeht der Senn noch den 
furchtbaren Frevel, daß er die Treichlen- 
kuh christlich taufen läßt; die Alm wurde 
in einen Firn verwandelt, die Kuh gab 
nur noch „schwarzzäggeti“ Milch; sie 
wandelt noch auf dem Firn und wird 
von Geistern gemolken. Man kann sie 
erlösen, wenn man sie am Karfreitag 
melkt, bis weiße Milch kommt. 

101 ) Kühnau Sagen 3, 393 ff. Nr. 1767. 
|0Ä ) Ders. 3, 398 Nr. 1768. lo3 ) Knoop Hinter¬ 
pommern 133 Nr. 270. 104 ) Ranke Volkssagen 

231. 105 ) Bartsch Mecklenburg i, 94 Nr. 107. 
|g€ ) Ders. 1, 430 Nr. 603, vgl. 427 Nr. 599. 
l0T ) Schweizld. 3, 503. 108 ) Schweizld. 3, 507. 

l0# ) ZfdMyth. 2, 30. no ) Rochholz Glaube 1, 
22. m ) Schweizld. 3, 503; bei Boccacio in 
der dritten Geschichte des achten Tages schil¬ 
dert Maso dem Calandrino das Schlaraffenland 
im Baskenlande: Da sind die Weinreben mit 
Bratwürsten angebunden ... da ist ein ganzes 
Gebirge mit Parmesank., da wohnen Leute, 
die nur immer Makkaroni und Eierknödel in | 
Kapaunensuppe kochen; dann werfen sie diese 
den Berg hinunter, und wer die meisten fängt, 
der hat die meisten; vgl. Bolte-Polivka 3 
246 ff. 112 ) Müller Uri 1, 79 ff. Nr. 105. 

Il1 ) Vernaleken 25 Nr. 15; vgl. Müller 1 . c. 
74 Nr. 101, g. 114 ) Vernaleken 18 Nr. 9. 

Gräber Kärnten 239 Nr. 327. 11Ä ) Ders. 

140 Nr. 328. m ) Ders. 241 Nr. 329. 11S ) Ders. 
•41 ff. Nr. 330. 119 ) Herzog 1 . c. 1, 42 Nr. 27. 
M') Vernaleken 13 ff. Nr. 10; Müller l.c. 71 
Nr. 100; SAVk. 16, 34. 121 ) Naturgeschickte des 
Schweizerlandes 2 (Zürich 1746), 836.; bei 
Müller 71 ff. ia2 ) Müller 1 . c. 74 ff. 

II. Hexen-Drachen und K. (vgl. 


Butter § 4 ff.): Wie bei den parallelen Vor¬ 
stellungen, die sich auf die Butter be¬ 
ziehen, laufen auch hier zwei Vorstellungen 
zusammen; es besteht eine Verwandtschaft 
zwischen den gutmütigen käsenden Vege¬ 
tationsgeistern (Förstemann hat darauf 
hingewiesen, daß Quark und Twark in 
Norddeutschland und nach Nordosten 
weiter bis Livland Zwerg und Käse be¬ 
deutet) 123 ) und den käselüsternen und 
käseschleppenden Hexen und Drachen; 
dann aber ist auch das wichtige Geschäft 
des Käsens wie alle Milchgeschäfte von 
der abergläubischen Angst vor Schaden¬ 
zauber umgeben: In Vietlübbe bei Lübz 
wurde einer Bäuerin öfters K. und Speck 
abgeschnitten, als wenn Katzen und 
Ratten darüber gewesen wären; als man 
aufpaßte, kam eine schwarze Katze; 
diese wurde blutig geschlagen; da kam 
hinter dem Feuerherd die Braut des 
Sohnes hervor; sie hatte eine blutige 
Stirne; sie wurde als Hexe aus dem 
Hause gejagt; nach ihr ist der Hexenberg 
und das verschwundene Dorf Hexen- 
Wangelin genannt 124 ). In den bekannten 
Sagen von den brot-eier-geld-butter- 
milchschleppenden Drachen (siehe Brot, 
Eier, Butter 106 ), Milch) ist auch die 
Version häufig, daß diese für ihre Herren 
tätigen Geister K. schleppen: In Schwab- 
hausen bei Gothe schleppte ein Drache 
als Hase Brot und Käse ins Haus 125 ). 
Auch Praetorius berichtet, daß die Hexen 
K. stehlen 126 ). Die Hexen bringen auch 
durch allerhand Zauber den K. wie die 
Milch aus andern Häusern an sich. Zwei 
Hexen, die auf den Brockelsberg fahren, 
nehmen sich Backofenkrücken, gehen vor 
die Ställe und sagen: Ich mache einen 
Schnitt, Butter und Käse nehme ich 
mit 126a ). Der evangelische Prediger Wald¬ 
schmidt zu Frankfurt kommt in der elften 
Predigt auf Luthers Ausspruch: possunt 
butyrum, lac, caseum aiiis furari, id est ex 
poste vel bipenne (Hellenpart) vel man- 
tili (Handzwöhl) mulgere; Waldschmidt 
meint, der Teufel bringt die Milch durch 
seine Gehilfen (Katzen, Kröten usw.) herbei 
und läßt sie dann aus diesen Gegenstän¬ 
den laufen 126b ). Die südslawische Hexe 
schleicht in der Johannisnacht auf den 


1047 


Käse 


IO48 


geflüchteten Zaun hinauf, der das Gehöft 
umschließt und sagt 127 ): „Zu mir der 
K., zu mir das Schmalz, zu mir die Milch, 
euch aber die Kuhhaut". In Schweden 
sagt man zum Alraun 128 ): 

Butter und K. sollst Du mir bringen. 
Und dafür soll ich in der Hölle brennen. 

ll3 ) Kuhns Zeitschr. f. Spracht. i,426;Roch- 
holz Glaube 1, 13. In Niederdeutschland heißt 
mißlungenes Brot „Quargesback" und schlechtes 
Bier „Quargesbru“: O. Lauffer Niederdeutsche 
Vk. 1923, 75; NdZfVk. 1926, 5. m ) Bartsch 
Mecklenburg 1, 114 Nr. 129; vgl. Niederhöf fer 
3,133 ff. 1M ) Witzschel Thüringern, 323^.336. 
1U ) Verrichtung 148. IU *) Gander Nieder¬ 
lausitz 28, 72. 124b ) Pythonissa endorea das ist 
28 Hexen - und Gespensterpredigten von M. B. 
Waldschmidt Frankfurt 1660 p. 253 ff. 
127 ) Mitteil. d. anthrop. Ges. zu Wien 14, 20. 
ll8 ) Mannhardt Germ. Mythen 56. 

12. Wie das Butter- und Milchgeschäft, 
so wird auch das Käsen durch den Teufel 
und seine Hexen gestört (vgl. Butter 
§5 ff., Milch, melken): Ein französisches 
Zeugnis zeigt die oben erwähnte Verbin¬ 
dung mit den Vegetationsdämonen klar: 
Die Bergzauberinnen der Monts noirs 
(Doubs) bewirken, daß das Käsen nicht 
gelingt 129 ). In Steiermark verderbt nach 
den Aussagen in einem Hexenprozeß in 
Marburg an der Drau (1546) der Teufel 
durch seinen Kot die Milch, daß sie keinen 
Käse gibt 13 °). In eine Glarner Alp kam 
öfters ein Bettler und bat um eine Gabe; 
der Meister gab ihm immer sofort das 
Verlangte; er wies den Senn an, dem 
Bettler immer sofort seinen Wunsch zu 
erfüllen. Einst gab ihm der Senn nicht 
sofort das Verlangte; als er aber ans 
K.n ging „und zu dicken gelegt, 
wollte die Milch gar nicht dicken". Da 
holte der Senn auf dem Dachboden ein 
Skapulier, das er am Turner aufhängte; 
wie ein Büchsenschuß fuhr der Bettler 
zur Hüttentür hinaus 131 ). In der 
Schwandhütte am Söllereck bei Oberst¬ 
dorf konnte ein Senn nie mehr schotten; 
da rührte er mit einer glühenden eisernen 
Stange (vgl. Butter A. 182) im Molken 
herum; da konnte er wieder schotten; ein 
altes Weibchen aber hatte von der Stund 
an die Nase voller Brandwunden 132 ). In 
den Schweizer Hexenprozessen kehrt im¬ 
mer die Verdächtigung wieder, daß der 


oder die Angeklagte das Buttern und 
K.en verstellt habe (vgl. Butter § 6): 
Eine Hexe kam ins Haus betteln; da 
gab die Bäuerin immer etwas Butter und 
Zieger; darauf ging jeweils die Bereitung 
von Butter und Zieger sehr schwer 133 ). 
Im berühmten Prozeß gegen Pfründ in 
Graubünden wird ausgesagt 134 ), dieser 
habe geraten: „und wenn er nicht käsen 
könne, müsse er einen alten Roßnagel 
rücklings aus einer Schmiedetruhe neh¬ 
men, so, daß es niemand sehe, und den¬ 
selben in den drei heiligen Namen von 
unten in den Thuren (Arm), daran das 
Kessi hanget, schlachen, darnach den 
Forthürschlüssel sambt dem Magen in die 
Milch tun, so werde es besser“. Ein ander¬ 
mal gab Pfründ dem Christen Mathis in 
Jenaz, dem beim Käsen die Milch nicht 
brechen wollte, den Rat, er solle über die 
Milch, welche er am Abend ausgetan, am 
Morgen mit dem Löffel ein Kreuz ziehen, 
den Rahm in die Dachtraufe schütten, 
darnach einen glühend gemachten Eisen¬ 
stecken darein stoßen, so soll es spretzeln 
und besser werden 135 ). Urschla Zegen 
(1702) sagt, das Pulver, mit welchem sie 
Jelly Casper das Käsen und Anken ver¬ 
stellt habe, habe ihr Christen Adern ge¬ 
geben 136 ). An Gegenzaubermitteln gegen 
das Verstellen beim Käsen seien noch 
erwähnt: Man nehme die Wurzel einer 
Brennessel und lege sie am Weihnachts¬ 
abend in die Milch, welche zur Käse¬ 
bereitung bestimmt ist; lasse sie stehen 
und gieße sie am Feste der hl. Drei¬ 
könige auf den Mist; dann kann einem 
niemand bei der Käsebereitung schaden 137 ). 
Nach Blancardus, Mediz. Wb. (1710) 458 
nimmt man „die verzauberte Milch oder 
Käs, schüttelt sie auf glühende Kohlen; 
darvon werden dann dergleichen Gabel- 
reuterinnen und Hexen dermaßen ge¬ 
plagt, daß sie nirgends ruhen können" 138 ). 
In Nassau heißt es: Wer mit weißem 
Käse über die Straße geht, dem schaden 
die Hexen 139 ). Im 13. Jh. hieß es in 
Frankreich, der K., den ein ehebreche¬ 
risches Weib bereite, das eben einen Ehe¬ 
bruch begangen habe, halte sich nicht und 
werde bald von Würmern verzehrt 14 °). 
In Löbersdorf bei Radegast in Anhalt 


1049 


Käse 


1050 


legt man in den K.korb Stroh, das vom 
Weihnachtstau benetzt ist (vgl. Eier, 
Brot); dann kommen die Maden nicht in 
den Korb 141 ). In Tirol rät man: lege 
Johanniskraut zwischen die K., so wachsen 
keine Würmer darin 142 ). 

m ) Sebillot 1, 240. 13 °) ZfVk. 7, 188. 

m ) Müller 1 . c. 241 Nr. 346. 132 ) Reiser Allgäu 1, 
186 Nr. 196. 133 ) Schmid und Sprecher 54 ff. 
134 ) 1 . c. 91. 135 ) 87. 13C ) 1 . c. 139. 137 ) Groh- 
mann 139 Nr. 1019. 13S ) Birlinger Schwaben 
1, 408. 139 ) Kehrein Nassau 2, 260 Nr. 135. 

14 °) Sebillot 3. 87. »") ZfVk. 6, 430. 14a ) Heyl 
Tirol 792 Nr. 186. 

13. K. und kosmische Erscheinun¬ 
gen und Vorgänge im Volkswitz: In 
der französischen Märchenüberlieferung 
wird der Mond als ein runder K. seit dem 

14. Jh. bezeichnet 143 ). Im Hennebergi- 
schen ist der Mond so rund wie K. und 
so groß wie eine Backschüssel 143 *), und 
im Glamerland wird der Vollmond Käs¬ 
laib genannt 144 ). In der dänischen Sage 
ist der Mond ein K., zusammengeronnen 
aus der Molke der Milchstraße 145 ). In 
Schwaben, in der Schweiz und in Schles¬ 
wig-Holstein ist der Mann im Mond ein 
käsender Senn, der den Melkeimer auf 
dem Rücken trägt I4Ä ). Im Walsertale 
sagt man beim Gewitter: Sie käsen 
droben, werfen die Käsger herum und 
verschütten die Milch 147 ). Sternschnup¬ 
pen und Irrlichter werfen, wenn sie aus 
Bosheit gereizt werden, mit faulem K. 148 ). 
Wie die Geräusche und Hantierungen 
beim Backen und beim Buttern, so 
überträgt das Volk auch seine ihm vom 
K.n vertrauten Bezeichnungen und Be¬ 
griffe auf die atmosphärischen Vorgänge. 

143 ) Sebillot 1, 27; 3, 326. 143 ») Bechstein 
Mythe, Märchen 3 (1834), 12; Rochholz 

Naturmythen 253. 144 ) Rochholz Naturmythen 
252; ders. Glaube 1, 13. 145 ) Ders. Glaube 1, 

13; ders. Naturmythen 2520.; v. d. Hägens 
Jahrbuch d. d. Sprache 360; vgl. Siecke 
Götterattribute 158. ue ) Rochholz Glaube 1 . c. 
14 ‘) Laistner Nebelsagen 248. 14ä ) Wolf Hess. 
Sagen Nr. 219; Rochholz Glaube 1 . c. 

14. K. als Opfer 149 ): Wie jede einfache 
und lebensnotwendige Speise ist auch 
der K. besonders bei den Bauern Völkern 
ein beliebtes Opfer; schon Porphyrius 
weist darauf hin 15 °): öxt qs ou xw eüo*]fx<p 
yaipet 6 Öeoc x<ov i)uaia>v, dXXa ttj> xo^övri, 
Sr,Xov Ix xoö xatK Tjpipav xpotpf,?; die 


Artoriten begründen mit diesem Argu¬ 
ment die Käse-Brot-Kommunion 161 ). 
Über antike Käseopfer handelt Wyss 
zusammenfassend 152 ), ferner Pauly- 
Wissowa 153 ). K., Gerstenkuchen und 

Feigen legte man den Dioskuren im 
Prytaneion auf den Opfertisch 154 ). Das 
Hekateopfer bestand unter anderm aus 
Eiern, geröstetem K. und Käsekuchen 
mit Lichtern 155 ). Eigentümlich ist eine 
Stelle bei Athenaeus über die Priesterin 
der Polias (vgl. das Verbot des Käse¬ 
essens § 30): Kal vöv ös xf<v xtjc ’Aftijvac 
tepstav oö Oüsiv apvrjv oiös xupoü ^eueaÖar 
xtvlc oe cbrö xoö xr,v Jspsiav xijc lloXtaöoc 
’Aibjvac xXtüpOü xopoü xoö jjlsv lirr/wptoo 
ptrj aTrxeabat, Sevexöv os povov -irposcpspea&ai, 
ypTjdÜat Ös xai x<ö 1 'aXapivtm 154 ). An 
den Amphidromien opferte man K., 
welche aus der Chersonnes eingeführt 
waren 157 ); Epikteta von Thera ver* 
ordnete, daß an den drei von ihr zum 
Heroenfest bestimmten Tagen ein Käse¬ 
kuchen geopfert werde 158 ). Nach Hippo- 
nax bei Tzetzes in seinen Chiliades bekam 
auch der Sündenbock (Pharmakos), der 
beim Reinigungsopfer für die vom Un¬ 
glück betroffene Stadt verbrannt wurde, 
Käse und Brot und trockene Feigen; dann 
schlug man siebenmal auf sein Glied mit 
Zwiebeln und wilden Feigen und ver¬ 
brannte ihn 159 ). Bei den Römern wurde 
vor allem dem Juppiter Latiaris K. ge¬ 
opfert 160 ). Ob man in der von L. Weiser 160 *) 
gewiesenen Richtung aus der Tatsache, 
daß im Fichtelgebirge 160b ) ein kleiner 
Käse aus der Frühlingsmolke Razel (Ra- 
zeln sind Zwerge, die man auch Haukerln 
nennt) genannt wird, aus dem Namen auf 
den früheren Empfänger des Opfers 
schließen, darf, ist wohl fraglich (vgl. A. 
124). Stückelberg 160c ) möchte die Tat¬ 
sache, daß das Hauptattribut des Älpler¬ 
schutzheiligen Lucio ein K. ist, so deuten, 
daß man dem Heiligen früher K. geopfert 
hat. 

l49 ) Herdi Käse 62—66. lfi0 ) De abstinentia 
cap. 20; vgl. Wyss Milch 58 ff.; Pauly- 
Wissowa io, 1494. 1S1 ) ARw. 13, 543 ff. 

1M ) Milch 58—61; vgl. Rochholz Naturmythen 
252—255. 153 ) 1 . c. 1493. 1495. 164 ) Athenaeus 
4, 137; E. Lobeck Aglaophamos 2, 1084 Am. 
1M ) Scholien zu Aristophanes Plutos 596; 


i05i 


Käse 


Käse 


1054 


1052 


1053 


Rohde Psyche 8 2, 85 A. 1. 1M ) Athenaeus 

9 . 375 ; Wyss 1 . c. 60 ff. 157 ) Pauly-Wisso- 
wa 10, 1493. 158 ) 1 . c. 1495. 158 ) Hipponax 
bei Tzetzes Chiliades 7260.; Bergk Poetae 
lyrici graeci fragm. 4; übersetzt bei Nilsson 
Die Religion der Griechen (in Relig. Lesebuch 
von A. Bertholet B. 4) 6 Nr. 16; Nilsson 
Griech. Feste 106 A. 4; Frazer 9, 255. 18 °) Dio¬ 
nys von Halikarnass 4, 49, 3; Festus p. 
194; Wissowa Kultur 411; Wyss 1 . c. 59. 
iftoa) Niederd. ZfVk. 4 (1926), 1 ff. 18 °b) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 341. 180c ) ARw. 13, 333 ff. 

15. Quellopfer: Im germanischen Kul¬ 
turkreis finden wir vor allem das Käse¬ 
opfer für Quellen und Gewässer: Gregor 
von Tour erzählt (de gloria confess. 2), daß 
noch zu seiner Zeit die Leute je nach den 
Vermögen dem Wasser opferten 161 ): Mons 
erat in Gabalitano territorio cognomento 
Helanus lacum habens magnum; ad quem 
certo tempore multitudo rusticorum, quasi 
libamina lacui illi exhibens, formas casei 
ac cerae vel panis, unusquisque iuxta 
vires suas. Veniebant autem cum plaustris 
potum cibumque deferentes, mactantes 
animalia et per triduum epulantes. Walter 
Scott (Ministrely 2, 163) erwähnt eine 
Käsequelle (Cheese-well genannt) auf der 
Spitze des Minch-muir in Penblesshire; 
dahinein warf jeder Vorübergehende für 
die Elfen Käse als Opferspende 162 ). K. 
und Brot warf man für die Feen in den 
See von Breckneck in Südwales 163 ). In 
der Cöte d'Or warfen die Liebenden, die 
keine Gegenliebe fanden, Stücke K. in 
die Quelle von St. Thursy 164 ). In der 
Gegend von Lienz wirft man K. für die 
Percht in den Bach, ein alter Brauch, der 
schon in den Urkunden des 13. Jhdts. 
erwähnt wird 164a ). Im Garten des Klosters 
zu Heidenheim in Mittelfranken entsprang 
der Käsbrunnen, ein Hungerquell, an dem 
die Heidentaufe nach der Überlieferung 
vorgenommen wurde 165 ); aus dem Namen 
schließt Sepp 168 ) in seiner Art, daß man 
früher K. hinein warf. 

iei ) äe gloria confess. 2; Kraus Realenzyklop. 1, 
672; Kloster 12, 366; ZföVk. 15, 88; ARw. 13, 
546. 162 ) Liebrecht Gervasius 101 A.; Roch- 
holz Glaube und Brauch 1, 12; Heck sc her 
J 37 - 395 ; Sepp Sagenschatz 331 Nr. 37; Kloster 
9, 176; ZföVk. 15, 88. 1#s ) Sepp 1 . c.; Roden¬ 
berg Ein Herbst in Wales 1857, 173; Roch- 
holz Glaube 1, 12. 1M ) Sebillot Folk-Lore 

2, 297. 1M ») Hörmann 252. 1#6 ) Rochholz 

Gaugöttinnen 6. 1W ) Sepp Sagenschatz 330 ff. 


16. Vegetationsopfer. ÜberOpferan 
Waldgeister auf Gotland berichtet Loven: 
Wettis tamquam diis terrestribus li- 
barunt sine dubio varii generis esculenta 
et caprarii hodiemi retinuerunt morem. 
Nam cum in pascuis coenantur, portiun- 
culas panis, casei aliorumque Wettis sive 
Goda-Hett-Niß seponunt et cespite vivo 
superstitione tegunt, ne pecori vel gregibus 
noceant implacata et laeva numina 167 ). 
Allgemein läßt man in Tirol bei der Ab¬ 
fahrt in der Hütte Butter, Käse und 
Brot zurück; dazu bleibt die Türe un¬ 
verschlossen, damit die wettermachenden 
Geister eine Unterkunft haben 168 ). Auf 
den Tiroler Hochalpen Stillupe, Floiten 
und Dengelstein lassen die Sennen vor der 
Abfahrt nach altem Brauch Käse, Brot und 
etwas Schnaps zurück, um den Berggeist, 
der das Wetter macht, günstig zu stimmen; 
wenn man das unterläßt, so stopft er sich 
die Tabakspfeife, und dann kommt Un¬ 
wetter 169 ). Dem wilden Geißler legt man 
als ausbedungenen Lohn Milch oder 
Käse auf einen Stein 17 °). Der Geißler 
des Klosters in Graubünden hütete einst 
die Ziegen der Gemeinde gegen eine kleine 
Abgabe von Zieger und Käse, der ihm 
alljährlich im Herbste geliefert wurde 171 ). 
Die Fänkenmännlein in Churrhätien be¬ 
kommen wie die Hauskobolde für die 
Wartung des Viehs ein paar Käse und 
Milch 172 ). Im Gailtale halfen die guten 
Leutlein einem Bauern beim Roggen¬ 
schnitt ; dafür stellte die Bäuerin all¬ 
abendlich einen Laib Brot und einen mit 


Fleisch und Käse gefüllten Stotzen vors 
Fenster 173 ). Einem Männchen bei Zwip- 
pendorf Kreis Sorau mußte man Brot und 
K. versprechen; dann führte es die Leute 
den richtigen Weg nach Hause; sonst 
führte es die Wanderer in die Irre 173a ). 

187 ) Mannhardt 2, 134 ff.; Loven Dissertatio 
gradualis de Gothungia. Londini Gothorum 1745, 
20. 168 ) Alpenburg Tirol 164 Nr. 13; Jahn 

Opfergebr. 321. 169 ) M. Meyer Tiroler Sagen¬ 

kränzlein 1856, 53; Rochholz Glaube 1, 384; 
ders. Naturmythen 250; Jahn 1 . c. 321. 
l7 °) Mannhardt 1, 96. 171 ) Rochholz Sagen 
1, 319, 226; Jahn 1 . c. 172 ) Mannhardt 1, 
95. l73 ) Gräber Kärnten 64, 4. 173a ) Gander 

Niederlausitz 51, 134. 

17. Ernteritus: Im Wittgenstein- 
schen 174 ) bindet man in die erste Scheunen¬ 


garbe ein Stück Käse; der, welcher sie ab- 
lädt, fragt den Fuhrmann: Wann haben wir 
Christtag ? Darauf die Antwort: Ich weiß 
es nicht. Hierauf erwidert der andere: Ei, 
so wissen die Mäuse auch nicht, wo ich 
meine Gerste hinlege. Hier überlagert 
die apotropäische Vorstellung den Opfer¬ 
gedanken. 

174 ) Kuhn Westfalen 2, 187, vgl. 183; Sartori 
Sitte und Brauch 2, 81; Jahn 1 . c. 162 ff.; 
Rochholz Gaugöttinnen 189. 

18. Totenopfer: Die Livländer legten 
ihren Toten Käse, Brot, Zwirn, Geld bei, 
damit sie auf der Reise nicht not leiden 175 ). 
In Deutschböhmen steht ein unange¬ 
schnittener Brotlaib mit Butter und K. 
auf dem Tisch im Sterbehaus bis zur 
Nacht; um Mitternacht werden drei Va¬ 
terunser gebetet; dann räumt man alles 
rasch ab 175a ). Wenn man in Wales die Leiche 
aus dem Hause brachte und auf die Bahre 
legte, verteilten die Anverwandten über 
den Sarg hinweg aus einer großen Schüssel 
eine Anzahl weiße Brote und auch Käse, 
in den eine Münze gesteckt war: Ablösung 
der Totengabe durch die Armenspende 176 ). 
Bei den Ruthenen heißt das Totenmahl 
tokan und besteht aus Maismehl und 
Schafskäse 177 ). Ein Zaubertext, in wel¬ 
chem die Totengeister zur Peinigung eines 
Mädchens aufgefordert werden, bietet 
den toten Seelen Käse als Speise an 178 ): 
KoctccXituov äizb xoo aptoo 00 dafrtst; 6^t*yov 

xai xXaaa; 71017; jov £; £7rxa ^u>poos xat 
eXOtnv . . . Xs*]f£ xov Xofov etc xooc . .. 

176 ) Maennling 353. 175a ) Archiv f. Anthrop. 
N. F. 6, 102. 176 ) Sartori Totenspeisung 8. 

17 ‘) Kloster 12, 472 A. 178 ) Fahz Doctrina 
magica 1670.; Abt Apuleius 63. 

19. Die übrigen K.opfer: Die Schick¬ 
salsfrauen erscheinen in der Gestalt wei߬ 
gekleideter Mädchen um Mitternacht an 
der Wiege des Kindes in der Geburts¬ 
nacht ; um sie gnädig zu stimmen, opferte 
man diesen Rozdanicen auf dem Tische 
Brot, Käse und Honig 179 ). Unter den 
Speiseopfern für die Percht finden wir 
auch den Käse, so im sog. Thesaurus 
pauperum (15. Jh.): Multi in domibus 
in noctibus praedictis post coenam dimit- 
tunt panem et caseum, lac, cames, ova, 
vinum et aquam propter visitationem 
Perchtae cum cohorte sua (vgl. Brot, 


Krapfen) 18 °). Wie die Esten 181 ) vom 
Brot, so wirft man im Norden den An¬ 
schnitt vom Käse oder Brot für den 
Tomte auf den Boden 182 ). In Sachsen 
schneidet man die Käsespitze ab und legt 
sie beiseite, weil der Kobold darin 
wohne 183 ). In einigen Orten Deutsch¬ 
lands stellt der Bauer noch heute für den 
Unbekannten, der ihn in der letzten Nacht 
gedrückt hat (Alp), ein Näpfchen Quark¬ 
käse an die Türe 184 ). Wenn es hageln 
will, soll man im Emmental 185 ) das 
Tischtuch in die Dachtraufe spreiten und 
Messer und Gabel dazu legen, oder es 
werden Messer und Gabel kreuzweise in 
die Dachtraufe gelegt und ein Brot 
darauf; die Sennen legen bei einem Ge¬ 
witter K. und Brot vor das Dach hinaus 
(vgl. Brot § 18); schon hier vermischt 
sich der Opfergedanke mit dem apotro- 
päischen Zweck; ein reines Apotropaion 
haben wir in einem italischen Brauch: 
In Apennino Italiae iuxta Bononiam et 
Pisas exorta tempestate mulieres turma- 
tim foras procurrunt, eam elatis manibus 
consignantes caseo in die Ascensionis 
Domini presso et deccussatim signato 
fune, crucis modo (1597) 186 ). Der erste 
K., den man von einer Kuh erlangt, wird 
mit den Nachbarn gegessen, wobei diese 
mit Wasser bespritzt werden, damit die 
Kuh viel Milch gibt 187 ). Nach Andree 
wird unter den Naturalienopfem bei den 
Weihegaben neben Butter oft K. erwähnt; 
hierher gehört das Käsemirakel von St. 
Hermann in Bischofsmais; hinter einem 
Gitter ist dort ein faustgroßer grauweißer 
Stein an einer Kette aufgehängt; dabei 
ist eine Urkunde mit folgendem Wortlaut: 
Laut vorhandener Urkunde hat 1657 eine 
Bäuerin dem hl. Hermann ein Stück K. 
opfern wollen. Da ihr aber das Stücklein 
K. zu groß vorkam und sie ein Stückchen 
davon in ihrem großen Geize abbrechen 
wollte, ist der Käse zu Stein gewor¬ 
den . . . 188 ). Über steinerne Brotlaibe vgl. 
Brot A. 104 ff. 189 ). 

l7i ) Krauß Rel. Brauch 23. 180 ) Schmel- 

ler BayrWb. 1, 271, 1; Jahn 1 . c. 282. 
1S1 ) Boeder Ehsten 129. 182 ) NdZfVk. 

1926, 14. 183 ) 1 . c. 184 ) Meyer Mythol. d. Germ. 
135; ZföVk. 15, 88. * 85 ) SAVk. 15, 6. 188 ) ZföVk. 
15, 88 ff. 187 ) Wlislocki Magyaren 23. 188 ) An- 


1055 


1056 


dree Votive 165. 1S ’) Vgl. der steinerne Brotlaib 
in St. Peter zu Salzburg: N. Huber Fromme 
Sagen aus Salzburg 1880, 63. 

20. Käse spenden und Käse abgaben: 
Nach einer Schweizer Urkunde vom 
Jahre 1645 erhält der Pfarrer „zu St. 
Johannis ein Hauskäs von einem idwähren 
Hus“ 19 °), Hundkäs ist eine freiwillige 
jährliche Abgabe, bestehend aus einem 
Käse; auf den Alpen um Bern-Interlaken 
wurden diese K. aus der Milch eines 
Tages gemacht und dem Landvogt dafür 
geschenkt, daß er seine Knechte mit 
Hunden von Zeit zu Zeit auf die Berge 
sandte, um die Raubtiere zu verjagen; 
der K. wurde im Herbst bei dem Schmaus 
ausgegeben, den der Landvogt gab; der 
letzte Hundsk. wurde auf der Rotschalp 
Anfang der 20er Jahre gemacht 191 ). Von 
einer seltsamen Käsabgabe berichtet die 
Zimmemsche Chronik: „Zu Aichstet ist ain 
jeder Abt zum heiligen Creuz zu Tonow- 
werdt (vgl. § 5) järlich ain bischof von 
Aichstet schuldig 200 kreuzkees zu geben 
und die geen Aist et ins schloss zu liffern. 
Das geet aber nur mit solcher Form zue. 
So die 200 kees uf ain wagen geladen, 
füert man den zwischen di thor im 
schloss; daselbst heit denn der fuermann 
still, bis der kuchinschreiber oder der so 
solichs befelch hat vorhanden ist. Der- 
selbig kommt mit einer brinnenden Ker¬ 
zen und steigt uf den wagen, daraus 
nimpt er ungefarlich ein kees, der imme 
gefeilt; von dem schneidt er ain schnitten, 
die brennt er an. Wann nun der kees 
nit so faist oder so guet, das die schnitten 
anbrinnt und dem Schreiber oder wer es 
ist, bis an die Finger brennt, so ist der 
gerechtigkait nit genug beschehen und 
mag er den furmann haissen mit dem 
wagen und mit den keesen wider umb- 
keren und werschaft bringen“ 192 ). 

19 °) Schweizld. 3, 507. m ) 1 . c. 192 ) Zimmern- 
sche Chronik ed. Barack 2, 73; Birlinger 
Schwaben 2, 527; ders. Volksth. 2, 185. 

21. K.feste: Weder mündlich, noch 
urkundlich wissen wir etwas über den 
Ursprung des Festes der Kästräger in 
Hagnau am See; ich konnte bei einer 
allgemeinen Umfrage auch bei den älte¬ 
sten Leuten keine Spur dieser Tradition 
mehr feststellen: das Fest wurde Neujahr 


1798 zum letzten Male gefeiert: man 
setzte dem Pfarrer in der Neujahrsnacht 
gegen Morgen den Maien, einen Tannen¬ 
baum; die Bruderschaft, bestehend aus 
24 ledigen Burschen, rückte im Ober- und 
Untergewehr zum Kirchgang aus, an der 
Spitze den Obersten mit der Helmbarte. 
Nach der Kirche ging man ins Pfarrhaus, 
wo der pflichtige Käslaib herausgegeben 
wurde; dieser wurde auf eine Stange ge¬ 
bunden und herumgetragen. Dabei sang 
man das Neujahrslied 193 ). In Konstanz 
war es Sitte, daß die Käsbruderschaft 
am Dreikönigstag von den Kapuzinern 
bewirtet wurde 194 ). In der bairischen 
Pfalz zu Türkheim bestand bis zur fran¬ 
zösischen Revolution an Pfingsten däs 
Käsekönigreich; ein zum Käsekönig ge¬ 
wählter Bürgersohn sammelte zusammen 
mit berittenen Burschen den Käsezins in 
allen Dörfern und Weilern, die mit Dürk¬ 
heim dieselbe Almende hatten; mit einem 


gekrönten Handkäse hielt er an Pfingsten 
seinen Einzug, empfangen von Kranzjung¬ 
frauen und dem bewaffneten Bürgeraus¬ 
schuß 195 ). Durch die Lokalsage wird der 
Brauch begründet, daß die Gemeinde 
Breitenbach alle Jahre am dritten 
Pfingsttag vor der Sonne dem Pastor 
von Questenberg ein Brot und vier Käse 
abliefern soll; kommt die Gabe nicht zur 


rechten Zeit, so haben die Questenberger 
das Recht, den Breitenbachern die beste 
Kuh aus der Herde zu nehmen; diese 


muß aber dann dort auf der Weide ge¬ 
schlachtet und verzehrt werden 1954 ). In 


Albringwerde sagten die alten Leute früher: 
Auf Pfingsten muß man Eierk. essen, 
dann geben die Kühe viel Milch 195b ). 
In Schlesien bezeichnet man mit Käse¬ 


götze ein Festbrot 196 ). Seit alten Zeiten 
heißt der Sonntag Invocavit in der Nähe 
von Bozen der Kässonntag, so nach einem 
alten Urbar (1485) aus Kaltem bei Bo¬ 
zen 197 ); der Name kommt von dem gro¬ 
ßen Käsmarkt, der am Vortag, in Bozen 


und Meran dem Kässamstag, statt¬ 
findet 198 ). Nach einer anderen Version 
aber heißt der Samstag nach dem Fast¬ 
nachtsonntag Kässamstag 199 ). An diesem 
Sonntag findet in Proveis das Kom- 
aufwecken statt, beschrieben bei Zin- 


1057 


Käse 


IO58 


gerle *°°) und Hörmann 201 ). Im Etschtal 
heißen die Feuer, die man unter großem 
Lärm abbrennt, Holepfannen, daher heißt 
der Kässonntag auch Holepfannensonn¬ 
tag 202 ). Über andere Namen bei Höfler 203 ) 
und Hörmann 2M ). Die große Gemein 
in Laatsch wurde am St. Petersstuhl¬ 
feiertag oder am Kässonntag abgehal¬ 
ten 205 ). Am Kässonntag werden die 
Hirten gewählt, und dann kommen Küchel 
auf den Tisch s 06 ); daher heißt dieser 
Sonntag auch Küchlesonntag 207 ). Am 
Jörgentag, am 24. April, läuten die Buben 
im Unterinntal das Gras aus; wenn sie 
von den Wiesen ins Dorf zurückkehren, 
erhalten sie von den Besitzern Brot, 
Butter und K. 208 ). Nach einer alten Er¬ 
zählung über die Pest in Marzell wurde 
zum Andenken an diese Zeit die Hole- 
pfann am Kässonntag eingeführt 209 ). Im 
Lüneburgischen findet am Sonntag vor 
der Herrenfastnacht das Kese-ettent 
statt **°); dieses Käseessen wurde durch 
die Lüneburgischen Artikel abgeschafft, 
weil dabei Mißstände vorkamen 2U ). Die 
Käsfastnacht, der erste Sonntag in der 
Fastenzeit, ist in Lumbrein im Lugnetz 
durch die Prozession berühmt 212 ). Mit 
dem Sonntag Invokavit beginnt die 
K.woche; darüber Pfannenschmid 213 ) und 
Schmeller 214 ). Im Angelsächsischen 215 ) 
haben wir die cys-vuca, zu vergleichen 
mit der russischen Butterwoche und der 
neugriechischen tupivTj 216 ); in der cys- 
vuca mußten sich die Eheleute ent¬ 
halten, da sie die erste Fastenwoche war. 
Etwas ganz anderes ist die Bezeichnung 
Käswoche: „die erste Zeit für neue Ehe¬ 
leute oder neue Dienstboten, wo noch 
Nachsicht und gelindere Behandlung ge¬ 
wöhnlich ist“ M7 ). Diese Käswochen, 
soviel wie Flitterwochen, kennt man vor 
allem in Kärnten 218 ); sie sind zu ver¬ 
gleichen mit der „witteburetsweke“ 219 ) 
und den „stutenwiäken“ 220 ) und den 
„wääkwochen“ M1 ) (Flitterwochen). In 
Thrazien und Bulgarien heißt der Montag 
der letzten Karnevalswoche Käsemontag 
und wird durch Aufführungen gefeiert 
(Fruchtbarkeitsriten?) 222 ). In Schwaben 
wird am weissen Sonntag Käsekuchen 
gebacken; wer das unterläßt, dem trifft 

B&chtold-Stäubli, Aberglaube IV 


im folgenden Jahre Blitz und Brand ***). 
An dem Feste der Heimsuchung Mariä 
findet in Wickershain das Ablaßkäsefest 
statt: der Rat, die Geistlichkeit, die 
Schule und 16 Musikanten begeben sich 
aus der Stadt Geithain nach Wickershain, 
wo sie beim Schulmeister mit Bier und einer 
Pfeife Tabak bewirtet werden, dann gibt 
ein Bauer, einen zinnernen Teller in der 
Hand, jedem einen Ablaßgroschen, dem 
Oberpfarrer aber einen Taler. Nach 
dem Gottesdienst spendet der Rast¬ 
pächter Brot, Butter und K., besonders 
einen runden Ziegenk.; der Stadtrichter 
von Geithain schneidet den Ziegenk. in 
Stücke; die ganze Tafelrunde bekommt 
eine Scheibe. Dieser K. wird von den 
meisten nach Hause mitgenommen und 
nebst einem Stück Weißbrot in Papier 
eingewickelt. Man verschickt den K. 
weit und breit, weil man ihm dieselbe 
Kraft zutraut, wie dem Merseburger 
Gründonnerstagsbrot. Die Sitte wird 
darauf zurückgeführt, daß Tezel hier 
während der Fastenzeit Butter und K. 
stückweise verkaufte 224 ). In England 
bereitet man an Weihnachten feierlich 
den christmas-cheese 225 ). Nachdem man 
am Lechrain das Haus ausgeräuchert 
und mit Weihbrunnen gereinigt hat, 
nimmt man ein kaltes Mahl, aus K., 
Brot und Bier bestehend, ein, das nennt 
man kollatzen 226 ). 

1<J3 ) Birlinger Schwaben 2, 24 ff.; Lachmann 
Überlingen 410 ff. 1W ) Schöp pner Bairische 
Sagen 325; Rochholz Glaube 1, 12. 19# ) Becker 
Pfalz 322; Sepp Religion 164; SchÖppner 
Bair. Sagen Nr. 325; Rochholz Glaube 1, 12; 
ders. Naturmythen 255. lWa ) Kuhn-Schwartz 
226, 250; Jahn 1 . c. 316. 195b ) ZfdMyth. 2, 87. 
ls *) Wein hold Dialektforschung 111; Roch¬ 
holz Glaube 1 . c.; ders. Naturmythen 1 . c. 
197 ) Lexer Mhd. Wb. 1, 1527: Mannhardt 1, 
540; Pfannenschmid Erntefest 1 . c.; Grimm 
DWb. s. v. l98 ) Hörmann Volksleben 27 ff.; 
Zingerle Tirol 139 Nr. 1223. 19B ) Zingerle 

1 . c. 139 Nr. 1218. M0 ) 1 . c. 141 Nr. 1227; 

Jahn Opfergebräuche 90; ZfdMyth. 1,286 ff.; 
Alpenburg Mythen 351; Panzer Beitr. 2, 239. 
2W ) 1 . c. * 02 ) Zingerle I. c. 140 Nr. 1224. 1225; 
Hörmann 1 . c. * 03 ) Fastnacht 27. 204 ) 1 . C; 28. 
20# ) Zingerle 1 . c. 204 Nr. 1642. 20# ) Zingerle 
1 . c. 141 Nr. 1229. 207 ) Höfler Fastnacht 1 . c.; 
Hörmann 1 . c. 28. *° 8 ) Zingerle 1 . c. 144 Nr, 
1253; Mannhardt 1, 540; ZfdMyth. 2, 360. 

Heyl Tirol 497 Nr. 63. 2l °) Pfannen- 

34 




I0 59 


Käse 


I060 


schmid 1 . c. 381 ff.; Höfler Fastnacht 26. 
tu ) Pfannenschmid 1 . c. 382. 212 ) SAVk. 2, 
123. * 13 ) Erntefeste 381 £F. 214 ) BairWb. 1, 

1298 ff. 216 ) Grimm DWb. 5, 258; Schmeller 
1 . c. 1299. 2l6 ) Höfler Fastnacht 27; Schmeller 
1 . c. 217 ) Schmeller 1 . c. 218 ) Staub Brot 9. 
2l9 ) Weinhold Frauen 2, 1. 220 ) Sartori 

Westfalen 110. 221 ) Wrede Eifeier Vk. 169; 

ders. Rheinische Vk. 184. 222 ) Frazer 7, 26; 
8, 333. 223 ) Birlinger Schwaben 2, 63; Fischer 
SchwäbWb. 4, 248. 224 ) Meiche Sagen 772 

Nr. 942. 22S ) Höfler Weihnachten 15; ders. 

Ostern 15. 226 ) Leoprechting Lechrain 206; 

Bavaria ia, 387; Schmeller 1 . c. 2, 290. 

22. K. und Fastenzeit: Gegenüber 

der Käse- und butterreichen Fastnachtzeit 
war K. in der Quadrages. verboten. Schon 
die truUanische Synode verbietet den 
Genuß von K. und Eiern in der Fasten¬ 
zeit: In Armenien und anderswo ißt 

man an den Sonntagen der Quadrages. 
Eier und K. Auch diese Speisen kommen 
von Tieren und dürfen an den Fasten 
nicht genossen werden.... In der ganzen 
Kirche muß eine Art der Fasten herr¬ 
schen 227 ). Die Paulizianer genossen 
während der Fastenzeit K. und Milch 228 ). 
In einem Kloster bei Rom, dessen Nonnen 
sich durch Frömmigkeit auszeichnen, 
essen diese weder Schweinefleisch noch 
Käse noch Eier 229 ). Die orientalischen 
Kirchen verbieten noch jetzt neben Eiern 
auch Milch, Butter und Käse an den 
Fasttagen 23 °). Eine Bäuerin in Bul¬ 
garien, deren Kind in der Fastenzeit 
ein wenig Käse verschluckte, meinte, 
das Kind habe eine unverzeihliche Sünde 
begangen 231 ). In Belgien sind Eier, 
Müch, Butter und Käse am Karfreitag 
untersagt 232 ). Ein Schweizer aß in 
Schlesien einmal zur Fastenzeit K. nach 
Schweizer Brauch und konnte kaum die 
Absolution erlangen 233 ). 

ni ) Hefele Conziliengesch. 3, 308 Nr. 56; 

ARw. 13, 556. 228 ) ARw. 13, 555 ff. 229 ) Klapper 
Erzählungen 243, 29. 230 ) ZfVölkerpsych. 18, 

48. ***} Maennling 120. 232 ) Wolf Nieder¬ 
ländische Sagen 685. 233 ) Schweizld. 3, 503. 

23. K.augurium: Daß man auch 
in der Antike aus dem K. weissagte, 
bezeugt eine Stelle bei Aelian 234 ): ’Axoum 
pivxot Ttvcuv Xe^ovicuv, oxt xal aXcptiot? pav- 
xeuovxat xtvec xal xoaxtvotc xal xoptaxoic. 
Nach dem St. Florianer Papierkodex 
stellte man in den Rauchnächten Augurien 


über die Getreideernte an: item in der 
lesten rauchnacht tragent sy ain ganczen 
laib und ches umb das haus und peissent 
darab. als manig pissen man tan hat, 
so vil schober wemt im auf dem veld 235 ). 
Auch für Heiratsaugurien verwendet man 
K.: Von Tagwellen: Andere treiben an 
Matheis- oder Andreasnacht viel Gaukel- 
und Affenspiel / mit Gürtlen Schuen 
Schabziegeren oder grünen Käsen und 
anderen Dingen; hierdurch im Traum 
zu erfahren / oder durch würkliche Er¬ 
scheinung zu ersehen / was sie für Heyrat 
bekommen werden 236 ). 

In Arensdorf aßen die Mädchen abends 
ein K.brot, weil sie glaubten, daß durch 
seine Einwirkung ihnen der Liebste im 
Traum erscheinen würde 237 ). Im Kanton 
Bern stellt eine ledige Weibsperson am 
Abend vor Weihnachten zwischen 11 und 
12 Wein und K. auf den Tisch, zieht sich 
nackt aus und kehrt rücklings gegen die 
Fenster die Stube, dann sieht sie beim 
Tisch ihren Zukünftigen 237a ). 

***) Var . hist. 8, 5; vgl. Artemidor Oniro- 
criticum 2, 69 (= 161, 22 Hercher L. 1864). 
235 ) Grimm Mythol. 3, 418, 33; Rochholz 
Naturmythen 253. 236 ) Anhorn Magiologia 136. 
237 ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 18. 237 *) SAVk. 
15» 3 »' SchweizVk. 3, 89; Rothenbach Bern 
49; Engelien u. Lahn 237; Drechsler 

1, 13- 

24. Zauber mit K.: Im Anschluß 
an die Fabel von Apuleius, der durch 
Gift in einen Esel verwandelt wurde, 
berichtet Augustinus, daß in Italien Wir¬ 
tinnen ihre Gäste durch Genuß von 
K. in Lasttiere verwandelten und nach 
Bedarf wieder in Menschen. Augustinus 
erwähnt auch den Fall des Praestantius; 
dieser berichtet, daß sein Vater durch 
Genuß von vergiftetem K. tagelang 
schlafend dalag und nach dem Erwachen 
sagte, er habe als Pferd in Rätien bei 
den Soldaten Getreide tragen müssen 238 ). 
In dem Gedicht von Burzbach über die 
Verbrechen und die Bestrafung der Hexe, 
die angeblich den Abt Simon von Leyen 
umgebracht hatte, lesen wir 239 ): 

Anno müesimo quigenteno duodeno 
Lurida per caseum dans saga aconita 
(Wolfswurz) peremit. 

Auch im Prozeß gegen die Maria Jegene 


* 


1061 


Käse 


1062 


in Graubünden wird der K. als Medium 
für Schadenzauber erwähnt 24 °): „dem 
Stäfen Werli habe sie vor vielen Jahren 
dis Pulfers an ein schnita K. gestrichen, 
daß er ihro nicht mehr ins Haus komme, 
habe er den K. nit gässen, sondern in 
die Hosa gestossen; erachty, er habe das 
Pulver mit instossen darabgeriben". Um 
eine Flinte zu bannen: „Iss ein Stück 
alten Käses und hauche mit dem riechen¬ 
den Atem in das Rohr der Flinte; so 
ist sie verdorben, es wird nicht damit 
geschossen werden. Will man das Ge¬ 
wehr wieder brauchen, so muß man 
■einen frisch getöteten Vogel oder Frosch 
durch den Lauf stossen" 241 ). 

238 ) Augustinus de civitate dei 18, 18; Franz 
Nikolaus Jawor 164; Tharsander 2, 591; 
ARw. 13, 546. 239 ) Hansen Hexenwahn 603 

Zeile 4 £F. 24 °) Schmid-Sprecher 151, vgl. 

171. 241 ) Grohmann 206 Nr. 1430; W. 333. 

25. K. als Symbol und Festspeise 
bei Familienfesten: Verlobung, 
Hochzeit und Taufe, a) Verlobung: 
Obwohl der Handk. in der Rheinpfalz eine 
große Rolle spielt und dem Bfesuch hin¬ 
gestellt wird, darf er bei der Brautschau 
nicht aufgestellt werden 242 ). In Hessen 
und Nassau deuten bei der Brautschau¬ 
werbung Schinken und Leberwurst auf 
eine günstige Annahme des Antrages, 
die Bewirtung mit Mus oder K. aber 
bedeutet, daß des Freiwerbers Mühe 
umsonst gewesen ist 243 ). In Zermatt 
wird der Freier, dessen Werbung ange¬ 
nommen wird, in den Familienkreis auf¬ 
genommen, indem man ihm erlaubt, vom 
hundert jährigen Familienkäse zu essen 243a ). 

Bei Waldmünchen stellt der Bursche, 
wenn er das Mädchen zum erstenmal 
ausführt, eine Probe auf die Häuslich¬ 
keit an: Erläßt K. bringen und schneidet 
ihn auf, ohne ihn zu schaben, ißt das 
Mädchen den K., ohne ihn zu putzen, so 
deutet das auf eine unreinliche Haus¬ 
frau; schneidet es die Rinde ganz weg, 
wird es verschwenderisch; schabt es 
aber das Unreine ab, ohne etwas weg¬ 
zuschneiden, dann wird es eine gute 
und sparsame Hausfrau abgeben 244 ). 

Bei einer Brautwerbung in der Herze¬ 
gowina greift einer der Werber nach 
«dem Abendessen nach seinem Sack und 


holt ein Laibchen K. heraus und nimmt 
das Messer zur Hand, um es zu zerstückeln; 
da unterbricht ihn einer der Werber 
und ruft: Nicht doch, jetzt werden wir 
jemand suchen, der es zerschneiden 
wird 244a ). Die wendische Hochzeit be¬ 
ginnt mit Butterbrot und K., beides 
wird auch an die Zuschauer ausgeteüt 2441 *). 
Bei den Ditmarsen werden mannslange 
Brote und K. auf den Braut wagen ge¬ 
laden 244c ). 

242 ) Bavaria 4b, 367; vgl. Becker Pfalz 227; 
Der Pfälzerwalci n, 172 s. Wenn in der Schweiz 
ein Besuch kommt, den man ehren will, 
so wird ein K. angehauen, der halbe Teil ge¬ 
braten und Honig daraufgestrichen: Schw- 
Vk. 8, 35. 243 ) ZfVk. 13, 289. 243a ) Bächtold 
Hochzeit 1, 41 ff. 244 ) Schönwerth Oberpf. 1, 
51 ff. Nr. 7. 244a ) Krauß Sitte und Brauch 

372 A. 1. 244b ) Rochholz Naturmythen 234. 
244 q ebd. 

26. b) Hochzeit: Im Norden von 
Schottland empfängt die Mutter des 
Bräutigams die Braut an der Schwelle 
des Hauses und hält über dem Haupt 
ein Sieb mit Brot und K. gefüllt; der 
Inhalt wird unter die Gäste ausgeteilt 
oder unter das junge Volk ausgestreut, 
das eifrig darnach hascht 245 ). Wenn 
auf der Alpenkette zwischen den Schweizer 
Kantonen und Wallis eine Hochzeit 
stattfindet, ist es Sitte, daß man auf 
einen Käse Namen der Vermählten und 
Datum der Hochzeit vermerkt 2AA ). Oft 
kommen beim Totenmahl K. zum Vor¬ 
schein, die das Geburts- und Hochzeits¬ 
datum des Verstorbenen tragen 247 ). Sogar 
hundertjährige K. sind nichts Seltenes a48 ). 

245 ) Mannhardt Forschungen 361. 168. 

24e ) Schweizld. 3, 504. 247 ) Rochholz Glaube 
1, 195 - 248 ) Stebler Goms 90 ff.; Bächtold 

1, 42 ff. 

27. Geburt, Taufe und Woghen- 
bett: An demselben Tag, da den Berg- 
einwohnem in der Schweiz ein Kind ge¬ 
boren wird, zeichnen sie einen K. mit 
Namen und Jahreszahl, oft des Geburts¬ 
tages für Kinder und Kindeskinder be¬ 
wahrt; dieser K. wird am Tage des Be¬ 
gräbnisses verzehrt 249 ); in ähnlicher 
Weise backt man nach dem Bischofs¬ 
bericht des Olaf Magnus bei der Ge¬ 
burt besondere Brote und bewahrt sie 
bis zum Tode auf 250 ). 



In England wird bei der Geburt der 
„sick-wifes cheese“ zubereitet und in 
kleine Stückchen zerschnitten; diese wer¬ 
den in die Schürze der Hebamme ge¬ 
worfen und geschüttelt; wenn die jungen 
Mädchen diese aus der Hebammenschürze 
genommenen Stücke unter das Kissen 
legen, träumen sie vom Schatz 251 ). 

In Nordengland gibt es bei der Geburt 
eines Kindes den Groaning-Cheese (groan 
= stöhnen) und einen Kuchen; nach der 
Geburt des Kindes schneidet man in 
die Mitte des Käses ein Loch und macht 
aus dem Käs einen Ring, durch dessen 
Öffnung man am Tauftage das Kind 
zieht (siehe durchziehen); diese K.- 
ringe heißen auch Groaning-Cake; sie 
werden oft vierzig Jahre aufbewahrt 252 ) 
(wie die Karfreitagsbuns) 253 ). 

In München gab es ehedem den Zanken¬ 
käs, welcher bei einem Taufmahl auf¬ 
getischt wurde, besonders wenn ein Knabe 
geboren wurde 254 ). Eine ähnliche Be¬ 
stimmung hatte der Rümpfei- oder 
Rümpelk.: So heißt noch heute in Nüm- j 
berg eine gewürzte Art von Lebkuchen, 
die zur Bereitung von Brühe verwendet 
wurden. Hans Sachs erwähnt diesen 
Rümpelk. 255 ): 

Geht denn die Fraw mit einem Kindel, 
So tracht umb vier und zweinzig Windel 
Ein Fürgang und ein Rümpelk., 

Weck, Käs und Obs zu einem Gefreß. 

Im Fichtelgebirge heißt die erste Suppe, 
die die Wöchnerin nach der Geburts¬ 
arbeit bekommt, Rumpelsuppe 256 ); im 
Elsaß sagt man: es hat gerumpelt für: 
ein Kind wurde geboren 257 ). Daß man 
mit Lärm die bösen Geister von der Ge¬ 
bärenden fernhalten wollte, und daß der 
Name Rumpelk. damit zusammenhängt, 
muß als eine kuriose Vermutung von 
Hofier erwähnt werden 258 ). 

In Ostfriesland steckt man der Heb¬ 
amme, die den Taufkuchen „Pupke- 
Käse“ herumreicht, ein Geldstück in den 
Käse 259 ). 

Bei Lübben im Spreewald erhielt der 
Pfarrer noch im Anfang des 18. Jhs. nach 
der Taufhandlung ein Brot und einen 
Käse; dasselbe Geschenk erhielten die 
Taufpaten; diese verteilten die Spende 


in der Kirche und nahmen ihren Teil 
mit nach Hause ^. 

Ist das Kind ein Knabe, so müssen 
in Treffelstein die Gäste Käse essen, 
damit dem „Bou“ seinerzeit der Bart 
wachse M1 ). 

Beim Fest der Namengebung des Kindes 
briet man in Griechenland K. aus Galli- 

poli 262 ). 

In Frankfurt finden wir im 14. Jh. 
den „Mandelkäse 4 * bei Taufangelegen- 
heiten; dieses Gebäck machten später 
in der Gesellschaft Limburg immer drei 
ausgewählte Frauen, unterstützt von drei 
Männern aus Mandelkernen mit ge¬ 
schlagenem Eiweiß und Molken 263 ). 

Im Oberamt Biberach besteht das 
Tauf essen aus saurem K. 264 ). Wenn 
das Kind K. ohne Brot zu essen be¬ 
kommt, kommt es einmal in den Turm 
oder an den Galgen 2€5 ). 

249 ) Schweizld. 3, 504 ö* 25 °) Olau s Magnus 
Historia de gentibus septentrionalibus 1 . c. 
Mi) Hazlitt Faith and Folklore 1, 288; ZföVk. 
15, 88. »*) Hazlitt 1 . c. 1, 286; ZföVk. 15, 

87 ff.; Bächtold 1 . c. * 53 ) Höfler Ostern 15. 

2M ) Schmeller 1. c. I, H 37 - *") ebd - 2 > 101 : 
Grimm DWb. 8,2, 1494- 2M ) Schmeller 1 . c. 2, 
100; Grimm 1 . c. 1492- 257 ) Martin u. Lien¬ 
hart ElsässWb. 2, 259. M9 ) ZföVk. l.c. 87. 

259 ) Lüpke Ostfriesische Vk. 93; Höfler 
1 . c. 88 . 26 °) Kriegk Deutsches Bürgertum im 

Mittelalter I, 391. 5741 Höfler l.c. 88 . 

2S1 ) Schönwerth 1 . c. 1, 171, 4: Rochholz 
Naturmythen 255. 262 ) Athenaeus 2, 65 c; 

Herdi Käse 63. 263 ) Bibliothek des Stuttgarter 
hist. Vereins 1844, 23 (aus einer Pergamenthand¬ 
schrift des 14. Jh.). 2M ) Höhn Geburt 273. 

265 ) Rochholz Kinderlied 317. 

28. Allerlei Aberglaube und Re¬ 
densarten: Mit einem Metzgermesser 
soll man nicht frisches Brot oder K. an¬ 
schneiden, sonst verliert es die Tötung 266 ). 
Wenn eine ledige Person bei Tisch die 
Butter oder den K. anschneidet, so muß 
sie noch sieben Jahre warten (Schles., 
Thür., Erzgeb., Brandenbg., Mecklenbg., 
Wald., Vogtl., Old.) **), vgl. anschneiden 
§ 5. Wer nach der Rockenphilosophie K. 
auf dem Tischtuch schabt, dem werden 
die Leute gram 268 ). Einen K., den man 
am Himmelfahrtstag bereitet hat, soll 
man nicht über das Meer nehmen 269 ). 
Wenn man lange Zeit hat, muß man. 
K. essen; dann vergeht sie 27 °) (!). 


1065 


Käsepappel—Kaspar 


1066 


aM ) Alpenburg Tirol 365. 267 ) Praetorius 
Phil. 203; W. 547. 268 ) Grimm Mythol. 3, 

443, 271; ZfVölkerpsychol. 18, 273. 28ä ) Wett¬ 
stein Disentis 165 Nr. 17. 2, °) SchwVk. 

10, 38. 

29. K. im Heilzauber und in der 
Volksmedizin :a) Heilzauber: Umsich 
die Gesundheit für ein ganzes Jahr zu 
sichern, bindet man in Rumänien am 
1. 3. eine rote und weiße Seidenschnur, 
an der eine Silbermünze hängt, um den 
Hals; am letzten März legt man die 
Schnur ab, kauft für das Silberstück 
etwas K. und Rotwein, begibt sich zu 
einem Rosenstock, genießt hier beides I 
und hängt die Schnur um den Hals 2n ). 

Wenn jemand an der Auszehrung 
leidet, so geht der, der sie ihm vertreiben 
will, abends nach Sonnenuntergang, ohne 
zu sprechen, nach einem Holunderbaum, 
bringt diesem Wachs, Flachs, Käse und 
Brot und sagt 27a ): 

Gun Dag Gräun Marie! 

Ik bring' di dat Nig’, 

Hie bring' ik di Wass, Flass, 

Hie bring' ik di Kes' un Brot, 

Dat säst du upeten 

Und dorbi den Namen vergeten. 

In Waldeck müssen die Eltern, wenn 
die Kinder kränkeln. Wolle und Brot zu 
dem Wachholderbusch einer andern frem¬ 
den Feldflur bringen und sagen i* 73 ): 

Ihr Hollen und Hollinnen, 

Hier bring ich euch was zu spinnen 
Und was zu essen. 

Ihr sollt spinnen und essen 
Und meines Kindes vergessen. 

In der Übersetzung des Soranus finden 
wir den K. als Mittel, um die Empfäng¬ 
nis zu fördern: mulier ut concipiat, etiam 
si nunquam conceperit, capra cum pepe- 
rit, ante quam haedus eius suffecerit et 
lac sugere incipiat, mulge et ex eo fac 
caseolum et in sinistro brachio in linteolo 
obligatum suspendito ut portet mulier; 
sed cum in balneum ire voluerit, domi 
illum munditer reponat; reliquis horis 
omnibus secum habeat 274 ). 

271 ) Derblich Land und Leute in Moldau 
und Walachei 1859, 164; Rochholz Glaube 2, 
212. 272 ) Bartsch 1 . c. 2, 366 Nr. 1719; W. 13. 
a73 ) Curtze Waldeck 373; zur Frage: Kuhn's 
Zeitschrift 13, 73; Mannhardt 1, 20 ff. 274 ) So- 


rani Gynaeciorum ed. V. Rose L. 1882, 125 ff. 
Nr. 40. 

30. b) Volksmedizin: Über die 
reichliche Verwendung des K. in der 
Antike siehe den Artikel von Kroll 275 ) 
und Herdi 276 ). Über die Verwendung 
in der deutschen Volksmedizin berichtet 
ausführlich B. Carrichter 277 ). 

Holländerkäs treibt den Bandwurm ab 
(Waldkirch in der Oberpfalz 278 )). Auf 
eine klare antike Tradition, die Dölger 279 ) 
vorlegt, geht das bei Hildegard 28 °) 
von Bingen und auch sonst in mittel¬ 
alterlichen Quellen (Ritualen, Pontifi- 
kalen usw.) belegte Verbot zurück, den 
Epileptikern Ziegenkäse (kultlich unrein) 
zu geben. Vielleicht beruht zum Teil auch 
darauf die im Mittelalter oft wiederkehren¬ 
de Ansicht, daß K. nicht gesund sei (vgl. 
§ 2). 

275 ) Pauly-Wissowa 11, 1495* 278 ) Käse 

10—13. 40. 44. 51. 277 ) B. Carrichter Der 

Teutschen Speiskammer. Straßburg 1614, 56 ff. 
60 ff. 27S ) Schönwerth 3, 265, 16. 279 ) Ichthys 
2, 33—68. 28 °) causae et curae 207 (Kaiser). 

Eckstein. 

Käsepappel s. Malve. 

Kaspar 

1. Einer der h. drei Könige, der mit 
den beiden andern in Segen seine be¬ 
stimmte Rolle spielt*). Sein Tag ist der 
1. Januar 2 ). Als Stemsinger wird er oft 
schwarz dargestellt 3 ); in der Kirchen¬ 
malerei des 15. Jh.s als brauner Asiat 4 ). 
Wenn die Wünschelrute Gold zeigen soll, 
tauft man sie auf den Namen K. 5 ). 

i) Oben 2, 459 ff. 2 ) Nork Festkalender 83. 
3 ) ZfVk. 14, 263; Reiser Allgäu 2, 35; Grimm 
DWb. 5, 259; Grimme Schwänke usw. in 
sauerländ. Mundart 35 f.; auch in der Legende 
des Joh. v. Hildesheim: Menzel Symbolik 
1, 500; Franz Benediktionen 2, 267. Vgl. 
Meisinger Hinz u. Kunz 48 f. 4 ) Menzel 
a. a. O. 1, 499. 6 ) Zingerle Tirol 74 (626); 

Elsäss. Monatsschr. 1913, 582; Wuttke 110 
(143: Böhmen). 

2. Oft wird der Teufel K. genannt 6 ). 
In Westfalen heißt er Käsperken, de 
swarte K. oder Kratzkäpp 7 ), auch Kla- 
onenkasper (Münsterland). In Schwaben: 
d er schwarze K. 8 ). Auch als Koboldname 
kommt K. vor 9 ). 

•) Meisinger Hinz u. Kunz 49. 7 ) Woeste 
Wb. d. westfäl. Mundart 121. 8 ) Sepp Reli¬ 

gion 47. v ) Grimm Myth. 2, 889; Meier 
Schwaben 266. Sartori. 


io 6 j 


Kastanie—Kastration 


Kastration 


1070 


1068 I0 ^9 


Kastanie (Edelkastanie; Castanea vesca). 

1. Botanisches. Die K. besitzt (im 
Gegensatz zur bekannten Roßkastanie, 
die ihr nur in den Früchten ähnlich ist) 
längliche, am Rande »ausgebuchtete und 
mit spitzen Zähnen besetzte Blätter. Sie 
stammt aus den Mittelmeerländem und 
wurde durch die Römer zu uns gebracht. 
Bei uns reifen ihre Früchte nur in warmen 
Lagen x ). 

x ) Märze 11 Kräuterbuch nof.; Schräder 
Reallex . 2 1, 560 f. 

2. Wer rohe K.n ißt, bekommt Läuse 2 ). 
Der Aberglaube ist alt: „Welche menschen 
vil castaneen rohe essen die gewynnen 
vil luß an dem lybe vnd auch an den 
cleydem“ 3 ). Schroeder 4 ) erklärt dies 
damit, daß „diese Früchte einen gar 
üblen Saft haben und nicht gut Blut 
machen, dahero wohl möglich, daß das 
Ungeziefer die Läuse bei solchen Leuten 
sich häufig finden“. Wahrscheinlich 
geht der Aberglaube darauf zurück, daß 
bei Hungersnöten, wo Parasiten häufiger 
sind, Brot aus K.mehl gebacken wurde 6 ). 
Wir hätten also hier ein Analogon zum 
Aberglauben von dem läusehervorrufenden 
Genuß der Samen des Sauerampfers 
(s. Ampfer). 

2 ) Zingerle Tirol 1857, 65; Dalla Torre 
Volkst. Pflanzennamen in Tirol 1895, 24; 

Wilde Pfalz 120. 3 ) Hortus Sanitatis deutsch 

1485 cap. 122. 4 ) Apotheke 1693, 920. 6 ) Vgl. 

auch Mizaldus Alexikepus 1576, 184; Mau- 
rizio Gesch. unserer Pflanzennahrung 1927, 57 h 

3. Wenn es am Siebenschläfertag 
(27. Juni) regnet, gibt es keine K.n; 
wenn am 4. Juli, werden sie wurmig 6 ); 
vgl. Buche, Haselnuß, Walnuß. 

S. auch Roßkastanie. 

6 ) Fogel Pennsylvania 239; ähnlich auch in 
Frankreich: Rolland Flore pop. 10, 120. 

Marzeil. 

Kastration. Unter Kastration (cas- 
strare = entmannen, entgeilen, verschnei¬ 
den, sovou^lCsiv) l ) versteht man im 
eigentlichen Sinne die Entmannung, 
die vorsätzliche Entfernung der Ge¬ 
schlechtsdrüsen beim Manne durch Aus¬ 
schneiden (6pxoTO[xta), Zerquetschung 
(öXaÖtac, OXißtac). Männliche Personen, die 
nur der Hoden beraubt sind, nennt man 
Halbverschnittene (spadones); die Ver¬ 
schneidung wird vollkommen, wenn auch 


das männliche Glied (penis) entfernt 
wird. Im weiteren Sinne bedeutet 
Kastration ein operativer Eingriff zur 
Vernichtung der Fortpflanzungsfähigkeit, 
bei den Männern Amputation des männ¬ 
lichen Gliedes allein, bei den Frauen 
operative Entfernung der Eierstöcke 
und der Gebärmutter 2 ). Die Selbstk. 
wird vor allem als Kulthandlung oder 
Ausfluß religiöser Ekstase ange¬ 
troffen 3 ). Die ägyptische Religion kennt 
die Selbstentmannung eines Gottes kaum 4 ). 
Häufig dagegen ist sie in den semi¬ 
tischen Kulten bekannt. Der phöni- 
zische Gott Esmun wird von der Götter¬ 
mutter Astronoe in Liebesglut verfolgt, 
flieht aber vor ihr und entmannt sich, 
wird darauf von der Göttin zum Gott 
erhoben 5 ). Der syrische Gott Attes 
stirbt durch Selbstentmannung 6 ). Nach 
der phrygischen Version des Mythus 
wird Attis von Rhea entmannt und 
zieht dann als deren Priester umher 7 ). 
Nach einer anderen Sagenform wird 
Attis der Göttermutter wegen einer 
Nymphe untreu; zur Strafe dafür wird 
er in Raserei versetzt, in welcher er sich 
selbst entmannt 8 ). Nach dem Vorbild 
der mythischen Entmannung des Gottes 
bringt sich das Kultpersonal (Gallen, 
die einem Archigallus unterstehen) die 
gleiche Verstümmelung bei ö ). Daß dieser 
blutige Ritus noch mit primitiven Werk¬ 
zeugen, mit einem scharfen Stein oder 
einer testa Samia, ausgeführt wurde, 
ist ein Beweis für das zähe Festhalten 
des Kultes an der althergebrachten Form. 
Die Abneigung gegen die später ver¬ 
wendeten Eisenwerkzeuge hielt noch lange 
an 10 ). Eine anschauliche Schilderung 
einer solchen kultischen Initiation findet 
sich bei Catull 63. Welchen Zweck die 
kultische Kastration im letzten Grunde 
verfolgte, ist nicht mit Sicherheit zu 
ermitteln n ). Doch dürfte sie als Weihe 
an die Gottheit, als Heiligung des Ini- 
tianden angesehen werden 12 ). Die Selbst¬ 
entmannung als kultische Obliegenheit 
scheint aus den semitischen Religionen 
in den Kult der Magna Mater Kybele 
und des Attis eingedrungen und mit 
diesem nach Griechenland und Italien 


gewandert zu sein 13 ). Verschnittene 
Priester wurden nur in den Kulten, die 
aus dem Orient übernommen wurden, 


verlangt, und diese Stellen wurden dann 
wohl nur von Ausländem bekleidet 14 ). 
Die Idee der Selbstentmannung zum 
Zwecke eines gottgeweihten, asketischen 
Lebens drang früh in das Christentum 
ein. Schon das Evangelium Matthaei 
19, 12 kennt Eunuchen, die sich selbst 
entmannt haben um des Himmelreiches 
willen. Unter dem Einfluß dieser Stelle 
nahmen selbst erleuchtete Geister wie Ori¬ 
gines die Selbstkastrierung vor. Von einer 
Sekte, den Valesianem, wurde sie gerade¬ 
zu gefordert 16 ). Der Brauch nahm in 
der Folgezeit derart überhand, daß das 
Konzil zu Nicäa (325) im Kanon 1 
bestimmte, selbstverschnittene Kleriker 
hätten ihr Amt niederzulegen 16 ). Die 
späteren Apostolischen Kanones unter¬ 
schieden zwar ebenso wie das Nicenum 
zwischen Selbst- und Fremdkastration. 
Doch die Kanones 22 und 23 begründen 
die Abweisung der freiwillig verschnitte¬ 
nen Kleriker damit, daß sie ihre eigenen 
Mörder seien und Feinde der göttlichen 
Bestimmung. Wenn nach Kanon 24 ein 
Laie sich selbst kastriere, so solle er drei 
Jahre lang von der Kommunion ausge¬ 
schlossen bleiben 17 ). Der 7. Kanon der 
2. Synode von Arles (443 oder 452) will 
keinen Kleriker mit Selbstverstümmelung 
zugelassen sehen 18 ). Etwas unklar bleibt 
die Formulierung des heute geltenden 
Kanons 985,5 des Codex Juris Canonici: 
Freiwillige Selbstverstümmelung ist als 
„Irregularitas ex delicto“ anzusehen. Im 
18. Jh. entstand die in Rußland und 
Rumänien verbreitete Sekte der Skop- 
zen. Die Verschneidung wird nicht nur 
bei den Männern, sondern auch bei den 


Frauen ausgeführt; bei den Männer ent¬ 
weder durch die Abtragung der Hoden 
in der Form des „kleinen Siegels“ oder 
durch Entfernung von Hoden und Penis 
zusammen in der Form des „großen 
Siegels“. Bei den Frauen werden die 
Brustdrüsen und die äußeren Schamteile 
verstümmelt. Die Sekte beschränkt sich 
nicht auf die freiwillige Kastrierung; 
auch wer imfreiwillig in die Hände der 


Skopzen fällt, „kann seiner Mannheit 
Lebewohl sagen. Er wird auf ein Kreuz 
gebunden, geknebelt und gewaltsam zum 
Eunuchen gemacht“ 19 ). Die Fremd¬ 
kastration ist sowohl unter Natur- 
wie Kulturvölkern verbreitet 20 ). Bis 
in die ältesten Zeiten reichen Kastra¬ 
tionen zurück. Semiramis, die mythen- 
hafte Königin von Assyrien, soll als 
erste zarte Knaben entmannt haben 21 ). 
Im alten Mesopotamien und in China 
war die Institution der Eunuchen uralt. 
Die Pharaonen und die israelitischen 
Könige hatten ihre Eunuchen, freilich 
unter einem anderen Namen 22 ). Der 
Kämmerer der Aethioperkönigin Kandake 
war Eunuch 23 ). Unter dem Einfluß des 
Ostens gewannen die Kastraten in Rom 
Boden. Nero ließ den Sporns entmannen, 
weil er ihn leidenschaftlich begehrte und 
ihn zu einer Frau machen wollte 24 ). 
Domitian bereits mußte gegen das Über¬ 


handnehmen des Eunuchentums einschrei- 
ten; Nerva verbot gleichfalls die Ent¬ 
mannung 25 ). Mit dem Vordringen des 
Islam nahm die Zahl der Verschnittenen 

im Orient stark zu. Sie wurden als 

♦ 

Haremswächter angestellt und standen 
teilweise in hohen Ehren 26 ). Durch die 
Brüsseler Konferenz von 1890 wurde der 
Eunuchenhandel verboten. 

Als Kampf- und Rachehandlung 27 ), 
namentlich im Kriege, findet sich die 
Kastration bereits bei den alten Ägyptern. 
Die Entmannung ist ägyptische Sieger¬ 
sitte und wiederholt sich oft in der ägyp¬ 
tischen Götter-und Menschengeschichte 28 ). 
Zur Zeit der Errichtung des israelitischen 
Königtums wurden erschlagene Feinde 
durch Abschneiden der Präputien ge¬ 
schändet. Es wird sich hierbei, ander¬ 
weitigen Analogien entsprechend, um das 
Abschneiden der ganzen Genitalien han¬ 
deln. David zählt seinem Schwieger¬ 
vater Saul 200 solche vor und erhält 
dafür die Braut 29 ). Dieser grausame 
Kriegsbrauch hat sich heute noch in 
Abessinien erhalten. Abgeschnittene Ge¬ 
nitalien gelten als Kriegstrophäen. Es 
mag dieser barbarischen Sitte der Ge¬ 
danke zugrunde liegen, auf diese Weise 
die Fortpflanzungsfähigkeit und Zeugungs- 




1073 


Kater—Katharina 


IO74 



fähigkeit des Gegners zu vernichten, nach 
primitiver Vorstellung, auch wenn er 
schon tot ist *°). 

Eine bedeutsame Stellung nimmt die 
Kastration bei der Bestrafung des 
Ehebruchs ein. Sie wird als sogenannte 
„spiegelnde Strafe“ für Ehebrecher und 
Notzüchter angewandt, die mit ihren 
Hoden oder dem Zeugungsglied büßen 
müssen 31 ). Horaz macht sich über einen 
bestraften Ehebrecher lustig: „accidit, 
ut cuidam (moecho) testis caudamque 
salacem demeterent ferro“ 32 ). Der Kaiser 
Severus, der vergeblich den Kampf gegen 
Unzucht und Ehebruch aufnahm, ließ 
100 Edelleute entmannen 33 ). Das salisch- 
fränkische Recht kennt Kastration als 
Strafe für Notzucht mit tödlichem Aus¬ 
gange der Vergewaltigten. „Auch wenn 
ein waltpode einen juden einer Christ en- 
frauen oder einer maide funde unkeusch- 
heit mit ir zu triben, die mag er beide 
halten, da sol man den juden sein ding 
abe sniden und ein aug ausstechen und 
sie mit rüden usjagen“ 34 ). In diesem 
Recht kommt ferner die Entmannung als 
Vorbereitung zur Todesstrafe vor, außer¬ 
dem als Verstümmelungsstrafe 3S ). Auch 
Diebstahl, von einem Sklaven begangen, 
wurde in der gleichen Weise gebüßt, in 
England während des Mittelalters sogar 
Falschmünzer und Wilddiebe **). Zu 
künstlerischen Zwecken wurden in Italien, 
besonders im ehemaligen Kirchenstaat, 
jährlich zahlreiche Sängerknaben ver¬ 
schnitten. Man nannte solche Kastraten¬ 
stimmen „entmannte Harfen“ 37 ). Die 
„unzüchtigen Italiäner“ hießen in ihrer 
Eigenschaft als kastrierte Kirchensänger 
schlechthin „Kappaunen“ 38 ). 

Im Aberglauben ist der Angang eines 
Entmannten unheilbringend 39 ). Der Harn 
eines Verschnittenen hebt jede Frucht¬ 
barkeit auf 40 ). Über kastrierte Tiere und 
über die Prozedur des Kastrierens liefen 
im Altertum wie auch noch jetzt merk¬ 
würdige Ansichten um. Im Kult konnten 
kastrierte Tiere nur bei bestimmten 
Opfern Verwendung finden. Im allge¬ 
meinen durften den griechischen Göttern 
und Heroen nur dann verschnittene Tiere 
geopfert werden, wenn ihnen sonst männ¬ 


liche zukamen. Den Toten spendete man 
dagegen weibliche oder auch verschnit¬ 
tene 41 ). In Indien darf den der Lebens¬ 
kraft beraubten Manen nicht ein Widder, 
sondern nur ein Hammel geweiht wer¬ 
den 42 ). Vom Biber wurde lange in der 
Antike die Fabel der Selbstentmannung 
auf seiner Flucht bestaunt. Von Castor 
(Biber) leitete man gar das Verbum 
castrare ab 43 ). Von den männlichen 
Hyänen glaubte man hingegen, daß sie 
aus Eifersucht und Angst vor späteren 
Nebenbuhlern die männlichen Jungen 
gleich nach dem Wurf kastrierten u ). 
Man vertreibt Spitzmäuse, wenn man eine 
von ihnen kastriert (Justifikation) 45 ). 
Wird ein Pferd kastriert, so fallen seine 
Zähne nicht vorzeitig aus 46 ). Die Asche 
! der Pflanze Brya, mit dem Urin eines 
verschnittenen Ochsen vermischt, macht 
impotent. Der Urin eines Eunuchen tut 
denselben Dienst 47 ). Eber, Stiere und 
Widder werden zweckmäßig im Früh¬ 
jahr oder Herbst bei abnehmendem Mond 
verschnitten (Sympathie) 48 ). Auch in 
der neueren Zeit werden noch dergleichen 
Vorschriften beobachtet. Wenn in Meck¬ 
lenburg ein Bulle oder ein Hengst kastriert 
ist, so legen viele die Hoden an einen Ort, 

: wo weder Sonne noch Mond scheint. 

! Die Heilung schreitet vor, so wie jene 
vertrocknen, und weder Entzündung noch 
starke Eiterung tritt ein 49 ). In Böhmen 
verschneidet der Gemeindehirt am Grün¬ 
donnerstag von Haus zu Haus die 
Tiere, erhält dafür eine Gabe und macht 
daraus eine Speise, zu der er die Wirtin¬ 
nen, Mädchen und Mägde einladet w ). 
Zum Blutstillen beim Verschneiden 
spricht man: 

Hüte dich, denn du sollst stehen still, 
Wie das Gras stund still. 

Da Jesus kniete. 

So gewiß sollst Du stehen fest. 

Wie der Baum hält die Äst. 

Im Namen des usw. 51 ). 

Bei den Esten wird oft vorher das Messer 
besprochen und die ausgeschälten Testikel 
mit Salz bestreut oder in den Dünger 
geworfen 52 ). In Mecklenburg kastrieren 
einige Operateure nur stehend; man 
glaubt, daß sie es nur können, wenn sie 


etwas gebrauchen (sie besprechen) 53 ). 
In Frankreich mußte früher der Ver¬ 
schneider zum guten Gelingen sich sogar 
seelisch reinhalten; an dem betreffenden 
Tage sollte er tunlichst seine Sünden beich¬ 
ten, auch durfte er nicht Knoblauch essen, 
um keinen schlechten Atem zu bekommen. 
Wenn er zuerst ein Pferd kastriert und 
darauf ein Mutterschwein verschneidet, 
so muß das Mutterschwein eingehen M ). 
In Böhmen kräht ein verschnittener Hahn 
alle Mäuse aus dem Hause, oder er führt 
sie alle zum Haus hinaus, indem er 
vorangeht 55 ). Gegen Hambeschwerden 
trinkt man in Oldenburg den eigenen 
Ham oder den eines verschnittenen 
Schweines 66 ). Das Hüftweh wird durch 
Entmannen geheilt 57 ). Die Genitalien 
eines verschnittenen Tieres um den Hals 
gehängt, bis sie von selbst abfallen, sind 
gut gegen Halsweh 58 ). Damit die Brüste 
nicht allzu groß wachsen, reibe man sie 
mit den Testikeln eines verschnittenen 
Ebers, und zwar die linke Brust mit dem 
linken, die rechte mit dem rechten Testi¬ 
kel. Offenbar liegt hier die Vorstellung 
zugrunde, daß der in seinem Weiter¬ 
wachsen gewaltsam gehemmte Geschlechts¬ 
teil diese Hemmung durch Reiben weiter 
überträgt (Similia similibus) 59 ). Nach 
einem Wurstbuch von 1662 wurde aus 
den Hoden von kastrierten jungen Schwei¬ 
nen die Klothwurst (Klöten), vermutlich 
zu aphrodisischem Gebrauche, hergestellt, 
wie auch nach der Vorschrift bei Kräuter¬ 


B. Stern Geschichte der öffentlichen Sitt¬ 
lichkeit in Rußland. Berlin 1907 und K. K. 
Graß Die russischen Sekten II. Bd. Die weißen 
Tauben oder Skopzen {Leipzig i9i4). 20 )Visscher 
Naturvölker 2, 432 fi.; Wlislocki Zigeuner 

XIII; Frazer 12, 209. 21 ) Ammianus Mar¬ 
cellinus 14, 6. 22 ) Marcuse 331. 23 ) Apostelge¬ 
schichte 8, 27. 24 ) Sueton Nero 28, 1. 25 ) 

Ders. Domitian 7; Vorberg 80. 26 ) Stern 

Türkei 2, 394. Z7 ) Vgl. Schneickert Sexual- 
vandalische Gebräuche im Altertum und Mittel- 
alter = ZfSexualw. 1924, XI. 28 ) Liebrecht 
ZVolksk. 95. 29 ) I. Samuel 18, 25. 27; vgl. 

II. Samuel 3, 14. 30 ) Marcuse 331. 31 ) Hoops 
Reallex . 1. 614 (Entmannung). 32 ) Satiren 
1, 2, 45 f.; vgl. Valerius Maximus 6, 1, 13 
= Vorberg 16. 33 ) Dio Cassius 75, 5. 34 ) 

Grimm R. A. 4 2, 299. 35 ) Hoops a. a. O. 

36 ) Marcuse 332. 37 ) DWb. 3, 537. 38 ) 

DWb. 5, 182; vgl. Höfler Krankheitsnamen 
258 (das ist ein man, der seiner gezeuglein 
niht hat). 39 ) Lukian Eunuch. 6 — Grimm 


3» 223. 


40 


) Plinius n. h. 28, 65 


Licht 


Sittengeschichte Griechenlands 2, 78. 41 ) Stengel 
153; Ders. Opfergebräuche 89. 103. 136; Roh de 
Psyche 1, 58. 42 ) Oldenberg Religion des 

Veda 358. 43 ) Keller Antike Tierwelt 1, 188. 

4< ) Plinius 8, 108. 45 ) Ders. 30, 148. 46 ) Ders. 
11, 169. 47 ) Ders. 24, 72; Licht 2, 76. 48 ) 

Columella de re rustica 6, 26, 2 = Plinius 
18, 322; vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 83. 49 ) 

Bartsch 2, 145. B0 ) Sartori 3, 140 Anm. 9 = 
Reinsberg-Düringsfeld Böhmen 124. B1 ) 

Kuhn Westfalen 2, 215 Nr. 613. 62 ) Boeder 

Ehsten 96. 63 ) Bartsch a. a. O. 64 ) Sebillot 
a. a. O. 65 ) Wuttke 400 §615. 6# ) Ders. 


322 § 477 - 


67 


) Gregor von Tours 10, 15 


= Grimm 3, 344. 68 ) Fogel Pennsylvania 

276 Nr. 1451. 59 ) Staricius 476 f. ®°) Deutsche 
Wurstfabrikantenzeitung 1929 Nr. 34; vgl. 
oben 1, 528. Karle. 


Kater s. Katze. 


mann 164 die Hoden von Hähnen unter 
das Wurstgut gemischt werden mußten w ). 

1 ) G. Vorberg Glossarium Erot cum. Stutt¬ 
gart (1929) 80. 2 ) Marcuse in Hdwbch. der 

Sexualwissenschaft (1926) 325. 3 ) Arthur 

Darby Nock Eunuchs in ancient religion 
— ARw. 1925, 25—33; Fred. Bergmann 
Origine, signification et histoire de la castration, 
de Veunouchisme et de la circoncision. Palermo 
1883. 4 ) Urquell 3 (1892), 113L 6 ) Fr. Jere¬ 
mias in Chantepie de la Saussaye 1 (1925), 
6 39- 6 ) Ders. 626. 7 ) Hepding Attis 29. 218. 
9 ) Ders. 121. 218. 8 ) Ders. 130. 132. i6off. 

163. 192. 10 ) Ders. 161. n ) Deubner in 

Chantepie de la Saussaye 2, 496. 12 ) Jere¬ 
mias a. a. O. und 1, 626. 13 ) Fehrle Keusch¬ 
heit 110. 14 ) Stengel Die griechischen Kultus¬ 
altertümer (1920) 38. 16 ) Hefele Concilien- 

geschickte 1, 110. 16 ) Ders. 376. 17 ) Ders. 

806 f. 18 ) 2, 299. l9 ) Marcuse 326; vgl. 


Katharina, hl., Märtyrin, nach ihrer 
ohne jede alte Bezeugung gestützten 
Legende *) eine in den Wissenschaften aus¬ 
gebildete edle Jungfrau aus Alexandrien 
in Ägypten, die unter Kaiser Maxentius 
306 oder 307 nach vorherigem vergeb¬ 
lichen Versuch, sie zu rädern, enthauptet 
wurde, eine der gefeiertsten Heiligen des 
Morgen- und Abendlandes. Fest 25. No¬ 
vember 2 ). 

1. Der Kult der hl. K. gewann im Abend¬ 
land seit den Kreuzfahrten große Ver¬ 
breitung und fand seit dieser Zeit auch 
Eingang in den Kreis der Kirchenfeste 3 ). 
Seitdem K. nach dem Vorbild der Pariser 
Universität zur Patronin der philosophi¬ 
schen Wissenschaften erhoben worden war. 


1075 


Katharina 


IO 76 


breitete sich ihre Verehrung noch mehr 
aus, vermutlich zuerst am meisten in der 
gelehrten Oberschicht, später allmählich 
auch in der Mittel- und Unterschicht 
des Volkes. Vom 15. Jh. an galt sie 
als die größte Heilige unter den soge¬ 
nannten 14 Nothelfem. Mit ihrer Le¬ 
gende befaßte sich seit dem 12. Jh. die 
Schrift- und Dichtkunst 4 ) und formte j 
sie immer wieder aufs neue zu epischer 
oder episch-lyrischer Darstellung. Ähnlich 
wurde die Heilige schon im spät mittelalter¬ 
lichen Volksgesang 5 ) behandelt. Einzel¬ 
züge ihrer wunderreichen Vita pflanzten 
sich in Volkslegenden 6 ) weiter fort und 
neue bildeten sich in weiteren Volks¬ 
legenden hinzu, Auch in der bildenden 
Kunst 7 ) verherrlichte man sie in und 
seit dem Mittelalter umso mehr, je größer 
der Bereich ihrer Patronate wurde. Sie 
erscheint abgebildet mit einer Krone und 
königlich gewandet oder in einer der Zeit 
entsprechenden Gewandung und im üb¬ 
rigen mit wechselnden Attributen, mit 
dem Rad oder mit einem Schwert oder mit 
beiden Marterwerkzeugen, auch mit Palme 
und Schwert, mit Blitz und Hagel oder 
auch in szenischer Darstellung mit zer¬ 
sprungener, von Blitzen umzüngelter Rad¬ 
maschine oder mit einem Ring oder mit 
einem Buch und Schwert oder in einer 
Disputation mit Philosophen 8 ). 

*) Vita erst im I0> Jahrh. vollständig (in 
griech. Sprache) ausgebildet, bei Migne Patr. 
gr. 116, 275 ff., vermutlich aber schon früher 
im Abendland in lateinischer Fassung vorhan¬ 
den, vgl. Der Katholik XXXV 3 (1907), 158. 
Nach Narbey Supplement aux Acta Sanc - 
torum 2, 321 (1904) i s t bereits auf einem Fresko 
aus dem 5. oder 6. Jahrh. in einer Katakombe 
Roms eine Heilige a j s „sancta Catharina“ be¬ 
zeichnet; vgl. dazu bei Narbey a. a. O. 317 
die Bemerkung über die Annahme einer Identi¬ 
tät der hl. K. mit der reichen und hochgebil¬ 
deten Alexandriner in Dorothea, die von Maximin 
verbannt wurde; Kellner Heortologie 239; Gün¬ 
ter Legenden-Stuiien 21. 2 ) Knust Geschichte 

der Legende der hl, Katharina von Alexandrien 
(1890); Beissel Heiligenverehrung 2 (1892), 
42; Potthast BibHotheca historica medii aevi 
(1896); Korth Di e Patrocinien im Erzbistum 
Köln (1904) —108, mit guter Übersicht 
über die wichtigsten Quellen und entlegenere 
Bearbeitungen der Legende; Gudry Le culte 
de S. Catherine d'Alex. (1912); Reiter St. Ka¬ 
tharina (1916), kulturgeschichtlich. 3 ) Kölner 
Festkalender z. B. verzeichnen ihren Tag vom 


Ende des 12. Jahrh. ab, zuerst der im letzten 
Drittel des 12. Jahrh. verfaßte Kalender des 
Severinstiftes, vgl. Zilliken Der Kölner Fest¬ 
kalender 116. Auf dem Konzil zu Trier 1227 wurde 
sie (nebst der hl. Elisabeth) der besonderen 
Verehrung empfohlen. In der Benediktiner¬ 
abtei St. Pantaleon in Köln wurde die feierliche 
Begehung des Katharinentages 1237 durch den 
Abt angeordnet, vgl. Hilliger Die Urbare von 
St. Pantaleon in Köln 141. 4 )Goedeke Grund¬ 
riß zur Geschichte der deutschen Dichtung 2 i, 
233; Norrenberg Kölnisches Literaturleben im 
ersten Viertel des 16. Jahrh. 12; Wolf Bei¬ 
träge 2, 237 = S. Brant (gest. 1521) Leben der 
Heiligen 2, 70; Klapper Schlesien 308. 5 ) Moh- 
nike Schwedische Volkslieder (1830) Nr. 22: 
Liten Karin. Der Inhalt erinnert nur noch 
leise an die K.legende; Bö ekel Handbuch 105; 
Erk-Böhme 3, 808—812; Wolfram Nas- 
säuische Volkslieder (1894) 9; Krapp Oden¬ 
wälder Spinnstube (1904) 40; ZfVk. 20 (1910), 
401; Jungbauer Bibliogr. 114 Nr. 621: Böh¬ 
men. 6 ) Lütolf Sagen 541; ZfVk. 4 (1894), 
406; 9 (1899), 78; Schell Bergische Sagen 123 
Nr. 2 = Montanus Vorzeit der Länder Cleve - 
Jülich-Berg-Mark 2, 400; Kronfeld Krieg 143; 
Hilka Zur Katharinenlegende, AnSpr. 140 
(1920), 171 — 184; Flaij Shans Lidovd legenda 
o sv. Katerine. Vestnlk 14, 102 f. (Volkslegende 
der hl. Katharina); Klapper Schlesien 308. 
7 ) Künstle Ikonographie der Heiligen (1926) 
369—374. 8 ) Doye Heilige uyid Selige der 
röm.-kath. Kirche 1 (1929), 185. 

2. Die zahlreichen Patronate 9 ), zu 
denen die Heilige während des späteren 
Mittelalters gelangte, haben zum größeren 
Teil ihren Grund in der legendären Aus¬ 
schmückung ihrer Vita; bei einigen fehlt 
entweder die Begründung oder sie ist 
zu weit hergeholt, so daß diese kaum 
Geltung beanspruchen können. In erster 
Linie galt und gilt K. als Schutzherrin 
der Philosophen und Gelehrten 10 ), zu 
dieser Würde erkoren durch die Pariser 
Universität. Auf den alten Siegeln der 
Artistenfakultäten steht demgemäß ihr 
Bild, für gewöhnlich mit Schwert und 
Palme oder Buch. Begründet wird dieses 
Patronat durch die legendäre Überliefe¬ 
rung, sie habe bei einer Disputation 50 
heidnische Philosophen in seltener Bered¬ 
samkeit widerlegt und zum Christentum 
bekehrt. Außer Philosophen, andern Ge¬ 
lehrten und Hochschulen wählten in der 
Folgezeit Angehörige des Lehrstandes im 
weitesten Sinne und christliche Schulen 
aller Arten die heilige K. zur Patronin, 
auch Rechtsgelehrte und Notare, Redner 


10 77 


Katharina 


IO78 


und Bibliotheken, Schüler und die stu¬ 
dierende Jugend. Weil nach ihrer Ent¬ 
hauptung ihrem Rumpf Milch statt Blut 
entfloß u ), wurde sie Schutzheilige der 
Ammen für Erlangung von Milch. Wegen 
der Messer, mit denen die für ihr Marty¬ 
rium bestimmte Radmaschine besteckt 
war, wählten auch die Barbiere, die früher 
gleichzeitig Chirurgen waren, sie zu ihrer 
Patronin. Infolge irriger Verbindung ihres 
richtigen Namens AfocttEptvoc, russ. Jekate- 
rina, mit xaßapö? galt sie als Vorbild der 
Reinheit und deshalb leicht erklärlich als 
Patronin der Jungfrauen 12 ). Frühzeitig 
wurden deshalb auch Klosterkapellen für 
Ordensschwestern auf ihren Namen ge¬ 
weiht 13 ). Eine weitere Entwicklung von 
hier aus bedeutet es, wenn Mädchen über¬ 
haupt, Schulmädchen, Dienstmädchen, 
Arbeiterinnen insbesondere, sich an sie 
wenden und von ihrer Fürsprache Gutes 
erwarten und ihren Tag festlich be¬ 
gehen 14 ). Früher wenigstens feierte man 
diesen, z. B. in England die Spinnerinnen, 
und noch heute z. B. in Belgien Mädchen¬ 
schulen, Pensionate und Familien mit 
unverheirateten Töchtern sowie in Frank¬ 
reich die Arbeiterinnen allgemein, hier 
besonders in Paris die Midinettes, in 
erster Linie die aus den Werkstätten der 
Putzmacherei und Schneiderei (Kon¬ 
fektion), vielfach .mit Umzügen, mimisch¬ 
dramatischen Aufzügen, Ball und Ge¬ 
schenken an die Mädchen. Dienstmäd¬ 
chen insbesondere hofften oder hoffen 
auf die Hilfe der Heiligen zur Erlangung 
eines guten Dienstes, Schulmädchen auf 
Belohnung ihres Fleißes. Für Pariserin¬ 
nen, die das 25. Lebensjahr vollendeten, 
ohne einen Lebensgefährten gefunden zu 
haben, brachte der K.tag noch etwas Be¬ 
sonderes : sie mußten nach altüberliefertem 
Brauch an diesem Tage eine Haube auf¬ 
setzen n ) und sich nunmehr als alte 
Jungfer betrachten lassen. Wegen des 
Rades, mittels dessen sie gemartert wer¬ 
den sollte, wurde K. frühzeitig Schutz¬ 
heilige der Spinnerinnen 15 ), desgleichen 
der Wagner, Müller, Scherenschleifer, 
bei den beiden letzten gewiß auch wegen 
des Rades. Warum aber ist sie außer¬ 
dem Patronin der Bleigießer, Bogen¬ 


schützen, Buchdrucker, Flachshändler, 
Gerber, Kammwollenhändler, Lederar¬ 
beiter, Schiffer 17 ), Schuhmacher, Seiler 
und Wamsmacher gewesen oder noch 
jetzt ? 

9 ) D oy 6 a. a. O.; zu den dort genannten Ländern 
und Städten, die K. zur Schutzherrin wählten, 
wäre noch hinzuzufügen z. B. Kremnitz (Un¬ 
garn). 10 ) Schmidt Volksk. 126 = Sebastian 
Franck Weltbuch, 2. Teil Europa (Tüb. 1534). 
n ) Surius De probatis Sanctorum historiis VI 
587; Narbey a. a. O. II 327. 12 ) Fontaine 

Luxemburg 82; K. ist im Kanton Freiburg 
(Schweiz) die Patronin der jungen und alten 
Mädchen. 13 ) Samson Die Heiligen als Kirchen¬ 
patrone 249 = Kampschulte Die westfälischen 
Kirchen-Patrocinien 158: in Dortmund war seit 
dem Jahre 1118 die Kirche der Prämonstra- 
tenserinnen und (später) in Unna die der Au- 
gustinerinnen der hl. K. geweiht. 14 ) Reins¬ 
berg Festjahr 351. 15 ) La Tradition 17 (1903), 
313; man nennt diesen Brauch coiffer Sainte- 
Catherine. 18 ) Reinsberg Festjahr 350; 
Knappert Folklore en Godsdienstgeschiedenis 
162. 1? ) Reinsberg a. a. O. 351: Mecheln 

(Belgien). 

3. Als Heilige, deren Anrufung die 
, »himmlische Zusicherung einer Erhörung“ 
besitzt, zählt sie ganz besonders zu der 
Gruppe der 14 Nothelfer (s.u.i.). Die 
bevorzugte Stellung, die sie in dieser 
Heiligengruppe einnimmt, geht sehr deut¬ 
lich aus der fast unübersehbaren Zahl 
ihrer Einzelbilder in der deutschen Kunst 
vorzüglich des 15. Jh. und im Beginn des 
16. hervor. Frühe Katharinenaltäre 18 ) 
zeugen gleichfalls von ihrer alten Ver¬ 
ehrung als einer hilfreichen Heiligen. 
Man wandte sich oder wendet sich an sie 
gegen Migräne, wahrscheinlich weil sie 
selber durch ihre Enthauptung mittels 
des Hauptes genugsam litt und Ver¬ 
dienste erwarb, auf Grund deren, wie man 
glaubte, ihre Fürsprache zur Heilung 
von Kopfleiden wirksam war. Weil die 
Heilige so vortrefflich und beredt den 
christlichen Glauben gegen Kaiser Maxen- 
tius zu verteidigen wußte, also „eine 
gute Zunge hatte“, wurde (wird?) sie bei 
Zungenleiden 19 ) angerufen. Durch ihre 
Fürbitte sollten besonders auch Stumme 
geheilt werden, weshalb man Zungen aus 
Wachs oder aus andern Stoffen opferte. 
Nach der Legende floß aus ihrem Gebein, 
das Engel nach ihrem Tod auf den Berg 
Sinai trugen, ständig öl 20 ), das alle 










1079 


Katharina 


I080 


Gliederübel heilt. In Tirol galt das K.öl 
im Volk früher als Heilmittel gegen 
„Pest, Vergicht, Zitrachen, Gründschup¬ 
pen, Atemnot, Eingeweidewürmer, Grim¬ 
men der Bärmutter“ usw. 21 ). In der 
Steiermark glaubte man, dieses öl helfe 
Kindern gegen Würmer, wenn es äußer¬ 
lich in die Nabelgegend eingerieben 
werde 2a ). Eine in Kathreinöl (oleum 
petrae album) gekochte Feige, langsam 
verschluckt, helfe gegen Angina 23 ). In 
Siebenbürgen galt oder gilt K. als Helferin 
der Bettnässer, von denen sie deshalb mit 
dem Spruch: ,,Heilige Kathrein, du sollst 
bei mir sein, Benimm meine Schwäch'“ : 
angerufen wird 24 ). Der unmittelbare 
Anlaß hierzu ist nicht ersichtlich, eben¬ 
sowenig, wenn ihre Hilfe gegen Flechten 
erbeten wurde 2S ). Von Frauen wurde sie 
auch in Geburtsnöten angerufen, und ihre 
Passio wurde für diese während des Ge- 
bärens verlesen 26 ). Der „Geistliche 
Schild“ empfahl sie als Stundenpatronin 
für die Zeit von 4 Uhr nachts bis 5 Uhr 
nachts, d. i. besonders denen, die in dieser 
Stunde im Sterben lagen 27 ). Nach der 
Grüssauer Überlieferung (Schlesien, hand¬ 
schriftlich) war die besondere Gabe der 
hl. K. als Mitglied der Not helfergruppe 
ihre Hilfe in der Sterbestunde 28 ). 

Weiterhin wird die Heilige in einem 
Feuersegen 29 ) erwähnt, auch in einem 
Wettersegen 30 ) gerufen. In einem Waffen¬ 
segen 31 ) wird empfohlen, die Waffe im 
Gedenken an St. K. zu nehmen und 
vom Schmer eines Wagenrades über die 
Schneide zu streichen mit dem Kreuz¬ 
zeichen und Gebet „gott zu lobe und der 
Jungfrawenn Sant Katherinen zu ere“. 

18 ) Vgl. z. B. Weber Bistum und Erzbistum 
Bamberg (1895) 7 °- 72. 101. 272. 19 ) Andree 
Votive 120. 20 ) Legenda aurea (ed. Graesse) 

794 — 795 » Beissel Verehrung der Heiligen 2, 
42: Herzog Heinrich von Braunschweig brachte 
ein noch jetzt [ ?] im Weifenschatz befindliches 
Glasfläschchen [von seiner Pilgerfahrt zum 
Katharinenkloster auf Sinai] heim, das die 
Inschrift trägt „Oel der hl. K., welches 
Herzog Heinrich mit eigenen Händen aus deren 
Grab nahm und nach Braunschweig brachte. 
1331 am 3. April"; vgl. auch Der Heiligen 
Leben Blatt 102. 81 ) Andree-Eysn Volks¬ 

kundliches 132. M ) Hovorka-Kronfeld 2, 

97 = Fossel Volksmedizin 79. * 3 ) Hovorka- 
Kronfeld 2, 10. * 4 ) Wlislocki Siebenbürgen 


1, 84 f. 15 ) MschlesVk. 14 (1905), 88. *•) Franz 
Benediktionen 2, 194; Legenda aurea c. 172 
(ed. Graesse 794). 27 ) Geistl. Schild 126—127. 
28 ) Klapper Schlesien 310 = K. A. Schmidt 
Briegische Chronik (1845) 288. 2 ®) ZfdMyth. 

4, 132 f. 30 ) Franz Benediktionen 2, 96. 98. 
31 ) Alemannia 27 (1899), 104. 

4. Der K.tag 32 ) wurde vereinzelt so 
angesehen und gehalten wie anderswo 
der Martinstag. Vermutlich spielt hier 
die Verschiebung im Kalender vom Jahre 
I 5^3 (m Deutschland) eine Rolle oder ein 
klimatischer Landesünterschied, oder aber 
der nahe bevorstehende Abschluß des 
Kirchenjahres (s. u.) ist die treibende 
Kraft. Ähnlich wie der Martinstag be¬ 
deutet der K.tag das Ende sommerlicher 
Herrlichkeit und eine Wende bäuerlichen 
Lebens. Der Tag galt oder gilt als äußerste 
Frist für den Schluß der Viehweide 33 ) 
und für den Aufenthalt der Bienenstöcke 84 ) 
draußen. Wie für den Schluß bestimmter 
landwirtschaftlicher Einrichtungen so gilt 
der Tag anderseits als Beginn bestimmter 
Arbeiten, z. B. der Schafschur 35 ), des 
Spinnens (Rockenstube) 36 ) und anderer. 
Man vergrub am K.tage Teile vom Kohl, 
um Samen zu gewinnen, der eine ganz 
neue Art sein und eine neue Kohlart 
hervorbringen sollte 37 ) 

Infolge der Nähe des Adventbeginnes, 
der für öffentliche Feste und Vergnügun¬ 
gen kirchlich geschlossenen Zeit, galt schon 
der K.tag oder der in der Nähe liegende 
Sonntag (Kathreinsonntag, letzter Sonn¬ 
tag vor Advent) vielfach als letzter 
Tag für Lustbarkeiten aller Art, Gaste¬ 
reien und öffentliche Tänze 38 ). Man 
sagte: ,,S. Kathrein stellt das Tanzen 
ein“. Die Lustbarkeiten machten einer 
stillen Zeit Platz, die Stimmung wurde 
ernster. Um so lustiger und fröhlicher 
ging es beim letzten Tanz, dem Kathreins- 
tanz her 39 ). Besonders gilt (oder galt) 
das Verbot für Hochzeiten. Im Solo- 
thurner Lande heiratet niemand am 
K.tag, der es nicht besonders eilig hat: 
„D'Kättri stellt d'Hochsig i“, „Ka- 
thrinlitag stellt d'Hochsig ab“. Sogar 
das Freien unterliegt (unterlag?) dem 
Verbot 40 ). An vielen Stellen ist Ka¬ 
thrinenmarkt, der früher vielfach als 
Gesindetermin 41 ) galt. Werktägliche Ar- 


1081 


Katharina 


1082 


beiten, bei denen das Rad eine Rolle 
spielte, mußten stillhalten. „Kathrein 
stellt Räder und Tanz ein“ hieß es im 
Volksmund 42 ). Fuhrleute durften nicht 
fahren oder fuhren der Heiligen zu Ehren 
nicht 43 ), die Müller mußten die Räder 
stellen, also daß sie nicht gingen, und durf¬ 
ten nicht mahlen 44 ), und den Weibern 
war es verboten, das Spinnrad zu be¬ 
rühren 46 ). So wurde das Attribut der 
Heiligen, das Rad, rein äußerlich Anlaß 
zu mancherlei Geboten und Verboten, 
es sei denn, daß heidnisch-kultische an 
das Sonnenrad geknüpfte Gewohnheiten 
zugrundeliegen. 

3a ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 31; Frazer 
8, 275; Fehrle Volksfeste 9 f.; Das heilige 
Feuer (1917) 148; Bayer. Staatszeitung Nr. 276 
v. 26. 11. 1920 S. 3; Sartori 3, 274 = Strauß 
Bulgaren 350 (Kuchenbacken u. Opfer); Se- 
billot Folk-Lore 4, 436. 33 ) Frischbier 

Hexenspr. 147 (Provinz Preußen); Eberhardt 
Landwirtschaft 20: Kathrei tu d’ Küh’ ei; 
Meyer Baden 162: Kathari ist d’ Futter¬ 
magd; Wettstein Disentis 165 (44). S4 ) Eber¬ 
hardt Landwirtschaft 22. 3 ') Boeder Ehsten 
91; man darf kein Wild schießen, ebenda. 
*•) Meyer Baden 174; John Westböhmen 9. 
* 7 ) Strackerjan 1, 125; 2, 100. ss ) Leo- 

prechting Lechrain 201; Reinsberg Böhmen 
514; Schmeller BayWb i, 1309; ZfVk. 1 (1891), 
303; 4 (1894), 131: die Kathrein stellt das 
,,G’spil’" (Hochzeitsmusik) ein; Fischer Ost¬ 
steierisches 214: der ,,Küah-Fasching" ist aus. 
John Westböhmen 99; Drechsler 1, 164; 

Pollinger Landshut 191; Hörmann Volks¬ 
leben 203; Höhn Hochzeit 1, 1 (Württemberg: 
Kathrei stellt ei’, stellt d’ Tänz ei' f . . . d’ Tanz* 
und Geig’, . . . Tänz und Schlamp); Schramek 
Böhmerwald 174; Meyer Baden 485: Kathrein 
schließt d’ Pfeufe [Brunnenröhre, so bei Meyer, 
gewiß irrig statt Pfeifenspielj, und de Dumme 
(Thomas, 21. Dezember) läßt sie wieder brum¬ 
me. Vgl. die Redensart aus dem Solothur¬ 
nischen: Kathri stellt Trummle und Pfilfe i, 
Thuma bringt si wieder uma. Bei den Wot- 
jäken wurde das letzte große Fest des Jahres 
am (russischen) K.tag gefeiert, Buch Wot- 
jäken 163. 173. 39 ) John Westböhmen 99: 

hier das sogenannte Aufpeitschen, bei dem ein 
festlich gekleideter Bursche mittels eines durch 
seidene Bänder verzierten Rosmarinstengels 
die Mädchen peitscht, die dann für die Burschen 
zahlen müssen, dafür aber Wein und Gebäck 
als Gabe erhalten. In Luxemburg haben die 
Mädchen das Recht, beim Tanz am K.tag ihre 
Tänzer selbst zu wählen und für die Aus¬ 
erkorenen auch zu zahlen, Fontaine Luxem¬ 
burg 82. Im Kt. Freiburg zogen die Mädchen 
singend von Haus zu Haus, sammelten Ka¬ 
tharinenbatzen, hielten einen Schmaus und 


luden die Burschen ein. 40 ) ZfVk. 4 (1894), 
131: es darf nicht gefreit werden (Gossensaß). 
In Slowenien wirbt man dagegen sein Mädchen 
in der Zeit zwischen K.tag und Weihnachten; 
das Mädchen bleibt bis zum nächsten K.tag 
Braut, Krauß Sitte u. Brauch 358. 41 ) Höfler 
Weihnacht 53: Thom, Katharinenmesse; Meyer 
Baden 199. 42 ) Hör mann Volksleben 203 

(Tirol). 43 ) Birlinger Volksth. 2, 168. 44 )Ebd.; 
Meyer Baden 485 = Leoprechting Lech¬ 
rain 201: sonst kommt einer in seiner Mühle 
ums Leben; ZfVk. 1 (1891), 303; Wettstein 
Disentis 173 Nr. 26: sonst brechen die Räder. 
Auch im Luzerner Land feiern die Mühlen und 
darf sich überhaupt kein Rad drehen, ,,weil die 
Heilige es nicht gern sieht" (!), echt volks¬ 
übliche Begründung. 45 ) Ebd. Nr. 27; Hdr¬ 
in an n Volksleben 203. 

5. Der K.tag ist auch ein bedeutsamer 
Los- und Orakeltag, in erster Linie für das 
Wetter 46 ). In Westfalen heißt es: „Kath- 
raine hett den Winter innen Schraine“, 
in der Mark: „Sünte Katrin smitt den 
ersten Sten (Stein) innen Rhin“ 47 ). 
Die Luzerner sagen: Wie das Wefter am 
K.tag, so ist es im ganzen Winter. 
„Wäscht“ K., d. h. regnet es am 
25. November, so „trocknet“ Andreas, 
d. h. friert es am 30. November 48 ). 
Schiffer nehmen Regen an diesem Tage 
als günstiges Zeichen für den rechtzeitigen 
Angang der Schiffahrt im folgenden 
Frühjahr. Ist das Wetter mild und trok- 
ken, gibt es bis Neujahr keinen Frost. 
Ihr Tag soll, wie das Volk glaubte, ent¬ 
scheidend sein für die Mast der Weih- 
nachtsgänse 49 ). Wer am Untersee (Lu¬ 
zern) um diese Zeit gute Netze hat, 
der geht fischen; denn: „Kathri jagt 
tusig (tausend) dri“. Die Freiburger 
(Schweiz) wollen von dem K.tag Voraus¬ 
sagen für das kommende Jahr haben; 
deshalb füllen sie am Katharinentage 
eine ausgehöhlte Mohrrübe mit Kom. 
Zeigen die Körner bis Neujahr kleine 
Triebe, so kann man sich auf das kom¬ 
mende Kornjahr freuen. Auch gute 
Kirschjahre sagt St. K. ihnen voraus. 
Wenn nämlich ein an ihrem Ehrentag 
in Wasser gestellter Kirschbaumzweig 
bis Weihnachten blüht, so „kann man 
machen, daß man Körbe hat, wenn es 
ans Ablesen geht“. Am K.tag hofft man 
nicht nur auf gutes Wetter, sondern be¬ 
müht sich auch, solches zu erlangen, in- 


1083 


Kathartik 


IO84 


dem man K. mit einem Spruche anruft, 
z. B. „Leve Katrine, lat de sünnen 
schinen“ usw. 50 ). Besonders in Kinder¬ 
sprüchen und Marienkäferliedern, durch 
die die Sonne herbeigefleht und dem 
Regen gewehrt werden soll, wird sie ange¬ 
rufen oder erwähnt 51 ), vermutlich aber 
nur des Reimes wegen (Kathrine-schinen), 
schwerlich weil ihr „Radattribut an das 
Sonnenrad erinnern mochte“(!). Sicher¬ 
lich kann das Volk nicht für den Ver¬ 
such verantwort lieh gemacht werden, K. 
mit einer germanischen Mythengestalt 
(Göttin) in Verbindung zu bringen, höch¬ 
stens gelehrte Romantiker 52 ). Vereinzelt 
gilt der K.tag als „Hagelfirtig“ (Hagel¬ 
feiertag) und Unglückstag 53 ), warum, 
ist nicht ersichtlich. Als außergewöhn¬ 
lich merkwürdiger, um nicht zu sagen 
alberner Beitrag zum volkstümlichen 
Orakelglauben sei die aus Ungarn über¬ 
lieferte Vorstellung angemerkt, daß ein 
Bursche, der am K.tage sein Gesicht mit 
einem Frauenhemd wischt, im Traum 
seine zukünftige Frau sieht 54 ). 

48 ) Leoprechting Lechrain 201; Pollinger 
Landshut 229. 47 ) Reinsberg Festjahr 351. 

48 ) Urquell 6 (1896), 16. 4Ö ) Reinsberg 

Festjahr 351. 60 ) Kuhn Westfalen 2, 90 

(282 b): Pommeresche auf Rügen. 61 ) Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 7 (Kinderspruch); eben¬ 
da 386 Marienkäferlied: Sinte Cathelyne, 
laet de zonne maer schynen, dat de regen 
overgaet. Im Aargau lautet ein Spruch: Chäferli 
flüg, flüg über de Rh!, säg der heilig Sant 
Chäteri, es sött morn schön wetter si. Der 
Käfer selbst wird in der Schweiz Anne-Kathrineli 
genannt. 62 ) Mannhardt Germ. Mythen 385: 
K. vom Volke (! ?) Begleiterin Holdas genannt, 
weil sie ihrer Legende zufolge mit dem Rade 
dargestellt zu werden pflegte, das Rad aber als 
Sonne angesehen würde. Simrock Mythologie 
624 vertritt weiterhin den romantischen Stand¬ 
punkt, die hl. K. sei im Mittelalter an die 
Stelle Sünnas getreten, sei also Sonnengöttin, 
weil ihr Attribut, das Rad, ein Abbild der 
Sonne sei; ders. Kinderbuch 2 213, 869: K. 
ist Sonnengöttin; Meyer Germ. Myth. 292: 
,,K., deren Radattribut an das Sonnenrad er¬ 
innern möchte''. 63 ) Meyer Baden 366; zum 

Hagelfeiertag s. 3, 1314. 64 ) ZfVk. 4 (1894), 406. 

6 . Der übergroßen Volkstümlichkeit 
der Heiligenist es zuzuschreiben, wenn ihr 
Name im Mittelalter allenthalben und 
über dieses hinaus bis in die neuere Zeit, 
in dieser besonders noch in ländlichen 
Gegenden, als Taufname allein oder in 


Verbindung mit andern sehr beliebt 
war 55 ) und dieser frühzeitig auch zum 
Gattungsnamen mit recht mannigfaltiger 
Bedeutung wurde, meist freilich mit wenig 
günstiger oder gar übler, z. B. Keterlin 
(Kathrinlein, Kathrinchen) für lieder¬ 
liche Bauemdime (im Fastnachtsspiel), 
schnelle Katharina für Durchfall, so 
schon in Grimmelshausens Simplizissi- 
mus, ein Spiel mit griech. xaöapais, 
xrfdapjjLa, Jungfer Kattel für monatliche 
Reinigung (Bayerisch) 56 ) und viele an¬ 
dere 67 ). Wegen der üblen Bedeutung, 
die der Name im Laufe der Zeiten an¬ 
nahm, vermied man es auch wohl, ein 
Mädchen auf den Namen K. taufen zu 
lassen. Es entwickelte sich die Meinung, 
jede Käthe sei ein halber Teufel. Bur¬ 
schen achteten deshalb, daß ihre Braut 
nicht K. hieße 58 ). In Ehingen a. D. sagte 
| (sagt?) man: wo eine „Käther“ im Haus 
ist, braucht man keinen Haushund 59 ). 
Welchen Einfluß solche und ähnliche 
Meinungen auf die Namengebung der 
Mädchen ausübten oder heute noch aus¬ 
üben, verdiente eine Untersuchung. 

65 ) Höhn Geburt 276; Wrede Rhein. 
Volkskunde 2 148; derselbe Eifeier Volksk* 
137 * 66 ) Fischer SchwäbWb. 4, 261; Schweiz- 
Jd. 3, 561; Schmeller BayWb. 1, 1309; 
DWb. 3, 609; Höhn Volksheilkunde 1, 114. 
ß7 ) Meisinger Hinz und Kunz 50; Nied 
Heiligenverehrung 77. ö8 ) Grohmann 108 

j (Mähren) = Hvezda 1863, 97. 59 ) Birlinger 

1 Schwaben 1, 412. 

7. Manches, z. B. das Kathreinblü- 
merl (Primula farinosa, eine Frühlings¬ 
pflanze) 60 ), steht in Beziehung zum Tage 
der hl. K. von Siena, deren Fest am 
30. April ist. Mit Hexenzügen in der 
K.nacht wird es sich ähnlich verhalten 61 ). 
Jedenfalls sind Verwechslungen beider 
Heiligen und ihrer Tage als möglich in 
Betracht zu ziehen. 

60 ) Vgl. ZfVk. I (1891), 296. 41 ) Meyer 

Germ. Myth. 262; vgl. auch Höfler Wald¬ 
kult 12. Wrede. 

Kathartik. K. ist die Kunst des Rein- 
machens, des Abwaschens aller Beflek- 
kungen, welche den Menschen hemmend 
heimsuchen *). 

1. Die Lebenskraft des Menschen 
stammt aus seiner Verbindung mit der 
Allkraft. Sie kann ihn nur durchfluten 


t 


1085 


Kathartik 


1086 


und so mit „Leben“ und Gesundheit, 
Gedeihen und Erfolg segnen, wenn diese 
Verbindung ungestört vor sich geht. 
Wo aber widrige Kräfte oder Mächte 
Eingang gefunden haben, kann die gute 
Kraft ihre Wirksamkeit nicht entfalten 2 ); 
es sei denn, daß Reinigung 3 ) dem Men¬ 
schen wieder seine ursprüngliche Inte¬ 
grität zurückgegeben habe. Aufgabe eines 
jeden und zugleich sein im eigensten 
Interesse begründetes Streben ist es 
daher, durch andauernde K. der leben¬ 
spendenden Macht das Eingehen in den 
Körper zu ermöglichen 4 ). 

Was aber ist Befleckung in diesem 
technischen Sinne? Befleckung ist im 
allgemeinen nicht Schmutz — oder zu¬ 
mindest besteht bei den verschiedenen 


Völkern die größte Meinungsverschieden¬ 
heit über das, was als Schmutz anzuspre¬ 
chen ist. Unrein ist und Unreinheit ver¬ 


ursacht zumal, was mit einer widrigen 
Macht in Beziehung steht. Man hat oft 
eine Identifizierung der Begriffe unrein 
und tabu versucht. Das stimmt nicht 
ganz. Denn tabu ist auch die heilige 
Macht für den, der nicht zur Verbindung 
mit ihr initiiert ist; auch das Heilige 
wirkt verderbenbringend für den Un¬ 
vorbereiteten; ohne daß dies Verderben 
den Betroffenen verunreinigen würde. 
Tabu ist also, der weit umfassendere 


Begriff. Wohl aber ist es richtig, daß 
alles Unreine tabu ist und tabuierend 
wirkt. Freilich ist dieses Tabu seinerseits 


abwendbar; es ist der K. zugänglich (s. 
Tabu). 

Hierbei ist es für die Folgen — und 
auch für die Maßnahmen, die zu ihrer 


Abwendung führen — gleichgültig, ob 
diese Berührung mit der bösen Macht 
schuldhaft oder zufällig erfolgte, ob frei¬ 
willig oder unfreiwillig, ob mit sittlicher 
Verschuldung verbunden oder ohne solche, 
ja infolge einer guten Tat. 

Zwei Vorstellungsweisen sind hierbei zu 
scheiden. Auf präanimistischer Stufe, wie 
ihr der größte Teil des deutschen Aber¬ 
glaubens angehört, erfolgt die Befleckung 
durch Anhaften oder Innewohnen einer 


unpersönlichen bösen Macht, über deren 
Herkunft und näheres Wesen man sich 


nicht besonders den Kopf zerbricht. Der 
Kampf gegen sie geht mit Abwaschungen, 
Abstreifungen einher; man versucht sie 
zu übertragen, indem man seinen mit 
ihr behafteten Seelenstoff überträgt. Die 
Übertragung geht dabei nur ausnahms¬ 
weise auf einen anderen Menschen; meist 
ist das Objekt eine Pflanze (Hollunder, 
Eiche) von besonderer Lebenskraft und 
Heiligkeit, von der man erwarten kann, 
daß sie mit der bösen Macht fertig werde. 
Oder aber man bringt dies Stück Seelen¬ 
stoff samt Krankheit zum Absterben 


(durch Vergraben, besonders unter der 
Dachrinne) und erwartet nach der Regel 
des pars pro toto, daß mit dem Absterben 
dieses Teiles auch die ganze Krankheit 
absterbe. Es sind ähnliche Gedanken¬ 


gänge, aber zum entgegengesetzten Zwecke 
angewendet, wie bei den Methoden des 
Schadenzaubers (s. d.). 


Auf animistischer Stufe hält man für 
Verursacher alles Übels und für das eigent¬ 
lich Verunreinigende die Dämonen 5 ). 
Diese Anschauung hat sich auf deutschem 
Boden nicht recht durchsetzen können. 
Nur bei Fällen von Geisteskrankheit. 


Nur bei Fällen von Geisteskrankheit, 
sogenannter Besessenheit, glaubte man 
— hier unter kirchlichem Einflüsse — an 


das Wirken böser Geister (Teufel), denen 
man mit heiligem Spruch und Bann ent¬ 
gegentrat. Das Alpdrücken sei hier nur 
erwähnt, weil die Methoden zur Abwehr 
des Alps äußerlich den kathartischen zum 
Teile ähneln. Aber der Alp ist kein un¬ 
reiner Dämon, überhaupt kein Dämon 
und wirkt nicht verunreinigend. Wohl 
aber verunreinigen Incubus und Succubus. 
Ihnen gilt deshalb auch der Bann. Doch 
ist der Bann keineswegs die einzige 
Maßnahme — nur die wirksamste — 


mit der der Mensch den Kampf gegen die 
Dämonen führt 6 ). 


•Heckenbach De nuditate sacra 3; Rohde 
Psyche 2, 436. 2 ) Lippert Christentum 693; 

Jolly Recht und Sitte 156; Nilsson Griechische 
Feste 489; Fabricius Deposition 39; Dieterich 
Kl. Sehr. 121; ARw. 20, 157; Bastian Ele¬ 
mentargedanke 1, 145. 8 ) Abt Apuleius von 

Madaura 184. 4 ) Beth Religion und Magie 2 

208 ff. 5 ) Eusebius Praeparatio evangelica 
IV 23; Frazer 6, 72 ff. e ) Ebd. 109 ff. 

2. Im wesentlichen dient Sitte und 


*V 



Kathartik 


Kathartik 


1090 



1088 



Brauch dem unablässigen Bemühen sich 
vor Befleckung zu hüten, den Hexen 
und Dämonen Zutritt zu verwehren (s. 
Abwehrzauber). Dennoch sammelt sich 
immer wieder Unreinheit, die nun kunst¬ 
gerecht entfernt werden muß. Dem 
dienen nun sowohl im Leben des Einzel¬ 
nen wie der Allgemeinheit sowohl be¬ 
sondere Gelegenheiten (ungewöhnliche Er¬ 
krankungen, Vorbereitungen zur Hoch¬ 
zeit, Todesfall in der Familie; das Ana¬ 
logon für die Gemeinschaft sind Seuchen, 
Kriege, große gemeinsame Veranstaltun¬ 
gen) wie regelmäßig wiederkehrende Ver¬ 
anstaltungen 7 ), Freuden- und Trauerfeste, 
die in den Kalender eingebaut sind. 
Die K. ist noch darüber hinaus ein inte¬ 
grierender Teil des Ritus 8 ) (s. d.), in¬ 
sofern fast jeder Ritus mit reinigenden 
Bräuchen beginnt (s. Gottesdienst), Rein¬ 
heit des Teilnehmers voraussetzt und 
bedingt und dazu bestimmt ist, diese 
Reinheit zu befördern und zu erhalten. 
Im besonderen Maße dienen dieser Auf¬ 
gabe die besonderen Reinigungsfeste oder 
Riten, die zum Kult aller Konfessionen 
gehören, von dem Volksbrauch (vgl. die 
deutschen Osterfeiern) in ihrer Bedeutung 
aber noch unterstrichen werden. 

Ob privat, ob der Allgemeinheit die¬ 
nend, die Reinigungsmittel sind ziemlich 
typisch •): 

a) Als das hervorragendste derselben 
gilt das natürliche Wasser. Das Waschen 
der Hände ist Bestandteil jedes Reini¬ 
gungsbrauches. Aber auch der Tote muß 
gewaschen werden 10 ). Ja, nach Brauch 
der Südseeinsulaner wird ihm sogar die 
Haut abgezogen, damit er ganz rein vor 
der Totenrichterin erscheine n ). Noch 
stärker als gewöhnliches Wasser reinigt 
fließendes 12 ), am hervorragendsten wirkt 
Meerwasser 13 ) und das durch Salzgehalt 
und Segnung mit ewiger Frische und 
himmlischer Kraft erfüllte Weihwasser u ). 
Als Reinigungsmittel in diesem Sinne 
war auch von den ältesten Christen — 
im Anschluß an den allgemeinen Volks¬ 
brauch der Reinigung durch Untertauchen 
im fließendem Wasser — die Taufe auf- 
gefaßt worden. Sie wusch die Sünden 
des vergangenen Lebens ab. Darum I 


wurde sie bis in möglichst hohes Alter 
hinausgeschoben 1S ). 

Die reinigende Kraft der Waschung wird 
durch Zeit und Umstände noch erhöht. 
Zu den heiligenden Festzeiten, am frühen 
Morgen waschen die Quellen die Un¬ 
reinheiten des Gesichtes ab 16 ). Auch 
das himmlische Wasser des Taus (s. d.) 
hat besondere Macht. Die Indianer 
schätzen das Dampfbad in der Schwitz¬ 
hütte 17 ). 

b) Noch gewaltiger an Wirkung, so¬ 
wohl positiv wie negativ ist das Feuer 
(s. d.). Bei den Römern reinigen sich 
durch Durchschreiten (Überschreiten) eines 
Feuers die vom Begräbnis Heimkehrenden 
quod genus purgationis vocabant suf- 
fitionem 18 ). Das Feuer wird hierbei 
manchmal durch ein angezündetes Scheit 
ersetzt 19 ). Reinigend wirken die Johan¬ 
nis- und Sonnenwendfeuer *°); ist ihr 
oberster Zweck auch, an dem bedeutungs¬ 
vollen Tage die Kraft des himmlischen 
Gestirnes zu vermehren und ihm an dieser 
Wendung seiner Bahn beizustehen, so 
ist dies doch nicht der einzige Zweck der 
auf den Berghöhen flammenden Feuer. 
Sie dienen auch dazu, reines Feuer wieder 
zu gewinnen. ,,Feuer, das alles reinigt, 
was es erfaßt“. Diese Magie des „reinen“ 
Feuers kennen alle Völker. Denn auch das 
reinste der Elemente, das Feuer, gilt als 
der Befleckung nicht unzugänglich — es 
vor Befleckung zu hüten, war deshalb 
heiligste Aufgabe in der persischen Reli¬ 
gion. Daher muß immer wieder reines, 
noch unbeflecktes Feuer das untauglich 
gewordene ersetzen. In Griechenland 
wurde es am bestimmten Tage 21 ) von 
der Insel Naxos gebracht. In Deutsch¬ 
land wird es an den einzelnen Orten durch 
Reibung erzeugt und in die einzelnen 
Häuser verteilt 22 ). In der Grabeskirche 
zu Jerusalem ist es Teil des Auferstehungs¬ 
feuers, da der Patriarch aus einer Luke 
am heiligen Grabe angeblich auf wunder¬ 
bare Weise entstandenes Feuer hinaus¬ 
reicht, das von den Gläubigen aufge¬ 
fangen und in ihre Häuser getragen wird 
(s. ewiges Licht). 

Im besonderen gilt Feuer als Mittel zur 
Reinigung der Seelen. Nicht so sehr als 


Strafe, wie zur Läuterung sind die von 
Vergil in der Unterwelt gesehenen Seelen 
dem reinigenden Einflüsse des Windes und 
des Feuers ausgesetzt. Die Kirche ent¬ 
wickelte daraus eine umfassende Lehre — 
die reinigende Macht des Fegefeuers — die 
vom Volke mit Enthusiasmus aufgenom¬ 
men wurde **). Das Feuer hat aber auch 
vergöttlichende Macht. Das beweist die 
Selbstverbrennung des Herakles, die ihm 
den Olympus gab. Das beweisen die 
Sagen von Demophoon, den Demeter im 
Feuer von dem Makel der Sterblichkeit 
läuterte; in ähnlicher Weise hat auch 
Thetis ihren Sohn Achilles unverwund¬ 
bar gemacht * 4 ). 

Mächtiger als die Wassertaufe ist die 
Feuertaufe. Feuer reinigt, was Wasser 
nicht reinigen kann. Bei den Indiern 
müssen irdene Gefäße zerbrochen werden, 
nachdem sie einmal durch Benützung zum 
Speisen verunreinigt sind; metallene und 
hölzerne können gereinigt werden. Ähn¬ 
liches galt von den Israeliten **). — Ur¬ 
sprünglich geschah diese Reinigung eben 
durch Feuer. 

Eine abgeschwächte Form der Reini¬ 
gung durch Feuer ist die Reinigung durch 
Räuchern welche als besonderes wirk¬ 
sames Mittel zur Vertreibung der Dämo¬ 
nen dient 26 ). 

c) Blut gilt als besonderster Saft. Bei 
schwerster Befleckung, insbesondere bei 
Befleckung durch vergossenes Blut, muß 
Blut zu Reinigung und Abwehr fließen. 
Und insofeme als Blutschuld sehr bald 
auch als Schuld erkannt wurde, ist Blut 
das Mittel, um Schuld überhaupt abzu¬ 
wehren und abzuwaschen. Dem Be¬ 
fleckten läßt der Reinigungspriester das 
Blut des Opfertieres über die Hände 
rinnen * 7 ). So berühren sich Seelenopfer 
und Reinigungsopfer aufs engste. All¬ 
mählich wird auch der Zusammenhang 
zwischen Reinigung und Opfer, bzw. 
Blutvergießen (bei den Israeliten z. B. 
war ja jedes Schlachten ein Opfer, bei 
dem das Blut für die Gottheit hingegossen 
wurde) immer unlöslicher. Blut zieht die 
Dämonen an (Odyssee) und Blut vertreibt 
sie (bei den Semiten wird die Schwelle, 
über die eine Braut in das Haus des 

Bächtold>Stäubli, Aberglaube IV 


Gatten einziehen soll, durch Blut eines da¬ 
selbst geschlachteten Schafes geweiht 28 ). 

Auf dem Umweg über das Blutopfer *•), 
dem sie entstammt, kann dann auch die 
Asche oder ein anderer Bestandteil des 
Opfers reinigende Kraft annehmen. So 
galt bei den Israeliten als gewaltigstes 
Reinigungsmittel die Asche der roten 
Kuh bzw. die junge Kuh, die getötet 
werden mußte, wenn ein Mord unentdeckt 
blieb. 

d) Das Schlagen mit der Lebensrute 
(s. d.), mit den Riemen (s. d.) aus der Haut 
besonders lebenskräftiger Tiere spielt wie 
bei anderen Völkern auch bei den Deut¬ 
schen, und hier besonders an den großen 
Lebensfesten wie Ostern, eine große 
Rolle als Mittel der Reinigung und Er¬ 
füllung mit Leben und Fruchtbarkeit. 
Bei diesen Riten, von denen die römischen 
Luperealien die bekanntesten sind 81 ), 
erkennt man am deutlichsten, wie un¬ 
auflöslich verquickt der Gedanke der 
Stärkung und Belebung mit dem der 
Reinigung ist, wie die Erfüllung mit 
guter Lebenskraft und die Vertreibung 
der bösen Macht den Menschen als zwei 
Seiten desselben Aktes erschienen 82 ). 

In dieser Weise gepeitscht wird auch 
der Pharmakos (s. Abwehrzauber) und 
ebenso auch Götterbilder in Zeiten der 
Not. Besonders von Pan 33 ) wird dies 
überliefert. An eine lästerliche und auf¬ 
rührerische Handlungsweise ist hierbei 
nicht zu denken. Vielmehr meinte man, 
das große Elend könne nur darauf zurück¬ 
geführt werden, daß eben die Gottheit 
der Lebenskraft selbst an dieser Einbuße 
erlitten habe und der Stärkung und Reini¬ 
gung bedürfe, die man ihr in analoger 
Weise wie bei menschlichen Leiden zuteil 
werden läßt. 

Hier sei eingefügt, daß überhaupt der 
Primitive den Gedanken der Unbefleck- 
barkeit der Götter nicht gekannt hat. 
Ebenso wie die Nerthus nach ihrem Um¬ 
zuge durch das Land eines reinigenden 
Bades bedurfte, ebenso hatten fast alle 
anderen Gottheiten, insbesondere die weib¬ 
lichen, ihre regelmäßigen Reinigungsfeste. 
Im ägyptischen Kulte war die Reinigung 
des Gottesbildes mit Wasserspenden und 

35 


Kathartik 


Kathartik 


1094 


1091 


1092 


Räucherungen der Auftakt des regel¬ 
mäßigen täglichen Kultes. 

Reinigend wirkt dabei nicht nur das 
Schlagen, sondern auch die Pflanze (s. d.) 
und der Riemen selbst. Im griechisch- 
römischen Gebiete wird diese Kraft be¬ 
sonders Myrthe und Lorbeer zugeschrie¬ 
ben, auf israelitischem dem Ysop, im 
deutschen Volksbrauch u. a. der Zwiebel, 
die die bösen Einflüsse aufsaugt, wenn 
sie auch nur im Zimmer aufgehängt ist 34 ). 

e) In Rußland gilt heiliger Umgang 
an heiliger Stätte als reinigend 35 ). Auch 
an den griechischen Amphidromien wurde 
das Neugeborene um den flammenden 
Herd getragen M ), zum Teil sicher als 
Zeichen seiner Aufnahme in die Haus¬ 
gemeinschaft, zum Teil aber auch, um 
ihn der Segensmacht des heiligen Ortes 
teilhaftig werden zu lassen. Ist die 
Aufnahme in die Hausgemeinschaft als 
solche ja schon an sich ein Losmachen 
des Kindes aus der Zugehörigkeit zum 
Seelenreiche (s. Kind). Auch bei den 
Kopten ist das Tragen des Kindes um 
den Altar ein Teil der Taufriten. Die 
deutsche Wöchnerin umwandelt die Kirche 
bei ihrer Aussegnung 37 ). Deshalb ist 
Knuchel 38 ) wohl insofern recht zu geben, 
daß nicht der Beginn der Reinigungs¬ 
zeremonien dieses Umwandeln sei, nicht 
aber verliert es damit seinen katharti- 
schen Charakter. Vielmehr aber könnte 
man gerade bei den Amphidromien fragen, 
ob nicht hier ein abgeschwächter Feuer¬ 
ritus vorliege. 

f) Bei den Mazedoniern soll alljähr¬ 
lich die Reinigung des Heeres in der 
Weise durchgeführt worden sein, daß es 
in fester Ordnung und in voller Bewaff¬ 
nung zwischen den entzweigeschnittenen 
Stücken eines H u n d e s hindurchgeführt 
wurde 39 ) (2, 498t.). Ähnliches wird von 
den Böotiern überliefert 40 ). Auch in der 
Vision des Abraham **) taucht dieses 
Motiv von den zerschnittenen Opfer¬ 
tieren auf. Liebrecht **) meint nun, wahr¬ 
scheinlich mit Recht, daß dies Hindurch¬ 
schreiten auch der Rasengang, das Krie¬ 
chen durch hohle Steine und ähnliche 
Zeremonien, wie sie z. B. mit der Bluts¬ 
brüderschaft (s. d.) verbunden waren. 


zusammengehörten und einen Reinigungs¬ 
ritus bildeten, der ein notwendiger Teil 
jeder Bundesschließung gewesen sei. Da¬ 
für spräche auch, daß gerade Abrahams 
Vision im Zusammenhänge mit dem 
künftigen Bunde statthatte. 

Das Tier wirkt hier offenbar als Phar- 
makos; das Durchschreiten ist die Ab¬ 
schwächung eines ursprünglichen Durch¬ 
schlüpfens. Dieses in ein Tier Eingehen 
in der Form des Eingehülltseins in eine 
Tierhaut und des Herausgehens aus der¬ 
selben, ist auch ein Teil des großen Sed- 
Mysteriums Ägyptens, bei dem der Iachu, 
der Leuchtende, in der Tierhaut seine 
Wiedergeburt erlebte. 

g) Dieses Durchschreiten und Durch¬ 
schlüpfen ist einer der verbreitetsten Ri¬ 
ten, insbesondere auch auf deutschem 
Gebiete, zur Abwehr von Krankheiten 
(s. Durchkriechen, Durchziehen). Man 
zwängt sich zwischen eng aneinander¬ 
stehenden Bäumen, zwischen Felsen und 
Steinen durch; manchmal auch zwischen 
Stühlen, Leitern oder anderen häuslichen 
Gerätschaften. Man glaubt die Heil¬ 
wirkung hierbei durch Abstreifung des 
an der Haut haftenden Dämons 43 ) oder 
der ebenso haftend gedachten bösen 
Macht herbeizuführen; sicher aber spielt 
auch der Gedanke mit, daß der Baum 
oder heilige Felsen (denn meist sind es 
ganz bestimmte Örtlichkeiten, die dazu 
geeignet oder bestimmt sind) von seiner 
Kraft dem Durchschlüpfenden mitzu- 
teüen habe. Denn bisweüen tritt die 
Heilung nur ein, wenn der zum Zwecke 
des Durchschlüpfens zerspaltene Baum 
sich als kräftig genug erweist, um wieder 
zusammenzuwachsen u ). Eine andere 
Wendung für die nur bedingte Wirk¬ 
samkeit dieses Durchschlüpfens ist, daß 
nur besonders Begnadeten es überhaupt 
möglich ist. So ging von zwei Säulen im 
Tempel zu Jerusalem die Sage, daß der 
ins Paradies komme, der sich durch sie 
durchzuschmiegen vermöge — aber nur 
der Gerechte vermochte sich durch ein 
besonderes Wunder hindurchzupressen. 

Nicht nur physische Unreinheit, son¬ 
dern auch moralischer Fehler — soweit 
primitive Zeiten hier überhaupt einen 






1 






1093 

Unterschied kennen — konnte durch 
dieses Mittel abgestreift werden. Wenn 
ein Dorfbursche durch Lösung eines 
Liebesverhältnisses sich den Tadel seiner 
Genossen zugezogen hat, kann er sich 
reinigen, indem er sich durch einen Korb 
ohne Boden durchschmiegt 45 ). 

In Indien schreiten die von dem Ver¬ 
brennungsplatze zurückkehrenden Ver¬ 
wandten des Toten durch ein aus Ästen 
zusammengebundenes Joch, wobei der 
letzte die Äste auseinanderwirft **). Frazer 
machte darauf aufmerksam, daß dieser 
Brauch sich aufs engste mit dem berühm¬ 
ten sub jugum mittere berührte, mit dem 
die Römer besiegte und begnadigte Feinde 
entließen 47 ). Er scheint aber nicht auf 
die Römer beschränkt gewesen 48 ) und 
sogar von Parthem einmal gegen Römer 
angewendet worden zu sein 49 ). Hier¬ 
durch sollen die den Kriegern anhaftenden 
Seelen der erschlagenen Feinde abge¬ 
streift werden — es wird ihnen damit 
volle Freiheit und auch magische Straf¬ 
losigkeit gesichert *°). Damit stehe in 
Zusammenhang, daß auch die römischen 
Truppen selbst nur durch ein besonderes 
Tor, die porta triumphalis, in Rom ein¬ 
ziehen durften, was offenbar eine lustratio 
war 51 ). Auch das Alte Testament kennt 
das Gebot der Reinigung für die vom 
Kriege Heimkehrenden 52 ). Außerdem tra¬ 
gen die Soldaten 63 ) zu diesem Behufe bei 
den Römern noch Lorbeerkränze. „Lau- 
reati milites sequebantur currum trium- 
phantis, ut quasi purgati ab caede hu- 
mana intrarent Urbem“ M ). 

h) Es wird alle Unreinheit auf ein ein¬ 
zelnes Wesen übertragen (Pharmakos- 
Gedanke) und dieses dann so vertügt, 
daß auch die Unreinheit damit verschwin¬ 
det (s. Abwehrzauber). 

i) Dem Dämon gegenüber erweist sich 
K. durch Wort, Spruch oder Segen be¬ 
sonders wirksam 55 ). Wer den Namen des 
Dämons kennt und ihn anzuwenden 
versteht, vor dem muß er weichen 
(Rumpelstilzchen-Motiv). Auf animisti- 
scher Stufe ist der Wort-Zauber der 
mächtigste Abwehrzauber. 

Für den Wortzauber aber güt wie für 
alle anderen kathartischen Mittel, daß 


er nicht vereinzelt angewendet wird, 
sondern meist in Verbindung mit Weih¬ 
wasser, Feuer, Räucherung u. a. Auf der 
anderen Seite wird aber auch Wasser¬ 
oder Feuer-K. selten ohne weihenden 
Spruch oder Bann vorgenommen, wenn 
auch freüich diese Häufung gerade beim 
Wasser- oder Feuerritus nicht notwendig 
ist M ). Im Gegenteil dient gerade beim 
Wasserritus manchmal die Regel des 
heüigen Schweigens zur Unterstützung der 
Wunderwirkung des reinen Elementes als 
gefordert. 


7 ) Sartori Sitte 3, 9. ®) Eitrem Beiträge 

zur griechischen Religionsgeschichte II. Kathar- 
tisches und Rituelles , Videnskapsselskabets 
Skrifter Christiania Histor. fil. Kl. (1917). 
•) Nilsson Primitive Religion 34 f.; Wundt 
Mythus u. Religion 1, 583; 3, 560; 4, 409; 
Helm Religgesch. 1, 52 ff.; Storfer Jung¬ 
fräuliche Mutterschaft 196; Frazer Totemism 
4» 363; Agrippa von Nettesheim 3, 328fr; 
Cumont Orientalische Religionen 253 (48}; 
Beth Religionsgeschichte 85 f. 10 ) Schwebet 
Leben nach dem Tod 248. u ) Frazer Belief 
in Immortality. ia ) Rohde Psyche 2, 405. 
13 ) O. Gruppe Handbuch der klassischen Alter¬ 
tumswissenschaft, Griechische Mythologie und 
Religionsgeschichte 2, 889. 14 ) Pfannen- 


schmid Weihwasser 205 


16 


) Augustin 


Bekenntnisse Kap. 17. l< ) Wuttke pass.; 

Lütolf Sagen 256. 17 ) Tylor Cultur 2, 435; 

ZdVfV. 18 (1908), 368. 18 ) Festus 3, 1; ZdVfV. 
20 (1910), 151. 12 ) ZdVfV. 18 (1908), 123. *°) 
Quitzmann Baiwaren 271. * l ) Philostratos 
Heroica 1. 22 ) Briffault The Mothers 3, 4fr 
23 ) Ranke Volkssagen 45. * 4 ) O. Gruppe 

Griechische Mythologie 892 f., s. a. Register s. v. 
Feuer. l5 ) Lev. n, 32 ff. 2< ) Gruppe Griechin 
sehe Mythologie 892. 27 ) Rohde Psyche 2, 
76 ff.; Höfler Organotherapie 42 f. M ) Frazer 
Old Testament. 28 ) Stengel Opfer gebrauche 


236. 230. *°) Num. 19; Deut. 21, 6 ff. 




) 


Ovid Fasti II 410; Liebrecht Volkskunde 
395; Nork Festkalender 141; ZdVfV. 15 (1905), 
316. 32 ) Frazer 6, 169 ff. 267 ff. Ebd. 

6, 256. M ) Wuttke 308 § 488. 85 ) ARw. 9, 

452. 3# ) Schol. Aristoph. Lystistr. 757; ZdVfV. 
4 (1894), 146. 37 ) Knuchel 9. M ) Ebd. 

4L ") ARw. 7, 301; ZdVfV. 20 (1910), 152. 

Plutarch Quaest. Rom. in; Liebrecht 
Volkskunde 350; ZdVfV. 20 (1910)» 153. 41 ) 
Gen. 15, 17. 18. 42 ) ZdVfV. 20 (1910), 154. 

**) Frazer 261 ff. 44 ) Wuttke § 503. tf ) R. 
Hofschläger Über den Ursprung der Heil¬ 
methoden 213; Montanus Die deutschen Volks¬ 
feste (1854) 82. 4# ) Journal of the Anthro- 

pological Institute 15, 80; ZdVfV. 20 (1910), 
157. 47 ) Livius 3, 28; 9, 6; 15, 10; 10, 

36. w ) RhM. 25, 59. 49 ) Tacitus Annalen 

15» J 5 - M ) Frazer 1, 331. * l ) W. Ward© 


1095 


üatnartiic 


1096 


Fowler Die Anthropologie und die Klassiker 
205. 223; NJb. 14, 324 ff. 62 ) Num. 31, 19 f.; 
Schwally Semitische Kriegsaltertümer 1, 66ff. 
106 ff.; Smith Lectures on the Religion of the 
Semites 2 491. 63 ) Domaszewski Römische 

Religion i6ff. M ) Festus 117, 13. M ) Knuchel 
9; Abt Apuleius pass. M ) ARw. 16, 127; 
Rohde Psyche 2, 436. 

3. Unreinheit entsteht entweder aus 
einem Herantreten äußerer Mächte oder 
aus der natürlichen Funktion des mensch¬ 
lichen Körpers. 

Im ersteren Falle ergibt sie sich aus 
dem Betreten eines an sich unreinen 
Ortes, aus der Berührung mit einem un¬ 
reinen Menschen aus dem Genuß einer 
unreinen Speise, aus dem Überfallen¬ 
werden von einem unreinen Dämon, auch 
aus dem Verüben einer verunreinigenden 
Tat, insbesondere einer Bluttat, die Dä¬ 
monen entfesselt und so verunreinigend 
wirkt. 

Viel rätselhafter ist die Anschauung 
aber, daß, nach unseren Begriffen ganz 
natürliche und notwendige, keineswegs 
krankhafte Funktionen des menschlichen 
Körpers als so gefährlich für den Träger 
wie als noch gefährlicher und ansteckender 
für die Umgebung betrachtet werden 
konnten. 

a) Insbesondere um die Menstruation 
hat sich ein Kranz von abergläubischen 
Vorstellungen gereiht, welche für die 
Entwicklung der Geschichte der Mensch¬ 
heit die größte Bedeutung gewannen 6? ). 
Dabei war keineswegs klar, aus welchem 
Grunde diese Funktion als so gefährlich 
betrachtet wurde. Denn die Scheu vor 
dem Blute galt nicht zu jener Zeit und 
für jene Kultur stufe, bei welcher dieser 
Aberglaube schon hoch entwickelt war. 
Auch daß die Dämonen dadurch angezogen 
würden, konnte damals nicht Erklärungs¬ 
grund sein — denn man wußte noch nichts 
von Dämonen. Noch weniger wurde 
ätiologisch ein böses Wesen etwa als 
Verursacher angesehen; vielmehr war es 
der Herr der Frauen, der Mond, auf 
dessen Einfluß diese monatliche Erschei¬ 
nung zurückgeführt wurde. Ebenso ver¬ 
sagt Briffaults rationalistische Erklärung, 
wonach die Frauen bewußten Schwindel 
damit getrieben hätten, um sich den 


Ansprüchen der Männer zu entziehen. 
Denn die Verbote sind am drückendsten 
für die Frauen selbst. Mag auch ursprüng¬ 
lich die Notwendigkeit zur Zeit der Men¬ 
struation die Hütte und das Lager zu 
verlassen und in der Wildnis zu hausen, 
für die primitive Frau nichts Unangeneh¬ 
mes gehabt haben — oder wenigstens 
nicht so schlimm empfunden worden sein 
wie später — so gab es doch genug 
Praktiken, wie die, daß sie nicht einmal 
ihr eigenes Essen haben, nicht einmal sich 
selbst kratzen durfte, die große Beschwer¬ 
den bedeuteten. 

Im modernen Aberglauben Europas 
haben sich diese Restriktionen abge¬ 
schwächt. Es blieb aber die Vorstellung, 
daß die menstruierende Frau durch ihre 
Berührung Pflanzen zum Verwelken 
bringe; die Vorschrift, daß sie zum Kon¬ 
servieren bestimmte Früchte nicht be¬ 
rühren dürfe, weil von ihr ein widriger 
Einfluß ausgehe — und insbesondere 
drängte die Kirche auf Unterlassen des 
Geschlechtsverkehrs in dieser Zeit M ). 

b) Dieselbe abergläubische Scheu galt 
einst in verstärktem Maße der Kind¬ 
betterin. Auch sie mußte einst Haus und 
Dorf verlassen; in abgeschwächtem Maße 
zeigt sich diese Vorstellung noch in der 
Unreinheit, die sich jeder zuzieht, der 
ihr Lager oder Gegenstände berührt, die 
sie benützt hatte 59 ). Zu ihrer Reinigung 
war außer einem Bad ®°) (das auch die 
Menstruierende zu ihrer Reinigung nehmen 
mußte) und Räucherung meist noch eine 
kultische Feier nötig. Nach alttestamen¬ 
tarischem Brauche war die gebärende 
Mutter nach der Geburt eines Sohnes 
40 Tage unrein; nach der Geburt einer 
Tochter die doppelte Zeit. Sie mußte sich 
zum Abschluß der Reinigungszeremonien 
nach dem Tempel begeben und dort ein 
Reinigungsopfer von jungen Tauben dar¬ 
bringen. Dieser Brauch wurde von der 
Kirche übernommen. Die Sechswöch¬ 
nerin muß sich in die Kirche begeben, wo 
sie vom Priester feierlich gesegnet wird 
(„Aussegnung“ als Wiederaufnahme in 
die Gemeinschaft, aus der sie durch die 
Geburt vorübergehend geschieden war) 81 ). 

In deutschem Aberglauben spiegelt 


1097 


Kathartik 


IO98 



sich die Unreinheit der Wöchnerin (s. d.) 
nicht nur in ihrer Anfälligkeit gegen 
Dämonen und Zauber, sondern auch 
darin, daß jede Arbeit, die sie verrichtet, 
zum Unheil ausschlägt, der Brunnen, aus 
dem sie schöpft, versiegt u. a. m., ja, daß 
sie sich nicht einmal die Haare machen 
soll, eine Analogie zu den primitiven 
Bräuchen, nach welchen sich Frauen 
in solcher Lage nicht einmal kratzen 
dürfen. 

c) Stärker noch als die durch Kind¬ 
bett verbreitete Unreinheit blieb in 
Deutschland die verunreinigende Wir¬ 
kung eines Todesfälle s bewußt und die 
einer Leiche (s. Tod und Leiche). Wenn 
dem römischen Flamen Dialis die Gattin 
starb, mußte er sein Amt aufgeben 62 ) 
(allerdings vermutet Briffault, daß die 
Flaminica die eigentliche Trägerin des 
Amtes war, der flamen nur adlatus und 
wie jeder Prinzgemahl mit dem Tode 
der Herrscherin seinen Rang verlor). 
Priester dürfen mit Leichen nicht in 
Verbindung kommen 63 ). Ein mit einer 
Leiche beschäftigter wird unrein und 
bleibt es auch durch längere Zeit. Bei 
den Narewebi dürfen die Leichenwäscher 
durch mehrere Tage den Raum nicht 
verlassen, wo sie die Leiche gewaschen 
haben und müssen täglich ein Bad 
nehmen 64 ). Bei den Indiern wird in 
ähnlicher Reinigung das Bad am 10. Tage 
genommen 63 ). Bei den Huzulen bedürfen 
sogar die Zimmerleute, welche den Sarg 
gezimmert haben, der Reinigung und 
ebenso jene, welche das Grab mit Erde 
vollgefüllt 68 ). Wer eine Leiche ange¬ 
kleidet hat, muß sich die Hände mit Salz 
reiben, sonst vergehen sie ihm 67 ) (auch 
Natron und ähnliche Minerale gelten 
als von reinigender Kraft). Hinter dem 
Toten muß die Stube ausgefegt werden — 
und zwar, nachdem Salz aufgestreut 
wurde — und Kehricht und Besen, welch 
letzterer die Unreinheit angezogen hat, 
müssen auf den Kirchhof geworfen wer¬ 
den; diese Prozedur soll möglichst ein 
Waisenkind vollziehen, weil dieses am 
wenigsten gegen Dämonen anfällig ist 
(s. Waise). 

d) Verunreinigend ist auch geschlecht¬ 


licher Verkehr. Er macht den näheren 
Kontakt mit der Gottheit unmöglich, 
während die sexuelle Reinheit, sei sie nun 
dauernd oder wenigstens zeitweilig, das 
Göttliche geradezu anzieht 68 ). 

Die Erklärung dieser Vorstellung ist 
umso schwieriger, als bei sehr vielen 
primitiven Kulten und magischen Riten 
eine heilige Hochzeit oder sogar orgi- 
astische Panmixie das Zentrum der Feier 
bildeten. Man könnte hier darauf ver¬ 
weisen, daß eben deshalb, weil bei diesen 
Feiern die Vereinigung mit dem himm¬ 
lischen Partner vor sich geht, diesem 
nicht kurz vorher ein menschlicher Rivale 
darf vorgezogen worden sein. Doch bleibt 
noch die davon ganz unabhängige Tat¬ 
sache zu erklären, daß jeder einzelne 
Geschlechtsverkehr als verunreinigend 
durch eine bestimmte Zeit angesehen 
wird. 

Im Aberglauben spielt das unschuldige 
Kind eine bedeutsame Rolle (s. keusch). 
Es webt das Nothemd (s. d.), junge 
Kinder sind besondere Glücksbringer 69 ), 
sie werden als Interpreten des Volkes in 
allgemeinen Nöten verwendet 70 ), ähnlich 
wie die Omaha die kleinen unschuldigen 
Kinder zu wakonda schicken 71 ). 

e) Unrein und verunreinigend sind auch 
die Exkremente. Die Vorschrift, das 
Lager durch sie nicht zu verunreinigen 7a ), 
gilt auch heute noch in Indien. Bei den 
Dschagga behaupten die Männer, daß 
sie durch die Initiationsriten dieser Not¬ 
wendigkeit überhoben wurden. Die 
Verunreinigung durch Exkremente ver¬ 
treibt die hilfreichen Geister (s. Zwerg), 
bannt aber auch die bösen, weshalb sie 
im Haussegen verwendet wird (s. Haus¬ 
bau). 

57 ) Robert Briffault The Mothers pass. 
68 ) Ebd. 2, 396 f. *•) Lev. 12, 1 ff. ®°) Lev. 
15, 19 ff.: die rabbinische Tradition hat die 
„Waschung" des Alten Testaments als Unter¬ 
tauchen in fließendem Wasser interpretiert. 
61 ) Samter Geburt pass.; Lammert 1460. 173; 
vgl. T. Pennant A Tour in Scotland 226. 
® 2 ) R. Briffault The Mothers 3, 19 ff. ® 3 ) Lev. 
21. 1 f. ®®) ZdVfV. 18 (1908), 358. •*) Ebd. 371. 
®®) Ebd. 368. ® 7 ) Wuttke434 § 734. •*) Fehrle 
Keuschheit 26f. •*) Krauß Sitte pass. 70 ) Eisei 
Voigtland 286 Nr. 714. 7l ) Beth Religion und 
Magie 2 237; Alice Fletcher The Omaha 




1099 


katholisch—Katoptromantie 


1100 


Tribe Animal Report of the Bureau of 

Amer. Ethnol.). 

5. Manche der Riten müssen nach 
dem Gebote des Augenblickes durch¬ 
geführt werden. Andere, die General¬ 
reinigungen des ganzen Volkes, werden 
mit Vorliebe auf bestimmte Tage, z. B. 
den sogenannten Versöhnungstag 72 ) oder 
bestimmte Zeiten verschoben 73 ). In 
Deutschland sammeln sich diese Reini¬ 
gungsbräuche um die Feste des Winter¬ 
austreibens 74 ), auch um die Fastnachts¬ 
bräuche 75 ), die dann in die Karfreitags- 
feiem und die Osterheiligung übergehen. 

Ist nämlich K. Magie 76 ), so ist sie doch 
zugleich auch Heiligung. Reinigung und 
Heiligung sind zwei Seiten derselben 
Handlung, die nach primitiver Anschau¬ 
ung imtrennbar verbunden sind. 

7 *) Lev. 16. 73 ) Sam t er Religion der Griechen 
56 ff. 74 ) Frazer 6, 404 ff. 76 ) Ebd. 6, 3130. 
74 ) Reinfried Buchari 16 ff. K. Beth. 

katholisch s. Konfession. 

Katoptromantie. Wahrsagung ver¬ 
mittelst eines Spiegels (xatouTpov). Die 
Bezeichnung ist für das Altertum nicht 
belegt, sie tritt erst im 16. Jh. zur Zeit 
der Hochblüte der Divinationsliteratur 
auf, erstmalig vermutlich bei Cardanus 1 ). 
Die Verwendung von Spiegeln für Zwecke 
der Zukunftserkundung ist für die Antike 
zwar bezeugt, spielt aber gegenüber 
den Methoden, die mit der spiegelnden 
Oberfläche des Wassers arbeiteten, eine 
untergeordnete Rolle (s. Gastromantie, 
Hydromantie, Lekanomantie). Bei dem 
frühesten antiken Zeugnis (2. Jh. n. Chr.) 2 ) 
handelt es sich um ein wirkliches, mit 
dem Kult einer chthonischen Gottheit 
zusammenhängendes Orakel: In Patrai 
(Achaia) befand sich vor dem Tempel 
der Demeter eine Quelle. In sie ließ 
man, um die Genesungsaussichten eines 
Kranken festzustellen, an einer dünnen 
Schnur einen Spiegel bis zur Oberfläche 
des Wassers hinab. Nach Gebet und 
Rauchopfer an die Göttin blickte man 
dann in den Spiegel und sah darin das 
Bild des Patienten als Toten oder Leben¬ 
digen. Es handelte sich also um eine 
Verbindung von Hydromantie und K., 
Wasserspiegel und künstlicher Spiegel 


sind das Medium für die Weissagegabe 
der Erdmutter. Dies Orakel wurde 
ausschließlich in Krankheitsfällen be¬ 
fragt. Ein weiteres Zeugnis berichtet 
von dem Kaiser Didius Julianus (193 
n. Chr.), er habe sich durch seine Zauberer 
aus einem Spiegel wahrsagen lassen; 
das Medium, ein Knabe, dem die Augen 
verbunden und über den Zauberformeln 
gesprochen waren, sagte den Tod des 
Kaisers und die Nachfolge des Septimius 
Severus voraus 3 ). Die Quelle, aus der 
diese Nachricht stammt, ist wenig zu¬ 
verlässig und die magische Erkundung 
des Nachfolgers ein beliebtes Motiv der 
späteren Kaisergeschichte. Immerhin 
bezeugt sie wenigstens für die Zeit des 
Verfassers, die freilich strittig ist, das 
Vorhandensein der K., die zwar aus¬ 
drücklich als etwas Unrömisches, aber 
doch nicht Unerhörtes bezeichnet wird 4 ). 
Auch ein griechischer Schriftsteller des 
5- Jh.s n. Chr. spricht einmal allgemein 
von magischen Künsten, mit denen Er¬ 
scheinungen in Spiegeln hervorgerufen 
werden 6 ). Völlig unglaubwürdig ist 
die im Mittelalter auftauchende Nach¬ 
richt, Pythagoras habe aus einem auf 
den Mond gerichteten Hohlspiegel ge¬ 
wahrsagt, auf dessen Fläche er Zauber¬ 
charaktere mit Menschenblut geschrieben 
habe 6 ). Der Spärlichkeit der positiven 
Belege für antike K. entspricht ihr 
völliges Fehlen in den Zauberpapyri, 
in denen anderseits Rezepte für hydro- 
und lekanomantische Handlungen mehr¬ 
fach Vorkommen. Wenn Pythagoras, 
der in der Antike und im Mittelalter 
so oft als Schüler indischer, persischer 
und ägyptischer Magier bezeichnet wird, 
mit der K., wie auch mit der Hydromantie 
(s. d.), in Verbindung gebracht wurde 7 ), 
so deutet dies zweifellos darauf hin, daß 
man sie als eine aus dem Orient über¬ 
nommene Kunst ansah. In Indien war 
in der Tat die Spiegelwahrsagung seit 
alters im Schwange. Auch dort bediente 
man sich dabei eines Mediums, und zwar 
eines noch nicht mannbaren Mädchens. 
In den kanonischen Schriften wird diese 
Divination als „Spiegel“- oder „Mädchen¬ 
befragung“ bezeichnet; man erklärte sie 


IIOI 


Katoptromantie 


1102 


durch das Herabsteigen einer Gottheit 
in den Spiegel oder in den Körper des 
Mädchens 8 ). Für die Magie der Völker 
des alten Vorderasiens scheinen Zeug¬ 
nisse zur K. nicht vorzuliegen, was jedoch 
nicht unbedingt für Nichtvorhandensein 
zu sprechen braucht; die mit der K. 
so eng verwandten Künste der Hydro- 
und Lekanomantie waren ihnen durch¬ 
aus bekannt. 

Was die K. im Mittelalter und in 
den folgenden Jahrhunderten be¬ 
trifft, so soll sich die folgende Darstellung 
auf einige besonders wichtige Zeugnisse 
älteren Vorkommens beschränken, da die 
neuere Spiegel Wahrsagung, zumal die noch 
heute oder bis in die jüngste Vergangen¬ 
heit geübten Formen, später unter dem 
Stichwort „Spiegel“ behandelt werden. 
Wollte man nur die Stellen heranziehen, 
in denen die K. namentlich aufgeführt 
und beschrieben wird, so wäre die Aus¬ 
beute ziemlich kärglich. Denn nicht 
selten begnügen sich die Theoretiker der 
Divinationsliteratur mit einer Wieder¬ 
holung der wichtigsten antiken Zeug¬ 
nisse und stellen die Verbindung mit 
ihrer Gegenwart höchstens dadurch her, 
daß sie die Erscheinungen im Spiegel 
auf die Einwirkungen des Teufels zurück¬ 
führen 9 ). Meist wird die K. in enger 
Verbindung mit der ihr nahe verwandten 
Krystallomantie (s. d.) behandelt. Bis¬ 
weilen werden eigene Erlebnisse der 
Autoren beschrieben oder wenigstens an¬ 
gedeutet, aus denen hervorgeht, daß die 
K. auch zu ihrer Zeit geübt wurde 10 ). 

Tatsächlich war die Spiegelwahrsagung 
im Mittelalter zweifellos stärker ver¬ 
breitet und zeremoniöser ausgestaltet als 
im Altertum. Das beweist vor allem 
die Polemik der Kirche, die gegen diese 
aus dem Altertum übernommene und 
durch orientalische Einflüsse 11 ) befruch¬ 
tete Weissageform zu kämpfen hatte, 
längst bevor die Gelehrsamkeit des 16. Jh.s 
den antik klingenden Namen K. er¬ 
fand 12 ). Johann von Salisbury (f um 
1180) faßt unter den „specularii“ alle 
die zusammen, die aus blanken Gegen¬ 
ständen: Schwertern, Schalen, Bechern 
und Spiegeln aller Art, wahrsagen, und 


verweist auf die Becherwahrsagung Josephs 
(1. Mos. 44, 5). Ferner berichtet er, 
daß er als Knabe zusammen mit einem 
Kameraden von einem Priester bei der 
Wahrsagung aus einer spiegelnden Schale 
als Medium verwendet worden sei; er 
selbst habe keinerlei Wahrnehmung dabei 
gemacht, dagegen habe sein Gefährte 
angeblich unklare Bilder gesehen 13 ). Sehr 
wertvoll ist, besonders wegen der ge¬ 
nauen Beschreibung des Zeremoniells, 
die Behandlung der Spiegelwahrsagung 
in Johann Hartliebs Buch aller ver¬ 
boten Kunst (1456) l4 ). Auch dieser 
Autor kennt die Bezeichnung K. nicht, 
sondern behandelt diese Wahrsageform 
sonderbarerweise im Zusammenhang mit 
der Pyromantie, während der Anschluß 
an die Hydromantie der gegebene wäre 16 ). 
Nach Hartlieb verwendet man entweder 
einen Stahlspiegel oder auch einen ge¬ 
wöhnlichen Spiegel. Der Spiegel ist am 
Rand mit Charakteren und Geheim¬ 
bildern versehen. Die Wahrsagehandlung 
geschieht durch einen „Meister“ mit 
Beihilfe eines Knabenmediums 16 ); doch 
kann man angeblich auch solche Spiegel 
hersteilen, aus denen jedermann ohne 
solche Vermittlung die Zukunft erschauen 
kann, nachdem man vorher gebeichtet 
hat (Kap. 86). An die Stelle des Spiegels 
kann auch ein blankes Schwert treten. 
Wenn man sich über kriegerische An¬ 
gelegenheiten wahrsagen läßt „sol das 
swert sein, das vil lüt darmitt ertödt 
sein, so körnen die gaist dester ee vnd 
pelder“. Handelt es sich um „lust vnd 
fräden, kunst erfinden oder schätz zu 
graben, so sol das swert rain vnd vnuer- 
mailigt (= unbefleckt) sein, jch waiss 
selbs ain grossen fürsten, wer dem pringt 
ain altes häher swert, der hat jn hochgeert“ 
(Kap. 88) 17 ). Auch Priester betrieben 
diese Kunst (vgl. oben das Zeugnis 
Johanns von Salisbury) und verwendeten 
als Spiegel die Patene, „daruff man gott 
jn der mess handelt vnd wanndelt“. 
Sie „ließen die kind darynn sehen vnd 
hetten glauben, das allain die hailigen 
engel darynn erscheinen möchten vnd 
chain tewfel“ (Kap. 94). Die hier nur 
in den Hauptzügen wiedergegebene aus- 


U0 3 


Katoptromantie 


1104 


führliche Schilderung Hartliebs beruht 
sicher zum großen Teil auf persönlicher 
Kenntnis; das bezeugen die wiederholten 
Beziehungen auf den Aberglauben großer 
Herren und die bewegten Klagen über 
die Verblendung der Leute. Offenbar 
also war die K. zur Zeit Hartliebs, der 
1468 als bayrischer Hofarzt starb, sehr 
verbreitet. 

Während es sich, soweit die spärlichen 
Zeugnisse einen Schluß erlauben, bei der 
antiken K. um wirkliche Weissagung, 
d. h. Kündung der Zukunft handelt, 
dient der Zauberspiegel des Mittelalters 
überhaupt zur Offenbarung des Verborge¬ 
nen 18 ); er weist, wie die Wünschelrute, 
verlorene Gegenstände und verborgene 
Schätze 19 ), er entdeckt Diebe 20 ) t er 
macht, wie ein Fernsehapparat, entfernte 
Personen, Plätze und Vorgänge sicht¬ 
bar 21 ) und ist der Ort, in dem beschworene 
Geister erscheinen 22 ). Er gehört deshalb 
auch zum unerläßlichen Handwerkzeug 
der Zauberer 23 ). 

Auf die zahlreichen volkstümlichen 
Vorschriften für die Anfertigung eines 
Zauber- oder Erdspiegels sowie auf die 
vorhandenen Exemplare von Zauber¬ 
spiegeln soll hier nicht eingegangen wer¬ 
den 24 ), vgl. dafür den Artikel „Spiegel“. 
Durchaus astrologisch bestimmt sind die 
sehr ausführlichen Anweisungen des Pa¬ 
racelsus für die Herstellung von Zauber¬ 
spiegeln aus genau dosierten Mischungen 
der den einzelnen Planeten zugeteilten 
Metalle »). 

Neben die kirchlichen, in den Volks¬ 
glauben eingedrungenen, z. T. wohl auch 
auf ihm beruhenden Deutungen der 
Phänomene bei der K. und ihre astro¬ 
logische Begründung tritt in neuester 
Zeit die psychologische Interpretation, 
die die tatsächlich vorkommenden Hallu¬ 
zinationen auf Suggestion und Hypnose 
zurückführt; auch die Psychoanalyse hat 
sich der K. bemächtigt. Im modernen 
Okkultismus spielt sie eine nicht un¬ 
bedeutende Rolle 26 ). 

x ) Cardanus Opera 1 (1663), 564. 2 ) Pau- 
sanias VII 2i # 12. 8 ) Spartianus Vita Didii 
Juliani 7, 10 ( Scriptores Historiae Augustae ed. 
Peter 133). 4 ) . . . ea, quae ad speculum dicunt 


fieri ... Julianus fecit. Ganz ähnlich soll Katha¬ 
rina von Medici durch einen Magier (Nostrada- 
mus?) den Zauberspiegel über die zukünftigen 
Regenten Frankreichs befragt haben: Kiese¬ 
wetter Faust 462. 8 ) Proklos Comment. 

Plato Rep . 431, ed. Kroll 1, 290. Zur antiken 
K. vgl. Ganschienietz bei Pauly-Wissowa 
n, 27; Hopfner Offenbarungszauber 2 § 272; 
Abt Apuleius 176; Stemplinger Antiker 
Abergl. 55; Bouch£-Leclerq Hist, de la div. 
1, 185; Dornseiff Alphabet 2 20. 171. 6 ) Delrio 
Disquis. magicae lib. 4, c. 2, qu. 6, sect. 4 
Opera 2 (1603), 169: Caelius Rhodiginus 
Lectiones antiquae (1517) 533; Bulengerus 
Opusc. (1621) 200; Naude Apologie (1679) 172. 
Die Unmöglichkeit des Experiments erweist 
Campanella De sensu rerum (1620) 331. Es 
handelt sich um eine absichtliche oder fahr¬ 
lässige Mißdeutung der Notiz bei Suidas (s. v. 
BerraXT) Y’jvVj); Schol. in Aristoph. Nubes 752, 
wo ein „Kunststück des Pythagoras" (fMayrfpo'j 
Trodyviov) beschrieben wird: Man schreibt mit 
Blut Worte auf einen Rundspiegel und stellt 
diesen so auf, daß er die Scheibe des Voll¬ 
mondes ganz wiederspiegelt. Dann erscheinen 
die Schriftzüge auf dem Spiegelbild des Mondes. 
Das Vorkommen des Pythagoras in „Mond- 
wahrsagebüehern", einer besonderen Form der 
Losbücher, hat mit jener Behauptung nichts zu 
tun, s. Vian Ein Mondwahr sagebuch (Halle 1910) 
59 f. Sollte eine Erinnerung daran vorliegen, 
daß die Pythagoreer in ihrer Kosmologie den 
Mond mit einem Spiegel verglichen ? Vgl. 
Zeller Philos. d. Griechen 1, 425 Anm. 1; 
Eisler Weltenmantel 2, 657. 687. Ein Spiegel¬ 
wahrsager unter Franz I. von Frankreich setzte 
gleichfalls seinen Spiegel dem Schein des Mondes 
aus: Grillot de Givry he musie des sorciers 
(Paris 1929) 336. Buchstaben mit Blut auf 
einen „Erdspiegel" geschrieben: Wackernagel 
Kleine Schriften 1, 120 (Hs. d. 15. Jh.s). 7 ) Daß 
diese Wahrsagungsform in neupythagoreischen 
Kreisen tatsächlich geschätzt wurde, beweist 
Iamblichos De mysteriis 3. 14, übers, v. 
Hopfner (Leipzig 1922) 88. 221. 8 ) Zachariae 
in ZfVk. 15, 83; Hillebrandt Ritualliteratur 
69; v. Negelein Weltgeschichte des Aberglaubens 
(1931) 312, vermutet, daß dem Brahmanen die 
im Volk verbreitete Spiegelwahrsagung als 
minderwertig und bösartiger Zauber verboten 
gewesen sei. 9 ) Z. B. Delrio a. a. O.; Peucer 
De praecipuis generib. divinationum (1560) 156; 
Longinus Trinum magicum (1611) 92; Bodin 
Dimonomanie (1598) 129 zählt die K. zu den 
Zauberhandlungen „sans invocation expresse 
avec le diable" und unterscheidet prinzipiell 
das Orakel von Patrai von den Praktiken der 
Hexenmeister seiner Zeit (sorciers); Pictorius 
Varia (1559) 56, auch in Agrippas Werken 
ed. Bering 1, 480, dt. Ausg. 4, 164 führt die 
Erscheinungen auf die Luftgeister zurück. 
Teufel als Urheber: Hansen Hexenwahn 3; 
Wierus De praestigiis (1564) 155; Pfuel 

Electa physica (1665) 149. Weitere Zeugnisse 
aus dem 17. Jh. in Alemannia 9, 71; 11, 287. 


1105 


Katoptromanti e 


1106 


10 ) Boissardus De divinatione (1615) 15; 

Camerarius De generibus divinationum (1575) 
129: quod his etiam temporibus genus usur- 
pari solere deprehenditur et resciscuntur eventus 
mirifici. Qui possent a me non pauci comme- 
morari etc. Derselbe Verfasser berichtet bei 


der Behandlung der Krystallomantie in seinem 
Buch De natura et effectionibus daemonum libelli 
duo Plutarchi (1576) B 7 v ff. ausführlich über 
ein persönliches Erlebnis in einer von Späteren 
oft wiederholten Schilderung. n ) Nach Wierus 
De praestigiis 155 wurde die K. „hodie adhuc 
in coemeterio vel foro publico Constantinopoli" 
ausgeübt. Über die Rolle des Zauberspiegels 
in der arabischen Literatur s. Jacob Ein 
ägyptischer Jahrmarkt, Szb. Mü. 1910, 10, 21, 
über erhaltene magische Spiegel des Islam W. 
Schulz in Mitt. d. Städt. Kunstgewerbemus. 
zu Leipzig Nr. 7 (1915), 69 ff., vgl. a. Revue 
Archöol. 1846, 156. Deutlich sprechen für den 
orientalischen Einfluß die Zauberworte auf 


erhaltenen Exemplaren deutscher Zauberspiegel, 
s. Wünsch Ein Odenwalder Zauber Spiegel in 
HessBl. 3, 154 ff., und in den Anweisungen zur 
Anfertigung solcher Spiegel, z. B. in Fausts 
Höllenzwang bei Kiesewetter Faust 464. 
ia ) Synodus S. Patricii et Auxentii bei Du 
Cange 7, 549. Can. 16: Christianus, qui 
crediderit esse lamiam in speculo, quae inter- 
pretetur striga etc. Zahlreiche Stellen aus 
Beichtbüchern, Bußordnungen usw. bei Klap¬ 
per MschlesVk. 21, 82 zu Antonin v. Florenz 
(1389—1459)- si incantavit cum speculo vel 
pelvi plena aqua. An die Aufzählungen bei 
Benedikt v. Massilia, Bresl. Hs. I F 240 
Bl. 289 und in einem Beichtbuch bei Hansen 
Hexenwahn 43 (um 1270) schließt sich genau 
die in Luthers Tischreden , W. A. 10, I 590, 
Klinger Luther 69 an. Vgl. ferner Hansen 3: 
Schreiben des Papstes Johann XXII. vom 
27. II. 1318 verfügt Untersuchung gegen In¬ 
kulpaten, die „speculis et ymaginibus ... usi 
fuere". w ) Policraticus 1, 12. 2, 28. 14 ) Kap. 
86 ff. Ausg. v. Ulm (1914) 52 ff., auch bei 
Grimm Myth. 3, 431. 15 ) In der Zuteilung der 
K. ist auch Agrippa Comm. in Plin. XXX 
cap. 2, Opera ed. Bering 1, 529 unsicher. Er 
verbindet die „magia, quae speculis et cor- 
poribus splendidioribus fieri solet" mit der 
Aeromantie, vermutlich weil auch er die Luft¬ 


geister für die Urheber der Visionen hält. 
Codes Chyromantiae A nastasis (1517) 3 r a 
zählt die K. zur Nekromantie. 18 ) Die Ver¬ 
wendung von Knaben, Mädchen, Schwangeren 
wird sehr oft vorgeschrieben: Cardanus Opera 
1, 564; Boissardus De div. 15; Bulengerus 
Opuscula (1621) 199 (nach ihm wird der Spiegel 
in ein mit Wasser gefülltes Gefäß gelegt, Ver¬ 
bindung von Hydromantie und K.!). Knaben 
als Medium im Altertum: Hopfner bei Pauly- 
Wissowa 14, 360; Abt Apuleius 112. 17 ) Vgl. 
Grimm Myth. 3, 321: „als der in eime swerte 
siht die sache, die man hat verstolen" (Troj. 
Kr. 27412). „ich hate in einem swerte von även- 
tiure einen geist, daz er mir solde künden" 


(Frauenlob 142); weiteres s. unter „Schwert". 
w ) Hansen Hexenwahn 3: de praeteritis et de 
futuris (1318); Paracelsus Opera ed. Huser 10 
(1589), n6f. unterscheidet je nach dem Zweck 
drei Arten von Spiegeln. In dem einen sieht 
man die „Contrafehung von Menschen, Dieben, 
Feinden, Vieh, Kriegsrüstung, Schlachtordnung, 
Belagerung". Ferner für alles, was die Menschen 
tun oder getan haben, „es sey Tag oder Nacht, 
das sieht man darinnen". Im zweiten sieht man 
„schrifftlich alle vergangne vnd geschehne 
Reden, wo vnd von wem geredet", im dritten 
„alle Geschrifft in Brieffen, Büchern vnd alles 
so in der Federn sein mag, wie heimlich vnd 
verborgen es immer ist. Vnd in Summa, so 
erscheinet dem Menschen, auff welchen diese 
Spiegel gericht seind, alles das, so vnder dem 
Horizonte beschehen oder vergangen ist, es 
sey nahend oder fern, Tags oder Nachts, Heim¬ 
lich oder Öffentlich". M ) Alemannia 10, 77 
(aus Theophil v. Wahrmund 1691); n, 287 
(aus Dieterich Ecclesiastes 1632). *°) Oben 2, 
211. Die dort aus Huß Aberglaube 23 ange¬ 
führte Stelle ist entnommen aus Pachelbl 
Ausführliche Beschreibung des Fichtelbergs 1716, 
vgl. Bayr. Wschr. 9 (1931), 336. Die Spiegel 
wurden sogar verbotenerweise für diesen Zweck 
kirchlich geweiht, s. Thomas v. Haselbach 
bei Franz Benediktionen 1, 469 Anm. 7. Auch 
die zur Heilung einer Krankheit dienlichen 
Kräuter erscheinen im Spiegel: Buschius 
De reform. monast. c. 51 bei Leibniz Scriptores 
rer. Brunsv. 2, 952, auch bei Liebrecht 
Gervasius 73 und in Alemannia 9, 76. 81 ) Agrip¬ 
pa Comm. in Plin. XXX cap. 2, Opera 1, 529; 
Boissardus De div. 15; als literarisches Motiv 
beliebt, z. B. im Genovefavolksbuch (Alemannia 
11, 83), in den Gesta Romanorum cap. 102, bei 
Rabelais Gargantua 3, 25, dt. Übers, v. Gelbcke 
1, 398, vgl. Gebhardt Franz. Novelle 109. 
Weiteres bei Wackernagel Kl. Sehr. 1, 129. 
In der altmexikanischen Religion wird der 
Spiegel in der Hand des Gottes zum Sinnbild 
der Allgegenwart, s. Haberland Der Spiegel 
im Glauben und Brauch der Völker in ZfVpsych. 
13, 326- 339- Zur Bedeutung des wahrheits¬ 
kündenden Spiegels in der Schintoreligion der 
Japaner s. Güntert Der arische Weltkönig 
(1923) 355. M ) Vgl. Anm. 12 und die oben 
gegebene Darstellung Hartliebs. **) Man denke 
z. B. an Rembrandts Faust und an die Szenerie 
der Hexenküche in Goethes Faust. Auf einer 
Zeichnung des Lionardo da Vinci im Christ 
Church College zu Oxford hantiert eine Hexe 
mit einem Zauberspiegel, Abb. bei Grillot 
de Givry Musie des sorciers (Paris 1929) 337. 
Dort auch eine katoptromantische Szene aus 
der prachtvollen Hs. Nr. 2400 der Bibliothek 
von Troyes, die angeblich aus dem Besitz des 
Abenteurers Graf von St. Germain stammt. 
Über die K. Fausts und seines Famulus Wagner 
s. Kiesewetter Faust 461 ff.; Birlinger in 
Alemannia 9, 76. Auch anderen Zauberern oder 
im Geruch der Magie stehenden Gelehrten, wie 
Merlin, Pico della Mirandola, Agrippa, Jean 


H07 


Katze 


1108 


Femel wurde der Gebrauch weissagender 
Spiegel zugeschrieben, s. Journ. Am. Folkl. 6, 
32; Wackernagel Kl. Sehr. 1, 128 f.; Ale¬ 
mannia 9, 75. An letztgenannter Stelle sowie 
ebd. ii, 83 ist viel Material zur K. und zur 
Krystallomantie beigebracht; weitere ältere 
Literatur auch bei Fabricius Bibliogr. anti- 
quaria z (1760) 597. 611. 24 ) Vorläufig sei nur 

verwiesen auf Wünsch HessBl. 3, 154 ff.; 

Horst Zauberbibliothek 1, 125; Wuttke 245 
§ 354; Kiesewetter Faust 463 f.; Wacker¬ 
nagel Kl. Sehr, i, 129 (Hs. des 15. Jh.s); 

. Weinhold Ritus 9; Pfister Schwaben 50; 
ZfVk. 9, 210; 15, 421; SAVk. 21, 219, s. a. oben 
Anm. ii. 25 ) Paracelsus Opera ed. Huser 
10 (1589), 115, oben Anm. 18, ebd. 401. 26 ) Des- 
soir Vom Jenseits der Seele 82; RöheimS^i^/- 
zauber , Internat. Psychoanalyt. Bibi. Bd. 6, 
Leipzig-Wien 1919; Fielding The oecult lore 
of the mirror in Occult Review 1919, 76; Bolton 
A modern Oracle and its prototypes in Journ. Am. 
Folkl. 6, 25; Magische Briefe Nr. 1: Spiegel- 
und Kristall-Magie (Wolfenbüttel 1925). Die 
Darstellungen der K. bei Freudenberg Wahr¬ 
sagekunst 105 und Geßmann Katechismus 107 
beschränken sich in der Hauptsache auf die 
Wiedergabe der Schilderungen bei den älteren 
Divinationsschri f tstellern. Boehm. 

Katze. 

1. Etwas Unheimliches, Dämonisches 
wohnt nach allgemeinem Glauben diesem 
Tier inne, das man daher stets mit einer 
gewissen Scheu behandelt. In noch 
höherem Grade wie andere Haustiere 
deutet die K. Zukünftiges an. Überall 
ist der Glaube verbreitet, daß Besuch 
kommt, wenn die K. sich putztund 
dabei mit der Pfote hinter das Ohr 
streicht 2 ). Das Putzen des rechten Ohrs 
deutet auf einen vornehmen oder gern 
gesehenen Gast, während das Lecken der 
linken Pfote unangenehmen Besuch in 
Aussicht stellt 3 ). Auch wenn sie einen 
Buckel macht, kommen Gäste 4 ). Das 
vorgestreckte Pfötchen der sich putzenden 
K. gibt die Richtung an, woher der Besuch 
kommt 5 ). Leckt sie sich den linken Fuß, 
dann wird jemand aus dem Haus gehen 6 ). 
Putzt sie vornehmlich das Gesicht, dann 
ist weiblicher Besuch zu erwarten, wäscht 
sie sich den Rücken, dann kommt ein 
Mann 7 ). Sitzt sie beim Putzen rechts hinter 
dem Ofen, kommt männlicher Besuch, 
wenn links, eine Frau 8 ). Das Belecken 
der Hinterpfoten deutet auf fremde 
Gäste 9 ); ebenso das Reiben am Tür¬ 
pfosten oder Tischbein 10 ). Für Liebende 


deutet das Waschen der K. auf ein 
schönes Stelldichein n ). 

*) Vgl. Voß Siebzigster Geburtstag Vers 85ff.; 
Grimm Myth. 1, 422*; 3, 437 Nr. 72; ZdVfV. 
8 (1898),399; Birlinger Volkst. 1, 117; Boeder 
Ehsten 125; de Cock Volksgeloof 1 (1920), 100; 
Dähnhardt Volkst. 1, 97 Nr. 9; Fogel Penn - 
sylv. 86 Nr. 328; 143 Nr. 666; Keller Grab 4, 
249; Kuhn Mark. Sagen 386 Nr. 87; Panzer 
Beitr. 1, 259; Urquell 3, 108; ebd. NF. 1, 46; 
Schmitt Hettingen 16; Müller Isergeb. 13; 
Vernaleken Alpens. 421 Nr. 158; Rosegger 
Steiermark 66; Haltrich Siebenb. Sachsen 
290; Pollinger Landshut 165; SchweizVk. 
10, 36; Klingner Luther 130; Hovorka- 
Kronfeld 1, 233; Schramek Böhmerwald 
243; SAVk. 2, 281; 12, 214; 23, 188; 25, 283; 
Pfister Hessen 168; Bartsch Mecklenburg 
2, 131. 208; Drechsler 2, 99; Köhler Voigt¬ 
land 387; Strackerjan 1, 23; Andree Braun¬ 
schweig 401; Stoll Zauberglauben 135; John 
Westböhmen 214; Manz Sargans 118; Hopf 
Tierorakel 22. 24. 31 usw. 2 ) SAVk. 2, 281; 
Stoll Zaubergl. 135; Rothenbach 41 Nr. 366; 
ZdVfV. 10, 209; Birlinger Volkst. 1, 117; 
Manz Sargans 118; SAVk. 12, 151; ZfdMyth. 
2 (1854), 102; John Erzgeb. 233. 3 ) Stoll 

Zaubergl. 135; ZdVfV. 5, 415; Reiser Allgäu 
2, 436; Köhler Voigtland 387. 4 ) ZfrhwVk. 

1909, 268; John Westböhmen 214; Schramek 
Böhmerwald 243; Wuttke 200 §271. 6 ) John 
Erzgeb. 233. 6 ) ZfdMyth. 1 (1853), 237; Groh- 
mann 55. 7 ) Bartsch Mecklenburg 2, 131; 

Unoth i, 183 Nr. 59. 8 ) Birlinger Aus Schwaben 
1, 413. ®) John Erzgeb. 233; Liebrecht 

ZVk. 328. 10 ) ZdVfV. 4 (1894), 81 f.; Engelien 
u. Lahn 268. n ) „Wäscht sich's Kätzchen, 
treff ich's Schätzchen", John Erzgeb. 75. 

2. Dann gilt die K. als großer Wetter¬ 
prophet. Regen gibt es, wenn sie sich 
wäscht 12 ) oder sich den Hintern leckt 13 ); 
ebenso, wenn sie Gras frißt 14 ). Dreht sie 
den Schwanz nach dem Ofen oder Herd, 
dann gibt es Frost 15 ). Auf Regen deutet 
es, wenn sie den Hals verdreht le ). Trinkt 
die K. Wasser, so schneit es bald 17 ). 
Auch das Niesen der K. zeigt Schnee 
an 18 ). Leckt sie sich gegen das Haar, so 
wird es Sturm geben 19 ); ebenso, wenn 
sie sich am Schwanz kratzt oder am 
Tischbein oder Besen reibt 20 ). Scharrt 
sie den Boden auf, so schlägt bald das 
Wetter um 21 ). Wer gutes Wetter zu 
einem bestimmten Tag haben will, muß 
die K. gut füttern 22 ). Wirft man eine 
Katze ins Wasser, dann wird das Wetter 
schlecht 23 ). Wer die K. nicht leiden 
kann, bekommt Regen am Hochzeitstag 24 ). 
Die K. merken Erdbeben voraus **). 


1 


1109 Katze IIXO 


li ) Bartsch Mecklenburg 2, 140; ZfrhwVk. 
1909, 268; Schramek Böhmerwald 250; 

Wolf Beitr. 1, 231; 2, 420; Urquell 4 (1893), 
88. 274; Haltrich Siebenb. Sachsen 290; 

Schönwerth Oberpfalz 1, 358 Nr. 7. 13 ) Meyer 
Aber gl. 223; ZfdMythol. 3, 174L 312. 14 ) 

Strackerjan 1, 23; Birlinger Volkst. 1, 117; 
Bartsch Mecklenburg 2, 206; Manz Sargans 
118; Fogei Pennsylv. 239 Nr. 1234; SchwVk. 
ro, 35. 16 ) ZfdMythol. 3, 1740.; Strackerjan 
1,23; Wuttke 200 §271. 1# ) SAVk. 2, 222. 

I7 ) Birlinger Aus Schw. 1, 413. 10 ) ZdVfV. 

24 (1914), 60. „Prusten" aber gutes Wetter 
nach ZdVfV. 24 (1914), 60 im Gegensatz zu 
Andree Braunschweig 410. lf ) Drechsler 
2, 98; Rochholz Sagen 2,54. 20 ) Grohmann 
55; Strackerjan 1, 23; John Erzgeb. 233; 
Drechsler 2, 99; Wuttke 200 §271. ai ) 
Urquell 3 (1892), 139. 2S ) ZfrhwVk. 1914, 

259; 1906, 81; 1909, 268; Knoop Hinter¬ 
pommern 158; ZfdMythol. 2 (1854), 93; 

Drechsler 2, 98; A. de Cock Volksgeloof 1 
(1920), 102ff.; ZdVfV. 1 (1891), 444; 23 (1913). 
281; Maack Lübeck 69. 23 ) Reiterer Ennst. 
59. — Weiteres bei E. H. Meyer Germ. Myth. 
104; de Cock Volksgeloof 1 (1920), 99; Vonbun 
106; Lewalter-Schläger 462; Müller Iser- 
gebirge 15; Drechsler 1 53; 2, 99; Reiser 
Allgäu 2, 436; John Erzgeb. 233. Gelegentliche 
Widersprüche im Einzelnen; z. B. Waschen 
hinter den Ohren bedeutet nach SAVk. 12 
(1908), 150 (Baselland) gutes, nach ZfrhwVk. 
1905, 206 (Nahetal) schlechtes Wetter; noch 
anders ZfrwVk. 1914, 259. 24 ) Kuhn Märk. 

Sagen 386 Nr. 85. n ) SAVk. 1917» 82. 

3. Wen die K. beim Waschen länger 
ansieht, der wird gescholten 26 ); streckt 
sie dabei die Hinterbeine lang, so gibt es 
Schläge 27 ), weil sie da gleichsam mit 
einem Stock droht. Ganz allgemein 
herrscht der Volksglaube, daß eine K., 
besonders eine schwarze, Unglück bringt, 
wenn sie einem des Morgens über den 
Weg oder zwischen die Beine läuft 28 ). 
Man soll dann einen Stein über den Weg 
werfen oder dreimal ausspucken, um das 
Unheil abzuwenden *•). Schlimmes droht 
ferner, wenn man von schwarzen K.n 
träumt 80 ), besonders wenn das in der Weih¬ 
nachtsnacht geschieht 31 ). Wenn K.n in der 
Nähe eines Hauses gar zu kläglich miauen, 
gibt es einen Todesfall 32 ); wenn sie sich 
beißen, kommt Unheil und Streit 8S ). 
Betrachtet sich die Hausk. im Spiegel, 
so ist das auch kein gutes Vorzeichen 84 ). 
Putzen sich K.n an dem Fenster einer 
Krankenstube, dann steht der Tod be¬ 
vor 35 ). Auch stirbt der Kranke, wenn 
die K. nicht aus der Stube will **). Man 


jagt bei einem Todesfall die K. aus dem 
Haus 37 ). Miauen des Nachts die K.n, so 
soll man nicht zum Fenster hinausschauen, 
um sie fortzuscheuchen, sonst bekommt 
man einen geschwollenen Arm oder ein 
geschwollenes Gesicht **). Das Erscheinen 
einer fremden K. im Haus deutet auf 
einen Sterbefall 39 ), und eine schwarze K. 
mit weißer Brust ist ebenfalls ein Todes¬ 
bote 40 ). Balgen sich K.n vor der Tür, 
dann gibt es Streit im Haus 41 ); neidische 
Leute lassen daher wohl einem Braut¬ 
paar zwei an den Schwänzen zusammen¬ 
gebundene K.n über den Weg laufen, dann 
gibt es eine unglückliche Ehe 42 ). Hustet 
eine K., dann gibt es Streit im Haus 43 ). 
Sitzt vor der Trauung eine K. am Altar, 
dann wird die Ehe unglücklich ^). 

28 ) Grimm Mytkol. 3, 444 Nr. 290; Wuttke 
200 § 271; Knoop Hinterpommern 182; Selig¬ 
mann 1, 123; ZdVfV. 1 (1891), 189; Groh¬ 
mann 55. * 7 ) ZdVfV. 23 (1913), 183; Köhler 
Voigtland 387. M ) SAVk 7, 135; 22, 255; 
ZdVfV. 20 (1910), 382; ZfrhwVk. 1905, 199; 
1914, 259; Urquell 3 (1892), 108; Wuttke 
200 § 271; Schramek Böhmerwold 243; 
Grohmann 65; Vernaleken Mythen 352 ff.; 
SchwVk. 3, 74; 4, 42; Strackerjan 1; 
23; 2, 146; Köhler Voigtland 387; Leh¬ 

mann Sudetend. Volksk. 106; Rothenbach 
1876, 41 Nr. 3670.; Messikommer 1, 189; 
Fogel Pennsylv. 98. 105. 108 ff.; Dähnhardt 
Volkst. 1, 98 Nr. 16; Pollinger Landshut 
165; MschlesVk. 9 (1902), 9; John Erzgeb. 33; 
Reiser Allgäu 2, 427; besonderes bei Dähn¬ 
hardt Volkst. 2, 88 Nr. 360; Fogel Pennsylv . 
142 Nr. 657; John Erzgeb . 233. * 9 ) Drechsler 
2, 99 ; John Erzgeb. 233; ZföVk. 13 (1907)» l 34 l 
Engelien u. Lahn 283; Müller Isergebirge 
13; ZdVfV. 23 (1923), 183. *°) Fogel Pennsylv . 
74 Nr. 253; 78 Nr. 280; Dähnhardt Volkst. 
2, 87 Nr. 354; de Cock Volksgeloof 1 (1920), 
102; John Erzgeb. 233; Reiser Allgäu 2, 428; 
SchwVk. 4, 42; Wettstein Dis. 172. 31 ) 

Hovorka-Kronfeld 1, 233; SchwVk. io, 
29. 32 ) Hovorka-Kronfeld 1, 233; Höhn 
Tod 308; Birlinger Volkst. 1, 117; John 
Erzgeb. 113; ZfrhwVk. 1909, 268; Wuttke 
200 §271; Strackerjan 1, 23; Praetor. 
Phil. 94; Köhler Voigtl. 387; Schönwerth 
Oberpfalz 1, 357; Schwebel Tod u. ew. Leb. 
H9ff.; Schell Berg. Sagen 425 Nr. 12; Schulen¬ 
burg Wend. Volkst. 151; Pollinger Landshut 
295. Unrichtig ist also, daß die K. kein Todes¬ 
bote sei; ZdVfV. 2 (1892), 180. **) Grimm 

Mythol. 3, 486 Nr. 69; Keller Grab 1, 93. 
u ) Unoth 1, 180 (Schaffhausen). w ) Hovorka- 
Kronfeld 1,233; Grohmann 186. 84 ) SchwVk. 
10, 32. 87 ) ZfrhwVk. 1904, 50; 1909, 268 (Eifel). 
“) SAVk. ii (1917). 34 ; ZdVfV. 5 (1895), 415. 


11 X 1 


Katze 


1112 


Wer dadurch geweckt wird, hat nach John 
Erzgeb. 233 Glück zu erwarten. 3# ) Meyer 
Baden 578 (Fützen). John Erzgeb. 233. 
4X ) Liebrecht ZVk. 328; Wuttke 200 §271 
(Aargau). **) Wuttke 371 §563 (Ostpr.). 
tt ) ZföVk. 4 (1898), 213. w ) Wuttke 200 § 271. 

4. Wer eine K. tötet, hat Unglück 45 ) 
und verursacht Todesfälle unter den 
Haustieren 48 ), und man sagt: „Wer die 
K. ins Wasser trägt, der trägt sein Glück 
aus dem Hause" 47 ). Dort, wo eine K. 
erschlagen wurde, läßt sich keine mehr 
eingewöhnen 4Ö ). Matrosen glauben, es 
gebe Sturm, sobald man eine K. ins 
Meer wirft **). Mit dem Gewehr, womit 
das Tier erschossen wurde, trifft man 
nichts mehr w ). Läuft einem eine schwarze 
K. zu, so darf man sie nicht weg¬ 
jagen, sonst kommt Unheil ins Haus: 
„Die schwarze Katz, das schwarze Huhn, 
soll kein Bauer aus dem Hause tun" 61 ); 
nur infolge dieser Scheu, das unheim¬ 
liche Tier zu erzürnen, wird es zu einem 
Glücksbringer: in einem Haus, wo K.n 
sich gern aufhalten, waltet der Segen 52 ); 
wem eine K. am Hochzeitstag bis zur 
Kirche nachläuft, hat besonderes Glück 63 ). 
Ebenso, wem beim Ausgehen eine K. 
nachkommt 64 ). Das Mädchen, dem auf 
dem Weg zum Tanz eine gefleckte K. 
nachläuft, bekommt bald einen Mann 65 ). 
Die Mädchen, die K.n gern haben und 
gut pflegen, werden eine glückliche Ehe 
haben 68 ). Männer dagegen, welche K.n 
gern mögen, verheiraten sich nicht 67 ); 
gehen sie zu grob mit K.n um, so be¬ 
kommen sie eine böse Frau 68 ). Auch 
schützt eine K. vor dem Blitz 59 ), und 
ein am Giebel aufgehängtes Katzenfell 
leitet den Blitz ab 60 ). Eine dreifarbige 
K. schützt vor Feuer 61 ) und bringt 
nach schlesischem Glauben überhaupt 
Glück 62 ), während man in Westfalen 
K.n, die schwarz, weiß und gelb sind, für 
unheilvoll hält 63 ). Eine weiße K. oder 
eine mit weißen Pfötchen kündet Glück 
an **), ebenso eine vierfarbige 66 ). Nachts 
darf man eine K. nicht schlagen oder 
ihr auf den Schwanz treten, sonst stößt 
einem Unheil zu 68 ). Der Platz, wo ein 
Kater geprügelt wurde, gibt eine Un¬ 
glücksstätte 67 ). Auch das Verzehren von 
K.-Fleisch bringt Unheil 88 ). 


“) Grimm Mythol. 3, 436 Nr. 68; Wuttke 

127 §173; Meyer Abergl. 223; Vonbun 

Beitr. 105; Grohmann 55; ZdVfV. 1 (1891), 
188; Schramek Böhmerwald 243; Baum¬ 
garten A. d. Heimat 1, 81 ff.; Bartsch Meck¬ 
lenburg 2, 139; John Erzgeb. 233; Hoffmann- 
Krayer 140; Engelien u. Lahn 270; Drechs¬ 
ler 2, 99; Fogel Penns. 143 Nr. 662ff.; ZfrhwVk. 
1909, 268. 48 ) Zahler Simmenthal 23; Rothen¬ 
bach Volkst. 35; Meyer Abergl. 223; Chemn. 
Rockenphilos. Nr. 68; Haltrich Siebenb. Sachs. 
290. 47 ) ZdVfV. 8 (1898). 399. «) ZfrhwVk. 
1909, 268. 48 ) ZdVfV. 7 (1897), 116. w ) Fogel 
Pennsylv. 143 Nr. 667. 61 ) SchwVk. 2, 18; 
Zachariae Kl. Schriften 375 t.; Jühling 
Tiere 102. Nach Berner Glauben gibt es dann 
eine Hochzeit SAVk. 7, 135. * 2 ) Drechsler 

2, 98; SchwVk. 2. 18 (Stein a. Rh.); ZdVfV. 
10 (1900), 209; 19 (1909)* 440; ZfrhwVk. 1909, 
267; Pollinger Landshut 137*®. 154. M ) 
ZfrhwVk. 1909, 268. M ) ZdVfV. 20 (1910), 
382 ff. fifi ) John Erzgeb. 76. M ) Wuttke 

128 § 173; 363 §547; Grimm Mythol. 3, 444 

Nr. 292; Birlinger A. Schwab, i, 415; Fogel 
Pennsylv. 142 Nr. 659; Praetor. Phil. 129; 
Wolf Beitr. i ( 210; And ree Braunschweig 
296; Drechsler i, 227; Reiser Allgäu 2, 436; 
Kolbe Hessen 183. 67 ) Wuttke 363 §547; 

Hovorka-Kronfeld 1, 233; Drechsler 1, 
227; im Widerspruch dazu, daß der K.n-Freund 
auch die Mädchen mag, die Angaben bei Bir¬ 
linger Volkst. 1, 117; John Westböhmen 214. 
M ) Reiterer Ennstal. 41; Wolf Beitr. 1, 231. 
M ) John Erzgeb. 26; vgl. auch Drechsler 

1, 258. *°) Sartori 2, 13. 81 ) Schönwerth 

Oberpfalz 2, 85; Drechsler 2, 98; ZdVfV. 
5, 415; Wuttke 127 § 173. #s ) Seligmann 

2, 124; John Erzgeb. 233; John Westböhmen 

256. 63 ) Kuhn Westfalen 2, 62 Nr. 188 b; 


Grohmann 55. 


Eine gelbe K. sieht man 


nach dem Glauben der Sudetendeutschen bei 


einer Feuersbrunst: Lehmann Sud. Vk. 112. 


• 4 ) ZdVfV. 20 (1910), 383; John Erzgeb. 233. 
<5 ) John a. a. O. e ®) ZfrhwVk. 1909, 268;* 
Wuttke 127 § 173; Stöber Elsaß 1, 109 
Nr. 153; Meier Schwaben 2, 500; ZfdMyth. 

1 (*853). 243; Schulenburg Wend. Volkst. 151; 
Birlinger Volkst. 1, 118. 67 ) Wuttke 212 

§296. ® 8 ) Strackerjan 2, 146 Nr. 375. 


5. Ein Kind soll man nicht bei einer K. 
allein lassen: es kann leicht behext oder 
vom Atem geschädigt werden ®*); auch 
ersticken alte K.n die Kinder, weil sie 
sich ihnen auf den Hals legen ro ). Junge 
Kinder dürfen nicht mit Hunden und K.n 
desselben Jahres aufgezogen werden 71 ). 
Vom Brei für das Kind muß auch die 
K. bekommen 72 ), dagegen bewirkt ein 
Prusten der K. in die Schüssel Krank¬ 
heit 73 ). Das Kind soll nicht mit der K. 
zusammen schlafen 74 ), es sei denn, daß 


1 


1113 


Katze 


1114 




es die Auszehrung hat: diese kann man 
durch das Zusammenschlafen auf das 
Tier übertragen 76 ). Besonders gefährlich 
nach allgemeinem Glauben ist es, wenn 
das Kind Katzenhaare verschluckt: dann 
wird es schwindsüchtig und wächst nicht 
mehr 78 ). Auch Erwachsene verfallen 
durch Verschlucken eines Katzenhaars 
der Auszehrung 77 ). 

••) Wuttke 382 § 580; 386 § 588; John 
Westböhmen 107; Birlinger Volkst. 1, 118; 
Kochholz Kinderlied 316; Urquell NF. 1 (1897), 
49; ZdVfV. 23 (1913), 148. 70 ) Schramek 

Böhmerwald 243. 71 ) Urquell 1 (1890), 8; Jüh¬ 
ling Tiere 105. 71 ) Rochholz Kinderlied 291. 
7a ) Rochholz a. a. O. aus Bertholds Predigten. 
74 ) Drechsler 2, 235. 7# ) Ebd. 2, 99. 78 ) 

Hovorka-Kronfeld 1, 233; Wuttke 127 
§ 173 ; 395 § 6 c> 5 ; ZfrhwVk. 1909, 268; Frisch¬ 
bier Hexenspr. 44 f.; Höhn Volksheilkunde 
1, 93 - 77 ) Fogel Pennsylv. 55 Nr. 158; Lam- 
mert 243; Drechsler 2, 99. 265. 311; ZdVfV. 
23 (* 9 * 3 )» 281; Bartsch Mecklenburg 2, 140; 
SAVk. 8, 274; Hovorka-Kronfeld 2, 40; 
S6billot Folk-Lore 3, 90 f.; Schmitt Hetlingen 
16; Höhn Volksheilk. 1, 92; Grohmann 55; 
Wuttke 127 § 173; 309 § 453; SchwVk. 

xo, 32; Jühling Tiere 105. 

6 . Aus der Art, wie eine K. frißt, 
läßt sich auf teure oder gute Zeit schließen: 
läßt sie Krümeln liegen, so wird das Korn 
billig 78 ). Beim Wohnungswechsel darf 
die K. nicht gleich mitgenommen werden, 
sonst gibt es bald einen Todesfall*•). 
Eine Schwangere darf keine K. mit dem 
Fuß stoßen, sonst hat sie eine schwere 
Entbindung 80 ). Man darf eine K. nicht 
bezahlen, sonst fängt sie keine Mäuse 81 ); 
das tut sie auch nicht, wenn man ihr 
den Schnurrbart abschneidet 82 ). Ferner 
taugen K.n nichts, die im Mai geboren 
sind; man soll sie ersäufen 88 ). Sind j unge 
Tiere sehr mager, so haut man ihnen 
die Schwanzspitze ab, dann werden sie 
bald gedeihen 84 ). Ein Fuhrmann nimmt 
nicht gern K.n auf seinen Wagen; denn 
er glaubt, daß dann die Pferde vorzeitig 
ermüden “J. Mancherlei Mittel kennt das 
Volk, um die K. an das Haus anzuge¬ 
wöhnen: man hackt ihr die Schwanzspitze 
ab 8Ä ), man läßt sie in den Spiegel sehen 87 ), 
man trägt sie dreimal um den Tisch 
herum M ), man bestreicht die Füße 
dreimal des Abends mit Butter 89 ), man 
führt sie im Isergebirge dreimal um das 


Tischbein und murmelt: „Dreimal ums 
Been — Katze, bleib d'rheem“ 90 ), man 
steckt sie in einen Sack und schlägt 
diesen dreimal um sich hferum 91 ), man 
streut ihr Salz auf die Nase 9 *), oder 
man vergräbt unter der Schwelle Haare 
vom Schwanz 93 ). 

78 ) Grimm Mythol. 3, 446 Nr. 382; Wuttke 
200 §271; ZrwVk. 1914, 259; Hovorka- 
Kronfeld 1, 233. 7# ) Strackerjan 1, 55; 

2, 222; Wuttke 396 §608; Fogel Pennsylv. 
148 Nr. 695 f. ®°) Wuttke 377 § 592; Gassner 
Mettersdorf 11. 8l ) Drechsler 2, 99; doch s. 

auch de Cock Volksgeloof 1 (1920), 102. 8I ) ZföVk. 
4 (1898), 215. M ) ZdVfVk. 10 (1900), 209; de 
Cock Volksgeloof 1 (1920), 104. M ) ZfrhwVk. 
1909, 268 (Eifel). w ) Bartsch Mecklenburg 2, 
489 f.; Knoop Hinterpommern 172. M ) SAVk. 
2, 263. 87 ) Schmitt Hettingen 15; Bartsch 

Mecklenburg 2, 139 ff.; Fogel Pennsylv. 145 
Nr. 675; ZdVfV. 5 (1895), 415. “) ZdVfV. 5, 

415. «•) ZfdMythol. 3, 315. ") ZdVfV. 23 

(1913), 183; Müller Isergebirge 13. M ) Wuttke 
433 $ 679. •*) John Erzgebirge 233. •*) Fogel 
Pennsylv. 146 Nr. 680; Urquell 3 (1892), 272. 
Vgl. noch Grimm Mythol. 3, 458 Nr. 679; 
Fogel Pennsylv. 144 Nr. 671; Haltrich 
Siebenb. Sachsen 290; Oberpfalz 13 (1919)» 131; 
Strackerjan 2, 146 Nr. 375. 

7. In ein neues Haus jagt man zuerst 
eine K. voraus: diese muß dann alles 
Unheil auf sich ziehen M ); ähnlich läßt man 
im Erzgebirge, wenn das Vieh im Herbst 
von der Weide zurückkommt, eine K. 
in den Stall vorausgehen 95 ). Das leitet 
über zu dem Opfer von K.n *). Als Bau¬ 
opfer kommt das Töten einer K. vor w ) ,* 
vor allem aber warf man K.n in das 
Johannisfeuer *) oder Fastnachtsfeuer *). 
War doch im Mittelalter bei Seuche und 
Pest die schwarze K. das üblichste Sühn¬ 
opfer 10 °). Im Oldenburgischen nannte 
man den Aschermittwoch „Kattenascher- 
tag", weil ein Kater getötet und ver¬ 
scharrt wurde 101 ). In Ypern wurde am 
„Kattewoensdag" (Mittwoch der zweiten 
Fastenwoche) eine K. von einem Turm 
gestürzt; ähnliches wird für die Schweiz 
(Rapperswil), Westfalen (Attemdom, wo 
man der K. Rinderblasen an die Pfoten 
band) und Böhmen bezeugt 10 *). Auch 
als „Komdämon" kommen Kater und 
K. vor 10S ), in der letzten Dreschgarbe 
ist der Kater, und so heißt auch der 
Mann, der beim Komabschneiden zuletzt 
fertig wird 104 ): er wird herausgeputzt 




Katze 


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1115 


mit Reisern und Roggenhalmen und 
bekommt einen langen geflochtenen 
Schwanz angesteckt; mit einer großen 
Rute sucht er die Kinder zu hauen 
(Grünberg i. Schl.) 104a ). In Stralsund 
hieß der Besieger des Winterdämons bei 
den Frühlingsfesten „Katzenritter“, wor¬ 
aus sich die Darstellung des Winters 
durch eine K. ergibt 106 ). Bei der ersten 
Aussaat 106 ) oder auch am Weihnachts¬ 
abend tötet man einen schwarzen Kater 
und vergräbt ihn auf dem Feld, damit 
die bösen Geister dem Wachstum nicht 
schaden 107 ). Auch auf Pfingsten werden 

K. n als Opfer ertränkt i08 ). In Sieben¬ 
bürgen und Böhmen vergräbt man eine 
schwarze K. unter einem Obstbaum, 
damit dieser gedeihe 109 ). 

• 4 ) John Erzgeb . 28; Lammert 37; Bartsch 
Mecklenburg 2, 129; Urquell 1 (1890), 46; Fogel 
Pennsylv. 149 Nr. 698; Seligmann 2, 124; 
Liebrecht ZVk. 351; Haltrich Siebenb. 

Sachs. 290; Wuttke 396 §608. **) Selig¬ 

mann 2, 124. M ) E. H. Meyer Germ . Mythol. 
287; Jahn Opfergebr. 344; Köhler Voigtland 
503; Grimm Myth. 3, 504 Nr. 43; Lütolf 
Sagen 347. 97 ) Andree Parallelen 1, 22 t.; 

Höfler Organotherapie 75; Wuttke 295 § 444; 
Seefried-Gulgowski 181; MschlesVk. 1, 54; 
ZdVfV. 12 (1902), 436f. ® 8 ) Höfler Organother. 
75; Mannhardt 1, 515; Götter 201 f.; Fon¬ 
taine Luxemburg 62. 80; Urquell 2 (1891), 160; 
Alemannia 2 (1874), 146. ®®) Mannhardt 1, 
515; ZdVfV. 3 (1893), 353; Strackerjan 2, 
148. 10 °) Stemplinger Abergl. 91; Höfler 

Org. 75 - 101 ) Sartori Sitte 3, 115; Strackerjan 
2,58. los ) ZfdMythol. 2 (1854), 93 t. 239; Sartori 
Sitte 3, 116. 253; Wolf 1, 186; ZfdMythol. 2 
(1854), 239; Höfler Fastengebäcke 23. 88 ff.; 
Heyl Tirol 244 Nr. 59; Sartori Sitte 3, 115 f. ; 
Kuhn Westfalen i, 162 Nr. 167; Lütolf Sagen 
347; Heinsberg Festl. Jahr 45t.; Hart¬ 
mann Westfalen 25 f. 103 ) Sartori a. a. O. 116; 

L. v. Schröder RV. 442; Frazer 7, 280 ff.; 

Mannhardt Forsch. 378; Maack Lübeck 92. 
104 ) Jahn Opfergebräuche 107; Sartori a. a. O. 
101. 104a ) Drechsler 2, 65; Engelien und 

Lahn 235. 108 ) Höfler Fastengebäcke 59; s. 

auch Leoprechting Lechrain 155. 10Ä ) Wuttke 
300 § 439; Stemplinger Abergl. 91. 107 ) Wutt¬ 
ke 295 §431; John Westböhmen 225; Groh- 
mann 56. 87 (Böhmen). 108 ) Pröhle Unter¬ 
harz. Sagen 6 Nr. 20. 10 ®) Jahn Opfergeb. 17; 
Drechsler 2, 82; John Westböhmen 214; 
Sartori 2, 128. 

8 . Damit kommen wir zu den mancherlei 
Zauberhandlungen, die man mit Kater 
und K. vornehmen kann. Vergräbt man 
eine tote K. unter jemandes Türschwelle, 


dann zieht das Unheil in das Haus uo ). 
Wer eine tote schwarze K. rückwärts 
über die linke Schulter wirft und sich 
dann nach rechts wendet, hat Glück m ). 
Verschluckt ein Kind das Herz einer 
K., dann wächst es nicht mehr 112 ). Ist 
Obst gestohlen worden, so vergrabe man 
eine lebende K., dann muß ebenso unter 
Qualen der Dieb sterben U3 ). Wer das 
Herz einer schwarzen K., das in der 
Milch einer schwarzen Kuh gekocht ist, 
bei sich trägt, kann sich unsichtbar 
machen und ist kugelfest 114 ). Sich un¬ 
sichtbar machen kann man auch mittels 
eines Däumlings, der aus einem in der 
Milch einer schwarzen Kuh gekochten 
Ohr einer schwarzen K. gefertigt ist U5 ), 
oder aus einem schwarzen K.nbalg, 
an dem kein weißes Haar sein darf U6 ). 
Der Genuß von Erbsen, die aus einem 
K.nkopf gewachsen sind, bewirkt eben¬ 
falls Unsichtbarkeit m ), wie denn ein 
K.nkopf überhaupt diese Fähigkeit ver¬ 
leiht 118 ). Auch ein bestimmter Knochen 
einer schwarzen K., den man bei sich 
trägt, macht unsichtbar 119 ) oder zeigt 
vergrabene Schätze an 120 ). Mit einer 
Pfeife, die man in der Karfreitagsmitter¬ 
nacht an einem Kreuzweg aus einem 
Knochen einer schwarzen K. gemacht 
hat, kann man Geister zitieren 121 ). Ver¬ 
gräbt man das Herz einer schwarzen K. 
auf einem Kirchhof und scharrt am 
dritten Tag wieder auf, so findet man 
einen kleinen Ring; an den richtigen 
Finger gesteckt, bewirkt er Unsichtbar¬ 
keit 122 ). K.nhim spielt im Liebes¬ 
zauber eine große Rolle; damit kann 
die größte Leidenschaft entzündet wer¬ 
den 123 ). Durch K.nhaare, die man ins 
Essen oder Getränk wirft, kann man 
Zwietracht säen 124 ). Dem Teufel gibt 
der Zauberer gern eine K. im Sack oder 
eine schwarze K., die ganz mit Garn 
umwickelt ist 125 ). Wirft man in ein 
brennendes Haus eine dreifarbige K., 
so löscht man es bald dadurch 126 ). K.n- 
augen, die dreimal drei Tage in Salz¬ 
wasser lagen, faßt man in Silber und 
hat damit ein wirksames Amulett 127 ). 
Wer einen Schatz heben will, muß eine 
schwarze K. opfern oder in einem Sack 


Katze 


1118 


1117 


um die Kirche tragen 128 ). Wer das 
letztere aber in der Christnacht zwischen 
12 und 1 Uhr dreimal tut, ist innerhalb 
der drei nächsten Tage tot 129 ). 

uo) wuttke 127 §173; 265 §388. m ) Oberd- 
ZfVk. 2 (1928), 47. 11J ) ZdVfV. 13 (1903)* 373 ff- 
u3 ) ZdVfV. 20 (1910), 385; Urquell 2 (1891), 125. 
l14 ) Höfler Organ. 241; ZdVfV. 8 (1898), 38 
(Tirol); Wuttke 319 § 474. nß ) Manz 
Sargans 144; Drechsler 2, 268. 118 ) ZfdMyth. 

1 (1853), 237. n? ) Strackerjan 2, 123 Nr. 

355. 118 ) Alemannia 2 (1874), 131; Strackerjan 
2, 146 Nr. 375; Vonbun Beitr. 105 t.; Leo¬ 
prechting Lechrain 74 ff. 119 ) Wuttke 319 
§474; Urquell 3 (1892), 271t.; Mannhardt 
Abergl. 7. 82. 12 °) Mannhardt a. a. O. m ) 

Drechsler 2, 99. m ) John Westböhmen 318; 
SAVk. 7 (1903), 51 (Bern); ZfdMyth. 3, 331 f.; 
Alpenburg Tirol 359. 123 ) Birlinger Aus 

Schw. i, 416; John Westböhmen 317; Höfler 
Organ. 76 ff.; Sebillot Folk-Lore 3, 78; E. H. 
Meyer Germ. Mythol. 286. 124 ) ZfdMyth. 3, 

321. 125 ) Strackerjan 2,146; Bohnenberger 
11; SchwVk. 10, 33. 128 ) Drechsler 2, 140; 

Hovorka-Kronfeld 1, 233. 1,? ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 329; Hovorka-Kronfeld 1, 
233; Seligmann 1, 278. 230. 128 ) Wolf Beitr. 2, 
420; ZfVk. 8, 38; Wuttke 128 § 173. 12 ®) John 
Erzgeb. 233. — Weiteres bei Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 30; ZdVfV. 13, 279. Die altisländische 
Völve trägt eine Mütze aus weißem K.npelz und 
Handschuhe aus K.nfellen (Eiriks saga rauöa 
c. 4). 

9. Wenn die K.n alt werden, 7, 9 oder 
gar 20 Jahre, dann muß man sie aus dem 
Haus schaffen, weil sie zu Dämonen und 
Hexen werden und schädlich wirken 130 ). 
Ungefährlich ist die K., wenn sie schnurrt, 
nach Sonnenuntergang aber ist ihnen 
nicht zu trauen 131 ). Die Falschheit der 
K. wird auch durch den Volksspruch be¬ 
zeugt, daß ein Hund seinen Herrn täglich 
neunmal retten, eine K. ihn aber neunmal 
umbringen will 132 ). Vor fremden K.n muß 
man auf der Hut sein, weil es in Wirk¬ 
lichkeit Dämonen, Truden, Hexen, ja 
der Teufel selbst, sein können 133 ); in den 
Quatembertagen darf man nachts keine 
K. zum Fenster hereinlassen oder strei¬ 
cheln 134 ). Auch arme Seelen gehen in 
K.ngestalt, namentlich wenn eine K. 
über das Grab läuft 135 ). Zahllose Sagen 
berichten von Dämonen, Zauberern und 
Hexen in Gestalt eines Katers oder 
einer K. 136 ). K.n begleiten die Hexen 
auf ihren Luftfahrten 137 ). Häufig wird 
in solchen Sagen berichtet, daß eine 


Verwundung, die man nachts einer un¬ 
heimlichen K. beibrachte, dann bei einer 
Frau am anderen Morgen sichtbar wurde 
und so deren Hexenart bezeugte 138 ). 
Auch in den Hexenprozessen wird die Ver¬ 
wandlung in eine K.oft erwähnt 139 ). Das 
Vieh schädigen solche Dämonen in K.n¬ 
gestalt, sie springen ihm auf den Rücken 
und beißen es tot 140 ). Besonders sind 
es schwarze Kater und K.n mit glühenden 
Augen, von denen die Spukgeschichten 
berichten; manchmal wird erzählt, daß 
sie zu riesiger Größe anschwollen 141 ). 
Jedenfalls stehen ganz schwarze K. stets 
im Verdacht, Teufelstiere zu sein 142 ). Es 
gibt auch Sagen über die Erschaffung 
der K. und ihre Feindschaft mit der 
Maus 148 ). 

13 °) Schramek Böhmerwald 243; Grohmann 
56 Nr. 368ff.; Wuttke 128 §173; Enders 
Kuhländchen 84 ff.; Kühnau Sagen 2, 577; 
Pollinger Landshut 109; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 357; Weinhold Neunzahl 38; Drechs¬ 
ler 2, 98; Bayer. Hefte 3, 83; Egerl. 4 (1900)# 
32; John Westböhmen 201. 214. 256; Leo¬ 
prechting Lechrain 89; ZdVfV. 10 (1900), 56; 
Schulenburg W. Volkst. 74; Wolf Beitr. 2, 
420. m ) Drechsler 2, 98; Engelien u. Lahm, 
23; John Westböhmen 214. 13a ) Schönwerth 
Oberpfalz 1, 355. 357; s. auch Engelien u. 
Lahn 1, 23; Praetor. Phil. 155; ZdVfV. 1 (1891), 
217; s. auchZföVk. 4 (1898), 216. 133 ) Wuttke 
160 §217; W T olf Beitr. 1, 266. 134 ) Meyer 

Baden 514. 135 ) Grimm Sagen 186; Wuttke 

481 § 766. 136 ) Z. B. Reiser Allgäu 1, 195. 

252 ff. 273 ff. 325; Kühnau Sagen 1, 48 ff. 
390 ff. 616; 2, 563 ff.; 3,19. 23. 82. 255; Verna- 
leken Mythen 26 f. 138; Rochholz Sagen 1, 
367; 2, 51 ff.; Panzer Beitr. 1, 198 f.; 2, 58. 66; 
Strackerjan i, 245. 404 ff. 436; 2, 146; 

Meier Schwaben i, 142. 164; ZfrhwVk. 1909, 
202. 269; 1910, nof.; 1913, 61.127.165; Müller 
Siebenbürgen 131 ff.; SAVk. 2, 109. 112; ii, 
135 ; * 5 » 13; 21,190; 25, 140ff. 184. 231; ZdfVfV. 
3 (1893). 39 o; 9 (1899). 80; 11 (1901), 70; 23. 10; 
Engelien u. Lahn 1, 23; Meyer Abergl. 274. 
366; ZfdMythol. 1 (1853), 247f. 22; 2 (1854), 243; 
Luck Alpensagen 59 f.; Grimm Sagen 147 
Nr. 182; Schönwerth Oberpfalz 1, 268. 358; 
3 , 185 f.; Pröhle Unterharz. Sagen 130 ff.; 
Müllenhoff Sagen 207 Nr. 281; Baader Volks¬ 
sagen 27; Lütolf Sagen 213. 346; Meiche 
Sagen 304. 3070.; Schell Berg. Sagen 47. 109. 
301. 413; Bartsch Mecklenburg i, 114. 138. 
217; 2, 11; Eisei Sagen 1430.; Grabinski 
Sagen 46; Urquell 3, 317; 4, 114L; Birlinger 
Volkst. 1, 92. 198; Haupt Lausitz 1, 51 f.; 
Hertz Werwolf 71 ff.; Heyl Tirol 535 Nr. 105; 
Kohlrusch 336; Sommer Sagen 62 Nr. 55; 
Baumgarten Heimat 1, 75; Böckel Deutsche 


1119 


Katze 


1120 


Volkss. 88; MschlesVk. 13, 87; ZdVfV. 3 (1893), 
390; Kühnau Sagen 3, 28 ff.; Alpenburg 
Tirol 214; SchwVk. 2, 11 ff.; Klingner Luther 
84; Schulenburg Wend. Volkst. 151; Wolf 
Beitr. 2, 164t. 269; Knoop Hinterpommern 81. 
84; Vonbun Beitr. 10; S6billot Folk-Lore 3, 
122 ff.; Correvon Gespenstergeschichten 12. 
20 f.; Schmitz Eifel 2, 34 f.; Gander Nieder¬ 
lausitz 38 Nr. 95; Köhler Voigtland 503; 
Andree Braunschweig 380; Mannhardt 1, 112; 
besonders vgl. man Luther Werke (krit. 
Gesamtausg.) 1, 406; 23, 409. 3 ff.; s. ZdVfV. 
22 (1912), 236. Vielerlei wird auch vom Tanz 
derK.n gefabelt, der in Wahrheit ein Hexentanz 
ist; ein Kater schlägt den Takt, die Tiere geigen 
auf dem Schwanz, vgl. ZfdMyth. 1, 294; 
Witzschel Thüringen 2, 81; Lütolf Sagen 
213 f.; Schönwerth Oberpfalz 1, 359 Nr. 1; 
3, 1850.; Meiche Sagen 294 Nr. 383; Eisei 
Sagenb. 145 Nr. 392 ff.; A. de Cock Volks- 
geloof 1, 105; Grohmann Sagen 228 t.; Schell 
Berg. Sagen 181; Heyl Tirol 615 Nr. 81; 646 
Nr. 115; Möllenhoff Sagen 216 Nr. 293; 
Jecklin Volkstum! . 1916, 457; ZdVfV. 4, 303. 
Der vorgehaltene Daumen schützt gegen eine 
Hexenk., Grimm Mythol. 3, 456 Nr. 643. 
Vergräbt man um Mitternacht an einem Kreuz¬ 
weg ein K.nherz, so kann man Gespensterspuk 
bannen: Egli Gemeindechron. 3, 25. 1S7 ) Wuttke 
160 $ 217; Keller Grab 5, 303; Meier Schwaben 

1, 174; Kuhn u. Schwartz 68. I38 ) Z. B. 

Rochholz Sagen 2, 52 ff.; Bartsch Mecklen¬ 
burg 1, 217; Kühnau Sagen 3, 28; Stracker¬ 
jan 1, 405 f. 435; Meyer Abergl. 273 ff.; 
SAVk. 7, 141; 2, 113; Reiser Allgäu 1, 197; 
ZfrhwVk. 1907, 117; Heyl Tirol 675. 1M ) Sol- 
dan-Heppe 4, 435; Meyer Abergl. 273 f.; 
Urquell 3, 101; Kämpfen Hexen 38; Dettling 
Hexenproz. 72; Lütolf Sagen 200; SAVk. 3, 
217. 140 ) Germania 29, 110; Wolf Beitr. 2, 

271; Birlinger Volkst. 1, 303. 306; Stracker- 
jan 1, 378; Wallis 233. 14x ) Z. B. SAVk. 21 

(1917), 192; 25, 62; Grohmann 56; Wolf Beitr. 

2, 420; ZföVk. 4, 233; Meyer Abergl. 74; 

Bohnenberger 21; ZfdMyth. 2 (1854), 238; 
S6billot Folk-Lore 3, 123; Kühnau Sagen 1, 
228; Grohmann 55 f.; grauer Kater z. B. 
ZdVfV. 8 (1898), 264, blauer: ZdVfV. 11 (1901), 
339 * 1U ) Vonbun 106; Niderberger Unter¬ 
walden 2, 91 ff.; Strackerjan 1, 291; Schell 
Berg. Sagen 26 Nr. 21. 143 ) Drechsler 2, 99; 
Heyl Tirol 245; A. de Cock Volksgeloof 1, 
100 f.; ZdVfV. 5 (1895), 415; Korth Jülich 
ugf.; Schindler Abergl. 26; Reusch Sam- 
land Nr. 80. 144 ) Strackerjan 2, 147; vgl. 

ZdVfV. 16 (1906), 377 ff. 

10. Wenn man nach mythologischen 
Elementen im Volksglauben von der 
K. sucht, wird man weniger an das 
Katzengespann der altnordischen Freya 
erinnern, wozu man früher neigte 145 ), 
sondern einerseits beachte man Wen¬ 
dungen wie „Bullkater“ für den Korn¬ 


dämon und „Wetteraas“ oder „Donner¬ 
aas“ für K.; Gewitterwolken werden 
„Murrkater, Bullkater“ genannt, vom 
strömendem Regen sagt man, „es hagle 
Katzen“, und im Oldenburgischen heißt 
es von der warmen Sonne, „de Summer- 
katten löpe“ 146 ). Diese Ausdrücke er¬ 
klären sich natürlich aus der Eigen¬ 
schaft der K. als Wettertier (s. o. § 2). 
Man glaubt wohl auch, eine K. könne, 
wenn sie mißhandelt werde, Wirbelsturm 
erregen 147 ). Andrerseits aber faßt man 
die K. öfters als eine Art Hauskobold 
auf; Namen wie „Katzenveit“, „Kater¬ 
mann“, „Heinz“, „Hinzelmann“ gehören 
hierher; auch der gestiefelte Kater des 
Märchens mag beachtet werden 148 ). Des¬ 
halb muß durch Spenden die K. besonders 
bedacht werden: vom ersten Brot aus 
der neuen Frucht, vom ersten Küchlein 
oder der frisch gemolkenen Milch ge¬ 
bührt ihr ein Anteil 149 ). So kommt man 
zum Glauben, daß selbst die sonst ge¬ 
fürchtete schwarze K. Unheil auf sich 
ziehen und so zum Segen dienen könne 160 ): 
weil sie selbst ein dämonisches Wesen 
ist, kann sie vor anderen Unholden 
schützen und ihnen den Zugang ver¬ 
wehren. Noch bis zum Jahr 1780 ist 
für den Kanton Zürich eine Buße für 
eine verletzte K. gerichtlich festgesetzt, 
das sog. „Katzenrecht“ 161 ). Auch das 
beweist die Scheu, die man vor dem 
Tier hat 162 ). 

14i ) So z. B. Grimm Myth. 1, 253; Simrock 
Myth. 624; Wolf Beitr. 2, 419; R. M. Meyer 
Religionsgesch. 214; Jahn Opfer gebt. 107 f.; 
Sepp Relig. 274 f.; Quitzmann Baiwaren 127; 
Mannhardt Germ. Myth. 271 1 ; Urquell 3 
(1892), 159; Wolf Beitr. 2, 268; Rochholz 
Sagen 2, 53 f. Das Gespann der Freyja mit den 
wilden K.n scheint dem Pantherwagen der Kybele 
nachgebildet, s. Neckel Balder 1919. Immerhin 
beachte man Verenas K.n, Rochholz Gau- 
göttinen 137; K. der Frau Holle, E. H. Meyer 
Germ. Myth. 285, den mit K.n bespannten Wagen 
des Christmannes, Haltrich Siebenb. Sachsen 
282; Sartori 3, 47 und das Geisterwagen¬ 
gespann mit 99 Paar K.n, Weinhold Neunzahl 
18; s. auch E. H. Meyer Germ. Myth. 239; 
Schell Berg. Sagen 489 Nr. 50; Heyl Tirol 287. 
310. 439. 788; Vonbun Sagen 35 Nr. 26; 
ZfrhwVk. 1908, 275; Rochholz Sagen 1, 374; 
Hoops Reallex. 2, 18 f. 14e ) ZdVfV. 1 (1891), 444; 
Strackerjan 3, 89. 146. 378; SeppÄe/tg. 274 f. 
147 ) ZfdMyth. 2 (1854), 93. 148 ) Grimm Mythol. 1, 


1121 


Katze 


1122 


416; 3, 145; Rochholz Sagen 1, 374; Simrock 
Mythol. 431; Wolf Beitr. 2, 344; Laistner 
Nebelsagen $>2. 297; Hovorka-Kronfeld 1, 233; 
Güntert Kalypso 125. 215. Zum gestiefelten 
Kater vgl. namentlich das Kinderlied: ,,Unse 
Katz* hat Stiefeln an. Reit damit nach Holla¬ 
brunn, Find ein Kindl in der Sunn"; s. ZdVfV. 
4 (1894), 300; Wolf Beitr. 2, 185; dazu Roch¬ 
holz Sagen 1, 346. 378. — Vgl. auch „Hinz, 
des Murners Schwiegervater" bei Licht wer 
Die Katzen und der Hausherr, Str. 3; zu dem 
Namen „Murner" vgl. „Murrkater" und E. Th. 
A. Hoffmanns Kater Murr. 149 ) ZdVfV. 8 
(1898), 130; Schönwerth Oberpfalz 1, 408; 
ZdfVfV. 10 (1900), 55; Müller Jsergebirge 29. 
31; Kohlrusch 340. 16 °) Seligmann 2, 124; 
Kohlrusch 341; Fogel Pennsylv. 142. 161 ) 

Rochholz Sagen 2, 72; Osenbrüggen Studien 
140; Rochholz Kinderlied 71 f.; Naturmythen 
200. 1M ) Vgl. noch Land st einer Nieder¬ 

österreich 44; Arnold von Harff 101, 35. 

11. Daß ein so unheimliches Tier in 
der Volksmedizin größte Bedeutung 
hat, ist sehr begreiflich. Nur einiges sei 
hier beispielsweise erwähnt 153 ). Der Ge¬ 
nuß von K.nfleisch hilft gegen Schwind¬ 
sucht 164 ), das Fett der K. gegen Brand¬ 
wunden 156 ) und Frostbeulen 156 ). Das 
Blut ist gegen die Fallsucht nützlich 157 ), 
namentlich wenn es vom Schwanz der 
K. stammt. Weit verbreitet gegen 
Fieber ist K.nblut, das man dem Ohr 
entnimmt 168 ). Die Leber, zu Pulver 
gebrannt, nützt gegen Gallenstein 1B9 ). Der 
Kot soll einen verschluckten Dom aus 
dem Hals ziehen 160 ). Den entzündeten 
Finger steckt man der K. in das Ohr 161 ) 
oder in den Hintern 162 ), dann heilt er 
schnell. Ein mehrmals bindfadenartig 
zusammengedrehter K.ndarm, um den 
Hals gelegt, lindert Zahnschmerzen 163 ), 
diese vergehen auch, wenn man mit 
einem K.nschwanz über oder durch den 
Mund fährt 164 ). K.nohren legt man auf 
Wunden oder Geschwüre, um sie rasch 
zuheilen zulassen 165 ); K.nkot mit 
Senf zusammengeknetet gibt ein Mittel, 
den Haarwuchs zu befördern 168 ), K.nkot, 
über Branntwein abgezogen, gilt als Heü- 
mittel gegen Epilepsie 167 ). Der Schweiß 
einer abgehetzten K. ist gut gegen Zahn¬ 
schmerzen 168 ). Der Ham einer K. soll 
gegen Trunksucht wirken 169 ). Gegen 
Kopfschmerzen macht man einen Um¬ 
schlag mit K.nkot und Essig 17 °); 
auch etwas K.nhim, morgens nüchtern 

Bftchtold-Stäubli, Aberglaube IV 


genommen, soll dieselbe Wirkung haben 171 ). 
Weit verbreitet ist es, den verbrannten 
Kopf einer K. zu Pulver zu verreiben 
und als Heilmittel gegen den Star in 
das kranke Auge zu streuen 172 ). Das 
Hirn der K., das im Liebeszauber eine 
so große Bedeutung hat (s. o. § 8), erregt 
Wahnsinn 173 ); doch will man Hals¬ 
entzündung damit heüen 174 ) und Gelb¬ 
sucht 17S ). Die Leber der K. gilt schon 
im Altertum als Mittel gegen Fieber 176 ). 
Das K.nfell dient gegen Gicht und 
Rheumatismus, gegen Leib- und Brust¬ 
schmerzen und wird möglichst frisch 
und noch warm aufgelegt 177 ). Bemerkens¬ 
wert ist, daß die Galle der K. niemals 
verwendet wird, das Herz auch nur 
selten 178 ). Die K. zieht Krankheiten 
an sich, weshalb man sie gern bei dem 
Kranken schlafen läßt 170 ). Gegen den 
bösen Blick kann man ein Kind schützen, 
wenn man eine K. an den Beinen packt, 
sie über die Wiege schwingt und dann 
hinein wirft 18 °). Mit dem Wasser von dem 
Teich, in dem K.n und Hunde ersäuft 
werden, kann man Kopfgrind heüen 181 ). 
Verwundete K.n heüen sich selbst, indem 
sie die kranke Stelle fortwährend be¬ 
lecken 182 ). Ein Biß einer K. güt für sehr 
bösartig: der Finger, der verwundet ist, 
wächst bei Kindern nicht weiter 183 ). 
Endlich sei hier noch eine mittelalterliche 
Theorie über die Entstehung von Seuchen 
erwähnt: man glaubte, eine K., die eine 
Kröte blutig leckt, sei von derem Gift 
durstig geworden und vergifte nun alle 
Trinkbrunnen, wodurch sich eine Seuche 
ausbreite 184 ). 

163 ) Literat, für weitere Mittel: Jühling 
Tiere 100 ff.; Hovorka-Kronfeld 1, 233; 
2, 98; Höhn Volksheilk. 1, 110; Höfler Organ. 
74 ff-» ZdVfV. 1. 192. 323; 5, 39; 8, 39; 22, 235 f.; 
Müller Isergeb. 13; Fogel Pennsylv. 336; 
Drechsler 2, 303; Lammert 186; Frisch¬ 
bier Hexenspr. 42; Urquell 3, 272; Lessiak 
Gicht 123 f.; Lewalter-Schläger Nr. 168. 
1M ) Wuttke 127 § 173; Grohmann 179; 
Hovorka-Kronfeld 1, 233; 2, 284; Jühling 
Tiere 103; Höhn Volksheilk. 1, 93 f.; Seyfarth 
Sachsen 297; ZfrhwVk. 1909, 268. 1W ) Köhler 
Voigtland 350; Seyfarth Sachsen 297; Schön- 
wert h 1, 359. 1M ) Seyfarth Sachsen 

297; SAVk. 8, 151; s. noch ZdVfV. 8, 39; 
Hovoi ka-Kronfeld 2, 275. w7 ) Wuttke 

355 § 532 ; Haltrich Siebenbürger Sachsen 290; 

36 


1123 


Katze 


1124 


ZdVfV. 8 , 39; ZfrhwVk. 1909, 268; Woeste 
Mark 55 Nr. 10. 188 ) Birlinger Volkst. 1, 488; 
Hovorka-Kronfeld 1, 80. 139; 2, 327; Lam- 
mert 264; S6billot Folk-Lore 3, 131; Meier 
Schwaben 2, 513; Grimm Mythol. 3, 475; 
ZdVfV. 7, 71. «•) ZdVfV. 8, 39; Höfler Organ. 
164. 180 ) Lammert 242; Hovorka-Kronfeld j 
2, 19* 181 ) Lammert 215; Seyfarth Sachsen 
191; Fogel PennsyJv. 272; Jühling Tiere 103; 
ZfdMyth. 3, 174. 182 ) ZdVfV. 5, 414: „Heile, 

heile Kätzle, Kätzle hat e Schwänzle, Hat e ; 
Löchle auch derbei, Fritzle, steck dei Wewele j 
nei"! 163 ) ZfrhwVk. 1914, 164t.; Urquell 4, 
154. le4 ) Drechsler 2, 235; Jühling Tiere 
102; Lammert 121; Haltrich Siebenb. 290; 
s. noch Urquell 1, 205. 1«) ZdVfV. 8, 38 (Tirol). 
1M ) ZdVfV. 13, 271. 187 ) Bartsch Mecklen¬ 

burg 2, 106 f. 188 ) Lammert 236; Grohmann 
170. ie# ) Schulenburg 104. 170 ) Hovorka- 
Kronfeld 2, 190; Hofier Organ. 78; Höhn 
Volksheilk. 1, 123. m ) SAVk. 15, 188; Jühling 
Tiere 99. 102. 105; Lammert 229. 172 ) ZdVfV. 
i, 223; Zahler Simmenthal 75 f.; Höfler 
Organ. 75 h; Heyl Tirol 7 88; Staricius 
Heldenschatz 546 f.; Bartsch Mecklenb. 2, ioif. 
173 ) Höfler Organ. 75 ff.; Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 37. 174 ) Höfler Organ. 78; Wuttke 357 
§ 537 . 176 ) Lammert 249. 17# ) Plin. XXVIII, 
66; Höfler Organ. 164. 177 ) Hovorka-Kron¬ 
feld 2,43.125; ZfrhwVk.1913,186; Mannhardt 
i, 146!.; Jühling Tiere 107. 345 f.; Höhn 
Volksheilk. 1, 90; Lammert 141. 177. 253; 
ZfrhwVk. 1905, 246; 1907, 301; 1909, 268; 
Schönwerth Oberpfalz 3, 267. 178 ) Höfler 

Organ. 201. 240 h; Alpenburg Tirol 380. 
17# ) Jühling Tiere 103. 107; Unoth 1, 186; 
Strackerjan 2, 146; Hovorka-Kronfeld 

1, 233; Wuttke 326 f. § 485. 18 °) Seligmann 

2, 124; ZdVfV. 1901, 326. 181 ) Urquell 3 

(1892), 206. 18a ) ZfrhwVk. 1909, 268; leckt die 
K. den Schaum am Euter der Kuh, so ist das für 
die Kuh gut, SAVk. 8, 153. 183 ) Engelien u. 
Lahn 1, 23. 184 ) Hovorka-Kronfeld 2, 275. 

12. Die K. ist erst verhältnismäßig 
spät wichtiges, allgemein verbreitetes 
Haustier geworden 185 ); aber sobald das 
geschah, stellte sich infolge der eigen¬ 
tümlichen Natur dieses Tieres, das am 
Haus und nicht am Menschen hängt, mit 
seinem leisen Raubtiergang, den grün¬ 
lichen, besonders auch nachts leuchtenden 
Augen und dem elektromagnetischen Fell 
sofort die Auffassung eines, namentlich 
im Alter, unheimlichen, dämonischen 
Wesens ein. Wir haben hier also echte 
volkstümliche und bodenständige Ge¬ 
danken, die freilich ähnlich bei den 
verschiedensten Völkern wiederkehren 1SS ). 
Manche Ortsnamen weisen auf lokale 
Sagen hin 187 ), auch für Pflanzen wurde 


der Name der K. gebraucht 188 ). Solche 
bezeichnenden Eigennamen, wie sie der 
Hund führt, hat die K. nie gehabt 189 ): so 
nützlich die Mäusefeindin sein mag, so 
zierlich und reinlich ein junges Kätzchen 
ist, das Volk ist von der Falschheit des 
Tiers überzeugt 190 ). 

185 ) Doch gibt es schon bei Pfahlbauten 
Knochenreste von der K., Ebert Realiex. 6, 
245; die Indogermanen kannten die zahme K. 
nicht, s. Schräder Reallex. 1, 562 f.; Hoops 
Reallex. 3, 18 f; ferner Friedberg 55. 18s ) 
ZdVfV. 11 (1901), 93; 16 (1906), 128; Selig¬ 
mann 2, 124; Meyer Aberglaube 274; besonders 
ZdVfV. 24 (1914), 98. 187 ) Z. B. Bartsch 

Mecklenburg 1, 138 (K.n-Grund); Wolf Beitr. 2, 
420 (K.n-Stein); Strackerjan 2, 146 Nr. 375 
(Kattenberg usw.); Soldan-Heppe (K.nellen- 
bogen) usw. 188 ) Marzeli Pflanzennamen 219 f. ; 
Urquell 3, 257 (K.nsporn); Strackerjan 2, 
146 Nr. 375 (Kattenwocken). Quartzkugeln 
heißen „K.nsteine“ Hovorka-Kronfeld 2, 
278; Urquell 3 (1892), 58; harzige Ausschwitzun¬ 
gen heißen K.n-Gold; Strackerjan 2, 146 Nr. 
375. 1M ) ZdVfV. 3 (1893), 50; 10 (1900), 55; 
Mannhardt 1, 93; Rochholz Kinderlied 294; 
ZfdMyth. 2 (1854), 95; Deutungen der K.n- 
sprache: Urquell 5 (1894), 56; ZdVfV. 13 (1903), 
94; Bartsch Mecklenburg 2, 140. Viele K.n- 
namen bei Wossidlo Mecklenb. Volksüberl. 2 
(1899), 459 ff.; K. im Sprichwort s. Seiler 
Sprichwörter künde s. Index; Drechsler 2, 
98; Urquell 4 (1893), 275; Strackerjan 2, 
146 Nr. 375; Höhn 10; A. de Cock Volks- 
geloof i (1920), 103; John Westböhmen 214; 
Engelien u. Lahn 268; John Erzgeb. 233; 
Wolf Beitr. 1, 224; Urquell 3 (1892), 206 (K.n- 
Spur). K. als Schimpfname: Kuhn West¬ 
falen 1, 161 f. Nr. 167 t.; ZfdMyth. 2 (1854), 
239 (K.n-Küsser). K.nsprache bei Wossidlo 
Mecklenb. Volksüberl. 2, 72 ff., Benennungen 
der K.n-Laute, ebda. 43. 19 °) Weitere allgemeine 
Lit.: Wundt Mythus u. Religion 2, 157; 
Wrede Rhein. Volksk. 94. 103; Sartori 2, 
129; Sittl Gebärden 117. 124; Quitzmann 
Baiwaren 244; Reuterskiöld Speisesakram. 
56. 109; Liebrecht Gervasius 63. 137. 155; 
Haltrich Siebenbürg. 101. 289 f,; Heer Alt- 
glarn. Heidentum 22; Keller Haustiere 50 ff.; 
Drechsler Haustiere 10; Köhler Voigtland 
503; Jahresber. über die Fortschr. d. klass. 
Alt.-Wiss. 8, 1890; Pauly-Wissowa 11, 1, 
52 ff.; Grimm Mythol. 1, 254; 2, 557. 918 f.; 
3, 192; Wlis 1 ocki Zigeuner 14; Magyaren 179; 
Mannhardt 2, 354; Gubernatis Tiere 371 ff.; 
Bolte-Polivka 3, 542 f.; Fischer Altertums¬ 
kunde 53; Hoffmann-Krayer m; Frazer 
12, 209 f.; S6billot Folk-Lore 4, 438; Tetzner 
Slaven 94; Germania 20 (1875), 349; MschlesVk. 
11 (1909), 55 f.; 21 (1919), 144; Schrader-Hahn 
Kulturpfl. u. Haust 8 1911, 4630.; Hoops 
Reallex. 3, 18 f.; Schräder Reallex. 1 ; 562ff.; 
Ebert Reallex. 5, 221; 6, 245. Güntert. 


1 


* 



1125 


Katzenhexe—Katzenmusik 


1126 


Katzenhexe s. Hexe 3, 1871 f. 

Katzenminze (Nepeta cataria). 

1. Botanisches. Lippenblütler mit 
herzförmigen, am Rande grobgesägten 
Blättern. Die Blüten sind weiß oder 
rötlich. Ab und zu in Dörfern, auf 
Schutt, an Zäunen; eine zitronenartig 
riechende Abart wird manchmal inBauem- 
gärten gezogen J ). 

x ) Marzeli Kräuterbuch 333. 

2. Die Wurzel soll Zorn erregen, wenn 
sie ein wenig gekaut wird. Man erzählt, 
daß ein Scharfrichter, der ein sehr weiches 
Herz gehabt, vor jeder Hinrichtung von 
dieser Wurzel habe kauen müssen, um 
nicht vom Mitleid übermannt zu werden 2 ). 
Nach Schroeder 3 ) erzählt dies der 
Alchymist und Botaniker Thurneysser 
{16. Jh.), der Aberglaube ist also nicht 
,.aargauisch“, wie es an der vorher an¬ 
gegebenen Stelle heißt. 

a ) ZfdMyth. 1, 446. 8 ) Apotheke 1693, 1069. 

3. Hat eine Hexe der Kuh die Milch 
gestohlen, so pflückt man stillschweigend 
vor Sonnenaufgang im zunehmenden Mond 
drei Stengel der K. im Namen der Drei¬ 
einigkeit, wäscht zuerst das Melkgefäß 
damit (wohl mit dem Absud der K.) aus, 
salzt sie dann gut und gibt sie der Kuh 
zu fressen. Während sie frißt, sagt man j 
dreimal: 

Herr me Gott 
Half desem Krot 
Gäw mi det Meng 
Löss äm det Seng. 

So erhält die Kuh die Milch wieder 4 ). 
K. legt man unter das Bett der Wöch¬ 
nerin 5 ). Manchmal wird die K. als 
„weißer Dorant“ (s. d.) bezeichnet, das 
bekannte hexen widrige Kraut 6 ). 

4 ) Schullerus Pflanzen 355. & ) Gaßner 
Mettersdorf 12 f. Ä ) SAVk. 23, 172. Marzeli. 

Katzenmusik. 

1. Man versteht darunter Aufzüge 
von häufig maskierten, mit Lärminstru¬ 
menten aller Art versehenen Burschen 
vor das Haus einer vorher bestimmten 
Person, wo — auf ein gegebenes Zeichen 
des Anführers — durch Schreien, Johlen, 
Pfeifen und die mitgebrachten Geräte 
ein Höllenspektakel veranstaltet wird. 
Der Brauch, welcher nächtlicherweüe 
oder in der Dämmerung geübt wird, ist 


am stärksten in den an romanisches 
Stammesgebiet grenzenden Ländern West- 
und Süddeutschlands (einschl. Österreichs 
und der Schweiz) verbreitet, wo er mit 
dem verwandten Charivari zusammen¬ 
fließt. 

2. Die Etymologie des dem roma¬ 
nischen Sprachstamm angehörigen Wortes 
Charivari ist ungeklärt. Gamillschegg, 
Etymolog. Wörterb. d. franz. Sprache, 
Heidelberg (1928), v. Qharivari, hält es 
für Schallbildung „wie das bei Du Cange 
(s. v. caria 2) belegte cary-cary x ), das die 
älteste Form des Wortes sein dürfte“ und 
erklärt es mit: Lärm der Hochzeitsgäste 
beim Verschwinden des jungen Paares. 
Eine Zusammenstellung von 27 Varianten 
des Wortes und verschiedener Deutungs¬ 
versuche bei G. Phillips (Über den Ur¬ 
sprung der K. Freiburg 1849) S. 61 ff. 2 ). 
Andere technische Bezeichnungen z. B.: 
schellen, moregiigen, keßlen, küblen 3 ), 
hörnen, hömlen 4 ), trychleten (treich- 
lete) 5 ), Schalwaari, den schalwaari 
schloon, klopen, den scharebari schla¬ 
gen 8 ), far cavals 7 ), mantineda 8 ), matti- 
nadas 9 ), bavarella 10 ) u. a. m. 

3. Der Brauch tritt auf deutschem 
Boden zumeist als Akt der sitten¬ 
richterlichen Tätigkeit des Bur¬ 
schenverbandes in Erscheinung, als 
öffentliche Brandmarkung in Fällen, die 
das Verhältnis der beiden Geschlechter 
zueinander bzw. das Eheleben betreffen 
und zwar: wenn das sittliche Empfinden 
des Volkes bzw. alter Brauch verletzt 
erscheint, sowie als Ausdruck von Hohn 
und Spott, der sich mitunter in naiv¬ 
rücksichtsloser Weise auch über den 
leidenden Teil ergießt. 

Mädchen, die sich schlecht auf führen, 
anderswohin tanzen gehen 11 ), in ein an¬ 
deres Dorf heiraten 12 ), werden K.en 
dargebracht; im letzten Fall ist ein Los¬ 
kaufen möglich 13 ). Den in der Fastnachts¬ 
zeit erwischten fremden Kilter führt die 
Burschenschaft in schimpflichem Umzug 
unter K.begleitung durchs ganze Dorf 14 ). 
Bei Auflösung eines Verlöbnisses wird vor 
dem Haus der verlassenen Braut eine 
K. veranstaltet (Oberinntal) 15 ); der zu¬ 
rückgewiesene Freier erhält sie am Vor- 




1127 


Katzenmusik 


1128 


abend der Hochzeit des Mädchens mit dem 
glücklicheren Bewerber 16 ). Die Heirat 
übelbeleumdeter oder mißliebiger Per¬ 
sonen wird in der Schweiz durch K.en 
kundgetan 17 ); es genügt, wenn nur der 
Hochzeiter nicht genehm ist (Emmen¬ 
tal) 18 ). 

Mitunter nimmt die K. sogar die Form 
eines dramatischen Spieles an, so beim 
sog. „Hornergericht“, das schlechte Braut¬ 
leute oder liederliche Ehegatten bei der 
Ankunft im Heim nächtlicherweile emp¬ 
fängt, wobei eine Gerichtssitzung nach¬ 
geahmt wird, in welcher das durch zwei 
in Lumpen gehüllte Masken dargestellte 
Paar symbolisch zum Tode verurteilt und 
unter K.begleitung gehängt sowie schlie߬ 
lich verbrannt wird 19 ). 

Auch die Heirat eines alten Mannes 
mit einer jungen Frau bzw. eines jungen 
Mannes mit einer Alten verletzt die Sitte 
und wird in verschiedenen Gegenden 
(Saarland 20 ), Franz.-Lothringen 21 ), Frank¬ 
reich 2Z ), England 23 )) durch K.en gerügt. 
Ganz besondere Mißbilligung erfährt die 
Hochzeit verwitweter Personen 24 ), vor 
allem eine 2. Ehe von seiten der Frau 25 ), 
in deren Verspottung sich das Volk nicht 
genug tun kann. Dies büdet in Frank¬ 
reich die häufigste Veranlassung für K.en, 
wie aus der Erklärung von charivarium, 
chalvaricum bei Du Cange hervorgeht. 
Auch die Wiedervereinigung geschiedener 
Eheleute fordert den Spott des Volkes 
heraus und wird durch K.en gebrand¬ 
markt 26 ). Wie das „Ausschellen“ der 
entlaufenen Weiber 27 ) ist ein „Zusam¬ 
menschellen“ nach ihrer Rückkehr üb¬ 
lich 28 ); beides erfolgt durch formelhafte 
Verkündung durch den Anführer des 
Schwarms mit Einlagen von K.en. Schlie߬ 
lich wird auch ehelicher Unfrieden, Zank 
und Prügelei, sobald sie ruchbar geworden, 
durch K.en geahndet 29 ); sie können 
sowohl dem Teil gelten, der die Prügel 
austeilt 30 ), wie jenem, der sie erhält 31 ). 
Es ist nicht immer verletztes Rechts¬ 
empfinden, das sich darin äußert: fröh¬ 
liche Verspottung des gemaßregelten 
Teiles, bes. wenn es die Frau ist, ist nur 
zu häufig fühlbar; so, wenn z. B. in 
Schwaben während der Pausen zwischen 


den K.n ein Bursch in einen irdenen Topf 
hinein stöhnt und heult, um damit die 
jammernde Frau darzustellen, welche 
die Schläge erhält 32 ). 

4. Neben jenen Berichten, in welchen 
die K. als öffentliche Brandmarkung einer 
das sittliche Empfinden des Volkes ver¬ 
letzenden Handlung erscheint und damit 
in nahe Beziehung zum Haberfeldtreiben 
(s. d.), Tierjagen 33 ) u. ä., also in den 
Komplex volkstümlicher Rügegerichte 34 ) 
tritt, stehen andere, welche den Brauch 
im Gegensatz zur erstgenannten Bedeu¬ 
tung geradezu als Wohltat, sein Unter¬ 
bleiben als Kränkung empfinden lassen. 

Fließen die Quellen hierüber auf deut¬ 
schem Boden auch spärlicher, scheint 
doch die Annahme berechtigt, daß sich 
in ihnen hochaltertümliche Züge erhalten 
haben, die zur Erklärung des Brauches 
von wesentlicher Bedeutung sind. 

Im Bündner Oberland betrachtet das 
neuvermählte Paar die ihm von der 
Knabenschaft dargebrachte K. als Ehrung 
und stattet seinen Dank durch eine Wein¬ 
spende ab 35 ). Dieser Wein heißt dort 
il vin de cavals 36 ), wie der Brauch selbst 
unter der Bezeichnung „far cavals“ (vgl. 
o. Anm. 7) bekannt ist. Auch in Tirol 
pflegt man ein Hochzeitspaar, das be¬ 
liebt ist, daheim mit einer K. zu emp¬ 
fangen 37 ), in Baden bringt die Burschen¬ 
schaft den Neuvermählten eine Stunde 
nach dem Zubettgehen „ Scharewares“ 
dar 38 ). 

Als sog. „faules Weib singen“ kennt 
diese Art Ständchen besonders der Wipp¬ 
taler 39 ) und empfindet ein Unterlassen 
des Brauches geradezu kränkend 40 ). 

Charakteristisch ist die Verknüpfung 
der K. in dieser Bedeutung gerade mit 
der Hochzeitsfeier, während sie im 
ersten Fall an den Verkehr der Geschlech¬ 
ter im allgemeinen gebunden war. Zum 
Verständnis dieses Brauches führt eine 
Gepflogenheit des Genfer Landvolks, in 
der Fastnachtszeit, bzw. am ersten März- 
Sonntag, den Ehe- und Kinderlosen 
K.en darzubringen ti ). 

Dies ist nicht etwa nur als Ausdruck 
der Mißbilligung zu deuten, denen Ehe- 
bzw. Kinderlosigkeit in der Anschauung 


II29 


Katzenmusik 


1130 


B. des Volkes allgemein unterliegen 42 ), es 
offenbaren sich hier die dem Brauch zu- 
J gründe liegenden Vorstellungen in aller 

J; wünschenswerten Deutlichkeit als Dä- 

monenabwehr bzw. Fruchtbarkeits- 
y zauber, wie er ja gerade bei der Hoch- 

, zeit in verschiedenen Formen, vor allem 

• • 

u im Polterabend (s. d.) und Hochzeits¬ 
schießen (s. Hochzeit § 6, schießen, 
Schuß) zum Ausdruck kommt. 

In diesem Zusammenhang ist wohl auch 
die mehrfach erwähnte Gewohnheit zu 
f* verstehen, der Burschenschaft für ihren 
Aufzug Gaben zu verabfolgen 43 ). Segen- 
vermittelnde Umzüge, verbunden mit 
. Gabensammeln sind eine alte, durchaus 
volkstümliche und weitverbreitete Sitte, 
die zu allen Festzeiten des Jahres, bes. in 
der Winter-Frühjahrsperiode, beobachtet 
werden kann 44 ). 

Wo die ursprünglich segenbringende 
\ Bedeutung der K. verblaßt ist oder die 
Sitte als lästig empfunden wird, pflegt 
man sich durch eine Spende davon los¬ 
zukaufen 45 ). Hochzeitern, die keine, 
oder eine zu geringe Spende verabreicht 
haben, bringt die Knabenschaft als Aus¬ 
druck ihrer Unzufriedenheit eine K. 
dar 46 ), die so lange andauern kann, bis 
sie das Gewünschte erhält 47 ). 

Aus dem Gesagten ist wohl ersichtlich, 
daß es nicht angeht, für die K.en eine 
einzige Erklärung suchen zu wollen. 
Gerade im lebenden Brauchtum fließen 

. t _ 

häufig auch divergierende Elemente zu¬ 
sammen; dieselbe Schar Jungen, die vor 
dem Haus angesehener und beliebter 
Leute den alten Brauch in ehrender Ab¬ 
sicht geübt hat, kann vor dem nächsten 
Haus, bei Verweigerung einer Gabe, in 
derselben Weise ihrem Unwillen Aus¬ 
druck verleihen. Daher sagt Hoffmann- 
Krayer mit Recht, daß man nicht jedes¬ 
mal feststellen könne, ob diese „tumul- 
tuösen Äußerungen der Jungmannschaft 
als Strafe oder als Wohltat zu deuten 
sind“ 48 ). 

5. Auch im Jahresbrauchtum 
sind K.en in beiden genannten Bedeu¬ 
tungen zu beobachten, allerdings geht 
hier der Begriff „K.“ vielfach in den all¬ 


gemeinen von „Lärmumzug“ über (vgl. 
Lärm). 

Den verschiedenen Höllenmusiken, die 
in den Umzügen der Winter-Frühjahrs- 
periode auf deutschem Boden noch in 
der Gegenwart gebräuchlich sind, liegt 
bekanntlich die Vorstellung einer Dä¬ 
monenabwehr bzw. Förderung der Wachs¬ 
tumskräfte (vgl. Lärm) zugrunde. Diese 
Absicht tritt besonders deutlich zutage, 
wenn, wie z. B. im Kanton Schwyz, die 
Knaben am ersten Fastnachtstag mit 
Kuhschellen, Klappern u. dgl. m. unter 
die Kirschbäume laufen und einen Heiden¬ 
lärm verursachen, um dadurch deren 
Fruchtbarkeit zu erhöhen 49 ) (vgl. das 
österreichische Grasausläuten). Uber 
das „Einschellen“ der einzelnen Fest¬ 
zeiten (Einholen von Festen durch ohren- 
zerreißende Musik) s. Lärm, läuten, 
Schelle. 

Anderseits tritt bei den winterlichen 
Lärmumzügen, bes. in der Zeit zwischen 
Silvester und Fastnacht auch stark das 
volksrichterliche Element in den 
Vordergrund. In Klingnau brachten 
die Nachtbuben zu Silvester bzw. Neu¬ 
jahr mißliebigen Personen eine K. dar, 
indem sie irdenes Geschirr, Schüsseln, 
Milchhäfen u. ä. m. vor deren Haustür 
werfen: je stärker das Geklirr, desto 
größer die Freude 60 ). An vielen Orten 
der Schweiz und Österreichs wird in der 
Faschingszeit vor den Häusern mi߬ 
liebiger oder unehrenhafter Personen ein 
ganzes Sündenregister verlesen, das häufig 
von K.en unterbrochen wird 51 ). 

6. Zusammenfassend sei darauf ver¬ 
wiesen, daß die K. jene beiden Elemente 
in sich vereint, die dem Fastnachtsbrauch¬ 
tum sein charakteristisches Gepräge geben: 
Vegetationszauber und ungebundene Volks¬ 
justiz, und es liegt der Gedanke nahe, 
sie als Urform der vielgestaltigen Fast¬ 
nachtsaufzüge anzusehen; enthält sie doch 
auch schon Ansätze zu dramatischem 
Spiel, wie die Schilderung des Homer¬ 
gerichts in der Schweiz (vgl. o. Anm. 19) 
deutlich erkennen läßt. 

Auch die im Romanischen stark be¬ 
tonte Vermummung (Verkleidung in 
Tiergestalt, wie Hirsch, Kalb, Ziege und 


1 



Katzenpfötchen 


1132 


II3I 

Nachahmung jener Tierstimmen) be- 1# ) ZfVk. 10, 405. 17 ) SAVk. 8, 172; 19, 187; 

weist den engen Zusammenhang von K. 25t ? 8o; x? offm ^ n o "^ ra / e L 3 ^ '*1 S ^ Vk i 

und Fastnachtsaufzug. Für die deutsche 368 n) Böcke i Psychologie 344; ZfrwVk. 2, 
K. ist diese Vermummung nur verein- 157. 22 ) Böckei u. ZfrwVk. ebd. 23 ) Böckei ebd. 


zeit bezeugt, hier hat sich der Brauch 
mehr in sittenrichterlichem Sinn ent¬ 
wickelt, während er in der romanischen 
Überlieferung seinen alten Charakter 
als Vegetationszauber treuer bewahrt hat. 

So ist die K. im deutschen Volksbrauch 
der Gegenwart als Rest alter indoger¬ 
manischer Schwarmumzüge anzusehen, 
wie sie für die klassischen Völker der An¬ 
tike L. Radermacher in seiner grund¬ 
legenden Einleitung in die Frösche des 
Aristophanes aufgezeigt und charakteri¬ 
siert hat 62 ). Daß sie auch dem ger¬ 
manischen Norden nicht fremd gewesen, 
beweist der zähe Kampf, den durch das 
ganze M. A. die katholische Kirche gegen 
diese Überlieferungen aus vorchristlicher 
Zeit geführt hat 53 ). 

Die Geschichte der K.en ist noch 
nicht geschrieben. Man müßte dabei 
wohl von den Trägern des Brauches, 
den Burschen verbänden, ausgehen; treu 
und zäh hat Schweizer Brauchtum uralte 
Überlieferung bewahrt, da dort die 
Knabenschaften noch heute Wahrung 
der Sitte und des Anstandes bes. im Um¬ 
gang mit dem andern Geschlecht und 
gemeinsames Auftreten bei kultischen 
Handlungen als ihre vornehmsten Pflich¬ 
ten betrachten. Eine auf breiter Basis 
aufgebaute Untersuchung altgermani¬ 
scher Männerbünde könnte mehr 
Licht auf den Ursprung der K.en werfen. 

x ) Ein in der Normandie gebräuchlicher 
Ausruf, durch den das Volk zur Verhöhnung 
gegen die Steuerbeamten auffordert, vgl. auch 
Phillips Ursprung der K.en, Freiburg 1849, 62. 
*) Vgl. ZfrwVk. 2, 157; Simrock Mythologie 
552 f. 8 ) SAVk. 8, 87. 172; vgl. Bächtold 
Hochzeit 1, 298. 4 ) SAVk. 8, 165; 21, 81; vgl. 
Bächtold Hochzeit 1, 298. 6 ) SAfVk. 1, 146; 
2, 140t.; 11, 267; Hoffmann-Krayer 59 

(Treichle-Schelle); Bächtold a. a.O. •) ZfrwVk. 
2, 156; Wrede Rheinland 224; ders. Eifeier 
Volksk. 200. 7 ) SAVk. 2, 140; 8, 165; 30, 

23; Phillips a. a. O. 61. 8 ) SAVk. 1, 281; 

8, 165. •) Ebd. 18, 159. 10 ) Ebd.; andere Be¬ 
zeichnungen: Bächtold a. a. O.; SAVk. 8, 164. 
u ) SAVk. 15, 98. 12 ) Ebd. 2, 141; vgl. 16, 85 t. 
ii, 267; Bächtold a. a. O. 1, 299. 13 ) SAVk. 
2, 141. 14 ) Ebd. 1, 280. 16 ) Zingerle Tirol 223 f. 


(mit Literatur); Simrock a. a. O. 552. 24 ) Phil¬ 
lips a.a.O. 5; ZfVk. 10, 207; Simrock a.a.O. 
551; ZfrwVk. 2, 156; 6, 292; SAVk. 2, 141; 
18, 159; Hoffmann-Krayer a. a. O. 59; 
Fox a. a. O. 368. 25 ) Weinhold Frauen 2, 36 f.; 
Hoffmann-Krayer ebd.; Fox a. a. O. 484, 
Anm. 433; Böckei ebd.; ZfrwVk. 2, 157; ZfVk. 
10, 206; SAVk. 8, 166, 172 f. (mit Literatur); 
vgl. Phillips a. a.O. 51 ff. 2# ) SAVk. 2, 141; 
4, 308; 8, 165; Hoffmann-Krayer a. a. O. 
27 ) SAVk. 4, 308. 28 ) Ebd. 8, 165. 172 f. 307 f.; 
Hoffmann-Krayer a. a. O. 2> ) Meier 
Schwaben 2, 497; SAVk. 8, 87. 164 f.; Simrock 
a. a. O. 552. 80 ) SAVk. 2, 141; ZfVk. 26, 104; 
Wrede Eifeier Volksk. 200; ders. Rheinland 
223 f. 81 ) ZfVk. 26, 104; Böckei a. a. O. 
82 ) Meier a. a. O.; vgl. SAVk. 8, 164 f. 
M ) ZfrwVk. 2, 156; 27, 89; Simrock a. a.O. 
55of.; Wrede Rheinland 171. 223 f.; ders. 
Eifeier Volksk. 159. 200. M ) H. Usener 
Italische Volksjustiz (Rhein.Mus. Bd. 56). 
w ) SAVk. 2. 140; 8, 172. 86 ) Ebd. 2, 140. 

87 ) ZfVk. 10, 202 ff. 206 ff. *•) Meyer Baden 
316. 8# ) ZfVk. 10, 202. «>) Ebd.; ZfrwVk. 10, 
222. 41 ) SAVk. 7, 161; 11, 267; Sartori Sitte 1, 
121; Hoff mann -Kray er a. a.O. 59. 42 ) Becker 
Frauenrechtliches 46 ff.; vgl. SAVk. 8, 166. 
43 ) SAVk. 11, 267; vgl. ZfVk. 10, 207 (Ober¬ 
österreich). 44 ) Literatur bei Sartori 3, 11; 
vgl. Fehrle Volksfeste 104; Geramb Brauch¬ 
tum 7. 9. 10. 31 f. 95. 97. ioif. (mit Lite¬ 
ratur); vgl. zuletzt Meuli im SAVk. 28, 1 ff. 
* 5 ) SAVk. 8, 97. 44 ) Ebd. 2, 141; 8, 87. 97; 

25, 280; Bächtold a. a. O. 298; Wrede 
Rheinland 171; ders. Eifeier Volksk. 159. 
47 ) SAVk. 30, 23. 48 ) Hoffmann-Krayer 

a. a. O. 49 ) SAVk. 1, 66. ®°) Ebd. 7, 115; vgl. 
14, 86. 51 ) Hoffmann-Krayer 59; Sartori 
a.a.O. 3, 121 f.; vgl. Geramb a.a.O. 17. 23. 25. 
62 ) Sitz.Ber. Akad. Wien, Phil.-hist. Kl. 198, 
4. Abhandl.; s. bes. S. 4 ff. M ) Zeugnisse b. 
Phillips a. a. O. 3 ff. 19 ff. und passim; 
Pfannenschmid Erntefeste 577 ff. und passim; 
ZfVk. 10, 206; SAV. 8, 81 ff. 161 ff. M ) Zur Lite¬ 
ratur: Queri Bauernerotik 10; Sepp Religion 
56ff.; De Cock Volksgeloof 1 (1920), 105; ders. 
Oude Gebruiken 2420.; Volkskunde 12, iff.; 
16, 128 ff.; SchwVk. 10, 84; RTrp. 6, 429; 
Flögel Gesch. d. Grotesk-Komischen 2, 211 f.; 
Driesen Ursprung d. Harlekin 107 ff. 120 ff. 
242 ff.; Urquell 2, 163. Perkmann. 

Katzenpfötchen (Himmelfahrt sblüm - 
chen, Mausöhrlein; Gnaphalium dioicum, 
Antennaria dioica). 

1. Botanisches. 5—20 cm hoher 
Korbblütler, dessen Stengel und Blätter 
unterseits weißfilzig behaart (daher K.) 
sind. Die grundständigen Blätter sind 


1133 


Kauf, Verkauf (Handel) 


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rosettenartig angeordnet. Die Blüten¬ 
köpfchen sind weiß bis rötlich. Das K. 
ist häufig auf trockenen, sandigen Heiden, 
in Kiefernwäldern usw. J ). In der volks¬ 
kundlichen Literatur wird das K. manch¬ 
mal mit dem kleinen Habichtskraut 
(s. d.), das ebenfalls den Namen „Maus¬ 
öhrlein“ führt, verwechselt. Diese Pflanze 
ist wohl das „Mausöhrle“, das an einem 
Freitag vor Sonnenaufgang gegraben und 
in einem weißen Tuch auf dem Leib 
getragen hieb- und stichfest machen 
soll 2 ). 

*) Marzeil Kräuterbuch 293 f. 2 ) Meier 
Schwaben 247 = Wuttke 106 § 137. 

2. Besonders in Süddeutschland be¬ 
steht der Glaube, daß die am Himmel¬ 
fahrtstage (daher „Himmelfahrtsblüm- 
chen“) vor Sonnenaufgang gesammelten 
K. vor dem Blitz schützen. Oft werden 
aus den Blümchen Kränzchen gebunden, 
die in den Stuben und Ställen aufgehängt 
werden. Meist sind es die Mädchen, 
die schon in aller Frühe 3 ) die K. pflücken 4 ). 
Ganz allgemein heißt es manchmal, daß 
das K. alles Unheil besonders Hexerei 
abhalte 6 ). 

3 ) Schon um 2 Uhr nachts: Meier Schwaben 
399. 4 ) Wirth Beiträge 6-7, 6; Mannhardt 
Germ. Myth. 18; Meyer Germ. Myth. 216; 
Reinsberg Festjahr 145; Grimm Myth. 3, 
36; Marzeil Bayer. Volksbotanik 32 f.; Hmtg. 
1, 292; Meier Schwaben 399; Meyer Baden 
102; Birlinger Aus Schwaben 1, 388; Heer¬ 
wagen Volkskde. von Kleinsorheim im Ries 
1919, 34 (mit vielen Literaturnachweisen); 

Bohnenberger 112; Kapff Festgebräuche 61; 
Alemannia 1914, 186. 6 ) Birlinger Aus 

Schwaben 1, 388; auch auf Island galt das K. 
als hexen widrig: Olafsen Reise durch Island 

I (1774)» 228. 

3. Gegen „Gichter“ der Kinder 
macht man Kränzchen aus den Blüten 
des „Katzendäbli“, schiebt sie am ersten 
Oktavtag ohne Wissen des Pfarrers unter 
das Altartuch, nimmt sie am letzten 
Oktavtag wieder weg und legt sie unter 
das Kopfkissen. „Aber viele halten das 
für unreligiös, darum seien schon viele 
Kinder, die mit solchen Kränzchen be¬ 
handelt wurden, von schwerer Krankheit 
befallen worden“ 6 ). Der Tee („griser 
Tee“) wurde bei Mastdarmvorfall kleiner 
Kinder angewandt; zu diesem Zwecke 


1134 

mußte die Pflanze um Bartholomäi (24. 
August) gepflückt werden 7 ). 

®) Meyer Baden 42. 7 ) Kück Lüneburger 
Heide 238. Marzeil. 

Kauf, Verkauf (Handel). 

A. Eink.: 1. Angang. 2. Glückerzwingende 
Zauber. 3. Günstige und ungünstige Handels¬ 
zeit. 4. Die K.handlung (Weink. oder Leitk. 
und Angeld oder Handgeld, Gottesheller). — 
B. Schutz und Angewöhnung der neu- 
gek.ten Tiere: 5. Lösung aus der bisherigen 
Umgebung. 6. Unheilabwehr auf dem Heim¬ 
weg. 7. Unheilabwehr im neuen Heim. 8. Ein¬ 
führungsriten. 9. Bindung an die neue Um¬ 
gebung. 10. Bindung an die neue Herrschaft. 
11. Sachenschutz. — C. Verk.: 12. Glück¬ 
erzwingende Zauber. 13. Preis- und Verk.s- 
vorzeichen. 14. Aufbruch zum Markt. 15. 
Marktweg (Angang). 16. Erster Verk. (Handk., 
Handgeld) und erster Käufer. 17. Schutz 
der zurückbleibenden, nicht verk.ten Tiere und 
Waren. — D. Zu k.en und zu v er k.en: 
18. Was man k.en muß. 19. Was man k.en 
kann; in K.sitten gewandelte Geldopfer. 20. 
Was man nicht k.en darf. 21. Was man verk.en 
muß. 22. Was man verk.en kann. 23. Ver¬ 
botene Verk.szeiten (Hexenabwehr). 24. Un¬ 
verkäufliches. 25. Betrug. 

A. 1. Das Glück eines günstigen 
Eink.s 1 ) hängt für den Bauern wie für 
den Handelsmann nach einigen Zeug¬ 
nissen zunächst von mit dem Willen 
nicht greifbaren Kräften und Einflüssen 
ab, die es zu beachten gilt. Man muß 
Glück haben, freilich auch selbst dafür 
sorgen (vgl. §2), daß man es habe 2 ). 
Schlechte Vorzeichen und ungünstiger 
An gang vereiteln einen guten Handel. 
Wenn sich beim Abschluß eines Handels 
plötzlich Elsterngeschrei hören läßt, be¬ 
deutet dies Prozeß mit dem Verkäufer 8 ). 
„Gehet jemand in seinen Geschäften 
über Land, und begegnet ihm vor seinem 
Haus ein altes Weib, so hält er selbes 
für ein Unglück und kehret wieder um“ 4 ). 
Wenn einem auf dem Marktweg jemand 
mit Wasser begegnet, hat man weder 
zum K. noch zum Verk. Glück 5 ). Von 
guten Vorzeichen und günstigem An¬ 
gang wird gleichfalls berichtet. Wer auf 
dem Weg zum Kuhk. ein Stück Eisen 
findet, glaubt einen guten K. zu machen Ä ). 
Der Angang junger Leute ist dem Käufer 
günstig 7 ), vgl. § 16. In Ostpreußen er¬ 
kundet man beim Ank. von Rindvieh 
die Farbe, die „einem zur Hand geht“. 


H35 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1136 


d. h. gedeiht; es ist die Farbe des ersten 
Wiesels, welches man sieht, besonders 
wenn man sich im Stalle aufhält — sieht 
man ein weißes Wiesel, so gedeiht weißes 
Vieh am besten usf. 8 ), vgl. § 2. 

1 ) Zur antiquarischen Wort- u. Sachkunde 
von K. u. Verk., altem Tausch u. Handel über¬ 
haupt vgl. Grimm RA. 2, I5iff.; Schräder 
Sprachvergleichung 2, 290 ff.; Indogermanen 40ff. 
u. Realie x . 2 i, 434—438. 566—569; Ebert 
Reallex. 5, 37—64. 71—90 (Handel in Europa). 
6, 246—249 (K.); Hoops Reallex. 2, 373—410 
(deutscher Handel); 3, 19 ff. (K., K.mann); 
G. Steinhausen Der Kaufmann in der deutschen 
Vergangenheit 1891. 2 ) Vgl. Sartori Sitte u. 

Brauch 2, 140 ff. 3 ) Hüser Beiträge 2, 26; 
vgl. den ungünstigen Angang der Elster über¬ 
haupt, s. o. 1, 429 t.; Meyer Baden 514: 


sammen ein Stück Geld geopfert (einem 
Bettler gegeben), um Glück in K. und 
Verk. zu beschwören 16 ). Am'günstigsten 
schneidet natürlich bei allen Einkäufen 
der ab, der mit einem Wechseltaler be¬ 
zahlt und noch Geld zurückerhält — 
den Taler selbst findet er dann zu Hause 
wieder 17 ), vgl. Hecktaler 3, 1613 ff. 

Wer etwas aus einer Kirche, von einem 
Altar oder aus einem Gotteskasten be¬ 
kommen kann und damit zu handeln 
anfängt, wird überaus reich 18 ). Noch 
eine seltsame Schadenverhütung ist zu 
erwähnen nach dem Bericht des Egerer 
Scharfrichters Huß 1823: „Gehet einer 
Vieh und besonders Küh eink.en, so leert 


Raben-, Elstern- u. Hähergekrächze auf dem 
Geschäftsgang unlieb; noch heute in Ostpreußen, 
vgl. NdZfVk. 8, 50. 4 ) Huß Aberglaube 7; 

Meyer Baden 515: wenn man auf einem Gang 
in einen Laden einem Mann mit einer Geiß 
begegnet, bekommt man die gewünschte Ware 
nicht, s. a. A. 294. Ä ) Rockenphilosophie (1706) 
179 c. 76 = Grimm Myth. 3, 443 Nr. 257; 
Panzer Beitrag 1, 263. ®) ZfVk. 23, 181 

= Müller Isergebirge 9. 7 ) Müller a. a. O. 

8 ) Toeppen Masuren 97 = W. § 690. 

2. Man verläßt sich aber hier nicht 
nur blind auf sein Schicksal, sondern 
ruft auch starke Mächte zu Hilfe. Ähn¬ 
lich der Wirkung einer nordgermanischen 
Zauberrune, die auf eine Buchenholz¬ 
tafel eingeschnitten und zwischen den 
Brüsten getragen worden ist •), verleiht 
der rechte Tobiassegen dem Besitzer, 
daß all sein Beginnen in K. und Verk. 
ein gutes Ende nimmt 10 ). Oder es wird 
geraten, „daß du wohlfeil eink.st und 
theuer verk.st: Fange ein weißes Wiesele, 
nimm ihm dem Kopf ab und steck den¬ 
selben in deinen rechten Sack. Pro- 
batum** u ). Ebensogut hat man den 
Kopf eines Wiedehopfs in einem Säck- 
lein bei sich, der bewirkt, daß man von 
den K.leuten nicht betrogen werden 
kann 12 ); „so du eines Widehopfen Aug 
in dem Beutel trägst, so gewinnst du an 
allem, was du k.est** 13 ). Wer eine ab¬ 
gebissene Maulwurf$pfote mit sich führt, 
auch der k.t wohlfeil und verk.t teuer 14 ). 
In Brandenburg trägt man beim Eink. 
des Viehs Salz und Dill in der Westen¬ 
tasche 15 ). Bei einem böhmischen Pflüge¬ 
zauber wird mit Brot und einem Ei zu- 


er den Tisch ab, das nichts auf selben 
liegen bleibt, ansonst wird nicht aus der 
Stube gegangen** 19 ). Vielleicht ist diese 
Vorschrift mit dem Verbot zu fegen beim 
Marktgang des Vieh Verkäufers zusam¬ 
menzubringen, vgl. § 15. 

8 ) ZfVk. 13, 276. 10 ) nordböhmisch, ZföVk. 
15 (1908), 114 = Kronfeld Krieg 67. n ) Al¬ 
bertus Magnus (Enßlin) 2, 11. 12 ) Kuhn 
u. Schwartz 461; Bartsch Mecklenburg 2, 
30 (1586); Panzer Beitrag 1, 259 Nr. 46. 
13 ) Albertus Magnus 2, 12. 14 ) Rocken¬ 

philosophie (1706) 189 c. 81 ss Grimm Myth. 
3, 443 Nr. 261. 16 ) ZfVk. 1, 187. 16 ) John 

Westböhmen 186 = Sartori Sitte 2, 62. 17 ) Hü¬ 
ser Beiträge 2, 21 Nr. 60; ähnlich Grohmann 
212; vgl. Sartori Sitte 2, 21. 18 ) Männling 

293 (Lübecker Sage). lfl ) Huß Aberglaube 
7 — ZföVk. 6, 109; vgl. Panzer a. a. O. 1, 267 
Nr. 182: wer verreisen will, soll beim Abgehen 
erst den Tisch abräumen, sonst wird ihm der 
Weg sauer. 

3. Ungünstige Stunden und Tage zu 
vermeiden, glückliche zu benutzen, gilt 
wie bei andern wichtigen Handlungen 
auch für K. und Verk., vgl. Glückstage 
3, 899 fl. So soll man zwischen 11 und 
12 Uhr mittags kein Vieh k.en 20 ). Grö¬ 
ßere Vorsicht erfordert noch die Wahl 
des Tages. Im Mittelalter hat es nicht 
an „schwarzen Tagen** gefehlt, den ägyp¬ 
tischen Tagen (1, 223 fl.), an welchen 
es verpönt gewesen, K.e und Verk.e 
abzuschließen 21 ). Am Bodensee kennt 
man noch in der Neuzeit fünf unglück¬ 
liche Tage (3. III, 17. VIII., 1. 2. 30. IX.), 
an denen man nichts k.en soll 22 ). Ein 
gleicher Unglückstag für K. und Verk. 
ist der erste April 23 ). Unter den Wo c h e n - 


1137 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1138 




tagen k.t man Montags nicht gerne 
etwas, da man Montags kein Geld aus¬ 
geben soll, wenn man nicht das Glück 
für die ganze Woche weggeben will 24 ); 
demgegenüber heißt es auch einmal, Mon¬ 
tags beim K. nichts schuldig zu bleiben 2S ). 
Mittwochs darf man nicht mit Vieh han¬ 
deln, am allerwenigsten am Aschermitt¬ 
woch 26 ), vgl. § 23. Mittwochs und Frei¬ 
tags k.te man in Mittelbaden noch vor 
kurzem keine Schweine, weil man dann 
kein Glück mit ihnen zu haben ver¬ 



meinte 27 ). Der Freitag ist vollends ein 
Unglückstag für Geschäfte, zumal im 
Viehhandel 28 ). Wenn man am Montag 
oder Freitag die Milch des gleichen 
Tages verk.t, gibt die Kuh künftig blaue 
Milch 29 ). Günstig dagegen ist der Don¬ 
nerstag, der altbeliebte Gerichtstag, der 
besonders in der Schweiz seit alter Zeit 
als Markttag geschätzt ist 30 ), und gegen 
den Dienstag bringt der deutsche Aber¬ 
glaube in dieser Hinsicht ebensowenig 
Nachteiliges vor. Der Samstag schlie߬ 
lich ist wieder nicht unbedenklich, es dür¬ 
fen da keine neuen Kleider gek.t werden 31 ). 
Wesentlich für das Gedeihen des gek.ten 
Viehs ist in Aalen, daß der Eink. bei 
zunehmendem Mond erfolgt 32 ). Michaelis 
als passendsten Termin zum Eink. des 
Viehs bestimmt eine Bauernregel wohl 
aus ganz natürlichen Gründen 33 ). S. a. 
§§ 6. 20. 23. 


fl 1 *°) Alemannia 34, 277 (Walldürn). 21 ) Meyer 

' Aberglaube 210. 22 ) Lachmann Überlingen 

l 391. 23 ) Schmitt Hettingen 13. 24 ) W. § 67 

(Sachsen); Panzer Beitrag 2, 294. 25 ) Grimm 
y Myth.3, 461 Nr. 771 (Osterode 1788); Meyer Aber- 
y glaube 207. *®) W. §§ 69 (süddt.). 99. 681; dies 
wird in Baden heute nicht mehr beachtet, der 
■ Mittwoch ist z. B. in Ettenheim der Hauptmarkt¬ 
tag, gerade im Viehhandel. 27 ) Meyer Baden 
404; vgl. ebd. 399. 511; auch hessisch: Wolf 
* Beiträge 1, 221. 241. 28 ) Meier Schwaben 2, 391; 

'■ Becker Pfalz 261; Sartori Sitte 2 , 140; W. 

§ 777 * 29 ) W. § 705 (Thüringen). 30 ) Roch- 
holz Glaube 2, 43 f.; Meyer Baden 513; W. 
1 § 70; Di., Do. u. Sa. auch in Schweden, vgl. 

$■ Heurgren 345. 31 ) W. § 72. 3a ) Eberhardt 

• f. Landwirtschaft 15. 33 ) ZfVk. 10, 208 (Nord¬ 

thüringen): ,,den Verk. aber brich nicht übers 
Knie“. 


4. Für einen guten Verlauf des Han¬ 
dels und zur Vermeidung von Schaden 
p für das verhandelte Vieh, den gewünsch¬ 


ten Gegenstand besteht das wichtige 
Gebot, nicht zu feilschen, vgl. 2,13i3fl. 
Besonders muß man dies vermeiden, 
wenn man ein Kalb zum Aufziehen k.t, 
sonst fällt es 34 ). Nur aus Oldenburg ist 
im Gegenteil überliefert, daß der Käufer 
von Vieh immer von dem Angebot etwas 
abdingen müsse, sonst habe er kein Glück 
damit 35 ). Ebensowenig darf man be¬ 
trügen, vor allem nicht beim Bienenk., 
sonst „verk.t man seinen Segen mit** 36 ). 
Der K.preis soll eine gerade Zahl be¬ 
tragen 37 ). Nimmt man das Patengeld 
eines Kindes als K.geld für ein Schwein, 
so wird dieses gut gedeihen 38 ). Die ei¬ 
gentliche K.abmachung wird seit alters 
durch einen Handschlag bekräftigt, 
ein altes deutsches 39 ), aber ebenso rö¬ 
misches und griechisches Rechtssymbol 40 ), 
vgl. 3, 1401 f. In Schlesien spricht der 
Verkäufer, die Hand dem Käufer rei¬ 
chend: „Na, Gott verleih Glücke! 1 *, und 
der Handel ist zu dem vom Käufer ge¬ 
botenen Preise abgeschlossen 41 ). Die 
Bückeburger Schweinekäufer wünschen 
sich selbst: „Na, denn Glück damit, süss 
well wi se nich“ 42 ). So ist die Haltung 
des Käufers schon stark bestimmt durch 
die Rücksicht auf das Gedeihen des Neu- 
gek.ten, s. w. §§5—11. Den K.abschluß 
vollenden und verleihen ihm nach alter 
Gewohnheit Rechtskraft nach dem Hand¬ 
schlag ein gemeinsamer Trunk und 
ein Almosen, bzw. eine Anzahlung 
der erwerbenden Partei, wovon die beiden 
erstgenannten Opfer bald von einer, 
bald von beiden Parteien gespendet wer¬ 
den. Diese alte Rechtssitte des Wein- 
k.s 43 ) oder Leitk.trinkens (Litk., Leitk., 
mundartlich entstellt Leutk., Leuk., 
Lei(h)k., Leink., Leibk. ^)) und des 
Gotteshellers oder des Angeldes hat 
sich aus dem Reurecht entwickelt 43 ), 
der Möglichkeit, von einem mündlich 
beredeten Vertrage, besonders einem K.- 
vertrag zurückzutreten, solange keine be¬ 
stimmte symbolische Handlung vor Zeu¬ 
gen den Vertrag fest gemacht hat; als 
solche Handlungen werden im Mittel- 
alter schon als üblich genannt: einer¬ 
seits die Hingabe eines Pfandes von 
seiten des Käufers, in der Regel einer 


H39 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1140 


kleinen Geldsumme, die verschieden ge¬ 
heißen wird: Gottesheller oder Gottes¬ 
pfennig, Arrha, Arre 46 ) oder Darangeld 47 ), 
Handgeld (vgl. aber §16); gelegentlich 
ist sie durch den Handschlag vollgültig 
ersetzt 48 ); wenn beide Seiten seit dem 
16. Jh. den Gottespfennig geben, offenbar 
unter dem Einfluß des Weink.s (s. u.), 
liegt eine Abweichung vom alten Recht 
vor 4Ö ); einen entsprechenden Festigungs¬ 
pfennig kennt auch das altnordische, be¬ 
sonders das altschwedische K.- und Miet¬ 
recht 60 ); dieses Pfandgeld wird entweder 
als Almosen geopfert oder als Anzahlung 
dem verk.enden, (sich) vermietenden Teile 
gegeben; über den im Aberglauben dem 
Gottesheller noch zugewachsenen Sinn vgl. 
§5 — andrerseits (das ältere Symbol 
oder erst eine jüngere Anwendung des 
dann älteren Pfandgeldes?) die Feier 
des abgeschlossenen Vertrags in Gemein¬ 
schaft mit Zeugen durch ein Mahl oder 
einen Trunk, Weink. usw. genannt; den 
Weink. bezahlen im Gegensatz zum Pfand¬ 
geld nach den alten Quellen bei K.Ver¬ 
trägen beide Vertragsschließende 61 ); 
schon im Mittelalter tritt an die Stelle 
von Mahl und Trunk, des ,,nassen“, ein 
„trockener“ Weink., Trinkgeld an Zeu¬ 
gen 62 ), infolgedessen gehen schließlich 
Namen und Begriffe von Weink. und 
Gottesheller und Angeld ineinander 
über M ); die Weink.szeugen sind Ver¬ 
tragszeugen, daher rühren die Namen 
vinum testimoniale, potus testimonialis, 
Wissebier 64 ); später hat man diesen ei¬ 
gentlichen, Zeugen schaffenden Sinn des 
Weink.s vergessen und ihn wenigstens 
bei K. und Miete meist nur noch unter den 
Parteien getrunken. Die Rezeption des 
römischen Rechts ersetzt als Rechts¬ 
brauch diese alten Symbole durch den 
schriftlichen Büchereintrag; die Sym¬ 
bole, denen die Kraft der Willenserklärung 
nunmehr genommen ist, schleppen sich 
aber als willens- und rechtsbestärkend 
und den Beweis erleichternd in der bäuer¬ 
lichen K.sitte fort, bis sie heute all¬ 
mählich absterben 65 ). Auch das Rechts¬ 
sprichwort erhält ihr Andenken noch: 
„Was verleitk.t wird, hat Kraft“ 56 ). 
Beide Symbole, Angeld (in der Regel als 


von 


Haftgeld für den geworbenen Vertrags¬ 
teil, seltener als Almosen an einen Dritten) 
und Weink., begegnen mit der selben 
rechtskräftigenden Wirkung auch bei an¬ 
dern Verträgen als dem K., besonders 
bei Verlobung 57 ) und Dienstboten¬ 
miete 58 ). Das bei Auflösung des Ver¬ 
sprechens verfallbare „Handgeld“, der 
„Haftpfennig“, „Gottespfennig“, „Gottes¬ 
heller“ oder „Heiligergeistpfennig“, das 
,, Angeld' 4 , ,,Drangeid' ‘, , ,Draufgeld f ‘ 
(Arrha) und der Weink. halten sich bei 
der Verlobung am längsten 59 ) — in 

Unterfranken heißt das Handgeld „Weng- 
kof“ 60 ) — bis der Ring immer mehr 
diese Treugelder, meist bestimmte Mün¬ 
zen, ablöst. Das Ausgeben dieses „Drauf¬ 
geldes“ bringt Unglück 61 ), man trennt 
sich daher nie davon 62 ). Bei der Dienst¬ 
miete spricht man ebenso von „Hand¬ 
geld“, „Haftgeld“, „Gottespfennig“ und 
von ,,Dienst groschen“, „Mietstaler“, 
„Milchpfennig“ (vgl. aber § 5) Ä3 )> se ^~ 
tener von „Leihk.“ und „Weink.“ 64 ), 
im Rheinland von „Meetspenning“ oder 
„Jottsheller“ 65 ), in Gossensass noch 
„Arre“, „Capärre“ 66 ), „Har“ im Pinzgau 
und Unterinntal 67 ). In Nordböhmen 
spuckt der gedungene Dienstbote auf 
das Handgeld 68 ) wie der K.mann auf 
sein erstes eingenommenes „Hand“-Geld, 
vgl. § 16. S. w. Dienstbote 2, 256 ff. Nicht 
minder häufig als die Verlobung wird 
heute noch die Dingung auf dem Lande 
durch einen Trunk oder ein Mahl bekräftigt 
auf Kosten des mietenden Bauern, so 
daß „Weink.“ nicht nur ein leerer Name 
bleibt 6Ö ), besonders nicht auf südost¬ 
deutschem Gebiet 70 ). 

M ) W. §690. 35 ) W. §681. 36 ) Urquell 

5, 21. 37 ) ZfVk. 23, 181; Müller Isergebirge 9. 
38 ) Drechsler 2, 117. 39 ) „K. schlagen", 

ZfdMyth. 3, 303U. Grimm RA. 2, 151; H. Fehr 
Das Recht im Bilde (1923) S. 136 u. Abb. 187; 
s. u. Anm. 241; noch lebendig: Becker Pfalz 
261; Wrede Rhein. Volkskunde 2 224; Heck- 
scher 465 Anm. 226; ZfVk. 5, 301 (Flandern, 
nur beim Tierk.!); Laube Teplitz 50; Drechs¬ 
ler 2, 24; Schramek Böhmerwald 242; im alt¬ 
schwedischen Recht vgl. Hylten-Cavallius 
2, 403; Heurgren 344; Globus 66, 275 (Ruthe- 
nen). 40 ) Bei den Süd Slawen reichen sich Käufer 
und Verkäufer die Hand, ein dritter versetzt auf 
die vereinigten Hände einen Schlag mit seiner 
Rechten, so ist der K. besiegelt, Krauß Sitte u. 


i 


II4I 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1142 


Brauch 195. 41 ) Drechsler 2, 108; vgl. Kück 

Lüneburger Heide 247. 42 ) ZfrwVk. 6 (1909), 196. 
43 ) DWb. 14, 1, 944—948; Becker Pfalz 261. 
383: „Winkuff"; Bächtold Hochzeit 1, 92; 
Kolbe Hessen 147 f. u. Kondziella Volksepos 
m Anm. 115 leiten abwegig Win- in Wink, 
nicht von Wein, sondern von ahd. mhd. wini 
= Geliebter, Geliebte ab, demnach Winkof 
— „Brautk.", vgl. dagegen Grimm RA. 1, 264. 
2, 153 f. u. DWb. 14, 1, 945 f. 44 ) ahd. lid, 
mhd. lit = „Obstwein", später allg. „Trunk", 
DWb. 6, 693. 727. 739 (Hans Sachs u. Luther); 
14, 1, 944: wenig jünger als „Weink.", bayr.- 
Österr., ostmd.; Grimm RA. 1, 264 h; Schmel- 
ler BayWb. 1, 1536!.; 2, 521; Schweizld. 2, 
271 f. 3, 167 ff.; Drechsler 2, 24; John 
Westböhmen 209 u. Oberlohma 160; Toeppen 
Masuren 98; WZfVk. 35, 43. 46 ) Vgl. O. Stobbe 
Reurecht und VertragsSchluß nach älterem deut¬ 
schen Recht in ZRG. 13 (1878), 209 ff.; s. a. 
Grimm Kl. Sehr. 2, 205; Amira Grundriß 
225 t; R. Schröder Dt. Rechtsgeschichte * 326 f. 
7991 Fehr a. a. O. 1360.; Schwerin Volks¬ 
kunde u. Recht (1928) 12 ff. 4 ®) lat. arrhabo, 
arra aus griech. d£f>aßu)v, hebr. eräbön 
„Unterpfand", Schräder Reallex . 2 1, 567; 
„arre" im Sachsenspiegel; ZRG. 13, 2150.; 
Schmeller BayWb. 1, 121; 2, 1146; Schmitz 
Eifel 1, 51; Bächtold Hochzeit 1, 92. 47 ) DWb. 
2, 760. 48 ) ZRG. 13, 222. 49 ) Ebd. 227. 60 ) K. v. 
Amira Nordgermanisches Obligationenrecht 1 
(1882), 3240.; 2 (1895), 346ff.; schwed. köpskal, 
südschwed. lif>köp — eingewandertes mnd. lid- 
kop, Grimm RA. 1, 264 t. u. Amira a. a. O. 
L 290. 325. ßl ) ZRG. 13, 231 ff.; Grimm RA. 
1, 264t.; Bächtold a. a. O.; Drechsler 2, 
24; Schönbach Berthold v. R. 112; Kircher 
Wein 67 f. (ags. u. antike Parallelen); Weink.- 
trinkenim 16. Jh.: DG. 5, 164 f. (Unterfranken). 
191 f. (Pfalz); s. a. H. Brunner Dt. Rechts¬ 
geschichte 2 2 , 530 Anm. 11; Schröder Dt. 
Rechtsgeschichte 8 92. 326. 396; Fehr a. a. O. 
S. 139 u. Abb. 188; weitere Lit. vgl. Bächtold 
a. a. O. 93. ® 2 ) ZRG. 13, 234; Wrede Rhein. 

Volkskunde 2 335 Anm. 216. M ) So heißt z. B. 
um 1800 in Obersteiermark die Verlobungsgabe, 
also das Pfandgeld des Bräutigams an die 
Braut „Leik.", Geramb Knaffl-Handschrift 
57. 64 ) ZRG. 13, 236 ff. 66 ) Lemke Ostpreußen 
L 82; Toeppen Masuren 98; Drechsler 2, 24; 
Laube Teplitz 50; John Westböhmen 209; 
Schramek Böhmerwald 242; WZfVk. 35, 43 
(Mühlviertel); Heyl Tirol 809; Eberhardt 
Landwirtschaft 12; Hoff mann-Krayer 31; 
Becker Pfalz 261; Wrede a. a. O. 224; 
Schmitz Eifel 1, 96; Globus 66, 275 (Ruthe- 
nen); Sartori Sitte 2, 181. 66 ) Graf u. Diet- 
herr Deutsche Rechtssprichwörter (1869) 243, 122. 
* 7 ) Bächtold Hochzeit 1, 92 ff.; Kondziella 
Volksepos in ff.; Becker Pfalz 227; „Weink." 
in manchen Gegenden soviel wie „Verlobung"; 
vgl. Meyer Baden 257; SAVk. 11, 274 (Fast¬ 
nachtsspiel 1610); Reuschel Volkskunde 2, 74; 
Mülhause 41 f.; Kolbe Hessen 347T; Heßler 
Hessen 2, 415; auch einst „Gleichkauff", „Lieb- 


kauff" genannt, Götze Luther 33. 68 ) ZRG. 13, 
230; Sartori Sitte 2, 37 f.; Schweizld. 3, 167. 
69 )ZRG. 13,221 ;Weinhold Fraueni, 309h 342L; 
Sartori Sitte 1, 56; ZfVk. 10, 46. 293; 13, 290. 
382; 14, 281 (Koburg); Brückner Reuß 182; 
Witzschel Thüringen 2, 234; ZfrwVk. 2 (1905), 
187; 10 (1913). 3 *-; Mülhause 41 f.; Rehm 
Feste 101 (hessisch); Wrede Rhein. Volks¬ 
kunde 2 169 (Beispiele 1571, 1585 u. 19. Jh.); 
Schmitz Eifel 1, 51; Becker Pfalz 227; 
Meyer Baden 258: das Handgeld um Gottes 
willen armen Leuten weitergegeben; Hoff- 
mann-Krayer 31; Reiser Allgäu 2, 257; 
Kohl Tiroler Bauernhochzeit 217. 220. 225. 254; 
Geramb Brauchtum 2 118 (Tirol u. Salzburg); 
Bavaria 1, 389; 2, 276 („Ehetaler" oder „Haftl- 
geld", Oberpfalz); 3, 332. 962 („Heiratstaler", 
Mittelfranken); 4, 366; Schönwerth Oberpfalz 

1, 56 f. 119 t.; John Oberlohma 160 f.; Schra¬ 
mek Böhmerwald 189; Baumgarten Aus der 
Heimat (1869), 46; Schullerus Siebenbürgen 
105 ff. (K.trunk, Wisstrunk); Handgeld in poln. 
Oberschlesien: Drechsler 1, 234; bei südslaw. 
Verlobung: Krauß Sitte u. Brauch 195. 276Ü. 356. 
451; bei den Deutschen in Rußland: Dt. Volks¬ 
kunde im außerdt. Osten (1930) S. 79. e0 ) Reu¬ 
schel Volkskunde 2, 74; Meyer Baden 257. 
öl ) ZfVk. 14, 281 (Koburg). 62 ) Schönwerth 
a. a. O. ® 3 ) ZRG. 13, 230 f. 235; Sartori Sitte 

2, 37; Lauffer Niederdeutsche Volksk. 109; 

Kück Lüneburger Heide 56; John Westböhmen 
343; ZfVk. 5, 301 u. RTrp. 9, 134 (Lüttich). 
u ) ZRG. 13, 231 (Altgothaisches Recht); „Wein- 
goff" u. „Weiguff" im bad. Bauland, Meyer 
Baden 331; ZfrwVk. 6, 259 (Minden); Nds. 12, 
294 (Soest). ® 6 ) Wrede Rhein. Volkskunde 2 
200. 215. 224; ebd. 224 u. 335: Beispiele bei 
Hausmiete Köln 1648, bei Hausverk. Linz 
(Rhein) 1727; s. a. Schmitz Eifel 1, 67; Wrede 
Eifler Volksk. 189; Schwerin Volkskunde u. 
Recht (1928) 12 f. ®®) ZfVk. 8, 119 = Sartori 
Sitte 1, 56. ® 7 ) Hörmann Volksleben 5 ff. 351. 
® 8 ) ZföVk. 13, 133. ® 9 ) Wie in den Beispielen 

Anm. 64. 70 ) Vgl. 2, 257 Anm. 20 ff. 

4 a. Verschiedenes. Beim Eink. des 
Zeugs zu einem Kinderkleide achte man 
darauf, daß der K.mann etwas beim 
Messen zugebe, damit das Kind „hinein¬ 
wachse“ 71 ). Vor unangenehmen Folgen 
einer Ungeschicklichkeit beim Eink. 
warnt die Rockenphilosophie, die ver¬ 
kündet, wer beim K. eines Kammes 
diesen fallen lasse, müsse bei jedem Käm¬ 
men einen Wind hinten auslassen 72 ). 
In der Bukowina bringt der Eink. eines 
zum Schlachten bestimmten Viehstücks 
Glück 73 ). Heutiger (Wiener) Kinder¬ 
glaube mißt dem ersten Eink. in einer 
neuen Wohnung Bedeutung zu; er soll 
Salz und Brot sein, dann schimmelt das 


men 


x 143 Kauf, Verkauf (Handel) 1144 


Brot niemals 74 ). Uber die Wirkung 
des ersten Eink.s auf das Handelsglück 
des Verkäufers vgl. § 16. S. a. §§ 18 
bis 20. 

71 ) W. § 605 (Thüringen). 72 ) Rockenphilo- 
sophie (1706) 376; (1759) 645. 73 ) ZföVk. 4, 
215. 74 ) WZfVk. 32, 88. 

B. Schutz und Angewöhnung der 
neugek.ten Tiere. Von großer Bedeu¬ 
tung, vor allem im bäuerlichen Leben, 
ist die Aufgabe, das Neugek.te, neuer¬ 
worbene Tiere unbeschädigt aus ihrem 
bisherigen Lebenskreis zu lösen, vor äu¬ 
ßerem Unheil zu schützen und in ihre 
neue Umgebung rasch einzugewöhnen. 
Schon das Verbot, beim Eink. zu feil¬ 
schen, und der Glückwunsch beim K.- 
abschluß (vgl. § 4) nehmen diese Rück¬ 
sicht, hernach werden aber noch unzäh¬ 
lige allgemein verbreitete Maßnahmen in 
der gleichen Absicht getroffen. 

5. Sie bezwecken zunächst eine glück¬ 
liche Lösung aus den bisherigen Ver¬ 
hältnissen, welche für das Vieh in der 
Bekämpfung des Heimwehs, nament¬ 
lich der Sehnsucht des Jungtieres nach 
dem Muttertier gipfelt, die abgewöhnt 
werden muß; außerdem ist darauf zu 
achten, daß das neugek.te Tier keine 
bösen Wünsche mit sich nimmt. Um 
dem vorzubeugen, zieht man, wenn man 
ein junges Tier k.t, dieses rückwärts 
aus seinem alten Stall 75 ), vgl. §17; 
in Frankreich soll jedes gek.te Tier nach 
dem K.abschluß, nach welchem der Käu- 
fer gegen Zauberei ein heimliches Kreuz¬ 
zeichen mit der Faust über den Rücken 
des Tieres gemacht hat, rückwärts vom 
K.platz abgehen 76 ). Dies güt besonders, 
wenn das Tier sich vor dem Gang ins 
Schlachthaus sträubt; damit ein an den 
Metzger verk.tes Milchkalb gutwillig mit¬ 
geht, rauft ihm der Käufer in Württem¬ 
berg die langen Haare über den Augen, 
die sogenannten Scheuhaare, aus, zieht 
es an den Ohren rückwärts aus dem 
Stall und dreht es dann rasch um, oder 
aber man läßt ihm Zeit, sich dreimal um¬ 
zusehen 77 ), vgl. das Umschauen auf der 
Grenze (§6). Schweine werden nach dem 
K. rückwärts in den Sack gesteckt, und 
man vergißt nicht, zum Angewöhnen eine 


Handvoll des bisherigen Strohs mit¬ 
zunehmen 78 ), das man in den neuen 
Stall legt 70 ). Deutschamerikaner nehmen 
einen Stein vom K.ort mit, um ihn in den 
Trog zu werfen 80 ). Auch einer zur Zucht 
verk.ten Kuh gibt man Stroh oder den 
Strick mit, damit sie kein Heimweh 
bekomme und der Verkäufer nicht die 
Milch behalte 81 ). Im Nahetal hat man 
einer frischgek.ten Kuh den Strick, an 
dem sie nach Hause geführt worden, um 
die Hörner geschlungen, drei Tage so zu 
tragen, damit sich die Milch nicht ver¬ 
ziehe 82 ). Dieser Strick wird auch in 
Lothringen aufbewahrt 83 ) und bei Kroa¬ 
ten und Ruthenen 84 ). Und es wird ge¬ 
legentlich unbedingt ermahnt, niemals 
dem Verkäufer den Strick des gek.ten 
Tieres zurückzugeben, da dieser mit dem 
Strick eben den Nutzen des Tiers be¬ 
halte 85 ). Wie stark die Macht des vom 
Verkäufer zurückbehaltenen Stricks wir¬ 
ken kann, zeigt auch die Erzählung von 
einem Zauberer, der sich, in einen Ochsen 
oder ein Pferd verwandelt, verk.en läßt, 
während sein Vater den Kopfstrick, das 
Halfter behält, um jenen wieder zu er¬ 
lösen und den Käufer hereinzulegen 88 ). 
Von besonders umständlicher Vorsicht 
zeugt ein badischer Bericht: ein Käufer 
mußte ein gek.tes Roß nachts, unbe- 
schrien, ohne Licht an seinem alten Halfter 
wegführen, wobei er dem früheren Be¬ 
sitzer ans Fenster klopfte, damit das Roß 
nicht verhext würde 87 ), Entwöhnung und 
Abwehr in einem Verfahren! Auch vom 
guten Willen des bisherigen Be¬ 
sitzers hängt so das Wohl des gek.ten 
Tieres ab. Er darf das verk.te Tier nicht 
wieder angreifen, sonst magert es ab 88 ), 
man fürchtet also Schadenzauber des 
Verkäufers. Dieser muß das Verk.te dem 
Käufer richtig gönnen 89 ), ihm Glück 
wünschen und die Hand reichen 90 ), er 
darf beim Verk. nicht weinen 91 ), anders 
hat der Käufer kein Glück. Noch .schlim¬ 
mer wäre es, wenn der Verkäufer beim 
Weggang die Faust ballte 92 ). Wer aus 
fremdem Dorfe eine Kuh k.t, gibt außer 
dem Preis einen Milchpfennig, damit 
die Milch nicht zurückgehalten werde 93 ), 
oder er überzahlt unvermerkt den be¬ 


Kauf, Verkauf (Handel) 


II46 


1145 


dungenen Preis M ), diese wie die folgenden 
Handlungen sind Abwehrzauber. Man 
wirft einen „Nutzkreuzer“ in den Stall, be¬ 
vor man das Tier herausführt, damit der 
Nutzen nicht zurückbleibt 95 ), vgl. aber 
die gegenteüige Wirkung desselben Vor¬ 
gangs § 17 Anm. 346. Oder der Käufer 
erk.t sich das Glück zur Aufzucht mit 
20 Pfennigen Schwanzgeld 96 ), Trink¬ 
geld an die Magd, welche das Tier bisher 
gefüttert 97 ), oder an den Dienstboten, 
der das Tier zum Käufer geführt 98 ). Dieses 
Schwanzgeld, im Kanton Zürich einst 
„Glücksgeld“ genannt (vgl. 3, 888 f.), 
bringt auch dem Verkäufer Glück, wenn 
er es zum Ankauf eines neuen Tiers ver¬ 
wendet, welches dann fetter wird"). 
Wichtig ist ferner, daß der Führer eines 
neugek.ten Tieres sich im Hause des 
Käufers satt ißt, sonst gedeiht jenes 
nicht 10 °). Wer aber kein Trinkgeld gibt, 
hat auch kein Glück mit den gek.ten 
Tieren 101 ). Und noch ein weiteres Opfer 
soll das Glück beschwören. Dem ersten 
begegnenden Bettler oder Armen wird 
nachdem Viehk. ein Almosen, derGottes- 
heller gespendet, der zu gleichen Teilen 
von Käufer und Verkäufer oder von 
einem von beiden, in der Regel natürlich 
von Käufer, bezahlt wird 102 ), s. o. §4 
und § 8 Anm. 149. Wenn dies versäumt 
wird, gedeiht das neugek.te Vieh nicht, 
auf jeden Fall muß am nächsten Sonntag 
nach dem K. ein Gottesheller in den Ar¬ 
menstock gegeben werden 103 ) (s. a. 3, 
975). Die Neige des „Leink.s“ (s. o. §4) 
gießt man in Ostpreußen rückwärts über 
seinen Kopf, damit das Vieh gedeihe 104 ), 
ein Trankopfer! Der bisherige Besitzer 
erleichtert schließlich noch die Überlei¬ 
tung in das neue Heim durch die folgen¬ 
den Maßnahmen, die der Mitgabe von 
Stroh und Strick in ihrer Wirkung gleich¬ 
kommen: Bei der Abholung des Tieres 
erhält der Käufer vom Verkäufer ein 
Stück Brot zur Aufbewahrung; das 
Tier bleibt so lange gesund, als dieses 
Brot von Schimmel und Fäulnis frei ist 
(hart darf es werden); man läßt aber auch 
das Tier davon genießen, damit es sich 
leicht angewöhne 106 ). So begegnet das 
unter den Menschen übliche „Heimweh“- 


oder „Gewöhnbrot“ als starker Helfer 
auch im. Viehhandel, vgl. 1, 1649 f.; 3, 
1692 f. In Baden gibt man verk.tem 
Vieh ein Stück Hausbrot oder Brot und 
Salz, besonders Dreifaltigkeitssalz, mit, 
und der Käufer reicht ihm das vor seinem 
Stall oder verzehrt selbst dieses „Glücks¬ 
brot“ (vgl. 3, 884) daheim mit den 
Seinen 106 ); solches Brot bildet auch an¬ 
derswo die erste Nahrung des Tieres im 
neuen Stall 107 ), man gibt ihm auch be¬ 
sonders geweihtes Brot ein 108 ). Ein 
Stück Brot (rinde) für die Kuh unterwegs 
bekommt der Käufer als „Gewöhnbrot“ 
noch jetzt im oberösterreichischen Mühl¬ 
viertel mit, während auf das Mitgeben 
des Stricks dort kein Wert mehr gelegt 
wird 109 ). Wenn dieses Brot also einge¬ 
wöhnen helfen soll, dient Salz ganz der 
Unheilabwehr, so im oben mitgeteilten 
Falle oder wenn man Dreikönigssalz einem 
neugek.ten Stück Vieh in die Krippe oder 
Tränke wirft n0 ). Ebenso soll Salz Be¬ 
hexung ab wehren, wenn man davon einer 
Kuh auf streut, ehe man sie aus dem 
alten Stalle führt m ). Mit Salz sichert 
man auf dem Markt gek.te Milch gegen 
den bösen Blick 112 ); s. a. §§ 7. 17. 23. 

76 ) Hüser Beiträge 2, 26; ZfrwVk. 2, 292; 
Witzschel Thüringen 2, 278; ZfVk. 23, 182 = 
Müller Isergebirge 11; Drechsler 2, 102; John 
Erzgebirge 226; Schramek Böhmerwald 240; 
WZfVk. 35, 43; Pollinger Landshut 156; 
Reiser Allgäu 2, 439; s. u. §8 Anm. 159 eine 
gegenteilige Vorschrift. 74 ) S^billot Folk- 
Lore 3, m. 77 ) Eberhardt Landwirtschaft 19. 

78 ) Alemannia 20, 283 (bad. Taubergrund); 
John Westböhmen 209; Witzschel Thüringen 
2, 279; Drechsler 2, 118; Engelien u. Lahn 
1, 270; diese und andere Maßnahmen in 
Schweden und Finnland, Heurgren 345 ff. 

79 ) Eberhardt a. a. O. 15 (Jagstkreis); Meyer 

Baden 399. 404. 80 ) Fogel Pennsylvania 

173 Nr. 827. M ) John Erzgebirge 226; 
Drechsler 2, 108 (Niederschlesien); Lemke 
Ostpreußen 1, 82; WZfVk. 35, 43; sog. „Trau¬ 
strick", damit das Tier der neuen Behausung 
„traue", Nordthüringen, ZfVk. 10, 208. M ) 
ZfrwVk. 2, 293. 83 ) S6billot a. a. O. 84 ) 

Sartori Sitte 2, 141. 86 ) ZfVk. 9, 444 (Branden¬ 
burg); BIPommVk. 3, 106 Nr. 8. 84 ) Meie he 

Sagen 540 f. 8? ) Meyer Baden 398. 88 ) John 

Erzgebirge 226. 89 ) Toeppen Masuren 97 = 

Urquell 4, 74 = W. § 690. M ) Schmitz Eifel 
1, 96 f.; Drechsler 2, 108. 81 ) ZfVk. 23, 182 = 
Müller Isergebirge 9. 82 ) W. § 292 (West¬ 

preußen). M ) Grimm Myth. 3, 471 Nr. 987 = 
Meyer Aberglaube 224; Grimm RA. 2, 152; 


U 47 


Kauf, Verkauf (Handel) 


II48 


Schmitz Eifel i, 51; Panzer Beitrag 2, 306 u. 
Kuhn Westfalen 2, 63 (Unterfranken); Frisch - 
bier Hexenspr. 14 f.; NdZfVk. 8/51 (Ost¬ 
preußen); vgl. die Bedeutung als Pfandgeld in 
der Dienstbotenmiete, s. o. § 4 und 3, 975. 94 ) 
ZfVk. 24, 62 (Schleswig-Holstein); Heurgren 
346(finn.). 95 ) W. §690 (Oberpfalz); Eberhardt 
a. a. O. 15. 96 ) Dähnhardt Volkst. 1,96; Stirt- 
gild, Kück Lüneburger Heide 247; beim Verk. 
eines Pferdes Haltergild für den Großknecht. 
9? ) Drechsler 2,108 („Strickgeld",,,Horngeld“). 
117; W. § 690 (Thüringen); Wrede Rhein. Volks¬ 
kunde * 200 („Tränkgeld"); Sartori Sitte 2, 44 
Anm. 52. M ) Steertgeld in Flandern, ZfVk. 5, 
301. ") John Erzgebirge 226. 10 °) ZfVk. 1, 

187 (Brandenburg). 1C1 ) Meyer Baden 404. 
102 ) ZfdMyth. 3, 52; Kuhn Westfalen 2, 63; 
ZfrwVk. 2, 293 (obere Nahe); Schmitz Eifel 
1, 96 f.; Wrede a. a. O. 215. 224; Sartori 
Sitte 2, 140. 171; Haltrich Siebenb. Sachsen 
314; W. § 690. 103 ) ZfdMyth. 3, 52 (Westfalen); 
Sartori Westfalen 112. 104 ) Toeppen Masuren 
98 = W. § 681. 10S ) Hüser Beiträge 2, 26; 

W. § 690 (Franken, Oberpfalz); vgl. Eber har dt 
a. a. O. 18. 20; John Westböhmen 211. 248. 
10< ) Meyer Baden 373. 399. 404. 107 ) ,,Winne¬ 

brot" in Westfalen, Sartori Westfalen 112; 
Strackerjan 1, 124; ZfVk. 10, 208 (Nord- j 
thüringen); John Westböhmen 209; Baum¬ 
garten Jahr 7; Panzer Beitrag 1, 257; 

Bronner Sitt* u. Art 210; Birlinger Schwaben 
1, 403. 421; Meier Schwaben 2, 498; Staub 
Brot 54; s. a. Bartsch Mecklenburg 2, 144, 
640; W. §§ 175. 687; Sartori Sitte 2, 50. 
141fr.; Globus 42, 89. 108 ) Pollinger Lands- 
kut 155 ; s. a. Hüser a. a. O.; Fontaine 
Luxemburg 64. 109 ) WZfVk. 35, 43. 110 ) Meyer 
Baden 494; in Lothringen gibt man dem Tier 
zuerst mit der rechten Hand etwas Salz, 
S^billot a. a. O. m ) W. § 690 (Franken). 
lu ) Frischbier Hexenspr. 15. 

6. Nachdem die Verbindung mit dem 
vergangenen Dasein glücklich abge¬ 
schnitten zu sein scheint, werden auf dem 
Weg in das neue Heim weitere Hand¬ 
lungen vorgenommen, die alles Unheil ab¬ 
wenden und die Angewöhnung vorbereiten 
sollen. Unheilabwehr verbietet, ein 
gek.tes Fohlen Montags zu holen 113 ), am 
Mittwoch neues Vieh in den Stall zu 
führen 1U ), ebensowenig am Freitag 115 ); 
Freitags oder Sonnabends darf keine neu- 
gek.te Kuh gebracht werden 116 ); vgl. § 3. 
Auf dem Weg zur neuen Heimat führt 
man das angek.te Vieh gerne über flie¬ 
ßendes Wasser, damit es nichts Böses 
mit in den neuen Stall bringt 117 ). Hier 
waltet als reinigende und abwehrende 
Kraft die Grenze (vgl. 3,1147), wie auch 
in der mecklenburgischen Vorschrift, wer 


ein Schwein von auswärts k.e, müsse „es 
auf der Feldscheide blutwunden zum 
Schutz gegen böse Leute“ 118 ). Es be¬ 
gegnet auch ein dreimaliges Umdrehen 
der gek.ten Kuh auf der Grenze, um ihr 
durch diese Rückschau nach der alten 
Heimat die Sehnsucht zu benehmen 119 ). 
Überschreitet man mit einem neuen 
Pferd die Dorfgrenze, so soll man von der 
ersten Fußspur im eigenen Dorfgebiet 
etwas Erde rückwärts über die Grenze 
werfen, dann kann das Pferd nicht be¬ 
hext werden 120 ). Man gibt dem Tier 
nach dem Grenzübertritt etwas Erde zu 
fressen, s. u. § 9 Anm. 180. In Schlesien 
führt man einmal das neugek.te Vieh, 
um es vor Behexung und Krankheit zu 
bewahren, auf dem Heimweg vom Markte 
dreimal um den letzten Hügel an einer 
Waldecke herum 121 ). Peinlich vermeidet 
man, auf dem Heimweg mit dem gek.ten 
Tier an einem Hexenhaus vorbeizukom¬ 
men m ). Verhängnisvoll ist es endlich 
für das Glück der gek.ten Tiere, wenn der 
mit Milchschweinen vom Markt heim¬ 
kehrende Bauer unterwegs nach ihrem 
Preise gefragt wird 123 ). 

118 ) BIPommVk. 10, 171. m ) W. § 69 (Süd¬ 
deutschland). 115 ) Schramek Böhmerwald 240; 
ZfVk. 23, 181 (Isergebirge). 116 ) Müller Iser- 
gebirge 9. 117 ) Bohnenberger 104 (14); vgl. 

Heurgren 345. 347. 118 ) Bartsch Mecklenburg 
2, 156. 1I9 ) Grimm Myth. 3, 471 Nr. 987 = 

Meyer Aberglaube 224. 12 °) Kuhn Mark. Sagen 
380; W. § 711. m ) Drechsler 2, 103 f. 
122 ) Meyer Baden 554. 123 ) Ebd. 404. 

7. Im neuen Heim angelangt, muß 
man die Unheilbekämpfung mit allen 
Mitteln fortsetzen. Die ersten drei 
Tage darf das Tier von niemand an¬ 
gesehen werden 124 ), eine neugek.te Kuh 
darf nicht vor Ablauf dreier Tage aus dem 
Stall kommen 125 ), drei Tage lang kein 
Heu fressen 126 ). Gegen Verhexung und 
Unheil hilft vor allem das Kreuzzeichen. 
In Ostpreußen wie in Baden schlägt man, 
bevor man das Vieh in den Stall bringt, 
drei Kreuze vor ihm, um es gegen 
Hexenspruch zu schützen 127 ), aus dem 
gleichen Grund legt man in Mecklenburg 
beim ersten Stalleintritt ein Kreuz von 
Kreuzdorn vor den Stall 128 ), in Pommern 
kehrt man das Vieh mit einem Kreuz¬ 


f 


1149 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1150 


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dornstecken, den man dann still über der 
Stalltüre versteckt 129 ). Und in der 
Oberpfalz bezeichnet man es mit einem 
Kreuze vom Kopf bis zum Rücken mit 
an Epiphanias geweihter Kreide, damit 
es gedeihe und immer den Weg ins Haus 
finde 13 °). Man kratzt nach dem Ein¬ 
trieb neugek.ter Schafe mit einem grauen 
Feldstein drei Kreuze auf die offenstehende 
Stalltüre, so daß die Tiere sie sehen 
können 131 ); ein Kreuz am StaUfenster 
begegnet in Lothringen 132 ). So werden, 
damit das gek.te Tier im neuen Stall 
gedeihe und „gut arte“, vor dem ersten 
Eintritt in den Stall zuweilen recht aus¬ 


führliche Vorkehrungen getroffen: man 
führt die vorhandenen Tiere auf den Hof, 


bestreut den ganzen Weg vom Hoftor 
bis zur Stalltür, die Lagerstätte und die 
Stallecken mit Salz (s. o. § 5) und achtet 
schließlich auch darauf, daß der Führer 
des Tieres sich im Hause des neuen 


Besitzers satt esse 133 ). In Nordthüringen 
bringt man ein in einem andern Dorfe 
gek.tes Haustier nicht durch das Ein¬ 
gangstor, sondern durch das Hinterhaus 
über den Hof in den Stall 134 ). Das Seil, 
an dem die neugek.te Kuh gebracht 
worden, wirft man übers Haus, dann 
kann das Tier nicht mit Heimweh be¬ 
hext werden 13S ). Damit das neugek.te 
Vieh nicht beiße oder stoße, wendet man 
ihm die Zunge, ehe es zum ersten Male 
in den Stall geführt wird 136 ). 

124 ) Drechsler 2, 118. 125 ) Meyer Baden 

403. 12 ®) Grohmann 137. 127 ) NdZfVk. 8, 51; 
Meyer Baden 399; vgl. den frz. Brauch nach 
dem K.abschluß, s. o. § 5 Anm. 76; s. a. Anm. 
170. 128 ) Bartsch Mecklenburg 2, 144. 640; 

s. a. Anm. 138. 129 ) BIPommVk. 7, 92. 13 °) 

W. § 691. 131 ) Grimm Myth. 3, 463 Nr. 816. 

13a ) S^billot a. a.O. 133 ) ZfVk. i, 187 (Bran¬ 
denburg); Grohmann 137: die neugek.te Kuh 
muß drei Minuten am Hoftor stehen bleiben, 
bekommt die Augen verbunden und ein Bett¬ 
polster der Bäuerin (vgl. § 10) auf den Kopf 
gelegt und wird so zur Stalltüre geführt. 134 ) 
ZfVk. 10, 208. 135 ) Drechsler 2, 102 f.; ders. 

Haustiere 7. 13 ®) Wolf Beiträge 1, 219 (Hessen). 

8 . DerersteEintritt desneugek.ten 
Tieres in den Stall selbst ist als 


ein bedeutungsvoller Durchgangsritus 
gehalten, der einen reinigenden und nach 
außen alles Böse abwehrenden Cha¬ 


rakter trägt, vgl. dieselben Maßnahmen 


beim Viehaustrieb (1,734; 4, 126 f.) Stall¬ 
geräte, Eisen, Geld strömen den Zauber¬ 
bann aus. Man legt z. B. eine Axt und einen 
Besen vor die Tür sch welle, über die das 
neugek.te Tier in den Stall geführt 


neugek.te Tier in den Stall geführt 
werden soll, „dann bleibt es gesund“ 137 ). 
Ein quer liegender oder zwei kreuzförmig (!) 
übereinander gefügte Besen vor der 
Stalltüre wehren ebenso eine Verhexung 
ab 138 ). Die gleiche Wirkung haben 
auch andere Stallgeräte wie Mist¬ 
gabeln und Schaufeln 139 ), Dunggabel und 
Besen gekreuzt 140 ); hier und in den fol¬ 
genden Beispielen waltet die unheil¬ 
wehrende Kraft des Eisens! Man 


legt den Stallschlüssel auf die Schwelle 141 ), 
ein mit der Schneide nach außen ge¬ 
kehrtes Beil (eine Hacke) 142 ); in Pommern 
liegt, umgekehrt, eine Axt oder ein Beil 
mit der Schneide nach innen, oder die 
Axt ist mit einer Hausschürze (vgl. § 10) 
zugedeckt 143 ). In Masuren wird nur 
verlangt, daß das neugek.te Vieh über 
Metall in den Stall schreite 144 ); oder es 
soll dreierlei Stahl sein: Sichel, Feuer¬ 
stahl und Messer 145 ), in Oldenburg ein 
Messer oder eine Schere 146 ). Eintritt 
über Kleidungsstücke der Bäuerin 
s. u. § 10. In gleicher Funktion findet 
sich der Marktstock des Bauern 147 ); im 
Breisgau legt der Käufer den Stecken, 
mit dem er das gek.te Tier hergetrieben, 
vor die Stalltüre, macht drei Kreuze und 
läßt das Vieh darüber schreiten, wobei die 
Zuschauer sagen: „Ich wünsch Glück in 
Stall“ 148 ). Man läßt ferner das neue 
Vieh über einen (halben) Kreuzer oder 
beliebiges anderes Geld in den Stall ein- 
treten, muß aber das Geld einem Armen, 
dem ersten Bettler schenken 149 ), vgl. 
§ 4. In Westböhmen legt man außer 
Mistgabel oder Hacke auch eine mit 
Geld gefüllte Brieftasche oder Gebet¬ 
buch und Rosenkranz unter 150 ). In der 
Oberpfalz wird geboten, das Vieh dieses 
erstemal tüchtig über die Mistgabel ein¬ 
zutreiben, damit es künftig immer gehörig 
heimgehe und den Weg finde 151 ). Man 
muß natürlich darauf achten, daß das 
Vieh nicht auf den zu überschreitenden 


Gegenstand hin auf tritt, sondern ihn über¬ 
steigt 152 ), man muß es hierbei schweigend 



H5I 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1152 


und mit zurückgehaltenem Atem in den 
Stall führen 163 ). Das Tier muß bei der 
ersten Einführung mit dem rechten 
Vorderfuß den Stall zuerst betreten 154 ), 
auch beim Überschreiten von auf die 
Stallschwelle gelegten Besen oder Groschen 
mit dem rechten Fuß vorangehen 156 ). 
Mit dem Ersteintritt des rechten Vorder¬ 
fußes ist freilich die folgende Übung un¬ 
vereinbar. Zur guten Eingewöhnung wie 
zur Abwehr von Krankheiten — „weil 
das Vieh nur von hinten behext werden 
kann" 166 ) — zieht man nämlich allent¬ 
halben das gek.te Tier rückwärts 
mit dem Schwanz in den neuen 
Stall hinein 167 ), wie man es auch rück¬ 
wärts aus dem früheren Stall geholt hat, 
s. o. § 5. Man ruft dabei: „Hex isch 
fort" 168 ). Auch ein zum Aufziehen gek.tes 
Kalb, das man aus seinem früheren Stall 
mit dem Kopf zuerst heraus und auf den 
Wagen gebracht hat, muß bei der An¬ 
kunft verkehrt aus dem Wagen geholt und 
in den Stall gezogen werden 169 ). Eine 
gek.te Katze muß man so ins Haus tragen, 
daß sie den Kopf gegen die Straße und 
nicht gegen das Haus hält, sonst bleibt 
sie nicht 180 ). Auch Tauben sollen „hinter 
sich" in den Schlag gebracht werden 161 ), 
und Hühner steckt man verkehrt durchs 
Fenster der Wohnstube 162 ). Neben all 
diesen Durchgangsriten besteht noch hie 
und da ein ganz greifbarer Reinigungs¬ 
ritus. Man hat in Schlesien beim ersten 
Überschreiten der Schwelle eine Kanne 
Wasser auf das Dach gegossen, damit 
das herabfließende Wasser das Rind be¬ 
gieße; dieses gedeiht dann gut, und eine 
Kuh gibt viel Milch 183 ). Diese Segnung 
und Gewöhnungslustration durch Be¬ 
gießen mit Wasser wird auch an der 
neugek.ten Kuh oder am Schwein geübt, 
ehe das Tier rückwärts in den Stall ge¬ 
schoben wird 164 ). In Ostpreußen gießt 
die Frau über Kopf und Rücken, vorn und 
hinten, und der Mann führt die Kuh drei¬ 
mal im Kreise um sich herum und dann 
erst in den Stall 166 ). Oder man be¬ 
sprengt das neugek.te Vieh mit Weih¬ 
wasser 1 ® 8 ). In Frankreich spuckt man 
vor der ersten Stalleinführung aus 187 ), 
ähnlich wie die Magyaren jeden neugek.ten 


Gegenstand anspucken, damit nichts 
Böses an ihm haften bleibe 168 ) — und 
er in den eigenen Machtbereich gezogen 
werde, beides, vom Anspucken des Hand¬ 
gelds abgesehen (vgl. § 16), anscheinend 
nicht deutsch. 

137 ) ZfVk. 1, 187 (Brandenburg); Engelien 
u. Lahn 1, 270. 138 ) Meyer Baden 399; 

Bartsch Mecklenburg 2, 144. 156; Witzschel 
Thüringen 2, 278; ZfVk. 23, 182 (Isergebirge); 
Drechsler 2, 203 f.; Sartori Sitte 2, 142 A. 24; 
um Oels wird die neugek.te Kuh über einen 
Besenstumpf gehoben, Drechsler Haustiere 7. 
13# ) Eberhardt Landwirtschaft 15; Bohnen¬ 
berger 114 (24); Schönwerth Oberpfalz 1, 
320; John Westböhmen 208. 14 °) BIPommVk. 

7, 92. 141 ) John Erzgebirge 226; Wolf Beiträge 
1, 219 (Hessen); s. a. § 10 Anm. 220. 142 ) Eber¬ 
hardt a. a. O.; John Westböhmen 208; Wolf 
a. a. O.; NdZfVk. 7, 38 (Ostfriesland); W. § 691 
(Sachsen): Kopf der Axt nach innen, Stiel nach 
außen gelegt. 143 ) BIPommVk. 7, 92. l44 ) 

Toeppen Masuren 97. 14fi ) Wolf a. a. O.; 

Bartsch Mecklenburg 2, 144. 14i ) W. § 691. 

147 ) Eberhardt a. a. O. 148 ) Meyer Baden 399; 
vgl. Fogel Pennsylvania 173 Nr. 826. 828. 
149 ) Eberhardt a. a. O. 20; Bohnenberger 
114 (24); Meyer Baden 399; SSbillot Folk- 
Lore 3, in. 16 °) John Westböhmen 208. 151 ) 

Schönwerth a. a. O. 162 ) BIPommVk. 7, 92. 
1M ) Wolf a. a. O. = W. § 691. 164 ) Bohnen¬ 

berger 116 (26); W. § 691 (Oberpfalz); Groh- 
mann 137; John Westböhmen 209; Peter 
Österr. Schlesien 2, 249; Drechsler Haustiere 7; 
Witzschel Thüringen 2, 278; Wrede Rhein. 
Volkskunde * 130 (Rezept des 18. Jh.s). 166 ) 
Meyer Baden 399. 166 )W. §681. 167 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 156; Knoop Hinterpommern 
172; W. §§ 676. 678. 681 (Oldenburg, Böhmen); 
Frischbier Hexenspr. 14; Kuhn u. Schwartz 
446; Engelien u. Lahn 1, 270; ZfVk. 1, 187 
(Brandenburg); Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1031 
(Bunzlau 1791); Drechsler 2, 103. 118; ders. 
Haustiere 7; Witzschel Thüringen 2, 279; 
Wrede a. a. O.; Pollinger Landshut 156; 
Eberhardt 15; Meyer Baden 399. 404; Se- 
billot a. a. O.; Fogel Pennsylvania 170 Nr. 811. 
lfi8 ) Meyer Baden 399. 15# ) W. § 690 (Branden¬ 
burg, Schlesien). 18 °) Grimm Myth. 3, 458 
Nr. 679 (Schwaben 1790). M1 ) Meyer Baden 

413; John Erzgebirge 235. 182 ) Drechsler 

Haustiere 11. 143 ) Grabinski Sagen 52 = 

Drechsler 2, 102 f. 1M ) W. § 691 (Ost¬ 
preußen); Drechsler 2, 103. 118; Globus 72, 
352 (Niederlausitz); vgl. Gesemann Regen¬ 
zauber 59. 166 ) Toeppen Masuren 97 = W. 

§ 691. 16# ) Grohmann 137; John Westböhmen 
208; S£billot a. a. O. 187 ) Söbillot a. a. O. 
1W ) Wlislocki Magyaren 73; gleiche u. ähnliche 
Maßnahmen in den nord. Ländern, Heurgren 

347ff - . . 

9. Nicht minder wichtig als die Unheil¬ 
abwehr dieser Einführungsriten ist die 


1153 


Kauf, Verkauf (Handel) 


H54 


Fürsorge für ein rasches Ein leben des 
gek.ten Tieres in die neue Umgebung. 
Hierzu sollen schon die Mitnahme des 
alten Stallstrohs und des Leitstricks und 
das Glücks- oder Gewöhnbrot beitragen, 
s. o. § 5. Man sucht das Tier, be¬ 
sonders Hunden, Katzen und Geflügel, 
mit einem Teil seines Körpers an 
die neue Umgebung zu binden. 
Daher sägt man einem neugek.ten Rinde 
ein Stück von einem Horn ab und heftet 
dieses mit einer Nadel (!) an den Futter¬ 
trog 189 ). Einen zwischen den Ohren ab¬ 
geschnittenen Büschel Haare vergräbt 
man vor der Stalltüre, damit das Tier sich 
ans Haus gewöhne 17 °). Von Hund und 
Katze legt man ein paar (drei) ihrer Haare 
unter einen Tischfuß 171 ), was die Rocken¬ 
philosophie auch für junge Schweinchen 
empfiehlt 172 ), vgl. 3, 1285. Ein Hirsch¬ 
berger Rezept verordnet: schneid dem 
neuen Hunde drei kleine Büschlichen 
Haare aus dem Genicke, thue sie in ein 
Papier und lege beides an einen Ort. wo 
man nicht auskehrt, so bleibt er gewiß 173 ). 
Statt unter der Stallschwelle vergräbt 
man die Haare auch vor dem Haustür¬ 
stein 174 ). Von jeder neugek.ten Taube 
drei Federn (des linken Flügels), fest 
eingesteckt 175 ) in ein Loch am Tauben¬ 
hause, bewirken, daß die Tauben nicht 
davonfliegen 176 ). Oder man zupft dem 
Vogel drei mittlere Schwanzfedern aus 
und wirft sie in eine Ecke des Tauben¬ 
söllers oder verbrennt sie im Ofen 177 ). 
Man bindet auch die Tauben selber einen 
Tag lang zur Angewöhnung an 178 ). Man 
läßt das gek.te Tier (dreimal) in einen 
Spiegel, den Zimmerspiegel sehen, 
dann „bleibt es treu" 179 ), man hat so 
sein Bild und damit es selbst im Spiegel 
eingefangen. Man bindet die Tiere aber 
auch als Ganzes durch eigene Teilnahme 
an der neuen Heimat, wie z. B. 
in Württemberg gek.tes Rindvieh an 
die neue Markung dadurch gefesselt wird, 
daß man es etwas Erde fressen läßt, 
sobald die Markungsgrenze zum ersten 
Male überschritten worden ist 180 ). Aus 
Baden wird 1787 überliefert, daß man 
gek.tes Geflügel dreimal um den Tisch 
oder einen Tischfuß jagen (s. u.), von 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


allen oder von drei Tischecken ein 
Stückchen Holz abschneiden und ihm 
unterm Brot zu fressen geben solle, dann 
bleibe es daheim 181 ). Solches von den 
vier Ecken des Haustischs ab¬ 
geschabtes Holz wird in Baden 182 ) 
und in der Oberpfalz 183 ) auch neugek.ten 
Kühen gegen ihr Heimweh in den Trank 
eingegeben, ebenso helfen Holzspänchen 
von drei Ecken des Hauses 184 ). Noch 
häufiger erscheint das Umtragen der 
Tiere. In Schlesien trägt man die neu¬ 
gek.ten Hühner in einem Sack oder Korb 
dreimal um das Haus und steckt 
dann jedes Huhn einzeln verkehrt durch 
das Fenster in die Wohnstube 185 ). Man 
soll neugek.te Hunde, Katzen und Hühner 
dreimal um ein Tisch- oder Stuhl¬ 
bein führen 186 ) (und nicht sofort be¬ 
zahlen) 187 ). In Württemberg vereinigt 
und steigert man diese Gewöhnungs¬ 
zauber: man dreht ein neugek.tes Huhn 
dreimal um einen linken Tischfuß herum, 
läßt es dreimal unter Anruf der drei 
höchsten Namen in einen Spiegel sehen 
und dreimal durch einen Rockschlitz 
fallen (vgl. § 10), ehe es in den Stall 
gebracht wird 188 ). An die Stelle des 
Tischfußes tritt bei dem Drehzauber auch 
das Bein des Hausherrn oder der Haus¬ 
frau (s. u. § 10), in Mecklenburg gelegent¬ 
lich der Kesselhaken 189 ), also ein Herd¬ 
teil. So spielt weiter auch der Herd, 
bzw. der Ofen eine bedeutende Rolle 
in den Gewöhnungszaubern. Man bringt 
Milchschweine zuerst hinter den Ofen 190 ), 
läßt neugek.tes Vieh ins Ofenloch 191 ), 
eine neue Katze in den Schornstein 
schauen 192 ), einem Hund bestreicht man 
zuerst am Herde die Pfoten, damit er 
nicht wegläuft 193 ); in Sachsen treibt 
man vollends neue Haustiere dreimal um 
den Herd und reibt sie an der Feuer¬ 
mauer 194 ), der alte Brauch der Herd¬ 
umwandlung 196 ), vgl. 3, 1768!. Diese 
Herdzauber erinnern aber auch an die 
schwedische Sitte, neugek.te Tiere im 
neuen Heim alsbald Heu aus dem Kamin, 
also dem Herde, oder von einem boden¬ 
festen Stein fressen zu lassen, damit sie 
sich wohl befinden 196 ), und an den nor¬ 
wegischen Brauch, einer neuen Kuh 

37 


1155 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1156 


Feuer vor die Augen zu halten und ein 
neues Pferd in die Stube vor das Herd¬ 
feuer zu führen 197 ). In Ostpreußen 
schwingt man glühende Kohlen über 
gek.te Gänse zum Schutz gegen Zaube¬ 
rei 198 ). Mit dem Wasser eines Ofenhafens 
sollen die Füße neuer Tauben vor dem 
Einlaß in den Taubenschlag gewaschen 
werden, damit sie nicht davonfliegen lö9 ). 
Auch neuem Rindvieh, das sich nicht 
an den Stall gewöhnen will, wäscht man 
in einem beliebigen Gefäß die Füße und 
gießt das Wasser in den Stall aus 20 °). 
Neue Tauben können auch aus einem 
Totenschädel trinken 201 ) oder das 
erstemal mit in Honig getauchter Gerste 
oder Anis 202 ) oder mit gekautem Brot 
(s. u. § 10) gefüttert werden 203 ). Um 
neugek.te Hühner zu fesseln, gibt man 
ihnen schließlich noch Haken und Heften 
ins Futter 204 ). Und ihr Nest baut man 
aus Futterabfällen, die man in den Vieh¬ 
trögen des Hofes findet 205 ), s. a. 4, 451. 

m ) ZfVk. 1, 187 (Brandenburg). 17 °) W. 
§ 691 (Waldeck), in Brandenburg trägt man 
solches kreuzweise abgeschnittenes Haar auf 
einen Kreuzweg. 171 ) Schmitt Hettingen 15; 
Meyer Baden 410; W. § 679 (Oldenburg); s. w. 
Hund 4, 477. 172 ) Rockenphilosophie (1759) 803 
c. 73 - 173 ) Drechsler Haustiere 10. m ) Müller 
Isergebirge 13. 175 ) Dies soll mancherorts ge¬ 
rade am Freitag vorgenommen werden (Meier 
Schwaben 2, ^ioNt. 416;\V. §678; vgl. Drechsler 

2, 95), ein Widerspruch zu dem Verbot, am 

Freitag neues Vieh in den Stall einzustellen, 
s. o. § 6. 17 ®) Panzer Beitrag 1, 259; Eberhardt 
Landwirtschaft 20; W. § 678. 177 ) Drechsler 
Haustiere 11; vgl. Urquell 3, 175. 178 ) Meyer 
Baden 413; vgl. W. § 676. 179 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 158. 160; Heckscher Hannover. 
Volksk. 1 § 77; Hüser Beiträge 2, 26; John 
Erzgebirge 234; John Westböhmen 216; Meyer 
Baden 410. 413; W. §§ 676. 679; s. a. Anm. 188. 
180 ) Eberhardt a. a. O. 15. 181 ) Grimm Myth. 

3, 454 f. Nr. 577. 616; Meyer Baden 413. 182 ) 

Meyer Baden 374. 399- 183 ) W. § 68 3 - 184 ) 

Kuhn Westfalen 2, 62. l85 ) Drechsler Haus¬ 
tiere 11. 188 ) Meyer Baden 410. 413; John 

Erzgebirge 234; Drechsler 2, 87. 187 ) ZfVk. 

23, 183 (Isergebirge); vgl. Bohnenberger m 
(21). 188 ) Eberhardt a. a. O. 20; vgl. Pfister 

Schwaben 41. 50. 189 ) Bartsch Mecklenburg 

2, 158; vgl. drehen 2, 410 u. Herd 3, 1768 f. 
19 °) Eberhardt a. a. O. 15; Heurgren 356. 
m ) W. § 681 (Erzgebirge). m ) Wrede Rhein. 
Volkskunde 2 130. 193 ) NdZfVk. 8, 51 (Ost¬ 

preußen). 194 ) W. § 679. 195 ) Praetorius Phil. 
10 u. a. m., vgl. 3, 1769 f. Anm. 109. 1M ) 

Svenska Landsmälen 2, 5, 8 (Möre, Smäland); 


Heurgren 348. 197 ) Liebrecht Zur Volksk. 

319 = Sartori Sitte 2, 142 f.; Heurgren 350 f. 
198 ) NdZfVk. 8, 51. 199 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 
3531 John Westböhmen 209 (Hühner); W. § 676. 
20°) w. § 691 (Ostpreußen). 201 ) Meyer Baden 
413 f.; W. § 678: Gewöhnungszauber für Tauben: 
man stellt einen Totenschädel, den man in der 
Christnacht vom Kirchhof geholt, als Trink¬ 
gefäß in den Schlag; man macht die Tür des 
Schlages aus den Brettern einer Totenbahre; 
man hängt in einem Glas etwas Milch von einer 
einen Knaben säugenden Frau in den Schlag; 
vgl. Anm. 202. 202 ) Eberhardt a. a. O. 20; 

Staricius (1679) 476; Albertus Magnus 
(Enßlin) 1, 51: Nimm ein Brettlein von einer 
Todtenbahr, darin ein Kind begraben worden, 
das vor der Taufe gestorben, lege es unter das 
Loch, da die Tauben darüber gehen, so kommen 
sie wieder, wenn man sie nicht einsperrt oder 
umbringt. .. . Willst du aber daß deine Tauben 
fremde Tauben mitbringen, so gib ihnen Leimen 
von einem alten Backofen zu fressen, mache den 
Leimen an mit wenig Anis, das fressen sie gern, 
und andere Tauben riechen es von denen und 
fliegen mit ihnen heim in den Schlag (vgl. Anis 
1, 448), ähnlich ebd. 4, 36 Nr. 129. 203 ) ZfVk. 
23, 183 (Isergebirge); Eberhardt a. a. O. 20. 
204 )Bohnenberger m (21); vgl. Meyer Baden 
413. 20ß ) Bohnenberger 114 (24). 

10. Wenn man neugek.te Tauben mit 
gekautem Brot füttert 206 ), geht der 
Zwang zu guter Eingewöhnung von der 
Person des Käufers aus. Wie durch das 
Eingeben von am Haustisch abgeschab¬ 
tem Holz (s. o. § 9) das neugek.te Tier 
mit dem Haus verbunden werden soll, so 
erfolgt hier eine unmittelbare Verknüp¬ 
fung mit dem Hausherrn. Man 
kaut ebenso für einen neuen Hund Brot 
oder läßt es unter der Achsel oder Ferse 
vom eigenen Schweiße durchdringen und 
gibt dies dem Tiere zu fressen mit den 
Worten: ,,Hund, du gehörst nun mir" 207 ), 
vgl. 4, 477. Im badischen Taubergrund 
bekommt ein Hund, der sich nicht ge¬ 
wöhnen will, etliche Schweißhaare unter 
das Essen gemischt 208 ). In der Wetterau 
gibt man einem neugek.ten Schweine 
zuerst drei Brotkrusten, in welche einige 
unter dem Arme eines Menschen aus¬ 
gerissene Haare eingewickelt sind, zu 
fressen, dann gedeiht es gut 209 ). Diese 
Gewöhnzauber arbeiten mit den gleichen 
Mitteln, Schweiß und Speichel, wie die 
Liebeszauber, die den Bedachten auch in 
den Bannkreis einer bestimmten Person 
ziehen wollen. Ihr eigentlicher Sinn ist 


1157 


Kauf, Verkauf (Handel) 


II58 


dann vergessen, wenn man Hühnern, 
damit sie bleiben, in Schmalz geröstetes 
Brot gibt 21 °). An der obern Nahe werden 
einer neu eingestellten Kuh Haare der 
andern Stalltiere zwischen zwei Brot¬ 
schnitten eingegeben, damit sie Frieden 
halten 211 ). Angewöhnung an die neuen 
Besitzer ist auch beabsichtigt, wenn das 
gek.te Schwein aus der Suppenschüssel 
zuerst fressen soll, um immer gern zu 
fressen 212 ), oder wenn man dem neuen 
Hund früh nüchtern ins Maul spuckt oder 
ihm von dem Wasser, mit dem man sich 
gewaschen, ins Futter schüttet 213 ). Der 
Dreh za über mit Tisch- oder Stuhl¬ 
bein (§ 9) findet hier ein Gegenstück, 
wenn man einen gek.ten Hund, eine 
Katze oder ein Huhn dreimal um sein eige¬ 
nes rechtes, seltener linkes Bein dreht al4 ). 
In Warmbrunn stellt die Hausfrau ihr 
bloßes rechtes Bein neben einen Tisch¬ 
fuß, und die Hühner werden dreimal um 
beide herumgereicht 215 ), vgl. Gebärde 
3, 330 f. Hühner und Tauben steckt 
man auch dreimal zwischen den Beinen 
hindurch, immer von vorn nach hinten, 
und flüstert diesen in Schlesien dabei zu: 
,,Taube, bleib bei mir daheim wie der 
Strumpf an meinem Bein" 216 ), s. w. u. 
Die Person der neuen Herrschaft kann 
durch ihre Kleider vertreten werden. 
Daher werden die Tiere auch durch die 
Berührung mit Kleidungsstücken 
des Bauers und vor allem der Bäuerin 
an Hof und Stall gewöhnt: neugek.te 
Hühner, Katzen und Kühe läßt man über 
einen Schurz — einen blauen Schurz 217 ) — 
ein (linkes) Strumpfband oder einen 
Gürtel der Frau zum ersten Male in den 
Stall hinein (oder daraus heraus, vgl. 
unten), Tauben werden durch einen 
Rockschlitz geschoben 218 ), das letzte wie 
das Durchstecken zwischen den Beinen 
ein Durchziehzauber, vgl. 2, 491 f. 
Oder die erste Fütterung soll aus der 
Schürze erfolgen 219 ). Diese Maßnahmen 
werden zum Teil ausdrücklich erst beim 
ersten Auslaufen des gek.ten jungen 
Huhns getroffen; dabei zerbeißt in Baden 
die Frau einen Bissen Brot und wirft ihn 
dem Huhne nach in den drei höchsten 
Namen; und will das Huhn nicht bleiben. 


so stellt man das rechte Bein dreimal auf 
die Hühnerstallschwelle und schiebt das 
Huhn dreimal darunter mit dem Spruch: 
,,Huhn, blib uf'm Hof wie de Dod uf'm 
Kirchhof"; man läßt die Hühner über 
den Hausschlüssel auf der Türschwelle 
laufen und gebraucht dazu verschiedene 
geeignete Sprüche 220 ). Und jetzt erst 
auch erfolgt der Gewöhnungszauber des 
dreimaligen Umführens des Geflügels um 
das rechte oder linke Bein der Haus¬ 
frau 221 ) oder der Durchziehzauber mit 
Kleidungsstücken, wenn neugek.te Hühner 
das erstemal durch ein Hemd des Käu¬ 
fers 222 ), durch ein Hosenbein 223 ), über 
ein Strumpfband 224 ) aus dem Haus in 
den Hof fliegen sollen. 

Appetitzauber: Will ein neues Tier 
sich nun nicht eingewöhnen und nicht 
fressen, so soll man es zum Schein an den 
Nachbarn oder Frau oder Kind „ver¬ 
handeln", sogar etwas Geld dabei zahlen 
und „Leink. trinken", dann frißt es sehr 
gut 225 ), vgl. § 21. Ähnlichkeitszauber 
bewirken guten Appetit: einer Saufunlust 
der Milchschweinchen wird dadurch vor¬ 
gebeugt, daß der Käufer auf dem Markte 
selbst ordentlich trinkt 226 ); neugek.te 
Ferkel werden daheim zuerst mit Milch, 
die auf der Bratpfanne aufgewärmt wird, 
gefüttert, denn weil die Pfanne immer 
fett ist, so werden auch die jungen 
Schweine bei der Mast fett werden 227 ). 

2M ) S. o. Anm. 203. 207 ) Drechsler Haus¬ 

tiere 10; vgl. Drechsler 2, 16 f. 96; John Erz¬ 
gebirge 233; Köhler Voigtland 429; ZfrwVk. 
6, 269; Meier Schwaben 2, 498 Nr. 323; W. 
§ 679. 208 ) Alemannia 20, 283. 209 ) W. § 687. 
21 °) Birlinger Schwaben 1, 400; vgl. Fogel 
Pennsylvania 182 Nr. 875; s. o. 1, 1650. 

* 11 ) ZfrwVk. 2, 293. 295; vgl. Bartsch 

Mecklenburg 2, 137; Pollinger Landshut 155s.; 
Reiser Allgäu 2, 439; Zahler Simmenthal 92; 
s. o. 3. 1285. 212 ) W. § 687 (Oberpfalz). 213 ) 
W. § 679; vgl. BIPommVk. 7, 44 (s. o. 1, 1650). 
214 ) Grimm Myth. 3, 474 Nr. 1061 (Bunzlau 
1791) = ZfVk. 4, 47 u. = Panzer Beitrag 1, 
316; Drechsler 2, 97; John Westböhmen 256; 
W. § 676; s. a. Anm. 221. 215 ) Drechsler 

Haustiere 11. 2lfl ) Ebd.; vgl. den ähnlichen 
badischen Durchziehzauber Anm. 220; s. a. 
Liebrecht Zur Volksk. 255 f. 217 ) Meyer 
Baden 413. 218 ) Bohnenberger 107 (17); 

Eberhardt a. a. O. 15. 20; Meyer Baden 399; 
Wolf Beiträge 1, 219 (Wetterau); s. a. Anm. 
222—224. 219 ) John Westböhmen 209. M0 ) 


11 59 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1160 


Meyer Baden 413; man legt gegen das Ver¬ 
laufen einen Haustürschlüssel quer über das 
Hühnerloch, Reiser Allgäu 2, 449. M1 ) 

Drechsler 2, 87; John Westböhmen 216; 
Grohmann 232; vgl. Liebrecht Zur Volksk. 
356. 222 ) Lauffer Niederdeutsche Volksk. 2 89. 

ÄM ) Bartsch Mecklenburg 2, 157; Toeppen 
Masuren 101; Drechsler 2, 88. 224 ) Meier 

Schwaben 2, 514; s. a. E. v. Künßberg Hühner¬ 
reckt u. Hühnerzauber in JbhistVk. 1, 126 ff. 
***) Toeppen Masuren 98 = W. § 681 = 
Seligmann Blick 1, 336; Urquell 4, 116. 187; 
dieser Brauch berührt sich mit dem Kinderspiel 
„Schweinchen verk.en", vgl. v. Künßberg 
Rechtsbrauch u. Kinderspiel SitzbHeid. 1920 
Nr. 7, 48. 22fl ) Bohnenberger 106 (16); 

Eberhardt a. a. O. 15; John Westböhmen 209. 
M7 ) NdZfVk. 8, 51 (Ostpreußen). 

11. Sachenschutz. Nicht nur neu- 
gek.ten Tieren wird solche mystische Für¬ 
sorge gewidmet, man sichert sich auch 
neuerworbene Gegenstände in ähnlicher 
Weise. Wer ein neues Messer k.t, gebe 
den ersten damit geschnittenen Bissen 
einem Hunde zu fressen, so verliert er 
das Messer nie 228 ). Beim K. eines 
Hauses sieht man in Oberbaden darauf, 
daß der Tisch und das Christusbild darin 
geblieben sind, ebenso wie in thüringi¬ 
schen Dörfern der Tisch (zwei Stühle) 
und die Bibel 229 ). Wenn es bis ins 18. Jh. 
bei einem Grundstücksverk. üblich ge¬ 
wesen ist, die Haustüre des neugek.ten 
Besitzes offenstehen zu lassen, damit der 
neue Besitzer eintreten kann 230 ), so hat 
sich hierin nur ein Zug anschaulicher alter 
Rechtssitte erhalten, die heute noch im 
Worte lebt — „Auflassung eines Grund¬ 
stücks' * — und kein Aberglaube. Nach 
einem Hausverk. soll aber der vorige Be¬ 
sitzer nicht als Mieter wohnen bleiben, 
sondern vor dem Einzug des neuen ver¬ 
schwinden; denn alter und neuer Wirt in 
einem Hause bringen Unglück 231 ). 

128 ) Grimm Myth. 3, 462 Nr. 799; Alemannia 
8, 128; Schönbach Berthold v. R. 151 (17. Jh.). 
22# ) Meyer Baden 351; ZfVk. 6, 15 (Thüringen 
1842). 23 °) MschlesVk. 4 (1897), 59; Klapper 

Schlesien 263; vgl. Sartori Sitte 2, 182. 231 ) 

John Erzgebirge 37 = Sartori a. a. O. 

C. Noch mehr als der Käufer bemüht 
sich der Verkäufer um einen glücklichen 
Handel, bei welchem er seine Waren, 
seine Tiere zu günstigen Bedingungen und 
ohne Unfall losschlägt und die zurück¬ 


bleibenden, nicht verk.ten Waren und 
Tiere vor bösen Einflüssen sicher bewahrt. 

12. Vielfach sind es die gleichen 
Waffen, welche den Käufer zum Erfolg 
führen und die auch der Verkäufer 
an wendet, um das Glück auf seine Seite 
zu ziehen, von den nordgermanischen 
Zauberrunen und dem rechten Tobias¬ 
segen — zuweilen heißt es einfach: der 
Vieh Verkäufer muß einen „Z a uber¬ 
zett el“ auf der Brust tragen, wenn er 
viel Geld lösen will — bis zum Wiede¬ 
hopfkopfe und zur Maulwurfspfote, vgl. 
§ 2. In Nordamerika entspricht der 
letzten noch heute die Kaninchenpfote 
als Glückstalisman für den K.mann 233 ), 
während in Bosnien eine Fledermaus im 
Laden des K.manns die Kunden an¬ 
zieht 234 ). Die Zigeuner glauben, viele 
Käufer für ihre Hausierware zu be¬ 
kommen, wenn sie Zähne, die jahrelang 
in der Erde gelegen haben müssen, mit 
den Knochen eines Laubfroschs zu¬ 
sammen in einem Säckchen vernähen, 
mit dem sie dann die Ware bestreichen 235 ), 
vgl. die Totenamulette weiter unten. Aus 
Mittelschlesien wird berichtet, eine Ver¬ 
käuferin solle in ihrer Geldtasche, in der 
sie das Wechselgeld mit sich führt, ein 
Otternköpfchen, eine kleine, runde Mu¬ 
schel, bei sich tragen, dann werde sie 
glücklich sein in ihren Verkäufen und 
ihren Einnahmen 236 ). Die Wenden 
kennen auch eine Pflanze, welche die 
Frau dem Vieh Verkäufer heimlich in die 
Tasche stecken muß, daß er viel Käufer 
habe 237 ), bei den Tschechen verteilt man 
einige Triebe der Kamille unter die Waren, 
um im Verk. glücklich zu sein 238 ). Über 
die gute Wirkung von auf dem Marktweg 
gepflücktem Fingerkraut s. d. 2, 1498. 
Man legt ein Blatt Klee von einem zu 
Fronleichnam geweihten Kranze in den 
Geldbeutel, wenn man Kühe oder andere 
Tiere zu Markt bringt 239 ). Ausgezeichnet 
hat von jeher ein Spiritus familiaris 
(s. d.) geholfen, „er verschafft zu jed- 
wederer Handelschafft genügsame Kauff¬ 
leute und vermehrt die Prosperität“ M0 ). 
Genau so altertümlich und einst beliebt 
wie dieser starke Helfer sind die von den 
K .leuten herangezogenen Totenamu- 


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Kauf, Verkauf (Handel) 


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lette, namentlich Diebsdaumen, vgl. 

2, 239 f., s. a. hängen 3, 1455 ff., Hin¬ 
gerichteter 4,44 ff. Man schnitt z. B. 1569 
in Schlesien die Finger eines Geräderten 
ab, um „gut gelück zum kauffschlagen“ 
zu haben 241 ). Um ein Pferd zu verk.en, 
sollte man auf dem Markt ein Auge eines 
armen Sünders in der Hand haben, aber 
imbedingt bei dem Preis, den man zuerst 
gemacht hatte, bleiben, sonst half Cs 
nicht 242 ). Gelang es einem K.mann, 
bei der Enthauptung eines Mörders an¬ 
wesend zu sein und einige Tropfen Blut 
mit seinem Taschentuch aufzufangen, 
on vermehrte sich seine Kundschaft 243 1 . 


Huß berichtet allgemein von den „Ge- 
f werbsleuten“: „wan sie etwas von einem 
* Armen-Sünder bey ihrem Handwerks- 
zeich haben, so werden sie mehr Ver- 


?' kehr und Zutrauen erlangen, jeder wird 
ihnen abk.en“ 244 ). Ebenso beförderte 
j es das Glück des K.manns, wenn er seine 
Waren, besonders Geschirr oder Schuhe, 
1 mit einem „Armsünderfleckl“ (vgl. 

• Hingerichteter 4, 50), einem Lappen vom 
Kleid eines Gehängten oder überhaupt 

, eines Gerichteten abwischte 245 ), wer die 
> Waren dann anschaute, konnte nicht 

j mehr weg, er mußte sie kaufen. Diese 
Amulette gewinnen alle ihre Macht aus 

* der Zauberkraft des hingerichteten Ver¬ 
brechers. Ebenso stark wirken die Ge- 

■ richts werk zeuge, wie ein altes Zürcher 

Rezept verrät: „Nim ein Reislein von 
einer Ruthen, damit eine oder ein ist aus- 
V gestrichen worden, ein Mannsbild mus es 

von einem Mannsbild, ein Weibsbild von 


einem Weibsbild die Ruthe haben, dan 


mach dir ein Ringlein und überwinde es 
mit rother Seide, und Steck es an den 
Finger, wen du etwas verk.en willst, So 
zalt man dirs wie du es bietest“ 246 ). 
Ähnlich verwendete man Galgenstricke 
und Galgennägel, vgl. Galgenamulette 
3, 264 ff. Auch ein Hufeisen, auf die 
Schwelle des K.iadens genagelt, ver¬ 
schafft viele Käufer und guten Gewinn; 
umgekehrt befestigt, bringt es Unglück 
247 ). Neben diesen glückerzwingenden 
Amuletten finden sich noch andere 


Zwingzauber. In einem Rostocker 
Hexenprozeß von 1584 wird der Ange¬ 


klagten vorgeworfen, sie habe einem 
andern „ein Poth zugerichtet, den er 
unter den sül vor der hußthür gegraben, 
das er ... sein broth wol verkeuffen 
solte“ 248 ). Im Gegensatz zu solchem 
Teufelswerk gebraucht man auch ge¬ 
weihte Sachen, um den Verk. seiner 
Waren zu steigern, wie 1650 schlesische 
Töpfer gegen das Weib eines Mitmeisters 
klagten 249 ). „Ain schuester, so er schuech 
zu sneyt, so legt er das leder auf ain stül, 
so let es sich pald verkauften“ 280 ). Fegt 
man den Staub vor der Tür in den Laden, 
so hat man viel Absatz 251 ). Oder man 
bestreicht des Morgens seine Ladentür 
mit frischem öl 252 ). Bei der Eröffnung 
eines Geschäfts soll man zuerst Geld in 
die Ladenkasse legen, im Zeichen der 
Jungfrau wird sie besonders gewinnreich 
sein 253 ). Es soll überhaupt immer eine 
Münze im Geldkasten liegen, um stets 
neues Geld anzuziehen 254 ), vgl. den heute 
noch allgemein verbreiteten Brauch, einen 
Glückspfennig, die kleinste Kupfer¬ 
münze, und möglichst eine ganz neue, im 
Portemonnaie zu haben. Über die nütz¬ 
liche Kraft des Handgeldes vgl. § 16. 
Ohne sein Zutun erreicht den K.mann 
das Glück, wenn er am Ersten Schulden 
macht oder in aller Frühe wechseln muß 
255 ). Es gibt auch unheilbringende Vor¬ 
gänge, so wenn ein K.mann seine Ware auf 
ein Bett legt, dann wird sie nicht verk.t 
werden 256 ). Unglückstage zum Verk. 
vgl. § 3. Glückerzwingende Zauber 
im Viehverk. vgl. §§ 14. 15. 

tat) w. § 710 (Brandenburg); ein Segen, um 
viele Käufer zu haben, bei Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 351. 233 ) AKrim. 61, 128. 234 ) ZfVk. 

9, 254; ähnliches auf Celebes, vgl. Seligmann 
Blick 2, 114; rotes Tuch in Siam, ZfVk. 23, 208. 
235 ) SAVk. 14, 270. 236 ) ZfVk. 4 , 83. * 37 ) 

Schulenburg Wend. Volksthum 163. 238 )Groh- 
mann 100. 239 ) Knoop Tierwelt 39; s. a. § 15. 
24 °) Grimmelshausen Courasche nach Schlos¬ 
ser Galgenmännlein 61; von solcher Kraft der 
Mandragoren oder Glücksmännlein berichtet 
noch Lena Christ in ihrem Roman Matthias 
Bichler (oberbayrisch); s. a. § 19. 241 ) Mschles¬ 
Vk. 25 (1924), 87. * 42 ) UrqueU 1, 187. * 4 *) 

Knoop Hinterpommem 166; W. § 189. ,44 ) 

Huß Aberglaube 20. 245 ) Baumgarten Heimat 
2, 95; Schönwerth Oberpfalz 3, 204. ***) 

SAVk. 2, 268 = Albertus Magnus (Enßlin) 
2, 34 - * 47 ) W. § 176. 148 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 26. 249 ) Kühn au Sagen 3, 14. ”•) 



Kauf, Verkauf (Handel) 


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Grimm Myth. 3, 419 Nr. 61 (Hs. 14./15. Jh.). 
m ) W. § 718 (Böhmen). «*) W. § 777. 2ß3 ) 

John Erzgebirge 36. 254 ) Ebd. 37; vgl. Anm. 

307. 2ß6 ) Wiener Kinderglaube, WZfVk. 33, 50. 

aM ) Drechsler 2, 194. 

13. Neben diese reiche Anzahl von 
Zaubereien, die das Verk.sglück herbei¬ 
zwingen sollen, treten mancherlei Vor¬ 
zeichen, die dem Verkäufer die Preis- 
und Verk.smöglichkeiten anzeigen. 
So für den Kornhandel. Soviel Hahnen¬ 
schreie man in der Weihnachtsnacht 
hört, so teuer wird im folgenden Jahr 
das Korn 257 ). ,,Wenn es am kürtzesten 
Tage gefrieret, so fällt das Korn im Preise; 
ist es aber gelinde Wetter, so steigt 
der Preiss 258 ); so viel die Theuerlinge 
(Schwämme) Körner in sich haben, so 
viel wird das Korn hinfort Groschen 
gelten“ 259 ); aus dem Korn der zuerst 
ausgedroschenen Garbe kann man sehen, 
wie das Korn das folgende Jahr alle 
Quartale steigen und fallen wird 26 °). 
Am Haferblatt ist ein B oder ein T zu 
sehen, je nachdem wird der Hafer billig 
oder teuer 261 ), langes Wachsen des Ha¬ 
fers gilt als Vorzeichen von Teuerung * 62 ). 
Andere Möglichkeiten, die Getreidepreise 
zu erraten, vgl. Getreide 3,788; 4,318; Brot¬ 
preisorakel vgl. 1, 1648; s. a. Teuerung. 
Eine mainfränkische Familiengeschichte 
aus dem Jahr 1772 behauptet von den 
Zwölfnächten: scheint die Sonne am 
neunten Tag, so bedeutet es den K.- 
leuten einen glücklichen Handel im neuen 
Jahr 263 ). Wenn eine Katze sich putzt, 
wird sie verk.t a64 ). Beim Viehhandel 
zeigt sich der Verk. des zum Markt ge¬ 
führten Tieres an, wenn ihm die Augen 
tränen oder wenn es im Hofe stallt * 65 ). 
Wohl deshalb soll das Vieh immer vor 
dem Verk. misten 266 ). Tritt das Tier mit 
dem rechten Fuß aus dem Stall, so be¬ 
deutet dies Glück, der linke Fuß vereitelt 
den Verk. 267 ). Oder es heißt umgekehrt: 
das Vieh wird gut oder überhaupt nur 
verk.t, wenn es mit dem linken Fuß 
zuerst aus dem Stall tritt 268 ). Die rechte 
Seite zeigt aber auch im Benehmen des 
Verkäufers selbst einen Vorteil an: „Wenn | 
ein Weib zu Marckte gehet und hat früh, 
als sie die Schuhe angezogen, den rechten 
Schuh erst angezogen, so wird sie ihre 


Wahre theuer loß werden“ 269 ). Reitet 
man weg, um ein Füllen zu verk.en, und 
das Füllen will nicht von der Hofstelle, 
dann wird es nicht verk.t 270 ); ebenso 
kommt ein Pferd wieder, das beim Aus¬ 
trieb mit der Leine hängen bleibt 271 ). 

257 ) Drechsler 1, 42; Panzer Beitrag 1, 
316; Grimm Myth. 3, 449 Nr. 468; 475 

Nr. 1085. 268 ) Rockenphilosophie (1706) 172 

c. 73. «•) Ebd. 175 c. 74; vgl. Hopfen 4, 311. 
26 °) Ebd. 181 c. 77. 241 ) Treichel West¬ 
preußen 9, 265. 282 ) Schweizld. 2, 931. 

2e3 ) Fränkische Monatshefte 1928, 419. *«*) 

Wiener Kinderglaube, WZfVk. 33, 49. 2«) 

Eberhardt Landwirtschaft 19. 2M ) Vecken- 

stedts Zs. 1, 97. * 47 ) John Westböhmen 209; 

Bohnenberger 116 (26); Sebillot Folk-Lore 
3, in. 268 ) Eberhardt a. a. O. (Blaubeuren); 
Pollinger Landshut 155. 268 ) Rockenphilo¬ 

sophie (1709) 206 c. 21 = Grimm Myth. 3, 438 
Nr. 114 = Meyer Aberglaube 227; s. a. ZfVk. 
23, 123. 27 °) ZfVk. 24, 61 (Schleswig-Holstein). 
271 ) Müller Isergebirge 12. 

14. Wie an den Viehk. heftet sich auch 
an den Vieh verk. der meiste Aberglaube. 
Eine glückliche Lösung vom alten Heim 
und Unheilabwehr sind auch dem Ver¬ 
käufer dringende Geschäfte, dazu kommt 
die Anlockung der Käufer. So wird 
an den Unglückstagen Mittwoch und 
Freitag natürlich kein Vieh aus dem Stall 
gegeben 272 ), vgl. §3. Treibt man Vieh 
zum Verk., so soll man einen knoten¬ 
losen Strick mitnehmen und ein Stück 
Brot 273 ), es wird also auch dem Verkäufer 
empfohlen, was dem verk. tenTiere frommt, 
vgl. § 5. Man zieht das Tier rückwärts 
aus dem Stall 274 ), dies ist aber auch gerade 
verboten 275 ), vgl. §§5, 17. Beim Her¬ 
ausziehen aus dem Stall sagte man im 
Nahetal: „N. N.! ich muß dich verk.en, 
und jeder soll mir nachlaufen“, dazu die 
drei hl. Namen, und die Käufer drängten 
sich zum Ank. 276 ), vgl. § 15 das Gleiche 
beim Überschreiten eines fließenden 
Wassers. In Westböhmen spuckt der 
Verkäufer beim Austrieb dreimal über 
den Rücken des Tieres zurück 277 ), an¬ 
scheinend ein Lösungszauber. Der Thü¬ 
ringer putzt das Vieh, um es auf dem 
Markt los zu werden, mit einem vom 
Nachbarn gestohlenen Lappen ab 279 ), 
vgl. § 12 den Gebrauch der Armsünder- 
fleckl, s. a. Hingerichteter 4,50. In der 
Niederlausitz schneidet man dem Markt¬ 


Kauf, Verkauf (Handel) 


Il66 


II65 


vieh die Haare ab und verbrennt sie 279 ). 
Ein anderes westböhmisches Mittel, das 
Vieh sicher zu verk.en besteht darin, 
daß man mit einem Wespennest über den 
Rücken des Tieres streicht, ohne ihn 
aber mit der Hand zu berühren 28 °). Diese 
Maßnahme scheint verwandt mit der fol¬ 
genden : um das auff den Marckt gebrachte 
Vieh bald zu verk.en, soll man es mit 
einer aus der Mitte eines Ameisen-Hauf- 
fens gegrabenen schwartzen Kugel räu¬ 
chern, so will jedermann das Vieh k.en 281 ); 
in Ostpreußen bewirft man das zum Verk. 
geführte Vieh mit Ameisen 282 ). Ebenso 
zieht es viele Käufer an, wenn man das Tier 
beim Antrieb zum Markt mit einem Zweig 
peitscht, den man, und zwar in der Regel 
am Karfreitag, von einem Baum geschnit¬ 
ten, an dem ein Bienenschwarm ange¬ 
setzt 283 ). Während diese Mittel alle 
mehr oder weniger Lockzauber zu sein 
scheinen, sind auch noch einige Lösungs- 
zauber zu erwähnen: man wirft beim 
Austrieb aus dem Hause eine Hand voll 
Kehricht hintennach 284 ) oder einen alten 
Topf 285 ); Katzen läßt man in den Spiegel 
schauen, damit sie nicht mehr heim¬ 
finden 286 ), vgl. im Gegensatz dazu §9. 
Unheilabwehr läßt in Frankreich die 
Verkäufer ein Kreuzzeichen über den 
Rücken eines Schweines machen und 
einem Ochsen Salz aufs Haupt streuen 287 ). 
Die Lockzauber sollen anscheinend in der 
Weise arbeiten, daß sie das Vieh besser 
erscheinen lassen als es ist; dies 
wird offen gesagt beim Bestreichen mit 
Kohle, die in der Johannisnacht unter den 
Wurzeln des Beifußes gefunden wird, sie 
macht das Vieh feist und stattlich, und 
wenn es auch nur auf 48 Stunden hält 288 ), 
eine ostpreußische List. In Ostpreußen 
leben die abergläubischen Vorschriften 
für einen glückverheißenden Aufbruch 
zum Viehmarkt noch heute stark und 
zahlreich, wie ein Bericht aus Dörfern 
der Rominter Heide verrät: dort steht 
der Landwirt schon recht früh auf und 
führt das für den Verk. bestimmte Vieh 
mehrmals auf dem Hofe über einen für 
die Schweine gebrauchten Futtertrog; 
denn so schnell die Schweine beim Füttern 
an ihren Trog laufen, so schnell werden 


sich auf dem Markt Käufer bei dem Vieh 
einfinden; zu verk.ende Schweine treibt 
man mehrmals um ihren Futtertrog, dann 
wird der Bauer mit dem Käufer handels¬ 
einig 289 ), s. w. §15. Vor der Überfüh¬ 
rung auf den Markt erhält das Jungvieh 
im südlichen Hochschwarzwald den 
„Chalbersegen“, damit es gut laufe: es 
werden drei Vaterunser gebetet, und bei 
jedem bekommt es ein Stückchen Brot 

mit Salz 290 ), vgl. § 5 - 

272 ) Meyer Baden 399 (Hornberg). * 73 ) John 
Westböhmen 209. 274 ) John a. a.O.; Sebillot 

Folk-Lore 3. m. 276 ) W. § 690. 276 ) ZfnvVk. 

2 (1905), 292; ein größerer Bannspruch aus der 

Graudenzer Gegend bei Frischbier Hexenspr. 
I54 . 277 ) John a. a. O. 278 ) Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 278. 278 ) ZfVk. io, 229 Nr. 1. 28 °) 

John a. a. O. 281 ) Rockenphilosophie (1706) 
34 c. 11 — Grimm Myth. 3, 441 Nr. 199; 
Bartsch Mecklenburg 2, 35 1 • Leoprechting 
Lechrain 91; W. § 149 (Oberpfalz). 282 ) W. 

§ 149. 283 ) Köhler Voigtland 371!. 4 * 2 : 

Drechsler 2, 86. 108. 220; W. §§ 150. 710. 
284 ) w. § 710. 285 ) Drechsler 2, 108. 284 ) 

Wiener Kinderglaube, WZfVk. 33, 49 - 287 ) 

Sebillot a. a. O. 288 ) Frischbier Hexenspr. 
154. 288 ) NdZfVk. 8 (1930), 50 f- 2 *°) Meyer 

Baden 399. 

15. Während jemand mit Vieh auf dem 
Markte ist, darf in seinem Hause nicht 
gekehrt werden, sonst fegt man ihm die 
Käufer hinweg 291 ). Auf dem Weg zum 
Markt gelten für den Verkäufer die glei¬ 
chen günstigen und ungünstigen Zeichen 
und Begegnungen wie für den Käufer, 
vgl. § 1. Einen ungünstigen Angang für 
einen Händler bedeutete im Mittelalter 
ein Mönch, Grund genug, einen Handel 
aufzuschieben 292 ). In Ostpreußen 293 ) 
kündet noch heute beim Aufbruch zu 
vernehmendes Rabengeschrei vom Dache 
eines Hofgebäudes Unglück bei der Hin¬ 
oder Rückfahrt an; ebendort sorgt man 
auch eifrig für einen günstigen ersten 
Angang, man schickt eine männliche 
Person aus der Familie vor dem Weg¬ 
führen des Viehs schnell vom Hofe, die 
dann den Aufbrechenden gerade am Hof¬ 
tor begegnen muß, denn der Angang einer 
Frau (vgl. § 1) brächte Unglück auf der 
Reise 294 ); unterwegs gibt es auch ver¬ 
schiedenes zu beachten: auf Kreuzwegen 
schlägt man vor sich und dem Vieh ein 
Kreuz, um dieses gegen Zauberbann zu 


Kauf, Verkauf (Handel) II68 


schützen. Von auf dem Reiseweg gefun¬ 
denen Kletten nimmt man wenigstens 
eine mit, dann wird man viele Käufer um 
sich haben; will man im Sommer mit 
einem Pferde zum Markt, soll man unter¬ 
wegs an einem fließenden Gewässer trän¬ 
ken, um die K.lustigen anzulocken. Beim 
Durchgang durch ein fließendes 
Wasser — so lautet die ältere, deut¬ 
lichere Vorschrift — gießt man drei Hände 
voll Wasser dem Tier über den Rücken 
und spricht jedesmal: „Es muß mir Jeder¬ 
mann nachlaufen und muß mir mein Vieh 
abk.en, so wahr als Christus taufete am 
Jordan, so wahr taufe ich dich auch 

t 295 y 

291 ) W. § 710 (Mecklenburg, Brandenburg). 
m ) Breslau 15. Jh., MschlesVk. 21 (1919), 85. 
2W ) NdZfVk. 8, 50 f. 294 ) So auch Eberhardt 
Landwirtschaft 19; vgl. § 1 Anm. 4; Meyer 
Baden 515: die schlimmste erste Begegnung ist 
die eines alten „Wibervolks“, namentlich (am 
Oberrhein und Bodensee) dreier „Wibervölker" 
hintereinander, wenn sie ... jemand beim Markt- 
gang anreden. 295 ) Albertus Magnus (Enß- 
lin) 1, 52 f.; WürttVj. 13, 179. 220; Eberhardt 
a. a. O.; Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 10. 

16. Auf dem Markte selbst spielt über 
alle vorsorglichen Zauber hinaus eine ent¬ 
scheidende Rolle der erste Verk., sei es, 
daß man unbedingt an den ersten 
Liebhaber der Waren etwas verk.en 
muß, um das Glück für den weiteren 
Handel nicht zu verscherzen (a), sei es, 
daß der Erlös dieses ersten K.s, des 
„Handk.s“, das „Handgeld“, als 
glückbringend betrachtet wird (b), sei 
es endlich, daß die Person des ersten 
Käufers mit gutem oder bösem Handk. 
den günstigen oder ungünstigen Verlauf 
der Geschäfte entscheidet (c). In 
aUen drei Ansichten haben wir es mit 
einem Stück Anfangs- und Angangs¬ 
glauben zu tun. Die Bezeichnung 
„Handk.“ erscheint oft für „Handgeld“, 
in älteren Quellen begegnet häufig das 
Wort „Handgift“ 296 ). 

a) „Wer auff einem Marckte etwas feil 
hat, soll den ersten Käuffer nicht 
gehen lassen, solte man auch gleich die 
Wahre wohlfeiler hingeben als sonst“, 
andernfalls wird man weiterhin Schaden 
haben; es gilt dies auch für eine Geschäfts¬ 
eröffnung und den Laden verk. 2Ö7 ). Be- 


/ 

kommen die Verkäufer an Markttagen 
zeitig Handgeld, d. h. wird von ihnen bald 
etwas verk.t, so machen sie an demselben 
Tag gute Geschäfte 298 ). Auch in Böhmen 
darf der erste Kunde nicht lange handeln 
und noch weniger ohne zu k.en Weggehen 
2 "). Die Handelsfrau des Erzgebirges sagt 
bei der Einnahme des Handgelds: „Alle 
Leute kommen hergelaufen, mir meine 
Waren abzuk.en, das walte Gott“ *°°). 
Es ist natürlich auch die Höhe dieses 
Handgelds, der Preis, den K.leute und 
Gastwirte für den ersten Verk. erhalten, 
bedeutungsvoll 301 ). 

b) Das durch den ersten Verk., den 
Handk., gewonnene Handgeld hat man 
einst zunächst auf den Boden geworfen 
302 ). Noch in neuerer Zeit spuckt man auf 
das Handgeld, um so weiter gute Ge¬ 
schäfte zu beschwören 303 ); man spuckt 
auf das erste eingenommene Geldstück, 
damit es sich vermehre 304 ). Es scheint 
dies eine alte Abwehrhandlung dämoni¬ 
scher Schädigung zu sein 305 ), vgl. spucken, 
Geld 3, 606. Wer aber dieses Handgeld 
wieder weggibt, gibt damit für den ganzen 
Tag das Glück weg 306 ). Auch bei der Er¬ 
öffnung eines K.hauses hat man früher 
dem Handk. besondere Bedeutung bei¬ 
gemessen ; so hat 1776 in Berlin ein ange¬ 
sehener Verwandter eines Geschäftsgrün¬ 
ders nach damaliger Sitte persönlich den 
ersten Eink. getätigt und selbst aus diesem 
Handgeld einen Glücksgroschen auf 
den Ladentisch genagelt 307 ). Unter 
„Handgift“ hat man im 15. Jh. auch eine 
Neujahrsgabe verstanden, die still¬ 
schweigend geschenkt werden mußte und 
die Kraft besaß, Krankheiten zu heilen 
308 ), also auch ein Anfangszaubermittel. 

c) Der Handk.saberglaube wird als ein 
Teil des Angangsglaubens schon in mittel¬ 
alterlichen Handschriften getadelt, die sich 
entrüsten, „de errore que vocatur anegang 
vel hantcaufft“ 309 ) und über die Menschen, 
„di do gelauben an anganckt vnd an hant- 
gifft der leute“ 310 ). Vintler weist 1411 
auf den unterschiedlichen Wert hin, den 
die „hantgifft“ je nach der Person des 
Käufers vorstellt 311 ). Die verschiedene 
Wirkung des Handk.s teilt eine Wiener 
Äußerung von 1451 so mit: „so man 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1170 


II69 

chunftige ding sagt aus hantgift, als so ein 
munich oder ein priester von erst chaufft 
oder ein ander gaistlich person, so schol 
es chain glukch nicht habn; aber so 
pueben und püebin von erst chauffen, so 
schol es in den ganczen tag wol gen“ 312 ). 
Auch Nicolaus von Dinkelsbühl schilt im 
gleichen 15. Jh.: „error mercatorum et 
ceterorum similium qui in vendicione 
rerum suarum precium quod primo re- 
cipiunt credunt fortunatum esse, saltem 
aliquid et ab aliquo datum“ 313 ). Geist¬ 
liche sind also unheilvolle Erstkäufer, wie 
ihr Angang überhaupt ungünstig beurteilt 
wird, vgl. § 15, s. a. 1, 423. Eine alte Frau 
— als Angang gleich unbeliebt — wird 
ebenso ungeme als erster Käufer des 
Tages gesehen 314 ). Junge Leute sind 
die erwünschten Handkäufer. K.t dem 
auf den Markt Gezogenen „zuerst ein 
Knabe oder eine Jungfer ab, der hat selbi¬ 
ges Tages gut Glück zum Verk.“ 315 ). 
Dieser Glaube hat sich bis heute gehalten; 
in Köln nehmen Krämerinnen in Klein¬ 
läden, namentlich Gemüseläden, und 
Bäuerinnen auf den kleineren Wochen¬ 
märkten am liebsten von Kindern oder 
sonstigen bestimmten Personen Hand¬ 
geld 316 ), auch in Schlesien soll noch 
immer Handgeld von einer jungen Person 
Glück bringen 317 ), in Mecklenburg ver¬ 
hängt über eine Geschäftseröffnung ein 
Kind als erster Käufer Glück, eine alte 
Frau Unglück 318 ). Und im Bernischen 
sagt man, wenn jemand am frühen Mor¬ 
gen einem jungen (ledigen) Manne oder 
einem Knaben gegen bares Geld etwas 
verk.en könne, werde eine gute Losung 
folgen, verk.e man aber nichts oder auf 
Kredit oder an ein altes Weib, so sei alle 
Hoffnung verloren 319 ). Es heißt auch 
gelegentlich, die Handgift von einem 
armen Manne sei glückbringend, von 
einem andern aber unglückverheißend 32 °). 
Der Handk.saberglauben ist so wenig wie 
andere Angangsvorstellungen eigentümlich 
deutsch, er begegnet international als ein 
auf Analogie beruhender alter Glaube 321 ). 
So passen auch die Bäuerinnen in Rennes 
noch heute genau auf, wer ihnen zuerst 
abk.t; haben ihnen diese Erstkäufer 
einmal Glück gebracht, so warten sie 


stets auf sie und verk.en ihnen zuerst 
billig 322 ). 

294 ) DWb. 4, 2, 389. 399 - 287 ) Rockenphilo¬ 

sophie (1709) 132 c. 89. (1759) 112 = Grimm 
Myth. 3, 437 Nr. 86 = Meyer Aberglaube 227: 
ebenso Panzer Beitrag 1, 264; Meier Schwaben 

2, 512 (,,auf dem Markte und sonst"); Wolf 

Beiträge 1, 216 (Hessen); Wrede Rhein. Volks¬ 
kunde 2 224t.; Bartsch Mecklenburg 2, 313; 
Drechsler 2, 194; Urquell 3, 232 (Hamburg, 
auch ostjüdisch u. südslawisch); Fogel Penn¬ 
sylvania 377 Nr. 2023. 298 ) Köhler Voigtland 

394. 299 ) Grohmann 228; W. § 292 (Schlesien). 
30 °) John Erzgebirge 36; vgl. die ähnliche Formel 
Anm. 276 u. 295. 301 ) ZfVk. n, 278. 3oa ) 

Schönbach Berthold v. R. 31: aliqui super- 
stitiosi mercatores pecuniam primo eruptam vel 
receptam de rebus venditis, quam vocant vul- 
gariter hantgifft, projiciunt ad terram, ante- 
quam ponant. 303 ) Kuhn u. Schwartz 459 
(Berlin); Köhler Voigtland 434; Hovorka u. 
Kronfeld 1, 32 f. (Wien, Schlesien, Ruthenen); 
Drechsler 2, 194: man spuckt dreimal auf die 
erste Einnahme. 304 ) John Erzgebirge 36; 
W. §§ 251. 633; Urquell 3, 232 (Hamburg). 
305 ) Vgl. Hovorka u. Kronfeld 1, 32 f. 399. 
302 ) Drechsler 2, 194. M7 ) Vossische Zeitung 

5.8. 1931 (Nr. 185); vgl. Anm. 254, die Funk¬ 
tion des Glückspfennigs! 308 ) SAVk. 27, 138 
(Weimar 1483). 309 ) Hs. 15. Jh. Sagan, Mschles¬ 
Vk. 21 (1919). 86. 3l °) Ebd. (1507 Amberg)- 

SAVk. 27, 138 (1484 Augsburg). 3n ) Grimm 
Myth. 3, 421 u. ZfVk. 23, 5 f. 312 ) MschlesVk. 
21, 86. 313 ) Ebd. 87, ..inicia fori vel contractus". 
314 ) John Erzgebirge 36. 315 ) Rockenphilosophie 
(1706) 104 c. 41. (1759) 4°3 = Grimm Myth . 

3, 442 Nr. 226; Schönbach Berthold v. R. 31 f. 

3l «) Wrede Rhein. Volkskunde 2 225. 317 ) 

Drechsler 2, 194; W. §§ 292. 777. 3l8 ) 

Bartsch Mecklenburg 2, 313. 3l9 ) SAVk. 21, 

35; Unoth 1, 182. 320 ) ZfVk. 23, 17. 321 ) 

MschlesVk. 21, 89. 328 ) Ebd. 87; vgl. Urquell 

3, 232 (ostjüd. u. südslaw.). 

17. Mit der gleichen Sorgfalt, die der 
glücklichen Lösung der verk.ten Tiere aus 
ihrer bisherigen Umgebung gewidmet 
wird, muß man darauf achten, daß auch 
der zurückbleibende Teil, vor allem 
ein Muttertier, keinen Schaden er¬ 
leidet. Wenn ein Kalb verk.t worden ist 
oder zum Markt, ins Schlachthaus geführt 
werden soll, also für immer den bisherigen 
Stall verläßt, wird auf verschiedenste Weise 
die Sehnsucht und Unruhe der verein¬ 
samten Kuh bekämpft. Aus der gleichen 
Rücksicht für die Kuh wie für das Kalb 
zieht man das Kalb rückwärts aus dem 
Stall oder trägt es verkehrt hinaus, da¬ 
mit nicht die Kuh sich gräme oder ihr 
bange werde 323 ) und damit sie nicht in- 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1172 


II7I 


folge dessen die Milch verliert 324 ). Das 
Muttertier erhält hierbei einen Schlag 325 ); 
der Käufer muß den Atem beim Hinaus¬ 
bringen anhalten 326 ). Man rupft ferner 
dem scheidenden Tiere, schweigend, einige 
Stirnhaare oder einen oder drei Büschel 
Haare aus dem Rücken, oben an einem 
Wirbel, vom Halse, auch vom Schwanz 
aus, steckt sie unters Brot oder sonstiges 
Futter und gibt dies der Mutterkuh zu 
fressen, in Schlesien mit einem Schlag auf 
ihren Rücken und den Worten: „Einen 
Schlag, nicht länger grämen als einen 
Tag" 327 ). Diese Häärchen werden auch 
schon vor dem Hinausbringen des jungen 
Tiers dem alten „unter Hersagung eines ge¬ 
wissen Gebetes“ ins Maul gelegt 328 ) oder 
ins Ohr gesteckt 329 ). Man vergräbt die 
Haare auch unter die Krippe 33 °), legt sie 
in eine Mauerspalte des Stalls 331 ) oder be¬ 
hält sie so zurück 332 ). In Norwegen bringt 
man einige dem verk.ten Stück Vieh aus¬ 
gerauften Haare in seinen alten Stand, da¬ 
mit man nicht das Glück fortverk.e 333 ). 
Statt der Haare gibt man der Kuh auch 
einen Wisch Heu zu fressen, mit dem man 
vorher dem Kalb über den Rücken ge¬ 
strichen hat 334 ); s. a. Haar 3, 1284 f. Der 
abholende Metzger stößt das Kalb mit 
dem Schwanz an das Maul der Kuh, da¬ 
mit sie nicht so lange nach ihm schreie 335 ). 
Man behält den Strick des verk.ten 
Tieres zurück, weil man sonst das Glück 
fortgibt 336 ), vgl. aber §5. Den Strick 
des Kalbes windet man der Kuh um die 
Hörner und schlägt ihr hierbei auf den 
Rücken 337 ), oder man hängt der Kuh 
den Strick, das Halsband des Kalbes um 
den Hals 338 ). Man legt einen Stein vor 
die Krippe, die Kuh leckt daran und 
brüllt nicht mehr 339 ). An diesen auf den 
Standort des Kalbs gebrachten Stein 
bindet man den Strick des Kalbes, da¬ 
mit die mütterliche Kuh sich leichter 
beruhige **°). Wenn man Federvieh 
verk.t, muß man in Ostpreußen jedem 
einige Federn abschneiden und zurück¬ 
behalten, sonst gibt man das Gedeihen 
des übrigen Geflügels mit fort 341 ). Es 
gehen aber nicht nur vom verk.ten Tiere, 
sondern auch vom Käufer gefähr¬ 
liche Einflüsse aus, man fürchtet böse 


Hexenkünste gegen das nicht verk.te 
Vieh. Deshalb lassen in Schlesien viele, 
wenn sie Vieh verk.en wollen, den Käufer 
nicht in den Stall 342 ), in Westfalen wird 
das angebotene Tier allein aus dem Stall 
geführt an einen dritten Ort 343 ). Oder 
es muß der Verkäufer zuerst den Stall 
betreten 344 ). Der Käufer muß den ganzen 
oder wenigstens einen Teil des K.preises 
im Stall bezahlen, weil er sonst das Glück 
aus dem Stalle mit fortnimmt 345 ); er 
wirft das Trinkgeld (vgl. § 5) vor dem 
Wegführen des Viehs aus dem Stall in 
die Krippe, aus der das Tier bisher ge¬ 
fressen, sonst geht der Segen Gottes aus 
dem Hause weg; wer abends dieses Geld 
zuerst in der Krippe findet, hat Glück 
zu hoffen 346 ). Wenn man Ferkel beim 
K. betrachtet, muß man dabei „Gottes 
Segen“ sagen, sonst gedeihen sie nicht 347 ). 
Unverk.tes Vieh darf nie auf demselben 
Weg zurückgebracht werden, da man 
ihm sonst die Ruhe benimmt 348 ), s. a. 

§ 21. Gleiche Vorsicht muß beim Milch- 
verk. walten, um üble Folgen zu ver¬ 
hindern. Wird Milch von einer melk ge¬ 
wordenen Kuh über den Weg verk.t, so 
muß etwas Salz hineingeworfen werden 
(vgl- §§ 5 - 23), damit die Milch sich 
bei der Kuh nicht verliert 349 ). Es sollen 
drei Sprätchen Salz sein, dementsprechend 
man die Milch auch vor dem Verk. an 
drei verschiedene Orte stellt 35 °). Wenn 
man an Walpurgis nach Sonnenuntergang 
Milch oder etwas anderes verk.t, muß 
man ebenfalls Salz in die Milch schütten 
oder dem Käufer nach werfen 351 ). Um 
Zauberei zu verhindern, wirft man auch 
ein Stückchen Brot in die zum Verk. 
gegebene süße Milch 352 ). Ebenso vor¬ 
sichtig ist man beim Butterverk.: die 
gek.te Butter muß sofort nach Hause ge¬ 
tragen werden, ohne daß man noch in 
ein anderes Haus eintritt, um nicht die 
Kühe, von denen die Butter stammt, 
einer Verhexung auszusetzen 353 ), die 
Butter darf nur verdeckt über die Straße 
getragen werden 354 ). Beim Verk. von 
Erzeugnissen des Landbaus, besonders 
Kartoffeln, nimmt in Ostpreußen der Ver¬ 
käufer, wenn dem Käufer sein Teil ab¬ 
gemessen ist, davon wieder eine Hand 


Kauf, Verkauf (Handel) 


II74 


1173 


m 






J- 

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- voll und wirft diese auf seinen Haufen 
\ oder in einen Sack zurück, um den Segen 
f nicht fortzugeben 355 ). Eine ähnliche 
», Schutzhandlung begegnet bei den Esten, 
l die Kohl, den sie verk.en, mit Bier be- 
r gießen, damit die übrigen nicht ver- 
\' derben 356 ), s. a. §§ 21 — 24. 

• 3 * 3 ) Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1031 (Bunzlau 
j 1791): Drechsler 2, 102. 108; ders. Haustiere 
j 7; ZfVk. 23, 182 (Isergebirge); Köhler Voigt- 
j land 428; Hüser Beiträge 2, 26; Wolf Beiträge 
f 1, 219 f. (Hessen); Schramek Böhmerwald 
li 240; Grohmann 137; Reiser Allgäu 2, 439; 

■ W. § 699; Fogel Pennsylvania 170 Nr. 810; 

S^billot Folk-Lore 3, mf. (bes. 17. Jh.); 

* Wolf a. a.O. (Bretagne). 324 ) ZfKultG. 3. 220 
(Nassau-Idstein). 326 ) Müller Isergebirge 11. 
**•) Wolf a. a. O. (Hessen). 327 ) Grimm Myth. 
3, 417 Nr. 21 (14. Jh.); Woeste Mark 54; 
Drechsler 2, 102; ders. Haustiere 7; ZfVk. 
23, 183 = Müller Isergebirge 11 f.; Köhler 
a. a. O.; Huß Aberglaube 30; John Erzgebirge 

, 226; Schramek Böhmerwald 240; Grohmann 
137; ZföVk. 6, 110; Pollinger Landshut 156; 
Birlinger Schwaben 1, 403; Germania 29 (1884), 

> 95; Sartori Sitte 2, 141h; Fogel a. a. O. 161 
' Nr. 764; 170 Nr. 809- 328 ) Hüser a. a.O.; in 

‘ Frankreich bekommt die Kuh Schwanzhaare 
| des Kalbs in einem Kohlblatt zu fressen, S6 - 
billot a. a. O. 32 ®) Engelien u. Lahn 1, 272. 
**°) Toeppen Masuren 98 = W. § 690; auch 
afrikanisch, Sartori Sitte 2, 141. 331 ) Dähn- 

hardt Volkst. 1, 9b; ZfVk. 10, 208 (Nord¬ 
thüringen). MJ ) Johna. a.O.; Heurgren 345. 
«•) Liebrecht Zur Volksk. 324. M4 ) Birlinger 
Volksth. 1,121. 336 )Engelien u. Lahn 1,211.***) 
Drechsler 2, 108 (poln. Oberschlesien); Globus 
72, 35 2 (Niederlausitz). M7 ) Drechsler 2, 102; 
ders. Haustiere 7; ZfVk. 23, 182 (Isergebirge). 
* 38 ) John a. a. O.; Fogel a. a. O. 171 Nr. 819. 
**•) Drechsler 2, 102; ders. Haustiere 8 (Op¬ 
peln). 34 °) ZfVk. 10, 209 (Nordthüringen). M1 ) 
W. § 672. 342 ) Drechsler 2, 252; vgl. Selig¬ 
mann Blick 2, 208. 343 ) Hüser a. a. O. M4 ) 

Alemannia 20, 280 Nr. 5 (Taubergrund); ZfVk. 
io, 208 (Nordthüringen); Drechsler Haustiere 
7. 34C ) ZfVk. a. a. O.; Drechsler a. a. O.; John 
a. a. O.; Sartori Sitte 2, 141; man behält, sich 
zur Sicherheit, von dem Käufer ein Geldstück 
oder seine Leibbinde, Urquell 4, 144. M# ) 

ZfKultG. 3, 220 (Nassau). 347 ) And ree Braun¬ 
schweig 385. 348 ) Alemannia 20, 280 Nr. 6. 

*•*) ZfrwVk. 3, 204 (Minden); ebenso Wolf 
Beiträge 1, 227 (Hessen); Köhler Voigtland 
428; s. a. § 23 Anm. 453. 36 °) Eberhardt 

Landwirtschaft 17. 361 ) John Erzgebirge 196. 

Ui ) Schramek Böhmerwald 254. 363 ) ZfrwVk. 

2, 203 (Nahe). 354 ) W. § 709 (Franken); Selig- 
mannMcÄ 2, 280. 3W ) W. § 670. 366 ) Boeder 
Ehsten 132. 

D. 18. Eine bunte Reihe von Gelegen¬ 
heiten begegnet im deutschen Aberglau¬ 


ben, wo ausdrücklich geboten wird, 
etwas zu k.en, namentlich einen be¬ 
stimmten Gegenstand, der einem Zauber 
dienen soll, gerade durch K. zu erwerben. 
Durch die K.handlung bannt man Un¬ 
heil an einen neutralen Ort, wenn eine 
Wöchnerin, die gegen das Verbot vor dem 
Ablauf von sechs Wochen in ein fremdes 
Haus geht, vorher an einem fremden Ort 
etwas k.t, um kein Unglück in das Haus 
zu bringen 357 ). Anders erklärt sich eine 
amerikadeutsche K.Vorschrift: gegen Leib¬ 
schmerzen soll man einen Bittern trinken, 
muß aber das Trinkglas mitk.en, offen¬ 
bar zur Verhütung von Schadenzauber 
mit dem Glase 358 ). Oder ist das K.en in 
diesen beiden Fällen eine verschleierte 
Opferhandlung, die den Opfernden von 
der Krankheit reinigt ? Ein anders be¬ 
gründeter K.zwang findet sich, um Un¬ 
glück von einem zum K. verhandelten 
Tiere abzuwenden, vgl. § 21. Dem Heil¬ 
zauber dienende Mittel müssen zuweilen 
erk.t sein — vgl. neu — und zwar ohne 
zu feilschen gek.t, vgl. 2, 1314. So k.t 
man für eine Arznei ein Ei von einer 
kohlschwarzen Henne, ungehandelt 359 ). 
Auch in Frankreich muß für einen Heil¬ 
zauber eine schwarze Henne gek.t, sie 
darf nicht geschenkt sein 36 °). Gut ist, 
von Handwerksburschen Brot zu k.en 
und einem kleinen Kind einzugeben, da¬ 
mit es bald sprechen lernt 361 ). Auch tür 
andere Abwehrzauber muß das Not¬ 
wendige oft gek.t sein, in der Regel ohne 
zu handeln, vgl. Gegenzauber 3, 346 f. 
Zur Vorbeugung schädlicher Folgen des 
Fallens k.t eine Mutter für ihr kleines 
Kind ein Töpfchen, nach dessen Zer¬ 
brechen auf der Straße die Gefahr für 
das Kind auf immer beseitigt ist 362 ). 
Wenn einer Kuh die Milch genommen ist, 
k.t man einen neuen Hafen, ohne zu 
markten, und benützt ihn zu einem um¬ 
ständlichen Strafzauber 363 ); um die Kühe 
gut melken zu machen, k.t man zur Neu¬ 
mondszeit ein Ei, in dessen hohle Schale 
man die Kuh melkt, um jene dann unter 
der Schwelle zu vergraben 364 ). Ein zum 
Abwehrzauber gegen ein „Schrattele“ be¬ 
nötigtes Arzneiglas muß man in der Apo¬ 
theke k.en ..ohne zu satren. wozu man 


H75 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1176 


es brauchen wolle, ohne zu fragen, was es 
koste, und ohne dafür zu danken", die 
dreifache rituelle Vorschrift 365 ). Als Aus¬ 
nahme von der Regel (vgl. §§ 20. 24) soll 
man einen als Zauberspiegel gewünschten 
Spiegel auch k.en, aber nur, ,,wie man ihn 
bieten thut" 366 ). Aber auch eine Katze, 
die Mäuse fangen können soll, muß ge¬ 
kauft, freilich auch gestohlen, mindestens 
nicht bezahlt sein 367 ). Bienen und Schwei¬ 
ne, die gedeihen sollen, müssen gelegent¬ 
lich gek.t und nicht geschenkt sein, vgl. 
aber § 20. Ebenso soll das Holz für einen 
Hausbau gek.t (oder gestohlen oder er¬ 
bettelt) sein, sonst bleibt das Glück 
aus 368 ). Man bedarf also für die ver¬ 
schiedensten Zwecke, zur Abwehr eines 
Übels wie zur Erzielung besonderer Stärke, 
Kräfte, deren neue, fremde Macht, 
die noch nicht im eigenen Bereich ver¬ 
braucht und geschwächt worden ist, eben 
der K. verbürgt, vgl. als Gegenstück 
stehlen § 1, s. u. aber § 20. 

M7 ) Grimm Myth. 3, 464 Nr. 844. 3M ) 

Fogel Pennsylvania 280 Nr. 1473. M9 ) Grimm 
Myth. 3, 465 Nr. 864; vgl. ebd. 3, 436 Nr. 62; 
s. a. feilschen 2, 1315 Anm. 6; Albertus Mag¬ 
nus (Enßlin) 4, 49 Nr. 176: einen Hecht k.en, 
wie man ihn bietet, usw. zur Herstellung der 
verlorenen Mannheit. 3eo ) S6billot Folk-Lore 
3, 243. 381 ) Witzschel Thüringen 2, 250. 

3Ät ) John Erzgebirge 56. 383 ) „frag nicht, wie 

er (der Hafner) ihn gibt, sondern gib ihm einen 
Kreuzer dafür“, Albertus Magnus (Enßlin) 
2, 23; 3, 49; Seligmann Blick 1, 300 (Pom¬ 
mern); s. a. feilschen 2, 1315 Anm. 7. 3M ) 

Grohmann 137; gibt die Milch keine Butter, 
dann wirft man ein Geldstück in die Kanne, um 
die Hexe „abzuk.en“ (vgl. Geld 3, 620), ein 
Geldopfer gleich manchem § 19 erwähnten. 
386 ) Meyer Baden 551. 36 ®) Albertus Magnus 
(Enßlin) 2, 26; W. § 354. 387 ) Grabinski Sagen 
46. 388 ) Grimm Myth. 3, 472 Nr. 1000. 

19. Solchen unumgänglichen Käufen 
stehen zahlreiche mögliche Käufe gegen¬ 
über, die Kräfte erwerben und Wirkungen 
auslösen, welche über das nüchterne 
Handelsgeschäft des Alltags gehen. Ohne 
daß der Erwerb durch K. ausdrücklich 
geboten ist, hat man sich zu allen Zeiten 
im Handel die verschiedensten Heil- und 
Glücksmittel zu verschaffen gewußt 
vom Armsünderfett, das die Apotheken 
einst feilhielten (vgl. Hingerichteter 4, 46, 
hängen 3, 1454ff.; 1, 554), und allen den 
kräftigen Mitteln des Scharfrichters wie 


Galgenstrick und Galgennägeln (vgl. 3, 
262 ff.) bis zu den noch immer gebrauchten 
Zahnhalsketten (vgl. 3, 1458 Anm. 164) 
I und den Mascottes der Automobilisten, 
I die heute so manches K.haus vorrätig 
hält 369 ). Wie diese „Schutzgeister** hat 
man sich immer helfende Kräfte, besonders 
! Geisterkräfte durch K. sichern und schlie߬ 
lich die irrationalsten Dinge k.en können. 
Alter Glaube läßt Geisterhilfe k.en, 
einen Spiritus familiaris — wer einen 
solchen k.t, in dessen Tasche bleibt er 370 ) 
— einen „Nisspuk" 371 ), einen „Putz", 
der sofort in das Haus des Käufers um¬ 
zieht 372 ), einen kleinen Schatzteufel 373 ), 
einen Hecktaler (vgl. § 22). In Auerbachs 
Hof zu Leipzig und in Wittenberg hat 
man Kobolde zu k.en bekommen, wobei 
man sich vorsehen mußte, daß man nicht 
betrogen wurde 374 ). Man konnte nämlich 
arme und reiche Kobolde k.en 375 ). Ein 
Spiritus familiaris ist nach einer Anklage 
von 1668 um den Scheinpreis von drei 
Pfennigen übernommen und gek.t wor¬ 
den 376 ). Andererseits wird als Preis für 
Kobolde 50 Reichstaler genannt 377 ). Ein 
anderer glücklicher K. erscheint auch im 
Zusammenhang mit diesen hilfreichen 
Geistern in dem allgemein verbreiteten 
Sagen typ von Geistern, besonders Zwer¬ 
gen, welche etwas k.en, aber nur einen 
wertlosen Stein oder ähnliches in Zahlung 
geben, was sich jedoch im Hause des 
scheinbar betrogenen Käufers in Gold, 
Juwelen verwandelt. Die K.Vorstellung 
beherrscht schließlich die seltsamsten 
Handlungen. ,,Es ist auch eine alte böse 
Superstition, wann ein mensch dem andern 
das fieber oder eine andere kranckheit zu 
k.en gibt oder abk.en thut, welche desto 
höher zu straffen, das nit ohne hülff dess 
bösen geists die würckung zum öffterm 
erfolgt" 378 ), man kann also sogar Krank¬ 
heiten „k.en", s. w. §22. Ostjüdische 
Kinder „k.en",, und „verk.en" auch Sün¬ 
den 379 ). Zuweilen ist ein Geldopfer zum 
K. geworden, so wenn der Pate den dritten 
Tag nach der Geburt dem Kind „das 
Weinen abk.t", d. h. ihm ein Stück Geld 
in die Windel steckt, damit es Ruhe er¬ 
hält 38 °). Den „Sommerkindem" kann 
man „den Sommer abk.en", das ist heil- 


1177 


Kauf, Verkauf (Handel) 


II78 


sam 381 ). Ganz deutlich ist das zum K. 
gewandelte Geldopfer, wenn man vielfach 
die Hebamme die Kinder (von einem 
Brunnen) k.en läßt und sie ihr abk.t 382 ), 
vgl. 3, 613 ff. 1597. Zum angeblichen K. 
der Braut 383 ) vgl. § 4, wo die K.sitten 
ihre Erklärung als Reugeld finden, s. a. 
Braut (1, 1525 t.), Ehe (2, 569 ff.), Ver¬ 
lobung. Diesen meist sehr alten Vorstel¬ 
lungen von merkwürdigen K.möglich- 
keiten steht noch ein Aberglaube jungen 
Ursprungs zur Seite: ein Freimaurer 
kann, wenn er durchs Los zum Sterben 
bestimmt ist, sich einen Stellvertreter 
k.en 384 ), zuweilen heißt es freilich nur 
zweimal 385 ); früher sollen die Freimaurer 
gar Johanniskinder zu Menschenopfern 
gek.t haben 386 ). Endlich ist auch noch 
auf die verschiedenen Eink.ssitten hin¬ 
zuweisen, wie sie an die Aufnahme in 
die Jungmannschaft (Knabenschaft, 
Bruderschaft) des Dorfes geknüpft sind 
387 ), welche dem Dienstjungen auferlegt 
sind, der nach bestimmter Dienstzeit sich 
in die Reihe der Knechte eink.en muß 
888 ) — gleich dem Eink. des freigesproche¬ 
nen Lehrlings in den Ge seilen verband 
einer Handwerkerzunft (vgl. 3, 1430) — 
oder der neuaufgezogenen Dienstmagd, 
die sich in Schlesien einst bei der länger 
dienenden Magd am Tag des ersten Vieh¬ 
austriebs hat eink.en müssen 389 ), oder 
dem fremden Burschen, der sich durch 
Geld oder Branntwein in der Gemeinde 
eink.t, um mit den Mädchen verkehren zu 
können 39 °), oder schließlich die Abgaben 
an die Jungmannschaft bei einer Hoch¬ 
zeit 391 ) und, namentlich für einen aus¬ 
wärtigen Bräutigam, die Erk.ung des 
Durchzugs für den fremden Eheteil unter 
den Hochzeitsgebräuchen 392 ), vgl.4, 157. 
Das Geld dieser Eink.sabgaben wird in 
der Regel gemeinsam vertrunken. 

SS9 ) Vgl. 1 > x 43 - 74 °; 2 . 72 u. ZfDkde 

31 f. 37 °) Grimm Sagen 76 Nr. 84; 
Meiche Sagen 293. 371 ) Müllenhoff Sagen 

322. 372 ) Heyl Tirol 22. 373 ) Ebd. 267 (Bozen). 
* 74 ) Sommer Sagen 33 — Ranke Sagen 2 167; 
Meiche Sagen 295; Sieber Sagen 255. 376 ) 

Sommer u. Ranke a. a. O. 378 ) Meiche Sagen 
293. 377 ) Sieber a. a. O. 378 ) Panzer Beitrag 

2, 279 t. (Bayern 1611). 379 ) Urquell 2, 165 

(Lemberg). 380 ) Grimm Myth. 3, 460 Nr. 739 
ob der Enns 1787); vgl. ein ebenfalls zur K.Vor¬ 


stellung abgewandeltes englisches Windopfer: 
man wirft ein Geldstück über Bord, „um den 
Wind zu k.en“. Bergen Superstitions 115 Nr. 
1057; eine ma. Sage von windverk.enden Ein¬ 
wohnern Vinlands bei Sebastian Frank, Grimm 
Myth. 1, 532 f. m ) Grimm Myth. 2, 637. 
382 ) Meyer Baden 11 f. (fränkisch); vgl. v. 
Künßberg Rechtsbrauch u. Kinderspiel Sitzb- 
Heid. 1920, 7, 48 u. Höhn Geburt 259. M3 ) Die 
Ablehnung dieses gelehrten Irrtums begründet 
u. a. Bächtold Hochzeit 1, 189ff.; s. a. ZfVk. 14, 
281; Sartori Sitte 1, 56 f.; GrimmÄ^l. i, 583. 
589 h 384 ) Jahn Pommern 361 f.; Strackerjan 

1, 361; Zaunert Westfalen 309. 388 ) Jahn 

Hexenwesen 25 u. Pommern 360; Zaunert 
a. a. O. 308. 388 ) MschlesVk. 13/14, 239. M7 ) 

Bächtold Hochzeit 1, 279 ff.; Sartori Sitte 2, 
188; SAVk. 8, 99; John Westböhmen 336; 
Nds. 12, 382 (Mecklenburg). 388 ) Drechsler 

2, 19; ZfVk. 1, 83 (Pommern); Andree Braun¬ 
schweig 236 ff.; ZfVk. 11, 332 ff. (Braunschweig); 
Sartori Sitte 2, 42 f. 38# ) Drechsler 2, 19; 
ZfrwVk. 4, 295 (Berg). 3M ) Alpenländer und 
Skandinavien, Weiser Jünglingsweihen 65 t.; 
Messikommer 1, 130; Sartori Sitte 2, 190 
Anm. 9. 3M )Bächtold a.a.O. i,28off.; Sartori 
Sitte 1, 57 Anm. 8 (Lit.); 3, 106 f. Anm. 68: 
Eink. der Neuvermählten durch Ball oder 
Schmaus; auch bei den Deutschen in Rußland, 
vgl. Dt. Volkskunde im außerdt. Osten 1930» 
S. 79. 3M ) Sartori Sitte 1, 90; 2, 182 Anm. 13; 
Weiser a.a.O.; Mailly Deutsche Rechtsalter¬ 
tümer (1929) 49. 

20. Dem gebotenen Erwerb durch K. 
und der Möglichkeit zu k.en stehen Ver¬ 
bote desK.ens nicht minder bedeutsam 
gegenüber. Im Gegensatz zu den § 18 
erwähnten Beispielen ist noch häufiger 
vorgeschrieben, die für eine Zauber¬ 
handlung, Heilzauber wie Abwehr- und 
Schadenzauber aller Art, benötigten 
Mittel nicht zu k.en, sondern zu er¬ 
betteln und sich schenken zu lassen, zu 
leihen, zu stehlen oder Ererbtes und Ge¬ 
fundenes zu benutzen, vgl. die ent¬ 
sprechenden Artikel. Der gek.ten fremden 
Sache mangelt hier also die erwünschte 
Kraft. Deshalb mußte auch schon in der 
Antike ein Opfertier (oder dessen Organe) 
nicht gek.t, sondern freiwillig gegeben oder 
mindestens um jeden Preis ungehandelt 
erstanden sein 393 ), vgl. 2, 1314. Jeglicher 
K. ist nicht ratsam an gewissen Un¬ 
glückstagen (s. o. § 3), um nicht Scha¬ 
den auf Käufer und Gek.tes zu ziehen. 
Am Neujahrstag darf man in Schmal¬ 
kalden wohl etwas k.en, es aber nicht be¬ 
zahlen 394 ). Auch an andern besonderen 


ii 79 


Kauf, Verkauf (Handel) 


1180 


Tagen ist Vorsicht geboten. So darf man 
am Karfreitag keine Milch k.en 395 ); 
Flachs, auf Laurentii gek.t, verbrennt 396 ), 
vgl. § 23. Es gibt auch Dinge, die man 
niemals k.en darf, wenn man sich und 
andere vor Schaden bewahren will. Alter, 
geheiligter Rechtsbrauch untersagte schon 
früh — vgl. ein Kapitulare Karls des 
Großen 806 — Getreide auf dem Halm, 
Wein an der Rebe und blutige Kleidung 
zu k.en 397 ). Neben die Rechtsrücksicht 
tritt Furcht vor Frevel. Deshalb soll 
man nach einer französischen Ansicht von 
einer krankheitheilenden Quelle nichts 
k.en noch verk.en dürfen, sonst bekommt 
man die hineingezogenen Krankheiten 398 ). 
Wenn ein Bräutigam seiner Braut ein 
Buch k.t (oder schenkt), so wird dadurch 
die Liebe verblättert 3 "), vgl. 1, 1689. 
Auch im Tierk. muß man achtgeben. Es 
ist schädlich, Bienen zu k.en, deren Herr 
gestorben ist, sie sterben auch bald dahin 
40 °); sie dürfen auch nicht aus einem zwei¬ 
felhaften Haus gek.t noch darf beim Eink. 
gehandelt werden (vgl. 1, 1233; 2, 1315), 
sonst bleiben sie nicht beim neuen Be¬ 
sitzer 401 ); in Frankreich soll man, schon 
im 17. Jh. und noch heute, Bienen über¬ 
haupt nicht k.en, nur eintauschen, wenn 
sie gedeihen sollen 402 ). Auch in Deutsch¬ 
land gedeihen geschenkte oder geerbte 
Bienen am besten, nur ausnahmsweise, 
z. B. in Waldeck, heißt es umgekehrt, daß 
man Bienenstöcke nicht verschenken 
dürfe, wenn die übrigen gedeihen sollen, 
und daß nur gek.te gedeihen 403 ); ebenso¬ 
wenig geraten in Thüringen geschenkte 
Schweine 404 ). Wer aber ein Paar Turtel¬ 
tauben halten will, darf sie nicht k.en, 
sondern muß sie sich schenken lassen 405 ). 
In der Bukowina hütet man sich, Ochsen 
zu k.en, deren letzte Rippe kürzer als die 
andern ist, denn diese sollen nicht wachsen 
und sich nicht gut füttern 406 ). Gleich dem 
ungünstigen Angang, hat es einst für un¬ 
heilvoll gegolten, von Priestern oder Mön¬ 
chen Pferde zu k.en 407 ), ein Teil der allge¬ 
meinen Abneigung, Vieh von Menschen 
mit dem bösen Blick einzuhandeln 408 ). 

393 ) Höfler Organotherapie 12. 394 ) Hessler 
Hessen 2, 482 = Sartori Sitte 3, 63 Anra. 40, 
«in Anfangszauber! 396 ) Schramek Böhmer¬ 


wold 240. 398 ) Bunzlau 1791, Grimm Myth. 

3, 476 Nr. 1100. 397 ) Grimm RA. 2, 157; Hoops 
Reallex. 3, 20. 398 ) Nur der Eigentümer, bzw. 

der Kirchen Vorsteher läuft glücklicherweise 
diese Gefahr nicht: Sebillot Folk-Lore 2, 288. 
3 ") Rockenphilosophie (1709) 125 c. 83 = 

Grimm Myth. 3, 437 Nr. 80. 40 °) Schleswig, 

Urquell 6, 20; Schönwerth Oberpfalz 355; 
Knoop Tierwelt 3; Rochholz Glaube 1, 148. 
401 ) Meyer Baden 414; Birlinger Schwaben 
1, 399 ; Sartori Sitte 2, 132. m ) Sebillot 
a. a. O. 3, 320. 374. 403 ) Curtze Waldeck 

402 —W. §671; s. w. i, 1233 s. Anm. 113 . 

404 ) W. § 688. 405 ) Meier Schwaben 1, 218. 

40e ) ZföVk. 4, 215 Nr. 519. 407 ) Sagan 1474, 

MschlesVk. 21 (1919). 8 h. 408 ) P&igord, Se¬ 

ligmann Blick 1, 37. 

21. Es findet sich verschiedenerlei Ge¬ 
bot zu verk.en. Der brandenburgische 
Bauer will nichts verleihen, sondern 
nur verk.en, auch wenn er das Geld nicht 
sofort erhält 409 ), wohl mitbegründet als 
Unheilabwehr, vgl. leihen. Ähnlich rät 
die Rockenphilosophie: wer mit Essig 
handelt, soll keinen verborgen, und sollte 
der Borger auch nur eine Stecknadel zu 
Pfände geben 410 ). Und es heißt in Alten¬ 
burg und Schlesien, man dürfe überhaupt 
nichts ganz umsonst aus dem Hause ver¬ 
schenken, weil man sonst das Glück 
mit weggebe, man müsse wenigstens eine 
Kleinigkeit, und sei es eine Stecknadel, 
als Bezahlung fordern, besonders bei den 
Erzeugnissen des Feldes, Gartens und des 
Viehstands, also bei Sämereien, Setz¬ 
pflanzen, Milch 411 ), eine Rücksichtnahme 
auf das gefährdete Gesamtglück, vgl. § 17. 
Gewisse Dinge darf man nur verk.en, 
wenn man ein Unglück verhüten will. So 
muß man Messer, Scheren und Steck¬ 
nadeln verk.en, weil man durch Ver¬ 
schenken die Freundschaft mit dem Be¬ 
schenkten zerschneidet 412 ), nach Wiener 
Kinderglauben soll man Stecknadeln noch 
heute nicht verschenken, sondern lieber 
verk.en 413 ). Ein besonderer Anlaß zum 
Verk. liegt vor, wenn die Hausfrau das 
erste Kind ihrer Mutter ist; dann verk.t 
man die ersten Kälber der jungen 
Kühe, da sie nicht gedeihen können 414 ). 
Aber auch ohne diesen in Estland ausge¬ 
sprochenen Grund verk.t man um Stettin 
die Erstlingskälber stets an den Fleischer 
41B ). Beim Tod der Hausfrau werden im 
Erzgebirge sämtliche Hühner verk.t, den 




Kauf, Verkauf (Handel) 


1181 


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Haushahn aber darf man nie selbst 
essen, sondern muß ihn verk.en 416 ). Eben¬ 
so muß man jedes Stück Vieh, Hunde, 
Vögel oder ,,sonst etwas“, das durch ein 
Gebot (über den Wert) feil geworden 
» ist, in dessen Gegenwart man davon ge- 
. sprochen hat, daß man es k.en oder ver- 
$ k.en wolle, verk.en, andernfalls geht es 
bald darauf zugrunde 417 ). In Westfalen 
führt man aus Furcht vor Behexung ein 
solches unverk.tes Tier nicht wieder 
y in den Stall zurück, sondern an einen eige- 
f nen Platz und sucht es um jeden Preis 
, möglichst bald los zu werden 418 ). Und 
wenn jemand ein Tier gern haben will, 

. soll man es ihm geben oder einem andern 
verk.en, sonst stirbt es 419 ). Dies gilt be¬ 
sonders für Vögel 420 ). Das Kind einer 
Mutter, bei der schon mehrere Kinder ge- 
storben sind, „verk.t“ man an die Heb- 
j amme oder eine andere mit Kindern ge- 
; ♦ segnete Frau, damit es in deren Besitz 
besser gedeihe 421 ). Der Verk. an einen 
Dritten entzieht also das Verk.te 
(wie oben das begehrte Tier) einer Gefahr, 
einem feindlichen Einfluß. Ebenso verk.en 
’ nach Wiener Kinderglauben die „Polni¬ 
schen“ ein todkrankes Kind zum Schein, 
in der Annahme, der Todesengel kenne 
sich dann nicht aus 422 ). Und in gleicher 
i Weise gibt man das Vieh, wenn es nicht 
gedeihen will, einem Familienglied in 
scheinbaren K., und wenn es auch 
dann nicht gedeihen will, einem Dritten, 
s. o. § 10. So muß man besonders bei neu- 
gek.tem verhexten Vieh verfahren; sobald 
f es in die dritte Hand kommt, kann ihm 
der Beschwörer nichts anhaben 423 ). Ent¬ 
sprechend kann ein Dieb sich gegen Ver¬ 
folgungszauber schützen, wenn er das ge¬ 
stohlene Gut alsbald weiterverk.t 424 ), vgl. 
i 2, 216. 

409 ) ZfVk. 1, 189. 41 °) Grimm Myth. 3, 449 
Nr. 470. 4U ) W. § 625. 412 )W. §625; Bergen 
Superstitions 144 Nr. 1413, allg. in USA. 

‘ 413 ) WZfVk. 34, 32. 414 ) Estland 1788, Grimm 
Myth. 3, 491 Nr. 80; Boeder Ehsten 119. 
415 ) Jahn Opfergebräuche 303 = Sartori Sitte 
2, 138. 414 ) John Erzgebirge 226. 417 ) Saalfeld 
1790, Grimm Myth. 3, 452 Nr. 532; ZfVk. 5, 
416 (Franken); Müller Isergebirge 12; W. § 680 
(Oldenburg); Selig mann Blick 1, 198 (Shef¬ 
field); vgl. ebd. 2, 280: wenn in Sardinien um 
r; ein Pferd oder Früchte gehandelt wird, ge- 


1182 

schieht dies darum in Abwesenheit des Tiers, 
der Früchte. 418 ) H ü ser Beiträge 2, 26. 419 ) Wie¬ 
ner Kinderglaube, WZfVk. 34, 67. 42 °) Ebd. 

34, 76; ebenso Sebillot Folk-Lore 3, 191. 
421 ) Urquell 4, 187. 422 ) WZfVk. 34, 75. 423 ) 

Schleswig-Holstein, ZfVk. 24, 62. 424 ) Nach 

einem Arzneibüchlein von 1768, Wein hold 
Festschrift 116; vgl. Strackerjan i, 100. 

22. Es ist möglich, Krankheiten zu 
„verk.en“, eine schon der Antike geläu¬ 
fige Zauberhandlung 425 ). 1668 hat man 
in Deutschland gemeint: „man kan die 
pocken verk.en, und der sie k.et, krieget 
so viel nicht als sonst“ 426 ). Es ist dies 
„eine alte böse Superstition“, nämlich 
Fieber oder andere Krankheiten zu verk.en 
427 ), s. o. § 19 Anm. 378. Sie hat sich in 
Bayern bis in die Gegenwart erhalten, 
wenn man dort Geschwüre „verk.t“: man 
betet ein Vaterunser, dann nimmt man 
eine Kupfermünze, reibt das Geschwür 
dreimal mit ihr, wirft sie morgens vor 
Sonnenaufgang auf der Straße rücklings, 
ohne sich umzusehen, über sich hin und 
geht stillschweigend nach Hause; wer das 
Geldstück aufhebt, bekommt das Ge¬ 
schwür, und der andere wird frei 428 ). Die 
Amerikadeutschen „verk.en“ ebenso War¬ 
zen für einen Cent, den man versteckt 
oder wegwirft für einen unglücklichen 
Finder 429 ), s. a. Geld 3, 609 f. Die Vor¬ 
stellung des Verk.ens ist hier also einem 
Übertragungszauber umgehängt wor¬ 
den. Durch einen eigenartigen Verk. 
kann man einen Hecktaler bekommen: 
man beschwört den Teufel und verk.t ihm 
eine Katze im Sack für einen Hasen 430 ), 
vgl. 3, 1619. Will man den Hecktaler 
wieder los sein, dann muß man ihn unter 
seinem Werte verk.en, damit es der 
Käufer merke, daß darunter etwas ver¬ 
borgen hege, und alles mit seiner still¬ 
schweigenden Einwilligung vollzogen 
werde 431 ). Ebenso verk.t man auch an¬ 
dere Geisterkräfte wieder, die man durch 
K.gewonnen (vgl. §19). „GalizischeHaus¬ 
geister, Didken“, können durch Verk. um 
beliebiges Geld abgetreten werden 432 ). Es 
wird ein in eine Schachtel oder Flasche 
eingesperrter Teufel, der sieben Jahre 
dienen muß, um drei Pfennige verk.t 433 ), 
auch ohne daß der Käufer etwas merkte 
434 ), offenbar ein Spiritus familiaris. 


1183 


Kauf, Verkauf (Handel) 


Kauf, Verkauf (Handel) 


Il86 


II84 


dessen scheinbarer K.preis eben drei 
Pfennige beträgt (vgl. § 19), von dem es 
aber auch heißt, daß er jedesmal billiger 
verk.t werden müsse. Grimmelshausen 
läßt die Landstörtzerin Courasche ein sol¬ 
ches Ding um zwei Kronen von einem 
alten Soldaten erwerben, der ihr sagt, daß 
dieses „seinen gewissen K. und Verk.“ 
habe, „vermög dessen die Frau Zusehen 
mag, wann sie diss Kleinod wider hingibt, 
daß sie es nemlich wolfeiler verk.e, als sie 
es Selbsten erk.t hat“; sie wird es um eine 
Krone an Springinsfelt los, der es nun 
nicht wieder verk.en kann, weil der Satz 
aufs Ende gekommen ist 485 ). Man glaubt, 
ein solcher Spiritus familiaris könne zwei¬ 
mal verk.t werden; wer ihn das drittemal 
k.t, muß ihn für immer behalten 436 ). Das 
gilt auch für andere Hausgeister und 
Schatzteufel 437 ). 

4,5 ) Lammert 32 f. 42 ®) Grimm Myth. 3, 
477 Nr. 1136. 427 ) Panzer Beitrag 2, 279 f. 

428 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 392. 429 ) Fogel 
Pennsylvania 324 Nr. 1726 f.; ebenso Bergen 
Superstitions 103 Nr. 902 (Mass.). 43 °) Bartsch 
Mecklenburg 2, 351. 431 ) Meiche Sagen 309; 

Sieber Sachsen 273; Kühnau Sagen 2, 17; 
s. o. 3, 199. 432 ) Vernaleken Mythen 239. 

483 ) Ebd. 263. 434 ) Ebd. 273. 435 ) Schlosser 

Galgenmännlein 6if.; vgl. Grimm Sagen 77. 
434 ) Kühnau Sagen 2, 7. 437 ) Müllenhoff 

Sagen 322; Heyl Tirol 267; ZfVk. 4, 91 (Ko- 
motau 1670); W. § 386 (der böhm. ,,Sotek ‘). 

23. Auch der Verk. unterliegt bestimm¬ 
ten Einschränkungen. Zu gewissen 
Zeiten ist es nicht Tätlich, etwas zu ver¬ 
k.en, wenn man nicht bösen Zaubermäch¬ 
ten und schlimmem Schaden Eingang ver¬ 
schaffen will. Es sind dies über die allge¬ 
mein für Geschäfte ungünstigen 
Tage wie Montag, Mittwoch und 
Freitag (s. o. § 3) hinaus geheiligte 
Tage und Stunden, in welchen nicht 
durch einen Verk. schädlichen Einflüssen 
Raum gegeben werden darf. Man soll 
nichts verk.en an den heiligen Abenden 
der Weihnachtszeit, besonders nicht am 
Weihnachtsabend und Silvesterabend 438 ), 
ebensowenig am Aschermittwoch 439 ) 
oder am Karfreitag 440 ), in Ungarn 
auch nicht am Georgstag und Martins¬ 
tag 441 ). Die Begründung, weil der Nutzen 
weggegeben 442 ), fürs künftige Jahr der 
Segen verk.t wird 443 ), muß zusammen¬ 


gehalten werden mit einem andern An¬ 
fangszauber, gerade an solchen heiligen 
Abenden und Tagen fremden Nutzen sich 
anzueignen, vgl. stehlen §§ 4. 7. Beson¬ 
ders Milch darf man nicht am heiligen 
Abend 444 ), am Fastnachtsdienstag 446 ), 
am Karfreitag 44e ), am ersten April 447 ) 
verk.en, wenn man das Vieh vor Hexen 
oder dem Tod behüten will. An den Qua¬ 
tembertagen darf keine Milch verk.t oder 
weggegeben werden, sonst kann eine Hexe 
es der Kuh auf ein Vierteljahr antun 448 ). 
Milch, Butter, Käse und Eier soll man wegen 
der vielen Hexenkünste nach Sonnen¬ 
untergang überhaupt nie aus dem Haus 
verk.en 449 ), besonders nicht am ersten 
April 450 ) und am Johannistage 451 ), aber 
auch nicht in den Zwölften, am An¬ 
dreas- und Karfreitage 452 ). Wenn man 
es dennoch tut, muß man ein wenig 
Salz dazugeben, damit man nicht 
alles Glück zugleich aus dem Hause 
lassen möchte, ein schon lange gerügter 
Aberglaube 453 ), oder daß die Milch nicht 
in einem Topf ohne Deckel verhext werde 
454 ). Im Erzgebirge verk.t man am Wal- 
purgistäge nach 6 Uhr abends auf keinen 
Fall mehr Milch 455 ). Die erste Milch 
darf allgemein drei oder acht Tage lang 
nicht weggegeben werden, sonst gibt die 
Kuh immer nur wenig und schlechte, zum 
Buttern untaugliche Müch 456 ). In Mittel¬ 
baden soll man auch von einer frisch- 
gek.ten Kuh vor Ablauf dreier Tage keine 
Milch verk.en und nicht vor dem ersten 
Buttern 457 ), im Taubergrund neun Tage 
lang nicht 458 ). Die erste Butter verk.t 
man dort und anderswo überhaupt nicht 
459 ); in Westböhmen muß man wenigstens 
dreimal buttern, ehe man Butter, Käse 
und Milch verk.t, dann erst hat die Hexe 
keine Gewalt über das Vieh 460 ). Von dem 
ersten Buttern nach einem Kalben darf 
man nichts verk.en, um das Glück nicht 
wegzugeben 461 ), in Niederösterreich muß 
man diese Butter verschenken 462 ). Wenn 
eine Kuh das erstemal kalbt, soll man an 
den drei ersten Freitagen ausstoßen und 
keine Butter verk.en, sonst verk.t man 
den Nutzen 463 ), s. a. Butter § 8 (1, 
1738 ff.). Das Vieh wird nach älterer An¬ 
sicht auch behext, wenn man ungesunde 



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Milch oder solche, unter die nicht ein bis¬ 
chen Wasser gemischt ist, verk.t 464 ). Noch 
leichter ist, schlimme Milchhcxcrei zu 
treiben, wenn man an zwei Orten Milch 
k.t und sie zu Hause untereinandergießt, 
dann nimmt man beidem Vieh die Milch 
465 ), s. w. Milchhexe (3, 1863 ff.). Eben¬ 
falls zur Verhütung von Schadenzauber 
und Segensverlust darf man in Ostpreußen 
von Saaterbsen oder Saatkartoffeln nichts 
weggeben oder verk.en, bevor man sein 
eigenes Feld bestellt hat 466 ). Genau so, 
wie in diesen Fällen die Hergabe eines 
Teils das Ganze gefährdet, verhält 
es sich beim Menschen selbst, wenn nach 
steirischem Glauben eine Frau, die ihr 
Haar verk.t, dadurch dem Bösen Macht 
über sich einräumt 467 ), vgl. Haar § 10 
(3, 1271 ff.). Da man während einer Ge¬ 
burt zur Verhütung böser Einwirkungen 
nichts aus dem Hause geben soll (vgl. 3, 
411), darf man auch nichts verk.en, so¬ 
lange eine Kuh kalbt, eine in der Ober¬ 
pfalz noch lebendige Auffassung 468 ). In 
Salzburg darf, wenn das Vieh erkrankt ist, 
während dreier Tage im Hause nichts 
verk.t (noch verschenkt) werden 469 ). 
Ebenso soll störende Einmischung fern¬ 
gehalten werden, wenn während eines 
Prügelzaubers gegen eine Hexe nieman¬ 
dem etwas verk.t werden darf; denn es 
kommt z. B. die Tochter der Hexe und 
will Buttermilch k.en, um dadurch den 
Straf Zauber zu brechen 47 °). Während in 
diesen Vorschriften der Verk. für eine 
bestimmte Zeit gesperrt bleibt, heißt 
es auch noch weitergehend, daß man 
einer Hexe überhaupt nie etwas 
verk.en noch schenken dürfe, damit sie 
nicht durch diesen Besitz Macht über den 
Verkäufer gewinne 471 ). Auch geht alles 
von einer Hexe durch K. empfangene 
Geld, sogar das eigene, wenn es mit jenem 
gemischt wird, wieder in ihre Hand zu¬ 
rück 472 ). 

438 ) ZfVk. 1, 178 (Brandenburg); Engelien 
u. Lahn 1, 239; Kuhn u. Schwartz 405h; 
Schulenburg Wend. Volksthum 246 (Luzetag); 
Lemke Ostpreußen i, 33; Toeppen Masuren 
74; Drechsler 1, 21; Köhler Voigtland 361. 
426; W. §625; Sartori Sitte 3, 41; ZfVk. 4, 
312 (Ungarn). 439 ) W. §. 99. 44 °) Strackerjan 
2, 69; Witzschel Thüringen 2, 196; John 

B ächtold'Stäubli, Aberglaube IV 


Westböhmen 61; Sartori Sitte 3, 143; Oster¬ 
abend: Lemke a. a. O. 441 ) ZfVk. 4, 397. 406. 
442 ) Köhler a. a. O. 426. 443 ) Drechsler 

1, 21. 444 ) John Westböhmen 16; vgl. Sartori 

Sitte 2, 144. 446 ) John a. a. O. 41. 448 ) Schra- 
mek Böhmerwald 240; John a. a. O. 208; 
Köhler a. a. O. 372; W. §§87. 100. 705. 

447 ) Köhler a. a. O. 372. 448 ) W. § 705 (Ober¬ 
pfalz). 44d ) Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1023 
(Bunzlau 1791) = Drechsler 2, 253; Heck¬ 
scher 379; Grohmann 138; ZfVk. 9, 444; 
W. §§ 625. 705. 46 °) Drechsler i, 104. 461 ) W. 
§ 92 (Lausitz, Schlesien). 4M ) W. § 705. 

453 ) Richter Aberglauben (1702) 50; Toeppen 
Masuren 101; Engelien u. Lahn 1, 273; 
Bartsch Mecklenburg 2, 137; Hüser Beiträge 

2, 26; Witzschel Thüringen 2, 280; Drechsler 
2, m; W. §705; Liebrecht Zur Volksk. 316 
(Norwegen); vgl. oben Anm. 349 bis 351. 

454 ) W. §625 (Baden). 45ß ) W. §89; vgl. 

Sartori Sitte 3, 172. 4ß ®) W. § 705; Sartori 
Sitte 2, 144. 457 ) Meyer Baden 403. 488 ) Ale¬ 

mannia 34, 283 Nr. 35. 459 ) Ebd. Nr. 43; Jahn 
Opfergebräuche 304 = W. § 709 (auch Vogtland). 
46 °) John Westböhmen 203; Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 278 (frischmelkende Kuh). 4ei ) Köhler 
Voigtland 426. 4fl2 ) Seligmann Blick 2, 94. 

463 ) Alemannia 19, 165 Nr. 30. 464 ) HessBl. 

15, 129 (Worms 1790). 4 ® 5 ) W. §§390. 705 

(Böhmen, Voigtland). 4 ® 6 ) W. §§ 655. 670. 
4 ® 7 ) Germania 36 (1891), 402. 468 ) OdZfVk. 1, 

150. 4(i9 ) ZföVk. 3, 5. 47 °) Kühnau Sagen 3, 

25. 471 ) Bartsch Mecklenburg 2, 39 (1584); 

noch im 20. Jh., z. B. in der bad. Pfalz, Meyer 
Baden 555. 472 ) Köhler Voigtland 420; zur 

Abwehr dagegen Kreide beim Geld: Panzer 
Beitrag 1, 238 Nr. 29. 


24. Dem Verbot, Bienen zu k.en 
(s. o. § 20), entspricht das französische 
Gebot, dieseTiere auch nicht zu verk.en, 
sondern nur zu verschenken oder gegen 
andere Gegenstände auszutauschen 473 ), 
vgl. 1,1233; 4, 305. Auch anderes, zu dem 
der Mensch in geheimnisvoller, außer¬ 
ordentlicher Beziehung steht, darf nicht 
verk.t werden, so die Wiege; wenn ein Fa¬ 
milienvater die Wiege verk.t, in welcher die 
Kinder lagen, treibt er das Glück aus dem 
Hause 474 ). Ein Zauberspiegel darf 
gleichfalls nicht verk.t, sondern muß in 
der Familie vererbt werden, wenn er seine 
Kraft nicht verlieren soll 475 ). Besonders 
empfindlich gegen Verk. sind unter den 
heiligen Dingen die Glocken. Zahlreiche 
Sagen berichten von verk.ten (oder ge¬ 
raubten!) Glocken, die nicht wegzuführen 
476 ) oder über die Gemarkungsgrenze zu 
bringen sind 477 ) oder von selbst wieder 
zurückwandem, vgl. 3, 873. Ebenso läßt 

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Kaulbarsch—Kauz 


1188 


sich das ewige Licht einer Kirche nicht 
verk.en, es erlischt über der Grenze 478 ). 
Auch ein Muttergottesbild, das einer 
protestantisch gewordenen Kirche ab- 
gek.t werden soll, kehrt immer wieder an 
den alten Platz zurück 479 ). Mit den Ge¬ 
schenken freundlicher Geister soll man 
schließlich auch nicht handeln. Aus dem 
Kyffhäuserkeller gespendeter Wein darf 
bei Todesgefahr nicht verk.t werden:,,Um¬ 
sonst bekommt Ihr ihn, umsonst sollt Ihr 
ihn geben” 48 °). 

473 ) ZfdMyth. 2, 419 Nr. 21 (Cevennen); 

Söbillot Folk-Lore 3, 320: Bienenstock nur 
gegen Gold oder Getreide ungestraft verkäuf¬ 
lich. 474 ) Schneller Wälschtirol 244 Anm. 53; 
unter den Südslawen gilt es als Sünde und 
Schande, etwas von dem unbeweglichen oder 
dem betriebsnotwendigen beweglichen Gut zu 
verk.en, nur bestimmte Dinge sind ohne weiteres 
verkäuflich, Krauß Sitte u. Brauch 106 f. 
475 ) Meier Schwaben 1, 282 — Pfister Schwaben 
51; vgl. Künzig Schwarzwaldsagen 211. 47e ) Z.B. 
Heyl Tirol 135. 477 ) Z. B. Künzig a. a. O. 

249 t. 478 ) Künzig Baden 84. 47 *) Quensel 

Thüringen 105. 48 °) Witzschcl Thüringen 1, 

263; Grässe Preußen 1, 435; vgl. oben §20 
Anm. 398. 

25. Betrügerisches Verhalten im 
Handel, in Eink. und Verk., bestraft das 
Rechtsgefühl des Volkes, wie es die älteren 
Zeiten gebildet haben, in zahlreichen 
Sagen von verdammten, geisternden 
Betrügern, vgl. unehrlich. 

Müller-Bergström. 

Kaulbarsch (Acerina cernua), Kugel-, 
Steuer-, Gold-, Knacker-, Rotzbarsch, 
Stuhr, Schroll, Rauhiger, Rotzwolf, Rotz¬ 
kater, Pfaffenlaus. 

Im Kopfe des K.s findet sich ein Stein, 
der gegen verschiedene Krankheiten, wie 
Seitenstechen, Harnverhaltung, Stein, 
Krampf, Fallsucht, auch gegen Verletzun¬ 
gen gut ist (vgl. Barsch 1, 928). Er wird 
auch herzstärkenden Medizinen und Zahn¬ 
pulvern beigemischt x ). 

Tiermärchen. Als die Fische einen 
König wählen wollten, veranstalteten sie 
ein Wettschwimmen. Der K. trug den 
Sieg davon. Die Flunder (s. Scholle) 
war darüber neidisch, verzog höhnisch das 
Maul und sagte: ,,Jä, de Kulboarsch!” — 
Zur Strafe für ihren Neid blieb ihr das 
Maul schief stehen 2 ). Außerdeutsche Er¬ 
zählungen bei Dähnhardt 3 ). 


*) Jühling Tiere 24. 110; DWb. 5, 348 (n. 
Hübners Handlungslexikon 1727); Schwenck- 
feld Catalogus 2, 442; Höhn Volksheilkunde 1, 
92; ZfdU. 33, 102. 2 ) BllPomVk. 5. 140. 

3 ) Natursagen 4, 92. Hoffmann-Krayer. 

Kaulkopf, Koppen, Groppe, Dolm, 
(lat. Cottus gobio). Der im Kopf befind¬ 
liche ,,Stein” wird in Tirol pulverisiert 
gegen Harnstein genossen 1 ). 

*) ZfVk. 8, 174; Jühling Tiere 31. 

Hoff mann-Krayer. 

Kauz. Von den K.en ist es besonders 
der Steink. (Athene noctua), den das 
Volk für den Todesverkündiger hält x ). 
Man weiß von ihm, daß er, aus eigenem 
Naturtriebe, vielleicht durch den Geruch 
geleitet, gern an die Fenster der Kranken¬ 
stuben fliegt, durch sein Lärmen die Leute 
in Furcht setzt 2 ). Dazu sagt Frisch 3 ): 
Weil diese kleinste Art der K.e sich ge¬ 
meiniglich wegen der Einsamkeit, in denen 
Kirchen, Gewölben und Kirchhöfen oder 
Gottesäckern, die mit vielen Begräbnissen 
bebaut sind, aufhalte, so nennen es einige 
das Kirchen- oder Leichenhuhn. Ja, weil 
es sich auch, wegen des Totengeruchs, so 
Sterbende von sich geben, oder Todkranke 
hinwegdunsten, zuweilen auf solchen Häu¬ 
sern auch wohl vor den Fenstern einfindet, 
und sich durch Geschrei als Flattern an 
den Fenstern hören läßt, so nennt es der 
abergläubische Pöbel das Sterbe- oder 
Totenhuhn, Leichhuhn, den Sterbevogel; 
weil man glaubt, daß dieser Vogel an- 
zeigen wolle: der Kranke müsse sterben. 

Über den naturwissenschaftl. Aber¬ 
glauben — daß etwa das Käuzchen aus 
den Kirchenlampen das öl nasche 4 ) — 
und die Stellung im Dämonen- und 
Seelenglauben wie in der Mythologie vgl. 
Eule. 

*) Suolaht i Vogelnamen 322. *) Naumann 
Naturgesch. d. Vögel Deutschlds . 5 (1896), 12 = 
Suolahti 322. 3 ) Joh. Leonh. Frisch Vor¬ 
stellung d. Vögel Teutschlands (1763) VIIIC2b = 
Suolahti 322. 4 ) Lonicer Kreuterbuch 1577, 
CCCXXVI A; Rolland Faune 2, 46. 

I. Todvogel. 

a) Name. Der K. gilt als ein Unglücks¬ 
bote 5 ), und zwar besonders als Todes¬ 
bote 6 ). Das geht schon aus seinen Namen 
hervor, deren wichtigste sind: Nacht¬ 
vogel 7 ), de schree'n Uhl 8 ), Eule 9 ), 
Äuferl 10 ), Grabeule 11 ), Todeule 12 ), Lei- 


r* 


1189 


Kauz 


1190 


cheneule 13 ), Leichenvogel 14 ), die Leich 16 ), 
Totenvogel 16 ), Totenkopf 17 ), Totenhuhn 18 ), 
Leichenhuhn 19 ), Höllenhuhn (?) 20 ), Sterb¬ 
kauz 21 ), Stervogel 22 ), Todesengel 23 ), 
Totenschreier 23a ), Todlacher a4 ), Kibitz, 
Kiwidd, Kumitt 25 ), Kommittchen 26 ), 
Klawit 27 ), Wik 28 ), Wiggi 29 ), Wiggle 30 ), 
Wichtel 31 ), Wichsi 23 ), Schwigglä 32 ), 
Quieckle, Quackerle, Quack 33 ), Weckerle 
34 ), Weck-, Wegvogel 33 ), Tschauette 
(Graubünden), Tscholit (oberes Inntal), 
Tschavit (Südtirol), Tschwigga (Vorarl¬ 
berg) 35 ), Schoffitl 36 ), Klage 37 ), Wehklage 
38 ), Klageweib 39 ),.Klagemuhme 40 ), Klag- f 
mütterle 41 ), Holzweibi 42 ), Vogel Kreide¬ 
weiß 43 ). Daneben stehen eine Reihe 


w 

außerdeutscher Namen 44 ), die z. T. an¬ 
schließen 45 ). 


6 ) Keller Antike Tierwelt 2, 42; Hopf Tier¬ 
orakel 106; Gubernatis Tiere 528 f.; Stern 
Türkei 1, 425; And ree in Mitt. anthrop. Ges. 
Wien 6, 36 ff.; Benfey Pantschatantra 2 (1859), 
134; Hemavijaya Katharatnagara (übers. Joh. 
Hertel) 2(1920). 222 f.; Wlislocki Magyaren 
(1893)» 75: Müller 1646 bei Rochholz Glaube 1, 
155; Schramek Böhmerwald 244; Rob. Pohl 
Heimatbuch d. Kreises Rothenburg O. L. 1924, 
63; Heimatkalender Krs. Oppeln 2 (1927). 118. 
•) S. unten: ferner DWb. 5, 370; Wuttke 2 228 
§ 324 {.; Gubernatis Tiere 526L; Hopf 
Tierorakel 105 fr.; Keller Antike Tierwelt 2, 
41. 42 f.; E. Jobbe-Duval Les morts mal- 
faisants 1924, 32; Benfey Pantschatantra 2, 
133; Mogk Relgesch 31; Vernaleken Mythen 
82; Carinthia 55 (1865), 476; Alemannia 13, 
143; Paul Stintzi Sagen d. Elsasses 2, 22; 
Meyer Baden 578; Heßler Hessen 2, 72. 

176. 294. 385. 480. 534; Grimm Myth. 2, 950; 
3 » 3 2 7 : John Erzgebirge 113; Lehmann Su- 
detendtsch. Volkskd. 1927, 181; Brandenburg 
258; E. Tegethoff Französische Volksmärchen 
3 2 9 : vgl. Söbillot Folk-Lore 2, 162. 165; 
im griech. Altertum: ARw. 24. 282; Tier der 
Unterwelt: Keller Ant. Tierwelt 2, 42. 

7 ) Tharsander 270. Wohl auch Niderbcrger 
Unterwalden 3, 191. 8 ) Finder Vierlande 2, 

97. 9 ) E. Jobbö-Duval Les morts malfai- 

sants 1924. 32 f.; (Thüringen): ZfVk. 13. 389; 
(Pommern) Festschrift für H. Lemcke 1898, 
228; Bartsch Mecklenburg 2, 124 Nr. 497; 
Knoop Tierwelt 6; Peuckert Schles. Volksk. 
229; MschlesVk. 19, 83. 10 ) Matthias Höf er 

Ethymolog. Wb. der in Oberdeutschland vorzüglich 
aber in Österreich üblichen Mundart 1 (1815), 
48 = Heckscher 350. n ) Globus 79, 360. 
Grabes vogel: Schwebel Tod und ewiges Leben 
124. 1S ) Drechsler 2, 231; MschlesVk. H. 3, 
20; H. 9, 9; H. 7, 69; (Glatzer) Guda Obend 
(Kalender) 10, 94: Das Kuhländchen 4 (1922), 
198; Oppelner Heimatblatt 1925 Nr. 13; 


BIPommVk. 3, 106; Totenkäuzle: Reichhardt 
Geburt, Hochzeit u. Tod 121. ls ) Bergisch: ZfrwVk. 
5. 244; Urquell 1,17. 14 ) Wrede Rhein. Volkskd. 
121 \ ZfrwVk. 5 (1908), 244; 15, 104; Engelien 
u. Lahn 250; Brandenburg 258; Bartsch Meck¬ 
lenburg 2, 124 Nr. 497; (Dithmarschen) Urquell 
L 73 * 15 ) Zingerle Tirol 45. ie ) Joh. Heinr. 
Campe Wörterbuch d. dtsch. Sprache 2 (1808), 
904; Reichhardt Geburt, Hochzeit u. Tod 121; 
Fischer Schwab. Wb. 4, 298; Stalder 1, 286; 
SAVk. 10, 279; Alemannia 4. 272; 19, 165; 
Carinthia 55. 476; (N. Österreich) Kießling 
Frau Saga im nieder Österreich. Waldviertel 5, 
113C; Podlinger Landshut 295; John West¬ 
böhmen 164; Laube Teplitz 50 f.; ZfVk. 13, 
389 (Thüringen); Drechsler 1, 285; 2, 231; 
MschlesVk. 19, 83; (Glatzer) Guda Obend (Ka¬ 
lender) 10, 94; Wrede Eifel 170; W. Diener 
Hunsrück 180; Suolahti 319; ZfrwVk. 15, 104; 
Fr. Plettke Heimatkunde d. Reg.-Bez. Stade 1 
(1909)» 43 &J Schwebel Tod u. ewiges Leben 
124; BIPommVk. 5, 44; Globus 79, 360; Rol¬ 
land Faune 2, 46. 17 ) ZfrwVk. 15, 104. 18 ) Ber¬ 
gisch: Urquell 1, 17; ZfrwVk. 1908. 244. 
19 ) Grimm DWb . 5, 366; Plettke Heimatkd. 
d. Reg.-Bez. Stade 1, 436 = Finder Vierlande 
2. 97; Heckscher 350; Reichhardt Geburt . 
Hochzeit u. Tod 121; Erk-Böhme 1, 604 
Anm. zu 199; Gilow de Diere 676; BIPommVk. 
5, 44; ZfrwVk. 5 (1908), 244; Anhalt u. Thü¬ 
ringen: Suolahti 322 f.; niederdtsch.: ebd. 
Jede kleine Eule: Joh. Friedr. Danneil Wb. 
d. altmärkisch-plattdeutsch. Mundart 1859, 127; 
Joh. Christoph Strodtmann Idioticon Osna- 
brugense 1756. 126; Seifart Hildesheim 2, 
33 f- 161; Georg Buschan Sitten d. Völker 
4 (1922), 446, aus Niedersachsen. 21 ) Schmeller 
BayWb. 2, 1315; (Fulda) Heßler Hessen 
2, 361; Grimm DWb. 5, 370; (Thüringen) 
Suolahti 323. 22 ) John Westböhmen 164. 

M ) Meyer Baden 578; ders. Volkskd. 267; 
Rochholz Glaube 1, 155. 24 ) Alpenburg 

Tirol 343. M ) Pfalz: Lammert 99; Kivvit: 
Rochholz Glaube 1, 155; (Preuß.) Suolahti 
323. Kividd = trag ihn hinaus! Im Ma¬ 
gyarischen sein Ruf: Urquell 2, 55; Kuwitt: 
Alfr. Karasek-Langer u. Else Strzygowski 
Sagen d. Beskidendeutschen 1930, 104. 58. 59. 
26 ) (Schwalm) Heßler Hessen 2, 294; (Preußen) 
Suolahti 323; Buschan Sitten d. Völker 4, 
446. * 7 ) Vilmar Wb. 1868, 206; Heßler Hessen 
2, 515; Suolahti 323; Curtze Waldeck 382 
Nr. 67; Klawit: Kuhn u. Schwarz 452; 
Rochholz Glaube 1, 155; Schwebel Tod u. 
ewiges Leben 124; Sutermeister KHM. 202. 
u ) Alemannia 4, 271. nach Anhorn Magiologia 
1674, 144. *•) Stoll Zauberglauben 132: hier 

aber nicht der Steinkauz Carine noctua 
Gray, sondern der Waldkauz Syrnium aluco. 
30 ) Suolahti 320 f.; SAVk. 2, 218; 7,139; 
10, 32; 12, 150; 15, 11; Schweizld. 3, 601; 
And ree in Mitt. anthrop. Ges. Wien 6, 36 
N. 1; Sutermeister KHM. 202; Friedli Bäm- 
dütsch 2, 215 u. Stäuber Zürich 1, 29 u. 
Manz Sargans 119 (Weibchen des Uhu, vgl. 


1191 


Kauz 


II92 


Kochholz Glaube 1, 155, sonst Weibchen der 
Eule: Mitt. anthrop. Ges. Wien 6, 36); Friedli 
3, 114; 4, 1, 262. Nach Rochholz Glaube 1, 
155 ist das Gwiggli die Schleiereule. 31 ) Ver- 
naleken Mythen 82. 310 f.; Germania 1875, 353; 
ZfdMyth. 4, 30: Suolahti 318 (Steiermark, 
Bayern) für die Zwergeule. 32 ) Manz Sar- 
gans 119. Im Taminatale: Schl’wigga: ebd. 
M ) Meyer Baden 578; ders. Volksk. 267; Paul 
Stintzi Die Sagen d. Elsasses 2 (1929). 22. 
Ma ) Meyer Baden 578; Alemannia 4, 272; 

Suolahti 324. 34 ) Meyer Baden 578; Ale¬ 
mannia 4, 272; 13, 143. 36 ) Vonbun Beitrag 

110. 3fl ) ZfVk. 1, 215 f.; Andrian Altaussee 
143; Pfarrer Anton Meixner bemerkt dazu: 
Tschafittel heißt in Untersteier die kleinste 
Eulengattung. Suolahti 317 für die Zwerg¬ 
ohreule. 37 ) Zingerle Tirol 46 Nr. 401; Ger¬ 
mania 5, 125; Klageule: Reichhardt Geburt, 
Hochzeit u. Tod 121; Suolahti 321. M ) Globus 
79, 360* Suolahti 321. 39 ) Vgl. Nachw. 38. 
40 ) Schwebel Tod u. ewiges Leben 124. 41 ) 

(Dtsch.-Böhmen) E. Lehmann Vom Krön- 
wald u. vom Krottenpfuhl 1921, 38; Lammert 
99 (Mittelfranken); Globus 79, 360; Suolahti 
321. 42 ) Leoprechting Lechrain 82. 43 ) Alpen¬ 
burg Tirol 343; Kridewißchen (am Meißner): 
Heßler Hessen 2, 452; HessBl. 27, 204; Vilmar 
Wb. 206. 226. Kleiderweißchen (Thüringen): 
Suolahti 323; aus Klawit, Kliwitken: ebd. 
u ) Germania, Neues Jahrb. f. dtsch. Sprache 
7, 436; Rolland Faune 2, 38 ff. 44 f.; Groh- 
mann 67 = DWb. 5, 370; (neugriech.) ARw. 24, 
282. 46 ) Vgl. etwa zu Anm. 30: Graubünden 
Tschauette, frz. chouette, ital. ciovetta usw.; 
Dalla Torre Tiernamen 142. 148. 

b) Ruf. 

Der Ruf wird gewöhnlich als Komm 
mit*) 46 ), Koem-oeit 47 ) = Kiwit (zieh 
mit) 48 ), aber auch gu gu 49 ), Komm mit 
zur Ruh 50 ), huhuhu 51 ), mi grugt 62 ), 
wiuwe 6 *), Wiggengwig 60 ), huwigg 53 ), harrut 
(heraus) 53a ), eweck 53b ), geh weg 54 ), (ber- 
gisch) Lik, Lik, ewek 55 ), (schles.) a Licht, a 
Licht 56 ), 't is Tid 57 ) oder ausführlicher 
als: d' Zitt isch do 60 ), Kled di witt 58 ), 
Zur Ruh, zur Truh! Geh mit!, oder zwei 
alten Leuten: Geschwind, geschwind, witt, 
witt! Und als die Frau nicht will: Du 
muest use und der mueß use 69 ), Hannes, 
Hannes, pack auf, du stirbst jetzt bald 61 ), 
De Zeit, die kummt, et geht en Lieh, dat 
bes du, kuwik 61 ). Komm mit, komm mit, 
mi Häk un Schip 62 ), Kumm mit, kumm 
mit, mi grugt 63 ), Wit, wit, wit, morche 
kümst aufs Tätebrit 63a ) Pojdz podkoscio- 

*) Aber so rufen auch sonst übernatürliche Vö¬ 
gel: E. Lehmann Vom Kronwald und vom 
Krottenpfuhl 1921, 45. 


lek w dolek — Kommt unter die Kirche 
in die Gruft 64 ), gedeutet. Im Saarland 
sagt man von seinem Ruf, es je-itscht 65 ), 
in Schlesien pfeift 66 ), singt 68a ), am Lech¬ 
rain ächzt es 67 ). 

46 ) Heckscher 350; ferner Reichhardt 
Geburt, Hochzeit u. Tod 121; Schwebel Tod 
u. ewiges Leben 124; Schweizld. 3, 601; Keller 
Antike Tierwelt 2, 44; Wuttke 202 § 274; 
ZfVk. 10, 211; 13, 389; Rochholz Glaube 1, 
155; Edwin Roedder D.as südwestdeutsche 
Reichsdorf 1928, 397; Meyer Baden 578; 
ZfdPhil. 28, 541; Walther Schwäbische Volksk. 
1929, 92; Höhn Tod 307; ZföVk. 13, 133; 
John Erzgebirge 113; E. Lehmann Vom Kron¬ 
wald u. vom Krottenpfuhl 38; Peuckert 
Schles. Volkskd. 229; MschlesVk. H. 3, 20; 
Heimatblätter des Kreises Wohlau 4 (1925), 51 ; 
9 ( I 93 o)* 63; Glatzer Heimatblätter 5, 84; 
(Glatzer) Guda-Obend (Kalender) 10, 94; 11, 

96; Oppelner Heimatblatt 1925 Nr. 13; Knoop 
Tierwelt 6 Nr. 47; Wrede Rhein. Volkskd. 121; 
Ders. Eifel 1924, 170; Urquell 1, 17; ZfrwVk. 5, 
120. 244; 15, 104; Strackerjan i, 27; Danneil 
Wb. d. altmärk. plattdtsch. Mundart 127; Finder 
Vierlande 2, 97; Wossidlo Mecklenburg 2, 
135 (mit Zusätzen . . . nach dem Totenberg u. 
ähnl.); (slawisch?) Volkskunde 5, 97 - Vß 1 * 
tschech. pod, poid = komm komm: Groh- 
mann 67 — Stern Türkei 1, 425; Als Name: 
Meyer Volksk. 267. 47 ) Sloet de dieren 190 f. 
48 ) Heßler Hessen 2, 72; Becker Pfälzer 
Volkskd. 1925, 235. 4# ) Schweizld. 3, 601. 

50 ) Georg Buschan Sitten d. Völker 4 (1922), 
446. 51 ) (Glatzer) Guda Obend (Kalender) 10, 
94. M ) ZfrwVk. 15, 104. * 3 ) (Geh weg): Stoll 

Zauberglaube 132. 133. Ma )Seifart Hildesheim 
2, 33f. iöi. Mb ) Ebd. 2, 161, nach ZfdMyth. 

1, 240. 64 ) Reichhardt Geburt, Hochzeit u. 

Tod 121; Meyer Baden 578; Alemannia 4, 272; 
Höhn Tod 307; vgl. Nachw. 44. Als Name 
Meyer Volksk. 267; Reichhardt 121. 65 ) (Ber- 
gisch) Urquell 1, 17; ZfrwVk. 5, 244; 15, 104; 
Wolf Dtsch. Märchen und Sagen 600 Nr. 220. 
58 ) Guda Obend 10, 94; 11, 96. C7 ) Urquell 5, 32 
(Pommern). 68 ) Wossidlo Mecklenburg 2, 136. 
6# ) Sutermeister KHM. 202. t0 ) Rochholz 
Glaube 1, 155; Karasek-Langer u. Strzy- 
gowski Sagen der Beskidendeutschen 1930, 104, 
vgl. Nachw. 33. 81 ) Vonbun Beitrag 110. 

81 ) Diener Hunsrück 180; ZfVk. 1, 460; ZfrwVk. 
15, 104. 83 ) Wossidlo Mecklenburg 1, 323; 

2, 135 f- (grugen auch in bezug auf Kälte: 

ebd. 136); oder: Kumm mit! ruft das Weibchen, 
mi grugt: das Männchen; Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 124 f. Wa ) (Ochsenfurter) Gau ZfdMA. 13 
(1918), 123. M ) Knoop Tierwelt 7 Nr. 49. tt )Fox 
Saarland 370. 68 ) MschlesVk. H. 9, 9. Vgl. 

Wossidlo Mecklenburg 2, 44. 88a ) Heimatblätter 
d. Kreises Wohlau 9 (1930), 63. * 7 ) Leoprech¬ 
ting Lechrain 89. 

c) Todbedeutend. Der Ruf des 
Käuzchens 68 ) auf oder beim Hause 69 )» 


V 


1193 


Kauz 


1194 


besonders am Fenster des Krankenzim¬ 
mers 70 ), — der Steinkauz soll einen beson- 
dem Drang dazu haben, dem Licht zuzu¬ 
fliegen 71 ), — gilt als Vorzeichen für den 
Tod eines Hausbewohners. Es sitzt nachts 
im Weinlaub, wenn der Tod um dein oder 
deines Freundes Haus geht 72 ). Zuweilen 
wird das spezialisiert: wenn K. u. Wiggli 
auf dem gleichen Baum schreien 73 ). Oder 
es gilt, wenn sie nach zehn abends schreit 
74 ) — dem, der den Ruf hörte 75 ) —; es 
muß im Laufe eines Jahres eins sterben 76 ), 
es kann auch einem Haustier den Tod 
vor bedeuten 77 ). Weil es bei Nacht uner¬ 
wartet junge Tiere anfällt, gleich wie der 
Tod unerwartet kommt, soll es — nach 
Agrippa von Nettesheim — den Tod an¬ 
kündigen 78 ). In Georgia (Nordamerika) 
drehen Weiße wie Neger die Hosentaschen 
um, legen ihre Schuhe auf den Boden, um 
das Unglück abzuhalten 79 ). Der Unter¬ 
weltsvogel 80 ) wird vom Teufel zum 
Schreien bewegt (dort, wo ein Toter liegt) 
81 ), ist der Teufel 82 ), eine Hexe (Wald¬ 
dämon) 83 ), der Tod selber 84 ), eine arme 
Seele 86 ). In der Bretagne werden die 
alten Jungfern nach dem Tode K.e 86 ). 
In der Schweiz (Zürich) holt der K. den 
Toten 87 ). Ein K. setzt sich dem Glöckner 
auf die Hand und zwingt ihn zum Läuten, 
während ein Dorfbewohner stirbt 88 ). In 
Schwaben schreit es einen Menschen 
heraus oder herein, d. h. zeigt Tod oder 
Geburt an 89 ). In Grünberg (Schles.) 
deutet sein Schrei den Tod, sein lachender 
Ruf eine Geburt an 90 ). Ähnlich verkündet 
es bei den Wenden einer Schwangeren 
glückliche Niederkunft 91 ), bei den Alba¬ 
nesen die Geburt eines Mädchens 92 ). 

Uber die Möglichkeiten, das Vorzeichen 
zu verhindern, sagen die Neugriechen: 
den K.töteh, führe den eignen Tod herbei; 
man müsse ihn verjagen, mit guten Namen 

loben, oder ihm fluchen 92a ). 

M ) Grimm DWb. 5, 370; Heckscher 350 f.; 
dazu Wuttke 202 § 274 = Stern Türkei 1, 
425; Naumann Grundzüge 73; Hopf Tier¬ 
orakel 106; (Englisch) Urquell 4, 277; Thomas 
Deloney Tage des alten England 1928, 196; 
Shakespeare Sommemachtstraum V, 1 = 

Stemplinger Abergl. 47= BayrHefte 1, 246h; 
(Geldern) Sloet de dieren 191; Stracker¬ 
jan 1, 27; Bartsch Mecklenburg 2, 124 f.; 
Pommern: Festschrift H. Lemcke 1898, 228; 


BIPommVk. 5, 45; Lauffer Niederdtsch. 

Volkskd. 1923, 87; Strodtmann Idioticon 

Osnabrugensc 1756, 126; Kuhn u. Schwartz 
452 Nr. 393; Finder Vierlande 2, 97, mit 
weitern Nachweisen; Wrede Rhein. Volkskd. 
121; Ders. Eifel 170; Fox Saarland 1927, 370; 
Henßen Neue Sagen aus Berg u. Mark 1927, 
120; ZfrwVk. 5, 120. 244; 10, 62; Heßler 
Hessen 2, 176. 361. 385. 452. 480. 515. 534; 
Hess. Bl. 27, 204; (Nord-Thüringen) ZfVk. 10, 
211; 13, 389; 19, 440; (Ochsenfurter Gau) 

ZfdMA. 13 (1922), 123; Schramek Böhmer¬ 
wald 244; John Westböhmen 164; Köhler Voigt¬ 
land 388; Wuttke Sachs. Volksk. 300; Laube 
Tepiitz 50 f.; (Iglauer Sprachinsel) ZfVk. 6, 407; 
E. Lehmann Vom Kronwald u. vom Krotten¬ 
pfuhl 1921, 38; Deutsch-mährisch-schlesische 
Heimat 15 (1929), 196; Schrei der Eulen in 
Paarungszeit: Das Kuhländchen 4(1922), 198; 
Karasek-Langer u. Strzygowski Sagen d. 
Beskidendeutschen 1930, 104; Klapper Schlesien 
300; Heimatkalender f. d. Krs. Oppeln 1927, 
118; MschlesVk. H. 3, 20; 9, 9; Peuckert 
Schles. Volksk. 229; Heimatblätter des Kreises 
Wohlau 9 (1930), 63; (Oberlaus. Wenden) 
Rob. Pohl Heimatbuch d. Kreises Rothenburg 
O.L. 1924, 63; (Posen) MschlesVk. 14, 76; 
Walther Schwäbische Volksk. 124; (Heidelberg) 
Alemannia 33, 301; 4, 271 f.; Höhn Tod 307; 

I Roedder Das südwestdeutsche Reichsdorf 1928, 
397; Pollinger Landshut 165; Leoprechting 
Lechrain 89; Schweizld. 3, 601; SAVk. 2, 217; 
2 °. 55 F; Niderberger Unterwalden 3, 191; 
Rochholz Glaube 1, 155 = Hopf Tierorakel 
106 = MittAnthropGesWien 6, 35 f. 36 N. 1 
= Stern Türkei 1, 425; Zingerle Tirol 45; 
ZföVk. 13, 133; (Steiermark) Germania 36, 384; 
Bacher Lusern 75; Tessin: SAVk. 2, 30; 
französisch: Sebillot Folk-Lore 3, 193; bre- 
tonisch: Beitr. rom. engl. Philologie, Breslau 
1902, 79. ••) Heckscher 350; OdZfVk. 1, 101; 
Reichhardt Geburt, Hochzeit u. Tod 1913, 
121; Fischer Schwab. Wb. 4, 298; ZfdMyth. 4, 
47 Nr. 7; Alemannia 4, 271 f.; 19, 164 Nr. 16; 
24, 155; Höhn Tod 307; Sutermeister KHM. 
202; Fient Praetigau 248; Manz Sargans 
118 f. 122; SAVk. 2, 218; 7, 139; 12, 150; 
23, 187; 24, 63; Friedli Bärndütsch 1, 596; 
Stoll Zauberglaube 132; Stäuber Zürich 1, 
29; Zingerle Tirol 46 Nr. 401; Ders. Lu- 
sernisches Wb. 1869, 78 Nr. 28; (Nieder¬ 

österreich) ZfdMyth. 4, 30 Nr. 16; ZföVk. 4, 
151; Mailly Sagen aus Friaul 16; Meisinger 
Volkskd. v. Rappenau 1906, 49- 54 » Spieß 
Fränkisch-Henneberg 153; Kehrein 2, 269 

Nr. 248; Conrad Tegtmeier Sitten u. Ge¬ 
bräuche d. Kalenberger Landes 1925, 34; John 
Erzgebirge 113; (Friedland: Nordböhmen) Ur¬ 
quell 4, 280; Huß Aberglauben 8; MschlesVk. 
H. 3, 20; 9, 9: Drechsler 1, 285; Aus der 
Heimat, Beilage z. Grünberger Wochenblatt 
14. 4. 1929; Heimatblätter d. Kreises Wohlau 4 
(1925), 51; Engelien und Lahn 250; AmUrds- 
brunnen 6, 192= Finder Vierlande 2, 97 Nr. 4; 
Erich Bohn Tampadel u. seine Scholtisei 1925,66; 


H95 


Kauz 


1196 


Knoop Tierwelt 6 Nr. 46ff.; BiPommVk. 3, 106; 
Curtze Waldeck 382 Nr. 67; Josef Winckler 
Pumpernickel 1926, 478; (Dithmarschen) Ur¬ 
quell i, 7; Strackerjan 1, 27; Andree Braun¬ 
schweig 314; Engelien u. Lahn25o; Danneil 
Wb. d. altmär kisch-platt dtsch. Mundart 1859, 127; 
ZfVk. 22, 162; Hovorka-Kronfeld 1, 120; 
(Tschech.) Grohmann 67; (Albanien) v. Hahn 
Albanes. Studien 1854, 158; Gust. Weigand 
DicAromunen 2 (1894), 124; (neugriech.) ARw. 
24, 282. Wenn die Wiggle in Nähe des Hauses 
kommen, Emmenthal: SAVk. 15, 11. Wenn sich 
ein K. aufs Dach setzt, Todesfall im Jahr oder 
großes Unglück: Albert Meyrac Traditions, 
coutumes ... des Ardenncs 1890, 186 Nr. 202. 
70 ) Meyer Baden 578; Alemannia 4, 272; 
SAVk. 10, 279; Pollinger Landshut 295; 

Lammert 99; Heßler Hessen 2, 72. 106 

(fränk. Niederhessen); John Erzgebirge 113; 
Drechsler 1, 285; Peuckert Sckles. Volkskd. 
229; Oppelner Heimatblatt 1925 Nr. 13; Jb. 
dtsch. Gebirgsvereins f. d. Jeschken- u. Iser- 
gebirge 11, 53; Glatzer Heimatblätter 5, 84; 
(Glatzer) Guda-Obend (Kalender) 10, 94; 11, 96; 
Karasek-Langer u. Strzygowski Sagen 
der Beskidendeutschen 1930, 58; Knoop Tier¬ 
welt 6 Nr. 46 f.; ZfrwVk. 5, 120; 15, 104; 
Becker Pfälzer Volkskd. 235; Clara Viebig 
Weiberdorf 188; Strackerjan 1, 27; Wolf 
Dtsch. Märchen u. Sagen 600 Nr. 220; (engl.) 
Germania, Neues Jahrb. f. dtsch. Sprache 7, 436; 
französ.: SAVk. 14, 292; Sebillot Folk-Lore 
3, 196. 71 ) Keller Antike Tierwelt 2, 42; 

Sloet de dieren 191; Andree Braunschweig 314; 
Lammert 99; Francisci Höllischer Proteus 
1725, 268 f.; Oppelner Heimatblatt 1925 Nr. 13. 
n ) Mündlich aus Gläsen, Krs. Leobschütz; 
Erscheinen beim Hause: Vernalekcn Mythen 
310 f. 73 ) SchwVk. 10, 32. 74 ) Stern Türkei 

1, 425. 75 ) Stoll Zauberglaube 132. 133; Roch- 
holz Glaube 1, 155. 76 ) Herrn. Janosch 

Unsere Hultschiner Heimat (1924), 79. 77 ) Stoll 
Zauberglaube 132; vgl. Wehklage. 78 ) Agrippa 
v. Nettesheim 1, 249. 79 ) Zentralbl. f. Okkul¬ 
tismus 7, 443. 80 ) Gubernatis Tiere 326; 

Keller Ant. Tierwelt 2, 37. 42; Globus 79, 360. 
8l ) Francisci Höll. Proteus 1725, 256t. 82 ) (Ober- 
Steiermark) ZfVk. 1, 215 f. 83 ) Stintzi Die 
Sagen des Elsasses 2 (1929), 46. 84 ) Stoll 

Zauberglauben 132. Ein K. sitzt nach neugriech. 
Glauben auf dem Mastbaum des Totenschiffers 
Charos: ARw. 24, 293. 85 )Ebd.; Sebillot Folk- 
Lore 3, 167. 88 )Beitr. roman. u. engl. Philologie, 
dem 10. deutsch. Neuphilologentage überreicht 
Breslau 1902, 62. 87 ) Stäuber Zürich 1, 29. 

M ) Karasek-Langer u. Strzygowski Sagen 
d. Beskidendeutschen 1930, 59. M ) Höhn Tod 
308. 307. Vgl. dazu die Eule als Kinderbringer 
Wossidlo Mecklenburg 2, 406 Nr. 1247. 
*°) Aus d. Heimat, Beilage z. Grünberger 
Wochenbl. 14. 4. 1929. 91 ) Hopf Tierorakel 

106, nach Haupt-Schmaler Volkslieder d. 
Wenden 2, 258. 260. 9a ) v. Hahn Albanes. 

Studien 1854, 158. 92Ä ) ARw. 24, 283. 

2. Sagen. In Oberlindewiese (österreich.- 


Schlesien) erscheint abends eine wunder¬ 
schöne, singende weiße Frau, von Toten¬ 
eulen verfolgt 93 ). Am Lechrain zeigt sich 
das Holzweibel als K. 94 ), wie anderorts 
der Schlagenteufel 95 ). 

93 ) Kühnau Sagen 1, 519. 94 ) Leoprechting 
Lechrain 82. ö5 ) Heckscher 101. 

3. Angang. Vorbedeutung (s. 1). 

Der Angang des K.s ist unheilvoll 96 ), nur 

selten glückbringend 96 ). Erscheint eine 
Nachteule bei Tage an den Häusern, bricht 
bald Feuer aus 97 ). Der Neugrieche beach¬ 
tet, ob sie paar oder unpaar schreien; 
paar: schlechtes, unpaar: gutes Vor¬ 
zeichen 97a ). 

M ) Keller Antike Tierwelt 2, 40 ff.; Klapper 
Deutsches Volkstum am Ausgang d. Mittelalters 
2 5 : Hopf Tierorakel 105; Schramek 
Böhmerwald 244; Söbillot Folk-Lore 3, 456. 
9? ) MschlesVk. 19, 83. 97a ) ARw. 24, 283. 

4. Wetter. 

Wenn der K. zeitig erscheint, oft schrill 
schreit, gab es nach Ansicht der Alten 
schlecht Wetter, während man schönes 
erhoffte, wenn er die ganze Nacht sang 9g ). 
Der als K. umwandelnde Schlagen teufe] 
ist ein Wetterprophet; wenn es recht 
böses Wetter werden will, schreit er am 
schrillsten; bei schönem Wetter singt er 
anmutiger und leiser "). Verläßt der K. 
seinen Ort im Walde, zeigt das Unfrucht¬ 
barkeit und Hungersnot an 10 °). 

98 ) Hopf Tierorakel 104; Keller Ant. Tier¬ 
welt 2, 40; Heckscher 101; vgl. dazu Sebillot 
Folk-Lore 3, 201. 212. ") Heckscher 101. 

10 °) Hopf 104 f. 

5. Zauberglaube und Medizin. 

Ein Fieberkranker wird geheilt, wenn er 

Mitternachts in den Wald geht und den K. 
rufen hört 101 ). Sein Herz auf der Brust 
getragen, verschafft ewiges Leben 102 ); 
Herz und rechten Fuß unter der Achsel 
getragen, macht, daß einen kein Hund 
anbellt 103 ), beißt 104 ). Den rechten Fuß 105 ), 
oder Herz und rechten Fuß 106 ) auf einen 
Schlafenden gelegt, macht, daß dieser 
alles sagt, was man wissen will. Die Füße 
mit Wegerich gebrannt, sind gut gegen 
Schlangen 107 ). Kinder, die die Eier als 
Amulett tragen, werden für alle Zeit ab¬ 
stinent 108 ). Blut und Fleisch dienten 
wider enge Brust und schweren Atem 109 ), 
das Fleisch auch gegen Gicht, Melancholie 
und eröffnet die Halsgeschwüre; die Galle 


II97 Kegel, Kegelspiel II98 

taugt zu den Augenflecken, das Fett 
schärft die Augen no ). 

101 ) (Tschechisch) Grohmann 166 = Ho¬ 
vorka-Kronfeld 2, 337 = Wuttke 354 § 530. 
iw) Wanderer aus dem Riesengebirge 172, 23. 

108 ) Viktor Lommer Volksthüml. aus d. Saal¬ 
thal 1878, 50. 104 ) Wuttke 124 § 165. 105 ) Ebd. 

W8 ) Lommer Saalthal 50, nach Albertus 
Magnus; vgl. Gubernatis Tiere 530; Wuttke 
124. 107 ) Lonicer Kreuterbuch 1577, CCCXXVI 
A. 108 ) Schwenckfeld in MschlesVk. 29, 294. 

109 ) Lonicer CCCXXVI A. n0 ) Schröder 
Medizin-chymische Apotheke 1685, 1349. 

6. Eine kleine, aus einem gespaltenen 
Haselzweig hergestellte Holzpfeife, mit 
der sich ein der Stimme des K. ähnlicher 
Klang erzeugen läßt, heißt Käuzel 111 ). 

m ) Ochsenfurter Gau: ZfdMA. 13 (1918), 122. 

Peuckert. 

Kegel, Kegelspiel (vgl. Keil, Keule). 

1. Kegelspiel als Brauch. Das 
K. ist ein allgemein bekanntes und über¬ 
aus beliebtes Vergnügen J ), das ins¬ 
besondere auf dem Lande vom Frühling 
bis in den Herbst hinein betrieben wird j n England kannte man Kegel aus 
und in der Form wochenlang dauernder Knochen 13 ); in der Sage schieben Kopf- 
Preisschieben *) den Höhepunkt der all- lose Kegel 14 ), Bauern, die im Leben 
gemeinen Anteilnahme erreicht; teilweise dem Kegeln sehr ergeben waren, k.n als 
ist Pfingsten ein besonders bevorzugter Tote mit ihren eigenen Köpfen 15 ), Tote 
Festkegeltermin 3 ), dabei bedeutsam die besonders in verzauberten Kirchen 15 ), 
Pfingstnacht (z. B. in der friesischen mit Totengebein überhaupt 16 ); es taucht 
Wede), wo schließlich mit dem Besen der Totenkopf als Kegel auf 17 ); Berg- 
nach den Kegeln geworfen wird 4 ). Die knappen schieben mit dem Kopfe des 
Zahl der Kegel ist drei 5 ) oder neun 6 ). Kegelbuben lg ) oder ermorden zu diesem 
Von einem eigenartigen Schieben mit Zwecke einen Knaben 19 ) und ähnliches 
roter Kugel nach fünf Kegeln berichtet öfter *°); insbesondere schiebt auf Kreuz- 

Köhler 7 ). wegen in mondhellen Nächten der Teufel 

Das Kegeln war schon im 13. und 14. mit Menschenschädeln *>). Neben Toten- 
Jh. in Deutschland in Übung 8 ). Die köpfen als Kugeln kennt die Sage ge- 
Geistlichkeit nahm gegen das Kegelspiel bleichte Schenkel als Kegel 2 *). Auch 
Stellung (14. Jh.), doch errang es sich wird eine glühende Kegelkugel in der 
vom 16. Jh. an langsam Anerkennung 9 ). Hand eines menschlichen Spielers um 
Jedenfalls ist es oft von der Obrigkeit T Uhr nachts zum Totenkopf* 3 ). 
untersagt 10 ), in bestimmten Fällen nur j n diesem Zusammenhänge fällt der 
gegen besondere Erlaubnis gestattet für 1692 belegte Brauch ins Auge, auf 

worden u ). dem Kirchhof Kegel zu schieben, wo- 

Aus seiner großen Beliebtheit während gegen ein ausdrückliches Verbot ergangen 
langer Jahrhunderte und seiner Be- war* 4 ). Übrigens ist eine Beziehung 
kämpfung allein ist schon ein Schluß auf zw i sc hen Kegel und Menschenkörper auch 
die besondere Rolle dieses Spieles in dadurch gegeben, daß man am K. Kopf, 

Volksbrauch und Volksmeinung erlaubt. Hals, Bauch und Fuß unterscheidet, 
‘) Kück u. Sohnrey 137 = Sartori Sitte womit wir im R eine Form de r (Holz-) 

mert 5 9 (Bayern); Wrede Rhein. Volksk. vor uns haben 25 ). Hierzu ist 

162; Wrede Eifier Volksk. 145; Grimm DWb noch die Entwicklung des Götzenbildes 


5 * 3 ^ 5 - *) So im Salzburgischen noch heute, 

und zwar um Geld; um landwirtschaftl. Geräte 
Kap ff Festgebräuche 20; um Hammel bei 
Köpenick Sartori 3, 212 (nach Kuhn und 
Schwartz 368). 3 ) Strackerjan 2, 237 

Nr. 499; Sartori 3, 212. 4 ) Strackerjan 2, 

80 = Sartori 3, 212. B ) In der Südeifel: 
Wrede Eifler Volksk. 199. fl ) In der Nordeifel: 
ebd. 199. 7 ) Voigtland 202. 8 ) Sepp Religion 

159; A. Schultz Höf. Leben 1, 540 zitiert 
Laßbergs Liedersaal 2, 215. 2386.; s. a. 

Lex er Mhd. Wb. und DWb. s. v. Kegel. 
9 ) Rothe Das Kegelspiel, kulturhistorische Studien 
usw. (Halle 1879) S. 7. 10 ) Sepp Religion 159. 
u ) Schultz Leben 175. 

2. Zur Herkunft des Kegels. 
Bezeichnend erscheint die Beziehung zwi¬ 
schen Kegel(knochen) und Kugel(holz). 
Bei Grimm 12 ) finden wir einen Beleg 
für Kegel als ,,quoddam os in pede 
thibie et sure cum quo luditur“; im 
Märchen gibt es Kegel aus Menschen¬ 
knochen und Kugeln aus Totenköpfen 12 ); 
um Leipzig wurden seinerzeit Kegelspiele 
aus Pferdefußknochen hergestellt 12 ); auch 




H99 


Kegel, Kegelspiel 


1200 


zu halten, dessen ursprüngliche Gestalt 
die Klotz- oder Kegelform war 26 ). Eichen¬ 
klötze hatte man auch im mittelalter¬ 
lichen Frankreich als Götzenbilder 27 ). 

12 ) DWb. 5, 383^. = Rothe Kegelspiel 
129 ff.; vgl. Sepp Religion 157. 13 ) Rothe 

Kegelspiel 129 f. 14 ) Vernaleken Mythen 54. 
lß ) Schell Berg. Sagen 92 Nr. 18; 93 Nr. 23 = 
Knortz Der menschliche Körper 20; vgl. Sepp 
Religion 158. 16 ) Herzog Schweizer sagen 2, 
203 f. 17 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 148. 

1S ) ZföVk. 20, 35 (Niederöst.). 19 ) ZfVk. 

i, 217. 20 ) Heyl Tirol 164, Nr. 70; vgl. Se- 

billot Folk-Lore 1, 73. 238. 21 ) Mündlich 

(Marburg a. d. D.). 22 ) Zingerle Sagen Nr. 369. 
M ) Birlinger Volksthüml. 1, 245. 24 ) Bir- 

linger Schwaben 2, 508 Nr. 55; vgl. Heck¬ 
scher 411 Anm. 33. 26 ) Sanders DWb. 1, 884; 
vgl. Rothe Kegelspiel 129 f. Vgl. die Artikel 
Götze, Puppe. 2# ) WS. 1, 45 (,,Holz u. Mensch"). 
Vgl. Pritz Überbleibsel aus dem hohen Altertum 
75. 27 ) Vgl. Pritz a. a. O. 

3. Kegel und Götzenbild. Die 
besondere Stellung des Spieles mit Kegeln 
bekommt klarere Umrisse, wenn wir alte 
Überlieferung heranziehen. Da ist vor 
allem jene vielbehandelte Nachricht zu 
beachten, nach der alljährlich um Lätare 
auf dem kleinen Hildesheimer Domhofe 
zwei längere Hölzer aufgestellt und ihnen 
zwei kleinere kegelförmig zugespitzte auf¬ 
gesetzt wurden, die dann junge Leute 
mit Steinen und Stöcken hinabwarfen 28 ). 
Solch ein Klotz hat später den Namen 
Jupiter geführt, er war bekleidet und 
wurde gesteinigt 29 ); engst verwandt mit 
diesem Brauche ist der zu Halberstadt, 
wo jährlich auf dem Markte einem Klotze 
der Kopf abgeworfen wurde ®°). In 
Halberstadt warfen die Domherren im 
16. Jh. über dem Kirchengewölbe nach 
Götzenbildern mit Kegeln 31 ). 

Hinter dieser alten Sitte vermutete 
man eine symbolische Darstellung des 
Sturzes der heidnischen Götter über¬ 
haupt 32 ), insbesondere aber eine Nach¬ 
ahmung von Donars Kegel spiel M ) oder 
eine Fortführung des alten, bei Götter¬ 
festen geübten Steinstoßwettspieles M ). 

Eine Entscheidung in diesem Punkte 
wird freilich nicht leicht zu treffen sein. 
Beachten wir aber die Zeit um Lätare 
als Frühlingstermin, und berücksichtigen 
wir dazu andere für den Winterabschied 
symbolische Handlungen 3S ) t so mag es 


keineswegs weit fehlgehen, wenn wir 
jene Kegel als Wintersinnbilder auf¬ 
fassen 36 ), Winter, Donar oder Jupiter, 
alle drei sind finster-dämonischer Natur, 
die beiden letzteren vom christlichen 
Standpunkte im besonderen, und könnten 
zur Frühlingszeit wohl in Gestalt primi¬ 
tiver Holzpuppen zum Gegenstände der 
Verhöhnung geworden sein. 

28 ) Grimm Mythol. 1, 158; Simrock Mythol. 
252; ZfdMyth. 2, 134. 29 ) Grimm Mythol. 1. 

158; Simrock Mythol. 251. 269; vgl. Albers 
Jahr 130 f. 30 ) Grimm Mythol. 2, 653. 3l ) 

Vgl. Sepp Religion 156. 32 ) Simrock Mythol. 
252; ZfdMyth. 2, 134. M ) Meyer Germ. Mythol. 
217. 34 ) ZföVk. 20, 36; Grimm DWb. 5, 386. 
35 ) Grimm Mythol. 1, 159; Reinsberg Fest¬ 
jahr 103 ff. 36 ) Albers Jahr 132 f. 

4. Kegel, Kegelspiel und Ge¬ 
witter. Eine Beziehung zum Dämo¬ 
nischen ergibt sich nach der älteren 
mythologischen Forschung auf der Linie 
K.spiel—Gewitter 37 ), und zwar zu Donar. 

In ältester Zeit erscheint der Blitz 
lediglich als Stein, und mythische Wesen 
haben neben der Keule auch bloß Steine 
zu Waffen 38 ); Keule, Keil und Kegel 
aber sind verwandt 39 ); Steinkugel und 
Steinkegel sind Riesenspielzeug 40 ), Teufel 
und Ritter werfen mit Steinen um die 
Seele 41 ), Felsblöcke sind Kugeln der 
Riesen 42 ). Der Donnerstein oder Donner¬ 
keil (Nephritbeil) unter dem Hausdach 
ist ein Schutzmittel 43 ), und die Be¬ 
zeichnung Donnerkugel für Stechapfel 44 ), 
mag sie nun auf Donar oder Donner 
zurückführen, vermittelt doch auch deut¬ 
lich das Bild. Ein althd. Segenspruch 
bringt den Riesen Donner als Teufels¬ 
sohn, der einen Stein in Stücke zu schlagen 
vermag 45 ), und Donars Nachfolger, St. 
Michael, wird auf skandinavischen Runen¬ 
steinen mit dem Donnerkeil dargestellt 46 ). 
Thor schleudert während des Gewitters 
feurige Kugeln über die Himmelsbahn, 
er wird von St. Peter abgelöst 47 ). Ge¬ 
witter erregende Gestalten werfen Fels¬ 
kegel 48 ); wirft Bruder Blitz mit der 
Kugel, so geht sie über das Ziel tief in 
einen Felsen hinein 49 ). 

So sieht man denn im Gewitter ein 
Stein- oder Kugelschleudem oder Kegel¬ 
spiel übermenschlicher Kräfte. Der 


1201 


Kegel, Kegelspiel 


1202 


Donnerkeil heißt auch Teufelskegel, womit 
vielleicht der Blitz als ein vom himm¬ 
lischen Kegeln heruntergefallener oder 
geworfener Kegel, keilförmiger Stein, auf¬ 
gefaßt erscheint 50 ). Entsprechend stellt 
man sich den Donner als Lärm einer 
rollenden Kugel vor 51 ). Das Donnern 
wird mit größter Vorliebe ausgelegt als 
Kegeln des Gewittergottes 52 ), des ,,lieben 
Gottes“ oder Heilands 53 ), des Petrus 54 ), 
der Engel 65 ), der Heiligen im Himmel 56 ) 
oder schlankweg „im Himmel“ 57 ); bei 
starkem Donnerschlag sind oben alle 
neune gefallen 58 ); schlägt es ein, so hat 
Petrus alle neune geschoben 59 ). Gott 
oder die Engel werfen aber auch im Ge¬ 
witter mit großen Steinen w ). Die „lange 
Kegelbahn“, die die Sage kennt, spricht 
wohl deutlich genug für den angedeuteten 
Zusammenhang. So gibt es eine Riesen¬ 
kegelbahn über das Tal hin 61 ), eine Kegel¬ 
bahn, die eine Stunde lang ist und auf der 
die Kugel selbst wieder zurückkommt 62 ). 
Damit erscheint den ältern Forschern die 
Verbindung zwischen Gewitter und Kegeln 
oder Steinwerfen klar gegeben. 

37 ) Vgl. die Literatur bei Birlinger Volks¬ 
thüml. 1, ior. M ) Meyer Germ. Mythol. 92. 
3Ä ) Grimm DWb. 5, 383 ff. 4 °) Heyl Tirol 
601 f. Nr. 66. 41 ) Kühnau Sagen 2, 702. 

42 ) Bertsch Weltanschauung 223. 43 ) Möllen¬ 
hoff Sagen 358 Nr. 480; Meyer Mythol. der 
Germanen 357. 44 ) Hörmann Volksleben 128. 

45 ) Meyer Mythol. d. Germanen 228. 48 ) Ebd. 

359. 47 ) Sepp Religion 156. 48 ) Rochholz 

Sagen 2, 42. 49 ) Vgl. ebd. 2, 42; Sepp Re¬ 

ligion 160. M ) Grimm DWb. 5, 392; Bertsch 
Weltanschauung 245. 81 ) Vgl. Bertsch Welt¬ 
anschauung 218. 82 ) ZfdMyth. 2, 311. 

53 ) Grimm Mythol. 3, 627; Strackerjan 
2, 237 Nr. 499; ZföVk. 3, 45 (Steierm.); 
Bertsch Weltansch. 219. M ) Simrock Mythol. 
270; Grimm DWb. 5, 392; Meier Schwaben 
259; Haltrich-Wolff Siebenbürgen 301; Roch¬ 
holz Sagen 2, 42, John Westböhmen 240; vgl. 
Bertsch Weltansch. 219; Meyer Germ. Mythol. 
217. 6Ö ) Grimm DWb. 5, 392; Meier Schwaben 
259; Grimm Mythol . 3, 62 f.; Müllenhoff 
Sagen 358 Nr. 480; Hör mann Volksleben 122 = 
Geramb Sitte u. Brauch 66; vgl. Bertsch 
Weltansch. 219 (Aargau, Mark, Rheingegend). 
3< ) ZföVk. n, 194 (Böhmen). 57 ) ZföVk. 20, 36 
(Niederöst.). 58 ) Wolf Beiträge 2, 120. 69 ) 

John Westböhmen 240. 60 ) Müllenhoff Sagen 
358 Nr. 480. 6I ) Wolf Sagen 47. •*) Wolf 

Beiträge 2, 120. 

5. Das goldene (glühende, glän¬ 
zende) Kegelspiel. Sehr häufig trifft 


man vor allem ein goldenes Kegelspiel 
oder goldene Kegel in der Sage. Damit 
wird die bereits aufgezeigte Verbindung 
zum Gewitter noch deutlicher. 

Im Gewitter tritt die Jungfrau Maria 
mit einem goldenen Kegelspiel auf, dessen 
Kegel oder Kugel unter Umständen einen 
Menschen totschlagen 63 ) (vgl. den vom 
Himmel fallenden Donnerkeil). Die 
Brüder Donner, Blitz und Wetter schieben 
auf einer goldenen Kegelbahn 64 ), beim 
Gewitter fährt ein Feuerball hernieder 
und vernichtet die Riesen samt ihrem 
goldenen Kegelspiel 65 ). Thor schleudert 
im Gewitter feurige Kugeln über die 
Himmelsbahn 66 ). Der flammende Blitz 
(Kugelblitz!) wird in der primitiven 
Auffassung zur goldglitzemden Kugel. 

Übrigens treffen wir in der Sage auch 
Kugeln und Kegel aus glühendem Eisen 67 ). 

Diese klare und anschauliche Beziehung 
zum Gewitter ist nun freilich meistens 
nicht mehr aufrecht erhalten, wenn wir 
die unzähligen goldenen Kegel, Kugeln 
und Kegelspiele betrachten 68 ), die ver¬ 
schiedenen Besitzern oder Spielern zu¬ 
gesprochen werden; so z. B. den Riesen 69 ), 
Fenesweiblein 70 ), Saligen 71 ). 

Zum goldenen Kegelspiel gibt es eine 
große Zahl von Varianten; auch bloß 
eine goldene Bahn wird erwähnt 72 ), 
ein goldenes Spiel auf silberner Bahn 73 ), 
goldene Kegel mit Silberkugel 74 ), eine 
goldene Kugel mit Silberkegeln 75 ), ein 
silbernes Kegelspiel 76 ) oder rundweg 
nur silberne Kegel rr ), ein Mittelkegel 
von Gold, die anderen von Silber 78 ). 
Gelegentlich erscheint nur eine goldene 
Kugel 79 ) oder es wird eine aus anderem 
Material gefertigte Kugel in der Hand 
des Menschen golden ®°). 

w ) ZdVfVk. 7, 7 f. (Tirol); vgl. Bertsch 
Weltansch. 219. 64 ) ZdVfVk. 7, 6; Meier 
Schwaben Nr. 6. 46 ) Kühnau Sagen 2, 512. 

M ) Sepp Religion 156. ® 7 ) Schönwerth 

Oberpfalz 3, 141. 68 ) Pröhle Unter harz 11 

Nr. 33; Alpenburg Tirol 329; Vernaleken 
Alpensagen 143 t.; Kuhn Westfalen 1, 237; 
Rochholz Naturmythen XII f.; Lütolf Sagen 
45 f. 5 <> 7 f-; Eisei Voigtland 20 Nr. 33; Frei¬ 
sauf f Salzburg 92. 569; Estermann Ricken¬ 
bach 175 f.; Bechstein Thüringen 2, 232; 
Sepp Sagen 50 ff. Nr. 80; Waibel-Flamm 
1 113; Zingerle Sagen Nr. 144. Nr. 168. 



1203 


Kegel, Kegelspiel 


1204 


Nr. 367; Birlinger Volksthüml. 1, 101. 246; 
Kuoni St.Galler Sagen 39; Lachmann Über¬ 
lingen 60. 107. 168; Kühnau Sagen 2, 512; 
Oberholzer Thurgau 4; Herzog Schweizer¬ 
sagen i, 249; 1, 128 f.; Jecklin Volkstüm¬ 
liches 181L; Kunze Suhlet Sagen 39; vgl. 
noch Wolf Beiträge 2, n8f.; Simrock Mytho¬ 
logie 195; Sepp Religion 159 f.; Meyer German. 
Mythol. 91. 119; ältere Literatur siehe Menzel 
Odin-, Roch holz Sagen 1, 129 h.; vgl. ZdVfVk. 7, 
6; Bertsch Weltansch. 218 f. u. ö. ••) Heyl 
Tirol 504 Nr. 69 f.; Zingerle Sagen Nr. 367; 
Alpenburg Tirol 329 f. 70 ) Peter österr. 
Schlesien 2, 8. 71 ) Heyl Tirol 409 Nr. 95. 

7> ) Kühnau Sagen i f 230. 73 ) Gräber Kärnten 
139; Rappold Sagen aus Kärnten 30 Nr. 25. 
74 ) Gräber Kärnten 102. 74 ) Zingerle Sagen 
Nr. 268; Birlinger Volksthüml. 1, 7; Wolf 
Beiträge 2, 119; Laistner Nebelsagen 138; 
ZfÖVk. 20, 35 (Niederöst.). 7 ®) Umlauft 
Geograph.-Statist. Handbuch d. österr.-ungar. 
Monarchie 96 (Gasteiner Berge); Wolf Bei¬ 
träge 2, 119; Panzer Beiträge 1, 197. 77 ) 

Baader Volkssagen 89. 78 ) Sepp Religion 158. 
79 ) Baader NSagen 112. ®°) Grimm Mythol. 
2. 796; Baader Sagen 1. 

6 . Kegelspiel und Berg. Hat es 
am Himmel ein Gewitter und donnert 
es mächtig, so kommen die goldenen 
Kugeln aus dem Berge 81 ) (der Blitz 
wird sichtbar). Und es gibt in der Sage 
nur zu viele dieser verborgen liegenden 
goldenen oder auch nicht näher be¬ 
zeichnet en Kegelspiele 82 ), die entweder 
von einem Drachen 83 ) oder einem 
Hunde 84 ) im Berg 85 ), im Keller 86 ) 
oder in einem unterirdischen Gange 87 ), 
schließlich auch nur durch eine im Fels 
eingemeißelte Geige M ) behütet und ge¬ 
schützt werden und so als Schatz an 
und für sich aufgefaßt erscheinen 8Ö ). 

Wie in Berg, Keller oder unterirdischem 
Gange, so findet sich das geheimnisvolle 
Kegelspiel auch in oder bei Schlössern 90 ), 
Burgen oder Ruinen 91 ) und anderen 
entlegenen Baulichkeiten 92 ). Das Kegeln 
ist aus dem Verstecke weithin zu hören 93 ), 
und solch ein Berg kann auch einmal 
unmittelbar Kegelberg (bei Deutschnofen) 
heißen 94 ). 

Der Berg oder ein andres Höhlungs¬ 
versteck birgt also im (goldenen) Kegel¬ 
spiel die gewittertreibenden Kräfte, ge¬ 
wissermaßen einen Schatz, in gewitter- 
losen Zeiten, solange eben das befruchtende 
Wasser nicht fallen will 96 ); so ist der 


einem 


irdische Berg die Lokalisierung des „himm¬ 
lischen Wolkenberges“ w ). 

81 ) Birlinger Volksthüml. 1, 101; vgL 

Meyer German. Mythol. 119. 82 ) Vgl. Zu¬ 

sammenstellung bei Bertsch Weltansch. 221. 
83 ) Heyl Tirol 268 f. Nr. 83. 84 ) Vernaleken 
Alpensagen 142; vgl. Kuhn u. Schwarz 497. 
86 ) Heyl Tirol 268 f. Nr. 83. 8 ®) Vernaleken 
Alpensagen 143. 87 ) Ebd. 142. 88 ) Ebd. 143. 

89 ) Heyl Tirol 268 f. Nr. 83; 95 Nr. 57; Lach¬ 
mann Überlingen 60. ®°) Heyl Tirol 504 Nr. 69; 
Kühnau Sagen 1, 230; Zingerle Tirol Nr. 369. 
91 ) Pfister Hessen 84; Wolf Beiträge 2, n8f.; 
Schnezler Bad. Sagenbuch 1, 367; 2, 231; 
Zingerle Tirol Nr. 368; Witzschel Thüringen 
232 Nr. 230; Rochholz Sagen 1, 130. 92 ) 

Birlinger Volksthüml. 1, 246. 93 ) Heyl 

Tirol 95 Nr. 57; 268 f. Nr. 83; Sepp Religion 
159. 94 ) Heyl Tirol 409 Nr. 95. ® 5 ) Vgl. Bertsch 
Weltansch. 221. 96 ) ZfVk. 7, 6. 

7. Kegelspiel und Wasser, Sterne, 
Wald. Diese gewittersymbolisierenden 
Kugeln, Kegel oder Kegelspiele versetzt 
die Sage auch gerne in das Wasser 97 ), 
so in einen See, wo oft ein goldenes oder 
silbernes Kegelspiel zu sehen 98 ) ist, 
oder in einen Brunnen "). 

Die Beziehung erscheint gegeben durch 
das dumpfe Geräusch, das besonders 
aufgewühlte Wassermassen zu verursachen, 
vermögen, oder aber auch durch den 
Widerschein der Sterne im Wasser, die 
doch als funkelnde, feurige Kugeln auf¬ 
gefaßt werden können; bezeichnender¬ 
weise heißt ja das Sternbild des 
Gr. Bären auch Kegelries oder Kegel¬ 
fall 10 °), und eine fallende Sternschnuppe 
oder ein ziehender Komet mag die Vor¬ 
stellung einer glühenden Kugel des himm¬ 
lischen Kegelspieles hervorrufen. — Wer¬ 
den doch feurige Erscheinungen meteoro¬ 
logischer Natur auch gerne als Aus¬ 
wirkungen dämonischer Mächte ange¬ 
sprochen; so fliegt der Alber bei Nacht 
als feurige Kugel mit Schwanz 101 ) (Komet) „ 
ähnlich der Teufel sowie Gewitterriesen, 
Drachen 102 ) und Schatzhüter 103 ); Riesen 
bewerfen sich mit großen goldenen Ku¬ 
geln 104 ) (Blitz). 

Schließlich stellt sich die Sage das 
Gewitter vertretende Kegelspiel auch oft 
als im Walde verborgen vor 105 ). 

• 7 ) Heyl Tirol 269 f. Nr. 84. M ) Alpen¬ 
burg Alpensagen 353 = ZdVfVk. 7, 123; 

Zingerle Tirol 150; Baader Sagen 32. **’) 

Panzer Beiträge 1, 197. 10 °) Vgl. Bertsch 


1205 


Kegel, Kegelspiel 


1206 


Weltansch. 245. 101 ) Panzer Beiträge 2, 76. 

10t ) Bertsch Weltansch. 216 ff. 103 ) Eisei 
Voigtland 170; Wuttke §385. ia4 ) Bech- 
stein Thüringen 1, 3 u.ö.; vgl. Bertsch 
Weltansch. 218. 106 ) Vgl. Bertsch Weltansch. 

221. 

8. Bestraftes Kegeln; Kegeln 
als Strafe. Schwere Kegelleidenschaft 
wird bestraft, doch ist wiederum kegeln 
selbst eine Form büßender Strafe. 

Sonn- und Feiertagskegler, die ins¬ 
besondere die Zeit des Gottesdienstes 
nicht achten, werden hart mitgenom¬ 
men 106 ), etwa vom Teufel 107 ); Über¬ 
mut 108 ) auf der Kegelbahn wird be¬ 
straft, auch das Falschspielen 109 ). Gerne 
finden sich übermütige Knappen, die sich 
goldene Kegel und Kugeln machen, aber 
für den Frevel büßen, indem ihr Berg¬ 
werk durch ein Gewitter vernichtet 
wird no ). Übermütige Sennen und Senne¬ 
rinnen bereiten Kegel und Kugeln aus 
Butter U1 ) oder Käse 112 ); auch aus 
Brot werden Kegel gefertigt 113 ), lauter 
Frevel, die zur Züchtigung herausfordem. 
Das Kegeln erscheint schließlich oft 
auch als Strafe 114 ). 

1{ *) Alpenbur g Alpensagen 195; vgl. Bertsch 
Weltansch. 221. 107 ) Waibel-Flamm 1, 2i6f. 
lö8 ) ZföVk. 11, 194 (Böhmen). 109 ) Rochholz 
Sagen Nr. 113. ll °) Heyl Tirol 269 f. Nr. 84; 
268 f. Nr. 83; 95 Nr. 57; 382 Nr. 62; ZdVfVk. 
1, 216. m ) Gloning Oberösterreich 98; Heyl 
Tirol 95 Nr. 57; Vernaleken Alpensagen 
247 f. llt ) Gräber Kärnten 239. U3 ) Schell 
Berg. Sagen 349 Nr. 53; 552 Nr. 25. l14 ) Heyl 
Tirol 271 Nr. 84. 

9. Besondere Kegler, Spukgestal¬ 
ten. Zur Charakteristik des Kegelspieles 
im Rahmen des Volksglaubens trägt noch 
bei die ansehnliche Reihe außermensch¬ 
licher Spieler, zu denen bereits die büßen¬ 
den Frevler und die zum Kegeln nach 
ihren Tode Verurteilten überleiteten. So 
finden wir als Kegler Geister oder „Um¬ 
gehende“ 116 ), die meist nachts auftreten. 
Bergentrückte 116 ), oftmals in der Zahl 
zwölf („Männer“ 117 ), weißbärtige 118 ), ver¬ 
wünschte 119 )), ferner Götter 120 ), Rie¬ 
sen m ), Zwerge 122 ), Männlein 123 ), Berg¬ 
männlein 124 ), Elfen 125 ), Salige 128 ); Rit¬ 
ter 127 ), so Kaiser Otto mit vielen Rittern 
im Kyffhäuser, große, starke 128 ), schön 
gekleidete 129 ) Männer, Fenesweiblein 130 ), 
recht gerne auch den Teufel 131 ). 


Oft mengen sich Menschen in das Spiel 
der Spukgestalten ein, da verschwindet 
der Spuk, wenn der Mensch alle neune 
schiebt 132 ); der Mensch hilft ohne irgend 
welche Folgen für ihn, die Kugel zurück¬ 
zuschieben 133 ), raubt sie 134 ), bekommt 
für das Nachschauen eine Ohrfeige 135 ), 
erhält eine eiserne Kugel, die zu Gold 
wird 138 ), für das Mitspielen oder eine 
goldene 137 ), den Kegelkönig 138 ) oder das 
ganze Spiel, das dann zu Gold wird 139 ). 

Umgekehrt tauchen wieder Spukge¬ 
stalten auf, die am Kegelspiel der Men¬ 
schen mittun oder mittun wollen; wird 
der Bannhölzler von einem mutwilligen 
Kegler gerufen, so kommt er und wirft 
die Kugel durchs Haus 14 °) (vgl. oben 
Bruder Blitz); auch der Teufel erscheint 141 ) 
oder eine Gruppe von drei Unbekannten 
(Bärtigen) 142 ), oder ein graues Männchen, 
das beim Querwurf einer Kugel durch 
einen Burschen schreiend als feurige Ge¬ 
stalt davonfliegt 143 ). 

116 ) Zingerle Tirol Nr. 144. 368. 369; Bir¬ 
linger Volksthüml. 1, 7; 1, 245; Schönwerth 
Oberpfalz 3, 141 £.; 3, 145; 3, 122; 2, 402; 
Waibel-Flamm 2, 62; Pröhle Harz 238; 
vgl. Bertsch Weltansch. 219; Quitzmann 
Baiwaren 15. ll8 ) Witzschel Thüringen 

1, 267; Bertsch Weltansch. 220; vgl. den Ar¬ 
tikel Bergentrückt. U7 ) Pfister Hessen 84; 
Kühnau Sagen 2, 71; Kuhn u. Schwarz 
479. li8 ) Wolf Beiträge 2, n8f. 119 ) Ebd. 

2, n8f. 12 °) Sepp Sagen 54 ff. Nr. 19 f.; 

Quitzmann Baiwaren 15. I21 ) Heyl Tirol 

504 Nr. 69h; Rochholz Naturmythen 58; 
Meiche Sagen 430 Nr. 568; Kühnau Sagen 
2, 512; Haupt Lausitz 1, 81; Grässe Sachsen 
55h; vgl. Bertsch Weltansch. 218. 1M ) Meiche 
Sagen 329 Nr. 433; Taubmann Nordböhmen 
34 = Kühnau Sagen 2, 150; Eisei Voigt¬ 
land 20 Nr. 33; Haupt Lausitz 1, 35; Waibel- 
Flamm 62; vgl. Bertsch Weltansch. 219; 
Wuttke §47. 123 ) Kühnau Sagen 1, 230. 

m ) ZföVk. 20, 35 (Niederösterr.). 126 ) Jecklin 
Volkstüml. 181 f. 12e ) Heyl Tirol 409 Nr. 95. 
127 ) Vernaleken Alpensagen 143; Wolf Bei¬ 
träge 2, 119; vgl. Literatur bei Bertsch Welt¬ 
ansch. 220 {. 128 ) Grimm Mythol. 2, 796. 

129 ) Vernaleken Mythen 54. 13 °) Ranke 

Sagen 262 f.; Meiche Sagen 477 Nr. 618; 
Vernaleken Mythen 54. m ) Waibel-Flamm 
1, 216 f.; vgl. Bertsch Weltansch. 219. 1$a ) 

Vernaleken Alpensagen 143; Kuhn Sagen 
476; Rochholz Sagen Nr. 113. 138 ) Kühnau 

Sagen 1, 230 = Peter Österr. Schlesien 2, 5. 
m) Wolf Beiträge 2, 119. 13ft ) Birlinger 

Volksthüml. 1, 246 — ZdVfVk. 7, 7. 134 ) Grimm 
Mythol. 2, 796. 137 ) Kühnau Sagen 2, 71; 


1207 


Kegel, Kegelspiel 


1208 


Meier Schwaben 77; Wolf Beiträge 2, 118. 
119. 1M ) Pröhle Harz 10. 238. 139 ) Bech- 

stein Thüringen Nr. 158. 14 °) Vernaleken 

Alpensagen 74. 1M ) Strnadt Grenzbeschrei¬ 

bungen 759 (aus d. J. 1611); darnach SitzbHeid. 
1920, 7. Abh. S. 12, Anm. 4. 142 ) Rochholz 

Naturmythen 58; Bertsch Weltansch. 219. 
us ) Zingerle Tirol Nr. 479. 

10. Kegelzauber. Mit dem Kegel¬ 
spiel war und ist noch mancher Aus¬ 
übungsaberglaube verbunden, eine Tat¬ 
sache, die z. T. auf Rechnung des Spieler¬ 
aberglaubens im allgemeinen zu setzen ist. 

Vor allem heißt es hier wie so oft: 
Wenns gehn will, gehts 144 ) (wenn näm¬ 
lich eine schlecht abgelassene Kugel 
wider Erwarten viel nimmt) oder aber: 
Wenns net will, wills net 145 ) (wenn eine 
gut abgelassene Kugel keinen Erfolg hat). 

Wenn die eine Partie gleich mit beson¬ 
derem Glücke beginnt, schließt man auf 
Umkehr des Verhältnisses im weiteren 
Verlaufe, je höher hinauf, umso tiefer 
der Fall 146 ). Man sucht den Lauf der 
Kugel zu beeinflussen (allgemein), was 
nach Trimbergs Renner (V. 11360— 11397 ) 
schon ehedem mit Gesten, Zuruf und 
Schreien bei einem wahrscheinlich an¬ 
deren Kegelspiel versucht wurde 147 ). 

Erfolgreiches Spiel steht zu erwarten, 
wenn man sich das rechte Auge einer 
Fledermaus in den drei allerhöchsten 
Namen auf die rechte Hand legt 148 ), 
oder sich auf die innere Wurfhandfläche 
das Herz einer Fledermaus bindet 14Ä ). 
Ein Kegelschütze erreicht unvergleich¬ 
liche Leistungen, wenn er sich in einer 
bestimmten Nacht aus Galgenholz Kegel¬ 
chen macht, die während der Messe 
unter dem Altartuche lagen; mit dieser 
Weihe wird bewirkt, daß er so viele 
Kegel schiebt, als er Kegelchen seines 
Spieles vor dem Schube in die Hand 
nahm 15 °). Solch ein glücklicher Schieber 
hat eben „Sau“ 151 ) („Schwein“ oder 
„Eber“); er ist ein Kegeltod. j 

Schlechte Erfolge bringt es, wenn ' 
man hinter den Schiebenden Zigarren¬ 
asche hinstreut 152 ) („einen Wedemann 
setzt“) oder ein Kreuz macht 153 ); wenn 
man, während ein anderer schiebt, den 
Daumen der Rechten in die geschlossene 
Hand drückt 1S4 ), wenn ein junger Mensch 


übers Brett läuft oder ein Hund heult 155 ); 
auch der eine oder andere Teilnehmer 
bedeutet für die Partie oft Unglück 156 ), 
denn er hat eben immer „Pech“ 157 ). 
Ferner bringt Unheil der durchs Los 
bestimmte Rang des ersten Schiebers 158 ); 
wenn auf dem Kegelkreuz ein Kegel von 
selbst umfällt oder, während einer schie¬ 
ben will, irgend eine Störung eintritt 159 ); 
wird der „Schwede“ (Vorderkegel) zu¬ 
letzt aufgesetzt, so trifft ihn der nächste 
Schütze nicht 16 °). Beim Kegeln geht es 
oft nicht „mit rechten Dingen zu“, so 
wenn ein Kegler 18 mal hintereinander 
den Eckkegel trifft m ). — Ort weise heißt 
ein Schub, bei dem die Kugel die Kegel 
nicht erreicht, sogar die „Drud“ 162 ). 

144 ) Rothe Kegelspiel 153. 148 ) Mündlich. 

Alpenländer. 148 ) Rothe a. a. O. 151. 147 ) 

Vgl. ebd. 7. 148 ) Birlinger Schwaben 1, 399. 

149 ) Graz, mündlich. 16 °) Birlinger Schwaben 
1, 115 Nr. 135. Ähnlich ZfdMyth. 4, 412 = 
Wuttke §636. 181 ) Rothe a. a. O. 164. 18g ) 

Ebd. 151. 1M ) Ebd. 151. 184 ) Steiermark. 

188 ) Grohmann 220. 158 ) Rothe a. a. O. 

151 f. 187 ) Ebd. 161. 158 ) Rothe a. a. O. I5if. 

189 ) Ebenda. 16 °) Ebenda. m ) Reiterer 

Altsteirisches 23. 182 ) Rothe a. a. O. 158. 

11. Entwicklungsgeschichtliches. 
Auffallend ist, daß sich an verschiedenen 
Gotteshäusern Kegel eingemauert finden, 
so am Dome zu Ratzeburg ein ganzes 
Kegelspiel 163 ), in einer Turmstube zu 
St. Stephan in Wien ein Kegel (stein) 164 ), 
ebenso zu St. Annaberg in Sachsen 165 ). 
Demnach hat der Kegel vielleicht als 
Symbol einer heidnischen Gottheit ge¬ 
golten, da auch die allenthalben an Kir¬ 
chen sich findenden Götzenmanderl wohl 
Symbole des niedergerungenen alten Gottes 
vorstellen 168 ). So käme man ohne alles 
Zwängen etwa zu der Verbindung Keil 
(Donnerkeil)-Keule und Hammer (Her¬ 
kules-Donar)-Kegelkeil und schließlich 
zum Sinnbild des Gewitterdämons über¬ 
haupt. 

Keil, Keule, Hammer, Kugel, Kegel — 
einander entsprechende Vertretungen für 
die Tätigkeit des im Gewitter tätigen 
Gottes. 

Dazu müssen wir halten, daß der 
Kegel auch phallisches Symbol ist 167 ). 
Für testiculi tritt in der heute noch üb¬ 
lichen volksmäßigen Erotik oft Kugeln 168 ) 


1209 


Kegel, Kegelspiel 


1210 


ein; kegeln, kegelschieben wird immer noch 
im Volksmunde für coire verwendet 169 ); 
es ist nun sehr naheliegend, daß der 
Kegel selbst dem männlichen Gliede 
entspricht auf Grund der beiden Bil¬ 
der 170 ). Ältere Forscher erklären von die¬ 
sem Punkte aus auch die Bedeutung 
Kegel = uneheliches Kind, ein Ausdruck, 
der ja doch vom Allgemein wort Kegel 
nicht zu trennen ist 171 ), und sie folgern 
weiter: Donars Erscheinung hängt 

klar mit dem Begriffe der Fruchtbarkeit 
zusammen m ), er spendet Leben 173 ), gibt 
Ehesegen 174 ); der Donnerkeil verschafft 
den Feldern guten Ertrag 175 ), macht die I 
Kuheuter strotzend und erhält sie er¬ 
tragreich 176 ), Thors Hammer hatte für 
die Hochzeitsfeier erotische Bedeutung 177 ). 
Kegelförmige Gebilde (aus Silber, Hämatit 
u. a.) sind als Amulette nachgewiesen 178 ). 
So steckt also möglicherweise hinter 
unserem Kegelspiel, dem älteren Kegel¬ 
werfen 179 ), ein altheidnischer Fruchtbar¬ 
keitskult, der etwa bei Götterfesten 180 ) 
oder insbesondere bei der Frühlingsfest- 
feier eine hervorragende Rolle gespielt 
hat. Die Leonhardsklötze, Rümpfe ohne 
Kopf und Arme, gleichen oft großen 
Phallen, so daß Quitzmann in ihnen 
Frobilder sieht oder doch Darstellungen 
von Göttern, die den Phallus zum Attri¬ 
but haben 181 ). 

Steinopfer als Form der Götterver¬ 
ehrung sind für die älteste Zeit belegt 182 ). 
Beliebt war bei unseren Altvordern ja das 
Werfen mit Steinen, das Schlagen schwe¬ 
rer Kugeln 183 ). 

Trug solch ein Spiel zur Zeit der Christi¬ 
anisierung ausgeprägt „abgöttischen“ Cha¬ 
rakter, so liegt nichts näher als eine 
energische Stellungnahme dagegen von 
Seite des Christentums, eine Stellung¬ 
nahme, für die ja, wie gezeigt, sowohl 
die wenigen geschichtlichen wie die ge¬ 
häuften Sagenüberlieferungen deutliche 
Beweise erbringen. 

183 ) Bartsch Mecklenburg 1, 353 f.; Müllen- 
hoff Sagen 79 Nr. 83; Sepp Religion 157; 
Kießling Das Kegeln (Wien 1897) 11; Ders. 
Eine Wanderung im Poigreich (Horn 1899) 
S. 127. 184 ) Kießling in beiden Schriften 

a. a. O. 168 ) Ebenda; Sepp Religion 157. 
16 *) Kießling Poigreich 126 ff.; Ders. Kegeln 


11 f.; Simrock Mythol. 519. 1#7 ) ZfdMyth. 

3, 107; Birlinger Volksthüml. 1, 101. 1M ) 

Vgl. Grimm DWb. 5, 390; eigene Aufnahmen 
in den Alpenländern. I#9 ) Alpenländer, bes. 
Oberösterreich, vgl. Webinger in Beiwerke zum 
Studium d. Anthropophyleia IX (1929), S. 222 
unter „Kegelschciben" und ,,schieben". — 
BlümmI Futitilates (Beiträge z. volkstüml. 
Erotik Bd. 3, 55) (Wien 1908). 17 °) Grimm 

DWb. 5, 390; so im oberöst. Schnaderhüpfl. 
m ) Vgl. Grimm DWb. 5, 388t; WS. 1, 45. 
172 ) Vernaleken Alpensagen 420 Nr. 151; 
ZfdMyth. 3, 86 ff. 246. 17S ) ZfdMyth. 2, 318; 

3, 210. 230 ff. 174 ) Mannhardt German. Myth. 
129 f. 178 ) Ebd. 138. 17i ) Ebd. 21. 22, 

177 ) Meyer German. Mythol. 226. 178 ) Andree- 

Eysn Volkskundliches 139 (mit Abbildungen). 
179 ) Ältere Wendung: Kegelwerf, Kegelwerfen. 
1S0 ) Vgl. die Vermutung bei Grimm DWb. 5, 
385. 181 ) Quitzmann Baiwaren 94. 181 ) Vgl. 

Liebrecht Zur Volksk. 280!.; über das Stei¬ 
nigen der Götterbilder ebenda 280 f. 413; 
ZfdMyth. 2, 131 ff. 183 ) Weinhold Altnord. 
Leben (1856) 2930.; ZfVk. 7, 5. 

12. Auch außerhalb unseres Gebietes 
deuten einzelne Züge auf einen ähnlichen 
Zusammenhang. 

Bei den Griechen kennt man konische 
und pyramidale Steinfiguren als Götter¬ 
bilder 184 ), ein kegelförmiger Stein findet 
sich für eine Gottheit auf Votivtafeln 
zu Thugga 185 ) (Afrika); vom Himmel 
gefallene Meteore verehrte man; Blitze 
hielt man für glühende Steine, die vom 
Himmel gefallen seien 18Ä ); hinter dem 
Blitze stecken Gewitter erregende Dä¬ 
monen 187 ). Der hl. Silex im Jupiter¬ 
kult ist das Abbild des Donnerkeiles 188 ); 
ein Stein vertritt den Blitz beim römi¬ 
schen Bündnisritual, wahrscheinlich auf¬ 
gefaßt als ein im Blitze niedergefallener 
Stein 189 ). 

Auch der talmudische Stein der Lilith 
ist als Pfeil mit dem Blitze auf die Erde 
gekommen 190 ). 

Auch die Beziehung zum Phallus er¬ 
scheint gegeben, denn bei den Griechen 
bildeten die Meteoriten, die öfter als 
Phallen dargestellt wurden und später 
als behauene Säulen erscheinen, die Grund¬ 
lage zu den Hermen, an denen man 
namentlich den Phallus stark hervor¬ 
hob 191 ). Ähnlich unserem Unheil ab¬ 
wehrenden Donnerkeil unter dem Haus¬ 
dache stand bei den Griechen der Übel 
abhaltende Stein vor der Haustüre (später 



I 211 


kehren, Kehricht 


1212 


Apollo Agyieus) in Form einer Spitz¬ 
säule ; auf römischen Boden wurden daran 
Phallen angebracht, so kamen die phal- 
lischen Hermen zustande m ). 

184 ) Gruppe Griechische Mythologie 2, 774f. 
(Anm. 4). 185 ) Ebd. * 8 «) Ebd. 2, 773. 187 ) 

Ebd. 2, 776. 188 ) Wissowa Religion der Römer 

28. 18B ) Gruppe Mythologie 2, 773. 19 °) Ebd. 
191 ) Gruppe Mythologie usw. 2, 1341. 1M ) 

Nilsson Feste 102. Webinger. 

kehren, Kehricht. 

1. Im Totenbrauch. 2. Unheilvoll. 3. Sakrale 
Lustration. 4. Gegen Ungeziefer. 5. Bei Um¬ 
zügen. 6. Zauberkräftig. 7. Zubringend. 8. Heil¬ 
kräftig. 9. Kehrvorschriften. 10. Verbote. 
11. Als Vorzeichen und Orakel. 12. In der 
Sage. 13. Im Hochzeitsbrauch. 14. Im Rechts¬ 
leben. 

Kehren (fegen, wischen) ist die häufig¬ 
ste und einfachste Art der Reinigung. 
Schmutz und Unrat sind den Menschen 
etwas Lästiges und Widriges und müssen 
daher weggeschafft werden. Somit hat das 
Hinausschaffen, das Hinauskehren, einen 
abweisenden, abwehrenden Sinn, zumal 
wenn primitiver Glaube in Staub und 
Kehricht Schlupfwinkel und Versteck un¬ 
heimlicher und übelwollender Geister er¬ 
blickt. So muß das Kehren gleich von 
Anfang an als kathartische, als magische 
Handlung überhaupt, aufgefaßt werden. 

1. Der kathartische Charakter des Keh- 
rens zeigt sich am reinsten im Toten- 
brauch verschiedener Zeiten und Völker. 
Nach vielfacher Anschauung verläßt im 
Augenblick des Abscheidens die Seele nicht 
sofort auf immer den Leib, sondern ver¬ 
bleibt noch in seiner Umgebung mit ihm 
bis zur Bestattung zusammen. Als kleines, 
imscheinbares Ding, das sie nach allge¬ 
meiner Vorstellung ist, kann sie leicht am 
Fußboden sich festsetzen. Wünscht man 
nun die Seele endgültig mit dem Körper 
aus dem Hause fortzubekommen, so muß 
unmittelbar nach dem Hinaustragen des 
Sarges gekehrt werden. Ursprünglich 
wurde der Kehricht selbst mit in das Grab 
geschüttet, damit die Seele auf jeden Fall 
dort sei. Ein Gesetz aus Keos verbot 
xodAocruaTot cpipstv IttI tö OTjpa, weil offenbar 
der alte Brauch, die Seele mit Sicherheit 
zu entfernen, nicht mehr verstanden 
wurde x ). Wo man dagegen die Seele noch 
einige Tage im Hause behalten will, wird 


das Ausfegen nicht gestattet, solange der 
Tote im Hause liegt. Nach einem in Naxos 
und Kalymnos herrschenden Glauben darf 
man den Kehricht nicht auf die Straße 
werfen, da nämlich die Seele noch drei 
Tage im Haufen weilt und daher mit dem 
Kehricht hinausgeworfen werden könnte. 
In der Gironde vermeidet man es, das 
Leichenzimmer auszufegen, aus Furcht, 
die Seele zu verscheuchen. Folgerichtig 
ist es in der Nieder-Bretagne nicht ge¬ 
stattet, die Möbel abzustauben und den 
Staub aus dem Hause zu werfen, weil 
sonst die Seele vertrieben würde und man 
ihre Rache zu fürchten hätte. In La 
Creuse häuft man den Kehricht in einer 
Ecke auf und schafft ihn erst hinaus, wenn 
das Begräbnis vorbei ist. In Borneo wird 
der Geist des Verstorbenen erst noch vier 
Tage bewirtet, dann wird ausgefegt und 
sein Speisegeschirr zerbrochen. Die Tonki- 
nesen vermeiden die Reinigung während 
des Festes, an dem die Seelen der Ver¬ 
storbenen in ihre Häuser zurückkehren. 
Die Kongoneger fegen ein ganzes Jahr 
nach einem Sterbefall die Hütte nicht 2 ). 
Nach der Frist aber, die man den Toten 
noch zum Verweilen einräumte, wird die 
Seele ausgekehrt. Von den alten Preußen, 
welche die Seelen noch mehrere Male be¬ 
wirteten, berichtet Christian Hartknoch, 
Altes und Neues Preußen (1684): Am 
dritten, sechsten, neunten und vierzigsten 
Tage nach dem Leichenbegängnis fand ein 
Mahl der Anverwandten des Verstorbenen 
statt, dessen Seele auch herbeigerufen und 
gleich wie noch andere Seelen bewirtet 
wurde. Wenn die Mahlzeit verrichtet war, 
stand der Priester von dem Tische auf, 
fegte das Haus aus und jagte die Seelen 
der Verstorbenen ,,nicht anders als die 
Flöhe“ hinaus mit den Worten: ,,Ihr habt 
gegessen und getrunken, o ihr Seligen, 
geht heraus, geht heraus“ 3 ). Fast wört¬ 
lich findet sich diese Formel energischer 
Ausladung bereits bei den Griechen. Am 
letzten Tage der Anthesterien wurden die 
Seelen geladen und bewirtet, dann aber 
wieder aus dem Hause gewiesen mit dem 
Ruf öupaCe Krjpsc, oux It’ AvöeaTTjpta 4 ). 
Nicht minder durchgreifend wird die Ver¬ 
treibung des Totengeistes bei den Battas 


1213 


kehren, Kehricht 


1214 


H* * 


1, 


auf Sumatra gehandhabt. Nachdem der 
Priester als letztes Opfer das Blut eines 
Vogels auf den Sarg hat laufen lassen, 
•erfaßt er einen Besen und schlägt damit 
heftig in die Luft, als wolle er den bösen 
Geist vertreiben. Dann raffen vier Per¬ 
sonen den Sarg auf und rennen schnell 
damit davon, während der Priester noch 
eine Zeitlang hintennachkehrt 6 ). Der 
Brauch des Leichenkehrens hat ein hohes 


a 11 _ 1 • i. _ix,*_ 


1 



Römern bestand die Vorschrift, daß der 
Erbe, sobald die Leiche aus dem Hause 
getragen war, das Haus mit einem Besen 
fegen mußte. Das Recht aber der eigent¬ 
lichen Reinigung der Leichenhäuser war 
auf die Everriatores beschränkt. Für das 
deutsche Sprachgebiet sind reichliche 
Zeugnisse für das Leichenkehren vorhan¬ 
den 6 ). Mancherorts müssen dabei be¬ 
stimmte Formalitäten eingehalten werden. 
Sobald die Leiche aus der Stube oder aus 
dem Hofe ist, macht man im Sterbezim¬ 
mer drei Häufchen Salz und kehrt diese 
dann mit dem Kehricht hinaus 7 ). In 
Hessen wird nachher die Haustüre ver¬ 
schlossen, um dem Toten den Wiederein¬ 
tritt zu verwehren «). Im Erzgebirge wird 
da, wo die Bänke mit dem Sarge aufge¬ 
stellt waren, gekehrt; die Abfälle von den 
Kränzen werden mit einem Rutenbesen 
der Leiche nachgekehrt 0 ). Ganz vor¬ 
sichtig geht man dabei in Mecklenburg 
zu Werke; von dem Sarge bis zur Haustür 
streut man Asche, da im Verbrannten 
nichts Lebendes mehr ist, und fegt den 
Flur aus gleich nach dem Hinaustragen 
der Leiche, stillschweigend und rück¬ 
wärtsgehend 10 ). In Waldeck fegt man 
aus dem Hause hinter der Leiche her und 
schüttet, um ihr die Rückkehr zu ver¬ 
eiteln, einen Eimer Wasser hintennach, 
dann spukt sie nicht 11 ). In Ostpreußen 
wird erst, wenn der Tote ,,auf halbem 
Weg“ ist, das Haus sorgfältig gereinigt und 
der Kehricht weggetragen 12 ). In Bul¬ 
garien muß ein Waisenmädchen das Aus¬ 
fegen besorgen, damit das Glück wieder 
einziehe. Gleichzeitig werden auch die 
Häuser der Verwandten ausgefegt. Bei 
den Israeliten müssen ledige Mädchen das 
Leichenhaus auskehren; womöglich christ¬ 



liche sollen zu dieser unheimlichen und 
gefährlichen Verrichtung herangezogen 
werden 13 ). In der Gegend von Przemysl 
wird ausgefegt und abgesperrt, dann wird 
sogleich frisches Brot gebacken, damit 
alles gesund bleibe 14 ). Wenn in Hessen 
nicht noch einmal gefegt wird, ehe die 
Leiche heruntergetragen wird, stirbt bald 
jemand im Hause 15 ). Durch dieses vor¬ 
sorgliche, apotropäische Kehren kann die 
Seele nicht mehr zurückkehren, auch 
nicht als Vampyr, um ein Lebendes nach 
sich zu ziehen 16 ). Den Besen, den man 
zum Leichenkehren benutzt hat, wirft man 
entweder auf den Gottesacker oder auf 
das Feld zusammen mit dem Kehricht, 
weil sich in ihm doch noch die Geister 
versteckt halten könnten 17 ). Im Voigt¬ 
lande wird dieser Besen außer Gebrauch 
gesetzt und auf dem Boden hinter einen 
Dachsparren gesteckt 18 ). Binnen Jahres¬ 
frist stirbt im Erzgebirge ein Familien¬ 
mitglied, wenn der auf dem Hausbalken 
aufbewahrte Leichenbesen herunterfällt 
19 ). Ebendaselbst gilt ein dem Kehren 
ähnliches Geräusch an der Wand als Todes¬ 
vorbedeutung. Der betreffende Besen 
wird zuweilen verbrannt, damit er kein 
Unheil anrichten kann *°). Nach einer 
Meinung in der Oberpfalz rasten in der 
Samstagnacht die Armen Seelen auf dem 
Stubenbesen. Mit ihm darf man weder 
Tisch noch Bank abkehren, noch darf 
man sich auf eine mit einem Besen ge¬ 
reinigte Bank setzen, weil man sonst 
Blasen bekommt. Andernorts glaubt 
man, daß man die hinfallende Krankheit 
oder Flöhe bekomme oder sogar der Tod 
folge. Im Cloppenburgischen ist daher 
das Zukehren des Viehfutters mit dem 
Besen, auch das Fegen der Tenne ver¬ 
boten 21 ). Der Besen als Sitz und Ver¬ 
steck der Verstorbenengeister wird leicht 
für todbringend, abgeschwächt unheil¬ 
bringend, angesehen. Nicht mehr ver¬ 
ständlich in seiner überlieferten Form ist 
folgender Bericht aus der Oberpfalz: „Am 
Samstag muß der Kehricht aus der Stube 
geschaßt sein, wenn er auch die ganze 
Woche hinter der Türe im Kehrichtwinkel 
gelegen hat; denn in der Samstagnacht 
kommt die letztverstorbene Seele des 


1215 


kehren, Kehricht 


1216 


Hauses und setzt sich hinter die Türe: 
sie muß daher eine reine Stelle finden". 
Die letzte Begründung ist nicht zutreffend: 
gerade das Hinausschaffen des Kehrichts 
am Samstagabend soll die Seele jeder 
Möglichkeit berauben, ein Versteck zu 
finden, wo sie sich auf halten kann. Man 
will eben die Verstorbenen nimmer im 
Haus 22 ). Daß die Armen Seelen durch 
Abkehren vertrieben werden, geht aus 
folgendem hervor: „In der Allerseelen-, 
Christ- oder Silvesternacht zieht man 
eine Bahre dreimal um die Kirche in der 
Zeit einer halben Stunde; das geht schwer, 
denn die Armen Seelen setzen sich darauf, 
und man muß sie immer wieder herunter¬ 
wischen. Ist man in einer halben Stunde 
fertig, so erhält man einen Haufen Gold; 
wenn nicht, dann ist man verloren'' M ). 

*) Samter Geburt 32 Anm. 6; ARw. 24, 318. 
2 ) Samter 33 Anm. 6. 3 ) Sartori Toten - 

Speisung 24. 28 = ZfVk. 11 (1901), 263 ff.; 
Tylor Cultur 2, 39. 4 ) Rohde Psyche 1, 239 

Anm. 2; Pauly-Wissowa Suppl. 4, 892; NJbf. 
Wiss. u. Bildung 6 (1930), 616. 6 ) Sartori 4. 

*) Festus Epit. 77, 18 = Samter 30 Anm. 1; 
MschlesVk. 10 (1908), 8; ZfVk. 11 (1901), 265; 
14 (1904), 256; Rochholz Glaube 1, 200; 
Lippert Christentum 465; Spieß Fränkisch- 
Henneberg 154; Curtze Waldeck 384 Nr. 77; 
Wuttke 465 Nr. 737; Urquell 2 (1891), 80; 
Drechsler 1, 305 = Samter 32; Sartori 
Westfalen 104; Sitte 1, 144; Heseraann Ravens - 
berggo; IAE. 13 (1900), 141 Anm. 13. 7 )Grimm j 
Myth. 464 Nr. 864; Witzschel Thüringen 2, 
262 Nr. 87; Köhler Voigtland 254; Lüers 
Sitte 97; Sartori Sitte 1, 144. 8 ) Heßler 

Hessen 2, 516. ®) John Erzgebirge 126. 

10 ) Bartsch Mecklenburg 2, 95 Nr. 324. u ) Curt¬ 
ze 384 ~ Samter 87. 12 ) ZfVk. 11 (1901). 

264 = Samter 31. 13 ) Strauß Bulgaren 451; 
Höhn Tod 341. 14 ) Sartori Totenspeisung 57 

Anm. 1 = Urquell 3 (1892), 52. u ) Heßler 
2 » 583. 1# ) Krauß Volkforschung 135. 17 ) Köh¬ 
ler 418; Seyfarth Sachsen 26; Lüers Sitte 
97 • 18 ) Köhler 443. *•) John Erzgeb. 115. 

s0 ) Ders. 113; ZfVk. u (1901), 264. 21 ) 

Schönwerth Oberpfalz 3, 279; Grohmann 
226 Nr. 1610 = Wuttke 263 Nr. 609; IAE. 13 
(1900), 140; Urquell 4 (1893), 94; Stracker- 
jan 2, 37 Nr. 293. 22 ) Schönwerth 3, 279. 

23 ) ZfdMyth. 2, 35 = Wuttke 263 Nr. 385. 

2. Aus dem engen Zusammenhang: 
Tote hinaustragen — nachkehren bezieht 
die Kehrhandlung den Sinn einer unheil¬ 
vollen Handlung schlechthin. In Sla¬ 
wonien sagt man: „Willst du dich je¬ 
mandes für immer entledigen, so lade ihn 


zu dir ein und bewirte ihn. Sobald er 
aber fort ist, kehre die Stube hinter ihm 
aus. Das läßt sich leicht deuten, wenn 
nämlich ein Verstorbener aus dem Hause 
geschafft wird, kehrt man nach ihm das 
Haus aus" 24 ). Wenn man hinter jemand 
das Zimmer auskehrt, so stirbt er bald 25 )_ 
Aus dem gleichen Grunde darf auch einem 
scheidenden Fremden nicht nachgekehrt 
werden. Wenn jemand verreist, darf die 
Stube nicht eher ausgekehrt werden, als 
bis er auf der Grenze ist, sonst fegt man 
ihm Unglück nach 26 ). In Schlesien, wo 
sich dieser Aberglaube findet, gibt man 
als Grund an, daß man nur nach einer 
hinausgetragenen Leiche die Stube aus¬ 
kehre. Weiter als bis an die Grenze 
reicht die magische Handlung nicht. Da¬ 
her soll man auch den Kehricht nicht 
früher hinausschütten, als bis die Leute 
die Grenze erreicht haben 27 ). Auch in 
Bulgarien darf man an dem Tage, an dem 
der Hausvater verreist ist, im Hause 
nicht kehren, sonst kehrt er nimmer heim, 
oder es trifft ihn ein Unglück M ). Man 
kann bereits erkennen, wie das ursprüng¬ 
liche „Tod nachfegen" zum allgemeineren 
„Unglück nachfegen, antun" sich abge¬ 
schwächt hat. „Hinter dem scheidenden 
Gast das Zimmer ausfegen, gilt für sehr 
unglücklich", berichtet Plinius 29 ). Im Erz¬ 
gebirge verfeinden sich zwei Personen, wenn 
eine der andern nachkehrt, auch das Nach¬ 
werfen von Kehricht ist unstatthaft 30 ). 
Nicht nur das unbeabsichtigte Nach¬ 
kehren, auch schon das zufällige Anfegen 
bringt Unheil. Man darf die Füße eines 
Menschen nicht anfegen, er wird sonst 
krank 31 ). Wenn man jemand beim 
Kehren anfegt, so fegt man ihm das Glück 
fort, man kehrt ihm das Unglück auf den 
Hals 32 ). Ein Tiroler Bauer hatte im 
Übermut zu seiner mit dem Besen ihn 
anfegenden Magd gesagt: „Jetzt kannst 
du meinetwegen das Glück hinauskehren, 
jetzt habe ich alles". In der folgenden 
Nacht entlud sich ein Gewitter, das Haus 
und Hof wegschwemmte 3S ). Werden Hei¬ 
ratsfähige in einem Haus angekehrt, so 
kommen sie im selben Jahre nicht mehr 
zur Heirat. Daher ruft die heiratslustige 
Venetianerin der mit dem Besen han¬ 


1217 


kehren, Kehricht 


1218 


tierenden Magd zu: „Befege mich nicht, 
denn ich will heiraten" 34 ). Auch werden 
den Mädchen die Tänzer weggefegt 34 ). 
Höchste Vorsicht ist somit immer beim 
Kehren geboten. Mit dem Besen darf 
man niemanden an den Füßen berühren, 
weil eine solche Person nie mehr als Tauf¬ 
zeuge geladen würde 35 ). 

Nicht nur die eigentliche Berührung 
des Kehrichts, auch schon das bloße 
Überschreiten ist gefährlich 36 ). Besonders 
in der Frühe im nüchternen Zustande ist 
es nicht ratsam, wenn man über Kehricht 
steigt 37 ), man hat kein Glück am selben 
Tage 38 ), oder es begegnet einem etwas 
Unangenehmes an diesem Tage 39 ), oder 
man bekommt Zank 40 ). Ledige Personen 
hauptsächlich sollen sich vor dem Über¬ 
schreiten hüten. Passiert dies unver¬ 
sehens einem jungen Mann, so bekommt 
er keine Geliebte 41 ), oder seine Liebste 
wird ihm gram, oder das Verhältnis wird 

f efährdet, und der Schatz wird untreu 42 ). 

)ber den Kehricht stolpern die Freier 43 ). 
In Thüringen warnt ein Sprichwort die 
jungen Leute, welche „sich einander gut" 
sind: „Schreit* ju nech ibersch Kehricht 
wack, Sunst fällt d'r deine Liebe in 
Drack" 44 )! Auch dem Auskehrenden ist 
das Überschreiten abträglich. Man kann 
die Mägde in eine üble Laune versetzen, 
wenn man ihnen während des Kehrens 
in den Kehricht läuft: es gelingt ihnen 
den ganzen Tag nichts mehr 45 ). 

24 ) ZfVk. 1 (1891), 152 = 11 (1901), 264. 25 ) Ur¬ 
quell 4 (1893), 94 Nr. 44. 26 ) Wuttke 407 

Nr. 629; Urquell 1 (1890), 48 Nr. 28; 3 (1892), 
231 Nr. 19. 27 ) Grimm 3, 492 Nr. 12; Lieb¬ 
recht ZVolksk. 323 = Sartori Sitte 2, 51; 
Drechsler 2, 6. 28 ) Strauß 282. 2 ®) n. h. 

28, 26. so ) John Erzgeb. 35; Urquell 4 (1893), 
74 Nr. 4. 31 ) ZfVk. 11 (1901), 264. 32 ) Ebd. 20 
(1910), 383 Nr. 34; 24 (1914). 57 Nr. 41; 
Drechsler 2, 6; Bartsch 2, 317 Nr. 1573: 
Finder Vierlande 2, 223; Krauß Sitte 165; 
Kulda Mähr. Gebräuche 117. M ) Alpenburg 
Alpensagen 391. 34 ) Grohmann 223 Nr. 1560; 
229 Nr. 1648 = Wuttke 363 Nr. 547; ZfVk. 
11 (1901), 449 Nr. 40. 41; John Westböhmen 
251; Reinsberg-Düringsfeld Ethnograph. 
Curiositäten 2, 108. 36 ) Urquell 1 (1890), 47 

Nr. 9; Boeder Ehsten 24. 34 ) Grimm 3, 334 

Nr. 8 (Rockenphilosophie); 3, 475 Nr. 1095; 
Lammert 38; John Erzgeb. 34; Köhler 425; 
Dähnhardt Volkst. 1, 97; Drechsler 2, 194; 
Bavaria 3, 309; Finder 2, 221. 223. 37 ) 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


DWb. 5, 427. 38 ) Schramek Böhmerwald 255. 

39 ) Köhler 395 = Wuttke 397 Nr. 610. 40 ) 

John Erzgeb. 35; Westböhmen 251. 4l ) Köhler 
395 - 42 ) Schultz Alltagsleben 159; Drechsler 
2, 6; 1, 232. 43 ) John Westböhmen 250. 44 ) 

Sommer Bilder und Klänge aus Rudolstadt 
2 (1881), 120. 45 ) Schönwerth 3, 279. 

3. In gleicher Weise wie beim Toten¬ 
brauch zeigt sich auch bei althergebrachten 
Begehungen der abweisende und reini¬ 
gende Charakter des Kehrens. Zu be¬ 
stimmten Zeiten und bei gewissen An¬ 
lässen muß der materielle Unsegen durch 
einen materiellen Reinigungsakt entfernt 
werden. Das Datum wird manchmal mit 
Rücksicht auf die Landwirtschaft fest¬ 
gesetzt. So wird bei den Hos in Togo¬ 
land in Westafrika die Austreibung der 
Schädlinge alljährlich vorgenommen, be¬ 
vor das Volk die junge Yamswurzel zum 
ersten Male ißt. Zunächst reinigen Priester 
und Zauberer die Stadt, indem sie die 
Dämonen in Pflanzenbündel hineinzau- 
bem. Am andern Morgen fegen die Frauen 
ihren Herd aus und legen, was sie aus¬ 
gefegt haben, auf Holzteller. Nach einem 
Gebet laufen sie, so schnell sie können, 
in die Richtung des Berges Adaklu, 
schlagen sich auf den Mund und schreien: 
„Hinaus heute, hinaus heute! Das, was 
irgend jemand tötet, hinaus heute! Ihr 
bösen Geister, hinaus mit euch heute, 
und alle, die ihr uns Kopfschmerzen ver¬ 
ursacht, hinaus mit euch heute! Anlu 
und Adaklu sind die Orte, wohin sich 
alles Unheil begeben soll"! Wenn sie an 
einen bestimmten Baum auf dem Berge 
Adaklu gekommen sind, werfen sie alles 
fort und kehren nach Hause zurück u ). 
Die Ausladeformel steht an Deutlichkeit 
dem Rufe bei den Anthesterien und beim 
Mahl der alten Preußen in nichts nach, 
ihre Ähnlichkeit ist geradezu auffallend. 
Die Neger der Goldküste Afrikas kehren 
von Zeit zu Zeit die Dörfer mit Keulen 
und Fackeln aus, um die böswilligen 
Dämonen zu verscheuchen. Am ersten 
März fegen bulgarische Frauen die Woh¬ 
nungen sorgfältig aus und werfen den 
Kehricht weit weg vom Hause. Auch 
werden Haus und Hof gegen die bösen 
Geister mit Weihrauch ausgeräuchert. Der 
Kehricht als Sitz übelwollender Mächte 


39 


1219 


kehren, Kehricht 


1220 


muß unschädlich gemacht werden durch 
Weg werfen oder Eingraben. Auch das 
Spülichtwasser, das bei der Reinigung 
den Unsegen aufnimmt, ist sorgsam zu 
entfernen. Dies ist der Sinn des römischen 
„lustrum condere“ 47 ). Der Unrat wurde 
in Rom in einem Seitengäßchen des 
Clivus Capitolinus weggeworfen und das 
Gäßchen aus Vorsicht noch mit einer Türe 
geschlossen. Auch in den Tiber wurden 
die Purgamina geschafft. Die Griechen 
warfen die Katharmata gern auf die un¬ 
heimlichen Kreuzwege 48 ). Der 15. Juli 
des römischen Kalenders bezeichnet das 
Ende der Reinigung des Vestatempels mit 
der Nota: Q(ando) ST(ercus) D(elatum) 
F(as). Durch die Beseitigung des Unrats 
war die Gefahr beschworen, der Tag 
konnte als fastus gelten 49 ). An den 
Palilien wurden die Schafställe mit Wasser 
besprengt, ausgekehrt, mit Schwefel aus¬ 
geräuchert und an Stalltüren wurden 
grüne Zweige und Kränze angebracht 50 ). 
Man könnte versucht sein, den bei Varro 
(Lingua Latina 7, 102) erwähnten Gott 
Averruncus nicht von avertere, wonach 
Averruncus eine apotropäische Gottheit 
schlechthin wäre 51 ), sondern von averrere 
abzuleiten. Dazu verführt besonders der 
Name der römischen Nothelfergöttin 
Deverra. Die römischen Wöchnerinnen 
schützte man vor den Nachstellungen 
des Waldschrats Silvanus dadurch, daß 
drei Männer nachts am Eingänge eine 
Axt in die Türschwelle schlugen, mit einer 
Keule die Schwelle trafen und sie dann 
mit einem Besen abkehrten. Nach der 
dritten Teilhandlung verehrte man die 
drei Nothelfergottheiten Intercidona (a 
securis intercisione), Pilumnus (a pilo) 
und Deverra (a scopis) 52 ). Wie Deverra 
Göttin des Wegfegens der Dämonen ist 53 ), 
so könnte auch Averruncus für eine 
Gottheit des gleichen Machtbereichs an¬ 
gesehen werden, zumal wenn man die im 
Lustrationsgebet an Mars (Cato R. R. 141) 
aufgeführten UnZuträglichkeiten 54 ) durch 
magisches Abkehren (uti averrunces) sich 
abgewendet denkt. 1 


4< ) Tylor Cultur 2, 200; Bötticher Baum - 
kultus 372; Frazcr Der Goldene Zweig 808. 
* 7 ) Strauß 335 =* Samter 33; ARw. 16 (1913), 


1 127 ff. 133. «) ARw. 16, 135; Schoemann- 

Lipsius Griechische Altertümer * 2, 376 Anm. 1. 
4 ®) ARw. 16, 134. 60 ) Ovid Fasten 4> 736 ff.' = 
Samter 34. 51 ) Thesaurus Linguae Latinae 

2, 6 Sp. 1316; Usener Götternamen 9. 312. 
62 ) Augustinus De civitate Dei 6, 6 = Varro 
Antiquit. rer. div. 14 Fr. 61. 63 ) Samter 52. 

64 ) Sartori Sitte 3, 7. 

4. Durch das Auskehren wird auch Un¬ 
segen in bestimmterem Sinne, nämlich Un¬ 
geziefer, worin das Volk gern dämonische 
Wesen zu erblicken geneigt ist, beseitigt. 
Feste Vorschriften bestimmen Zeit, Mittel 
und Art des Fegens. Geeignete Tage sind 
Weihnachten, Fastnacht, Aschermittwoch, 
Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern, Geor- 
gi, Walpurgisnacht, Johannistag, St. Ab- 
donstag und Petri Kettenfeier 55 ). Be¬ 
sonders wirksam ist ein neuer oder ein 
in den Zwölften gebundener Besen 54 ); 
Märzschnee tut dabei gute Dienste 57 ). 
Man kehrt den Schmutz aus den vier 
Ecken der Stube 58 ), zuweilen rückwärts 
und nackt 59 ), vor Sonnenaufgang 60 ). Den 
Kehricht trägt man weit weg vom Hause, 
gern auf einen fremden Misthaufen, daß 
sein Besitzer das Ungeziefer erhält 61 ), 
auch wohl in der Absicht, daß die Hühner 
die Eier nicht auf den Misthaufen in 
andere Höfe legen, oder man bringt vor¬ 
sichtshalber gleich den Kehricht auf drei 
Düngerhaufen 62 ). Mancherorts werden 
außer der Stube auch die Ställe und der 
ganze Platz vor dem Haus bis zur Grenze 
gefegt. Der Kehricht wird dann auf 
einen Kreuzweg getragen; dabei macht 
man der Sonne drei Verbeugungen und 
sagt allerlei Sprüche im Namen der Drei¬ 
einigkeit her. Das befreit von Ungeziefer, 
und wer den Kreuzweg zuerst betritt, 
auf den wird es übertragen Ä3 ). Im 
Schwarzwald legt man auch die neuen 
Besen, mit denen man am Karfreitag das 
Haus auskehrte, auf den Kreuzweg, wo 
sie jedermann liegen läßt M ). Vorzugs¬ 
weise werden Flöhe dadurch vertrieben 
(vgl. den Bericht über die alten Preu¬ 
ßen). Wenn man den Auskehricht einem 
Bekannten auf die Schwelle schüttet, 
kann es dieser vor Flöhen im Hause nicht 
mehr aushalten; der Karfreitag ist hier¬ 
für ein besonders bevorzugter Termin. 
Wer dagegen auskehrt, bleibt das ganze 


1221 


kehren, Kehricht 


Jahr von dieser Plage befreit. Im Spree¬ 
wald muß der Kehricht gegen Abend 
geworfen werden, weil sonst die Flöhe 
wiederkämen Ä5 ). Den Pflügern wird beim 
ersten Pfluggang von der Frau oder der 
Magd Asche und Kehricht nachgeworfen, 
daß sie alle Flöhe mit nehmen. In öster¬ 
reichisch-Schlesien wirft man Kehricht 
dem Hirten beim ersten Austrieb nach 
mit dem Wunsche, er möge alle Flöhe 
mit auf das Feld nehmen 66 ). In Mecklen¬ 
burg sagt man beim Auskehren am ersten 
Mai folgenden Spruch: „Flöh’ und Lus, 
Rut ut min Hus, Ga hen na Nawers 
Hus“ 67 )! Wenn man Kehricht in des 
Nachbarn Garten wirft, so wird dort im 
Sommer das Gemüse von den Erdflöhen 
auf gef ressen 68 ). Anderseits muß man in 
Mecklenburg etwas Unrat beim ersten 
Spatenstich ein werfen, dann kommen 
keine Flöhe, weil sie hierdurch ab¬ 
geschreckt und gebannt werden 69 ). Von 
Läusen, hauptsächlich Hühnerläusen, be¬ 
freit man sich am vorteilhaftesten an 
Fastnacht 70 ). An Weihnachten dagegen 
werden nach einem Gebete die Schwaben 
ausgekehrt 71 ). Mit einem neuen, am 
Gründonnerstag gekauften Besen reinigt 
man am Karsamstag alle Winkel des 
Hauses. Das hilft gegen die Mäuse 72 ). 
Wird rings um das Feld gekehrt (durch 
das Kehren wird eine magische Grenze er¬ 
richtet), so gehen die Maulwürfe über die 
Grenze 73 ). Am Karfreitag hält man 
Kröten durch Kehren fern 74 ). Kehrt man 
am gleichen Tage vor Sonnenaufgang die 
Stube aus, so gehen in der Umgebung 
die Frösche zugrunde 75 ). Doch bestehen 
auch Verbote, am Karfreitag zu kehren, 
da man sonst viele Fliegen in das Haus 
bekommt 76 ). Ebenso zieht man durch 
Kehren beim Neumond Spinnen ins 
Haus 77 ). Gegen Raupen fegt man den 
Kohl am Johannistag. Raupen werden 
vertrieben, wenn man sie mit einem 
Besen, den man am Karfreitag benützte, 
abkehrt 78 ). Im Brandenburgischen wer¬ 
den vor Sonnenaufgang die Obstbäume 
umkehrt, damit keine Raupen in den 
Garten kommen 79 ). Die Spree Wälder fe¬ 
gen die Raupen vom Kohl, wenn eine 
Leiche vorbeikommt, und sprechen dabei: 


„Nimm mit, nimm mit“ 80 ). Ob die Vor¬ 
schrift: „Man kehre die Holzlager, die 
Werkstätten von Schreinern, Wagnern, 
überhaupt von Holzarbeitern, sauber aus, 
so kommt der „Wurm“ nicht mehr ins 
Holz,“ nur rein praktischen oder einen 
bedeutungsvolleren Sinn hat, bleibe dahin¬ 
gestellt 81 ). 

M ) Birlinger Volksth. 2, 78; Aus Schwa - 
ben 1, 385; Sartori Sitte 3, 116 Anm. 

116; Schönwerth 3, 279; Wuttke 75 

Nr. 87; Fogel Pennsylvania 254 Nr. 1319; 
Drechsler 1, 81; Knoop Hinterpommem 174; 
Reiser Allgäu 2, 114 Nr. 4; Strackerjan 1, 
76; Pollinger Landshut 159; Vernaleken 
Alpensagen 371; Baumgarten Jahr u. s. Tage 
23. 28; Hmtld. 13 (1926), 9. 50 ) Bartsch 2, 261 
Nr. 1363; Wuttke 75 Nr. 87. M ) John 
Erzgeb. 191. 195; Wuttke 93 Nr. 114. 

ß# ) Köhler 357. 369 = Wuttke 83 Nr. 98. 
60 ) Kuhn Westfalen 2, 134 Nr. 403; John 
Westböhmen 37. fll ) Schramek 136. 255. 

® 2 ) John Westböhmen 41; Schönwerth 1, 349. 
® 3 ) Drechsler 1, 87. ® 4 ) Meier Schwaben 2, 
389 Nr. 54 = Sartori Sitte 3, 145 Anm. 9. 
45 ) Veckenstedt Sagen 442 Nr. 71. 72; Bir¬ 
linger Volksth. x, 472; Witz sehe! Thüringen 2, 
190 Nr. 15; Schön werth 3, 379: Köhler 357. 
369; Drechsler 2, 3; Wuttke 267 Nr. 393; 
Schramek a. a. O.; IAE. 13 (1900), 144; 
Schuienburg 253. 6 ®) ZfVk. 14 (1904), 143 = 
Sartori 2, 62. Ä7 ) Bartsch 2, 267 Nr. 1387 a. b. 
* 8 ) Pollinger 159. ® 9 ) Bartsch 2, 161 Nr. 749. 
70 ) Fogel 254 Nr. 1320; 255 Nr. 1323. 71 ) Bir¬ 
linger Volksth. 1, 468. 72 ) Grohmann Apollo 
Smintheusbi =Wu ttke 400 Nr. 615. 73 )Wuttke 
416 Nr. 647. 74 ) Birlinger Volksth. 2, 78; 

Reiser Allgäu 2, 114 Nr. 4. 7ß ) ZfVk. 4 (1894), 
395 - 7e ) Fogel 255 Nr. 1327. 77 ) Ders. 242 

Nr. 1250. 78 ) Strackerjan 1, 70 Nr. 76 = 

Wuttke 417 Nr. 648; HessBl. 11 (1912), 215 f.; 
Bad.Hmt. 1 (1914). 91; Becker Pfalz 242; 
Busch Volksglaube 48. 79 ) Engelien u. Lahn 

273. 80 ) Schulenburg Wend. Volkst. 242. 

8I ) Reiser Allgäu 2, X14 Nr. 5. 

5. Kehren wehrt Übel ab bei Umzügen 
und Einzügen. Vielerorts gibt es Masken, 
die alte Besen tragen und damit die Straßen 
kehren. Vülinger und Rottweiler „Wüste“ 
führen solche Reisigbesen im Zuge mit. 
Beim Villinger Narrentreffen 1929 kehrte 
ein Rottweüer mit seinem Besen die Straße 
(selbst beobachtet) 82 ). Beim Huttier¬ 
laufen in Tirol kehren die Huttier sogar die 
Zuschauer mit einem kotigen Besen tüch¬ 
tig ab. Auch Kinder tragen zu diesem 
Zwecke solche Besen 83 ). In Steiermark 
kehren beim Einsammeln der Bausteuer 
zwei Burschen den Weg bis zum Neubau 84 ). 


1223 


kehren, Kehricht 


1224 


Beim Einbringen des Kammerwagens 
kehrt in Böhmen eine Person mit einem 
langen Barte den Staub unter den Rä¬ 
dern weg 86 ). Bei Triberg kehrt eine är¬ 
mere Person mit einem neuen rotbebän¬ 
derten Besen vor den Brautleuten her, 
wenn sie zum Wirtshaus gehen 86 ). Im 
Kanton Bern wird vor dem Taufzug 
die Straße gewischt 87 ). Auch in Sontheim 
(Württemberg) ist außer Strohstreuen 
das Wegkehren üblich, wenn darauf ein 
Taufzug kommt 88 ). Am ersten Kirch¬ 
weihtage geht es manchmal noch zum 
Gottesdienst über die frischgekehrte 
Straße 89 ). Am Dreikönigstag trug in 
Voßwinkel der Mohr gewöhnlich einen 
Besen und kehrte damit alles Unglück 
aus dem Hause hinaus 90 ). 

82 ) Lüers Sitte 23; Jahn Opfer gebrauche 115; 
Mannhardt 1, 268 f. 541. 543 — Sartori 
Sitte 2, 112; 3, 99 Anm. 4; ZfVk. 8 (1898), 441; 
Kuhn Westfalen 2 168; Zingerle Tirol 137 
Nr. 1205; Schmitz Eifel i, 20; 2, 41. Abbildung 
von ,,Wüsten“ mit Besen in der Hand in Hmtld. 
13 (1926), 47. 87 ) Zingerle 136 Nr. 1196; Hör¬ 
mann Volksleben 12. 14 = Sartori Sitte 3, 100. 
M ) Rosegger Steiermark 1, 10. 86 ) John 

Westböhmen 161. 88 ) Meyer Baden 297. 87 ) 

Hoffmann-Krayer-28. 88 ) Höhn Geburt 271. 
8# ) Spieß 139; Heßler 2, 575 = Sartori 3, 
249. 90 ) Hüser Beiträge 2, 31 = Sartori 

3, 79 Anm. 34. 

6. Eine beachtenswerte Rolle spielt 
das Kehren und der Gebrauch des 
Kehrichts bei zauberkräftigen Handlun¬ 
gen. Will man einen Geist bannen, so 
kehre man mit einem neuen Besen das 
Geisterhaus aus. An der Stelle, wo er 
sitzt, wird er sich kenntlich machen und 
wie ein Hund zu heulen anfangen. Ein 
im Stall hausender Flaschengeist wird 
durch Kehren gebannt 91 ). Der Teufel 
und die Hexen werden durch Nachkehren 
unschädlich gemacht. Schon das Lukas¬ 
evangelium (n, 24—26) kennt das Fegen 
hinter dem Bösen drein. Wenn der Teufel 
dann in sein altes Haus zurückkehren 
will, findet er es ausgekehrt und 
geschmückt (vermutlich ein Schmuck 
aus apotropäischen Zweigen und Bän¬ 
dern). Gegen diese abweisenden Ma߬ 
nahmen kommt er allein nicht auf, er 
muß andere Teufel, mächtiger (böser) als 
er, holen, um sich mit vereinten und ver¬ 


stärkten Kräften den Wiedereintritt zu 
erzwingen. Wenn eine Hexe fortgeht, 
schlägt man ein Kreuz und fegt die ganze 
Diele rein ab 92 ). Doch genügt auch schon 
bloßes Ausfegen, um die Hexe fernzuhal¬ 
ten. Ein „Zwölftenbesen“ leistet dabei 
den wirksamsten Dienst. Eine Unter- 
inntaler Hexe „hat nimmer Gewalt, wenn 
der Schwazer Besen kehrt“ •»). In der 
Ostemacht soll bei den Wenden die Haus¬ 
frau aus den vier Stubenecken nach der 
Mitte zu kehren und den Kehricht auf 
die Straße werfen, dann ist das Haus vor 
Behexung geschützt 94 ). An und für sich 
ist es aber gefährlich und unvorsichtig, 
den Kehricht auf die Straße zu schaffen, 
die Hexen können ihn nämlich zu ihren 
Zaubereien benützen 95 ). Will eine Hexe 
das Zaubern erlernen, so muß sie auf 
Stubenkehricht treten, den sie selbst 
zusammenfegte, und Christum abschwö¬ 
ren mit den Worten: „Ich tret' auf dieses 
Genist Und verschwöre meinen Herrn 
Jesum Christ“ 96 ). Will jemand mit den 
Vilen (unheimlichen Geistern) Wahl¬ 
schwesterschaft eingehen, so muß er mit 
einem Besen, mit dem noch nie gekehrt 
wurde, vor Sonnenaufgang im Hofe um 
sich herum einen Kreis auskehren, in die 
Mitte treten und eine Formel sprechen 97 ). 
Wer in der Georgsnacht mit einem glim¬ 
menden Besen den Kreuzweg kehrt, dem 
erscheint der Teufel 98 ). Will man seinen 
Feind böse verzaubern, so nimmt man 
einen Besen, mit dem man einem Toten 
auskehrte, verbrennt ihn und bestreut 
mit der Asche des Besens seinen Feind "). 
Hexen verkrümmen und lähmen mißlie¬ 
bige Menschen, wenn diese in der Stube 
zusammenkehren, den Kehricht aber lie¬ 
gen lassen, denn der Teufel kann sich 
leibhaftig dahinter verbergen 10 °). Auch 
mit dem Kehricht vor der Haustüre 
können sie Lähmungen herbeiführen oder 
wenigstens daraus ersehen, was im Hause 
vor sich geht 101 ). Wer nicht hexen kann,, 
und dennoch weggeworfenen Kehricht 
aufhebt, verfällt dem Teufel 102 ). Daher 
spuckt man zur Abwehr auf den Haufen, 
bevor man ihn aufnimmt, oder auf die 
Stelle, von wo man ihn aufgenommen 
hat 103 ). Wenn man auf Kehricht pißt„ 


kehren, Kehricht 


1226 


bewerfen die Heinzelmännchen, die ihren 
Sitz im Kehricht haben, den Menschen 
oft mit Ausschlag. Um es zu verhindern, 
soll man dreimal ausspucken 104 ). Der 
unvorsichtig auf den Düngerhaufen weg¬ 
geworfene Kehricht wird oft zum Schaden¬ 
zauber mißbraucht; besondere Vorsicht 
ist an Fastnacht geboten 10S ). In der Ober¬ 
pfalz sagte andeutend das Holzfräulein: 
„Wüßten doch die Leut', wozu das Drüpf- 
wasser und Auskehricht ist, wenn man 
es auf den Mist führt“ 106 ). Trägt man 
den Kehricht der Reichen in das Haus 
eines Armen, so wird dieser reich und 
umgekehrt 107 ). Um Mitternacht kehrt 
man Liebeszauber zusammen 108 ). Übles 
fügen mißvergünstigte Leute dem Braut¬ 
paar zu, wenn sie während der Trauung 
auf dem Oberboden unter Verwünschun¬ 
gen hin- und herfegen 109 ). Verhexung 
und Unglück behebt man auf folgende 
Weise: Vor Sonnenaufgang wird im Na¬ 
men des Teufels eine Haselgerte ge¬ 
schnitten, Staub aus allen vier Ecken 
zusammengefegt und in einen Sack ge¬ 
füllt. Dieser wird auf die Schwelle ge¬ 
legt und mit der Gerte bearbeitet. Jeden 
Schlag auf den Sack spürt die Hexe. 
Wird „Kutter“ um Mitternacht nackt 
zusammen-,,gefirbt“ und ebenso behan¬ 
delt, dann läßt der Verzauberer mit 
Hexen nach no ). Ein Dieb wird ge¬ 
züchtigt, wenn Staub von überall, wo er 
gestanden und gegangen sein kann, inner¬ 
halb 24 Stunden zusammengefegt und in 
einem Hafen zum Sieden gebracht wird; 
dann muß der Dieb stark laufen 111 ). 
Stubenkehricht wird mit der Asche eines j 
verbrannten Brotlaibes vermischt in ein i 
Tüchlein gebunden und zur Dämpfung 
der Brunst in die Flammen geworfen U2 ). 
Mit Kehricht werden Hexenwetter herauf¬ 
gezaubert. Man wirft ihn zusammen mit 
Haaren, Steinen und Glockenspeise ins 
Wasser 113 ). Die Magd einer Wetterhexe 
sollte bei einem Gewitter mit einem 
Ährenbündel den Speicher kehren. Da 
sie aber eigenmächtig ein Tannenreis 
nahm, füllte sich der Speicher mit Tannen¬ 
nadeln statt mit den ausgeschlagenen 
GetreidekÖmem. Wenn die drei schwar¬ 
zen Melker fertig waren mit Käsen, 


kehrte einer den Boden der Hütte rein 
aus, tat den Kehricht in eine Pfanne und 
kochte daraus ein Melchermus 114 ). 

M ) Kiesewetter Faust 452; Rochholz 
Sagen 2, 140. 9 *) Klingner Luther 116; 

Schambach-Müller 174 Nr. 193. 2; Bartsch 
2, 249 Nr. 1283 t.; Alpenburg Alpensagen 91. 
M ) Wuttke Sächs. Volksk. 371. 95 ) Andree 

Parallelen 2, 11; Wuttke 83 Nr. 98; 379 Nr. 
610; Schönwerth 3, 174; Urquell 4 (1893), 74; 
Lammert 38. 96 ) ZfVk. 21 (1911), 295 (Henne- 
bergischer Zauber- und Hexenprozeß 1662). 
97 ) Krauß Relig. Brauch 104. M ) Wlislocki 
Magyaren 166. 99 ) Krauß Relig. Brauch 135. 

10 °) ZfVk. 21 (1911)' 2 94 - 101 ) Andree 2, II. 

JW) Zingerle 58 Nr. 501. 103 ) Urquell 3 (1892), 
56 f.; Seligmann 2, 210. 104 ) Seefried- 

Gulgowski 187. 10S ) Wuttke 83 Nr. 98. 

Schönwerth 3, 368. 107 ) Grohmann 22 

Nr. 1564 — Wuttke 271 Nr. 398. 108 ) Drechs¬ 
ler 2, 6. 109 ) John Erzgebirge 97. 110 ) Roch¬ 
holz Glaube 2, 166 = Lehmann Aberglaube 
125; Birlinger Schwaben 1, 116 Nr. 13h; 
Schmid-Sprecher 87. 1U ) ZfVk. 5 (1895k 

279 Nr. 19. 11# ) John Westböhmen 274. n *) 

Heyl Tirol 176 Nr. 81; 800 Nr. 242; 437 Nr. 
127. n4 ) Ders. 817 Nr. 162. 

7. Bei den beiden eben erwähnten 
1 zauberischen Handlungen läßt sich be¬ 
reits ein neuer Sinn des Kehrens erkennen. 
Zusammenkehren als Handlung des 
Sammelns „bringt zu“. Auch der 
Kehricht, das Resultat des Kehrens, 
übernimmt von der Handlung diese 
Eigenschaft des „Zubringens“. Somit 
werden Kehren und Kehricht zum Unter¬ 
pfand des Erwerbs, des Besitzes, des 
Glückes überhaupt, vielleicht aber gerade 
auch darum, weil ihm, wie oben gezeigt, 
das Verbundensein mit den imheim¬ 
lichen Geistern zugute kommt. Wenn 
man in der hl. Nacht zwischen n und 
12 Uhr unter der „Urbete (Obertenne) 
firbt“, dann hat man am andern Morgen 
in der Urbete alle Arten von Frucht 1U ). 
Mancher Kaufmann kehrt den Staub vor 
seiner Türe in den Laden, damit er viel 
Absatz habe n *). Um Mitternacht vor 
der Türe gesammelter Kehricht wird ins 
Haus gebracht, um Wirtshausgäste an¬ 
zuziehen. Umsomehr muß man sich 
| daher hüten, abends oder vor dem Morgen 
das Lokal zu kehren, da sonst die Gäste 
wegblieben 117 ). Auf daß viele Burschen 
die Spinnstube besuchten, kehrten die 
Mädchen den Kehricht aus allen Winkeln 


1227 


kehren, Kehricht 


1228 


des Hauses zusammen und sagten dabei: 
„Wir kehren zusammen den Kehricht, 
Jünglinge und Witwer; es komme, wer 
wolle, von Berg und Tal und von der 
Scheuer“ 118 ). Scherzweise fegen beim 
Auskehren die Mädchen um einen Jüng¬ 
ling herum, damit die Bräute um ihn 
herumgehen 119 ). Ist dagegen jemand mit 
Vieh auf dem Markte, so darf in seinem 
Hause nicht gekehrt werden, sonst fegt 
man ihm die Käufer weg 120 ). Neue 
Hunde werden anhänglich gemacht, wenn 
man drei Haarbüschel von ihnen an einen 
Ort legt, wo man sie nicht auskehrt 121 ). 
Die Fischer in den Masuren legen, wenn 
sie fischen gehen, etwas Kehricht in das 
Netz, das bringt Erfolg. Wird in Ost¬ 
preußen etwas aus dem Hause zum Ver¬ 
kaufe geführt, so wirft man eine Hand¬ 
voll Kehricht hintennach, dann hat man 
Glück 122 ). 

118 ) Krauß Relig. Brauch 127; Lachmann 
Überlingen 400. 11Ä ) Grohmann 223 Nr. 1561 

= Wuttke 454 Nr. 718. 11? ) Meiche Sagen 

493 Nr. 641 (zu Budissin, Lausitz 1677); Haupt 
Lausitz 1, 195 Nr. 228; John Westböhmen 251; 
Strauß 286. 118 ) Grohmann 147 Nr. 1085; 

Urquell 1 (1890), 12 Nr. 13. 12 °) Wuttke 450 

Nr. 710. m ) Drechsler 2, 96; Haustiere 10. 
m ) Toppen Masuren 94. 102; Frischbier 
Hexenspr. 158; Wuttke 453 Nr. 716; IAE. 13 
(1900), 155; Wuttke 450 Nr. 710. 

8 . Als heilkräftige und apotropäische 
Substanz kommt der Kehricht bei Krank¬ 
heitsfällen in Anwendung. Wer Warzen 
vertreiben will, muß Auskehricht nehmen, 
dreimal kreuzweise diese drücken und 
sprechen: „Im Namen . . .“ 123 ). Für 
Kolik wird Stubengemill (Gemüll) ver¬ 
schrieben 124 ). Besteht der Verdacht 
einer Behexung, so sind Räuchereien mit 
Kehricht aus den vier Winkeln ange¬ 
bracht 125 ). Wenn Kinder unruhig schla¬ 
fen, müssen sie verhext sein. Daher kehrt 
man aus allen Ecken Kehricht zusammen 
und legt ihn unter das Bett oder unter 
den Kopf. Dieser Vierwinkelstaub ver¬ 
treibt die Geister, die das Kind quälen 128 ). 
Daher darf die Wöchnerin unter der Wiege 
nicht wegkehren, sie nähme sonst dem 
Kinde die Ruhe 127 ), nach dem Aus- 
£ an g ginge ihr der Segen der Kirche ver¬ 
loren 118 ). Auch bei Erwachsenen darf 
man nicht unter dem Bett feeren. weil sie 


sonst neun Tage nicht mehr schlafen 129 ). 
Gegen das drei tätige Fieber ist siebenerlei 
Kehricht aus sieben (semitisch!) Tür¬ 
angeln umzubinden 130 ). Wöchnerinnen 
werden durch Aufstreuen von Kehricht 
auf die Brüste oder durch Räucherung 
mit den Spänen des Besens, womit das 
Zimmer gekehrt wird, geschützt m ). 
Damit die Nachgeburt nicht anwachse, 
soll die Schwangere täglich die Stube aus¬ 
kehren 132 ). Ein südslavischer Zauber¬ 
spruch lautet: „Drei Jungfräulein, Drei 
Schwesterlein, Jede trägt ein Beslein, — 
Um von des Petrus getauftem Leibe die 
Krankheit wegzukehren“ 133 ). Hat ein 
Tier infolge Behexung Krämpfe, so jagt 
man es mit einem Kehrbesen aus dem 
Stalle. Hier zeigt sich bereits die Ab¬ 
schwächung des Auskehrens. Das In¬ 
strument vertritt die ursprüngliche Hand¬ 
lung 134 ). In Ostpreußen wird der in den 
Zwölften gesammelte Kehricht verbrannt 
und als ,, Zwölf tenasche“ aufbewahrt, 
damit später das weidende Vieh gegen 
Verhexung damit bestreut werden kann 
136 ). Der Wechselbalg muß mit einem 
alten Besen vor die Tür gefegt werden, 
dann bringen die Zwerge das geraubte 
Kind wieder 136 ). Kehricht wird den 
Kühen, die gekalbt haben, in die Tränke 
gegeben 137 ). In einem St. Lambrechter 
Prozesse von 1614 bekennt der Ange¬ 
klagte, er habe von einer Sennerin gelernt, 
daß, wenn die Kühe dem Stiere nicht 
zugehen wollten, man die Stube neunmal 
fegen und den Kehricht den Kühen zum 
Fressen geben solle; dann würden diese 
trächtig werden 138 ). Bei St all Verhexung 
wird Kehricht unter der Stallschwelle 
vergraben, über die das Vieh schreiten 
muß 139 ). Vermöge seiner übelabwen¬ 
denden Kraft wird der Kehricht gemein¬ 
hin als Sitz des häuslichen Friedens und 
Glücks angesehen. Als glückbringendes 
Symbol und Pfand heilt der Stuben¬ 
kehricht das Heimweh 140 ). Man näht 
dem Scheidenden etwas Kehricht in ein 
Kleidungsstück 141 ), oder gibt ihn in eine 
Eierspeise oder in der Suppe, auch im 
Kaffee und im Kuchen. Hauptsächlich 
Bräute und Dienstboten werden auf diese 
Weise gegen Heimweh gesichert 142 ). Mit 


1229 


kehren. Kehricht 


1230 


Kehricht muß, soll das Glück nicht ver¬ 
scherzt werden, sorgsam umgegangen 
werden. Man darf ihn daher nicht über 
die Schwelle fegen oder gar auf den Mist 
werfen, da man das Glück fortwürfe 143 ). 
Hebt man den Kehricht auf, so hat man 
immer viel Geld im Haus 144 ). 

123 ) Drechsler 1. 45; Veckenstedt Sagen 
457 Nr. 29. 124 ) Höhn Volksheilkunde 1, 110. 

1M ) Grimm 3, 334 Nr. 2 (Rockenphilosophie); 
Busch Volksglaube 69; Schönwerth 1, 187. 
1W ) John Erzgebirge 55; Köhler 432; Drechs¬ 
ler 1, 210; Meyer Baden 374; Volksk. 105; 
Haltrich Siebenb. Sachsen 260; Wuttke 386 
Nr. 587; ZfVk. 21 (1911). 295. 127 ) Drechsler 

1, 205. 128 ) Ders. i, 188. 129 ) Wuttke 313 

Nr. 463. 13 °) Blau Zauberwesen 73. m ) 

Grimm 3, 460 Nr. 731; Birlinger Schwaben 

1, 394. 132 ) John Westböhmen 101. 133 ) Krauß 

Relig. Brauch 49. 134 ) Drechsler 2. 252; 

Samter Geburt 34. 136 ) Frischbier 143. 148. 

13c ) Kuhn u. Schwartz 424 Nr. 227. 137 ) 

Meyer Baden 374; Wuttke 442 Nr. 697. 
138 ) ZfVk. 7 (1897), 191. 13# ) John Westböhmen 

320. 14 °) ZfVk. 23 (1913). 283; Sartori 2, 47. 
50. 141 ) Finder 2, 226; Meyer 374. 142 ) 

Bohnenberger 20; Meyer 374. 143 ) Groh¬ 

mann 223 Nr. 1563; Urquell 1 (1890), 48 Nr. 29 
(Ostpreußen); John Erzgebirge 1, 36; ZrwVk. 
1905. 205; ZfVk. 20 (1910)» 383 Nr. 33; 24 
(i 9 M)» 57 Nr. 40; Wuttke 397 Nr - 6lo i Finder 

2, 221. 143 ) Veckenstedt 434 Nr. 8. 144 ) 

John Erzgebirge 183. 193; Sartori 3, 145. I 

9. Gar wichtig ist die Richtung, in der 
das Kehren vorzunehmen ist. Man muß 
von der Türe nach der Mitte des Raumes, 
also „zubringend“ kehren 145 ), im Stall 
nur von der vorderen Tür nach der hinte¬ 
ren, andernfalls geht das Glück zum Stall 
hinaus 146 ). Treppen sind von unten nach 
oben zu kehren, damit der Segen in das 
Haus hinein-, bzw. hinaufgekehrt wird 147 ). 
Ehe die Neukonfirmierten zum Abend¬ 
mahl gehen, kehrt man das Haus von 
unten herauf bis zur Wohnung, nur vor¬ 
wärts, nie zurück. Der Kehricht wird 
ein Jahr lang als segenbringend auf- 
bewahrt 148 ). Daher darf man auch 
Spinnweben in der Stube nicht von unten 
nach oben abfegen, man will sie ja los¬ 
werden 149 ). Günstige Kehrtage sind Neu¬ 
jahr, Fastnacht, Gründonnerstag und 
Karfreitag. Der „Osterputz“ hat sich 
bis heute gehalten 150 ). Kehrt man am 
Jahresende, dann wird das neue Jahr 
glücklich. Dieses darf keinen Kehricht 
vorfinden. Fegt man nicht noch in der 


Silvesternacht, so herrschen Unordnung 
und Krankheiten im neuen Jahr 161 ). 
Den Kehricht verbrennt man im Ofen; 
das schützt gegen Einschlagen und bringt 
Glück 162 ). Besen, mit denen man die Kir¬ 
che kehrt, verhelfen besonders zum 
Glück 153 ). Daher soll man das Haus mit 
einem solchen Besen kehren oder wenig¬ 
stens Kirchenkehricht hinein tragen, wenn 
man das Glück fest halten will 164 ). Das 
Getreide muß mit einem „Zwölftenbesen“ 
zusammengekehrt werden, wenn es nicht 
brandig werden soll 155 ). An Pfingsten 
bringt die Reinigung des Hauses mit 
gelbblühenden Ginsterbesen Glück. Im 
Lüdenscheidschen werden den Kühen am 


ersten Pfingsttag weiße Besen ans Horn 
gebunden. Mit diesen Besen wird an 
manchen Orten durch das Haus gekehrt 
156 ). Am dritten Pfingsttag wird die Dorf¬ 
quelle gefegt, mancherorts in der Mai¬ 
nacht. Doch ist unter diesem Fegen eine 
bloße Reinigung zu verstehen 157 ). Auf 
einen uralten magischen Frühlingszauber 
mag das „Lerchenfegen“ (s. d.) zurück¬ 
gehen. An Lichtmeß bewaffneten sich die 
Twieflinger Bur sehen mit Besen, gingen am 
frühen Morgen aufs Feld und fegten die 
Lerchen, indem sie ihnen zuriefen: „Lereke, 
du fule Su, Wir sünd ehr opestan wie 
du“ lß8 ). Da die Feldlerche als Früh¬ 
lingsbote (bisweilen erscheint sie schon 
Anfang Februar) 159 ) und als einer der 
frühesten Vögel am Morgen gilt, wird sie 
mit dem Besen aufgescheucht. Wenn 


flug vom Tagesbeginn nicht zu trennen 
vermag, so muß nach eben dieser Vor¬ 
stellung klärlich der Tag früher an¬ 
fangen, wenn die Lerche zu noch früherem 
Auf fliegen aufgestöbert wird. Je länger 
der Tag aber wird, desto rascher muß es 
Frühling werden. Rituelle Ungeduld 
kann seinen normalen Eintritt nicht er¬ 


warten, durch die magische Handlung 
wird der Zeitablauf beschleunigt. Mehr 
praktischen Zweck verfolgt „Petri St aul¬ 
fege“. Am 22. Februar (Petri Stuhl¬ 
feier) werden die Bienenstöcke gefegt 160 ). 
Am gleichen Tage bringt man in der 
Werragegend den „Petersdreck“, einen 
Topf mit Leinsamen, Kehricht und Flachs- 


1231 


kehren, Kehricht 


1232 


abfall und wirft ihn mit dem Rufe: „So 
hoch soll der Flachs werden!“ in die 
Stube (Fruchtbarkeitszauber ) 161 ). 

145 ) Urquell 1 (1890), 48 Nr. 27; 4 (1893), 94 
Nr. 43; Sartori 3, 63; Wlislocki Magyaren 
84; ZfVk. 4 (1894), 319. 148 ) Kohlrusch 341. 

147 ) J°h n Erzgebirge 193 = Wuttke 397 Nr. 
610; Sartori 3, 145. 148 ) John Erzgebirge 67. 

14# ) Wuttke 397 Nr. 610. 16 °) Sartori 3, 40. 

145; John 193; Wlislocki 84; Kuhn West¬ 
falen 2, 167 Nr. 469; Fogel 251 Nr. 1300; 
Lippert Christentum 465. 615. 151 ) Grabinski 
Sagen 53 = Sartori 3, 63; John 183. 152 ) 

Fogel 251 Nr. 1300; Sartori 3, 145. 1M ) 

Grohmann 223 Nr. 1562. 1M ) Wuttke 144 

Nr. 198; 397 Nr. 610. 156 ) ZfVk. 1 (1890), 394. 

X58 ) Kuhn Westfalen 2, 167 Nr. 469; Jahn 
Opfergebräuche 310; Meyer Baden 97; Sartori 
Westfalen 161 f. ~ Sitte 3, 195 Anm. 14; 207 
Anm. 52. 157 ) Grohmann 52 Nr. 333; Schell 

Berg. Volksk. 98; DWb. 3, 1414. 158 ) ZfVk. 12 

(1902), 342; Sartori 3, 86. 1S9 ) Brehm Tier¬ 
leben 9, 546. 18 °) Bartsch 2, 253 Nr. 1317. 

lö1 ) Witzschel 2, 189 = Jahn 114 = Sar¬ 
tori 3, 89. 

10. Die Kehr verböte sind zahlreich. 
Wer Brot backen will, darf nicht kehren, 
solange der Teig im Trog ist, das Brot 
geht nicht in die Höhe (hier scheint ein 
Racheakt der durch das Kehren auf¬ 
gescheuchten Geister vorzuliegen), oder 
man kehrt ein Brot (Hausglück) mit 
hinaus 162 ). Beim Ausfegen der Korn- 
und Mehlkasten darf nicht alles aus¬ 
gefegt werden; bleibt kein kleiner Rest, 
so gerät man in Not 163 ). Brotabfälle 
dürfen auf dem Schiff nicht ausgekehrt 
werden, sonst fressen die Ratten das 
Mehl auf (Ablösungsopfer) 164 ). Wenn 
die erste Fuhre Korn eingefahren wird, 
soll man das ausgefallene Korn, das nach 
dem Abladen auf dem Wagen bleibt, 
nicht abfegen, sondern wieder mit auf 
das Feld nehmen; dann kommen in die 
Scheune keine Mäuse 165 ). Spinnweben 
im Stalle darf man nicht abkehren, denn 
sie verzehren das Gift, auch bringen sie 
Glück und Segen ins Haus 168 ). Da die 
Spinne aber auch als giftig gilt, bringt 
das Abkehren der Spinnen dem Vieh 
Gedeihen 167 ). Beim Kehren im Hof 
werden Staubwolken aufgewirbelt, die 
das Wetter herbei ziehen. Daraus er¬ 
klärt sich, warum das Wetter schlecht 
wird, wenn man den Hof kehrt. Der 
alte Wetterzauber wird nicht mehr ver¬ 


standen 168 ). Man soll beim Stuben- 
fegen nicht mit heißem Wasser sprengen, 
es gibt sonst Zank im Haus (die Haus¬ 
geister leiden im Kehricht, werden da¬ 
durch aufgebracht und stiften Unfrie¬ 
den) 169 ). Beim Fegen darf der Kehricht 
nicht über die Schwelle gefegt werden, 
weil sonst das Brot aus dem Haus ge¬ 
kehrt wird. Daher wird er vor der 
Schwelle aufgehoben 17 °). Bei den Bul¬ 
garen darf kein Mädchen die Türschwelle 
selbst kehren, sonst werden die Brüste 
groß, was nicht schön, sondern ein 
Kennzeichen der „Pestfrauen“ ist. Wenn 
beim Bettmachen Stroh in die Stube ge¬ 
fallen ist, muß man es mit der Hand auf- 
heben und wegtragen; es darf nicht aus¬ 
gefegt werden, sonst kommt es zu Un¬ 
stimmigkeiten zwischen den Eheleuten 171 ). 
Besonders abends hat man das Kehren 
zu unterlassen. Der Kehricht muß im 
Hause bleiben, weil er leicht von den 
nächtlichen Unholden zum Schadenzauber 
mißbraucht werden könnte 172 ). Mit dem 
Kehricht werden abends die Armen Seelen 
ausgekehrt, oder die Mutter Gottes wird 
dadurch vertrieben 173 ). Auf dem Besen 
reitet dann der Teufel 174 ). Ist man aber 
dennoch gezwungen, nachts zu kehren, 
so versenge man vorher, um den Bösen 
zu verscheuchen, die Spitze des Besens. 
Dadurch wird, was im Besen sitzt, un¬ 
schädlich gemacht. Man kann mit leich¬ 
ter Mühe aus den eben angeführten 
Stellen eine christliche Umfärbung er¬ 
kennen 175 ). Nach französischer Volks¬ 
meinung stirbt der Hausherr, wenn nach 
Sonnenuntergang noch gefegt wird, be¬ 
sonders, wenn es am Palmsonntag ge¬ 
schieht 176 ). Abends darf man nicht 

kehren, weil man dann nicht schlafen 
kann oder der Erwerb gemindert wird. 
Nach Sonnenuntergang soll man nicht 
den Schafstall fegen, denn die Tiere er¬ 
kranken. Im Unter harz kehrt man aus 
diesem Grunde schon nach der Vesper¬ 
stunde (3 Uhr) die Stube nicht mehr 
gern aus, um das Glück nicht fortzu¬ 
schaffen 177 ). Am Einzugstage dürfen 
vor Sonnenaufgang die Türstufen nicht 
gekehrt werden m ). Das Kehren in der 
Mittagsstunde ist nicht ratsam, weil der 




i 


i2 33 kehren, 

Segen herausgefegt wird 179 ). Mittwoch 
und Freitag dürfen die Ställe nicht aus¬ 
gemistet werden 180 ). Vor den Hoch¬ 
festen (Weihnachten, Ostern und Pfing¬ 
sten) soll das Fegen unterbleiben, haupt¬ 
sächlich vor Weihnachten 181 ). Binnen 
Jahresfrist stirbt ein Mensch, wenn am 
hl. Abend die Treppe gescheuert ward 182 ). 
In den hochheiligen und unheimlichen 
Zwölften unterlasse man das Kehren; kein 
Kehricht darf in der Stube liegen, auch 
nicht über die Schwelle hinausgetragen 
werden 183 ). Während der Zwölfnächte darf 
kein Stall ausgemistet werden, sonst ver¬ 
liert man im Laufe des Jahres ein Tier 184 ). 

181 ) Grimm 3, 435 Nr. 33 (Rockenphilo¬ 
sophie); Birlinger Schwaben 1, 414; MschlesVk. 

8 (1901), 27; Fogel 188 Nr. 917; IAE. 13 (1900), 
143 Anm. 1; 155 Anm. 13. 183 ) Meyer Aber¬ 

glaube 225 f. 184 ) Bartsch 1, 52 Nr. 46. m ) 
Ders. 2, 311 Nr. 1509. 188 ) Wuttke 440 Nr. 

692; Drechsler 2, 220. 187 ) Panzer Beitrag 

2, 298. lfl8 ) Reiterer Ennstalerisch 59. 189 ) 

Grimm 3, 448 Nr. 424 (Rockenphilosophie). 
17 °) Urquell 1 (1890), 48 Nr. 29; 3 (1892), 246 
Nr. 20; ZfVk. 24 (1914). 57 Nr 4 ° m ) Strauß 
299; Krauß Relig. Brauch 59; Finder 2, 221; 
372 ) Wuttke 397 Nr. 610; ZfVk 1 (1891), 188; 
John Erzgebirge 36; Toppen 94; Engelien u. 
Lahn 267 Nr. 160; Bartsch 2, 198 Nr. 937; 
Drechsler 2, 6; Sartori 2, 47; Finder 223; 
S^billot Folk-Lore i, 136 f.; Fogel 109 Nr. 
468 ff. 173 ) S6billot 1, 136; Samter 38 Anm. 1. 
174 ) Urquell 1 (1890), 48. 176 ) Abeghian Ar¬ 
menien 32. 178 ) S6billot 1, 137. 177 ) Urquell 

4 (1893), 74 Nr. 5; Veckenstedt 434 Nr. 8; 
Bartsch 2, 132 Nr. 559; Strauß 286; IAE. 13 
(1900), 155. 178 ) John 28. 179 ) Engelien u. 

Lahn 268 Nr. 160; John 36. 18 °) Fogel 258 

Nr. 1347t. l81 ) Strackerjan 2, 34 Nr. 290; 

ZfVk. 4 (1894). 313; John 36; Müller Iser- 
gebirge 30. 182 ) John 113. 183; ZföVk. 4 (1898), 
218 Nr. 567; Kuhn 2, 113 Nr. 338; Wuttke 
64 Nr. 74; Finder 175; Frischbier 143. 
1M ) Bartsch 2, 245 Nr. 1270 a; 247 Nr. 1275 a = 
Sartori 3, 24. 

11. Wer sich aber in dieser Zeit an die 
Verbote nicht hält, der kann die Zu¬ 
kunft erfahren. Am hl. Abend wird in 
der Meßkircher Gegend der Tennenboden 
sorgfältig ausgekehrt, so daß manche 
Körner vom „Obertenloch“ herabfallen. 
Am Christmorgen schaut man nach, von 
welcher Fruchtsorte die meisten Körner 
auf dem Boden liegen; diese wird be¬ 
sonders gut geraten 185 ). Ein ähnlicher 
Brauch war in der Eifel üblich. Nur 
kehrte man dort den Feuerherd in dem 


Kehricht 1234 

Glauben, es falle in dieser Nacht Frucht 
vom Himmel 186 ). Im Erzgebirge muß 
die Scheunentenne bis zum hl. Abend 
gesäubert sein; diese Reinigung soll gute 
Frucht bewirken. Nach früherer Ansicht 
sollte sie herumziehenden Geistern als 
Tanzplatz dienen 187 ). In manchen Ge¬ 
genden Ungarns glaubt man den Gesang 
der Engel hören zu können, wenn man 
in der Weihnacht das Haus umkehrt, 
den Kehricht hinausträgt und sich auf 
den zu Boden geworfenen Besen stellt 188 ). 
In Schleswig-Holstein fegt man in der 
letzten Nacht des Jahres aus allen vier 
Ecken der Stube hervor. Aus einer Ecke 
wird dann das herausgekehrt, was einem 
im kommenden Jahre bevorsteht 189 ). 

I Aber auch in gewöhnlichen Zeiten zeigen 
Kehren und Kehricht Künftiges an. 
Beim Lotto gewinnt, wer morgens Keh¬ 
richt vor der Türe findet. Bleibt morgens 
beim Auskehren ein Strohhalm in der 
Stube liegen, so kommen Gäste oder 
Besuch 180 ). Ein Mädchen unterbreche 
das Fegen des Zimmers nicht, da sie sonst 
von ihrem Bräutigam verlassen wird. 
Wenn ein Mädchen beim Zimmerkehren 
aussetzt, dann glaubt man, daß es mitten 
im Tanze im Stich gelassen werde 191 ). 
Wenn man im Traum das Zimmer 
kehrt, hat man das ganze Jahr hin¬ 
durch eine schmutzige Wohnstube m ). 
Starkes Interesse bringen unverheiratete 
Mädchen dem Orakelkehren in bestimmten 
Nächten entgegen 193 ). Der bekannteste 
Termin ist St. Andreastag 194 ). Als ge¬ 
eignetste Stunde hierfür gilt die Stunde 
vor Mitternacht. Auf den Tisch wird 
ein brennendes Licht gestellt, das Mädchen 
zieht sich splitternackt aus, kämmt die 
Haare und kehrt rückwärts mit einem 
neuen Besen die Stube aus, in der Rich¬ 
tung von der geöffneten Türe nach dem 
Tische hin. Dabei blickt sie immer nach 
dem Tisch, wo der Zukünftige sitzen 
wird. Der kommende Ehemann läßt sich 
zuweilen auch im Spiegel erblicken 195 ). 
Im Vogtland deckt sie außerdem den 
Tisch mit neunerlei Speisen, rückt einen 
Stuhl an den Tisch und spricht dann 
Schlag zwölf Uhr folgenden Vers: „Deus 
I meus, Heiliger Andreus, laß mir er- 



1235 


kehren, Kehricht 


1236 


scheinen Den Herzallerliebsten mei¬ 
nen“ 196 )! Im Schwäbischen wird erst Blei 
gegossen, dann ausgekehrt, doch den 
Stubenteil, wo das Kruzifix hängt, muß 
man immer im Rücken haben. Mit dem 
linken Fuß geht man dann zu Bett, aber 
ohne Weihwasser. Um zwölf soll man 
einen Apfel essen und dann zum Fenster 
hinausschauen 197 ). In Schmieheim (Ba¬ 
den) klopft man nach dem Fegen unter 
Anrufung der Dreifaltigkeit an die drei 
vorderen Bettstellen, und der Bräutigam 
zeigt sich 198 ). Eine anschauliche Schil¬ 
derung enthält die loseifernde Predigt 
des Jesuiten Scherer auf St. Andreas¬ 
tag 1683: ,,. . . daß die fürwitzigen Magd 
und Jungfrauen an seinem heiligen Abend 
zauberische Losung zu gebrauchen pflegen, 
damit ihnen die Männer, welche sie künf¬ 
tig zur Ehe nehmen werden, im Schlaf 
oder sonst erscheinen sollen, kehren zu 
dem Ende die Stuben hinter sich aus, 
decken den Tisch und was des Narren¬ 
werks mehr ist. Solches kommt von 
St. Andreas nicht her, sondern vom 
Teufel . . . Wenn ich Hausvater oder 
Hausmutter wäre, wollte ich solche Stu¬ 
benkehrerin mit dem Stiel vom Besen 
dermaßen traktieren, daß sie hinfür keine 
Lust haben sollte, an St. Andreä Vigilia 
und an anderen heiligen Abenden mit 
solcher Gauklerei umzugehen“ 199 ). Kehrt 
man die Stube rückwärts aus und trägt 
man den Kehricht rücklings hinaus, so 
sieht man den Andreas, der einem weis¬ 
sagt *°°), oder man sieht den Liebsten 
unter der Türe oder im Traume, auch 
einen Sarg, wenn es nicht zur Heirat 
kommen soll* 01 ). Im Wendischen be¬ 
fragen die Mädchen dieses Eheorakel am 
ersten Adventssonntag *° 2 ). Kehrt man 
in der Thomasnacht die Stube aus, nackt 
und hinterfür, so sitzt St. Thomas hinter 
dem Ofen und zeigt das Handwerk des 
zukünftigen Mannes an * 03 ). Abraham a 
St. Clara berichtet in ,,Judas der Erz¬ 
schelm“, wie in dieser Nacht der Teufel 
einer losenden Magd erschienen sei und ihr 
mit der Beißzange einen Zwicker versetzt 
habe 204 ). Nicht verwunderlich mag es er¬ 
scheinen, wenn in der Heiligen Nacht das 
Brautorakel häufig angegangen wird 206 ). 


Nach der Rückkehr von der Mitter¬ 
nachtsmette kehrt die Maid die Stube und 
streut im Freien Kehricht gegen Osten 
hin; dann horcht sie, aus welcher Richtung 
Hundegebell dringt, in diese Richtung 
wird sie heiraten 206 ), oder von welcher 
Seite zuerst ein Hahn kräht, daher kommt 
der künftige Mann 207 ). Wenn die Magd 
ihren Herrn erblickt, so stirbt dessen Frau, 
und der Herr wird die Magd heiraten 208 ). 
Wenn man in der Mettennacht das Vor¬ 
haus kehrt und auf einen dreibeinigen 
Stuhl, der aber genau in der Mitte des 
Vorhauses stehen muß, ein Licht an¬ 
zündet, so kommt der Zukünftige, nimmt 
das Licht und setzt sich auf den Stuhl 208 ). 
Ebenso aufschlußreich ist die Silvester¬ 
nacht 209 ). In Schlesien stellen sich die 
Mädchen auf den zusammen gekehrten 
Kehrichthaufen, laufen von dort hinaus 
an einen Gartenzaun und rütteln an ihm. 
Der Bursche aus dem Dorfe, den sie am 
nächsten Morgen zuerst erblicken, wird 
ihr Freier sein 210 ). In Mecklenburg 
schaut das Mädchen nach dem Ausfegen 
in den Ofen oder in eine Schüssel, wo es 
den kommenden Gatten sieht 211 ). In 
Ostpreußen wird die Stube gefegt, mit 
Sand bestreut und stark geheizt, damit 
es den Engeln behaglich werde (christlich 
umgebogen) 212 ). In Tirol wird in der 
Dreikönigsnacht das Orakel befragt 213 ), 
in Hessen und in Waldeck an Pauli Be¬ 
kehrung 214 ), in anderen Gegenden in der 
Matthiasnacht 215 ). Ein Liebesorakel ver¬ 
langt, daß ein Mädchen in der Osterwoche 
nackt einen Tisch scheuere, dann erscheint 
ihr der Liebste durch den Schornstein, 
aber nur, wenn er treu geblieben ist 216 ). 

1M ) Meyer Baden 488; Birlinger Volksth. 
1, 465; Meier Schwaben 2, 462 Nr. 203; Vecken- 
stedt 438 Nr. 30. Vgl. Strackerjan 1, 106. 
185 ) Schmitz Eifel i, 4 = Sartori 3, 44 Anm. 


103. > 87 ) j ohn l5J i8 8 ) ZfVk (1894). 313. 

185 ) Handelmann Weihnachten in Schleswig- 
Holstein (1866) 59. 1W) ) Reinsberg-Dürings- 
feld Ethnograph. Curiositäten 2, 117; Knoop 
Hinterpommern 183; Wuttke 209 Nr. 290; 
Bartsch 2, 132 Nr. 558 a; Finder 2, 220. m ) 
Urquell 4 (1893), 275 Nr. 19; ZföVk. 3 (1897), 
21 Nr. 123. m ) SchwVk. 10, 31. m ) Verna- 
leken Mythen 330; ZfVk. 4 (1894), 315; 

Wuttke 251 Nr. 362; Ranke Volkssagen 27; 
Hoffmann-Krayer 96; SAVk. 21 (1917), 43 
Nr. 41; 226 Nr. 4. 194 ) Reinsberg Festjahr 


1237 


kehren, Kehricht 


1238 


353; Meier 2, 455 Nr. 187; Schönwerth 1, 142; 
Busch 92; Lütolf Sagen 103. Vgl. oben 1, 399. 
w ) Meyer Baden 168. 1M ) Köhler 383. 187 ) 

Birlinger Volksth. 1, 341. 188 ) Meyer 168. 

* w ) Wrede Rhein. Volksk. 126. 20 °) SAVk. 2, 

216. 201 > SchwVk. 3. 88; Meyer 168. 202 ) 

Veckenstedt 444 Nr. 95. 203 ) Birlinger 

Volksth. 1, 341. 204 ) Alemannia 17 (1889), 93. 

20ft ) Vernaleken 339 Nr. 32; Birlinger i, 
467; Grimm 3, 451 Nr. 507; SchwVk. 3, 
88 ff. 20Ä ) ZfVk. 4 (1894), 315. 207 ) Wuttke 

238 Nr. 34; Vernaleken 330; Fehrle Volks¬ 
feste 13. 208 ) Meier 2, 455 Nr. 187; Baader 
Sagen 368 Nr. 416; Baumgarten Jahr u. s. 
Tage 11. 208 ) Witzschel 2, 180 Nr. 67; Bir¬ 
linger 1, 469; Drechsler 1, 47; Fogel 60 
Nr. 182; Heßler 2, 482; Dähnhardt Volkst. 

1, 78. 21 °) Drechsler 1, 23. 211 ) Bartsch 

2, 238 Nr. 1236 a; 240 Nr. 1244. 212 ) Wuttke 

65 Nr. 75. 213 ) Heyl Tirol 753 Nr. 12. 214 ) 

Curtze Waldeck 397 Nr. 131; Heßler 2, 176; 
Sartori 3, 82 Anm. 2. 216 ) Curtze 397 Nr - > 3 2 i 
Wuttke 250 Nr. 362. * 18 ) Andree Braun¬ 

schweig 338. 

* 12. In der Sage wird Kehricht als Lohn 
für erwiesene Dienste angeboten. Beson¬ 
ders Hebammen und Frauen, die den 
Nixen, den Zwergweiblein oder der Frau 
des Wassermanns bei der Geburt Hilfe 
leisteten, werden mit Kehricht abgegolten. 
Das Verhalten der Beschenkten ist 
meistens gleich. Voll Unwillen schütten 
sie den Kehricht weg. Zu Hause aber ent¬ 
decken sie dann, daß der Kehrichtrest, der 
etwa noch in der Schürze geblieben ist, 
sich mittlerweile in reines Gold verwandelt 
hat. Eine Bäuerin erhält für den Paten¬ 
dienst bei den Erdmännlein ,,Stuben- 
wischete“ angeboten, die sie zurückweist 
* 17 ). Wer aber den Kehricht nach Hause 
bringt, und sei es nur aus Versehen, findet 
sich mit einer Schürze Gold belohnt 218 ). 
Ein Bursche, der das Wohlgefallen des 
Wassermanns erregt hat, bekommt von 
diesem zu seiner Verwunderung ein Sack¬ 
tuch mit Kehricht geschenkt, der sich 
später in Silbermünzen verwandelt 219 ). 
Ein Nagelschmied, der in einem verwun¬ 
schenen Berg einen Sack Nägel gegen 
Kehricht ausgetauscht hat, findet statt des 
Kehrichts das reinste Gold **°). In Mähren 
war an einem Karfreitag ein Mädel in eine 
unheimliche Ruine gegangen. Für den 
Dienst des einen Tages (nach der Rückkehr 
stellte es sich aber heraus, daß es ein ganzes 
Jahr gewesen war) bekommt es Kehricht 
geschenkt, der sich bei der Heimkehr als 


Goldmünzen erwies 221 ). Wer im Leben 
säumig war beim Kehren, muß nach dem 
Tode als Geist umgehen und die Straße 
kehren 222 ). Vor Sonnenuntergang muß 
alles in der Stube gereinigt sein, wer mit 
dem Fegen noch nicht fertig ist, setzt die 
Arbeit nach dem Tode fort 223 ). Haben 
die Mädchen Kehricht in den Ecken ge¬ 
lassen, so sagt die Mutter: „Wart' nur, 
Frau Bercht kommt, schneidet dir den 
Bauch auf und füllt ihn mit Kehricht“ 224 ). 
In Nürnberg meint man, alte Jungfern 
müßten mit den Bärten alter Junggesellen 
den weißen Turm fegen 225 ). Der Platz um 
das Teufelsloch bei Oberehrendingen ist 
stets reingefegt wie auch andere geheiligte 
Orte 226 ). In der Kirche zu Stephans¬ 
bergham scheuern zwei Erdmännlein 
nachts das Pflaster. Darum ist es immer 
rein und braucht vom Meßner nicht gefegt 
werden 227 ). Das Aschen weiblein zu Zittau 
zeigte in der Neujahrsnacht durch Zu¬ 
sammenkehren des Schnees die Einäsche¬ 
rung der Stadt an, bei der es nachher die 
Asche kehrte 228 ). Kehrte nach einer 
schwedischen Sage die Pestjungfrau vor 
dem Tor, dann starben alle im Dorfe 2a9 ). 

217 ) Künzig Schwarzwaldsagen (1930) 151. 

218 ) Kühnau Sagen 2, 317. 233 f. 342 f.; Huber- 
Zaural Kronenberg 21; Wolf Beiträge 2, 291; 
Gander Niederlausitz 55 Nr. 137. 158; Kuhn 
u. Schwartz 174; Hoffmann Ottenau 100. 
*>•) Kühnau 2, 336 f. 22 °) Vernaleken 110. 
221 ) Ders. 137 i. * 22 ) Birlinger Aus Schwaben 
1, 210 = Waibel u. Flamm 1, 269. 213 ) 

Schönwerth 3, 279. m ) Panzer Beitrag i, 
247; Andree-Eysn Volkskundliches 159; 
Wuttke 27 Nr. 25. ***) Lammert 153. 224 ) 

Rochholz Sagen 1, 258. ,27 ) Pollinger Lands¬ 
hut 122. 228 ) Meiche Sagen 197 Nr. 266. 22f ) 

Grimm 2, 994. 

13. An manchen Orten Niedersachsens 
muß sich die Braut vor dem Eintritt in 
das Haus die Füße mit einem Besen ab¬ 
kehren (apotropäisch) 230 ). Viele Scherben 
am Polterabend bringen Reichtum. Die 
Braut muß diese selbst zusammenkehren 
(zubringend) 231 ), nachdem sie einmal 
darüber hinweggegangen ist 232 ). Das 
beim Br aut bet t machen heruntergefallene 
Stroh wird mit einem neuen Besen zu¬ 
sammengeholt und dieser dann unter das 
Bett gelegt 238 ). Bei der Rückkehr von 
der Trauung ergreift die junge Frau den 
Besen und kehrt damit, um zu zeigen, daß 


1239 


Reich-Kelch 


1240 


sie etwas von der Arbeit verstehe 234 ). Er¬ 
hebt man sich in Polnisch-Oberschlesien 
von der Hochzeitstafel, dann sucht die 
Braut geschwind einen Besen und kehrt 
die Knochen aus der Stube. Vergißt sie 
es, so tut es der Brautdiener, dem sie ein 
Strafgeld bezahlen muß 235 ). Im Jever¬ 
lande tanzt der Lader mit dem Besen, 
nachdem er die Tenn vorher damit gefegt 
hat 236 ). 

23 °) Heßler 2, 68. 131 ) Dähnhardt Volkst. 

1, 87. 232 ) John 91. 233 ) Wuttke 374 Nr. 568. 
*“) Sartori Westfalen 94; Sitte 1, 65. 238 ) 

Drechsler 1, 273. * 36 ) Sartori Sitte 1, 107 

Anm. 16. 

14. Im altgermanischen Rechtsleben 
wurde eine Besitzübertragung durch Auf¬ 
werfen von Kehricht wirksam. Nach sali- 
schem Gesetz (L. S. LVIII) raffte der 
Landesflüchtige Chrenecruda d. i. Staub 
aus den vier Winkeln seiner Hütte zu¬ 
sammen und warf ihn auf seine Ver¬ 
wandten, um sie zu Besitzern seines 
Hauses zu machen 237 ). 

537 ) Meyer Volksk. 106 — ZfVk. 21 (1911), 
*95. Karle. 

Keich (Häher? s. d.). Diese von 
Konrad v. Megenberg (Buch d. Natur 
202) gebrauchte Namensform beruht 
offenbar auf einer Verstümmlung. „Ki- 
ches haizt ain K. Der vogel hat manger- 
lai stimm und verändert sein stimm vil 
nahen (beinahe) all tag. Wenn des 
selben vogels kinder so stark worden sint 
und so wol gevidert, daz si gefliegen mü- 
gent, so speisent si vater und muoter 
und fristent ir leben in dem nest an all 
ir arbait“. Dieses „Kiches“ geht auf das 
kikes des Thomas Cantimpratensis 
(De natura rerum) zurück, der seinerseits 
wieder von Vincentius Bellovacen- 
sis (Speculum naturale 1 . XVI, c. 100) 
kopiert worden ist: „De Kike. Kikes est 
avis, quae vocibus diversis vociferat", etc. 
Anders lautet der Name bei Albertus 
Magnus (De animalibus 1. 23, 123): 
„Kythes aves sunt quae vociferant 
vocibus diversis ita quod fere quolibet 

die commutant voces.et cum pulli 

perfecti sunt, reponunt suos parentes in 
nidis de quibus exiverunt ne amplius la- 

borent, et eos cibant in nidis illis pietate 
naturali“. 


Alle gehen letzten Endes durch ver¬ 
lorene Zwischenglieder auf Aristoteles 
(An. hist. 9, 651 b, 19) zurück, bei dem von 
der xtixa (xiaaa), womit vermutlich der 
Häher gemeint ist, dasselbe über den 
täglichen Stimmwechsel gesagt wird, 
während über das Ernähren durch die 
Jungen im gleichen Kapitel von dem 
Immenvogel (jiipo<{>) berichtet wird. 

Name und biologische Anschauungen 
sind also nicht deutsch. 

Hoffmann-Krayer. 

Keil s. verkeilen, verpflöcken. 

Keinfisch. Konrad von Megenberg 
(255) : „Nullus haizt ain kainvisch. Der 
hat den namen darumb, sam Isidorus 
spricht, daz er waich ist und gar un- 
lustich ze ezzen . . Ein drolliges 
Mißverständnis Konrads, der „Nullus“ 
(„Kein") statt „Mullus“ gelesen hat, wie 
es bei Isidor (Et. XII, VI, 25) richtig 
heißt. 

S. Seebarbe. ' Hoffmann-Krayer. 

Kelch, das vornehmste Gerät bei der 
Meßfeier, meist aus Edelmetall. Die 
Symbolik sieht in ihm das Sinnbild 
Christi x ). Heute spielt der K. selber 
im Aberglauben kaum noch eine Rolle, 
anders aber im Mittelalter. Heftig 
Menstruierende ließen sich den Unter¬ 
leib damit berühren 2 ); Krankheiten der 
Brüste wurden ebenfalls durch Berührung 
mit dem K. geheilt 3 ). Ein Trunk aus 
dem Meßkelch des hl. Ulrich, der auf 
Schloß Firmian aufbewahrt wurde, half 
gegen allerlei Widerwärtigkeiten, ein 
Trunk aus einem andern Kelch desselben 
Hl. sollte die Geburt erleichtern 4 ). Ab- 
schabsel von einem Kelche hilft gegen 
Epilepsie 5 ) und andere Krankheiten. 

Mannigfaltig ist die Verwendung der 
den Kelch bedeckenden Tücher (das 
Tuch, womit er umhüllt ist, heißt: 
Kelchvelum; das zum Auswischen: Puri- 
ficatorium; das, worauf er steht: Cor- 
porale und das Tüchlein, womit er be¬ 
deckt wird: Palla). So braucht man 
9 Kelchvelen, um den unsichtbarmachen¬ 
den Farnsamen aufzufangen Ä ). Eine 
Palla schützt gegen Feuersbrunst 7 ). Feuer¬ 
male werden durch Bestreichen mit einem 
Purificatorium vertrieben 8 ). Mit einem 


1241 


KeUe—Keromantie 


1242 


Corporale kann man der Ottemkönigin 
ihre goldene Krone rauben 9 ). 

x ) Geist!. Schild 52—56. *) Franz Bene¬ 

diktionen 2, 205. 8 ) Franz 1. c. 4 ) Franz 1. c. 
1, 292 Anm. 4. •) Andree Braunschweig 423; 
Keller Grab 5, 69. 8 ) Weinhold Neunzahl 18 f. 
7 ) Franz !. c. 1, 39. 8 ) Drechsler 2, 284. 

*) Kühnau Sagen 2, 380. Schneider. 

Keile (Küchengerät). In der Kreuz¬ 
gasse zu Tschagguns wollte einer vom 
Nachtvolke (s. d.), von dessen musi¬ 
kalischer Kunstfertigkeit er schon Wunder 
gehört hatte, die Flöte blasen lernen. 
Als er dem Nachtvolke sein Ansuchen 
gestellt hatte, wurde er geheißen, bei 
der nächsten Fahrt des Nachtvolkes 


den K., so muß sie das Tischtuch um den 
Kopf binden (Voigtland) 7 ) (vgl. o. 
2, 123. 126). Zu einem anderen Vor¬ 
stellungskreis gehört folgende Begrün¬ 
dung des Verbotes: Die Wöchnerin darf 
innerhalb 6 Wochen nicht in den K. 
gehen, sonst verderben die Speisevorräte 8 ). 
Kinder vor 6 Wochen darf man nicht in 
den K. schauen lassen, damit sie sich 
später nicht fürchten 9 ). Kinder darf 
man nicht mit in den K. nehmen, weil 
sie sonst furchtsam werden 10 ), schwer 
sprechen lernen n ), weil sie der Kobold 
holt 12 ). 

Um Mäuse zu vertreiben, bindet die 


sich wieder an der Kreuzgasse aufzu¬ 
stellen, dabei aber ja nicht zu lachen 
oder zu reden, überhaupt keinen Laut 
von sich zu geben, was immer auch er 
zu sehen bekäme; bestehe er diese Probe, 
so werde er fürderhin die Flöte meister¬ 
lich blasen können. Aber am Schlüsse 
des Zuges des Nachtvolks lief einer, 
der hatte eine Kochkelle im After stecken, 
und brummte zu sich selber: „Sie stecked 
i der Rahma“. Da mußte der Mann 
unwillkürlich lachen, bestand also die 
Probe nicht, und mit dem Flötenblasen 
war es aus 1 ). Im Saterlande war es 
ehedem Sitte, der Braut, sobald sie das 
Haus des Mannes betrat, einen „slef“ 
(Kelle) in die Hand zu geben und sie 
dreimal um das Herdfeuer zu führen 2 ). 

*) Vonbun Beiträge 7 ff. *) Kuhn und 
Schwartz 433 Nr. 279. Bächtold-Stäubli. 

Keller. Der K. gilt als Aufenthaltsort 
des Koboldes 1 ) (s. d., Klöpferle). Ge¬ 
spenster 2 ) und Poltergeister 3 ) klopfen 
und poltern im K. Einige Male wird ein 
Weink. als Treffpunkt der Hexen nach 
der Hexen Versammlung genannt 4 ). Der 
K. ist der beste Ort, um einen Menschen 
durch Singen oder Beten zu töten 6 ). 
Man ist im K. aber auch vor Behexung 
sicher 6 ). Wenn eine Wöchnerin in den 
ersten 9 Tagen in den K. geht, bricht An¬ 
der Teufel das Genick (Thüringen). Wenn 
sie später zum ersten Mal in den K. geht, 
muß sie in einem Papier neunerlei Bänder 
oder Dosten und Dorant zum Schutz 
gegen den Kobold mithaben. Muß sie 
aber während der Wochen durchaus in 


Hausfrau beim Frühläuten am Ostertag 
(oder Palmsonntag) alle Schlüssel des 
Hauses zusammen und geht entweder 
sofort oder beim Mittagläuten in den K. 
und rasselt mit dem Bund solange als 
das Läuten dauert 13 ). Die Deutschen 
Pennsylvaniens glauben, daß keine Ratten 
im K. sind, wenn ein Maulwurf darinnen 

ist 14 ). 

Verschiedene Sagen erzählen von ge¬ 
heimnisvollen Weink.n, die einzelne Men¬ 
schen sehen und in denen sie herrlichen 
Wein erhalten, das Erlebte aber mit dem 
Leben büßen müssen 16 ); oder einen im 
K. befindlichen Schatz nicht bekommen, 
weil sie die Piobe, ein „Faßl“ Wein aus¬ 
zutrinken, ohne berauscht zu werden, 
nicht bestehen 1Ä ). 

An einen bestimmten K. mit einer 


Holzdecke war die Prophezeiung geknüpft, 
daß derjenige, der ihn überwölben werde, 
sterben müsse 17 ). 

*) W. § 47 s - 44- *) Oben 3, 768. 8 ) s. d. weiter 
z.B. Kühnau Sagen 1,582; Strackerjan 1,315. 


4 ) Oben 3, 1886. *) W. S. 270 § 397. •) Thüringen 
ebd. S. 283 § 416. 7 ) Ebd. S. 397 § 576. 8 ) Höhn 
Geburt 266. •) Ebd. 276 Mergentheim. 10 ) Grimm 
Myth . 3, 435 Nr. 28; John Erzgebirge 56. 
u ) John ebd. la ) W. S. 386 § 588. 1# ) Ebd. 
S. 399 § 614. M ) Fogel Pennsylvania 371 
Nr. 1988 (Heidelberg). 1# ) Grimm Sagen 
38 ff. Nr. 15. w ) ZfVk. 2, 441 f. 17 ) Kühnau 
Sagen 3, 435. Weiser-Aall. 

o A ocül T ff 


Kellerhai8 s. Seidelbast. 


Kephalomantie s. Kopf § 3. 
Keromantie Wahrsagung vermittelst 
Wachs (xijpoc). Gelehrte, nicht antike 
Bezeichnung für das Verfahren, flüssiges 



1243 


Kerze 


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Wachs in Wasser zu gießen und aus den 
sich dabei bildenden Figuren die Zukunft 
zu deuten 1 ). Im Altertum ist diese Divi- 
nation nicht nachzuweisen, sie wird von 
den alten Berichterstattern meist auf 
die Türken zurückgeführt 2 ). Die an¬ 
scheinend älteste Erwähnung findet sich 
in einem Traktat ,,Der Selen Trost“ 
(Augsburg 1483): „Du solt kein wachs 
lassen gießen noch pley“ 3 ). Gelegentlich 
wird die Bezeichnung auch für die be¬ 
kannte Sitte der Apostelkerzen (vgl. 
Apostel, Lychnomantie) verwendet und 
diese im Gegensatz zu der ,,türkischen“ 
K. als deutscher Brauch in Anspruch 
genommen 4 ). Das Wahrsagen aus Wachs 
in Wasser wurde auch bei den alten 
Preußen geübt, ebenso in Schottland 5 ). 
Juden in der Bukowina verwenden die 
K. zur Erkennung der durch den bösen 
Blick verursachten ,,Schreckkrankheit“ 6 ). 
Sie ist auch für romanische und slavische 
Länder belegt 7 ). Für Deutschland fehlt 
es zwar nicht ganz an Zeugnissen 8 ), 
doch ist die K. hier wie überall durch 
das allgemein verbreitete Bleigießen fast 
völlig verdrängt. Vgl. auch Wachs. 

l ) Der Name K. begegnet zuerst bei Carda¬ 
nus (t 1576) Opera 1 (1663), 565 a; Codes 
Chyromantiae Anastasis (1517) zieht die K. zur 
Hydromantie. a ) Cardanus a. a. O.; hier wird 
die Methode der Türken genau beschrieben, vgl. 
a.PeucerDc praecipuis generibus divinationum 
(1560) 242; Bulengerus Opuscula (1621) 213; 
Pictorius Varia (1559) 62, auch in Agrippa 
Opera ed. Bering 1,484, dt. Ausg. 4, 171; Wierus 
De praestigiis (1564) 157 (nach diesem Zeugnis 
gießen die Türken das Wachs in Öl) ; Delrio Dis- 
quis. Mag. lib. 4, cap. 2, qu. 7, sect. 1, Opera 2 
(1603), 176; Pfuel Electa physica (1665) 149; 
weitere ältere Literatur bei Bulengerus a. a. O. 
und Fabricius Bibliogr. antiquarial (1760) 598. 

3 ) Hasak Christi. Glaube 105; Alemannia 11, 
288 (aus Dieterich Ecclesiastes 1632, 2, 702). 

4 ) Pictorius a. a. O.: ,»unsere alten Hexen“ 

(P. stammte aus Villingen); Delrio a. a. O.: 
„Alsaticae vetulae“. 6 ) Dalyell Darker Super - 
stitions 511 f., nach Meletius De diis Samagi- 
tarum (1580). 6 ) Seligmann Zauberkraft 431. 
7 ) Urtel Portugiesische Vkde. 40; Bogatyrew 
in SudZfVk. 3, 217 (Karpathenrußland). Nach 
Zelenin Russ. Vkde. (1927) 380 ist die Sitte aus 
den westlichen Ländern nach Rußland gekommen. 
*) Freudenthal Das Feuer 186. Boehm. 

Kerze. Die allgemeinen Vorstellungen 
vom Licht (s. d.) als Lustrat ionsmittel, 
Erscheinungsform der Seele und Vor¬ 


spuk haben eine Ausgestaltung erfahren 
durch Hereinbeziehung des hauptsäch¬ 
lichsten Lichtträgers. Alle besonderen 
Lichtbräuche, die sich an die K. knüpfen, 
sind nicht Auswirkungen einer von vorn¬ 
herein selbständigen Grundanschauung — 
das zeigt schon die Doppelbedeutung des 
Wortes „Licht“ als Leuchtflamme und 
K. —; sie ergaben sich vielmehr nahezu 
zwangsläufig einmal aus der technischen 
Eigenart dieses Leuchtmaterials, durch 
die jene Überlieferungen vom Wesen des 
Feuers (s. d. § 7) und des Lichtes teil¬ 
weise in ganz neue Bahnen gelenkt 
wurden; zum andern brachte die K.nweihe 
der Kirche (s. Lichtmeß) dem Volks¬ 
glauben eine Fülle von Anregungen, indem 
die ursprünglich der Licht Symbolik gel¬ 
tende feierliche Handlung durch die 
immer mehr in den Vordergrund tretende 
Benediktion der gegenständlichen K.n 
zu einer Weihe des Leuchtmaterials für 
den häuslichen und kirchlichen Bedarf 
(s. auch Osterk., Schauerfeier) wurde. 
Diesem legte das Volk dann, ebenso wie 
den angekohlten Brennstoffen der welt¬ 
lichen Jahresfeuer und des kirchlichen 
Karsamstagsfeuers, eine Bedeutung bei, 
die ursprünglich nur Licht und Feuer an 
sich besaßen, ja, es steigerte sie noch 
dadurch, daß es dem K.nwachs (s. a. 
Wachs) einen Fetischcharakter beimaß. 
So spielt denn die K. im Zauber der ver¬ 
schiedensten Art, in den nur verkün¬ 
denden Formen der Weissagung und des 
Orakels, wie in den aktiv bewirkenden des 
Heil- und Schadenzaubers eine große 
Rolle*). In der Darstellung ist nicht 
immer scharf zu trennen zwischen „K.“ 
und „Licht“; vgl. daher zur Ergänzung 
stets den Artikel Licht. 

Schon bei der Lustration (vgl. Licht 
§ 1) findet sich die Übertragung des leuch¬ 
tenden Lichtes auf die K.nmasse. Vor 
allem ist es die Lichtmeßk. (s. Lichtmeß), 
die nicht nur in brennendem Zustande 
gegen die verschiedensten Übel hilft, 
sondern schon durch ihr Wachs in K.n- 
gestalt oder in verarbeitetem Zustande 
eine bannende Wirkung ausübt (s. Wachs). 
In anderen Fällen, so vor allem beim 
Schatzsuchen, wird die Kraft des Lichtes 


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Kerze 


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"bedingt durch Material, Farbe und Form 
der K.; sie soll beispielsweise gelb, rot 
oder schwarz, dreifach gewunden, aus 
Jungfernwachs oder mit Weihrauch und 
Schwefel bereitet sein la ) (vgl. auch Diebs¬ 
licht oben 2, 229 ff.). 

Erheblich mannigfaltiger aber ist die 
Substitution des Lichtes durch die K. in 
den Bräuchen, die sich auf die Vorstellung 
vom Lebenslicht (s. d. und Licht § 2) 
und verwandte Anschauungen gründen. 
Wie Christus nicht nur in dem Licht der 
Osterk. (s. d.) versinnbildet wird, son¬ 
dern auch in ihrem Körper, dessen Zer¬ 
stückelung und Austeilung an die Gläu¬ 
bigen vermutlich die Vorstufe bildet für 
den Vertrieb der Agni Dei (s. d. oben 
1, 215), so werden in der symbolischen 
Begleithandlung der Exkommunikation 
nicht nur die K.nflammen gelöscht, son¬ 
dern auch die K.n selbst zu Boden ge¬ 
worfen und zertreten 2 ). Ebenso wird 
gelegentlich 3 ) bei der Warnung vor unbe¬ 
dachtem Eidschwören die Lichtsymbolik 
auf eine K.nsymbolik ausgedehnt: „... 
Man pfleget ein geschwärtzetes Liecht an 
zuzünden ... vnd zu sagen! Sihe so 
schwartz wirstu für Gott sein, wofern 
du wirst unrecht schweren ... Man 
wirfft das Liecht wider die Wand und 
saget: Also wird dich Gott wegwerffen, 
so du unrecht hast geschworen. Wenn 
das Liecht stincket, so spricht man: Also 
wirstu stincken für Gott und allen hei¬ 
ligen Engeln. Endlich pfleget man das 
Liecht aus zu treten, vnd zu sagen: Also 
wird dich Gott aus dem Himmel treten, 
ob du wider dein Gewissen hast geschwo¬ 
ren“. Hierher gehört schließlich auch 
ein vereinzelter Totenbrauch aus der Tep- 
litzer Gegend, wo beim Begräbnis lediger 
Burschen im Trauergefolge eine zer¬ 
brochene K. auf einem Polster mitgeführt 
wurde 4 ). 

Reichhaltiger aber sind die brauchtüm- 
lichen Formen, die in feinen Abwandlun¬ 
gen den allmählichen Übergang von der 
reinen Lychnomantie in eine Kero- 
mantie (s. d. und Wachs) zeigen. In 
dieser Hinsicht ist schon eine einfache 
Weiterbildung des Glaubens vom bedeut¬ 
samen Erlöschen der Hochzeitslichter (s. 


Licht §2) kennzeichnend: Auch das 
schwächere Leuchten 5 ) und unruhige 
Flackern 6 ) der einen K.nflamme, das 
Abputzen des Dochtes 7 ) und das tie¬ 
fere Nieder brennen des einen K.n- 
körpers 8 ) hat die gleiche Vorbedeutung 
für den Zeitpunkt des Ablebens eines der 
beiden Hochzeiter. Eine weitere Ent¬ 
wicklungsstufe dieses Vorzeichens, das 
auch ohne Zusammenhang mit der Trau¬ 
ung beobachtet wird •), besteht darin, 
daß man fernerhin solche zukünftigen 
Dinge erschließt, die keine unmittelbare 
Beziehung zur Lebensdauer eines Men¬ 
schen haben; so weist der helle, stete 
Brand der Brautk.n auf Glück in der Ehe, 
der düstere, flackernde auf Unglück 10 ). 
Wenn man unter diesem Unglück im be¬ 
sonderen Zank und Streit versteht n ), so 
wird die gedankliche Parallele ersichtlich 
zu der Gleichsetzung des Feuers mit dem 
cholerischen Temperament (s. Feuer § 5), 
wie denn überhaupt die Ableitung der 
Lychnomantie von der Pyromantie (s. d.) 
unverkennbar ist; nur beschäftigt sich diese 
(s. Feuer § 5) vorwiegend mit Geräuschen, 
jene fast ausschließlich mit Gesichts¬ 
empfindungen. Selten nur wird einmal 
das Knistern der K. als Hinweis auf 
einen Brief 12 ) und ihr „Brummen“ als 
Vorzeichen eines Verweises 13 ) beachtet; 
sonst wird nur die visuelle Beobachtung 
ausgedeutet, die sich mm im wesentlichen 
auf die Veränderungen des Dochtes und 
des Lichttalges erstreckt. Bei hausge¬ 
machten K.n verbrennt der Docht zu¬ 
meist nicht vollständig, sondern er rollt 
sich verkohlt zusammen und glüht oder 
flammt an geknoteten oder durch aufge¬ 
sogene Verunreinigungen der Lichtmasse 
verdickten Stellen auf. Die Unentbehr¬ 
lichkeit der Liehtputzschere 14 ) beweist, 
daß diese Vorgänge durchaus geläufig 
waren, und so zog man denn auch aus 
ihrer Beobachtung im allgemeinen 15 ) 
nicht gerade schwerwiegende Schlüsse: 
Gleich dem sprühenden Herdfeuer (s. 
Feuer § 5) zeigt auch die funkende oder 
auf flammende K. eine frohe Botschaft in 
Gestalt eines Gastes oder eines Briefes 
an 16 ), besonders wenn die glühende 
Docht stelle die Form einer Rose 17 ) an- 


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Kerze 


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nimmt. Im übrigen bezeichnet man diese Mit kleinen K.n besteckte und in eine 
und ähnliche Erscheinungen — ohne Schüssel mit Wasser gestellte Nußschalen 
daß der technische Sachverhalt im Ein- werden auf die Anwesenden verteilt, 
zelfall immer klar ersichtlich ist 18 ) — Wessen Licht umstürzt und untergeht, 
mit einer ganzen Reihe landschaftlich vor der Zeit oder als erstes erlischt, der 
verschiedener Ausdrücke, so als Butzen 1 ®), wird Unglück haben, schwer erkranken 
Knöllchen *°), Hütchen („Köpp") 21 ), und bald oder vor den übrigen sterben «). 
Popel**), Rispel 23 ), Nösel 24 ), Schnuppe 26 ), Aus dem Zu- oder Auseinanderstreben 
Glumme **), Räuber 27 ), Dieb* 8 ). Alle der einzelnen Nußschiffchen aber schließt 

genaueren Angaben aber weisen den Zu- man auf Zu- oder Abneigung der Per¬ 
satz auf, daß derjenige das Vorzeichen sonen, deren zukünftiges Geschick sie 
auf sich zu beziehen hat, dem sich der dergestalt tragen 36 ); wessen sich gar be- 
aufglühende Dochtteil zuwendet. Im Ber- gegnen, die werden einander im kommen- 
ner Gebiet schloß man noch weiter aus den Jahr heiraten 37 ). Durch paarweises 
der geringen oder erheblichen Schwierig- Hineinsetzen der Schalen ins Wasser be- 
keit, die Störung zu beseitigen, auf die stimmter befragt, verrät dies Orakel den 
mehr oder weniger große Annehmlich- beiden zugehörigen Liebesleuten beim 
keit des angezeigten Besuches 2 ®). — Hinstreben einer K. zur anderen ein 
Demgegenüber verkünden die Verände- „Nachlaufen“ des einen Teiles**), bei 
rungen des Lichttalges durchweg etwas Berührung ebenfalls baldige Hochzeit M ), 
Übles. Am K.nkörper herunterfließende den Eheleuten hingegen bei ruhigem 
oder sich einrollende Talgteile heißen in Nebeneinanderschwimmen Glück, bei 
Norddeutschland allgemein Hobelspäne, Trennung Unglück 40 ). Ein vielumwor- 
in Dithmarschen geradezu „Sarkspoin" 30 ), benes Mädchen läßt wohl außer dem 
weil sie auf den baldigen Tod eines Fa- eigenen so viele Lichter schwimmen, als 
milienangehörigen hinweisen 81 ). —Schließ- es Liebhaber hat, und erfährt dann auf 
lieh achtet man beim Auslöschen ähnliche Weise, wen es zum Manne be- 
der K.n auch noch auf Stärke und Zug- kommen wird 41 ); oder es verfeinert und 
richtung des Rauches (s. d.). erschwert die Aufgabe dadurch, daß es 

Die gleichen Vorstellungen liegen nun nur die eigene K. ansteckt und nun danach 

im wesentlichen auch der absichtlich be- ausschaut, welche von den schräg in die 
triebenen Zukunftserforschung, den K.n- Schalen gestellten anderen 4 *] sich an der 
orakeln, zugrunde. Sie werden zunächst seinigen entzündet 43 ). — Ähnlich ver¬ 
einmal vorgenommen an solchen Feier- fährt man auch außerhalb der Orakeltage 
tagen, die an sich schon unter K.nschein bei besonderem Anlaß; so stellt im Mosel¬ 
festlich begangen werden, so vor allem ländischen ein von zwei Freiem umwor- 
an Lichtmeß. Da zündet der Hausvater benes Mädchen zwei brennende K.n zu 
wohl am Abend für jedes Familienmit- den Seiten eines Steinkreuzes auf, teilt 
güed eine geweihte K. oder ein Stück des jedem eine zu und wählt dann denjenigen, 
Wachsrodels an; wessen Licht zuerst er- dessen Licht zuerst erlischt u ). Zu den 
lischt oder nach einem durch alle gleich- reinen K.norakeln gehört ferner eine 
zeitig erfolgten Ausblasen am wenigsten Sondersitte beim dithmarsischen Kinds-, 
lange fortglimmt, der muß als erster Keesfood, der Zusammenkunft der 
sterben **). Ein ähnliches Verfahren händ- Nachbarinnen im Hause der Wöchnerin, 
habt man in der Oberpfalz 33 ) und im wo die Frauen u. a. über ein Licht 
Böhmerwald 84 ) an Allerseelen. Bedeu- sprangen und diejenige, die es dabei mit 
tend häufiger und vielseitiger aber be- den Röcken auslöschte, zum Brannt- 
dient man sich derartiger Bräuche an den weintrinken verurteilten 45 ) oder als die 
großen Orakeltagen das Jahres. Sie treten demnächstige Wöchnerin bezeichneten **). 
hier am ausgeprägtesten auf in den mei- Sie findet sich ausgestaltet und abgewan- 
stens in der Neujahrs- oder Thomasnacht delt merkwürdigerweise in Siebenbürgen 
vorgenommenen Lichterschwimmen, wieder; auch hier springen die Nachbars- 


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Kerze 


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frauen beim Taufschmaus über ein Licht, 
das auf dem Badtrog befestigt ist, oder 
über den Butterständer mit verkehrt 
hineingestelltem Besen, der die brennende 
Kerze trägt; wer sich weigert, wird nur 
Mädchen bekommen, wer das Licht aus¬ 
löscht, muß ein Pfand geben 47 ). Ein 
Braun Schweiger Spinnstubenbrauch am 
Petritag ist ebenfalls hierher zu rechnen: 
Die Mädchen stellten sich, brennende K. 
in den Händen, im Kreise um einen trun¬ 
ken gemachten Erbgander auf. Wessen 
Licht er mit dem Schlag seiner Flügel 
auslöschte, die mußte im kommenden 
Jahr sterben; wessen Licht brennen blieb, 
die wurde Braut 48 ). — Mittelbar findet 
die K. ebenfalls beim Orakeln Verwen¬ 
dung. Wer beim Scheine eines am Weih¬ 
nacht s- oder Altjahrsabend rückwärts ins 
Zimmer getragenen Lichtes keinen oder 
nur einen kopflosen Schatten an die 
Wand wirft, dem ist für das nächste Jahr 
der Tod sicher 49 ). Verbreiteter ist ein 
Liebesorakel unter Zuhüfenahme der K., 
das in vielen landschaftlichen Abwand¬ 
lungen fast zum Zitierzauber geworden 
ist und in seiner gebräuchlichsten Form 
darin besteht, daß das heiratslustige 
Mädchen um Mitternacht ein brennendes 
Licht auf den Tisch stellt und unter 
Beobachtung verschiedener anderer Vor¬ 
schriften hinter sich blickt; da wird sich 
ihr dann der Zukünftige irgendwie 
zeigen 60 ). 

Die obigen K.norakel knüpfen die 
Verbindung zu dem verwandten Brauch 
der Heiligen- und Namenwahl, von 
der schon Cäsarius von Heisterbach als 
einer bekannten Frauen angelegen heit zu 
berichten weiß 51 ): ,,In duodecim can- 
delis duodecim Apostolorum nomina sin- 
gula in singulis scribuntur, quae a sacer- 
dote benedictae altari simul imponuntur, 
Accedens vero femina, cuius nomen per 
candelam extrahit, illi plus ceteris et 
honoris obsequii impendit“. Wird also 
bei dieser Apostel wähl (vgl. oben i, 553) 
der K.nkörper wie ein Los gezogen, so 
geht es bei der ihr durchaus ähnlichen 
eigentlichen Namenwahl (s.Namengebung) 
meistens wieder um die Brenndauer. 
Nach den ältesten Zeugnissen 52 ) handelt es 

Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube IV 


sich dabei um die erstmalige Belegung 
eines Neugeborenen mit einem Namen; 
später tritt als Zweck dieses Brauches 
die Namensänderung (s. d.) in den Vor¬ 
dergrund, das Um taufen eines Kranken 
zur Täuschung und Fernhaltung des Dä¬ 
mons oder zur Gewinnung eines neuen 
Schutzpatrons. Eine diesbezügliche, un¬ 
klare Notiz bei Gottschalk Hollen M ) 
Wird durch eine wahrscheinlich auf die 
gleiche Quelle zurückgehende Angabe 
Bemardinos von Siena M ) — der den 
Namen wählen läßt „secundum quem 
remanserit candela accensa“ (statt: „se¬ 
cundum candelam apostolo accensam" 
bei Hollen) — dahin berichtigt, daß die 
bis zuletzt brennende K. den Ausschlag 
gibt. In einem Brauche, den Pfälzer 
Gerichtsakten von 1674 ausweisen, ist es 
dagegen von drei je mit dem Namen 
eines Heiligen bezeichneten K.n die zuerst 
erlöschende, zu deren Träger der Kranke 
wallfahrten muß 55 ). — In alten Aber¬ 
glaubentraktaten 66 ) findet sich ferner 
die gleiche „exstinccio“ oder „extraccio 
candelarum“ in bezug auf nur einen ein¬ 
zigen Heiligen erwähnt. Darin wird ent¬ 
weder ein Verfahren zu vermuten sein, 
wie es eine vatikanische Handschrift des 
15. Jhs. bezeugt, nach der ein Kranker 
sich aus sieben buchstabenbeschriebenen 
K.n zwei zu fastende Wochentage er¬ 
löst 57 ); oder es sind wiederum Lebens¬ 
lichtvorstellungen maßgebend, wie sie 
uns in verwandten Bräuchen der neueren 
Zeit entgegentreten, in denen aus der 
Brenndauer von Votivk.n auf Tod, wei¬ 
teres Siechtum oder Genesung eines kran¬ 
ken Kindes geschlossen wird 68 ). Schlie߬ 
lich gehören in diesen Zusammenhang 
noch einige Einzelüberlieferungen: Um 
die Mitte des 19. Jhs. erlösten sich 
Leute im Bayrischen Wald Lotteriege¬ 
winne auf die Weise, daß sie um einen 
Totenkopf herum 90 bezifferte K.n an¬ 
zündeten und diejenigen Nummern 
setzten, deren Licht zuerst erlosch 58a ). 
In Disentis gibt ein Vater jedem seiner 
Kinder eine brennende K. in die Hand; 
wessen Licht am hellsten leuchtet, das 
wird ein Geistlicher oder eine Nonne 59 ). 
Von den Freimaurern wird erzählt 59a ), 

40 


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sie erkennten einen Verräter oder das 
fällige Todesopfer ihres Bundes daran, 
daß von allen an die K. gehaltenen Zet¬ 
teln der seinige nicht anbrenne. 

Zu dem Anschauungskreis des K.n- 
orakels ist dann noch der Glaube zu 
rechnen, daß die Reinheit eines jungen 
Menschen sich daran ermessen lasse, ob 
er eine glimmende K. wieder anblasen 
könne, eine verbreitete 60 ) Vorstellung, 
die schon von Grimm 61 ) mit den Feuer- 
ordalen in Verbindung gebracht worden 
ist (vgl. auch die Lichterordalparallelen 
oben 3, 1022f.). Bei den Pennsylvania- 
Deutschen hält man es für einen Beweis 
von Liebe, wenn man den Lichtdocht 
mit dem Finger abzukneifen vermag, 
ohne sich zu brennen 62 ). 

Den Vorstellungen beim Lichterschwim¬ 
men äußerlich verwandt ist die Anschau¬ 
ung, daß man einen Ertrunkenen fin¬ 
den kann, wenn man ein brennendes 
Licht in einem hölzernen Gefäße, auf einem 
Brette oder in einem ausgehöhlten Brote 
schwimmen läßt; dort wo das Schiffchen 
stehen bleibt oder das Licht verlöscht, 
wird man den Leichnam antreffen (vgl. 
oben 1, 1618; 2, 986 f.). Obwohl ein 
alter Beleg 63 ) für diesen Brauch von 
1490 als Ratgeber einen Barfüßermönch 
erwähnt und andererseits auch das Agatha¬ 
brot 64 ) in diesem Zusammenhang vor¬ 
kommt, wird der Ursprung nicht in kirch¬ 
lichen Gedankenkreisen zu suchen sein; 
vorherrschend ist wiederum die Lebens¬ 
lichtvorstellung: wo der Tote liegt, er¬ 
lischt die K. 66 ). 

Endlich findet die K. noch im Heil- 
und Schaden za über Verwendung. Wie 
man z. B. die Wirkung der den Heiligen 
dargereichten Weihegabe dadurch er¬ 
höht, daß man statt des nach Pfunden 
geopferten Wachses ausgeformte Wachs¬ 
figuren wählt, so brachte man nach den 
Zeugnissen frühmittelalterlicher Heiligen¬ 
biographien 66 ) auch die Votivk. in eine 
sinnfällige Beziehung zur heilbedürftigen 
Person, indem man ihr deren Längen¬ 
ausmaß gab. Oder man stellte eine Ge¬ 
dankenverbindung dergestalt her, daß 
man mit dem bei Augenerkrankungen 
geopferten K.nlicht das Augenlicht ver- 


sinnbildete 67 ). Noch klarer wird der 
Sachverhalt beim Bosheits- und Liebes¬ 
zauber, wo die K. an die Stelle des Wachs¬ 
männchens (s. d.) tritt. Statt ein men¬ 
schenähnliches Abbild des Geliebten oder 
Gehaßten sympathetisch zu behandeln, 
bedient man sich zur gegenständlichen 
Vorstellung der gemeinten Person ein¬ 
fach einer K. Nur schmelzt man sie nicht, 
wie beim reinen Wachsbildzauber, son¬ 
dern zündet sie an 68 ). Dadurch ist der 
Brauch wiederum von Lebenslichtvor¬ 
stellungen befruchtet worden, und er hat 
mit dieser zweifachen Begründung gele¬ 
gentlich auch eine dichterische Behand¬ 
lung erfahren 69 ). 

*) Vgl. zum folgenden Freudenthal Feuer 
127 ff. la ) Z. B. Reiser Allgäu 2, 299; Pollinger 
Landshut 288; Kuoni St. Galler Sagen 195; 
Kühnau Sagen 3, 769. 772 f.; BlBayrVk. 2, 
22; Egerl. 4, 48; Urquell 2, 91; Nds. 33, 250. 
*) Mühlbauer Geschichte und Bedeutung der 
(Wachs-)Lichter bei den christlichen Funktionen. 
Augsburg 1874, 89h.; Grimm RA. 1, 209: 
Kantzow Potnmerania, hrsg. v. Kosegarten 1 
(1816), 460; Du Cange Glossarium 2, 82 unter 
,,candelae“. 3 ) Valerius Herberger Trauer¬ 
binden 1 (16io), 307, nach MschlesVk. 16, 246 f. 
4 ) Laube Teplitz 33. 6 ) Wolf Beiträge 1, 211; 

Strackerjan i, 31; Engelien u. Lahn 243; 
Toeppen Masuren 89; Lütolf Sagen 548; 
Zingerle Tirol 10; Drechsler 1, 261; John 
Westböhmen 144; Grohmann 120; ZfVk. 6, 260; 
MschlesVk. 7 (1), 51. — Demgegenüber weist 
das hellere Brennen auf langes Leben: Strak- 
kerjan 1, 31; Seifart Sagen, Märchen, 

Schwänke u. Gebräuche aus Hildesheim. Göttin- 
gen-Kassel 2 (1854/60), 144; BayHfte 5, 207. 

6 ) Strackerjan 1, 31; Manz Sargans 122; 
Reiser Allgäu 2, 284; Flügel Volksmedizin 78; 
Baumgarten Aus der Heimat 3, 94; ZfVk. 15, 
438; BayHfte 5, 207; MwürttVk. 1912, 21. 

7 ) John Westböhmen 144. 8 ) Schönwerth 

Oberpfalz 1, 91; Reiser Allgäu 2, 284; Drechs¬ 
ler 1, 261; Hoffmann-Krayer 28; Fischer 
Oststeierisches 44; Grohmann 120; Manz 
Sargans 122; ZfVk. 3, "147; ZfrwVk. 8, 298; 
BayHfte 6, 298. 8 ) Altarlicht überhaupt: 

Schönwerth Oberpfalz 1, 265; Rochholz 
Glaube 1, 214; SAVk. 21, 206 f. Beim Leichen¬ 
gottesdienst: Pollinger Landshut 300. Toten¬ 
licht: Strackerjan 1, 32; Rosegger Sitten¬ 
bilder 41; Lammert 105; ZfdMyth. 4, 29. 10 ) 

WredeRÄmi. Volkskunde 120 = Wrede Eifeier 
Volksk. 163: Birlinger Aus Schwaben i, 415; 
Bavaria 2 (1), 283; BayHfte 5, 207; Reiser 
Allgäu 2, 284; Drechsler 1, 261; Peter öster- 
reichisch-Schlesien 2, 226; Grohmann 120; 
ZfVk. 3, 147; 6, 260; 15, 438; vgl. auch Meyer 
Baden 295; Klapper Schlesien 297; ZfrwVk. 
5, 118. n ) Meier Schwaben 485; Schönwerth 


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Kerze 


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Oberpfalz 1, 90; Pollinger Landshut 257; 
Fischer Oststeierisches 44; Wettstein Disentis 
172; Peter Ösierreichisch-Schlesien 2, 226; 

John Westböhmen 144; Baumgarten Aus der 
Heimat 3, 94; Germania 36, 405; MwürttVk. 
1912, 21. Vgl. Reiser Allgäu 2, 284; Groh¬ 
mann 120. ia ) ZfrwVk. 12, 59. 13 ) ZfdMyth. 

4, 29. 14 ) Ein fauler Putzer wird einen schläfri¬ 
gen, unfreundlichen oder iangnasigen Ehegatten 
bekommen: Strackerjan 1, 50; Bartsch 
Mecklenburg 2, 317; Urquell 1, 12. Ein unge¬ 
schickter wird sich beim nächsten Kirchgang 
verspäten: Germania 36, 404. 16 ) Ausnahmen: 

Eine Schnuppe (Andree Braunschweig 404), 
„ein Kranz rotglühender Rosen" (Schönwerth 
Oberpfalz 1, 264) im Licht und „überhaupt 
Rosen oder Knollenbildung am glühenden 
Dochte" (Flügel Volksmedizin 78) bedeutet 
baldigen Tod. 18 ) Birlinger Volksth. 1, 199 f.; 
Bartsch Mecklenburg 2, 317; Kock Volks- 
u. Landeskd. d. Landsch. Schwansen. Heidel¬ 
berg 1912, 102; ZfVk. 20, 385; 24, 55; 

Urquell 1, 47: 4, 95: ZfrwVk. 12, 59. Vgl. 
Germania 29, 93; Liebrecht Zur Volksk. 328. 

17 ) Prätorius Spin-Rocken (1678) 121 in: 

MsäVk. 7, 203; Rockenphilosophie 2, 175; 

(Keller) Grab d. Abergl. 5, 234 b; Wolf Bei¬ 
träge 2, 377; Panzer Beitrag 1, 257; Meier 
Schwaben 504; Zingerle Tirol 18; Köhler 
Voigtland 394; Curtze Waldeck 411; Spieß 
Fränkisch-Henneberg 151; Bartsch Mecklen- 
burg 2, 317: Drechsler 2, 200; Flügel Volks¬ 
medizin 26; ZfdMyth. 4, 29. Einige außerdeut¬ 
sche Parallelen bei Liebrecht Zur Volksk. 328. 

18 ) So erscheint z. B. der Ausdruck „Butze(n)" 

in diesem Zusammenhänge sowohl zur Bezeich¬ 
nung des ganzen Dochtes als auch seines auf¬ 
glühenden Teiles: Birlinger Volksth. 1, 199 f.; 
Zingerle Tirol 16; Kehrein Nassau 2, 253; 
Meyer Baden 295: Bartsch Mecklenburg 2, 
317; ZfdMyth. 4, 47 = Birlinger Volksth. 1, 
495; Fogel Pennsylvania 96 (Docht zeigt den 
Weg des kommenden Schatzes). Vgl. Liebrecht 
Zur Volksk. 326. l8 ) S. Anm. 15. 10 ) Wolf 

Beiträge 1, 216. 21 ) Jahrb. f. d. Landeskd. d. 

Herzogth. Schlesw., Holst, u. Lauenburg 8 
(1866), 96. a2 ) Peter österreichisch-Schlesien 

2, 256; Drechsler 2, 199. t3 ) Drechsler 2, 

299; vgl. Grimm Myth. 3, 475. 24 ) Woeste 

Mark 57; Andree Braunschweig 404: Lauffer 
Niederdeutsche Volksk. 87. 25 )Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 295; Woeste Mark 57. 28 ) Engelien 
u. Lahn 272; Drechsler 2, 199. Ä7 ) Drechs¬ 
ler 2, 200; Meyer Baden 295. 28 ) Stracker¬ 

jan 1, 36; Rothenbach Bern 40; ZfrwVk. 8, 
299. Vgl. dazu ZfVk. 20, 384 f.: Helle Stellen 




• 1 . 


T T 


Kock a. a. O. 102: „Beginnt das Licht zu 
flackern und zu laufen, naht ein Dieb". 29 ) 
Rothenbach Bern 40. 30 ) Urquell 1,9. 31 ) 

Strackerjan 1, 36 = Wuttke 212; Bartsch 
Mecklenburg 2, 125; Jensen Nordfries. Inseln 
336; Urquell 1, 48; 3, 299; BIPommVk. 6, 140. 
Ebenso bezeugt für Tirol (Hörmann Volks¬ 
leben 423), die Schweiz (Unoth 180) u. Eng¬ 


land (Liebrecht Zur Volksk. 352). 32 ) Hoff¬ 

mann-Krayer 124; Birlinger Volksth. ,2, 19; 
Reiser Allgäu 2, 42; Vernaleken Alpensagen 
348; Baumgarten Jahr u. s. Tage 17; SAVk. 
20, 191. 33 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 277. 

M ) Schramek Böhmerwald 167. M ) Witz- 
schel Thüringen 2, 178; Baumgarten Jahr 

u. s. Tage 5t.; Vernaleken Mythen 338; Ur¬ 

quell 1, 103; Veckenstedts Zs. 2, 440; Baltische 
Studien 33 (1883), 125; SAVk. 6, 98. 36 ) Ur¬ 
quell 1, 103. 37 ) Drechsler 1, 25; Bauern¬ 

feind Nordoberpfalz 10; Lehmann Sudeten¬ 
deutsche 133; ZfVk. 14, 280; ZfrwVk. 3, 65; 
Veckenstedts Zs. 2, 440. 88 ) Schramek Böh¬ 

merwold 112. M ) Grimm Myth. 3, 475: Witz- 
schel Thüringen 2, 178; John Erzgebirge 140; 
Peter Österreichisch-Schlesien 2, 214; Schlei¬ 
cher Sonneberg 141; Frisch bi er Hexenspr. 
165; vgl. Wuttke 235. Ein drittes Licht stellt 
dabei den Geistlichen vor: John Erzgebirge 140. 
40 ) Witzschel Thüringen 2, 178; Baumgarten 
Jahr u. s. Tage 5 f.; SAVk. 6, 98. 41 ) Schlei¬ 
cher Sonneberg 141. 42 ) Statt der Lichter für 

die Liebhaber werden in diesem Falle auch 
Zettel genommen, und es wird dann nur auf ihr 
einfaches Begegnen mit der K. des Mädchens 
geachtet: Schönwerth Oberpfalz 1, 140. In 
diesem Falle wird die K. auf ein Brett gestellt; 
sonst nimmt man statt der Nußschalen auch 
Korkstückchen (John Erzgebirge 140; Wuttke 
235). Zwischenglieder zu der völlig k.nlosen 
Form dieses Brauches: z. B. Schönbach Ber- 
thold v. R. 35; Ulm Hartlieb 41; John Erz¬ 
gebirge 140. 43 ) Nds. 14, 124. 44 ) ZfrwVk. 8, 

298. 45 ) Mensing Schlesw. Wb. 3, 118; ebs. 

Heimatb. d. Kr. Steinburg. Glückstadt 2 (1925), 
482. 48 ) Mündl. 47 ) Hillner Siebenbürgen 41 f.; 
Gaßner Meltersdorf 35. 4S ) Andree Braun¬ 
schweig 231. 40 ) Nach Amaranthes Frauen¬ 

zimmer- Lexicon (1715) bei Schultz Alltagsleben 
225; Peuckert Schles. Volksk, 120. 228; ZfVk. 
4, 86; NdZfVk. 8, 56; Urquell 1, 102; DG. 13, 
121; Fogel Pennsylvania 116; Flügel Volks¬ 
medizin 78. M ) Zahn Steirische Miscellen. Graz 
1899» 4: Engelien u. Lahn 237; Drechsler 1, 
13; Peuckert Schles. Volksk. 118 f.; Franzisci 
Kärnten 32; Meier Schwaben 455; Baumgarten 
Jahru.s . Tagen ; Jahn Pommern 159; Heßler 
Hessen 621; Strackerjan 1, 168; Frischbier 
Hexenspr. 163; ZfVk. 1, 179; Nds. 19, 188; 
ZfEthn. 15, 85 f.; BIPommVk. 6, 25. Die unter¬ 
scheidenden Einzelheiten dieser Belege u. 
weitere verwandte Bräuche sind aufgeführt 
bei Freudenthal Feuer 181 f. 6l ) Cäsarius 

v. Heisterbach Dialogus 2, 129; vgl. 2, 133 f. 

62 ) Chrysostomos Homilia XII in Epist. 
prim, ad Corinthios c. 7, bei Migne Patr. 
Graeca 61, 105; vgl. ferner ZfVk. 22, 225 f. 
M ) ZfVk. 18, 444 f.; vgl. Cruel Gesch. d. deut¬ 
schen Predigt im Mittelalter. Detmold 1879, 
619; Z. f. vaterl. Gesch. u. Altertumskd. 47 
(1889) (1), 96; Meyer Aberglaube 228 f.; 

Wolf Beiträge 2, 89. 64 ) ZfVk. 22, 225 f. 

w ) Mitt. u. Umfr. z. bayr. Vk. 9 (2), 3; vgl. 
ZfrwVk. 8, 298 f. Ein ähnlicher Brauch im 


1255 


Kessel 


1256 


Kessel 


1258 


Schadenzauber bei Agrippa v. N ett esheim 
4,172. M )Franz Nik.d Jawer 182; ZfVk. 11, 274. 
i7 ) Franz Benediktionen 2, 591 f. M ) Birlinger 
Volksth. 1, 200; Meyer Baden 575; Lammert 
142. Ma ) DG. 4, H3f. **) Wettstein 
Disentis 174. 68 a ) Oben 3, 31. 41. 60 ) Rocken- 
philosophie 2, 320; Amaranthes a. a. O. 242; 
Zingerle Tirol 18; Meier Schwaben 504; Pan¬ 
zer Beitrag 1, 258; Rosegger Steiermark (1875) 
1,82; Strackerjan i, 105; Bartsch 
burg 2 . 58; BIPommVk. 6, 140; ZföVk. 3, 54; 
vgl. Wuttke 220. 41 ) Grimm RA. 2, 598!. 

• a ) Fogel Pennsylvania 95. 83 ) Nds. 27, 136. 
**) Z. B. Meyer Baden 507 f. 85 ) Haltrich 
Siebenb. Sachsen 309. M ) Wolfheri Vita Gode- 
hardi c. 39, in MG. SS. 9, 217 t.; Liber miraculo- 
rum (s. Virgilii)c. 3, bei Mabillon Acta Sancto- 
rum Ord. Bened. Venedig 1734. 3 (2), 286; vgl. 
ferner Franz Die Messe im deutschen Mittelalter. 
Freiburg i. B. 1902, 290; franz. u. engl. 

Parallelen bei Gerhardt Franz. Novelle 133. 
87 ) Toeppen Masuren 13; Frischbier Hexen - 
spr. 32. ® 8 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 127; 

Lütolf Sagen 233; Müller Siebenbürgen 148; 
Drechsler 2, 260; Rosegger Steiermark (1875), 
1, 80; Urquell 2, 141!.; vgl. Liebrecht Zur 
Volksk. 205. 69 ) Avenarius Die Seelenkerze 

in: Stimmen und Bilder. München 7 o. J. 181 f. 

Freudenthal. 


Kessel. 

1. Sachkundliches. Die germani¬ 
schen Bezeichnungen für K. (anord. 
kettle, got. katils, ahd. kezzü, ags. 
cietel) werden allgemein als frühe Ent¬ 
lehnungen aus dem Süden (lat. catillus , 
gr. xotoXoc) gedeutet*). Daneben gibt 
es aber auch ein altes einheimisches 
Wort, das in den germanischen Sprachen 
zur Bezeichnung des K.s Verwendung 
fand, nämlich anord. hverna (Koch¬ 
geschirr), got. hwairnei (Hirnschale), 
anord. hverr , ags. hwer , ahd. (h)wer = 
K. (verwandt mit aind. carü = K., 
karaüka = Schädel, russ. cara = Schale, 
air. coire — K.). Diese Wortgruppe 
hat einen Nachkommen im norweg. 
kvann bewahrt, einem Wort, das den 
bootförmigen Knochen im Fischkopf be¬ 
deutet 2 ). Hält man dazu, daß man im 
Norden, z. T. bis heute, so primitive 
Vorgänger des metallenen Stell- und 
Hänge-K. findet, wie z. B. Beutel aus 
Tierhäuten auf den Hebriden 3 ), auf- 
hängbare Specksteingefäße in Schweden, 
hölzerne oder rindene Bierkufen im N orden 
und Nordosten u. dgl. m. 4 ), so ist wohl 
der Schluß erlaubt, daß das primitive 


Urgut derartiger K.-Gefäße mit dem 
alten Namen hwer bezeichnet wurde 
und daß sich das Lehnwort catillus erst 
auf die technisch vervollkommneten me¬ 
tallenen K. bezogen hat. Es verhält 
sich dabei wohl ebenso wie mit dem 
zweihenkeligen Eimer, der auch mit einem 
Lehnwort (ahd. amber, Eimer, volksety¬ 
mologisch aus Etn-bar, von lat. atnphora) 
benannt ist, obwohl gerade seine Form 
(in den Rössener Bechern, Kugelampho¬ 
ren, Lausitzer Buckelumen usw.) am 
frühesten aus dem nordwestlichen Kultur¬ 
bereich nachweisbar ist 6 ). Für die Auf¬ 
nahme des fremden Namens mit der 


Metall-Industrie spricht auch der Um¬ 
stand, daß sich viele der metallenen 
becken-, schüssel- und eimerförmigen K. 
aus der Hallstatt- und Latene-Zeit, wie 
z. B. der berühmte Silberk. von Gunde- 
strup (Jütland), als Importstücke aus 
dem Süden erweisen lassen 6 ). Jeden¬ 
falls aber ist der K. als einfaches Herd- 
und Kultgerät auch auf germanischem 
Boden uraltes, heimisches Kulturgut, und 
die mythischen Vorstellungen, die sich 
an ihn knüpfen, brauchen daher keines¬ 
wegs als fremde Einflüsse gedeutet zu 
werden. 

*) Schräder Reallex. 279; Falk u. Torp 
Etym. Wb. 1, 514. *) Falk u. Torp Etym. Wb. 
1, 602. 3 ) Heckscher 488 Anm. 75 (nach 

Buchanan Reisen 1782 S. 96 ff.). 4 ) Haber¬ 
land t in Buschan III. Völkerk. Stuttgart 
1926 S. 492. 498. 512 f. u. a.; C. Schuchhardt 
Vorgeschichte von Deutschland (München 1928) 
120 Abb. 94. 6 ) C. Schuchhardt a. a. O. 75. 
78. 142 ff. u. a. •) Ebd. 223; Hoops Reallex. 

3 » 41 f- 

2. Kultisches. Daß auch zu Kult¬ 
zwecken noch verhältnismäßig spät primi¬ 
tive K.-Formen verwendet wurden, be¬ 


zeugt der heilige Columban (f 615), der 
bei einem schwäbischen Wodansfest in 
der Nähe von Bregenz mitten auf dem 
Festplatz eine große hölzerne Bierkufe 
antraf, die mit Opferbier gefüllt war 7 ). 
Wir dürfen uns auch die Opferk., hlaut - 
bolli, in denen das Blut der Opfertiere 
aufgefangen wurde, ebenso wie die in 
der Mitte des Golfes über dem Feuer 
hängenden K., in denen das Fleisch der 
Opfertiere gekocht wurde 8 ), durch lange 
Zeit hindurch in primitiver Gestalt vor- 



1257 

stellen, um so mehr, als man ja bei 
kultischen Geräten bekanntlich archaische 
Formen besonders lange beibehält. Aber 
ohne Zweifel hat man andererseits, gerade 
um die Weihe solcher Gefäße auch 
äußerlich zu betonen, daneben bei den 
Germanen gewiß auch schon in recht 
früher Zeit kostbare und prunkvolle 
Opferk. verwendet, die z. T. eingeführt, 
z. T. nachgeahmt oder selbständig ge¬ 
staltet wurden. Die älteste Nachricht 
über einen großen, ehernen Opferk. ver¬ 
danken wir Strabos Erdbeschreibung 9 ). 
Darnach führten die weissagenden Zauber¬ 
frauen der Kimbern deren Kriegsge¬ 
fangene an den großen, etwa zwanzig 
Maß fassenden, metallenen K. und durch¬ 
schnitten ihnen, indem sie sie über den 
K. beugten, die Kehlen. Aus dem im 
K. wallenden Blute weissagten sie. Aus 
edlem Metall, vielleicht sogar aus Gold, 
war wohl der Opferk., der den Kimbern 
„als der heiligste galt“ und den sie dem 
Kaiser Augustus als Sühnegeschenk 
sandten 10 ). Kultischen Zwecken — wenn 
auch nicht ausnahmslos — dienten wohl 
auch die K.-Wagen, wie solche in 
Skandinavien (Ystad, Skallerup), Meck¬ 
lenburg-Schwerin (Peccatel), Böhmen (Mi¬ 
lavec, Trebnitz), Steiermark (Strettweg) 
und Siebenbürgen (Szaszvarosszek) ge¬ 
funden wurden n ), sowie auch auf thessa- 
lischen Münzen und aus dem salomoni¬ 
schen Tempel bekannt 12 ) sind. Etliche 
von ihnen sind nach neuerer Auffassung 
vielleicht prunkvolle Tafelstücke gewesen, 
die deswegen mit Rädergestellen ver¬ 
sehen wurden, damit man sie am Zech- 
tisch bequem hin- und herschieben 
konnte 13 ); andere aber, wie der Strett¬ 
weger Opferwagen, dienten schon nach 
ihrem figuralen Schmuck, der sehr an 
die Figuren an den Eimern von Bologna 
und Watsch (Krain) 14 ) gemahnt, zweifel¬ 
los kultischen Zwecken. Seit längerer 
Zeit ist dabei eine Deutung versucht 
worden, die den übrigen Kultdiensten 
der K., nämlich der Aufnahme des Opfer¬ 
blutes, Opfertrankes und Opferfleisches 
noch einen weiteren hinzugesellt, näm¬ 
lich ihre Verwendung im Regenzauber 
{s. d.) 15 ). Darnach würde es sich bei 


den betreffenden K.-Wagen um Nach¬ 
bildungen von kultischen Wagen handeln, 
die, bei Dürre mit einem großen K. be¬ 
laden, umhergeführt worden sind. Nach 
der einen Auffassung sei der K. mit 
Wasser gefüllt, nach der anderen im 
Gegenteil leer gelassen worden, um — 
im letzteren Falle — der Gottheit nahe¬ 
zulegen, daß er eben gefüllt werden 
wolle 1# ). Da wir auch sonst Zusammen¬ 
hänge des K.s mit dem Wetterzauber 
fest st eilen können (s. unten) und ver¬ 
schiedene volkskundliche Wahrnehmungen 
(z. B. das „schön Wetter machen“ durch 
Leeren von Speise- und Getränke¬ 
gefäßen) 17 ) ebenfalls für derartige Be¬ 
ziehungen sprechen, scheint uns die Er¬ 
klärung der K.-Wagen als Regenzauber- 
Geräte recht ansprechend zu sein, wie¬ 
wohl das letzte Wort in dieser Sache 


noch kaum gesprochen sein dürfte. 

7 ) Jonas vita s. Columbani in M. G. Schul. 
28, 105; Grimm Myth . 1, 45 b; 3, 28; Meyer 
Germ. Myth. 261; ders. Myth. der Germ. 34; 
O. Lauffer Entwicklungsstufen d. germ. Kultur. 
Heidelberg 1926 S. 91; P. Herrmann Alt¬ 
deutsche Kultgebräuche, Jena 1928, S. 16. 
•) Grimm Myth. 1, 46 f.; Mogk Mythologie 
394; Meyer Germ. Myth. § 26; P. Herrmann 
a. a. O. 30 f. 8 ) Strabo 7, 2; Grimm Myth. 1, 


45. 10 ) Strabo 7, 2; Grimm Myth. 1, 51; 

O. Lauffer a. a. O. 91. ll ) Ebert Reallex. 
6, 332 ff. ia ) Ebd. und Lütolf Sagen 

61 ff. 13 ) C. Schuchhardt a. a. O. 182 fl. 
14 ) Ebd. 182 ff. u. 225 f. 1B ) Kauffmann in 
ARw. 11; Helm Religgesch. 1, 181 f.; Gese- 
mann Regenzauber 42 ff. ie ) Lisch in Mecklenb. 
Jahrb. 25, 225. 17 ) Gesemann a. a. O. stellt 

H prar+i crp Bränr.hp 


7iKammpn 


3. Mythisches. In den älteren und 
jüngeren germanischen Mythen spielt 
der K. eine nicht unbedeutende Rolle, 
die sich teilweise auch noch in Vorstel¬ 
lungen des heutigen Volksglaubens aus¬ 
wirkt. Auffallend ist dabei die Tatsache, 
daß es vor allem die Wetter-, Sturm-, 
Wasser- und Luftdämonen und die aus 
diesen entwickelten Götter- und Halb¬ 
götter-Gestalten sind, die zum K. in 
Beziehung gesetzt erscheinen. Die Grund¬ 
ursache ist vielleicht nicht so sehr im 
erwähnten Regenzauber, sondern in der 
sehr natürlichen primitiven Assoziation 
zu suchen, die in der wallenden und 
rauschenden Gewitterwolke einen sieden- 


1259 


Kessel 


I 2 Ö 0 


den K. sieht und die möglicherweise auch 
ihrerseits wieder selbst dem genannten 
Regenzauber zugrunde liegt. Von Island 
an, wo die Gewitterwolke noch neuislän¬ 
disch als hverr ( = K.) bezeichnet wird 18 ), 
ist die „sicher uralte Vorstellung“ 19 ) 
vom „Brauen der Gewitter“ über das 
ganze germanische Sprachgebiet bis herab 
auf die Südgrenze verbreitet, wo man, 
z. B. in Steiermark, Schauerwetter als j 
„siedende Wetter“ bezeichnet und wo 
Peter Rosegger vom „Sieden im Ge- 
wölke wie in tausend Kesseln“ redete 20 ). 
Diese Vorstellung verbindet sich fast 
immer mit der von den Wetterhexen, 
die — namentlich das Hagelwetter — 
im K. brauen. So erzählt z. B. eine 
Allgäuer Sage, wie wetterkundige Berg¬ 
steiger hinter einem Felsen drei alte 
Weiber belauschten, die um einen brodeln¬ 
den K., aus dem das Gewitter aufstieg, 
Reigen tanzten 21 ). In zahllosen Hexen¬ 
prozessen findet dieselbe Vorstellung in 
dieser oder ähnlicher Form reichlichen 
und mannigfaltigen Ausdruck 22 ). Der j 
Glaube reicht, wie schon J. Grimm ein- | 
gehend nachgewiesen hat, bis in das j 
höchste Altertum zurück und war nicht i 
nur im Germanischen, sondern auch bei 
Esten, Finnen und Kalmücken ver¬ 
breitet 23 ) (s. die Artikel Hagel, Hexe, ; 

Wetterzauber). Eine verwandte Asso¬ 
ziation war ferner durch die Beobachtung 
gegeben, daß heiße Quellen, Dämpfe, 
Dünste, Nebel, Wind und Gewitter wirk¬ 
lich oder scheinbar ausSchlünden, Schacht¬ 
höhlen („Wetterlöchern“), Klüften und 
Abgründen auf steigen, weshalb man auch 1 
diese mit dem K. verglich und z. T. auch I 
noch im heutigen Sprachgebrauch als K. 
(„Felsenkessel“ u. dgl.) bezeichnet. Die 
Benennungen helle kessel, hellesöt (ags. 
hellesdad), helleputze, Kesselbrunnen, Kak¬ 
born u. dgl. gehören hieher 24 ). Sie haben 
sich in christlicher Zeit mit der Hölle 
(s. d.) als Teufelswohnung verquickt, wo 
die armen Seelen im K. gesotten werden 
und in die der Teufel mit ungetauften 
Glocken, die manchmal anstatt der K. 
aufscheinen, verschwindet 25 ). Einesieben- 
bürgische Sage z. B. erzählt, man habe 
in uralten Zeiten hinter dem Zeidner 


Berg einen großen K. ausgegraben, aus 
dessen Metall man die vorige große 
Glocke gegossen habe. Das Loch, worin 
der K. gewesen, sei lange offen gestanden, 
bis der Teufel einmal die Leiche eines 
bösen Stadtrichters aus der Gruft geholt 
und in jenes Loch gestürzt habe, wo sie 
bisweilen, bei stürmischer Witterung ein 
entsetzliches Getöse verursache 26 ). Ob 
die Lindwürmer im „K.-Graben“ 27 ) 
und in der ,,K.-Mauer“ (Steiermark) **), 
wie E. H. Meyer meinte 29 ), mit dem 
Midgardwurm bei Ymirs K. Zusammen¬ 
hängen, erscheint uns zweifelhaft. Fol¬ 
gende Vorstellungen finden sich in alten 
germanischen Mythen bezeugt: In 

Wolkenk.n brauen die Sturmriesen ihr 
Bier, wovon einer Olvaldi (Bierwalter) 
heißt 30 ). Einen im Berge verborgenen 
K. des Hrimthursen Suttingr beraubt 
Odin seines Inhaltes, des Lebensmethes 
(odrerir) 31 ). Nach einer norwegischen 
Volkssage ertönen die K., in denen das 
Riesenweib kocht, wenn Unwetter im 
Anzug ist 3a ). Hvergelmir der „rauschende 
K.“ hieß der Abgrund am Weltenrande, 
wo der Midgardwurm haust und aus 
dessen zwölf Strömen (elivdgar) die 
Urriesen (zunächst Ytnir) entsprossen 33 ). 
Mit ihm hängt die bekannte Thorsmythe 
zusammen, die mit ihren märchenhaften 
Zügen auch im heutigen deutschen Volks¬ 
märchen (vom „starken Hans“ u. a.) 
weiterlebt 34 ) und die uns erzählt, wie 
Thor , der Gewittergott, jenen meilentiefen 
K. des Urriesen Ymir raubt, nachdem ihn 
das Riesenweib zuerst unter dem K. 
versteckt hatte. Nach allerlei Kämpfen 
und Abenteuern (z. B. Fang des Midgard¬ 
wurmes), stülpt er sich den K. über den 
Kopf und bringt ihn den tafelnden Äsen 
in Aegirs Halle, wo er als Methk. auf¬ 
gehängt wird, während er nach arideren 
Mythen als Eldhrimnir zum Sieden des 
sich immer wieder erneuernden Ein- 
herja-Ebers diente 35 ). Auch sonst er¬ 
scheint Thor (s. d.) wiederholt zum K. 
in Beziehung gesetzt. Die alten Eigen¬ 
namen Thorkettil (Thorkel), Asketill (ags. 
Oscytel), und PrumketiU deuten auf K., die 
dem Thor geweiht waren 38 ). Vielleicht 
gehört auch die norddeutsche Sage hierher, 


u 


■) 


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1261 


Kessel 


1262 


in der Böcke eine Kittelkittelkarre (K.- 
Wagen?) ziehen 37 ). Sicherer scheint das 
Nachwirken von Thorsmythen in einer 
Tiroler Sage zu sein, in der ein rotbärtiger 
brüllender Wetterriese einen goldenen 
Bockswagen besitzt. Ebenso klingen sie 
vielleicht in einer schwäbischen Sage nach, 
in der das Guenisheer mit einem schweren 
Wagen durch die Lüfte fährt, dessen 
Geräusch wie eine Last klirrender Käsek. 
anzuhören ist, wie endlich auch in einer 
Appenzeller Sage, in der ein Luftreiter, 
spöttisch „ der Donner hetze/ * genannt, mit 
Gekessel (Lärm) durch die Lüfte braust 38 ). 
Im Harz wird, wie eine andere Sage er¬ 
zählt, an einer Stelle, wo zwei gespen¬ 
stische Ziegenböcke tanzen, ein mit Gold 
gefüllter Brauk. sichtbar 39 ). Und wenn 
in Schweden die Gewitterwolken Thors 
bukkar genannt werden so sind auch 
da die erwähnten assoziativen Zusammen¬ 
hänge wieder recht deutlich erkennbar. 

Neben Thor, Ymir (Hymir, Brimir) und 
Aegir 41 ) erscheinen auch andere mythi¬ 
sche Gestalten, besonders Elben und 
Drachen, die teilweise noch im heutigen 
Volksglauben weiter leben, in Verbindung 
mit dem K. Elfen schmieden K., die sie 
den Menschen borgen, von denen sie 
andererseits manchmal auch K. entlei¬ 
hen 42 ). Im Brehochberg bei Schleswig 
wohnen die Unterirdischen. Wenn die 
Bauern in früheren Zeiten bei Hochzeiten 
K. brauchten, klopften sie an den Berg. 
Dann fragten die Unterirdischen, was sie 
wollen und wie groß die K. sein sollten 
und liehen sie ihnen in jeder gewünschten 
Größe. Die Bauern konnten sie am näch¬ 
sten Morgen vor Sonnenaufgang abholen. 
Dafür* verlangten die Zwerge nichts, als 
die Überreste der Speisen, die in den K.n 
gekocht worden waren. Ein übermütiger 
Bauer tat aber einmal etwas anderes 
hinein, und seitdem leihen die Unterirdi¬ 
schen keinen K. mehr aus 43 ). Nach einer 
Sage aus Hinterpommem sah ein Bauer 
am Fuße eines Berges eine Jungfrau sitzen, 
die einen K. scheuerte. Er trat zu ihr 
und bat sie, ihm den K. zur Hochzeit 
zu leihen. Die Jungfrau war dazu bereit, 
trug ihm aber auf, den K. pünktlich zu¬ 
rückzubringen. Das hat er aber nicht 


getan, und deshalb hat ihn der Böse 
geholt. Die Jungfrau aber muß noch 
weiter auf Erlösung warten 44 ). Eine 
Reminiszenz an den alten Opferk. ent¬ 
halten vielleicht die Südtiroler und 
mecklenburgischen Sagen, nach denen 
die Hexen und die wilden Frauen in 
einem K. Menschen sieden 45 ) (vgl. auch 
andere Märchen, z. B. die Hexe in Hänsel 
und Gretel u. a.). Auch die goldenen 
Eimer oder die mit Gold gefüllten Schatz¬ 
kessel gehören wahrscheinlich hieher. 
Nach etlichen Sagen werden verwunschene 
Jungfrauen gesehen, die mit goldenen 
K.-Eimern in den Nächten Wasser ho¬ 
len 46 ). Eine thüringische Sage erzählt, 
daß eine weiße Jungfrau einen Bauern 
zu einem Baum führte und ihn dort 
graben hieß. Er tat es und brachte als¬ 
bald einen K. zum Vorschein. Wie er 
ihn herausheben will, wird der K. immer 
schwerer, so daß dem Bauern die Kräfte 
versagen wollen. Da haucht ihm die 
Jungfrau in den Mund, und nun hebt er 
den über und über mit Gold gefüllten K. 
Es bleibt ihm zwar eine schwarze Zunge, 
aber die Jungfrau ist erlöst, und er ist 
unermeßlich reich 47 ). Derartige Schatz- 
kessel erscheinen wiederholt in den 
Mythen und Sagen. Auch der nordische 
Riesenk. ist oft voll Gold 48 ), ebenso wie 
der oben erwähnte Ziegenbock- K. im 
Harz 49 ). In einem Brunnen bei Caldrun 
in Tirol erscheint alle hundert Jahre aus 
einer Steinfuge der Brunnenwand die 
Hieng (K.-Hänge) eines gewaltigen 
K.s, der mit einem Schatz gefüllt ist 
und von einem Wurm bewacht wird. 
Man müßte etwas Geweihtes auf die 
Hieng werfen, um den Schatz zu heben 49 ). 
Ein ähnlicher Brunnen liegt am Raffen¬ 
berg zwischen Hagen und Limburg. 
Etliche Leute bemerkten einmal in dem 
Brunnen einen mit Gold gefüllten K. und 
suchten ihn herauszuziehen. Aber je 
höher sie ihn zogen, desto schwerer wurde 
er, und als einer ein Wort sprach, sprang 
eine Kröte in den Brunnen, worauf der 
K. sofort versank und auf immer ver¬ 
schwand w ). Eine oldenburgische Sage 
erzählt, daß die Erdmännlein, als sie 
nach dem Tode ihrer Königin das Land 



1263 


Kessel 


1264 


verließen, einen kleinen K. hinterlassen 
hätten, der von besonderer Arbeit war 51 ). 
Man erzählt auch von Frau Holt , daß sie 
im Venusberg bei einem über dem Feuer 
hängenden K. sitze 62 ). Daß derartigen 
Sagen bisweilen archäologische K.-Funde 
zugrunde liegen, bezeugt der berühmte 
Fund von Pekatell, der eine mecklen¬ 
burgische Volkssage, die in dem dortigen 
Hügel einen Zwergen-K. wußte, in über¬ 
raschender Weise bestätigte 53 ). 

18 ) Meyer Germ. Myth. § 119. 121. 124. 
1# ) Grimm DWb. 2, 322. 20 ) Ebd. u. 4,1, 3, 6397; 
Rosegger Waldheimat&.Tn.O. 21 ) Reiser Allgäu 
i,92f. 22 ) Grimm Myth. 2, 873fr; 3, 307;Byloff 
(1929) 15. 24; ders. Das Verbrechen der Zauberei, 
Graz 1902, a. v. O. 23 ) Grimm Myth. 2, 908 ff.; 
3 » 3*3 L 24 ) Meyer Germ. Myth. 119. 124. 234 
(173 wo weitere Lit.); Grimm Myth. 2, 
670 ff.; 3, 239 f. 25 ) Meyer Germ. Myth.§ 234 
(S. 173); Wolf Beiträge 1, 202; Kuhn West¬ 
falen 1, 16. 216. 2tt ) Müller Siebenbürgen 97f., 
ähnliche Sagen auch anderswo, vgl. z. B. 
Krainz Nr. 214 u. 231. 27 ) Rochholz Sagen 
2, 8. * 8 ) Krainz 174. ,# ) Meyer Germ. Myth. 
100 § 136; ders. Indogerm. Mythen 2, 585. 625. 
*°) Meyer Germ. Myth. § 124. 194. 31 ) Ebd. 

§ 196; Mogk Relgesch. 69 f. 32 ) Faye Norskc 
Folkesagen 6. M ) Grimm Myth. 1, 467; Wolf 
Beiträge 2, 349 ff.; Meyer Germ. Myth. § 119. 
184. 188; Quitzmann Baiwaren 193. 34 ) 

Grimm Myth. 1, 155 f.; Simrock Mythologie 
2630.; Bugge Heldensagen 1, 26; Meyer 
Germ. Myth. § 145. 184 f. 188. 202. 256; Mogk 
Relgesch. 91 ff. Meyer Germ. Myth. 256. 

3# ) Grimm Myth. 1, 51. 151. 155; 3, 69 f.; 
Meyer Germ. Myth. § 272. 37 ) Müllenhoff 

Sagen 445 ff. (IV 18). 38 ) Rochholz Sagen 1, 
95 L; ZfdMyth. 1, 20; 2, 185. 39 ) Pröhle Harz 2, 
217. «>) Hylten-Cavallius 2, Till. X. 4l ) 

Meyer Religgesch. 103 f. 42 ) Müllenhoff 
Sagen 284 f. 317; Kuhn und Schwartz 164 f.; 
Kuhn Westfalen 1, 200 u. 306; Meyer Germ. 
Myth. S. 128 § 167. 43 ) Grimm Sagen Nr. 154 
u. 302. 44 ) Knoop Hinterpommern 59 t. 
**) Laistner Sphinx 1, 288; 2, 3190.; Meyer 
Germ. Myth. § 164 (S. 123); Schneller Wälsch- 
tirol 202; Hör mann Mythol. Beitr. a. Wälsch- 
tirol 213; Bartsch Mecklenburg 1, 48 Nr. 68. 
**) Laistner Sphinx 1, 286; Bartsch Mecklen¬ 
burg 1, 273 ff. 47 ) Witzschel Thüringen 2, 
42 Nr. 40; Laistner Sphinx i, 321. *•) Meyer 
Germ. Myth. § 124. 49 ) Heyl Tirol 384 Nr. 63. 
*°) Grässe Preußen 783 f. 61 ) Strackerjan 1, 
402; Meyer Germ. Myth. § 164. 62 ) ZfdMyth. 1, 
273; Meyer Germ. Myth. § 367 (S. 282). M ) 
Mackensen in NdZfVk. 3, 88; E. Jung 
Germ. Götter u. Helden München 1922 S. 313. 

5. Der Kessel im Wetterzauber. 
Am meisten verbreitet ist heute noch 
der Glaube an die Hexen, die in K.n 


Wetter, besonders Hagelwetter, sieden 
(s. oben u. Anm. 18—23). Diese Vor¬ 
stellung war vielleicht schon dem alten 
salischen Volksglauben bekannt. In der 
lex salica cap. 67 heißt es: „si quis 
alter um chervioburgum, hoc est strioportium 
clamaverit , aut illum , qui hineo portare 
dicitur, ubi strias (= striae) coccinant 
Es galt demnach, wie Jacob Grimm 
meinte, als ehrenrührigstes Scheltwort, je¬ 
manden einen Hexenkesselträger zu nen¬ 
nen. Nun steht freilich die Grimmsche 
Deutung des Wortes chervioburgus, das 
Grimm als chverio (also hver > altfränk. 
chver = K.) und burjo (Träger) auf- 
faßte 54 ), nicht mehr unumstritten fest. 

W. van Helten hat dagegen ver¬ 
schiedene Einwände erhoben und die 
Lesung chereburgium > *heraburgio = har 
(Hexe) und burgio (Gewährsmann), also 
Hexendiener vorgeschlagen 55 ). Aber 
selbst wenn die letztere Lesart die richtige 
und wie van Helten meint, der Nachsatz 
,,illum qui hineo portare dicitur , ubi strias 
coccinant . . .“ nur ein in die Text¬ 
rezension aufgenommener Versuch wäre, 
um das schon damals unverstandene 
Wort zu erklären, so bestätigt doch 
jedenfalls dieser Versuch selbst den ver¬ 
breiteten und allgemein als bekannt 
vorausgesetzten Glauben an die kochenden 
und siedenden Hexen. Jacob Grimm 
hat dabei einen Gedanken angesponnen, 
der seither m. W. nicht weiter verfolgt 
wurde, nämlich die Frage, ob es sich 
nicht vielleicht ursprünglich um Prieste- 
rinnen gehandelt habe, die die geheiligten 
Salzquellen und Salzsiede-K. in ihrer 
Verwahrung gehabt hätten. Jacob Grimm 
verweist dabei u. a. auf eine Handschrift 
aus dem Kreise des „Strickers“ hin 56 ), 
in der unter verschiedenen abergläubischen 
Bräuchen auch folgende Stelle vorkommt: 
,,daz ein wip ein chalb rite, daz waeren 
wunderliche site, ode rit üf einer dehsen , 
oder iif einem hüspesem nach salze ze 
Halle fuere . . und weiter „ob ein wip 
einen ovenstap über schrite und gegen 
Halle rite über berge und über taV\ Diese 
Stellen bezeugen also den Glauben an 
Weiber, die auf einer Dechsen (Spinn¬ 
rocken) 57 ) oder auf einem Besen oder 


1265 


Kesaei 


1266 


einer Ofenkrücke nach Halle um Salz 
reiten. Es wäre demnach denkbar, daß 
der Glaube an Hexen, die auf Besen, 
Spinnrocken und Ofengabeln über Berg 
und Tal reiten u. a. auch mit germani¬ 
schen und keltischen Zauberfrauen zu¬ 
sammenhängt, die das Salzsieden noch 
als geheiligte Handlung zu vollziehen 
hatten. Damit wäre neben Opferk. und 
Regenzauber noch eine dritte Wurzel für 
den Glauben an die siedenden Hexen frei¬ 
gelegt. Die Frage scheint doch wert, 
weiter untersucht zu werden. 

Auf Wetterzauber deutet ferner fol¬ 
gender aus einem lettischen Heilsegen 
ersichtlicher Glaube hin: man denkt sich 
dort den Wahnsinn dadurch entstanden, 
„daß Piktuls (der vom Gewittergott 
verfolgte Dämon des Dunkels) nirgends 
einen K. fand, unter den er sich hätte 
flüchten können, weil nach altem 
Brauch beim Herannahen des Ge¬ 
witters alle Kessel umgestülpt 
worden waren. Da fuhr er in den Menschen, 
und sein schreckhaftes Hin- und Her¬ 
zucken im Körper bewirkte den Wahn¬ 
sinn 58 ). Ferner schlägt — ebenfalls 
nach lettischem Volksglauben — der 
Donnergott Perkunas auf K., was das 
Donnern hervorruft 59 ). Vielleicht gehört 
hieher auch die böhmische Sage, nach der 
ein Weib vom Blitz erschlagen wurde, 
da sie Sonntags Garn im K. sott. Der 
siedende K. aber wurde nach derselben 
Sage in eine heiße Quelle verwandelt 60 ) 
(s. K.-Haken). 

ö4 ) Grimm Myth. 2, 873 ff. u. 3, 307; RA. 
645 f. w ) W. van Helten in PBB. 25 (1900), 
S. 487 ff. § 168. M ) Grimm Myth. 2, 875 f. 
Nach gütiger Mitteilung von Prof. Zwierzina 
steht das Gedicht in der Wiener Hs. 2705, die 
ca. 1280 in Tirol geschrieben wurde. Das 
Gedicht selbst ist nicht von Stricker, wohl aber 
von einem Dichter seines Kreises verfaßt. Es 
ist auch in v. d. Hägens Germ. 8, 307 f. ab¬ 
gedruckt. 67 ) Schmeller BayWb. i, 484. 
* 8 ) E. Kurtz in ZfVk. 35/6 (1926), 41. In 
Umbrien wurden bei Hagelzauber bronzene K. 
aufgestellt. Goldmann Andelang 36, wo 
weitere Literatur. w ) Rochholz Naturmythen 
54; Veckenstedts Zs. 1, 246; Meyer Indo¬ 
germ. Mythen 2, 605; zu Perkunas vgl. Mogk 
Relgesch. 89. 40 ) Grohmann 246; Meyer 

Indogerm. Mythen 2, 602. 

5. Der K. als Schützer und Hel¬ 


fer. Es ist immerhin auffallend, daß in 
Mythen, Märchen und Sagen wiederholt 
davon erzählt wird, daß man sich vor 
drohenden Gewalten unter einen K. 
flüchtet. Wir hören es bereits in der 
Edda (Hymirsquiäa) von Thor und Thyr 
(s. oben Anm. 33) und dann wieder vom 
lettischen Piktuls (s. oben Anm. 58), 
daß sie sich unter K.n verbergen. Daß dieses 
Motiv auch in Märchen wiederkehrt, wo 
der Held, meist von der Frau des Un¬ 
holdes unter einem K. oder Faß u. dgl. 
versteckt wird, hat schon Wolf angedeu¬ 
tet 61 ). Aber auch verschiedene Sagen 
erzählen dasselbe. Nach einer westfäli¬ 
schen Sage verbirgt sich ein Mädchen, das 
in den Zwölften einen K. von Campen 
nach Sieden tragen mußte, vor der heran¬ 
nahenden Herodis und ihren Hunden 
unter diesem K. 62 ). Ein Tiroler Senner 
spottete den Ruf der Habergeiß nach. 
Als sie herankam, verkroch er sich unter 
einen kupfernen K. Aber die Habergeiß 
durchblickte den K. und fraß den Hir¬ 
ten 63 ). Eine oldenburgische Sage weiß 
von einem Mädchen zu berichten, das 
zwischen Weihnachten und Neujahr einen 
Wasch-K. durch den Busch trug. Da 
hörte sie den brausenden Zug des ewigen 
Jägers , warf in ihrer Angst den K. weg 
und versteckte sich darunter 64 ). 

Aber auch durch das K.-Sieden kann 
man Dämonen verscheuchen. Die Alt- 
weiberphüosophie vom Jahre 1612 be¬ 
richtet, die Nachtmar scheuchet kein 
Ding mehr, dann so ein Hafen , vom 
Ferner gesetzt , noch seudt 65 ); ebenso zeigt 
es an, wenn ein gerichte im topfe , nachdem 
es vom fetter, nachkochet, daß keine Hexen 
im Hause 66 ). Der Glaube ist weit 
verbreitet: Die schwedischen Vättar flie¬ 
hen vor dem im K. siedenden Wasser 67 ); 
Elben, Nachtmaren und Hexen vertreibt 
man, wenn man in einem K. oder in 
einem Topf Wasser siedet 68 ), den Dra¬ 
chen verscheucht man, wenn man einen 
mit Wasser und Hexenkraut gefüllten K. 
drei Tage und drei Nächte lang über 
einem Notfeuer hängen läßt 69 ), ebenso 
wie man in Island das Vieh zum Schutz 
gegen Krankheit mit K.-Wasser besprengt, 
das über dem Notfeuer gesotten wurde 70 ). 


12 67 


Kessel 


1268 


Schon Burkhard von Worms (f 1024) er¬ 
wähnt, daß man Kinder vom Fieber 
heilte, indem man das im K. siedende 
Wasser auf das Kind überströmen ließ 71 ). 
Ebenso wirft man den Wechselbalg in 
einen siedenden K. und legt ihn dann 
auf einen Kreuzweg, damit die Trollen 
das rechte Kind wiederbringen 72 ). Ver¬ 
schiedene indogermanische Mythen er¬ 
zählen von jungen Helden, die sich in 
siedende K. warfen und verjüngt aus 
diesen hervorgingen, während ihre Feinde 
elendiglich darin umkamen 73 ). Auch 
bei der Taufe soll man bisweilen gekochtes ; 
K.-Wasser verwendet haben 74 ). Bei 
allen diesen Vorstellungen, ebenso wie 
beim nordischen K.-Bier 75 ), oder beim 
Trienter K.-Tanz und beim schwäbischen 
Balfaribrauch 78 ) oder bei allen Theoduls- 
Glocken 77 ) an Thors-K. oder an Wetter¬ 
zauber 78 ) zu denken, ist wohl nicht 
nötig, noch weniger, darin Zusammen¬ 
hänge mit dem Mond zu sehen 79 ). Man 
kommt hier m. E. sehr oft damit aus, die 
segenspendende Kraft des Herd- (s. d.) 
und Notfeuers (s. d.), über denen der K. 
hängt, als wesentlichsten Erklärungs¬ 
grund anzunehmen. 

6l ) Wolf Beitr. 1, 95 - 6a ) Kuhn Westfalen 

I, 3 Nr. 4; Laistner Sphinx 2, 94. 63 ) Laist- 
ner Sphinx 2, 219. 64 ) Strackerjan 1, 372!. 
e5 ) ZfdMyth. 3, 311. 68 ) Grimm Myth. 3, 477 
Nr. 1135. 67 ) Hylten-Cavallius i, 268. 

68 ) Birlinger Volkstk. 1, 328; Jahn Hexen¬ 
wesen 365. 376; Meyer Germ. Myth. 137 § 175. 
68 ) Bartsch Mecklenburg 1, 259!.; Meyer 
Germ. Myth. 98 § 135. 70 ) Grimm Myth. 1, 

507. 71 ) Meyer Indogerm. Mythen 2, 520. 

71 ) Meyer Germ. Myth. § 282 S. 210. 73 ) Meyer 
Indogerm. Mythen 2, 319 ff. u. 521. 74 ) Meyer 
Germ. Myth. 282 S. 209. 7S ) Liebrecht Ger¬ 

vasius 57; Meyer Germ. Myth. 209 § 282. 
7# ) Zingerle Tirol 84 Anm. 5; Quitzmann 
Baiwaren 187; Panzer Beitrag 2, 61. 77 ) Von- 
bun Beiträge 22 f.; Vernaleken Alpensagen 
314 f. 78 ) Meyer Germ. Myth. a. a. O. 79 ) Z. B. 
Siecke Götterattribute 304. 

6. Verschiedene K.-Bräuche. Der 
bekannteste alte K.-Brauch ist wohl das 
Gottesurteil des ,,K.-Fanges“. Er ge¬ 
hört zu den sogenannten „Elementar- 
Ordalen“, welche als die ältesten Formen 
der Gottesurteile angesehen werden 
Das K.-Ordal schildert schon Gregor von 
Tours 81 ). Es sind dafür die Bezeich¬ 
nungen iudicium aquae ferventis, bullien- 


tis, calidae , ags. wacterorddl, fries. weter- 
kamp-ketelfang, an. Ketilfang, ketiltak , 
deutsch kesselfang überliefert. Der Be¬ 
klagte hatte in oder vor der Kirche aus 
einem siedenden K. einen Stein heraus¬ 
zugreifen. Blieb er unversehrt, so galt 
seine Unschuld als erwiesen 82 ). Im 
Norden wurde diese Form als häufig¬ 
stes Gottesurteil (s. d.) bei Frauen im 
Jahr 1025 durch Olaf den Heiligen ein¬ 
geführt 83 ). Eine andere K.-Probe be¬ 
stand darin, daß man die Schuld als 
erwiesen betrachtete, wenn sich der 
aufgehängte und mit siedendem Wasser 
gefüllte K. zu drehen begann. Diese 
Form wurde oft als Vorprobe zum K.- 
Fang, aber auch selbständig vorge- 
| nommen 84 ). 

Eine Südtiroler Sage erzählt von einem 
Zauberer, genannt der Lauterfresser , der 
nach seiner Gefangennahme an einen 
kupfernen K. angeschmiedet wurde 85 ). 
Vielleicht klingt die Erinnerung an einen 
alten Rechtsbrauch nach. 

An festliche Opferk. erinnern vielleicht 
folgende Bräuche: In Trient wurde an 
Fastnacht auf dem Platz unter einem 
kupfernen K. Feuer angemacht und 
Plenten (< ital. polenta) gekocht. Man 
umtanzte den K., aß und trank. Außen¬ 
stehende suchen den Plenten zu stehlen, 
wem es gelingt, der wird geehrt und zum 
,,Räuberhauptmann“ erkoren 86 ). Ähn¬ 
lich geht es beim Balfaribrauch zu, der 
am Sonntag nach Michaelis im schwäbi¬ 
schen Bergschloß Gablingen abgehalten 
wurde. Dabei stellte man im Schloßhof 
einen großen kupfernen K. auf, füllte 
ihn mit Wasser aus dem Schloßbrunnen, 
umringte den K. und jeder suchte daraus 
zu trinken. Ein Bursche suchte den K. 
zu entreißen und fortzuschleifen und 
wurde von den andern verfolgt 87 ). 

In Hohenauen (Norddeutschland) 
wurde am Schlüsse der Ernte ein Kranz 
gewunden. Kam man damit im Hofe an, 
so wurde ein K. umgekehrt hingestellt, 
und alle mußten über diesen K. springen 86 ). 
Es wäre denkbar, daß dieser umgestürzte 
K. mit einem ehemaligen Regenzauber 
im Zusammenhang steht. 

Dagegen hängen folgende Bräuche wohl 


1269 


Kesselhaken 


1270 


mit dem Herdzauber (s. Herd u. Kessel¬ 
haken) zusammen: In Pommern setzt 
man einen blanken K. neben das junge 
Federvieh, wenn dieses zum erstenmal 
ins Freie gelassen wird. Dadurch schützt 
man es einerseits vor Raubvögeln, die 
vom blanken Metallk. geblendet werden 
(s. Vogelscheuchen), andererseits glaubt 
man aber, daß dadurch die Hexen ge¬ 
hindert werden, den Kopf der Küchlein 
am Rücken festwachsen zu lassen 89 ). 
Mit dem Bannzauber an den Herd und 
dadurch an das Haus steht gewiß auch 
folgender von Müllenhoff überlieferter 
sagenhafte Zauber in Verbindung: Ein 
Jude zaubert einen entlaufenen Knecht 
wieder her, indem er in einem großen K. 
über dem Herdfeuer um Mitternacht u. a. 


die Jacke des Knechtes einlegt und durch 
dreimal 24 Stunden kochen läßt ®°). 

80 ) v. Amira Grundriß 3, 219. 81 ) M. G. 

script. rer. Meroving. I 2, 542. 8Z ) Franz 


Benediktionen 2, 353 ff. u. 373 ff. 


83 ) Müllen¬ 


hoff Altertumsk. 5, 398 f. 84 ) Franz Benedik¬ 


tionen a. a. O. 86 ) s. o. 2. 904 f.; Panzer 


Beitrag 2, 114. 8# ) Ebd. 2, 61. 87 ) Ebd. 88 ) Kuhn 


u. Schwartz 399 Nr. 108. 8# ) Kuhn Westfalen 
2, 64 Nr. 197. 90 ) Müllenhoff Sagen 201 f. Nr. 
274 (neue Ausg. 316). v. Geramb. 


Kesselhaken nennt man den Haken, 
der den über dem Herd hängenden Kessel 
trägt. Er wird auch helhaken, oder einfach 
die oder das hei , hat (auch hähel , hadl, 
haol, hiil , hol, häle , hceli u. dgl.) ge¬ 
nannt l ). Dieser Name steht nicht — wie 
man seinerzeit meinte 2 ) — mit der Unter¬ 
welt hei in Verbindung, sondern gehört 
zu ahd. hdhila, mnd. häle , bedeutet also 
einfach „die Häng“ (von ahd. und got. 
hähan — hängen) 3 ). Doch ist der Name 
vielfach von der Hänge Vorrichtung auch 
auf den K. übertragen worden. Goldmann 
hat es wahrscheinlich zu machen gesucht, 
daß der in mittelalterlichen Rechtsurkun¬ 
den oft und oft genannte andelang eine 
alte Benennung des K.s gewesen ist 4 ). 

1. Sachkundliches. Es gibt ver¬ 


schiedene Formen des K.s und seiner 


Aufhängevorrichtung. Die einfachste ist 
wohl ein hölzerner Ast mit hakenförmigem 
Ende. Recht primitiv und an sich sehr 
alt, nämlich schon in prähistorischer Zeit 
nachweisbar 6 ), ist auch die Hängekette, 


die aus ineinandergreifenden Metallringen 
besteht, deren unterster den Haken trägt. 
Das Bedürfnis beliebig höher oder tiefer 
hängen zu können, hat auch schon recht 
früh zusammengesetzte Formen erzeugt, 
entweder in der Weise, daß der Haken 
samt dem daran gehängten Kessel in 
eingekerbte Zähne einer Aufhängestange 
eingehakt wird, oder daß man ihn selbst 
als das untere Ende eines gezähnten 
Eisenblattes gestaltete, das mittelst Ösen 
mit einem über dem Herd herabhängenden 
Führungsstab verbunden war. Während 
man die Kesselketten in der Hallstatt- 
und Latene-Zeit in den Alpen und von 
dort über West- und Südeuropa verbreitet 
findet, scheint die Zahnstangenform mit 
hölzernen Kerben in Skandinavien und 
Rußland am frühesten nachweisbar zu 
sein 6 ). Die kompliziertesten und ent¬ 
wickeltsten Formen des K.s mit mehr¬ 
teiligem eisernen, oft schön verzierten 
Zahnblatt und kunstvollem Traggerüste 
findet man im rheinisch-westfälischen 
Eisengebiet 7 ). Eine dritte Art sind die 
drehbaren Kesselgalgen (in der Schweiz 
Turner*), in den kärntnischen Alpen 
reidhäle, Drehhäle genannt 9 )), die als 
Wendesäulen auch in Norddeutschland 
und bis nach Osteuropa Vorkommen 10 ). 
Sie entsprangen dem Bedürfnis, den 
Kessel in horizontaler Richtung bequem 
verschieben zu können. Auch Kombina¬ 
tionen zwischen Drehgalgen und Zahn¬ 
stangen sind häufig n ). Die Zahnung 
des K.s hat auch etliche Volksrätsel 
entstehen lassen, z. B. Wer hett de 
meisten Naesen ? 12 ) oder ik wäit en 
swart mänken hiät tackeln in der syt 13 ). 

*) Heyne Haus alter tümer 2, 288; Urquell 
4, 59; ZfrwVk. 4, 288 f.; Wrede Rhein. Volksk. 
47. 57; Sartori Westfalen ^4. 125; Goldmann 
Andelang 30 ff. 2 ) Montanus Volksfeste 99L; 
Lippert Kulturgeschichte 439; Urquell 4, 59. 3 ) 
Falk-Torp Etym. Wb. 1, 447 t. 4 ) Goldmann 
Andelang passim. *) A. Haberlandt in Bu- 
schans III. Völkerk. 2, 460f. 8 ) Ebd. 7 ) Ebd. 
und Bomann Bäuerliches Hauswesen (Weimar 
1927), 7off., Abb. 45—55. 8 ) Haberlandt 

a. a. O. 9 ) Eigene Aufzeichnung. 10 ) A. Haber- 
landta.a.O. u ) Bomann a. a. O. 12 ) Stracker¬ 
jan 2, 224. 13 ) ZfdMyth. 3, 189. 

2. Die kultische und rechtliche 
Bedeutung des K.s hängt zweifei- 


1271 


Kesselhaken 


1272 


los mit der Heiligkeit und der Stellung 
des Herdes im Ahnenkult und als Kult¬ 
mittelpunkt des Hauses zusammen 14 ) 
(s. Herd), wozu noch sein ursprünglicher 
Aufhängeort vom Schornstein herab (s. d.) 
und vielleicht auch noch die Bedeutung 
des Kessels (s. d.) in Mitwirkung tritt. 
Es fällt auf, daß sich die kultischen und 
rechtlichen Vorstellungen, die an dem 
K. haften, besonders im niedersächsischen 
und fränkischen Gebiet samt seiner süd¬ 
westlichen und nordöstlichen Ausstrah¬ 
lung verdichten 15 ). Andere Gebiete, in 
denen eine ähnliche Verehrung des K.s 
zu beobachten ist, finden sich in Island 
und in Schottland, sowie bei den Süd¬ 
slawen und bei den Osseten und Tschet¬ 
schenen im Kaukasus ie ). Nur vereinzelte 
Spuren lassen sich auch bei den Wotjäken 
nach weisen 17 ). 

a) Der K. als lar familiaris. In 
der kultischen Weihe, die den K. aus¬ 
zeichnet, besitzt dieses Herdgerät eine 
seltsame Verwandtschaft mit dem Feuer¬ 
bock (s. d.). Es spricht sehr viel dafür, 
daß er wie dieser als lar familiaris (lar 
= focus), als Ahnengeist und Herdgott, 
somit als der eigentliche kultische Haus¬ 
herr betrachtet wurde, als der er isländisch 
und französisch (maitre de la ntaison) 
buchstäblich bezeichnet wird 18 ). Das ist 
genau dieselbe Vorstellung, die sich bei 
den Bulgaren beim Allerseelenfest kund¬ 
gibt, bei dem man Opfer in die Herd¬ 
höhle und auf den Dachboden (Rauch¬ 
abzug) legt mit den Worten: ,,Freue dich 
Hausherr“ 19 ). Ebenso streichen die 
Letten Speisereste an den K. als Opfer 
für den Hausgeist pukis *°). Besonders 
stark hat sich dieser Ahnenkult bei der 
Kesselkette der Osseten erhalten, bei denen 
es in einer Gerichtsklage als ärgeres Ver¬ 
brechen gilt, die Kesselkette zu rauben, als 
den Sohn des Hauses zu töten tt ). In 
der Schweiz läßt man die Herdflamme 
nicht zu hoch in den Schlot, aus dem 
die Kesselkette herabhängt, emporzüngeln, 
damit die armen Seelen nicht zu viel 
leiden müssen 22 ). Das Schütteln der 
Kesselkette freut nach isländischem Volks¬ 
glauben den Teufel 23 ). Fällt der K. von 
selbst herab, so bedeutet das Besuch 


u. a. 24 ), wie man ihn auch um Zukunfts¬ 
deutungen ausfragt: In Mecklenburg häng- 
ten die Mädchen ihr Hemd an den K., 
wenn sie ihren Zukünftigen erkunden 
wollten 25 ). Man teilt ihm aber auch 
Geheimnisse mit, die man Menschen 
nicht sagen darf, und beichtet 2 *) ihm 
ganz so wie sonst dem Herd oder Ofen 
(s. d.). Schon im 14. Jh. wurde nach 
einem Dortmunder Weistum eine ge¬ 
richtliche Verkündigung mit Schwert¬ 
hieben an dat haill verbunden 27 ), sowie 
man auf den K. auch Eide ablegte u. zw. 
sowohl bei den alten Niedersachsen wie 
bei den Osseten 28 ). Desgleichen legte 
man Abgaben verschiedener Art auf den 

K. 2S ). 

b) Der K. als rechtlicher Haus¬ 
mittelpunkt. Wenn Goldmanns an¬ 
sprechende Deutung des Wortes ande- 
lang K. richtig ist, dann haben wir 
zahlreiche Rechtsurkunden in der Zeit 
vom 9. bis ins 16. Jh., denen zufolge der 
K. als das hauptsächlichste Symbol des 
Herd- und Hausbesitzes bei Investituren 
und Übergaben dem neuen Besitzer über¬ 
reicht wurde (per andelangum tradere) 30 ). 
Tatsächlich hat sich dieses Symbol auch 
in verschiedenen Bräuchen als solches er¬ 
halten : In Westfalen wurde der neu 
eintretenden Braut der K. als Symbol 
der Hausherrschaft eingehändigt 31 )■ Wie 
anderwärts der Besitz des Herdes (s. d.) 
oder des Feuerbockes (s. d.) galt z. B. 
in Turin schon 1360 der Besitz der catena 
(Kesselkette) als Zeichen der Hausinhaber¬ 
schaft, ebenso wie in der Schweiz das 
Aufhängen des häl 32 ). Ebenso bedeutet 
das Auf- und Niederlassen (uff und 
nider schürzen) des haell (im Kölnischen 
nachweisbar 1609) die Besitzübemahme 
des Hauses 33 ). Zum selben Zwecke 
legten Braut und Bräutigam und das 
ehemalige Familienoberhaupt bei der 
Hochzeit, oder der alte Vater und der 
Sohn bei der Hof Übergabe, der Bauer 
und der Knecht beim Dienstboten-Ein- 
tritt die Hände in die unterste Einzah¬ 
nung des K.s 34 ). Beim Regierungs¬ 
wechsel der Grafen von Lippe ging der 
Kanzler auf alle fürstlichen Besitzungen 
und nahm sie durch Berühren des K.s 


1273 


Kesselhaken 


1274 


für den neuen Herrn ins Eigentum 35 ). 
Umgekehrt bedeutete das Abhauen des 
K.s Vertreibung von Haus und Hof, und 
bei Feuersbrünsten suchte man vor allem 
den K. zu bergen 34 ). Bei den Osseten 
genießt der Verbrecher Asylrecht, wenn 
er die Kesselkette berührt 37 ), und auf 
dieselbe Weise schützt sich bei den 
Tschetschenen der Mörder vor der Blut¬ 
rache **). Mit dieser symbolischen Kraft 
des K.s hängt es auch zusammen, daß 
dieser bei Grenzziehungen als bestim¬ 
mender Grenzpunkt galt 39 ) und daß 
der K. wiederholt als Geschlechtsname, 
Hausmarke und Wappenzeichen er¬ 
scheint "J, wie er auch seinerseits mit 
Heilszeichen und Wappen geschmückt 
ist 41 ). Im Bergischen, im Sauerland, 
im Aggertal und in Brabant hat es noch 
im 19. Jh. ein K.-Fest gegeben, bei 
dem die Burschen von den Mädchen 
zum Dank dafür bewirtet wurden, daß 
sie ihnen den schweren Kessel vom Haken 
heben halfen 42 ). Vielleicht ist es ein 
Rest eines alten Herdgenossen-Festes. 

14 ) Schwebe 1 Tod und ewiges Leben 70; 
Lippert Christentum 485; Wuttke 132 § 181; 
Kronfeld Krieg 64 f.; Goldmann a. a. O. 
45 t. l6 ) Goldmann Andelang 64 f. und 
Schwebel a. a. O. ie ) L. v. Schröder Esthen 
129; Negelein in ZfEthn. 1902, 66; Gold¬ 
mann a. a. O. 42 ff. 17 ) Goldmann a. a. O. 
45 - 18 ) Goldmann a. a. O. 45 f. Zur Gleichung 
K. Feuerbock s. Meringer ZfromPhil. 1906, 
4190. 1B ) Murko in WuS. 2, 94; L. Weiser 
in MAG. 56, 4. *°) Bielenstein im Globus 

85, 182. ,l ) Goldmann 44 t. 11 ) SAVk. 1902, 
48. M ) LiebrechtZur Volksk. 371. f4 )Stracker- 
jan 1, 38; 2, 223 Nr. 473. * 6 ) Kuhn Westfalen 
2, 123 Nr. 375. 2# ) Strackerjan 2, 224 Nr. 473 
und Goldmann 38 (England und Frankreich). 
* 7 ) Goldmann 49 Anm. 4. * 8 ) Peßler Das 

altsächsische Bauernhaus (1906) 127; Gold- 
mann 44. * 9 ) Grimm RA. 1, 539 t. Dazu 

Goldmann 49 Anm. 4. 30 ) Goldmann 

passim bes. 26 ff.; Amira Grundriß 32. 31 ) 

Kauffmann in ZfdPh. 1910, 149; Jostes 
Westf. Trachtenbuch 101; Goldmann 40. 
31 ) Du Cange s. v. catena ; Lauffer Mitt. 
germ. Nationalismus. 1901, 18; Schweizld. s. v. 
Häl 1134; Goldmann 50. Wrede Rhein. 
Volksk. 57; Grimm Myth. 2, 993. 34 ) ZfrwVk. 
4 (1907), 230. *•) Bomann a. a. O. 78. M ) 

Goldmann 43. 37 ) Goldmann 43. M ) Gold¬ 
mann 44. 3B ) Goldmann 48 Anm. 8; Grimm 
Weist. 2, 217; Lauffer Mitt. d. germ. National¬ 
museums 1900, 168 (Bacharach 1407); Grimm 
in Abh. d. Berl. Ak. 1843, 135; Bomann 
a. a. O. 78. Lippert Christentum 485. 488; 


Schwebel Tod und ewiges Leben 70; Kron¬ 
feld Krieg 64 f.; Gold mann 49 Anm. 1—3; 
Bomann a. a. O. 78; Sartori Westfalen 29. 
41 ) Goldmann 37 f.; Lauffer Mitt. d. germ. 
Nationalmuseums 1901, 25 u. 121; Bomann a. 
a. O. 74 u. Abb. 55; Meyer Germ. Myth. 89. 
124. 4a ) Monatsschr. d. berg. Gesch.-Ver. 1, 87; 
ZfrwVk. 4 (1907). 297; Wrede Rhein. Volksk. 
70; Goldmann 39. 

3. Die Helleite. Ums Hel leiten , 
öm et Hel Uten u. dgl. 4S ) nennt man je¬ 
nen weitverbreiteten — nach dem Vorher¬ 
gesagten ohne weiteres verständlichen — 
Initiationsritus, dem wir auch bei Herd 
und Ofen (s. d.) begegnen und der darin 
besteht, daß das in die Herdgenossen¬ 
schaft neu eintretende Wesen (Kind, 
Braut, Hausherr, Gesinde, Haustiere) an 
oder um den Sitz des Hausgeistes, des 
lar familiaris, in unserem Falle also an 
oder um den K. geleitet werden. So¬ 
lange der Herd und damit der K. in 
der Raum-Mitte stand, wurde dieser 
Brauch mit der Umwandlung (s. d.) ver¬ 
bunden ; als der Herd an die Wand verlegt 
wurde, erhielt die Sitte andere Formen. 

a) Das Neugeborene wurde in Eng¬ 
land **) und in der französischen Schweiz 45 ) 
dreimal um den K. getragen. In West¬ 
falen nahm man die Kindtaufe vor dem 
„Hol“ vor 44 ), und bei den Osseten trägt 
man das Kind drei Tage nach der Taufe 
unter die Kesselkette mit einigen Gaben für 
den Herdgeist (Safa) 47 ). Im südtiroli- 
schen Gedicht Vintlers Pluemen der 
Tugent (um 1500), das auf eine italieni¬ 
sche Vorlage zurückgeht, wird von Heb¬ 
ammen erzählt, die das Neugeborene 
durch eyn höle stoßen und segnen**). 
Doch wäre noch zu untersuchen, warum 
hier ein K. genannt wird, wiewohl der 
beifügte Holzschnitt ein Speichenrad ab- 
büdet 49 ) (s. 2, 484). 

b) Die junge Frau. Sie wurde in der 
Eifel M ), im Rheinland 51 ), Westfalen M ), 
in der Mark 53 ) und in Siebenbürgen 64 ) 
nach der Hochzeit entweder dreimal um 
den K. geführt oder vom Bräutigam 
herumgetragen, oder es wurde der K., 
wo der Herd an der Wand stand, dreimal 
um die Braut geschwungen. Alle diese 
Zeremonien nannte man um’s Hel lei¬ 
ten* 5 ). Bei den Südslawen verneigt sich 
die Braut dabei auf den vier Seiten vor 


1275 


Kesselhaken 


Kesselhaken 


1278 



dem Herd und küßt das Kesselgestell 66 ). 
In sehr feierlicher Form mit Berühren und 
Schütteln der Kesselkette und mit Schwert¬ 
schlag an die Kesselkette hat sich der 
Brauch bei den Osseten und Tschet¬ 
schenen erhalten 67 ). 

c) Der neue Hausherr wurde der¬ 
einst im Siegerlande in ähnlicher Weise 
ums Hel geleitet 6S ). 

d) Das Gesinde. Als Initiationsritus 
beim Dienstantritt ist die Helleite aus 
demselben nordwestdeutschen Gebiet viel¬ 
fach bezeugt 59 ). Zu Alten-Hunden in 
Westfalen treten die Mägde zu Martini 
den Dienst an. Zieht nun eine Magd 
in einem Hause neu ein, so kommen die 
jungen Burschen und führen sie om dat 
Hdl , wofür sie nachher von ihr bewirtet 
werden 60 ). An der unteren Wupper 
wurden neu eintretende Knechte und 
Mägde zum K. geleitet, oder das Hel 
wurde um sie geführt 61 ). Zu Meiderich 
am Niederrhein geschah das in der Weise, 
daß die an den K. geführte Magd vor 
diesem in gebückter Stellung verharren 
mußte, bis man sie unter Absingung eines 
Liedes mit der hahel umkreist hatte. 
Später geleitete man sie nur um die 
Öllampe, nannte aber auch diesen Brauch 
noch das hoolleije 62 ). In Westfalen heißt 
die Sitte, die dort mit einem Spruch 
verbunden ist, höälen 63 ). 

e) Tiere. Schon im 17. Jh. bezeugt 
ist folgender Glaube: Welcher seine Katz 
oder Hund dahajm behalten wil , daß sie 
nicht außlauffen, der treib sie dreymal umb 
die haal . . , 64 ). In Mecklenburg führt man 
neugekaufte Hühner oder Küchlein drei¬ 
mal um den K. 65 ). An der oberen Nahe 
wurde ein Hahn, damit er bei seinen 
Hühnern bleibe, dreimal um die Hohl 
gereicht ÄÄ ). Dasselbe Verfahren ist aus 
Frankreich für Katzen und Hühner be¬ 


zeugt Ä7 ). 

M ) Waldbrühl in 
und Goldmann 39 
Umwandlung 6 (wo 
Goldmann 41. tt ) 
ZfVk. 23, 124; Goldr 
in ZfrwVk. 1906, 82. 


ZfdMdA. 3. 556 Nr. 66 
Anm. 4. 44 ) Knuchel 

weitere Literatur) und 
SAVk. 12, 119 Nr. 4; 
ann 40. 44 ) Prümer 
47 ) Goldmann 43. 


4S ) ZfVk. 23, 8. 4 ®) Der Text spricht noch 

deutlich für K. heia und hael ist in süd- 
tirol. Mundarten für K. bezeugt; Sch mel¬ 
ier 1, 1072 f. Auch Schöpf Tirol. Idiotikon 


S. -37 denkt hier an K. M ) Schmitz Eifel 
1, 67. 51 ) Wrede Rhein. Volksk. 184; Schell 
in ZfVk. io, 165 f.; ZfrwVk. 4 (1907), 294. 
52 ) Sartori Westfalen 93. M ) Kuhn Märk . 
Sagen 361. 54 ) Meyer Volksk. 67 f. M ) Mon¬ 
tanus Volksfeste 99 f.; ZfrwVk. 4 (1907), 294; 
Samt er Familienfeste 20. 58 ) Lippert Kultur- 
geschickte 2, 146; Krauß Slav. Volkforschung 
430 f.; Goldmann 42; Knuchel Umwand¬ 
lung 20. 67 ) Goldmann 42 ff. M ) Rade¬ 

macher in Urquell 4, 112. Dazu Goldmann 
41 f. 89 ) Literatur bei Goldmann 39 Anm. 4, 
dazu Wrede Rhein. Volksk. 200; Sartori 


Westfalen 125. 




) Kuhn Westfalen 2, 61 


Nr. 184; ebenso Schmitz Eifel 67. #1 ) ZfrwVk. 
4 ( x 9 ° 7 )» 2 97 - M ) Dirksen Meiderich 19. 

6S ) Sartori Westfalen 125. e4 ) ZfdMyth. 3, 312. 
• 5 ) Bartsch Mecklenburg 2, 158. 68 ) ZfrwVk. 

1905, 294. e7 ) Liebrecht Gervasius 218; 

Goldmann 40. 


4. Der K. im Heilzauber. Mehrfach 
ist der K. als Helfer gegen die Pest 
bezeugt. Die älteste Nachricht aus der 
Mitte des 17. Jh.s stammt aus einer 
Lüneburger Chronik, die erzählt, wie ein 
polabischer Bauer auf den Rat der Pest¬ 
frau mit seinem K. ,,mit der Sonnen“ 
(sonnenläufig) nackt um seinen Hof und 
um das ganze Dorf lief, dann den K. 
unter der Brücke vergrub und dadurch 
das ganze Dorf vor dem Eindringen der 
ringsum wütenden Pest rettete 68 ). Dieser 
höchst altertümlich anmutende Brauch 


(mit kultischer Nacktheit, Sonnenlauf, 
Vergraben an der Dorfgrenze) ist nicht 
ohne Gegenstück. In der Grafschaft 
Ruppin erzählt man sich, daß einmal, als 
die Pest wütete, drei Mädchen, jede auf 
ihrem K., dreimal ums Dorf ritten und 
darauf den K. am Dorfende vergruben. 
Da habe die Pest über die K. nicht Vor¬ 


dringen können 6Ö ). Ein dritter Beleg 
liegt von der kurischen Nehrung vor, wo 
man 1709 das Dorf Sarkau dadurch gegen 
die Pest geschützt haben soll, daß man 
mit einem fortgeerbten K. eine Furche 
als Bannkreis (Zaun) gegen den Pestmann 
um das Dorf herum pflügte 70 ). 

Aber auch sonst spielt der K. in der 
Volksmedizin eine große Rolle 71 ). So 
vertreibt man den Kopfgrind der Kinder 
in Oldenburg, wenn man ein rotes Hals¬ 
bändchen, das das kranke Kind um den 
Hals trug, auf den K. hängt, damit der 
Grind vertrockne 72 ). Das schlimme Auge 
heilt man in Mecklenburg, indem man 


!. 


IV» 


1 

) 

ri 

A 


1277 


neunmal mit dem K. darüber kratzt und 
dazu spricht: 

Ketelhaken , ik klag di, de Heerebran dei 
plagen mi, 

Sei plagen mi wohl Nacht un Dag , dat ik 
ni ruhen mag 73 ). 

Auf ähnliche Weise vertreibt man dort 


den Hartspann (Herzbeschwerde), wozu 
man spricht: Ketelhaken, sta fast , Hart - 
spann, du (säst) hast 74 ). 

In Island heilte man Lippenblasen, 
indem man den K. küßte und dazu 


fragte, ob der Hausherr daheim sei 75 ). 
Der Huck (Halskrankheit) wurde nach 
einem Wittenberger Hexenprozeß (1689) 
dadurch geheilt, daß die Beschuldigte den 
Atem über den K. gehen ließ und dazu 
sagte: Jode, Joduth , ick kan den Kehtel - 
haken nicht upschlucken. Im Namen . . , 76 ). 
Schwärende Finger heilte man im Hessi¬ 
schen, indem man dreimal um den Herd 
ging und sprach: Hohlhang (=K.) ver¬ 
treib mir doch mein Nägelzwang 77 ). In 
Tirol vertrieb man dem Kinde Leib¬ 
schmerzen, indem man ein wenig Stein¬ 
rutenkraut am K. befestigte 78 ). Auch 
in Oldenburg bringt man Gegenstände, 
auf welche Krankheiten sympathetisch 
übertragen sind, auf den K. 79 ). In 
Schottland heilte man beschriene Kinder, 
indem man einen neuen Schilling dreimal 
um den K. schwang und ihn dann mit 
Wasser aus einem Holzgefäß ausschüt¬ 
tete 80 ). In Bosnien schneidet man bei 
Fieberanfällen so viele Kerben in einen 
hakenförmigen Pflaumenbaum-Zweig, als 
man Fieberschauer zählte, und hängt dann 
den Zweig an die Kesselkette, von der man 
ihn am nächsten Morgen ins Feuer wirft 81 ). 


C8 ) Grimm Myth. 2, 992 f. ; ZfdMyth. 3, 304; 
Weinhold Ritus 39; ZfVk. 14, 136; Samter 
Geburt 136 f. (weitere Literatur); Goldmann 

32 u. 34; Knuchel Umwandlung 64 f. 69 ) 

ZfVk. 7, 292; Knuchel Umwandlung 67. 
,0 ) Frischbier Preuß. Wb. s. v. Erbhaken ; 
Goldmann 34 f.; Knuchel a. a. O. 66 i. 
71 ) Übersichtliche Zusammenstellung bei Gold- 
maiin 33 f. 7J ) Wuttke S. 345 §515. 73 ) 

Weinhold in ZfVk. 11 (1901), 81. 74 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 412. 7fi ) Liebrecht Zur Volks¬ 
kunde 370; ZfVk. 8 (1898), 287; Goldmann 

33 f- 7# ) ZfdPh. 6, 159 f.; Bartsch Mecklen¬ 

burg 2, 36; ähnlich bei Grimm Myth. 3, 344 
nach Lisch, Mecklenburg. Jahrb. 6, 191. 77 ) 

Mühlhause 54 f. 78 ) Goldmann 35 nach 


Schöpf Tirol. Idiotikon S. 237 s. v. hdl (nach 
Zingerle Sagen 471). 7# ) Strackerjan 2, 224 
Nr. 473. 80 ) Seligmann Blick i, 262. 81 ) 

Urquell NF. 1, 25; Goldmann 35 t. 

5. Der K. im Wetter- und Hexen¬ 
zauber. Spielt bei den bisher behandelten 
Bräuchen der K. als lar familiaris und 
Hausmittelpunkt dieselbe Rolle wie der 
Herd (s. d.), so ist bei den folgenden 
möglicherweise ein Einfluß des Kessels 
(s. d.) mit in Erwägung zu ziehen, der 
ja im Wetterzauber und im Hexenglauben 
von besonderer Bedeutung ist. Ob die 
Zahnstange des K.s eine Assoziation 
zum Blitz hervorgerufen hat 82 ), müßte 
erst näher untersucht werden. Vor allem 
gilt das Spielen der Kinder mit dem K. 
als sehr gefährlich, weil er den Blitz 
herbeilockt 83 ). Sehr alt ist der in Eng¬ 
land, Frankreich und Italien bezeugte 
Brauch, Unwetter dadurch zu bannen, 
daß man den K. oder die Kesselkette 
abhängt und vor die Haustüre hinaus¬ 
wirft. Diese Sitte wird schon in den 
Predigten San Bemardinos von Siena 
(1380—1444) mitgeteilt: alius extra ostium 
domus suae projicit catenam quae appen- 
ditur super ignem 84 ). Auch in Frankreich 
war derselbe Wetterzauber schon zur 
Zeit des Gervasius von Tilbury (13. Jh.) 
bekannt 85 ). In Umbrien wurde bei 
Hagelzauber, nachdem man bronzene 
Kessel aufgestellt hatte, eisernes Gerät 
und zuletzt die Kesselkette auf die Tenne 
geworfen, welch letztere Handlung als 
besonders große Sünde galt 86 ). In der 
Gegend von Modena hängt man die 
Kesselkette bei Sturm hinaus 87 ). Der ent¬ 
sprechende deutsche Brauch besteht darin, 
daß man in Franken bei Gewitter die 
Ofengabel (s. d.) zum Fenster hinaus¬ 
warf 88 ). 

Das erinnert bereits an den Zusammen¬ 
hang mit Hexen, die denn auch in der 
Tat mit dem K. manches zu schaffen 
haben. Schon der Malleus maleficarum 
erzählt davon, daß sie das neugeborene 
Brüderchen am K. abtun 89 ). In einem 
handschriftlichen Kräuter- und Zauber¬ 
buch des 17. Jh. wird in einem Rezept 
zum Hexenbannen u. a. angeführt, daß 
man dabei den K. um 3 Haken hinauf- 


1279 


Kette 


1280 


hängen müsse ®°), auch behexte Hühner, 
die schalenlose Eier legen, hängt man in 
Tirol in die Hol w ). Bei den Südslawen 
besteht ein sehr ähnlicher Brauch: Dort 
hängen die Bäuerinnen, um Hexen zu 
bannen, am letzten Faschingssonntag die 
Kesselkette verkehrt auf® 2 ). In Nord¬ 
england besorgt man das Hexenbannen 
dadurch, daß man den K. mit einem 
Kreuz versieht * 3 ). Dieser Zusammenhang 
von K. und Hexen geht bis ins Mittel- 
alter zurück. In verschiedenen Hexen¬ 
prozessen wird berichtet, daß die Hexen 
die Milch der von ihnen bezauberten Kühe 
aus dem K. melken. Wie finden diese 


Vorstellung u. a. in. einem Schweizer 
Hexenprozeß v. J. 1459 ® 4 ), in einem 
Innsbrucker v. J. 1485 ® 5 ), in einem aus 
Deutschland v. J. 1596 94 ) nachgewiesen. 

•*) Strackerjan 2, 223. M ) Ebd. und 1, 45; 
2, 135; Meyer Germ. Myth. 89 § 124: Wuttke 
132 §181; 304 §447; 399 §609; Goldmann 
36. M ) Zachariae* in ZfVk. 22 (1912), 117. 
M ) Liebrecht Gervasius 245 Nr. 321 f. M ) 
Wünsch in HessBl. 3 (1904), 65 nach G. 
Belucci; Goldmann 36. 87 ) v. Andrian 

in MAG. Wien 24, 29, nach P. Riccardi; 
Goldmann 36. M ) Wuttke 303 § 444. 88 ) 

Hexenhammer 2, 139; Goldmann 36 


Anm. 5. 
Nürnberg 


•°) Lauffer Mitt. d. germ. Mus. 
1901, 224; Goldmann 36 f. 91 ) 


Schöpf Tirol. Idiotikon 237 (nach Zingerle 


Sagen 471). M ) Krauß Slav. Volkforschung 71. 


88 ) Henderson Folk-Lore 220; Goldmann 


37. u ) Goldmann 37; Schweizld. 2, 1134 
s. v. Häl. * 6 ) Byloff (1929) 11 Nr. 10. **) 


ZfdMyth. 2, 73; Goldmann 37. v. Geramb. 


Kette. A. Umhegung: Um den 
Nagelberg, der einst von drei Jungfrauen 
bewohnt war, ist eine goldene K. (zwei¬ 
mal) *) gezogen. In der versunkenen 
Heidenburg liegt eine goldene K., die so 
lange ist, daß sie zweimal um den Berg 
herumgezogen werden konnte 2 ). Um 
den Kegelberg zieht sich in der Erde eine 
goldene K. ®). Auch der Bürgenberg (Lu¬ 
zern), ein Berg bei St. Sulpice (Neuen¬ 
burger Jura), derUrsfelberg (Schwaben) ist 
mit einer K. umgeben; öfter werden auch 
Ringe (s. Ring) erwähnt 4 ) (s. Berg § 13). 

B. Magischer Kreis: Das Umgeben 
mit K.n hat den Zweck a) etwas von außen 
Drohendes abzuhalten oder b) das Um¬ 
schlossene festzuhalten, a) Man umzieht 
das Haus mit einer K., um Schlangen 



fernzuhalten 5 ). Die Hühner werden unter 
dem Tisch gefüttert und während sie 
fressen wird eine Sperrk. herumgelegt „ 
dann kann sie der Habicht nicht fangen 6 ). 
b) Bei Tölz legte man in der hl. Nacht den 
Eßtisch an eine Holzk. 7 ). Im Lavanttale 
wird zu Weihnachten das Hausgerät, Ge-* 
schirr und Pfannen unter den Tisch gestellt 
und mit einer K. umzogen, damit die 
Ernte gut ausfalle und die Bäurin in der 
Wirtschaft Glück habe 8 ). Die Serben 
umspannen den Weihnachtstisch mit einer 
K., damit Eintracht herrsche ®). Verläßt 
die Braut das Elternhaus, muß man eine 
schwere Wagenk. um den Kachelofen 
wickeln, um die Hausgeister festzu¬ 
halten 10 ). Zwei Tagelöhner umzogen in 
der Mainacht das ganze Dorf mit einer 
Erbk. Nur eine Stelle ließen sie offen 
und setzten sich mit zwei geerbten Eggen 
dahin. Gegen Mitternacht kam der Hexen¬ 
zug, wurde aber durch die Erbk.n und 
Eggen zurückgehalten und konnte nicht 
hinauskommen u ). Zwei andere Männer 
umgingen mit zwei Erbk.n, die sie vorne 
anfaßten und nachschleppen ließen, das 
ganze Dorf und ließen nur den Weg offen, 
damit die Hexen aus dem Dorfe ziehen 
könnten 12 ). Bisweilen spannt Berchta 
eine K. um einen Ort, so daß niemand 
weder heraus noch hinein kann. Erst 
durch fromme Übungen wird der Bann 
gelöst 13 ). 

*) Sepp Sagen 100 Nr. 32. Ä ) Panzer Beitrag 
1, I 55- s ) Meier Schwaben 2, 344 Nr. 3. 
4 ) Lütolf Sagen 259 Nr. 195; Sepp Sagen 100 
Nr. 32. Zwei wegen Zauberei gefangene Vene- 
tianer sollten ihre Freiheit wieder bekommen, 
wenn sie der Stadt (Zürich) eine goldene K. um 
die ganze Stadt herum schenkten. Kuoni St. 
Galler Sagen 239 Nr. 413. Nach Adam von 
Bremen soll eine goldene K. den Tempel von 
Uppsala umgeben haben. Der etwas unklare 
Bericht: Im Grabhügel des Königs Oere von 
Dänemark soll eine K. liegen, die von dem einen 
Hügel zu dem anderen (ein zweiter Hügel ist 
nicht erwähnt) reicht (Thiele Danske Folke- 
sagn 1, 10) gehört wohl nicht in diesen Zusam¬ 
menhang. Mannhardt German. Mythen 675. 
Vgl. außerdeutsch: Vor dem irdischen Paradies 
ist eine K. gespannt. Hertz Abhandl. 79. 
6 ) Meyer Baden 80. 495. •) Schönwerth 

1, 350. 7 ) Sepp Religion ioff. Vgl. Tisch. 

8 ) österreichische Monarchie in Wort und Bild, 
Kärnten 101; über den Platz unter dem Tisch 
s. ZfVk. 1928. 217—223. S. 221 muß es heißem 
Die Angabe „unter dem Tisch“ ist als bes. 


Kette 


1282 


1281 

altertümlich anzusehen. 9 ) Schneeweis Weih¬ 
nacht 65. 10 ) Lüers Sitte und Brauch 53. 

J1 ) Bartsch Mecklenburg 1, 127. 12 ) Ebd. 

2, 34- 13 ) Gräber Kärnten 92. 

2. Zauber: Aus einer K., an der sich 
jemand erhängt hatte, konnte man 
einen S-förmigen Haken (s. d.) (Nothaken) 
schmieden. Hängte man den Nothaken 
unter einen Karren, so konnte man die 
schwersten Lasten fahren 14 ). An Petri 
K.nfeier legt man das Hühnerfutter an 
eine K. und läßt die Hühner so fressen, 
dann verlaufen sie sich nicht 15 ). Wird 
ein junges Tier zum erstenmal auf die 
Weide getrieben, so wird die K. still¬ 
schweigend abgenommen, wieder ge¬ 
schlossen und in die Krippe gelegt, das 
Tier soll dann von selbst den Stall wieder¬ 
finden 16 ). Wenn ein Mutterschwein träch¬ 
tig ist, wirft man eine schwere Hemmk. 
mit vielen Gliedern unter den Schweine¬ 
stall 17 ). Mit einer K. kann man — wie 
wird nicht gesagt — das Wetter beein¬ 
flussen 18 ). Mit Hilfe einer Erbk. kann 
man einen Schatz heben 19 ). Nach schwe¬ 
dischem Glauben bringt eine K., an der 
ein Verbrecher gehängt wurde, faule 
Pferde zum Laufen. Man erreicht das auch, 
wenn man ein Glied einer derartigen K. 
ohne Wärme zerschlägt und spitzt 20 ). 
Eine Kuh brüllt nicht nach ihrem Kalb, 
wenn man ein Schwanzhaar des Kalbes 
abschneidet und es in die K. der Kuh 
windet 21 ), oder wenn man das Halsband 
des Kalbes in ihre K. hängt **). In 
Schottland kann der ausziehende Mieter 
seinem Nachfolger alles Glück nehmen, 
wenn er die K., an der der Kochkessel 
über dem Herde hing, nicht durch die 
Tür sondern durch den Schornstein fort¬ 
bringt 23 ). 

14 ) Schell B er gische Sagen 302 Nr. 19. i5 ) 

Sepp Religion 9 f. 18 ) Hüser Beiträge 2, 26 
Nr. 14. 17 ) ZfdMdA. 18, 127. 18 ) Heyl Tirol 

316 f. 19 ) Meiche Sagen 714 Nr. 885. *°) 

Heurgren 50. 21 ) Fogel Pennsylvania 169 

Nr. 808. * 2 ) Ebd. 172 Nr. 820. 23 ) Liebrecht 
Zur Volksk. 385. — Nach kaschmirischem Volks¬ 
glauben besteht das Gottesurteil darin, daß die 
Prinzessin eine K. berührt; ruft sie das Gottes¬ 
urteil ungerechterweise an, so wird ihre Hand 
von der K. gefesselt. ZfVk. 20, 174. 

3. K.n mit denen Dämonen ge¬ 
fesselt sind. Gefährliche Dämonen wer¬ 
den oft gefesselt vorgestellt (s. Fessel 1). 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


Ein Fürst, der bei Lebzeiten sein Volk 
bedrückt hatte, mußte nach seinem Tode 
umgehen. Ein fahrender Schüler be¬ 
schwor den Geist auf die wilden Schroffen 
und schmiedete ihn mit K.n an den Fel¬ 
sen 24 ). Ein schatzhütendes Ungeheuer 
ist mit einer goldenen K. gefesselt 25 ). 

24 ) Reiser Allgäu 1, 352. 26 ) Kuoni St. 

Galler Sagen 249 Nr. 422. 

4. K. — Weltuntergang: Bricht der 
gefesselte Teufel von seiner K. los, dann 
geht die Welt unter, s. Ambos (1, 359 f.). 
Wenn eine Forelle, die mit einer K. an 
einen Felsen geschmiedet ist, loskommt, 
so reißt sie mit dieser den Fels los und läßt 
dadurch den See im Inneren des Berges in 
das Tal strömen 26 ). Eine K. hält den ge¬ 
spaltenen Bürgenberg zusammen, wenn 
einmal ein Stück des Berges in den See 
fällt, geht die Stadt Luzern unter 27 ) (s. 
Berg 15 c). Alle sieben Jahre wächst die 
eiserne Kette (oder jedes Jahr wird ein 
Glied angeschmiedet), die die Leonhard¬ 
kapelle (s.u. 12) bei Brixen umzieht, um 
ein Glied. Reicht sie dreimal um die 
Kirche, so geht die Welt unter 28 ). 

26 ) Waibel und Flamm 2, 346. 27 ) Nider- 
berger Unterwalden 1, 90. 28 ) Heyl Tirol 

116 Nr. 6. 

5. K.n der Dämonen. Wassergeister 
legen die Seelen Ertrunkener an K.n 2 ®). 
Der Teufel hat eine K., an der er die 
Menschen hakt und durch die Luft 
führt 30 ). Eine Nixe gab ihrem Manne, 
dem Grafen von Pyrmont, als er am 
Tage seiner oberweltlichen Freiheit auf 
die Erde stieg, eine K., die seine Liebe 
an sie band. Bei einem Turnier wurde die 
K. zerhauen, und der Graf freite die Kö¬ 
nigstochter. Vor dem Altar, als er das 
Jawort sprach, erschien die Nixe und 
umschlang ihn, da sank er tot zusam¬ 
men 31 ). Goldene K.n haben die Kraft, 
den Träger in ein Tier zu verwandeln 32 ). 

29 ) Deutschi, und Schweden: Schambach- 
Mtiller 343. 30 ) Möllenhoff Sagen 225. 31 ) 

Wolf Beiträge 2, 234. 32 ) Ebd. 2, 223; Mann¬ 
bar dt Germ. Mythen 694. 

6. K.n der Gespenster: Sehr häufig 
rasseln Gespenster mit einer K. **) (s. 
Sp. 1288), oder ihr Erscheinen ist von 
einem Geräusch begleitet, das wie das 
Nachschleppen von K.n klingt M ). Ein 
Gespenst soll alle K.n aus der Scheune 


41 


1283 


Kette 


1284 


ins Wohnhaus geschleift und von Stufe zu 
Stufe geschleppt haben 36 ). Möglicher¬ 
weise ist das K.ngerassel einzelner Ge¬ 
stalten der Weihnachtsumzüge wie das 
Klingen von Glocken (z. B. beim Christ¬ 
kind) mit Mannhardt 36 ) als Kennzeich¬ 
nung der Geisterstimme aufzufassen; 
sicher von dem Lärmen der Weihnachts¬ 
aufzüge mit K.n und Glocken, das böse 
Geister verscheuchen und die Wachstums¬ 
geister aufwecken soll, zu unterscheiden 37 ) 
(s. u. 8 b u. Lärm). Die Gschtampa z. B. 
klirrt mit K.n, die sie immer bei sich trägt, 
daß man sie weithin hört 38 ). Da viele 
Gestalten der Weihnachtsumzüge zum 
Kinderschreck geworden sind, werden 
die K.n so gedeutet, daß damit die unge¬ 
zogenen Kinder gefesselt und fortgeführt 
werden sollen; z. B. bei der Gschtampa 39 ) 
und dem Krampus 40 ). 

33 ) Z. B. Kuoni St. Galtet Sagen 14 Nr. 21; 
182 Nr. 327; Schell Bergische Sagen 140 Nr. 8f.; 
173 Nr. 82. 34 ) Rochholz Sagen 2, 95. 35 ) 

Ebd. 2, 130. 36 ) Mannhardt 1, 327. 37 ) 

Andree-Eysn Volkskundliches 156—175. 38 ) 

Heyl Tirol 429 Nr. 118. 39 ) Ebd. 753 Nr. 9. 

40 ) Z. B. in Wien. 

7. K.n verwirren: Allerlei Kobolde 
verwirren die K.n des Viehes 41 ) oder sie 
hängen zwei Kälber an eine K., daß sich 
die Tiere kaum bewegen können 42 ). Um 
die K. in einem solchen Fall öffnen zu 
können, muß man mit einer Mistfurke, 
die Zinken wie zum Kampfe nach vorne 
gerichtet, dreimal um den Stall herum¬ 
gehen und dann mit der Hand an die 
gespannte K. schlagen; oder man sticht 
unter Anrufung der drei höchsten Namen 
mit der Furke in die K. 43 ). 

41 ) Z. B. Heyl Tirol 613 Nr. 79- 4S ) SAVk. 
11, 132; Kuoni St. Goller Sagen 69. **) Ebd. 149, 

8. Abwehr: a) Will das Buttem nicht 
gelingen, so wird das Butterfaß mit der 
Kuhk. geschlagen 44 ) oder eine glühende 
K. in die Butter geworfen **), oder man läßt 
das Vieh aus dem Stall, legt die K. in die 
Krippe und schlägt sie mit einer Rute 
im Namen der drei göttlichen Personen M ). 
b) K.ngerassel: Durch K.ngerassel ver¬ 
treibt man Geister 47 ) und Hexen 48 ). 

**) Schönwerth 1, 338. 45 ) Heyl Tirol 801 
Nr. 250. 46 ) Lütolf Sagen 22 Nr. 157. 47 ) Zu 
Neujahr Sartori Westfalen 139: Baumgarten 
Das Jahr und seine Tage 23 (zu Georgi). 48 ) 
Drechsler 1. 108—110: Indien: Frazerg. 290. 


9. Vorzeichen: Wenn die K.n an 
einer Karre blinken, stirbt bald hernach 
jemand. Fährt ein Fuhrwerk an einem 
Hause vorüber und fällt dabei dem Pferd 
eine K. ab, so stirbt bald danach eine Per¬ 
son in dem Haus 49 ). 

49 ) ZfrwVk. 4, 246. 

10. Heilverfahren mit K.n: Wenn 
sich ein Rind das obere Hüftgelenk 
ausgerenkt hat („ausscheiben“ oder 
„radln“), so trägt der Bauer die Halsk. 
der Kuh zum Sympathiedoktor. Dieser 
geht auf den Dachboden, ruft die drei 
heiligen Namen Gottes an und sagt: 
„Daß es vergehe und nicht mehr komme, 
so wie Christus gestorben ist und nicht 
mehr stirbt“. Dann schlingt er die K. 
um eine Dachsäule, befestigt ihre Enden 
ineinander und schiebt in die noch schlaffe 
K. einen Knüttel, der während des Ave- 
läutens geschnitten sein muß. Damit 
reutelt oder spannt er die K. und sagt 
einen Spruch dazu. Das wird an drei 
Tagen, zwischen denen immer ein Tag 
ausgelassen werden muß, wiederholt und 
die K. immer straffer gespannt, neun Tage 
an der Säule gelassen. In schweren 
Fällen soll sich die K. nicht ziehen lassen, 
in leichteren wie Wachs 60 ). Wenn man 
eine Blatter auf die Lippe bekommt, so 
braucht man nur in die Küche zu gehen 
und mit folgenden Worten die Kesselk. 
zu küssen: „Heil und Glück, liebe K., ist 
der Hausherr zu Haus ? ich werde deinen 
Haken küssen, wenn du mir die Lippe 
heilst“ (Island) 51 ). 

M ) ZföVk. 3, 5L; 36, 22 f. M ) Liebrecht 
Zur Volksk. 370. 

11. Verschiedene Sagen: Ein 

Schmied wurde beauftragt eine K. anzu¬ 
fertigen, die an der Kirchentür aufge¬ 
hängt werden sollte. Als zwei K.n, die 
er geschmiedet hatte, keinen Beifall 
fanden, rief er: „So mag der Teufel eine 
K. machen“. Am anderen Morgen hing 
wirklich eine K. an der Tür. Später hatte 
ein Mädchen eine Vision, nach der sie be¬ 
stimmt war, die Teufelsk. zu entfernen. 
Sie versuchte die K. zu zerreißen, was ihr 
beim dritten Male gelang 68 ). Eine zum 
Tode Verurteilte wurde in einen unter¬ 
irdischen Gang geschickt, um ihn zu unter¬ 


1285 


Kettenbrief, -gebet 


1286 


suchen. Konnte sie den Auftrag ausfüh¬ 
ren, so sollte sie ihr Leben behalten. Sie 
traf im Gange Zwerge, denen sie alles 
erzählte. Sie gaben ihr als Wahrzeichen 
eine Eisranke mit, die sich vor aller Augen 
in eine schwere Eisenk, verwandelte 53 ). 

C2 ) Bartsch Mecklenburg 1, 363. 53 ) Kuhn 

u. Schwartz 12 Nr. 13. 

12. Votiv k.n: Einer Reihe von Hei¬ 
ligen, besonders dem St. Leonhard, brach¬ 
ten befreite Gefangene ihre K.n dar, oder 
verlobten sich Kranke durch Anlegen 
von K.n 64 ). Älter als die K. als Zeichen 
der Verlobung scheint der Ring (s. d.) 
zu sein. Votivk.n aus Eisen, Holz und 
Wachs finden sich in großer Zahl in 
den verschiedenen Leonhardskirchen 56 ). 
Ein auffallendes Kennzeichen vieler, 
aber nicht aller Leonhardskirchen, sind 
mächtige Eisenk.n, mit denen sie um¬ 
spannt sind (vgl. o. § 4). Über den Ur¬ 
sprung dieser K.n gibt es verschiedene 
Überlieferungen. Sie entstanden in Folge 
von Gelübden für Rettung aus Lebens¬ 
gefahr, als Sühne für ausgebrochene Pest, 
und endlich wurden sie aus den K.n 
kranker oder gefallener Pferde zusam¬ 
mengeschmiedet. Die letzten Sagen ent¬ 
halten wohl die Erklärung für die Erschei¬ 
nung der k.numspannten Kirchen. Eine 
Leonhardskirche ist an den Außenwänden 
vollständig mit K.n behängt; einen an¬ 
deren Ausweg, die sich häufenden K.n 
und andere Eisenopfer aufzubewahren, 
konnte man dadurch gefunden haben, 
daß man aus den einzelnen Stücken eine 
gewaltige Votivk. schmiedete und sie 
zur Ehre des Heiligen um die Kirche 
spannte 5Ä ). 

M ) Andree Votive 49. Außerdeutsch: Die 
Kyprier weihen ihre Kinder oder sich selbst bei 
schweren Krankheiten einem Heiligen. Zum 
Zeichen des dienstlichen Verhältnisses zu dem 
Heiligen legt man sich gewöhnlich eine aus der 
Kirche genommene K. um den Hals. B. Schmidt 
Volksleben der Neugriechen 75. 65 ) Andree 

Votive 45. 73. 6e ) Ebd. 72 f. Die wichtigsten 

Erklärungsversuche, die den Brauch in das 
klassische oder germanische Heidentum zurück¬ 
führen und mythologisch deuten wollen: Lieb¬ 
recht Zur Volksk. 307 ff.; Simrock Mytho¬ 
logie 4 433. 515; Quitzmann 92; Mannhardt 
German. Mythen 675. Vgl. Birlinger Volksth. 1, 
158: Die K.n symbolisieren das Band, das die 
Kirche umschlingt, ihre Kinder um Christus. 


Deshalb geht die Laupheimer K. vom Christus¬ 
bild aus. Diese K.n bezeichnen die Kirche 
ferner als Freistätte. Vgl. Brandenburgs 37, 
173 ff- 

13. K.ntragen als Strafe: Wenn 
ein Edelmann etwas verbrochen hatte, so 
durfte er nach dem Glauben der Leute 
früher nicht ins Gefängnis geworfen wer¬ 
den. Er mußte als Strafe eine goldene K. 
um den Hals tragen. Der Scharfrichter 
kam zuweilen, um nachzusehen 67 ). Das 
ältere Recht kennt symbolische Pro¬ 
zessionen als Strafe, wobei bestimmte 
Gegenstände zur Schau getragen werden 
mußten, u. a. auch K.n um den Leib 58 ). 

ö7 ) Knoop Hinterpommern 76. 68 ) Fr. v. 

Künßberg Über die Strafe des Steintragens. 
Untersuchungen zur Deutschen Staats- und Rechts- 
geschichie hrsg. von Otto Gierke, H. 91, 36 f. 
Namentlich bei Buß wallfahrten. Grimm RA * 
2, 300. 

14. K.n beißen 589 ) (s.beißen,hänseln): 
Soll ein Kind zum erstenmal in die Stadt 
(zu einer Kapelle) 59 ), so erzählt man ihm, 
daß es beim Eintritt in eine K. beißen Ä0 ) 
(eine K. abbeißen) 61 ) müsse. In Stein 
bekommt es dann ein hartes ringförmiges 
Gebäck 62 ). Einmal heißt es, man müsse 
so stark beißen, daß es einen Kritz gebe 6S ). 
Das ist, wie das Abbeißen, eine ursprüng¬ 
liche Kraftprobe. In Eger erwirbt man 
sich eine Braut oder einen Bräutigam, 
wenn man beim ersten Besuch der Stadt 
in die um eine Statue gespannte K. 
beißt 64 ). Es handelt sich um einen Hänsel¬ 
brauch, der fast nur noch als scherzhafte 
Drohung weiterlebt, mit der man Kinder 
vor dem Besuch der Stadt ängstigt oder 
sie vom Mit kommen abhält. 

Ma ) HessBl. 22, 22 Anm. 5; SchwVk. 

1916, 14 f.; R. Mielke Die Kette von Berlin. 
Brandenburgia 37, 173 ff. andere Deutung. 
59 ) Birlinger Volksth. 1, 249. w ) Messi- 
kommer 1, 115; Höhn Geburt 278; Meier 
Schwaben 1, 150 Nr. 6; ZfdMyth. 2, 103; 

Stöber Elsaß 428. #1 ) Pollinger Landshul 

244. «) SAVk. 7, 61. * 3 ) Ebd. 305. “) 
SAVk. 10, 103 = John Westböhmen 123. 249. 

Weiser-Aall. 

Kettenbrief, -gebet (s. a. Schneeball¬ 
gebet). Der K. gehört zu der religiösen 
Mechanisierung des Gebetes, deren höchste 
Steigerung in den Gebetswalzen und Ge¬ 
betsmühlen der buddhistischen Tibetaner 
mit der Formel „Om mani padme hum“ 


1287 


Kettenlärm—Keule 


1288 


(Oh du Perle von Lotus! Amen) vorliegt. 
Hier handelt es sich darum, ein kurzes 
Gebet oder einen harmlosen Spruch durch 
Versendung zu verbreiten, so daß die 
,, Gebetskette" nicht unterbrochen wird, 
womöglich um die Erde herumläuft. Der 
Gebetsformel ist eine Anweisung beigefügt. 
Der Absender erklärt darin, daß ihm selbst 
der Spruch zur Weitergabe zugesandt sei. 
Jeder, der ihn erhält, soll ihn neun Tage 
hintereinander einem andern „lieben Men¬ 
schen" ohne Namensunterschrift weiter¬ 
senden. Wer es tut, wird am 9. Tage 
eine große Freude haben und von allen 
Sorgen befreit sein. Dem Versprechen 
wird die Drohung beigefügt: „Es geht eine 
alte Sage von dem Gebet, daß wer es nicht 
weitergibt, kein Glück mehr hat" 1 ). Sehr 
alt scheint die Versendung von Ketten¬ 
briefen nicht zu sein. Der älteste Text 
soll vor einer drohenden Pest und Hungers¬ 
not bewahren. Er stammt aus der Ge¬ 
gend von Neiße 2 ). In der Schweiz sehr 
verbreitet ist ein Gebetstext, der beson¬ 
ders gebräuchlich zu sein scheint: „O 
köstlicher Herr Jesu, erbarme dich der 
ganzen Menschheit. Bewahre uns durch 
dein kostbares Blut. Lehre uns dich 
innig lieben" 3 ). Ein anderer Text wird 
als „Kette des hl. Petrus" bezeichnet 4 ). 
Auch englische und französische Texte 
ähnlichen Wortlautes wie die zu Anm. 3 
genannten sind vielfach im deutschen 
Sprachgebiet verbreitet 5 ). Ganz ver¬ 
einzelt steht ein Kettensegen zur Kon¬ 
zeption eines Kindes 6 ). 

Während es dem Charakter dieses 
Werkes als einer wissenschaftlichen Be¬ 
arbeitung des Materials, das im religiösen 
Glauben und Brauch des Volkes vorliegt, 
entspricht, daß hier auch für fremd¬ 
artigste und seltsamste Verirrungen des 
religiösen Triebes die psychologische Er¬ 
klärung erstrebt wird, darf hier vielleicht 
einmal ein Werturteil gefällt werden. 
Der Kettenbrief kann mit vollem Recht 
als Unfug bezeichnet werden; wenn auch 
gegen die verbreiteten Gebete nichts ein¬ 
zuwenden ist, so ist das ganze Verfahren 
doch eine solche Mechanisierung und 
Verflachung des religiösen Lebens, daß 
katholische wie protestantische Geistliche 


in der Verurteilung der K.e durchaus einig 
sind. Hier darf man den Begriff des 
„Aberglaubens" im Sinne einer Verurtei¬ 
lung anwenden, den das Wort im Titel 
dieses Werkes nicht haben soll. 

Grabinski Neuere Mystik 59ft. 66; 

Kronfeld Krieg 9. 102 f.; Mitteil. Anhalt. 
Gesch. 14, 2; ZdVfVk. 26, 327; MschlesVk. 
20 (1918), 60; DG. 10, 72. 2 ) Kühnau Sagen 
3, 300 f. 3 ) SAVk. 19, 223; 25, 153; Nider- 
berger Unterwalden 3, 614 f. 4 ) SchwVk. 
5, 82. 5 ) Ebd. 2, 39. 40. 78. 86 f. 6 ) J. Wyndham 
in Man 19, 124 f. f Stübe. 

Kettenlärm verrät einen umgehenden 
Geist. Manchmal ist er so stark, daß es 
die Leute nicht mehr aushalten. Man 
kann ihn im Haus ebenso vernehmen wie 
auf der Straße. Meist muß der Geist, 
um ein sündenvolles Leben abzubüßen, 
in Ketten gehen, bis ihm jemand seine 
Last abnimmt. Neugierige sollen von 
solchen Geistern berührt oder angeblasen 
werden. Jedenfalls bekommen sie zur 
Strafe für ihre Neugier einen geschwolle¬ 
nen Kopf. 

Agrippa v. Nettesheim 5, 22; Bech- 
stein Thüringen 1, 32 Nr. 19; Bindewald 
Sagenbuch 178; Eckart Südhannover. Sagen 
163; Frazer 9, 163; Gräber Kärnten 188; 
Kühnau Sagen 1, 56. 477; Kuhn Westfalen 
1, 135 Nr. 143; Kuoni St.Galler Sagen 14. 182 
Nr. 327; Luck Alpensagen 53; Lütolf Sagen 
104; Meiche Sagen 154 Nr. 206; Reiser 
Allgäu 1, 305 t.; Schade Klopfan 67; Scham¬ 
bach u. Müller 230 Nr. 240, 1; Schell Bergi - 
sehe Sagen 16 Nr. 4; 39 Nr. 47; 56 Nr. 89; 
173 Nr. 82; 337 Nr. 26; 406 Nr. 20; Sebillot 
Folk-Lore 4, 208. Mengis. 

Keule. Die K. stellt auf deutschem 
Boden eine primitive Waffe vor, die bei 
Einsiedlern, Waldgehem usw. in der 
Frühzeit des Mittelalters noch in Ge¬ 
brauch war x ). Sie verkörpert aber 
auch die Macht der Obrigkeit, dem 
Recht mit ihrer Handhabung Geltung zu 
verschaffen, ähnlich wie Prügel, Ochsen¬ 
ziemer, Knüppel, Hämmer und dergleichen 
zur bevollmächtigten Ladung der Dorf¬ 
genossen verwendet wurden oder werden 2 ). 
Die literarischen Quellen zur sinnbild¬ 
lichen Verwendung der K., die manchen¬ 
orts einfach als starker Kieferknorren, 
Rebwurzel oder Eichklotz überliefert 
wurde 3 ), lassen sie auch einem Hammer, 


1289 


Keule 


1290 


Kolben oder Schlägel gleichsetzen. Ob 
sie etwa im Strafrecht der germanischen 
Frühzeit zur tätlichen Verwendung ge¬ 
langte, ist nicht auszumachen. Die Be¬ 
merkung J. Grimms von einer früh¬ 
germanischen Greisentötung mittels der 
K. wird andeutungsweise immer wieder 
in der neueren Literatur angezogen. Sie 
sei daher, soweit von diesem Tat Werk¬ 
zeug die Rede ist, wörtlich hierher¬ 
gesetzt: „In den aneedotes and traditions 
derived from ms. sources, edited by 


William J. Thoms, London 1839 (for j 
the Camden Society) s. 84 stoße ich auf j 
folgende meldung. "The holy mawle, 
which they fancy hung behind the 
churchdoor, which when the father was 


seaventie, the sonne might fetch to I 
knock bis father in the head, as effete 
and of no more use". „Das aufhängen 

1 

des mawle (maul, maillet, malleus) in ! 
der kirche für die grausamen söhne, 
die sich des ihnen gestatteten rechts 
bedienen wollten, soll den barbarischen 
bloß überlieferten, niemals ausgeübten 
brauch entschuldigen" .... Grimm, der 
im übrigen an eine Ableitung der K. 
vom heiligen Hammer Donars, sofern 
„hämmer oder schlegel am eingang heid- j 
nischer tempel würklich aufgehangen" . . . | 
waren, denkt, spricht nur von einem I 
„Volksglauben" und trifft damit wohl 
auch das richtige 4 ). j 

„Die deutsche Geschichte kennt kein ; 
Beispiel, daß seit der Einführung des 
Christentums abgelebten Eltern ein frei¬ 
williger oder gewaltsamer Tod (sc. nach 
Rechtsbrauch, d. Ref.) widerfahren | 
wäre" 5 ). Dagegen rollt schon Grimm 
die kulturgeographische Seite dieser Frage 
auf. Im allgemeinen sind es nach ihm 
sächsische und schlesische 6 ) — richtiger 
wohl ostelbische 7 ) — Städte, an deren 
Toren Keulen aufgehangen wurden, die 
uns hier wie anderwärts als Zeichen der ! 


Obrigkeit zu gelten haben 8 ), denen 
die nur wenig abgewandelte Inschrift 
beigegeben wurde: „Wer den Kindern 
gibt das Brot / und selber dabei leidet 
Not, / den soll man schlagen mit dieser 
Keule tot". Aus Osnabrück ist nur der 
Spruch überliefert, die älteste nieder¬ 


deutsche Fassung in drei Reimen des 
16. Jh. stammt aus Rostock; Jüterbog 
beansprucht ihn unter Hinweis auf die 
alte Fabel von den undankbaren Kindern 
für sich 9 ). Da von den alten Preußen 
(Praetorius) wie von den Wilzen, von 
Wagrien und anderen Wendlanden Töten 
der altersschwachen Eltern und auch 
Endokannibalismus als Chronistenüber¬ 
lieferung bis ins 17. Jh. noch aufscheint, 
mag der Spruch, der in der literarischen 
Überlieferung schon seit dem 13. Jh. 
bezeugt ist, ebendort auf die in natura 
erhaltenen Stadtkeulen im besonderen 
bezogen worden sein 10 ). Anderwärts 
sind K.n oder Kolben nur als Wappen¬ 
figur erhalten geblieben oder in anderer 
Art umgedeutet werden (s. Schlegel). 
Die Fabel von den undankbaren Kindern 
ist nicht nur in Deutschland, sondern 
auch in Frankreich, England und Spanien 
bekannt, kommt zuältest im Schach- 
buch des Jakobus di Cessolis, später 
auch noch in Luthers Tischreden und bei 
Hans Sachs („Kolb im Kasten") vor 11 ). 

Wir schließen uns im übrigen der 
Meinung derer an, die den Spruch in 
deutscher Rechtsgeltung als eine Ver¬ 
mahnung an die zur Übergabe in die 
Stadt fahrenden Landleute sehen wollen, 
daß restloses Aufgeben seiner Habe den 
Auszügler rechtlich wehrlos macht und 
die Obrigkeit ipso facto gegen sich 
kehren läßt. 

In Stemberg sagt das Volk von den 
dort vor dem großen Brand am Tore 
aufgehangenen K.n, daß vor Zeiten der 
Feind mit denselben vertrieben worden 
wäre, ja daß die Frauen damit ihre 
Männer in den Kampf getrieben und 
sich selber an ihm beteiligt hätten 12 ). 
Im Schweidnitzer Keller zu Breslau 
sollte nach alter Sage der erstmalig in 
die Stadt Gekommene die „Igelkeule" 
küssen 13 ). Der hl. Hippolyt, Patron 
von Blexen soll dort einst mit eherner 
K. vom Himmel herab die Feinde der 
Friesen zerschmettert haben, was wieder¬ 
um auf andere Vorstellungen doch wohl 
mythischer Art Bezug hat 14 ). 

l ) Schräder Reallex. 422 f. 2 ) Amira Stab 
40ff. 45 ff. 76—78. Hierzu E. Tylor Anthro - 



1291 


Keuschheit 


1292 


pology 184: ,,It is curious to see how the rüdest 
of primitive weapons, after its serious warlike 
use has ceased, survives as a symbol of power, 
wenthe mace is carried as emblem of the royal 
authority, and is laid on the table during the 
sitting of Parliament or the Royal Society". 
3 ) S. v. Obstfelder Chronik der Stadt Crossen 
70; Grässe Preußen 2, 364; Kreiskalender 
des Kreises Lebus 1919, 54. 4 ) ZfdA. 5, 72 f. 
5 ) RA . 3 489. 6 ) ZfdA. 5, 72. 7 ) Brandenburgia 
16, 107; Bartsch Mecklenburg 1, 46, 458; 
„Mecklenburg" 13, 32; Knoop Star gar der 

Sagen 65; Grässe Preußen 2, 364; Tegethoff 
Märchen 172; Scheible Kloster 9, 276 ff. 282. 
8 ) So erlangte Crossen a. Oder 1330 von Herzog 
Heinrich IV. von Schlesien die Bestätigung 
aller Freiheiten aus den Zeiten des Markgrafen 
Waldemar. Als Zeichen der verliehenen, 
namentlich der peinlichen Gerichtsbarkeit diente 
für Crossen eine eichene Keule, die an Ketten 
am Odertor, später über dem Rathauseingang 
aufgehängt wurde. S. v. Obstfelder Chronik 
der Stadt Crossen 25. In Künhardt „am Schlegel", 
zu Dorf Mosbach bei Feuchtwangen in Bayern ge¬ 
hörig, hängt an einem Maienbaum ein schwerer 
Eichenklotz mit Jahreszahl 1790. Er soll an 
eine Hut Streitsache mit dem angrenzenden 
Herrn von Knöringen zu Kreßberg erinnern, 
der mit dem Vergleiche endigte, daß die Ge¬ 
meinde einen Maien aus ihren Waldungen auf¬ 
stellte und daran der Schlegel aufgehängt 
wurde, den der Herr von Knöringen aus seinen 
Waldungen zu erneuern hatte, der also wohl 
nach Gewohnheitsrecht sein Hoheitszeichen 
war. Früher soll er hier wie zu Mosbach an 
der Dorf linde gehangen sein. Für Beides A. 
Mailly in „Der Fährmann" (Wien 1924) 
453; vgl. Schöppner Sagen 1, Nr. 372. 
*) ZfdA. 5, 72 f.; Scheible Kloster 9, 283; 
ZfVk. 17, 246t.; Carl Chr. Heffter Urkundl. 
Chronik der Kreisstadt Jüterbog (1851) 207. 
10 ) RA . 3 487 f.; ein Fall von Tötung alters¬ 
schwacher Eltern 1297 in Jammerholz bei 
Grabow: T e t z n e r Die Slawen in Deutschland 
(Braunschweig 1902) 377; über K.n als Wehr 
ebd. 16. u ) ZfVk. 17, 246 h.; ZfdA. 5, 73 f.; 
Mailly a. a. O. mit weiteren Nachweisen. 
ia ) Bartsch Mecklenburg 1, 46, 458. 13 ) „Ygel" 
ein Bierhumpen. Grässe Preußen 2, 147. 
14 ) Strackerjan 2, 233. 319. 581 f.; Meyer 
German. Mythol. 219. Haberlandt. 


Keuschheit, d. h. in diesem Falle 
geschlechtliche Enthaltsamkeit, ist im 
Brauch und Glauben unseres Volkes oft 
Vorbedingung zum Gelingen eines Vor¬ 
habens. Viele Anweisungen dafür sind 
in der Kultur der alten Griechen und Römer 
den unsrigen so gleich und in Fülle vor¬ 
handen, daß der deutsche Volksglaube 
fraglos von dorther beeinflußt ist. Um 
aber bei dieser Herleitung nicht einseitig 


zu verfahren, müssen wir uns in der ver¬ 
gleichenden Volkskunde umsehen. Dann 
erkennen wir, daß es kaum ein Volk gibt, 
das die Vorschriften geschlechtlicher Ent¬ 
haltung aus Gründen des Glaubens oder 
des Kultes nicht hat 1 ). 

Ich greife aus der Fülle der Belege 
einige heraus: Während in Neuguinea 
und in Ländern Afrikas der Familienvater 
auf der Jagd oder beim Fischfang ist, 
muß daheim die Frau, manchmal auch 
die ganze Familie, sich des geschlecht¬ 
lichen Verkehrs enthalten, damit dem 
Mann sein Unternehmen gelinge 2 ). Auf 
Madagaskar glauben die Frauen, ihr 
Mann würde im Kampfe fallen, wenn sie 
während seiner Abwesenheit mit einem 
fremden Mann verkehren würden 3 ). Wäh¬ 
rend auf Java der Wettermacher durch 
Zauber den Regen verhüten soll, müssen 
die Angehörigen der Familie, die ihn da¬ 
zu angestellt hat, strenge K. bewahren 4 ). 
Die Bewohner des Hindukusch enthalten 
sich während eines Krieges des geschlecht¬ 
lichen Verkehrs. Bei ihnen gilt der Satz: 
Der Sieg gehört dem Keuschesten 5 ). Die 
Kekchi-Indianer enthalten sich während 
der Bebauung des Feldes, bei Jagd und 
Fischfang 6 ). Zur Heilung eines an Kopf¬ 
krankheit Leidenden wird im alten Ba¬ 
bylon vorgeschrieben: Nimm das Fell 
eines unberührten Zickleins, eine abge¬ 
sonderte (d. h. eine des Verkehrs mit 
dem Manne sich enthaltende) Frau, 
spinne .. , binde sieben und nochmal 
sieben Knoten... 7 ). Bei heiligen Hand¬ 
lungen beobachteten Babylonier und As- 
syrer K. Nach geschlechtlichem Verkehr 
müssen sie sich Reinigungen durch Wa¬ 
schen und Räuchern unterziehen 8 ). Den 
Mohammedanern ist in heiligen Zeiten, 
besonders während der Wallfahrt nach 
Mekka, geschlechtlicher Umgang ver¬ 
boten 9 ). Auch die alten Ägypter 
kannten vor gottesdienstlichen Hand¬ 
lungen strenge Enthaltungsvorschriften 10 ). 
Ebenso galt den Juden der Verkehr für 
verunreinigend, und sie forderten des¬ 
halb während heiliger Betätigungen, auch 
während des Krieges, strenge Enthal¬ 
tung 11 ). 

Diese kurzen Hinweise zeigen, daß wir 



1293 


Keuschheit 


1294 


unsere Betrachtung nicht auf den deut¬ 
schen oder europäischen Volksglauben 
beschränken dürfen. Es handelt sich 
hier um allgemein menschliche Glaubens¬ 
vorstellungen. Geht man den Gründen 
nach, die bei einfachen Völkern zu solchen 
Enthaltungen geführt haben, so findet 
man, daß sie teilweise auf den Willen 
zurückzuführen sind, für ein großes Unter¬ 
nehmen alle Kräfte zu sammeln und mög¬ 
lichst viel Energie aufzuspeichern. Die 
Enthaltung von geschlechtlichem Ver¬ 
kehr steigert die Energie. Das Empfinden 
gestärkter Macht kann, von übersinn¬ 
lichem Standpunkt aus, auf eine beliebige 
Tätigkeit gelenkt werden, auch wenn, 
gedanklich betrachtet, dadurch keine 
Stärkung für die beabsichtigte Handlung 
erwirkt werden kann. Alles, was zur 
handelnden Person Beziehung hat, bildet 
mit ihr einen unlösbaren Komplex. Was 
in diesem Komplex geschieht, geht alle 
Verbundenen an. Wenn der Mann im 
Krieg oder auf der Jagd ist, so ist das 
Verhalten seiner Angehörigen daheim 
ebenso wichtig, wie sein eigenes. Es 
herrscht hier ein starkes Gemeinschafts¬ 
empfinden. 

Daneben haben wir auch schon bei 
Tiefkulturvölkem die Anschauung, ge¬ 
schlechtlicher Verkehr mache nach reli¬ 
giöser Auffassung unrein und deshalb zu 
kultischen Handlungen ungeeignet. 
Als Beleg dafür führe ich die Mitteilung 
des Paters Rascher aus Neu-Pommern an: 
,,Durch geschlechtlichen Verkehr sollen 
sowohl der Mann als auch das Weib, sie 
seien nun verheiratet oder nicht, verun¬ 
reinigt werden. Die Verunreinigung wird 
a sile oder a sie genannt. Worin sie 
eigentlich besteht, wissen die Leute nicht 
anzugeben. Die Verheirateten können 
sich von dieser Verunreinigung jeder selbst 
reinigen. Die Art und Weise wird den 
Erwachsenen bei ihrer Verheiratung ge¬ 
lehrt, und zwar unterweisen Männer die 
jüngeren Leute und Weiber die Mädchen. 
Die mit sie behafteten Unverheirateten 
(man soll ihnen an den Augen absehen 
können, daß sie unrein sind) werden von 
allen gemieden. Die Kinder werden von 
ihren Eltern auf dieselben aufmerksam 


gemacht, damit sie die betreffenden 
meiden. Man nimmt nichts von ihnen 
an, besonders sieht man darauf, daß mit 
sie Behaftete nicht in Berührung mit den 
Tanzinstrumenten, o kol, kommen. Man 
ist der Meinung, sie würden durch die 
bloße Gegenwart die Malerei an den 
Gegenständen verunreinigen. Ein mit 
sie Behafteter soll an der Verunreinigung 
sterben, wenn nicht eine bestimmte Rei¬ 
nigungszeremonie an ihm vorgenommen 
wird; deswegen sollen diejenigen, die sich 
vergangen haben, ihre Tat sofort be¬ 
kennen, und jemanden bitten, sie zu 
reinigen. Diese Reinigung geschieht bei 
Männern öffentlich und zwar auf folgende 
Weise: „Es wird eine Portion Kokusnuß- 
kem geschabt und mit Meerwasser und 
Ingwer (wahrscheinlich unter Zauber¬ 
worten) gemischt. Diese Mischung muß 
der Verunreinigte trinken, dann wird er 
ins Meer gestürzt. Die Blätter, worin der 
Trunk enthalten war, nimmt er mit in 
die See und legt sie unter einem Steine 
am Boden nieder. Hierauf badet er, ent¬ 
fernt die Bekleidung, welche er während 
seines Vergehens getragen hat, und wirft 
sie weg. Die Männer, welche dieser 
Zeremonie vom Strand aus beiwohnen, 
singen währenddessen ein Lied. Dann 
kommt der Gereinigte wieder aus dem 
Meer und schlägt sich ein neues Hüfttuch 
um.... Auch diejenigen, die zwei im 
geschlechtlichen Verkehr angetroffen ha¬ 
ben, ... werden dadurch verunreinigt 
und bedürfen einer Reinigung, die aber 
viel einfacher als die soeben beschriebene 
vor sich geht“ 12 ). 

Ob die Vorstellung kultischer Unrein¬ 
heit sich aus der oben behandelten Be¬ 
gründung der Enthaltungsvorschriften 
durch Energieverlust erklären läßt, muß 
dahingestellt bleiben. Möglich wäre es, 
daß eine Tabu-Vorstellung, die zum Be¬ 
griff Unreinheit führt, aus der Anschau¬ 
ung von der Schwächung herzuleiten 
wäre, wenn man sich der ersten Gründe 
nicht mehr bewußt war. Doch not¬ 
wendig ist diese Verbindung nicht. 

Der Glaube an die kultische Befleckung 
durch geschlechtlichen Verkehr kann auch 
anders erklärt werden. Alles, was der 



1295 


Keuschheit 


1296 


Mensch nicht verstehen kann, wird in den 
Bereich der übersinnlichen Welt gestellt, 
so besonders die großen Rätsel des Lebens, 
Tod und Geburt. Sie werden auf die 
Wirkung göttlicher oder dämonischer 
Mächte zurückgeführt. Berührung mit 
diesen macht tabu im guten oder schlim¬ 
men Sinne 13 ). Sich reinhalten in ge¬ 
schlechtlicher Beziehung oder sich rei¬ 
nigen bedeutet ursprünglich nichts ande¬ 
res als gefährliche Wirkungen aus dem 
Bereiche der übersinnlichen Welt von sich 
femhalten oder sie zu entfernen. 

Tot acppoÖiata piaivsi 14 ), d. h. alles was 
mit Geschlechtlichem zusammenhängt, 
bringt kultische Befleckung und macht 
zu religiösen und magischen Handlungen 
ungeeignet, ist ein im griechischen und 
römischen Altertum oft ausgesprochener 
Grundsatz 15 ). Geschlechtliche Enthal¬ 
tung ist im ersten Christentum neben As¬ 
kese in anderer Form stark betont 16 ). 
Die Erörterung dieser Fragen in den 
christlichen Schriften der ersten Jahr¬ 
hunderte und späterer Zeit 17 ) und eben¬ 
sosehr die Schriften der Griechen und 
Römer haben die Anschauungen des 
deutschen Volkes stark beeinflußt und 
umgestaltet. Wenigstens finden wir bei 
Tacitus in der Germania Kap. 18 ff., wo 
von der K. germanischer Frauen ge¬ 
sprochen wird, nichts, was diesen süd¬ 
ländischen und orientalischen Anschau¬ 
ungen entspräche 18 ). 

Wie sehr antike Anschauungen und 
deutscher Volksglaube, der bis heute gilt, 
übereinstimmen, zeigen Beispiele beson¬ 
derer Art, die kaum in Deutschland und 
Griechenland unabhängig voneinander 
entstanden sind. Der Urin unschuldiger 
Kinder, tö oupov ttguöoc acpüopou, ist in der 
griechischen Magie öfters erwähnt. Man 
verwendet ihn z. B. mit Wein und Honig 
gemischt gegen fressende Geschwüre 19 ). 
Plinius empfiehlt in seiner Naturgeschichte 
24, 39 zu zauberischen Zwecken pueri im- 
pubis urina 20 ). In Mittelbaden stillt man 
Blutungen mit dem Urin einer Jungfrau 21 ) 
oder läßt, wenn man sich geschnitten hat, 
einen unschuldigen Knaben darauf uri¬ 
nieren 22 ). Hat ein Mädchen Frostbeulen, 
so kann sie durch den Urin eines ledigen 


Burschen davon befreit werden 23 ). In 
Heidelberg werden mit dem Urin eines 
„gesunden Knäbleins“ auch Hautkrank¬ 
heiten geheilt. 

In der Spätantike gab es allerlei kleine 
zusammenfassende Schriften über Ham- 
schau und Harn Verwendung in der Me¬ 
dizin (Urologie und Uroskopie). Sie 
wurden Öfters großen antiken Ärzten wie 
Hippokrates und Galen zugeschrieben und 
waren jahrhundertelang sehr beachtet 24 ). 
Aus ihnen unmittelbar oder aus Sammel¬ 
schriften, die wieder auf solchen Sonder¬ 
abhandlungen beruhen, wie die Natur¬ 
geschichte des älteren Plinius und das 
landwirtschaftliche Sammelwerk Geopo- 
nika 25 ) schöpfte auch die deutsche Volks¬ 
medizin, und die zahlreichen Vorschriften 
über Verwendung des Urins eines keuschen 
Menschen gehen darauf zurück. 

Aus antiken Quellen schöpfen auch die 
Anweisungen, Zaubervorschriften auf 
Jungfernpergament oder, wie Geiler von 
Kaysersberg, der in der Emeis 50 diesen 
Aberglauben bekämpft, sagt, auf megt 
pergamen zu schreiben. Eine antike 
Zaubervorschrift lautet z. B. -fpotyov ... 
efc x a P Ttv ‘rcapftsvov (Cat. codd. astrol. 
7, S. 105 f.). Der lateinische Ausdruck 
dafür ist Charta virgo 26 ). Unschuldige 
Kinder und keusche Jungfrauen sind auch 
sonst viel in magischem Sinne verwendet. 
Auch hierin ist kaum ein Unterschied 
zwischen dem Volksglauben der alten 
Griechen und Römer 27 ) und dem deut¬ 
schen. Für die Jungfrau im Glauben und 
Brauch ist der Stoff oben 3, 841 ff. ge¬ 
sammelt und bearbeitet. Dazu einige Er¬ 
gänzungen und Bemerkungen: In der Ge¬ 
gend von Bonndorf (Baden) war es bis 
vor kurzem üblich, daß beim ersten 
Ackern der Pflüger eine Jungfrau küßt 28 ). 
Will man lauter Hühner und keine Hähne, 
so muß man in Zähringen bei Freiburg aus 
dem Stroh des Strohsackes einer keuschen 
Jungfrau das Nest für die Bruthenne 
machen 29 ). Hier ist wohl die „heidnische 
Bewertung“, wie oben 3, 847 gesagt ist, 
in erster Linie maßgebend gewesen; mit 
der Zeit rückt aber die ganz äußerliche 
Beachtung der K. in den Vordergrund. 
Das zeigen viele Beispiele sehr deutlich. 


Keuschheit 


I298 


1297 


Vielerorts wird am 1. Mai die Dorf linde 
von den Jungfrauen geschmückt. Stellt 
sich nachträglich heraus, daß daran ein 
gefallenes Mädchen teilgenommen hat, 
so muß die Linde gewaschen und der 
Rasen oder das Pflaster um sie herum er¬ 
neuert werden 30 ). Wenn in solchen 
Segensbräuchen vielfach die Schürze oder 
das Halstuch einer Braut verwendet 
werden, so soll damit gesagt sein: es ist 
die Schürze, mit der das Mädchen zum 
letztenmal ihren jungfräulichen Schoß, 
das Halstuch, mit dem sie zum letztenmal 
ihre keusche Brust deckte. Hier ist 
weniger der Segenszustand der Braut, 
als vielmehr ihre K. betont, wie oben 
3, 847 richtig bemerkt ist, wohl infolge 
christlicher Umwertung. Das erweisen 
öfters Nebenerscheinungen der Bräuche. 
So ist neben der K. die weiße Farbe be¬ 
tont 31 ). Eine verzauberte Alp wird da¬ 
durch von dem Zauber befreit, daß man 
unter besonderen Umständen ein ganz 
weißes Stierkalb, das kein schwarzes Haar 
hat, aufzieht und den Stier, wenn er fünf 
Jahre alt ist, mit den Hörnern an die 
Zöpfe einer reinen Jungfrau bindet und 
sie auf die Alp schickt. Der Stier folgt 
der Jungfrau willig; wo sie hinkommen, 
weicht der Zauber 32 ). Weiße Tauben 
warnen bei Gefährdung der K. So heißt 
es im Volkslied 33 ): 

Drei schneeweiße Taube, 

Die fliege übers Haus, 

Gebt acht auf das Maidle, 

's sind Räuber im Haus. 

Mit 111 weißgekleideten Jungfrauen wall- 
fahrteten die Hotzenwälder (Badisch. 
Schwarzwald) nach Ein siedeln, um für 
einen Salpeterer-Führer Glück zu er¬ 
flehen 34 ). 

Im griechischen Altertum bildete sich die 
Anschauung, die Biene sei ein keusches Tier 
weil sie ohne Zeugung entstand 35 ). Des¬ 
halb mußte im Altertum und muß nach 
dem Volksglauben auch bei uns heute 
noch jeder Mensch, der Bienen pflegt, K. 
bewahren. Jungfrauen werden von Bie¬ 
nen nicht gestochen 36 ). Wenn eine Frau 
eine Biene ißt, wird sie nie schwanger 37 ). 

Die Anschauung, daß ein Gegenstand 
nur von einer Jungfrau gehoben werden 


kann, für andere Leute aber zu schwer 
ist, war ebenfalls in der Antike schon 
entwickelt. Bei uns weiß vor allem die 
Sage viel davon zu berichten: Ein Schatz 
kann nur von einer Prinzessin gehoben 
werden, die noch reine Jungfrau ist 38 ). 
Eine Glocke kann nicht weitergebracht 
werden, nur einer Jungfrau gelingt das 
mit Leichtigkeit 39 ). Schlägt man ein 
Pferd mit dem Gürtel einer reinen Jung¬ 
frau, so wird es gesund 40 ). Das Einhorn 
kann von keinem Jäger erlegt werden. 
Wenn es aber einer Jungfrau begegnet, 
ist es völlig zahm 41 ). Wer nicht mehr 
Junggeselle ist, kann nicht Freischütz 
| werden 42 ). 

In Segensformeln spielten einst drei 
weibliche Personen eine Rolle 43 ), ohne 
daß ihre Jungfräulichkeit betont ge¬ 
wesen wäre; ja sie waren im germanischen, 
keltischen und römischen Glauben als 
Mütter bezeichnet. Auf einer späteren 
Entwicklungsstufe sind es drei reine 
Jungfrauen. 

K. schützt vor Gefahr. In dem Volks¬ 
lied „Als wir jüngst in Regensburg 
waren“ heißt es: 

Und ein Mädel von zwölf Jahren 
Ist mit über den Strudel gefahren. 

Weil sie noch nicht lieben kunnt. 

Fuhr sie sicher über Strudels Grund. 

Der Schiffsmann sagte dem Fräulein 
Kunigund: 

Wem der Myrtenkranz 44 ) geblieben. 

Landet froh und sicher drüben. 

Wer ihn hat verloren, 

Ist dem Tod erkoren 45 ). 

Wie sehr derartige Glaubens Vorstellun¬ 
gen heute noch wirksam sind, zeigt eine 
| Gerichtsverhandlung aus dem Jahre 1927: 

; Einer Taglöhnerfamilie in der Bodensee- 
| gegend erzählte ein Betrüger, auf dem 
i Schienerberg sei ein Schatz von drei Mil- 
| lionen vergraben. Er könne nur gehoben 
j werden, wenn die K. einer Jungfrau ge¬ 
opfert werde. Der Taglöhner und seine 
Frau stellten dafür ihre isV^jährige Toch¬ 
ter zur Verfügung. Der Betrüger mi߬ 
brauchte sie und erhielt 15 Monate Zucht¬ 
haus 46 ). 

I In Gegenwart eines geschlechtlich Un¬ 
reinen kann ein Zauber nicht ausgeführt 
werden 47 ). 



1299 


Keuschheit 


Keuschheit 


1302 


1300 


Verwunschene Personen, die nach ihrem 
Tode umgehen müssen, können nur von 
keuschen Menschen erlöst werden 48 ). Da¬ 
bei ist, wenn überhaupt etwas näheres 
angegeben wird, nicht die keusche Ge¬ 
sinnung, sondern die körperliche Unbe¬ 
rührtheit betont 49 ). 

Wie wenig oft von sittlichen Anschau¬ 
ungen ausgegangen wird, zeigen aber¬ 
gläubische Bräuche bei der Eidesleistung. 
Ein Eid kann nach der Anschauung des 
Volkes nur richtig geschworen werden von 
einem Menschen, der im Zustand der Rein¬ 
heit ist. Will aber jemand keinen gültigen 
Eid schwören, so durchlöchert er vorher 
(z. B. in Hessen, in der Rheinprovinz und 
in Holland) seine Hosentasche, steckt 
während des Schwörens die linke Hand 
durch dieses Loch und berührt die Ge¬ 
schlechtsteile. Damit ist er unrein und 
nach dem Volksglauben unfähig, einen 
Eid zu schwören. Also ist das, was er 
schwört, kein Eid und er verfällt nicht 
der göttlichen Strafe 60 ). 

Bei Verwendung von Kindern in Se¬ 
gensbräuchen ist dieselbe doppelte Be¬ 
gründung maßgebend wie bei Jungfrauen 
(s. o. 3, 841 ff.): Man verwendet sie, 
weil sie in der Blüte der Jahre stehen 51 ), 
hauptsächlich aber wegen ihrer K. Im 
alemannischen Gebiete Badens müssen 
bei der Ernte die drei letzten Ähren von 
einem jungen Mädchen abgeschnitten 
werden. Einem jungen Mädchen oder 
einem Kind wird auch der Emtemaien in 
die Hand gegeben ö2 ). In Schlesien 
pflückt ein unschuldiges Kind die ersten 
Früchte eines Obstbaumes 53 ). Beim 
Hochzeitszug sieht man vielerorts in 
Deutschland gerne Kinder. Ein junger, 
zum erstenmal tragender Baum wird 
fruchtbar, wenn man seine Früchte von 
einem noch auf dem Arm getragenen 
Kind oder überhaupt von einem Kinde 
unter sieben Jahren abpflücken läßt 54 ). 
In Hettingen (Amt Buchen) legt man 
jungen Rindern, wenn man sie ans Joch 
gewöhnen will, den Strumpf eines un¬ 
mündigen Kindes unters Joch. Im 
Halberstädtischen wird das Notfeuer von 
keuschen Knaben erzeugt w ). Der König 
von Dänemark hat beim ersten Betreten 


des ihm nach dem Weltkrieg zugespro¬ 
chenen Teils von Schleswig-Holstein ein 
kleines Mädchen mit aufs Pferd ge¬ 
nommen S6 ). 

Gegen Gichter hilft eine Unterlage 
unter das Kopfkissen, die von einem 
Mädchen unter sieben Jahren gesponnen 
ist 57 ). Kleidungsstücke, die von unschul¬ 
digen Kindern gefertigt sind, schützen 
in verschiedenster Form, vor allem gegen 
Verwundung im Krieg 58 ) und gegen Ver¬ 
urteilung vor Gericht 59 ) (vgl. u. Not¬ 
hemd). 

Kranken Pferden gibt man in Schwaben 
in Wachs eingewickelte Läuse ein, diese 
müssen von einem Knaben sein, der noch 
nicht sieben Jahre alt ist 60 ). Um Diebe 
oder verlorene Sachen zu entdecken, gibt 
man einem unschuldigen Knaben eine 
Flasche voll Weihwasser in die Hand und 
läßt ihn sagen: ,,Du heiliger Engel, Du 
schneeweißer Engel, durch meine K. und 
Deine Heiligkeit zeige mir den Dieb“ 61 ). 
Gegen geschlechtliche Ansteckung trugen 
Schweizer Soldaten ein Büschel Haare 
von einem kleinen unschuldigen Mädchen 
auf der Brust 63 ). 

Ist jemand krank, so schickt man in 
Ettenheim (Baden) ein Kind aus der 
Familie des Kranken oder auch aus der 
Nachbarschaft mit drei gleich langen 
Kerzen eines geweihten Wachsstockes in 
die Kirche zum Beten. Die Lichtlein 
stellte man vor den Altar der schmerz¬ 
haften Mutter Gottes und benannte sie 
Leben, Leiden und Tod. Dann achtete 
man darauf, welches zuerst erlösche w ). 
Kann jemand nicht „ersterben“, so wer¬ 
den in Neukirch (Triberg) sieben Kinder 
in eine Kapelle geschickt, um für einen 
baldigen glückseligen Tod zu beten 64 ). 
Kinder sollen am Oberrhein die Sterbe¬ 
kerzen auslöschen. Bläst ein Kind drei 
Flammen, die neben der Leiche brennen, 
mit einem Hauch aus, so wird eine arme 
Seele erlöst. An manchen Orten läßt man 
die beim Toten brennenden Lichter von 
unschuldigen Kindern einzeln auslöschen, 
zündet sie immer wieder an und läßt sie 
von neuem ausblasen, bis alle anwesenden 
Kinder an der Reihe waren. Erst dann 
wird der Sarg zugemacht 65 ). 



1301 

Sagenhafte Erzählungen berichten vom 
Einmauern unschuldiger Kinder in ein 
neu zu erbauendes Haus und vom Be¬ 
streichen des Mörtels mit dem Blute un¬ 
schuldiger Knaben 68 ). Kindesfinger wer¬ 
den von Dieben gerne gebraucht, um sich 
unsichtbar zu machen oder sonst nicht 
entdeckt zu werden. Am meisten wirken 
sie, wenn sie von einem noch nicht ge¬ 
borenen Kind genommen sind, oder es 
soll wenigstens noch nicht getauft sein, 
d. h. das christliche Sakrament soll es 
noch nicht dem Bereich des Zaubers ent¬ 
rückt haben 67 ). Kindesopfer zu magi¬ 
schen oder kultischen Zwecken werden 
öfters erwähnt 68 ). In Köndringen (Ba¬ 
den) vertreibt man Warzen, indem man 
sie mit dem Menstruationsblut eines keu¬ 
schen Mädchens betupft 69 ). 

Oft sucht man durch allerlei Mittel die 
K. festzustellen 70 ). 

Vor Unkeuschheit schützt die Pflanze 
agnus castus, Keuschlamm. Dieser Glaube 
geht auf den griechischen Kult zurück. 
Zweige der Pflanzen a^voc legten die grie¬ 
chischen Frauen am Feste der Thesmo- 
phorien auf die Erde und setzten sich 
darauf, damit die Segenskraft der Erde 
in sie eingehe und sie Mütter würden. 
Die üppig wachsende Pflanze sollte die 
Segenskraft verstärken. An diesem Tage 
mußten die Frauen Verkehr mit Männern 
meiden. Als man den ursprünglichen Sinn 
des Brauches nicht mehr verstand, glaubte 
man, die Zweige sollten den Frauen dazu 
verhelfen, die K. zu bewahren. Neben 
dem Brauche mag eine mißverständliche 
Deutung des Wortes apos zu der Um¬ 
deutung geführt haben. Es wurde zu¬ 
sammengebracht mit dem ähnlich klin¬ 
genden Wort d^voc, das keusch heißt. 
Von der Antike her haben alle europäi¬ 
schen Völker die Pflanze und den ihr an¬ 
haftenden Glauben übernommen. In der 
christlichen Antike des Römerreiches 
wurde er bestärkt durch den Anklang an 
das lateinische agnus, das Lamm bedeutet. 
Das Lamm wurde ein Sinnbild der K. 
Der Wortanklang führte dazu, daß man 
in legendenhaften Darstellungen die K. 
der heiligen Agnes besonders betonte. 
Im Italienischen heißt die Pflanze 


agno casto, spanisch gattilio casto, eng¬ 
lisch chaste-tree, bei uns Keuschlamm 
oder Keuschbaum 71 ). Die Pflanze wurde 
früher vor allem in Klöstern verwendet, 
vereinzelt auch im Volke. Daneben ge¬ 
brauchte man im selben Sinne Buchs¬ 
baumzweige 72 ) und Lattich 73 ), sowie 
Edelsteine wie Smaragd und Jaspis 74 ). 

Im ganzen vgl. Geschlechtsverkehr (3, 
735 ff.), Jungfrau (4, 841 ff.), Kind, ledig, 
Nothemd, unkeusch, unschuldig. 


*) Fehrle Keuschheit 29 ff.; ders. Kultische 
Keuschheit und Krieg BayHfte 2, 260 ff.; 

Artikel ,,Keuschheit“ in RGG. 2 ) Frazer 1, 29; 
ders. Gold. Zweig 33. 3 ) Frazer Gold. Zweig 2, 
37. 4 ) Ebd. 98 f. 5 ) S. Reinach Cultes, mythes 
etrel. 2, 33. °)ARw. 7 (1904), 458t.; Fehrle K. 
31. 7 ) Jastrow Rel. Bab. u. Assyr. 1, 346; 

Eitrem Opferr. 381. 8 ) Herodot 1, 198; 

Strabo 16, 1, 20; Makrob. Sat. 1, 23, 10; 
Wellhausen Skizzen und Vorarbeiten 3, 116; 
Fehrle K. 32. ö ) Fehrle K. 32; Schwally 
Sem. Kriegsaltert. 61. Vgl. Plin, Naturg. 8, 13. 
10 ) Herodot 2, 64; Fehrle K. 33. u ) Fehrle 
K. 33 f.; Jirku Die Dämonen und ihre Abwehr 
48; Eitrem Opferr. 96; JbjüdVk. 1923, 181. 
12 ) Fehrle K. 29 f. 13 ) Ebd. 35 ff.; W. Hertz 
Abhandl. 197 ff.; W. Fiedler Antiker Wetter¬ 
zauber (1931) 23 f.; J.R. Farn eil The evolution 
of religion 88 ff.; James Religiöse Erfahrung, 
deutsch von Wobbermin 280 ff. 14 ) Porphyr. 
Abst. 4, 20. 15 )Fehrle/C. 25ff.; R. M. Ratten¬ 
bur y Chastity and chastily ordeals in the 
ancicnt greek romances: Proceedings of the 
Leeds philosophical Society, vol. 1 p. II, 59—71. 
1C ) RGG. unter K. 17 ) Fehrle K. 12 ff. 236 s. 
18 ) Vgl. den Kommentar zu Tacitus Germ, von 
Fehrle S. 87ff. und oben unter Jungfrau 4, 843!. 
Zur Brynhildesage (i, 844f.) vgl. F. Panzer Sig¬ 
frid 186 f. 19 ) Hopfner Griech.-ägypt. Offen¬ 
barungszauber (1922) §847. 20 ) Fehrle K. 55; 
Geoponica 10, 64, 2; 9, 2, 6. 21 ) Zimmer mann 
Volksmed. 24. 81.85. 22 )Hmtl. 2, 18. Dies Mittel 
wird auch heute noch in Heidelberg verwendet. 
23 ) Zimmermann a. a. O. 76. 24 )Vgl. z. B. 

Pseudo-Galen Die lateinischen Harnschriften, 
hrg. u. bearbeitet von H. Leisinger 1925. 
Urin wird in der Volksmedizin bei Verwundung 
auch verwendet, ohne daß der Begriff der K. 
damit verbunden ist. 25 ) Fehrle Geop. 26 )Hess- 
Bl. 13 (1914), 108ff. Vgl. o. 4, 851 f. 27 ) Fehrle 
K. 54 ff. 28 ) Meyer Baden 417 f. 2ü ) Ebd. 412. 
30 ) Sartori Sitte 3,176, 32. 81 )ObdZfVk. 5(1931). 
12 f. 8l ) SchwVk. 14 (1924), 26. 33 ) Bender 

Ober sehe fflenzer Volkslieder 232, 64. 34 ) Scheffel 
Ges. Werke hrg. v. Proelß, 3. Bd., 144. 3S ) Fehrle 
K. 56 f.; J. Kleck Arch. f. Bienenkunde 7, 37 f. 
S. o. unter Biene. Zu Jungfernwachs vgl. ObZf- 
Vk. 5 (1931), 94; Kronfeld Der Weihnachtsbaum 
38 f. 38 ) K. Knortz Die Insekten in Sage, Sitte 
und Lit. 30. 37 ) Urquell 5 (1894), 179; ZföVk. 
8 (1902), 49 f. 3S ) Heckscher 1, 109. 3 *) 




1304 


1303 


Bert sch Weltanschauung 267. 40 ) ObdZfVk. 

2 (1928), 136h; Ael. h. a. 11, 18. 41 ) ObdZVk. 5 
(1931)» 13^ vgl.o. unter Einhorn. 42 )Heckscher 
1,112. 43 )ObdZfVk. 4(1930), 102 ff.; Fehrle 
Zauber und Segen 43 h; Andree-Eysn Volks¬ 
kundliches 35 ff.; ObdZfVk. 5 (1931), 94. 4; ) 
Fehrl e K. 239 ff. 45 ) Alte und neue Lieder mit 
Bildern und Weisen S. 208 f. 46 ) Oberländer Bote 
(Lörrach) 90 (1927), Nr. 98. 47 ) Bianchi Studien 
über Heinr. v . Kleist 1, 14 f. 48 ) Frank Schlan¬ 
genkuß 57 f. 70. 71; Bohnenberger 10; 

Bauernfeind Nordoberpfalz 25; Humpert 
Mudau 224; Fehrle K. 59. 49 ) NiedZfVk. 7 

(1929), 249. M ) ARw. 12, 58 f. 61 ) ObZfVk. 3 
(1931), 8; Fehrle K. 63 f. 52 ) Meyer Baden 
43iff. M ) Peuckert Schles. Vk. 74. 54 )Wuttke 
426 f. 6ß ) Grimm Myth. 504. 56 ) Bianchi 

Kleist 15. 57 ) Steidel Ortsgeschichte von Dais¬ 
bach (1910) 153. M ) BayHfte 2, 260 ff.; ZfVk. 
21, 157; 22, 129. 59 ) Globus 95, 23. 60 ) Fehrle 
K. 60. fll ) Montanus Volksfeste 117. 62 ) SAVk. 
19 (1915), 215. 63 ) Meyer Baden 575. 64 ) Ebd 
581. Vgl. Philol. Wochenschrift 45 (1925), 597 t. 
cs ) SchwVk. 8 (1918), 38. 6G ) ObZfVk. 2 (1928), 
82; Liebrecht Zur Volksk. 287. Siehe oben 
Bauopfer und unten Kind. 6? ) L. Bianchi 
Kleist 1, 15 f.; v. Künssberg Rechtsbrauch 
und Kinderspiel 32 f. 68 ) Globus 37, 25 ff. 55 ff. 
72ff.; Eitrem in der Festskrift til Hjalmar 
Falk (1927) 257 f. 69 ) Fehrle Geoponica 16 f.; 
Zimmer mann Volksmed. 73. 70 ) Siehe oben 4, 
845f.; Fehrle K. 56, 2. io6f. 125. 131. 221; 
ZfVk. 19 (1909), 67; SAVk. 27 (1927), 89; 
Weinreich Gebet und Wunder (1929)3980.; 
Bolte-Polfvka 1,546; Adamantios'Ayvefa; 
Ttefpo, Laographia 1 (1909). 461 ff. 71 ) Fehrle K. 
152 ff.; SAVk. 27, 87 h; Seligmann Blick 
2, 69. 72 ) SAVk. 27, 88. 73 ) Fehrle Geoponica 
45. 74 ) Bohnenberger 23; Fehrle K. 154, 1. 

Fehrle. 

Kiebitz (Tringa vanellus; Gavia vul¬ 
garis). Der Name ist dem Geschrei 
des Vogels ähnlich. Die schrift¬ 
mäßige Form von heute ist mittel¬ 
deutsch x ), vielleicht unter Anlehnung an 
die slavische Endung wie bei Stieglitz, 
Kifittig 2 ). Im md. Kiwitt; die nd. Form 
ist dieser ähnlich, die oberd. weicht ab: 
Gawitzl (Egerland), Kiwitza (Nieder- 
österreich), Giermitz, Girmes (Tirol), 
Keibitz, Geibitzer, Gaiwitzer 3 ), Giritz 4 ). 

Er gilt als unheimliches Wesen 


Ruf des K. kein Geld in der Tasche hat, 
wird das ganze Jahr nichts erübrigen 8 ). 
Auch in Schottland gilt er als unheil¬ 
verkündend 9 ). 

Er ist der Geselle des Kuckucks 10 ), 
und sein Name verhüllt wie der des Kuk- 
kucks den Teufel 11 ). Daher haben auch 
das Innere des K.nestes und die Drüsen 
des K.Weibchens unter gewissen Umstän¬ 
den dämonische Kraft 12 ). 

Der K. gilt als Seelenvogel. Als 
solcher erscheint er im Märchen vom 
Machandelbaum. In den Marschen hält 
man ihn gleich dem Storch für einen 
geheiligten Vogel, in dem eine Menschen¬ 
seele steckt oder der eine verwandelte 
Menschenseele darstellt 13 ). Das geht aus 
der Sage von dem Schäfer hervor, der 
fünf weiße Schafe verlor. Sein Herr 
züchtigte ihn so, daß er starb. Im Tode 
wurde er in einen K. verwandelt, und 
seitdem fliegt er umher und sucht unter 
dem Ruf: ,,Fief witt“ —fünf weiß, die 
verlorenen Schafe 13 ). Seelen alter Jung¬ 
fern werden Kiebitze 14 ). Unbegehrt 
gebliebene Menschen werden nach dem 
Tod in unbegehrte Tiere verwandelt. 
Daher „ins Giritzenmoos fahren“ vom 
Tod alter Jungfern lö ). Mit diesen Worten 
necken die ledigen Burschen die unver¬ 
heirateten Mädchen 16 ). Im Girizenried 
fliegen verwandelte Jungfrauen 17 ). Alte 
Jungfern müssen Geibitzen hüten (öster¬ 
reichisch) 18 ). Im Harz wird ein spukender 
Frauengeist in den Kibitzbach gebracht 19 ). 
Ebenda ist der Kibitzbruch Sitz unseliger 
Geister 20 ). Über die Giritzenmoosfahrt 
s. Alte Jungfern 1, 334. 

Der K. im Volksreim. Der K. ist 
der einzige Republikaner unter den Vögeln. 
Als diese sich einen König wählen wollten, 
war er nicht einverstanden und flog in 
die Wiesen, wo er nun, wenn er verfolgt 
wird, schreit: 

Kiwitt, wo bliw ick ? 


wie Kauz und Eule. Wenn er in die 
Nähe menschlicher Wohnungen kommt, 
prophezeit man daraus einen Todesfall 
(nordfriesisch) 5 ). Wegen seines sonder¬ 
baren Rufes „Komm mit“ gilt er als 
Totenvogel 6 ). Er lockt Wanderer in den 
Sumpf 7 ). Wer im Frühjahr beim ersten 


in’n Brommelbeerenbusch, 
do sitt ick, 
do fleit ick, 

do hew ick min Lust 21 ). 

Ähnlich in Mecklenburg **), Oldenburg 23 ), 
Anhalt 24 ), in der Altmark 25 ). In der 
Mark Brandenburg spricht er: „Kiwitt, 
ach watt förn schöen Vojel bin ick“ 26 ). 


1305 


Kiefer— Kiesel stein 


1306 


Bei den Wenden: „Kotz Blut, Kiebitz! 
Wie mir meine Beine frieren“ 27 ). 

In der Alt mark vergnügten sich früher 
die Kinder mit einem Spiel, das „Kiwitt- 
dans“ hieß. Sie gingen in die Hock¬ 
stellung, legten die Hände auf den Rücken 
und sangen unter Herumhopsen: 

Kiwittdanzen kann ick nich, 
dao slog se mi, dao went ick; 
dao geff se mi n fett Botterstoll, 
dao sweg ick 28 ). 

Der K. muß im Februar ankommen und 
am 2. März sein erstes Ei legen, und wenn 
er es auch in den Schnee legen sollte 29 ). 

Der K. findet sich auch in Pflanzen¬ 
namen 30 ). 

4 ) Grimm DWb. s. v. 2 ) Montagsblatt der 
Magdeburgischen Zeitung vom 22. 11. 1926. 
8 ) ZfVk. 12 (1902), 460. Grimm Myth. 
3. 196. 5 ) Urquell 3 (1892), 299. c ) Drechsler 

2, 231. 7 ) Kühnau Sagen 1, 384. 8 ) Stracker- 

jan 1, 10; 2, 161 = Wuttke 205 § 281. 9 ) 

Hopf Tierorakel 169. 10 ) Mannhardt ZfdMyth. 

3, 281. 229. n ) Grimm Myth. 965 (2, 846). 

12 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 126. 13 )Stracker- 
jan 2, 166. u ) Meyer Germ. Myth. 63. Dazu 
Laistner Nebelsagen 230. 16 ) Rochholz 

Glaube 1, 154 L 1S ) Lütolf Sagen 566. 17 ) 

Grimm Myth. 3, 196. 18 ) Rochholz Sagen 

41, 47; Glaube 154t. 19 ) Pröhle Harz 2, 48. 

20 ) Grimm DWb. s. v. 2l ) Andree Braun¬ 
schweig 465. 22 ) Bartsch Mecklenburg 2, 177. 
23 ) Strackerjan 2, 166. 24 ) Wirth Beiträge 

4 / 5 » 55 - 25 ) Wegener Volkslieder aus Nord¬ 

deutschland 1, 80. 26 ) Engelien und Lahn 200. 
a? ) Schulenburg Wend. Volkstum 154. 28 ) 

Danneil Wb. der altmärk. plattdeutschen Mund¬ 
art 1858, 101. Dazu H. Diehl Das Labyrinth 
67. 29 ) Strackerjan 2, 166. 30 ) Marzell 

Pflanzennamen 220. Wirth. 

Kiefer (Föhre; Pinus silvestris). Ob¬ 
wohl die K. ein bei uns allgemein verbrei¬ 
teter und bekannter Nadelbaum ist, spielt 
sie in Sage und Aberglauben keine nen¬ 
nenswerte Rolle. Ab und zu ist eine 
Hexen- oder Wunderk. bekannt x ) 
oder eine „Heiligenföhre“ 2 ). Nach einer 
finnischen Sage stammt die K. (wohl 
wegen der rötlichen Rinde!) aus dem 
Blute des Erlösers 3 ). Die Rumänen in 
der Bukowina erzählen, die K. sei 
deswegen so knotig, weil die Kreuzes¬ 
nägel Christi aus dem Holz der K. waren 4 ). 
Wird das Holz der K. gegen „Altschein“ 
(abnehmender Mond) gehauen, so trocknet 
es besser aus, wird leichter und bekommt 
später keinen Wurm 5 ). 


Vgl. Marzell Die deutschen Bäume in der 
Volkskunde. 7. Die Kiefer in: Mitt. d. D. 
Dendrol. Gesellsch. 42 (1930), 180—184. 

*) Kühnau Sagen 3, 33. 281. 2 ) Rochholz 
Sagen 1, 85; vgl. auch Treichel Zwei mark . 
Sagen von der K. in: Verh. bot. Ver. Prov. 
Brandenburg 23 (1881), 49. 3 ) FFC. 52, 53. 

4 ) ZföVk. 4, 218. 5 ) Wiide Pfalz 126. 

Marzell. 

Kielkropf s. Wechselbalg. 

Kieselstein. Alles Wasser, das über 
glatte Kiesel läuft, ist heilkräftig, be¬ 
sonders Bachwasser. Nimmt man einen 
Bachkiesel aus dem Wasser und berührt 
damit schlimme Augen, so heilt er das 
Übel, wenn man ihn nachher wieder an 
die Stelle legt, wo er gelegen hat 1 ). 
Ebenso sucht, wer Seitenstechen hat, 
stillschweigend drei K.chen in einem 
Bache und steckt sie an die Seite, 
wo es ihn schmerzt, dann schwindet das 
Stechen 2 ). Im Altenburgischen drückt 
man einen am Bachrande gefundenen 
K. dreimal auf die Wunde und spricht 
dabei: „Im Namen Gottes, des Vaters, 
des Sohnes und des heiligen Geistes“; 
dann legt man den Stein wieder 
an seine frühere Stelle 3 ). Daß es ein 
fließender Bach sein muß, weist auf das 
„Wegschwemmen“ der Krankheit hin. 
In Schwaben spuckt man bei Zahn¬ 
schmerzen auf die untere Seite eines 
am Wege gefundenen K.s und legt ihn 
wieder an seinen Ort 4 ). Eines zufällig 
auf einem Zaun gefundenen K.s bedient 
man sich gegen Hühneraugen, indem 
man sie damit umreißt und einen 
Zauberspruch dabei hersagt 5 ). Um 
wunde Frostbeulen fährt man dreimal 
mit einem K. herum und sagt dabei: 
„Bein, du sollst so wenig geschwellen und 
geschwären als wie dieser Stein, im Namen 
usw.“ 6 ). Am Muskelschwund kranke 
Glieder bestreicht man mit einem K. 
bei wachsendem Monde unter Her¬ 
sagen eines Zauberspruches 7 ). Aufge¬ 
kochtes Bachwasser, in dem drei K.e 
liegen, gilt in Simmenthal als Mittel 
gegen Husten 8 ); in Mettersdorf wirft 
man als Mittel gegen Gicht neun heiße 
Kiesel in die Badewanne 9 ). 

*) Birlinger Volkst. 1, 140 Nr. 218; Lam- 
mert 227 und 236; vgl. Grohmann 46. *) 




Kilian 


1307 


Alpenburg Tirol 4. 11. 3 ) Seyfarth Sachsen 
221; vgl. Grohmann a. a. O.; Bohnen¬ 
berger 15. 4 ) Lammert 236 (Schwaben!. 

5 ) Baumgarten Aus der Heimat 1, 158. 6 ) 

Meier Schwaben 2, 521 Nr. 469; Wuttke 
34 6 § 517» vgl. Hovorka-Kronfeld 2, 370. 
7 ) Manz Sargans 74. 8 ) Zahler Simmenthal 

91. *) Gaßner Metiersdorf 79. 

Ist die Milch verhext und erhält man 
keine Butter beim Buttem, so gibt man 
entweder glühende K.e ins Butterfaß 
und schüttet dann Wasser darauf, daß 
es zischt und prasselt; das tut der Hexe 
weh — oder man schlägt, nachdem 
man die Steine hineingeworfen hat, das 
Faß mit einem Kreuzdorn. Dann kommt 
die Hexe herbei und hebt den Bann auf 10 ). 
Sollen die Hühner viel Eier legen, so 
holt man einen schönen glatten K. aus 
dem Bache und wirft ihn übers Dach 
in den Hof unter die Hühner n ). Ein 
alter Brauch, den nach Staricius der 
bewährte Bereiter des Königs von Na¬ 
varra erfunden hat, ist: einem unruhigen, 
unbändigen Pferde steckt man einen 
kleinen, runden K. ins Ohr und hält 
dieses mit der Hand fest zu; dann wird 
es lammfromm 12 ). 

10 ) John Westböhmen 66. 204. 205. 255; Egerl. 
5 (19 01 )» 5- u ) Grohmann 142. ia ) Staricius 
Heldenschatz (1706) 116; Drechsler 2, 113 Nr. 
486; ZdVfV. 13 (1903), 272; ZfrwVk. 8, 145. 

Ein schlesischer Aberglaube ist: Wenn 
eine Mutter das Kind entwöhnt und sich 
dabei auf einen K. setzt, bekommt 
das Kind nie Zahnschmerzen; es erhält 
steinharte Zähne, wenn sie, sobald zur 
Kirche geläutet wird, sich mit dem 
bloßen Gesäß auf einen Stein setzt 13 ). 
Im Erzgebirge legt man in eine Ecke 
des Feldes einen K. (einen Besen 
und einen Nesselsack), dann kann kein 
Dieb etwas entwenden 14 ). Eine eigen¬ 
artige „Diebsstellung“ steht bei Jühling: 
Wenn etwas im Hause verloren ging, 
schreibt man die Taufnamen aller, die 
man im Verdachte hat, auf Bachkiesel 
und läßt dann die Steine über Nacht in 
fließendem Wasser liegen, die Namen der 
Unschuldigen sind dann ausgelöscht 15 ). 

1S ) Drechsler 1, 214; ähnlich Bartsch 
Mecklenburg 2, 55. 14 ) John Erzgebirge 220. 

u ) Jühling Tiere 285 t.; vgl. John West- 
böhmen 323; ein ähnlicher franz. Aberglauben 
bei Liebrecht Gervasius 260 Nr. 479, 2. 


1308 

Da die mit Stahl geschlagenen Quarz- 
k.e Funken geben, hat man sie mit 
dem Gewitter in Zusammenhang ge¬ 
bracht (vgl. Stahl und Stein, Feuerstein). 
In Waldeck und der Oberpfalz glaubt 
man, daß auf Äckern gefundene weiße 
(kristallinische) K.e vom Gewitter her¬ 
rühren (versteinerte Donnerkeile sind) 16 ). 
Ein Wetterorakel im Aargau lautet: 
wenn Kinder im Frühjahr viel mit K.n 
spielen, deutet dies schwere Gewitter 
im Sommer voraus 17 ). In Röpersdorf 
hält der Bauer, solange er Weizen sät, 
einen, weißen K. im Munde; dann können 
die Sperlinge, wenn der Weizen groß 
wird, ihn nicht sehen 18 ). In der Volks¬ 
heilkunde wird gepulverter K. in einer 

Latwerge gegen Steinleiden (similia simi- 
libus) erwähnt 19 ). 

16 ) Curtze Waldeck 412 Nr. 201; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 214. 17 ) Rochholz Kinderlied 

319. ,9 ) Engelien und Lahn 268 Nr. 162. 

lf ) G. Schmidt Mieser Kräuterbuch 36 Nr. 10. 
Vgl. Quarz und heilende Steine. f Olbrich. 

Kilian (Quinianus, Chilianus, Cilianus), 
hl., Bischof und Märtyrer, irischer Ab¬ 
kunft, predigte mit seinen Gefährten Ko- 
lonat und Totnan das Christentum in 
Thüringen und Ost franken, besonders in 
der jetzigen Diözese Würzburg, daher 
Apostel der Franken x ) und Patron der 
Diözese Würzburg, erlitt hier unter dem 
von ihm bekehrten Herzog Gozbert auf 
Anstiften von dessen Schwägerin Geilana 
nebst seinen Gefährten 689 den Märtyrer¬ 
tod. Seine Gebeine wurden 733 durch den 
hl. Bischof Burkhard erhoben und 752 
in den Dom übertragen; sie ruhen in der 
Neumünsterkirche, die Häupter aller drei 
Märtyrer im Dom. Außer im Würz¬ 
burger Sprengel und in Heilbronn am 
Neckar wird oder wurde K. auch in Hessen, 
in der Mainzer Gegend und im südlichen 
Teil der Diözese Paderborn verehrt, da 
dieser bis 800 Würzburg unterstellt war. 
Fest 8. Juli (Todestag) 2 ). 

1. K. wurde und ist ein vielbegehrter 
Fürsprecher. An seinem Festtag besucht 
man die K.sgruft in der Neumünster¬ 
kirche. In feierlicher Prozession werden 
dann die Häupter der drei hl. Männer 
umhergetragen. Besonders das Landvolk 


1309 


Kill—Kind 


I3IO 


erscheint zahlreich in der schmucken 
Landestracht in der Bischofsstadt. Bei 
der Prozession singt man das schon seit 
langen Zeiten echt volkstümlich gewor¬ 
dene K.slied, dessen Anfang lautet: 
„Wir rufen an den teuren Mann, Sankt 
K., Sankt Kolonat und Sankt Totnan. 
Dich loben, dir danken deine Kinder in 
Franken, Sankt K.“ 3 ). Um den reli¬ 
giös-kirchlichen Ursprung des K.festes 
auch bei dem sich anschließenden welt¬ 
lichen Volksfeste zu wahren, hat man 
in die gottesdienstlichen Veranstaltungen 
der Festoktav ein in Form der alten 
Mysterienspiele gehaltenes Spiel, das 
K.spiel, eingefügt, erstmalig 8. —13. 
Juli 1926. Sein Schauplatz ist der Raum 
zwischen Dom und Neumünster. 

2. Mit dem Wasser aus dem Brunnen 
in der K.sgruft der Würzburger Neu¬ 
münsterkirche benetzt man die Augen, um 
sie vor Krankheit zu bewahren 4 ). Auch 
wird der Heilige gegen Gicht und Rheu¬ 
matismus angerufen 5 ). 

3. Infolge des lebenswichtigen Wein¬ 
baues im Frankenlande erkoren ihn be¬ 
sonders die Winzer zu ihrem Patron. 
Sein Tag ist für den Feld- und Garten¬ 
bau bedeutungsvoll. Er macht die Bahn 
(die Eschwege) auf, und an ihm fliegt der 
Hopfen an, d. i. beginnt die Hopfen¬ 
blüte 6 ). Rüben auf K.tag gesteckt, 
werden dick 7 ). An ihm auch stellt oder 
stellte man die Schnitter an 8 ). K. wird 
zum Schutze für das Vieh angerufen ähn¬ 
lich wie viele andere Heiligen, ohne nähere 
Beziehungen zur Vieh Wirtschaft zu haben. 
So z. B. gilt er in Kissingen als Patron der 
Schafe 9 ). 

4. Sieht man in der hl. K.i-Nacht 
glühendes Farrenkraut und steckt es zu 
sich, so wird man unsichtbar 10 ). 

5. Nach K. ist in Schötmar (Lippe) 
die Kirmesfigur genannt, die sonst, z. B. 
im Rheinland, Zacheies (Zachäus) heißt. 
Dieser ,,K.“ macht wie der Zacheies 
als Verkörperung der Kirmes alles mit und 
wird zum Schluß vernichtet 11 ). Die Ver¬ 
wendung des Namens ist hier besonders 
rein äußerlich, da diese Lipper Kirmes in 
die K.szeit fällt. 


1 ) Als solcher bereits erwähnt bei Seb. Franck, 
s. Schmidt Volhsk. 126. 2 ) AASS. II 599; 

Levison in MGSS. rer. Merov. V 711; Künstle 
Ikonographie der Heiligen 379; Korth Kirchen¬ 
patrone im Erzbistum Köln 108; Doye Heilige 
und Selige 1, 658. 3 ) Erk-Böhme 3, 786. 4 ) 

Lammert 25; Pfannenschmid Weihwasser 
89: eine Brunnenquelle unter dem Altar der 
K.skirche in Heilbronn. 5 ) Doy6 Heilige 
und Selige 1, 658. G ) Fischer SchwäbWb. s. v. 
7 ) Ebenda, ferner Rosegger Steiermark 206: 

... er ist doch ein großer Rübenpatron; Eber¬ 
hardt Landwirtschaft 2; ZfrwVk. 17, 110; Sar- 
tori Westfalen 115. 8 ) Eberhardt a. a. O. 5; 

Württemberg. Jahrb. 1 (1907), 203. 9 ) ZfVk. 

21 (1911), 108. 10 ) Aus Komotau (Böhmen): 

Grohmann 97. 11 ) Sartori Westfalen 170. 

Wrede. 

Kill. Konrad v. Megenberg (Buch der 
Natur 238): „Kilion, oder Killon, als 
ain ander puoch hat, daz mag ain K. 
haizen. Daz ist ain wunderleich mer- 

wunder, sam Aristotiles spricht . 

Daz tier hat die lebem in der denken 
(linken) seiten und daz milz in der reh- 
ten“. Weder bei Aristoteles noch in 
andern uns zugänglichen Tierbüchern 
findet sich ein Tier dieses Namens. 
Aristoteles erwähnt an zwei Stellen (H. A. 
6, 14; 8, 20) einen (unbestimmbaren) 
Fisch Tilön, von dem aber nichts über 
die Lage der Eingeweide gesagt wird. 
Auch in den Partes Animalium 3, 7, wo 
ausführlich über Leber und Milz gehan¬ 
delt ist, findet sich nichts ähnliches. 

Hoffmann-Krayer. 

Kiltblume s. Herbstzeitlose 3, 1757. 

Kind. 

Allgemeines zur Bewertung des K.es s. 
unter „Kindersegen“ und „Kinderher¬ 
kunft“. 1. Fürsorge: Aufnahme und Ein¬ 
führung. a) Was man aus Äußerem und Ver¬ 
halten des K.es weissagt, b) Was man mit dem 
Neugeborenen tun soll und nicht tun darf, 
c) Abergläubische Fürsorge am heranwach- 
senden K. 2. Dämonengefahr und Dämo¬ 
nenabwehr. a) K.ertausch, K.erraub, K.er- 
schreck. b) Schutzmaßnahmen. 3. Das K. als 
Glücksträger und Heilbringer, a) Verbindung 
mit dem Überirdischen, b) Besondere Glücks¬ 
und Heilkraft im K. c) Das K. als Mittel zu 
Weissagung und Zauber. 4. K. und Tod. 

Das K., zumal das Neugeborene, 
untersteht jener abergläubischen Beach¬ 
tung, die jede bemerkenswerte Zufällig¬ 
keit zur Deutung und Vorausschau 



I 3 11 


Kind 


1312 


künftigen Lebensschicksals be¬ 
nutzt. Vom ganzen Leben mit K.ern 
(nicht nur vom Essen) gilt Luthers 
Glosse: „Wir alten Narren essen mit den 
Kindern, nicht sie mit uns“ J ). Die re¬ 
ligiös erfaßte Begegnung der Gegen¬ 
wärtigen mit den Kommenden in der 
Geburt weist den Blick in die Zukunft 
(s. Geburt), ruft von jeher die natürliche 
Elternliebe zu unendlicher Fürsorge, 
zu möglichst richtiger, das junge Leben 
sichernder Aufnahme und Einführung 
in die Lebensgemeinschaft auf (Ab¬ 
schnitt 1) 2 ). Über die, unter dem christ¬ 
lichen Taufgebot wachsende, Dämonen¬ 
furcht hinweg (Abschnitt 2) hat sich 
das Wissen von besonderer Glücks- und 
Segensmacht des K.es auch im Aber¬ 
glauben behauptet (Abschnitt 3). 

1. a) Schon die Art der Geburt ist 
vielsagend und zukunftsdeutend (s. Ge¬ 
burt). Auf den (einst vielbeschäftigten) 
Henker deutet ein roter Ring um den 
Hals des K.es 3 ); so auch, wenn es mit 
aufrecht gewandtem Gesicht zur Welt 
kommt 4 ). 

Sein offenes oder geschlossenes Auge, 
sein erster matter oder fester Blick ent¬ 
scheidet über die Lebensdauer 5 ). Wird 
es mit Zähnen geboren, hat es Druden¬ 
natur 6 ) oder stirbt frühzeitig 7 ), wie das 
K., das mit langen Haaren geboren 
wird 8 ). 

Mancherlei äußere Merkmale sind vor¬ 
bedeutend 9 ); weiße „Kirchhofblümlein“ 
oder ein blaues Mal (Ader) über der Nase 
weissagen den frühen Tod 10 ), zwei Wir¬ 
bel zeigen Klugheit und Berühmtheit 
an 11 ); auch Mitesser und sonstige Mi߬ 
bildungen sind bedeutsam 12 ). 

Starker Ausschlag weissagt künftige 
Schönheit 13 ), wie überhaupt Häßlich¬ 
keit zur Schönheit wird und umgekehrt 14 ). 
Glückverheißend ist Ähnlichkeit zwischen 
Vater und Tochter, Mutter und Sohn 15 ). 

K.er, die viel schreien, gedeihen gut 
(es wächst ihnen das Herz, sie lernen gut 
sprechen, singen) 16 ). Desgleichen die, die 
sich oft erbrechen („Spei-k.er = Gedeih- 
k.er“) 17 ), die sich recken 18 ), aus dem Bett 
fallen 19 ), oft den „Häcker“ haben 20 ), 


niesen 21 ), u. a. m. Die an Verstopfung 
leidenden K.er sollen klug werden 22 ). 

Ein kurzes Leben weissagt man dem 
K., das schön singt 23 ), im Schlafe lacht 
(es „sieht Engel“) 24 ), viel von Engeln 
redet 25 ), recht fromm 26 ) oder recht 
klug ist 27 ), das sich (im ersten Lebensjahr) 
sehr rasch entwickelt (es „wächst dem 
Himmel zu“) 28 ). 

Frühen Tod befürchtet man auch bei 
dem K., das sich sehr an den Vater 
schmiegt 29 ), das sich viel mit dem Kopf 
am Kissen reibt 20 ), das den Kopf beim 
Schlafengehen zurückwirft, ihn gern tief 
legt, sich auf Tisch oder Fußboden rück¬ 
lings niederlegt, sich die Augen zubindet, 
bei der Taufe weint u. a. m. 31 ). 

Auch über die Säuglingszeit hin¬ 
aus ist das Verhalten des K.es bedeut¬ 
sam. K.er, die mit Feuer spielen, nässen 
das Bett 32 ) (oder spielen mit dem Teu¬ 
fel) 33 ), die in den Spiegel sehen, werden 
eitel 34 ), die am Federkiel kauen, werden 
dumm 35 ), die das in der Schule Gelernte 
im Freien laut aufsagen, werden „hart- 
lehrig“ 36 ) f die mit den Füßen schau¬ 
keln, bekommen Würmer 37 ); die rück¬ 
wärtsgehen, „führen ihre Eltern in die 
Hölle“ 38 ), die sich runde Löcher in die 
Schuhsohlen laufen, werden reich 39 ). 
Mädchen, die pfeifen, rufen die Not her¬ 
bei (oder machen die „Mutter Gottes“ 
weinen) 40 ), u. a. m. Zumal wird wichtig 
für die Zukunft, was das K. ißt und 
trinkt 41 ) (s. a. Stillen). 

Die vielfach im Volksbrauch bekannten 
Orakel werden zu den wichtigen Ter¬ 
minen, zur Geburt, Taufe, Entwöh¬ 
nung, zum 1. oder 7. Geburtstag vor¬ 
genommen. So legt man vielfach dem 
(eben entwöhnten, oder einjährigen) K. 
bestimmte Gegenstände vor: Rosenkranz, 
Brot, Gebetbuch, Geld, Kartenspiel; wo¬ 
nach es greift, das „bleibt ihm fürs Le¬ 
ben“ 42 ). 

Hingewiesen sei hier noch auf die hohe 
Bedeutung der Geburtsstun de. Im 
Mittelalter ließen „vornehme Familien 
fast durchweg ihrem K.e das Horoskop 
(s. d.) stellen“ 43 ). 

b) Uber das Angeführte hinaus (das 
sich einer tieferen Begründung meist ent- 


1 


1313 Kü*« 1 I 3 j 4 

zieht) empfiehlt der Aberglauben eine Vater gern zugedachte Rolle des drohend- 
sehr große Zahl von Geboten und Ver- herzlosen „Schicksals“ über Leben und 
boten der Fürsorge der Eltern, die ja Tod der Seinen mit etwas mehr psycholo- 
nach Geiler? von Kaisersberg Wort „ihren gischem Verständnis zu berichtigen. Wenn 
Kindern das Gold in den Busen legen man einst das Neugeborene aufhob 
wollen“ 44 ); diese fast unübersehbare Fülle („Hebamme“) und dem Vater brachte, 
dessen, was man mit dem K. tun soll vor ihm niederlegte usw. 48 ), so war das 

oder nicht tun darf, findet zum Teil der heilige Augenblick der Vereinigung 

seine Begründung in heidnischer Auf- des Kindes, das von der Mutter kam, 

fassung der Elternpflicht und des kind- mit dem Vater, und es ist durchaus un¬ 

lieben Wesens, seiner Herkunft (s. Kin- wissenschaftlich, aus dieser Szene das 
derherkunft), seiner Gefährdung und seiner natürliche Empfinden des Mannes für 
segensreichen Bedeutung für die Gemein- Leid und Freude der Mutter einer erfun- 
schaft. Es kann sich also, wo wir kul- denen und höchst ungermanischen Haus¬ 
tische Nachklänge zu spüren meinen, in despotie zuliebe zu entfernen, obwohl man 
Einzelfällen um Riten der Aufnahme, weiß, daß die als Persönlichkeit gewertete 
Begrüßung, Danksagung, Weih- germanische Frau und Mutter gar nicht 
ung und der Dämonen ab wehr han- daran dachte, über das Leben ihres K.es 
dein, es kann aber diese Fülle von Aber- den Mann durch eine Handbewegung ent- 
glauben nicht an sich der „Rest“ eines scheiden zu lassen. 

bestimmten Kultus sein (von dem die In der Zeit der Niederschrift der alten 
Quellen alter Zeit wenig berichten), son- Volksrechte war jener Akt der väter- 
dem es muß wie überall, so auch hier, liehen Anerkennung infolge des star- 
nach dem Verlust der heidnischen ken Anwachsens unehelicher Geburten von 
Glaubenseinsicht der wuchernde Aber- gesteigerter, erbrechtlicher Bedeutung 
glaube des MA.s diesen „Reichtum“ (Man hat auch besonderes Aufheben des 

geschaffen haben, in dem „abergläubische K.es durch den Paten bei der Taufe als 

Weiber die Kinder, eh man sie in die Wiege Nachklang jenes Brauches ange¬ 

legt, unter die Bank schieben, oder sonst sprochen 49 )). 

mit besonderen Charakteren, Zeremonien, Im Anklang an dieses besondere feier- 
verdächtigen Gebärden und Worten die liehe Niederlegen 50 ) und Aufheben 

K.er bezeichnen, aufheben, niederlegen, des Neugeborenen legt man das K. im 

baden“ 45 ) usw. Volksbrauch auf die bloße Erde 51 ), „da- 

Wieweit bei diesen zumal am Neu- mit es fest und kräftig“ sei 62 ), man legt 

geborenen geübten Bräuchen ein be- es auf Tisch oder Herd 53 ) (unter den 

herrschender Grundgedanke anzu- Schutz der Hausgötter) 54 ) oder oft auch 

nehmen ist (Weihung an die Mutter unter Bank 55 ) oder Tisch 56 ), z. B. da- 

Erde 46 ), Übergabe in den Schutz der mit das K. lebenslang demütig bleibt 67 ), 

Hausgötter 47 ), Sicherung gegen dä- klug wird 58 ), gut hören oder sehen lernt 59 ), 

monische Mächte) muß hier unerörtert Vereinzelt soll das K. der Mutter zu Füßen 

bleiben. Hüten müssen wir uns davor, gelegt werden 60 ), damit es nicht wider- 

auch hier unter dem Einfluß griechischer spenstig werde 61 ), das Mädchen auf die 

und römischer Kult-Uberlieferung die Mutterbrust, dann kommt es nie zu 

klar überlieferte germanische Auf- Schande 62 ); man soll es zum Vater 

fassung von der Heiligkeit von Herd, bringen und es mit seinen Füßen vor 

Haus, Erbgrund, Geburt, Namen, dessen Brust stoßen, damit es kein böses 

Wasserweihe und von der Wichtigkeit Ende nimmt 63 ). Der Vater begrüßt es 

der Blutsverwandtschaft und Sippe zu mit Kuß 64 ), aber ein neugeborenes Mäd- 

übersehen. chen darf nicht vom Vater, ein Knabe 

Das überreich bezeugte ebenbürtige nicht von der Mutter zuerst geküßt wer- 

Nebeneinander germanischer Eltern über den, sonst wächst dem Mädchen der 

den K.ern verpflichtet uns auch, die dem Bart statt dem Jungen 65 ). Haucht der 

Sicht old-Stäubli, Aberglaube IV 42 


1315 


Kind 


I3I 6 

Vater beim ersten Anblick dem Kind in nähme in die Haus- und Kultgemeinschaft 
den Mund, bewahrt er es vor Zahn- gleichkommt, denn wir wissen, welche 
schmerzen 66 ). Nach altem Rechtssatz religiös und gesellschaftlich bindende Wir- 
muß das K. erst ,,die vier Wände be- kung der gemeinsamen Teilnahme an 
schrien haben“ 67 ), wozu es die Hebamme Speise und Trank zuerkannt wurde, 
mit einem Schlag bisweilen anregt, damit So mag auch dem zur Verdünnung des 
es sich durchs Leben schreit 68 ). ,,Kindspechs“ eingegebenen „Kinds- 

Alle Stufen der Pflege des Neugebore- säftlein“ oder „Kindstränkli“ 87 ) 
nen 69 ) begleitet der Aberglaube. über die Bedeutung eines abführenden 

Von Wichtigkeit ist vor allem das Bad Mittels hinaus symbolische Bedeutung 
(s. d.) 70 ), zunächst eine natürliche hy- der ersten Teilnahme an gemeinsamer 
gienische Maßnahme 71 ), die m. E. nir- Speise (man nimmt dafür auch Syrup, 
gends im Volksglauben als alte rituelle Eigelb u. a.) 88 ) zugekommen sein 89 ). 
Reinigung 72 ) oder Befreiung von Das Verbot jeder Nahrungsauf¬ 
bösem Zauber 73 ) eindeutig in Er- nähme vor der Taufe (das K. wird sonst 
scheinung tritt 74 ). Die Vorstellung von ein Nimmersatt 90 )), könnte schließlich 
der Unreinheit von Mutter und auch hiermit Zusammenhängen. Ferner ist 
Kind ist historisch nicht als germanisch das erste Einwickeln, vor kurzem 
nachzuweisen und an sich unwahr- bei uns noch zumeist aus Angst, das K. 
scheinlich für die der Bekehrung voraus- könne schief werden 91 ), zu der schäd- 
gehende Heidenzeit. Die heidnische liehen Torheit völlig luftdichter Ein- 
Wasserweihe macht nirgends den Ein- schnürung führend 92 ), von Bedeutung 93 ), 
druck einer Lustration (s. Taufe). Wasser Nach ostpreußischem und baltischem 
und Feuer (auch mit Feuer wird das K. Aberglauben muß das K. in das Hemd 
in Berührung gebracht 75 )) haben noch des Vaters (nie das der Mutter) gewickelt 
andere Bedeutung für das religiöse Er- werden 94 ), oder je nach Geschlecht in 
lebnis als die des Reinigungsmittels. ein Mannes- oder Frauenhemd 95 ), ander- 

Der christlichen Meinung liegt dann der weitig auch in das Tischtuch 96 ). In Pelz 
Gedanke nahe, daß das tägliche Säuglings- I wickelte man es ein, damit es krause 
bad „die Erbsünde abwasChen“ helfe 76 ). Haare bekam 97 ). An die Windeln 98 ) 
Auch die Temperatur des Wassers ist von zumal hat sich viel Aberglaube geknüpft 
Bedeutung 77 ), ebenso die ins Wasser (Auch der Sage sind Windeln waschende 
gegebenen Zutaten, die, wie der Wein im Spukerscheinungen bekannt ")). Die 
alten Rom und Sparta 78 ), die Lebenskraft erste soll grob sein, damit das K. nicht 
erproben, — oder, wie das Salz, wohl hochmütig werde 10 °); bisweüen nimmt 
desinfizierend wirken sollen (vgl. das Ein- man das Brautband der Mutter dazu, 
reiben mit Salz 79 ), mit öl 80 )) oder sonst oder sonst bedeutsamen Stoff 101 ); alte 
volksmedizinische Bedeutung haben wie Windeln (oder Schürze) 102 ) soll man 
der Zusatz von geweihtem Johanniskraut nicht nehmen, sonst wird das K. ein 
(Oberpfalz 81 )), von Weidenrinde 82 ), von Dieb 103 ). 

Müch und Wein zur Erlangung schöner Man soll die verbrauchten Windeln 
Farbe 83 ). Aber auch Geld wird ins erste verbrennen 104 ), sie nicht unter die 

Bad geworfen M ) u. a. m. Bank 105 ) oder auf die Stubendiele werfen. 

Ähnlich wichtig wie das erste Bad ist sonst wird das K. arm 106 ); man soll sie 

die erste Nahrungsaufnahme, einst in fließendem Wasser waschen 107 ), man 

bei der rechtlichen Bewertung der K.es- soll sie nicht zur Erde fallen lassen (sonst 

aussetzung neben Wasserweihe und Na- verliert das K. den Schlaf 108 )); man darf 

mengabe von großer Wichtigkeit 85 ). Auch sie nicht am Staket hängen lassen (K. 

für Germanien könnte wahrscheinlich wird unartig) 109 ), sie überhaupt (wie all¬ 
gemacht werden, daß das rituelle Ein- gemein die K.swäsche) nicht ins Freie, 

geben einer bestimmten ersten Nahrung in die Sonne (so ans offene Fenster) 110 ) 

(wie Milch und Honig) 86 ) einer Auf- hängen (bes. vor der Taufe) m ), vor 


Kind 


1317 



allem sie aber nicht abends nach Gebet- ziehen sich zunächst unmittelbar auf 
läuten im Freien lassen, sonst wird das das Neugeborene. Aber auch weiter- 
K. furchtsam 112 ), nachtblind 113 ), be- hin begleitet der Aberglaube die K.es- 
hext 114 ), oder liederlich 115 ), verdaut die fürsorge. Die erste K.erkleidung muß 
Milch nicht 116 ), verliert den Schlaf 117 ), beizeiten gerichtet werden, sonst wird das 
wird mondsüchtig 118 ), oder bekommt das K. langsam und untätig 144 ). Vom 
„Nachtweinen“ 119 ). Läßt man sie im Macherlohn darf man dabei nichts ab- 
Sturm hängen, bekommt das K. Blähungs- ziehen oder abhandeln 145 ); andernorts 
beschwerden 120 ), läßt man sie gefrieren, darf das Kleid nicht neu sein, sonst zer- 
ist das K. „bös zu haben“ 121 ), ver- reißt das K. später zu viel 146 ), und man 
schenkt man K.Wäsche, wird das K. soll dem K. überhaupt kein Kleid an¬ 
krank 122 ). messen 147 ). In Mecklenburg soll dieHeb- 

Hier sei noch eine Reihe ande- amme in die Mütze des K.es blasen 
rer, abergläubisch beachteter (sym- und sie stets aufhängen 148 ). Vielfach 
pathetischer) Handlungen mit dem soll man das K. nicht wägen und mes- 
Neugeborenen angeführt: Der, schon sen (sonst wächst es nicht mehr usw.) 149 ), 
antik bezeugte Brauch, das K. an den zumal nicht von 2 Personen oder bei ab- 
Füßen hochzuheben, erhält die Be- nehmendem Monde wägen lassen 150 ), das 
grün düng, man müsse den Verstand Bade wasser nicht unnötig sieden lassen 
schütteln 123 ). Die Hände taucht man in (K.: Ausschlag) 151 ), Speise nicht vor¬ 
kaltes Wasser, dann frieren sie später kauen (K.: Mundgeruch) 152 ), den Arzt 
nicht 124 ). Man bläst den Brei nicht an, nicht unbezahlt lassen 153 ), die Flasche 
dann verbrennt es sich später nie 125 ), nicht ganz austrinken lassen 154 ); Haare 
Man legt das K. rechtsseitig, damit es nicht bei abnehmendem Monde 155 ) und 
nicht linkisch werde 126 ), hoch, damit es nicht durch Schwangere 156 ) schneiden 
hoch zu Ehren komme 127 ) oder schwin- lassen, den K.erwagen nicht leer fah- 
delfrei werde 128 ), auf den Kalender, da- ren 157 ), das (Wochen-)Bett nicht ver- 
mit es ein kluges K. 129 ), hinter oder un- rücken 158 ), (vor der Taufe) nicht spinnen, 
ter den Ofen, damit es ein ruhiges K. mangeln, drehen, sonst wird das K. un- 
werde 130 ). Man legt das Mädchen auf ruhig im Leben 159 ), nicht ihm zu Häup- 
einen Spinnrocken, den Knaben auf ein ten stehen 160 ), sonst lernt es schielen, es 
Netz 131 ) oder in einen Komscheffel 132 ), nicht vom Mond bescheinen lassen, sonst 
damit er ^in tüchtiger Fischer oder Bauer wird es mondsüchtig 161 ). 
werde, oder setzt ihn aufs Pferd 133 ) Man soll das K. nicht in undichtem 
(verschiedene Bedeutung, s. u. 3) und Gefäß baden, sonst wird es nicht sau- 
das Mädchen vors Butterfaß 134 ). ber 162 ), nie an einem Fuß unbekleidet las- 

Man gibt dem K. Geschriebenes in die sen, sonst kommt es nie zu Brot 163 ) das 
Hand, Buch unters Kissen, damit es klug Mehl nicht im Tuch lassen, sonst lernt 
wird 135 ), gut lernt 136 ), hartes Brot, damit es nicht sprechen 164 ) den Staub nicht 
es kein Leckermaul wird 137 ), dem Kna- unter der Wiege wegkehren, sonst geht 
ben ein Schwert in die Hand 138 ), oder ihm der Segen der Kirche verloren 165 ), 
das Werkzeug des Vaters, oder die Peit- u. a. m. Damit das K. gefügig wird, 
sehe 139 ), dem Mädchen Strickzeug, muß man es früh ans Bücken gewöh- 
Kochlöffel, Nähnadel, und läßt es zeitig nen 166 ), damit es stark wird, ihm eine 
nähen 140 ). Dieser sinnvolle Brauch der abgeschlagene Brotrinde oder Speise durch 
Beigaben, der überall, z. B. im Alt in- eine Wolfsgurgel geben 167 ), oder mit be- 
dischen 141 ) oder bei Indianerstämmen sonders zugerichtetem Wasser baden 168 ), 
vorkommt 142 ), mag wohl alt (germa- damit es reinlich wird, es sieben Wochen 
nisch) 143 ) sein, nicht aber die Beigaben alt über ein Gefäß halten 169 ), damit es die 
selbst in ihrer scharfen Trennung der Scheu verliert, muß es einem Bettler 
Geschlechter. Brot schenken 170 ), damit es sich an die 

c) Die bisher behandelten Bräuche be- Fremde gewöhnt, muß man es (in 


1319 


Kind 


1320 


Baden) ins Freie tragen m ), damit es 
klug wird, gibt man ihm Wein an Sonn- 
und Feiertagen 172 ), damit es nie einen 
Rausch bekommt, einen in Wein ge¬ 
tauchten ,,Schnuller** 173 ) u. a. m. Damit 
es früh gehen lernt, führt man es an drei 
aufeinander folgenden Freitagen oder 
Sonntagen beim Glockenläuten „dreimal 
unbeschrien unter Nennung der drei 
höchsten Namen über ein Stubenbrett 
der Länge nach“ 174 ) (oder stellt es auf 
die an Fronleichnam im Freien errichteten 
Altäre, Pfalz) 175 ). Damit ihm alle Klei¬ 
der wohl stehen, zieht man ihm sein 
„Westerhemd** drei Sonntage nachein¬ 
ander an 176 ) usw. 

Tiefer im Moralischen begründet als 
das Angeführte erscheint das Folgende: 
Man soll über K.er nicht spotten (wird 
dann selbst von den eigenen K.ern ver¬ 
spottet) 177 ); gegebene Versprechen soll 
man ihnen halten (sonst fallen sie 
leicht) 178 ); nichts Mögliches, Gutes ihnen 
versagen (das K.erherz kann zerbrechen 
daran) 179 ); sie beim Essen nicht nur 
Zusehen lassen, sondern ihnen von allem 
abgeben 180 ), und beim Verteilen keines 
übergehen (sonst blutet das K.erherz) 181 ); 
ihnen nicht beim Singen oder Schreien 
auf den Mund schlagen (sonst lernen sie 
stottern). Die erste Speise soll die Mutter 
singend bereiten, damit das K. selbst 
singen wird 182 ). 

Bedeutsam wird davor gewarnt, das 
K. mit einem Haustier (Katze, Hund) 
aufzuziehen (eins davon gedeiht nicht, 
hat keine Art 183 ), oder das K. lernt nicht 
sprechen) 184 ); desgleichen davor, es mit 
einer Rute zu schlagen, mit der ein 
Tier geschlagen worden ist 185 ). Vor 
allem gilt jede (scherzhafte) Tierbenen¬ 
nung: Würmchen, Kröte, Krebs, Igel, 
und auch Namen wie Jäckel, Ding, viel¬ 
fach als sehr gefährlich für das Ge¬ 
deihen 186 ), und hierin scheint eine be¬ 
deutsame Betonung der Grenze zwischen 
Mensch und Tier zu liegen. Altger¬ 
manische Auffassung sah im Kleinkind, 
im Gegensatz zur späteren Auffassung, 
wie sie noch Lessing beherrschte, nichts 
Tierisches, sondern das volle Menschen¬ 
tum (Die Geschichte der Pädagogik gibt 


über die Rückkehr zu solcher Auffassung 
Aufschluß). — Die Katze zumal (als 
Hexentier?) darf man nicht mit dem K. 
allein lassen: „sie fängt dem K. den Atem 
ab" 187 ). Und in Schwaben heißt es, K.er 
fürchten sich lebenslang vor dem Tier, 
das über sie, ehe man sie taufte, hinweg¬ 
gesprungen ist 188 ). Eigentümlich sind 
die Vorstellungen von einer Gefährdung 
des Wachstums durch Handlungen, 
die auch sonst (z. B. im Toten- und 
Fruchtbarkeitskult) vielfach bedeutsam 
sind. So wächst z. B. das K. nicht mehr, 
wenn es durchs Fenster steigt 189 ) oder 
gehoben wird lö °), über eine halbe Tür 
gehoben wird 191 ), wenn jemand über das 
K. hinwegschreitet (ohne zurückzuschrei¬ 
ten) 192 ) oder es zwischen den' Beinen 
hindurchlaufen läßt 193 ), den Arm über 
dem Kopf des K.es schwenkt, es mit 
einer Gerte schlägt, mit dem schon ge¬ 
brauchten Besen berührt 194 ) oder 
schlägt (es wird auch dürr) 195 ). Wichtig 
für Entwicklung und Lebensglück ist 
besonders der Zeitraum des ersten 
Jahres 196 ). K.ern, besonders unter einem 
Jahr, darf man Haar und Nägel nicht 
schneiden 197 ) (sonst Dieb) l98 ), nichts 
am Kleid abschneiden (man schneidet 
das Glück ab) 199 ), ihnen nicht die Schup¬ 
pen vom Kopf waschen (man wäscht den 
Verstand ab) 20 °), sie an nichts riechen 
lassen 201 ), sie nicht mit Blumen be¬ 
schenken und bekränzen 202 ), sie nicht 
in den Spiegel sehen lassen (werden furcht¬ 
sam) 203 ), nicht in den Keller tragen 
(sonst wachsen sie nicht gut) 204 ), nicht 
mit ihnen auf den Boden gehen (sonst 
Brandstifter) 205 ), ihnen keine Klappern 
schenken 206 ) u. a. m. Das K. unter einem 
Jahr darf man nicht schlagen, sonst 
wird es halsstarrig, weinerlich 207 ) oder 
lernt das Stottern (auch vom Kitzeln) 208 ); 
es darf nicht in den Regen kommen 
(sonst Sommersprossen) 209 ), nicht mit 
einem anderen einjährigen K.e spielen 
oder sich von ihm küssen lassen 210 ) 
(sonst stirbt eins, lernt schwer reden 
usw.) 211 ). Unter einem Jahr soll viel¬ 
fach das K. nicht laufen lernen (läuft ins 
Unglück, dem Tod entgegen) 212 ); so 
stößt man es bei jedem Gehversuch um 213 ); 


1321 


1322 


es soll nicht bei der Mutter schlafen 214 ), 
nicht in den Mond sehen u. a. m. 215 ). 

Schließlich seien nur noch einige Bei¬ 
spiele 216 ) dafür gegeben, wie zumal die ! 
Mutter des K.es Schmerzen und Leiden 
durch Besprechungen 217 ) und Haus¬ 
mittel aller Art abergläubisch zu lindem 
sucht 218 ), wobei manches Schädliche 
zumal auf Kosten der Reinlichkeit ge¬ 
trieben wird 219 ). 

So läßt man kranke K.er mit Geld 
spielen 220 ), hütet bei Krämpfen das K. 
vor Berührung (das berührte Glied bleibt 
steif), oder hängt die Windeln zur Ver¬ 
treibung der Krankheit unter dem Kreuz 
im „Herrgottswinkel** auf 221 ). Die Mutter 
legt sich nach altem Aberglauben mit 
dem Leib über das kranke K. 222 ), und 
vor Zahnweh meinte man es zu schützen, 
wenn Vater oder Mutter (je nach Ge¬ 
schlecht des K.es) die ersten ausfallenden 
Zähne verschlucken 223 ). „Einen Codex 
der gegen K.erkrankheiten gebräuch¬ 
lichen Zaubersprüche zusammenzustellen, 
würde eine umfängliche und ermüdende 
Arbeit sein** 224 ). Zumeist werden sie zu¬ 
dem unter den Krankheitsnamen er¬ 
wähnt. Es ist aber gegen Ploß und seine 
dankenswerte Zusammenstellung 225 ) 
zu betonen, daß es immer, auch vor der 
Christianisierung, eine Heilkunst gab, 
die Krankheitsursachen richtig erkannte. 
Wenn im abergläubischen MA. und noch 
weit in die Neuzeit hinein „die Krankheit in 
den Augen des Volkes einfach die Wirkung 
eines bösen Dämons" ist, so ist es durch¬ 
aus falsch, diesen Aberglauben schlecht¬ 
hin mit germanischem Heidentum zu ver¬ 
wechseln, in dem uns die Gestalt des den 
Krankheitsdämon austreibenden 
Medizinmannes doch eben völlig un¬ 
bekannt ist. Die Fülle volksmedizinischer 
Unsinnigkeiten 226 ) hat sich ebenfalls 
nachweisbar erst aus der nahezu sekun¬ 
där-primitiven Geistesverfassung des 
unterdrückten mittelalterlichen Bauern¬ 
standes entwickelt; ihr entsprach die 
große K.er Sterblichkeit 227 ). 

Bräuche wie jener, das kranke K. in 
die Ackerfurche zu legen, führen weit 
ab von dieser Dämonomanie 228 ). 

Man muß sich endlich klar darüber sein, 


daß die uns eindeutig bezeugte, geistige 
und körperliche Erscheinung des heid¬ 
nisch-germanischen Menschen nicht auf 
dem Grunde mittelalterlicher Hexen- 
angst erwachsen sein kann, und daß zur 
Zeit des Arminius in Deutschland wie 
noch zur Zeit des Egill Skallagrimssohn 
in Alt-Island die germanische K.erstube 
eher ärztlichen als „bösen** Blicken aus¬ 
gesetzt war. 

Das Werk Ploß Kind ist in 2. Aufl. als 
„Ploß“, in 3. Aufl. als „Ploß-Renz“ abge¬ 
kürzt. 

1 ) Roch holz Kinderlied 291. 2 ) Dieser na¬ 
türliche Grund genügt allein als Argument 
gegen gelehrte Fehlurteile über „geringe Be¬ 
wertung des K.es“ in alter Zeit (s. u. Kinder¬ 
segen). 3 ) Grimm Myth. 3, 419 Nr. 63. 4 ) ZföVk. 
6,119. 5 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 180; Herzog 
Schweizersagen 1, 6. 6 ) Wuttke § 405; Fogel 
Pennsylvania 49. 7 ) Höhn Gehurt 261. 8 ) Ploß 
1, 49. 9 ) Ebd.; Meyer Baden 18 f.; Jensen 

Nordfries. Inseln 217 u. a. 10 ) ZfrwVk. 1908, 
241; Knoop Hinterpommern 157; Birlinger 
Aus Schwaben i, 396; Reiser Allgäu 2, 231. 
n ) Bartsch Mecklenburg 2, 54; Fogel Penn¬ 
sylvania 33 f. u. a. 12 ) Köhler Voigtland 397; 
John Erzgebirge 49. 13 ) Drechsler 1, 216. 

u ) ZfVk. 11, 446. 15 ) Knoop Hinterpommern 

163; Drechsler 1, 184. 16 ) ZfVk. 11, 446; 

23. 278; John Erzgebirge 49; SAVk. 1917. 34 - 
17 ) ZfVk. 23, 278; Fogel Pennsylvania 44. 
i») Urquell 6, 180; SAVk. 8, 271. 19 ) ZfVk. 23, 
278. 20 ) Höhn Volksheilkunde 1, 126. 21 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 2, 102; Taubmann 
Nordböhmen 54. 22 )Rochholz Kinderlied 337. 
23 ) Fogel Pennsylvania 41. 24 ) Ebd. 49; Bir¬ 
linger Aus Schwaben 2, 240; Steiger Fröm¬ 
migkeit 1, 61 ff. 25 ) And ree Braunschweig 293; 
Wuttke § 316. 2Ö ) Strackerjan 2, 204. 

27 ) Fogel Pennsylvania 56; Hillner Sieben¬ 
bürgen 52; ZfrwVk. 1913. 167. 256; 

Wolf Beiträge 1, 206. 249; Birlinger Aus 
Schwaben 2, 242. 392; Höhn Tod 313; Knoop 
Hinterpommern 157; Urquell 4, 118; Drechsler 

1, 295; Lammert 118; Bartsch Mecklenburg 

2, 54. 28 ) Höhn Tod 313; John Westböhmen 

109. 29 ) Knoop Hinterpommern 157. 30 ) Bir¬ 
linger Aus Schwaben 1, 396. 31 ) Liebrecht 

Zur Volksk. 326. 32 ) Bartsch Mecklenburg 2, 
54; de Cock Volksgeloof 1, 231 f.; Andree 
Braunschweig 293; ZföVk. 3, 10. 33 ) Urquell 3, 
39. 34 ) Andree Braunschweig 293. 35 ) Urquell 
1, 165. 36 ) ZfVk. 24, 57. 37 ) Reiser Allgäu 2, 
233. 38 ) Grohmann 112. 39 ) Wuttke § 316. 
40 ) Wuttke §607; de Cock Volksgeloof 1,167ff.; 
Schmitt Hetlingen 17; ZföVk. 4, 213; Bir¬ 
linger Aus Schwaben 1, 409; ZfrwVk. 1 
(1904), 65; vgl. Sprichwort: „Mädchen, die 
pfeifen und Hühnern die krähn, denen muß 
man bei Zeiten den Hals umdrehn“. 41 ) Vgl. 
Fogel Pennsylvania 42; Schmitt Hettingen 14. 


1323 


Kind 


1324 


4Z ) Drechsler 1, 217; Wuttke § 316; Knoop 
Hinterpommern 157. 4S ) PIoß-Renz 1, 68. 

44 ) Rochholz Kinderlied 297. 45 ) Birlinger 
Aus Schwaben 1, 394. 46 ) Dieterich Mutter 

Erde. 47 ) ZfVk. 16, 465 (Samter). 48 ) Wein- 
hold Frauen 1, 78 ff.; Hoops Reall. 3, 311 ff.; 
vgl. Stern Türkei 2, 332 ff. 49 ) ZfVk. 20, 142. 
*°) Diese Bräuche beschränken sich nicht auf 
das Kind; vgl. Fehrle s. o. 2, 998. 61 ) Vgl. 

Samter Geburt 1 ff.; Dieterich Mutter Erde 
6ff.; ders. Kl. Schriften 312 f.; Wilutzky 
Recht 2, 11; Heckenbach De nuditate 47; 
Gennep Rites de passage 74 f. ö2 ) Grohmann 
106. 5S ) Wittstock Siebenbürgen 78; Frazer 
2, 232. M ) Samter Familienfeste ; Münch. Allg. 
Ztg. 1903, Nr. 116; vgl. ZfVk. 2i, 410. M ) Ver- 
naleken Alpensagen 395; Mannhardt Germ. 
Myth. 312 f. 66 ) Hoffmann-Krayer 24; 
Boeder Ehrten 49; Kuhn u. Schwartz 430; 
Seefried-Gulgowski 121 f.; Mannhardt 
Germ. Myth. 635; Kuhn Mark. Sagen 364; 
Grimm Myth. 3, 440. 67 ) SAVk. 21 (1917), 179. 
M ) Grohmann 107. 69 ) Grohmann 107. 

®°) Boeder Ehsten 49. 81 ) ZfVk. 4, 46 f. 62 ) Bir¬ 
linger Aus Schwaben 1, 393. 83 ) ZfdMyth. 3, 

316; Grimm Myth. 3, 438. 84 ) Grüner Eger- 
land 36; Kondziella Volksepos 86. 85 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 42. 68 ) Kohlrusch Sagen 339. 
* 7 ) Grimm RA. 1, 106 f.; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 170. 68 ) Meyer Baden 17. 89 ) Außer 
Ploß-Renz vgl. bes. bzgl. K.espflege Wos- 
sidlo Mecklenburg 3. Bd.; ZfEthn. 15, 191 
(Kulischer Primitive ); ebd. 32, 79 ff. 

(Bartels Island)’, Urquell 5, 179 t. u. 6, 23 t. 
(Haas Pommern ); Urquell N. F. i f 8 f. 82 t.; 
2, 251 ff.; Globus 38, 252 ff. 2690.; Bulletin 
de Folklore 2, 82 ff. 140 ff. 70 ) Ploß-Renz 2, 
29 f.; Sartori 1, 24. 71 ) Über Völker, die auf 
das Baden des K.es verzichten vgl. Ploß 2, 10. 
72 ) Vgl. Rohde Psyche 2, 72. 73 ) Sartori 1, 24. 
74 ) Vgl. etwa Jensen Nordfries. Inseln 220 
(Waschen in heiliger Quelle); Rosegger Steier¬ 
mark 114; Meyer Baden 16. 75 ) Berthold 

Unverwundbarkeit 39; Sartori I, 24. 76 ) Grü¬ 
ner Egerland 39. 77 ) Gaßner Mettersdorf 13; 
Fogel Pennsylvania 56; Ploß 2, 11; vgl. 
Galen De sanitate tuenda lib. 1, c. 10: ,,Die 
Germanen haben eine gänzlich zu mißbilligende 
Kindespflege. Wie könnte es einem, der bei 
uns lebt, einfallen, ein eben geborenes, vom 
Uterus noch heißes Kind an einen Fluß zu 
tragen, in kaltes Wasser zu tauchen, in Lebens¬ 
gefahr zu bringen und gleichzeitig kräftigen 
zu wollen“? Uber das Kaltbaden des Neu¬ 
geborenen bei Naturvölkern und die Emp¬ 
fehlung dieser Abhärtungsmaßnahme durch 
Rousseau, Locke u. a., vgl. Ploß 2, 10 f. 
Es besteht aber im Hinblick auf die Bade¬ 
stuben Alt-Islands kein Grund, anzunehmen, 
daß das im MA. vielfach als ,,Wollust des 
Leibes“ mißverstandene Warmbad (s. Walther 
Hermann Ryffs Badenfahrt) im alten, der 
Körperkultur stärker zugewandten Germanien 
unbekannt gewesen sei, wie Ploß 2,23, meint. 
78 ) ZfVk. 4, 138. 79 ) Hesekiel 16, 4; Ploß 2, 


16 ff. 80 ) ZfrwVk. 1913, 62. 81 ) Bavaria 2 

(1)» 337 * 82 ) Ploß 2, 25. M ) Wettstein Di- 

sentis 172. 84 ) Kuhn Märk. Sagen 364. 85 ) Ploß- 
Renz 1, 179. 86 ) Kuhn Märkische Sagen 

3^31 vgl. bes. Hovorka-Kronfeld 1, 373. 
87 ) Vgl. Ploß 2, 239. 88 ) Rochholz Kinderlied 
282 ff. 89 ) Mannhardt Germ. Mythen 311 
Anm. 2. 90 ) ZföVk. 4, 151. 91 ) Gold¬ 
schmidt Volksmedizin 140. ® 2 ) „Kaum in 

irgend einem Lande wird das K. so unzweck¬ 
mäßig eingehüllt, als noch jetzt bei uns in 
Deutschland“; Ploß 2, 38. 93 ) Vgl. u. a. 

Kondziella Volksepos 87 f. M ) MschlesVk. 
17, 39; SchwVk. 9, 42; Ploß 2, 40. 95 ) Drechs¬ 
ler 1, 185: um später Glück beim anderen 
Geschlecht zu haben. 96 ) Grimm Myth. 3, 460 
Nr* 743. 97 ) Ebd. 3, 460 Nr. 734. 98 ) Vgl. 

Windeln Jesu als Reliquie; vom Papst gesegnete 
Windeln des spanischen Prinzen Scheible 
Kloster 6, 39. 99 ) Meier Schwaben 1, 270; 

Rochholz Sagen 1, 259. 10 °) Höhn Geburt 260. 
101 ) Kuhn Märk. Sagen 364. 102 ) Ebd.; Hillner 
Siebenbürgen 1 1; Mädchen in Schürze wickeln: 
Seefried-Gulgowski 121. 103 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 41, 53. 104 ) Ebd. 41. 105 ) Schönwerth 
Oberpfalz 1, 181. 108 ) John Erzgebirge 57. 

107 ) Rochholz Kinderlied 288. 108 ) Urquell 4, 
171. 109 ) John Erzgebirge 57. u°) Meyer 

Baden 36. m ) Wuttke § 578; SAVk. 24, 
61; ZfVk. 4, 142; Rochholz Kinderlied 288; 
Drechsler 2, 5!.; Bartsch Mecklenburg 2, 
52; Fischer Oststeirisches 115; Manz Sargans 
113; Heyl Tirol 167; Stern Türkei 2, 416; 

billot Folk-Lore 4, 462 (Reg.). 112 ) ZfVk. 

9 » 443 * 11S ) John Erzgebirge 56. 114 ) Lammert 
174. 116 ) Schulenburg 107. 118 ) Rochholz 

Kinderlied 288. 117 ) Urquell 4, 170. 118 ) Roseg¬ 
ger Steiermark 63. 119 ) Schramek Böhmer - 

wald 256 (Wenn man sie bei Dämmerung 
wäscht); Ploß 2, 40. 12 °) John Erzgebirge 57. 
121 ) Reiser Allgäu 2, 232. 122 ) Ebd. 2, 228. 

! 123 ) Boeder Ehsten 54. 124 ) Knoop Hinter - 

| pommern 155; Urquell 5, 278; vgl. Schulen¬ 
burg 108. 126 ) Grimm Myth. 3, 435. 126 ) Grimm 
Myth. 3, 439. 127 ) Wuttke § 596. 128 ) SAVk. 2, 
262. 129 ) Reiser Allgäu 2, 230. 13 °) Knoop 
j Hinterpommern 155; Baum garten Aus der 
Heimat 3, 9. 1S1 ) Urquell 1, 133. 132 ) ZfVk. 1, 
184; Mannhardt Forschungen 366 f. 133 )Wutt¬ 
ke § 549 u. a. 134 ) Ploß 1, 74; Kuhn Märk. 
Sagen 364. 135 ) Strackerjan 1, 114. 138 ) Meyer 
Baden 17. 137 ) SAVk. 8, 267. 138 ) Rockenphilo¬ 
sophie, Grimm Myth. 3, 438. 139 ) ZfVk. 13, 

384; Urquell 1, 133; 5, 278; Meyer Baden 17. 
14 °) Meyer Baden 17; Bohnenberger 18; 
Höhn Geburt 261. 141 ) Stein, Axt, Gold-Festig¬ 
keit, Schneid, Reichtum, — Meyer Baden 17. 
142 ) Bogen u. Pfeil, vgl. allgemein Ploß 1, 66 ff. 

145 ) Meyer Baden 17. 144 ) Höhn Geburt 257. 

146 ) Grimm Myth. 3, 443 Nr. 262. 148 ) Kuhn 

Märk. Sagen 364; Hillner Siebenbürgen 11. 

147 ) Grimm Myth. 3, 454. 148 ) Ploß 2, 40. 

U9 ) ZfVk. 13, 357 (Steiermark); Fogel Penn¬ 
sylvania 52; Schönwerth Oberpfalz 1, 179; 
Heyl Tirol 803. 15 °) Grimm Myth. 3, 443 


Kind 


1326 


1325 


Nr. 267; Hillner Siebenbürgen 52; Drechsler 
1, 209; Prätor. Phil. 4; John Erzgebirge 249. 
151 ) Fischer Oststeirisches 115. 152 ) ZfVk. 4, 

214. lM ) Fogel Pennsylvania 47. 154 ) Ebd. 53. 
1W ) Meyer Baden 50. 158 ) Fogel Pennsylvania 
43. 157 ) John Erzgebirge 55. 158 ) Wuttke §580; 
Köhler Voigtland 436. 159 ) Urquell 1, 151. 

16 °) Andre e Braunschweig 293; Alemannia 
33, 304; Urquell 6 (1895), 173. 181 ) Grimm 

Myth. 3, 473 Nr. 1034; Drechsler 1, 188. 
18a ) Wettstein Disentis 172. 183 ) Wuttke 

§ 606. 184 ) Grohmann 145. 165 ) Drechsler 
1, 188. 186 ) ZfVk. 11, 446. 187 ) Urquell 6, 180; 

SchwVk. 10, 34. 188 ) John Westböhmen 109. 

169 ) Höhn Geburt 277. 17 °) Ebd. 277. 171 ) Meyer 
Baden 50. 172 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 241. 
173 ) Meyer Baden 30. 174 ) Höhn Geburt 278; 

ähnlich Alemannia 27, 229. 175 ) Höhn Geburt 
278. 17fl ) Männling Albertäten 183; Rochholz 
Kinderlied 295. 177 ) John Erzgebirge 38. 

178 ) Grimm Myth. 3, 454. 179 ) Rochholz 

Kinderlied 320. 18 °) Fogel Pennsylvania 45; 

ZfVk. 11, 446. m ) Wuttke § 607. 182 ) Kohl¬ 
rusch Sagen 340. 183 ) Kuhn Märk. Sagen 377; 
Kuhn und Schwartz 432; Bartsch Meck¬ 
lenburg 2, 55; ZfVk. 1, 184; Knoop Hinter- 
pommerni$6. 184 ) Strackerjan 1, 55. 185 ) ZfVk. 
* 3 » 385. 186 ) Praetorius Phil. 101; Rocken¬ 
philosophie IV, c. 11 (S. 281 ff.); Urquell 6, 

181 (Pommern); Grimm Myth. 3, 435. 444; 
Fogel Pennsylvania 48; Seyfarth Sachsen 47; 
Schmitt Hettingen 14. 187 ) Andree Braun¬ 
schweig 293. 188 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 

240. :89 ) SchwVk. 4, 42 (,,es wird ein Dieb“); 
Schmitt Hettingen 14. 19 °) ZfVk. 23, 278; 
Grimm Myth. 3, 445. 191 ) ZfVk. 23, 278. 
192 ) ZfVk. 13, 356; John Erzgebirge 56; Bir¬ 
linger Aus Schwaben 240. 193 ) ZfVk. 13, 356. 
194 ) Ebd. 195 ) John Erzgebirge 56; John West¬ 
böhmen 109; Grimm Myth. 3, 475. 198 ) Vgl. 

Bohnenberger 17; Schmitt Hettingen 14 
u. a. 197 ) Dähnhardt Volkstümliches 2, 89. 
198 ) Pollinger Landshut 243. 199 ) Wuttke § 604 
20 °) Schramek Böhmerwald 181. 201 ) Fogel 

Pennsylvania 38; Grimm Myth. 3, 443 Nr. 277; 
Praetorius Phil. 16. 202 ) ZfVk. 9, 443; 

Drechsler 1, 295. 203 ) ZfVk. 9, 443; Dirksen 
Meiderich 48; Höhn Geburt 277. 204 ) ZfrwVk. 
1907, 115. 205 ) J ohnErzgebirge 56. 206 )Grimm 
Myth. 3, 435 Nr. 12. 207 ) Höhn Geburt 277. 

208 ) Fogel Pennsylvania 42, 43; Rochholz 
Kinderlied 318. 209 ) ZfVk. 6, 255; Fogel Penn¬ 
sylvania 45. 21 °) Köhler Voigtland 425; Wutt¬ 
ke § 604. 2U ) Grimm Myth. 3, 463 Nr. 831; 

John Westböhmen 109; ZfVk. 13, 350 (Gegen¬ 
mittel). 212 ) John Westböhmen 109; Wuttke 
§ 316. 21S ) John Erzgebirge 56. 214 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 68. 215 ) ZföVk. 5, 137. 

218 ) Mit Rücksicht auf die ausführliche Be¬ 
handlung der „sympathetischen“ Behandlung 
des kranken K.es durch Ploß 2, 210 ff.; 
Ploß-Renz i, 5150. 2l7 ) Wossidlo Mecklen¬ 
burg 103 ff. 218 ) Meyer Baden 36ff.; Kück 
Lüneburger Heide 8f.; John Erzgebirge 53 f.; 
ZfrwVk. 1914, 172; Reiser Allgäu 2, 231. 


219 ) Meyer Baden 44. 22 °) Wuttke § 318* 

221 ) Meyer Baden 37. 222 ) MschlesVk. 1915, 

17, 31. 22S ) Grimm Myth. 3, 451 Nr. 505; 

über das Zahnen und den betr. Aberglauben 
vgl. Ploß 2, 224 ff. 224 ) Ploß 2, 216: in 
der Anm. ausführliche Lit.-Angabe. 226 ) Ploß 
2, 210ff.; Ploß-Renz 516. 226 ) Ploß 2,217s. 
227 ) Ein Vergleich zwischen den Islandsagas 
und der Sturlungasaga erweist für Altisland 
wachsende K.ersterblichkeit bei gleichzeitigem 
Verfall der alten Eheordnung in den ersten 
christlichen Jahrhunderten. 228 ) Vgl. Mann- 
hardt {Kind und Korn) Forschungen 350!. 

370 f - 

2. Die so vielfältig bezeugte abergläu¬ 
bisch betonte Sorge um dasK. steigert 
sich vielfach auch bei uns, wie fast über¬ 
all in der Welt 228a ), zur bewußten Angst 
vor ,,neidischen Mächten", vor 
k.raubenden und k.vertauschenden 
Dämonen, vor Verwünschen, Be- 
schreien und ,,bösem Blick". Im 
Lande des Hexenhammers ist es heute 
nicht mehr möglich, jene „Seuche" des 
Hexenwahns, „die seit Innocenz VIII. 
ihren verheerenden Gang durch Europa 
nahm" 229 ), in das uns nun gut bekannte 
altgermanische Leben zurückzuprojizie¬ 
ren, denn sie beruht in der Tat „auf 
Gründen, die mit dem problematischen 
Zauberglauben der germanischen Urzeit 
nur sehr wenig gemein haben" 230 ). Ein¬ 
tönig überzieht der Aberglauben des 
Mittelalters unter der Herrschaft des 
christlichen Teufelsglaubens alle Völ¬ 
ker ohne Unterschied; die Dämonen¬ 
lehre — von den Kirchenvätern in die 
Doktrin der Kirche aufgenommen — 
gab den Nährboden für diesen Hexen¬ 
spuk, der sich trotz Karls Verbot und 
Agobards Leugnung der „dämonischen" 
Krankheiten verbreitete, und nicht nur 
(neben Erwachsenen) unschuldige K.er 
wegen Zauberei verbrannte 231 ), sondern 
wohl auch durch Lähmung jeder 
natürlichen Heilbehandlung und 
Naturerkenntnis mehr Opfer des 
Wahns in K.bett und K.erstube forderte, 
als jemals bei einem gesunden, „primär¬ 
primitiven" Volk. Die im Vergleich zu 
primitiven Völkern so großen Ausmaße 
dieses Wahns bei „Kulturvölkern" er¬ 
weisen auch alle „natürlichen" Ent¬ 
stehungsursachen als unzulänglich („C r e - 
tinismus, als Ursache der Wechselbalg- 


Kind 


1328 


1329 


Kind 


1330 


I327 

Vorstellung 232 ); die für hypnotische Ein¬ 
wirkung empfängliche Natur des ner¬ 
vösen K.es 233 ); Säuglingssterblich¬ 
keit 234 ) u. a.). Dieser Wahn ist nicht 
„natürlicher“ Herkunft, sondern hat un¬ 
sere Zonen von außen her überfallen, 
und jeder Hexenprozeß hat ihn geschürt. 
„Deutschland weist den Vorwurf, die 
Mutter dieser Geistesverwirrungen zu 
sein, mit gerechtem Unwillen von sich 
ab“ (Bauer) 235 ); „die Blume aller pfäffi- 
schen Mißbildungen“ 236 ) hat, trotz Grimm 
und Wuttke, Mogk und Noreen, keine 
altgermanische Heimat; „der im Hexen¬ 
hammer symbolisierte Hexenglaube“ 
konnte „dem Widerstreben der Völker 
gegenüber sich überall nur allmählich 
Raum schaffen“ 237 ); „die Inquisitoren 
und die Richter mit der Folter torquierten 
einen überall gleichmäßigen Glauben an 
die Wirklichkeit dieser Dinge in die 
Völker hinein“ 238 ), und diese hielten ihn 
dann sehr lange fest. Sein ständiges 
Anwachsen verfolgen wir in der Mis¬ 
sionszeit, und nur dafür liefert das alt¬ 
nordische Schrifttum den Beweis 239 ). 

Dies muß betont werden, weil gerade 
der auf das K. bezügliche Aberglaube 
diese Auffassung klar bestätigt. Die Für¬ 
sorge zeigt sich zunächst durchaus 
positiv, als Rest religiös gebundenen 
Dienstes am Leben; durchaus in zweiter 
Linie steht der Abwehrkampf gegen 
Dämonen, der in einer dunklen Zeit¬ 
spanne unserer Geschichte in den Vorder¬ 
grund gedrängt worden ist und der sich zu¬ 
meist (im Widerspruch stehend zum Glau¬ 
ben an die im K.e wirkende Segensmacht) 
auf den im Sinne der Kirche von dieser 
Angst verkürzten Lebensabschnitt 
zwischen Geburt und Taufe be¬ 
schränkt. Nur das ungetaufte K., das 
dann im Tode friedlos ist (s. u.), wird 
den uns fremden Begriffen der Unrein¬ 
heit 240 ), wie sie zumal die Wöchnerin 
umgeben, unterstellt, und erscheint erst 
von hier aus besonders gefährdet 
durch alle die unreinen Geister, die 
eben nur dem „faustischen“ Menschen 
bedeutsam werden konnten. 

a) In dieser Einschränkung können 
also nach dem Volksglauben die K.er 


vertauscht und geraubt, verhext 
und beschrien und vom bösen Blick 
getroffen werden 241 ). Die Hexen 
können das K. des Verstands berauben 242 ), 
es blödsinnig und tölpelhaft machen, es 
im Zahnen hindern und lähmen, ihm das 
Herz herausnehmen 243 ) u. a. m. 

Wenn neben Hexen und Teufeln über¬ 
all Zwerge, „Unterirdische“, Wald- und 
Wassergeister, Alpe und Druden, Elben 
und Feen, und allgemein alte, wunder¬ 
liche, wilde, weiße oder verwunschene 
Frauen erscheinen M4 ), so ist das der 
religionsgeschichtlich klare Vorgang der 
Verklärung und Verflüchtigung einer 
Zwangsvorstellung in die Bezirke des 
Märchens und der Sage. Um alte Be¬ 
lege hierfür steht es schlecht, wo nicht 
die „Interpretatio christiana“ 245 ) einer 
verteufelten heidnischen Gottheit die 
Rolle eines K.erdämons aus römischem 
Aberglauben übertrug 246 ). 

Der Wechselbalg-Glaube hat nir¬ 
gends in der fast „kinderlosen“ Welt 
germanischer Riesen und Zwerge seine 
Wurzeln, und findet sich nur dort, wo 
der Teufel schon seine Brut gezeugt hat, 
die dem „sündigen“ Menschlichen immer 
zum Verwechseln ähnlich ist. Der ger¬ 
manische Mythos und Glaube hält das 
Böse in der Gestalt des „Ungeheuren“ 
und,,Unheimlichen“ noch stärker außer¬ 
halb des Menschentums (Wolf). Wenn 
Luther an Wechselbälge glaubte, und 
sie zu „ersäufen“ riet, erwachte nicht 
„heidnische Härte“ in ihm 247 ), sondern 
er zeigte sich als K. seiner Zeit. Incubus 
und Succubus gingen durchs Land. 
Das Böse war fruchtbarer als das 
Gute in einer Zeit, in der Ehe und Zeu¬ 
gung ihre Heiligkeit gegen Cölibatsgesetze 
verteidigen mußten. So kam das unge¬ 
taufte K. in die Gefahr, vertauscht zu 
werden 248 ), z. B. wenn man es ungesegnet 
niederlegte 249 ). 

Vielfach erkennt man den Wechsel¬ 
balg bald an Mißgestalt und Beneh¬ 
men, so im schwedischen Dal-Elf-Gebiet 
daran, daß er bei der Taufe nicht schreit 250 ) 
(vgl. im übrigen Wechselbalg); ähnlich 
erkennt man überhaupt das verzau¬ 
berte oder behexte K. am Nicht- 


■v 


'i 


M 


gedeihen 251 ), am vielen Weinen 252 ), am 
frühen Tod 253 ). 

Zur Gefahr des K.ertausches tritt 
die des K.erraubes 254 ) und setzt das 
dämonische Verlangen nach dem Mensch¬ 
lichen voraus, das besonders das schwache 
und ungeschützte K. sich erwählt. 

Unter den Geistern und Unholden 
(vgl. die jüdische „Lilith“, s.d.) zeigen sich 
neben der kinderraubenden und kinder¬ 
fressenden Hexe und „bösen Frau“ 255 ) 
und dem Teufel 258 ), der etwa als Frem¬ 
der, als schöner Herr auftritt 257 ), Ge¬ 
stalten wie der Wassermann, der das 
K. wiegen will, und, wenn man es ver¬ 
wehrt, sich rächt 258 ), der Nicker und 
die Nixen 259 ), Zwerge 260 ) und Ko¬ 
bolde 281 ), Nachtgespenster, Schreck¬ 
gestalten und Unholde 262 ), Wald- 
und Berggeister aller Art 263 ), auch der 
wilde oder schwarze Jäger 264 ) und be¬ 
sonders die Elben 265 ), Salige 266 ), Rog¬ 
genmuhme 267 ), Fengsweibeln 268 ), 
wildeFrauen 269 ) und weißeFrauen 270 ). 

Unter den dämonischen Tieren (vgl. 
die im K.erschreck genannten, nach Abend¬ 
läuten auf der Gasse herumlaufende K.er 
holenden Untiere, Nachttiere, Dorfpudel 
usw.) seien Nachtrabe 271 ) und 
Habergeiß 272 ) genannt. K.erraub 
durch Menschen und durch Zauber 
(Angst vor Zigeunern 273 ), Rattenfänger 
von Hameln 274 ) u. a.) wird hier über¬ 
gangen. Selbst die Sonne ,,frißt“ K.er, 
(wenn man sie unverdeckt zur Kirche 
trägt) 275 ), der Mondmann kann sie 
stehlen 276 ) u. a. m. 

Viele Sagen berichten, daß das K. „vom 
Teufel besessen“ ist und deshalb 
lärmt, am 1. Tage schon spricht u. a. 
m. 277 ), oder der Teufel erscheint selbst 
in Gestalt eines K.es von einer Hexe 
einem Mädchen eingegeben 278 ). Die 
nahe Beziehung zwischen K. und dä¬ 
monischer Macht auf der Grundlage 
christlicher Sündenlehre zeigt das oft 
in der Sage verwandte Motiv von einem 
dem Teufel verschriebenen K. 279 ). 
Die Verwendung vom kinderraubenden 
Dämon als K.erschreck schließt sich 
hier an, das Nachttier und seine Varia¬ 
tionen (zumal in der Schweiz), Nacht- 


heuel, Uhu, Gwixi, Dorfpudel oder 
„Böhlima“ (Teufel) und „Trubehan- 
nes“ 280 ). Wolf und großer Hund, Schorn¬ 
steinfeger, Jude, Stoffel, Riese, „Mum¬ 
matsch“ oder auch (im Allgäu) das 
Fürggeweible, das „Zillebachweible“ 281 ), 
das Weib „mit de lange spillbomene 
Täne“ 282 ) u. a. Hettinger K.er, die sich 
nicht kämmen lassen, werden von Läusen 
an einem aus Haaren geflochtenen Seil 
in den „Wildewald“ gezogen 283 ). Schwatz¬ 
haften K.ern näht die „Teufelsnadel“ 
(Wasserlibelle) den Mund zu 284 ). 


b) Den dämonischen Gefahren, die dem 
K. drohen, besonders dem schlafenden 285 ), 
unbewachten 286 ), ungetauften oder noch 
nicht 6 Wochen alten 287 ), sucht der Aber¬ 
glaube mit einer Fülle von Schutzma߬ 
nahmen zu begegnen, die zumal Ploß 288 ) 
und Renz 289 ) zusammengestellt haben 
und die hier nicht aufgeführt werden 
können. Frommes Gebet 290 ) und 
Spruch 291 ), Beschwörungen aller 
Art 292 ), Wachehalten, brennendes 
Licht 293 ) oder provisorische Wasser¬ 
taufe durch die Hebamme 294 ), Ver¬ 
stecken des K.es vor gefährlichem Be¬ 
such (alte Frauen) 295 ) hinter dem Vor¬ 
hang 296 ), Verbergen vor fremden Blik- 
ken 297 ), auch durch Vermeiden jedes 
Ausgangs 298 ) („über die Dachtraufe 
hinaus' 4 ) 2 "); daneben spielen zahlreiche 
Amulette 300 ) und Beigaben eine große 
Rolle: Salz und Brot hängt man dem K. 
um 301 ), legt Salz auf die Zunge 302 ) u. 
a. m. Donnerkeile, Stahl und Eisen, 
Ringe, Münzen, geweihte Kräuter, Bibel 
und Gesangbuch 303 ) legt man in die 


oder einen Besen auf oder unter die 


Wiege 30€ ); auch Kleidungsstücke : 
(des Vaters) Hemd 307 ), der Mutter Sonn¬ 
tagskleid 308 ). Pentagramm, Kreidestrich, 
Sicherung von Tür und Fenster, rotes 
Band und Besen fehlen nicht 309 ). Neben 
dem Hinweis auf Ploß’s Zusammen¬ 
fassung sei nur zur Illustration eine 
altertümliche Zusammenfassung hierher¬ 
gestellt: „Das neugebohme Kind turfte 
nicht ehenter in die Wiege oder Kriplein 
gelegt werden, bis unter dem Bethkiss 
ein Feuerstahl und Schlafkaunz von einer 


I33i 


Kind 


J332 


Domhecke eingesteckt worden, an Kopf 
und Fuß der Wiege aber Druittenfüße 
angemahlen und mit Weihwasser ein¬ 
gesprengt und gesegnet wurde, bey den 
Austragen haben sie dem Kind verschie¬ 
dene Amolets, Freisgroschen, Wurzeln, 
Steine, Märzenhasen-Augen und Wolfs¬ 
zähne angehangen, damit es nur von aller 
Hexerey befreyhet, und gegen einen 
Wechselbalk nicht möge vertauscht wer¬ 
den ; wann es nun Abend geworden 
und alles zu Bet he gegangen darf ja 
nicht vergessen werden, das die Kinds 
Mutter den hölzernen Kochlöffel vor die 
Thüre und das Schloß steckt, dann 
damit ist alles verrigelt, das kein Alb, 

kein Druit noch Erdgeist und Hexe hin¬ 
ein kann“ 310 ). 

Besonders beachtlich erscheint die 
äußerste Konsequenz des Hexen¬ 
wahns in den Maßnahmen, ein bereits 
vertauschtes oder verzaubertes K. noch 
zu retten: In der Lausitz warf man das 
als Wechselbalg erkannte K. um und 
kehrte es hinaus 311 ), oder man schaffte 
sich durch Ruten schlagen 312 ) und andere 
Mittel (Drohung, siedendes Wasser, Na¬ 
mensruf 313 ), Jesus-Ruf 314 )) das rechte 
K. zurück, zwang den Teufel oder die 
Zwerge, es zurückzubringen 315 ) oder er¬ 
reichte durch List, daß der Wechselbalg 
sprach und damit sich verriet und ver¬ 
schwand 31 ®). Auch dieser Überblick 
zeigt die Fülle des Wahns und seine 
Herkunft aus einer künstlich gestei¬ 
gerten Angst vor dem Bösen. „Die 

Taufe gilt überall als das beste Mittel 
gegen Behexung“ 317 ). 

228a ) Ploß-Renz i, i ff. 229 ) Soldan-Heppe 3 
(Vorwort) i, 3. *») Ebd. »i) 22 K.er im Alter 
von 7 10 Jahren in einem Winter in Bamberg 

Soldan-Heppe 2, 5. 232 ) pi oß 2 x 1I? 

283 ) Ploß-Renz 1, 122. * 34 ) Urquell 2, 7. 

M6 ) Soldan-Heppe 3 1, 3. 286) Ebd 237) Ebd 

1, 266. 238 ) Ebd. 1, 10. 239 ) So, wenn etwa in 
die Fylgjenvorstellung der Begriff des Hexen¬ 
ritts (Helgakviöa HiQrvarzsonar Prosa 30/31) 
handgreiflich fremd hineinkommt. * 40 ) Im 
Gegensatz zu den alten griechischen Gebeten 
und der Auffassung semitischer Völker tritt 
z. B. in den Benediktionen unseres MA. dieser 
Begriff völlig zurück: Franz Benediktionen 2, 
2 i2 2«) Vgl f ür letzteres Sartori 1, 27; ZfVk. 3. 
388; Grüner Egerland 36; Mädchen weniger als 
Knaben: Seligmann 2, 221. * 42 ) Hartmann 


Dachau u. Bruck 200. 243 )Urquell 2,104. 244 )Ploß 
2, 1140.; Ploß-Renz 1, iooff. ^Achterberg 
Interpretatio christiana. 246 ) Mannhardt Germ. 
Myth. 267. M7 ) Meyer Myth. d. Germ. 63. 

248 ) Ploß 2 1, 1170. Vgl. Ranke Volkssagen 
127; Dähnhardt Volkstümliches 1, 99; Hell- 
wig Aberglauben 39; Hillner Siebenbürgen 23; 
Strackerjan Oldenburg 2, 203. 249 ) Geiler 

Hexenpredigten ElsMonSchr. 1 (1910), 20. 

a5 °) Ploß 2 1, 118. 2S1 ) Seligmann 1, 201. 

252 ) Frischbier Hexenspr. 8. * 53 ) Höhn 

Geburt 263. 254) pi D ß 2 I# mf - Ploß-Renz 

1» 95 ff- 255 ) Grimm Myth. 2, 898. 902; Waibel 
und Flamm 2, 343; Heyl Tirol 179 f.; Lieb- 
recht Gervasius 135. 1370.; Radermacher 
Beiträge 93. 258 ) Ranke Volkssagen 261; 

Heyl Tirol 799; Bechstein Thüringen 2, 206. 
257 ) Kohlrusch Sagen 64. 258 ) Kühnaii 

Sagen 2, 323, vgl. 333. 259 ) Ploß 2 i, 115; 

Wuttke § 584. 260) Schambach u. Müller 

I 3 °- 358 f.; ZfdMyth. 3, 272; Grimm Myth. 1, 
387. 261 ) Wuttke § 588. 282 ) Niderberger 

Unterwalden 2, 107; 3, 98 f.; Meiche Sagen 
126; Mannhardt i, 113. 263 ) Lütolf Sagen 

31. 38 f. 465; ZfdMyth. 4, 37 f. 264 ) Urquell 3, 
(1892), 254; Ranke Volkssagen 77. 260 ) Meyer 
Germ. Myth. 122; Wolf Beiträge 2, 245 f.; 
vgl. die Nereiden Schmidt Volksleben n8f. 
266 ) Heyl Tirol 167. 403 f. 657. 267 ) Wolf Bei- 
träge 2, 246. 268 ) Kühnau Sagen 2, 124. 259 ) Ver- 
naleken Alpensagen 225; Mannhardt 1, 
611; ders. Germ. Myth. 234; Ranke Volks¬ 
sagen 180. 27 °) Grimm Myth. 2, 808; Müllen- 
hoff Sagen 579. 271 ) Schmitt Hettingen 17. 

27Z ) Ranke Volkssagen 213. 273 ) Schönwerth 
Oberpfalz 3, 163 t.; Hellwig Aberglaube 127 ff. 
274 ) Mannhardt Germ. Myth. 257. a75 ) Roch- 
holz Glaube 1, 68 . 276 ) Grimm Myth. 2, 598. 
277 ) Alemannia 37, 10; Schönwerth 3, 75; 
Müller Siebenbürgen 45. 278 ) Kühnau Sagen 

2, 742 f. 279 ) Grimm Myth. 2, 856 f.; 

Waibel u. Flamm 2, 131 f.; Quitzmann 
Baiwaren 236; Stöber Elsaß 1, 47; 
Müllenhoff Sagen 197 f.; Bavaria 2, 231; 
Eckart Südhannover 119; Heyl Tirol 422; 
Witzschel Thüringen 1, 295; Knoop 
Posener Märchen 3 f. 280 ) SAVk. 25, 198. 
281 ) Reiser Allgäu 1, 120. 122. 282 ) Knoop 

Hinterpommern 158. 283 ) Meyer Baden 50. 

284 ) Rochholz Kinderlied 319. 285 ) Wuttke 

§224. 286 ) Andree Braunschweig 288. 287 ) Ebd. 
209; Alemannia 24, 146; Wuttke §582; Fogel 
Pennsylvania 50. 288 ) Ploß 2 i, 121—143. 

a89 ) Ploß-Renz 1, 100. 290 ) Knoop Hinter¬ 

pommern 155. 291 ) Z. B.: 

Ich lege dich in Gottes Kleid, 

Beschütze dich die heilige Dreifaltigkeit. 
Jesus ist ein starker Mann. 

Wer stärker ist, der greif dich an. 

Meyer Baden 15. 292 ) Vgl. Krauß Relig. 

Brauch 43. 293 ) U. a. ZfVk. 2, 79; Meier Schwa¬ 
ben 2, 474; Höhn Geburt 262; Urquell 1, 164 f.; 
Kuhn Mark. Sagen 195; Samter Geburt 68; 
Wuttke § 116. 252; Kn uchel Umwandlung 7. 
294 ) Ploß 2 1, 143. 29S ) U. a. Seyfarth Sachsen 


1334 


1333 Kind 

47; Höhn Geburt 263. *"■) Wuttke § 582. 

297 ) Meyer Baden 36; Meier Schwaben 2, 474; 

Alemannia 24, 153 f.; Hovorka-Kronfeld 1, 

76; Grimm Myth. 3, 456; Wuttke § 581; 

Birlinger Volksth. 1, 498. * 98 ) Kuhn u. 

Schwärt z 432; Fogel Pennsylvania 40; 

Höhn Geburt 263. 2 ") ZfVk. 23, 278. ,0 °) Ver¬ 
kehrt aufges. Seidenhäubchen mit Amulett 
Ploß-Renz 1, 108. 236; Wuttke § 414. 

301 ) Friedberg Bußbücher 40. 302 ) ZfVk. 3, 

389. 303 ) Sartori 1, 27 (mit Literatur); vgl. 

außerdem Bohnenberger 24; Müllenhoff 
Sagen 310; Seligmann 2, 38; ZfVk. 2, 410; 

Birlinger Schwaben 1, 394; Müllenhoff 

Sagen 314 (Schere); Hoffmann-Krayer 25; 

Wittstock Siebenbürgen 75; Boeder Ehsten 
60. 304 ) Grimm Myth. 3, 460 Nr. 740. S05 ) ZfVk. 

6, 253. 805 ) Müller Siebenbürgen 60; Wittstock 
Siebenbürgen 73; Bartsch Mecklenburg 2, 132. 

307) Wuttke § 581. 308 ) Ders. § 577. 309 ) Ploß 2 
1, 122. 31 °) ZföVk. 6, 122. 311 ) Wuttke § 585. 

312 ) Schulenburg 109. 31S ) Fogel Pennsyl¬ 

vania 145. 314 ) Höhn Geburt 262. 815 ) Vgl. noch 
Vernaleken Mythen 234. 31Ä ) Ploß-Renz 

1, 106 f. 317 ) Ploß 2 1, 124. 

3. Im Gegensatz zu dem behandelten 

Glauben an die besondere Gefährdung 
des K.es durch Dämonen lebt im Volks¬ 
glauben auch vieles, was auf die Bewer¬ 
tung des K.es als besonderer Heils- und 
Segenskraft 318 ) und auf die Erkenntnis ein oder drei Tropfen Segen hinein, so 

von der besonderen Macht der Rein- daß man ihn „weder salzen noch Schmal¬ 
heit oder Unschuld zurückzubeziehen zen“ braucht, und er nährt und heilt 33ft ). 

ist. So tritt z. B. neben die erwähnte In den K.ergebeten äußert sich Ver- 
Angst vor alten Leuten und ihrer Berüh- trauen auf Gottes und der Engel Schutz 

rung des K.es der Glaube, daß alte Leute immittelbarer und freier als sonst in 

ihre Kräfte sich erhalten können, wenn christlichen Gebeten 337 ). 
sie mit kräftig gedeihenden K.em zu- b) Wie jeder Glückliche „Glücksk.“ 
sammen schlafen (aber diesen nehmen ist (,,der Saelden kint“ im MA.), so ist 

sie damit die Kraft) 319 ). das K. mit Glückskräften gesegnet 

Man glaubt das K. a) überirdischen und glückbringend. Trotz bestimmter 

Mächten besonders eng verknüpft, b) mit Unterschiede gilt das von beiden Ge- 

besonderen Kräften begabt und daher schlechtem. 

zu aller Art Zauber bevorzugt geeignet. Im Angang bringen K.er, besonders 
a) Schon um das Neugeborene stehen Knaben, Glück 338 ). Sie sind auch die will- 

die Nachfolgerinnen der alten Nornen 320 ), kommensten (Neujahrs-)Gratulanten 339 ). 

die Feen und „wilden Frauen“ 321 ), Erstlingsobst läßt man gern von 

wie die griechischen „Moiren“ 322 ) und K.em (lieber von Knaben als von Mäd- 

verwandte (z. B. slavische) Erschei- chen) 34 °) pflücken, damit der Baum 

nungen 323 ), und bringen ihm Gaben, be- im nächsten Jahr reicher trägt. Bei der 

stimmen ihm das Geschick oder ver- Ernte muß ein K. unter 5 bzw. 7 Jahren 

fluchen es auch 324 ) (Auf den Färöern den ersten Halm schneiden, das erste 

heißt das erste Gericht, das die Mutter Strohseil winden 341 ) u. a. m. Das schla- 

nach der Geburt des K.es zu sich nimmt, fende oder das kleinste K. im Haus 

, ,nomagreytur‘ ‘, ,,Nomengrütze* ‘) 325 ). schützt es vor dem Blitz 342 ). Als Glücks- 

„Des K.es Schutzengel“ ist überall be- träger gehen K.er im Tauf- und Hoch- 

kannt. Beim Fallen kann das K. im zeitszug 343 ), festlich geschmückt; bei 


ersten Jahr keinen Schaden nehmen 326 ); 
bei Krieg, Brand, Erdrutsch, Lawinen¬ 
sturz wird es wunderbar behütet 327 ), von 
Maria selbst gerettet 328 ) und hat einen 
Apostel zum Schutzpatron 329 ). Etwas 
dem altnordischen Fylgjenbegriff Ver¬ 
wandtes 33 °) lebt hier noch fort; dazu 
kommt die enge Eingliederung des K.es 
in die beseelte Natur (vgl. die Sitte der 
Geburtsbäume) und das, was wir bei 
Primitiven den Sympathietierglauben 
nennen, so in dem Motiv von der 
Schlange, die mit dem K. aufwächst, 
und mit dem K. schicksalhaft verknüpft 
ist 331 ) (die zur Hochzeit dem Mädchen 
ein Krönlein bringt u. a. m.) 332 ). Wilde 
Tiere tun dem K. kein Leid, sondern 
nehmen sich seiner an 333 ). Verirrtes 
K. wird durch weiße Frau, verwunschene 
Jungfrau usw. gepflegt, beschenkt, ge¬ 
rettet 334 ); das Stiefkind findet bei 
guten Geistern Ersatz für die fehlende 
Mutter 335 ). Die tote Mutter schützt 
und nährt das K. noch aus dem Jenseits, 
und in den K.erbrei tut Gott selbst 




1335 1011(1 x 336 

Zauberlied für die Völwa singt 361 ). Auch 
bei uns galten K.er als besonders wetter- 
kundig 362 ). 

Im deutschen MA. wird das K. zur 
Mantik viel verwandt. Man läßt es in 
Spiegel, Kristall, Kerze, Wasser oder in 
die Hand, in die Fingernägel sehen, und 
wahrsagt nach seinen Aussagen 363 ). Ein 
,,reines K.**, Knabe oder Mädchen, war 
hier wie anderswo (z. B. in Indien 364 )) er¬ 
wünscht zum Zauber 365 ). Nach der 
Kaiserchronik 366 ) erschlägt der Zauberer 
ein unge tauft es K., begräbt es unter 
seinem Bett und zaubert damit, was er 
will. Geiler von Kaisersberg und andere 
berichten ähnliches 367 ). 

Grauenhafter Zauber ist teilweise 
bis in die Neuzeit mit dem (zumal un- 
getauften) toten K. getrieben worden 
(was heimliche Beerdigung 368 ), Be¬ 
wachung von K.ergräbern 369 ) nötig 
machte), und mit dem K. im Mutter¬ 
leib, was furchtbare Verbrechen zeitigte, 
die nur eine — unserem „Heidentum* * 
völlig fremde — Diktatur des Wahns 
wirkt wechselseitig von Geschlecht zu ermöglicht hat 370 ). Der vielfach wohl 

Geschlecht. Ausschlag vertreibt man, nur auf der Folter „gestandene** Massen- 

indem man das kranke K. dreimal über mord an Schwangeren um solchen 

die Stirn eines K.es vom anderen Ge- Zaubers willen ist aber nicht nur eine 

schlecht streichen läßt 352 ). Dem neu- Folge davon, daß durch die zeitige 

geborenen Bauernjungen sichert man die Taufe dem Diebe und Zauberer unge- 

Gabe, Pferdekolik zu heilen, wenn man taufte K.er nur selten zur Verfügung 

ihn sofort (rittlings) aufs Pferd setzt 353 ), standen 371 ), sondern hängt auch mit 

Sterbenden legt man das kleine K. an die der Bewertung der Schwangerschaft 

linke Seite zum Schutz gegen die Bösen 354 ), (s. d.) zusammen. Selbst die Möglich- 

und die weiße Frau wird durch Küssen keit, daß ein Mann sein Weib zu solchem 

eines Neugeborenen erlöst 355 ) (Vgl. Zweck verkauft, hat die mittelalterliche 

bes. Wiege). Ein nach dem Tode des Volksphantasie beschäftigt 372 ). Die für 

Vaters geborenes K. kann „Blindhäutchen den römischen Kaiser gemachte Schnitt- 

von kranken Augen wegblasen** 356 ) gebürt (Kaiserschnitt) 373 ) als Mittel zur 

u. a. m. Weissagung 374 ), das Herausschneiden 

Vielfach gilt das K., zumal bis des K.es und überhaupt der K.esmord 

zum 7. Jahre, ohnehin als wahrsage- im antiken Liebeszauber sei hier nur 

und zauberkräftig 357 ) (Vgl. a. das erwähnt 375 ). Damit zusammenhängend 

Motiv vom klugen Knaben, der einen desgleichen der Glaube, daß heraus- 

Rechtsstreit glücklich löst 358 )). Sonn- geschnittene K.er mit besonderen Kräften 

tagsk.er, „Neusonntagsk.er“ 359 ), Neu- begabt sind, Geister und Schätze sehen, 

jahrsk.er sehen Geister, finden Schätze leicht geheime Künste lernen 378 ), jeden- 

u. a. m., zaubern selbst 360 ). Ein altes falls außerordentliche Menschen werden 377 ) 

Zeugnis für den Gebrauch von K.em im (vgl. ihre Rolle in der Heldensage 378 )). 

Wetterzauber haben wir aus dem alten Auch das tierische Ungeborene ist 

Grönland, wo das Mädchen Gudrid das übrigens zauberkräftig. So diente das 


allen Volksfesten haben sie eine be¬ 
sondere Bedeutung, oft symbolisch auf 
Frühling und Fruchtbarkeit deutend 
(Vgl. das Regenmädchen 344 ), den Pfingst- 
knaben 345 ), die Verwendung von Knaben 
beim Notfeuer 346 ), von Mädchen beim 
Feldzauber u. a. m.). Von 4-, 5-, 7- oder 
12jährigen K.ern gesponnenes Garn hat 
besondere Glücks- oder Heilkraft 347 ). 
Mädchen unter 7 Jahren können den 
Faden zu einem Glückshemd spinnen 348 ) 
oder das Glückslos in der Lotterie zieh- 
hen 349 ); beim Rekrutieren sicherten sich 
einst die Burschen, die nicht Soldat 
werden wollten, indem sie ein unge¬ 
waschenes Häubchen eines neugeborenen 
Mädchens oder etwas Garn, das ein vier¬ 
jähriges K. spann, bei sich trugen 35 °). 
Jungvieh gewöhnt man zum Ziehen ein, 
wenn man ihm einen K.erstrumpf unter 
das Joch legt 351 ). Zumal die Kleidung 
am Neugeborenen gilt als zauberhaft, z. B. 
die Windeln. 

Die kindliche Heilkraft, die zumal 
alte Leute sich zu nutze machen (s. o.), 


1337 


Kind 


1338 


ungeborene Hasenjunge zur Heilung von 
Epilepsie 379 ) 

Besonders begehrt als Heil- und Zau¬ 
bermittel (zumal auch von Dieben) 
waren die K.erfinger 380 ), die dem Dieb 
leuchten, Schlösser öffnen, wahrsagen, 
unsichtbar machen, auf den Tisch gelegt 
oder angezündet die entsprechende Zahl 
Menschen im Haus in Schlaf gebannt 
halten 381 ); löschen kann man sie nur in 
süßer Milch 382 ). Mit den Händen toter 
K.er heilte man Kropf und Muttermal 383 ). 
Herz und Leber 384 ) (3 oder 3x3, von 
ungeborenen, männlichen K.em) macht 
unsichtbar, befähigt zum Fliegen u. a. 
m. 385 ). Ein Fall von Zauberabsicht mit 
dem Arm eines neugeborenen K.es wird 
aus dem Jahr 1568 bezeugt 388 ). Auch 
K.erblut braucht man zum Zauber 387 ). 
Die „Mordsuppe“ der Lausitzer Räuber¬ 
bande des Georg Beer, Anfang 17. Jh., 
sollte hieb- und stichfest machen 388 ). 
Siebenbürger Zigeunerinnen saugten das 
Blut aus dem linken kleinen Finger 
ungetaufter K.er, um Konzeption 
zu befördern 389 ), oder benutzten K.erblut 
mit Hasenfett gemischt als Salbe 390 ). 
So brauchen die Hexen allgemein K.er¬ 
blut zur Hexensalbe 391 ). Zumal nach 
dänischer Sage 392 ) kann sich ein zum 
Werwolf Verzauberter durch Trinken 
von Herzblut eines ungetauften K.es 
(kein Mädchen; kein Knabe, der schon 
Zähne hat usw.) 393 ) erlösen. Von den 
angeblichen Körben voll K.erköpfen in 
Kaiser Julians Palast, abgeschlagen zur 
Zukunftsbefragung 394 ), bis zu „dem 
Rucksack voll** K.erhänden, den der 
Landstreicher liegen läßt 395 ), und ähn¬ 
lichem 396 ), sucht man, in dieser vom 
Aberglauben allzu blutig gefärbten Chro¬ 
nik des K.ermordes um des Zaubers 
willen, meist eine Erinnerung an das 
heidnisch-kultische K.eropfer (s. 
d.), das uns im Altgermanischen nicht 
belegt ist. Nach Maßgabe der altnor¬ 
dischen Quellen hat es mit heidni¬ 
schem Kult nichts zu tun, wenn die 
getauften Franken in Italien Weiber 
und Kinder der Feinde als „Erstlings¬ 
opfer des Krieges** in den Fluß geworfen 
haben. Eine sichere altgermanische Pa¬ 


rallele zur Opferung Isaaks oder Iphi¬ 
geniens muß gefunden sein 397 ), ehe man 
die verschiedenen K.eropfer des mittel¬ 
alterlichen Aberglaubens altgermanisch 
motiviert. Hingabe eigenen Blutes 
an einen „zu versöhnenden** Gott und 
Bewertung des „Unschuldigen** als 
besonders geeignet zum Sühneopfer 
scheinen nirgends im altgermanischen 
Glauben Wurzel zu haben 398 ). Gebild- 
brote in K.esform, „Buben Schenkel** 
usw., haben kaum etwas mit altem K.er¬ 
opfer zu tun 399 ). Neben dem vielgenann¬ 
ten Bauopfer 400 ) (wobei Freiwilligkeit 
verlangt wird, Bettelk.er und Uneheliche 
bevorzugt werden) 401 ), dem K.er¬ 
opfer 402 ) bei Wassersnot und Vieh¬ 
sterben, dem Pestopfer 403 ), dem Ge¬ 
witteropfer u. a. 404 ) erscheint das 
Schatzopfer besonders oft. Gerade zum 
Schatzheben benötigt man ein K., 
meist von besonderer Beschaffenheit 40S ). 
Es darf seinen Vater nie gesehen haben, 
oder muß unge tau ft sein 406 ). In diesem 
Zusammenhang erscheint es geboten, an 
die Kinderkreuzzüge (als größtes K.er¬ 
opfer) zu erinnern 407 ). 

318 ) Ausgenommen bisweilen nur die unehe¬ 
lichen K.er, deren Leichen wie die der Ertrun¬ 
kenen und Selbstmörder nach bulgarischem 
Glauben Unheil bringen: Strauß Bulgaren 454 t. 
318 ) Wuttke § 588; Fogel Pennsylvania 43; 
Hovorka-Kronfeld 2,41; ZfrwVk. 1913, 182; 
vgl. die Vorstellungen von der Seele in Kindes¬ 
gestalt: Grimm Myih. 3, 247; Kuhn Mythol. 
Stud. 2, 57. 820 ) Golther Myth. 104 ff.; 

Mannhardt Germ. Myth. 541 fi.; Panzer 
Beitrag i, 1 fi.; 2, 1190. 321 ) Panzer Beitrag 

1, 362; Bolte-Polivka 1, 439 f- 322 ) ZfVk. 

4, 144; Meyer Baden 17. 323 ) ZfVk. 8, 244. 

324 ) Kohlrusch Sagen 309. 325 ) Golther 

Myth. 107. 826 ) ZfVk. 13, 384 f. 327 ) Roch- 

holz Kinderlied 348. 328 ) Kohlrusch 368; 

Waibel und Flamm 2, 344. 328 ) Grimm 

Myth. 3, 415. 330 ) In der Saga erscheinen auch 

K.erfylgjen, z. B. Porst. {>. uxaföts {Fms. 
3, 113); erinnert sei an die griechischen und 
ägyptischen K.ergottheiten, Niisson Grieche 
Feste 59; ARw. 21, 228. 881 ) Grimm Myth. 

2, 571; SAVk. 8, 302; 16, 19; 13» 164. 

332 ) Lütolf Sagen 324. 333 ) Rochholz Kinder¬ 
lied 347. 834 ) Witzschel Thüringen 1, 117!.; 
Sommert Egerland 60 f.; Waibel u. Flamm 
2, 106; Grimm Myth. 2, 808; Meiche Sagen¬ 
buch 607. 335 ) Haltrich Stief- u. Waisenkinder 
(1856) 9. 338 ) Rochholz Kinderlied 291. 

887 ) ZfVk. 104; SAVk. 25, 100. 202; Wos- 
sidlo Mecklenburg 3, 480.; ZföVk. 3, 280 ff. 


1339 


Kind 


1340 


338 ) Stracker j an 1, 29; ZfVk. 8, 400; 

Schönwerth Oberpfalz 3, 274. M# ) John 

Westböhmen 27; Schramek Böhmerwald 124; 
Meyer Baden 515; Manz Sargans 123; Andree 
Braunschweig 327; SAVk. 19, 22. 340 ) „Weil 

sich (durch Mädchen) das Obst leicht spaltet“ 
(sympathet. Grund) Drechsler 2, 82; Prae- 
torius Phil. 211; Perger Pflanzensagen 321. 
841 ) Wuttke § 660. M2 ) Wuttke § 448; Bir- 
linger Aus Schwaben 1, 391; Schmitt Het- 
tingen 14. S4a ) Höhn Geburt 270. 344 ) Wein- 
hold Ritus 22 (alter Beleg). 345 ) Kuhn Mark. 
Sagen 318 f.; Mannhardt 1, 380. 348 ) Grimm 
Myth. 1, 504; Frazer 11, 281. 34? ) Lammert 
257; Wolf Beiträge 1, 209; Wuttke § 495; 
Frischbier Hexenspr. 18. 348 ) Bohnenberger 
21. 349 ) Drechsler 2, 45. 35 °) Wuttke § 719; 
Birlinger Aus Schwaben 1, 398. 351 ) Wuttke 
§ 694; Meyer Baden 402. 352 ) ZfVk. 7, 165; 

ähnlich Grimm Myth. 3, 459; Drechsler 2, 
319 353) ZfVk. 9, 335; Andree Braunschweig 

426; Bartsch Mecklenburg 2, 41; Kuhn Märk. 
Sagen 364; Weinhold Ritus 42. 354 ) Meyer 
Baden 581. 355 ) Grimm Myth. 2, 806. 356 ) Ploß- 
Renz 1, 68. 357 j Wuttke § 182, 204. a58 ) Zacha- 
riä Kl. Schriften 161. 359 ) D. i. am Sonntag, der 
auf Neumond und Monatsersten fällt, oder am 
ersten Sonntag nach Neujahr geborenes Kind, 
vgl. ZföVk. 10, 142; Grohmann Aberglaube 106; 
Baumgarten Jahr 15. 3 ®°) Birlinger Aus 

Schwaben 2, 241; Wuttke § 75. 361 ) Eirikssaga 
rauda c. 4. 34a ) ZfVk. I, 68; Grimm Sagen 186; 
K.erleiche im Wetterzauber. 383 ) Grimm 
Myth. 3, 428, 431; Mannhardt Germ. Mythen 
621, 3. 364 ) Caland Altind. Zauberrit. 127; 

Weber Ind. Studien 1, 279. 385 ) ZfVk. 15, 84; 
Abt Apuleius 184. 388 ) Diemer 64. 387 ) Roch- 
holz Sagen 2, 159. 388 ) Rothenbach Bern 

11 Nr. 21. 389 ) Bavaria 4, 2, 347. 37 °) Vgl. 

Meyer Aberglauben 279; Hinrichtung des 
Hundssattler in Bayreuth wegen achtfachem 
Mord an Schwangeren; Strackerjan i, 119; 
Lammert 84; Hovorka-Kronfeld 1, 313; 
Baumgarten Aus der Heimat 3, 137. 371 ) Ho¬ 
vorka-Kronfeld 1,313. 372 ) Ebd.; Montanus 
Volksfeste 130; Urquell 3, 211. 282; Roch- 
holz Kinderlied 344. 373 ) Vgl. Bartels Medizin 
der Naturvölker 306. 374 ) Ammianus Mar¬ 
cellinus 29, 2, 17. 375 ) Vgl. Stemplinger 

Aberglaube 73; Höf ler Organotherapie 34 f. 
378 ) Z. B. Strackerjan 2, 201. 377 ) Wuttke 
305; Bolte-Polivka 1, 196; ZfdMyth. 1, 200; 
Feilberg Danske Bondeliv 2, 150. 378 ) Grimm 
Myth. 1, 322; Wolf Beitr. 1, 144. 379 ) Stracker¬ 
jan 1, 96; Staricius Heldenschatz 341. 

380 ) Rochholz Kinderlied 344; Birlinger Aus 
Schwaben 2, 435. 381 ) Strackerjan 1, n8f.; 
Urquell 3, 210 f.; Zahler Simmenthal 156; 
Hovorka-Kronfeld 1, 313. 382 ) Stracker¬ 
jan 1, 119. *•*) Wettstein Disentis 174; 

Rochholz Kinderlied 334; Lütolf Sagen 554; 
Strauß Bulgaren 455. 384 ) U. a. Höf ler Or¬ 

ganotherapie 154. 385 ) Mannhardt Aberglaube 
22 f.; Bartsch Mecklenburg 2, 329; Meyer 
Aberglaube 279; Hovorka-Kronfeld 1, 234, 


313; Baumgarten Aus der Heimat 2, 99; 
Urquell 3, 267; Kohlrusch Sagen 117. 3B8 ) Bir¬ 
linger Aus Schwaben 1, 115. 387 ) Simrock 

Mythologie 325; Wlislocki Zigeuner 14; 
Sepp Religion 140 f.; Urquell 3, 7; Hovorka- 
Kronfeld 1, 234. 388 ) Haupt Lausitz 1, 204; 
Kühnau Sagen 3, 259. 889 ) Urquell 3, 8. 

39 °) Ebd. 3, 9. 391 ) Grimm Myth. 2, 8970.; Ur¬ 
quell, 53; Meyer Aberglaube 260. S92 )Grundt- 
vig Gamle danske Folkeminder 2, 26; ders. 
Folkeviser Nr. 55. 393 ) Urquell 3, 2 f. 90. 894 ) Dio 
Cassius 73, 16. 395 ) ZfVk. 2, 195; Daemono - 

mania 2, 3; Urquell 3, 285. 398 ) Procop de 

Bello Goth. 2, 25, 9f. 397 ) Über die altnordischen 
„Belege“ für Sohnes-Opferung vgl. Kummer 
Midgards Untergang 11 z ff. 398 ) Wenn man 
sich statt nur auf heidnische Gottesnamen auf 
den heidnischen Gottesbegriff besinnt, kann 
man weder Nerthus noch Wodan für die Bau¬ 
opfer verantwortlich machen; vgl. Ploß- 
Renz 2, 249. a ") ZfVk. 12, 439 h 4W >) ZfVk. 

з, 45; Eckart Südhannover Sagen 102; Grimm 

Myth. 2, 956; Witzschel Thüringen 1, 281. 
401 ) ZfEthn. 1898, 11 f. 402 ) Maack Lübeck 58 f.; 
Deichbruch Sebillot Folk-Lore 2, 170. 

403 ) Grimm Myth. 2, 994; Höfler Waldkult 
142. 404 ) Mülhause 4; vgl. Krauß Relig. 

Brauch 157. 405 ) Witzschel Thüringen 2, 82 f.; 
Vernaleken Alpensagen 148; Rochholz 
Sagen 2, 5. 40Ä ) Meiche Sagen 688; Fient 

Prättigau 169; Jecklin Volkst. 164t. 407 ) Vgl. 

и. a. Kruspe Erfurt 1, 21 ff. 

4. Betrachten wir endlich die abergläu¬ 
bischen Gedanken, die sich auf das Ster¬ 
ben, das Grab und den Totenort des 
K.es beziehen, so fällt uns noch einmal 
besonders stark die Zwiespältigkeit 
der Vorstellungen auf: Einmal sehen wir 
eine tiefe Ehrung und Verklärung des un¬ 
schuldig gestorbenen K.es, daneben aber 
eine ängstliche Sorge um das Heil des 
ungetauft gestorbenen und deshalb vom 
Himmel ausgeschlossenen K.es. 

a) Das tote K. wird festlich ge¬ 
schmückt 408 ), bekleidet und mit Strauß 
und Kranz 409 ) (um das Fegefeuer zu 
meiden) 410 ), zum Grab getragen 411 ). 
Vom Taufkleid schneidet man etwas 
ab, damit es nicht über die Himmels¬ 
treppe stolpert 412 ). Spielzeug gibt 
man ihm mit (schon in römischen und 
etrusk. K.ergräbem) 413 ), die Puppe 414 ), 
auch Windeln und Schnuller 415 ) oder 
den Hochzeitskranz der Mutter (bei Mäd¬ 
chen) 416 ). Der Trauerzug beachtet be¬ 
sondere Bräuche (Spreu auf den Weg 417 ), 
Licht 418 ), weiße Schleifen u. a.) 419 ), die 
Beerdigung besondere Formen 42 °), das 


1341 


Kindbetterin—Kinderherkunft 


1342 



£ 


Grab 421 ) wird sorgfältig geschmückt 422 ) 
(mit buntem Flitter, mit Schleifen, klei¬ 
nem Glashäuschen usw.) 423 ). Mädchen, 
die K.er zu Grab tragen, dürfen das Haar 
nicht flechten, sonst fällt es aus 424 ). 

Eltern die ein K. verloren haben, tröstet 
man damit, daß sie einen Engel im Him¬ 
mel haben 425 ); wenn das 1. K. stirbt, 
kommen noch viele K.er nach 426 ). Mit 
vielem Weinen stört man der K.er himm¬ 
lische Freuden 427 )* denn K.er kommen 
sicher in den Himmel 428 ) und Gott macht, 
wenn immer ein K. stirbt, einen neuen 
Stern, und gibt ihn dem K. zum Spie¬ 
len 429 ). Maria führt die toten K.er am 
Johannistag in die Erdbeeren, und deshalb 
darf die Mutter vor diesem Tage keine 
essen 430 ). Im Glauben an das Glück der 
K.erseelen betritt das Heidentum an 
vielen Stellen den christlichen Himmel. 

Die Geltung der Taufe aber ver¬ 
schließt den ungetauften K.em den 
Himmel und überläßt sie einem friedlosen 
Irrlichterdasein, das der Volksglaube mit 
vielen bedeutsamen und wohl auch alten 
Zügen ausgestattet hat. Diese werden 
unter dem Stichwort ,,ungetauft“ ge¬ 
schlossen vorgeführt. 

408 ) Schulenburg 113. 409 ) Reiser Allgäu 2, 
293; Höhn Tod 320. 41 °) Grüner Egerland 61; 
John Westböhmen 175. 411 ) Reiser Allgäu 

2, 300; Höhn Tod 339; Sartori 1, 151 f. 
412 ) Drechsler 1, 295. 413 ) Ebd. 1, 297 f.; 

ZfVk. 5, 183 f. 414 ) John Erzgebirge 125. 
4ia ) Engelien und Lahn 250. 418 ) Meyer 

Baden 587; Wuttke § 734; Höhn Tod 320; 
Grimm Mythol. 3, 471 Nr. 974. 417 ) Höhn 

Tod 320. 418 ) SAVk. 15 (1911), 11. 419 ) ZfVk. 
17» 364. 42 °) ZfrwVk. 1908, 258; Sartori 

1, 151. 421 ) Köhler Voigtland 253; Kuhn 

u. Schwartz 436. 422 ) Antike Beispiele: 

Pfister Reliquienkult 1, 313 ff. 423 ) Sartori 

1, 158; Andree Braunschweig 318. 424 ) Sar¬ 

tori 1, 152. 425 ) Höhn Tod 336; Birlinger 
Volkst. 2, 408. 426 ) Unoth 1, 187. 427 ) Drechs¬ 
ler 1, 295. 428 ) John Erzgebirge 62. 429 ) Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 378. 43 °) Panzer Beitrag 

2, 13, 14; Mannhardt Germ. Mythen 428. 

Kummer. 

Kindbetterin s. Wöchnerin. 

Kinderbischof. In Nachahmung kirch¬ 
licher Sitten und im Gegensatz zu ihrem 
strengen Emst wählten im Mittelalter 
Schüler mit Genehmigung ihrer Vorge¬ 
setzten sich zu bestimmten Zeiten einen 


„Abt“ 4 ) oder gewöhnlicher einen 
„Bischof“. So namentlich in der Weih¬ 
nachtszeit, am Andreas-, Nikolaus-, Un¬ 
schuldige-Kindertage 2 ). Der Erwählte 
hatte die Befugnis, in der Kirche Gottes¬ 
dienst und Predigt und nachher mit den 
übrigen Knaben einen Umzug zu halten 
und Bewirtung oder Geschenke entgegen¬ 
zunehmen. Der Brauch hat seine letzte 
Wurzel wohl in den Satumaüen. — Ein 
„Bischof“ war oft auch bei den Frühlings¬ 
festen zugegen, die zur Feier des Gregorius- 
tages (12. März, im MA. Schluß der 
Winterschule) von der Jugend veranstal¬ 
tet wurden 3 ). Dieser Bischof hat an 
manchen sächsisch-thüringischen Orten 
Züge des Pfingstls angenommen 4 ). 

*) So in Hamburg: Handelmann Weih¬ 
nachten in Schleswig-Holstein 5; Tille Weih¬ 
nacht 31. 2 ) Sartori Sitte 3, 19. 53; SAVk. 

7, 121 i. 200 ff.; Bilfinger Julfest 72f., 
Künssberg Rechtsbrauch und Kinderspiel 42; 
Tille 31 f. 299 f.; Hertz Elsaß 39. 198 f. 
In den Niederlanden auch am Martinstage: 
SAVk. 7, 121; Jürgensen Martinslieder 13 f. 
— Über den Narrenbischof Erwachsener (in 
Deutschland, Frankreich, England): SAVk. 7, 
119 f* 200 ff.; Frazer 9, 3360.; Nilsson 
Jahresfeste 55 f.; ARw. 17, 141 f.; Globus 86 
(1904), 357f. 3 ) Sartori 3, 128; Künssberg 
42; Tille 300. 4 ) Spieß Fränkisch-Henneberg 

109 ff. 1130.; Sommer Sagen 153 f.; Mitteld- 
BlVk. 1, 84 t. 99 ff.; 2, 80 ff. Noch am Jo¬ 
hannistage wurde in Neunheiligen ein kleiner 
„Bischof“ herumgeführt: Ebd. 1, 101. 

Sartori. 

Kinderbrunnen s. Spalte 1349 ff. 

Kindergicht s. Freisen 2, 1724 ff., 
Gichter 3, 839 ff. 

Kinderherkunft (Kh.). 

1. Das religionsgeschichtliche Problem. 
2. Baum und Wald. 3. Wasser. 4. Stein und 
Berg. 5. Luftreich. 6. Kinderkauf. 7. Kinder¬ 
bringer. 

Eine eingehendere Darlegung des zu¬ 
gehörigen religionsgeschichtlichen 
Problems 1 ) ist hier unvermeidlich. — 
Die natürliche Herkunft der Kinder 
von der Mutter kann niemals zweifelhaft 
gewesen sein. Selbst die primitive Un¬ 
klarheit über den Erzeugerberuf des 
Vaters, an die Gelehrte glauben, kann, 
da sie nur jenseits des Beginns mensch¬ 
lichen Denkens 2 ) möglich ist (nie etwa 




1343 


Kinderherkunft 


1345 


Kinderherkunft 


1346 


bei Jägern oder Viehzüchtern), kaum in 
Mythos und Glaube gesucht werden 2a ). 
Wenn die Nord-Queensländer glauben, 
daß Geistwesen „in the distant west“ 
die Kinder machen, und dann beim Bad 
den Frauen unbemerkt eingeben 3 ), so 
wird auch hier nicht die Unkenntnis der 
dem Naturvolk stets vertrauten Natur, 
sondern die religiöse Suche nach der 
Herkunft des seelischen Lebens am 
Werke sein 38 ). Die „präanimistische“ Er¬ 
klärung reicht hier nicht aus. Der Mensch, 
auf Grund seelischen Besitzes sich vom 
Tier stets unterscheidend, sucht Heimat 
seiner Seele, solange er Mensch ist, und 
verwechselte sich auch in der Steinzeit 
nicht mit dem „Säugetier“. Darum er¬ 
fand er den Tieren weder Kinderbrunnen 
noch Paradies 4 ). 

Wenn man also in dem auf die Kh. 
bezüglichen Aberglauben und Märchengut 
nicht nur die schamhafte oder bequeme 
Verhüllung oder Umschreibung des 
Natürlichen vor dem fragenden Kinde 
sieht (wozu außerhalb der christlichen 
Sündenlehre sich selten Anlaß bietet), 
kann man einen dahinter vermuteten 
„uralten Glauben“ 5 ) nur auf das vom 
Körper bewußt getrennte Seelische 
beziehen. Dies vorausgesetzt, kann man 
sagen: „Was früher sinniger Glaube 
einer mit der Natur eng verbundenen 
Menschheit war, die überall in Stein, 
Baum und Wasser Leben sah, das hat 
die Phantasie späterer Geschlechter aus¬ 
gestattet und benützt, um den neugieri¬ 
gen Wissensdurst der Kinder zu befriedi¬ 
gen“ 6 ). Der Glaube, der so zum Kinder¬ 
märchen wird, ist nicht eine „kindliche 
Volksanschauung“, nach der die Kinder 
wirklich in Seen und Teichen wohnen 7 ), 
sondern wie aller Glaube eine sinnvolle 
Erkenntnis des Unsterblichen 8 ). — Er¬ 
kennt man in der großen Vielfältigkeit, 
Verbreitung, Ursprünglichkeit, Unchrist¬ 
lichkeit, Naturverbundenheit jener Vor¬ 
stellungen von der Kh., die so auffallend 
denen vom Totenort benachbart sind und 
so vielfältig an heidnisch-germanisches 
Glaubensleben erinnern, wirklich einen 
Rest alten Glaubens, so gewinnt man 
damit einen neuen Beleg für das alt- 


1344 

germanische Wissen um Seele und Un¬ 
sterblichkeit, und ein wichtiges Ar¬ 
gument gegen den Versuch, dieses Wissen 
auf Grund des Wiedergängerwahns prä- 
animistisch zu verengen. Diese Reste 
des Heidentums sagen nicht nur, daß 
„die Menschen bei der Geburt aus der 
Gemeinschaft der (naturbeseelenden) El¬ 
ben heraustreten und beim Tode in sie 
zurückkehren“ 9 ), daß also „die mensch¬ 
liche Seele nur ein Teil der Naturkraft 
ist“, sondern sie weisen auf den Glauben, 
im Seelischen einen Teil der göttlichen 
Kraft zu besitzen. 

Dieser Glaube von dem Seelenort der 
Ungeborenen und Gestorbenen steht 
durchaus fremd neben der mittel alt erl ich- 
christlichen Meinung von dem in Sünde 
empfangenen, durch Gnade befreiten, im 
Grabe harrenden und im Fleische auf¬ 
erstehenden Menschenleben. Er ent¬ 
stammt einer anderen Lösung des Leib- 
Seele-Problems; hinter den ungeborenen 
Seelen steht wie hinter den Toten die 
heidnische Gottheit, der kein Teufel 
das Irdische streitig macht. Jenseits 
des Sündenfalls und der Sündenpredigt 
glaubt der Mensch, noch nicht auf Er¬ 
lösung angewiesen, unmittelbar teil¬ 
zuhaben am Unsterblichen. 

Als Orte der Kh. werden alle die in 
heidnischer Kultübung bevorzugten Orte 
genannt. Sie haben nichts Unirdisches, 
sind im Gegenteil Herzpunkte des natür¬ 
lichen, irdischen Lebens, da der Heiden¬ 
glaube hinter „der Gottheit lebendigem 
Kleid“ noch nicht Frau Welt sah, die 
Verführerin. Wenn also in gewissem 
Sinne „alle deutschen Anschauungen (bzgl. 
Kh.) darin Zusammengehen, daß die 
Kinder aus der Erde stammen“ lo ), 
so ist das eher mit altgermanischem 
Diesseits-Glauben (vgl. „Tuistonem terra 
editum“; Tacitus, Germania c.2) als 
mit antiken Mysterienkulten von der 
Wiedergeburt aus der Erde zu erklären. 
Das Empor wachsen des Menschen 
innerhalb der heiligen Natur, der er 
durch Schuld entwächst, — im Gegen¬ 
satz zu der biblischen Einsetzung des 
Menschen über die unheilige Natur, 
der er im „Sündenfall“ verfällt, — 





Li 


ist die weltanschauliche Grundlage aller 
unserer Anschauungen von der Kh. Ihre 
Vielfalt brauchen wir daher weder auf die 
„Mutter Erde“ des Altertums noch auf 
die „Wolkengöttin“ Holda oder „den 
himmlischen Garten der Mondgöttin“ 11 ) 
zu verengen. Die „Wolkenmytho¬ 
logie“ 12 ), der auch „Baum wie Berg 
und Brunnen Abbild der Wolke“ 13 ), 
„Baum wie Teich, Meer, Fels und Berg 
Ausdrücke für Wolke“ 14 ) waren, mi߬ 
verstand diese weltanschauliche Grund¬ 
lage, als sie einer „im lichten Himmels¬ 
reich thronenden“ Göttin als der „großen 
Mutter der Menschen“, „das Reich des 
lebenerzeugenden Wassers“ unterstellte 16 ). 
Nicht eine germanische Wolkengöttin, 
noch eine antike „Mutter Erde“, braucht 
der Volksglaube bei seinen Träumen von 
der Allerseelenheimat in der „Brunnen¬ 
tiefe“ heiliger Natur 16 ); über den Mystiker, 
der die Gottesmutter „den Brunnen“ 
nennt, darein „diu lebendiu sunne“ 
scheint, macht er Maria selbst zur 
Herrin des Kinderbrunnens 17 ). 

Insofern weist an diesem Glaubensrest 
tatsächlich alles auf Germanisches, 
in gewissem Sinne „alles auf den Brunnen 
der Wurd oder Wergelmir“ 18 ) (oder 
„Mimirs Brunnen“), d. h. es weist zurück 
auf die altnordische Kunde vom Brunnen 
unter dem Weltenbaum, wo sich im 
„Ragnarök“ ein Menschenpaar birgt, und 
wo die Nomen aus edlem Blut (vel 
aettadar) Lebenswasser schöpfen und gute 
Geschicke schaffen w ). 

Im Gegensatz zur Anerkennung dieser 
Zusammenhänge hat man jedoch auch 
„in dem Ammenglauben (?) vom Holen 
der Kinder aus dem Teich“ „nur die 
Umdeutung einer realistischen Tatsache“ 
gesehen, und dementsprechend im 
manischen Heidentum „nur einen 
danken 




ger- 
Ge- 

an vorherige Gestaltung der 
Körper“ gefunden, denen dann (wie 
Ask und Embla in der nordischen Mytho¬ 
logie) 2°) „die Seele zuerteilt wird“ a ). 
Mit Hüfe dieses ersten Menschenpaars 
leitet Karl Helm zumal den Glauben von 
der Herkunft aus Bäumen zurück auf 
einen ihm „wahrscheinlichen“ germani¬ 
schen „Totemismus“, damit freilich besten- 

Bäcktold-Stäubli, Aberglaube IV 


falls ein Teilstück des gesamten Her¬ 
kunft sglaubens erklärend 22 ). Die Fragen, 
von wem und aus welchem Stoff der 
erste Mensch geschaffen wurde 23 ), sind 
im übrigen zu trennen von den Fragen, 
woher die Kinderseelen kommen, wer 
sie bringt (und warum die Mutter davon 
liegen muß). 

Die Herkunftsorte lassen sich ele¬ 
mentar verteilen auf „Baum und 
Wald“, „Wasser“, „Stein und Berg“, 
„Luft re ich“ und sind in der volkskund¬ 
lichen Literatur unübersehbar oft be¬ 
handelt 24 ). 

r ) Vgl. Dieterich Mutier Erde 18 ff.; Ploß 
Kind 1, 29 ff. 2 ) Der Ausdruck ,,prälogisches 

Denken“ ist in sich widerspruchsvoll und stiftet 
Verwirrung. 2a ) So wird man auch aus den 
Erzählungen, in denen der Genuß einer Frucht 
oder eines Trankes, Geruch einer Blume, Be¬ 
rührung durch Wind, Regen oder Sonnenstrahlen 
die Befruchtung herbeiführen, oder aus der An¬ 
wendung zahlreicher Zaubermittel (Essen von 
Früchten, Wurzeln, Insekten, Fischen, Eiern, 
Hasenfleisch, Salz, selbst von Totenknochen) 
oder gar aus den im Volksglauben geübten 
Berührungen mit Amuletten, heiligen Bildern, 
kirchlichen Geräten und aus Zeremonien des 
Mitsommerfeuers nicht mit Hartland schließen 
dürfen, daß einst eine allgemeine Vorstellung 
von außergeschlechtlicher Befruchtung an der 
Stelle der Erkenntnis des Natürlichen stand 
(Hartland Perseus ; ders. Paternity 1, 41 f.; 
2, 274 ff.; v. Reitzenstein ZfEthn. 41, 644). 
Unter dem, was dagegen spricht (v. Leon har di, 
Preuß, W. Schmidt), ist das Entscheidende 
der naheliegende Hinweis auf das Beispiel der 
Haustiere (Bolte ZfVk. 23, 209 f.). *) Hart- 
land Paternity 2, 75 f. *•) Vgl. den Wieder¬ 
geburtsglauben: Im Kind erkennt man den 
Ahnen, die ,,Ahnenseele“: Tylor Cultur 2, 
4f.; v. Gennep Rites de passage 75t.; Diete¬ 
rich Mutter Erde 23 ff.; ders. Nekyia 62. 
4 ) Bisweilen sagt man dem Kind, daß das Kälb¬ 
chen vom Heuloch heruntergefallen sei und 
der Bote das Füllen brachte, was für unseren 
Zusammenhang ohne Bedeutung ist; vgl. 
Birlinger Aus Schwaben 1, 343; Ders. Volksth. 
1, 140. 6 ) ZfrwVk. 3, 162. # ) SchwVk. 3, 79. 
7 ) Reichhardt Geburt, Hochzeit u. Tod (Jena 
1913) 1 f. *) Vgl. Lippert Christentum 556: 
„Unser Märchen von der Herkunft der Kinder 
bezieht sich in seinem ernsten Sinne nur auf 
die kindliche Spekulation über die Herkunft 
der Seelen derselben. Im Allgemeinen muß 
die Antwort lauten: Sie kommen vom Seelen¬ 
orte“. •) Sommer Sagen 170; Roch holz 
Sagen 1, 245; Kuhn Westfalen 1, 240. i0 ) Die¬ 
terich Kl. Sehr. 314, vgl. Mithraslit. 144 f.; 
„das Kind ist ja die Frucht der Erde“: Die¬ 
terich Mutter Erde 102. ll ) Fontaine Luxem - 

43 


1347 


Kinderherkunft 


1348 


bürg 144. 12 ) Vgl. Meyer Germ. Myth. 80 f. 

13 ) Mannhardt Götter 282 ff. 14 ) Kuhn West¬ 
falen 1, 240 ff. 15 ) Viele Darstellungen, so die 
von Ploß Kind 1, 1 ff. zeigen $ich von der 
Wolkenmythologie abhängig. 13 ) Vgl. Die¬ 
terich Mutter Erde 20 u. 64; Samter Geburt 
20 Anm. 1. 17 ) Roch holz Gaugöttinnen 128 ff. 

18 ) Hillner Siebenbürgen 17 f. 19 ) Vgl. Snorra 
Edda c. 14,Neckel, Thule Bd. 20, 630. 20 ) Edda, 
Thule 2, 76. 2X ) Meyer Religgesch. 86. 2a ) Helm 
Religgesch. 1, 162. 23 ) Vgl. Grimm Myth. 3, 

162 f. 24 ) Zusammenstellung der verschied. 
Örtlichkeiten Urquell 4, 224. 

2. Der Baum als Symbol 25 ) des auf¬ 
rechten, an Scholle und Sippe gebunde¬ 
nen Germanen ist von unseren Geburts¬ 
bäumen (s. d.) und Dorflinden zurück 
bis zu Donarseiche, Irminsul und 
Yggdrasil 26 ) eindeutig genug über¬ 
liefert. Hinter dieser Symbolik steht 
nicht „primitiver” Glaube an Wesens¬ 
gleichheit von Mensch und Baum, sondern 
Weltanschauung. 

Deshalb gibt uns die Belebung des 
ersten Menschenpaares aus Baum¬ 
stämmen 27 ) (Treibholz, Landnahme?, 
vgl. isländische Hochsitzpfeiler mit Thors¬ 
bild) neben der Bergung des, „Ragnarök” 
überlebenden, Menschenpaares 28 ) (unter 
dem Welten- und Lebensbaum), neben 
der Verehrung von Baum und Hain als 
Sitz der Gottheit (Nerthus, Donars¬ 
eichen) keinen Grund zur Suche nach 
germanischem (durchaus unwahrschein¬ 
lichen) „Totemismus”. Auch der Sem- 
nonenhain („inde initia gentis”) *•) hat 
wohl Bedeutung in diesem Zusammen¬ 
hang 30 ), und die rätselhafte Vorschrift 
der Fesselung und des Hinauswälzens 
Gestrauchelter gewinnt Sinn in einem 
Kultus, dem Bindung an den Wurzel¬ 
grund Leben — und Entwurzelung Tod 
gilt (vgl. Fällung der Donarseichen 
durch Missionare). 

Schwer zu entscheiden bleibt aber, 
wieweit im Einzel falle der Kh.sglauben 
von jenem „Heidentum” berührt ist. 
Und gewiß ist etwa bei dem Handwerks¬ 
burschenlied von den Mädchen aus Sach¬ 
sen, die auf Bäumen wachsen, reichlich 
Vorsicht am Platze 31 ). Ernster zu 
nehmen ist wohl schon der schwäbische 
Kinderreim: „Jetzt steig ich auf den 
Feigenbaum, und schüttel Buben runter. 


Es fallen etlich tausend ’rab. Es ist kein 
schöner drunter“ 32 ). 

Vereinzelt wird erzählt, daß die K.er 
im Garten in Kohlköpfen wachsen 33 ) 


im Garten in Kohlköpfen wachsen 33 ) 
(auch in England, Belgien, Frankreich 34 ), 
vgl. Engelköpfchen aus Rosen auf Pariser 
Hebammenschildem) 35 ) oder daß sie aus 
des Pfarrers Garten kommen 38 ), daß 
sie unter dem Buchsbaum (von der Heb¬ 
amme) ausgegraben werden, daß sie aus 
dem Weidengebüsch 37 ) oder aus einem 
bestimmten Waldstück (Kinderbusch) ge¬ 
holt werden 38 ) und im Walde Schwämme 
hüten 39 ). Zumeist aber wachsen sie in 
oder auf Bäumen 40 ) in Garten und 
Wald. Der Kinder- oder Kindlibaum ist 
unendlich verbreitet 41 ). Äpfel-, Birnen-, 
Pflaumen-, Nuß-Bäume, daneben Eiche, 
Weide, Esche, Lärche, Linde, Buche, 
Tanne (Kastanie) kommen vor 42 ), bis¬ 
weilen je nach Geschlecht verschieden 
(Birnbaum-Knaben, Zwetschgenbaum- 
Mädchen) 43 ). Oft sind es besonders 
ausgezeichnete, alte, vor allem aber hohle 
Bäume 44 ), z. B. hohle Esche 45 ), Eiche 46 ) 
und Weide 47 ), und bisweilen wird ein 
solcher bestimmter Kinderbaum („ Kindl i- 
buche”, „Tititanne” u. a. tt )) ehrfürchtig 
vor Gelärm und Axt geschützt (er blutet, 
wenn man hineinschlägt) 49 ) und aber¬ 
gläubisch verehrt 60 ). Es kommt vor, 
daß Tauf- und Hochzeitsgesellschaft an 
der als Kinderbaum bezeichneten Eiche 
rasten und scherzhafte Glücksorakel und 
Opfer (Schmücken mit Bändern, Be¬ 
gießen mit Branntwein) vollziehen. Die 
Sage begründet (nachträglich?) den 
Brauch damit, eine Taufgesellschaft habe 
einst hier bezecht den Täufling liegen 
lassen 51 ). Im alten Nußbaum hört man 
die Kinder schreien, wenn der Sturm 
die Blätter schüttelt 62 ). 

2S ) Vgl. bes. Mannhardt Baumkultus. 
28 ) Vgl. Baum, Weltesche und Wetterbaum, 
Kuhn i. ZfvglSpr. 1, 468 t. 27 ) Snorra Edda, 
GyJf. c. 9; Edda Vsp. 17 t. 28 ) I holti Hodd- 
mimis“, Edda Vm. 45; vgl. die Verwendung 
von Baumnamen als „Kenning" in der nor¬ 
dischen Skaldendichtung und Mannhardt 
Baumkultus 8. 29 ) Tacitus Germ. c. 39. 30 ) Trotz 
Helm Relgesch. 1,162, der eine herrschende Vor¬ 
stellung von der Wesensgleichheit zwischen 
Baum und Mensch annimmt; vgl. a. Meringer 
XF. 19, 2560.; Much WuS. 1, 39 ff. (Holz 


1349 


Kinderherkunft 


1350 


.jund Mensch) ; vgl. Sepp Sagen 125. 31 ) Golther 
Mythol. 526. 32 ) Rochholz Kinderlied 286. 

33 ) Kuhn u. Schwartz 469; Fontaine Luxem¬ 
burg 144; Urquell 4, 226 (Bretagne, Elsaß). 

34 ) Hartland Paternity 1, 41: ,,of the parsley- 

bed or the cabbage-bed". 35 ) Urdhsbrunnen 7, 
127. **) Liebrecht Gervasius 69. 37 ) Höhn 
Geburt 259. 38 ) Urquell 4, 224; ZfrwVk. 3, 162. 
32 ) Grohmann 105. 40 ) Vgl. für ältere Belege 
Grimm Mythol. 3, 162. ,,Frau-Hollenbäume“, 
Ploß Kind 1, 7. S. bes. Bugge Heldensagen 
544; Mannhardt Forschungen 307; Lieb¬ 
recht Gervasius 68. 171; Hofier Waldkult 45. 
60. 80. 82; Mannhardt Götter 284; Ders. 
Germ. Myth. 668 f., s. a. Lütolf Sagen 550; 
Sepp Sagen 125; Schlosser Galgenmännlein 92; 
Schäfer Verwandlung 6 ff.; Schwebel Tod und 
ewiges Leben 22 ff. 41 ) Für Westfalen vgl. 
Wöste in WolfsZ^. 2, 92 f.; für die Schweiz 
Rochholz Sagen 1, 87 ff. 42 ) Hillner Sieben¬ 
bürgen 17; Urquell 4, 224; Sepp Religion 375 ff. 
43 ) Gaßner Mettersdorf 5; Hillner Sieben¬ 
bürgen 17. 44 ) ,,Jungrationalistischer Zug" 

Helm Religgesch. i, 160; Heyl Tirol 805; 
ZfrwVk. 1913, 162; Bugge Heldensagen 

544. 45 ) ZfdMyth. 2, 345. 46 ) Sartori West¬ 
falen 77; ZfrwVk. 1913, 162; Urquell 4, 224. 
4? ) Birlinger Aus Schwaben 2, 232 f.; bezeich¬ 
nendes Kindheitserlebnis aus Bronners Leben 
1, 23 ff. 48 ) Höfler Waldkult 82. 42 ) Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 668; Dieterich Mutter 
Erde 19. 60 ) Urquell 1, 35. 61 ) ZfVk. 6 (1896), 
36. 82 ) ZfrwVk. 3, 162. 

3. Zum Lebensbaum gehört schon 
im Mythos der Lebensquell. So weiß 
auch die Volkskunde viel von der Kh. aus 
Brunnen, Quell, Bach, Fluß, Teich, See, 
Sumpf. Das Wasser als Lebensträger 
und Lebensspender 63 ), hat Denken und 
Glauben stets beschäftigt. Aus Fluten 
steigt im Mythos die neue Erde empor. 
Uber das Meer kommt der sagenhafte 
Held, wie er dann übers Meer zurück¬ 
fährt, in das „Jenseitige”, das zumal in 
alt irischen Sagen im Gegensatz zur 
christlichen Vorstellung ein irdisches 
Traumland ist (vgl. die altnordischen 
Schiffsbestattungen). In Cortryk (Bel¬ 
gien) soll es noch heißen, die Kinder 
kommen zu Schiff 54 ), wie die Hallig¬ 
kinder aus der Tiefe des Meeres kommen 55 ) 
und dänische Kinder „aus dem Salz¬ 
wasser'‘ 56 ). Auf Sylt „fischt” man die 
Kinder, desgl. auf Amrun (aus dem 
„Gänsewasser”) 57 ) und erzählt (Sylt), 
wie Ekke Nekkepenns Weib sich einst 
•einer Frau für Geburtshilfe erkenntlich 
zeigte 58 ). — Im Lande hat fast j eder 


Ort sein „Kinderwasser”; möglichst nahes 
fließendes oder stehendes Wasser aller 
Art 59 ), von großen Seen wie Bodensee 
und Titisee (Schwarzwald) 60 ) bis zur 
Ortsschwemme 61 ), oder der Lache auf 
der Wiese 82 ), der Wasserstelle zum Hanf¬ 
einweichen 63 ) u. a. Vielerorts trägt 
der „Kindleweiher” 64 ) oder „Kinder¬ 
teich” 65 ) besonders bemerkenswerte 
Namen. Aus der Fülle seien genannt: 
der „Gütchenteich” bei Halle 66 ), „Kinder¬ 
pfuhl”, „Hollenteich” 67 ) (Friesland), „der 
große und kleine Kindersoll” im Kreis 
Schievelbein 68 ), „Lüttekensdyk”, „Bur¬ 
dyke” (Iserlohn-Dortmund) 69 ); „Teu¬ 
chelgrube” (Marbach-Rottweil) 70 ), „der 
blaue Damm” (neben Schloßruine bei 
Flensburg) 7l ), der „Eselsteich” (Dassel 
am Solling), der „Krähenteich” bei 
Lübeck, der „Däbel” (mooriges Tief¬ 
land in Norddithmarschen) 72 ) u. a. Die 
Herkunft aus dem Moor scheint selten 
zu sein 73 ). Mehrere Vorstellungen vereint 
der See in der Zwergenhöhle, „über den 
noch keiner lebend gefahren ist” 74 ), oder 
der „Teich am roten Tor” (bei Glaucha), 
wo einst die Gräfin in schwarzer Kutsche 
versunken ist 75 ) u. a. m. 

Auch die Flüsse sind Kinderbringer. 
Die glucksenden „Gotterlöcher” der 
Donau bei Donaueschingen 76 ) werden 
besonders genannt. Neben der Donau der 
Neckar 77 ), der Rhein 78 ), die Spree 79 ), 
die Eider ®°), die Isar, die Weser (aus den 
die Fahrstraße bezeichnenden Tonnen) 81 ) 
u. a. 82 ). Die Kinder werden in den Flüssen 
gefischt oder aufgefangen, wie sie auch 
auf den Bächen zur Menschen Wohnung 83 ) 
geschwommen kommen M ), wie im Klein- 
kinderbach der Stadt Aarau dem 
„Seltenbach” im Luzemer Gebiet w ). 

Im Wasser schäum werden sie auf¬ 
gefangen, von der Hebamme herausge¬ 
schöpft 87 ) oder vom Geistlichen ge¬ 
fangen, der sie in Kraut kübeln (an die 
die „Häuserin” einmal wöchentlich Suppe 
gießen muß) 88 ) im Keller verwahrt 89 ). 
Auch der Wasserfall kommt als Ort der 
Kh. vor 90 ) und dann die Quelle 91 ), wie 
der „Hirschgumpen” zu Ebnat 92 ) u. a. 
Die „Gumpen”, „Hülben” auf der Alb, 
oder die „Matten” bergen Kindlein M ). 


1351 


Kinderherkunft 


1352 


Ul 


in 


zu 


Vor allem aber haben die Kinderbrun¬ 
nen eine ungeheure Verbreitung 94 ); sie 
liegen im oder beim Dorf (Stadt) 95 ) oder 
im Heimatdorf der Hebamme 96 ); solche 
mit besonders heilkräftigem Wasser schei¬ 
nen bevorzugt 97 ). Am bekanntesten 
sind (oder waren) der „Knäbleinsbom“ in 
Frankfurt a. M. 98 ), das Basler „Milch- 
brünneli“"), der sprachlich viel um¬ 
strittene 10 °) Gödebrunnen in Braun¬ 
schweig 101 ), der „GrÖnnerkeel“ in Flens¬ 
burg 102 ), der „Klingelspütz“ in Köln 103 ), 
der Alfredibrunnen („Saffrings Püttken“) 
in Essen, das „Clemenspüttchen“ in 
Werden 104 ) und der „Queckbrunnen“ zu 
Dresden (mit Storch verziert), nach dem 
zu Luthers Zeit schon gewallfahrtet 
wurde (Sage, daß sein Wasser fruchtbar 
mache) und neben dem eine Kapelle er¬ 
richtet wurde, die man wegen des die um¬ 
liegenden Kirchen schädigenden An¬ 
dranges der Abergläubischen wieder ein- 
gehen ließ 105 ). Ähnliches ist bekannt 
vom „Helgenbronn“ (Helgenbrunn i. El¬ 
saß), wo Mütter kranke Kinder baden, 
Fruchtbarkeit gewinnen u. a. 106 ). In der 
Tiefe dieser „Kinderbrunnen“, in den 
„Brunnenstuben“ 107 ), wo Frau Hol¬ 
le 108 ) oder Maria die Kleinen hütet, 
mischt sich eigentümlich Heidnisches und 
Christliches, Hölle und Himmel 109 ). Alte 
„Höllbrunnen“ gelten als „noch von den 
Heiden gegraben“ uo ) (vgl. die „Höll“ 
als Kinder-Brunnen m )), und manche 
Kinderbrünnen „führen zur Hölle“ 112 ). 
Die schlesische „Spillaholle“ bringt die 
faulen Kinder in den Brunnen und neu¬ 
geboren kinderlosen Eltern zu 113 ). Oder 
ein Brunnengeist verschenkt die Kinder 114 ) 
(Wassermann 116 )). Aber im Kuniberts¬ 
brunnen zu Köln sitzen die Kinder um 
die Gottesmutter, die ihnen Brei gibt und 
mit ihnen spielt 116 ); gerade vor Lieb¬ 
frauenkirchen stehen Kinderbrunnen 117 ); 
eine der Maria geweihte Kapelle (über 
einem Brunnen) kann selbst zum Ort der 
Kh. werden U8 ). Die Sage begründet 
den Bau der Kapelle mit einem Wunder: 
Ein Baum wurde gefällt, und man hörte 
Stimmen 119 ). — Frau Holle freilich 
güt uns nicht mehr so viel wie den Wol- 
kenmythologen, und wir verzichten auf 


den Versuch, hinter den verschiedenen 
mythischen Gestalten, die im Kinder¬ 
brunnen herrschen, eine germanische 
Gottheit zu erkennen (vgl. Kinderfrau, 
die den Teich beherrscht, und die Mutter 
mit der Sense verwundet 120 )). Wichtig 
ist, daß der Kinderbrunnen auch im 
Keller der Hebamme 121 ) und im 
Garten des Pfarrers gedacht werden 
kann 122 ). 

Es bleibt noch die Frage, was man von 
den Ungeborenen in der Tiefe hören und 
sehen kann. Nicht nur für Kinder er¬ 
dacht scheint es, wenn es heißt, daß unter 
der Erde ein Brunnen fließt: man hört 
das Rauschen und das Jubeln und Schrei¬ 
en der Kinder, wenn man das Ohr auf 
die Erde legt 123 ). Den Kinderglauben 
bestärkte bisweilen das Spiegelbild im 
Wasser 124 ) oder die Puppen, die man 
hineinwarf 125 ). So konnte man sehen, 
„ob wieder ein neues Kindli parat“ war 
(Schaffhausen). Oder man ließ das Echo 
helfen, dem fragenden Kind über die er¬ 
warteten Geschwister Auskunft zu ge¬ 
ben 126 ). In den Kinderteichen und Brun¬ 
nen hört man Geschrei, das verstummt, 
sobald man einen Stein hinein wirft 127 ), 
oder man sieht die Kinder als Fi sch lein 
umherschwimmen 128 ), stellt sie auch als 
Frösche vor, die sich vom Tau nähren 
und dann im Bach zu den Menschen 
schwimmen 129 ). Bisweilen läßt man 
die Kinder Gaben für die ungeborenen 
Geschwister, Backwerk und Blumen in 
den Brunnen werfen 13 °). Überzeugend 
für die Kleinen wirkt auch, wenn ihnen 
dasNeugeborene Zuckerwerk mitbringt 131 ). 

63 ) „Das fruchtbar machende Element“ 
Runge Quellkultus in der Schweiz 19. 54 ) Wolf 
Beiträge 1, 164. 65 ) Jensen Nordfries. In¬ 

seln 1 303. M ) Urquell 2, 147. 6? ) Jensen Nord¬ 
fries. Inseln 2 303; Urquell 4, 225. 5B ) Jensen 
Nordfries. Inseln 2 303. 69 ) Drechsler 1, 180; 
Urquell 5, 80 u. a. 60 ) Birlinger Aus Schwaben 
i, 191; Meyer Baden 9, 14. 61 ) Urquell 4, 225. 
62 ) Alemannia 24, 152; Meyer Baden 13. 
w ) Höhn Geburt 259. * 4 ) Birlinger Schwaben 1, 
191. * 6 ) Mannhardt Germ. Mythen 95; 

Egerland 4, 6; Pröhle Unterharz 4. 12. 140; 
Kuoni St. Galler Sagen 288 f.; Sommer 
Sagen 25; ZfrwVk. 1913» 162; Schulenburg 
103 u. a. 66 ) Sommer Sagen 25: Gütchen = 
Heimchen (Kuhn): Gütchen = Gode (Wolf 
Beiträge 1, 164). 67 ) Wolf Beiträge 1, 164: vgl. 


1353 


Kinderherkunft 


1354 


ZfdMyth. 1, 196. ® 8 ) Urquell 5, 255. ••) ZfdMyth. 
2, 92. 70 ) Höhn Geburt 259. 71 ) Urquell 5, 80. 
72 ) Ebd. 73 ) Kuhn u. Schwartz 300. 74 ) Roch- 
holz Sagen 1, 346. 75 ) Wolf Beiträge 1, 164. 

78 ) Meyer Baden 9. 77 ) Birlinger Volksth. 

1, 140; Höhn Geburt 259. 78 ) Meyer Baden 13. 

79 ) Schulenburg 103. 80 ) Urquell 2, 147. 

81 ) Strackerjan 2, 101. 82 ) Pollinger Lands¬ 
hut 238; Hillner Siebenbürgen 17. 83 ) Groh- 
mann 105. 84 ) Höhn Geburt 259; Meyer 

Baden 13; ZfdMyth. 2, 345; Lütolf Sagen 81. 
85 ) Rochholz Gaugöttinnen 129 f. 8Ö ) Ebd. 
(Name: Frau Saelde). 87 ) Meyer Baden 13; 
Dieterich Mutter Erde 19. 88 ) Oberinntal: 

ZfdMyth. 2, 345. ") Hillner Siebenbürgen 17 f. 
D0 ) Sehr a me k Böhmerwald 180. 91 ) Hillner 

Siebenbürgen 17. 92 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 
343; ZfVk. 8, 344. 93 ) Höhn Geburt 259. M ) Vgl. 
außer dem im Folgenden Angeführten noch: 
Mannhardt Götter 288 f.; Simrock Mytho¬ 
logie 35; Lippert Christentum 557; Pfannen- 
schmid Weihwasser 99; Schambach und 
Müller 59 f. 341; Spieß Fränk. Henneberg 97; 
Schmitt Hettingen 9; Sepp Religion 375 ff.; 
Lohmeyer Saarbrücken 7 i.\ Pröhle Unter¬ 
harz 102; Quitzmann Baiwaren 108; Hocker 
Volksglaube 224. 95 ) Meyer Baden 9. 90 ) Höhn 
Geburt 259. 97 ) Ebd. ® 8 ) Wolf Beiträge 1, 164. 
99 ) SchwVk. 3, 79. I0 °) Wolf Beiträge 1, 164. 

101 ) Sack Altertümer der Stadt Braunschweig 
(1841) 14 (, Joghetborn“, ,, Jördbrunnen“); 

Andree Braunschweig 286. 102 ) Mülienhoff 

Sagen 105; Birlinger Aus Schwaben 1, 191; 
Wolf Beiträge 1, 164. 103 ) ZfrwVk. 1913, 162. 
104 ) Ebd. 105 ) Meiche Sagen 647. 108 ) Rochholz 
Gaugöttinnen 60 f. 107 ) Grimm DWb. 5, 735; 
Birlinger Aus Schwaben 1, 191 u. a. 108 ) Gol- 
ther Mythologie 498 f.; Mannhardt Germ. 
Mythen 267. 109 ) Vgl. Meyer Germ. Mythol. 

279. 110 ) Meier Schwaben 1, 263. m ) Bir¬ 

linger Aus Schwaben 1, 191. U2 ) Meyer Baden 
10. 113 ) Weinhold Frauen i, 36; Wolf Beiträge 
i, 162; Rochholz Sagen 1, 245: vgl. Grimm 
Sagen Nr. 4, 73. 114 ) Mannhardt Germ. Mythen 
426. 115 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 186. 

uß) Wuttke § 27; Urquell 4 (1893), 224. 
117 ) Wolf Beiträge 1, 164. 118 ) ZfdMyth. 2, 344; 
SchwVk. 5, 5. 119 ) ZfdMyth. 2, 344. 12 °) Jensen 
Fries. Inseln 2, 303. iai ) Alemannia 25, 36. 
122 } Meier Schwaben 1, 263. 123 ) Urquell 4, 224. 
124 ) Höhn Geburt 259. I25 ) Schweizld. 3, 339. 

128 ) Birlinger Schwaben 2, 232 f. 127 ) Urquell 
5, 255; Bindewald Sagenbuch (1873) 28 f. 
128 ) Schulenburg 103; Meyer Baden 10; 
Höhn Geburt 259. 129 ) Grohmann 105. 

13 °) Schambach u. Müller 60. 131 ) Wolf 

Beiträge 1, 206 (Belgien); Andree Braun¬ 
schweig 286; ZfdMyth. 2, 92; Meyer Baden 14; 
Urquell 5, 80. 

4. Neben Wald und Wasser spielen 
Stein und Berg eine große Rolle im 
Kh.sglauben. Wie dort der hohle Baum, 
oder die Brunnen stube dem wachsenden 


Rationalismus entgegenkommt, so ge¬ 
winnt hier die Höhle, das Fels loch, 
Bedeutung. Ursprünglicher ist auch hier 
der gewachsene, ragende Fels oder 
Berg, der als Lebensspender vielfältig 
verehrt wird 132 ). Schwangere erfragen 
am „Kinderstein“ das Geschlecht der 
Kinder u. a. m. 133 ). Die Gelübde-, 
Opfer- und Göttersteine der Heiden, 
die Steinsetzungen („Leerthrone der Gott¬ 
heit“ 134 ), Totengedenksteine u. a.) ber¬ 
gen göttliche Lebenskraft, die sich der 
Mensch nutzbar macht. Die „heiligen 
Berge“, bevorzugt zum Kult, sind noch 
im heidnischen Island (Helgafell) 13fi ) frei 
erwählte Kraftzentren des Göttlichen, zu 
Gebet und Ratschluß bevorzugt und als 
Orte der Toten auch Herkunftsorte des 
neuen Lebens. Erst die christliche Inter¬ 
pretation des Heidenglaubens „an Stock 
und Stein“ läßt den Heidengott körper¬ 
lich im Stein sitzen. Erst in der Missions¬ 
zeit fällt der Totenort mit dem Grab zu¬ 
sammen, und es verwischt sich, zumal 
in der Vorstellung der Hel, der scharfe 
Unterschied zwischen dem Menschen und 
den unterirdischen Mächten, der die nor¬ 
dischen Mythen beherrscht. Der erste 
Bauer (Buri) erwächst nach dem Mythos 
aus dem Stein 136 ), und in Mythos und 
Märchen wird Lebendiges in Stein ver¬ 
wandelt (vgl. die Sagen von Felsge¬ 
bürten 137 ); von Erzeugung im Stein 138 ) 
u. a.). 

Der Glauben an solche Kinderfelsen, 
Kindersteine oder Kindlisteine 139 ) (in der 
Schweiz auch Titti-, Poppali-, Heubeeri-, 
Herdmandlisteine, „pierre ä bourdons“ 
u. a.) 14 °), die oft in Bach oder See lie¬ 
gen 141 ), begegnet in mancherlei Ab¬ 
wandlung, heftet sich zumal an auffal¬ 
lende, einzelne Felsen 142 ), die besondere 
Namen haben, z. B. Egglistein (Sisikon), 
Fluestein (Küßnacht) 143 ), Hochstein 144 ), 
Oefelisstein, Badlesstein 145 ) u. a. Aber 
auch der Steinbruch kann der Ort 
der Kh. sein 146 ). 

Die mit solchen Steinen in Zusammen¬ 
hang stehenden Sagen kann man weder 
„mit der bergebewohnenden Holde“ 
noch mit den griechischen Sagen von der 
{ Abkunft „dri nixprfi“ allein erklären 147 ), 


1355 


Kinderherkunft 


1356 


und auch die bisweilen auf tauchen den, 
hinter dem Stein wohnenden 148 ) oder die 
Kinder hütenden 149 ) Erdmännchen oder 
Zwerge helfen nicht weiter. Die Heb¬ 
amme ist es meist, die (im Aargau) mit 
goldenem Schlüssel den Stein auf schließt, 
oder mit goldenem Karst ihn hebt 15 °); 
denn oft sagt man, die Kinder liegen 
darunter 161 ), mitleidige Mädchen hören 
die Ungeborenen weinen, und mühen 
sich vergeblich, den Stein wegzuheben 162 ), 
und das Kranksein der Mutter erklärt 
sich damit, daß sie sich beim Heben des 
Steins überanstrengt hat 163 ). Schließlich 
heißt es in Baden, daß jedes Kind einen 
Zettel trägt, mit dem Namen der Eltern 
darauf 164 ). 

Eindeutiger ist die Vorstellung vom 
Aufenthalt der Ungeborenen in Fels loch, 
Höhle 166 ),Sch lucht und wilde mTal 156 ), 
so das „Holloch" bei Kranichfeld („Frau 
Holle" 167 )) oder die zur Flutzeit gefüllte 
Höhle unter dem „Ongersteine" 168 ). 

Bemerkenswert ist die Vorstellung vom 
Kinder trog im und unter dem Felsen 159 ), 
die „Jungfrau" im Schloßberge bei Te- 
gerfelden hat sogar zwei, einen für die 
Ungeborenen und einen für die gestorbe¬ 
nen Säuglinge, und sie ernährt jene mit 
wunderbaren Heilkräutern und diese mit 
Honig, weswegen die Bienen immer nach 
dem Schloßberg schwärmen 160 ). Mit 
der „Schatzkiste der Göttermutter 
Frigg" hat freilich keiner dieser Tröge 
etwas zu tun 161 ), und der „Kindelberg" 
(mit dem Kinderstein) nichts mit Tann- 
häusers Venusberg 162 ). Daß eine 
Jungfrau oder „weiße Frau" die Kin¬ 
der im Berge hütet, und der Hebamme 
hinreichte 163 ), weist in das Gebiet der 
Feensagen. 

132 ) Vgi b es Sebillot Folk-Lore 1, 333 t. 
IS3 ) Rochholz Gaugöttinnen 118. 1S4 ) Willi 

Pastor Aus germanischer Urzeit. 135 ) Eyr- 
byggjasaga, Thule Bd. 7. 186 ) Snorra Edda, 

Thule 20, 54. 1S7 ) Liebrecht Gervasius 171. 

188 ) Rochholz Gaugöttinnen 119. 138 ) Roch¬ 

holz Steinkultus 12 ff.; Ders. Naturmythen 
59 » 109; Rütimeyer Urethnogr. 396; Meyer 
Germ. Myth. 88; Waibel u. Flamm 1, 274; 
Lütolf Sagen 271; Hillner Siebenbürgen 171; 
Dieterich Mutter Erde 20. 64; Schambach 
und Müller 341; Argovia 3, 15; Samter 
Geburt 20. 140 ) SchwVk. 3, 78; Schwld. 1, 867; 


3, 338; SAVk. 1, 220; Grimm DWb. 5, 734. 
141 ) ZfdMyth. 3, 31. 142 ) Samter Geburt 20; 

Meyer Baden 14. 143 ) SchwVk. 5, 5. 144 ) 

Schramek Böhmerwald 180. * 48 ) Meyer 

Baden 14. 146 ) Höhn Geburt 259. 147 ) Wolf 

Beiträge 2, 361; Grimm Mythol. 1, 474. 

148 ) Rochholz Sagen 1, 288. 149 ) Ebd. 358. 

15 °) Rochholz Sagen 1, 288 (3 X Um¬ 

schreiten, Pfeifen, Rutschen über den Stein). 
151 ) Jensen Nordfries. Inseln 2 303. 152 ) SAVk. 
8, 308 (Einsiedeln). 153 ) Jensen Nordfries. 
Inseln 2 303. 154 ) Meyer Baden 14. 155 ) Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 256; Urquell 4, 225 u. a.; 
Meyer Germ. Mythol. 88. 1W ) ZfdMyth. 2, 345. 
18? ) Witzschel Thüringen 2, 68. 158 ) Wolf 

Beiträge 1, 171. 159 ) Meyer Baden 9; Kuhn 

Westfalen 1, 240. 18 °) Rochholz Sagen 1, 228; 
bei Reute im „Falkenloche" „summen" die 
Ungeborenen und wurden offenbar als Bienen 
gedacht; ZfdMyth. 2, 344. 181 ) Rochholz 

Sagen 1,245. 182 )Wolf Beiträge 1,171. lfi8 ) Meier 
Schwaben 263. 

5. Der Wolkenmythologie zum Trotz 
fehlt es fast ganz an Vorstellungen von 
Kh. aus der Luft und aus den Wolken 164 ). 
Der freundliche Gedanke, daß die Kinder 
vom Himmel fallen (und durch den Kamin 
ins Haus) 165 ) ist nicht tief im Volks¬ 
glauben verwurzelt, und der Stern des 
neuen Menschenkindes wird erst ange¬ 
zündet, wenn unten die Geburt sich voll¬ 
zog. Auch unsere beflügelten Kinder¬ 
bringer (s. u. 7) sind nur irdische Etappen¬ 
flieger, die aus nahem oder fernem Kin¬ 
derteich oder Stein die Kleinen holen. 
Wenn das „Lieb-Gott-Käferchen" (Ma¬ 
rienkäfer) ein Himmelskindlein bringt, 
so doch nur bis zum Kinderbrunnen, und 
von dort holt es „der gestiefelte Kater" 
ab 166 ). Und im Schweizer Fricktal 
rollt beim Donner ein Stein in das Kinder¬ 
wasser, und die Hebamme kann ein neues 
Kindlein holen 167 ). 

Der Bevorzugung derVögel als Kin¬ 
derbringer stellte sich zur Seite, daß 
man die die Kinderseelen entführenden 
Geister (Strigen und Lamien usw.) 
sich meist beflügelt, bzw. in Vogelgestalt 
vorstellte 168 ). 

Der „Seelenvogel" 169 ), wie er dem 
Munde des Sterbenden entflieht 170 ), hat 
im Kh.sglauben keine rechte Entspre¬ 
chung. Aus Tirol sind die Redensarten 
mitgeteilt: „Du bist noch mit den 
Mücken (mit den Feifaltem) herumge- 
flogen" 171 ). 


1357 


Kinderherkunft 


1358 


Insekten als K.erseelen meinte 
man in K.erliedem zu erkennen 172 ), be¬ 
sonders auch den griechisch-deutschen 
Seelen-Schmetterling 173 ), den „Son¬ 
nenvogel" eines westfälischen, zum K.er- 
lied gewordenen Zauberspruchs 174 ). Dem 
Engelland der K.erlieder hat man 
große Bedeutung beigelegt, dem Land 
der Engel und Elben, „der lichte Him¬ 
melsraum" 175 ), wobei doch wohl die Be¬ 
funde im Banne der wolkenmytholo¬ 
gischen Theorie überschätzt wurden. 
Der Name Engelland ergab gewisse Ge¬ 
dankenverbindungen auch ohne „Heiden¬ 
tum". Am christlichen Engelsglauben 
von den himmelsgesandten Kinderseelen 
ist „heidnisch" zunächst nur der darin 
versteckte Protest gegen die Lehre vom 
„Bösesein von Jugend auf"; das „Kinder¬ 
heer" der Perchta 176 ) (s. d.) und Ver¬ 
wandtes gehört nicht zum Kh.saber- 
glauben (s. a. „ungetauft"). 

164 ) Rochholz Sagen 1, 77; Mever Germ. 
Mythol. 62. 80 ff. 1M ) SchwVk. 3, 78. i® 6 ) Roch¬ 
holz Sagen 1, 345. 187 ) Wuttke § 60; Kuhn 
Westfalen 1, 240. 168 ) RhMus. 50, 1 ff.; ZfVk. 15, 
3 iss) Weicker Der Seelenvogel. 17 °) Vgl. über 
die Verwandlung der Seele in Vogelgestait 
Laistner Nebelsagen 561. 563. 568; Güntert 
Kalypso 215. m ) Mannhardt Germ. Myth. 
370; Zingerle Tirol 3; Güntert Kalypso 216; 
172 ) Mannhardt Germ. Mythen ; vgl. Seele als 
Grashüpfer Grimm Myth. 2, 692. 173 ) Mann¬ 
hardt Germ. Myth. 371 ff. 174 ) Heim in Fl. 
Jb. f. Kl. Phil. Suppl. 1893, 19, 514. 175 ) Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 346 ff. 176 ) Z. B. Eisei 
Voigtland 21; vgl. Waschnitius Percht 142 ff.; 
Grimm Mythol. 1, 229; Witzschel Thüringen 
1, 220; Heyl Tirol 752 f.; L. v. Schröder 
Rigveda 125; „Kinderhimmel" Sebillot Folk- 
Lore 1, 184. 

6. Zu der Kh. von Baum, Wasser und 
Stein tritt noch die nüchterne Vorstel¬ 
lung vom Kauf der Kinder. Der Vater 
kauft sie auf dem Markt 177 ) (im Kanton 
Zürich auf der Zurzacher Messe, im Kt. 
Appenzell in Lindau, im Zürcher Seeland 
auf der Post zu Uznach u. a.) 178 ), oder 
die Hebamme kauft sie am Brunnen 17e ); 
in Belgien bringt sie das Schiff auf den 
Markt 180 ), und oft ist die Hebamme 
selbst die Verkäuferin (s. Hebamme 6a). 

177 ) Höhn Geburt 259. 17S ) SchwVk. 3, 78. 

178 ) Meyer Baden 11. 14. 180 ) Wolf Beiträge 

1, 164. 


7. Erstaunlich vielfältig ist auch die 
Antwort auf die Frage, durch wen 
die Kinder gebracht oder geholt wer¬ 
den. Der bekannteste Kinderbrin¬ 
ger ist der Storch 181 ), der gewiß nicht 
wegen seiner roten Beine „mit dem Blitz¬ 
gott Donar in enge Beziehung" gesetzt 
werden darf 182 ). Im Gegensatz zu M ann- 
har dt muß man bezweifeln, daß der 
Storch als „der blitztragende Vogel der 
Urzeit" die Seelen als Lufthauch oder 
Blitzstrahl zur Erde brachte 183 ); ger¬ 
manische Auffassung, die das Gött¬ 
liche nie restlos in den Himmel projizierte, 
läßt die Gottheit (gerade Donar-Thorr) 
„mit Erdkraft genährt" sein. Die be¬ 
kannten Zusammenhänge zwischen Zeu¬ 
gung und Feuerbereitung konnten die 
zweifache Bedeutung des Storches (Blitz¬ 
träger, Feuerlöscher und Kinderbringer) 
— und damit die Begründung des Storch¬ 
aberglaubens im heidnischen Glauben 
an den eheweihenden und Blitze schleu¬ 
dernden Gott des nordischen Mythos — 
nur erklären, solange man unter dem 
Einfluß der Wolkenmythologie das fast 
völlige Fehlen der Belege für Kh. aus wirk¬ 
lichen Wolken (etwa im Blitzstrahl) über¬ 
sah 184 ). 

In der Schweiz ist der Storch als Kin¬ 
derbringer ganz jung, in Schwaben offen¬ 
bar selten 185 ), im Norden und in Schles¬ 
wig-Holstein, Ostpreußen 186 ) als „heiliger" 
Vogel bekannt, der die Kinder aus dem 
Sumpf 187 ) aus bestimmten Teichen 188 ), 
oder vom Stein im See 189 ) holt, durch 
den Schornstein ins Haus bringt 190 ) 
und die Mutter ins Bein beißt 191 ); biswei¬ 
len legt er dabei für die Geschwister noch 
etwas in die Wiege 192 ). Das gleiche Amt 
haben auch andere Tiere, so die Krähe, 
die die Kinder unter den Steinen im Ge¬ 
birge holt (oder aus dem Walde) und 
aufs Fenster legt 193 ), oder sie im Teich 
findet und in den Kamin wirft 194 ); ähn¬ 
lich die Elster 195 ), der Schwan 196 ), ja 
der Marienkäfer 197 ). Auch Esel und 
Hase 198 ) werden genannt. Die unehe¬ 
lichen Kinder „niest der Esel hinter 
den Zaun" 199 ). 

Im übrigen zeigen sich außer der Heb¬ 
amme, die ja begreiflicherweise leicht 




1359 


Kinderkleid—Kinderlied 


Kinderopfer 


1362 


den Kindern als die Kinderbringerin er¬ 
scheint (s. Hebamme C), mancherlei 
Personen mit dem Amt betraut, „die 
allein den Ort der Kh. genau kennen“ 200 ). 
Die Kinderbringerin mit Rechen, Korb, 
Tasche, Koffer 201 ) oder einer Butte 202 ), 
die „alte Frau“, „böse Frau“, „weise 
Frau“, „Fei“, „Botin“, „Wib, das umme- 
rennt“ 203 ), „Muelteweiblein“ 204 ), „Bade- 
mutfer“ 205 ) (Wasserjungfer) 206 ), ist nicht 
von vornherein die Hebamme, sondern 
ein Mittelglied zwischen jener die Kinder 
hütenden „Brunnenfrau“ oder „Wei¬ 
ßen Frau“ (von der sie die Kinder emp¬ 
fängt 207 )), und der den Kindern als Kin¬ 
derbringerin erscheinenden Geburtshel¬ 
ferin, deren Tätigkeit auch dem sogen, 
„prälogischen Denken“ (s. o. Anm. 2) nie 
unklar war. So ist es auch möglich, daß 
selbst die Nonnen eines Klosters in den 
Ruf kommen, die Kinder am Kindlistein zu 
holen 208 ), und daß andererseits neben 
weiblichen auch männliche Kinder¬ 
bringer auf treten, der Hirt, der Wald¬ 
bruder 209 ), bei Innsbruck der Mann aus 
dem Duxer Tal 210 ) und andere irgendwie 
volkstümlich-absonderliche Personen 211 ). 
Schließlich sogar der Niklaus oder Niko¬ 
laus, der die Kinder vom Baum holt 212 ), 
und den man nicht als „Nicker“ zur mi߬ 
verstandenen Brunnenfrau 213 ) zu ma¬ 
chen braucht; denn der Kh.sglaube steht 
nicht unter dem Zeichen einer heid¬ 
nischen Göttergestalt, sondern unter 
dem Zeichen eines „heidnischen“ Be¬ 
griffs von der Herkunft des seelischen 
Lebens. 

i81 ) Dieterichs Ablehnung: „Hat er doch auf 
keinen Fall mit der Herkunft der K.er etwas 
zu tun“ (Mutter Erde 20), ist zu scharf. 
182 ) „Thunars Vogel, der die Kinder aus Huldas 
Wohnung holt“, ZfdMyth. 2, 91; Kuhn West¬ 
falen 1, 240. 183 ) Vgl. Ploß 2 1, 6 f. 184 ) Vgl. 

Hassencamp im Globus 24, 23. i85 ) Bir- 

linger Volkst. 1, 140. 186 ) Frischbier Natur¬ 
kunde 302. 187 ) Z. B. auf Föhr: Jensen Nord¬ 
fries. Inseln 2 303. 188 ) Urquell 4, 225 (Schei¬ 

dingen, Erfurt, Halberstadt). 189 ) Fluestein auf 
Seegrund an der Rigi bei Küßnacht SchwVk. 
5, 5. 18 °) Kück Lüneburg 160; Mannhardt 

Germ. Mythen 272; Hillner Siebenbürgen 17; 
Sartori Westfalen 77. 1M ) Urquell 4, 226; 

Pollinger Landshut 230. 18a ) Urquell 4, 226. 
188 ) Grohmann 105. 194 ) Rogasener FamBl. 5 
(1901), 8. lM ) Hoffmann-Krayer 23 f.; 


1360 


Meyer Baden 12. 1M ) Mannhardt Germ. 

Myth. 343; Sepp Religion 379. 197 ) Ebd. 272; 
Rochholz 1, 345. 198 ) Mannhardt Germ. 

Myth. 410; „Hasennest“ (Brunnen) in Kißlegg, 
Schwaben, Birlinger Volkst. 1, 140. 199 ) Kück 
Lüneburg 160. 20 °) SchwVk. 3, 77. 201 ) Meyer 
Baden 10. 202 ) Toggenburg Neuausg. 1910, 9. 
108 ) Meyer Baden 10; Wrede Eifeier Volksk. 
102. 204 ) Reiser Allgäu 1, 117. 205 ) Schulen- 
bürg 108. 208 ) Schambach u. Müller 60. 

207 ) Meier Schwaben 263. 208 ) SAVk. k 8, 308: 

bei Einsiedeln. 209 ) Schweizld. 3, 338. 
ZfdMyth. 2, 345. 211 ) SchwVk. 3, 77. 

Ebd. 3, 78. 213 ) Wolf Beiträge 1, 164. 

Kummer. 


Au 

210 } 

212 } 


Kinderkleid s. Kleid. 

Kinderlied. Allgemein nimmt man an, 
daß sich gerade im K.*) alte, vorchrist¬ 
liche Gedanken, Begriffe, Namen 
und Kult Übungen in Resten erhalten 
haben 2 ), besser oft, als in der Welt der 
Erwachsenen, was zumal aus einer starken 
Übereinstimmung von Island bis zu 
den Alpen gefolgert werden kann 3 ), und 
was schon dadurch wahrscheinlich wird, 
daß sich vielfach das Volkslied im K. 
aufgelöst zeigt 4 ). Man vermutet den 
Abstieg von einstiger kultischer Bedeu¬ 
tung 5 ) (vgl. Nachklänge alter Zauber- 
und Runen-Lieder 6 )) bis auf die 
Stufe nicht mehr verstandener und des¬ 
halb auch kirchlich nicht beachteter K.er. 
Die K.er, wie die Kinder-Sprüche und 
Reime, begleiten nicht nur alle großen 
und kleinen Feste des Jahres, sondern 
zeigen auch eine besonders innige Ver¬ 
bundenheit mit der Natur, mit den 
Jahreszeiten 7 ), besonders mit der 
Tierwelt 8 ). 

Mythologische Anklänge hat man 
vielfältig diesen Liedern (z. B. dem „Mai¬ 
käfer, flieg!“) 9 ) abgelauscht 10 ), wobei 
natürlich die jeweils persönliche Auf¬ 
fassung vom germanischen Heidentum 
und von der Bedeutung mythischer 
Namen und Erzählungen die Deutung 
bestimmte. Schon Ploß n ) mahnt zur 
Vorsicht vor jenen Auslegungen, die zu 
seiner Zeit „den Männern vom Fach“ 
geläufig waren, z. B. jene, die den „alten 
Kaiser“ im Ringelreihen ohne weiteres 
mit „Odin in seiner Wolkenburg“ gleich¬ 
setzt 12 ). 




*) Rochholz Kinderlied ; Wehrhan 
lied\ BÖckel Handbuch ; Hruschka und 
Toischer 379 ff.; vgl. u. a. Laube Teplitz 
62 ff.; Reuschel Volkskunde 2, 133; Ethn. 
Mitt. a. Ungarn 5 (1896), 108 ff.; Pollinger 
Landshut 344 f. 3 ) Wolf Beiträge 2, 385; Gün¬ 
ter t Kalypso 216; Vernaleken Mythen 62; 
Mannhardt Germ. Mythen bes. S. 373 f. 386 f. 
483 ff. 524 g. 3 ) ZfVk. 5, 189. 4 ) Arnim- 

Brentano Des Knaben Wunderhorn (Anhang); 
W. Grimm Kl. Sehr. 1, 398; Uhland V.L. 

7 ff.; Rochholz K. 201; Böckel Handbuch 
132; Dähnhardt Volkst. 2, 61. 5 ) Sain- 

tyves Les Liturgies popul. rondes enfantines 
usw., Paris 1919; Bücher Arbeit und Rhythmus 
325 ff. 381. 384. ®) Grimm Mythol. 2, 1190; 

Rochholz K. 182; Ploss Kind 2 2, 312. 
7 ) Ploss Kind 2 2, 315. 8 ) Ebd. 312 f.; Stracker- 
jan 2, 206; vgl. die „Kinderpredigt“: Ein 
Huhn und ein Hahn / Die Predigt geht an / 
Ein Katze und eine Maus / Die Predigt ist aus; 
Urquell NF. 1, 10. 9 ) RTrp. 7 (1892), 758; 

Mannhardt Germ. Mythen 347 f.. 10 ) Z. B. 

Panzer Bayer. Sagen 545. xl ) Ploss Kind 2 
2, 317. 11 ) Für solche Reihenlieder vgl. Müllen- 
hoff Sagen 484; Frischbier Preuß. Volksreime 
157 ff.; Köhler Volksbrauch 182; Schulen¬ 
burg Wend. Volksth. 178 u. a. Kummer. 

Kinderopfer. 1. Die uralte Sitte des 
Menschenopfers forderte ursprünglich, daß 
die Mächtigsten und Vornehmsten, die 
Könige und Adeligen, als Opfergabe dar¬ 
gebracht würden, waren sie doch die 
manamächtigsten, die Gottnächsten x ). 
So opferten die Schweden ihren 
König Olaf dem Odin für ein gutes 
Jahr 2 ). Später traten verschiedene 
Ersatzopfer an die Stelle des Königs¬ 
opfers, das nur in größter Not noch fak¬ 
tisch vollzogen wurde; man schlachtete 
Gefangene, Sklaven, Verbrecher, auch 
Tiere. Am naheliegendsten (und wirk¬ 
samsten) war aber, statt des Königs den 
Königs-Sohn, später ein beliebiges Kind 
einer vornehmen Familie, zuletzt irgend¬ 
ein Kind den Göttern zu verwenden. 
Als in Thessalien Hungersnot herrschte, 
wollte König Athamas auf Anraten eines 
durch die teuflische Stiefmutter ver¬ 
fälschten delphischen Orakels seine 
beiden Kinder Phrixus und Helle opfern. 
Um Artemis zu versöhnen, opferte 
Agamemnon seine Tochter Iphigenie. 
König Mesa von Moab schlachtete seinen 
Sohn auf den Mauern der Stadt, als er 
von den Israeliten bedrängt wurde 4 ); 
..da kam ein eewaltieer Zorn über Israel. 


so daß sie von ihm abzogen und zurück¬ 
kehrten“. Unzählige Drachensagen be¬ 
richten von der Opferung, bzw. Preisgabe 
von Königstöchtern an ein das Land ver¬ 
heerendes Ungetüm, wobei freilich der 
Held oft die Vollziehung des Opfers im 
letzten Augenblick hindert. So schickten 
die Athener alle 7 Jahre als schuldigen 
Tribut für den Minotaurus sieben Jüng¬ 
linge und sieben Jungfrauen nach Kreta. 
Eine elsässische Sage berichtet von fürch¬ 
terlichem Elend im Lande, das nur durch 
Ertränken eines Kindes im See hätte 
abgewendet werden können. Tatsächlich 
erlosch die Seuche erst, als der jüngste 
Sohn eines vornehmen Geschlechtes er¬ 
trunken war 5 ). Bisweilen entsteht das 
bedrohliche Elementarereignis nur, weil 
der Gottheit das von ihr erwählte Opfer 
vorenthalten wurde 6 ). Es wird auch von 
regelmäßigen K.n zur Frühlingszeit be¬ 
richtet 7 ). 

K. dienen auch dazu, schwindende 
Körperkräfte zu erhalten. König Aun 
oder On von Schweden opferte neunmal, 
jedes neunte Jahr, einen von seinen zehn 
Söhnen dem Odin; und so konnte er 
bis weit über die menschliche Lebenszeit 
sich erhalten. Als er auch den zehnten 
opfern wollte, verwehrte es das schwedische 
Volk, so daß er sterben mußte 8 ). Einen 
schauerlichen Nachklang solcher K. bieten 
auch die Erzählungen von den „schwarzen 
Messen“. Spuren davon bieten die zahl¬ 
reichen Hexensagen mit ihren Berichten 
vom Ausreißen und Essen der Kinder¬ 
herzen ®). Kinderleichen, insbesondere 
solche ungeborener oder ungetaufter Kin¬ 
der, dienen zu mancherlei Zauber 10 ); 
man verbrennt sie etwa zu Asche und 
bereitet daraus einen Teig, der Obstbäume 
und Weinstöcke zum Verdorren bringt, 
ja auch auf Menschen Gift Wirkung ausübt. 

Von Giles de Laval, Marschall von 
Frankreich, wird erzählt, daß er den 
Dämon, der ihm bei der Goldmacher¬ 
kunst helfen soll, „gleich zum Einstand 
das Herz, die Hand und das Blut eines 
Kindes darbringt“. Später lockt ein 
altes Weib für ihn Kinder an; schließlich 
schlachtet er dem Dämon auch sein 
eigenes ungeborenes Kind 11 ). 



I363 Kinderraub 1 364 


2 ) Jahn Opfergebräuche 64. 2 ) Ynglinga Saga 
47. 3 ) Frazer Der goldene Zweig 423. 4 ) II. 

Kön. I 3, 6 ff. 5 ) Stöber Elsaß 169 Nr. 93. 

•) Mülhause Hessen 2590. 7 ) Grimm Myth. 

3, 25 ff. ®) Frazer a. a. O. 423; ders. 
Folklore in the Old Testament 2, 213. 9 ) Grimm 
Myth. 3, 25. 10 ) Wuttke 126 § 484. 11 ) 
Görres Christliche Mystik 5, 464. 

2. Abgesehen davon wurden gewissen 
Gottheiten regelmäßig K. gebracht. Am 
bekanntesten ist dies von den semitischen 
Molochgestalten 12 ). Im Alten Testament 
spielt das Opfer der Erstgeburt eine be¬ 
sondere Rolle. In der Erzählung von der 
Opferung Isaaks wird berichtet, daß das 
Menschenopfer durch Tier-Ersatzopfer ab¬ 
gelöst worden sei 13 ); aber auch noch in 
späterer Zeit wird von der Opferung bzw. 
Auslösung der Erstgeburt von Mensch 
und Tier gesprochen 14 ). 

Im deutschen Aberglauben ist jene 
Variante am häufigsten, daß das Kind 
einer himmlischen oder dämonischen 
Macht von den Eltern vor der Geburt 
oder aus anderen Gründen versprochen 
worden war; bisweilen muß die Hingabe 
dann nicht durchgeführt werden. Hierher 
gehören die Märchen von dem ,,Marien¬ 
kind'‘ oder Rumpelstilzchen-Typus und 
die zahllosen Teufelssagen, wo der Teufel 
sich ein Kind versprechen läßt, um das 
er dann durch List oder Fömmigkeit ge¬ 
prellt wird. 

12 ) Frazer a. a. O. 410. 13 ) Gen. 22. 14 ) 

Ex. 13, 12 ff. 

3. Kinder finden auch mit Vorliebe bei 
Bauopfem (s. d.) Verwendung 15 ). Hier 
kann es sich manchmal auch umErsatzopfer 
für Erwachsene handeln 16 ). Meist wird 
aber das Kind gewählt worden sein 17 ), 
weil seine ungebrochene Jugendkraft und 
Unschuld kräftigeren Zauberschutz für 
das Bauwerk erhoffen ließ. Dafür spricht 
der Umstand, daß die geopferten Kinder 
meist lebendig eingemauert wurden, und 
daß man besonderes Gewicht darauf 
legte, sie bei guter Laune zu erhalten 18 ). 
Man gab dem Kinde etwa eine Semmel 
oder ein Stück Schmalzbrot in die Hand 
und begrub es, während es noch mit 
diesen Genüssen beschäftigt war. Die 
Kinder verschaffte man sich durch Raub. 
Man kaufte sie auch den Müttern ab, 
ließ etwa auch die Mütter Zusehen. 


Analoge Bräuche werden von den Dschag- 
ga berichtet, wo auch Söhne der ältesten 
Adelsgeschlechter lebendig begraben wur¬ 
den, um das Land gegen die Feinde zu 
bewachen und den Eltern zwar Ersatz 
gegeben wurde, aber verboten war, um 
die so hingemordeten Kinder zu trauern, 
damit es nicht deren guten Willen ver¬ 
mindere, für ihr Land das Beste zu tun. 

16 ) Zur Sage vom eingemauerten Kind vgl. 
NdlTVk. 32, 1—13 (mit reicher Lit.); Lieb¬ 
recht ZVolksk. 286 ff. 18 ) Eisei Voigtland 
252 Nr. 630. 17 ) Bechstein Sagenschatz 4, 

157; Strackerjan 1, 108; Rochholz Sagen 2, 
93. 18 ) Wuttke 281 § 440. M. Beth. 

Kinderraub. Kleine Kinder, als noch 
nicht ganz dem Geisterreiche entzogene 
und dem Irdischen verhaftete Seelen¬ 
wesen, sind mannigfachen Angriffen von 
seiten der Geisterwelt, insbesondere der 
Elben und Kobolde, ausgesetzt und hilf¬ 
loser gegen sie als Erwachsene 1 ). Am ge- 
fährdetsten sind die Säuglinge während 
des Wochenbettes der Mutter und vor 
ihrer Taufe. In dieser Zeit müssen sie 
bei Tag und Nacht vor dem Angriffe der 
Zwerge 2 ), Wichtel 3 ), Nixen 4 ) oder 
anderer Kobolde 5 ) bewacht werden. Alle 
diese stehlen die Kinder und legen an 
ihrer Stelle einen Wechselbalg in die 
Wiege Ä ). Die erwachende Mutter sieht 
zwei Kinder nebeneinander, und wenn 
sie nicht nach dem richtigen greift, so 
ist ihr das eigene verloren 7 ). Darum 
darf die Mutter nicht einnicken, wenn 
nicht jemand bei dem Kinde wacht; 
Mutter und Kind sollen überhaupt nicht 
allein bleiben 8 ). Außerdem werden noch 
verschiedene Abwehrmittel gebraucht. In 
das Wickelband wird ein Stück Brot 
und Salz gesteckt 9 ), oder ein Stück 
Stahl, ein Messer, am besten ein be¬ 
kreuztes oder zwei kreuzförmig gelegte, 
eine (kreuzförmig gelegte) Schere 10 ), ein 
Schlüssel n ), ein Amulett, rotes Band 12 ), 
Dosten, Dorant und Kümmel 13 ). Die 
Hosen des Vaters 14 ) oder irgend ein 
anderes Kleidungsstück desselben werden 
zum Schutz über die Wiege gebreitet. 
Man steckt auch ein Messer oder einen 
Dolch so hinein, daß die Spitze heraus¬ 
ragt, damit sich die nahenden Unholde 


1365 


Kinderschreck 


1366 


daran verletzen 15 ). Ein Kreidestrich 
auf der Fuge zweier Dielen ist auch ein 
unüberst eigliche s Hindernis für den 
Wechselbalg 16 ). 

Wenn die Butte (der Wechselbalg) 
bereits einen Tropfen Muttermilch ge¬ 
kostet hat, ist das vertauschte Kind nicht 
wieder zurückzubekommen, deshalb darf 
die Mutter dem Kinde nur vorsichtig die 
Brust geben 17 ). Doch gibt es mancherlei 
Methoden, um die Räuber wieder zum 
Rücktausch zu bewegen. Sei es, daß man 
den Wechselbalg mit einer einjährigen 
Haselrute prügelt 18 ), sei es, daß man 
ihn vor die Türe legt 19 ), daß man ihm 
die Nahrung verweigert 20 ) oder ihn ins 
Wasser wirft 21 ) oder ihn durch ein unge¬ 
wöhnliches Tun zum Eingeständnis bringt, 
daß er kein richtiges menschliches Kind 
ist 22 ), kann man das richtige mensch¬ 
liche Kind wieder erhalten. Einmal 

hat ein Kindermädchen, im Zusammen¬ 
hang mit einer Wette, es auf sich ge¬ 
nommen, nachzusehen, was der beständige 
Lichtschein im Keller eines Hauses be¬ 
deute. Da rief es: „Guckst du hin, so 
werf ich“. Sie antwortete: „Wirfst du, 
so hasch* ich“ und hob ihre Schürze. 
Da lag ein Kind darin, in welchem ihre 
Herrschaft das ihre erkannte, der Wechsel¬ 
balg aber war verschwunden tt ). In 

vielen Sagen ist Rückgabe des eigenen 
Kindes Belohnung für gute Behandlung 
des Wechselbalgs. 

Es wird auch Raub größerer Kinder 

berichtet. Die wilden Weiber locken 

durch Musik die Kinderfrau von ihnen 
fort, dringen dann durch das Fenster 
ein und entführen die Kinder in der 
Windsbraut 24 ). Ebenso die Waldgeister, 
der Salvanel, die Fanggen, die böhmische 
Waldfrau 25 ), der Alp, Frau Holle ae ). 
Der Kornengel raubt die Kinder, welche 
sich bei Pflücken der Kornblumen zu 
tief in das Getreide wagen 27 ). Dasselbe 
droht von der Kommuhme 28 ). Auch 
Hexen rauben Kinder 29 ). Sie sind oft 
Menschen- bzw. Kinderfresserinnen, wie 
z. B. das Märchen von Hansel und Gretel 
voraussetzt. Eine hexerische Spinnerin 
hat bei Lebzeiten Kinder in Katzen ver¬ 
wandelt und dann auf dem Blocksberg 


verzehrt. Nach ihrem Tode wurde sie 
in eine Eiche gebannt. Aber noch immer 
schnurrt ihr Spinnrad und die schönsten 
Blumen blühen Sommers und Winters 
in einem kleinen Umkreis derselben, um 
Kinder anzulocken, denn beträte ein 
Fuß diesen Raum, so wäre sie erlöst a0 ). 

Letzte Reste jener alten Überliefe¬ 
rungen sind die Traditionen, daß wilde 
Tiere, besonders Adler oder Lämmer¬ 
geier, Kinder rauben und in ihren Horst 
schleppen 31 ). Der frühe Tod eines Kindes 
wird auch ganz allgemein dahin auf gef aßt, 
daß es von Dämonen geraubt worden 
sei 32 ). 

l ) Mannhardt Germ. Mythen 310; Beth 
Religion und Magie 2 245 ff. 311. *) Grimm 

Myth. 2, 886. 3 ) Alpenburg Tirol 110. 4 ) 

Eisei Voigtland 31 Nr. 61. 6 ) ZfVk. 25, 121. 

•) Kuhn und Schwartz 29 ff. 105. 480; 
Wolf Beiträge 2, 321; Mülhause 28; Weber 
Indische Studien 5, 260. 7 ) Wuttke 360 

§ 583. 8 ) Grimm Myth. 3, 453 Nr. 564. •) 

Ebd. 10 ) Wuttke 359 §581- n ) Grimm 
Myth. 3, 450 Nr. 484. 12 ) Wuttke 359 § 581. 

13 ) Eisei Voigtland 52 Nr. 118. 14 ) Grimm 

Myth. 3, 451 Nr. 510; Wuttke 359 § 581. 
1S ) Grimm Myth. 3, 453 Nr. 565. 1Ä ) Wuttke 
359 §581. 17 ) Ebd. 359 § 582. 18 ) Ebd. 361 

§ 585. 1«) Ebd. *«) Köhler Voigtland 481. 

21 ) Wolf Beiträge 2, 303. **) Wuttke 361 

§ 585. 23 ) Eisei Voigtland 163 Nr. 445. a4 ) 

Vernaleken Mythen 249; Grohmann Sagen 
127 ff. **) Mannhardt 1, 153. M ) Köhler 
Voigtland 480. ,7 ) Wolf Beiträge 2, 275. M ) 

Rochholz Glaube. 2 *) Grimm Myth. 2, 898. 
30 ) Eisei Voigtland 91 Nr. 228. 81 ) Rochholz 
Sagen 383. 82 ) Frazer Folklore in the Old 

Testament 2, 170. M. Beth. 

Kinderschreck, Popanz. Primitive 
Phantasie unverständiger Erzieher hat 
wohl zu allen Zeiten x ), bald in mehr 
spielender, bald in ernsterer Weise mit 
Schreckgestalten gearbeitet, die dazu 
dienen sollen, gewissen Erziehungsgrund¬ 
sätzen den nötigen Nachdruck zu ver¬ 
leihen. Ob es gilt, des Kindes Unarten, 
Trotz, Geschrei zu überwinden, es zu 
Gebet und Frömmigkeit anzuhalten, es 
bei Dunkelwerden von der Straße ins 
Haus und ins Bett zu scheuchen, oder 
es von gefährlichen Orten (Wasser, Korn¬ 
feld u. dgl.) femzuhalten, stets ist ein 
„Schwarzer Mann", „Bumann“, „Böög- 
gel", oder wie der Popanz sonst heißt. 



136; 


Kinderschreck 


1368 

zur Hand, der das Kind „holt“ oder klaas, B(r)ummeluks, Bummermann, 
irgendwie anders straft, wenn es den Bummkerl, Mummkerl, Mümmelmann 
Weisungen der Erwachsenen nicht folgt. Mummumm 3 ), Wullekärl, Wullemann 
Nur verhältnismäßig selten entstehen Lollekerl, Lollemann, Bollewatz, Wulle- 
dabei ganz neue Gestalten, die allein watz, Wullewackes, Wuwelax 4 ) (vgl. 
dem pädagogischen Zwecke dienen wie Buwatz) 5 ) usw.; „der Bullermann ist 

a \ W u n .' eclerdeutsclle Bumann schwarz, mit schwarzem Kapuzenmantel, 

(s. d.); häufiger sind es schon vorhandene trägt einen großen Sack auf dem Rücken! 

Gestalten des Spuk- und Dämonen- in den er die unartigen Kinder steckt, und 

glaubens, die dann zunächst auch, mit hat einen Knüppel, mit dem er gegen die 
der Zeit aber oft nur noch als K. ver- Türen bullert“ 8 ); „Bummermann nimmt 
wandt werden Denn es scheint ein di mit, denn wardst inn Sack stäken, 
rehgionsgeschichtliches Gesetz zu sein, int Water smäten, un denn swemmst 
daß einerseits Glaubensvorstellungen sich du wech“ 7 ). In Mittel- und Süddeutsch- 
mit fortschreitender „Aufklärung“ als land entspricht vor allem der Butze- 
K. in die Kinderstube zurückziehen, mann, dessen ebenfalls vielfach ent- 
anderseits aber auch der häufige Miß- stellter Name (oben r, 1763) als Buse¬ 
brauch solcher Vorstellungen als K. den mann, Büsemann, Buselmann, Busebeller, 
ihnen etwa noch geltenden Glauben Buschemann, Buschebar, Buschebau, Bu- 
untergräbt: erst das, woran man selber scher usw. aber auch in Norddeutschland 

nicht mehr ernstlich glaubt, ist so recht bekannt ist 8 ), und der Popelmann 

zum K. geeignet ; umgekehrt aber büßt, (s. d.) oder Pöpel»). Im ganzen Sprach- 
was häufig als K. mißbraucht wird, mit gebiet scheint der (wohl aus der 

wi u . n0t T en J dlg an G1 . auben ein - Sphäre des Totenglaubens stammende) 10 ) 
Welchen Grad diese Entwicklung im schwarze Mann (s. d.), auch swart 

einzelnen Falle erreicht hat, wird sich Peter, Nachtmann, langer Mann oder 

auf literarischem Wege nicht oft fest- bloß „der Mann" genannt, als K. vorzu¬ 
stellen lassen; jedenfalls kann eine solche kommen u ), mit dem schon der spätere 
Feststellung hier nicht meine Aufgabe Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen 
sein, wie auch eine vollständige Samm- (1611—1656) durch seinen Präceptor Seb. 

ung aller als K. vorkommender Ge- Leonhard geängstet wurde 12 ) (vgl. auch 

s en und Namen hier nicht von mir das Haschespiel „wer fürchtet sich vorm 
erwartet werden darf 2 ). schwarzen Mann“) 13 ). Enger begrenzten 

Die beim K. wirkenden Bildvor- Geltungsbereich haben z. B. der seit dem 
Stellungen sind einigermaßen eintönig und 16. Jh. belegte und in die Schriftsprache 

der Kinderphantasie angepaßt: er hat aufgenommene Name Popanz, der mund- 

vor allem einen Sack, in dem er die artlich auf Ostmitteldeutschland be- 
bosen Kinder mitnimmt, einen Haken, schränkt und vielleicht aus tschech. 
mit dem er sie zu sich zieht, wobei z. T. bubak abzuleiten ist 14 ), das voigtländi- 
die weitere Vorstellung mitspielt, daß er sehe Schreckgökerle 18 ), der mittel- 
die so gefangenen frißt (vgl. Kindli- und süddeutsche Wauwau 18 ) (aus dem 
fresser); oder er hat eine Rute, mit kein „Sturmgott Wauwau" zu erschließen 
der er sie schlägt. Daneben gibt es aller- ist)«), die rheinische Ovendsmoer 
drngs auch eigenartigere Ausgestaltungen (Abendmutter) 18 ), die schweizerischen 

(S \p\ „ . , . . Böögg (s. d.), Bölimann (s. d.), Ma- 

K. der allgemeinsten Art ist in Nord- muuggi 18 ) und viele andere. — Das 

deutschland neben dem Bumann vor gemeinsame an den K.en dieser ersten 

allem der Bulle(r)mann, der seinen Gruppe besteht einmal darin, daß sie 

viei variierten Namen vom bullern (pol- ohne deutlich abgegrenztes pädagogisches 

tem) hat: Bullerkerl, Bollemann, Bolle- „Patronat“ (wie es die K.en der dritten 

mann, Bulemann, Bolekerl, Buleklaas, Gruppe besitzen) gewissermaßen das mo- 

ebeis, Bulemucks, Hulemann, Hule- ralische Prinzip als solches verkörpern: 


1369 


Kinderschreck 


1370 


sie holen und strafen „unartige Kinder“; wie der Diternäst (= Tut dir nichts) 
ferner darin, daß sich — unbeschadet und Nemest (= niemand) der Sieben- 
ihrer dem Forscher deutlichen verschie- bürgener Sachsen “). Wie schließlich 
denen Herkunft — ihr Dasein im heutigen der K. selbst bei den Kindern Glauben 
Volksbewußtsein im wesentlichen auf und Wirkung einbüßt, zeigt das ver- 
die Kinderstubenphantasie beschränkt: breitete Kinderlied: ‘Es tanzt ein 
sie sind K.en xat‘ iiv/rp geworden (die Bi-Ba-Butzemann in unserm Haus her- 
gelegentliche Übertragung mancherNamen um’ **). 

wie Bullermann u. dgl. auf die „polternde" Eine dritte Gruppe von K.en hat 
Wetterwolke ist wohl sekundär und scherz- in der Kindererziehung eine fester um¬ 
haft). rissene Aufgabe (‘Patronat’): sie drohen 

Auf eine zweite Gruppe trifft zwar an bestimmten, den Kindern verbotenen 
die erste, nicht aber die zweite Bestim- Örtlichkeiten. Das gilt in erster Linie 
mung zu; es handelt sich bei ihnen um von den im Kornfeld hausenden K.en, 
Gestalten des Volksglaubens, die auch im in denen die Erinnerung an früher ge- 
Volksbewußtsein noch heute ihr selb- glaubte tier- oder menschengestaltige 
ständiges Dasein haben und nur daneben Vegetationsdämonen noch mehr oder 
auch als K. (meistens ohne besonderes minder deutlich fortlebt, die aber heute 
Patronat) verwandt werden: ‘Wäs still, meistens wohl nur noch dazu dienen, die 
de Wood steit vört Finster' oder ‘Fru Kinder vom Kornfeld femzuhalten, in 
Goden kütnt'l heißt es im Mecklenburg^ dem sie sich verirren könnten 87 ), das 
sehen 80 ), und dem entspricht es, wenn sie aber auch nicht zertreten sollen: 
man in Schlesien die Kinder mit dem gah nich int kuurn, dor sitt de roggen- 
„Nachtjäger“ 21 ), im Belgischen mit dem wulf (de hawerbuck) in, de frett juch up *»); 
„ewigen Fuhrmann“ **) bedroht; ander- ähnlich der Kniesbuck 3 ®), der Bull- 
wärts dienen z. B. der N a c h t r a b e (s.d.) 23 ), kater (s. d.) “), der Wolf 81 ), Bär 48 ) 
das Huri, Nachthuri (s. Klage), das (vgl. auch oben Busebar), die wilde 
die beim Reisigsammeln verspäteten Kin- Sau “) u. dgl. Anderswo droht man 
der in den Sack schiebt 24 ), der „Alf" **), den Kindern mit der Kornmutter und 
de olle Häksche (s. Harke, Frau) *•), Roggenmuhme, die sie an ihre schwar- 
Frau Bercht und Frau Holle als K. zen oder eisernen Zitzen legt, so daß sie 
(schon im 16. Jh.: schweyg oder die eysene sterben (daher Tittenwif **), Häkel- 
Bertha kumbt) 87 ). Ja sogar der Teufel möhm 45 )), oder ihnen eine Teerstulle 
wird gelegentlich zum Popanz; doch zu essen gibt; oder mit dem Chom- 
entspricht es nur dem oben Gesagten, hanseli 46 ), dem Bölima (s. d.) u. dgl. 
wenn sich dieser Mißbrauch einer noch Über alle diese Vorstellungen hat W. 
so lebendigen Glaubensvorstellung in der Mannhardt ausführlich gehandelt 47 ); 
Kinderstube grausig rächt: der Teufel vgl. auch unten unter Korndämonen 
stellt sich auf die Drohung wirklich ein (Kornmutter, Roggenmuhme, Rog- 
und holt das schreiende Kind 88 ). — genwolf). — Wie im Korn die Roggen- 
Umgekehrt ist es ein letzter Grad der muhme, so sitzt im Erbsenfeld die 
Entleerung an Glaubensgehalt, wenn auch Erftenmöin 48 ), im Weinberg der Trübe- 
Gestalten der nüchternen Wirklichkeit hans oder Rebhansel, der die Trauben 
als K. angesprochen werden, nur weil naschenden Kinder fängt und einsperrt 
sich mit ihnen für das Kind gewisse oder der Hanselima, der ihnen die Hände 
Gruselvörstellungen verbinden wie der abhackt 49 ); im Walde das Hardtweible, 
Kaminkehrer (als schwarzer Mann) 28 ), das die Kinder irreführt und schlägt 80 ), 
schon im 16. Jh. 30 ); der (polnische) Jude das Aichlimanndli 81 ), die Buschmutter 
(mit seinem Sack) 81 ), der Zigeuner 38 ), (Mickadrulle, Spilladnille) M ), das März- 
der Gendarm **), der Moskowitter 34 ) hackel („das schneidet euch die Schinken 
u. dgl., oder wenn deutlich scherzhafte i ab“) M ), die Waldkatze („die kratzt 
Namenbildungen für den K. erscheinen, ! dir die Augen aus und frißt dich auf“) 84 ). 


Kinderschreck 


1372 


1371 

— Vor allem hat dann noch das Wasser 
seine K.en, in denen die alten Wasser¬ 
dämonen fortleben: überall in deutschen 
Landen haust in Brunnen, Teichen, 
Bächen der Hakenmann (s. d.), der die 
Kinder mit seinem Haken in die Tiefe 
zieht, oder mit anderem Namen für die 
gleiche Vorstellung: Mettje mit'n langen 
Arm 5ß ), die ‘Dükermoder' M ), Water- 
möhm ß7 ), Ondemutter 68 ), das Bachtele- 
muoterli M ), der Brunnenmann ®°), Karren¬ 
mann (der die Kinder auf seinem Karren 
in die Tiefe holt) 61 ), aber auch der 
Bumann, Bussemann 62 ) oder sogar der 
Tader (Zigeuner)•*). — Ein Haken¬ 
mann sitzt auch im Heu und zieht die 
auf dem Heuboden spielenden Kinder ins 
Heu hinunter M ), und im Abort, in den 
die Kleinen hineinfallen könnten 65 ). 

Eine vierte und letzte Gruppe 
von K.en tritt in den Maskenumzügen 
besonders der Advents- und Weihnachts¬ 
zeit in persona auf: entweder sind es der 
umziehende Nikolaus, Klasbur, Schande- 
klas, Pelzemärtel, die hl. Lucia 66 ), das 
Christkindchen 67 ), die Pudelmutter 68 ), 
die Pechtrababa ••) usw. selber, die nicht 
nur die guten Kinder freundlich be¬ 
schenken, sondern auch die bösen und 
faulen (die ihr Gebet nicht aufsagen 
können) in den Sack zu stecken drohen 
oder mit ihrer Rute oder mit dem Aschen¬ 
beutel schlagen; oder die heiligen Per¬ 
sonen werden von einer Schreckgestalt, 
dem Hansmuff, Klaubauf (s. d.), Kram¬ 
pus 70 ), Rupprecht, Semper 71 ) usw. be¬ 
gleitet, dessen Amt es ist, die bösen 
Kinder in Schrecken zu setzen, und der 
gelegentlich auch allein auftritt (vgl. 
Weihnachtsumzüge, Rauchnächte, 
Nikolaus, Lucia). In einigen Gegenden 
folgt zu diesem Zweck dem Heiligen 
“de düveT in eigner Person 72 ). 

Erwähnungen von K.en aus dem deut¬ 
schen Mittelalter sind spärlich und 
werden erst um 1500 deutlicher 73 ): Wenn 
in Boners Fabelsammlung (um 135°) 
eine Mutter ihrem schreienden Kinde droht: 
der wolf nimt dich , so stammt das wört¬ 
lich aus Boners lat. Quelle 74 ); gelegent¬ 
lich ist von der Furcht der Kinder vor 
dem Butzen die Rede 76 ); erst bei Geiler 


von Kaisersberg heißt es mit echter 
K.formel: ‘Wenn das Kind sein Muoter 
im Hauss behalten wil, so spricht sy: 
gang nit hinaus / der Mann ist draus\ 76 ), 
womit gewiß eher der ‘schwarze 1 als der 
‘wilde' Mann gemeint ist; ein andermal 
sagt bei ihm die Mutter: schweig , der 
Murmler oder der Butz ist daußenX oder 
der Mann der wil dich beißen oder die 
gensz die pfeiffen iber dichX 77 ). Luther 
spricht vom schwarzen Poppelmann und 
Nickel 78 ) und weiß, daß man die Kinder 
„mit Potzen und Robunten schüchtert “ 79 ), 
wobei er wohl an K.en unserer vierten 
Gruppe denkt 80 ). 

Eine dem K. verwandte aber freund¬ 
lichere Gestalt der Kinderstubenphantasie 
ist der Sandmann (s. d.). 

l ) Vgl. z. B. Pauly-Wissowa s. v. Akko 
und Lamia. *) Reiche, von mir nur z. T. aus¬ 
geschöpfte Sammlungen von K.en bringt vor 
allem Wossidlo Mecklenburg 3, 154 fl. u. 

Anm. S. 380 ff.; außerdem Müllenhoff Sagen 2 
(ed. Mensing) 545 zu Nr. 499; Heckscher 
426 (96); Moscherosch Jnsomnis Cura (1645) 
ed. Pariser (1893) S. 83; Grimm Myth. 

1, 419. 4250.; Böhme Kinderlied 96 ü. ; 

Kuhn u. Schwartz 429 Nr. XXII, vgl. auch 
167 Nr. 190; Kuhn Westfalen 2, 16 Nr. 44; 
Ndd. Korrbl. 1, 13 f.; 4. 2 9 (d); BIPommVk. 2, 
63; Knoop Hinterpommern 158 Nr. 29; Kehr¬ 
ein Nassau 2, 275 f.; Meier Schwaben 148 f.; 
Birlinger Volksthüml. 1, 528; Singer Märchen 
23 ff.; Kuoni St. Gallen 82 f.; Zingerle Sitten 
4 f. Nr. 17 f.; Blniederösterr. Landeskd. 1, 75 
Nr. 82; Haltrich Siebenb. Sachsen 257 (vgl. 
168); Siebenb. Korrbl. 25, 61 ff. — Eine Geo¬ 
graphie der deutschen K.en wäre m. E. eine 
dankbare Aufgabe für den Volkskundeatlas. 
3 ) Müllenhoff Sagen 1 338. 545 f. (Nr. 499); 
Mensing Schlesw. Wb. 1, 574 f.; Heckscher 
426 (96); Wossidlo Mecklenburg 3, 154!. 
Nr. 1035. 1041 u. Anm.; Schell Berg. Sagen 
151 Nr. 29; auch Birlinger Volksth. 1, 250 
Nr. 392. 4 ) ZfdMyth. 1, 395; Kuhn Westfalen 

2, 16 Nr. 44; Wrede Rhein. Volksk 3 155; 

Kehrein Nassau 2, 275 f. 6 ) Pfister Nach¬ 
trag zu Vilmars Idiotikon 40. # ) Mensing 

Schlesw. Wb. i, 575; Müllenhoff a. a. O. 

7 ) Wossidlo Mecklenburg 3. 154 Nr. 1035. 

8 ) Müllenhoff a. a. O.; Mensing 1, 592. 593; 

2, 573; Heckscher a. a. O.; Kuhn und 

Schwartz 429 Nr. 257; Frischbier Preuß. 
Wb. 1, 121 f. *) Klingner Luther 19; Zedier 
Universal-Lexikon 28, 1517; Urquell 3 (1892), 
255; Regel Ruhlaer Mundart 141. 10 ) Nau¬ 

mann Gemeinschaftskultur 47. u ) Mosche¬ 
rosch Insomnis Cura 83; Singer Märchen 
1, 24; Mensing Schlesw. Wb. s. v. swarte mann ; 
Wossidlo a. a. O. 3 Nr. 1034; Bl. f. Landeskde. 


1373 


Kindersegen und Kinderlosigkeit 


1374 


Niederösterr. 1, 75 Nr. 82; ZfrwVk. 2, 99 
Nr. 49. lt ) ZfdMyth. 2, 122. 13 ) Böhme Kinder¬ 
lied 565 Nr. 379; vgl. auch ZfdMyth. 1, 437; 

2, 122. 14 ) Kluge Etym. Wb. s. v. popanz ; 

aber vgl. ZfdA. 32, 158; ZfdMyth. 3, 110. 

16 ) Köhler Voigtland 477. 18 ) ZfdMyth. 2, 

424; vgl. auch oben 1, 27 (Anm. 77); Kehrein 
Nassau 2, 276; Rochholz Sagen 2, 211 Nr. 425; 
Bl. f. Landeskde. Niederösterr. 1, 75 Nr. 82. 

17 ) Sepp Sagen 466 f.; Simrock Myth. 196. 

18 ) Wrede Rhein. Vk 3 156. 19 ) Lütolf Sagen 
125 Nr. 29 d. 20 ) Wossidlo Mecklenburg 

3, 155 Nr. 1039. 21 ) Kühnau Sagen 2 Nr. 812. 

1064. 1088. * 2 ) Schell Berg. Sagen 151 Nr. 29. 
* 3 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 410; Meier 
Schwaben 1, 150 Nr. 168, 5; Schambach 
Wb. 141. 24 ) Lütolf Sagen 123 Nr. 59 b. 

36 ) Siebenb. Korr.bi. 25, 62 (unter alf). 2Ä ) 
Kuhn und Schwartz 429 Nr. 257. 27 ) Crusius 
Ann. suev. II 8 cap. 7 p. 266 (= Grimm 
Myth. 1, 230); vgl. auch Witzschel Thüringen 
2, 134; Birlinger Volkst. 1, 249 t.; Meier 
Schwaben XXII; Pröhle Harzsagen 2 171; 

Grimm Myth. i, 226; Waschnitius Perht 
27. 164. 176. 28 ) Zingerle Sagen Nr. 474; 

vgl. auch Alpenburg Alpensagen Nr. 209; 
Niderberger Unterwalden 2, 107. ") Wos¬ 
sidlo Mecklenburg 3 Nr. 1033 (u. 1332); 

Knoop Hinterpommern 158 Nr. 29; Mensing 
Schlesw. Wb. s. v. schosteenfeger ; Meier Schwaben 
1, 148 Nr. 168, 1; Haltrich Siebenb . Sachs. 
257. 30 ) Fischart Gargantua 198; Mosche¬ 

rosch Insomnis Cura 83. 31 ) Wossidlo a. a. O.; 
Knoop a. a. O.; Wrede Rhein. Volksk .* 156; 
Mensing Schlesw. Wb. 1, 578; Siebenb. Korrbl. 
25, 62; Bl. f. Landeskde. Niederösterr. 1, 75 
Nr. 82. sa ) Mensing Schlesw. Wb. 2, 573; 
Siebenb. Korrbl. 25, 63. M ) Wossidlo a. a. O. 
34 ) Wossidlo a. a. O. Anm. 35 ) Haltrich 
Siebenb. Sachs. 168. 257. 89 ) Böhme Kinder¬ 
lied 96 Nr. 439. 37 ) Mannhardt Forschungen 

306 Anm. 2. 38 ) Wossidlo Mecklenburg 3 

Nr. 1048. 1049. 39 ) Müllenhoff Sagen 2 545 

zu Nr. 499. 40 ) Bartsch Mecklenburg 2, 127; 

Mannhardt Korndämonen 2. 41 ) Knoop 

Hinterpommern 158 Nr. 29; Mannhardt 
Roggenwolf 9 f.; Wrede Rhein. Volksk . 2 156; 
Böhme Kinderlied 98 Nr. 444. 42 ) Wossidlo 
a. a. O. Nr. 1031. 43 ) Meier Schwaben 1, 149 

Nr. 169, 4. M ) Sartori Westf. Volksk. 81; 
ZfrwVk. 1903, 208; Mannhardt For¬ 
schungen 304. 45 ) Ebd. 44 ) Singer Märchen 

1, 23. 47 ) Mannhardt Roggenwolf 7ff.; Ders. 
WFK. 2, 157 f.; Ders. Forschungen 297 ff. 
4S ) Kuhn und Schwartz 429 Nr. 259; Kuhn 
Märk. Sagen 372. 42 ) Singer Märchen 1, 29. 
*°) Birlinger Volkst. 1, 64 Nr. 86; vgl. Waibel 
und Flamm 1, 239 f. und das Hardjoggeli bei 
Singer Märchen 1, 23. 51 ) Singer a. a. O. 

30. ß2 ) Kühnau Sagen 2, 186 f. Nr. 818. 820 

( = Peter Volkstüml. 2, 20). M ) Zingerle 
Sitten 4 f. Nr. 18. M ) ZfVk. 6, 318; vgl. auch 
Mannhardt 2, 172 Anm. 3. 6ß ) Strackerjan 
i, 419. 58 ) Wossidlo Mecklenburg 3 Nr. 1042. 
* 7 ) Mensing Schlesw. Wb. 2, 573; Bartsch 


Mecklenburg 1, 153; Wossidlo Mecklenburg 
3 Nr. 1050; ZfVk. 5, 121. 68 ) ZfdMyth. 3, 

172, I. w ) Singer Märchen 1, 24. fl0 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 185. ei ) Meier Schwaben 

1, 149 Nr. 168, 2. 4I ) Men sing Schlesw 

Wb. 1, 593. 63 ) Müllenhoff Sagen 1 545 

M ) Singer Märchen 1, 24; Schwld. 4, 259 
**) s. unter Hakenmann Anm. 4. 8fl ) Leh 
mann Sudetend. Vk. 128. 67 ) z. B. ZfrwVk 

2, 99 Nr. 49. 88 ) Weinhold Weihnachts 

spiele 11; ZfVk. 8, 445; ZföVk. 2, 303t 
82 ) Waschnitius Perht 27. 70 ) Bl. f. Landesk 

Niederösterr. 1, 75 Nr. 82; Lehmann Sudetend 
124. 71 ) Quitzmann 114; Haltrich Siebenb 
Sachs. 257. 7l ) Wrede Rhein. Vk 3 230. 73 

Zum folgenden vgl. Zingerle Kinderspiel 54f 
74 ) Boner Edelstein Nr. 63, 10; vgl. Aviani 
Fabulae ed. Hervieux (les Fabulistes latins III 
Paris 1894) 265, I. 7ß ) Liutolt v. Seven 
ed. Wackernagel (1862) 261, 6; Der Jüngere 
Titurel (ed. Hahn) v. 1275, 1; Had. 

v. Laber (ed. Schmeller) 357. 74 ) Zin¬ 

gerle a. a. O. 77 ) Geiler von Kaisers¬ 
berg Der Bilger (1494) fol. 23 a (ed. Dacheux 
1882 S. 149); zu den Gänsen als K. vgl. Men¬ 
sing Schlesw. Wb. 2, 299: de Groot ganner 
bitt di. 78 ) Luther Werke (Weim. Ausg.) 
XXXIV 2, 247. 251. 253. 258; vgl. Klingner 
Luther 19. n ) Ebd. VIII 171. ») vgl. Kling¬ 
ner a. a. O. Ranke. 

Kinderschuhe s. Schuhe 

Kindersegen (Ks.) und Kinderlosig¬ 
keit (Klk.) 

(Kind = K., kinderlos — kl.) 

1. Bewertung des Ks.s. 2. Fluch und Schuld 
der Klk. 3. Vorzeichen des Ks.s und Mittel, ihn 
zu verhüten oder zu erlangen. 

i a) Eine Sage, in Stein auf dem Rats- 
brunnen zu Buttstädt dargestellt x ), er¬ 
zählt: Kinderlose Eltern verschrie¬ 
ben dem Teufel das erwünschte K. Als 
es da war und sie es einmal lächeln sahen, 
ergriff sie der Schmerz und sie beteten, 
bis ein Engel mit einer Wage den Kampf 
der Elternliebe entschied: Der Teufel mit¬ 
samt dem schwersten Mühlstein w r og das 
K. nicht auf. Die Sage wirft Licht auf 
den ganzen das K. betreffenden deutschen 
Aberglauben; dem Wunsch nach dem 
K.e, im Schatten der Erbsündenlehre und 
der Teufelsangst folgt die Sorge um 
das K., der Kampf mit dem Bösen, 
der zumal über das Ungetaufte Macht 
hat. Aber wie in den Kämpfen des Glau¬ 
bens gegen „Erbsünde“ und „Bösesein 
von Jugend auf“, gegen das „Dogma“, 



1375 Kindersegen und Kinderlosigkeit 1376 

das ungetauften K.erseelen den Himmel I reichtums, sondern die allgemeine 
verschließt, das Christuswort von den Bewertung des K.erbesitzes. 
„Kindlein“, denen „das Reich Gottes Niemals ist bei den einst ldnder- 
ist“, immer wieder ins Feld geführt wur- reichen und kinderfrohen 2 ) Völkern des 
de, so hat im Volksglauben das Wissen Nordens (vgl. Tacitus: „numerum libero- 
von den angeborenen Segenskräften im rum finire flagitium habetur“) das Leben 
„unschuldigen“ K. den Teufel und sein des kleinen K.es gering geschätzt wor- 
kirchlich sanktioniertes Recht auf das den 8 ); wer das annimmt, mag auch den 
ungetaufte, unbelehrte, unerlöst ster- imendlichen Reichtum der K.erfürsorge 
bende K. immer wieder aufgewogen. in deutschem Volksbrauch und Aber- 
Aus germanischer Heidenzeit ist glauben wie überhaupt die Mutterliebe als 
uns wenig von frommer Bewertung des Erziehungsprodukt einer vorwiegend as- 
kindlichen Lebens und von frommer Für- ketisch eingestellten Priesterschaft zu er- 
sorge für das K. bekannt, aber nichts weisen suchen. K.estötung galt noch 
von jener — vielfältige Schutzmaßnah- im heidnischen Island als gemeiner Mord, 
men erzeugenden — Dämonenfurcht des Die Kindesaussetzung 4 ) (s. i, 730), 
K.es wegen. Die Volkskunde hat dieses im dichtbesiedelten Island des 10.Jh.s in 
„argumentum e silentio“ zu beachten, einigen Fällen bezeugt 6 ) (bei Reichen 
Wenn nur bezeugt ist, daß die Nornen verurteilt) 6 ) und für das Altertum als 
an der Wiege Schicksal fügen, Gaben eine Art Auslese der Gesunden 
bringen, daß das K. seinen eigenen wohl anzunehmen 7 ), vielfach aus „Nach- 
„Schutzgeist“ hat (Fylgja), daß es im klängen“ des durch die Maßnahme 
Namen des Oheims oder Ahnen dessen erregten Mitgefühls in Sage und Dich- 
ganze Persönlichkeit trägt, daß es für tung gefolgert 8 ), hat offenbar bei uns 
unverletzlich güt (wie die Frau), u. a. m., niemals den Ks. kaltherzig reguliert 
so bleibt keine Wahrscheinlichkeit für und beschränkt, womöglich mit einsei¬ 
altgermanische Parallelen jenes Glaubens tiger Anwendung auf das weibliche 
an die besondere Gefährdung des Geschlecht®) (Elternliebe ist nicht 
K.es durch Dämonen, die dann im | jünger als Elternschaft). Und wie im 
Gefolge des christlichen Teufels den Le- M. A. die Massenaussetzungen von 
bensabschnitt zwischen Geburt und K.em, nach Vorschrift an den Kirchen - 
Taufe bedrohen, und überall in der Welt türen 10 ), von der christlichen Nächsten- 
zumal bei sekundär primitiven Völ- liebe ausgeglichen wurden 11 ), so steht 
kern in Verbindung mit zurückbleibender auf Alt-Island wie überall sonst das Mit- 
Urteüskraft und dem Versagen ärztlicher leid zur Rettung der Kleinen bereit, 
Kunst und Aufklärung an Macht gewin- und neben dem „Motiv“ dieser K.esaus- 
nen. Setzung das andere von der wunderbaren 

Und so kann wohl die vorzugsweise im Errettung 12 ). 
deutschen oder nordeuropäischen Volks- Das Verkaufen von K.em in die 
glauben sich zeigende Bewertung des Sklaverei, im MA. teüweise gestattet 13 ), 
K.es als Segen, als segnende und er- bei Juden, Griechen und Römern be- 
lösende Lebensmacht (die z. B. der den zeugt 14 ), hat in altnordischer Über- 
K.erreiclitum so hoch bewertenden alt- lieferung und Sage kein Vorbüd, ist un¬ 
jüdischen Volksmeinung fehlt), sich nur vereinbar mit heidnisch religiöser Auf- 
aus überliefertem Gedankengut heid- fassung von Sippe und Blut und wird 
nischer Zeit erklären (das dann auch im Volksglauben immer schwer verur- 
dem christlichen Weihnachtsfest das be- teilt 16 ). 

sondere Gepräge des K.erfestes geben So dürfte es an der Zeit sein, bzl. Kin- 
half und die erlösende Geburt über den desaussetzung (u. K.erverkauf) nicht 
gekreuzigten Erlöser stellte). Der Begriff mehr „grausame Sitte in der Rohheit des 
des Ks.s umfaßt also im deutschen Volks- Heidentums“ 16 ) zu sehen. Angesichts 
glauben nicht nur den Begriff des K.er- der ungezählten ausgesetzten oder in 


1377 


Kindersegen und Kinderlosigkeit 


1378 


Hörigkeit gegebenen Priester- und Laien- 
K.er des Mittelalters ist es falsch, wenn 
man sagt, „das Christentum habe die 
Bahn für eine mildere Auffassung der so¬ 
zialen Stellung des Kindes gebrochen“ 17 ). 

Im Gegensatz zu manchen durch Ab¬ 
treibung sich schwächenden Naturvöl¬ 
kern 18 ) ist für alle indogermanischen 
Völker in ihrer Frühzeit große Wert¬ 
schätzung des Ks.s bezeugt 19 ). Daß 
sich diese Wertschätzung „in der äl¬ 
testen Zeit lediglich auf den Besitz von 
Söhnen bezieht“ 20 ), „die den Ahnen¬ 
kultus verrichten, das Geschlecht fort¬ 
führen und tüchtige Arbeiter in der Wirt¬ 
schaft sind“ 21 ) (was bei Germanen die 
Töchter auch tun und sind), und daß die 
Mädchen dementsprechend „nur als 
Tauschobjekt für den Vater Wert ha¬ 
ben“ 22 ), ist abgesehen von allen psycho¬ 
logischen Gegengründen 23 ) mit allen 
Zeugnissen vom germanischen Altertum 
zu widerlegen, die das freie Nebenein¬ 
ander der Geschlechter schon in der K.- 
heit zeigen, beide Geschlechter mit dem 
neutralen Begriff des K.es umfassend 
(K. zu gens, gigno, Zeugung, Stamm, 
zum Stamme gehörig 24 ), got.-altn. bam, 
altn. mey-bam u. sveinbam usw.). Wenn 
auch in unserem Volksglauben wie an¬ 
derswo 25 ) die Geburt eines Mädchens 
weniger freudig begrüßt wird als die eines 
Knaben 26 ), und trotz mancher aus¬ 
gleichender Beurteilung im Volksmund 27 ) 
und manchen wohlgemeinten Tadels die 
Mädchengeburt oft niedriger bewertet 
wurde 28 ) (was sich wohl vorwiegend aus 
wirtschaftlichen Verhältnissen und sitt¬ 
lichen Wandlungen unter semitischem 
Vorbüd schärfster Wert Unterscheidung 
der Geschlechter 29 ) erklärt), so läßt sich 
doch der auf das K. bezügliche Aber¬ 
glaube keineswegs nach Geschlechtern 
trennen, sondern zeigt die dem germa¬ 
nischen Leben eigentümliche geringe 
Kluft zwischen der Bewertung beider 
Geschlechter 30 ). Vgl. die kirchlich be¬ 
stimmten, das Geschlecht des Kindes 
berücksichtigenden Sitten bei Aussegnung 
des Wochenbettes (Reinigung) und Taufe. 

Im allgemeinen galt also ohne Rück¬ 
sicht auf das Geschlecht der Kinderreich- 

Bächtold-Stäubii, Aberglaube IV 


tum für ein, wenn auch manchmal un¬ 
willkommener, Segen, den man nicht 
beschränken durfte 31 ). Abergläubische 
Furcht vor solcher Beschränkung ist 
so gut wie die im Brauch vielfältig sich 
zeigende Ehrfurcht vor dem K. und 
der Geburt weniger eine Folge kirchlicher 
Verbote und Drohungen, als überkomme¬ 
ner „heidnischer“ Scheu vor dem Ver¬ 
gehen am eigenen Blut und Nach¬ 
wuchs, um den man einst die Gottheit 
bat 32 ) (wie die Schweden ihren Freyr 
= Herr, „si nuptiae celebrandae 
sunt“) 33 ), den man der göttlichen Fü¬ 
gung und Lebenskraft verdankte, dessen 
göttliche Herkunft man glaubte (s. Kin¬ 
derherkunft). Da der Germane nicht von 
persönlichen himmlischen „Ehegöttem“ 
und Zeugungshelfem, sondern von seiner 
jeweils ihm das Innere leitenden Gott¬ 
heit, so auch vom vergöttlichten Ahnen, 
solchen Ehesegen erbat, lebt im christ¬ 
lichen Gebet und Opfer um Ks. vor 
Heiligen 34 ), am heiligen Baum mit Ma- 
rienbÜd und Votivgaben 85 ), im (fran¬ 
zösischen) Steinkult 36 ), in Wallfahrten 
(und Opfern) zu Kapellen 37 ) und Bädern 38 ) 
(vgl. besonders den Kult der Ks. ver¬ 
leihenden Verena) 39 ), zu „K.er-brun- 
nen und Quellen“ 40 ), jeweils nicht Erinne¬ 
rung an eine bestimmte, meist von Mytho- 
logen konstruierte „Ehegottheit“ fort 41 ), 
sondern (von Frigg 42 ) bis Maria) die 
„heidnische“ Auffassung von der Heilig¬ 
keit und „göttlichen“ Herkunft des 
erneuerten Lebens, die sich mit den 
kirchlichen Lehrmeinungen im Volks¬ 
glauben auseinandersetzt. 

Ist K.erreichtum ein Segen, so ist 
K.erarmut ein Mangel, „Einzige“ sind 
Sorgenk.er, Teufelsk.er 43 ); geraten oft 
schlecht u ); Klk. ist ein Unglück, ja 
ein Fluch, hinter dem Schuld gesucht 
wird. Gelten die Geburten als Stufen, um 
die das Weib dem Himmel näher kommt 45 ), 
so führt Klk. oft zum Bösen oder ist des 
Bösen Werk. 

„Wer de Welt nich vermihrt, is'n 
Kirchhof nich wiert“, heißt es in Mecklen¬ 
burg. „Väl Kinner, väl Vaterunser“ 46 ). 

Leider hat man auch hier die Völker 
nivelliert und das Germanische in seiner 


44 




1379 


Kindersegen und Kinderlosigkeit 


1380 


Eigenart verkannt 46 ). Zwischen Island 
und Palästina zeigt die Bewertung der 

k. erlösen Frau und Ehe große Unter¬ 
schiede. Gisli und Aud in ihrer bis zum 
Tod getreuen k.erlösen Ehe 4? ) etwa im 
Vergleich zu Abraham und Sarah 48 ) be¬ 
weisen, daß die Stellung der germani¬ 
schen Frau nicht von ihrer Fruchtbar¬ 
keit abhängig war 49 ), wie anderswo, und 
daß germanische Sitte niemals Trennung 
der Ehe oder Duldung einer Nebenfrau 
um des Ks. willen befahl, wie bei Ba¬ 
byloniern, Juden, Persern und Indem 
in verschiedener Weise 50 ) (s. Frau). 
Auf Alt-Island treffen wir einen Fall von 
Scheidung wegen Impotenz des Man¬ 
nes 51 ), aber keinen wegen Unfrucht¬ 
barkeit der Frau, und demnach auch 
keinen Beleg für abergläubische Ver¬ 
urteilung der unfruchtbaren Frau, 
die sich dann auch bei uns vielfach ge¬ 
zeichnet, schuldig und zur Buße ver¬ 
pflichtet fühlte 62 ), wie sich schließlich 
der abergläubische Ehemann auf langen 
Reisen Sorgen macht, daß seiner Frau 
durch die Verminderung der ihr bestimm¬ 
ten K.erzähl ewiger Schaden erwachse M ). 

*) Kuhn u. Schwartz 212. 2 ) „Einehe" 

und Bevölkerungsüberschuß in altgermanischer 
Zeit genügen als Beweis. 3 ) S. Tac. Germ . 20: 
Quanto plus propinquorum . . tanto gratiosior 
senectus (auch Edda, Hav. 72); vgl. aber Fried¬ 
berg Bußbücher 39. 4 ) Vgl. Pauly-Wissowa 11, 

l, 463 ff.; Grimm RA. i, 6270. 6 ) Dem Befund 
der Saga-Belege gegenüber (vgl. bes. Klose 
Altisländ. Familienverhältnisse 80ff. Diss.Leipzig 
1927; Ploß-Renz 1, 179) klingt die von Ploß 
2, 248 wiedergegebene Meinung, „die alten 
Skandinavier pflegten vorzugsweise Töchter ins 
Wasser durch Sklaven werfen“ zu lassen (nach 
Stricker in Arch. f. Anthr. 5, 451), phanta¬ 
stisch genug. *) Wohl kaum als „Opfer“ deut¬ 
bar, wie Naumann Gemeinschaftskultur 74 
meint. 7 ) Necke 1 Altgermanische Kultur 47; 
vgl. die Tüchtigkeitsprobe der Spartanerkin¬ 
der ZfVk. 4, 145 und die Verwendung des Mo¬ 
tivs solcher Auslese in der nordischen Völsunga- 
saga. 8 ) Vgl. z. B. Erk-Böhme 3, 880 Reg. 

9 ) Weinhold Frauen i, 81; Ad. Rittershaus 
AUnord. Frauen 14 (Im heidnischen Island ha¬ 
ben wir vielfach Mädchen als Erstgeborene und 
mehrere Schwestern in einer Familie bezeugt). 

10 ) Friedberg Bußbücher n; mit Salz zum 

Zeichen der noch nicht vollzogenen Taufe; 
Grimm RA. 457. u ) Birlinger Volksth. 2, 
296; vgl. die päpstliche Erfindung der „Dreh¬ 
lade“ für anonym ausgesetzte Kinder, Ploß- 
Renz 1, 180. 12 ) Z. B. Errettung der Mutter 


des hl. Liudgar Mannhardt Germ. Myth 311; 
vgl. bes. Hepding Attis 108. 13 ) Friedberg 

Bußbücher 10f. 14 ) Ploß 2, 2460. 15 ) Vgl. etwa 
Kohlrusch 292: Gegen das Verhandeln einer 
Jungfrau lehnt sich die ganze Natur auf. 
ie ) Grimm RA. 1, 628; auch die Missionars- und 
Reiseberichte über die Sitten australischer 
und afrikanischer Völker sollten vorsichtiger 
verwertet werden; Ploß 2, 250 ff.; vielfach ver¬ 
bietet auch der Wiedergeburtsglaube und die 
Auffassung, daß im Namen des Ahnen dem K. 
dessen Wesen gegeben werde (wie noch in der 
Saga) die Annahme geringer Bewertung; vgl. 
Dieterich Mutter Erde 230.; Gennep Rites 
de passage 75 f. 17 ) Ploß-Renz 1, 180. 18 ) 

Ploß-Bartels Weib 1, 991 ff.; Schräder 
Reall. 1, 5 f. 589. 19 ) Vgl. für die alten 

Inder Zimmer Altind. Leben 318 f.; Kaegi 
Der Rigveda Reg. „Kindersegen“; für die 
Perser Clemen Pers. Rel. 109, 140; Hero- 
dot 1, 136; für die Griechen Herodot 1, 30, 
für die Germanen Tacitus Germania c. 20. 
20 ) Ploß-Renz 1, 5. 2X ) Schräder Reall. 1, 589. 
* 2 ) Ebd. 23 ) Man ist hier zu einer Karikatur 
der Vaterschaft und des väterlichen Herzens 
gelangt. 24 ) Schräder Reall. 1, 587; erst später 
dann „Kind“ für Mädchen gegenüber „Knaben“ 
gebraucht z. B. in der Rechtsoffnung von Os- 
singen Bluntschli Zürcher Rechtsgesch. 1 260. 
26 ) Vgl. für Griechenland ZfVk. 4, 137 f.; s. a. 
Stern Türkei 344 f. 26 ) Hillner Siebenbürgen 
29; Meyer Baden 15 u. a. 27 ) Drechsler 1, 179; 
ZfrwVk. 1913, 166; z. B. Abraham a S. CI. 
Lauber-Hütt 1, 330. 2S ) ZfVk. 4, 138; so wurden 
um 1500 im Moselland der Mutter bei Knaben- 
Geburt 2 Frontage erlassen, bei Mädchenge¬ 
burt nur einer. ZfrwVk. 3, 124 (Markgraf 
Mutter und Kind). * 9 ) Vgl. über orientalische 
Trauer bei Tochtergeburt Koran, Sure 16. 
*°) Vgl. Ploß-Renz 1, 1: „Je tiefer die Kluft 
ist, welche die Kulturverhältnisse zwischen den 
beiden Geschlechtern geöffnet haben, desto we¬ 
niger freudig wird die Geburt eines Mädchens 
begrüßt“. 31 ) Meyer Baden 394; Lammert 
170. 32 ) Meyer Germ. Myth. 226; Befragung 

des delphischen Orakels wegen Nachkommen¬ 
schaft vgl. Euripides: Medea, Jon. w ) Adam v. 
Bremen. 84 ) Font aine Luxemburg 110 f.; St. 
Georg in Osteuropa Vis scher Naturvölker 2, 
62. 3S ) Lütolf Sagen 364; ZfVk. 1907, 195. 

36 ) S£billot Folk-Lore 1, 3380. 87 ) Grimm 

Myth. 2, 987; Pollinger Landshut 238; Waibel 
und Flamm 1, 222; Lenggenhager Sagen 
106. 38 ) Stoll Zauberglauben 68; Lammert 157; 
Wrede Eifel 101. 39 ) Vgl. Urquell 4, 273; 

Roch holz Gaugöttinnen 124 ff. 40 ) ZfVk. 8, 
344; vgl. den fruchtbarkeitfördernden Mutter¬ 
gottesbrunnen in Heidenau Meiche Sagen 653; 
Sebillot Folk-Lore 2, 275 f. 4l ) Vgl. bzl. Holda 
u. Perchta Wolf Beitr. 1, 163. 42 ) Grimm 

Myth. 1, 252. 43 ) Reiser Allgäu 2, 231; vgl. 
ZfVk. 4, 142. 44 ) Ebd.; Strackerjan 2, 204. 
45 ) Grohmann 114. 45 ») W ossidlo Mecklen¬ 

burg 3 , *19 ff- 46 ) Ploß-Renz 1, 2 ff. 
47 ) Gislasaga, Dt. i. Slg. Thule B. 8. 48 ) Vgl. 


1381 


Kindersegen und Kinderlosigkeit 


1382 


die altjüd. Bewertung der Klk. als „Schande" 
im AT. und das Wettgebären von Jakobs 
Frauen mit Hilfe der Mägde 1. Moses 29 u. 
30. 49 ) Die diesbezüglichen Irrtümer beruhen 

auf Unterschätzung der altnordischen Quellen. 
60 ) Ploß-Renz 1, 2 ff.; vgl. AT. Abraham und 
Jakob: die eigenen Frauen führen ihnen die 
Mägde zu. 61 ) Njälssaga c. 7; Thule Bd. 4. 
62 ) ZfVk. 17, 162. M ) SAVk. 21 (1917). 37 - 

2. Die vielverbreitete Auffassung, die 
in der Klk. einen Fluch M ) sieht, ver¬ 
mutet als Ursache gern schuldhaftes 
Handeln, und damit Beziehung zum 
Dämonischen, Teuflischen und Unter¬ 
irdischen (Zwerge sind kinderlos 55 ), 
Dämonen rauben K.er u. a. m.). Wie 
nach der Sage k.lose Ehefrauen zu Dru¬ 
den werden 56 ), so erklären transsilva- 
nische Zeltzigeuner die Klk. als Folge 
vorehelichen Umgangs mit einem Vam¬ 
pyr 57 ), oder sie gilt allgemein als selbst¬ 
verschuldet durch unzüchtigen Lebens¬ 
wandel in der Jugend, oder anderes, und 
wird bitter bestraft 58 ). So kann es Klk. 
eintragen, wenn die Tochter sich über die 
eigene Mutter bei der Geburt eines Nach¬ 
kömmlings imwürdig äußert, oder eine 
kinderreiche Mutter verspottet oder be¬ 
schimpft 59 ). Oder die Klk. gilt als Strafe 
für die Übertretung kirchlicher Gelübde 60 ), 
als Zeichen göttlichen Zorns 61 ). 

Mit der freiwillig k.losen Frau geht 
zumal die Sage hart ins Gericht. Die Frau, 
die, um kl. zu bleiben, zu spät heiratet, 
wird zur Sühne für das Leben sieben 
ungeborener K.er, die ihr nach des Prie¬ 
sters Wort bestimmt waren, auf der ihre 
Seele rettenden Wallfahrt den wüden 
Tieren überlassen 62 ). 

Die Geister der schuldhaft ungeborenen 
(oder ermordeten) K.er treten als Verfol¬ 
ger und Rächer auf, peitschen und be¬ 
speien die Mutter 6 *), laufen als Mäuse 
auf ihrem Grab umher 64 ), erscheinen als 
Gänse und töten die selbstsüchtige Frau 
(Galizien) 65 ), oder als Eichhörnchen (bre- 
ton. Variante) 66 ), Hinter dem Sarg der 
mit Willen kl. gebliebenen Gräfin laufen 
zwölf Hennlein, Geister der ungeborenen 
oder gemordeten K.er her 67 ). K.ermord 
und gewollte Klk. stellt diese weitverbrei¬ 
tete Sage von der freiwillig kl.en und be¬ 
straften Frau 68 ) vielfach auf eine Stufe. 


Nach der färöischen Fassung 69 ) dreht die 
Predigersfrau auf den Rat eines alten 
Weibes die Handmühle 3 mal rückwärts, 
um die drei ihr bestimmten K.er nicht 
zu gebären 70 ). Nach einer fünischen Fas¬ 
sung dreht die Braut bei der Hexe die 
ihr verbotene Handmühle 12 mal, hört 
jedesmal eines K.es Seufzen und sieht 
ein K. in schwarzem Gewand vorüber¬ 
gehen, erlebt dann zwölf Totgeburten, 
und stirbt als Bettlerin auf der Wall¬ 
fahrt 71 ). 

In der Ballade zeigt sich das an tief¬ 
ste Dinge des Menschlichen greifende 
Motiv von den Seelen der ungeborenen 
oder gemordeten K.er 72 ) ;man stellte 
auch Carsten Hauchs Ballade 73 ) von der 
Schwangeren hinzu, die, um ihre Schön¬ 
heit besorgt, in der zauberischen Mühle 
sich des K.es entledigt 74 ), trotz der war¬ 
nenden Bettlerin — (vgl. Strindbergs 
Kronbraut) — und dann keinem K.e 
mehr ins Gesicht schauen kann, bis sie 
„vor einem Marienbüd sterbend in Ma¬ 
ria die Wamerin und in dem Jesusknaben 
ihr eigenes vom Mühlstein zermalmtes K. 
erkennt" 7S ). Auch im deutschen Volks¬ 
lied klagt das ermordete, uneheliche K. 
die Mutter, die mit dem Brautkranz bei 
der Hochzeit sitzt, an 7Ö ). Die kl.e Schlo߬ 
frau, die ein Bettelweib wegen ihrer sie¬ 
benköpfigen K.erschar schilt, wird durch 
die Schande einer gleichzeitigen Geburt 
von ebensoviel (oder 12 ) K.em be¬ 
straft 77 ). 

Wenn die junge Frau (zumal bei 
slavischer Frühheirat), sich Klk. aus 
Eitelkeit oder Sinnlichkeit zunächst 
wünscht 78 ), bietet ihr der Aberglaube 
mancherlei Mittel, die Empfängnis zu 
verhüten (s. Empfängnis) und sich 
Klk. anzuzaubem 79 ), bei der Hochzeit 
(s. d.), beim Brautbad usw. ®°). Die Braut 
faßt den Kessel mit ganzer Hand oder so¬ 
viel Fingern an, wieviel Jahre sie k.erlos 
bleiben will, wirft Kohlenstücke glühend 
ins Wasser, um sie dann aufzubewahren 
und wieder ins Feuer zu werfen, wenn sie 
sich K.er wünscht, u. a. m. 81 ). Ähnliche 
Mittel gibt es auch, um allzu reichen Ks. 
einzuschränken. So empfiehlt man allzu 
K.erreichen, das Neugeborene mit dem 


1383 


Kindersegen und Kinderlosigkeit 


Namen eines schon gestorbenen K.es zu 
benennen, damit es das letzte sei 82 ). Ge¬ 
rade, wenn das erste Kind stirbt, kom¬ 
men noch viele nach **). 

Aber im allgemeinen beherrscht der 
Wunsch nach K.ern und die Angst 
vor Klk. das Feld in einer uns heute er¬ 
staunenden Einmütigkeit. Bei der Ge¬ 
burt pflegt man schon an die kommenden 
Geburten zu denken, die in Schlesien 
ein Besuch in der Wochenstube, der sich 
auf die Lade neben dem Bett setzt und 
diese abschließt, verhindern kann 84 ). 
Aus der Beschaffenheit der Nachgeburt 
(s. d.) ersieht man die künftige K.erzahl, 
dem Neugeborenen oder getauften Mäd¬ 
chen weiß man Ks. oder Klk. voraus¬ 
zusagen, im Ehe-Orakel wird die K.er¬ 
zahl vorausgesagt 85 ), vom Kuckuck 
wird sie verkündet 86 ); im Hochzeits¬ 
brauch zumal 87 ) (s. Hochzeit) versichert 
man sich des Ks.s (Knabe auf die Knie 
der Braut setzen u. a.). Begegnung eines 
Schimmels oder einer Kuh beim Her¬ 
austritt des Paares aus der Kirche 
bedeutet Ks., eines Rappen oder eines 
Stieres aber Klk. 88 ). Neben der Zahl weis¬ 
sagt man das Geschlecht (s. d.) des näch¬ 
sten K.es 89 ). 

Im „Angang“ bedeutet der Wöch¬ 
nerin beim Kirchgang Begegnung mit 
Mann demnächst Knabengeburt, mit Frau 
Mädchengeburt, zwei Menschen Zwillinge 
und keiner künftiges Ausbleiben des 
Ks.s 90 ). Bei zwei Hochzeiten an einem 
Tag bleibt eine Ehe kl. u. a. m. 91 ). 

Eine Aufzählung aller Bräuche und 
Mittel zur Erlangung von Ks. 92 ) ist hier 
unmöglich und zudem minder wichtig 
in Anbetracht der Tatsache, daß die Be¬ 
wertung der Frau nach dem Maße ihrer 
Fruchtbarkeit, wie sie etwa 1. Moses 30 
besonders kraß hervortritt und in jü¬ 
dischen, türkischen, slavischen Hoch¬ 
zeitsbräuchen im Vordergründe steht ö3 ), 
in unserem Volksglauben auf Grund einer 
für unser Empfinden menschenwürdigeren 
Eheauffassung des Germanentums stets 
im Hintergrund geblieben ist. Unserem 
Empfinden blieb die Klk. stets eine Tra¬ 
gik, der man nicht mit Mägden oder 
Zaubermitteln (vgl. Alraunwurzel) 94 ) 


1384 

leichtfertig Abhilfe schuf, sondern die sich 
meist an die Altäre flüchtete (Brauthemd 
zum Altartuch stiften, Geburtsorgane 
darstellende Votivgaben, Taufwasser trin¬ 
ken, Abgeschabtes von Kirchengefäßen 
einnehmen u. a. m. 95 )). In der „Bene- 
dictio thalami“ und mit Gebeten und 
Beschwörungen kämpft das Mittelalter 
gegen die Gefahr der Unfruchtbar¬ 
machung durch Hexen und Teu¬ 
fel 96 ); sie zu verscheuchen, zieht man lär¬ 
mend vor die Häuser der Kinderlosen 97 ). 
Besondere Begrüßung kl.er Ehepaare mit 
bedeutsamem Gabeneinholen 98 ) und viel¬ 
fache Anspielung auf den Ks. bes. in 
Fastnachts- und Osterbräuchen ") kann 
hier nur erwähnt werden, ähnlich wie der 
vielfache symbolische Gebrauch von Pup¬ 
pen, Wickelkern 10 °), Wiegen 101 ), Spinn¬ 
rocken u. a. m. 102 ) oder die Weihung des 
Ehebettes durch geweihte Palmen, Gold, 
Myrrhe, Salz usw. 103 ). 

Um insbesondere eine Mädchengeburt 
zu erzielen, rät wendischer Aberglaube 
der Frau eine Mädchenhaube heimlich 
in ihres Mannes Rock einzunähen 104 ); sie 
zu verhindern, trieb man nach mittel¬ 
alterlichem Zeugnis die Katzen aus dem 
Haus, entfernte die Mäusefallen u. a. 
m. 105 ). Es hieß, daß unter sieben hinter¬ 
einander geborenen Mädchen eins ein 
Werwolf wird 106 ); dagegen kann der 
letzte von sieben hintereinander geborenen 
Knaben Überbeine „vertun“, oder das 
siebente K. ist überhaupt ein Wunderk. 107 ). 

Bisweilen spricht man der Mutter einer 
bestimmten K.erzahl besondere Macht 
zu. Die Speise, die die Mutter dreier 
hintereinander geborener Knaben be¬ 
reitet, hat heilende Kraft 108 ). K.erreiche 
finden wunderbar Schutz und Hilfe 109 ). 
Fromm ist die Meinung, daß die An¬ 
nahme eines fremden Kindes eigenen Ks. 
zur Folge hat (Kt. Zürich) 110 ), und be¬ 
zeichnend sind die Märchen von dem 
wegen Klk. betrübten Paar, dem ein 
Wunder (Schlangenkrönlein m ) u. a.) 
hilft. 

54 ) Vgl. zur allg. Bewertung Stern Türkei 2, 
394; ARw. 18, 594 t.; Krauß Sitte u. Brauch 
I2 4 * 2 97 ; Frazer 1, 70 ff.; 12, 216; Weinhold 
Frauen 2, 30. w ) Stöber Elsaß 1, 3. 58 ) Heyl 
Tirol 431. S7 ) Ploß-Renz 1, 3. 58 ) Hart- 


1385 


Kinderspiel 


1386 


mann Dachau und Bruck 204; Witzschel 
Thüringen 1, 315; Schönwerth Oberpfalz 1, 
114 t.; Lütolf Sagen 538 f.; Herzog Schweizer - 
sagen 1, 22 f. 6 ®) Hartmann Dachau und 
Bruck 204. *°) ZfVk. 17, 163. 81 ) Ebd. 

17. 195. M ) Schönwerth Oberpfalz 1, 

114 t. 8S ) ZfVk. 16, 311. 84 ) Witzschei 

Thüringen 1, 315. 65 ) ZföVk. 4, 47. 66 ) ZfVk. 

14, 117. 87 ) Pollinger Landshut 100. 68 ) 

Vgl. bes. ZfVk. 14, 114 ff. 8Ö ) Jakobsen 
Fceroske folkesagn og esventyr 627 (Nr. 76). 
7<x ) ZfVk. 16, 311. 71 ) ZfVk. 14, 115. 72 ) Kristen- 
sen, Danske Studier 1, 110. 7S ) Carsten 

Hauch Samlede Digte 2 (1891), 19—31. 74 ) Zum 
Motiv der Kindsmörderin vgl. hier Correvon 
Gespenstergeschichten 9 f. 17 f. 75 ) ZfVk. 14, 
ii5f. 7e ) Knoop Hinterpommern 10. 77 ) Pan¬ 
zer Beitrag 1, 134; Reiser Allgäu 409 f. 

78 ) ZfVk. 16, 313 f. 7# ) Krauß Serbischer 
Zauber und Brauch Kinder halber, Urquell 3, 
160 ff. 80 ) ZfVk. 13, 268. 81 ) Urquell 3, 161; vgl. 
Mschles.Vk. 1915 (17), 35. 82 ) Rochholz Kin- 
derlied 294. 83 ) Höhn Geburt 276. 84 ) Drechsler 
1, 207. 85 ) Fogel Pennsylvania 70; Mühl¬ 
hause 25. 88 ) Kohlrusch 339. 87 ) Vgl. 

„Das Huhn im Hochzeitsritual“ bei H. Schef- 
telowitz Huhnopfer 9 ff. 88 ) Grohmann 120 f. 
89 ) Z. B. Köhler Voigtland 393; Bartsch 
Mecklenburg 2, 53; vgl. alten frz. Brauch 
Knuchel Umwandlung 61; Grimm Myth. 3, 
460 Nr. 747 u. a. ®°) Grimm Myth. 3, 437 
Nr. 92. M ) Drechsler 1, 236. 9a ) Vgl. ZfVk. 23, 
209 ff.; ARw. ii, 411. M ) Stern Türkei 2, 261 ff. 
M ) Schlosser Galgenmännlein 9; bzgl. „Aller- 
mannsharnisch'‘ vgl. Ploß-Renz 1, 8; Salbe: 
Urquell 3, 8. ® 5 ) Schultz Alltagsleben 191. 

") Ploß-Renz 1, 5 f.; ZfVk. 17,164. 97 ) Hü- 
ser Beiträge 3, 9h; Sartori Hochzeit 121. 
® 8 ) SAVk. 11 (1907), 267; 7, 161; Höfler 

Fastengebäcke 85. M ) Vgl. Mannhardt For¬ 
schungen 149 ff.; ders. 1, 281; Höf ler Weih¬ 
nacht 75. 10 °) Gebäcke: Höf ler Weihnacht 56. 
101 ) Vgl. Wolf Beiträge 2, 193. 102 ) Ploß-Renz 
1, 8. 103 ) Ebd. 1, 5. 104 ) Schulenburg Wend. 
Volksthum 124. 105 ) ZfVk. 22, 236; Zachariä 

Kleine Schriften 375 f. 106 ) Grimm Myth. 3, 477. 
107 ) Hovorka-Kronfeld 2, 397; Grimm 

Myth. 3, 440; Staricius Heldenschatz 35 f.; 
Ploß-Renz 1, 67. 108 ) Liebrecht Zur Volksk. 
339. 109 ) Krauß Relig. Brauch 136. 110 ) SAVk. 
8, 144. U1 ) Vernaleken Alpensagen 248. 

Kummer. 

Kinderspiel. 

a) Das K. wird mit Recht von der 
Volkskunde außerordentlich stark be¬ 
achtet, wovon die Fülle der Literatur 
Zeugnis gibt 1 ). Seine Beständigkeit 
durch die Jahrhunderte erweisen zumal 
Verzeichnisse von K.en aus dem 16. Jh. 2 ) 
und Spieisachenfunde aus dem MA. 3 ). 
Wie es, in spielender Nachahmung der 
ernsten Beschäftigungen und Gescheh¬ 


nisse des Lebens 4 ), Gebrauchs- und 
Ausdrucksmittel längst vergangener Kul¬ 
turperioden verwendet (Beispiel „Pfeil 
und Bogen“) 5 ), so macht es auch die 
Kinder zu Trägem alter Sitten und 
Kultbräuche 6 ), Bewahrern alter Fest¬ 
formen 7 ), alter Naturverbundenheit 8 ), 
so zumal im Reihen oder Ringel¬ 
tanz 9 ) („heidnischer Chorreigen“ ?) 10 ), 
vgl. etwa das Spiel von Frau Rose u ), 
das Blindekuhspiel 12 ), die Brücken-Spiele 
(„Totenbrücke“) 13 ) u. a. m., daneben in 
den Springspielen nach auf gezeichneten 
Figuren 14 ) (Himmel- und Hölle-Spiel 15 ), 
„Fassein“ 16 ) u. a.). 

Oft läßt sich Anknüpfung des K.s an 
die Sage zeigen 17 ). 

b) Der Aberglauben benutzt das Spiel 
der Kinder auf der Straße als Orakel und 
beachtet es deshalb genau x8 ). Wenn die 
Kinder Deiche in der Gosse bauen oder 
viel Geschrei machen, gibt es Regen lö ). 
Wenn sie mit Sand Kuchen formen, 
„wirds teuer“ 20 ). Wenn sie Soldaten 
spielen, Fahnen tragen und streiten, gibt 
es Krieg 21 ); wenn sie Kreuze und 
Gräber machen 22 ), Begräbnis spielen 23 ), 
im Haus oder vor dem Haus feierlich 
singen 24 ), prozessionsweise einherziehen 25 ), 
im Chor (Choral) singen 26 ) (und dazu 
etwas auf dem Rücken tragen) 27 ), stirbt 
bald jemand. Wenn sie im Spiel Messe 
lesen, ist Krankheit zu erwarten u. 
a. m. 28 ). 

x ) Lit.-Ang. bei Ploss Kind 2 2, 320 ff.; Ploss- 
Renz; Rochholz 1857; Fiedler Volksreime 
(1847); ders. Kinderleben (Oldenburg) 1851; 
Schaller Das Spiel und die Spiele (Weimar 
1865); Sim rock Das deutsche Kinderbuch ; Zin- 
gerle Das deutsche K. im MA.; Höhr Kinder - 
reime und K.e. (Hermannstadt 1903); Künss- 
berg Rechtsbrauch und K. (1920); Wikman 
Barnlek och folksed 1917; de Cocken Teirlinck 
Kinder spei (Gent 1903); Broeck en d'Hooge 
Kinder speien (Brecht 1902); Dünger Kinderlied 
m. K. aus dem Vogtland; Vernaleken und 
Bransky Spiele in Österreich; Meier Dt. 
Kinderreime aus Schwaben; — in Zss.: Globus 
85, Nr. 4; ZfVk. 27, 106 ff.; ZföVk. 14, 109 ff. 
1692.; ZfpädPsych. 20, 4150.; Oberschles- 
Heimat 15 (1919), 52 ff. Vgl. noch S6billot 
Folk-Lore 1, 353 f.; Messikommer 1, 96 ff.; 
Laube Teplitz 69 ff.; Martin Badewesen 41; 
Reuschel Volksk. 2, 133; Mülhause 26 ff.; 
Lauf fer Niederdt.Vk. 94 f.; Schmitz Eifel 
1, 81; Haltrich Siebenb. Sachsen 187 ff. 


138; 


Ki n dersteine—Ki ndesmördenn 


1388 


2 ) Vgl. das mhd. Gedicht: Der Tugenden Schatz 
und Fischarts Gargantua. 8 ) Ploss Kind 2 
2» 319; Hoops Reallex. 3, 44 f. 4 ) Z. B. ZfVk. 
3,91. ß ) TylorCtt/tar 72. 6 ) Mannhardt 1, 260; 
Grimm Myth. 1, 504 (Notfeuer); ebd. 1, 523 
(Ofenanbeten). 7 ) Jensen Nordfries. Inseln 
358. 8 ) Für die Pflanze im K. vgl. Marzell 
Pflanzenwelt 48 ff. *) Müllenhoff Sagen 484. 
10 ) Mannhardt Germ. Myth. 284. u ) Mann¬ 
hardt Götter 300 f. ia ) Schräder Schwieger¬ 
mutter 30. 13 ) Landsteiner Nieder Österreich 

31. 14 ) ZfVk. 10, 238; SAVk. 25, 199. 

15 ) Rivista 2,406; MeyerD. Volksk. 126. 1# ) ZfVk. 
7 » 295; 22, 335. 17 ) Kühnau Sagen 2, 266. 
18 ) Höhn Tod 312. 1# ) Köhler Voigtland 413; 
Birlinger Volkst. 1, 196. 20 ) SAVk. 2, 222. 

21 ) Wolf Beiträge 1, 209; Grimm Myth. 3, 438 
Nr. 106; Grohmann 114. 22 ) Birlinger 

Schwaben 2, 240; Lütolf Sagen 552; Höhn 
Tod 312; Manz Sargans 127; ZfdMyth. 3, 310. 
23 ) Unoth 1,187; Wolf Beiträge 1, 209; Wuttke 
§ 287; Köhler Voigtland 392; Urquell 4, 18 
u. a. 24 ) Köhler Voigtland 392; John 
Erzgebirge 115. 25 ) Birlinger Schwaben 1, 391. 
26 ) Höhn Tod 312. 27 ) Strackerjan 1, 29. 
28 ) Grohmann 114. Kummer. 

Kindersteine (Titisteine). Ein alter, 
verbreiteter Aberglaube ist, daß die 
Kinder aus Felsen kommen J ). In Heu¬ 
bach sagt man, daß die Hebamme die 
kleinen Kinder aus einer Höhle des 
Rosensteins hole, dort sei eine weiße 
Frau, die sie der Hebamme darreiche 2 ). 
Am Wiesensteig von Schirmeck nach 
Rothau in Schwaben ragt ein Fels hervor, 
von welchem die Kinder kommen 3 ). 
In vielen Dörfern des Aargaus gelten 
erratische Blöcke, Felsen, Bergwände als 
„Titi-“, d. h. Kleinkindersteine, aus denen 
die Hebammen die Neugeborenen hervor¬ 
holen. Auf dem Herdmännlistein bei 
Wohlen haben die Erdmännchen ihre 
Stuben; die Hebamme von Wohlen holt 
von dort die Kinder. Rochholz nennt 
solche Steine die Geburtsfelsen des 
Zwergengeschlechts, aus „dessen Über¬ 
fluß an Kinderseelen sich das Menschen¬ 
geschlecht ergänzt“. Kleinkinderfelsen 
sind auch der isoliert turmförmig auf¬ 
ragende Fels an der Burgflüh bei Wölfis- 
wil und der Tegemseer Schloßberg, auf 
dem eine weiße Frau umgeht. Auf 
beiden stehen Tröge, aus denen die 
Hebamme die Neugeborenen holt. Ist 
der Name des gewaltigen Berges Titlis 
nicht etwa rhätischer Herkunft, so wäre 


er der größte Titistein 4 ). Die Amme 
von Riedichen über dem Wiesenthal hat den 
Schlüssel zu einem großen Stein auf der 
Hohen Möhr. Aus dem Herrenbrunnen 
bei Oberöwisheim bei Bruchsal lockt die 
Hebamme die kleinen Kinder hervor, 
indem sie mit der flachen Hand auf 
einen davorliegenden Stein schlägt. Die 
Hebamme von Agenbach (Calw) holt die 
kleinen Kinder unter einem Stein am 
Heidebrunnen hervor 5 ). Wenn Steine 
und Höhlen Kinder bergen, so scheint 
das Vorhandensein von Wasser doch oft 
Voraussetzung zu sein. Der Gewitter¬ 
regen sammelt sich an den Gebirgs- 
felsen, wo die Kleinkindertröge stehen, 
und kommt mit den Quellen und Wald¬ 
bächen zu Tale und bildet dort die Teiche 
und Brunnen, in denen Frau Holle 
wohnt und die wiederum die Kleinkinder¬ 
brunnen sind 6 ). In Schwaben hat fast 
jeder Ort einen bestimmten tiefen Brun¬ 
nen, aus dem man die kleinen Kinder 
holt 7 ). Unter den schönen Seen des 
hohen Schwarzwaldes, die nach dem 
Volksglauben den Ungeborenen als Aufent¬ 
halt angewiesen sind, ist der Titisee der 
größte Kleinkinderbrunnen 8 ). 

l ) Dieterich Mutter Erde 20 11. 64; vgl. 
Jahn Pommern 390 Nr. 497 (Adebar-, Schwan¬ 
steine); SchwVk. 3, 78. 2 ) Meier Schwaben 

263 Nr. 294 letzte Zeilen. 3 ) Sepp Völker - 
brauch 7. 4 ) Rochholz Sagen 1, 356 Nr. 

24• 245 Absatz 2 u. 87 Nr. 77; Naturmythen 
109 Nr. 5 u. 59 Nr. 6 letzte Zeilen; Sepp 
Sagen 99; vgl. Mannhardt Germ. Myth. 
2 73 3 ; Kuhn Westfalen 1, 242 Nr. 274. 

5 ) Meyer Baden 14 u. 10; Höhn Geburt 259. 

6 ) Höhn a. a. O.; Rochholz Naturmythen 143 

Nr. 14 Anm. u. 136 Anm.; Sagen 1, 17; vgl. 
Mannhardt a.a. O. 255; Weinhold Frauen 1, 
49; Kuhn Westfalen 1, 314 Nr. 355 u. 240 
(Anm. z. Nr. 274); Grimm Sagen Nr. 4; 
Zingerle Sagen 16 Nr. 27; Bindewald Ober¬ 
hessen 28 f.; Schambach-Müller 59 t. Nr. 81 
u. a. 7 ) Meier Schwaben a. a. O. 8 ) Meyer 
Baden 13. f Olbrich. 


Kindes mörderin. 

1. Bei vielen Völkern ist Kindes¬ 
mord, d. h. Mord Neugeborener, welche 
noch nicht in die soziale Gemeinschaft 
aufgenommen waren (s. Aussetzung und 
Kindesraub) ein vielgebrauchtes x ) und 
wahrscheinlich notwendiges Mittel 2 ), um 
einem unerwünschten Wachsen der Volks¬ 


Kindesmörderin 


1390 


1389 

zahl 3 ) oder einer relativen Übervölke¬ 
rung zu Zeiten plötzlich einbrechender 
Hungersnot 4 ), wie sie in früheren Zeiten 
öfter eintrat, vorzubeugen. Besonders 
häufig fallen Mädchen diesen Beschrän¬ 
kungstendenzen zum Opfer 5 ). In China 
sollen an öffentlichen Kanälen in größeren 
Städten Steine mit der Aufschrift stehen : 
„Hier dürfen keine Mädchen ertränkt 
werden“ 6 ). Aus ähnlichen Motiven 
entsprang — wenn die Erzählung histo¬ 
risch ist — das Gebot des Pharao an die 
Hebammen von Ägypten, die Knäblein 
der Hebräer ums Leben zu bringen 7 ). 
Nicht hierher gehört die Geschichte vom 
bethlehemitischen Kindermord, welche 
vielmehr als singuläres Ereignis zu deu¬ 
ten ist. 

Gewisse Kinder müssen auch bei Völ¬ 
kern, welche sonst auf Hervorbringung 
einer größtmöglichen Kinderschar be¬ 
dacht sind, wie z. B. die hackbautreiben¬ 
den Neger Afrikas, getötet werden. So 
dürfen bei manchen Völkern Kinder nicht 
leben, welche von einem noch nicht initi¬ 
ierten oder unverheirateten Eltempaar ge¬ 
boren sind 8 ), Brautkinder 9 ) (in beiden 
Fällen wohl aus demselben abergläubischen 
Grunde, daß Eltern, welchen die Erwach¬ 
senenweihen fehlen, welche, bei den 
Dschagga z. B. in ihren letzten Stufen erst 
nach Abschluß des Ehevertrages an Braut 
und Bräutigam erteilt werden, nur minder¬ 
wertige Nachkommenschaft erzeugen kön¬ 
nen), Zwillinge 10 ), die Erstgeburt 11 ), 
Mißgeborene 1Ä ) — überhaupt Kinder, 
welche zu gewissen als unglücklich be¬ 
trachteten Zeiten geboren werden oder 
bestimmte Merkmale an sich tragen. 

Erwähnung mögen hier auch jene 
historischen und sagenhaften Fälle finden, 
wo ein bestimmtes Kind (Oedipus, Ro- 
mulus und Remus, Cyrus) getötet werden 
muß, weil es, wenn es am Leben bliebe, 
ein Unheüsträger wäre. Hier handelt es 
sich um das individuelle Verhältnis zwi¬ 
schen Eltern und Kinder, in welches 
nicht, wie bei den oben angeführten 
Beispielen, zwingende soziale Momente 
oder zwingende religiöse Vorschriften 
hinein wirken. 

*) R. Briffault Mothers 2, 27 ff.; Visscher 


Naturvölker 2, 563; Sitten, Gebräuche und 

Narrheiten 202 ff. 2 ) Haberland Der Kinder¬ 
mord als Volkssitte, Globus 37, 25 ff. 3 ) F. Mül¬ 
ler Lyer Die Zähmung der Nomen 1, 2390.; 
Chamisso Reise um die Welt, Stuttgart 1871. 
4 )Witzschel Thüringen 2,46 Nr. 45. 5 ) Azara 
Voyages dans VAmerique mSridionale (Paris 
1809) 93. 96. *) F. Theilhaber Geburtenbe¬ 

schränkung im Altertum und bei den Naturvöl¬ 
kern und die Neue Generation 1913,184. 7 ) 2. Mos. 
1, 15 f. 8 ) R. Brilfault Mothers 2, 190; 2, 
25 ff. 9 ) Gutmann Das Recht der Dschagga 
S. 136. 10 ) Rendel Harris The Cult of the 

Heavenly Twins. u ) 2. Mos. 13, 13; Frazer 
Folklore in the Old Testament 1, 480 ff. 562. 
12 ) Post Ethnolog. Jurisprudenz 2, 11; West er - 
marck Geschichte der menschlichen Ehe 310 ff. 

2. Als die Germanen in die Geschichte 
eintraten, waren sie in einem Stadium 
starker Expansion; es gab also kaum 
einen Grund zum Kindermord wegen 
etwaiger Enge des Nahrungsspielraumes. 
Gleichzeitig begann sich die streng pa¬ 
triarchale FamüienVerfassung voll aus¬ 
zuwirken, welche es der Frau möglichst 
versagte, rechtlich relevante Handlungen 
zu setzen. So kam es, daß zwar noch die 
lex Frisionum der Mutter das Recht zu¬ 
gestand, ihre Kinder gleich nach der 
Geburt zu töten, daß aber späterhin und 
zwar bis in das 17. Jh. zwar der Vater 
die Tötung eines neugeborenen Kindes 
(s. Aussetzung) verfügen konnte, diese 
aber von seiten der Mutter als todes¬ 
würdiges Verbrechen galt. Vergriff sich 
die Mutter an dem Kinde, so vergriff 
sie sich eben an dem Eigentume ihres 
Gatten und seiner Sippe. Auch bei 
anderen Völkern, z. B. bei den streng 
patriarchal organisierten Dschaggas 1S ), 
bildete es einen Teil des Unterrichtes bei 
den Jünglingsweihen, die künftigen Ehe¬ 
männer über die möglichen geheimen 
Mordpraktiken der Frauen gegen ihre 
Kinder aufzuklären. 

Bei den Germanen erlitt die K. die 
Todesstrafe 14 ) häufig in der Art, daß 
sie zwischen zwei Domenbündeln oder 
auf einer Unterlage von Domen, Brenn¬ 
nesseln und glühenden Kohlen 15 ) be¬ 
graben wurde. Bisweilen wurde die 
lebendig Begrabene mit einem Pfahl durch¬ 
stoßen 16 ), bisweilen wurden ihre Leiden 
dadurch verlängert, daß man ihr künst¬ 
lich Luft zuführte 17 ). Eine tiefe Grube 


Ki n desmör d erin 


1392 


1391 


sollte gemacht werden und man sie 
„allda lassen sterben und verderben, 
damit weder Kind noch gewachsene 
Lüten von ihr kein Schaden empfangen“ 18 ), 
da man auch noch von dem toten Leibe 
der K. wie dem der Ehebrecherin (s. 
Ehebruch) und anderer Hexen Schaden 
erwartete. 

Später wurden K.nen häufig ertränkt 
(auch im Sack) — es wurde dabei 
aber nicht immer jede Möglichkeit 
der Rettung ausgeschlossen. Ebenfalls 
mit der Absicht, das Los der K. zu 
mildem, wurde sie später geköpft. Bei 
einer solchen Gelegenheit sah der Scharf¬ 
richter bei der Hinrichtung drei Köpfe 
vor sich. Man schloß daraus, daß die 
Frau eine Doppelmörderin sein müsse 19 ). 
Als eine K. unschuldig hingerichtet wurde, 
war ihr Blut nicht zu stillen 20 ). 

Außer der zeitlichen harrte ihrer auch 
ewige Strafe. Die K. spukt, geht um 21 ), 
häufig an der Stelle, wo sie ihr Kind 
ermordete 22 ) oder es vergraben hat 23 ). 
Der wilde Jäger jagt sie. Sie erscheinen 
dabei vielfach als schöne weiße Jung¬ 
frauen, manchmal in Gestalt weißer 
Tauben 24 ). Keine Reue, kein noch so 
triftiger Milderungsgrund bewahrt sie vor 
diesem Schicksal 25 ). 

Allerdings die kirchliche Praxis, so 
strenge sie gegen K.nen einschritt, sie 
erklärte auch Kindesmord von seiten 
des Vaters unter allen Umständen 
für ein homicidium — machte einen 
großen Unterschied, „ob sie es in ihrer 
Armut wegen Schwierigkeit der Er¬ 
nährung getan, oder ob sie eine Metze 
war, oder um ihr Vergehen zu verheim¬ 
lichen“ 26 ). Die Kirche mußte um so 
strenger den Kindesmord verdammen, 
als diese Kinder ja der Taufe verlustig 
gingen. Deshalb wird auch durch die 
Gebeine der getöteten Kinder mancherlei 
Spuk veranlaßt 27 ). Aber diese psycho¬ 
logische Differenzierung blieb dem Volks¬ 
bewußtsein lange fremd. 

13 ) Gut mann Das Recht der Dschagga 212 ff. 
33 * • 34 °* 14 ) K. von Amira Todesstrafen 

18 ff. 16 ) ZdVfV. 17 (1907), 375. 16 ) Osen- 

brüggen Studien 357 f. * 7 ) Ebd. 356. 
1S ) Ebd. 344, vgl. auch S. 348. 18 ) Bartsch 

Mecklenburg 1, 461 f. 20 ) Ebd. 1, 461 f. 


21. 21 ) Vonbun Sagen 43 Nr. 47; Schell 

Berg. Sagen 142, 13; Lütolf Sagen 287. 

288 f.; Vernaleken Alpensagen 327. 22 ) 

Meiche Sagen 79 Nr. 94; Rochholz Sagen 1, 
374 f-J SAVk. 25, 125 t. 23 ) Reiser Allgäu 1, 
in. 24 ) ZdVfV. 13 (1903), 184. 25 ) Kühnau 
Sagen 1, 494. 26 ) Friedberg 11; Jordan 

Über d. Begriff und die Strafe des Kindesmordes, 
Heidelberg 1844. 27 ) Meyer Aberglauben 352. 

3. Als Kindesmord in uneigentlichem 
Sinne stellen sich jene Bau- und Sühn¬ 
opfer dar, bei welchen Kinder, meist 
lebendig, an den Dämon hingegeben 
werden. Nicht der Mord, das Hinweg¬ 
räumen des Kindes ist hier Zweck der 
Handlung, sondern die Abwehr feind¬ 
licher Einflüsse oder die Gewinnung eines 
Schutzgeistes. Wenn vorzugsweise Kinder 
zu solchem Opfer gewählt werden, so 
geschieht das, weil es für die Gemein¬ 
schaft leichter ist, ein Kind als einen 
Erwachsenen zu entbehren, sie dem 
Dämon aber wegen ihrer größeren Geistes¬ 
kraft (s. Kinderraub und Kinderopfer) 
wülkommener sind. 

4. Das „Kindlimordrätsel-Motiv“ tritt 
meist in der Form auf, daß folgende drei 
Fragen gestellt werden: Was ist weicher 
als Vogelflaum ? (Der Mutterschoß.) 
Was ist süßer als Honigseim ? (Die Mutter¬ 
brust.) Was ist härter als Kieselstein? 
(Das Vaterherz) 28 ). Die Lösung der 
Rätselfragen lehrt die Muttergottes selbst 
einem von seinem Vater an den Teufel 
verkauften Kind, das durch Beantwortung 
der Fragen gerettet wird (s. Rätsel) ™). 
Ein hartherziger Vater legt die Frage 
seinem Kinde selbst vor, bevor er die 
Tat vollführt *°). Eine andere Variante 
berichtet, daß eine Mutter ihr Kind als 
Bauopfer verkauft habe, welches dann 
ins Wasser geworfen wurde, weil ein 
großes Loch beim Stördeich bei Heiligen- 
steden sich nicht ausfüllen lassen wollte. 
Dreimal auftauchend rief es das erstemal: 
„Ist nichts so weich als Mutterschoß“? 
Das zweitemal: „Ist nichts so süß als 
Mutters Lieb“? Das drittemal: „Ist 
nichts so fest als Mutters Treu“ 31 ) ? 

Diese Rätselfragen zeigen schon die Ver- 
urteüung des Kindesmordes, zu welchem 
Zweck auch immer. Unter dem Einfluß 
der katholischen Kirche wurde der Schutz 




1393 


Kindleinstag—Kinn 


1394 


des Lebens des Kindes auch auf den 
Embryo ausgedehnt. Fast alle modernen 
Gesetzgebungen stehen auch heute noch 
auf diesem Standpunkt. 

28 ) Bolte-Polivka 3, 16. 43; Herzog 
Schweizersagen 2, 34; 1, 181; Schambach und 
Müller 5, 326; Schwebel Tod und ewiges 
Leben 157 f. * 9 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 67. 
ao ) Lütolf Sagen 401. S1 ) Naumann Gemein¬ 
schaftskultur 77. M. Beth. 

Kindleinstag s, unschuldige Kinder¬ 
tag. 

Kindsfuß. „Kindsfoot ist das Zucker¬ 
werk, welches den bei Entbindungen ein¬ 
geladenen Frauen vorgesetzt wird, die 
ihren Kindern davon mitzunehmen pflegen 
und denselben vorsagen, das habe das 
neugeborene Kind an den Zehen mit¬ 
gebracht“ x ). Nach Frischbier 2 ) ist 
K. = Hasenbrot, das der Hase 
mit bringt (vgl. Hasenbrot). In Ost¬ 
preußen ist K. das, was man an Back¬ 
werk oder Speisen von einer Mahl¬ 
zeit in einem fremden Hause mit nach 
Hause nimmt 3 ). Findet in Deutsch- 
Evern bei Lüneburg eine Kindstaufe 
statt, so darf jedes nicht konfirmierte 
Kind eine Semmel holen; wird die Gabe 
verweigert, so ziehen die Kinder monate¬ 
lang vor das Haus und rufen: Dat Kind 
heet keenen Foot 4 ). Nach Feilberg gibt 
es in Dänemark ein Gebäck, das bametaa 
heißt, ein anderes bamefod 6 ). Auf der 
Kolonie Christiansholm bei Holm feiert 
man nach der Geburt des Kindes Keesfoot 
( = Kindsfoot). Da kommen die Nach¬ 
barsfrauen zu einem Kaffee mit Back¬ 
werk 6 ). In Ditmarsen heißt es von der 
Schwangeren: sie ist grossfoot oder kees- 
foot 7 ). Kindsfoot ist auch ein Weih¬ 
nachtsgebäck in Lüneburg (Abbild, bei 
Höfler 8 )). Wessel berichtet in seiner 
Schilderung des katholischen Gottes¬ 
dienstes in Stralsund bis 1523: Am Christ¬ 
abend fasteten die Bauersleute, bis sie 
die Sterne am Himmel sahen; c^ann legten 
sie Garben ins Freie, daß Wind, Schnee 
Reif und Luft sie „bescheinen“ konnten; 
diese Garben hieß man Kinsfoot; diese 
gab man dem Vieh, „dat se alle des 
kindesvootes geneten scholdenn“ ®). Nach 


Dähnert hielt man das Futter allgemein 
„gedeylich aufs ganze Jahr“ 10 ). Über 
die Wunderwirkung des Weihnachtstaues 
auf die Garbe und das Getreide berichtet 
schon Gervasius in seinen Otia imperialia 
(vgl. Brot) ll ). Höfler vermutet, daß 
der Name der Garbe davon kommt, 
daß man das K.gebäck in die letzte 
Garbe oder dieWeihnachtsgarbe steckte 12 ). 

x ) Dähnert Plattdeutsches Wb. 1781, 227; 
ZföVk. 15, 101; ZfVk. 1902, 439; Höfler 
Weihnachten 48; Urquell 5, 253; Wolf Hess.- 
Sagen No. 18, A. 211; ders. Beitr. 1, 266; Roch¬ 
holz Naturmythen 271; vgl. BlpommVk. 9, 
3. 2 ) Preußisches Wb. i, 362. 5 ) Grimm 

DWb. 5, 757. 4 ) Niedersachsen 8 Nr. 9; 

ZföVk. 1 . c. 102. 6 ) Feilberg Dansk bondeliv 

2, 69; ZföVk. 1 . c. 101. 6 ) ZfVk. 23, 279, 

51. 7 ) ZfdMyth. 4, 430; Mannhardt Germ. 

Mythen 305: vgl. Höfler in ZföVk. 15, 101 (!). 
8 ) Weihnachten 47 ff. Fig. 9. 19; vgl. ZföVk. 
1 . c. 102 Fig. 24. ®) Germania 18, 1 ff.; Mann¬ 
hardt i, 233; Höfler Weihnachten 48; ZfVk. 
12, 438. 10 ) 1 . c. n ) Liebrecht Gervasius 2 cap. 
12. 12 ) ZfVk. 12, 439: Höfler Weihnachten 

47 ff. Eckstein. 

Kindsfinger, -händchen s. 2, 229 ff. 

Kindsnetz s. Glückshaube 3, 890 ff. 

Kinn. Die Form des K.s verrät den 
Charakter des Menschen. „Ein langes 
K. oder langes Gesicht bedeutet einen 
jähzornigen Menschen langsamer Arbeit“, 
erklärt Paracelsus (S. 37). „Ein gespal¬ 
tenes K.“, fährt er weiter, „bedeutet einen 
getreuen, dienstbaren Menschen, ver¬ 
borgener u. gespaltener Rede; spricht oft 
von diesem und meint ein anderes, jäh¬ 
zornig, tut im Zorn, was ihn hernach wohl 
gereut, ist sinnreich und von behender 
Listigkeit“. 

In der heutigen Volksmeinung heißt es 

weitverbreitet: 

Spitze Nase und spitzes K., 

Da sitzt der lebig Teufel drin 1 ). 

In England heißt es: 

Dimple (Grübchen) in chm, 

Devil within *). 

Das Grübchen ist ein Glückszeichen; es 
ist der Fingerabdruck des Engels, der 
den Schlafenden geküßt hat 8 ). 

Dem Toten wird eine Zitrone 4 ), eine 
Bibel oder ein Rasenstich unters K. ge¬ 
legt, um zu verhüten, daß er den Kopf 
aufrichte (s. Leiche). 





1395 


Kipfel—Kirche 


In der Gebärde spielt das K. eine be¬ 
deutsame Rolle Ä ). 

Als die Tiroler Bäuerin einer verhexten 
Kuh die K.laden wegschneiden wollte, 
kam die Hexe und schrie: „Bäuerin, 
schneid nicht, schneid nicht!“, strich 
mit der Hand der Kuh über den Rücken 
abwärts, und von Stund an war die Kuh 
gesund 7 ). 

*) Strackerjan i, 34 § 22; 1, 330 § 202, c; 
ZfVk. 21, 261 Nr. 49; Eckart Ndd. Sprichw. 
177; Wand er Sprichwörterlex. 2, 1334 (mit 
älterer Lit.); de Cock Volksgeloof 1 (1920), 
162; SAVk. 8, 281; Wackernagel Kl. Sehr. 
1 (1872), 172 ff. 2 ) Bergen Current Superst. 
32 Nr. 102. 3 ) Ebd. Nr. 103 und 104. *) Witz- 
schel Thüringen 2, 260 Nr. 77. 5 ) Rochholz 

Glaube 1, 170; Panzer Beitrag 2, 294 (1806). 
6 ) Sittl 379 (Reg.); Sch wenn Menschenopfer 
160 usw. 7 ) Alpenburg Tirol 292 Nr. 4. 

Bächtold-Stäubli. 

Kipfel. 

1. Nach der Sage wurde der K. 
in Wien nach dem Sieg über die Türken 
(1683) als Gebäcksubstitut des türkischen 
Halbmondes gebacken x ); indessen lesen 
wir schon bei Enikel in seinem Fürsten¬ 
buch, daß die Bäcker Leopold dem Glor¬ 
reichen (13. Jhdt.) „chipfen“ brachten 2 ): 
Do brachten im die pecken chipfen und 
weiße flecken weißer dann ein hermelein. 
Preter 3 ) deutet den K. als Sonnen- 
Homsymbol, entstanden aus dem Trigon. 
Höfler denkt zunächst an das Symbol 
des doppelgehömten Bacchus-Dionysos 4 )! 
Der K. ist ursprünglich ein die Mond¬ 
sichel im ersten Viertel nachahmendes 
Gebäck. Schon Lobeck weist auf die ent¬ 
sprechenden Gebäcke der Griechen hin 5 ); 
die beiden Gebäcke ß^S und ßofc (auch 
„asX^'vT)“ genannt) hatten xepatet 
Hörner 6 ); daß der Mond Hörner hat, 
ist, wie schon im Grimmschen DWb. 7 ) 
betont wird, ein antikes und deutsches 
Büd. Von der Antike übernahmen die 
Klöster die panes lunati; Eckehardt 
in seinen „benedictiones ad mensas“ 
schreibt 8 : 

Panem lunatum faciat benedictio gratum. 

Dazu bemerkt die Glosse: in lunae modum 
factum. Für St. Gallen sind auch 
„lunulae“ bezeugt 9 ). Mondförmig war 
das Fastengebäck der Freckenhorst er 
Nonnen im 11. Jh. 10 ). Hörnchen „comuta“ 


1396 

erhielten die Mönche von Limoges als 
Klostergebäck 11 ). Hörnchen ist auch 
bei uns der Parallelname zu K. oder 
volksetymologisch „Gipfel“ l2 ). Der schon 
sehr früh belegte Name Kipf kommt von 
ahd. kipfa, kipf, die beiden Hörner am 
Kipfblock der Wagenachse 13 ); im Schwä¬ 
bischen spricht man direkt von „Kipf- 
hömlein“ 14 ). Man sagt sogar: „Der 
Mond macht ein kipfl“ 15 ). 

2. K. hängt man am Lechrain (als 
Symbol des Phallus) an den Maibaum, 
welcher vor das Fenster der Mädchen ge¬ 
setzt wird 16 ). Nach Rochholz be¬ 
kommen „Kipferl“ als Geschenk nur die 
Burschen 17 ). Nach einem bekannten 
Sagenmotiv (s. Brot) werden die Brot- 
kipfe der Verena in Kämme verwandelt, 
als man ihre Gaben, die sie den Armen 
bringen will, nachprüft 18 ); über eine 
Kipf-Stiftung siehe Rochholz 19 ). 

3. Bekannte Heilgebäcke sind die 
Peregrinik. in Wien: Der heilige Pere- 
grin genießt dort einen großen Ruf als 
Helfer bei Fußleiden 2°); an seinem Fest¬ 
tag werden die Peregrinik. von den Fu߬ 
leidenden „massenhaft“ verzehrt 2l ) (vgl. 
Homaffen, Martinshorn). 

l ) Grimm DWb. 5, 781; Preter in Mitt. 
d. k. u. k. Zentralkomm. 14 (169), 6. 2 ) Fürsten¬ 
buch 95; zitiert bei Grimm 1 . c. und Preter 

1. c.; vgl. Heyne Nahrungswesen 277. 3 ) 1 . c. 

4 ) Fastengebache 54 ff. 5 ) Aglaophamos 2, 
1065 ff.; vgl. Pritz im Museum Franzisco- 
carolinum Linz 1863, 32. 6 ) Lobeck 1 . c.; 

Pauly-Wissowa 11, 2098; RW. 15, 1, 

82. 97; Nilson Griech. Feste 466. 7 ) 1 . c. 

8 ) Mitt. d. antiquar. Ges. Zürich 3 (1846—47), 
106 Vers 10. 117. 9 ) Du Cange 5, 154. 

10 ) Hoops Reallex. 1, 152. u ) Du Cange 2, 
571. 12 ) Kluge Et. Wb. 13 ) Weigand Wb. 1, 
1037. u ) Fischer Schwab. Wb. 4, 388. 15 ) 

Grimm 1 . c. 16 ) Leoprechting Lechrain 177. 

17 ) Gaugöttinnen 85; Höfler Ostern 44. 

18 ) Rochholz Gaugöttinnen 96. 121 ff. 19 ) Glau¬ 
be 1, 326. 20 ) Künstle Ikonographie der Heiligen. 
21 ) Hovorka-Kronfeld 2, 504. Eckstein. 

Kirche. 

I. K.nerbauung. a) An alten Kultstätten. 

b) Gründungs- und Bausagen. 1. K.nbau gelobt. 

2. Tiere weisen den Bauplatz. 3. Wunder oder 
Naturerscheinungen als Anlaß. 4. Baumaterial 
wandert. 5. Wunderbare Hilfe bei K.nbauten. 

c) K.n über Seen und Quellen, d) Bau Opfer, 
e) Versunkene K.n. II. K. und Teufel. III. 
K.numwandlung. IV. Nächtlicher Spuk in 
K.n. V. Allerlei Abergläubisches von K.n. 


1397 


Kirche 


1398 


I. K.nerbauung. a) Klugerweise haben auch läßt man Stiere 12 ), säugende Kühe 13 ) 
die ersten christlichen Missionare oft K.n oder einen Schimmel 14 ) ungehemmt und 
an alten Kultstätten erbaut 1 ), wovon unbelastet, mitunter freilich mit verbun- 
viele Sagen 2 ), aber auch des öfteren denen Augen 15 ), laufen bis zu einer 
durch Grabungen erhärtete Baugeschich- selbstgewählten Raststätte, und dort wird 
ten und geschichtliche Überlieferungen 3 ) dann die K. gebaut. Vereinzelt findet 
Zeugnis geben. sich die Sage, daß ein Schimmel nachts 

b) Um die Entstehung der K.n rankt die künftige Baustelle umschreitet 16 ). 
sich eine große Menge von Gründungs- Ferner überläßt man es dem Flug einer 
und Bausagen, die zum guten Teil Taube, eines Raben 17 ), den Platz zu 
dem Wunderglauben entsprungen sind weisen. In allem, auch wenn es sich 
oder dem nachträglichen Erklärungs- offensichtlich um reinen Zufall handelt, 
bedürfnis betr. der auffälligen Lage der erkennt man höheren Willen und fügt 
K. Handelt es sich auch vorwiegend um sich. Innerlich verwandt mit den oben 
epische Ausformungen, so liegen doch behandelten Sagen, weü man auch hier 
Anschauungen von dem Vorherrschen einem blinden Los, einer Laune des 

höherer Gewalten über den Menschen- Schicksals vertraut, ist die vom Hammer¬ 
willen zugrunde, wie wir sie im Volks- wurf: da, wo ein in die Höhe geworfener 
und Aberglauben allenthalben treffen. Ein Hammer niederfällt — oft handelt es 
kurzes Eingehen auf diese über ganz sich um Entfernungen von Stunden — 
Deutschland und darüber hinaus ver- da wird die K. erstellt 18 ) (vgl. unten die 
breiteten Sagen erscheint darum auch Sagen von den K.n bauenden Riesen), 
hier gerechtfertigt. Nur die wichtigsten 3. Als dritte Gruppe kann man wohl 
Erscheinungsformen sollen mit einigen die Gründungssagen betrachten, in denen 
Beispielen belegt werden. die unmittelbare Äußerung göttlichen 

1. Viele K.n und Kapellen verdanken Willens durch eine Offenbarung, ein 

ihre Entstehung frommem Ge- förmliches Wunder oder eine wunder- 
lübde für Errettung aus Not und Ge- bare Erscheinung erfolgt. Himm- 

fahr 4 ) oder sind zur Sühne erbaut für lische Erscheinungen der Muttergottes, 

gotteslästerliche Handlungen 5 ). Christi oder eines Heüigen geben deren 

2. In den zahlreichen Fällen, in denen Willen kund, an bestimmter Stelle eine 
man sich nicht auf einen bestimmten Verehrungsstätte zu besitzen 19 ). öfters 
Bauplatz einigen konnte, überließ man ist in dieser Erscheinung bereits ein 
die Entscheidung höheren Mächten. Zug- Heiligenbild vorgedeutet, das den Platz der 
tiere vornehmlich und Vögel sollten, K. bezeichnen soll und das nachher auch 
ganz ihrem eigenen Trieb über- wirklich aufgefunden wird 2°). In vielen 
lassen, d. h. ohne menschlichen Zwang, Fällen zeigt sich ein solches Bild auch 
die Lösung herbeiführen helfen. Solchem selbst in visionärer Weise 21 ) oder verrät 
scheinbaren Fatalismus liegt aber die sich durch außergewöhnliche Naturer- 
Vorstellung zugrunde, daß der allmäch- scheinungen (drei feurige Rosen blühen 
tige Gott diese Tiere stets in seinem Sinn mehrere Nächte hintereinander je eine 
lenkt. Man spannt ungewohnte Ochsen Stunde 22 ), aus dem Innern eines Baum¬ 
oder ein Pferd vor einen Wagen und Stammes ertönt liebliche Musik, verur- 
belädt diesen oder das Tier selbst mit sacht durch ein in einer überwachsenen 
dem Leichnam des Gründers (Grün- Nische verdecktes Vesperbild 23 )), oder es 
derin 6 )), mit einer Heiligenstatue 7 ), mit kommt auch gänzlich unerwartet durch 
Reliquien 8 ), mit den Bauwerkzeugen 9 ), Zufall ans Tageslicht (ausgepflügt 24 ), 
dem Baugeld 10 ) usw., oder man bindet ausgewühlt von weidenden Tieren 25 )). 
einem bunten Mutterpferd eine Marien- Außer einem Bild, das durch Vision, 
statue auf den Rücken 11 ): da, wo das Naturerscheinung oder Zufall hervortritt 
Tier stehen bleibt oder seine Last ab wirft, und Anlaß zu einem K.nbau wird, sind es 
erkennt man den Bauplatz. Häufig aber öfter ungewöhnliche, wunderbare Na- 



1399 


Kirche 


1400 


turereignisse, die zum gleichen Ziele 
führen: mitten im Sommer fällt Schnee 
auf eng begrenztem Bezirk 26 ), oder um¬ 
gekehrt: eine bestimmte Stelle bleibt im 
Winter reiffrei 27 ), ein Rosenstock blüht 
in der Winterkälte 28 ), ein Flachsfeld blüht 
in einer Nacht auf 29 ); Irrlichter zeigen 
die Baustelle oder umreißen gar schon 
den Grundriß des Baues 31 ). 

4. Eine vierte Gruppe bilden die Sagen 
vom verschleppten Baumaterial 
oder von den sog. Wander-K.n. Man 
hat bereits irgendwo zu bauen begonnen 
oder zumindest das Baumaterial aufge¬ 
häuft: da werden drei Nächte hindurch 
das Bauholz oder die Werkzeuge, mit¬ 
unter auch der Eckstein des bereits 
begonnenen Baues 32 ) an einen neufen 
Ort verbracht und die Zimmerleute mit, 
die Wache halten sollten. Man findet 
sie bald schlafend, bald tot wieder 33 ). 
Da kein Fahrgleis zu entdecken ist, 
glaubt man manchmal, Engel hätten das 
Baumaterial weggetragen 34 ), oder zwölf 
Schimmel sollen es getan haben 3S ). Ver¬ 
einzelt vermutet man, der Teufel sei im 
Spiel 36 ); ein andermal wieder schreibt 
man das rätselhafte Werk den Wichteln 
zu 37 ), auch die Riesen kommen in diesem 
Zusammenhang vereinzelt vor 3 ®). öfters 
will die Arbeit durchaus nicht vorwärts¬ 
gehen. Die Zimmerleute verletzen sich 
immer wieder mit ihrer Axt: da tragen 
Vögel die blutigen Späne an einen neuen 
K.nplatz 39 ). Solchen Winken des Himmels 
wagt man natürlich nicht zu widerstehen. 

5. Viele K.n sind unter wunder¬ 
samer Mitwirkung des Himmels er¬ 
baut worden. Als ein Oldenburger Bauer 
sich entschloß, zur Behebung der K.nnot 
einen Bauplatz zur Verfügung zu stellen, 
lag im Nu durch ein Wundergeschehnis 
das ganze Baumaterial dort bereit, und 
selbst Statuen warteten auf Verwen¬ 
dung «). Einer Mecklenburger Gemeinde 
eröffnete sich für den K.nbau seltsamer¬ 
weise eine Kalkgrube, und ein Pferd stand 
bereit, um dem K.nbau zu dienen 41 ). 
In einem Dorf im Allgäu spannte der 
hl. Georg seinen Schimmel vor beim 
Anfahren des K.nbauholzes 42 ), in Olden¬ 
burg wieder schleppte ein blinder Schim¬ 


mel die gesamten Bausteine für einen 
Turmbau herbei 43 ). Andere Sagen er¬ 
zählen, daß Engel Geld für den K.nbau 
brachten 44 ), daß gehobene Schätze den 
K.nbau finanzierten 45 ). Einzelne sehr alte 
; K.n sollen von Riesen erbaut worden 
sein 46 ); zwei Riesen, die gleichzeitig je 
an einer K. in benachbarten Tälern bauten, 
benützten denselben Hammer, den sie sich 
abwechselnd zuwarfen 47 ). Freilich ste¬ 
hen daneben die Erzählungen von Rie¬ 
sen 48 ) und Zwergen 49 ), die den Glocken¬ 
klang nicht hören können und neu¬ 
entstandene K.n zertrümmern (Vgl. III: 
K. u. Teufel.) Auch von einem freund¬ 
lichen Baugeist, der nachts auf dem 
Bauplatz erstaunliche Hilfe leistet, wird 
erzählt 50 ). 

c) K.n über Seen und Quellen: Von 
dem Straßburger Münster glaubt man, 
es stehe über einem See und mit einem 
Kahn könne man unten durchfahren 51 ), 
auch die Domkirche zu Salzburg soll 
über einem See erbaut sein 62 ). In ein¬ 
zelnen K.n sprudelt unter dem Hochaltar 
ein heilkräftiges Brünnlein 53 ); eine Sage 
aus Friaul sagt indes, daß man solche 
Quellen weder untersuchen noch darin 
waschen dürfe, sonst werden sie ver¬ 
siegen 54 ). Weit größer als die Zahl der 
K.n mit einem Heilbrunnen ist indes die 
Zahl solcher Kapellen. 

d) Alte, weitverbreitete und bis in 
• die neuere Zeit reichende Sitte ist das 

sog. Bauopfer, d. i. Opfer und Ein¬ 
mauerung eines lebenden Wesens, Tier 
oder Mensch, beim Erbauen von Häusern, 
Brücken und K.n (s. Bauopfer und 
die umfassende Studie: Klusemann, Das 
Bauopfer. Graz-Hamburg 1919). Nach 
Grimms Meinung 56 ) wollte man der 
Erde gleichsam ein Opfer dafür bringen, 
daß sie die Last auf sich nehme und 
wähnte, durch den grausamen Brauch 
unerschütterliche Haltbarkeit und andere 
Vorteüe zu erreichen. In Brandenburg 
glaubte man früher, daß der Teufel den 
Bauleuten schweres Leid zufügen werde, 
wenn man ihm bei K.nbauten nicht zwei 
Menschen opfere 56 ). Beim Abbruch 
von K.n oder einzelner Teile derselben 
will man da und dort Gerippe gefunden 



1401 


Kirche 


1402 


haben 57 ). Später, erzählen die Sagen, 
habe man das Menschenopfer nur noch 
symbolisiert, indem man Totenschädel, 
äußerlich sichtbar, in die Mauer einfügte 58 ). 
In andern Fällen wird ein solcher Schädel 
allerdings als der Kopf eines verunglück¬ 
ten Zimmermanns erklärt 59 ). 


-j mir ui quellen zur \jescn. aes Jrapsuums 
1901, 76; Grimm Myth. 1, 5. 70. 90; 3, 37; 
Grimm RA. 796. *) Heyl Tirol 324; Reiser 
Allgäu 1, 401 Nr. 488; Gräber Kärnten 30; 
von Mailly Friaul Nr. 86; Bechstein Thürin¬ 
gen i, 269. 3 ) Stemplinger Aberglaube 4; 

Muus Altgerm. Religion 50; Grimm Myth. 1, 
90; Krauss Sitte 150. *) Gräber Kärnten 319 
Nr. 443; 323 Nr. 452; Reiser Allgäu 1, 395 Nr. 
481; Kühnau Sagen 3, 446 Nr. 1821; Künzig 
Baden 114 Nr. 302 u. 303; 115 Nr. 307. *) Grä¬ 
ber Kärnten 321 Nr. 449. 6 ) Panzer Beitrag i, 
225. 7 ) Heyl Tirol 324; Gräber Kärnten 315 
Nr. 439 (entweihtes Gnadenbild läßt sich zu 
neuem K.nplatz fahren bzw. reitet selbst dahin). 
8 ) Rochholz Sagen 2, 19. ®) Grimm Sagen 

Nr. 349. 10 ) Hoffmann Ortenau 147. n ) Mül- 
lenhoff Sagen m Nr. 137 = Wolf 1, 193. 
ia ) u. 13 ) Müllenhoff Sagen Nr. 139. 14 ) Ebd. 
Nr. 138. 15 ) Ebd. Nr. 139. 1# ) Ebd. Nr. 136. 

17 ) Kühnau Sagen 3, 470; Kuoni St. Galler 
Sagen 100; Heyl Tirol 562 Nr. 15; DG. 17, 61. 

18 ) Baader Sagen 10 Nr. 14; Schell Bergische 
Sagen 232 Nr. 209; Sepp Sagen 543 Nr. 149. 

19 ) Gräber Kärnten 317 Nr. 441; ebd. 318 Nr. 
442; ebd. 320 Nr. 446; Lenggenhager 44, 100. 

20 ) Schell Bergische Sagen 443 Nr. 47. 21 ) Grä¬ 

ber Kärnten 319 Nr. 445. aa ) Perger Pflanzen¬ 
sagen 234. a3 ) Schell Bergische Sagen 470 

Nr. 16; Baader Sagen 116 Nr. 122. 24 ) Müllen¬ 
hoff Sagen 115 Nr. 144; Kühnau Sagen 3, 
442 Nr. 1818. 2& ) Gräber Kärnten 321 Nr. 448. 
26 ) Schambach u. Müller 22 Nr. 29. 331; 
Müllenhoff Sagen 113 Nr. 141; Baader 
Sagen Nr. 122 u. 381; Meiche Sagen 653 Nr. 809; 
Witzschel Thüringen 2, 49 Nr. 52; Kiesling 
Drosendorf 29. 27 ) Witzschel Thüringen 1, 

35 Nr. 3 ° 28 ) Schell Berg. Sagen 513 Nr. 39a. 
29 ) Kühnau Sagen 3, 444 Nr. 1820. 3 °) Kuhn 
u. Schwartz 250. 31 ) Grimm Myth. 3, 37. 

32 ) ZfdMyth. 2 (1854), 236; Knoop Hinter¬ 
pommern 23 Nr. 40. 33 ) Baader Sagen Nr. 122. 
175. 209; NSagen Nr. 92; Hof mann Bad. 
Franken 34; Hoffmann Ortenau 104. 127; 
Künzig Baden Nr. 299 u. 300; Lachmann 
Überlingen Nr. 81; Waibel-Flamm 1, 315; 
Reiser Allgäu i, 367 f. 403 s.; SAfVk. 2, 1; 

3 » 1 57 u - 339 : 1 5 > 1 5 > Herzog Schweizer sagen 
1, 260; Lenggenhager 10; Lütolf Sagen 
526 f.; Kuoni St. Gallen 44; Walliser Sagen 1, 
77. 127. 137. 169; 2, 39; Rochholz Sagen 2, 
J 54 - 275. 286—288. 290. 293 f. 299; Verna- 
leken Alpensagen 318 f.; Birlinger Schwaben 
1, 68 Nr. 80; ders. Volkstümliches 1, 402 f. 
Nr. 630; Meier Schwaben i. 317 Nr. 358; 
Köhler Voigtland 605; Kühnau Sagen 3, 


Nr. 1811—1813. 1815. 1816. 1818. 1819. 1823; 
Bartsch Mecklenburg 1, 352; Müllenhoff 
Sagen 542 Nr. 337; Schell Bergische Sagen 
399 Nr. 5; 425 Nr. 10; Grimm Sagen Nr. 290; 
ZfdMyth. 2 (1854), 237 f. 244—46. 88 ) Baader 
NSagen 65; Köhler Voigtland 604; SAfVk. 2, 
1; Panzer Beitrag 2, 415. 3B ) Bindewald 

Sagenbuch 212. 38 ) Kühnau Sagen 3, 439; 

Bindewald Sagenbuch 156. 37 ) Witzschel 


Thüringen in Nr. 105; Panzer Beitrag 2, 14. 
38 ) Strackerjan 1, 504. 39 ) Gräber Kärnten 


Nr. 451; Panzer Beitrag 1, 49t. 223; 2, 
4130.; J. R. Wyss Idyllen 1, 217. 333; Heyl 
Tirol 114L Nr. 2. 3. 5; 196. 197 Nr. 1; 556 


Nr. 10; 557 - 


40 


) Strackerjan 2, 326. 


41 


) 


Bartsch Mecklenburg 1, 352 f. 42 ) Reiser 
Allgäu 1,367. 43 ) Strackerj an 2, 334. 44 ) Stö¬ 
ber Elsaß 1, 95 Nr. 129. 45 ) Meiche Sagen 

721 Nr. 894; Schönwerth Oberpfalz 2, 395; 
Heyl Tirol 562 Nr. 15. 44 ) Müllenhoff Sagen 
275; Pollinger Landshut 91 Nr. 16. 47 ) ZfdMyth. 
2 (1854), 182 f.; Zingerle Sagen Nr. 137; 
Baader Sagen Nr. 374 u. Nr. 37 (Christiani¬ 
sierung der alten Riesensage: Beilwurf zweier 
Missionare bei Rodungsarbeiten). 48 ) Müllen¬ 
hoff Sagen 269 Nr. 361. 49 ) Meiche Sagen 

322 Nr. 425. 60 ) ZfdMyth. 2 (1854), 244. 61 ) Stö¬ 
ber Sagen 2, 238. Ba ) Freisau ff Salzburg 303. 
w ) Heyl Tirol 809; Kruspe Erfurt 1, 29, 
S6billot Folk-Lore 2, 216. 54 ) von Mailly 
Friaul 71. 66 ) Grimm Myth. 2, 956. 66 ) Enge- 
lien u. Lahn 24; vgl. auch Strackerjan 1, 
126 ff. B7 ) Meiche Sagen 933. 68 ) Ebd. 

961; Engelien u. Lahn 24. 69 ) Heyl Tirol 

45. Vgl. auch von Mailly Friaul 71 Nr. 86. 


e) Versunkene Kirchen: Mit der 
großen Zahl von Untergangssagen (von 
versunkenen Dörfern, Städten, Schlössern, 
Klöstern usw.) gehen fast gleiche Erzäh¬ 
lungen zusammen von versunkenen K.n. 
Meist wird erzählt, daß die betr. K. wegen 
irgendeines Frevels im Erdboden ver¬ 
schwand, z. B. weil Mönche und Priester 
sie durch Zechereien entweihten 59a ). Ein 
See oder Sumpf bedeckt dann häufig die 
Stelle 59b ),man sieht zu bestimmten Zeiten 
die Kirchturmspitze oder auch die ganze 
K. emporsteigen 59c ), hört am Karfreitag 
aus der Tiefe die Glocken läuten 59d ) 
(vgl. Glocke). Oder die Kirchturm¬ 
spitze wird, ähnlich wie in den Glocken- 
sagen, von weidenden Tieren ausge¬ 
wühlt 59e ). Nach einer schles. Sage ent¬ 
springt an der Stelle des ehemaligen 
Taufbrunnens einer untergegangenen K. 
ein wundersamer Quell 50f ). 

59a ) Bartsch Mecklenburg 1, 397 Nr. 549. 
68b ) Knoop Hinterpommern 118 Nr. 247. 5# c) 
Kühnau Sagen 3, 355 Nr. 1734. 59d ) Knoop 


1403 


Kirche 


1404 


Hinterpommern 118 Nr. 247. 69 e) Kühnau 

Sagen 3, 547 Nr. 1953. 59 *) Kühnau Sagen 

3, 364 Nr. 1745. 

II. K. und Teufel. Der größte 
Feind jeder neu erstehenden K. aber 
ist nach der Volksmeinung seit je der 
Teufel gewesen, der mächtige Wider¬ 
sacher des Christentums. Er weiß, daß 
durch die Erbauung von K.n seine Macht 
geschmälert wird, und sucht sie um jeden 
Preis zu verhindern. Er verschleppt 
das Bauholz (s. oben I b 4) und bricht 
nächtlicherweile die bereits begonnenen 
Mauern ab, bis ein Priester das Bau¬ 
material segnet *°). Einzelne der ver¬ 
breiteten Sagen von sog. Teufelssteinen 
(Felsblöcken mit auffälligen Spuren) er¬ 
zählen von der bösen Absicht des Satans, 
Steine durch Zerkratzen für den Bau 
unbrauchbar zu machen 61 ). Seine Pläne 
werden aber immer, meist durch List, 
vereitelt: Christus begegnet dem Teufel 
in verwandelter Gestalt, lähmt ihm den 
Arm 82 ), überredet ihn, den Stein ab¬ 
zusetzen, den er nachher nicht mehr 
allein aufheben kann und in den er 
vor Wut seine Krallen eingräbt 68 ); oder 
der Stein erweicht und ist für das böse 
Werk unbrauchbar, er muß ihn in der 
Nähe liegen lassen 64 ). In einem andern 
Fall wird dem schon Ermüdeten der Weg 
zur K. als so entsetzlich weit geschildert, 
daß er den Mut verliert 65 ). Ähnliche 
Bedrohungen durch den Teufel hören 
erst auf, wenn die K.nglocken erstmals 
läuten: soweit man sie hört, muß er 
zurückweichen 66 ). Wie sehr es dem 
Teufel um die Gewinnung unsterblicher 
Seelen zu tun ist, zeigen die Sagen, in 
denen er selbst, der K.nzerstörer, als 
K.nbauer auf tritt. Er macht mit irgend 
jemand die Wette, in kürzester Zeit 
allein eine K. zu erstellen, und läßt sich 
für den Gewinnfall dessen Seele 67 ) oder 
auch die Seele des ersten 68 ), in anderem 
Fall jedes 10. Menschen 69 ), der die 
K. betritt, verschreiben. Durch Über¬ 
listung oder eigene Fehlrechnung ver¬ 
liert er aber die Wette im letzten Augen¬ 
blick, als er schon mit dem Schlußstein 
durch die Luft schwebt. Vor Wut zer¬ 
trümmert er sein eigenes Werk. In einer 


dritten Art solcher Sagen handelt es 
sich um Wetten oder Abmachungen 
mit dem Bauherrn oder Baumeister, 
dem er gegen Verschreibung seiner Seele 
das fehlende Geld verschafft 70 ) oder 
den schwierigen Turm bauen hüft. Der 
Ausgang ist für den Teufel der gleiche 
wie oben. Mancher unvollendete K.n türm 
wird so einem Racheakt des Teufels zu¬ 
geschrieben 71 ). — Ein andermal wieder 
baut der Teufel eifrig mit einem Heiligen 
zusammen an einer K. in der trügerischen 
Hoffnung, daraus statt einer K. ein 
Wirtshaus zu machen 72 ). Auffällige 
Spuren im Steinwerk einzelner K.n 
deutet man als Teufelswerk: einen 
blutigen Streifen am hochgelegenen 
Fenstergesims einer Tiroler K. soll der 
Teufel verursacht haben, als er einen 
Burschen, der während des Gottesdienstes 
Karten spielte 7S ), in einem andern Fall, 
als er eine Nonne 74 ) durchs Fenster 
holte; aus gleicher Ursache soll eine 
Pferdefußspur in der Dresdener Kreuz- 
k. stammen 75 ). In der K. zu Ein¬ 
siedel soll der Teufel, als er bei der 
K. weihe die 10. Seele holen wollte, 
durch die Stola des Priesters, die zur 
Kette wurde, in leibhaftige Satansgestalt 
verwandelt und fest angeschlossen worden 
sein. Dort soll er noch in finsterer Kam¬ 
mer angeschmiedet liegen, Rauch und 
Feuer speien, zugleich entsetzlichen Ge¬ 
stank verbreiten 76 ). Wenn man den 
Teufel, der sich in der K. herumtreibt, 
rufen will, geht man dreimal um die 
K., bleibt das dritte Mal vor der K.ntür 
stehen und ruft: „Komm heraus!'" oder 
pfeift ihm durchs Schlüsselloch. Ebenso 
werden Geister der Verstorbenen auf¬ 
gerufen 77 ). 


•°) Meiche Sagen 444 Nr. 582 (nach Grässe i, 
Nr. 528). 61 ) Baader Sagen 9. <a ) Kühnau 
Sagen 2, 616 (aus Haupt Lausitz 1, 92). 
63 ) Baader Sagen 82 Nr. 93; 120 Nr. 129. 
• 4 ) Baader NSagen 53 t. Nr. 77; ZfVk. 18, 6. 
11. 13. w ) Panzer Beitrag 1 Nr. 274; Grimm 
Mythologie 3, 159; Köhler Kleine Schriften 2, 
430 f. M ) Schell Berg. Sagen 302 Nr. 20. 
67 ) Kühnau Sagen 2, 696. ® 8 ) Grimm Mytho¬ 
logie 2, 252. ••) Kühnau Sagen 2, 684 Nr. 1311. 

70 ) ZfVk. 9. 361 f.; Schönwerth Oherpfalz 2, 
3941 : 3 . 207; Am Urquell 4 (1893), 207. 

71 ) Kühnau Sagen 2, 696; 3, 435 (aus Philo 



1405 Kirche 1406 


Schlesien 1884, 37). 7 *) Schell Bergische 

Sagen 106 Nr. 53. 73 ) Heyl Tirol 100 Nr. 63. 
14 ) Zingerle Sagen 490. 76 ) Meiche Sagen 464 
Nr. 602. 7# ) Kühnau Sagen 2, 684 Nr. 1311 
(aus Philo Schlesien 1884, 37 t.). 77 ) Grimm 
Myth. 2, 851 u. 3, 483 Nr. 148. 

III. K.numwandlung. Ebenso alt 
wie weit verbreitet und vielgestaltig sind 
Umwandlungen der K. oder auch nur 
des Altares, wobei es sich bald um mehr 
oder weniger verblaßte kultische 
Riten, bald um magische Absichten 
handelt. Über diese Bräuche und ihren 
Zusammenhang mit andern Umwand¬ 
lungen und Begehungen belehrt aus¬ 
führlich: Knuchel, Die Umwandlung in 
Kult, Magie und Rechtsbrauch, Basel 
1919. Wir treffen z. B. die K.numwand¬ 
lung zur Erleichterung der Geburt durch 
die Schwangere selbst oder während der 
Geburt durch ihre Angehörigen 78 ). Nach 
der Taufe und bei der Aussegnung der 
Wöchnerin 79 ) ist vielfach ein Opfer¬ 
umgang um den Altar üblich, bei Trau¬ 
ungen um Altar oder K. 80 ), beim Be¬ 
gräbnis ein- oder mehrmalige Umwand¬ 
lung von K. oder Friedhof 81 ). In Bayern 
und Tirol war ehedem das unheimliche 
„Totenbahrziehen“ gebräuchlich: der 
zuletzt Verstorbene wurde nachts zwi¬ 
schen 11 und 12 Uhr auf dem Friedhof 
ausgegraben und auf einer Bahre dreimal 
um die Kirche gezerrt. Der Teufel 
mußte dann den Leichnam mit Gold 
aufwiegen; war die Arbeit aber nicht 
Schlag 12 beendet, wurden die Teil¬ 
nehmer vom Teufel zerrissen 82 ). Nach 
einer Kärntner Sage hat man dort das 
Totenbahrziehen ebenfalls geübt, um Geld 
zu bekommen. Beim Umzug aber mußte 
ein Bursche unaufhörlich mit einem 
„weißelsenen“ Stäbchen auf die Bahre 
schlagen, um die Geister zu vertreiben 83 ). 
Andernorts wurde der Sarg oder die 
Totenbahre um die K. getragen, man 
erhoffte dadurch, reich zu werden, gün¬ 
stige Losnummern zu erhalten, Glück 
in Prozessen zu erlangen, sich unsichtbar 
machen oder das Wild stellen zu können. 
Ja, indem man vor Beginn der grausigen 
Handlung mit dem Eisenring an die 
K.ntür klopfte, beschwor man die Toten 
herauf, daß sie sich auf die Bahre setzten 84 ). 


Und soviel Tote (nach einer Tiroler Sage: 
soviel Teufel) nun einer um die K. zog 
oder trug, gegen soviel Lebende besteht 
er im Raufen 85 ). — Groß ist die Zahl 
der Heilumgänge um die K. Der 
Patient geht selbst um die K. oder läßt 
sich tragen, um das Fieber 86 ), die 
englische Krankheit 87 ), die Auszeh¬ 
rung 88 ), Gicht 89 ), Zahnschmerzen und 
Ohren weh 90 ) zu heilen. Kinder werden 
um die K. geführt, um ihnen das Gehen 
beizubringen 91 ) usw. 

Aus Frankreich sind eine Reihe von 
K.numwandlungen zu magischen Zwecken 
bekannt, vor allem Umwandlungen, die 
als Fruchtbarkeitsriten anzusprechen sind: 
Frauen wandeln um die K., um Nach¬ 
kommenschaft, andere um Muttermilch 
zu bekommen 92 ). Erwähnt sei hier noch 
der Glaube, daß ein Geist erlöst werden 
kann, wenn er dreimal um die K. ge¬ 
tragen wird 93 ). 

Kollektivumwandlungen von K.n und 
Kapellen: Bittprozessionen und -um¬ 
ritte sind meist mehr oder weniger 
offiziell in die kirchlichen Bräuche auf¬ 
genommen 94 ). Es handelt sich be¬ 
sonders um Umgänge am Fest des hl. 
Leonhard 95 ), des hl. Georg, des hl. 
Martin, von St. Sebastian, St. Stephan, 
St. Wolfgang und St. Ulrich 96 ). Beson¬ 
ders an Wallfahrtsorten ist die Um¬ 
wandlung des Gnadenaltares oder der 
K. fast allgemein Sitte geworden. Kirch¬ 
liche Prozessionen an bestimmten Fest¬ 
tagen (Karsamstag, Christi Himmelfahrt, 
Fronleichnam, Kirchweih u. a.) schließen 
meist mit einem Zug um die K. ab. Eine 
scherzhafte Nachahmung (ohne abergläubi¬ 
schen Hintergrund) stellt es dar, wenn 
am Palmsonntag in der Pfullendorfer 
Gegend (Baden) die Buben dreimal zur 
Wette um die K. laufen. Den lang¬ 
samsten Läufer schilt man dann einen 
Palmesel 97 ). 

Tänze auf Friedhöfen und um 
die K. wurden schon frühzeitig verboten 
(z. B. auf der bayrischen Synode vom 
Jahre 1298 unter Bischof Mangold) 98 ) 
und sind heute wohl nur noch ganz ver¬ 
einzelt anzutreffen. In Köln soll früher 
an Fastnacht gelegentlich um die K. 


I 



I4°7 


Kirche 


1408 


getanzt worden sein"), in der Eifel 
schloß sich an mehreren Orten an eine 
Mädchenversteigerung, die an Kirchweih 
auf dem Friedhof stattfand, ein Tanz 
um die Kirche an 10 °). 

78 ) Knuchel Umwandlung 9. 79 ) Ebd. 8. 

80 ) Ebd. 19. 81 ) Ebd. 38 s.; ferner Urquell 3 

(1892), 300. 82 ) Knuchel a. a.O. 48. 83 ) Gräber 
Kärnten 211 Nr. 284. 84 ) Knuchel a. a. O. 

49. 85 ) ZfVk. 23, 127; Heyl Tirol 191. 86 ) Wutt¬ 
ke 354 § 530. 87 ) Toeppen Masuren 11. 

88 ) Wuttke 361 § 545. 89 ) ZfVk. 19. * 75 - 

w ) ZfVk. 8, 204; 19, 175; Knuchel Umwand¬ 
lung 60 Anm. 5 u. 8. 91 ) Knuchel a. a. O. 60. 

92 ) Ebd. 61. 93 ) Kuhn Märk. Sagen 114L 

94 ) Knuchel a. a. O. 92 ff. 95 ) Schierghofer 
Altbayerns Umritte u. Leonhar difährten. Mün¬ 
chen 1913; Heyl Tirol 116. 96 ) Knuchel 

a. a. O. 93. 97 ) Meyer Baden 94. 98 ) Lammert 
57; Widlak Synode v. Liftinae 13. 09 ) ZfrwVk. 
3, 251. 10 °) Schmitz Eifel 1, 49; Pfannen- 

schmid Erntefeste 265; ZfrwVk. 4, 209. 

IV. Nächtlicher Spuk in K.n. 
K.n und Kapellen sieht man nachts, 
besonders im Advent 101 ), oft wunder¬ 
bar hell erleuchtet, und hört selt¬ 
same Musik 102 ), ja mitunter sollen 
sogar die Glocken selbst zu läuten an¬ 
fangen 10S ). In Tirol und im Hohenloh- 
schen glaubt man, daß das den Tod 
eines Mitgliedes der Gemeinde oder der 
fürstlichen Familie bedeute 104 ). Während 
in manchen Fällen beim Nähertreten 
das Licht erlöscht 105 ), ist meistens ein 
nächtlicher K.nbesuch oder Gottesdienst 
der Geister zu beobachten. Die Toten 
feiern des nachts ihre eigene Christ¬ 
mette 106 ), ein Totenamt 107 ), ziehen 
in Prozession durch die K. 108 ), Ritter 
steigen aus ihren Grüften und machen 
einen feierlichen Umzug 109 ); desgleichen 
die Straßburger Dombaumeister in der 
Johannisnacht 110 ). Die toten Nonnen 
kommen in den heiligen Nächten zur 
Messe 111 ), besonders häufig schließlich 
muß ein Priester oder Mönch jede 
Mitternacht seine Messe lesen, weil 
er sie etwa zu Lebzeiten aus Bequem¬ 
lichkeit verkürzte, sich dabei unter¬ 
brechen ließ oder gelobte Messen unter¬ 
lassen hat u2 ). 

In einem andern Fall muß der Geist 
eines Pfarrers nächtlicherweile immer 
wiederkehren und in der K. die Tauf- 
zeremonien vornehmen, weil er einst 


statt im Namen Christi im Namen des 
Teufels taufte 113 ). Gefährlich ist es 
indes, aus Fürwitz dem Gottesdienst 
der Toten anzuwohnen: das dabei ein¬ 
genommene Grauen hat manchen bald 
zur Leiche gemacht 114 ). Wer sich nicht 
zeitig vor Beendigung des Gottesdienstes 
entfernt, wird von den Geistern verfolgt 
und kann sich nur dadurch von ihnen 
lösen, daß er ihnen etwa Mantel oder 
Fürtuch zum Zerreißen überläßt 115 ). Hier 
anzufügen ist auch der Glaube, daß man 
in der Neujahrsnacht die Toten des 
kommenden Jahres in den K.nstühlen 

sitzen sehen kann 116 ). 

Außer den Geistern, die zum nächt¬ 
lichen Gottesdienst in die K. kommen, 
zeigen sich da und dort einzelne Um¬ 
gänger, die irgendeinen Frevel büßen 
müssen, in gespenstischen Gestalten, be¬ 
sonders gern auf den Emporen, auf 
dem Glockenboden 117 ) und auf der 
Wendeltreppe des Turmes 118 ). Ein 
Sakristan etwa muß jede Nacht mit 
dem Klingelbeutel von Bank zu Bank 
gehen, weil er Opfergelder unterschlagen 
hat, ein Schulmeister muß Orgel spielen, 
weil er einst sündhafte Lieder in der K. 
ertönen ließ 119 ), eine arme Seele seufzt 
und will erlöst sein 120 ). Oder es gehen 
die Geister lebendig eingemauerter Mönche 
oder Nonnen um, deren Gebeine man beim 
Abbruch der K. oder anstoßender Ge¬ 
bäude fand, öfters wird hinzugefügt, 
daß man zur Warnung den Kopf der 
Betr. in die K.nmauer einfügte oder dort 
nachbildete 121 ). 

1 01 ) Birlinger Volkstümliches 1, 300 Nr. 475; 
Bindewald Sagenbuch 141. 1W ) ZfdMyth. 

3 » 173; Peter Österreich-Schlesien 2, 121; 

Reiser Allgäu i. 403 Nr. 490. 103 ) Künzig 

Baden 9 Nr. 16. 104 ) Wuttke 215 §301; 

ZfdMyth. 3. 173 - 106 ) Reiser Allgäu 1, 402; 

Birlinger Volkstümliches 1, 300 Nr. 475 
und 476. 10 *) Köhler Voigtland 530; Kühnau 
Sagen 1, 213 Nr. 201. 107 ) Kühnau a. a. O. 

i, 210 ff. Nr. 199. 108 ) Birlinger Volkstüm¬ 

liches 1, 300 Nr. 475. 109 ) Reiser Allgäu 1. 401. 
uoj Stöber Elsaß 2, 274. m ) Bechstein 
Frankenland 1, 124; Stöber Elsaß 2, 25. 
112 ) Reiser Allgäu 402 Nr. 489, 2; Schöppner 
Sagenbuch 2, 167; Kühnau Sagen 1, 203 f. 
Nr. 195; Künzig Baden 9 Nr. 15; Baader 
Sagen Nr. 148. 314; ders. NSagen Nr. 33. 110. 
U3 ) Bindewald Sagenbuch 141. 114 ) Baader 


1409 


Kirchenbesuch 


I4IO 


NSagen Nr. 43; Engelien und Lahn 1, 73. 
116 ) Peter Österr.-Schlesien 2, 121; Heyl 

Tirol 359; Kühnau Sagen i, 213 h Nr. 201. 
116 ) Strackerjan 1, 107. 117 ) Meiche Sagen 

178 Nr. 245. 118 ) Kühnau Sagen 1, 21 Nr. 14. 
119 ) Künzig Baden 9 Nr. 16. 12 °) Kühnau 

a. a. O. 1, 202 f. Nr. 194. 121 ) Kühnau a. a. O. 
1, 200 ff. Nr. 193; Künzig Baden 39 Nr. 114 
und 116. 

V. Allerlei Abergläubisches von 
K.n. Für ein schwer Krankes pflegt 
man in der K. zu beten. Wird während 
dieses Gebetes gehustet oder gescharrt, 
so bleibt der Kranke ' am Leben 122 ). 
Um von Krankheiten frei zu bleiben 
oder befreit zu werden, gibt man Ge¬ 
schenke an K.n 123 ). Wird jemand in 
der K. krank, so geneset er schwer 124 ) 
oder gar nicht 125 ). Wer etwas in der 
K. liegen läßt, muß sterben 126 ), ebenso 
der, der von einer K. träumt 127 ). Wer 
aber im Traum in der K. fällt, wird 
Schande erleben oder großes Leid 128 ). 
Hört man einen K.nstuhl klappern, so 
bedeutet das, daß bald jemand aus der 
Gemeinde sterben muß 129 ). Wer in 
einer K. begraben liegt, ist dem Himmel 
besonders nahe 130 ). Was man keinem 
Menschen offenbaren kann, erzählt man 
der K.nmauer 131 ). Die Chemnitzer Rocken¬ 
philosophie empfiehlt: „Wem die Hände 
stets schwitzen, der soll in eine K. 
gehen, in welcher er sonst niemahls ge¬ 
wesen, und soll die Hände an die kalte 
Mauer reiben“ 132 ). Haus und Schwelle 
mit dem K.nbesen kehren, bringt Glück 
(s. Kirchenstaub) 133 ). 

In der K. zu Gräbern (Kärnten) 
befindet sich hinter dem Altar ein Loch, 
zu dem die Bauern auf den Knien hinzu¬ 
treten und Eisenstücke hineinlegen. Die 
werden dann zu Hause den Rindern 
um den Hals gehängt, damit sie immer 
gesund bleiben. Auch die Leute selbst 
stecken ihren Kopf in dieses Loch zum 
Schutz gegen Kopfweh 134 ). In der 
Altheimer K. (bei Uberlingen) ent¬ 
nahmen die Bauern früher einer Boden¬ 
vertiefung gelben Sand, sog. Othmars- 
sand, gegen rheumatische Leiden. Der 
Heüige soll diesen Sand aus seinen 
Ärmeln geschüttelt haben 135 ). 

Kirchen dach. Eine Wöchnerin be¬ 
erdigt man in Polnisch-Oberschlesien unter 

BäcbtoId'Stäubli, Aberglaube IV 


der Traufe des K., damit sie durch die 
auf das Grab fallenden Tropfen ge¬ 
reinigt werde 136 ). 


122 ) Alemannia 27, 239. 123 ) Wuttke 455 

§ 720. 124 ) Grimm Myth. 3, 443 Nr. 269 (aus 
der Chemnitzer Rockenphilosophie). 125 ) Prä- 
torius Philosophiae colus Can. 77 S. 205. 
i2ö) Wuttke 221 § 314. 127 ) John Erzgebirge 29. 
128 ) Reiser Allgäu 2, 428. 129 ) Höhn Tod 


310. 13 °) Panzer Beitrag 2, 294. 131 ) Stracker¬ 
jan 2, 9 Nr. 265. 132 ) Rockenphilosophie 5, 190. 
1S3) Wuttke 144 § 198 u. 397 § 610. 134 ) Gräber 
Kärnten 347. 1S5 ) Lachmann Ueberlingen 

128 Nr. 81. 136 ) Kühnau Sagen 1, 94 Nr. 108. 


Künzig. 


Kirchenbesuch. 

1. K. als wichtige religiöse Pflicht. 2. Der 
Kirchweg. 3. Vor und nach dem K. 4. Verhalten 
in der Kirche. 5. Verbot des K.es. 

1. Mit dem K., besonders an Sonn- 
und Feiertagen, nimmt es das gläubige 
Volk sehr ernst. Wer nur abkommen 
kann, muß zur Kirche gehen, sei der 
Weg auch noch so weit und das Wetter 
noch so schlecht 1 ). Leute, die den Sonn¬ 
tagsgottesdienst versäumen und während 
der Zeit „knechtliche“ Arbeit tim (Holz¬ 
sammeln, Jagen usw.), müssen nach dem 
Tode umgehen; desgleichen alle die, die 
einen andern vom K. abhalten *). 
Auf dem Kirchweg von Rara (Südtirol) 
geht z. B. der Geist eines Geizhalses um, 
der für sich und seine Frau nur ein Paar 
Schuhe hatte, so daß sie nur abwechselnd 
die Kirche besuchen konnten 3 ). Eifrige 
K.er dagegen haben vom Himmel 
besonderen Segen zu erwarten. Im Badi¬ 
schen heißt es: „Almosen geben armet 
nicht, Messe hören säumet nicht“ 4 ). 
Wenn jemand beim Messeläuten vom 
Felde weg zur Kirche geht, so pflügen in 
der Zwischenzeit die Engel für ihn 5 ). 
Eines aus dem Hause muß während 
des K.es der andern zu Hause bleiben 
oder „gaumen“, wie man im Alemanni¬ 
schen sagt, d. h. das Haus hüten und 
kochen 6 ). Wer z. B. am Karfreitag 
nicht zur Kirche kann, soll im Namen 
der hl. Dreifaltigkeit drei Rosenkränze 
beten, einen im Stehen, einen im Gehen, 
einen im Sitzen zu Ehren der drei schweren 
Gänge der hl. Muttergottes am Todestage 
unseres Heilandes 7 ). Den aus der Kirche 
Kommenden pflegt man mit der Frage zu 

45 




I4H 


Kirchenbesuch 


1412 


empfangen: „Usgebätt?“, worauf er ant¬ 
wortet: „Fer dasmol“. Er darf aber nicht 
einfach „ja“ sagen, sonst verkündet er 
damit sein eigenes Ende 8 ). 

2. Allerlei Aberglauben hängt mit dem 
Kirchweg zusammen, den man nicht unge¬ 
straft abkürzen darf 9 ). Es gibt alte 
Kirchwege oder Kirchsteige, die von den 
eingepfarrten Dörfern nach dem Kirchort 
führen und früher nur von Brautleuten und 
den Leuten, die den Täufling zur Taufe 
tragen, begangen werden durften. Man 
mied also die Landstraße, wie man dies 
auch bei Leichenbegängnissen tut 10 ). 
Innerhalb des Dorfes soll der Täufling 
nicht durch Seitengäßchen oder Gärten 
getragen werden, sondern nur auf dem 
üblichen Kirchweg, meistens also der 
Dorfstraße 11 ). Der Weg zur Trauung darf 
mit dem Leichen weg nicht zusammenfallen, 
weil sonst in der jungen Ehe bald ein 
Todesfall zu befürchten wäre. Man macht 
oft große Umwege, um den Toten weg zu ver¬ 
meiden 12 ). Freilich soll andernorts wieder 
der Leichenweg (s. d.) mit dem Kirchweg 
ausdrücklich vereinigt sein 13 ), und auch 
der Täufling wird gelegentlich auf dem 
Leichenweg zur Kirche gebracht 14 ). Wenn 
mehrere Leute auf dem Kirchweg Zusam¬ 
mengehen, muß bald einer davon ster¬ 
ben 15 ). — Bestimmte Leute, alte Frauen 
oder Fronfastenkinder haben beim Kirch¬ 
gang prophetische Gesichte und sehen die 
Toten des kommenden Jahres an sich 
vorbeiziehen 16 ). Diese Kirchgangschaue- 
rinnen geben an, durch einen inneren 
Drang zum Kirchgangschauen gezwungen 
zu werden 17 ). 

3. Bestimmte Verrichtungen muß 
man im Kirchenanzug tun, vor oder 
nach dem Gottesdienst. Während 
es z. B. in Baden zur Kirche läutet, bindet 
man das Kalb zum ersten Mal an mit dem 
Spruch: ,,I bind di an zum Deihn / Un 
net zum Schreien“ 18 ). Auch in Hessen 
glaubt man, daß bei solchem Vorgehen 
das Kalb besser zunehme 19 ). Das Abge¬ 
wöhnen des Kalbes erfolgt mitunter 
während des Kirchläutens 20 ), meistens 
aber, wenn man wieder aus der Kirche 
kommt und zwar im „Kirchenmutzen“ 


(Kirchenkleidung) 21 ). Bevor man am 
Karfreitag zum Abendmahl in die 
Kirche geht, soll man das Hühner¬ 
futter anmachen, dann bleiben die Hühner 
vom Habicht verschont 22 ). Bruthühner 
setzt man, wenn man aus der Kirche zu¬ 
rückkommt 23 ) oder beim Zusammen¬ 
läuten 24 ). Lernt ein Kind schwer laufen, 
so stellt man es, wenn die Kirchgänger 
heimkommen, in eine Wasserkanne, 
schiebt diese am Henkel nach vorn und 
sagt dabei: „Wie die Leute aus der Kirche 
gehen, so lauf auch mit“ 25 ). 

4. Auch an das Verhalten in der 
Kirche knüpft sich allerlei Aberglaube. 
Das Plaudern oder Schwatzen in der 
Kirche z. B. kann manchen Schaden nach 
sich ziehen; man soll sich am Karfreitag be¬ 
sonders davor hüten, weil einem sonst 
Böses angewünscht werden kann 26 ). Wer 
in einer Kirche schwatzt, sagt man in Ti¬ 
rol, lädt den Teufel ins Gotteshaus 27 ). 

In mittelalterlichen lat. Sammlungen 
von Predigtbeispielen (so bereits unter 
Nr. 239 der Sermones vulgares des 1240 
gestorbenen Jakob von Vitry), in zahl¬ 
reichen Heiligenlegenden und in bis heute 
vielfach belegten Sagen kehrt die Er¬ 
zählung immer wieder, daß der Teufel 
während der Messe auf einem Pfeiler, 
Fenstersims oder hinter dem Altar sitze 
und die Kirchenplauderer auf eine Ochsen¬ 
haut schreibe. Als der Platz nicht mehr 
ausreicht, zerrt der Teufel mit den Zähnen 
an der Haut, bis sie zerreißt. Das letztere 
geschieht in anderen Fällen kraft frommen 
Gebetes, und der Teufel stürzt dann auf 
das Pflaster herab 28 ). 

Das Schwatzen während der Wand¬ 
lung kann einem andern K.er aber auch 
einmal für einen Analogie- oder 
Heilzauber willkommen sein. Wer 
mit einem Oberbein oder Überbein 
(s. d.) behaftet ist, soll darauf achten, 
daß er zwei Leute während der Wand¬ 
lung sprechen sieht und dann sagen: 
„So schwer wie die zwei sündigen / 
So schnell soll auch mein Oberbein ver¬ 
gehen ! Im Namen des Vaters . . .“ 29 ), 
oder: „Was ich sehe, das ist eine Sünd / 
Was ich greife, das schwind“ 30 ) (allge¬ 
mein auch für Vertreibung von Warzen 


1413 


Kirchenlied 


1414 


gebräuchlich 31 )) oder: „Überbein, Über¬ 
bein, Gang mit dene geschwätzige Leut 
hai“ 32 ). Warzen kann man beim K. 
auch loswerden, wenn man beim Zu¬ 
klappen des Meßbuches sagt: „Ich hör 
das Meßbuch bätsche, damit vertreib 
ich meine Warze“ 33 ). Weiterer Heil¬ 
zauber während des Gottesdienstes be¬ 
trifft das Bettnässen. In der Christmette 
soll der Bettnässer unter der Wandlung, 
und zwar drei Jahre nacheinander, laut 
und unbeschrien in die Kirche rufen: „Be¬ 
tet au e Vaterunser / Für e arme Bett- 
brunzer “ 34 ). Oder in Mecklenburg soll der 
Bettnässer dreimal seinen Urin kreuzweise 
an die Kirchentür lassen, während der 
Prediger den Segen spricht 35 ). Besonders 
sind, wie wir vereinzelt schon sahen, die 
Wandlung und weiterhin die Christmette 
für Zauberhandlungen begünstigt. Fron¬ 
fastenkinder können z. B. während der 
Wandlung alle Hexen erkennen, die 
aus Abscheu vor dem Heiligen dem Altar 
den Rücken zukehren und Milchseiher 
oder Melkkübel auf dem Kopfe tragen 36 ). 
Auch wer in der Christmette auf einem 
Schemel aus neunerlei Holz kniet (Linden- 
und Eschenholz muß darunter sein) 37 ), 
unbewußt ein vierblättriges Kleeblatt bei 
sich trägt, einen gefundenen Eggen- 
nagel 38 ), ins Brot gebackene Getreide¬ 
körner 39 ), ein Gründonnerstagsei 40 ), wird 
dieses Gesichtes teilhaftig. Aber die Hexen 
sehen ihn ebenfalls, und er ist dem Tod 
verfallen, wenn er sich nicht rechtzeitig 
vor Schluß des Gottesdienstes davon¬ 
macht. Jenseits der Kirchentürschwelle 
haben die Hexen ihre Gewalt verloren 41 ). 

5. Unter gewissen Umständen darf man 
nicht zur Kirche gehen, so wenn man 
einen Schaden an Hand oder Fuß hat, sonst 
wird der unheilbar 42 ), auch nicht, wenn 
man am Fieber leidet 43 ). Neues Gesinde 
darf den ersten Sonntag nicht zur Kirche, 
sonst gewöhnt es sich nicht ein 44 ). Um 
das Liebesorakel mit Hilfe des Teufels 
erfolgreich befragen zu können, darf 
man neun Tage vorher nicht zur Kirche 
gehen, sich nicht waschen, nicht beten, 
kein Kreuz machen und kein Weihwasser 
nehmen 45 ). Wer sich in Geldern (Kempen) 
der schwarzen Kunst oder Feikunst ver¬ 


schrieben hat, kann erst durch einen 
Kirchgang zur Mette wieder frei werden. 
Doch sucht der Böse das zu hindern und 
lähmt einen solchen Kirchgänger. Nur 
wenn die andern Mettenbesucher sich 
seiner erbarmen und ihn mitnehmen, 
bricht der Teufelszwang 46 ). 

*) Schramek Böhmerwald 124. 2 ) Bir- 

iinger Volkstümliches 1, 14 f.; Meier Sagen 
98 t.; vgl. Goethe's Wandelnde Glocke. 3 ) Heyl 
Tirol 588. 4 ) Meyer Baden 521. 5 ) ZfdMyth. 
3, 31. ®) Meyer Baden 524. 7 ) Ebd. 521. 

8 ) Wuttke 232 §317. 9 ) Jensen Nordfrie¬ 

sische Inseln 232. 10 ) Köhler Voigtland 258. 
u ) ZfVk. 13, 385; ZfrwVk. 10, 171. 12 ) Pfister 
Hessen 169. 13 ) Höhn Tod 341. 14 ) ZfrwVk. 4, 
112. 15 ) Strackerjan 1, 30. 16 ) Kohlrusch 
Sagen 242. 17 ) Vernaleken Alpensagen 349 

Nr. 18. 19 ) Meyer Baden 402. 19 ) Wolf Bei¬ 

träge 1, 219. 2Ü ) Eberhardt Landwirtschaft 15. 
£1 ) Bohnenberger 24; Eberhardt Land¬ 
wirtschaft 15. 22 ) Eberhardt a. a. O. 21. 

23 ) Grimm Myth. 3, 435 Nr. 18 (aus der Chem¬ 
nitzer Rockenphilosophie); Meyer A berglaube 
224; Wuttke 429 § 642. 24 ) Bohnenberger 
16. 25 ) John Erzgebirge 251. 26 ) Meyer 

Baden 503. 27 ) Heyl Tirol 100. 28 ) Eine 

reiche Lit. Zusammenstellung hierzu bietet 
Bolte Der Teufel in der Kirche. ZfvglLitgesch. 
NF. 11 (1897), 249 ff. Vgl. ferner Klapper Erzäh¬ 
lungen S. 238; Kühnau Oberschles. Sagen Nr. 
466; Heyl Tirol 100 Nr. 71. 29 ) ZfrwVk. 2, 144. 
M ) SAfVk. 15 (1911), 8 f.; Hovorka-Kronfeld 
2, 397 (Oberfranken); Bohnenberger 15. 

31 ) Zimmermann Volksheilkunde 72. 32 ) 

Ebd. 65. 33 ) Mündlich aus Pülfringen, A. 

Tauberbischofsheim (Baden). 34 ) Zimmer¬ 
mann Volksheilkunde 52. 35 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 103. 3G ) Grimm Myth. 2, 902; Heyl 

Tirol 800 Nr. 244 u. 801 Nr. 251. 37 ) Heyl 

Tirol 801; Grimm Myth. 2, 903. 38 ) Grimm 

Myth. 3, 452 Nr. 539; 3, 456 Nr. 636. 

39 ) Ebd. 3, 458 Nr. 685. 40 ) Ebd. 3, 458 Nr. 783. 

41 ) Ebd. 3, 903; Kühnau Sagen 3, 88 Nr. 1443. 

42 ) u. 43 ) Wuttke 343 §511. 44 ) Grimm 

Myth. 3, 450 Nr. 494. 45 ) Schönwerth Ober¬ 

pfalz 1, 145. 4ii ) ZfrwVk. 7 (1910), 109. 

Künzig. 

Kirchenlied. Wie Glockenklang ge¬ 
weihte Dinge, fromme Formeln usw. dem 
Teufel ein Greuel sind, so vermag ihn ein K. 
zu vertreiben, wovon z. B. eine schlesische 
Tanzgesellschaft erfolgreichen Gebrauch 
machte, als der Teufel unter ihr ent¬ 
deckt wurde 1 ); ähnlich versuchte, frei¬ 
lich umsonst, ein Kartenspieler den Teufel 
unter dem Tisch zu verjagen, indem er 
das Lied anstimmte: „Ihr Höllengeister 
packet Euch “ 2 ). Im Oberamt Öhringen 


1415 


Kirchenraub 


Kirchenstaub—Kirchentüre 


I4l6 


(Württemberg) legt man dem unge- 
tauften Kind, das Hexen, Teufel und 
böse Geister zu fürchten hat, unter den 
Bettbezug ein zusammengefaltetes Blatt 
Papier, auf dem die bereits erwähnte 
Strophe steht: 

Ihr Höllengeister, packet euch! 

Ihr habt hier nichts zu schaffen, 

Dies Haus gehört in Jesu Reich, 

Laßt es ganz sicher schlafen 3 ) ! 

Die gleiche Strophe schrieb man, um 
das Doggele abzuhalten, in Boldersheim 
(Elsaß) über die Tür der Stube, in der 
die Wiege stand 4 ), während im bad. 
Wiesenthal dieselben Verse als Neujahrs¬ 
wunsch dienen 5 ). Sie entstammen, wie 
Bächtold festgestellt hat 6 ), dem Abend¬ 
lied des K.dichters Scriver: Der lieben 
Sonne Licht und Pracht / Hat nun 
den Lauf vollführet. Nach einer schle¬ 
sischen Sage 7 ) wird der Teufel durch das 
K. „Gott der Vater wohn uns bei!“ von 
Martin Luther vertrieben. Kartenspielen¬ 
den Geistlichen wird der Teufel hart¬ 
näckig aufsässig und wird erst vertrieben, 
als sie auf seine Frage aus einem Kirchen¬ 
lied: 

Wo bleibt dann Leib und Seel ? 

Nimm sie zu deinen Gnaden, 

Sei gut vor allem Schaden, 

Der Aug und Wächter Israel *)! 

Auch vor dem durchziehenden Nacht¬ 
jäger schützt ein K., und zwar das oben 
bereits erwähnte: „Gott der Vater wohn 
uns bei / Und lass uns nicht verderben“ 9 )! 

*) Kühnau Sagen 2, 663 Nr. 1295. 2 ) Knoop 
Hinterpommern 18 Nr. 27. 3 ) Höhn Geburt 262. 
4 ) K. Walter DTllziger Jäger oder d ' Mond¬ 
fänger. Mühlhausen i. E. 1912, 48 Anm. 1. 

6 ) Alem. 39 (1911), 120 Nr. 1. 6 ) H. Bächtold 
Das K. im Volksbrauche Alem. 41 (i 9 I 3 )» 44 « 
woher auch unsere Zitate 3 u. 4 stammen. 

7 ) Kühna u Sagen 2, 654 Nr. 1291. 8 ) Bartsch 

Mecklenburg 1, 438 f. Nr. 612. 8 ) Kühnau 

Sagen 2, 452 Nr. 1052. 

Künzig. 

Kirchenraub. K. und Kirchendieb¬ 
stahl, ob es sich nun um Entwendung wert¬ 
vollen Kirchengerätes (goldener Kelche, 
kostbarer Gewänder, alter Kunstgegen¬ 
stände usw.) oder um Weihegaben bzw. 
den Inhalt der Opfer stocke, also des für 
die Armen bestimmten Geldes, handelt, 
wird von der Kirche seit je als ein schweres 


Vergehen bezeichnet und ebenso im Volke 
gewertet. Oft werden Kirchenräuber auf 
der Stelle von der Strafe für ihren Frevel 
erreicht, z. B. vom Blitz erschlagen 1 ). 
Gregor von Tours erzählt, wie ein bri¬ 
tischer Graf ein Weihegeschenk aus der 
Nazariuskirche in Nantes raubte, dann 
sein Pferd in die Kirchenhalle führen 
ließ, um davonzureiten; dabei aber stieß 
er an einen Querbalken und stürzte 
tot zu Boden 2 ). Gregor der Große be¬ 
richtet von einem arianischen Bischof, 
der eine katholische Kirche in Spoleto 
erbrach und dabei alsbald erblindete; 
gleichzeitig öffneten sich Schlösser und 
Türen der Kirche von selbst und die 
Lichter begannen zu brennen 3 ). In 
einem anderen Fall wird der Kirchen - 
räuber vom Aussatz befallen und jedes 
Jahr am Tag des K. von einem üblen 
Augenleiden geplagt 4 ). Oft nimmt der 
Kirchenräuber zwar nicht dauernden 
Schaden, aber er wird am Ort seiner 
Freveltat gebannt oder festgehalten (Vgl. 
hierzu auch Art. Dieb). Gregor von Tours 
erzählt von einem Kirchendieb, der ein 
edelsteinbesetztes Kreuz aus der Julians¬ 
kirche zu Brioude entwenden wollte, 
aber — offenbar von dem erzürnten 
Heiligen festgehalten — keinen Ausweg 
finden konnte, bis ihn die Wächter¬ 
patrouille überraschte 6 ). Einen anderen 
Dieb drückte das selbe Altarkreuz so sehr, 
daß er es wiederbrachte 6 ). Nach einer 
friaulischen Sage wurden zwei Kirchen- 
diebe durch den Gürtel des hl. Antonius 
so fest zusammengebunden, daß sie nicht 
zu fliehen vermochten und gefangen 
genommen wurden 7 ). 

Nicht selten auch müssen Kirchen¬ 
räuber in der Ewigkeit entsetzlich büßen, 
wie etwa der Landgraf von Thüringen 
in der Hölle in einem Behälter von Feuer 
und Schwefel brennen muß 8 ). Geist¬ 
liche aber, die Meßgeld unterschlugen, 
Küster, die Geld aus dem Klingelbeutel 
behielten 9 ), viele ferner, die der Kirche 
Geschenke angelobt hatten, dies Ge¬ 
lübde aber nicht erfüllten, müssen geister¬ 
haft umgehen. — So sehen wir, wie K. 
immer als schwerer Frevel geahndet wird. 
Nach slawischem Volksglauben freilich 



1417 


1418 


ist es eine geringere Sünde, einen K. zu 
begehen als eine Waise zu bestehlen. 

Betr. Hostienraub vgl. Art. Hostie 

u. Sakrileg. 

1 ) Meiche Sagen 124 Nr. 161; Gregor von 
Tours Julian 15, nach Bernoulli Merowinger 
250. a ) Gregor von Tours Martyr. 60, nach 
Bernoulli Merowinger 252. 3 ) Gregor I 

Dialogi III, 29, nach Meyer Aberglaube 160. 

4 ) Gregor von Tours Martyr. 58, nach Ber¬ 
noulli Merowinger 253. 6 ) Gregor von Tours 
Julian 20, nach Bernoulli 249. 6 ) Gregor 

von Tours Julian 43, nach Bernoulli 250. 

7 ) v. Mailly Sagen aus Friaul 72. 8 ) Caesarius 

v. Heisterbach Dialogus I, 34, nach Meyer 

Aberglaube 161. ®) Künzig Baden 9 Nr. 16. 

10 ) Kr au ss Sitte 587. Künzig. 

Kirchenstaub, wie alles, was einmal 
mit Reliquien oder auch nur mit heiligen 
geweihten Stätten in Berührung gekommen 
ist, selbst der Staub auf den Grabdenk¬ 
mälern der Heiligen und in deren Kirchen, 
galt schon im frühen Mittelalter für 
heilkräftig. Gregor von Tours, De 
miraculis s. Martini 1, 27 sagt: „Ein 
wenig Staub aus der Kirche des hl. Martin 
nützt mehr als alle Wahrsager mit ihren 
unsinnigen Hilfsmitteln“ x ). Nach einem 
Visitationsbericht von 1603 fand sich 
damals in einer Tiroler Wallfahrtskirche im 
Boden ein vergittertes Loch, aus dem 
die Pilger Erde ausgruben, um sie auf 
Geschwüre zu legen. Eine gleiche Grube 
befand sich in der Sakristei 2 ). In West¬ 
böhmen mißt man sogar dem Staub vor 
der Kirchentüre Heilkraft zu 3 ). Auffällige 
Rillen und Scharten am Mauerwerk 
einiger K.n im Osnabrücker Land glaubt 
Sartori 4 ) ebenfalls dadurch entstanden, 
daß man den abgekratzten Staub des j 
Gemäuers zu Krankenheilungen oder 
sonstigen magischen Zwecken verwenden 
wollte. — Inmitten der berühmten ita¬ 
lienischen Wallfahrtskirche San Loretto 
bei Ancona steht ein einfacher Ziegelbau, 
die Casa Santa, d. i. das von Engeln an¬ 
geblich hierher getragene Haus der Hl. 
Jungfrau von Nazareth. Der Staub, 
den man vom Dach dieser Casa zu¬ 
sammenfegt, wird in glasierten, be¬ 
malten Tonschälchen an Wallfahrer ab¬ 
gegeben und von diesen gegen alte, 
schwer heilende Wunden kraft der Für¬ 
bitte der Madonna di Loretto mit Erfolg 


angewandt 5 ). In Knock (Irland) wird 
der Mörtel einer Wallfahrtskapelle als 
Heilmittel gegen verschiedene Krank¬ 
heiten an Pilger verkauft 6 ). — In den 
gleichen Vorstellungskreis gehört es, wenn 
in dem holländischen Kamillanerkloster 
Vaals Staub von der Zelle des hl. Ka¬ 
millus als heilkräftig verkauft und auf 
Wunden gestreut wird 7 ). — Über die 
Heilkraft der Erde überhaupt und ins¬ 
besondere der Friedhof er de s. Erde und 
Friedhoferde. Allgemein glückbrin¬ 
gende Bedeutung schreibt man dem 
K. zu, den man ins Haus bringt, eben¬ 
so wie dem Kirchenbesen 8 ). 

l ) Migne PL. 71, 933. 2 ) Heyl Tirol 809. 

3 ) John. Westböhmen 264. 4 ) Westfalen 61. 

5 ) Andree-Eysn K.staub heilt Wunden ZfVk. 
16, 320 f. 6 ) ZfVk. 16, 321, nach J. A. Bain 
Protestantismus u. Katholizismus in Irland, 
deutsch von Wegener. München 1905, 32. 
7 ) ZfVk. 16, 320. 8 ) Seligmann Die mag. 

Heil - und Schutzmittel (1927), 153 fi.; ferner 
Fehrle in Festschrift für M. Andree-Eysn 
61, wo auch zwei Parallelen aus dem Orient 
angeführt sind. Künzig. 

Kirchentüre. K.n sind öfters mit 
Darstellungen von Fischen geschmückt, 
die offenbar gleichbedeutend sind mit 
dem altchristlichen Symbol für Chri¬ 
stus l ) (s. Fisch). Hufeisen an K.n 
dürften zumeist Votivgaben sein, zumal 
sie vorwiegend an Kirchen und Kapellen 
ausgesprochener Pferdepatrone (Leon¬ 
hard, Wolfgang) Vorkommen; doch 
scheint es nicht ausgeschlossen, daß 
Hufeisen an K.n vereinzelt auch Un¬ 
glück- und geisterabwehrende oder posi¬ 
tiv glückbringende Bedeutung haben, wie 
die Hufeisen an Haustüren 2 ) (s. Hufeisen). 

Wie die K. bei katholischen Kirchen und 
Zeremonien (Kirchweihe, Karsamstags- 
riten u. a.) verschiedentlich eine Rolle 
spielt, ist sie auch in der Volkssitte von 
Bedeutung. Nach südslawischer Meinung 
soll z. B. die Braut sich hüten, auf die 
K.schwelle zu treten, damit sie später 
leicht gebären kann (Aus gleichem Grund 
soll sie eine Brücke nicht überschreiten, 
sondern sich hinüber tragen lassen 3 )). 
Bei einer Tauffeier müssen alle Teil¬ 
nehmenden zur selben K. wieder hinaus¬ 
gehen, durch die sie hineingekommen 





1419 


Kirchenturm—Kirchenuhr 


1420 


sind 4 ). Auffällig oft wird die K. in Fieber¬ 
heilbräuchen genannt. Ein Fieberbehaf¬ 
teter z. B. wird sein Leiden los, wenn er 
beim Kirchenbesuch seinen Stock in 
einen Winkel hinter der K. stellt und 
dabei sagt: ,,Warte auf mich, bis ich 
komme!“, dann nach Abbeten von drei 
Vaterunsern die Kirche durch eine andere 
Türe verläßt unter Zurücklassung des 
Stockes. Das Fieber geht auf den über, 
der ahnungslos den Stock mitnimmt 5 ). 
Fieberkranke Frauen binden ihr Strumpf¬ 
band an den Ring oder das Schloß der 
K. und werden dadurch fieberfrei 6 ). In 
Brandenburg (Fahrland bei Potsdam) 
gingen früher Fieberkranke vor Sonnen¬ 
aufgang oder nach Sonnenuntergang zur 
K., die man mit der rechten Hand an¬ 
klinkte unter den Worten: ,,Sonne ich 
klage dir / Fieber das plaget mir/Nimm es 
von mir / Und behalt es bei dir“ 7 ). Das 
Anfassen der K. bzw. der Klinke ist hier 
natürlich pars pro toto, ebenso wie in 
einer schleswig-holsteinischen Sage, nach 
der ein Hexenmeister ein Mädchen zum 
Glaubensabfall bringen will und es nötigt, 
den Ring der K. anzufassen, dabei die 
Worte nachsprechend: 


Hier faat ik an den Karkenrink 
Un schwöre Gott af un sien Kind 8 ). 

In Mecklenburg soll der Bettnässer drei¬ 
mal seinen Urin kreuzweise an die K. 


lassen, während der Prediger den Segen 
spricht s ). 

*) SAVk. 9, 314; Mitt. f. Gesch. u. Altertums¬ 
kunde Kahla u. Roda 6 {1904); Ndsachsen 22, 
127. 2 ) Sepp Altbayer. Sagenschatz 143 Nr. 144; 
Pollinger Landshut 399; John Westböhmen 
69. 213. 255. 291; Monatsschr. f. d io Gesch. 
Westdeutschlands 6, 309. 3 ) Krauss Sitte 396. 
4 ) Wuttke 389 § 594. 5 ) Hovorka-Kron- 

feld 2, 330. G ) Wolf Beiträge 1, 223. 7 ) En¬ 

gelien u. Lahn 260 Nr. 138. 8 ) Müllenhoff 
Sagen 211 Nr. 287. 9 ) Bartsch Mecklenburg 
2 > io 3 - Künzig. 


Kirchenturm. Kirchentürme sind zu¬ 
nächst durch ihre Höhe auffällig: man 
denkt sich, daß die Hexen auf ihrem 
nächtlichen Flug anstoßen müssen und 
schwer verwundet abstürzen *). Auch 
der Teufel soll auf K.n gelegentlich 
rasten. Einen für diesen Zweck zu spitzen 
K. will er mit einem großen Stein zer¬ 
schmettern, wird aber — wie in den ver¬ 


breiteten Teufelsteinsagen — durch eine 
List daran gehindert 2 ). Einen rein 
epischen Zug stellt es dar, wenn man 
einen besonders hohen Turm in einer 
voigtländischen Sage zum Zahnstocher 
eines Riesen macht 3 ). 

Besonderes Staunen erregten von je 
die majestätischen, kunstvollen Türme 
unserer deutschen Dome. Manche kann 
man sich nur mit Hilfe des Teufels ent¬ 
standen denken, z. B. den nordwest¬ 
lichen Turm des Bamberger Domes: den 
Teufelsturm 4 ). Aus Eifersucht bei Aus¬ 
bau der Bremer Domspitze schickte der 
Vater den erfolgreicheren Sohn an eine 
gefährliche Turmstelle, wobei er abstürzte. 
Der Turm bleibt seitdem stets reparatur¬ 
bedürftig 5 ). 

Der Geist eines Mönches spukt nach 
schlesischer Sage auf einem K. 6 ). In 
Friaul hört man aus einem nach einem 
Brand allein übriggebliebenen Turm des 
Nachts wehmütig klingendes Geläute, 
obwohl keine Glocken mehr darin hängen 7 ). 
— In Türmen nisten nach nordischer 
Überlieferung 8 ) die sog. Kirchennisser, 
d. h. Kobolde, in einem aus Fetzen her¬ 
gestellten Nest, das größer ist als das 
eines Huhnes. Sie sind kleinen Knaben 
ähnlich und können in den Schallöchern 
der Türme leicht an ihren roten Mützen 
erkannt werden. 

Ü Müllenhoff Sagen 212 Nr. 288. 2 ) Panzer 
Beitrag 2, 57. 3 ) Eisei Voigtland Nr. 23 An¬ 
merkung. 4 ) Bader Turm- u. Glockenbüchlein. 
Gießen 1903, 62 (nach M. Pfister Der Dom zu 
Bamberg 1896). 5 ) Bader a. a. O. 36. G ) Küh- 
nau Sagen 1, 21 Nr. 14. 7 ) von Mailly Friaul 
71. 8 ) ZfVk. 8, 266 (nach Kristensen u. 

Grundtvig). Künzig. 

Kirchenuhr. Schlägt die K. während 
des Taufgeläutes, muß das Kind 
bald sterben *), trifft der Uhrschlag mit 
dem Wandlungsläuten zusammen, muß 
jemand aus der Gemeinde sterben 2 ). 
Die K. der mecklenburgischen Stadt 
Friedland wurde von einem Ritter ver¬ 
flucht, weil die Stadt betrügerischer¬ 
weise die Uhr vorrichtete, um den ver¬ 
pfändeten Besitz des Ritters an sich zu 
bringen. Die Wirkung des Fluches war 
die, daß die Uhr immer vorging, ja durch 
keinen Uhrmacher je wieder zum Still¬ 


* 

IM 


1421 


Kirchgang—Kirchweih 


1422 


stehen gebracht werden konnte. Sie 
mußte durch eine andere ersetzt werden 3 ). 

J ) Köhler Voigtland 436. 2 ) Höhn Tod 

310; Hartmann Dachau u. Bruck 237; 
Hmtl. 1928, 98. 3 ) Bartsch Mecklenburg 1, 

339 f. 'Künzig. 


Kirchgang s.Kirchenbesuch.Ferner: 
Aussegnung u. Wöchnerin (Kirchgang der 
Wöchnerin); Taufe (Kirchgang bei Taufe); 
Hochzeit (Kirchgang bei Hochzeit); Be¬ 
gräbnis (Kirchgang bei Leichenzug). 

Kirchhof s. Friedhof 3, 86ff. 


Kirchweih. 

1. Die K. (Kirmes) l ) ist zunächst 
ein Fest der Erinnerung an den Tag der 
Einweihung eines neu errichteten Gottes¬ 
hauses, die meist auf einen Sonntag oder 
ein Heiligenfest fiel (Patroziniumsfest) 2 ). 
Sie hat von vornherein einen kirchlichen 
und einen weltlichen Teil. Der letztere 
hat in der Wertung des Volkes durchaus 
das Übergewicht. So ist die K. das Haupt¬ 
fest des Bauern geworden und hat in 
Ausdehnung und Übertreibung der Ge¬ 
nüsse oft zu Maßlosigkeiten geführt, die 
vielfach die Festlegung der Kirmessen 
eines größeren Gebietes auf die gleiche 
Zeit veranlaßt haben. Früher dauerte 
jede Kirmes acht volle Tage, jetzt noch 
oft drei Tage, denen acht Tage später 
eine Nachfeier folgt. Die meisten Kir¬ 
messen finden im Herbst statt, wo reiche 
Vorräte an Getreide und Vieh zu Gebote 
stehen. An vielen Orten wird neben dem 
Patroziniumsfeste noch eine Herbst¬ 
kirmes gefeiert 3 ). Es ist wahrscheinlich, 
daß schon in heidnischen Zeiten solche 
Herbstfeste begangen wurden 4 ), wie 
denn auch die Kirmessen noch heute 


manche Züge eines fröhlichen Erntefestes 
erkennen lassen 5 ). 

*) Ihre Bezeichnungen: Pf annenschmid 
Erntefeste 260. 547; Birlinger A. Schwaben 2, 
123 f.; Kück u. Sohnrey 187. 2 ) Über die 

älteste wirkliche Weihe christlicher Kirchen: 


Pfannenschmid Weihwasser 154 f. Vgl. 
Stiefenhofer Geschichte der K. vom 1. bis 
7. Jahrh. München 1909 = ARw. 21, 195. 

3 ) Geramb Brauchtum 78. 4 ) Lippert Christen¬ 
tum 651 ff.; Meyer Mythol. d. Germ. 29. 333. 
Hier und da, z. B. in Wurmlingen, sagt man 
noch, die K. sei eigentlich ein heidnisches Fest 


1 * 

gewesen: Meier Schwaben 2, 447. 5 ) Uber die 

K.: Sartori Sitte u. Br. 3, 245 h.; Pfannen¬ 
schmid Erntefeste 244 ff.; Reinsberg Festjahr 
360 ff. Das Wort erhält die Bedeutung von 
Festfreude i. a.: Weiser Jul 9. 

2. Dahin gehört die Vereinigung der 
Familie in weitestem Umfange zu einem 
fast schwelgerischen Genüsse der Gaben, 
die Feld und Weide gespendet haben. 
Die K. ist ein ausgesprochenes Sippen¬ 
fest 6 ). Wird ein Kind am K.feste ge¬ 
boren, so ist es ein Gast, der immer da 
bleibt; man spricht solchen Kindern ein 
langes Leben zu 7 ). Den Dienstboten 
wird ausgedehnte Freiheit gelassen, und 
sie und die Armen erhalten reichliche 
Spenden 8 ). Kinder und Burschen in 
allerlei Mummereien machen ihre Sammel¬ 
gänge von Haus zu Haus 9 ), und wer 
nicht gutwillig gibt, dem werden die 
Hühnernester geleert und die Kühe ge¬ 
molken 10 ). Manche fastnachtsartigen 
Scherze und Hänseleien kommen dabei 
zum Vorschein 11 ). Ein Kirmesbär wird 
bisweilen mitgeführt 12 ). Auch alte Frauen 
sammeln 13 ) und vor allem die Hirten, 
denn die herbstliche K. schließt auch das 
Hirtenleben für dies Jahr ab 14 ). Eine 
besondere Belustigung bildet die Kirmes¬ 
schaukel 15 ) (s. schaukeln). Den Ernte¬ 
mai wiederholt noch einmal der K.- 
baum 16 ), der mitunter wie der Maibaum 
still und heimlich bei Nacht aus dem 
Walde geholt wird 17 ), gewöhnlich eine 
Fichte, deren Zweige bis zur Krone ent¬ 
fernt werden. Der Baum wird feierlich 
umschritten 18 ) oder umtanzt 19 ) und mit 
Blumen, Fähnchen, Eiern, Glaskugeln 
und Tüchern geschmückt. Kränze vom 
Laube der Kirmesbäume wurden in 
Wieseth in das unter der Kapelle fließende 
Wasser getaucht und für Augenschmerzen 
aufgehoben 20 ). In Wattweiler ist im 
Wipfelgezweig ein kleines Gerüst von 
Holz angebracht, darin ein lebendiger 
Hammel 21 ). Ein solcher K.hammel wird 
oft ausgetanzt oder ausgespielt und dann 
geschlachtet und gemeinschaftlich ver¬ 
zehrt 22 ). Kleinere Leute schlachten 
einen Ziegenbock 23 ). Auch ein Hahn 
wird ausgetanzt 24 ) oder ein Hahnen¬ 
schlag veranstaltet 25 ), auch die Kirmes¬ 
gans fehlt nicht 26 ). Wahrscheinlich haben 



Kirchweih 


Kirschbaum 


1426 


1423 


1424 


diese Tiere hier 


auch 


bei andern 
als 


Träger 


5, 51 (untere 
Ebd. 3, 250. 


wie 

Gelegenheiten ursprünglich 
des „Korngeistes“ gegolten. 

6 ) Sartori 3, 246. 7 ) ZfrwVk. 

Mosel). 8 ) Sartori 3, 246 t. 9 ) 

10 ) Ebd. 3, 250 A. 27; Wüstefeld Eichsfeld 
230. 11 ) Meyer Baden 238 (Erschrecken durch 
ausgehöhlte Kürbisse); Kapff Festgebr. 19 
(Anzüglichkeiten); Wüstefeld Eichsfeld 226 
(die seit der letzten K. Verheirateten werden 
„gemännert“). 228 f. (Rasieren der zum ersten¬ 
mal Teilnehmenden). 12 ) Wüstefeld 228; 
HessBl. 1, 85; Sartori 3, 250 A. 28. 13 ) Drechs¬ 
ler 1, 159; Kapff Festgebr. 20. 14 ) Meyer 

Baden 161; Kapff 19; Fontaine Luxemb. 116; 
Schmitz Eifel 50. 1B ) MitteldBIVk. 3, 49 ff. 

lö ) Sartori 3, 253. Kirmesstrauß: Diener 
Hunsrück 242 f.; Fox Saarland 424; Becker 
Pfalz 334. 17 ) Pfanne nschmid Erntefeste 

55 °• 55 1 - 1S ) Ebd. 557; Bayer. Heimatschutz 

24, 32 f.; Sartori 3, 251 A. 35. 19 ) John 
Westb. 95. 20) HessBl. 3, 94. 2 *) Pf ann en- 

schmid 550. 22 ) ZfdMyth. 3, 103; Meyer 

Baden 233; Wüstefeld Eichsfeld 227 f. 229; 
HessBl. 25, 171 f.; ZföVk. 24, 108; Diener 
Hunsrück 245; Fox Saarland 426; Lippert 
Christentum 635; Sartori 3, 252 A. 49. 23 ) 

Kück u. Sohnrey 188; Sartori 3, 249 A. 24; 
Lippert Christentum 656 (Bockstürzen bei der 
slawischen K.). 24 ) HessBl. 25, 170 f. 25 ) Sar¬ 
tori 3, 253 A. 50. 26 ) Ebd. 3, 249 A. 24. 


3. Bei Erntefesten wird oft der Toten 
gedacht. So schließt man sie auch bei 
der K. ins Tischgebet ein, läßt eine Messe 
für sie lesen und besucht prozessions- oder 
sippenweise ihre Gräber 27 ). In West¬ 
böhmen begann an manchen Orten der 
Tanz der Jugend schon morgens nach 
dem Frühgottesdienste; man nannte ihn 
die „Preß“ oder „die goldene Stund“. 
Er dauerte nur so lange, als eine bei Be¬ 
ginn angezündete Kerze brannte. Diese 
Zeitbestimmung findet sich auch sonst 
beim Kirmestanze. Man glaubte, daß 
die Seelen der verstorbenen Ortsleute in 
der „Preß“ anwesend seien, um sich mit¬ 
freuen zu können. Wer nicht mittanzte, 
dem geriet nächstes Jahr der Hafer nicht. 
Das Licht brannte hierbei, damit die 
Seelen der Toten aus weichen könnten 
und nicht getreten würden. Wer eine 
Seele tritt, muß im nächsten Jahre 
sterben 28 ). 

27 ) Wrede Eifler Volksk. 230; Fontaine 
Luxemburg 115; Wüstefeld Eichsfeld 226; 
Leoprechting Lechrain 195; Sartori 3, 247. 

28 ) John Westböhmen 94. 422; Egerl. 9, 38 s.; 
24, 26. 


4. Die herbstliche K. bezeichnet auch 
den Abschluß des Wirtschaftsjahres. 
Der Gedanke, daß nun ein neuer Zeit¬ 
abschnitt anhebt, hat vielleicht zu dem 
Brauche beigetragen, jetzt neue Kleider 
anzulegen 29 ). In Luxemburg muß das 
Frauenzimmer, das für die K. keinen 
neuen Anzug erhält, „den Küster auf 
den Abort führen“ 30 ). 

29 ) Sartori 3, 247 A. 14. 30 ) Fontaine 116. 

5. Auf die K. ist manches übertragen, 
was sonst den Mai- und Pfingstbräuchen 
eigentümlich ist. Nur vereinzelt kommt 
der „Schlag mit der Lebensrute“ vor. 
Beim „Hahnenschlag“ werden die Mäd¬ 
chen über eine Bank gelegt und jeder ein 
Klaps mit dem Waschbläuel versetzt 31 ). 
In Schalkhausen (Mittelfranken) schlagen 
die Knaben die Mädchen mit Weiden¬ 
ruten 32 ). Im Fuldischen und dem an¬ 
grenzenden Thüringen führt der Platz¬ 
meister beim Festzuge die Pritsche 33 ). 
An manchen Orten werden die erwach¬ 
senen Mädchen versteigert oder aus¬ 
gelost. Die so zusammengeratenen Paare 
gehören für den Verlauf der K., nament¬ 
lich für den Tanz, zusammen 34 ). In 
Nalbach (Kr. Saarlouis) raubt sich am 
K.feste nachmittags nach der Vesper 
jeder Bursche das Mädchen, das er an 
diesem Abend und das ganze Jahr hin¬ 
durch zum Tanze führen will, oft noch 
in der Kirche 35 ). Wer sich sittlich ver¬ 
gangen hat, wird vom Tanze ausge¬ 
schlossen 36 ). Ergibt sich eine solche 
Verfehlung erst später, so wird der K.- 
baum vor der Zeit umgelegt 37 ) oder 
ausgeräuchert 38 ) oder der Anger aus¬ 
gebrannt 39 ). 

3l ) Spieß Fränkisch-Henneberg 144. 32 ) Kück 
u. Sohnrey 194. 33 ) Bayer. Heimatschutz 24, 
33. 34 ) Ebd. 24, 31; Sartori 3, 248. 35 ) ZfdMyth. 
1, 89. 36 ) Sartori 3, 251 A. 34. 37 ) Heeger 
Pälzer Kerwe 66. 38 ) Bayer. Heimatschutz 24, 
33. 39 ) Wüstefeld Eichsfeld 225 f. 

6. Das Bedürfnis nach Anschaulich¬ 
keit veranlaßt oft auch eine Verkör¬ 
perung der K. Sie wird durch eine 
Puppe dargestellt, die während der ganzen 
Feier irgendwo sichtbar angebracht ist 40 ); 
im Rheinlande heißt sie gewöhnlich 
Zacheies 41 ). Überall geübt wird das 
komisch-feierliche Begraben (seltener Ver- 



1425 

brennen) der K. in irgendeiner Gestalt 42 ), 
mitunter als Pferdeschädel 43 ). Auch 
wird ein Hahn erschlagen 44 ) und sein 
Kopf vergraben 45 ). Oft wird ein Bursche 
(der betrunkenste) dazu verwandt 46 ). 
In Ludwigsburg heißt er „Kirbesau“ 4? ). 
Diese „Kärwesau“ spielt in Baden auch 
bei der feierlichen Einholung der K. eine 
Rolle und wird beständig mit Wein und 
Kuchen traktiert 48 ). Im übrigen wird 
zum Beginn der K. das im vorigen Jahre 
eingegrabene Symbol oft feierlich wieder 
ausgegraben 49 ). 

40 ) Sartori Westfalen 170. 41 ) Wrede 

Rhein. Volksk. 285, vgl. 289 f.; ZfrwVk. 3, 85; 
Lippert Christentum 656. 42 ) Sartori 3, 254 f. 
43 ) Kuhn Westfalen 2, 130; Kück u. Sohnrey 
191. 44 ) Kapff Festgebr. 20. 45 ) ZfrwkV. 5, 

218. 46 ) Sartori 3, 254 f. A. 58. 47 ) Kapff 20. 
4ä ) Meyer Baden 232. 49 ) Sartori 3, 255. 

7. Vereinzeltes: Am K.tage eine Zwi- 
schenhischl ansehen, die man liegen ließ, 
schützt gegen den Brand 50 ). Die Teiche 
auf dem „Husfeld“ werden blutrot, so 
oft die Pferdsdorf er K. wiederkehrt (weil 
dort ein Fräulein erstochen ist) 51 ). 

ß0 ) Birlinger A. Schw. 1, 389. 61 ) Witzschel 
Thür. 2, 45 (44). Sartori. 

Kirschbaum (Kb.), Kirsche (K.) (Sauer¬ 
kirsche, Weichsel [Prunus cerasus] und 
Süßkirsche [P. avium]). 

1. Botanisches. — 2. Sagen. — 3. K.zweige 
als „Barbarazweige". — 4. K.zweige zum Er¬ 
kennen der Hexen. — 5. K. im Heiratsorakel. — 
6. Kb. als Unglücksbaum. — 7. K. in der 
Fruchtbarkeitssymbolik. — 8. K. im landwirt¬ 
schaftlichen Aberglauben. — 9. Sympathie¬ 
medizin. ■— 10. Verschiedenes. 

1. Botanisches. Die Sauerk. hat 
ihre Heimat wohl in Westasien; die 
Römer lernten sie wahrscheinlich erst in 
der Kaiserzeit kennen. Dagegen ist die 
Süßk., wie fossüe und prähistorische 
(z. B. in neolithischen Siedelungen) 
Funde beweisen, in Mitteleuropa heimisch. 
Jedoch kamen die veredelten K.n erst 
durch die Römer nach Deutschland 1 ). 

D Hegi III. Flora v. Mitteleuropa 4, 1077 ff.; 
Schräder Reallex . 2 i, 589. 

2. Kb. und K.n treten manchmal 
in Sagen auf. Nach einer Tiroler Sage 
(Bozen) sitzt die Muttergottes gern auf 
Kb.en. Wenn sie auf K.laub tritt, 
so zeigen sich alsbald kleine Schlangen 


auf den Blättern, und wo die Schlangen 
auf dem Blatt sitzen, wird es dem Schlan¬ 
genleib nach ausgefressen. Ganz deutlich 
kann man den Kopf der Schlange unter¬ 
scheiden. Das ist dann der Vorbote eines 
Schlangenregens, der alles verheert 2 ). 
Anlaß zu dieser Sage haben jedenfalls die 
schlangenähnlichen Figuren gegeben, die 
auf den Blättern durch minierende Raupen 
(z. B. Lyonetia-Arten) hervorgebracht 
werden. Auf ein K.blatt schrieb Jesus 
die Worte: „Tausend und nicht mehr 
Tausend“, nachdem ein Jünger ihn ge¬ 
fragt hatte, wieviel Jahre noch ver¬ 
fließen würden bis zum Ende der Welt 3 ). 
Die Sage vom „Erlöser in der Wiege“ 
wird von einem K.bäumchen auf Burg 
Raueck erzählt 4 ). Nicht selten sind Sagen, 
in denen sich K.n bzw. K.nblüten oder 


K.nkeme in Gold (Taler usw.) verwandeln 5 ). 

2 ) Heyl Tirol 246; Zingerle Sagen 37 2. 
3 ) Lütolf Sagen 369. 4 ) Bechstein Sagen¬ 
schatz d. Frankenlandes 191. 6 ) Alpenburg 

Tirol 394; Bechstein Thüringen 3 (1898) 257; 
ZföVk. 4, 227; Baader NSagen (1859), 2. 

3. Im Advent, vor allem am Barbara-, 
aber auch am Andreas-, Lucien- 6 ) oder 
Thomastag 7 ) oder an Weihnachten 8 ) 
werden K.nzweige abgeschnitten und ins 
Wasser gestellt. Sind sie bis Weihnachten 
bzw. Neujahr auf geblüht, so bedeutet 
dies Glück 9 ), für die Mädchen baldige 
Hochzeit 10 ). Ferner schließt man aus 
dem Blühen auf ein kommendes frucht¬ 
bares Jahr 11 ), auf gutes Wetter 12 ), 
eine gute K.nemte 13 ). Blühen die Zweige 
nach Weihnachten, so gibt es einen 
späten Frühling 14 ). Das Mädchen schreibt 


den Namen des Verehrers auf einen 
K.nzweig; blüht dieser bis Weihnachten, 
so wird es geliebt. Blüht er nicht, so ist 
das Mädchen keine Jungfrau mehr 15 ). 
Jeder Zweig bekommt den Namen eines 
Heiratskandidaten; derjenige, dessen 
Zweig zuerst blüht, heiratet das Mäd¬ 
chen 16 ). Der blühende K.nzweig wird 
an Weihnacht in den Gottesdienst mit¬ 


genommen; der Bursche, der dann dem 
Mädchen begegnet, gleicht dem künftigen 
Gatten 17 ). Aus der Menge der Blüten 
und aus ihrer schneeweißen Farbe wird 
auf die Nähe der Hochzeit geschlossen 18 ). 
Die Zweige müssen in der Andreasnacht 





1427 


Kirschbaum 


Kirschbaum 


1430 


zwischen 11 und 12 Uhr gepflückt werden, 
dann blühen sie bis Neujahr. Doch werden 
sie nur einen Tag früher oder später ge¬ 
pflückt, blühen sie nie 19 ). Das Abschnei¬ 
den der Zweige muß „unbeschrien“ ge¬ 
schehen 20 ). Manchmal werden die Zweige 
auch von anderen Obstbäumen oder auch 
vom türkischen Flieder (Syringa vulgaris) 
gepflückt. Übrigens dürfen in München 
nach marktpolizeilicher Vorschrift die 
auf dem Markte als „Barbarazweige“ 
feilgebotenen Zweige nicht von Obst¬ 


bäumen stammen 21 ). Die ,,Barbara¬ 
zweige'‘ zeigen Beziehungen zur Lebens¬ 
rute 22 ). Vgl. auch 1, 908 f. 

6 ) Z. B. John Westböhmen 7; MschlesVk. 9, 
7 5 - 7 ) Reiser Allgäu 2, 14. 8 ) Z. B. Schweizld. 
4 > 659. 9 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 1; 

Reiser Allgäu 2, 14; John Westböhmen 7. 
10 ) Drechsler 1, 18; MschlesVk. 4, 48. 

n ) Schweizld. 4, 659. 12 ) Hoffmann-Krayer 
109. 13 ) Ebd. 97; Schweizld. 4, 1534; ZfVk. 

4, 109 (Gossensaß); ZfrwVk. 4, 8. 14 ) Reiser 
Allgäu 2, 178. 15 ) John Westböhmen 5. 
16 ) MschlesVk. 4, 48. 17 ) MnböhmExc. 31, 

149. 18 ) Pröhle Harzbilder 1853, 48. 

19 ) Sommer Sagen 162. 20 ) Marzell Bayer. 

Volksbotanik 2; DG. n f 215 f. 21 ) Marzell 
Bayer. Volksbotanik 2. 22 ) Mannhardt 1, 266. 


4. Vor allem in Ostdeutschland (slavi- 
sche Herkunft ?) ist der Glaube verbreitet, 
daß man mit Hilfe der am Andreas-, Bar¬ 
baratag usw. 23 ) geschnittenen K.nzweige 
in der Christnacht (in der Kirche) die 
Hexen erkennen könne 24 ). In Nieder¬ 
österreich (Krems) muß man an Johanni 
bei Sonnenaufgang einen gabelförmigen 
Weichselzweig brechen, ihn in Weih¬ 
wasser stellen und in der Kirche vom 
Chor durch die Zwiesel des Zweiges 
schauen, dann sieht man die Hexen ver¬ 
kehrt sitzen oder stehen 25 ). Wie so oft 
bei ,»Hexenerkennungsmitteln“ (s. z. B. 
Gundermann 3, 1204) handelt es sich hier 
wohl um ein ursprüngliches Apotropäon. 
Ein aus Weichselzweigen zusammengebun¬ 
denes Kreuz wird an Walpurgis in den 
Misthaufen gesteckt 26 ). Mädchen, denen 
es ,,angetan“ ist, stellen sich vor Sonnen¬ 
aufgang in den Garten unter einen Kb., 
schütteln ihn und lassen den Tau 
auf sich fallen 27 ), vgl. auch § 9. Blü¬ 
hende K.nzweige legt man unter das Ge¬ 
treide um die Mäuse zu vertreiben 28 ). 


1428 

Gekochte K.n sind dem Wildmännli zu¬ 
wider 29 ). 

23 ) Auch der Katharinentag wird genannt: 
DVköB. 12, 37. 24 ) Kühnau Sagen 3, 34 f.; 

Drechsler 2, 218; MschlesVk. 6, 12; 13, 85; 
Schramek Böhmerwald 113; John West¬ 
böhmen 5, 200; Peter Österreichisch-Schlesien 2, 
254; Vernaleken Mythen 285. 336; Wirth 
Beiträge 6/7, 5; ebenso bei den Wenden (Schu¬ 
lenburg IVend. Volksthum 126) und in der 
Walachei (ZföVk. 2, 249; RTrp. 18. 90). 25 ) Leeb 
Sagen Niederösterreichs 1892, 65. 26 ) Spieß 

Obererzgebirge 13 = John Erzgebirge 197. 
27 ) Grohmann 156. 28 ) Wirth Beiträge 4/5, 

31. 29 ) Kuoni St. Gallcr Sagen 161. 

5. Wie andere Obstbäume (s. Birne, 
Krieche, Pflaume, Zwetschge) wird 
auch der Kb. (vor allem der Weichsel¬ 
baum) von heiratslustigen Mädchen 
in der Thomasnacht 30 ) geschüttelt (,,ge¬ 
beutelt“) mit den Worten: 

Weichselbaum, ih schüttel* dih, 

Thomas, ih bittel dih, 

Laß mir a Hunderl bell’n, 

Wo sich mein Monn thuat meld’n. 

In Schlesien lautet der Spruch (beim 
Brechen des K.nzweiges): 

K. ich knacke dich, 

Feinsliebchen lache dich, 

Wenn die K.n krachen, 

Wird mein Feinsliebchen lachen. 

Dann stellt man die Zweige ins Wasser 
und schließt zu Weihnachten aus der 
Zahl und Farbe der hervorgebrochenen 
Blüten, ob für die Ausstattung zu sorgen 
sei 31 ). In Westpreußen wird das Orakel 
in der Neujahrsnacht angestellt, dabei 
wird gesprochen: 

Kb., ich schiittl' dich, 

Laß ein weißes Hündchen bellen, 

Wie die Wirtschaft ich soll stellen. 

Kommt dann ein weißes Hündchen, so 
tut es seine Meinung über die Wirtschaft 
kund, und die Person bleibt am Leben, 
kommt aber ein schwarzes Hündchen, 
so stirbt sie 32 ). 

30 ) Baumgarten Aus der Heimat 1862, 150; 
ZfVk. 6, 133. 3l ) Drechsler 1, 10. 32 ) Treichel 
Westpreußen 5, 33. 

6 . An gewissen Tagen im Hochsommer 
darf man keinen Kb. besteigen, 
weil man herabfallen und sich zu Tode 
stürzen würde. Als solche Tage werden 
genannt der Tag der 10 000 Ritter 
(22. Juni), Johanni 33 ), Margarete 34 ), 
Ulrich 35 ), Heinrich 36 ), Jakobi 37 ). Der 



1429 


Glaube gehört wohl in den Abergläubens- 
kreis, daß Johanni usw. einen,,toten Mann“ 
fordere (Macht der Geister an Johanni), 
d. h. daß an diesem Tag jemand ertrinken 
müsse usw. Übrigens kennt man auch in 
Bosnien einen ,, Halsbrech tag“ (zur Zeit 
der K.nernte), an dem niemand auf einen 
Kb. klettert 38 ). Ferner darf eine 
Mutter, deren Kind gestorben ist, vor 
Johanni keine K.n essen 39 ). In der Regel 
gilt dieser Glaube von den Erdbeeren 
(s. 2, 893). 

33 ) Lütolf Sagen 107; ebenso in Poitou und 
in der Touraine: Sebillot Folk-Lore 3, 380. 
34 ) Leoprechting Lechrain 180. 35 ) Marzell 

Bayer . Volksbotanik 50. 36 ) Jb. Elsaß-Lothr. 

12, 196. 37 ) Oberfranken: Das Bayerland 20 

(1909), 574; vgl. auch John Westböhmen 91. 
38 ) WissMittBosnHerc. 4, 491. 39 ) Drechsler 

1, 296; Laube Teplitz 1896, 29; Temesvary 
Geburtshilfe 23. 

7. K. und Kb. erscheinen hie und 
da als Fruchtbarkeitssymbol (vgl. 
auch § 5 ,,Kb. im Liebesorakel“). 
Um einen schwarzen Kb. führt man 
eine Kuh, die nicht fruchtbar bleibt 40 ) 
oder schwer trächtig wird 41 )- Bei den 
Serbokroaten zieht die kinderlose Frau 
im Wald den Ast eines wilden Kb.s 
heraus, kriecht dreimal durch, wobei sie 
spricht: ,,Wie du nicht unfruchtbar bist, 
so soll auch ich es nicht sein“ 42 ). Hierher 
gehört auch wohl der Brauch, Heu unter 
einen schwarzen Kb. zu legen und es 
den Tieren zu fressen geben, damit sie 
das ganze Jahr genügend zu fressen 
haben 43 ). Auch spielt die K. in eroti¬ 
schen Vergleichen und Redensarten eine 
Rolle 44 ). Mädchen mit leichtem Lebens¬ 
wandel steckt man einen K.zweig vor die 
Tür 45 ); „die ist der gemein Kirsebaum“ 
(— ad usum communem) bezeichnet im 
Elsaß die Dorfdirne 46 ). Umgekehrt 
kann aber auch durch die menschliche 
Fruchtbarkeit die des Kb.s gefördert 
werden: Wenn man die ersten Früchte 
eines K.s einer Frau gibt, die zum 
erstenmal niedergekommen ist, so wird 
das Bäumchen fruchtbar 47 ). Übrigens 
sucht man in der Schweiz die Fruchtbar¬ 
keit der K.bäume durch Lärmumzüge (an 
Dreikönig) zu fördern 48 ). 

40 ) Bohnenberger 112. 41 ) Eberhardt 

Landwirtschaft 214. 42 ) Schnee weis Weih¬ 


nacht 101. 43 ) SAVk. 15, 4. 44 ) Aigremont 

Pflanzenwelt 1, 79 ff. 45 ) ZfVk. io, 180; Se¬ 
billot Folk-Lore 3, 402; vgl. auch Schweizld. 
L 574 - 46 ) Martin u. Lienhart Elsäss. Wb. 

2, 44. 47 ) SAVk. 2, 264 = Schweizld. 4, 1239. 
4S ) Hoffmann-Kraver 103. 

8. Im landwirtschaftlichen Glau¬ 
ben schließt man aus dem Verlauf der 
K.nblüte auf das Gedeihen des Roggens 49 ) 
und des Weines 50 ). Da K. einerseits, 
Roggen und Weinrebe andrerseits, an¬ 
nähernd die gleichen Vegetationsbedin¬ 
gungen haben, so entbehrt dieser Glaube 
nicht einer gewissen Begründung. Die 
K.n gedeihen, wenn man am Funken¬ 
sonntag (1. Sonntag in der Fastenzeit), der 
in der Fruchtbarkeitssymbolik Öfter ge¬ 
nannt wird 51 ), viele Sterne sieht 52 ) oder 
wenn am „jungen“ Fastnachtsdienstag 
die Sonne scheint 53 ). K.n sollen mit¬ 
samt den Stengeln gepflückt werden, weil 
die Bäume sonst im nächsten Jahr nicht 
tragen 54 ). Ein Wirbelwind verschafft 
der K.nblüte ein reiches Erträgnis 55 ). 
Keine oder wenig K.n gibt es, „wenn der 
Kb. zwischen zwei Lichtern“ (zwei 
Monden) blüht (Mark) 56 ) oder wenn es 
zur Zeit der K.nblüte blitzt (Schlesien) 57 ). 
Wenn morgens das K.nlaub zittert, so 
kommt noch an demselben Tag ein Ge¬ 
witter 58 ). So lang das Laub am Kb. 
ist, schneit es nicht 59 ). 

49 ) Fischer SchwäbWb. 4, 416; Sartori 
Westfalen 69; Bartsch Mecklenburg 2, 166; 
Yermoloff Volkskalender 114. 50 ) Schreger 

Hausbüchlein 1770, 127, MnböhmExc. 21, 289; 
Meyer Baden 383; Marzell Bayer. Volks¬ 
botanik 125. 51 ) Sartori Sitte u. Brauch 3, 108. 
52 ) Reiser Allgäu 2, 104: Fischer SchwäbWb. 
4, 41Ö. 53 ) Yermoloff Volkskalender 52. 

54 ) Treichel Westpreußen 5, 53. 35 ) Meyer 

Baden 368. 36 ^ Yermoloff Volkskalender 114. 

57 ) Urquell 3, ’ O". 38 ) Reit er er Ennstalerisch 59. 
59 ) Schweizld 4, 1239. 

% 

9. In der Sympathiemedizin werden 
auf den Kb. (ebenso wie auf viele 
andere Bäume) Krankheiten übertragen. 
Man geht vor Sonnenaufgang zu einem 
Kb. und beißt rückwärts gewandt, indem 
man den Namen Gottes ausspricht, die 
Knospen ab 60 ). Gegen Brustbeklemmung 
geht man morgens vor Sonnenaufgang, 
ehe die Vögel wach werden, und indem man 
den Baum mit den Händen umspannt, 
zu einem Kb.: „Kirschboom, ick bä di! 







1431 


Kirschbaum 


1432 


Hattspann und Reefkauken plagt mi. 
Kirschboom, ick bä di! Nimm mit dat aff! 
De erst Vagei, de över di henfliegt, driegt 
et in’t Grav! Im Namen des Vaters 
usw.“ 61 ). Wenn zwei Brüder, am besten 
Zwillinge, einen Kb. in der Mitte 
spalten und das kranke Kind hindurch¬ 
ziehen, dann den Baum wieder zubinden, 
so heilt das Kind wie der Baum heilt 62 ). 
Der Bruch wird in einen Kb. verbohrt. 
Wer den Baum umsägt, bekommt den 
Bruch 63 ). Bereits (im 5. Jh. n. Chr.) bei 
Marcellus Empiricus 64 ) findet sich 
das Mittel, das mit einem Bruch be¬ 
haftete Kind durch ein gespaltenes 
Kb.chen zu ziehen und dann die ge¬ 
spaltenen Hälften des Bäumchens wieder 
zu verbinden. Wenn der Baum wieder 
verwachsen ist, ist auch der Bruch geheilt 
(s. 2, 478). Gegen das Schwinden wurde 
ein mit dem Blut des Kranken bestrichenes 
Hölzchen in einen Kb. „verspindet“ 65 ). 
Finger- und Zehennägel werden in ein 
Lümplein gebunden, das man an einen Kb. 
tut; dann bekommt man das ganze Jahr 
kein Zahnweh 66 ) . Rotlauf wird mit einem 
am Gallustag geschnittenen Hölzchen 
eines Kb.s geheilt 67 ). Wenn ein Vieh 
Maden hat, so laß dir sagen, wie es aus¬ 
sieht. Dann nimm drei Blätter vom 
Kb., wirf ein Blatt über den Kopf 
und denke: ,,Das schwarze (rote, bunte 
usw.) Vieh hat Maden“. Das gleiche 
mache man auch mit den übrigen Blättern. 
Oder man faltet ein K.nblatt vierfach zu¬ 
sammen, die Rippen nach innen und denkt 
dabei: ,,Ik döh wat vor de Maden, dat 
dise Wittbunt in de Seite. Gott gebe dat 
se den dritten Tag raus sind“. Dann legt 
man das Blatt an einen Ort, wohin weder 
Sonne noch Mond scheint 68 ). Ob jemand 
mit ,,weißen Leuten“ (biale ludzie) be¬ 
haftet sei ( = Bleichsucht), erkennt man 
in Masuren so: Man nimmt drei K.n- 


ruten zusammen und schneidet sie in 
kleine Stücke, indem man spricht: Eins 
nicht eins, zwei nicht zwei, usw. bis neun 
nicht neun! Dies Verfahren wiederholt 
man dreimal so daß man dreimal 27 oder 
81 kleine Stäbchen erhält. Diese Stäbchen 
wirft man in eine Schale Wasser, das man 
betend bekreuzt und mit den Worten 


segnet: ,,Über den N. N. Getauften komme 
Gott Vater, der Sohn und der heilige Geist“! 
Amen wird nicht hinzugesetzt. Bleiben 
alle Stäbchen schwimmen, so ist der Ge¬ 
nannte von „weißen Leuten“ frei, geht 
aber ein Teü davon unter, so ist er mit 
ihnen behaftet und zwar in dem Grade als 
das Verhältnis der untergegangenen Stäb¬ 
chen zu den schwimmenden angibt 69 ). 
Das erste Badwasser des Kindes schüttet 
man an einen Kb., damit das Kind 
schön wird 70 ), vgl. Apfelbaum, Rose. 
Auch der Tau von einem Kb. ist 
heilsam. Der Kranke lege sich nackt bei 
der Nacht unter einen Herzkb. und 
schüttle, mit dem Rücken dem Baum 
zugewendet, den Tau auf sich herab 71 ). 

; Man treibt das Vieh mit einem K.nzweig 
aus dem Stall, läßt aber den Zweig im 

! Stall stecken; dadurch sollen die Kühe 
vor dem „roten Wasser“ (wohl Blut¬ 
harnen) geschützt sein 72 ). Hier ist wohl 
die rote Farbe der K.n maßgebend. 

60 ) Kuhn Westfalen 2, 205. 6l ) Lauffer 

Niederdeutsche Volksk. 84 f. 62 ) Grimm Myth. 
976. 63 ) Zimmer mann Volksheilkunde 59. 

64 ) De medicam. 23, 26. G3 ) Seyfarth Sachsen 
199. 66 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 386. 

® 7 ) Fabricius De Signatura plantar. 1653, 35. 
68 ) ZfVk. 8, 308; Engelien u. Lahn 276. 
6£> ) Toppen Masuren 21; Frischbier Hexenspr. 
75. 70 ) Höhn Geburt 260. 71 ) Grohmann 164. 

72 ) Bartsch Mecklenburg 2, 142. 

j 10. Verschiedenes. Wenn die Kinder 
Kietterharz vom Kb. (es ist das aus dem 
Stamm austretende K.nharz oder der 
K.ngummi gemeint) essen, werden sie 
starke Steiger 73 ). Wenn man von 
schwarzen K.n träumt, so bedeutet dies 
Tod, Trauer oder überhaupt Unglück 74 ). 
Träumt man von schwarzen K.n an einem 
Freitag, so deutet dies, namentlich 
wenn es dreimal hintereinander geschieht, 
auf Krankheit 75 ). Dagegen bedeutet das 
Träumen von roten K.n Glück 76 ) oder von 
K.n überhaupt Freude (Ostpreußen) 77 ). 
Finden sich reife K.n und Blüten an dem¬ 
selben Baum, so bedeutet dies einen Todes¬ 
fall 78 ). In der Vita der hl. Hedwig (geb. 
1174) wird erzählt, daß ihr von einem 
Kb., der auf Weihnachten in Blüte 
stand, gemeldet wurde. Sie sagte, das sei 
ein Zeichen des Todes, und wirklich starben 
in dem folgenden Jahre viele Arme 79 ). 



1433 

Es bedeutet Krieg, wenn der Kb. im 
Jahr zweimal blüht 80 ). Kinder sollen 
nicht in der K.nblüte abgestillt werden, 
sie bekommen sonst frühzeitig weiße 
Haare 8l ). Eine menstruierende Frau 
darf keine K.n pflücken 82 ). Wer an Peter 
und Paul K.n (oder Erdbeeren) aufhebt 
und ißt, wird vom Geiste (Geisteskrank¬ 
heit) befallen 83 ). Wenn man K.n gegessen 
hat, zählt man mit den Steinen ab, ob 
man einen Mann bekomme: „Das Jahr, 
nächschts, einisch, nie“ 84 ). Das „Kirsch¬ 
stengelreißen“ ist im Waldviertel (Nieder¬ 
österreich) ein Liebesorakel 85 ). Wer K.n 
gestohlen und verzehrt hat, bleibt un- 
entdeckt, wenn die Kerne der genossenen 
K.n mit dem Stuhlgang Weggehen 86 ). 
Man sucht aus dem Kot den Kern einer 
gegessenen K. und pflanzt ihn ein. So 
lange das daraus wachsende Bäumchen 
grünt, lebt man 67 ). 

73 ) Roch holz Kinderlied 319. 74 ) SchwVk. 

10, 32; 12, 150; SAVk. 7, 135; Unoth 1, 180; 
Wilde Pfalz 127; ebenso in den Vereinigt. 
Staaten von Amerika: Bergen Superstitions 76. 
75 ) Manz Savgans 127. 76 ) SAVk. 8, 271. 

77 ) Urquell 1, 203. 78 ) Geschichtsbl. f. Stadt u. 
Land Magdeburg 16 (1881), 240; vgl. auch 
Wuttke 207 § 286. 79 ) Anz. f. Kde des deutsch. 
Mittelalters 3 (1834), 10. 80 ) Grimm Myth. 3, 
477. 81 ) DVöB. 5, 47. 82 ) SchwVk. i, 23; vgl. 
auch Ploß Weib 7 1, 437. 83 ) Zimmermann 

Volksheilkunde 61. 84 ) SAVk. 8, 268. 85 ) Wein- 
kopf Naturgeschichte 59. 86 ) Drechsler 2, 

263. 87 ) Wirth Beiträge 6—7, 13. 

Literatur: Theodor Bodin Der Kb. im 
Volksmunde und Volksglauben. In: Europa, 
Jahrg. 1877, 987—992 (unbedeutend); Ad. 
Seiler K. und K.b im Spiegel schweizer¬ 
deutscher Sprache und Sitte. In: SAVk. 4, 
199—213. Marzeil. 

Kissen s. Kopfkissen. 

Kissentanz. Der Kisselistanz, Küsschen¬ 
oder Küssetanz, auch Päl-(Pfühl-)tanz 
oder Polsterltanz genannt, ist von Öster¬ 
reich bis England belegt 1 ). Er wird in 
Süddeutschland auf Hochzeit und Kirch¬ 
weihen gern getanzt und ist auch sonst 
bei Tanzveranstaltungen und Hausbällen 
heute noch volkstümlich. Die häufigste 
Form ist wohl die von F. M. Böhme be¬ 
schriebene. Es ist ein altväterischer 
Reigen, bei welchem ein Mädchen mit 
einem Kissen in dem Ring der Tanzenden 
hält und durch rasches Niederwerfen 


1434 

des Polsters und den Kuß, den sie dem 
zugleich mit ihr darauf knienden Burschen 
gibt, den Tänzer bezeichnet, mit welchem 
sie in raschem Walzer der langsamen 
Runde ein Ende macht 2 ). Auch in 
Österreich wird das Polstert so weiter- 
gegeben ; da die Zahl der Teilnehmer 
eine imgerade ist, wird die letzt ver¬ 
bliebene Person mit Spott und Mutwillen 
ausgelacht 23 ). Mehr an Brauchspiel 
gemahnen die Formen, die in Nieder- 
österreich aus Anlaß des Brecheltanzes 
dabei üblich sind: die Erwählte muß 
sich schnell auf das hingelegte Kissen 
knien, sonst zieht der Tänzer den Polster 
zurück. Nun tanzen beide herum, halten 
dann plötzlich still, und die Tänzerin 
haut dem Tänzer das Posterl hinauf, 
der dann aus dem Kreise ausbrechen 
muß 3 ). Auch im steirischen Tanzbrauch 
nimmt der Tänzer oder die Tänzerin das 
Polsterl auf die Schulter, und der Tänzer 
entschlüpft schließlich unter den hoch¬ 
gehobenen Händen eines Paares aus dem 
Kreis. Zum Abschluß kommt hier ein 
Abgetretener und macht mit einem Besen 
kehraus 4 ). In Mülhausen (Elsaß) bringt 
der Bursche auf seinen Armen ein Trag¬ 
kissen herein, in dem eine Puppe ein¬ 
gebunden ist, tanzt damit einmal im 
Saal herum, kniet vor einem Mädchen 
nieder und überreicht es ihr sorglich, 
diese tanzt wieder herum, und so geht 
es weiter, bis auch die Fremden daran 
waren ö ), ein wohl beabsichtigter, übrigens 
typischer Zug unbefangener Gemein¬ 
schaft. 

Dagegen ist die gesellschaftliche oder 
„Tanzmeisterform“ des „coussin“ ge¬ 
nannten Tanzes die, daß die Dame auf 
einem Stuhl sitzt und ein Kissen vor 
sich hinbreitet, das sie jedoch schalk¬ 
haft zurückzieht außer vor dem, mit 
dem sie tanzen will. Die tanzfremde 
Etikette des Sitzens der Dame läßt 
diese galant höfisch gefärbte Form kaum 
als die ursprüngliche ansehen, neben die 
der Volkstanz als gesunkenes Kulturgut 
zu setzen wäre, wie J. Bloch dies tut fl ). 

E. H. Meyer betonte die wachsende 
Vertraulichkeit der Geschlechter, die einen 
Hauptzug des Kirchweihfestes ausmacht 


Kissen—Kissentanz 



1435 


kitzeln 


1436 


und will letzten Endes im K. eine Aus¬ 
drucksform der Hingabe der Braut an 
den Bräutigam sehen 7 ). Sicher erinnert 
der Mimus an manche Ausdrucksformen 
der Hochzeit, so an das gemeinsame 
Sitzen des Paares bei der slawischen 
Hochzeit auf einem Polster, Kissen, 
Handtuch u. dergl. 8 ). Auch das Spiel 
mit der Puppe (s. d.), die scherzhafte 
Prügelei (s. d.), Verspottung des Letzten 
(s. d.) und Kehraus (s. Besen) sind ja 
aus bedeutsamerem Bereich in die Spiel¬ 
form eingegangen. Hat für die französi- 
sierte Tanzmeisterform, bei der die Dame 
sitzt, das ,,Prangen“ der Braut ein Vor¬ 
bild abgegeben 9 ) ? Tiefere Bedeutung 
wird dem Tanz, seit er beschrieben wurde 
(in Österreich 1819), kaum irgendwo 
zugebilligt; wenn man weitgehen will, 
kann man ihn als Einleitung zu einer 
Bindung entsprechend den Mailehen an- 
sehen. 

*) Pfannenschmid Erntefeste 581 f. 622; 
HessBl. 26, 70 f. 2 ) Geschichte des Tanzes 

1, 195 1= Bavaria 2, 834. 2a ) R. Zoder Alt- 

österreichische Volkstänze (Wien 1922) 22. 

3 ) ZföVk. 2,80; 21,115. 4 ) K. Mautner Alte \ 

Lieder und Weisen (Wien O. J. 1919) 396; 
vgl. E. K. Blüraml Beitr. zur D. Volks¬ 
dichtung (Wien 1908) 48. Das Polsterschwingen 
als alten Zug kennzeichnet der bis 1819 zurück¬ 
zuverfolgende Reim: Obers Kopf und unters 
Kopf / da muaß das Polsterl fliegen / und die 
das Polsterl haben will / die mueß a Busserl 
kriegn. Das deutsche Volkslied (Wien) 22, 
53; ZföVk. 5, 117. 5 ) Meyer Baden 232 f. 

235. 3 ° 4 - 6 ) HessBl. 26, 70 f. 7 ) Meyer Baden 
238. 8 ) ZföVk. Erg.-Bd. 13, 185 f. 9 ) ZfVk. 

NF. 2, 12. Haberlandt. 

kitzeln. Das früher als Liebkosung 
zur Steigerung der geschlechtlichen Er¬ 
regung literarisch oft belegte und geradezu 
mit coire gleichgesetzte x ) K. (vor allem 
in den Achselhöhlen) wird vereinzelt auch 
in der Volksüberlieferung erwähnt: Liebes- 
leidenschaft lasse sich erzeugen durch 
gegenseitiges Indiehändek. 2 ). 

Daß gelegentlich von Hexen und Ko¬ 
bolden erzählt wird 3 ), sie hätten das Vieh 
gekitzelt, schlägt den Bogen zu der mehr¬ 
fach bezeugten Vorschrift, man dürfe ein 
Kind unter einem Jahr nicht k.; es würde 
sonst stottern oder anwachsen, nicht 
gehen lernen 4 ). Der Anlaß für ein solches 
Kitzelverbot mag in der Gewohnheit der 


Anverwandten liegen, durch K. und ähn¬ 
liche Unterhaltungen den kleinen Liebling 
zum Lachen zu bringen und sich von 
seiner ungebrochenen Lebensfreude zu 
überzeugen. So sind denn auch der¬ 
artige Kitzelspiele viel häufiger über¬ 
liefert, z. T. in Verbindung mit Fin¬ 
gerreimen. Man patscht zunächst und 
kitzelt zuletzt die Innenfläche der dar¬ 
gereichten und festgehaltenen Hand 
unter Absprechen von Kitzelversen 5 ), 
z. B.: ,,Daaler, maalder, kööche, kälefje, 
schwänzje, dänzje, dile, dile, dänzje“ 6 ). 
oder: „Hast’n Taler, geh zu Markt, kauf 
dir' ne Kuh, Kälbchen dazu. Das Kälb¬ 
chen hat ein Schwänzchen. Dideldidel- 
dänzchen“ 7 ), oder: ,,Söhlchen, smöhlchen, 
stip in, klapp in, killekillekille“ 8 ), oder: 
,,Koch Grützchen, koch Grützchen, gib 
dem was, gib dem was, und diesem reiß 
den Kopf ab. Killekille wauwau“ 9 ). 
Auch bei dem bekannten Pfänderspiel 
„Mien Vadder hett’ n Swien slacht“ 
kommt der abgewiesene Geldeintreiber 
beim dritten Umgang als Milchmann 
(oder die Händlerin als ,,Kitzel(Knibbel-)- 
maschin“) und kitzelt an den Beinen zu 
dem Spruche: ,,Knips, knaps, knäbelein, 
beiß mir nicht ins Benelein! Lache nicht, 
weine nicht, zeig mir deine Zähne nicht!“, 
und für Lachen oder Zähnezeigen wird 
dann ein Pfand erhoben 10 ). 

Stellt sich der Kitzelreiz ohne eine 
derartige absichtliche Berührung durch 
einen anderen Menschen von selbst ein, 
so wird er gern als Vorzeichen gedeu¬ 
tet. K. in der inneren (rechten) Hand¬ 
fläche weist dann wohl auf Geld) oder 
Händeschütteln (= Besuch) u ) hin, in 
der Nase auf Geschenk 12 ) oder, wie auch 
im Ohr, auf Neuigkeit 13 ). Man spricht 
in solchen Fällen auch von ,,beißen‘‘ (z. B. 
Nase: Kuß, Streit, Zornanfall, Ankunft 
einer Nachricht oder einer geliebten Per¬ 
son 14 ). — Ohr: üble Nachrede 15 ). — 
Auge: (rechts) angenehmer Anblick, 
(links) leidvolles Schauspiel 16 ), oder um¬ 
gekehrt 17 ). — Fußsohle: auf neuen Grund 
kommen 18 ). — Hinterer: gutes Butter¬ 
jahr, oben 4, 68 ) oder von ,,brennen“ 
(z. B. Ohr: jemand denkt an einen 19 )) 
oder meistens von ,,jucken“ (s. d. u. oben 


1437 


Klabautermann 


1438 


» 


3, 601. 1362. 1385), wie schon in einer 
Zürcher Handschrift von 1393: ,,...du 
solt nüt glöben an zöber .. .noch an die 
brawen vn der wangen iucken.. ,“ 20 ). Phy¬ 
siologisch und sprachlich vollzieht sich 
dann in weiteren Beispielen 21 ) ohne we¬ 
sentlichen Bedeutungswandel ein Über¬ 
gang zu dem weissagenden Ohrklingen 
(s. klingen u. oben 3, 1744), Backen¬ 
glühen (s. Wange), Schiunddrücken und 
ähnlichen Empfindungen. 

D DWb. 5, 877 t.; vgl. dort überhaupt ,,k.“ 
und abgeleitete Ausdrücke. Ferner Aigremont 
Fußerotik 29 f. 2 ) Fogel Pennsylvania 375. 
3 ) DWb. 5, 874; oben 3, 1125. 4 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 42. 50; Hillner Siebenbürgen 52. 

5 ) Vgl. Müller Handkitzelverse, in ZfrwVk. 11, 
144. 6 ) Ebd. = Wred e Rhein. Volkskunde 155. 
7 ) Hamburg, mündl. 8 ) Dithmarschen, mündl. 
9 ) Heckscher Hannov. Volksk. 1, 335. 10 ) Ebd. 
202; Hamburg, mündl. n ) Fogel Pennsyl¬ 
vania 101; 103; Urquell 4, 119. 12 ) Spieß 

Fränkisch-Henneberg 151. 13 ) Rosegger Steier¬ 
mark ij (1875), 83; DG. 5, 202. 14 ) Fogel 

Pennsylvania 390. 84; Zimmermann Volks¬ 
heilkunde 25. 15 ) Fogel Pennsylvania 93; tfgl. 

94. ie ) Ebd. 96 f.; Wuttke 218; 17 ) Wuttkc 
218; vgl. Rosegger Steiermark 1 (1875), 83. 
18 ) Fogel Pennsylvania 87. — Oder als Zeichen 
für den Schatzsucher: „Wenn ihm doch auch 
einmal die Sohle kitzelt . . . “ (Goethe Faust 
2, 1). 19 ) Fogel Pennsylvania 93. 20 ) Grimm 

Myth. 3, 411. 21 ) Z. B. Wuttke 218 f.; 

Dähnhardt Volkst. 2, 89. Freudenthal. 

Klabautermann x ), Kalfater- oder Kla- 
battermann 2 ) ist in der Regel ein guter 
Schiffsgeist. Er verrichtet die Arbeit 
für die Mannschaft, bei schlechtem Wetter 
sorgt er, daß das Rechte geschieht 3 ), 
behütet das Schiff vor Schaden. Dafür 
will er sein gutes Essen (ein Schälchen 
Milch) 4 ), ißt am liebsten vom Tisch des 
Kapitäns 5 ). Er neckt und stört die 
Mannschaft, ist rachsüchtig 6 ). Man hört 
ihn fast immer klopfen 7 ), gewöhnlich 
ist er unsichtbar 8 ). Wer aber am 22. 2. 
um Mitternacht geboren ist, kann den 
K. sehen 9 ). Der K. ist ein kleines graues 
(rotes) 10 ) Männchen, kräftig und ge¬ 
drungen. Ein anderer beschreibt ihn 
so: er ist ein kleiner Kerl mit roten Paus¬ 
backen, hellen, gutmütigen Augen, ist 
gekleidet wie ein Matrose und hat einen 
hölzernen Hammer in der rechten Hand 11 ) 
(hat eine ganz feine Hand) 12 ). Er hat 
gelbe, kniehohe Reiterstiefel an, einen 


großen feuerroten Kopf, weißen Bart, 
grüne Zähne und einen spitzen Hut 13 ). 
Er ist ganz nackt 14 ). Nach anderen hat 
er einen greulichen Fischkopf mit langem 
struppigem Haar. Der geöffnete Rachen 
ist blutig mit langen gelben Zähnen, die 
er grinsend fletscht. Die Augen sind 
wie glühende Kohlen und sein Gewand ist 
weiß 15 ). Zeigt er sich, oder hört man ein 
starkes Poltern, so geht das Schiff unter 16 ). 
Auch sonst wird er als unglückmeldender 
Meergeist angesehen, der seinen Spuk mit 
leeren Tonnen treibt. 

Wenn die Mannschaft nichts taugt, ein 
Verbrecher an Bord ist, oder ein Ver¬ 
brechen auf dem Schiff begangen wird, 
verläßt der K. das Schiff. Einige er¬ 
zählen, daß alle Ratten mit ihm gingen, 
denn sie sind seine Kameraden. Verläßt 
er das Schiff, so ist das ein sicheres 17 ) 
Zeichen dafür, daß es von seiner nächsten 
Reise nicht zurückkommt. Einst wollte 
man ein altes Schiff, das stets glücklich 
gereist war, auseinanderschlagen, aber 
es war fest wie Stahl. Als man aber ein 
Kästchen von Bord fortnahm, fiel das 
Schiff von selbst auseinander. In dem 
Kästchen war der K. Es wird auch gesagt 
der K. sei ein Teufelsgeselle, wer ihn an 
Bord habe, sei ein Freimaurer oder habe 
sich dem Teufel ergeben. 

Der K. geht zuweilen auch an Land 
und wohnt dann im Pferdestall. Er 
kommt in das Haus des Kapitäns, oft 
bevor dieser ankommt und rumort auf 
dem Boden. Das bedeutet, daß das Schiff 
bald glücklich in den Hafen kommt. 

Ursprung: Stirbt ein Mensch, dessen 
Bruchschaden durch Durchziehen (s. 2,479) 
durch einen Baum geheilt wurde, so geht 
sein Geist in den Baum über. Wird dieser 
Baum bei einem Schiffsbau verwendet, so 
entsteht aus dem im Holze wohnenden Geist 
ein K. 18 ). Der K. soll die Seele eines un- 
getauft gestorbenen 19 ) (totgeborenen) 20 ) 
Kindes sein. Ist das Kind unter einem 
Baum begraben und der Baum nachher 
als Schiffsbauholz verwendet worden, so 
folgt die Kinderseele dem Schiff als 
Schutzgeist 21 ). Wird das letzte Stück 
Holz am Schiff angebracht, so geht der 
K. darauf 22 ). Er stellt sich oft schon 





1439 


Klage 


Klagevogel 


1442 


beim Bau des Schiffes ein und hilft mit 
kalfatern. Einige sagen, der K. habe 
seine Heimat in wärmeren Gegenden und 
komme von da mit den Schiffen herü¬ 
ber s®). Sticht ein Schiff Montag oder 
Freitag in See, so hat der K. Macht über 
die Mannschaft, und das Schiff wird die 
ganze Fahrt schlechtes Wetter haben 24 ). 
Der Glaube an den K. schwindet mit der 
Abnahme der Segelschiffahrt 25 ) (s. 
Kobold). Vgl. im Allg.: O. Loorits Der 
norddeutsche Klabautermann im Ostbalti¬ 
kum, Sitzber. Gelehrte Estn. Ges. 1929. 


1 ) Fehlt in Lexika und in der Literatur vor 
1820. Das Wort gehört wahrscheinlich zur 
Wortgruppe kalfatern, „ein Schiff ausbessern“, 
ein Seemannswort des mittelländischen Meeres 
umstrittener Herkunft. Kluge EtWb., Grimm 
DWb. stellt K. zu der Wortgruppe klabastern 
„schlagen, klopfen“. Andere Wortformen Zau- 
nert Rheinland 1, 59. 574 f.; Wolf Ndl. 

Sagen 310; Ausführlichster Bericht Heinrich 
Heine Reisebilder (von Norderney) 2 (5. Auf!.), 
24—27; Haas Pomm. Sagen Nr. 47; Greifs - 
wald Nr. 38; Usedom-Wollin 42; Graesse 
Preußen 2 Nr. 479. ParaUelen: Hl. Phokas, 
Radermacher AKw. 7, 445 ff. Altgriechische 
Parallelen Roscher Fünfzig 110. 2 ) Stracker¬ 
jan 1, 485 Nr. 255. 3 ) ZfdMyth. 2, 142; Strak- 
kerjan 1, 485 h Nr. 255; Temme Pommern 
300L 4 ) Kuhn u. Schwartz 15 Nr. 17. 6 ) 

Kleider und Schuhe darf man ihm nicht geben, 
sonst zieht er sofort weg (s. Kobold 8, b) ZfVk. 
4,300. 6 ) Müllenhoff Sagen Nr. 431; Strak- 
kerjan 1, 486 Nr. 255. 7 ) Bartsch Mecklen¬ 

burg 1, 161 Nr. 198. 8 ) ZfVk. 2, 417. °) Urquell 
U 135 - 10 ) Strackerjan i, 487. ll ) Ebd. 

1, 485 Nr. 255. ia ) ZfdMyth. 2, 141. 

13 ) Kuhn u. Schwartz 423 Nr. 222. 
520. 14 ) Ranke Sagen 172. 15 ) K. ist eine 

weiße Gestalt: Urquell 1, 134 f. 16 ) Ebd.; 
Strackerjan 1, 487; ZfVk. 2, 417; 20, 387. 
17 ) Strackerjan 1, 486 f. Nr. 255. 18 ) ZfdMyth. 

2, 141. 19 ) Köhler Voigtland 476. 20 ) Ranke 

Sagen 163. 21 ) Jahn Pommern 104. 108. Vgl. 

Feilberg skibsnisser xoi f. 22 ) ZfdMyth. 2, 
141. 23 ) Strackerjan 1,485^.255. 24 ) Ur¬ 
quell 1, 135. 2S ) Sartori Sitte 2, 161. 

Weiser-Aall. 


Klage, Klagemutter, Wehklage. Un¬ 
heimliche Laute in der nächtlichen Na¬ 
tur, vor allem das Schreien der verschie¬ 
denen Eulenarten, aber auch wohl andrer 
Nachttiere, vielleicht auch der gelegen flieh 
„klagende“ Ton des Windes u. dgl. haben 
die bes. im Osten des deutschen Sprach¬ 
gebietes lebendige. Vorstellung von einem 
durchweg weiblich gedachten Klagewesen 


1440 

geschaffen, das nachts seine bald heulende, 
bald winselnde Stimme ertönen läßt. 
Die Bezeichnungen wechseln: 'Klage' 
gilt in Ober- und Niederösterreich 1 ), 
Tirol 2 ), Kärnten 3 ) und im Allgäu 4 ), 
‘Klagmutter’ (-mütterchen) in Böhmen 
(hier seit 1400 bezeugt) 5 ), Schlesien 6 ), 
Niederösterreich 7 ), im Erzgebirge 8 ), im 
Voigtland 9 ), in der Oberpfalz 10 ) und am 
Oberharz 11 ), ‘Winselmutter’ im Erz¬ 
gebirge 12 ) und im Voigtland 13 ), 'Haule¬ 
mutter' im Harz 14 ), 'Klageweib' in 
Schlesien 15 ), im Voigtland 16 ), am Ober¬ 
harz 17 ) und in Braunschweig 18 ), 'Klin- 
selweib’ in Schlesien 19 ), ‘Wehklage' 
(wendisch boza[za]losc, boze sedlesco 
= Gottes Klage) in der Lausitz 20 ) und 
im Voigtland 21 ), 'Klagweh' in der 
Schweiz 22 ). — Ihr Geschrei gilt überall 
als Vorzeichen (bzw. Warnung) vor Tod 
oder Unglück: „wer es hört, der stirbt“ 23 ); 
‘heult' die Wehklage vor dem Haus, in dem 
ein Kranker liegt, so wirft man ihr ein 
Tuch, das diesem gehört, vor die Tür: 
nimmt sie es mit, so stirbt der Kranke, 
sonst nicht 24 ); man kann das geweis- 
sagte Unglück ablenken, indem man dem 
Klagmütterchen sofort einen Ersatz 
nennt 25 ). — Die Klage bleibt meistens un¬ 
sichtbar; sie „schwebt über das Haus 
weg“ 26 ), ist ein „sehr imheimlicher 
Vogel“ 27 ); wo sie gesehen wurde, er¬ 
schien sie entweder als unförmliche 
schwarze Gestalt 28 ), als sich wälzender, 
wirrer Knäuel 29 ), in Linnen gehüllt, 
so hoch wie ein Kirchturm, mit glüen 
Augen 30 ), oder in Tiergestalt: als Kalb 
mit roten Augen 31 ), als Schaf (das, ge¬ 
neckt, zu Riesengröße schwillt) 32 ); die 
wendische boze sedlesco erscheint als 
weißes Kind oder weiße Henne zz ). In 
Deutschböhmen heißt die große Raupe 
des Totenkopf Schwärmers, die wie der 
Schmetterling selber gleichsam klagende 
Töne von sich zu geben versteht, „Klag¬ 
mutter“, im Böhmerwald die Raupe des 
Bärenspinners „Klagmutter“ oder „Bär¬ 
mutter“ 34 ). — Eine weitergehende my¬ 
thische Einordnung fehlt im allg.: in 
Österreich ist die Klage die Seele eines Ver¬ 
storbenen 35 ), in Sachsen die Seele einer 
unglücklichen Mutter, die ihren ertrunke- 



1441 

nen Sohn sucht 36 ), im Allgäu ein mitter¬ 
nächtlicher Zug von Klagefrauen oder 
sargtragenden Männern 37 ), in Kärnten 
und in der Schweiz gehört sie zum wilden 
Heer 38 ), im Fichtelgebirge ist das Klag¬ 
mütterlein ein Waldweibchen 39 ). Da¬ 
gegen ist Pröhles Gleichsetzung der Haule¬ 
mutter im Harz mit Frau Holle anschei¬ 
nend nicht volkstümlich 40 ). 

Verwandte Vorstellungen sind z. B. 
die schreiende Jungfrau vom Vogelsberg 
(im Hannoverschen) 41 ), das schreiende 
Kind bei Frankenheim 42 ), das klagende 
Mühlfräulein bei Dischingen in Schwaben 43 ), 
die weinenden Hojemannln am Lechrain 44 ), 
das schweizerische Huri, Hauri (= Nacht¬ 
eule) 45 ), das ebenfalls schweizerische 
„Haldengeschrei“ 46 ) und vor allem die 
braunschweigische Tut ursel, Tutosei 
(Eule), die Hackelbergs wilder Jagd vor¬ 
auffliegt und (scherzhaft ?) für die Seele 
einer unmusikalischen Nonne erklärt 
wird 47 ). — Daß der Eulenruf (wie im 
griechisch-römischen Altertum) auch auf 
deutschem Boden schon in sehr alter Zeit 
weiblichen Walddämonen zugeschrieben 
wurde, darauf deutet die Glossierung der 
ululae aus Jes. 13, 22 durch wildiu wip 
(vel man) und holz muowun im 9. und 

10. Jh. 48 ). 

l ) Hmtg. 1,304 t.; Vernaleken Mythen 105 
Nr. 28; Landsteiner Niederösterreich 25. 
-) ZfdMyth. i. 236 Nr. 14. 3 ) Gräber Kärnten 
90 Nr. jio. 4 ) Reiser Allgäu 1, 416 Nr. 503. 
& ) D. Ackermann aus Böhmen ed. A. Bernt u. 
K. Bu rdach (1917) cap. 25, i8u. Anm.; Groh- 
mann 6 Nr. 31; Kühnau Sagen 2, 62 f. Nr. 
728; John Weslböhmen 164; Rank Böhmer¬ 
wald 1, 159t. c ) Kühnau Sagen 2, 60 f. Nr. 
724. 725; Drechsler 2, 163. 7 ) Vernaleken 

Mythen 234. 8 ) J ohn Erzgebirge 113. 9 ) Köhler 
Voigtland 478 f. Nr. 54. 55; Eisei Voigtland 124 
Nr. 319; Meiche Sagen 49 Nr. 42; 118 Nr. 152; 
Panzer Beitrag 2, 69. in Nr. 174. 10 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 266 f. X1 ) Grimm Myth. 2, 
950. 12 ) John Erzgebirge 113. 13 ) Köhler 

Voigtland 478 Nr. 53; Eisei Voigtland 124 
Nr. 319; Panzer Beitrag 2, in Nr. 174; 
Meiche Sagen 47 Nr. 38; 108 Nr. 142. 14 ) H ar- 
rys Nieders. Sagen 2 Nr. 6; Pröhle Harz 
Nr. 143, 1. 190, 1. 15 ) Kühnau Sagen 2, 54 

Nr. 715; Drechsler 1, 285. 16 ) Köhler 
Voigtland 478 f. Nr. 54 f. 17 ) Grimm 

Myth. 2, 950. % 18 ) And ree Braunschweig 

379; Grässe Preußen 2, 874. 19 ) Drechsler 1, 
285. 20 ) Kühnau Sagen 2, 46 f. Nr. 706 a u. b 
(= Haupt Lausitz 1 Nr. 62 — Haupt u. 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV 


Schmaler 2, 269); Meiche Sagen 118 Nr. 152 
(= Grässe Preußen 1 Nr. 568); vgl. ZfdMyth. 3, 
114 Nr. 22. 21 ) Eisei Voigtland 248 Nr. 617; 

Lammert 107. 22 ) KuoniS/.Gfl/kr Sagen 27 f. 
23 ) ZfdMyth. 1, 236 Nr. 14. 24 ) Köhler Voigt¬ 
land 478 Nr. 53 Anm. {= Grässe Preußen 1 
Nr. 568 = Meiche Sagen Nr. 152). 2S ) Peter 
Österreichisch-Schlesien 2, 22 f. (= Kühnau 

Sagen 2 Nr. 724). 26 ) And ree Braunschweig 

379. 27 ) ZfdMyth. 1, 236 Nr. 19. 28 ) Köhler 
Voigtland 478 Nr. 54. 2S ) Ebd. Nr. 53; Lammert 
107; Vernaleken Mythen 105 Nr. 28 a; 
Schmeller BayWb. 1328; vgl. auch Meiche 
Sagen Nr. 42. 30 ) And ree Braunschweig 379, 

vgl. Grässe Preußen 2, 874. 31 ) Meiche 
Sagen Nr. 38. 32 ) Ebd. Nr. 42. 33 ) ZfdMyth. 3, 
114 Nr. 22 (= Grimm Myth. 2, 950 = Haupt 
Lausitz 1 Nr. 62 = Meiche Sagen Nr. 293 
— Kühnau Sagen 2 Nr. 706 b). M ) Der Acker¬ 
mann aus Böhmen ed. Bernt u. Burdach 
202 u. Anm. u. S. 324. 36 ) Vernaleken 

Mythen 105 Nr. 28 b; Hmtg. 1, 304 f. 36 ) Grässe 
Preußen I Nr. 530 (= Meiche Sagen Nr. 142). 
37 ) Reiser Allgäu 1 Nr. 503. 38 ) Gräber 

Kärnten 90 Nr. no; Kuoni St. Galler Sagen 
27 t. 39 ) Panzer Beitrag 2, 69. 40 ) Pröhle 

Harz Nr. 143, 1 u. 190, 1, vgl. auch Grimm 
Myth. 3, 88; dagegen Waschnitius Perht 115. 
41 ) Schambach u. Müller Nr. 10, 5. 106, 1 
u. 2 u. Anm. 128. 42 ) Wucke Werra Nr. 374. 

43 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 257 Nr. 263. 

44 ) Leoprechting Lechrain 33. 45 ) Schweiz- 

Id. 2, 1582. 1519 f. 4Ö ) Kuoni St. Goller Sagen 
116. 47 ) Grimm Sagen 220 Nr. 311 (aus Oth- 
mar Harzsagen 141 = Grimm Myth. 2, 769); 
Pröhle Harz Nr. 110; vgl. auch Laistner 
Sphinx 2, 303 f. 306 f. 48 ) Graff Althd. Sprach¬ 
schatz 1, 652; 2, 604 = Steinmeyer Ahd. 
Glossen i, 602, 16. 589, 28. Ranke. 


KlagevogeL „Ulula heißt ein K., weil 
er, wie Isidorus (Etym. 1 . XII, c. 
VII, 38) sagt, beim Rufen und Schreien 
sich so hat, als ob er weine und klage. 
Seine Stimme bedeutet Unglück, sein 
Schweigen dagegen Glück. So behaupten 
die Vogeldeuter, die lateinisch Augures 
heißen. Das sind Leute, die aus dem 
Zwitschern und Singen der Vögel die 
Zukunft Vorhersagen zu können be¬ 
haupten. Ihre Prophezeiung ist aber oft 
falsch und verfehlt. Wie dieser Vogel 
sind die strengen Rüger, die bei anderen 
Leuten keinen Scherz oder irgend eine 
That zum Guten kehren, sondern alle¬ 
zeit von der schlimmsten Seite auf¬ 
nehmen“ J ). 

Adelung 2 ) verzeichnet die Synonyma 
Klagefrau, Klagemutter; in Lexers 
Mhd. Wb. Nachtrag 3 ) wird klage- 

46 





1443 


Klapper—Klatschmohn 


1444 


muoter nach einer Quelle des 15. Jhs. 
zitiert. Wahrscheinlich ist auch der 
luxemburgische Name Echel aus ach 
zu deuten 4 ). 

*) Megenbcrg Buch d. Natur 189. 2 ) Ver¬ 

such e. XVörterb. 2 (1775). 1600. 3 ) Mhd. Handw. 

3 - 2 73 - 4 ) Suolahti Vogelnamen 321. 

Hoffmann-Krayer. 

Klapper. Altertümliches Lärmgerät 1 ), 
das früher neben kultischen mancherlei 
profanen Zwecken diente 2 ), gegenwärtig 
nur noch als Kinderspielzeug 3 ) und an 
den drei letzten Tagen der Karwoche an 
Stelle der Glocken Verwendung findet, i 
s. a. Ratsche; sie dürfte aus Osteuropa 
nach Deutschland gekommen sein 4 ). Dem 
Gebrauch der K. lag die alte Vorstellung ' 
von der apotropäischen Macht des Lärms 
(s. d.) zugrunde 3 ); vgl. a. Glocke, Horn, 
Schelle, Trompete. Über K.prozessionen 
zu Ehren eines Heiligenbildes berichtet 
J. R. Bünker aus Kärnten 6 )- Kindern 

soll man keine K. kaufen noch schenken 
lassen, sie lernen sonst langsam und schwer 
reden 7 ). 

M Beschrieben, abgebildet und verschie¬ 
dene Bezeichnungen: ZfVk. 20, 257 ff.; 12, 
2X 4 * x 3 . 43 b f.; DG. 14, 134; MsehlcsVk. 11 
Ü 9 ° 4 ). 73 B ; SAfVk. 3. 56. 151; Strackerjan 
2, 09; Schramek Itohmerwald 144. 2 ) ZfVk. 20, 
263 (mit Nachweisungen); 13,436. 438; SAfVk. 
3,30. 3 ) Andree/W/f/f« 2, 86. 4 ) Manninen 
m der WZfVk. 35. 141 ff.; vgl. ZfVk. 13, 438. 

5 ) Meyer Baden 53; ZfVk. 13, 437 f., hier auch 
als Mittel zur Herausforderung genannt (Salz¬ 
burg); Andree-Kysn Volkskundliches 140; 
Fontaine Luxemburg 37; Selig mann Blick 
2. 272 f. 6 ) Mitt. d. Anthrop. Ges. Wien, 
Wien 31, SitzBer. 119; vgl. ZfVk. 20, 262. 

7 ) üriinni Myth. 3, 433 Nr. 12. 

Zur Literatur: R And ree Ratschen, Klap¬ 
pern und das I er stummen der Karfreitags¬ 
glocken inderZfVk. 20, 230fr.; Pauly-Wissowa 
Art. ,,I\rotalon . Perkmann. 

Klara hl. 

1. Schülerin des h. Franz von Assisi, 
Stifterin des Klarissenordens, gest. 1253, 
schon 1255 heilig gesprochen *). In 
Frankreich sind K.quellen gut für die 
Augen 2 ). In der Bretagne nennt man 
das St. Elmsfeuer Feu sainte Claire, weil 
man die Heilige bei seinem Erscheinen 
anzurufen pflegte 3 ). Im katalanischen 
Kinderliede erscheint sie als Verscheu- 
cherin der Wolken 4 ). Alle diese Be¬ 


ziehungen sind wohl durch ihren Namen 
hervorgerufen worden. 

l ) Künstle Ikonographie 163. *) Sebillot 

Folk-Lore 2, 269; 3, 413. K. wird auch gegen 
Lisensplitter im Auge angerufen: ZfVk. 24, 
158. 3 ) Sebillot Legendes de la mer 2, 89 f.; 

ders. Folk-Lore 1, 118. 4 ) Mannhardt German. 
Myth. 395. 422. 664. 

2. Klara v. Montefalco s. Marter- 
I Werkzeuge Christi. 

3. Eine Nonne im Augustinerkloster 
bei Kreuzburg a. Werra, die dort (seit 
I 343) gegen Überschwemmungen an¬ 
gerufen wird 5 ). 

5 ) Witzschel Thüringen 2, 40 (38). Sartori. 

Klarinette. Die K. spielt in der deut¬ 
schen Volksmusik eine zu kurze Rolle, 
als daß sich die Volksphantasie eingehen¬ 
der mit ihr hatte beschäftigen können. 
So ist nur weniges anzuführen. Ein 
Schäfer, der die K. blies, als eben das 
Muotesheer vorüberzog, wurde von diesem 
mitgenommen als Musikant*). In der 
Walpurgisnacht wird den Hexen auf 
der K. aufgespielt; das Instrument er¬ 
weist sich später als ein langer, schmutziger 
Knochen 2 ); auch will ein Jäger einst 
eine tanzende Hexengesellschaft in einer 
Almhütte beobachtet haben, welcher eine 
riesengroße schwarze Katze aufspielte, 
indem sie ihren langen Schwanz im Maul 
hielt und darauf wie auf einer K. blies 3 ). 
Eine österreichische Sage berichtet von 
einem Zauberer, der aus zwei Holz¬ 
prügeln unter vielem Murmeln zwei 
schöne Klarinetten herstellte 4 ). 

*) Meier Schwaben 1, 132. 2 ) Wucke Werra 2 
271. 3 ) Wagner Pinzgauer Sagen 121. 4 )Kuth- 
inayer Österreichische Sagen 32; Caliiano 
Niederösterr. Sagen 3, 132. Seemann. 

Klatschmohn (Feldmohn, Klatschrose; 
Papaver rhoeas). 1. Botanisches. Häu¬ 
figes Ackerunkraut mit vier scharlach¬ 
roten, am Grunde schwarzgefleckten 
Kronblättem. Die Frucht ist eine mehr¬ 
fächerige, viele Samen enthaltende Kap¬ 
sel. Nah verwandt mit dem K. ist der 
ebenfalls in Äckern als Unkraut wach¬ 
sende Saat-Mohn (P. dubium) x ). 

x ) Mar zell Kräuterbuch 369 f. 

2. Schon in der Antike «diente der K. 
im Liebesorakel. Es wurde auf die 
Kronblätter geschlagen; den stärkeren oder 


1445 


Klaubauf—Klebkraut 


1446 


schwächeren Knall sah man als mehr oder 
weniger günstiges Zeichen für die Gegen¬ 
liebe an 2 ). Das gleiche Orakel ist noch 
in Lothringen bekannt 3 ). Im Anhaiti¬ 
schen legt der Bursche ein Kronblatt des 
K.s hohl zusammen in die linke Hand 
und schlägt mit der rechten drauf. Knallt 
es recht, so sagt man: ,,Das gibt wieder 
einen Kuß“. Doch erscheinen auch noch 
stärkere erotische Deutungen 4 ). 

2 ) Theokrit Idyllen 3, 29; vgl. Murr Pflan¬ 
zenwelt 185. 3 ) Memoir. de l’Academie de Metz. 
3. ser. 35 (1905 06). 127. 4 ) Wirth Beiträge 

6/7, 12. 

3. Vor Blitzschlag schützt man sich 
durch die an der Sommersonnenwende 
gepflückten ,,Hansblumen“ (Johannis¬ 
blumen), zu denen auch der K. gehört. In 
Wallonien heißt es, daß der Blitz ein¬ 
schlägt, wenn man K. abpflückt, auch 
legt man dort den K. (,,fleur du töni“ = 
Donnerblume) als Schutz gegen Blitz¬ 
schlag unter das Dach 5 ). In manchen 
Gegenden Bayerns gilt der K. als blitz¬ 
anziehend 6 ), ebenso hüten sich in England 
(Eastem Borders) die Kinder, bei einem 
Gewitter K. zu pflücken, denn sie glauben, 
daß, wenn beim Abpflücken die Kron¬ 
blätter abfallen, dies den Blitz anzieht 7 ). 
Wahrscheinlich ist es die rote Farbe 
(Feuer ! Blitz !) der Blüten, die zu der 
Verbindung K.—Blitz Veranlassung gab. 

5 ) Sebillot Folk-Lore 3, 471 f. 6 ) Marzell 
Bayer. Volksbotanik 133. 7 ) Bartels Pflanzen 15. 

4. In Westfalen hieß der K. im 18. Jh. 
Fallblomen, „weil die Landleute glaubten, 
daß Kinder, die mit diesen Blumen zur 
Erde fielen, die Epilepsie bekämen“ 8 ). 
Diese Erklärung scheint nur eine ad hoc 
gemachte. Der K. fand wohl gegen Fall¬ 
sucht Verwendung 9 ). In Nordwest- 
deutschland hieß der K. auch „Anstoots- 
blome“, weil er als Mittel gegen „Anstoß“ 
(epileptiforme Krämpfe) der Kinder ge¬ 
braucht wurde 10 ). 

8 ) Weddigen Histor.-geogr.-stat. Beschreibung 
d. Grafschaft Ravensburg in Westfalen 2 (1790), 
289. 9 ) Vgl. dagegen Hofier Krankheitsnamen 
119. 10 ) Abhand. Naturw. Ver. Bremen 5 (1877), 
439. Marzell. 

Klaubauf. Der K. begleitet in Bayern 
und Österreich den am Nikolaustag um¬ 
ziehenden Heiligen in fratzenhafter Teu¬ 
felsmaske und mit einem mächtigen Sack, 


in den er die faulen und ungehorsamen 
Kinder „aufklaubt“ *). Er wird auch als 
(dem Teufel verwandter) Dämon in Fels¬ 
schluchten hausend gedacht, von wo er 
die bösen Kinder auf Anruf holt und 
„frißt“ 2 ). — In Schwaben hat man aus 
seinem Namen einen zwergartigen Geist 
der Obstgärten geschahen, der dort „das 
Obst auf klaubt“ und Kindern „aufhockt“, 
wenn sie allein hinausgehen 3 ). Vgl. auch 
Kinderschreck. 

1 ) Grimm Myth. 1, 426; Schmeller BWb. 1, 
1321; Bavaria 1, 326. 386; Lcoprechtmg 
Lechrain 203 (6); Alpenburg Tirol hoff.; 

ZfVk. 9 (1899), 257. 2 ) Alpenburg Alpen¬ 

sagen Nr. 209; Zingerle Tirol 75; ders. Sagen 
Nr. 662. 3 ) Birlinger Volkslhüml. 1, 57 Nr. 73. 

Ranke. 

Klaue. Abschabsei (s. d.) von der 
K. eines an Schwinden (s. d.) leiden¬ 
den Tieres hilft ihm gegen diese Krank¬ 
heit l ). Wenn einer das „Wasser nicht 
heben“ kann, „so nimm K.n von einem 
Bock, brenne zu Pulver, gibs dem 
Betreffenden im Trank zu trinken“ 2 ). 
„Wechlawe“ heißen k.nartige Auswüchse 
oberhalb der Pfoten eines Hundes, 
die dem Hause, in dem ein solcher 
Hund gehalten wird, Schutz gegen böse 
Mächte gewähren. Solche Hunde können 
auch Gespenster sehen 3 ). 

l ) Vonbun Beiträge 126 Anm. 2 ) Höhn 
Volksheilkunde 1, 116. 3 ) Schwcizld. 3, 706. 

Über Klauen in Gräbern und im Totenkult s. 
Mannhardt Gmn. Myth. 336 ff., s. a. Kralle. 

Bächtold-Stäubii. 

Klaus s. Nikolaus. 

Klebkraut (Kleber, Kleb-Labkraut; 
Galium aparine). 1. Botanisches. Lab¬ 
kraut mit schlaffem, an Zäunen und im 
Gebüsch emporklettemdem Stengel, wo er 
sich mit rückwärts gerichteten Borsten 
festhält (daher K.). Die Blätter sind 
lanzettlich und stehen in 6- bis 8zähligen 
Wirteln beisammen. Die Blüten sind 
klein, weiß und sternförmig mit vier- 
spaltigem Saum. Das K. ist überall an 
Zäunen, Wegen, im Gebüschusw. häufig *). 

x ) Marzell Kräuterbuch 331. 

2. Das K. wird im Liebeszauber an 
Johanni gebraucht. In der Mitternachts¬ 
stunde soll das Mädchen einen Kranz 
von K. („Kleber“) winden, während es 




1447 


Klee 


1448 


dreimal um das Haus läuft und dabei 
spricht: 

Klebekranz, ich winde dich, 

Schätzchen, ich empfinde dich. 

Wenn du willst der Meine sein. 

Komm vor meinen Augenschein. 

Dann erscheint der Zukünftige. Hat das 
Mädchen nach dem dritten Umlauf den 
Kranz nicht fertig, so wird es krank 2 ). Nach 
einer Mitteilung aus neuester Zeit 3 ) lautet 
der Spruch beim Kranzdrehen (Kr. Ost* 
sternberg, Prov. Brandenburg): 

Klebkraut, ich winde dich, 
Feinsliebchen, finde dich 
Heute nacht um 12 vor meinem Bett! 

In Katharinenberg (Böhmen) flechten die 
Mädchen Kränze aus K., halten diese 
vor die Augen, sehen hindurch ins (Jo- I 
hannis-) Feuer und sprechen 

Johannisfeuer guck, guck! i 

Stärk mir meine Augen ' 

Stärk mir meine Augenlider 
Daß ich dich aufs Jahr seh wieder. f 

Wer das dreimal sagt, bekommt während 
des Jahres keine Augenschmerzen 4 ). j 
Möglicherweise liegt hier jedoch eine Ver¬ 
wechslung mit dem Rittersporn (s. d.) 
vor. Auch bei den Bulgaren spielt eine 
Labkraut-Art im Johanniszauber eine 
Rolle *). 

c ) ZfVk. 1, iSi, vgl. auch Knuchel Um¬ 
wandlung 32 (hier steht fälschlich „Salicum“ 
für „Galium“). 3 )Originalmitteil. von Tempel 
I 9 2 5 * 4 ) Heinsberg Böhmen 310; ders. Fest- 

Jahr 2 237. 5 ) Strauß Die Bulgaren 1898, 386. 

Marzeil. 

Klee (Trifolium-Arten). 1. Botani¬ 
sches. Schmetterlingsblütler (Papiliona- 
ceen) mit (normalerweise) dreizähligen 
Blättern und kopfigen oder ährenförmigen 
Blütenständen. Von den zahlreichen in 
Mitteleuropa vorkommenden Arten ist 
am bekanntesten der rotblühende Wiesen- 
K. (Rotk.; Tr. pratense) und der wei߬ 
blühende Stein-K. (Weiß-K.; Tr. repens). 
Beide Arten sind häufig auf Wiesen, 
Triften usw. Im Großen wird der Wiesen - 
K. in Deutschland etv^a seit Mitte des 
18. Jahrhunderts angebaut 4 ). Es ist 
jedoch ganz unrichtig, wenn manche 
Volkskundeforscher, wie z. B. R. An- 
dree 2 ) oder John 3 ), daher den an den 
vierblättrigen Klee sich knüpfenden Aber¬ 
glauben als verhältnismäßig „jung“ be¬ 
zeichnen; denn die wildwachsenden For¬ 


men des K.s sind ja schon seit Jahr¬ 
tausenden bei uns heimisch. Übrigens 
werden K.wiesen schon um 1350 bei Bam¬ 
berg erwähnt, doch handelt es sich hier 
nicht um einen eigentlichen Anbau, son¬ 
dern nur um Begünstigung des natür¬ 
lichen K.s 4 ). Im Aberglauben spielen vor 
allem die mehr als dreizähligen K.blätter 
! eine Rolle, besonders der „vierblättrige“ 
K. Über diese „Polyphyllie“ des K.s, 
es kommen 10—12-zählige 5 ) Blätter vor, 
sind auch von botanischer Seite vielfach 
Untersuchungen angestellt worden 6 ). 

! ) Marzeil Kräuterbuch 232 f. 247. 2 ) An¬ 

dre e Braunschweig 402. 3 ) John Erzgebirge 248. 

Hausrath Pßanzengeogr. IVandl. d. deutsch. 
Landschaft 1911, 200. 5 ) Der Tiroler Glaube, 

daß es K. mit Blättern „bis zur Zahl der Apostel“ 
geben soll (ZfVk. 8, 254) ist also richtig ! 6 ) Hegi 
III. Flora v. Mittel-Europa 4, 1335. 

2. Ein vierblättriges K.blatt gilt 
im deutschen Sprachgebiet allgemein als 
glückbringend 7 ) ebenso bei den Süd¬ 
slaven 8 ), in Italien 0 ), in Frankreich 10 ), 
bei den Rumänen 11 ), den Magyaren 12 ), in 
den Ver. Staaten v. Amerika 13 ). Bekannt¬ 
lich sieht man das vierblättrige K.blatt 
daher oft auf Glückwunschkarten als sym¬ 
bolische Verzierung usw. 14 ). Der Grund 
! für diesen Glauben ist wohl darin zu 
suchen, daß ein solches Blatt verhältnis¬ 
mäßig selten ist und daß es (die alles 
Böse abwehrende) Kreuzesform besitzt 15 ). 
Möglicherweise war diese Form, wie man 
aus alten Ornamenten schließen kann, 
schon in der heidnischen Zeit ein Apo- 
tropäum 16 ). Der Aberglaube ist offenbar 
sehr alt. „Welcher ein K.blatt mit vier 
Blettem findet, der sol das in wirden 
halten, sol sein Lebenlang glückselig und 
reich sein“ 17 ). 1662 erschien im Druck 
ein langes lateinisches Gedicht von dem 
bekannten Polyhistor Joh. Praeto- 
rius 18 ). Wie der in den Schuh gelegte 
Vierk. dort vergeht und sich auflöst, 
kommt das Glück 19 ). Im besonderen 
bringt der „Vierk.“ Glück im Spiel, 
in der Lotterie 20 ), bei der Verlosung 21 ). 
Nach einem alten (16./17. Jh.) Rezept soll 
Hummelwachs und ein vierblättriges 
K.blatt in einen Beutel aus Maulwurfs- 
haut gesteckt Glück im Spiel bringen 22 ). 
Vor einer Reise ein vierblättriges K.blatt 


1449 


Klee 


1450 


in die Schuhe gelegt, schützt nicht nur 
vor Müdigkeit, sondern bietet auch Ge¬ 
währ für einen glücklichen Verlauf der¬ 
selben 23 ), in die Kleider eingenäht, schützt 
es vor Unglück auf dem Weg 21 ). 

7 ) Vgl. z. B. Stoll Zauberglauben 67. 135; 
Manz Sargans 118; Urquell 1, 64; Knorrn 
Pommern 145; And ree Braunschweig 402; 
Meier Schwaben 252; Schönwerth Oberpfalz 

1, 412. 8 ) Krauß Sitte u. Brauch 171. 

9 ) ATrp. 18, 126. l0 ) Rolland Flore pop. 4, 

146. ll ) ZföVk. 3, 184. 12 ) Urquell 5. l8 9 - 

”) JAmFl. 2, 148. 14 ) Stoll Zauberglaube 135; 
vgl. Kronfeld Krieg 68. 15 ) Seligmann 

Blick 2, 69. 16 ) SAVk. 25, 85. 17 ) Der alten 

Weiber Philosophy 1571 in Festschr. d. german. 
Vereins in Breslau 1902, 60; ebenso Rocken¬ 
philosophie 2 (1707), 216; 15. Jh.: Sebillot 

Folk-Lore 3, 313 18 ) Refutatae superstitiones 

aniles de Tetraphyllo seu Cytiso quadrifoliaceo 
hoc est, Klee Blädlein mit per Spitzen. Auc- 
tore Johanne Praetorio... 1654, in Prae- 
torius Phil. 45—62; vgl. auch Allgem. Deutsche 
Biogr. 26, 521. 19 ) ZfrwVk. 2, 206. 20 ) Prae- 

torius Phil. 44; Schneller Wälschtirol 247; 
Schramek Böhmerwald 247; Drechsler 

2, 44. 211; ZfVk. 12, 176 (Lusern); Wolff 

Scrutinium amuletor. med. 1690, 242; Fogel 
Pennsylvania 80; auch in Frankreich: Rolland 
Flore pop. 4. 147. 21 ) ZfVk. 8, 254. 2 -) ZfdMyth. 

3, 329. 23 ) Manz Sargans 53. 2i ) Schönwerth 

Oberpfalz 1, 412. 

3. Sehr häufig findet der Vierk. Ver¬ 
wendung im Liebeszauber. Man legt 
ihn in den Schuh der Person, die man ge¬ 
winnen will 25 ). Ein Mädchen, das einen 
Vierk. (bzw. Zweik.) in den Schuh 
legt oder sonst bei sich hat, kann den 
Vornamen, des Zukünftigen erfahren. Wie 
der erste ihr begegnende Mann mit Vor¬ 
namenheißt, so wird auch der,,Zukünftige“ 
heißen 26 ). Unter das Kopfkissen gelegt 
sieht man im Traum den Geliebten 27 ). 
Wenn sich einer eine Geliebte erringen will, 
sie ihn aber nicht will, dann muß man ihr 
an Ostern, ohne daß sie es merkt, ein vier- 
blättriges K.blatt in die Tasche stecken, 
sie wird dann dem Burschen mehr zu¬ 
getan sein (Oberfranken) 28 ). Wer „un- 
verdanks“ einen Vierk. findet, heiratet 
bald 29 ). Wer einen Zweik. findet und 
ihn am Sonnwendabend beim Beginn des 
Feierabendläutens pflückt, soll noch in 
diesem Jahr eine Braut erhalten 30 ). Man 
soll den K. schlucken und dabei an den 
Liebhaber denken, dann kriegt man ihn 31 ). 
Ein Vierk., bei der Ernte gefunden, be¬ 


deutet reichen Kindersegen (Nassau im 
17* Jh.) 32 )* Fünfblättriger K. bedeutet 
Ehesegen 33 ). Auch anderwärts dient der 
Vierk. im Liebeszauber, so bei den Süd¬ 
slaven 34 ), in Norddalmatien 35 ), in Bos¬ 
nien 36 ), bei den Griechen 37 ), bei den 
Polen (in Posen) 38 ), in Frankreich 38 ), in 
den Vereinigten Staaten von Amerika 40 ). 

25 ) Pollinger Landshut 247; Schönwerth 
Oberpfalz 1, 126; Grohmann 92. 26 ) Treichel 
Westpreußen VII, 588; Meier Schwaben 252; 
SAVk. 7, 132; Dyer Plants 92, ähnlich auch 
in Amerika: Bergen Superstitions 43 (hier 
wird auch der zwei blättrige K. genannt). 
27 ) John Westböhmen 256. 23 ) Aus dem Archiv 
des Ver. f. bayer. Volkskde. München. Aul¬ 
gezeichnet 1909. 29 ) Schön werth Oberpfalz 1, 
146, ebenso in Frankreich (der K. muß um 
Mitternacht gesammelt sein): Sebillot Folk- 
Lore 3, 513. 30 ) ZfdMyth. 2, 422 = Zingerle 

Tirol 1857, 66. 31 ) Fogel Pennsylvania 59. 

32 ) Zf. Kulturgesch. 3 (1896). 224. 33 ) Peter 

Österreichisch - Schlesien 2, 256. 31 ) Krauß 

Slav. Volkforschung 168; ders. Sitte u. Brauch 
171. 3S ) Anthropophyteia 5, 248. 36 ) WissMitt- 

BosnHerc. 4. 479 - 37 ) Dossios Abergt, b. d. 

heutigen Griechen 2 1884, 18. 33 ) Veckenstedts 

Zs. 3, 148. 39 ) Sebillot Folk-Lore 3, 488; 

Rolland Flore pop. 4, 147. 40 ) Bergen 

Superstitions 43; Fogel Pennsylvania 59- 

4. Häufig sind Vorschriften, nach denen 
der glückbringende bzw. zu zauberischen 
Zwecken dienende Vierk. unter be¬ 
stimmten Umständen usw. ge¬ 
pflückt werden muß oder nur nach einer 
gewissen „Vorbehandlung“ wirksam ist. 
Sehr oft heißt es ausdrücklich, daß erun- 
gesucht gefunden werden muß 41 ); er 
muß zwischen Wagengeleisen gefunden 
werden l2 ), der K. wirkt nur, wenn er ver¬ 
schenkt wird 423 ), er muß an Johanni 43 ), 
am St. Georgstag 44 ), während des Ave- 
Maria-Läutens 45 ), um Mitternacht 46 ), 
gepflückt werden. Er darf nicht mit der 
bloßen Hand berührt werden 47 ), muß 
mit den Zähnen abgerissen werden 48 ), 
oder muß mit dem „Hemdstock“ ge¬ 
pflückt werden 49 ). Alt ist die Vorschrift, 
daß über den Vierk. eine Messe gelesen 
werden muß, daher wird er unter das 
Altartuch usw. ohne Wissen des Priesters 
gesteckt 50 ) usw. So sagt schon im 
16. Jh. Thurneysser 51 ): 

Der last Mess lesen vbern Klee 

Der hat vier bletter vnd nit me. 

Auch Praetorius 52 ) schreibt: „Im Pabst- 





1451 


Klee 


1452 


tum seind lauter Aberglauben als zum 
Exempel ein K.blatt mit vier Blättlein, 
darüber etliche Messen gehalten, soll gut 
sein für Hauen und Stechen" 53 ). In einem 
Egerer Gerichtsprotokoll v. J. 1679 heißt 
es: „Item, wenn man einen viereckhigten 
K. findet, so solle man selben unter 
daß Altartuch legen und drey Messen 
darüber lesen lassen und hernach unter 
der rechten Achsel tragen“ 54 ). Wird vier- 
blättriger K. unter das Altartuch gelegt, 
und werden mehrere Messen darüber ge¬ 
lesen, dann ist er fast zu allem gut. Nur 
kann der Priester, wenn ein solcher K. 
auf dem Altar liegt, beim Messelesen 
schier nicht mehr weiter, er wird ganz ver¬ 
wirrt 65 ). Auch ins Meßbuch wird der K. 
gelegt 56 ). In Friaul wird der im Liebes¬ 
zauber dienende K. unter das Altartuch 
gelegt, und man läßt neunmal die Messe 
darüber lesen 57 ), ähnlich in den Vogesen, 
in Wallonien und bei den Albanesen, wo 
der K. in das Ziborium zu den Hostien ge¬ 
legt wird 58 ). Den vierblättrigen K. legt 
man so, daß er nicht bemerkt wird, zu 
den Sachen, welche auf Maria Lichtmeß 
oder an Ostern in der Kirche geweiht 
werden, und nach der Weihe gibt man ihn 
in ein Gebetbuch (Niederösterreich) 59 ). 
Ab und zu heißt es auch, daß, wer einen 
Vierk. sieht, Glück hat, man soll ihn 
aber nicht pflücken, denn „selig das 
Auge, das ihn sieht, verflucht die Hand, 
die ihn bricht" 60 ). 

41 ) Z. B. Urquell 1, 64; Pfister Hessen 167; 
Wolff Scrutintum amuletor. medicum 1690, 242; 
auch auf den Hebriden: FL. 13, 53. 42 ) Panzer 
Beitrag 2. 304. 42 -i) J ohn Erzgebirge 248. 43 ) Zin- 
gerle Tirol 1857, 66; ebenso in Frankreich: 
Frazer Balder 2 (1913), *>3- 44 ) Grohmann 92. 
45 ) ebd. 92. 4ti ) Laube Teplitz 51; John 
Westböhmen 229. 48 ) Schramek Böhmerwald 

247; auch in der Basse-Bretagne: Sebillot 
T'olk-Lorc 3, 480. 49 ) DVöB. n, 167. 50 ) Vgl. 

auch Panzer Beitrag 2, 282. 51 ) Archidoxa 

J 575 * 490 - b2 )Phil. 58. 53 ) Ebenso bei Scultetus, 
vgl. Wolf Beiträge 1, 238. 54 ) John Westböhmen 
229. 55 ) Baumgarten Aus der Heimat 1862, 

140; ebenso ZfdMyth. 1, 330 = Zingerle 
Tirol 1857, 66; Panzer Beitrag 2 , 34. bG ) Alsatia 
1856—57, 325; Zingerle a. a. O. S7 ) Anthropo- 
phyteia 9, 347. -*) Rolland Flore pop. 4, 1407. 
69 ) Germania 21 (1876), 411. G0 ) Menghin Süd- 
tirol 111; vgl. auch Ulrich Volksbotanik 47; 
Germania 21 (1876), 411 (Niederösterreich). 

5. Vierblättriger K. schützt gegen 


Hexerei und jeden Za\iber 61 ). Es wird 
dies oft damit begründet, daß ein solches 
Blatt die Kreuzesform hat. Wer es bei 
sich trägt (zumal wenn es vor Sonnenauf¬ 
gang gepflückt ist), ist vor jedem bösen 
Zauber sicher. Wer es unter die Butter¬ 
karne legt, behütet das Milchvieh vor Be¬ 
hexung 62 ). Damit die Hexen die Butter 
nicht verhexen können, legt man einen 
Vierk. unter das Butterfaß 63 ). Be¬ 
sonders hat jener Vierk. Zauberkraft, 
welchen man „unverdanks" am Antlaß- 
tag vor Sonnenaufgang gefunden und mit 
drei Umgängen bei sich getragen hat 64 ). 
Im mittleren Rottal holt man am Georgi- 
tag vor Sonnenaufgang von drei K.- 
pointen (mhd. biunt = eingefriedetes 
Stück Land) K. (vom vierblättrigen K. 
ist hier nicht die Rede) und gibt ihn den 
Kühen, daß die Milch nicht verhext wird 65 ). 
Als Mittel gegen Hexen und Zauberei gilt 
der Vierk. auch bei den Wenden 66 ), 
in Frankreich 67 ) und in den Ver. Staaten 
von Amerika 68 ). 

61 ) Z. B. Lütolf Sagen 379; Schulenburg 
Wend. Volksth. 162. 62 ) Strackerjan i, 432. 

63 ) John Westböhmen 204. C4 ) Schönwerth 

Oberpfalz 1, 411 f. «) Marzell Bayer. Volks¬ 
bot. 29. 66 ) Schulenburg 268. « 7 ) S6billot 

Folk-Lore 3, 484; Rolland Flore pop. 4, 146 f. 
68 ) Bergen Animal and Plant-Lore 101; Fogel 
Pennsylvania 140. 

6. Besonders dient der Vierk. zum 
Erkennen der Hexen 69 ). Man muß ihn 
mit in die Kirche (vor allem in die Christ¬ 
mette, an Silvester, Neujahr) nehmen, dann 
sieht man (bei der Wandlung) die Hexen. 
Sie kehren dem Altar den Rücken, tragen 
Melkeimer auf dem Kopf usw. 70 ). Mit 
einem vierblättrigen K. kann man die 
Truden sehen, wie sie abends auf den 
Kühen heimreiten 71 ). Den Vierk. muß 
man in die Schuhe legen und in die 
Kirche gehen 72 ). Wenn man einer Jung¬ 
frau am Fronleichnamstag einen Vierk. 
in das Haar steckt, so sieht sie alle Hexen 
und weiß alle verborgenen Schätze 73 ). 
Daß der Vierk. hellsichtig macht, be¬ 
richtet auch eine andere Tiroler Sage: Liegt 
der Wanderer an gewissen Bergquellen 
auf dem Rücken, so kommen schnee¬ 
weiße Tauben daher, einen Vierk. im 
Schnabel und lassen ihn dem Schläfer aufs 


1453 


Klee 


1454 


Herz fallen. Erwacht er, bevor das K.- der Vierk. „hellsichtig" macht, findet 
blatt welk wird, so kann er sich, wenn er sich ferner im Amelungenlied (21. Aben- 
das Blatt in den Mund nimmt,unsichtbar teuer), wo Simüt den von den Zwergen 
machen und die Grotten der „saligen geblendeten Helden (sie entsprechen den 


Fräulein" finden, denen die Tauben ge¬ 
hören 74 ). 

® 9 ) Wuttke 102 § 130; Grimm Myth. 2, 903; 
Messikommer 1, 192; auch in England: 

Dy er Plants 85. 70 ) Jahn Hexenwesen 178 

(fünfblättriger K.); Geschiehtsbl. f. Stadt u. 
Land Magdeburg 16 (1881), 243; DVöB. 4, 267; 
Grohmann 92; Blümml Beitr. z. deutsch. 
Volksdichtung 1908, 145 (Wem der K. ohne 
sein Wissen in die Rocktasche gesteckt wurde); ! 
Kühnau Sagen 3, 88; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 412; Die Oberpfalz 6 (1912), 239; 
Panzer Beitrag 2, 304; Zingerle Tirol 1857, 
65; Martin u. Lienhart Elsäss. Wb. 2, 168; 
Alsatia 1856—57, 325 (K. ins Meßbuch gelegt); 
Wart mann St. Gallen 78; Ulrich Volks¬ 
botanik 42; SAVk. 2, 275; Reiser Allgäu 2, 
21; Haltrich Siebenb. Sachsen 297; ebenso in 
Dänemark (Feilberg Ordbog 1, 294) und in 
Frankreich (Sebillot Folk-Lore 3, 513; Rol¬ 
land Flore pop. 4, 148). 71 ) Haltrich Siebenb. 
Sachsen 297. 7Z ) Jäckel Oberfranken 164. 

73 ) Zingerle Tirol 1857, 65. 74 ) ZfdMyth. 1, 

330 = Alpenburg Tirol 398. 

7. Die zauberische Eigenschaft des 
Vierk.s, seinen (unwissentlichen) Trä¬ 
ger hellsichtig zu machen, ihn „Ver¬ 
blendung" erkennen zu lassen, erscheint 
in der weitverbreiteten Sage vom Zau¬ 
berer und dem Hahnenbalken 75 ). Der 
Typus der Sage lautet: Ein Zauberer 
zeigt einen Hahn, der einen schweren 
Balken im Schnabel herumträgt. Alle 
Zuschauer sind aufs höchste erstaunt. 
Da kommt eine Magd mit einem Korb 
voll K. Darunter befindet sich, ohne 
daß sie davon weiß, ein Vierk. Sie 
durchschaut daher den Zauber, sieht, daß 
der Hahn nur einen Strohhalm im 
Schnabel trägt und sagt es den Leuten. 
Um sich an der Magd zu rächen, gaukelt 
ihr der Zauberer vor, daß sie im Wasser 
wate, sie hebt die Röcke empor und wird 
von den Leuten ausgelacht 76 ). In den 
älteren Fassungen der Sage ist der Vierk. 
meist nicht genannt 77 ). Das Sagen¬ 
motiv der „Verblendung" ist sehr alt, 
geht vielleicht auf altindische Vorstel¬ 
lungen zurück 78 ), es findet sich auch im 
„Eulenspiegel" 79 ), in der Sage von den 
Herulern, die das Flachsfeld für Wasser 
hielten 80 ). Eine Anspielung darauf, daß 


den Betrug nicht sehenden Zuschauern 
des Hahnes mit dem Balken) als zauber¬ 
lösendes Mittel einen Vierk. reicht: 
„Hier geb ich jedwedem zum Lohne grü¬ 
nen K. Wer solch ein Vierblatt führt, 
dem tut kein Zauber weh. Bewahrt sie 
gut, so schaut ihr so klar als je zuvor“. 
Ebenso nimmt auf den Aberglauben 
Bezug die Stelle aus Vintlers „Plumen 
der Tugent": 

So habent yene den vierden kle, 

Das sy davon gauckeln sehen, 

und 

Vil glauben, der vier plettert k. 

Mach, das man kön gaucklen sehen 81 ). 

Auch Hans Sachs 82 ) hat in dem 
Schwank von der „unsichtigen nacketen 
haußmagdt" unsem Aberglauben ver¬ 
wertet. Sie glaubt durch einen Zauber¬ 
spruch unsichtbar geworden zu sein. 
Wie sie aber von den Gästen gesehen 
wird, ruft sie aus: 

Das den die drüß anghe! 

Er hat ein vier-bläterten kle, 

Der hat mir die kunst auffgethan. 

Manchmal heißt es ganz allgemein, daß 

der Vierk. gegen „Verblendung" 

schützt 83 ). Auch in Frankreich 84 ), bei 

den Wenden 85 ) und den Litauern 86 ) 

glaubt man, daß der Besitzer des 

Vierks. die „Verblendung" durchschaut. 

Schon das „landtgebott wider den aber- 

glauben usw.“ des Herzogs Maximilian 

in Bayern (München 1616) bedroht die, 

„welche kreuter außgraben oder andere 

gewisse Sachen, sonderlich mit rauten und 

vierbletterten k. verrichten“ 87 ). 

75 ) Bolte-Polivka 3, 201; ZfVk. 15, 391. 
76 ) Grimm Märchen 2 (Inselvcrlag 1910), 226; 
Jahn Pommern 1886, 346; Geschichtsbl. f. 
Stadt u. Land Magdeburg 15 (1880). 59; 

Seifart Sagen aus Hildesheim 2 (1860), 63; 
Bartsch Mecklenburg 1, 130; Knoop Hinter¬ 
pommern 86; Urquell 2, 185; Schambach u. 
Müller 171; Strackerjan 1, 113; Kuhn u. 
Schwartz 121 f. 484; Meichc Sagen 512 f.; 
Schmitt Hetlingen 11 Nr. 22; Montanus 
Vorzeit I (1870), 172 = Schell Berg. Sagen 
471 f.; AnzfKddV. 4 (1835), 408 (Franken); 
Kühnau Sagen 3, 230 f.; Eisei Voigtland 146; 
Grohmann 92; Endt Sagen 97 f.; Mnböhm- 
ExcKl. 18, 23. 100. 368. 372; Baumgarten 





1455 


Klee 


1457 


Kleid 


1458 


Aus der Heimat 1862, 140; Schön werth 

Oberpfalz 1, 411; Vernaleken Mythen 312; 
Baader Sagen 262; Rolland Flore pop. 4, 
147 (Lothringen); Birlinger Volksthüml. 1, 
336; Meier Schwaben 251; Alemannia 22, 75 f.; 
ZfdMyth. 4, 414; Lütolf Sagen 353; Müller 
Siebenbürgen 1857. 22 f. 77 ) Hosman De tonitru 
et tempest. Magdeburg 1618. 56 f. (Schwarz¬ 
künstler in Erfurt); Liechtenberg Art. d. 
Zauberei 1631, 240; Praetorius Phil. 59 f. 
(Gaukler in Frankenhausen); vgl. auch Amers¬ 
bach Grimmelshausen 1893, 42. 7d ) Urquell 

N. F. 1 (1897), 55 f. 79 ) Till Eulenspiegel 

1515. Nr. 5 a. Im Neudruck 55. 56. 80 ) Paulus 
Diaconus Hist. Langobard. I cap. 20. 81 ) ZfVk. 
23, 6. 115. 82 ) Werke hrsg. v. Keller u. Goetze 
9, 502 ff. 8:; ) Kuhn u. Schwartz 458; ZfVk. 
2 °. 385; Treichel Westpreußen 5, 63; Groh- 
mann 92. 84 ) Gubernatis Plantes 2, 361; 

Sebillot Folk-Lore 3, 485; Rolland Flore 
pop. 4, 148. 85 ) Schulenburg 198 f. 86 ) Bez- 
zenberger Litauische Forsch. 70. 87 ) Panzer 

Beitrag 2; 283. 


8 . Verschiedene Zauberwirkungen 
des Vierk.s. Wenn man vierblätt¬ 
rigen K. einem Knaben, ohne daß er 
davon weiß, ins Kleid näht, so wird er 
gut lernen 90 ), ebenso wenn man den K. 
in oder unter das Buch legt 91 ). Wer 
seinen Nachbarn bezaubern will, daß er 
töricht wird, der nehme ein vierblättriges 
K.blatt (das aber nicht mit der bloßen 
Hand abgerissen werden darf), trage es 
in ein Tuch eingewickelt in des Nachbarn 
Haus, ohne daß ihn jemand sieht, und 
lasse es dort in den Krug fallen, woraus 
der Nachbar zu trinken pflegt 92 ). Mit 
dem am Johannisvorabend gefundenen 
Vierk. kann man Zauberkünste treiben 93 ), 
er dient auch zum Heben von Schätzen 94 ). 
Legt man ein vierbläthriges K.blatt in den 
Schuh, marschiert dann eine Strecke weit 
und findet nachher jenes nicht mehr, 
so ist der (oder die) Betreffende eine 
Hexe 95 ). Ein vierblättriges K.blatt, 
in eine Ecke der Wohnstube gesteckt, 
schützt vor dem Blitz 96 ). Es macht 
(wenn Messen darüber gelesen) hieb- und 
stichfest 97 ). Gegen viertägiges Fieber 
ißt man vier Tag lang (jeden Tag ein 
Blättchen) davon 98 ). „Vor das Fieber 
oder Kaldes Nim vireckenden K. drei auf 
ein mahl in einer supen oder wein. Wan 
es dich frieret, drey mahl muß es gesche¬ 
hen“ "). Wenn man am Himmelfahrts¬ 
oder Fronleichnamstag ein vierblättriges 


1456 

K.blatt findet, so ist man eines guten 
Todes und der Seligkeit sicher 10 °). 

00 ) Praetorius Phil. 61. 91 ) Fischer 

SchwäbWb. 4, 466; Baumgartea Aus der 
Heimat 1862, 140; in Dänemark gibt das erste 
(s. Frühlingsblumen) Blatt des Weiß-K.s ge¬ 
gessen ein gutes Gedächtnis: DbotMon. 11 

( i8 93 ). 75 - 02 ) Grohmann 200. 93 ) Zingerle 
Tirol 1857, 66. ® 4 ) MschiesVk. 18. 90. ® 5 ) Wart¬ 
mann St. Gallen 77 f. 90 ) Marzell Bayer. 
Volksbot. 136. 97 ) Praetorius Phil. 58; s. 

auch Fußnote 52. 98 ) ,,Der alten Weiber Philo- 
sophey“ 1571 in Festschr. d. german. Vereins in 
Breslau 1902, 83; Sebillot Folk-Lore 3, 502 
(Evang. des Quenouilles, 15. Jh.). ") Aus einem 
alten Arzneibuch: Höhn Volksheilkunde i, 153. 
10 °) St oll Zauberglauben 07 f. 

9. Manchmal heißt es auch, daß der 
fünf blättrige K. Glück bringen soll 
usw. 101 ), meistens wird jedoch der fünf¬ 
blättrige K. als unglückbringend be¬ 
trachtet lü2 ). Überhaupt bringt der 
unpaarige Vielk. (5-, 7-zählig) Un¬ 
glück 103 ). Ein siebenblättriges K.blatt 
bedeutet Tod 104 ). Der Fund eines fünf- 
blättrigen K.s bringt einen Gevatter¬ 
brief, der eines sechsblättrigen eine Ein¬ 
ladung zur Hochzeit 105 ). Ganz verein¬ 
zelt tritt auch der ,,Zweik.“ im Liebes- 
orakel auf 106 ). Auch der Fund des Vier¬ 
k.s gilt nicht immer als glückbringend. 
Wer einen solchen in kurzer Zeit viermal 
nacheinander findet, wird bald sterben 107 ). 
Auch heißt eine Redensart 

Wer leicht findet vierblättelten K. 

Der kriegt viel Ach und Weh 108 ). 

101 ) Fischer SchwäbWb. 4, 466 (Kind lernt 
leicht); Peter Österreichisch-Schlesien 2, 256 
(bringt Ehesegen); Bohnenberger 113; Jahn 
Hexenwesen 178 (zum Erkennen der Hexen); 
V onbun Beiträge 130; Fogel Pennsylvania 107; 
auch in Frankreich: Rolland Flore pop. 4, 417. 
102 ) Wuttke 102 § 130; Andree Braunschweig 
402; Grohmann 92; John Westböhmen 229; 
Zingerle Tirol 1857, 66; Fogel Pennsylvania 
107; ebenso in Dänemark (Feilberg Ordbog 1, 
282) und in den Vereinigten Staaten von Ame¬ 
rika (Bergen Superstitions 85). 103 ) ZfVk. 8, 

2 54 - 104 ) Reinsberg Böhmen 196; auch in der 
Gironde unglückbringend: Sebillot Folk-Lore 
3, 484. 105 ) John Erzgebirge 252. 106 ) Zingerle 
Tirol 1857, 66 = ZfdMyth. 2, 422; auch in 
England: Dy er Plants 92. 107 ) Rochholz Glaube 
1. 21 3 - I08 ) Fischer SchwäbWb. 4, 463; 6, 1911. 

10. Der gewöhnliche K. mit normal 
dreizähligen Blättern tritt nur wenig 
im Aberglauben hervor. Nach landwirt¬ 
schaftlichem Aberglauben darf man ihn 
nicht bei Ostwind säen 109 ), man muß ihn 



bei abnehmendem Monde säen, daß er 
sich gut bewurzelt no ), auch im Krebs 
gesät, bekommt er gute Wurzeln und 
friert im Winter nicht aus 111 ). Wenn 
man am letzten Freitag im Mond Asche 
streut (als Dünger), so gibt es viel K. ua ), 
ebenso wenn man dies am Karfreitag 
tut 113 ). Wenn der Weiß-K. stets blüht, 
gibt es eine nasse Ernte 114 ), wenn der 
Wiesen-K. gut steht, wird die Heuernte 
verregnet (Nordwestböhmen) 115 ). Wenn 
der erste K. geholt wird, so wird derjenige, 
der den Wagen führt, mit Wasser be¬ 
sprengt 116 ). Um schön zu werden, baden 
die Mädchen in der ersten Mainacht im 
taunassen K. 117 ). Wenn man abends 
von den vier Ecken eines fremden Ackers 
eine Hand voll K. mit nach Hause nimmt, 
so gedeiht das Vieh gut (Altenburg) 118 ). 
Das Einnähen von scheckigem K. (die 
K.blätter sind oft weiß gezeichnet!) in 
den rechten Ärmel, ohne daß es der Träger 
weiß, befreit diesen von der Rekrutie¬ 
rung 119 ). Weißblättriger K. auf dem 
Felde, bedeutet den nahen Tod eines 
Familienmitgliedes 12 °) oder das Verenden 
eines Stück Viehes 121 ), vgl. z. B. Bohne, 
Erbse, Kohl. Nach einer weit ver¬ 
breiteten Volkssage müssen die Bienen 
den roten K. meiden zur Strafe dafür, 
daß sie einst am Sonntag daraus Honig 
holten; nach einer anderen Fassung 
stellte Gott den Bienen frei, entweder am 
Sonntag zu feiern oder den K. zu meiden; 
sie wählten das letztere 122 ). Natur- 

arHarf cirh Hipcp T P- 


gende daraus, daß der Wiesen-K., dessen 
Honig ziemlich tief geborgen ist, von der 
verhältnismäßig kurzrüsseligen Honig¬ 
biene nicht besucht wird, sondern haupt¬ 
sächlich von langrüsseligen Hummel¬ 
arten 123 ). 

109 ) Veckenstedts Zs. 4, 388. 110 ) Eberhardt 
Landwirtschaft 200. 11 1 ) Fogel Pennsylvania 

200. 201. m ) Spieß Obererzgebirge 17. ll3 ) 
John Erzgebirge 225. J 14 ) Frischbier Natur¬ 
kunde 325. 116 ) Originalmitt, von Stelzhamer 
1910. 118 ) Heßler Hessen 2, 112. 117 ) Meyer 

Volksk. 263; ders. Baden 220; auch in Frank¬ 
reich: Rolland Flore pop. 4, 149. ll8 ) Wuttke 
77 § 89; vgl. auch zu Fußnote 65. ll9 ) Bir¬ 
linger Aus Schwaben 1, 398. 120 ) Bayerland 25 
(1913/14), 233; Höhn Tod 309. m ) Franken- 
2 and 1915, 240. 122 ) Dähnhardt Natursagen 3, 


306 ff.; Bartsch Mecklenburg 2, 160 ; Treichel 
Westpreußen XI, 289; Germania 1 (1856), 110 
(Pommern); Diener Hunsrück 141; Peter 
Österreichisch-Schlesien 2 (1867), 32; Baum¬ 
garten Aus der Heimat 1862, 108 (ohne Er¬ 
klärung); Veckenstedts Zs. 3, 223; Meier 

Schwaben 222; Alemannia 13, 213; 16, 73; 43, 
29; SAVk. 21, 57; Wart mann St. Gallen 78; 
Estermann Rickenbach 188 f.; Kuoni St. 
Galler Sagen 57. 123 ) Vgl. Hegi III. Flora v. 

Mitteleuropa 4, 1335 f. 

Literatur über den vierblättrigen K.: F. Zand 
Over de kracht van het vierbladig hlaver blad af 
„klaverenvier", in Volksleven 5, 86—88; Trojan 
Aus d. Reichs d. Flora 1910. 1--8; Marzell Der 
vierblättrige I\. im Volksaberglauben in ..Die 
Scholle“, Landsberger Volkskalender. München 
iqi2, 73—76; W. Deonna La croyance au 
trefle ä quatre feuilles. Pages d’Art 1917. i8 7 
231 ff. — Über den engl. ,,sharnrock“, worunter 
man offenbar verschiedene K -Arten versteht, vgl. 
Britten and Holland A DiU. of Engl. 
Plant-Names 1878 ff. 425; Over Plants 218 ff.; 

FL. 22, 203; Brand Pop. Ant. 1900. 54. 

Marzell. 

Kleid 

1. Allgemeines. Erklärung. 2. Herkunft. 
3. Stoff und Prunk. 4. Farbe. 5 Reine und 
weiße K.er. 6. Neue K.er. 7. Alte und 
unreine K.er. 8. Anziehen. 9. Zeitliche 
Umstände. 10. Das K. in der Sage. 11. 
K.ergeschenke. 12. K.eropfer. 13. Ab¬ 
wehrzauber. 14. Fernzauber. 15. Geburt und 
Kindheit. 16. Liebe und Hochzeit. 17. Tod 
und Begräbnis. 18. Volksmedizin. 19. Rechts¬ 
wesen. 20. Sonstiges. 

1. Das K. 1 ) ist ein Teil der Persön¬ 
lichkeit 2 ), aber nicht Sitz der Seele 3 ). 
Für das Seelenleben stellt das K., etwa 
gegenüber dem Blut, durchaus nichts 
Wesentliches dar. Seine Zauberkraft 
geht vielmehr vom Körper des Men¬ 
schen aus. Durch die enge Zugehörigkeit 
zum Körper scheint das K. mit geheimen 
Lebenskräften ausgestattet, die umso 
stärker sind, je näher das K.ungs- 
stück dem Körper anliegt 4 ). Daher 
kommt auch einerseits dem Unterk. 
(s. Hemd) gegenüber dem Oberk., 
andrerseits der Innenseite gegenüber 
der Außenseite der K.ungsstücke mehr 
Bedeutung zu. Zuweilen findet sich sogar 
eine Gleichstellung von K. und Haut, 
wie etwa in dem Märchenmotiv von den 
neun übereinander angezogenen Häuten 
oder K.ern, das auch im Zwiebelrätsel 
wiederkehrt 5 ). Ähnlich wie das Tragen 
bestimmter K.er unsichtbar macht, kann 
sich nach dem Volksglauben _der unsicht- 












1459 


Kleid 



bar machen, der neun Leute ,,schindet“. 
In Steiermark wird von einem Mörder 
namens „Leutschinder“ erzählt, daß er 
den Leuten, die er tötete, die Haut (s. d.) 
abzog 6 ). 

Durch die K.ung wird der Mensch 
mitunter körperlich verändert. Der 
Reiter, welcher einen Leibriemen trägt, 
ist ein Brustatmer, der Gebirgler, der 
Hosenträger hat, ein Bauchatmer. Die 
ersten werden meist dick, die zweiten 
dünn 7 ). Auch die K.ermode greift 
hier nicht selten unheilvoll ein, wie z. B. 
das Korsett beweist. Aber auch in seinem 
äußeren Wesen und Auftreten und sogar 
seelisch wird der Mensch durch die 
K.ung beeinflußt. Durch den Holz¬ 
schuh, Schuh oder Stiefel erhält sein 
Gang ein bestimmtes Gepräge, im Festk. 
oder im hohen Zylinderhut fühlt 
und gibt er sich ganz anders. Und so 
wurden und werden auch im großen die 
Menschen verschiedener Zeiten durch die 
herrschende K.ermode in ihrem Ge¬ 
baren und Charakter umgeformt. Der 
Mensch schafft das K., wird aber doch 
auch durch das K. gestaltet, so daß es 

oft dunkel bleibt, wo das Wechselspiel 
beginnt und aufhört 8 ). 

Zur Entstehung der K.ung hat 
neben dem Schutzbedürfnis gegen 
Witterungsunbüden, gegen Angriffe von 
Tieren und Menschen, dann neben dem 
Nachahmungs- und Schmucktrieb, 
der sich besonders stark in der Mode 
äußert, welcher vor allem die als Schmuck 
(s. d.) dienende K.ung unterworfen 

ist 9 ), ferner neben dem Bestreben, sich 
selbst oder seine Gruppe aus der Allge¬ 
meinheit hervorzuheben, sicher nur zum 
Teil auch das Schamgefühl geführt 10 ). 
Dort wo man sich am stärksten verhüllt, 
ist keineswegs eine größere Sittlichkeit zu 
finden als bei nackt gehenden Völkern n ). 
Zweck des Schurzes, des ältesten K.es, 
war zunächst, die Geschlechtsteile 
vor dem bösen Blick und schädlichen 
Einwirkungen zu schützen. Hie und 
da mag man freilich diese Schamhülle 
auch als geschlechtliches Reizmittel 
gebraucht haben 12 ). 

Wichtige Ereignisse des Geschlechts¬ 


lebens sind in der Regel von einer 
Änderung der Tracht äußerlich begleitet 
und gekennzeichnet 13 ). Zwei Motive 
kommen hiebei besonders in Betracht, 
das der Verhüllung, gewöhnlich im 
Zustand der Unreinheit, z. B. während 
der Menstruation, der Schwangerschaft 
j und Niederkunft, und das der Verk.ung 
zur Täuschung böser Geister und 
i Abwehr. In beiden Fällen wird nicht 
| allein die eigene Person, sondern auch die 
I Umgebung, mitunter auch diese allein, 

> geschützt. Wenn auch auf tieferer 
Kulturstufe zwischen dem K. der beiden 
Geschlechter selten ein großer Unter¬ 
schied ist 14 ), so ist doch heute das K. 
allgemein zu einem Unterscheidungs¬ 
zeichen zwischen den Geschlech¬ 
tern geworden in der Männertracht 
und Frauentracht, wozu bisweilen noch 
Unterschiede zwischen dem K. lediger 
und verheirateter Personen kommen. Ein¬ 
zelne K.ungsstücke sind im Laufe der 
Entwicklung geradezu zu Geschlechts¬ 
zeichen geworden, so die Hose (s. d.) für 
das männliche, die Schürze (s. d.) für das 
weibliche Geschlecht. Der Aberglaube 
unterscheidet aber auch bei den von bei¬ 
den Geschlechtern getragenen K.ungs- 
stücken, verleiht dem Mannsk. (s. 
bes. Hemd) eine stärkende und auch 
schreckende Wirkung und hebt die 
Weiberk.er (s. Gürtel, Haube, 
Hemd, Kopftuch, Rock, Schleier, Schuh, 
Schürze, Strumpf) in verschiedener Be¬ 
ziehung hervor. Mit dem Geschlechts¬ 
leben hängt meist auch der Geruch, beson¬ 
ders der Schweißgeruch (s. Schweiß) 
des K.es zusammen. Doch ist hier oft 
nur das Beiwerk abergläubischer Art, 
während es sich im Kern der Sache um 
keinerlei Aberglauben handelt, so wenn 
man z. B. Tiere (Hunde, Stallvieh) 15 ) 
mit eigenen, getragenen und schweiß- 
durchtränkten K.em in Berührung bringt, 
um sie an das Haus zu gewöhnen. 

Wie der Aberglaube das einemal alte 
und getragene K.er verlangt, die enger 
mit der Person des Trägers verquickt sind, 
so werden bei anderen Anlässen wieder 
reine oder neue K.er verlangt, ferner ist 
die Herkunft, der Stoff, die Farbe 



1461 Kleid 1402 


und die Art und W T eise der Herstellung j 
wichtig. Auch zeitliche und andere I 
Umstände beim Nähen und Ausbes- 1 
sern, das Anziehen und Ausziehen, j 
das Tragen und die sinnbildliche 
Verwendung, z. B. im Rechtsleben, ; 
sind maßgebend. Dazu kommen be- ! 
stimmte magische Handlungen, das Um¬ 
kehren (s. d.) der K.ungsstücke, das 
bindende (s. d.) oder hindernde Schlie- ; 
ßen und das lösende (s. d.) öffnen, ; 
dann solche, die einen Fernzauber oder j 
Abwehrzauber in sich bergen oder j 
veranlassen. Endlich erscheint das K. j 
als Ersatz der Person auch als Opfer ■ 
und ist an Stelle der ursprünglich vor- ; 
geschriebenen Nacktheit (s. d.) ge- ! 

treten, wenn eine Zauberhandlung nur j 
in einem bestimmten K., z. B. im bloßen 
Hemd (s. d.), unternommen werden darf. 

Im K.eraberglauben ist die Kopf- i 
bedeckung (s. Haube, Hut) und die 
Fußbe k.ung (s. Schuh) neben dem 
unmittelbar am Körper anliegenden und 1 
daher besonders in medizinischer Be- | 
Ziehung wichtigen Hemd am stärksten i 
vertreten. Beide sind ja die auffälligsten | 
Kennzeichen der Menschen, was sich auch 
in der verbreiteten Lebensregel ausspricht, 
daß der, welcher Gewicht auf sein Äußeres 
legt, vor allem auf neue und nette Schuhe 
und Hüte sehen soll. Einzelne Überliefe- j 
rungen erklären sich auch daraus, daß ] 
Hut und Schuhe, besonders Holzschuhe 
und Pantoffel beweglich sind und leicht 
an- und ausgezogen werden können, j 
Sehr oft aber handelt es sich um eine 
bloße Übertragung des Aberglau¬ 
bens, der ursprünglich sich auf den 
Kopf (s. d.) oder das Haar (s. d.), bzw. 
auf den Fuß (s. d.) bezog. Im zweiten 
Falle erfolgten Übertragungen nicht allein 
auf den Schuh, sondern auch auf den 
Strumpf (s. d.). 

Bei Übertragungen abergläubischer 
Überlieferungen ist das Alter der K.¬ 
ungsstücke wichtig, da kulturgeschicht¬ 
lich jüngere, z. B. die Weste, das Korsett, 
seltener und da meist durch Übertragung 
Gegenstand abergläubischer Vorstellun¬ 
gen werden. Je einfacher und älter 
dagegen ein K.ungsstück ist, desto 


ursprünglicher und meist auch zahl¬ 
reicher sind die damit verbundenen aber¬ 
gläubischen Vorstellungen 16 ) (vgl. Hemd, 
Hose, Hut, Schuh, Schürze). Bei diesen 
zeitlichen Unterschieden ist zu be¬ 
achten, daß besonders in den Sagen oft 
altertümliche K.ertrachten ver¬ 
gangener Jahrhunderte erscheinen, die in 
der Überlieferung zäh festgehalten werden. 
Allerdings muß berücksichtigt werden, 
daß unsere Sagen nicht immer ein 
getreues Bild der Gegenwart bieten, da 
sie oft schon vor Jahrzehnten bei ganz 
anderen Trachten Verhältnissen aufgezeich¬ 
net wurden und in der gleichen Form von 
einem Sagenbuch in das andere übernom¬ 
men werden, wobei vielleicht gegenwärtig 
die im Volke verbreitete Fassung dieser 
Sagen, wenn sie überhaupt noch lebendig 
sind, ein ganz anderes Aussehen haben 
kann. 

Durch die K.ung unterscheiden 
sich nicht allein die Geschlechter, son¬ 
dern auch die Stände (Arbeitsk.), 
dann ganze Volksgruppen, wobei die 
Religion oder auch politische Ge¬ 
sinnung (s. bes. Hut) im K. zum Aus¬ 
druck kommen kann, und endlich auch 
ganze Völker. In einzelnen deutschen 
Landschaften sind diese örtlichen 
Unterschiede so auffällig, daß sie 
den Spott der Nachbarn gereizt und 
Spottnamen veranlaßt haben, wie dies 
namentlich in Baden der Fall ist 17 ). 
Als Familiennamen (s. Hose, Hut, 
Mantel, Rock, Schuh) kommen die Namen 
einzelner K.ungsstücke allein oder in 
Zusammensetzungen vor, wobei aller¬ 
dings die ursprüngliche Form mitunter 
schwer zu erkennen ist (z. B. Kugel- 
Gugel) 18 ). 

Nicht selten werden K.er als Preise 
bei Wettkämpfen ausgesetzt 19 ). Im 
Volkslied erscheint das Motiv von den 
gepfändeten oder versoffenen K.¬ 
em 20 ). 

Glücksk. s. Glückshaube. 

*) Vgl. DWb. 5, 10690.; Weinhold Frauen 2 
2 (1882), 218 fi.; Schräder Reallex. 431 f. 
1020 f. und Sprachvergleichung 2, 257 ff.; Hoops 
Reallex. 3, 61 ff.; Heckscher 2570. 49 * 0 -; 
Schurtz Tracht ; dazu Fr. G. Schultheiß 
Zur Psychologie der Kleidung, Ausland 64 




1463 


Kleid 


1464 


(1891), 455ff. 466ff.; vgl. ebd. i8iff.; Hjalmar 
Falk Altwestnordische Kleiderkunde, Videns- 
kapsselskape t s Skrifter II. Hist.-filos. Kl. 
1918. Nr. 3 (Kristiania 1919). Vgl. auch Karl 
Weule Leitfaden der Völkerkunde (Leipzig und 
Wien 1912) 120 ff.; Cysat 31; Jb. d. Geogr. 
Ethnogr. Ges. in Zürich 1908/09; E. A. Stückei- 
berg Mittelalterlicher Kleider schmuck, Anz. f. 
Schweiz. Altertumsk. 24 (1891), 486 ff. — Über¬ 
sicht über Trachtenwerke s. K. Spieß Die 
deutschen Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 
1911) 124 ff. — Zu Kluft = schlechtes Ge¬ 
wand vgl. Urquell 4 (1893), 55. zu Häs = 
Gewand vgl. SchwVk. 7, 13. 2 ) Vgl. Bächtold 
Hochzeit 1,251t. 3 ) Wundt Mythus u. Religion 
1, 269 f. 4 ) Vgl. ZfVk. 8 (1898), 159 f. 5 ) Vgl. 
H. Leßmann Der deutsche Volksmund 1 m 
Lichte der Sage (Berlin und Leipzig 1922) 287; 
Schultz Zeitrechnung 85 t. 6 ) Heiterer 
Steiermark 71. 7 ) Vgl. Adolf Loos Kleider 

machen Leute, Prager Tagblatt v. 6. März 1927. 
5 ) Vgl. Helene Tuschak Die Geste der Kleidung, 
Bohemia v. 11. Feber 1927 (Prag). 9 ) Schurtz 
Tracht 97. 10 ) Ebd. 4 ff. Vgl. Ebert Reallex. 

6, 382; K. Weule Leitfaden der Völkerkunde 
120 f. ll ) Vgl. Bachofen Mutterrecht 77. 
12 ) Vgl. Fehrle Keuschheit 38 f. Anm.; Hecken - 
bach de nuditate 2. Vgl. M. Hirschfeld Ge¬ 
schlechtskunde 1 (Stuttgart 1926), 167 ff. 13 ) 
Schurtz Tracht 12 ff. ,4 ) Vgl. Bachofen Mutter- 
recht 17. 15 ) Vgl. Bohnenberger 17. Siehe 

Gürtel, Hose, Schürze, Strumpf. 18 ) K. Rob. 
V. Wikman Byxorna, kjolen och förklädet, 
ett hidrag tili frugan om klädedräktens magi, 
Hembygden 1915 Pehr Lugn Die magische 
Bedeutung der weiblichen Kopfbedeckung im 
schwedischen Volksglauben, MAGW 50. bzw. 
20. Bd. (Wien 1920). 101. 17 ) Vgl. B. Kahle 
Ortsneckereien und allerlei Volkshumor aus dem 
badischen Unterland (Freiburg i. Br. 1908) 20 f. 
18 ) A. Heintze Die deutschen Familiennamen* 
(Halle 1922) 48 f. »•) Sartori Sitte 2, 35. 

2,) ) Vgl. Jungbauer ßikliogr. 21 Nr. 96; 26 
Nr. 116 f. 

2. Was die Herkunft der K.er an- 


von mir gegangen ist” 22 ). Der Rock 
Christi soll nahtlos gewebt gewesen 
sein, wie einen solchen nach rabbinischer 
Überlieferung der Hohepriester trug. Von 
den Kirchenvätern wurde er daher als 
Sinnbild der unteilbaren Einheit der 
Kirche gedeutet. Da er ,,von oben” 
gewebt war. war er, wie man ferner aus¬ 
legte, vom Himmel gekommen, vom hl. 
Geist gewebt worden. Im 12. Jahrhun¬ 
dert wieder hieß es, daß er ein Webstück 
der Madonna gewesen sei, wie dies auch 
vom hl. Rock (s. d.) zu Trier u. a. behaup¬ 
tet wurde 23 ). Das K. der Madonna 
selbst wurde in der Blachemenkirche zu 
Konstantinopel und in der Liebfrauen¬ 
kirche zu Trier gezeigt 24 ) (vgl. Gürtel). 
Im übrigen wurde nachgewiesen, daß die 
Verzierungen der K.ung bei den schwar¬ 
zen Marienbildern vielfach mit denen der 
schwarzen Diana zu Ephesus überein - 
stimmen 2S ). In Stambul wurde früher am 
15. Tage des Monats Ramasan unter 
Anwesenheit des Sultans und des Hof¬ 
staates das K. des Propheten enthüllt 
und zum Küssen gegeben. Der geküßte 
Teil wurde in einem Becken gewaschen 
und das so geweihte, heilsame Wasch¬ 
wasser in Flaschen aufbewahrt und bei 
Krankheiten verwendet 26 ). Zuweilen 
aber kann dem K. geweihter Personen 
auch schädliche Kraft innewohnen. In 
Japan glaubt man, daß der, welcher die 
K.er des Mikado ohne Erlaubnis trägt, 
mit Geschwüren und Schmerzen am 
ganzen Leibe bestraft wird 27 ). 


belangt, genossen seit je die angeblichen 
oder 'wirklichen K.er von Göttern, 
Religionsstiftern, Heiligen und Hel¬ 
den besondere Verehrung. Man bewahrte 
sie als Reliquien auf und schrieb ihnen 
Heilkraft zu. 

Schon bei den Griechen wurden 
Kleidungsstücke von Helden und be¬ 
rühmten Personen in den Tempeln ver¬ 
ehrt, z. B. in Delphi die Gewänder der 
Amazonen, der Halsschmuck der Helena 21 ) 
u. a. (s. Schuh). Vom K. Christi ging 
eine göttliche Kraft aus. Als das blut¬ 
flüssige Weib den Saum des K.es be¬ 
rührte, sagte Jesus: ,,Es hat mich jemand 
angerührt, denn ich fühle, daß eine Kraft 


Heilkräftig und segenbringend sind 
neben den in Kirchen und Wallfahrts¬ 
orten aufbewahrten K.em heiliger Per¬ 
sonen, z. B. auch des angeblichen Man¬ 
tels eines Bischofs in China, der den Wall¬ 
fahrern umgehängt wird, auch die bei 
der Wallfahrt selbst getragenen oder mit¬ 
getragenen K.er, die zuweilen vom Prie¬ 
ster gesegnet werden 28 ), dann alle K.er, 
die irgend eine kirchliche Weihe er¬ 
fahren haben, so die Taufk.er, Patenk.er, 
die beim Abendmahl 29 ) getragenen K.er, 
die Hochzeitsk.er, besonders das Brautk. 
(s. Hemd, Schleier, Tuch), und die Toten- 
k.er (s. Hemd, Leichenk.ung), endlich vor 
allem das Priestergewand 30 ) (s. u.). 


1465 


Kleid 


1466 


Der Herkunft nach sind noch die K.er 
zu erwähnen, die zufällig gefunden, 
geschenkt oder gestohlen wurden oder 
Erbstücke sind, die ebenso wichtig im 
Aberglauben sind wie unter den Toten- 
k.ern die von Erhängten. 

21 ) Vgl. Pfister Reliquienkult 1, 334 f. 

22 ) Vgl. Agrippa v. Nettesh. 3, 78; ZfVk. 
23 (1913), 31 f. 23 ) Fox Saarland 524 ff. 468 ff.; 
Eisler Weltenmantel 1850. 24 ) Eisler 185 1 . 

2l ) ZfVk. 18 (1908), 287 = Storfer Jungfr.- 
Mutterschaft 130. 2C ) Stern Türkei 2, 298. 

2? ) Frazer 3, 131. ze ) SAVk. 21 (1917). 206. 
- 8 ) Vgl. Strackerjan 2, 9 Nr. 265 = Wutt- 
ke 141 § 193. 30 ) Zu diesem vgl. Franz Bene¬ 
diktionen i, 38; Gihr Meßopfer 221 ff. 684; 
Pfannenschmid Erntefeste 357. 

3. Beim K. ist auch der Stoff wichtig. 
Nach pythagoräisch-orphischer und auch 
ägyptischer Lehre müssen die Personen 
beim Zauber aus Pflanzen hergestellte 
K.er tragen, also aus Linnen (s. Lein¬ 
wand) oder Baumwolle. Denn K.- 
ungsstücke aus Schafwolle und Schuhe, 
Leibriemen und Bänder aus Leder galten 
als unrein, da dies alles von getöteten 
Tieren stammt 31 ). 

In der Volksmedizin wird hie und da 
bei K.ungsstücken betont, daß sie aus 
Seide sind oder sein sollen. In der Sage 
haben weibliche Geister, vor allem Schlo߬ 
frauen, meist Gewänder aus Seide 32 ). 
Das Märchenmotiv von dem K., das so 
fein ist, daß es in einer Nußschale Platz 
hat 33 ), erinnert an die spinn webdünnen 
Seidenstoffe des Orients. Die in Buchara 
hergestellten Schals kann man tatsächlich 
in einerZündholzschachtel unterbringen 34 ). 

Im Böhmerwald, aber auch in Vorarl¬ 
berg, in Schlesien und in den Karpathen 
schätzte man früher die aus Baum¬ 
schwamm (Zunder) gemachten K.er, 
besonders Westen und Hauben. Die 
letzten sollen gut sein gegen Kopfweh 35 ) 
(s. Hut). 

Allzugroßer K.erprunk mit kost¬ 
baren Stoffen u. a. hat wiederholt 
K.erordnungen veranlaßt 3C ) — das 
Schellenkleid 37 ) wie auch das bunte 
Lappenkleid 38 ) des modernen Harlekin 
waren übrigens schon im Altertum be¬ 
kannt — und wurde auch von der 
Kirche bekämpft, die in solcher K.¬ 
ung das Netz des Teufels sah, worin 


er die Seelen fängt 39 ). Seit je wurde auch 
die Nachäffung fremder Moden als etwas 
Schlechtes und Schädliches betrachtet *°) 
(s. Tracht). 

Nach orientalischem Glauben zieht 
prunkvolle K.ung den bösen 
Blick auf sich, weshalb man besonders 
Kinder absichtlich in Lumpen hüllt 41 ), 
oder in die Muster der indischen Prunk¬ 
kleider, der Teppiche, Stickereien und Ge¬ 
webe mit Absicht irgend eine Unregel¬ 
mäßigkeit hineinbringt 42 ). In Irland 
glaubt man den Folgen des Verneidens 
durch jemand, der eine schöne K.ung 
lobt, dadurch zu entgehen, daß man ihm 
diese zum Geschenk macht 43 ). 

3l ) Th. Hopfner Offenbarungszauber (Leipzig 
1921) 238 ff. § 855ff. 32 ) Z. B. Jungbauer 

Böhmerwald 113; Kap ff Schwaben 62. Vgl. 
u. Anm. 196. 33 ) Bolte-Polivka 2, 516 ff.; 

Skiarek Märchen 289 Nr. 4; Wlislocki 
Zigeuner XIV; Sebillot Folk-Lore 3, 435. 

34 ) Verf. 3S ) BdböVk. 14, 1 (1917), 406 f. 36 ) 
Vgl. Birlinger Schwaben 2, 406. 37 ) Mann- 

hardt Germ. Mythen 489 1 . 38 ) Radermacher 
Beiträge 96. 39 ) Klapper Erzählungen 107 

Nr. 95, 310. 40 ) Vgl. Birlinger Schwaben 

2, 406 f. 4l ) Seligmann Blick 2, 222; Krauß 
Slaw. Volkforschung 250. 42 ) Seligmann 

a. a. O. 2, 221. 43 ) Ebd. 220. 

4. Von den Farben ahmt die rote 
(s. d.) meist die Farbe des Blutes nach. 
Der fast unbek.ete Naturmensch trägt 
diese Farbe gern unmittelbar auf seine 
Haut auf und hofft, so seinen Körper gegen 
schädliche Einflüsse aller Art wider¬ 
standsfähig zu machen. Mit Einführung 
der vollständigen Bek.ung wurde diese 
rote Bemalung mehr und mehr durch das 
Tragen roter Gewänder und roter Amu¬ 
lette (s. d.) ersetzt 44 ). 

Die schon bei den Griechen und Römern 
im Kult übliche Verwendung roter K.er 
ist ein Ersatz für ursprüngliche blutige 
Opfer 45 ). Wenn die römische Braut 
ein rotes Tuch trug, so weihte sie sich 
dadurch symbolisch selbst zum Opfer 46 ). 
In diesem Falle ist aber wohl wichtiger, 
daß die rote Farbe seit je als übel- 
abwehrend gilt 47 ) (s. rot). Auch im 
germanischen Norden wurden rote 
K.er bei Opfern für Götter getragen. 
Das Rot wurde überhaupt für die präch¬ 
tigste Farbe angesehen, rote K.er 



1467 


Kleid 


Kleid 


1470 


1468 


wurden ausschließlich von Häuptlingen 
und reichen Leuten getragen und im 
Gegensatz zu andern „gute K.er“ ge¬ 
nannt. Ebenso herrschte in der Hof- 
und Königstracht der karolingischen 
Zeit eine Vorliebe für purpurrote Ge¬ 
wänder 48 ). Auch in der Volkstracht 
der neueren Zeit wird die rote Farbe 
bevorzugt, teils der natürlichen Schönheit 
wegen 49 ), teils aus Aberglauben. So 
ziehen im Egerland die Weiber zum 
Kraut stecken gern rote Kittel an 50 ). 

Schwarze K.er legten nach Plutarch 
schon die kimbrischen Frauen vor der 
Entscheidungsschlacht gegen Marius an 51 ). 
Auch heute ist die übliche Trauerfarbe 
schwarz, nur bei slawischen Völkern und 
in früher slawischen Gebieten weiß 52 ) 
(s. u.). Vereinzelt kommt auch blau 
vor. So tragen die Frauen in der Schwalm 
blaue Trauerschleier 53 ), was früher auch 
im Herzogtum Sachsen-Altenburg der 
Fall war. Als kirchliche Trauerfarbe 
tritt das Blau in der Altar- und Kanzel- 
bek.ung während der Passionszeit auf 54 ). 

Blau ist aber auch das K. der Hexen, 
wobei man vielleicht an den blauen Mantel 
Holdas denken kann 55 ). In der Ober¬ 
pfalz mußte bei Begräbnissen, Wall¬ 
fahrten und Flurumgängen ein altes 
Weib mit blauem Schurz als letzte 
im Zug gehen 56 ). Deutlicher Analogie¬ 
zauber liegt vor, wenn man in West¬ 
böhmen beim Leinsäen einen blauen 
Schurz trägt. Dann blüht der Lein schön 
blau und bringt viel Samen 57 ). 

Eine innere Verbindung zwischen dem 
Kult und der K.erfarbe sieht man be¬ 
sonders beim jüdischen und katholi¬ 
schen Priestergewand. Die Gewan¬ 
dung des jüdischen Hohenpriesters war 
in der Farbenfolge der Stoffe dem Heilig¬ 
tum selbst genau entsprechend, nur in 
umgekehrter Ordnung. Beim Priester¬ 
gewand folgen die Farben von außen nach 
innen, indes sie für den Tempel selbst 
von innen nach außen geordnet waren 5Ö ). 
Die katholische Kirche verwendet je 
nach dem Festtag und Anlaß ver¬ 
schiedenfarbige Meßgewänder. Vgl. 
unten § 10 (Das K. in der Sage). 


M ) ZfVk. 23 (1913), 256. 45 ) Samt er Familien¬ 
feste 53 ff. 46 ) Ebd. 57. 47 ) Vgl. Wächter 

Reinheit 18 3 . 48 ) Hoops Realiex. 3, 59 f. 49 ) 

Vgl. SchwVk. 7, 75 f. 50 ) Egerl. 20 (1916), 6. 
5l ) Hoops Reallex. 3, 59. 52 ) Heckscher 

258. 491. 53 ) Ebd. 491 = Heßler Hessen 

2, 235. * 4 ) K. Weinhold Blau als Trauer¬ 
farbe, ZfVk. 11 (1901), 83. 55 ) ZfVk. 7 (1897), 

327. 56 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 255; 3, 176.. 
67 ) Egerl. 20 (1916), 6. 59 ) St. Steinlein Astro¬ 
logie, Sexualkrankheiten und Aberglaube in ihrem 
inneren Zusammenhänge 2 (1915), 88. 

5. Reine und weiße K.er waren seit 
je bei gottesdienstlichen Handlungen und 
im religiösen Kult vorgeschrieben. 
Wenn die Leviten für das Heiligtum 
geweiht wurden, mußten sie ihre K.er 
waschen, nachdem ihr vorher gänzlich 
von Haaren befreiter Körper mit Ent- 
sündigungswasser besprengt worden 
war 39 ). Weiße und reine Gewänder 
i trugen die Priester bei den Griechen 
und Römern, wenn nicht geradezu das 
I Ablegen des K.es, das bindende und 
hindernde Kraft haben kann, gefordert 
war 60 ) (s. nackt). Bei der Einweihung 
in die Mysterien mußte der Adept vor 
| Betreten des innersten Heiligtums K. 
und Schuhe ausziehen 61 ). Sonst wurde 
bei manchen Mysterien das K., welches 
! der Myste bei seiner Weihe trug, als sein 
| Himmelsgewand für ihn so lange im 
Tempel aufbewahrt, bis er den Akt der 
Wiedergeburt erneuerte 62 ). Hetärischen 
| Charakter hatten die bloß im dionysischen 
Mysterienkult von den Frauen geforderten 
durchsichtigen Gewänder 63 ). Weiß 
war bei den Römern das Fe stk., 
besonders im Kult der Lichtgottheiten 64 ). 

Auch der Zauberer war im Alter¬ 
tum in ein reines, weißes K. gehüllt 65 ). 
Noch vorteilhafter war es, bei der Zauber¬ 
handlung ein durch den offiziellen Kult 
geheiligtes Priestergewand zu tragen oder 
sich als die Gottheit selbst zu verkleiden 6Ö ) 
(s. täuschen). Noch im deutschen Mittel- 
alter mußte der Zauberer beim Kri¬ 
stallsehen ein reines, weißes K. an- 
haben 67 ). Von den kimbrischen Weis¬ 
sagerinnen erwähnt Strabo, daß sie 
weiße K.er hatten 68 ). In der Eiriksage 
wird die K.ung einer weisen Frau 
ausführlich beschrieben, die einen dunkel¬ 
blauen Mantel und eine mit weißem 





Katzenfell gefütterte schwarze Lamm¬ 
fellmütze trägt und deren Handschuhe, 
auch aus Katzenpelz, innen weiß und 
zottig sind 69 ). Im Egerland galt früher 
das Wallfahren nach Maria Kulm in 
weißer K.ung, ebenso wie das Barfu߬ 
gehen oder Zurücklegen des Weges auf 
den Knien, als erschwerendes Gelübde. 
Mitunter gelobte man, zeitlebens in einer 
schwarzen oder weißen Kopfbedeckung zu 
gehen 70 ). Sonst ist im deutschen Volks¬ 
glauben das weiße K. meist das Sinn¬ 
bild der Reinheit, bei Mädchen na¬ 
mentlich der Jungfräulichkeit, be¬ 
sonders im Volkslied 71 ). 

Reine und weiße K.er trägt man viel¬ 
fach auch bei der Aussaat, so im Eger¬ 
land beim Weizensäen, damit der 
Weizen nicht brandig wird 72 ), häufiger 
aber bei der Leinsaat, wenn sie nicht 
nackt (s. d.) erfolgt. Denn je weißer der 
Anzug, desto weißer wird der Flachs 73 ). 
Auch beim Erntebeginn zieht man zu¬ 
weilen reine K.er an 74 ) (s. Hemd). Bei 
besonderen Arbeiten im Hause und Felde 
trägt man auch die Sonntagsk.er 75 ), 
so daß zum Motiv der Reinheit noch der 
Umstand dazu kommt, daß diese K.er in 
der Kirche wiederholt gesegnet wurden. 
In Hessen muß die Magd das Kalb wäh¬ 
rend des Kirchenläutens im Sonntags¬ 
staat anbinden 76 ). In Schlesien soll die 
Hausfrau zum Anbinden des Kalbes neue 
K.er anziehen, damit das Kalb immer 
sauber bleibt 77 ). 




— Anw. 17 ^1914;, 304 


) 4 - MOS 4 . 0 .. . 

•°) Pauly-Wissowa 11,2, 2132 f. Vgl. Hecken 

bach de nuditate 3. 9. 17. 70; Fehrle Kult 

Keuschheit 70; Wächter Reinheit 15 ff. 21 f. 

ARw. 20 (1920/21), 469. fl ) Dieterich Kl 

Sehr. 119. 62 ) Perdelwitz Petrusbrief 49 

63 ) Bachofen Mutterrecht 249. <4 ) K. E 

Götz Über Schwarz und Weiß bei den Römern, 

Festschrift des philol. Vereines (München 1905) 

= Schmidt Geburtstag 25, vgl. 27. * 5 ) Pauly- 

Wissowa 11, 2, 2132 t.; Abt Apuleius 189 f. 

215. ••) Th. Hopfner Offenbarungszauber 

(Leipzig 1921) 147 § 574 ; 238 ff. §855«. « 7 ) 

Grimm Myth. 3, 432. * 8 ) Hoops Reallex. 

3 * 59 - * 9 ) Meyer Religgesch. 146. 70 ) Egerl. 

18 (1914). 37 4 °- 52 . 7I ) Vgl. Jungbauer 

Bibliogr. 11 Nr. 52. 72 ) Egerl. 20 (1916), 6. 

73 ) FFC. Nr. 31, 130 t. 74 ) Ebd. Nr. 62, 41t. 

167. Vgl. oben II. 942. 75 ) FFC. Nr. 31, 

131; Wuttke 419 t. § 653. 76 ) Wolf Bei¬ 


träge 1, 219 = Sartori Sitte 2, 138. 

77 ) Drechsler 2, 102. 

6 . Dort wo nicht das Motiv der Rein¬ 
heit vorliegt, verbinden sich andere aber¬ 
gläubische Vorstellungen mit neuen K.- 
ern, die zum Teil in das Gebiet der 
Tagewählerei (s. d.) und zum zeit¬ 
lichen Aberglauben (s. u.) gehören, 
auf das Herstellen, Anziehen und 
Tragen sich beziehen und sich zuweilen 
auch aus dem Glauben erklären, daß das 
neue K. mit der Person des Trägers 
noch nicht in der geheimnisvollen ma¬ 
gischen Verbindung steht, die sich 
erst bei längerem Gebrauch einstellt. 

Ein neues K. bekommt das Kind meist, 
wenn es ein Jahr alt wird, von den Paten. 
Dies wird in Schlesien das Jahrk.- 
chen genannt 78 ). Ferner soll man im 
Frühling, wenn sich die ganze Natur 
erneut 79 ), am Palmsonntag und zu 
den Ostern, ein neues K. tragen; denn 
dies bringt Glück ®°). Man muß aber 
achtgeben, daß es der Palmesel nicht 
beschmutzt 81 ). In der Schweiz zieht 
man deyi Kindern am Palmtage ein neues 
K. an, damit sie, wie man sagt, nicht 
von dem Esel gestoßen werden. In man¬ 
chen Orten wird das Kind, das an diesem 
Tage kein neues K. erhält, von den andern 
ausgelacht und Osterkalb gescholten 82 ). 
Im südlichen Böhmerwald pflegt man die 
Kinder am Karsamstag zu waschen und 
zu baden und mit neuer Wäsche und 
neuen K.em zur Auferstehungsfeier 
auszustatten 83 ). In der alten Grafschaft 
Baden wurden die Kinder auch am 
1. September frisch gek.et 84 ). Viel¬ 
fach erhalten Kinder und Dienstboten 
auch zur Kirchweih neue K.er 85 ). 
Die Esten glaubten, daß ein am Neu¬ 
jahrstage zum erstenmal angezogenes 
K. lange neu bleibt und Linnenzeug dann 
doppelte Dauer bekommt 86 ). 

Allgemein verbreitet ist der Brauch, 
bei einem neuen K. den Schneider 
auszuzwicken 87 ), was schwerlich als 
ein Vertreiben des im K. steckenden 
Dämons zu deuten ist 88 ). Man will 
vielmehr den Besitzer, dem noch die 
magische Verbindung mit dem K.e fehlt, 
gegen schädliche Einflüsse von außen. 





1471 


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1474 


hervorgemfen durch den Neid (s. böser 
Blick), aber auch durch Lob und Bewun¬ 
derung (s. berufen), schützen. Man 
zwickt nicht allein in das K., sondern 
auch in das Ohr des Trägers und fragt: 
„Wie lange soll es halten“ 89 ) ? Man 
schlägt auch auf das neue K. und sagt: 

Das Neue muß man klopfen. 

Das Alte muß man stopfen ®°). 

Man klopft so den Schneider heraus 91 ), 
indem man zuweilen auch mit der Hand 
darauf schlägt 92 ). Bei den Tschechen 
nimmt man den Träger beim Ohr und 
spricht: „Zdräv to roztrhej!“ (= Zur 
Gesundheit, zerreiß das) 93 ). Ähnlich 
sagt man im Erzgebirge beim Anlegen 
des neuen K.es: „G’fall Gott, gesund 

zerreiß's“ B4 ). 

# 

Im Isergebirge darf man ein neues K. 
das erstemal nicht zu einem Begräb¬ 
nis anzichen. Benützt man es zuerst 
beim Kirchgang, so hält es lange 95 ). 
In Schlesien und Thüringen sagt man 
dann, daß es den Segen empfangen hat 96 ), 
in Ostpreußen, daß keine Motten hinein¬ 
kommen 97 ), im Erzgebirge, daß es dem 
Träger Glück bringt 98 ), und in der 
Schweiz, daß es lange schön bleibt "). 

Glück hat der, dem in einem neuen 
K., das nicht leer sein soll, etwas ge¬ 
schenkt wird 10 °), weshalb man allge¬ 
mein in ein solches, besonders bei Kindern, 
ein Geldstück gibt 101 ). In der Schweiz 
geht das Kind, das ein neues K. bekom¬ 
men hat, bei den Bekannten herum und 
erhält von diesen einen Glückspfennig, 
z. B. ein Fünfrappenstück 102 ). Da man 
zu einem neuen Anzug stets etwas Ge¬ 
schenktes haben soll, lassen sich bei den 
pennsylvanischen Deutschen die Männer 
oft ein Paar Hosenträger dazu schen¬ 
ken 103 ). Diese Geschenke wurden damit 
erklärt, daß der Geist im neuen K.e 
eine Opfergabe erhält, daß der Glücks¬ 
geist im K.e mit diesem Geschenk be¬ 
stochen wird 104 ). In Wirklichkeit handelt 
es sich auch hier nicht um einen im Innern 
des neuen K.es versteckten Dämon, son¬ 
dern um die Abwehr äußerer Einflüsse. 

Wenn an einem neuen K. noch die 
Heftfaden sind, ist es noch nicht be¬ 
zahlt X05 ), wie die knarrenden Schuhe 


(s. d.), oder man hat dem Überbringer 
kein Trinkgeld gegeben 106 ). Hängt 
man ein neues K. zum erstenmal auf, 
so tut man es so hoch als möglich; dann 
wird man in diesem K. besonders ge¬ 
achtet werden 107 ). Ein neues K. soll 
man andere nicht anziehen lassen, 
sonst „steht es einem nicht schön“ 108 ). 
Wer ein neues K. anzieht und darin 
krank wird, wird nicht mehr ge¬ 
sund 109 ). In Obwalden (Schweiz) glaubt 
man, daß eine Person, die eine neue 
K. er mode aufbringt, nicht erlöst und 
selig werden kann, bis diese Mode wieder 
aufgegeben ist u0 ). 

Neue und noch dazu kirchlich geweihte 
K.er pflegte man den Hexen anzuziehen, 
um ihnen jede Möglichkeit zu bösem 
Zauber zu nehmen. So wurden nach einem 
elsässischen Prozeß aus 1619 der Gefan¬ 
genen zur Tortur angelegt „ganz neue 
gebenedeite K.er, darin auch eine Parti- 
cula de agno Dei genähet gewesen“ ln ). 
Auch nach schlesischen Prozeßakten des 
17. Jahrhunderts halten neue linnene K.er 
den Teufel und Hexen ab I12 ). 

78 ) Drechsler 1, 217. 79 ) Fehrle Volksfeste 2 
(1920) 60. 80 ) Egerl. 20 (1916), 6. 81 ) John 

Westböhmen 59. 82 ) Vernaleken Alpensagen 

369; Hoffmann-Krayer 143. 152. 83 ) Verf. 

8< ) Hof f mann-Krayer 165t. 85 ) Sartoti 

Sitte 3, 247. 88 ) Boeder Eksten 75. 8T ) Schra- 
mek Böhmerwald 255; Wuttke 315 § 465. 
88 ) Urquell NF. 1 (1897), 131. 89 ) Drechsler 
2, 10. 267. ®°) Grimm Myth. 3, 468 Nr. 922. 

91 ) Fogel Pennsylvania 362 Nr. 1935. cz ) 
John Westböhmen 250. 93 ) Grohmann 223 

Nr. 1554. 94 ) John Erzgebirge 36. 95 ) Müller 
Isergebirge 35. 9ft ) Drechsler 2, 267. 97 ) 

Wuttke 315 §465. 98 ) John Erzgebirge 36. 

Vgl. SAVk. 7, 134. ") SAVk. 8, 270. 10 °) John 
Erzgebirge 38. 101 ) Grimm Myth . 3, 442 Nr. 231 
(Rockenphilosophie); Panzer Beitrag 1, 262; 
Meier Schwaben 2, 510; Hey 1 Tirol 805 Nr. 283; 
Unoth 1, 187 Nr. 135; SAVk. 7, 132. Vgl. 
Baltische Studien. Stettin 1883, 247. I02 ) 

SchwVk. i, 4; 3, 91. 103 ) Fogel Pennsylvania 

377 Nr. 2055. 104 ) Urquell NF. 1 (1897), 132. 

105 ) Drechsler 2, 201; Fogel Pennsylvania 
91 Nr. 357. 10€ ) Meier Schwaben 2, 511. 107 ) 

Köhler Voigtland 433 = Wuttke 315 § 465. 
108 ) Grimm Myth. 3, 449 Nr. 447 (Rocken¬ 
philosophie). 109 } Fogel Pennsylvania 123 
Nr. 555. 110 ) Lütolf Sagen 554 Nr. 562. 
Auch in Tirol. Vgl. Sartori Sitte 1.3. 
m ) Soldan-Heppe 1, 347. lia ) Kühnau 
Sagen 3, 13 Nr. 1363. 

7. Alte und getragene K.er werden 



1! 


in der Volksmedizin, aber auch zu bösem 
Zauber benützt, da mit ihnen die Person 
des Trägers auf das engste verknüpft ist 
(s. u., ferner bes. Hemd). 

Verunreinigte und unreine K.er 
gelten als gefährlich, daher müssen Heb¬ 
ammen und Helferinnen bei einer Geburt 
oder diejenigen, welche mit einer Leiche 
in Berührung gekommen sind, danach 
die K.er wechseln (s. u.). Bei einem 
Indianerstamm in Alaska werden die 
alten K.er des mannbar gewordenen 
Mädchens nach einer bestimmten Frist 
verbrannt U3 ). 

Auch seelische Verunreinigung haf¬ 
tet an den K.em und kann durch deren 
Wechsel oder Opfer beseitigt werden. 
Auf der 3. Synode zu Toledo (589) wurde 
bestimmt, daß eine Frau, welche Buße 
tun will, zuvor das K. wechseln muß 114 ). 
Nach einer mexikanischen Handschrift 
gingen Dirnen und Ehebrecherinnen in der 
Nacht nackt auf einen Kreuzweg und 
opferten dort ihre Röcke, was das Zeichen 
war, daß sie die Sünde daließen 115 ). 

Zerlumpte K.er s. u. § 10. 

113 ) Frazer 10, 46. 114 ) Hefele Concilien- 

gesch. 3, 51 Nr. 12. 115 ) Globus 83 (1903), 272 — 
Samter Geburt 120 Anm. 

8. Einzelne Umstände beim Anziehen 
sind vorbedeutend oder verhängnisvoll, 
weshalb man besonders bei der Hoch¬ 
zeit (s. u.) dabei achtsam sein muß. 

Zieht man den linken Strumpf (s. d.) 
zuerst an, so hat man den ganzen Tag 
Unglück 116 ). Auch die Serben in Bos¬ 
nien bek.en erst den rechten, dann 
den linken Fuß; dieser kommt aber beim 
Ausk.en zuerst an die Reihe 117 ). Zieht 
man ein K.ungsstück verkehrt an, 
so geht den ganzen Tag alles verkehrt 118 ). 
Doch heißt es bei den Deutschen West¬ 
böhmens 119 ) und bei den Tschechen 12 °), 
daß gerade der Glück hat, welcher ein 
K. zufällig verkehrt anzieht. Legt man 
unwissend die Schürze (s. d.) verkehrt an, 
so soll man sie, wenn man den Fehler 
bemerkt, so lassen, sonst macht man sich 
unglücklich m ). Wenn man die Schuhe 
(s. d.) zuletzt anlegt oder früher anzieht 
als die Hose, so muß man sich schä¬ 
men m ). 

Bächtold*S täubli, Aberglaube IV 


Auf Island wurde ein besonderes Gebet 
beim Ank.en gesprochen 123 ). Eben¬ 
da pflegte man die Gottheiten der vier 
ersten Monate des Jahres unvollstän¬ 
dig angezogen zu begrüßen. Am 
x. Januar (s. d.) wurde Thorri in der 
Weise willkommen geheißen, daß alle 
Hausväter barbeinig, im bloßen Hemd, 
ein Hosenbein angezogen, das andere 
nachschleppend, auf einem Fuß um den 
Hof hüpften. Ähnlich begrüßten die 
Frauen am 1. Februar (s. d.) Goa und die 
Burschen und die Mädchen den März und 
April (s. d.). Man hat diesen Brauch mit 
der Eile erklärt, welche im Rechtswesen 
(s. Hemd, Hose, Schuhe) zuweilen eine 
Rolle spielt 124 ). Doch soll damit wohl 
auch die Unterordnung gegenüber der 
Gottheit versinnbildet werden. 

116 ) Strackerjan 1, 37 Nr. 27. 117 ) Urquell 
3 (1892), 255. 118 ) Strackerjan a. a. O.; 

Wuttke 222 §317. lj9 ) Egerl. 20 (1916), 6. 
12 °) Grohmann 227 Nr. 1622. ial ) Fogel 
Pennsylvania 381 Nr. 2048. l22 ) Ebd. 361 

Nr. 1925 b 123 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 124 ) Ebd. 
20 (1910)* 5 8 - 

9. Beim Anziehen der K.er, nament¬ 
lich neuer, und auch sonst, sind allerlei 
zeitliche Umstände zu beachten. 

Wenn der Monat (= Mond) neu ist, 
ist es nicht gut, neue K.er anzuziehen 125 ). 
Wer ein zu Mittag (s. d.) zugeschnittenes 
K. anzieht, findet den Tod 126 ). Ein 
unter besonderen Umständen vor Mitter¬ 
nacht (s. d.) gewebtes K. hüft an der 
Mosel gegen Behexung 127 ). 

Von den Wochentagen ist vor allem 
der Sonntag (s. d.) wichtig. Ein Kind, 
das an diesem Tage das erste K.chen 
anzieht, wird hochmütig 128 ). An einem 
Sonntag genähte oder ausgebesserte 
K.er soll man nicht anziehen 129 ), man 
wird sonst krank 130 ) oder es schlägt 
der Blitz hinein 131 ). Ist jemand mit 
einem solchen K. auf einem Schiff, so 
geht dies unter 132 ). Auch auf Island 
glaubt man, daß Seeleute in K.em, 
welche an einem Sonntag ausgebessert 
wurden, umkommen 133 ). Nach einer 
Sage aus Jeverland verfolgte einen Pre¬ 
diger, der am Sonntagmorgen seinen 
Chorrock flicken ließ, ein schwarzer 
Hund 134 ). Eine Frau, die an einem 

47 









1475 


Kleid 



Sonntag näht, kann nicht sterben 135 ) f 
ebenso nicht der Kranke, der ein am 
Sonntag gearbeitetes K. trägt 136 ) oder 
auf Bettwäsche liegt, an der an einem 
Sonntag genäht wurde 137 ). Auch der 
Tote hat keine Ruhe, wenn sein Leichen¬ 
gewand an einem Sonntag verfertigt 
wurde 138 ). Die Tschechen glauben, daß 
in einem am Samstag gesponnenen und 
am Sonntag vor der hl. Messe gemangelten 
Leichenhemd der Tote weder ruhig liegen 
noch verwesen kann 139 ). Nach magyari¬ 
schem Glauben soll man am Sonntag 
nicht nähen, spinnen oder weben; denn 
man verrichtet diese Arbeiten für das 
Leichenhemd der Person, die man am 
meisten liebt 140 ). In Lauenburg darf 
man die Trauerk.er nicht an einem 
Sonntag mit andern vertauschen; sonst 
ist bald wieder Trauer im Hause 141 ). 
Regnet es an einem Sonntag, an dem 
der Pfarrer ein grünes Meßk. an¬ 
hat, so regnet es noch länger oder neun 
Sonntage hintereinander 142 ). 

Auch am Samstag (s. d.) soll man 
K.er nicht zuschneiden 143 ) und nicht 
kaufen 144 ). Die Magyaren glauben, 
daß der stirbt, welcher ein an diesem 
Tage zugeschnittenes K. trägt, es sei 
denn, daß man das K. bis Mitternacht 
ganz fertig gemacht hat 145 ). Am Samstag 
muß der Saum des K.es der Jungfrau 
Maria trocknen, den die armen Seelen 
am Freitag, wenn Maria durch das 
Fegefeuer schreitet, mit ihren Tränen 
benetzen. Daher ist am Samstag immer 
Sonnenschein 146 ), nach einer häufigeren 
Überlieferung aber auch deshalb, weil 
Maria ihr Hemd (s. d.) oder das des 
Jesuskindes für den Sonntag trocknen 
muß. Wer am Mittwoch (s. d.) ein 
neues K.ungsstück anlegt, bekommt 
Kopfweh 147 ). Ferner soll man am 
Montag (s. d.) kein neugewaschenes K. 
anziehen 148 ) und auch am Freitag 
(s. d.) kein neues K. anlegen 149 ). An 
diesem Tage darf man bei den Magyaren 
auch kein K. zuschneiden 15 °). 

Am Karfreitag soll man die K.er 
an die Sonne hängen, weil dann weder 
Motten noch Schaben hineinkommen 151 ), 
von denen man auch verschont bleibt, 


wenn man die K.er am Abdonstag 15a ) 
oder zu Margarethe 153 ) ins Freie hängt. 
Wer ein am Karfreitag gewaschenes oder 
ausgebessertes K.ungsstück trägt, fällt 
ins Wasser 154 ). In das am Himmel¬ 
fahrtstage genähte K. schlägt der 
Blitz ein 165 ) oder dem Träger ziehen 
die Gewitter nach 156 ). Wer zu Maria 
Empfängnis (8. Dezember) flickt oder 
näht, den schreckt nach west böhmischem 
Glauben die weiße Frau 157 ). 

Vgl. bes. Hemd § 7 a. 


125 ) DWb. 6, 2484. 128 ) Drechsler 2, 189. 

127 ) Seligmann Blick 2, 220. 128 ) ZfVk. 4 

(1894), 326 = Dirksen Meiderich 48. 129 ) 

Wuttke 59 § 66; 315 § 465. 13 °) Strackerjan 
2, 23 Nr. 282; Stemplinger Aberglaube 114. 
m) Wuttke 304 §447. 132 ) Ebd. = Birlinger 
Volksth. 1, 496. 133 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 134 ) 


Strackerjan 2, 24. 


135 


) 


3 M- 


130 


) ZfVk. 4 (1894), 327 


Höhn Tod 
= Dirksen 


Meiderich 49. 137 ) Drechsler 2, 184. 138 ) 

Ebd. u. 1, 293. 13# ) Grohmann 192 Nr. 1349 
= Wuttke 461 §731. i«>) H. Wlislocki 

Volksglaube (1893) 70 = ZfVk. 4 (1894), 309. 
141 ) Wuttke 467 §742. l42 ) Zingerle Tirol 

120; Meyer Baden 157 = Gesemann Regen¬ 
zauber 64; Pollinger Landshut 230; ZfVk. 
10 (1900), 185 (München). 143 ) Zingerle 

Tirol 124. 144 ) Drechsler 2, 188; Wuttke 

62 §72. 145 ) ZfVk. 4 (1894), 308. 148 ) Bolte- 
Pollvka 3, 457 Anm. 147 ) Drechsler 2, 267. 
148 ) Köhler Voigtland 359. 149 ) Dähnhardt 

Volksth. 1, 98 Nr. 27. 158 ) ZfVk. 4 (1894), 308. 
151 ) Grimm Myth. 3, 446 Nr. 355 (Rocken¬ 
philosophie); Drechsler 1, 89; Wuttke 74 
§ 86. 152 ) Fogel Pennsylvania 257 f. Nr. 1341. 
153 ) Egerl. 20 (1916), 6. 184 ) John Erzgebirge 

jq 3 155) Wuttke 78 §91 (Ostpreußen). 15# ) 
Ebd. (Voigtland). 157 ) Egerl. 20 (1916), 6. 


10. In der Sage wird oft das K. 
der Geisterwesen nach Farbe, Stoff, 
Form und Zustand genau beschrieben, 
wobei durchaus nicht immer ein will¬ 


kürliches Spiel der Phantasie am Werke 
ist, sondern sich nicht selten sinnvolle, 
innerlich begründete Zusammenhänge zwi¬ 
schen dem K. und dem Träger ergeben. 
In einzelnen Sagen kommt dem K. 
auch eine besondere Verwendungsart zu. 

Die Waldgeister haben meist ein 
phantastisches, ihrer Natur und Um¬ 
gebung angepaßtes K. So tragen die 
Fanggen und Wildfrauen der Alpen 
Joppen aus Baumrinde und Schürzen 
aus Wüdkatzenf eilen 158 ), wie ähnlich 
die Mittagsmutter oder Mittagsmuhme 


14 77 


Kleid 



des Rheinlandes durch ein K. aus Ziegen¬ 
fell gekennzeichnet erscheint 159 ) (s. Mit¬ 
tagsdämon, Teufel). In K.er aus Moos, 
grauem Mies (Baumbart) oder Rinde 
sind die Holzmännlein und Moos¬ 
weibchen gehüllt 160 ), was, allerdings 
erst in neuerer Zeit, wo vielfach bildliche 
Darstellungen und Schnitzwerke die Vor¬ 
stellung des Volkes beeinflussen, auch 
von Rübezahl berichtet wird. Sonst 
tritt dieser auch als ein Jäger der alten 
Zeit mit graugrünem Rock und drei¬ 
spitzigem Hut auf 161 ). Ebenso erscheinen 
auch die Waldgeister zuweilen in rein 
menschlicher K.ung, die der Mode 
einer früheren Zeit entspricht, sich sogar 
mitunter an eine bestimmte landschaft¬ 
liche Tracht anschließt. So sahen die 
Holzweibeln im Voigtland den ober- 
ländischen Bäuerinnen ähnlich und hatten 
gelbbraune Schürzen wie die Landleute 
bei Schleiz, während die Holzmännel 
grüne Jagdk.er mit roten Aufschlägen 
und schwarze dreieckige Hüte trugen 162 ). 

Grüne K.er haben die Waldfrau 
und der Waldjäger in Schlesien 163 ), 
ferner Kobolde in niederländischen, hol¬ 
steinischen, thüringischen, hessischen und 
badischen Sagen. In der Mark heißt 
einer danach der „grüne Junge“; in 
Holland haben sie auch Gesicht und 
Hände grün 164 ). Ein grünes Gewand 165 ) 
und hohe Wasserstiefel hat der Wasser¬ 
mann, aus dessen linker Rocktasche es 
beständig tropft 166 ), wie auch der K.- 
ersaum der ebenfalls meist grün ge¬ 
kleideten Wasserjungfern naß ist 167 ). 

Die rote Farbe, die sich bisweilen in 
der K.ung des Wassermannes und 
seiner Tochter findet 168 ), ist kennzeich¬ 
nend für die Zwerge und Kobolde 169 ) 
(s. d.). Auch der Puck auf Rügen und 
in der Neumark hat rote K.er 17 °). In 
thüringischen Sagen wird das Wichtel- 
k. genau beschrieben. Die Männchen 
tragen kleine Dreimaster, rote Röckchen, 
kurze und weite Hosen, lange Strümpfe 
und Schuhe mit sehr hohen Absätzen, 
die Weibchen kleine, zweiteilige Schnepp- 
hauben und weiße Röckchen 171 ). Auch 
die Irrlichter haben als Feuergeister 
oder mit dem Fegefeuer und der Hölle 


in Verbindung stehende arme Seelen 
rote Gewänder und werden daher, meist 
spöttisch, Rotkäppel, Rothösel, Rotröckel 
und Rotstrumpf genannt 172 ). In Nor¬ 
wegen sieht man die Pestfrau manch¬ 
mal in einem roten K. 173 ), ein absonder¬ 
liches rotes Gewand hat vereinzelt auch 
der ewige Jude 174 ); einen roten Rock, 
schwarzes Mieder, weiße Strümpfe, Kopf¬ 
tuch und Holzpantoffel hat in einer 
sächsischen Sage eine Hexe, die der 
Beschwörer zu erscheinen zwingt 175 ). 

Auch in der K.ung des Alps ist das 
Rot in den roten Schnallenschuhen ver¬ 
treten, die aber blaue Maschen tragen. 
Dieses Blau überwiegt in Schlesien, 
wo der Alp blaue Pumphöschen und ein 
blaues Mäntelchen hat, während die 
Strümpfe schwarz sind und die spitze 
Mütze aus Wolfsfell ist 176 ). Mitunter 
trägt er ein blaues, mit weißen 
Punkten besetztes K., das an den 
Sternenhimmel erinnert. Ein solches 
K. ist aber auch ein Schutzmittel 
gegen den Alp, der den Schlafenden nicht 
eher drücken darf, bis er die Punkte 
gezählt hat 177 ). 

Häufiger ist die graue Farbe. Eine 
graue Kutte oder ein Mönchsgewand trägt 
der Bergwerksgeist 178 ), ferner Rübe¬ 
zahl, wenn er als Bergmönch auftritt 179 ), 
vereinzelt auch der Wassermann 180 ) 
und der Teufel. Dieser hat nach einer 
Aussage in einem Hexenprozeß Dale- 
karliens aus dem Jahre 1669 einen 
grauen Rock, rot und blau gewirkte 
Strümpfe, einen mit bunten Schnüren 
verzierten hohen Hut und lange Knie¬ 
bänder 181 ). Grau gek.et sind oft die 
Zwerge, die daher nicht selten Grau¬ 
männchen heißen 182 ), dann aber auch 
arme Seelen und ruhelose Tote 183 ). 
Bei den Verstorbenen kann man durch 
eine Schaumesse feststellen, ob sie in 
der Holle, im Fegefeuer oder im Himmel 
sind, da sie sich dann je nach ihrem 
Aufenthaltsort schwarz, grau oder weiß 
gek.et zeigen 184 ) (s. u. § 17). Auch 
von den in einer Vision der Christnacht 
geschauten Toten des nächsten Jahres 
tragen die Verdammten schwarze, die 
Seligen weiße K.er 185 ). 


M79 


Kleid 


1481 


Kleid 


1482 


Sonst erscheinen die Toten stets im 
weißen K. oder im weißen Hemd, in 
dem sie bestattet wurden. Weiß ge- 
k.et sind auch meist die Geister und 
Gespenster 186 ), so namentlich die weiße 
Frau 187 ) (s. d. und Perchta), die aber 
auf dem Schloß zu Detmold in grauem 
K. erscheint, wenn ein Todesfall bevor¬ 
steht 188 ) und zu Neuhaus in Südböhmen 
ein Gegenstück in einer schwarzen Frau 
erhalten hat 189 ). Wo Gespenster im 
schwarzen K. sich zeigen, handelt es 
sich meist um Verdammte 190 ), deren 
Herr, der Teufel, selbst auch in schwarzer 
Tracht, bedeckt mit dem mit einer roten 
Hahnenfeder geschmückten Hut (s. d.), 
auf tritt 191 ). Verbreitet ist die Vor¬ 
stellung, daß eine arme Seele nur solange 
schwarz oder schwarz gekleidet ist, als 
die Zeit der Buße dauert 192 ). In manchen 
Fällen geht die Erlösung stufenweise 
vor sich; die früher schwarze Gestalt 
erscheint zunächst nur teilweise oder 
zur Hälfte weiß und ist erst bei beendeter 
Erlösung ganz weiß oder flattert erlöst 
als weiße Taube fort 193 ). Zuweilen be¬ 
richten die Sagen auch von gespensti¬ 
schen weißen K.ungsstücken, 
ohne daß Personen zu sehen sind 194 ). 
Solche Phantasiebilder wurden durch 
den Anblick von Wolken und Nebel¬ 
fetzen veranlaßt, was auch zu dem 


veranlagt, was aucn zu 
häufigen Sagenmotiv von der Gei st er - 
wäsche (s. Wäsche) geführt hat 195 ). 
Endlich kommt auch der Fall vor, daß 
das K. selbst unsichtbar ist, daß 
man nur, wie besonders bei den Seiden- 
k.em weiblicher Schloßgeister (s. o. 
§ 3), das Knistern oder Rauschen hört 196 ), 
das zuweilen mit dem Rascheln von 
Papier verglichen wird 197 ). 

Geisterwesen tragen nicht selten zer¬ 
lumpte K.er, eine Vorstellung, die 
man ursprünglich vor allem mit den 
Toten und armen Seelen verband, 
die in dem K., in dem man sie bestattet 
hat, umgehen müssen und es nicht, wie 
die Lebenden, ausbessem oder durch 
ein neues ersetzen können, wenn es 
schadhaft geworden ist. Zuweilen zeigt 
sich aber auch das Motiv, daß sie solange 
büßen müssen, bis ihr K. zerrissen ist. 


1480 

weshalb sie von einem K.ergeschenk 
(s. §11) nichts wissen wollen, und, wie viele 
Hausgeister und Zwerge mit zer¬ 
lumpten K.ern 198 ), in diesem Falle den 
Dienst verlassen. Halbnackt sind die 
Hausgeister (Heugütel) im Erzgebirge, 
die man als Seelen ungetauft verstorbener 
Kinder auf faßt 199 ); recht kurze K.er 
tragen die Zwerge in der Lausitz, weshalb 
man dort von einem so gek.eten 
Menschen sagt: ,,Er geht wie ein Feens- 
männel" a0 °). Ärmliche K.ung haben 
ferner die Walen oder Venediger, 
während sie daheim in Italien prächtig 
gek.et daherkommen 201 ), dann der 
Wassermann, der nach einer Böhmer¬ 
waldsage eine Magd aufnimmt, weil sie 
ihm in Ertrinkungsgefahr ein neues K. 
zu spinnen verspricht 202 ) l der auch gern 
seine mitunter aus lauter kleinen Fleck¬ 
chen bestehenden K.er flickt 203 ). Bei 
den Tscheremissen richtet sich die K.¬ 
ung des Wassergeistes nach der Größe 
des Flusses, in dem er wohnt. Je kleiner 
dieser ist, desto ärmlicher ist sein K. 204 ). 
Auch die Roggenmuhme hat hie und 
da zerrissene K.er 205 ), ein zerlapptes 
braunes Jägerk. trägt der Hackel- 
berg 206 ), und nur mit Leinwandfetzen 
ist ein Feldgeist bei Freiwaldau in 
Tschech.-Schlesien bek.et 207 ). Vorbe¬ 
deutung hat das K. eines Schlo߬ 
fräuleins, das alle 100 Jahre auf dem 
Karpenstein einer Braut erscheint. Hat 
es ärmliche K.er, so wird die Ehe 
kummervoll; hat es schöne K.er, so 
bedeutet es Glück 208 ). 

Von sonstigen Sagenmotiven ist zu 
erwähnen, daß man einen Schatz 
bannt 209 ), indem man stillschweigend 
ein auf dem bloßen Leib getragenes 
K.ungsstück darauf wirft. Nach 
andern soll aber gerade dies den Tod 
bringen, weshalb man außer einer Brot¬ 
rinde u. a. zum Schatzbannen am besten 
ein Taschentuch verwendet 210 ). Ein 
häufiger Sagenzug ist, daß der Teufel 
einen Schatzgräber, den er nach einem 
K.ungsstück, z. B. nach der roten 
Weste, bezeichnet, als Opfer fordert 
und so zum Sprechen bringt, worauf 
der Schatz verschwindet 2n ). 


r 

r V 


Vor der Verwandlung in ein anderes 
Wesen galt seit je, wie auch sonst bei 
aktivem Zauber, z. B. der Zukunfts¬ 
erforschung 212 ), die Vorschrift, daß das 
K. ausgezogen werden mußte 213 ) (s. 
nackt). Den engen Zusammenhang zwi¬ 
schen K. und Person betont der Glaube, 
daß eine Rückverwandlung in die 
menschliche Gestalt unmöglich ist, wenn 
die vor der Verwandlung abgelegten 
K.er weggenommen wurden 214 ) (s. 

Schwanenjungfrau, Werwolf). Ebenso 
kann der Hexenmeister den ausgeübten 
Bann nur in seinem vorigen Anzug wieder 
lösen 215 ). Geister werden durch Weg¬ 
nahme des K.es, aber auch sonst 
eines Gegenstandes, an den ihre über¬ 
menschliche Natur geknüpft ist, zum 
Verharren in rein menschlichen Lebens¬ 
bedingungen gezwungen und verschwinden 
sofort, wenn sie das K. in die Hand 
bekommen 216 ). Sonst wird das K. 
auch als hindernd empfunden, so z. B. 
muß der Alp, wenn er drücken geht, 
sein K., seine menschliche Hülle zurück¬ 
lassen 217 ), zuweilen auch als unnötig 
und unpassend. Wie der Teufel die 
abgezogene Haut der Hexenbäuerin zu¬ 
rückläßt und nur den Leib mitnimmt 218 ), 
so bleiben auch die K.er der vom Teufel 
Geholten meist irgendwo liegen 219 ), und 
dem von der wilden Jagd Entführten 
werden sie vom Leib gerissen 220 ). 

Bei den Herren von Löwenburg, die 
ihre K.er ohne Nagel an der Wand 
auf hängen können, ist ein Sagenmotiv 
vom Mantel (s. d. und Handschuhe) auf 
die ganze K.ung übertragen worden. 
Wenn sie aber unwissend ein falsches 
Urteil gesprochen hatten, verließ sie 
diese Wunderkraft 221 ). In der Sage, 
aber auch in der Geschichte findet sich 
ferner das Motiv, daß jemand das Hemd 
oder K. bis zum Eintritt eines bestimmten 
Ereignisses nicht wechselt oder bis 
dahin Haar und Bart wachsen läßt 222 ). 
Wie von eisernen Schuhen (s. d.), so weiß 
die Sage auch von eisernen K.ern 
(= Panzer) zu berichten. Solche trug 
der Räuber Johann Hübner im Sieger¬ 
lande 223 ). Das unglaublich große K. 
des riesigen Räubers und Menschen¬ 


fressers Erkinger bewahrte man lange 
in der Riesenkapelle des Klosters Hirsau 
auf. Es war 14 Fuß lang. Dazu gehörten 
riesigeHosenträger und ein Riesenschuh 224 ). 
In der französischen Überlieferung findet 
sich das schon aus dem Altertum (Dido) 
bekannte Motiv, daß ein geschenktes 
Land mit Riemen aus Ochsenhaut um¬ 
grenzt wird, dahin geändert, daß dies 
mit aus einem K. geschnittenen 
Streifen geschieht 225 ), ferner auch das 
Motiv von K.erabdrücken auf Fel¬ 
sen 226 ), wo das K. an Stelle des Körpers 
(s. bes. Fußspur) getreten ist. 

i 58 ) Vonbun Sagen 2 (1889) 39; Alpenburg 
Tirol 51 f.; Mannhardt i, 89 ff. 105 - Zau- 
nert Natursagen 1, 66. X59 ) Zaunert Rhein¬ 
land 2, 239. 160 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 

358!!. = Bavaria 2 (1863), 238; Zaunert 

Natursagen 1, 83; Sieber Sachsen 173; Quen- 
sel Thüringen 211. 16X ) G. Jungbauer Die 

Rübezahlsage (Reichenberg 1923) 40. 1$2 ) Eisei 
Voigtland 22 Nr. 37; Quensel Thüringen 211. 
X63 ) Kühnau Sagen 4, 136; Peuckert Schlesien 
189. 193. 195. 184 ) Zaunert Natursagen 1, 

140 zu 56. 166 ) Kühnau Sagen 4, 136. 188 ) Pfalz 
Marchfeld 140 f. 167 ) Wucke Werra 335 Nr. 576. 
168 ) Kühnau Sagen 4, 176; Peuckert Schlesien 
213. 169 ) Kühnau Sagen 4, 175. Vgl. Kapff 
Schwaben 45. 17 °) Ranke Sagen 2 162. 171 ) 

Wucke Werra 362 Nr. 628 = Quensel Thü¬ 
ringen 196. 172 ) Quensel a. a. O. 251. 173 ) 

Grimm Myth. 2, 994. 174 ) Zaunert Westfalen 
297. 176 ) Sieber Sachsen 237. 176 ) Peuckert 
Schlesien 108. 177 ) Ebd. 110. X78 ) Ebd. 219; 

Sieber Sachsen 162. Vgl. oben 1, 1073. 
179 ) G. Jungbauer Die Rübezahlsage 12; 
Peuckert Schlesien 176 f. X8 °) DVöB. 12, 
22 f. — Peuckert Schlesien 211. x6x ) Soldan- 
Heppe 2, 173. 182 ) Vgl. Zaunert Natur¬ 

sagen 1, 31; Jungbauer Böhmerwald 25. 
113. X83 ) Kühnau Sagen 4, 134!.; Peuckert 
Schlesien 155 f.; Sieber Sachsen 143 f. 184 ) DG. 
10 (1909), 25. xß6 ) Sieber Sachsen 279. 188 ) 

Kühnau Sagen 4, 215 ff.; Peuckert Schlesien 
142. 145. 152. 169; Jungbauer Böhmerwald 
35 - 38. 98. 112. 117. 122. 234; Zaunert Rhein¬ 
land 1, 185; Kapff Schwaben 54. 60. 86 . 187 ) Vgl. 
Zaunert Natursagen 1, 105; Jungbauer 

Böhmerwald 138 fr.; Sieber Sachsen 309; 
Quensel Thüringen 161 ff. 188 ) Zaunert 
Westfalen 139. i89 ) Jungbauer Böhmerwald 

145. 19 °) Kühnau Sagen 1, 125. 238. 445; 

Jungbauer Böhmerwald 25. 96 t.; Kapff 

Schwaben 79. 191 ) Kühnau Sagen 2, 554 Nr. 

1201 = Peuckert Schlesien 254. X92 ) Klapper 
Erzählungen 106 Nr. 94. 310. 193 ) Jungbauer 
Böhmerwald 234. 194 ) Bohnenberger 9. 

i95) Vgi Zaunert Natursagen 1, 69; Meyer 
Germ. Myth. 28S. X96 ) Kühnau Sagen 1, 133 

Nr. 144; Zaunert Rheinland 1, 231; Quensel 



Kleid 



Thüringen 312; Sebillot Folk-Lore 4, 135. 
197 ) Peuckert Schlesien 145; Jungbauer 
Böhmerwald 113. 217. 198 ) Witzschel Thü¬ 

ringen 1, 151 Nr, 147; 185 Nr. 182; 192 f. Nr. 
189; Zaunert Natursagen 1, 31. 45 u. Westfalen 
28. 1M ) M ei che Sagen 293 Nr. 380. 20 °) Kühnau 
Sagen 2, 68. 201 ) Sieber Sachsen 73 f.; Quensel 
Thüringen 113. 


202 


) Jungbauer Böhmerwald 
5 7 - 203 ) Kühnau Sagen 2, 355 = Zaunert 

Natur sagen 1, 116; Jungbauer Böhmerwald 51 ; 
Sieber Sachsen 179. 185. 204 ) FFC. Nr. 61, 58. 
206 ) Zaunert Natursagen 1, 99. 206 ) Zaunert 

Westfalen 50. 207 ) Kühnau Sagen 3, 455 ff. 

Nr. 1838 t. = Peuckert Schlesien 230. 208 ) 

Kühnau Sagen 1, 233 t. Nr. 224 = Peuckert 
Schlesien 130. 209 ) Grimm Myth. 2, 811; 

And ree Braunschweig 406; J ec kl in Volks - 
tüml. 107. 2l °) Grimm Myth . 3, 455 Nr. 612. 

2n ) DG. 4 (1902), 85. 212 ) Vgl. Bohnenberger 
25- * 13 ) Vgl. Heckenbach de nuditate 36 ff. 

214 ) Grimm Myth. 2, 917 ff. Vgl. 1, 354. 
356. 216 ) Wucke Werra 363 f. Nr. 631. 21i ) Aus¬ 
führliche Lit. bei Jiriczek Heldensagen 1, 9. 
Dazu Wolf Beiträge 2, 212 {. ; Panzer Beitrag 
2, 123; Gräber Kärnten 59; Zaunert Natur¬ 
sagen 1, 49 f.; Frazer 3, 46 ff. 52 t. 61. 64. 67. 
75 f. 2l7 ) Sieber Sachsen 201. 203. 218 ) Ebd. 

271. 219 ) Quensel Thüringen 298. 220 ) Jung¬ 
bauer Böhmerwald 84. 221 ) Schell Bergische 

Sagen 508 Nr. 30 = Zaunert Rheinland 2, 15. 
222) ZfVk. 35/36 (1925/26), 276 t. 223 ) Zaunert 
Westfalen 234. Vgl. oben 2, 730. 224 ) Kapff 

Schwaben 37. 225 ) S6billot Folk-Lore 4, m. 
228 ) Ebd. 1, 399. 


11. Ein häufiger Sagenzug ist, daß die 
Geister durch ein K.ergeschenk 
vertrieben werden, so Zwerge 227 ), Erd¬ 
männlein 228 ) und Erdweiblein 22 °), der 
Erdgeist Waldgeister, die im Hause 
helfen M1 ), die meist das Vieh hütenden 
Fänggen und wilden Männlein der Al¬ 
pen 232 ), der Norg in Tirol 233 ), die 
Waldweiblein 234 ), das Busch weiblein 235 ), 
das Holzweibel Z36 ) > das im Hause tätige 
Wasserweiblein 237 ), das Seemännlein 238 ), 
der Klabautermann 239 ), ferner allerlei 
andere Hausgeister 240 ), der Niß im 
Norden 241 ), das Heugütel im Voigt¬ 
land 242 ) und Jüdel in Sachsen 243 ), dann 
der wohl auch Segen bringende, aber 
boshafte Kobold 244 ), und endlich die 
Schratl, denen man jedoch mit Absicht 
K.er hinlegt, um sie zu vertreiben 245 ). 


Als Grund für dieses Verhalten der 
Geister gibt die Sage gewöhnlich an, 
daß sie sich entlohnt und damit ent¬ 
lassen fühlen, daher oft klagend den 
Ort verlassen 246 ). Daß dieser Sagenzug 
in einer Gegend entstanden sein muß, 


in welcher das Schenken eines Paar 
Schuhes oder eines K.es ein Aufkünden 
bedeutete 247 ), braucht man nicht an¬ 
zunehmen. In Wirklichkeit handelt es 
sich bei diesen Geistern, deren K. ent¬ 
weder zerrissen ist 248 ) oder die, aller¬ 
dings seltener, überhaupt nackt sind 249 ), 
um arme Seelen, deren Buße solange 
dauert, als sie K.er am Leibe haben, 
ausnahmsweise auch noch länger, wo 
sie dann nackt erscheinen. Durch das 
Geschenk von K.ern werden sie ge¬ 
zwungen, ihre Buße von neuem zu be¬ 
ginnen. Daher klagt auch das Holz¬ 
fräulein in der Überlieferung der Ober¬ 
pfalz, daß es nun aufs neue solange 
leiden müsse, bis das geschenkte K. 
zerrissen ist * 50 ). Unnötig ist es, diesen 
Sagenzug als einen Jahreszeitenmythus 
aufzufassen und dahin zu deuten, daß 
im Herbst, wenn der Sturm das Moos- 
und Blätterk. der Bäume zerreißt, der 
Dämon der Vegetation, zum Genius des 
Wachstums überhaupt erweitert, sich 
in das Haus des Landmannes als segnender 
Hausgeist zurückzieht und im Frühling, 
wenn er ein neues K. bekommt, wieder 
zu Wald und Flur zurückkehrt 251 ). 

Nach anderen, weniger verbreiteten 
Sagen werden die Geister durch ein 
K.ergeschenk erfreut, wenn ihnen 
auch zuweilen die rote Farbe 252 ) oder 
der Umstand, daß am K. die Knöpfe 
fehlen, nicht gefällt 253 ). Nicht selten 
dünken sie sich von nun an zu stolz, 
weiter knechtische Arbeit in den schönen 
K.ern zu verrichten 254 ). So heißt es 
in einem altnorwegischen Sinnspruch, der 
den Gedanken unseres Sprichwortes 
,,K.er machen Leute“ wirksam aus¬ 
drückt: „Meine K.er gab ich auf dem 
Felde zweien Baummännern. Sie dünkten 
sich Helden, als sie Gewände hatten, 
der Schmähung ausgesetzt ist der nackende 
Mann“ 255 ). 

Auch hier scheint es sich in den meisten 
Fällen um arme Seelen zu handeln, 
deren Erlösung aber erfolgt, wenn sie 
eine Zeitlang ohne Lohn gedient haben. 
An dem Tag, an dem sie durch ein K. 
belohnt werden, ist ihre Bußzeit zu Ende. 
Nach Kennedy, Fictions of the Irish 



Kleid 


i486 


Celts, S. 129 erhält der frierende Poska 
von den dankbaren Dienstboten ein K. 
und sagt, indem er weggeht: „My punish- 
ment was to last tili I was thought worthy 
cf a reward for the way I done tny duty. 
You’U see me no more “ 256 ). In der ältesten 
deutschen Sage, in welcher dieses Motiv 
erscheint, in der 1559 aufgezeichneten 
Erzählung vom Kobold im Schwerinschen 
Franziskanerkloster, verlangt dieser als 
Lohn für seine Dienste tunioam de 
diuersis coloribus et iintinnabulis plenam 
und erhält, als seine Zeit um ist, auch 
diesen Schellenrock 257 ), der beweist, daß 
damals eine Verwandtschaft zwischen 
dem Kobold und Schalksnarren bestand. 

Eine dritte Gruppe von Überliefe¬ 
rungen ist jene, wo von keinem Dienst 
die Rede ist, das K.ergeschenk 
aber doch auch die Erlösung armer 
Seelen bedeutet, deren Ruhe zuweilen 
an den Besitz eines bestimmten K.ungs- 
stückes geknüpft ist. Die nackten Kinder 
der Unterirdischen verschwinden, wenn 
sie Leinenzeug erhalten 258 ). Sie sind 
erlöst wie das ungetauft gestorbene Kind, 
dem man einen Namen gibt. Nach 
tschechischem Glauben weinen die ohne 
Hemd begrabenen, nicht getauften oder 
von der Mutter ermordeten Kinder so¬ 
lange, bis man ein Hemd auf das Grab 
legt 259 ). Sie brauchen dies, wie auch 
der Tote, dem man sein K. (s. Hemd) 
wegnimmt, nicht mehr in das Grab 
zurück kann. 

Ursprünglich mag es sich bei K.er- 
geschenken an Geister auch um ein 
Abwehropfer gehandelt haben 260 ), durch 
das man sich besonders vor bösen Wieder- 
gängern sichern wollte. Eine Art Ab¬ 
wehropfer liegt auch in den Sagen von 
der Geistermesse (s. d.) vor, aus der 
man nur dann ungefährdet entrinnen 
kann, wenn man ein K.ungsstück 
(Halstuch, Mantel, Pelz, Rock, Schürze, 
Umhängtuch u. a.) den Geistern über¬ 
läßt, die es meist zerfetzen 261 ). 

227 ) Grimm Myth. 1, 401; 3, 141; Panzer 
Beitrag 1, 42. 155. 281; Schambach u. Müller 
141 Nr. 152. 354; Quitzmann 174; Pröhle 
Unterharz 10 Nr. 30; 14 Nr. 44; Bechstein 
Thüringen 2, 44; Wucke Werra 2 Nr. 2; 54 
Nr. 103; Quensel Thüringen 203. 206 f. 215; 


Schell Berg. Sagen Nr. 194 = Zaunert Rhein¬ 
land 1, 202 f.; ders. Westfalen 29; Reusch 
Samland 19 ff. Nr. 15 f.; Gander Niederlausitz 
45 t. Nr. 116—119; Meyer Germ. Myth. 133 
§ 171. Weitere Lit. bei Bolte-Polivka 1, 
364 f. Vgl. auch S6billot Folk-Lore 4, 29. 
228 ) Kuhn Westfalen 1, 151 Nr. 155; 156 ff. 
Nr. 161. 163; Meier Schwaben 1, 62 Nr. 69; 
Kapff Schwaben 43; Lütolf Sagen 474!. Nr. 
436; Pollinger Landshut 122 f. 229 ) Baader 
NSagen 67. 23 °) Pröhle Unterharz 150 Nr. 379. 
231 ) Mannhardt 1, 80. 232 ) Vonbun Sagen 2 

(1889) 60 ff. Nr. 1 u. Beiträge 59. 61; Verna- 
leken Alpensagen 2iiff.; Reiser Allgäu 1, 
133. 148; Fient Prättigau 142; Herzog 

Schweizersagen 1, 130 f.; Jecklin Volkstüml. 
270. 316 f. 409; Heyl Tirol 23 Nr. 26; 616 
Nr. 82; Mannhardt 1, 96. 233 ) Zingerle 

Sagen {1859) 42!.; Alpenburg Tirol 121 

Nr. 36. 234 ) Bechstein Thüringen 2, 153; 

Kühnau Brot 38. 235 ) Sieber Sachsen 176. 

236 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 362 ff. 379; 

Bavaria 2 (1863), 238!.; Eisei Voigtland 23 
Nr. 41 = Ranke Sagen 2 182 f. 237 ) Groh- 
mann Sagen 141 f. = Rank Böhmerwald 1, 
162 ff. =3 Jungbauer Böhmerwald 64 f. 247. 
238 ) Meier Schwaben 1, 73 Nr. 80. 239 ) Kuhn 
u. Schwartz 15 Nr. 17, 469. 24 °) Vernaleken 
Alpensagen 232 Nr. 162; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 2, 302 f. — Zaunert Natur sagen 1, 45 f- \ 
Bechstein Thüringen 1, 254: Grohmann 
Sagen 205; Gräber Kärnten 65: Zaunert 
Rheinland 1, 59. 241 ) ZfVk. 8 (1898), 12. 16 f. 
143. 242 ) Meiche Sagen 291 Nr. 378. 243 ) Sieber 
Sachsen 258. 244 ) Eisei Voigtland 54 Nr. 122. 
245 ) Gräber Kärnten 34. 246 ) Witzschel Thü¬ 
ringen 1, 151 Nr. 147; 185 Nr. 182; 192t. 

Nr. 189; Meier Schwaben 1, 62 Nr. 69; 73 Nr. 
80; Alpenburg Tirol 121 Nr. 36; Reusch 
Samland 19 ff, Nr. 15 f.; ZfVk. 8 (1898), 145. 
247 ) ZfVk. 8, 146. 248 ) Meier Schwaben 1 Nr. 69. 
80; Reiser Allgäu 1, 148. 249 ) Reiser Allgäu 


133 


250 


) Schönwerth Oberpfalz 2, 379 
Nr. 21. Ebenso vom Nörgel bei Zingerle Sagen 
(1859) 41 Nr. 54. Vgl. Ranke Sagen 2 146. 284. 
251 ) Mannhardt 1, 80 f. 262 ) Zingerle Sagen 
(1859) 43 Nr. 59. 253 ) Ranke Sagen 2 145 f. 

254 ) Roch holz Sagen 1, 287; Reiser Allgäu 
i, 148; ZfVk. 8 (1898), 143 f. 2bb ) Mannhardt 
1, 73 - 25ß ) ZfVk. 8, 145 2 . 257 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 1, 74 f.; Grimm Myth. 1, 423. 258 ) Möllen¬ 
hoff Sagen (1921) 349 Nr. 514. 259 ) Grohmann 
112 f. 26 °) Ranke Sagen 2 145 f. 261 ) Vgl. 
Bolte-Polivka 3, 472; Gräber Kärnten 

185 h.; John Erzgebirge 167; Peuckert Schle¬ 
sien 136; Jungbauer Böhmerwald 218 mit 
weiterer Lit. 263. 


12. Unter den verschiedenen Arten 
von K.eropfern heben sich besonders 
drei heraus, das Opfer für Götter 
oder Götterbilder, das Abwehropfer 
für Dämonen und Geister und das 
Opfer bei Krankheiten. 


I487 Kleid i4 88 


K.ergeschenke für Götter und Götter¬ 
bilder kannten besonders die Grie¬ 
chen. Hera bekam alle vier Jahre in 
Olympia einen von 16 Frauen gewebten 
Peplos. Dem amykläischen Apollo webten 
die Frauen Spartas jedes Jahr ein neues 
Gewand 262 ). Athene erhielt an dem 
Haupt tage der Panathenäen einen Peplos. 
Auch bei anderen Völkern sind ähnliche 
K.eropfer Sitte 263 ). Sie finden sich 
auch im katholischen Kult. Vor 
allem werden der Muttergottes und 
dem Jesuskind, besonders an Wall¬ 
fahrtsorten, K.er geopfert, woran sich 
mitunter sagenhafte Überlieferungen 
knüpfen. So soll die Marienpuppe oder 
das Bornkindel (Jesuskind) in Unterm¬ 
haus stets weinend und Unglück an¬ 
drohend nach Gera gekommen sein, 
wenn man vergessen hatte, Zins und 
Gewand darzubringen 264 ). In der Kirche 
zu Zwönitz im Erzgebirge hat das Born- 
kinnel ein rotsamtnes K. mit Ärmeln 
und um den Hals eine Spitzenkrause. 
Die Mädchen, welche im Lauf der Jahre 
dem Bornkinnei ein neues K. machten, 
starben stets kurz danach. Da wollte 
niemand mehr dem Kind ein neues Fest- 
k. machen, und es mußte lange faden¬ 
scheinig gehen. Und als sich im Jahre 
1874 trotzdem die Tochter eines Holz¬ 
schnitzers erbarmte und dem Kind ein 
K. verfertigte, starb auch sie vier Monate 
später 2#6 ). 

Ständige Opfer, die ursprünglich 
böse Mächte abwehren, sie aber auch 
günstig stimmen sollten, kannten vor¬ 
nehmlich die Bergleute. In Idria 
kauften diese jährlich zu gewissen Zeiten 
ein rotes Röcklein, der Länge nach 
einem Knaben gerecht, und beschenkten 
damit die Wichtlein, die übrigens täglich 
ein Töpflein mit Speise bekamen 266 ). 
In der Rauris (Salzburg) opferten die 
Bergknappen noch zu Anfang der 70er 
Jahre des 19. Jhs. dem Bergmandl am 
Barbaratage (4. Dezember) außer Speise 
und Trank ein rupfenes Grubengewand, 
das im Hauptstollen aufgehängt wurde. 
Man glaubte, die Erzadern würden ver¬ 
schwinden, wenn dies nicht geschähe 267 ). 
Auch der Hauskobold bekommt nach 


der Sage zuweilen alljährlich ein rotes 
K. 268 ) (s. o.). Im christlichen Gewände 
erscheinen hie und da Opfer in Ge¬ 
schenke an die Arme umgewandelt 269 ), 
wofür die Legende vom hl. Martin (s. d.) 
das bekannteste Beispiel ist. 

Bei Krankheiten werden K.er ge¬ 
opfert auf Grund eines Gelübdes oder 
zum Dank für die Genesung 270 ). Noch 
häufiger aber ist das K. selbst Zwischen¬ 
träger der Krankheit, durch dessen 
Opfern an einer heiligen Stätte man 
sich ebenso von der Krankheit zu be¬ 
freien glaubt, wie durch das Vernichten 
des als Krankheitsträgers gedachten K.- 
ungsstückes. Bei K.ervotiven kommt 
daher vor allem der Unterk.ung, 
namentlich bei Unterleibs- und Ge¬ 
schlechtskrankheiten und Brustleiden, Be¬ 
deutung zu 271 ) (s. Hemd). Eine be¬ 
sondere Form dieses Opfers ist das Auf- 
hängen des K.ungsstückes oder Teilen 
davon auf Bäume, die gewöhnlich bei 
Heilquellen, Wallfahrtskirchen und son¬ 
stigen geweihten Plätzen stehen (s. 
Lappenbäume), oder das Opfer an die 
Quellen selbst 272 ). Im zweiten Fall 
kann es sich aber auch um andere Ur¬ 
sachen handeln. So glaubt man im 
Rhodopegebiet, daß man beim Trinken 
aus einer unbekannten Quelle ein Zeichen 
von sich zurücklassen muß, um den 
Herrn des Wassers gnädig zu stimmen 273 ). 

262) Nilsson Griech. Feste 62. 136. Vgl. 
Bachofen Mutterrecht 232. 263 ) Vgl. G. M. 

Godden Bekleidete Götterbilder, ZfVk. 5 (1895), 
100 f. 284 ) Quensel Thüringen 15. 265 ) Sieber 
Sachsen 278. 266 ) Grimm Sagen 26 Nr. 37. 

267 ) Andree-Eysn Volkskundliches 205 f. 

268 ) Quensel Thüringen 206. Vgl. JahnO/>/er- 

gebräuche 291; Kuhn Westfalen 1, 158; Meyer 
Germ. Myth. 139. 269 ) Vgl. Klapper Erzählun¬ 
gen 133 Nr. 131. 335. 270 ) Beispiele bei Andree 
Votive 163. 271 ) Ebd. 164. 272 ) Vgl. Andree 

Parallelen 1 (1878), 58ff.; Samter Geburt 

204 f.; Sebillot Folk-Lore i, 409; 2, 162 ff. 
300 f. 461 ff. 273 ) ARw. 18 (1915), 593. 

13. Bei der Abwehr böser Einflüsse 
durch das K. handelt es sich zunächst 
um besondere K.er, denen aus ge¬ 
wissen Gründen eine Zauberkraft zu¬ 
kommt, dann aber auch um gewöhn¬ 
liche K.er, bei welchen die Art der 
magischen Verwendung, z. B. das 
Umkehren, die Hauptsache ist. 




1489 Kleid 1 490 


Wie man im Orient den bösen Blick 
durch lumpige K.er oder solche, die 
Unregelmäßigkeiten zeigen, ablenkt 
(s. o.), so schützt gegen alles Böse und 
besonders gegen Behexung an der 
Mosel ein K., das vor Mitternacht ge¬ 
webt, mit einem schwarzen Faden ge¬ 
näht, darüber sieben Vaterunser, eine 
Litanei und die Namen der Dreieinigkeit 
gesprochen wurden, das dann in Menschen¬ 
blut getaucht, in der Erde sieben Tage 
und Nächte lang vergraben und endlich 
unter Hersagen einer Zauberformel an¬ 
gezogen wurde 274 ). Wie dies Zauber- 
k., so schützt in Sizilien ein mit der 
linken Hand genähtes K. gegen 
den bösen Blick 275 ) und bei den Tschechen 
ein K., zu dem ein zur Zeit des Passions¬ 
lesens gesponnener Zwirn bei einigen 
Nähten verwendet wurde, gegen Ge¬ 
witter 276 ). Bei den Südslawen gilt ein 
von der Mutter für das Kind ohne Stepp- 
zwim und ohne Faden, die vom Zettel 
übrig geblieben, hergestelltes K. als Ab¬ 
wehrmittel gegen Vilenpfeile 277 ). Im 
Rheinland schützt vor. Behexung das 
Tragen eines K.es, das ein Priester 
in der Kirche anhatte. Durch ein solches 
kann auch eine bereits erfolgte Ver¬ 
hexung aufgehoben werden 278 ). In Schle¬ 
sien hat die Stola der katholischen 
Geistlichen Zauberkraft gegen den Teu¬ 
fel 279 ), im Böhmerwald hilft der Mini¬ 
strantenrock, der gewöhnlich rot ist, 
diebische Zwerge vertreiben 280 ). 

Gegen Behexung schützt man sich 
wenn man sich auf seine K.er setzt, 
was aus dem 16. Jh. überliefert wird 281 ), 
während heute allgemein gilt, daß man 
K.er oder Schuhe (s. d.) verkehrt an- 
ziehen muß 282 ), was eine Täuschung 
der bösen Geister oder eine magische 
Umkehrung, wie z. B. bei der Behebung 
eines Blendzaubers 283 ), sein kann. Blend¬ 
zauber kann man auch beheben, indem 
man die Zipfel des K.es in die Hand 
geschlagen vor sich nimmt 284 ). Durch 
Verkehren der K.er kann man die Hexen 
erkennen 285 ) oder sich selbst ihnen un¬ 
sichtbar machen 286 ). Ein weiteres Schutz¬ 
mittel ist das Anziehen ungleicher 
K.er 287 ). Um die Hexen vom Eintritt 


in die Stube abzuhalten, genügt es, ein 
K. an die Tür zu hängen oder Licht 
brennen zu lassen 288 ). Dann wissen 
sie eben, daß man vorbereitet und zur 
Abwehr gerüstet ist. Ähnlich hängt 
man in Finnland zum Schutz der Kühe 
Säcke mit neuen K.ungsstücken an 
der Stalldecke auf 289 ), oder man deckt 
in Norwegen den Kübel mit dem Mehl¬ 
trank, den die Kuh gleich nach dem 
Kalben erhält, mit einer Decke oder 
einem männlichen K.ungsstück zu, 
wenn man ihn über den Hof nach dem 
Stall trägt 29 °). 

Nebensache und bloßer Aufbewah¬ 
rungsort ist das K. dort, wo man ein 
Abwehrmittel hineingibt. So soll man 
gegen Heimweh Salz in die K.er 
einnähen. Auch der bekommt keins, 
dem man ohne sein Wissen Salz in den 
Hosensack gibt 291 ). Auch sonst werden 
in den Taschen (s. d.), Schuhen (s. d.) 
oder in den K.ern eingenäht Schutz¬ 
mittel getragen, wie dies besonders im 
Weltkrieg viele Soldaten taten 292 ). 

274 ) Seligmann Blick 2, 220. 275 ) Ebd. 

276 ) Grohmann 39 Nr. 230 — Wuttke 304 
§ 448. 277 ) Krauß Slaw. Volkforschung 372. 

278 ) ZfrwVk. 1905, 203 {Nahetal); Zaunert 
Rheinland 2, 140. 279 ) Kühnau Sagen 2, 

685 ff. Nr. 1311. 1315 = Peuckert Schlesien 
261. 280 ) Jungbauer Böhmerwald 45 f. 

281 ) Kühnau Sagen 3, 12 Nr. 1361. 

282 ) Seligmann Blick 2, 222; FFC. Nr. 31, 

133 t- 283 ) Meiche Sagen 242 Nr. 308; Jung¬ 
bauer Böhmerwald 73 f. (s. Ärmel). Vgl. ZfVk. 
8 (1898), 449 (Island); Sebillot Folk-Lore 3, 
468. 284 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 276. 

285 ) Grimm Myth. 3, 475 Nr. 1082 (Neue 
bunzlauische Monatsschrift 1791/92); Krauß 
Relig. Brauch 120 f. 286 ) ZfdMyth. 1, 299 f. 

287 ) Pfalz Marchfeld 85, 139 (s. Strumpf). 

288) Heyl Tirol 800 Nr. 245. 289 ) Seligmann 
Blick 2, 220. 29 °) Liebrecht Zur Volksk . 318, 
291 ) Fogei Pennsylvania 151 Nr. 710 ff. 292 ) Vgl. 
H. Bächtold Deutscher Soldatenbrauch u. 
Soldatenglaube (Straßburg 19 1 7 ) 15 ff- 

14. Beim Fernzauber kommt die 
innere, magische Verbindung zwischen 
K. und Person am deutlichsten zum 
Ausdruck. Dieser kann man durch das 
Schlagen eines ihrer K.ungsstücke 
körperliche Schmerzen verur¬ 
sachen 293 ). Man legt auch einen Fetzen 
des fremden K.es auf die Türschwelle 
und klopft ihn, indem man den Namen 


I49i 


Kleid 


1492 


des Besitzers nennt ***). Durch Schlagen 
eines K.ungsstückes, das ein Dieb 
zurückgelassen hat, kann man diesen 
krank machen 295 ) und ihm so zusetzen, 
daß er, von Schmerzen gepeinigt, das 
Gestohlene zurückbringt 296 ). In Schwa¬ 
ben und im Allgäu muß zum Prügeln 
eines Abwesenden eine am Karfreitag 
unbeschrien auf drei Schnitte abgeschnit¬ 
tene Haselrute (s. d.) verwendet werden 297 ). 
Bei den Tschechen hüllt man das vom 
Dieb zurückgelassene K.ungsstück in 
ein Hemd, in dem jemand gestorben ist, 
gibt dazu drei Wipfel vom Weißdom¬ 
strauch und drei Wipfel vom Hagedom¬ 
strauch, neun Stecknadeln und drei 
Stückchen ungebrauchtes Glas und hängt 
das Päckchen in den Kamin oder bindet 
es zwischen die Speichen eines Wasser¬ 
rades 298 ). 

Den abends lange ausbleibenden 
Mann kann die Frau dadurch zum 
baldigen Heimkommen zwingen, daß 
sie eins seiner K.ungsstücke in das 
Bett mitnimmt 2 "). Nach älterem Glau¬ 
ben kann man einen Entlaufenen zur 
Rückkehr zwingen, indem man ein 
Stück seines Gewandes in ein Mühl- 
pfännlein legt und die Mühle gehen läßt. 
Dann erfaßt den Flüchtigen eine große 

Angst. Man nannte dies „die Angst 
antun" s 00 ) (s. u. § 16). 

M3 ) Manz Sargans 108; Zaunert Rheinland 
2, 167 t. 29i ) Manz Sargans 109. 295 ) Frisch¬ 
bier Hexenspr. 119. »«) Seyfarth Sachsen 60. 
Vgl. oben 2, 216 f. 297 ) Wuttke 270 § 398 
(Schwaben); Reiser Allgäu 2, 117; SchwVk. 
IO » 3 - Vgl. Frazer 1, 206 f. 298 ) Grohmann 
204 f. Nr. 1420 = Wuttke 414 § 643. 2 ") John 
Erzgebirge 35. 300 ) Huß Aberglaube 26. 

15. Um Fruchtbarkeit zu erlangen, 
wird besonders das Hemd (s. d. § 5) in 
der verschiedensten Weise verwendet. 
Wie in Italien jene Frau vor Unfrucht¬ 
barkeit sicher ist, welche zum Schlafen 
das Hemd einer fruchtbaren Frau an¬ 
zieht 301 ), so zieht bei den Arabern von 
Moab die Kinderlose das K. eines kinder¬ 
reichen Weibes an 302 ). 

Die Geburt wird erleichtert, wenn die 
Kindbetterin ein Mannshemd (s. Hemd, 
Kleidertausch) anzieht *°»), was schon 
im Altertum empfohlen wurde Wenn 


sie Soldatenk.er (s. Uniform) oder 
ein schmutziges Hemd des Vaters anlegt, 
wird das Kind stark 305 ). Während 
der Niederkunft löst man bei den 
Südslawen jeden Knoten (s. d.) am 
Gewand der Kreißenden und flicht ihr 
Haar auseinander 306 ). Bei den Gräco- 
walachen wechseln die Hebamme und 
die Helferinnen gleich nach der Ent¬ 
bindung daheim ihre K.er 307 ). Das 
von einer Kindbetterin genähte K. 
zieht den Blitz an 308 ), das von ihr 
getragene K. darf niemand anziehen*°*). 
Diese aus der Unreinheit entspringende 
Gefährlichkeit hat schon im Altertum 
Anlaß gegeben, daß man das K. ver¬ 
storbener Wöchnerinnen der Iphigeneia 
in Brauron an ihrem Grabe geweiht 
hat 310 ). 

Bei der Einsegnung muß die Mutter 
in Nordwestböhmen mindestens ein neues 
K.ungsstück haben, damit das Kind 
im späteren Leben seine Sachen in Ord¬ 
nung hat 311 ) (s. o. §6). Das Tauf- 

k., mit dem zuweilen eine Wünschel¬ 
rute (s. d.) mitgetauft wurde 312 ), wurde 
früher in manchen Orten Norddeutsch¬ 
lands von der Kirche geliehen 313 ). 
Vom Paten, dessen K. beim Tauf gang 
in Westböhmen rein sein soll, damit auch 
das Kind nett werde 314 ), wird das 
Kind meist schon bei der Taufe mit 
einem K. und Geld beschenkt 315 ). In 
der Oberpfalz geschah dies früher auch 
dann, wenn das Kind zu reden begann 
und gut und böse unterscheiden lernte, 
weshalb man von einem kleinen und 
großen Dodngewand sprach 316 ). Sonst 
pflegen die Paten das Kind alljährlich 
zu Ostern oder zu Weihnachten mit 
einem K. zu beschenken 317 ). Im Eger- 
land erfolgte dies früher bis zum 8. oder 
9. Lebensjahr des Kindes, wo es dann als 
letztes Geschenk das sogenannte K. 
bekam 318 ). Dies war wohl meist gegen¬ 
über den früher geschenkten einzelnen 
Wäsche- und K.ungsstücken ein ganzer 
Anzug. Bei den Kaschuben steckt 
man dem Kind zur Taufe eine Schreib¬ 
feder in das K., damit es klug werde, 
oder auch eine Nadel, damit es die K.er 
stets in Ordnung halte, und zieht, heim- 


1493 


Kleid 


1494 


gekehrt vom Taufgange, dem Kind das 
K. bis zum Abend nicht aus, weil es 
dann einst seine Sachen schonen wird 319 ). 

Läßt man einem Kinde das erste K. 
machen, so soll man dem Schneider 
nichts von seinem Lohne abziehen, 
weil sonst das Kind kein Glück hat 320 ). 
In Thüringen muß der Kaufmann beim 
Messen des Stoffes etwas zugeben, 
damit das Kind „hineinwachse" 321 ). In 
die Taschen des neuen K.es gibt man 
oft eine Geldmünze 322 ) (s. o. § 6). In 
den schottischen Hochlanden glaubt man 
die Kinder gegen den bösen Blick zu 
schützen, wenn einzelne K.ungs¬ 
stücke von heller Farbe oder fehler¬ 
haft sind 323 ). Bevor ein Kind ein Jahr 
alt wird, soll man ihm kein K. an¬ 
messen, weil es sonst einen unförm¬ 
lichen Leib bekommt, wie es zu Ende 
des 18. Jhs. um Gernsbach im Speier- 
schen hieß 324 ). Man soll überhaupt 
nicht Maß zu K.ern nehmen, weil 
das Kind sonst nicht wächst 325 ) oder 
später viel K.er zerreißt 326 ). Wenn 
das Kind vor Erreichen des ersten Lebens¬ 
jahres kein neues Hemd anzieht, so 
dauern einst, wie man im Egerland 
glaubte, die K.er länger, und das Kind 
lernt auch die alten Sachen benützen 327 ). 

Das erste K. eines Kindes soll neu 
und ungeflickt sein, sonst zerreißt 
das Kind einst viele K.er 328 ) oder 
es wird schlampig 329 ), was auch ein- 
tritt, wenn man das K. des Kindes 
flicken muß, bevor es ein Jahr alt ist 33 °). 
Kindern soll man auf dem Leibe 
nichts flicken, weil sie sonst dumm 
werden und nichts lernen 331 ) oder ein 
schlechtes Gedächtnis bekommen 332 ). Der¬ 
selbe Glaube gilt auch für Erwachsene. 
Ein Mädchen, das dies tut, wird in sieben 
Jahren nicht heiraten 333 ). Sonst heißt 
es, daß man dann das Gedächtnis ver¬ 
liert 334 ), was bei den Tschechen nur 
für Mädchen gilt 335 ), daß man sich die 
Not an den Leib näht 336 ), daß einen 
dann die Hunde auf der Straße an¬ 
bellen 337 ), daß dann der Arzt etwas 
an einem zu flicken bekommt (Franken) 
oder daß man einen schweren Tod er¬ 
leidet (Brandenburg). In Bayern kann 


man das Unheil dadurch verhüten, daß 
man hierbei etwas in den Mund nimmt 338 ). 
Hier liegt wohl zunächst die Erfahrung 
zugrunde, daß man sich, wenn man 
etwas auf dem Leibe näht, leicht ver¬ 
letzen kann, dann aber auch der päda¬ 
gogische Aberglaube, daß ein solches 
flüchtiges Nähen meist wenig Wert hat. 
Die Erklärung, daß man den in der 
K.ung steckenden Geist nicht quälen 
soll, weil er sich sonst durch „elbische 
Verwirrung" oder durch den Alpstich 
rächt 339 ), ist abzulehnen. Dieser an¬ 
gebliche „K.erdämon" spürt doch auch 
dann, wenn man das ausgezogene K. 
näht, die Stiche, so daß man daher 
überhaupt nicht nähen dürfte. 

301 ) Seligmann Blick 2, 225. 302 ) Frazer 1, 
157. 303 ) Seligmann Blick 2, 221; Egerl. 20 

(1916), 6 . 304 ) Stemplinger Aberglaube 69. 

306 ) SAVk. 24 (1922), 61. 306 ) Krauß Sitte u. 
Brauch 539. 307 ) ZfVk. 4 (1894), 145. 308 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 159 t ; Egerl. 20, 6. 309 ) 

Höhn Geburt 266. 31 °) Pfister Reliquien- 

kult 2, 495; Wächter Reinheit 27, 37. 3U ) John 
Westböhmen 117; Egerl. 20, 6. 312 ) Wuttke 110 
§ 143. 313 ) Lau ff er Niederdeutsche Volksk . 2 

94. 314 ) Egerl. 20, 6. Vgl. Knoop Hinter¬ 
pommern 137 Nr. 17. 3l5 ) ZfrwVk. 1906, 83; 

Fogel Pennsylvania 42 Nr. 78. 31S ) Schön- 

werth Oberpfalz 1, 172 Nr. 2. 3l7 ) Höhn 

Geburt 277. 318 ) Grüner Egerland 41. 

3l9 ) Seefried-Gulgowski 122. 320 ) Panzer 

Beitrag 1, 267. 321 ) Wuttke 395 § 6o 5 - 

322 ) Unoth 1, 187 Nr. 135 (s. o. Anm. 100 ff,). 

323 ) Seligmann Blick 2, 221. 324 ) Grimm Myth. 

3, 454 Nr. 580. 325 ) Egerl. 20, 6; Höhn Geburt 
277. 32 ®) Wuttke 394 § 604. 327 ) Grüner 

Egerland 40. 328 ) Höhn a. a. O. 329 ) Fogel 

Pennsylvania 46 Nr. 103. 33 °) Ebd. 50 Nr. 129. 

331 ) John Westböhmen 250; Egerl. 20, 6. 

332 ) Höhn Geburt 278. 333 ) Strackerjan 

i, 49 Nr. 42. 334 ) Lammert 225 (Pfalz). 

335 ) Grohmann 227 Nr. 1623. 338 ) John 

Erzgebirge 36. 337 ) Köhler Voigtland 423. 

338 ) Wuttke 315 § 465. 339 ) Urquell NF. 1 

(1897), 132. 

16. Aus verschiedenen Anzeichen am 
K. und mit Hilfe des K.es läßt sich 
auf Liebe und Ehe schließen, dies¬ 
bezüglich die Zukunft erforschen und 
allerlei Zauber ausüben. 

Hängen sich Dornen an das K. eines 
Mädchens, so hat es viele Verehrer, 
(s. 2, 358) macht es sich beim Waschen 
die K.er naß, so bekommt es einen 
Trinker 340 ) (s. Schürze). Von einem 

Witwer wird das Mädchen geliebt, dem 


1495 


Kleid 


1496 


sich der K.ersaum oft umschlägt 341 ) 
(s. Rock). Dies wird aber auch anders 
gedeutet. In der Schweiz heißt es von 
einer Frau, deren K.ersaum umge¬ 
bogen ist, daß sie einen Brief oder Be¬ 
such oder Schelte bekommt M2 ); um 
Königsberg meint man, daß sich der 
betrinken wird, dem sich das K. unten 
auf schlägt oder der die Weste verkehrt 
anzieht 343 ). Bei den pennsylvanischen 
Deutschen soll das Weib, dem sich hinten 
das K. aufrollt, darauf spucken; dann 
bekommt es ein neues K. 344 ). Auf 
Island meint man überhaupt, daß der, 
dessen K. angespuckt wird, von dem 
Täter ein neues erhält M5 ). 

Wenn ein Mädchen am Andreastage 
ihre K.er unter das Kopfkissen nimmt, 
träumt es von dem zukünftigen 
Mann 346 ). Bei den Franzosen muß es 
die K.er umkehren und schön gefaltet 
auf einen Stuhl legen 347 ). Wenn eine 
weibliche Person ein Stückchen vom 
K. des Geliebten siedet, muß er zu 
ihr kommen 348 ). Will man in Preußen 
ein Mädchen gewinnen, so durch¬ 
sticht man im Frühjahr zwei Frösche, 
die sich gerade begatten, mit einer 
Nadel und steckt diese in das K. des 
Mädchens (s. 3, 134). Bei den Masuren 
heftet man, wenn auch nur auf einen 
Augenblick, die eigenen K.er mit den 
K.ern der Geliebten zusammen 349 ). 

In Niederösterreich sagt man: So viel 
Stiche man an einem K., das ein 
Lediger anhat, macht, soviele Jahre 
nachher bekommt dieser kein Weib. 
Ferner daß ein Mädchen in jenem K.e 
Braut wird, bei dessen Nähen sich der 
Zwirn verknüpft oder sie sich in 
den Finger sticht 350 ). Im Rheinland 
gilt der Glaube, daß sich ein Mädchen 
in jenem K.e verlobt, bei dessen Ver¬ 
fertigen sich die Näherin blutig 
sticht 351 ). In Schlesien heißt es, daß 
die Trägerin eines K.es gefällt, wenn 
man sich beim Nähen so in den Finger 
sticht, daß das K. wider Willen blutig 
wird 352 ), in Brandenburg, daß ein K. 
gut gefallen wird, wenn es beim Nähen 
oft herunterfällt 353 ). In Heidelberg 
meint man, daß die Person einen Kuß 


bekommt, welche sich beim Nähen eines 
neuen K.es in den Daumen sticht 364 ) f 
in Brandenburg 355 ) und Westböhmen 356 ), 
daß die künftige Trägerin des K.es 
darin geküßt wird, wenn sich die Näherin 
unversehens in die Hand sticht, und im 
Erzgebirge, daß beim Nähen aller K.- 
ungsstücke, das Brautk. ausgenom¬ 
men, jeder Stich in den Finger einen 
Kuß abwirft 357 ), ferner daß jenes Mäd¬ 
chen Braut wird, bei dem mit dem 
letzten Stich am K. auch der Zwirns¬ 
faden alle wird 358 ). In Mecklenburg 358 ) 
und Brandenburg 360 ) verlobt sich das 
Mädchen in jenem K.e, bei dessen Nähen 
eine Nadel in drei Stücke gebro¬ 
chen wurde, in Schlesien heiratet die 
Trägerin in der Zeit, so lange das K. 
hält, wenn beim Nähen sieben Nadeln 
zerbrochen sind 361 ). In Ostpreußen 
verlobt man sich in dem K., bei dessen 
Nähen sich der Faden oft knotet. 
Geschieht dies bei einem Brautk., so 
wird die Ehe nicht kinderlos sein 362 ). 

Wichtig ist das bei der Hochzeit 
getragene K., das wie das Hochzeits¬ 
hemd (s. d.) oft aufbewahrt wird und als 
Totenhemd dient 363 ). Auch bei den 
Chinesen gibt man verstorbenen Frauen 
kostbare Brautk.er in das Grab mit 364 ). 
Während die Braut dem Bräutigam ge¬ 
wöhnlich ein Hemd (s. d.) und auch 
Strümpfe (s. d.) schenkt, ist es meist 
Pflicht des Bräutigams, das Brautk. 
und die Brautschuhe zu schenken. Dann 
gibt es eine glückliche Ehe 365 ). Dies 
ist Sitte in der Schweiz, wo im St. Galler 
Land mit dem schwarzen K. auch ein 
schwarzer Schal überreicht wird 366 ), wäh¬ 
rend sonst das schon im 12. Jh. nach¬ 
weisbare weiße Brautk. üblich ist 367 ), 
ferner in Tirol 368 ), in Luxemburg 369 ), 
im Rheinland 370 ), in der Mark Branden¬ 
burg 371 ) in Schlesien 372 ),bei den Kaschu- 
ben 373 ) und vielfach bei den Deutschen 
und Tschechen in Böhmen 374 ), dann bei 
romanischen, slawischen und anderen 
Völkern, z. B. auch bei den Indem 375 ). 
Zuweilen wird an Stelle des K.es bloß 
der Stoff dazu übersandt, bei slawischen 
Völkern erhalten hie und da auch die 
nächsten Verwandten der Braut K.er 


1497 


Kleid 


1498 


und Schmucksachen vom Bräutigam oder 
seinem Vater 376 ). 

In vielen Fällen werden diese Ge¬ 
schenke wohl nur als eine veränderte 
Form des früher üblichen Brautkaufes 
zu betrachten sein, zumeist aber liegt 
ein Akt der Adoption vor. Die ge¬ 
schlechtsfremde Braut wird damit in die 
Sippe des Bräutigams aufgenommen, und 
durch gegenseitige Geschenke wird ein 
künstliches Verwandtschaftsverhältnis 
zwischen den beiden Familien oder Sippen 
begründet 377 ). Es ist die Adoption 
durch Eink.ung 378 ), die auch sonst 
im Rechtsleben (s. u.) erscheint, wie 
andrerseits das Entzweireißen eines 
K.ungsstückes des Mannes, z. B. des 
Hosenbandes (s. d.) bei den Südslawen, 
also eine Art Entk.ung, sinnbild¬ 
lich die Ehescheidung ausspricht 379 ). 

Aus der Sitte, daß der Bräutigam der 
Braut das Hochzeitsk. schenken muß, 
erklärt sich vor allem der Aberglaube, 
daß die Braut das K. nicht selbst 
machen, sogar bei der Herstellung nicht 
einmal helfen darf 380 ), weil sonst Un¬ 
glück folgt 381 ) oder sie sich ihren Kum¬ 
mer zusammennäht 382 ) oder bald stirbt 
383 ). Vereinzelt heißt es im Erzgebirge, 
daß der Bräutigam nach kurzer Ehe 
stirbt, wenn das Brautk. von weib¬ 
licher Hand gefertigt wurde, und auch 
die Braut dasselbe Los ereilt, wenn sie 
nicht selbst daran mitgenäht hat 384 ). 

Nach dem Glauben des Erzgebirges 
bringt es Unglück, wenn das Braut- 
k. bunt, grau oder gelb ist oder wenn 
sich die Schneiderin beim Nähen sticht. 
Es darf vor dem Hochzeitstage nicht in 
das Festhaus kommen, nachträglich darf 
daran nichts geändert werden, es darf 
daran nichts fehlen, wenn Ordnung in 
der Ehe sein soll. Die Braut soll es sich 
selbst anlegen — anderwärts wieder 
nicht — und zwar „ein Viertel“; denn 
nur dann bleibt sie keusch. Stellt sie sich 
dabei auf einen Kuchendeckel, so wird 
sie glücklich und hat dann immer alles 
beisammen. Tritt beim Ank.en 
ein unverheirateter Mann ein, so bewahrt 
die Braut die eheliche Treue nicht. 
Paßt das K. nicht, so zanken sich die 


Ehegatten. Wird zum Anschaffen der 
Hochzeitsk.er Geld geborgt, so wird 
das Ehepaar liederlich. Beim Kirchgang 
soll endlich die Braut das K. nicht 
aufraffen 385 ); was sie auch in Olden¬ 
burg nicht tun darf, wenn der Weg auch 
noch so schlecht ist. Denn dadurch würde 
sie ihrem guten Ruf schaden und das 
Ansehen einer achtbaren Braut verlie¬ 
ren 386 ). 

Im deutschen OstbÖhmen helfen der 
Braut ihre Freundinnen beim Anziehen 
(s. o. § 8), wobei stets darauf geachtet 
wird, daß alles „rechtisch“ geschieht. 
Die Braut soll mit dem rechten Fuß 
zuerst aus dem Bett steigen, zuerst den 
rechten Strumpf und Schuh anziehen, 
zuerst in den rechten Ärmel fahren, dann 
geht in der Ehe alles „recht“. Ferner 
soll sie die K.ungsstücke in der Rich¬ 
tung von unten herauf anziehen, zuerst 
Strümpfe und Schuhe, dann die Röcke 
usw. Dabei empfiehlt man an den einen 
Orten der Braut, die K.er langsam 
anzuziehen, in andern aber schnell, 
weil dann auch in der Wirtschaft alles 
rasch vom Flecke geht. Während des 
Ank.ens darf man nichts suchen, 
besonders nicht mit einem Licht; denn 
dies bringt Zank und Streit. Die Schuhe, 
in welche wie in die Strümpfe Geld gelegt 
wird, sollen die Braut nicht drücken. 
Eintracht der Eheleute erzielt man, wenn 
der Braut beim Ank.en ein Hand¬ 
tuch um den Leib geschlungen wird, 
das sie am nächsten Morgen dem Mann 
zum Abtrocknen reichen muß 387 ). In 
Tirol bedeutet es Unglück, wenn die 
Braut am Hochzeitstag ein schwarzes 
K. trägt 388 ). In Westböhmen soll die 
Braut kein blaues K. anziehen; es geht 
ihr dann nicht gut 389 ). Wird der Braut 
bei der Hochzeit das K. zerrissen, so 
geht die Ehe auseinander oder es bedeutet 
den frühen Tod eines der Gatten 390 ). 

Die Herrschaft in der Ehe gewinnt 
im Egerland der Mann, wenn er während 
der Trauung auf dem K. der Braut 
kniet, die Frau, wenn sie auf dem Rock 
des Mannes kniet 391 ). Sonst schützt das 
Knien (s. d) des Bräutigams auf dem K. 

I der Braut diese vor Kinderlosigkeit 392 ). Im 


M 99 


Kleid 


Kleid 


1502 


1500 


Voigtland bekommt jener Teil die Herr¬ 
schaft, dem es nach der kirchlichen 
Trauung daheim gelingt, seine K.er über 
die des andern an den Nagel zu hängen, 
was oft der Anlaß zu einem ernsten Streit, 
ja sogar zu Schlägereien zwischen den 
Neuvermählten war 393 ). 

Heute wohl mehr bloßer Prunk mit 
seinem Besitz, wozu die Hochzeit die 
beste Gelegenheit bietet 394 ), ursprüng¬ 
lich vielleicht aber Täuschung und 
Abwehr böser Geister bezweckte die in 
Westfalen hie und da noch übliche Sitte, 
daß die Braut während der Hochzeits¬ 
feier, wenn der Tanz begonnen hat, von 
Zeit zu Zeit verschwindet und jedesmal 
in einem neuen K.e erscheint und daß 
der Bräutigam in der Soester Börde eine 
Anzahl Wämser oder Westen von ver¬ 
schiedenen Farben übereinander trägt 395 ). 

340 ) Egerl. 20 (1916), 6. Vgl. oben 2, 358. 
341 ) Drechsler 1, 226 — Wuttke 220 § 312; 
Fogel Pennsylvania 58 Nr. 173. 342 ) SAVk. 


991 ) Egerl. 20, 6. 393 ) Selig mann Blick 2, 

) Köhler Voigtland 235.433. 438. 


220. 


8, 270. 


343 


) Urquell 3 (1892), 231. 


344 


) Fo¬ 


gel Pennsylvania 82 Nr. 301. 345 ) ZfVk. 8 
(1898), 161. S4 *) Alemannia 25, 52 (Sie¬ 

gelau). 347 ) SAVk. 21 (1917), 226. 348 ) 
Schönwerth Oberpfalz 1, 131h; Ranke 

Sagen 2 37. 349 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 

172. 35 °) Pfalz Marchfeld 101. 3ßl ) ZfrwVk. 

1908, 119. 332 ) Drechsler 1, 227. W3 ) Engelien 
u. Lahn 285 Nr. 289. 354 ) Alemannia 33 (1905), 
301. 3ßß ) Engelien u. Lahn a. a. O. 3ßft ) John 
Westböhmen 250. 3ß7 ) John Erzgebirge 94. 

358 ) Ebd. 75. 3ß9 ) Bartsch Mecklenburg 2, 57. 
36 °) Engelien u. Lahn a. a. O. 361 ) Drechsler 
2, 5. ®® 2 ) Urquell 1 (1890), 12. 383 ) Sartori 

Sitte u. Brauch 1, 132. 3Ä4 ) Vgl. Visscher 

Naturvölker 2, 265 f. 3öß ) Wuttke 369 § 560. 
3Ä6 ) Baumberger 5 /. Galler Land 168. 367 ) Ge¬ 
ra, mb Brauchtum 121. 388 ) Hörmann Volks¬ 
leben 365. 369 ) Fontaine Luxemburg 150. 

37 °) ZfrwVk. 1907, 181. 371 ) ZfVk. 1 (1891), 182. 
372 ) Drechsler i, 244. 373 ) Seefried-Gul- 

gowski 105. 374 ) Grohmann 118 Nr. 892; 

Verf. 37ß ) Lit. bei Bächtold Hochzeit 1, 245 fi. 
378 ) Ebd. 246. 377 ) Ebd. 251. 378 ) Ebd. 128. 

132 ff. 379 ) Krauß Sitte u. Brauch 570 f. 
380 ) Bächtold a. a. O. 246 f. 381 ) John Erz¬ 
gebirge 94; Brandenburg 255; ZfVk. 13 (1903), 
293 (Vogelsberg); C. Fraysse Le Folk-Lore du 
Baugeois (Baugeois 1906) 84 Nr. 18. 322 ) Drechs¬ 
ler 1, 243. 383 ) Bartsch Mecklenburg 2, 59 

Nr. 195; Engelien u. Lahn 245 Nr. 79. 
384 ) John Erzgebirge 94. 38ß ) Ebd. 822 ) Strak- 
kerjan 2, 194. 387 ) W. Oehl Deutsche Hochzeits¬ 
bräuche in Ostböhmen, BdboVk. 15 (Prag 1922), 
51 f. M8 ) Zingerle Tirol 19. 389 ) Egerl. 20, 6. 
3#0 ) Köhler Voigtland 396 u. John Erzgebirge 
96 = Wuttke 210 § 291; Strackerjan 1, 31. 


3M ) Vgl. W. Oehl a. a. O. 87 ff. 39ß ) Sartori 
Westfalen 91 f. 

17. Den Übergang vom Leben zum 
Tod versinnbildet die zweifarbige K.- 
ung in der Sage vom wilden Heer in 
Montavon, nach welcher jene Person, die 
zuerst im nächsten Dorfe sterben muß, 
als letzte im Zuge mit einem weißen und 
blauen Strumpf (s. d.) zu sehen ist 396 ). 
Todesvorzeichen sind kleine dunkle 
Kreuzchen oder Rostflecke im Gewebe 
des Weißzeuges (s. Hemd) oder Bett¬ 
tuches. Verliert eine Braut bei der 
Trauung die Schürze (s. d.), so lebt sie 
nicht mehr lang 397 ). Wenn Mäuse 
Schlafenden an den K.em nagen, zeigt 
es einen Todesfall oder überhaupt Un¬ 
glück an 398 ). 

Den Todeskampf sucht man zu ver¬ 
kürzen, indem man im Voigtland alle 
K.er im K.erschrank löst und gerade 
niederfallen läßt 3 "), während man bei 
den Tschechen den Sterbenden mit einem 
aus einem Grab genommenen schwarzen 
Tuch oder mit seinem Tauf- oder Hoch- 
zeitsk.e bedeckt 400 ) und bei den Sieben¬ 
bürger Sachsen ein Tuch oder K. „aus 
dem vierten Familiengliede“ über ihn 
breitet. Hier glaubt man umgekehrt den 
Tod verhindern oder hinausschieben 
zu können, wenn man unter das Kopf¬ 
kissen eines Schwerkranken ein „ange¬ 
storbenes“, d. i. ererbtes K.ungsstück 
legt 401 ). 

Das schon bei den alten Juden üblich 
gewesene 402 ) und als ein ursprüngliches 
K.eropfer an den Toten gedeutete 
Zerreißen der K.ung aus Schmerz 
oder Trauer erklärt sich wohl eher daraus, 
daß gesteigerte Leidenschaft einen Zer¬ 
störungstrieb auslöst. Es war auch bei 
den Römern Sitte. Der römische Gatte 
zerriß sein K. beim Tode der Frau, 
dasselbe tat die trauernde Römerin und 
wird auch von Augustus berichtet, als 
er die Kunde von der Varusschlacht 
erhielt 404 ). Ebenso machte es nach der 
mittelalterlichen Erzählung die Mutter 
des hl. Gregorius, als sie erkannte, daß 
sie den eigenen Sohn zum Manne habe . 



1501 


Bei den Juden in Crailsheim besteht noch 
heute der Brauch, daß bei einem Todes¬ 
fall alle in der Stube anwesenden Ver¬ 
wandten an ihren K.em einen handbrei¬ 
ten Riß machen, bei der Trauer für 
Eltern auf der linken Seite, sonst auf der 
rechten 4M ), 

Das Trauerk. und das beim Be¬ 
gräbnis getragene K. ist meist schwarz 
407 ) > womit man vielleicht ursprünglich den 
Träger vor den Dämonen unkenntlich 
machen wollte. Doch findet sich in 
Deutschland auch die blaue und, be¬ 
sonders in den einst slawischen Gebieten, 
weiße Trauerfarbe 408 ). Die an die ewige 
Nacht und Finsternis gemahnenden dunk¬ 
len Farben sind jedenfalls die natürliche¬ 
ren Trauerfarben. In Oberösterreich zog 
die Bevölkerung, namentlich der weib¬ 
liche Teil, auch in der Fastenzeit dunkle 
K.er an 409 ). Im Isergebirge darf man 
neue K.er (s. o.) nicht das erstemal zu 
einem Begräbnis anziehen 410 ). 

Wäsche und K. des Kranken und Ver¬ 
storbenen, aber auch die mit dem Toten 
in Berührung gekommenen K.er der 
Lebenden galten seit je als unrein und 
gefährlich, weshalb man jene reinigte 
oder vernichtete und diese ebenfalls 
wusch oder wechselte. Hierin liegt ein 
deutlicher Niederschlag der Erfahrung, 
daß durch das K. Krankheitskeime über¬ 
tragen werden können, wenn auch das 
Volk sein Tun meist anders begründet. 
Erst auf einer höheren Kulturstufe schließt 
sich daran die Vorstellung, daß man 
durch Reinigen der K.er sich selbst von 
einer Befleckung oder einem Makel rein¬ 
waschen kann. Die K.er eines Kranken 
galten schon den Alten als unrein und 
wurden daher oft einer Gottheit geweiht 411 ), 
den Indem und Israeliten erschienen die 
K.er der Teilnehmer an einem Begräbnis 
als unrein 412 ). Die alten Griechen sahen 
auch das K. eines Mörders als unrein 
an 413 ) und die Juden pflegten nach einem 
Feldzug die K.er zu reinigen 414 ). 

Das Waschen und Ank.en des 
Toten war in der Münstergemeinde zu 
Herford bis 1870 Sache der nächsten 
Nachbarn, die man deshalb „Kiennaber“ 
(K.enachbam) nannte 415 ). Bei einigen 


buddhistischen Sekten ziehen die, welche 
einen Toten waschen und bek.en, 
ihre K.er aus, ehe sie ans Werk ge¬ 
hen 416 ). In Württemberg wird oft die 
Leib- und Bettwäsche des Verstorbenen, 
aber auch alle K.ung, mit der er 
in den letzten Wochen in Berührung 
gekommen ist, gewaschen, weil sonst 
der Tote keine Ruhe hat 417 ), was wohl so 
zu verstehen ist, daß er dann den Zurück¬ 
gebliebenen schaden kann. Auch im 
Ansbachischen meinte man früher, daß 
der Tote nicht ruhen könne, wenn seine 
Wäsche nicht bald gewaschen wird 418 ). 
Derselbe Glaube war in der Oberpfalz 
daheim 419 ). Die Armenier waschen 
am Tage nach dem Begräbnis die K.er 
des Verstorbenen 420 ), bei den Bulgaren 
tun dies drei Weiber am dritten Tag nach 
der Beerdigung, aber ohne Seife zu ver¬ 
wenden 421 ). In Poitou wäscht man 
das Leinenzeug des Toten einige Tage 
nach dem Begräbnis, bei den Aymara- 
und Quichua-Indianern am neunten 
Tage nach dem Todesfall, worauf es zum 
Gebrauch des Verstorbenen im Jenseits 
verbrannt wird. Bei den peruanischen 
Indianern werden K.er und Hausgeräte 
gleich nach dem Todesfall im nächsten 
Fluß gewaschen. Bei den Wadschagga 
werden K.er, Schmuck und Waffen des 
Toten nach dem Begräbnis zum nächsten 
Bach getragen und mit Wasser über¬ 
gossen, „damit auch sie ihres Herrn Tod 
beweinen“ 422 ). Bei den Chewsuren 
brennen ein Jahr lang Wachslichter vor 
den in einem Winkel des Hauses nieder¬ 
gelegten K.ern des Toten 423 ). Bei den 
Tscheremissen waschen sich die Leid¬ 
tragenden nach dem Begräbnis und wech¬ 
seln ihre K.er. Die Gegenstände, welche 
durch die Leiche verunreinigt wurden, 
müssen drei Tage lang im Freien liegen 424 ). 
Bei der Gedächtnisfeier am 40. Tage legt 
der, welcher hiebei die Rolle des Ver¬ 
storbenen spielt, dessen K.er an 425 ). 
Sonst dürfen die K.er Verstorbener 
von anderen nicht gleich benützt 
werden, in Thüringen erst vier Wochen 
nach dem Tode, weil sonst der Verstorbene 
keine Ruhe hat 426 ), in der Gegend von 
Leuzendorf-Gerabronn erst sechs Wochen 


Kleid 


1504 


1503 


danach, weil daran noch etwas vom 
Wesen und den Kräften des Toten haften 
könnte, was Schaden brächte 427 ). Nach 
tchechischem Glauben zerfallen übri¬ 
gens die nach Verstorbenen getragenen 
K.er, wenn deren Leichnam verfault 428 ). 

Wichtig ist das Totenk. selbst, 
das man dem Verstorbenen anzieht. 
Wenn auch oft die Vermögensverhält¬ 
nisse hier mit bestimmen 429 ), so ist doch 
in den meisten deutschen Landschaften 
Regel, daß man dem Toten seinen 
Sonntagsanzug 43 °) oder sein bestes 
Gewand 431 ) mitgibt. Nicht selten ist 
es das Hochzeitsk. (s. o.) oder ein 
besonderes weißes Sterbek., das 
in Forbach Sterbmantel genannt 
wird 432 ). Bei den Chinesen gibt man 
verstorbenen Frauen die Braut k.er 
mit und bestattet den pater familias ent¬ 
weder in einem Priestergewande oder 
in einem sogenannten Langlebe-K., 
welches schon bei seinen Lebzeiten ge¬ 
macht worden ist 433 ). Bei den Chinesen 
werden Totenk.er mit Vorliebe in 
einem Schaltjahr (s. d.) gemacht, weil 
diese die Fähigkeit haben, das Leben zu 
verlängern 434 ). Beim Nähen des Toten- 
k.es soll man im Egerland keine 
Nadel in den Mund nehmen, weil 
sonst die Zähne ausfallen 43S ). In Baden 
darf am Totenk. keine Hafte sein 436 ). 
Bei den Tschechen darf es nicht am Sams¬ 
tag (s. d.) gesponnen und am Sonntag 
(s. d.) vor der hl. Messe gemangelt sein, 
sonst hat der Tote keine Ruhe und kann 
nicht verwesen 437 ) (s. o. § 9). Ferner 
darf man in den Zwirn keine Knoten 
machen, sonst drückt es den Toten; 
endlich darf es die Näherin nicht über 
Nacht in ihrer Wohnung lassen, sonst 
kommt der Tote und holt es 438 ). Will 
bei den Ruthenen eine Witwe wieder 
bald heiraten, so bindet sie alle Knoten 
an dem K. des verstorbenen Mannes auf, 
bevor der Sarg geschlossen wird 439 ). 

Vor dem Schließen des Sarges 
muß darauf geachtet werden, daß dem 
Toten nichts von seinen K.ungs- 
stücken in den Mund gerät, sonst folgt 
ihm bald ein Glied der Familie nach 
(s. Nachzehrer). Kommt ein K.ungs- 


stück oder auch nur ein Lappen von 
dem K. eines Menschen, woran noch 
dessen Schweiß (s. d.) klebt, in den Sarg 
des Toten, so vergeht der Besitzei, wie 
dieser Lappen im Sarge vergeht. Ein 
frisch gewaschenes K.ungsstück aber 
kann man dem Toten ohne Furcht mit¬ 
geben 441 ). Manche Leute hüten sich 
daher, ein getragenes K.ungsstück an 
Arme zu verschenken, aus Furcht, es 
könnte in einen Sarg kommen. In Hol¬ 
stein geschah es sogar, daß jemand die 
Öffnung eines Grabes und Sarges forderte, 
um seinen der Leiche angezogenen 
Strumpf wieder zu bekommen 442 ). 

Der Tote benötigt sein Hemd (s. d.) 
oder K. und sucht es, wenn es geraubt 
wird, wieder zu erlangen, da es auch 
durch ein anderes nicht ersetzt werden 
kann 443 ). Wenn man einem Toten das 
K. einer bereits verstorbenen Person an¬ 
zieht, so weichen sich nach «dem Glauben 
der Siebenbürger Sachsen beide im Jen¬ 
seits aus, wenn sie im Leben auch noch 
so gute Freunde waren 444 ). Betreffs 
der K.ung der Toten im Jen¬ 
seits besteht der durch zahllose Sagen 
(s. o. § 10) belegte Glaube, daß sie ihr 
Sterbek. meist das Hemd (s. d.), 
tragen 44S ), zuweilen auch, daß Männer 
schwarz, Weiber weiß gek.et sind 446 ). 
Wenn man Gewißheit über das Schicksal 
der Verstorbenen haben wollte, so ließ 
man früher in der Oberpfalz eine Schau- 
messe lesen, wobei aber der Priester eine 
besondere „Gewalt“ haben mußte. Wäh¬ 
rend der Wandlung erschien dann der Ver¬ 
storbene den in der Kirche Anwesenden 
in schwarzem K., wenn er in der Hölle, 
in grauem, wenn er im Fegefeuer, und in 
weißem, wenn er im Himmel war 447 ). 
Daß die Gerechten und Auserwählten im 
Himmel das K. der Herrlichkeit empfan¬ 
gen und überhaupt kostbare K.er tra¬ 
gen M ), läßt sich im heutigen Volks¬ 
glauben nicht belegen. 

S96 ) Vonbun Beiträge 13. M7 ) Strackerjan 
1.37 Nr. 27. 398 ) (Keller) Grab 4, 243b; 5, 411 f.; 
Grimm Myth. 2, 931; 3, 440 Nr. 184. Vgl. 
Agrippa v. Nettesheim 1, 244. 39# ) Köhler 
Voigtland 439 ~ Wuttke 457 § 724 = Urquell 
NF. 1 (1897), J 33 - <0 °) Grohmann 187 Nr. 1314. 
401 ) Urquell 4 (1893), 50. 402 ) Vgl. 2. Kon. 2, 


1505 


Kleid 


1506 


12; 6, 30. 403 ) Samter Geburt H9 a . 404 ) Sittl 
Gebärden 22 ff. 404 ) Klapper Erzählungen 92 
297 Nr. 79. 40< ) Höhn Tod 317.354. 

*° 7 ) Heckscher 258 f. 408 ) Ebd. 491 f. 409 ) 
Baumgarten Jahr u. s. Tage 20. 410 ) Müller 
Isergebirge 35. 4n ) Wächter Reinheit 43. 

412 ) Ebd. 50 2 . 413 ) Ebd. 68 f. 414 ) Ebd. 69 1 . 

««) ZfnvVk. 1907, 281. 41fl ) ZfVk. 18 (1908), 

357. 417 ) Höhn Tod 325. 418 ) Grimm 

Myth. 3, 458. 419 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 

252. 42 °) ZfVk. 18, 372. 421 ) Strauß Bulgaren 
452. 422 ) ZfVk. 18, 372. 423 ) Ebd. 17 (1907), 382. 
424 ) ARw. 17 (1914), 403. 425 ) FFC. Nr. 61, 32. 34. 
426 ) Wuttke 468 § 742. 427 ) Höhn Tod 356. 

428 ) Grohmann 192 Nr. 1352 = Wuttke 468 
§ 742. 429 ) Vgl. Rochholz Glaube 1, 185. 

43 °) Höhn Tod 319. 431 ) J. Micko Volkskunde 
des Marktes Muttersdorf (Muttersdorf i. West¬ 
böhmen 1926) 23. 432 ) Meyer Baden 585. 

433 ) Visscher Naturvölker 2, 265 f. 434 ) Frazer 
1, 169. 43ß ) Egerl. 20 (1916), 6. 436 ) Wuttke 

4 62 § 731. 437 ) Grohmann 192 Nr. 1349 = 

Wuttke 461 § 731. 438 ) Grohmann 192 

Nr. 1350 f. 439 ) Globus 1898, 251 = Frazer 3, 
310. 44 °) Köhler Voigtland 440. 441 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 92. 442 ) Wuttke 186 § 255. 

443 ) Vgl. Haupt Lausitz 1, 143 Nr. 162e; 
Witzschel Thüringen 1, 145 Nr. 140; Sieber 
Sachsen 285; BdböVk. 17, 189. 444 ) Urquell 4 

(1893), 52. 445 ) Vgl. Quensel Thüringen 313. 

448 ) Ebd. 314. 447 ) DG. 10 (1909), 25. 448 ) Eisler 
Weltenmantel 295 f. 

18. Die größte Rolle in der Volks¬ 
medizin spielt das Hemd (s. d.). Was 
sonst die K.ung im allgemeinen anbe¬ 
langt, handelt es sich hier um Vorsichts¬ 
maßregeln und um die Verwendung 
der eigenen und fremder K.er zu 
Heilzwecken. 

a) Die Erfahrung, daß Krankheiten 
durch K.er übertragen werden kön¬ 
nen, äußert sich in dem Glauben, daß 
die Pest in einem Bündel alter K.er 449 ) 
oder in einem Tuch (s. d.) oder Lappen 
(s. d.) steckt. Im 17. Jh. glaubte man, 
daß sich die Pest durch den in den K.ern 
der Pestkranken steckenden Geruch 
verbreite 45 °). Dieser geahnte Zusammen¬ 
hang zwischen dem K. und der Krank¬ 
heit, aber auch der zwischen K. und Per¬ 
son bestehende, gibt sich zunächst in 
allerlei Vorsichtsmaßregeln zu er¬ 
kennen. Über Nacht soll man K.er 
nicht im Freien lassen, sonst kommt der 
Nachtschatten hinein, und wer sie an¬ 
zieht, wird mondsüchtig 451 ). Einem 
Unbekannten soll man kein getragenes 
Hemd oder K. schenken, weil er damit 

Bächtold’StäubU, Aberglaube IV 


dem früheren Besitzer schaden kann 45a ). 
Dieser K.erzauber wurde besonders von 
Zauberern in Litauen 453 ), dann auch 
in Sardinien geübt 454 ). Auch die Wot- 
jäken verkaufen gebrauchte K.er nur 
ungern, weil damit Hexerei getrieben 
werden kann 455 ). Die pennsylvanischen 
Deutschen glauben, daß man vor Zahn¬ 
weh bewahrt bleibt, wenn man morgens 
zuerst den linken Strumpf (s. d.) anzieht 
oder zuerst in den rechten Rockärmel 
schlüpft 456 ), ferner, daß ein neues K. 
(s. o. § 6) zuweilen gefährlich ist. Wenn 
man darin krank wird, wird man nicht 
mehr gesund 457 ). Nach dem Glauben der 
tschechischen Mährer soll man bei Fieber 
keine neuen K.er anziehen und in keine 
Kirche gehen, weil sonst das Fieber noch 
stärker wird 458 ). 

b) In bezug auf die Verwendung der 
eigenen K.er zu Heilzwecken ist zu¬ 
nächst auf das Messen der K.er hinzu¬ 
weisen, das ursprünglich ein Krankheits¬ 
orakel war, um Beschaffenheit, Dauer und 
Ausgang einer Krankheit zu bestimmen. 
Schließlich wurde es als ein Mittel zur 
Heilung selbst betrachtet 459 ). Verbreitet 
ist das Besprechen oder Büßen der 
K.er durch Wundermänner und Wunder¬ 
frauen, die ihre heilende Kraft auf die 
K.ung, die sie meist unter Hersagen 
von Zauberworten oder Gebeten streichen, 
übertragen, so daß der Kranke, wenn er 
sie anzieht, gesund wird 460 ). Die Krank¬ 
heit wird auch durch Schlagen des 
K.ungsstückes ausgetrieben, das die 
Magyaren des Hajduer Komitates unter 
der Türschwelle klopfen, um die Fall¬ 
sucht zu verjagen 461 ). Noch häufiger ist, 
daß man das K. des Kranken oder Teile 
davon verwendet, um die Krankheit 
anderswohin zu übertragen, oder daß 
man die Krankheit zu beseitigen glaubt, 
wenn man das K. vernichtet, etwa 
verbrennt, wie in Pennsylvanien bei 
Fallsucht 462 ). Verstärkt wird diese Heil¬ 
handlung noch, wenn man die Asche des 
verbrannten K.es in fließendes Wasser 
wirft 463 ). Dieses Wegschwemmen des 
Zwischenträgers wird bei Verbänden und 
Pflastern von Wunden, Geschwüren und 
Flechten bevorzugt, weil man bei deren 

48 


1507 


Kleid 



Verbrennen die „Hitze“ nur noch ver¬ 
größern würde 4U ). In Frankreich wäscht 
man sich besonders bei Augenkrankheiten 
in heilkräftigem Wasser und wirft dann 
ein Stück der K.ung des Kranken, an 
einer Stecknadel befestigt, in das Was¬ 
ser 466 ). Sehr beliebt ist ferner das Ver¬ 
graben eines vom Kranken getragenen 
K.ungsstückes 466 ), was noch in neuester 
Zeit von Kurpfuschern ausgenützt wurde, 
die sich hiezu auch neue K.er geben ließen, 
welche sie behielten 467 ). In Lehe bei 
Lunden zieht man dem Fieberkranken ein 
altes Gewand an, in dem er tüchtig 
schwitzen muß. Damit geht man dann 
vor Sonnenaufgang oder nach Sonnen¬ 
untergang über einen Berg und vergräbt 
es. Bis man wiederkehrt, muß der Kranke 
nackt im Bett liegen 468 ). Bei den Süd¬ 
slawen wird dem Fallsüchtigen beim 
ersten Anfall das K. ausgezogen, ein 
schwarzer, fleckenloser Hahn oder eine 
ebensolche Henne, je nachdem es ein 
Mann oder ein Weib ist, hineingewickelt, 
das Bündel vom Sonnenaufgang gegen 
Abend übers Dach geworfen und dann 
vergraben. Doch darf man die Grube 
nicht zuscharren, sondern bloß mit einem 
Stein zudecken 469 ). Als besonders wirk¬ 
sam gilt in Württemberg, wenn der Fall- 
süchtige ein Hemd, in dem er einen Anfall 
durchgemacht oder das er längere Zeit 
getragen hat, oder ein recht verschwitztes 
Leintuch oder ein K.ungsstück einem 
Toten in den Sarg mitgibt 470 ). End¬ 
lich überträgt man Krankheiten mit 
Hilfe von K. ungsstücken oder Teilen davon 
auch auf Bäume 471 ) (s. Lappenbäume). 

c) Bei Verwendung fremder K.er zu 
Heilzwecken wird oft gefordert, daß sie 
vom andern Geschlecht sein müssen. 
In Mecklenburg läßt man den kranken 
Mann ein geschenktes Weiberhemd, das 


kranke Weib ein ebensolches Männer¬ 
hemd tragen, das nach 14 Tagen in einen 
Ameisenhaufen vergraben wird 472 ). In 
Schlesien trägt der Mann gegen Fieber 
ein schweißiges Weiberhemd auf dem 
flößen Leibe 473 ). Gegen Finnen im 
Gesicht hilft nach der Rockenphilosophie, 
wenn sich der Mann an einem Weiber¬ 
hemd, das Weib an einem Männerhemd 


trocknet 474 ) (s. Hemd), ferner hilft gegen 
Schnupfen eines Weibes, wenn es in des 
Mannes Schuhe riecht 476 ). In Polen 
heüt man die Urok genannte Krankheit, 
worunter man im allgemeinen Behexung, 
bei den Masuren aber auch Kopfweh und 
Übelkeit versteht, indem man bei einem 
Mann mit Frauenk.em, bei einem Weib 
mit Männerk.em über das Gesicht oder 
auch vom Kopf bis zum Fuß des Kranken 
wischt und dabei dreimal ausspuckt 476 ). 
Heilkräftig ist ferner das K. oder Hemd 
eines starken Menschen, besonders eines 
Mannes 477 ), was dieParazelsisten schwäch¬ 
lichen Personen zum Anziehen empfah¬ 
len 478 ). Mit des Vaters Rock oder K. 
deckt man ein Kind, das Krämpfe hat, 
zu 479 ), wie die Mutter, wenn sie die 
Wochenstube verläßt, auf das Kind, damit 
es nicht ausgewechselt werden kann, etwas 
von des Vaters K.ungsstücken legt 480 ). 
Im Böhmerwald gibt man, um die Fraisen 
eines Kindes zu lindem, ein Stück von 
dem Brautk. der Mutter (Rock, 
Schürze, Halstuch u. a.) auf das Kind 481 ). 
In Frankreich werden Kranke auch durch 
Anziehen oder Berühren von K.em, die 
an heiligen Steinen gerieben wur¬ 
den, geheilt 482 ). Wichtig sind ferner 
K.er aus Totenleinwand, die für aller¬ 
lei Schäden gut sind 483 ). Ein Hemd, 
in dem jemand gestorben ist, stillt 
Krämpfe, wenn man es um den betref¬ 
fenden Körperteil wickelt 484 ). Behexun¬ 
gen behebt man, indem man ein Stück 
vom K. des Behexers zu bekommen 
trachtet und verbrennt, was in Estland 
und bei den Mohamedanem üblich ist m ). 
In Irland verbrennt man das K. dieser 
feindlichen Person neben dem behexten 
Kinde. Niest dieses, so treibt es die 
Geister heraus, und der Zauber ist ge¬ 
brochen . Endlich kommt noch das 
K. von Erhängten in Betracht. In 
Schlesien vergräbt man ein solches unter 
die Türschwelle, holt es am Karfreitag 
hervor und legt es den Rindern auf das 
Kreuz; dann werden sie fett M7 ). Ebenda 
behandelt man kranke Tiere dadurch, 
daß man sie mit dem Saum des Kittels 
oder Rockes bestreicht, so z. B. das dicke 
Euter einer kranken Kuh 488 ). 


1509 


Kleid 


1510 


Strackerjan 1, 375; Lammert 
Bohnenberger 16. ***) Frischbier 


Erwähnt sei noch, daß bereits nach 
antikem Glauben eine Pflanze heil¬ 
kräftig wurde, wenn sie bis zum Saume 
eines K.es, z. B. dem eines Heiligen¬ 
bildes, emporwuchs, was sich vielleicht 
aus dem biblischen Saumanrühren er¬ 
klärt «•). 

449 ) Peuckert Schlesien 246. 450 ) Grimm 

Myth. 2, 993. 451 ) Köhler Voigtland 424 = 

Wuttke 315 § 465 = Urquell NF. i (1897), 
132. 

83; 

Hexenspr. 4. 464 ) WZfVk. 31 (1926), 116. 

466 ) And ree Parallelen 2, 12. 468 ) Fogel 

Pennsylvania 312 f. Nr. 1654. 1663. 467 ) Ebd. 

123 Nr. 555. 468 ) Grohmann 167 Nr. 1177 = 
Wuttke 343 § 511 s=s Hovorka u. Kronfeld 
2, 336. 4M ) ZfVk. 22 (1912). 133; vgl. 21. 151 ff.; 
Hovorka u. Kronfeld 2, 696. 460 ) Huß 

Aberglaube 14 f. = ZföVk. 6 (1900), 117; John 
Erzgebirge 109; Seyfarth Sachsen 68. M1 ) Ho¬ 
vorka u. Kronfeld 2, 226; vgl. 340. 462 ) Fogel 
Pennsylvania 303 Nr. 1604. 483 ) Hovorka u. 

Kronfeld 2, 212. 464 ) Seyfarth Sachsen 223 f. 
486 ) S6billot Folk-Lore 1, 409. 444 ) Seyfarth 
Sachsen 216 ff. 467 ) Ebd. 218. 468 ) Urquell 2 

(1891), 96. 4W ) Ebd. NF. 1 (1897), 25 = Hovor¬ 
ka u. Kronfeld 2, 224. 47 °) Höhn Tod 


ohnenberger 14. 


471 


) Vgl. o. 


334; J 

§ 12. i7t ) Bartsch Mecklenburg 2, 118 Nr. 459. 
473 ) Drechsler 2, 303. 474 ) Seyfarth Sachsen 


271 


476 


) Gri 


• UM 


Myth. 3, 446 Nr. 361. 476 ) Ho¬ 


vorka u. Kronfeld 2, 231. 477 ) Lammert 

245 = Hovorka u. Kronfeld 2, 41. 478 ) 

Stemplinger Aberglaube 69. 478 ) Fogel 

Pennsylvania 334 Nr. 1774. ^ Grimm 

Myth. 3, 744. 481 ) Verf. 482 ) S6billot Folk- 

Lore 4, 58. 483 ) Bohnenberger 21. 

484 ) Fogel Pennsylvania 290 Nr. 1539- 486 ) Se¬ 
ligmann Blick 2, 220. 486 ) Ebd. 1, 265. 

487 ) Drechsler 2, 100. 488 ) Ebd. 104. 

Grimm Myth. 2, 985 1 . 997. 

19, Im Rechts wesen erscheint das 
K. am häufigsten in der Sitte der Ein- 
k.ung. Sobald Grundeigentum 
aus einer Hand in die andere überging, 
waren bestimmte Formen der Auflassung, 
Übergabe und Übernahme zu beachten, 
von welchen man eine Form, bei der 
sinnbüdlich K.ungsstücke verwendet 
wurden, mit den lateinischen Wörtern 
vestire, investire (ahd. werjan) aus¬ 
drückte und so von einer Investitur 
(ahd. giweri, giwerdida) sprach, wobei 
der abtretende Besitzer exutus und der 
antretende indutus oder vestitus ge¬ 
nannt wurde 490 ). Aber auch die Ver¬ 
leihung eines Amtes wird Investitur 
genannt, was besonders bei kirchlichen 


Ämtern und Würden der Fall ist und 
im Mittelalter, da die Päpste das In¬ 
vestiturrecht des deutschen Königs zu 
brechen suchten, zu dem erst 1122 bei¬ 
gelegten Investiturstreit führte. Der 
Ausdruck „investieren“, d. h. eink.en, 
jemanden mit den Zeichen der Amts¬ 
würde bekleiden, hat später die heute 
gebräuchlichere Bedeutung angenommen, 
Kapital in eine Unternehmung anlegen 491 ). 

Die gegenwärtig vielfach noch übliche 
feierliche Eink.ung geistlicher Per¬ 
sonen, z. B. auch das Nehmen des 
Schleiers (s. d.) durch die Nonnen, hat 
schon in der religiösen Symbolik des 
Altertums, besonders kleinasiatischer Kul¬ 
te, ihr Vorbild und wird, wie etwa die 
Eink.ung des Mardukbildes, auch kos¬ 
misch gedeutet 492 ). Zuweilen erhielten 
davon Götter ihre Namen oder Bei¬ 
namen, was namentlich für Mithras anzu¬ 
nehmen ist 493 ). Durch Eink.ungs- 
zeremonien wurden ferner Opfer (s. d.) 
an Menschen, Tieren oder Pflanzen feier¬ 
lichst als Besitz der Gottheit erklärt und 
ihr übertragen 494 ). Bei den Römern 
war die Jünglingsweihe, aber auch die 
Freilassung der Sklaven durch die 
Überreichung der männlichen, nationalen 
Kopfbedeckung (s. Hut) begleitet 495 ). 
Eine Eink.ung besonderer Art ist 
endlich die Bek.ung der Toten für 
ihre Reise in das Jenseits. 

Der Eink.ung geht mitunter eine 
Entk.ung voraus. So mußte der 
Herzog Kärntens sein Rittergewand ab- 
legen und die slowenische Tracht an- 
ziehen, was als sinnbildliche Darstellung 
einer Änderung der Persönlichkeit ge¬ 
deutet wurde 496 ). In Bulgarien zieht der 
Adoptivsohn seine alte K.ung aus und 
läßt sie im Hause seiner leiblichen Eltern 
zurück. Dafür erhält er vom Adoptiv¬ 
vater neue 497 ). Eine feierliche Entk.¬ 
ung wird bei der Wegnahme geist¬ 
licher Würden vorgenommen, wenn sich 
jemand vergangen oder, wie J. Huß 498 ), 
der Ketzerei schuldig gemacht hat. Einen 
Mondmythus in dem Akt der Entk.ung, 
Entschleierung (s. Schleier) oder sogar dem 
Hautabziehen zu sehen 4 "), ist unnötig. 

Wie zuweilen die Bewohner von Städten 


Kleidertausch 


1512 




Kleidertausch 


1514 


I 5 II 


welche sich dem Belagerer unterworfen 
hatten, im Armensündergewand vor 
dem Sieger erscheinen mußten ®°°), so gab 
es früher auch besondere K.erstra- 
fen. Durch Kürzen des langen Ge¬ 
wandes, das meist hinten abgeschnitten 
wurde, bestrafte man verschiedene Ver¬ 
gehen. Frauen, die ein uneheliches Kind 
geboren hatten, wurden nach dem Seeli- 
genstadter Sendrecht außer anderm auch 
dadurch bestraft, daß man ihnen hinten 
den Rock abschnitt. Frauen strafte oder 
schmähte man auch dadurch, daß man 
ihnen hinten, vorne oder rundum bis zum 
Nabel die Kleider abschnitt oder ihnen 
die Röcke zusammenband und sie nackt 


durch das Dorf peitschte, was besonders 
bei Ehebrechern geschah 601 ). Zur Hin¬ 
richtung wurde dem Verurteilten oft 
eine besondere Kopfbedeckung auf¬ 
gesetzt (s. Hut). 

Erwähnt sei noch, daß K.er schon zur 


Zeit des Tacitus (Germ. c. 25) von den 
Untertanen als Zins entrichtet wurden 502 ), 
ferner daß auch das Schwören auf ein 
K. (jurare in vestimento) vorkam, 
z. B. auch bei den Friesen ® 03 ). 

Vgl. noch im besonderen Gürtel, 
Handschuh, Hemd, Hose, Hut, 
Mantel, Schleier, Schuh. 

4 ®°) Grimm RA. 2, 85 t. Vgl. Bächtold 
Hochzeit 1, 134. 491 ) Meyer Konv.-Lex. 9 

(1906), 903 f. 492 ) Vgl. Eisler Weltenmantel 60 f. 
4M ) Ebd. 166 ff. 494 ) Ebd. 173. 281. 285. 4 ®*) Vgl. 
Gold mann Einführung 131 ff. 496 ) Ebd. 9. 
J 3 °- Vgl. aber ZföVk. 9 (1903), 250. 497 ) Cis- 
zewski Künstl. Verwandtsch. 307. 498 ) Vgl. 

Quensel Thüringen 145. 4 ") Siecke Götter¬ 
attribute 221. 255. 260. 500 ) Vgl. Zaunert 

Westfalen 214. 601 ) Grimm RA. 2, 302 t. 

50f ) Ebd. 1, 523 ff. M3 ) Hoops Reallex. 3, 474. 


20. Von sonstigem Aberglauben ist 
zu erwähnen: Nach älterem Glauben 


trifft der Schütze, der beim Schießen 
ein Kinderk.chen unter den Lauf 
legt W4 ). Bei den Siebenbürger Sachsen 
kann die Feuerbannerin ein Feuer 
sofort löschen, wenn sie die Brandstätte 
dreimal nackt umläuft. Doch genügt es 
auch, wenn ein K. von ihr um das Feuer 
getragen wird 605 ). Bei den Franzosen 
herrscht der Glaube, daß man Regen 
hervorrufen kann, wenn man die K.er 
einer Person in eine ungewöhnliche Lage 


bringt oder die Taschen umkehrt 506 ). Ein 
Traum, daß man die K.er nicht finden 
kann, bedeutet, daß man irgendwohin 
gehen will, aber nicht dorthin kommt 507 ). 
Wer viel lügt, aus dessen K. steigen in 
der Wäsche viele Blasen auf 50s ). Wer 
selber auf sein K. spuckt, wird nach 
isländischem Glauben belogen 509 ). K.er 
zu waschen, ist in Finnland während der 
Aussaat verboten 510 ). Ebenda zieht 
man dazu außer neuen K.em (s. o. § 6) 
auch K.er an, die man beim Dreschen in 


der Riege getragen hat 511 ) und vertreibt 
Raupen und Ungeziefer, indem man alte 
K.er auf dem Kornfeld verbrennt und 
die Asche durch ein Sieb ausstreut 612 ). 
Kriecht eine Spinne auf das Gewand, so 
bedeutet es in der Wildschönau Glück 
und Segen 613 ). Bei den Esten muß der, 
welcher nüchtern von einem Singvogel 
durch den Gesang überrascht wird, etwas 
von seinen K.ungsstücken verbrennen, 
sonst hat er das ganze Jahr hindurch 
Unglück 514 ) (s. Hemd §10). Endlich 
besteht bei den Rumänen in der Buko¬ 


wina der Glaube, daß Gäste kommen, 
wenn jemandes K. durch die Tür er¬ 
faßt wird 515 ). 

504 ) John Westböhmen 326. 605 ) Wlislocki 

Siebenb. Volksgl. 81 = Weinhold Ritus 35. 
B06 ) SSbillot Folk-Lore i, 101. 607 ) Fogel 

Pennsylvania 77 Nr. 275. 608 ) Bohnenberger 
18 (Oberamt Heidenheim). 609 ) ZfVk. 8 (1898), 
161. 51 °) FFC. Nr. 32, 82 f. 6n ) Ebd. Nr. 31, 
132 f. 612 ) Ebd. Nr. 55, 103. * 13 ) Heyl Tirol 
786 Nr. 133. 814 ) • Boeder Ehsten 140 f. 

ß16 ) ZföVk. 4 (1898), 215. Jungbauer. 


Kleidertausch. Für den K. 1 ), der 
vielleicht an Stelle eines früheren Tau- 
schens der Gestalt, das durch bloßen 
Willen, ohne Formel und Kleid, voll¬ 
zogen wurde, getreten ist 2 ), kommen 
verschiedene Beweggründe in Betracht 3 ), 
die bei ein und derselben Erscheinung 
auch gleichzeitig auf treten können. Vor 
allem handelt es sich meist um eine 
Täuschung, mit der sich auch eine 
Drohung gegenüber feindlichen Geistern 
verbinden kann, was sich insbesondere 
im Brauchtum bei der Geburt, Hoch¬ 
zeit und beim Tod zeigt. Doch wird 
hier zuweilen auch eine bloße Ver¬ 
stärkung der eigenen Kraft bezweckt. 


1513 

besonders wenn es Mannskleider sind, 
die von Weibern oder Kindern angezogen 
werden. Der K. zwischen den Ge¬ 
schlechtern, der im religiösen Kult 
und bei Jahresfesten vorkommt, ist da¬ 
gegen meist nichts anderes als ein F r u c h t - 
barkeitszauber. Diesen K. betrach¬ 
teten die alten Juden als etwas Un¬ 
heiliges, wie es Deut. 22, 5 heißt: „Keine 
Frau darf sich Mannsgewänder anlegen 
und kein Mann Frauenkleider, denn ein 
Greuel für den Ewigen ist ein solches 
Tun“. An Stelle des K.es ist noch im 
1. Jahrhundert unter den jüdischen 
Bauern Palästinas ein Namenstausch 
(s. Namensänderung) getreten, da be¬ 
richtet wird, daß sich der Mann aus 
Furcht vor den Dämonen nachts mit dem 
Namen seiner Frau und diese mit dem 
Namen des Mannes nennt. Daß man 
durch Anziehen der Kleider einer anderen 
Person auch eine Gottheit irreführen 
kann, glaubte nach Herod. VII. 15 auch 
Xerxes I. 4 ). 

a) Geburt. Feindliche Geister täuscht 
die Wöchnerin, wenn sie Kleider ihres 
Mannes anlegt, wie in Thüringen 5 ) oder 
bei den Kasch üben 6 ). Sie verstärkt ihre 
Kraft und übersteht daher leichter die 
Wehen, wenn sie des Mannes Hemd 
(s. d.) anzieht 7 ), was schon antike Quellen 
empfehlen 8 ), oder wie in der Schweiz die 
Uniform des Mannes oder Soldatenkleider, 
wodurch auch das Kind selbst stark ge¬ 
macht wird 9 ). Anders zu erklären ist, 
wenn die kreißende Frau sich mit einem 
Mannsgürtel (s. d.) gürtet, wie aus einem 
bayrischen Beichtzettel des 15. Jahr¬ 
hunderts hervorgeht 10 ), oder die Pan¬ 
toffeln des Mannes anzieht (Schwaben) u ). 
Beide Stücke sind beim Mann größer und 
weiter und vergrößern und erweitern da¬ 
her in magischer Einwirkung die Geburts¬ 
teile, wodurch die Wehen erleichtert 
werden. Auf den Watubella-Inseln 
werden bei einer schweren Entbindung 
einige von den Kleidern des Mannes unter 
die Kreißende gelegt, w as auch auf 
Amban und den Uliase-I nseln mit der 
Begründung geschieht, d aß das Kind 
die Transpiration des Vat ers bemerken 
und, hierdurch angelockt, schneller her¬ 


austreten soll 12 ). Ein gleicher Ersatz des 
K.es liegt vor, wenn man die Kindbetterin 
vor Nachwehen dadurch sichert, daß man 
eine gebrauchte Männerhose auf das Bett 
(Pommern) 13 ) oder ein Hemd des Mannes 
auf den Körper legt 14 ). 

In der Oberpfalz legt die Kindbetterin 
zur Abwehr der Drud ein Kleidungsstück 
ihres Mannes unter den Kopf und schläft 
darauf. Ferner trägt sie, solange sie nicht 
vorgesegnet ist, des Mannes Jacke, um 
von der Hexe nicht erkannt zu werden 15 ). 
In der Pfalz muß die Kindbetterin, da¬ 
mit die Nachgeburt schnell abgehe, auf¬ 
stehen und mit einem Stock in der Hand 
und dem Hut des Mannes auf dem Kopf 
ein wenig umhergehen, worauf sie sich 
wieder niederlegt 16 ). Um Henneberg 
muß sie beim ersten Verlassen des Wochen¬ 
bettes des Mannes Rock anziehen, seinen 
Hut aufsetzen, seinen Stock nehmen und 
sich von der Hebamme in allen Stuben 
des Hauses umherführen lassen 17 ). Der 
Gebrauch des Stockes zeigt deutlich, wie 
sich das Motiv der Drohung mit dem der 
Täuschung verbindet. 

Ebenso wird das Kind geschützt. Da¬ 
mit es nicht ausgewechselt wird, zieht 
die Mutter in Schleswig ein Stück Zeug 
von ihrem Manne an 18 ), oder sie legt 
jedesmal, wenn sie die Wochenstube ver¬ 
läßt, etwas von des Vaters Kleidern auf 
das Kind lö ), oder man hängt, wie in 
Schottland und China, nach der Ent¬ 
bindung ein Paar Hosen am Fußende 
des Bettes auf 20 ). Bei dem schon im 
Mittelalter belegten Brauch, das neuge¬ 
borene Kind in des Vaters Hemd oder 
Kleid zu hüllen, liegt weniger eine Täu¬ 
schung der Dämonen vor als vielmehr ein 
Akt der Legitimation und zugleich der 
zauberhaften Übertragung männlicher 
Kraft auf das Kind 21 ). Das erste Motiv 
läßt sich aber in der ostpreußischen 22 ) 
und schottischen 23 ) Sitte erkennen, ein 
neugeborenes Mädchen in Männerwäsche, 
einen Knaben in Frauen Wäsche zu 
wickeln, was auch an die Sitte des Män¬ 
nerkindbettes 24 ) (s. d.) erinnert. 

b) Hochzeit. Hier handelt es sich 
nicht allein um die Täuschung böser 
Dämonen, sondern sicher auch um das 


1515 


Kleidertausch 151 6 

mit dem Beginn der Ehe entstehende I § 17), um eine Täuschung und um den 


Gebunden sein des einen Teiles an den 
andern. Man will durch den K. sinnbild¬ 
lich ausdrücken, daß man einen Teil seiner 
Persönlichkeit aufgibt. Schon im Alter¬ 
tum kam der K. bei diesem Anlaß vor. 
Der koische Bräutigam pflegte bei der 
Hochzeit Frauenkleider zu tragen, die 
spartanische Braut erwartete den Bräuti¬ 
gam in Männerkleidung 25 ). Die argivi- 
schen Bräute trugen beim Beilager, jeden¬ 
falls beim ersten, falsche Bärte. Bei den 
ägyptischen Juden legte im Mittelalter der 
Bräutigam weibliche Kleidung an, wäh¬ 
rend die Braut Helm und Schwert trug. 
In Westafrika trägt der junge Ehemann 
einige Zeit nach der Hochzeit den Unter¬ 
rock der Frau. In Kondesch in Indien 
reitet die Braut zwei Stunden vor der 
Hochzeit in Mannskleidem durch das 
Dorf 26 ). Bei den Esten wurde die Braut 
am Hochzeitstage mit einem Mannsgürtel 
umgürtet, und dem Bräutigam wurde 
ein Weibergürtel um den Hut gebunden 27 ). 
Wenn man der Braut den Hut des Bräuti¬ 
gams aufsetzt, wie dies bei den Ditmar- 
schen, Esten, Kleinrussen u. a. üblich 
ist 28 ), oder, wie bei den Slowenen in 
Unterkrain, der Bräutigam seine Hosen 
unter das Kopfkissen der Braut legt 29 ), 
so wird damit die als selbstverständlich ge¬ 
dachte oder durch diesen Zauber erst er¬ 
strebte Unterordnung des Weibes unter 
die Herrschaft des Mannes eher als andere 
Motive in Betracht kommen. Wenn bei 
den Esten mitunter auch der Braut¬ 
jungfer ein Männerhut aufgesetzt wird 30 ), 
so erscheint sie damit bloß als Stellver¬ 
treterin der Braut selbst. 

c) Tod. Von den Lykiem wird über¬ 
liefert, daß die Männer, wenn sie trauerten, 
Weiberkleidung anlegten, was damit er¬ 
klärt wird, daß das Trauern, Weinen 
und Klagen etwas Weibisches sei und da¬ 
her am besten auch in Weiberkleidern 
geschähe 31 ). In Wirklichkeit handelt es 
sich bei diesem K., ähnlich wie bei der 
Unkenntlichmachung des Gesichtes durch 
Bemalen bei einzelnen Völkern anläßlich 
von Todesfällen und im Verkehr mit 
Totengeistern oder auch beim Anziehen 
von schwarzen Trauerkleidem (s. Kleid 


Schutz der eigenen Person 82 ). 

d) Schon im Altertum fand in reli¬ 
giösen Kulten und bei Jahresfesten 
ein K. zwischen den Geschlechtern statt, 
so wahrscheinlich bei einzelnen Kulten 
in Sparta 33 ), dann an den großen Aphro¬ 
ditefesten, in Argos bei dem Fest Hybri- 
stika u. a. 34 ). Im Kult der Selene spielten 
Männer in Frauentracht und Frauen in 
Männertracht eine Rolle 35 ). Man hat 
diese Erscheinung als eine Übertragung 
ursprünglicher Hochzeitsbräuche auf Jah¬ 
resfeste, die sich auf die Ehe beziehen, 
erklärt. Der K. bei diesen Anlässen 
ist aber viel verbreiteter und daher wohl 
auch älter als die spärlich und vereinzelt 
überlieferten Hochzeitsbräuche, die hier 
herangezogen werden. In erster Reihe 
hat man es mit einem Fruchtbarkeits¬ 
zauber zu tun, wobei freilich auch das 
bei allen Maskeraden (s. d.) wichtige 
Motiv mitspielt, daß man sich den Geistern 
unkenntlich machen will 36 ). Mit dem 
Fruchtbarkeitszauber macht sich auch 
das rein geschlechtliche Moment stark 
bemerkbar, so besonders bei griechischen 
Tänzen, wo die Männer Weiberkleider 
hatten und die Weiber Phallen trugen 37 ). 
Endlich darf nicht übersehen werden, daß 
schon in ältester Zeit sicher auch die Lust 
am Verkleiden allein, die komische 
Wirkung beim Tragen nicht passender 
Kleider des anderen Geschlechtes den 
Anlaß zum K. bei festlichen Lustbar¬ 
keiten gegeben hat. Vereinzelt mag hie 
und da auch eine perverse Veranla¬ 
gung hereinspielen. 

Weiberkleider zogen besonders die Sol¬ 
daten bei den römischen Kalendenfeiem 
an. Diese Vermummungen setzten sich 
in den frühmittelalterlichen Kalenden¬ 
bräuchen fort 38 ) und wurden, wie auch 
ähnliche in Deutschland seit je übliche 
Bräuche (s. Jahresfeste), von der Kirche 
wiederholt bekämpft 39 ), zumal dieser 
K., wie aus einem Beleg aus dem Beginn 
des 12. Jahrhunderts hervorgeht, nicht 
selten zur Ausführung von Übeltaten in 
der Neujahrsnacht (. . . si viri muliebrem 
vel midieres virilem habitum pro quolibet 
maleficio induunt . . .) benützt wurde 40 ). 


1517 


KJeidomantie 


1518 


Am häufigsten ist der K. bei Frühlings¬ 
festen, bei welchen durchweg eine ge¬ 
steigerte Sinnlichkeit auffällt, die den 
K. und damit gewissermaßen den Ge¬ 
schlecht st ausch veranlaßt. Dies bezeugt 
eine Schilderung des Lütticher Pfingst- 
umganges vom Jahre 1224 41 ) und über¬ 
liefert Fischart (1532) vom Fastnachts¬ 
dienstag 42 ). Aber noch in neuerer Zeit 
trugen beim Maifest zu Vaihingen an 
der Ens die Burschen Mädchenröcke und 
die Mädchen Mannskleider 43 ). Beim 
Maienumzug am 2. Pfingsttag in Dröm- 
ling (Altmark) trägt ein Hirtenjunge 
zwei Weiberröcke, davon einen über den 
Kopf gebunden 44 ). Ebenfalls in der 
Altmark ziehen Tänzer und Tänzerinnen 
zu Pfingsten von Hof zu Hof, darunter 
mehrere Burschen in Weiberkleidem. Auf 
das Grün der erwarteten Saat und Flur 
weist deutlich, daß man bei Lübeck einen 
mit einem grünen Weiberrock behan- 
genen Knecht am Sonntag Quinquagesimä 
umherführt 45 ). Im Elsaß sind Verklei¬ 
dungen auch beim Feste der Weinlese 
üblich (s. Herbstfeste) 46 ). 

Von einem K. im heidnischen Kult der 
Germanen berichtet Tacitus (Germ. c. 43): 
,,Apud Nahanarvalos antiquae religionis 
lucus ostenditur. Praesidet sacerdos mu- 
liebri ornatu“ 47 ). 

*) Vgl. Samter Geburt 90 f.; Pauly- 
Wissowa ii. 2, 2168; Frazer Totemism 4, 
250 ff. 2 ) Grimm Myth. 3, 317. 3 ) Vgl. Fehrle 
Keuschheit 41. 92; ZfVk. 21 (1911), 412. 4 ) J. 
Schef telowitz Alt-Palästinensischer Bauern - 
glaube (Hannover 1925) 54 f. 6 ) Seligmann 
Blick 2, 221; Samter Geburt 90. 6 ) Seefried- 
Gulgowski 121. 7 ) Urquell 4 (1893), 149 

(Mundorf a. d. Sieg). 8 ) Stemplinger Aber¬ 
glaube 69. 9 ) Hof fmann-Krayer 24; SchwVk. 
9, 42; SAVk. 24, 61. 10 ) Samter Geburt 127. 

n ) Grimm Myth. 2, 983. l2 ) SamterG^«^ 90 f. 
13 ) Urquell 5 (1894), 232 = NF. 1 (1897), 132. 
u ) Höhn Geburt 260. 16 ) Schönwerth 

Oberpfalz i, 190 Nr. 6. 16 ) Lammert 168. 

17 ) Sartori Sitte 1, 31. 18 ) Möllenhoff Sagen 
(1921) 332 Nr. 494 = Ranke Sagen 2 138. 
19 ) Grimm Myth. 3, 460 Nr. 744 (Oberösterreich, 
1787). 20 ) Samter Geburt 90. 21 ) Vgl. SchwVk. 
9, 42. 22 } Lemke Ostpreußen 1, 41. 23 ) Samter 
Geburt 90 1 . 24 ) Vgl. ebd. 95 1 . 25 ) Pauly- 

Wissowa 15, 2131; Nilsson Griech. Feste 
370 ff. 28 ) Samter Geburt 91 ff. 27 ) v. Schroe- 
der Hochzeitsbräuche 94 f. = Samter Geburt 92 f. 
28 ) Samter Geburt 91 f. 29 ) Ebd. 93. 30 ) Ebd. 
31 ) Vgl. Bachofen Mutterrecht 27 f. 32 ) Vgl. 


Samter Geburt 95 f. 33 ) O. Gruppe Griech. 
Myth. u. Religgesch. 1 (München 1906), 159. 
34 ) Nilsson Griech. Feste 370 ff.; vgl. 451 ff. u. 
ARw. 7 (1904), 75 f. 35 ) Radermacher Beiträge 
88. 109. 122 f. 36 ) Pf annenschmid Ernte¬ 
feste 583. Vgl. ZfVk. 5 (1895), 130- 37 ) Vgl. H. 
Schnabel Kordax (München 1910) 43 ff. 47. 
38 ) ARw. 19 (1919), 92 f. 39 ) Vgl. Grimm Myth. 
3, 415; Radermacher Beiträge 88. 40 ) ZfVk. 3 
(1893), 372. 41 ) Mannhardt 1, 441 = ZfVk. 5 
(1895), 130. 42 ) Höf ler Fastnacht 62. 43 ) Lieb- 
recht Zur Volksk. 410. 44 ) Mannhardt 1, 

324. 4ö ) Ebd. 441. 48 ) ZfVk. 5, 130. 47 ) Liebrecht 
Zur Volksk. 410. Vgl. Ausgabe von E.Fehrle (Mün¬ 
chen 1929) S. 104. — Vgl. die einzelnen Kleidungs¬ 
stücke, besonders Hemd, Hose. Jungbauer. 

Kleidomantie (Clidomantie), Schlüssel¬ 
wahrsagung (xXei? = Schlüssel). Die 
folgende Darstellung bezieht sich grund¬ 
sätzlich nur auf die älteren Berichte 
und sucht die Wurzeln dieser weitver¬ 
breiteten Wahrsagemethode bloßzulegen, 
deren neuzeitliche Formen teils bereits 
behandelt sind l ), teils dem Artikel 
„Schlösser 1 Vorbehalten bleiben; von 
ihnen sollen nur einige Beispiele bei¬ 
gebracht werden, aus denen das Fort¬ 
leben und die Zersetzung der alten 
Methoden besonders deutlich hervorgeht. 

Die Bezeichnung K. ist nicht antik, 
sondern, wie bei vielen anderen Divina- 
tionen, nur nach antikem Muster ge¬ 
bildet; sie tritt anscheinend zum ersten 
Male im 16. Jh. auf (s. u.). Diesem 
späten Erscheinen entspricht auch die 
Tatsache, daß die in den frühesten Zeug¬ 
nissen beschriebene Form des ganzen 
Verfahrens den Schlüssel noch gar nicht 
unter den Requisiten der Praxis kennt. 
Es ist dies die sogenannte Psalter- oder 
Bibelprobe (Judicium cum psalterio), die 
seit dem 16. Jh. vielfach unter dem 
Stichwort K. beschrieben wird. Sie 
gehört zu einer Gruppe von Divinations- 
formen, deren Wesen darin besteht, daß 
man die scheinbar spontan eintretende 
Drehbewegung eines schwebend aufge¬ 
hängten Gegenstandes als Äußerung einer 
höheren Macht deutet. In den meisten 
Fällen bezieht sich diese Äußerung nicht 
auf Zukünftiges, sondern auf die Fest¬ 
stellung einer Schuld oder eines Schul¬ 
digen, vor allem eines Diebes; es handelt 
sich also vorwiegend auf eine „rückwärts 
gewendete Weissagung". Es gehören 


1519 


Kleidomantic 


1520 


zu diesem Typus außer der Bibelprobe 
noch die Kesselprobe, das Brotdrehen 
und das Siebdrehen oder der Sieblauf. 
Mit Ausnahme der letztgenannten Me¬ 
thode, die bereits im Altertum bekannt 
war (s. Koskinomantie, Sieblauf), be¬ 
gegnen die sämtlichen genannten Schuld¬ 
proben unter den Gottesurteilen, die 
ursprünglich von der Kirche geduldet 
und durch amtliche Mitwirkung sank¬ 
tioniert, später aber (offiziell 1215 durch 
das Lateranische Konzil) als abergläubi¬ 
sche Handlungen untersagt und verfolgt 
wurden 2 ). Sowohl bei der Kessel- wie 
bei der Brot probe gibt die Drehung des 
Gegenstandes den Ausschlag: Bei der 
Kesselprobe galt eine Schuld als erwiesen, 
wenn ein unter bestimmten Riten auf¬ 
gehängter Kessel mit siedendem Wasser 
sich zu drehen begann; sie ist wohl zu 
unterscheiden von der Probe des kochen¬ 
den Wassers, bei der der Verdächtigte 
den Arm in siedendes Wasser tauchen 
mußte und als unschuldig galt, wenn er 
sich dabei nicht verbrühte 3 ). Bei der 
Brotprobe wurde ein aus Gerstenmehl 
und Weihwasser hergestelltes und in der 
Messe durch ein Kreuzeszeichen geweihtes 
Brot mit einer Spindel durchstoßen, an 
der oben eine Drehvorrichtung angebracht 
war. An dieser drehbaren Öse wird 
das Brot zwischen zwei Zeugen auf- 
gehängt, ein ^Priester spricht ein Gebet, 
in dem das Brot beschworen wird, sich 
im Kreise zu drehen, wenn der Ver¬ 
dächtige schuldig sei 4 ). 

Daß die K. zu dieser Gruppe gezählt 
und nicht selten in engem Zusammen¬ 
hang mit den anderen dazugehörenden 
beschrieben wird, verdankt sie dem Um¬ 
stand, daß zur Aufhängung der Bibel 
oder des Gesangbuchs, dessen Drehungen 
beobachtet werden, meist ein Schlüssel 
verwendet wird. Die ältesten Anweisungen 
jedoch setzen an seine Stelle ein Stück 
Holz, das in den Psalter hineingebunden 
wird. So wird nach der Münchner Hs. 
Clm 100 (12. Jh.) 5 ) ein mit einem 
Knauf (capitellum) versehenes Holz in 
den Psalter an die Stelle des Psalmes 
119, 137 „iustus es, Domine, et rectum 
iudicium tuum“ eingelegt und das Buch 


fest zugeschnürt. Der Knauf wird so 
in das Loch eines zweiten Holzes ge¬ 
steckt, daß es sich darin drehen kann. 
Dies Querholz halten zwei Leute, der 
Verdächtige muß vortreten. Der eine 
der Haltenden sagt nun dreimal zu dem 
anderen: „Der hat die Sache“, und dieser 
antwortet jedesmal: „Er hat sie nicht“. 
Darauf ruft der anwesende Priester unter 
Beziehung auf jene Psalmenstelle die Ent¬ 
scheidung des Höchsten an, wobei er 
die Vermittlung der Gottesmutter und 
aller Heiligen, besonders des hl. Chry- 
santhus, des hl. Daria und des hl. Bran¬ 
danus erfleht e ). Wenn der Verdächtigte 
unschuldig ist, so solle sich das Buch 
nach dem Sonnenlauf drehen, umgekehrt 
aber, wenn er schuldig ist. Im weiteren 
Verlauf des Gebetes wird auch der 
Anfang des Johannesevangeliums zitiert. 
Ein zweites kirchliches Ritual für die 
Psalterprobe, gleichfalls aus dem 12. Jh. 7 ), 
ist in der Angabe der zu sprechenden 
Gebete noch ausführlicher, dagegen 
weniger klar in der Beschreibung der 
Ausführung, deren altfranzösischer Text 
außerdem mangelhaft überliefert ist. Doch 
ist auch in ihr sicher von einem Schlüssel 
keine Rede; das Buch wird offenbar 
wieder an einem Holz aufgehängt. Den 
Ausschlag gibt hier nicht die Richtung, 
in der sich das Buch dreht, sondern die 
Tatsache der Drehung selbst, die dann 
eintritt, wenn der Verdächtigte den Dieb¬ 
stahl begangen hat. Gleichfalls ein Holz 
dient zur Aufhängung des Buches in 
einem Bericht des Griechen Baisamon 
(2. Hälfte des 12. Jh.s), wonach ein Priester 
bestraft wurde, der durch seine Mani¬ 
pulationen mit einem sich drehenden 
Evangelienbuch vielen unschuldigen Leu¬ 
ten geschadet habe 8 ). Auch in anderen 
frühen Erwähnungen des Psalterdrehens, 
die bereits Verbotscharakter haben, wird 
der Schlüssel nicht genannt ö ); doch 
ist es bei dem Fehlen einer genaueren 
Beschreibung nicht unmöglich, daß er 
in diesen Fällen mitverwendet wurde. 

Die erste ausdrückliche Erwähnung des 
Schlüssels bei der Psalterprobe dürfte 
in einer dänischen Hs. vom Jahre 1514 
vorliegen 10 ), die ein gutes Beispiel dafür 


1521 


Kleidomantie 


1522 


liefert, daß sich die von der offiziellen 
Kirche längst abgeschüttelten Ritualien 
des alten Gottesurteils im Volksbrauch 
noch lange erhalten haben 11 ). Aus der 
in manchen Einzelheiten nicht völlig 
klaren Beschreibung ergibt sich, daß zu¬ 
nächst dreimal ein lateinisches Gebet 
verlesen wurde, in dem Jesus gebeten 
wird, den Schuldigen zu offenbaren und 
den Gerechten freizusprechen. Anschei¬ 
nend wird dies Gebet auf ein Papier¬ 
blatt geschrieben und der Name des 
Verdächtigen hinzugefügt. Dies Blatt 
wird in das Brevier an die Stelle gelegt, 
wo der Psalm steht: Miserere mei Deus. 
An die gleiche Stelle legt man einen 
Schlüssel, und zwar so, daß er oben 
und unten hinausragt. Das Buch mit 
dem eingelegten Papierblatt und dem 
Schlüssel wird nun auf beiden Seiten 
von zwei Personen mit je einem Finger 
gehalten. Wie die Handlung weiter ver¬ 
läuft, ist in diesem Bericht nicht an¬ 
gegeben 12 ). Ein deutsches Zeugnis aus 
dem Anfang des 18. Jh.s bringt dagegen 
eine sehr klare Schilderung: ,,Sie stecken 
einen Schlüssel in ein Psalm-Buch (welche 
sie beede nicht gekaufft, noch bezahlet, 
sondern ererbet, dahero sie diese Stücke 
auch den Erbschlüssel und Erbpsalter 
nennen) auf einen gewissen Vers eines 
gewissen Psalms, von oben hinein, daß 
die Handhabe oben heraussen bleibt, 
binden alsdann das Psalm-Buch feste zu, 
halten den Schlüssel nur mit denen zween 
Zeuge-Fingern, und nennen nacheinander 
etliche verdächtige Personen mit Nahmen: 
bey welchem Nahmen nun sich der 
Schlüssel mit dem Buch herumdrehet, 
denselben halten sie vor den Dieb“ 13 ). 
Dies ist die gleichsam klassische Be¬ 
schreibung des verbreitetsten Typus der 
K., den wir mit unwesentlichen Ände¬ 
rungen bis in die Neuzeit verfolgen 
können 14 ). Bisweilen wird das Buch 
mit dem eingebundenen Schlüssel nicht 
von den Fingern (Zeigefingern, Daumen) 
des oder der Befragenden gehalten, son¬ 
dern mittels einer Schnur an die Decke 
oder an Tisch und Wand gehängt 15 ), 
nach anderer Schilderung fällt der 
Schlüssel, obgleich er eingebunden ist. 


im entscheidenden Augenblick heraus 16 ). 

Charakteristisch für den vorstehend ge¬ 
schilderten Typus der K. ist die Behelfs¬ 
rolle des Schlüssels, der in erster Linie 
dazu dient, die Achse herzugeben, um 
die sich das Buch dreht, und deshalb 
auch, wie gerade die ältesten Zeugnisse 
beweisen, durch ein Stück Holz ersetzt 
werden kann. Damit ist nicht gesagt, 
daß nicht auch dem Schlüssel an sich mit 
naheliegender Beziehung auf seine Funk¬ 
tion des Öffnens und Erschließens eine 
mantische Fähigkeit beigelegt wurde. 
Diese Vorstellung tritt deutlich in einem 
zweiten Typus der K. zutage, der sich 
zwar an Ausbreitung und Lebensfähigkeit 
mit jenem ersten nicht messen, aber 
doch in älterer Zeit nicht unbekannt 
gewesen sein kann, da sich gerade die 
ältesten literarischen Zeugnisse für 
K. auf ihn beziehen. Möglicherweise 
sprechen auch Umstände der geographi¬ 
schen Verbreitung mit, denn jene Notizen 
stammen von Schriftstellern des romani¬ 
schen Gebietes. Der erste Autor, bei 
dem die Bezeichnung K. überhaupt vor¬ 
kommt, ist ein nordfranzösischer Anony¬ 
mus des 16. Jh.s. Er und Delrio, der 
von ihm abhängt oder mit ihm aus der 
gleichen Quelle schöpft, beschreiben die 
K. folgendermaßen: Man wickelt einen 
Zettel mit dem Namen des Verdächtigen 
um einen Schlüssel und bindet diesen 
an ein Bibelbuch. Dies wird von einer 
jungfräulichen Person hochgehalten, und 
nachdem einige Zauberworte gesprochen 
sind, dreht und bewegt sich bei der 
Nennung des Namens, falls der Be¬ 
treffende schuldig ist, der Zettel 17 ). Man 
darf wohl annehmen, daß die letzten 
Worte so zu verstehen sind, daß sich 
damit auch der Schlüssel dreht, der in 
den Zettel eingewickelt ist. Hier sehen 
wir den Schlüssel eine selbständige Rolle 
spielen; seine eigene magische Kraft 
wird verstärkt durch das Fluidum des 
heiligen Buches, an dem er aufgehängt 
ist. Zeugnisse für das Fortleben dieser 
Brauchform in späterer Zeit fehlen fast 
völlig; aus dem Großstadtaberglauben 
der Gegenwart (Wien 1928) wird einmal 
angegeben, daß man die Jahre bis zur 



1523 


Kleidomantie 


1524 


Heirat an den Drehungen eines Schlüssels 
feststellt, den man an ein Gebetbuch 
gebunden hat 18 ). Zu bemerken ist, daß 
der Zettel mit dem Namen des Schuldigen 
auch in einer Beschreibung des ersten 
Typus (oben Anm. 12) vorkommt, was 
für das Nebeneinanderbestehen beider 
Methoden im 16. Jh. sprechen könnte. 

Wenn bei einem älteren Autor zum 
Stichwort K. nur gesagt wird, daß der 
Schlüssel auf die Bibel, und zwar auf 
den Anfang des Johannisevangeliums 
gelegt wird, so ist dazu wohl zu ergänzen, 
daß er sich bei Nennung des richtigen 
Namens bewegte oder herabfiel ld ), oder 
daß man ihn etwa wie den Zeiger eines 
„ Glück srades" durch einen Stoß in 
Drehung versetzte und er dann beim 
Stehenbleiben mit dem Bart auf den 
Schuldigen zeigte 20 ). Eine eigenartige 
Verbindung der K. mit der oben 312 ff. 
unter „Horchen" behandelten Zukunfts¬ 
erkundung beschreibt Praetorius 21 ):, »Et¬ 
liche nehmen einen Erbschlüssel und 
einen Knäuel Zwirn, binden den Zwirn 
fest an den Schlüssel und bewinden das 
Knaul, daß es nicht weiter ablaufen 
kann und etwan ein eien oder sechs los 
hängt. Dann stecken sie es zum Fenster 
hinaus und bewegen es von einer Seite 
zur anderen an den Wänden und sprechen 
dabei „horch! horch!". Von der Gegend 
und Seite her, wohin sie freien werden 
und zu wohnen kommen, läßt sich als¬ 
dann eine Stimme vernehmen". Dem 
oben 4, 319 besprochenen „Zaunrütteln" 
nahe verwandt ist eine für den Anfang 
des 18. Jh.s belegte Abart der K.: In 
der Christnacht wirft das Mädchen einen 
Erbschlüssel an die Haustür. Wo dann 
ein Hund bellt, aus derselben Richtung 
wird ihr Freier kommen 22 ). 

Die in den jüngeren Belegen fast immer 
begegnende Forderung, daß für die Pro¬ 
zedur keine gewöhnlichen Requisiten, 
sondern Erbsclilüssel und Erbbücher ver¬ 
wendet werden müssen, tritt bereits im 
Jahre 1542 (s. o. Anm. 13) auf 23 ). Von 
den Bibelstellen, die man mit dem 
Schlüssel in Verbindung bringt, gilt der 
Anfang des Johannesevangeliums als die 
wirkungvollste M ), daneben werden ver¬ 


wendet die Sprüche, Psalm 119, 137 25 ) > 
Ps. 50, 18 26 ). In Anweisungen jüngeren 
Datums finden sich außerdem: Hohes 
Lied 8, 6f. 27 ), Offenbarung Joh. und 
Jes. c. 14 M ), Ruth 1, 16 und Sprüche 
19, 5 29 )* Ist das verwendete Buch ein 
Gesangbuch, so wurde das Lied „Wir 
glauben all' an einen Gott" bevorzugt 30 ). 
Interessant ist, daß sich auch das in dem 
ältesten Zeugnis (Anm. 5) vorgeschriebene 
Zwiegespräch zwischen den beiden Aus¬ 
übenden mit dem Schema „er hat es 
getan — er hat es nicht getan" auch 
späterhin noch findet 31 ). 

Ebenso wie die K. von der Kirche 
nach anfänglicher Tolerierung verdammt 
wurde, so dürfte sie auch von den welt¬ 
lichen Behörden gleich anderen Zaubereien 
bestraft worden sein, besonders wenn 
sie durch unbegründete Verdächtigung 
den Ruf Unschuldiger schädigte. Akten¬ 
stücke im Archiv der (1911 durch Brand 
zerstörten) New-York State Library zu 
Albany berichten ausführlich über einen 
derartigen Fall in der Kolonie Neu- 
Niederland im Jahre 1662: Die Schuldigen 
wurden anfangs zum Tode und zur 
Konfiskation ihres Vermögens verurteüt, 
später wurde die Strafe gemildert, die 
Missetäter wurden auf dem Hochgericht 
an den Schandpfahl gestellt mit einem 
Papier auf der Brust, auf dem geschrieben 
stand : „Bibeldreher und Mißbraucher von 
Gottes heiligem Wort" #a ). 

Was den Ursprung und die Herkunft 
der K. betrifft, so liegt für ihren ver¬ 
breitetsten Typ, die Psalterprobe, und 
die davon abgeleiteten Formen die christ¬ 
lich-kirchliche Wurzel deutlich zutage. 
Denn das Hauptrequisit dieses Ordals 
war, wie gezeigt wurde, der Psalter oder 
die Bibel, also ausgesprochen kirchliche 
Gegenstände, während der Schlüssel nur 
eine sekundäre Rolle spielt. Nicht un¬ 
möglich ist es, daß diese Form an die 
Stelle eines heidnischen Brauches, z. B. 
der Probe des sich drehenden Kessels 
getreten ist 33 )„ Die Vermutung, daß 
orientalischer Einfluß vorliege **), stützt 
sich lediglich auf vereinzeltes Vorkommen 
der Schlüsselprobe im Orient des 19. Jh.s 
und ist also nicht ausreichend begründet. 


1525 


Kleidomantie 


1526 


l ) Oben 1, 1218; 2, 208. s ) Oben 3, 1004 fl. 
8 ) Franz Benediktionen 2, 354. 373* (Kirch¬ 
liche Weiheformel Anfang des 9. Jh.). 4 ) Oben 
1, 606. 1641; Franz a. a. O. 2, 360. 385 ff.: 
Konjurationen des „hängenden Brotes“ (panis 
pendentis) aus Hss. des 9., 10. und 14. Jh.s. 
6 ) Rockinger in Quellen u. Erörterungen zur 
bayer. u. deutschen Gesch. 7 (1858), 352; 
MG. Leges, Sect. 5 (1886), 671; Franz Bene - 
diktionen 2, 391 f. 362; Diermanse in NdlTVk. 
34, 7. Die Hs. enthält sogar eine freilich nicht 
ganz deutliche Zeichnung des Aufhängeverfah¬ 
rens. •) Da sich von den beiden erstgenannten 
Heiligen wertvolle Reliquien in Prüm befanden, 
vermutet Franz 2, 362, daß die Hs. von dort 
stamme, doch vgl. Diermanse a. a. O. 6 
Anm. 23. 7 ) Cod. Paris, lat. 2403 fol. 163 

(Nordfrankreich), Text bei Foerster-Kosch- 
witz Altfranzös. Übungsbuch* (1921) 171; 

MG. Leges, Sect. 5, 636; Franz 2, 363. 392; 
Diermanse 8. 8 ) Migne P. G. 137, 724 A; 

Franz 2, 338; Diermanse 9; für B.s Leben 
und Werke vgl. Hör na Wiener Studien 25, 
165. •) Hyltön-Cavallius Wärend och 

Wirdarnc 8 2, LII aus einem „Seelentrost“ 
des 14. Jh.s: „thu skalt ey saltarin lata 
löpa“; Des Coninx Summe (1514), hsg. v. 
Tinbergen (1907) 269. Dazu vgl. De 
Keyser in Tijdschr. v. Nederl. Taal en 
Letterkde. 47, 101, der dort 104 aus einer 
Genter Hs. Nr. 697 ein Gebet für das Psalter¬ 
drehen mitteilt, in dem die Erzengel Michael, 
Gabriel und Raphael um ihren Beistand an¬ 
gerufen werden. Der Hsg. glaubt in dieser 
Anrufung Spuren kabbalistischen Einflusses zu 
sehen. Übrigens dürften auch die Worte Hart- 
liebs Buch aller verb. Kunst Kap. 50, hsg. v. 
Ulm 34 (im Anschluß an das Brotdrehen): 
„es sind mer leut, die söllich loß treiben vnd 
Got verbuchen mit einem psalter vnd pinden 
daromb ain stol“ auf den in Frage stehenden 
Typus der K. gehen; an Stelle des einfachen 
Fadens wird zur Verstärkung der Wirkung hier 
eine Stola verwendet, um den Schlüssel in den 
Psalter zu binden. 10 ) Ohrt Danmarks Trylle- 
formier 1 (1921), 429 Nr. 954; De Vries in 
Tijdschr. v. Nederl. Taal- en Letterkde. 47, 106. 
u ) H. G. v. d. Borne Kümmerlicher Zustand 
der Chur- und Mark-Brandenburg (1641) bei 
Praetorius Coscinomantia (1677) Eia und bei 
Frentz Ruppiner Bauerntum (1929) 32 klagt 
darüber, daß sich die Pfarrer und Küster auf 
den Dörfern dazu gebrauchen lassen. 12 ) Die 
von De Vries a. a. O. 107 gegebenen Details 
sind aus dem Wortlaut der Hs. keinesfalls zu 
erschließen. In einem Ratsprotokoll von Hel- 
singör v. J. 1635 bei Ohrt a. a. O. 431 Nr. 960 
heißt es in dem (dänischen) Gebet: „So 
wahr und wahrhaftig St. Johannes Christus in 
dem Wasser des Jordans taufte und Gott Wasser 
in Wein verwandelte zu Kana in Galiläa“; 
über die Ausführung verlautet auch hier nichts, 
denn die mit ihrer Tochter wegen dieser Zauberei 
verhörte Frau erklärte: „Was danach geschah 
und was sie danach ausrichteten, wüßte sie 


nicht“. 18 ) Pachelbl Ausführliche Beschreibung 
des Fichteibergs (1716), abgedr. in Bayer. 
Wochenschr. f. Heimat und Volkstum 9 (1931), 
336. Die Beschreibung bei Huß Aberglaube 24 
ist wörtlich aus diesem Buch entnommen; in 
den Hauptpunkten stimmt sie überein mit der 
bereits von Boissardus De divinatione (1615) 
gegebenen Darstellung. 14 ) Vgl. z. B. (Bou- 
hours) Remarques ou Reflexions (1692) 96. 
Diese meist von Delrio abhängige, in diesem 
Fall aber von ihm abweichende Darstellung 
behauptet, nicht das Buch, sondern der Schlüs¬ 
sel gerate bei der Nennung des Schuldigen in 
Drehung, und zwar so stark, daß dabei der 
Faden, mit dem er in das Buch eingebunden 
sei, zerreiße. Ferner: Grimm Myth. 3, 469; 
Bartsch Mecklenburg 2, 341; John Erzgebirge 
118. 152; Drechsler Schlesien 2, 242; ZfrwVk. 
12, 266. Weitere Literaturangaben bei Heck¬ 
scher Kulturkreis 358 und Diermanse a. a. O. 
4. Nach einer ausführlichen Beschreibung bei 
Bang Norske Hexeformularer in Skrifter udg. 
av. Vid. Selsk. i Christiania 1901 Nr. 1, 582 
Nr. 1302 und De Vries a. a. O. 107 aus dem 
Jahr 1830 wurde eine bestimmte Seite des 
Psalters in den Querspalt des Schlüsselbartes 
gelegt. 15 ) Grimm Myth. 2, 928 nach Stahl 
Westphäl. Sagen (1831) 127; Köhler Voigtland 
400; Schell Bergische Sagen 210. 14 ) Dähn- 

hardt Volkst. 2, 89 Nr. 371. Von dem nicht 
fest eingebundenen, sondern nur in das Buch 
gelegten Schlüssel wird dasselbe gesagt: Urquell 
2, 126. 17 ) Anonymus Moncalvariensis 

(s. o. 4, 567 Anm. 23) bei Agrippa Opera 1 
(1580), 692, dt. Ausg. 5, 363; Delrio Disquis. 
Mag. lib. 4, cap. 2, quaest. 6, sect. 4. 2 (1603), 
171. Auf ihn gehen zurück Longinus Trinum 
Magicum (i6n)94;Pfuel Electa physica (1665) 
150; Anhorn Magiologia (1674) 519; Freuden¬ 
berg Wahrsagekunst 112. Wenn Bulengerus 
De ratione divinationis 3, 38, Opuscula (1621) 
223 und Fabricius Bibliogr. antiquaria 8 (1760) 
598 zur Erklärung der K. nur angeben „quando 
clavi inscribitur nomen furis“, so dürften sie 
die gleiche Methode im Auge haben. 18 ) WZfVk. 
33, 11. Nach einer ebd. 33, 141 mitgeteilten 
Methode genügt auch ein aufgehängter Schlüssel 
ohne Buch, s. a. Wuttke § 368. Aus neuerem 
Aberglauben werden noch andere Verbindungen 
von Buch und Schlüssel berichtet, z. B. man 
legt einen Erbschlüssel in ein geschenktes Buch 
und stellt seine Fragen; blättert dann das Buch 
nach rechts, so bedeutet das eine Bejahung 
und umgekehrt. Wenn dabei gefordert wird, 
daß an dem Schlüssel ein Bindfaden sein muß, 
so ist dies eine sinnlos gewordene Erinnerung 
an den auf gehängten Schlüssel: MsäVk. 7, 112 
(aus der Zeit des Weltkriegs); der Schlüssel 
wird mit zwei Fingern so gehalten, daß er eine 
bestimmte Bibelstelle berührt; er regt sich dann 
bei Nennung des Schuldigen: E. M. Arndt bei 
Heckscher Kulturkreis 107. w ) Fabricius 
a. a. O.; Kuhn u. Schwartz 448; Frischbier 
Hexenspr. 117. ao ) Oben 2, 209; die dort Anm. 
113 angegebene Belegstelle ist unzutreffend. 


1527 


kleine Leute—Klette 



,l ) Saturnalia (1663) bei Grimm Myth. 3, 470 
Nr. 954. 2a ) Schultz Alltagsleben 5, vgl. 

Lehmann Sudetendt. Vkde. 133. Zur Vor¬ 
nahme der Schlüsselprobe in der Christnacht vgl. 
Bayer. Wochenschr. f. Heimat u. Volkstum 8 
(* 93 °)» 5 - 23 ) Das norwegische Rezept bei 

Bang Hexeformular er Nr. 1302 (s. Anm. 14) 
v. J. 1830 verlangt, daß der Schlüssel während 
dreier Julnächte im Schloß gesteckt habe. 
24 ) (Bouhours) Remarques ou Reflexions (1692) 
96; Fabricius Bibliogr. antiquar .* (1760) 598; 
Grimm Myth. 2, 928. 25 ) In dem kirchlichen 
Formular für das „iudicium cum psalterio“ 
aus dem 12. Jh., oben Anm. 5. 26 ) Zu dem 

dänischen Ms. v. J. 1514, oben Anm. io, vgl. 
auch Ohrt Trylleformler 1. 27 ) Fogel Penn - 

sylvania 64 Nr. 201 (Liebesorakel!). 28 ) Oben 

2, 208. 28 ) Eckhof De draaiende teems en de 

draaiende bijbel in Nederl. Archief voor Kerk- 
geschiedenis N. S. 8 (1911), 216. 221. ^ Heck¬ 
scher Neustadt 52. Das norwegische Rezept 
v. J. 1830 (Anm. 14) schreibt ein Lied „Schlaft 
ihr, wie könnt ihr schlafen?“ vor. 31 ) Kuhn 
u. Schwartz 448; F rischbiexHexenspr. 117; 
Diermanse NdlTVk. 34, 2. Auch wird das 
„Arfbok“ selbst mit einem Vers angesprochen: 
Bartsch Mecklenburg 2, 341. 32 ) Eckhof 

a. a. O. 224 f. 230 f. Oben 3, 1007. M ) Eck- 
hof a. a. O. Boehm. 

kleine Leute s. Zwerg. 

kleiner Finger s. Finger §16. 

Kleinkindersteine s. Kindersteine. 

Klette (Arctium Lappa, Lappa offici- 
nalis). 

1. Botanisches. Korbblütler (Kom¬ 
posite) mit kräftigem Stengel und großen 
Blättern. Die Blütenköpfe sind mit Hüll¬ 
blättern versehen, deren Spitzen haken¬ 
förmig gekrümmt sind. Infolgedessen 
bleiben die Blütenköpfe bzw. die Frucht¬ 
stände leicht an vorbeistreifenden Tieren 
haften x ). 

*) Marzeil Kräuterbuch 333 ff. 

2. Wenn man an Johanni zwischen 
11 und 12 Uhr mittags einen K.nbusch 
ausgräbt, so findet man darunter Kohlen, 
die ,,zu mancherlei Dingen gut sind“ 
oder jede Krankheit heilen 2 ). Das gleiche 
behauptet man auch vom Beifuß (s. d.). 
Schulenburg, der mit einem wendi¬ 
schen Bauern unter den Wurzeln einer K. 
nachsah, sah in einem Falle, daß die 
„Kohlen“ altes, mürbe gewordenes Holz 
unter der Erde waren 3 ). Es ist dies um 
so leichter möglich, als die K. häufig auf 


Ruderaist eilen, in der Nähe menschlicher 
Siedelungen usw. wächst. 

a ) Kuhn u. Schwartz 393; Bartsch 
Mecklenburg 2, 291; Schulenburg 252; Wirth 
Beiträge 6/7, 7. 3 ) Schulenburg 141 Anm. 5. 

3. Die K. gilt (wegen der stachligen 
Blütenköpfe? s. Domsträucher) als apo- 
tropäisch. Ein K. nblatt unter dem Butter¬ 
faß bewirkt die schnellere Bildung der 
Butter 4 ). An Johanni steckt man große 
K.noder Beifuß (s.d.) über das Tor, durch 
welches das Vieh geht, damit es nicht 
behext wird 5 ), oder es werden K.n aufs 
Dach geworfen, um „böse Menschen“ 
abzuhalten 6 ). K.n in die Haare geflochten, 
vertreiben den Teufel 7 ). K.nwurzel, am 
1. Mai mittags 12 Uhr stillschweigend aus 
der Erde gehackt und im Hause umher¬ 
gestreut, vertreibt die Ratten 8 ). Den 
Kühen, die zum Faselochsen geführt 
wurden, steckte man geweihte K.n (des 
Kräuterbüschels) in den Schwanz, damit 
die Hexen dem Tier nichts anhaben 
können (Unterfranken) 9 ). Ähnlich werden 
im Ermland den Milchkühen am ersten 
Weidetag K.n zwischen den Hörnern be¬ 
festigt 10 ). Auch in Bosnien und in Alba¬ 
nien l2 ) scheint die K. als antidämo¬ 
nisch zu gelten. 

4 ) Frischbier Hexenspr. 124. 5 ) Neue 

Preuß. Provinzialblätter 6 (1848), 229. 8 ) Trei¬ 
chel Westpreußen X, 447. 7 ) Gräber Kärnten 
298. 8 ) Curtze Waldeck 399. ®) Mitt. u. Umfrag, 
z. bayer. Volkskde. N. F. 1911, 211. 10 ) Philipp 
Beitr. z. Ermländ. Volkskunde 1906, 125. 

n ) WissMittBosnHerc. 2, 440. 12 ) Gubernatis 
Plantes 2, 34. 

4. Die K. ist ein altes Sympathie¬ 
mittel. Schon Plinius sagt, daß die 
„lappa canaria“ (ob allerdings damit 
unsere K. gemeint ist, bleibt zweifelhaft) 
ohne Anwendung von Eisen ausgegraben 
(sine ferro effossa) werden müsse, sie sei 
dann ein Mittel gegen Krankheiten der 
Schweine. Beim Ausgraben müsse man 
sagen: „haec est herba argemon, quam 
Minerva repperit subus remedium, quae 
de illa gustaverint“ 13 ). Nach (Pseudo-) 
Apuleius 14 ) hilft die K. gegen Fieber 15 ). 
„Ein geheimes Mittel wider die Schweine 
(= Schwinden)“ bringt das „Albertus- 
Magnus-Büchlein“ 16 ): „Man kann drei 
Klettenwurzeln an einem Feiertage 
(wohl mißverständlich für „Freitag“) vor 


1529 


klingeln, klingen 


1530 


Sonnenaufgang ausgraben, von jeder 
Wurzel drei Rädlein schneiden, in ein 
Tüchlein nähen, über das schwindende 
Glied binden und es zwei bis drei Tage 
lang darauf liegen lassen, hernach es 
wieder wie zuvor nehmen und solang 
Gebrauch davon machen, bis das Glied 
nicht mehr schwindet. Die Wurzeln 
mögen grün oder dürre sein, welches gleich¬ 
viel ist, wenn sie nur an einem Feiertage 
vor Sonnenaufgang gegraben worden sind. 
Ist an vielen Menschen und Vieh probirt 

worden“ 17 ). 

An der gleichen Stelle 18 ) findet sich das 
Rezept: „Daß man einen Schaden heilen 
kann an Menschen und Roß. Man 
schneide einen Klettenbusch ab und leg* 
ihn ins Haus, daß er welk wird, darnach 
muß man einen Faden von einer Spindel 
nehmen, der nie gewaschen worden ist, 
und sprich: Klettenbusch, ich binde dich, 
daß du dem Menschen oder was es ist, den 
Schaden heilest, das für Beulen, für 
Schwellen, für Schweine und Schwinden 
und alles gut ist, was dir fehlen mag; nimm 
den Faden doppelt und fahre um den 
Busch, wo er am dicksten ist, herum, 
im Namen Gottes des Vaters, und mache 
einen Knopf, und dann noch einmal 
herum im Namen Gottes Sohnes, und 
wieder einen Knopf, und dann fahre zum 
drittenmal herum im Namen des hl. 
Geistes und mache wieder einen Knopf 
und sprich wieder: was ich und du nicht 
heilen kann, das heile die heilige Drei¬ 
faltigkeit: darnach leg den Busch wieder 
an einen Ort, da keine Luft zukann, so 
heilet der Schaden von Grund aus“ 19 ). 
Gegen Maden gehe man stillschweigend 
zu einem K.nstrauch, nehme einen Mauer¬ 
stein in die Hand und denke bei sich: 

Klettenblatt, ich würge dich, 

Klettenblatt, ich laß dich nicht los 

Bis das Tier die Maden los 

(Neu-Ruppin) *°). 

Gegen die „aufsteigende Gebärmutter“ 
(Globus hystericus, Uteruskolik 21 )) legt 
man der Frau ein großes K.nblatt in die 
Strümpfe, so daß sie mit bloßen Füßen 
darauf geht; legt man ihr dagegen ein 
solches Blatt aufs Haupt, so steigt die 
Gebärmutter in die Höhe 22 ). Das Mittel 


stammt wohl aus der „gelehrten“ Sym¬ 
pathiemedizin, scheint aber hin und 
wieder ins Volk gedrungen zu sein **). Es 
nimmt wohl Bezug auf die Vorstellung 
der Gebärmutter als „Stachelkugel“ 
(stachlige Fruchtstände der K.). Gegen 
heftige Krämpfe legt man die K. unter 
das Bett 24 ). Gegen Konvulsionen hängt 
man dem Kinde K.nwurzel an 2& ). Auch 
gegen Augenkrankheiten hängt man K.n¬ 
wurzel um 26 ). Der Weichselzopf soll 
durch K.nsamen erzeugt werden 27 ). Die 
K.nwurzel soll den Haarwuchs befördern 
bzw. den Haarausfall verhüten M ). Diese 
Verwendung geht wohl auf die Signaturen¬ 
lehre zurück (Vergleich der Fruchtstände 
mit einem stark behaarten Kopf !). Das 
als „Klettenwurzelöl“ bekannte Haaröl 
hat übrigens mit der Pflanze nichts zu 
tun *•). 

13 ) Plinius Nat. hist. 24, 176. 14 ) De medicam. 
herbar. rec. Ackermann 1788, 197. IS ) Als 
Sympathiemittel gegen Fieber in den Ver. 
Staaten von Amerika: Bergen Animal and 
Plant Lore 110. 16 ) 20. Aufl. Toledo 1, 20. 

17 ) Vgl. Bartsch Mecklenburg 2, 153. 1B ) a. 

a. O. 2, 44. 19 ) Vgl. auch WürttVjh. 13, 

196; über eine Besegnung „De Lappacis“ 
aus dem 14. Jh. vgl. Schönbach Berthold 
v. R. 145. *°) ZfVk. 8, 308. «) Höfier Krank¬ 
heitsnamen 681 f. 22 ) Schröder Apotheke 1693, 
889; Staricius 1682, 546; Tharsander 3 
( 1735 ). 535 ; Zedier 3, 443. 23 ) Martin u. 

Lienhart Elsäss. Wb. 2, 861. 24 ) Marzell 

Bayer. Volksbotanik 165; vgl. auch ZfrwVk. 3, 
127. 26 ) Fogel Pennsylvania 291; vgl. auch 

Tabernaemontanus Kreuterbuch 2 (1731), 

1158. 24 ) Fossel Volksmedizin 92. * 7 ) Wuttke 
349 § 523. 28 ) z- B. Schmidt Kräuterbuch 45; 
Schulenburg Wend. Volksth. 104. **) Mitt. 

Gesch. Med. u. Naturw. 5 (1906), 191. 

S. auch Spitzklette. Literatur: H. Marzell 
Die Klette im Volksglauben . In: Natur- 

wissensch. Wochenschr. N. F. 12 (1913), 23—26. 

Marzell. 


klingeln, klingen. Klingen spielt zu¬ 
nächst im Erfahrungsaberglauben 

eine Rolle. 


1. Daß das Ohrenklingen (s.d.) als un¬ 
erklärliche Zufälligkeit eine besondere 
Bedeutung hat, weiß schon Plinius. Er 
sagt (28,2): absentes , tinnitu auriutn 
praesentire sertnones de se receptum est . 
Auch die Griechen kannten diesen Aber¬ 


glauben, wie ihr Ausdruck ßojxßos be¬ 
weist 2 ). Im deutschen Volksglauben der 



klingeln, klingen 


1531 


1532 


Gegenwart ist die gleiche Anschauung 
noch lebendig, doch mit der Abstufung, 
daß das Klingen des rechten Ohres gute, 
das des linken schlechte Nachrichten be¬ 
deute 8 ). Häufiger noch heißt es: Klingt 
es dir im rechten Ohr, so sagt man etwas 
Wahres oder Günstiges, klingt es im 
linken, so sagt man eine Lüge oder Un¬ 
günstiges von dir 4 ). Wem die Ohren 
klingen, der wird belogen, sagt die Chem¬ 
nitzer Rockenphilosophie 6 ). Auch Gegen¬ 
mittel gegen Verleumder werden ange¬ 
geben. Beißt man in den oberen Haft 
seines Hemdes, so wächst jenem eine 
Blase auf der Zunge 6 ). Oder man nenne 
die Namen aller Bekannten, so wird bei 
Nennung des rechten das Klingen auf¬ 
hören 7 ). 

l ) Stemplinger Aberglaube 27. 2 ) Grimm 
Myth. 1, 935. 3 ) Stemplinger Aberglaube 

27. 4 ) Grohmann 222, 1547. *) Grimm 

MV**- 3 > 437 - 6 ) Ebd. 3l 462. 7 ) Groh¬ 

mann 222. 1546. 

Glockenläuten (s. läuten) wird in 
katholischen Gegenden noch heute beim 
Gewitter gegen Blitzgefahr geübt. Darauf 
ist es wohl zurückzuführen, daß eine sieben- 
bürgische Sage von der Glocke zu Buzd 
berichtet, sie hätte einen so hellen Klang 
gehabt, daß die Hermannstädter sie hätten 
besitzen wollen 8 ). In Frankreich wird 
dem Glockenklang die gleiche Kraft bei¬ 
gemessen ®); doch sagt man auch weiter¬ 
hin von dem Klingen der Gläser und 
Flaschen, das bei einem Zechgelage 
unvermeidlich ist, das gleiche. So bei 
Rabelais I, 99: longues beurettes rompent 
le tonnoire 10 ). Das Klingeln mit dem 
Schlüsselbunde am Karsamstage wäh¬ 
rend des Gottesdienstes vertreibt nach 
einer westböhmischen Meinung die 
Mäuse u ). 

*) Müller Siebenbürgen 80. •) Gerhardt 

Französische Novelle 91. l0 ) Oeuvres de Rabe¬ 
lais par Burgoud des Marets et Rathery, 3 * 
Edition, Paris (s. a.) 2, 1, 99. U) John West¬ 
böhmen 265. 

Vereinzelt wird ein Klingeln auch als 
Todes Vorzeichen gedeutet. Starkes 
Klingen der Glocke kündet den Tod 
an 1J ); Tischlern macht sich ein naher 
Sterbefall an dem Klingen der Sägen 18 ), 
Totengräbern an dem Anein an der- 


klingen der Hacken und Spaten be¬ 
merkbar 14 ). 

ia ) John Westböhmen 165. 13 ) Urquell 1 

(1890), 8. 14 ) John Erzgebirge 117. 

2. Ein unerklärliches Klingen deutet 
der Volksglaube zuweilen auch als An¬ 
zeichen für die Gegenwart von 
Geistern, verwunschenen Menschen 
und Schätzen. 

Zwerge und Kobolde finden sich 
in der Vorstellung des Volkes mit Schellen, 
die lieblich klingen, behängen vor 16 ); 
zuweilen bedingen sie sich als Lohn für 
einen geleisteten Dienst ein Schellenkleid 
aus, so der Mecklenburger Pück vom 
Jahre 1559 lö ). Das Volk führt diese Tat¬ 
sachen auf die Musikliebe der Geister 
zurück, ebenso wie ein geheimnisvolles 
Klingen als Musik von Berggeistern 
gedeutet wird. Im Aargau zieht der 
wilde Jäger 17 ) und in der Mark Frau 
Gode 18 ) mit Schellengeläute durch Wald 
und Feld. Bisweilen ist ein solches Klingen 
das Vorzeichen für ein fruchtbares Jahr. 
So verheißt im Elsaß der Klang des 
Glöckleins des „Schellmännleins“ ein gutes 
Weinjahr 19 ). 

Ob, wie Rochholz will 20 ), das Klingen 
und Läuten der Geister, ihre Schellen- 
gewänder und Kappen ihren Ursprung 
aus den kultischen Wald- und Feld¬ 
umzügen mit den auf ehernen Rollen 
laufenden Götterwagen der heidnischen 
Zeit genommen haben, läßt sich nicht 
erweisen und bleibt auch zweifelhaft. 
Sicher wird in einem großen Teil der Fälle 
zum wenigsten die Vorliebe des Volkes, 
einen geheimnisvollen Vorgang zu er¬ 
klären, zur Entstehung des Glaubens und 
seiner Verbindung mit dämonischen Wesen 
beigetragen haben. 

Aus den heidnischen Fruchtbarkeits¬ 
umzügen sind aber sicher die Umzüge 
der Fastnachtsnarren mit ihrem Ge- 
schelle entstanden. So wird von einem 
solchen Lärmumzug aus Graubünden 
(„Chalanda Marz“) berichtet, der zum 
Frühjahr von jungen Burschen, die sich mit 
Schellen behängen und diese heftig läuten, 
ausgeführt wird, um zu bewirken, daß das 
Gras wachse 21 ). Ein kümmerlicher Rest 
dieser Sitte des Einläutens, das sicher 


1533 


Klin (g)sor—klopfen 


1534 


dazu dient, die Natur auf zu wecken, 
hat sich noch im Anhaitischen erhalten, 
wenn dort das Schlagen der Erwachsenen 
mit Ruten durch Kinder, wie es am Sil¬ 
vestertage geübt wird, ,,Nachtklingeln“ 
genannt wird 22 ). 

15 ) Rochholz Sagen 1, 212. 18 ) Studemund 
Mecklenburg. Sagen 172. 17 ) Rochholz Sagen 
1, 109. 18 ) Kuhn Märk. Sagen 217. 19 ) Stöber 
Elsaß 202. *°) Rochholz Sagen 1, 372. 21 ) Ebd. 
I. 373. 22 ) Z*Vk. 6 (1896). 431. 

Verwunschene Personen geben ihre 

Anwesenheit durch Klingeln kund. So 
steht bei Neiße eine Kapelle, aus der man, 
wenn man dreimal um sie herumläuft, 
einen verwunschenen Geistlichen klingeln 
hören konnte 28 ). Dreißig verwunschene 
Ritter, die im Spitzberge bei Brüx einer 
böhmischen Sage zufolge hausen, bannen 
den, der auf einem bestimmten Wege 
den Berg hinansteigt, durch Klingeln auf 
der Höhe fest. Erst nach 3 Tagen wird 
er, gleichfalls durch Klingeln, wieder frei- 
gegeben M ). 

Verwunschene Schätze sinken zu¬ 
weilen mit Klingeln wieder in die Tiefe, 
wenn die Person, die in der Lage ist, sie 
zu heben, bei ihrer Aufgabe versagt. So 
erging es einem Bauern in Tirol, der, 
mit einer solchen Hebung beschäftigt, 
davoneilte, als sein Gespann von Wölfen 
angefallen wurde 26 ). 

M ) Kühnau Sagen 1, 308. 24 ) Ebd. 1, 554. 
25 ) Heyl Tirol 393. Tiemann. 

Klin(g)8or, nach der mittelalterlichen 
Sage ein gelehrter Schwarzkünstler und 
Teufelsbanner. In Wolframs von Eschen¬ 
bach „Parzival“ wird er (als Clinschor) 
mehrfach erwähnt. Ihm ist „staeteclichen 
bi der list von nigrömanzi, daz er mit 
zouber twingen kan beidiu wib unde 
man“ (617, 11 ff.). Er ist Nachkomme 
des Zauberers Virgilius (s. d.) von Neapel 
(656, 17). Seine Zauberei hat er in 
„Persidä“ J ) gelernt (657, 28). Im 
Sängerstreit auf der Wartburg 
spielt der Zauberer Kl. von Ungerland 
die Schiedsrichterrolle zwischen Heinrich 
von Ofterdingen, den er auf einem 
Zaubermantel von Siebenbürgen nach 
Eisenach zurückgetragen, und den übrigen 
Sängern. Die Sage spricht auch von 
seiner Prophezeiung, daß der junge Land¬ 


graf Elisabeth von Ungarn ehelichen 
werde, und von dem Wettstreit mit 
Wolfram von Eschenbach, dei^ er mit 
Hilfe eines Geistes Nasias oder Nosion 
ausfocht 2 ). Die Wiltener Handschrift 
legt ihm ein längeres Gedicht „der helle 
(Hölle) krieg“ bei 8 ). 

*) Die Überlieferung von dem Land Persidä 
(bei Wolfram ist es eine Stadt) geht durch 
Honorius von Augustodunum Imago 
mundi ( 1 . I, c. XIV: Persidä ... in hac primum 
orta est ars magica), Isidor Etymologiae 
( 1 . IV, c. III, 12: In Persidä primum .. . .) 
auf Plinius zurück NH. (30, 3: sine dubio 
illic orta est [ars magica] in Perside a Zoro- 
astre). 2 ) Bechstein Thüringen 145 ff.; aus¬ 
führlicher: Heßler Sagenkranz aus Hessen- 
Nassau 171 ff. 8 ) Zingerle in Germania 6, 
295 ff. (nach Koberstein Gesch. d. dt. Nat.- 
Lit* 1, 249 A. 32). Hoffmann-Krayer. 

klirren ohne erkennbaren Grund oder 
unerklärliche klirrende Geräusche gelten 
allgemein als Todesvorzeichen. K. 
die Fenster 1 ), Ketten 2 ), oder klirrt es 
in der Stube, als ob Geschirr herabfalle 8 ), 
so heißt es, jemand in der Freundschaft 
sei gestorben oder werde in Kürze sterben. 
Wenn bei einem Tischler die Sägen k., 
so weiß er, daß er bald einen Sarg an¬ 
fertigen wird 4 ). Ebenso sagt man, daß 
das Henkerbeil klirrt, wenn es in der 
nächsten Zeit gebraucht werden wird 5 ). 
Wer in den Zwölften die Friedhofstür 
k. hört, muß binnen Jahresfrist sterben 4 ). 

Vereinzelt findet sich im Westfälischen 
die Meinung, daß das K. der Kaffee¬ 
tassen im Schranke eine bevorstehende 
Kindtaufe anzeige 7 ). 

Alle diese abergl. Meinungen sind 
sicherlich durch prälogische Ana¬ 
logieverknüpfung eines k.den Ge¬ 
räusches mit einer zufällig darauf folgen¬ 
den Begebenheit entstanden. 

l ) Hartmann Dachau und Bruck 222, 74. 
*) Höhn Tod 310. 3 ) Köhler Voigtland 394 

und 573. 4 ) John Erzgebirge 116. 6 ) Angst - 

mann Der Henker in der Volksmeinung in. 
•) John Erzgebirge 114. 7 ) ZfrheinVk. 4, 110. 

Tiemann. 

klopfen. 

1. Allgemeines und Verbreitung. 2. K. als 
Sprache der Geister. 3 . K. als Zaubermittel 
der Menschen. 

1. a) Erscheinungsformen: Der 
Übersichtlichkeit halber werden hier einige 




1535 


klopfen 



allgemeinere Gedanken den Einzelaus- 
führungen vorangesetzt. Die Belege 
werden jedoch erst bei der Darstellung 
dieser auf geführt werden. Aberglauben, 
der an k. anknüpft, begegnet uns heute 
in zwei Arten. Einmal glaubt man, daß 
Geister sich durch Klopfgeräusche ver¬ 
ständlich machen. Meistens ist damit 
die Meinung verbunden, daß die Menschen 
durch sie eine üble, warnende oder (sel¬ 
tener) günstige und glückbringende Pro¬ 
phezeiung erhalten. Zweitens wird k. 
von den Menschen selbst als zauber¬ 
wirkendes Mittel gebraucht, auch wieder 
in einer Zweiteilung in Abwehrzauber 
böser Mächte und in Frucht barkeits- 
und Bannzauber für gute Dämonen, 

b) Entwicklungsgeschichte. Es 

ist wahrscheinlich, daß k. als Geister¬ 
sprache die ältere Form dieses Aber¬ 
glaubens darstellt, wenn auch nicht ver¬ 
gessen werden darf, daß viele jener Klopf¬ 
geister ihre Entstehung einer aus einem 
prälogischen Analogieschluß hervorge¬ 
gangenen Erfahrungstatsache verdanken 
werden. Doch zeigen die Formen, in 
denen k. von den Menschen zum Zauber 
benutzt wird, vor allem jedoch die der 
Natur der Klopfgeister entsprechende 
Zweiteilung in Abwehrzauber und in 
Segenszauber, daß wir es in diesem Falle 
mit einer magischen Nachahmung der 
Geistersprache durch den Menschen zu 
tun haben. Denn die Dämonen ver¬ 
ständigen nicht bloß den Menschen von 


einem bevorstehenden Ereignis, sondern 
sie üben durch das K. auch einen magischen 
Zwang auf ihn aus, sei es, daß er ihnen, 
als den Totengeistern, folgen muß, oder 
daß sie als Vegetationsdämonen Frucht¬ 
barkeit, Gesundheit, Reichtum herbei- 
führen. In ganz analoger Weise kann 
der Mensch nach dem Volksglauben 
durch K. das gleiche Unglück hervor- 
rufen oder, im Abwehrzauber, bannen, 
und andrerseits Fruchtbarkeit, Gesund¬ 
heit usw. herbeizwingen. Schließlich 
deutet auf diese Entwicklungsgeschichte 
noch der Umstand hin, daß wir in den 
Klopfnächten (s. d.) eine Linie von Geister¬ 
umzügen zu kultischen Feldumzügen und 
schließlich als Erstarrungsform zu Heische- 


und Belustigungsumzügen verfolgen kön¬ 
nen. 

c) Die Verbreitung der abergl. Mei¬ 
nung hinsichtlich des K.s reicht histo¬ 
risch in die ältesten Zeiten zurück und 
geographisch über die ganze Erde. Wir 
finden sie bei Griechen und Römern l ); 
vielleicht ist die Stelle bei Horaz, Carm. 

1, 4, 13: ... pallida mors aequo pulsat 
pede . .. auch ein Anklang an sie. Aus 
dem 9. Jh. wird uns von einem Klopfgeist 
in einer Kirche berichtet 2 ). Die Belege 
aus dem deutschen Mittelalter sind 
so zahlreich, daß sie unmöglich alle einzeln 
aufgeführt werden können: Die Zim- 
itiernsche Chronik z. B. erzählt von 
klopfenden Dämonen 3 ); auf den gleichen 
Glauben spielt Shakespeareim „Othello“ 
IV, 3, 22 ff. an, wenn Desdemona sagt: 

... „Hark, who is't that knocksl ...“ 4 ). 
Die Klöpfelsnächte erwähnt J. Boemus 
in seinem De omnium gentium ritibus 
v. J. 1520 5 ). Schon früher spielen die 
Fastnachtsspieldichter Folz und Rosen- 
plüt auf sie an 6 ). In den Augsburger 
Malefizakten v. J. 1602 wird ihrer 
aufs neue Erwähnung getan 7 ). Auch 
bei den primitiven Völkern ist der Glaube 
an klopfende Geister vorhanden, so z. B. 
bei den Dajaks, Siamesen und Singha- 
lesen 8 ). Bei den Kultumationen der 
Gegenwart schließlich lebt er in mannig¬ 
facher Ausgestaltung weiter; ja er hat 
durch das in den 70er Jahren des vorigen 
Jahrhunderts wieder aufkommende Tisch¬ 
rücken und Tischklopfen, das jedoch 
schon in der hellenistischen Zeit geübt 
wurde, sogar in gebildeten Kreisen Ein¬ 
gang gefunden 9 ). 

*) Grimm Myth. 2, 702. *) Tylor Cultur 

2, 465. 3 ) Zimmernsche Chronik (Bibi. d. lit. 

Vereins Stuttgart) 3, 128 ff. und 131 ff. 

4 ) Ackermann Shakespeare 70. *) Reuschel 
Volkskunde 2, 42. •) Meyer Baden 195 ff. 

7 ) Birlinger Schwaben 2, 8. •) Tylor Cultur 
2, 464. •) Ebd. 2, 465; Wuttke 256 § 372. 

2. a) K. als Geistersprache 
tritt uns im Volksglauben zunächst in 
der Form entgegen, daß diese dadurch 
ihre Anwesenheit verraten 10 ). Sie poltern 
und k. im Hause umher, um die 
Menschen zu necken und zu quälen 11 ). 
Zuweilen kann man mit ihnen reden 12 ); 



1537 klopfen 1538 


zauberkundige Leute können sie mit Hilfe 
von Bibel und Gesangbuch vertreiben 13 ). 

b) Meistens aber verkünden die 
Geister durch das K. den Menschen 
den baldigen Eintritt irgendeines Er¬ 
eignisses; die Fälle, in denen K. 
Todesbotschaft ist, überwiegen 14 ). 
Wenn es unbegründet im Hause pocht 15 ), 
wenn die Totenuhr tickt 16 ), wenn es zur 
Nacht an Fenster, Türen oder Läden 
klopft und beim öffnen niemand draußen 
steht 17 ), so kündet es den baldigen 
eigenen Tod an oder, besonders wenn 
ein Kranker im Hause ist, den eines Haus¬ 
genossen oder das bevorstehende Ab¬ 
leben eines entfernten Verwandten oder 
Bekannten. Natürlich spielen hierbei 
hervorragende Zahlen, dreimaliges K., 
Tod in drei Tagen, und außergewöhn¬ 
liche Zeiten, die Nacht, die Zwölften 18 ), 
eine besonders wichtige Rolle. 

Es lebt in dem Volke die Vorstellung, 
daß die Seelen der Abgeschiedenen, die 
Totendämonen, es sind, die den nächsten 
Toten zu sich rufen. Auch der Tod selbst 
kommt nach dem Volksglauben ja häufig 
zuerst als Bote 19 ). Die Bevorzugung 
der Zwölften und besonders das Verbot, 
auf nächtliches K. zu antworten 20 ) 
oder mit der direkten Frage: „Wer 
klopft? 1 * zu erwidern 21 ), das wir in 
einigen Gegenden Deutschlands an treffen, 
beweisen diese mythische Grundlage des 
Glaubens. Denn es heißt, daß die Toten¬ 
geister oder der Tod, sobald man ant¬ 
worte, die Macht bekämen, den betreffen¬ 
den mitzunehmen, schweige man aber, 
so müßten sie unverrichteter Sache 
wieder abziehen und sich ein anderes 
Opfer suchen. Wöchnerinnen, also be¬ 
sonders gefährdete Personen, dürfen in 
Schlesien auf ein K. an die Tür 
der Wochenstube überhaupt nicht ant¬ 
worten , wollen sie nicht schweren Schaden 
davon tragen 22 ). Diese Meinung hat die 
Sitte herausgebildet, an die Stube, in 
der die Wöchnerin sich aufhält, niemals 
anzuk. Hierzu paßt auch, daß 

die Juden Galiziens in Epidemiezeiten 
aus Furcht vor der Pestfrau nachts die 
Tür nur auf dreimaliges K. hin öffnen 24 ). 

c) In einer Reihe von Meinungen ist 

Bäcbtold*Stäubli, Aberglaube IV 


es der dem Tode Verfallene selber, 
der entfernte Verwandte oder Nachbarn, 
die zur Hilfeleistung verpflichtet sind, 
in der Stunde seines Ablebens durch 
K. benachrichtigt 25 ). Gewöhnlich ver¬ 
läuft der Vorgang so, daß es zuerst zwei¬ 
mal an die Tür klopft, ohne daß jemand 
Einlaß begehrt; beim dritten K. aber 
findet man einen Boten vor der Tür, der 
den erfolgten Tod meldet und die Benach¬ 
richtigten auf fordert, ihre verwandt¬ 
schaftliche oder nachbarliche Pflicht zu 
tun 

d) Der Möglichkeit, die Macht der 
Totengeister dadurch unwirksam 
zu machen, daß man auf nächtliches 
K. hin schweigt, ist schon unter 
2b Erwähnung getan. Als passiver Ab¬ 
wehrzauber wird noch aus Böhmen be¬ 
richtet, daß einem Kinde der bevor¬ 
stehende Tod des Vaters oder der Mutter 
durch dreimaliges nächtliches K. 
an sein Bett angezeigt wird, und daß es 
diesen abwenden kann, wenn es bereits 
beim ersten K. erwacht. In diesem Fall 
soll der Geist das Zimmer durchs Fenster, 
in jenem durchs Schlüsselloch verlassen 27 ). 

e) Umgehende Geister warnen bis- 
weüen durch K. die Menschen vor einer 
Begegnung mit ihnen. So berichtet 
Schönwerth aus der Oberpfalz von einem 
weiblichen Wassergeist, der beim Ver¬ 
lassen des Teiches, in dem er wohnte, 
an einen bestimmten Baum klopfte, so 
daß jeder die Stelle meiden konnte 28 ). 

f) Neben den Seelendämonen stehen 
die Fruchtbarkeitsgeister, die auch 
ihre Anwesenheit den Menschen durch 
K. kund tun. Doch treten sie im Aber¬ 
glauben der Gegenwart sehr zurück. Es 
bleibt zweifelhaft, ob der Kobold, der 
um 1695 zu Lauter in Sachsen in einem 
Hause so lange rumorte, bis die Frau ein 
Kind geboren hatte, zu ihnen zu rechnen 
ist 29 ). Sicher aber sind die Geister, die 
nach hessischem Glauben in der Nacht 
vom 26. zum 27. Dezember im Lande 
umherziehen und durch K. Ge¬ 
deihen der Felder und neues Leben her- 
vorrufen sollen, als Fruchtbarkeitsdämonen 
anzusprechen 30 ). Auch der Bergmann 
kennt, allerdings in entsprechender Ab- 

49 


1539 


klopfen 


1540 


Wandlung ihrer Funktionen, diese k.den 
Fruchtbarkeitsdämonen; nach seiner 
Überzeugung verraten sie ihm durch ihr 
K. die Stellen, wo reiche Schätze in der 
Erde ruhen; daneben scheinen sie jedoch 
auch teilweise die Stellung von Seelen- 
geistern zu haben, denn sie warnen ihn 
vor drohenden Gefahren im Schacht 31 ). 

g) Es besteht nach dem Volksglauben 
die Möglichkeit, die Klopfgeister durch 
gewisse magische Manipulationen zur 
Manifestation zu zwingen. Doch 
stets ist deren Natur die von Toten¬ 
geistern. Auf dieser Überzeugung beruht 
das Wesen des Spiritismus 32 ) (s. d.). 

10 ) Keller Grab 1, 94. u ) Wolf Beiträge 
2, 344. 12 ) Meiche Sagen 261 Nr. 338. 13 ) 

Köhler Voigtland 534. 14 ) Grimm Myth. 

2, 702. 15 ) Birlinger Schwaben 1, 224; 

ders. Volksth . 1, 474; Drechsler 1, 286; 

Egerl. 3 (1899), 59; John Erzgebirge 113; 

Köhler Voigtland 394; Lammert 99; SAVk. 
2, 218; 8, 272; Wuttke 224 § 320. 1# ) 

ZfrheinVk. 11 (1914), 264. 17 ) Ackermann 

Shakespeare 78; Drechsler 1, 286; Grimm 
Myth. 3, 474; Höhn Tod 309. 310; John 
Erzgebirge 116; Keller Grab 1, 94; Köhler 
Voigtland 573; Meiche Sagen 237 Nr. 299; 
Meyer Baden 578; SAVk. 8, 272; Schell 
Bergische Sagen 474 Nr. 24. 18 ) ZfVk. 1 (1891), 
179. 19 ) Kühnau Sagen 2, 534. 20 ) Ebd. 

534- 21 ) Vonbun Beiträge 15. 22 ) ZfVk. 

3 ( i8 93)» *49- 23 ) Drechsler 1, 204. 24 ) 

Krauß Slav. Volkforschungen 106. 2ß ) Urquell 

4 ( i8 93 )» j 9- 28 ) Schell Bergische Sagen 99 

Nr. 39; 404 Nr. 16; ZfrheinVk. 5 (1908), 242. 
* 7 ) Grohmann Sagen 70. **) 2, 199 

Nr. 4. 29 ) Meiche Sagen 261 Nr. 338. 

80 ) Kolbe Hessen 27. 31 ) Tylor Cultur 2, 465. 
32 ) Ebd. 2, 464 ff. 

3. In diesem letzten Abschnitt fassen 
wir die große Menge menschlicher Zauber¬ 
handlungen, die im Alltag durch K. be¬ 
wirkt werden, zusammen: 

a) Dem Versuche böser Geister, durch 
K. den Menschen in ihre Gewalt zu 
bringen, entspricht beim Menschen der, 
durch die gleiche Handlung sich vor ihnen 
zu schützen. So tritt K. als Abwehr¬ 
zauber in verschiedenen Gestalten auf. 

Am verbreitetsten ist seine Erscheinung 
als Gegenzauber gegen den bösen 
Blick 33 ). Wenn man ein Kind 34 ), das 
Vieh 35 ) seine eigne Gesundheit oder die 
eines anderen *•) lobt, so muß der Lobende 
oder der Gelobte dreimal mit dem Finger 
gegen den Tisch klopfen (vgl. das eng¬ 


lische „touching wood“), will er nicht 
beschreien oder beschrien werden. Zu¬ 
weilen wird als Verstärkung noch ein 
Beiwort hinzugesetzt, wie z. B. in Braun¬ 
schweig „unberufen“ 37 ) (s.1,90). Wenn 
eine Wöchnerin nach ihrer Genesung nicht 
ihren ersten Gang zur Kirche machen 
kann, so muß sie wenigstens dreimal an 
die Kirchtür klopfen, um sich vor Schaden 
zu schützen 38 ). 

Gleichfalls ein Gegenzauber gegen 
die Tot engeist er ist die weitver¬ 
breitete Sitte, beim Sterbefall an die 
Bienenstöcke 39 ), an die Weinfässer 40 ) 
und Mehltruhen 41 ), überhaupt an alles 
Lebendige im Hause 42 ) zu k. und zu 
rühren, ihm „den Tod anzusagen“, 
um es so vor Tod oder Verderben zu be¬ 
wahren. Auch hier werden häufig be¬ 
stärkende Worte hinzugesetzt. Besonders 
den Bienen (s. d.) hat man in früheren 
Zeiten lange Abschiedsreden gehalten 43 ). 
Dagegen erklärt es sich wohl teilweise 
aus einem Fruchtbarkeitszauber, teil¬ 
weise aus der Stellung der Biene über¬ 
haupt im Volksglauben, wenn der gleiche 
Brauch des Ank.s an die Stöcke in 
Westfalen auch bei der Hochzeit geübt 
wird 44 ). Auf der Vorstellung, daß der 
Tod der Bruder des Schlafessei 45 ), 
beruht der Glaube, man brauche nur, 
wenn man zu einer bestimmten Stunde 
am Morgen auf wachen wolle, diese am 
Abend zuvor am Bett abzuk. 46 ). 
Da außerdem die gleiche Maßnahme 
gegen böse Träume helfen soll 47 ), so liegt 
auch hier wieder der Gedanke des Abwehr¬ 
zaubers zugrunde. 

Sehr selten findet sich die Vorstellung, 
daß durch K. des Menschen die gleiche 
schädliche Wirkung wie durch das der 
Geister hervorgerufen werden kann. So 
ist es in Thüringen 48 ) und Brandenburg 49 ) 
verboten, am Weihnachts- bzw. Neu¬ 
jahrsabend an die Fenster zu k., sonst 
rufe man den Tod in jene Familie. 

b) Eine geringere Anzahl zauberischer 
Handlungen wollen einen Bann aus¬ 
üben. K. mit der Sense oder Pfanne 
hilft dagegen, daß die Bienen beim 
Schwärmen zu hoch fliegen 60 ). In Meck¬ 
lenburg wird gegen die Budden, d. .s die 


1541 


Klopferle—Klopfnächte 


1542 


Raupen eines Nachtfalters, empfohlen, nach 
Sonnenuntergang an drei Tagen auf das 
heimgesuchte Feld zu gehen, dort mit 
einem Stock erst auf die eine Ecke des 
Ackers unter den Worten: In düt Land 
sünd de Budden , und dann auf die gegen¬ 
überliegende zu k., indem man sagt: 
Den drüdden Dag saele se rut sin. Dann 
muß das Ungeziefer das Feld verlassen 61 ). 
Ob der württembergischen Sitte, vor dem 
Versenken des Sarges in die Gruft noch 
dreimal an ihn mit den Worten Bhüt 
Gott zu k. 52 ), und dem K. an die 
Brust zum Zeichen der Reue 53 ), ob 
beiden auch die Vorstellung des Ban- 
nens zugrunde liegt, oder ob sie rein 
christlichen Ursprungs sind, bleibe dahin¬ 
gestellt. 

c) Bisweilen wird K. als Orakel¬ 
zauber verwandt. In Westböhmen k. 
die Mädchen in der Andreasnacht (30. Nov.) 
an den Hühnerstall und sprechen: Gak- 
kert der Hahn kroigh i an Man ; gackert 
die Henn — wea woiß wenn 64 ). Im 
Elsaß k. die Leute am Karfreitag 
die Obstbäume ab und wollen aus dem 
Klange erraten können, ob es eine reiche 
Obsternte gebe oder nicht 65 ). 

d) Gering ist auch die Zahl der Frucht¬ 
barkeitszauber, die durch K. bewirkt 
werden. Das Eink. eines Nagels in 
den Futtertrog im Namen der heiligen 
Dreifaltigkeit veranlaßt, daß die Schweine 
gut fressen 56 ). Die Kuh, die mit einem 
neuen Kochlöffel an ihr Euter geschlagen 
wird, soll viel Milch geben 57 ). — Was 
für ein Gedanke der schwäbischen Sitte, 
beim Richtefest während und nach der 
Rede des Bauleiters zu k. 58 ), zugrunde 
liegt, bleibt zweifelhaft; ebenso steht es 
mit dem Brauche, dreimal auf die Tisch¬ 
decke zu k., um Verlorenes wiederzu¬ 
finden 59 ). 

**) Seligmann Blick 2, 276; Wuttke 
282 §413. 34 ) Andree Braunschweig 292; 

John Erzgebirge 52; Schramek Böhmer¬ 
wald 180. 3ß ) Bartsch Mecklenburg 2, 143 

§ 635. M ) John Westböhmen 256; ZfVk. 
2 3 ( I 9 I 3 ). 281. 37 ) Andree Braunschweig 

385. M ) Ebd. 288. 39 ) Woeste Mark 53; 

John Westböhmen 265. 40 ) Meyer Aber¬ 

glaube 226. 41 ) Wuttke 458 §726. tt ) Höhn 
Tod 323. 4S ) John Westböhmen 167. u ) Woeste 
Mark 53. tt ) Grimm Myth. 3, 252. *•) 


Hovorka und Kronfeld 2, 252; Wuttke 
3*3 § 4 6 3- 47 ) Hovorka und Kronfeld 2, 

255. 48 ) John Erzgebirge 153. 49 ) Wuttke 

65 §75- M ) Schönwerth Oberpfalz i, 355 
Nr. 9. 6l ) Bartsch Mecklenburg 2, 458 § 2105. 
52 ) Höhn Tod 346. M ) Sittl Gebärden 20. 

John Westböhmen 4. M ) Jb. Elsaß-Lothr. 
6 (1890), 166; Sartori Sitte 3, 145. 56 ) 
Bartsch Mecklenburg 2, 157 § 720. 57 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 334 Nr. 4. M ) Sartori 
Sitte 2, 18. 59 ) Wuttke 415 §645. Tiemann. 


Klopferle l ) ist ein Hausgeist, er 
klopft überall im Haus herum und kann 
nichts an seinem Platze stehen lassen. 
Man sieht ihn zuweilen, bes. an hohen 
Festtagen. Er tut niemanden etwas, 
außer, wenn man ihm einen Auftrag gibt. 
Sagt man nur: „Ich sollte das und das 
tun“, so verrichtet es K. sofort 1 ). K. 
heißt ein Geist, der sich im Keller hören 
läßt, wenn es ein gutes Weinjahr gibt 2 ). 

*) Meier Schwaben 1, 81. Vgl. Grimm Sagen 
1, 98 Nr. 77. 2 ) Birlinger Volksth. 1, 55. 

Ähnlich im Elsaß das Weingeigerlein (Wigigerle): 
Gibt’s ein schlechtes Jahr, hört man klagende 
Töne. Ebd. Andere Klopfer:- Birlinger 
Schwaben 1, 342; Baader Sagen Nr. 407. 

Weiser-Aall. 

Klopfnächte (Klöpfelnächte, Klöpfles- 
nächte) werden in Süd- und Mitteldeutsch¬ 
land die Nächte der drei letzten Donners¬ 
tage im Advent genannt. In der Schweiz 
heißen sie auch Bochsel-, Bossel-, Bolster- 
nächte 1 ), in Kärnten Klöcklerabende 2 ), 
in Württemberg: Anklopfete, Einreiche 
(Reiche), Säcklestäg, Fahrnächt 3 ). An 
manchen Orten gilt nur der Abend des 
letzten Donnerstags vor Weihnachten 
als Klopfnacht 4 ). Die erste Klöpfelsnacht 
ist die Andreasnacht 5 ). In Klingental 
wird sie allein durch Klopfen an den 
Fensterladen begangen 6 ). In der Wur- 
zacher Gegend heißen K. die Nächte vor 
dem St. Nikolaustag, und die erste 
ist an St. Andreas 7 ). In Nesselwang 
ist es die Thomasnacht 8 ). In Wängle 
und Asch au die drei Nächte zwischen 
dieser und der hl. Nacht 9 ). In Berg die 
Dienstage und Donnerstage vom Nikolaus¬ 
tag bis zum hl. Abend 10 ). In Schwaben 
die Nächte von Weihnachten bis Drei¬ 
könige 11 ). In Nürnberg ist die Drei¬ 
königsnacht (Oberstnacht, Bergnacht) die 
Klöpfelsnacht 12 ), ebenso im Inn viertel 
in Oberösterreich 13 ). Im Lechrain endeten 


1543 


Klopfn&chte 


1544 


die K., die mit dem ersten Donnerstag 
im Advent begannen, am Dreikönigs¬ 
tage 14 ). In Oberbayem nennt man das 
Klöpfeln am «Dreikönigstage auch berch- 
ten und die Teilnehmer Berchten 15 ). 
In Görisried galt früher als „Knöpfles¬ 
nacht“ die Nacht vom Donnerstag auf 
den Freitag in der „ganzen Woche“ vor 
Weihnachten, d. h. jener Woche im Ad¬ 
vent, in die kein Feiertag fiel, wozu man 
früher alle Aposteltage, also auch An¬ 
dreas- und Thomastag, zählte 16 ). 

In diesen Nächten, auch schon am 
Abend, ziehen junge Leute, Frauen und 
Kinder umher, klopfen an die Häuser, 
singen und erhalten dafür Obst, Schinken 
und Würste 17 ). Manchmal wird an den 
Klopferstagen geschlachtet 18 ). Oft werden 
auch Knöpfle (Klöße) gekocht und verab¬ 
reicht, daher die Bezeichnung „Knöpfles¬ 
nächte“ 19 ). Im OA. Gerabronn erhalten 
die Kinder nur an den zwei ersten An- 
klöpf ersahen den Geschenke, während sie 
am dritten mit Ruß und Asche bestreut 
werden 20 ). Zwischen den Klopfern und 
den Leuten im Hause entspinnt sich ein 
Wettreimen, indem jene bald ermuntert, 
bald abgewiesen werden 21 ). Derjenige 
Teil, der die Frage oder das Spottlied 
nicht erwidern kann, wird verlacht, und, 
wenn es die Klöckler sind, müssen sie 
leer abziehen 22 ). 

x ) Von bochseln = lärmen, klopfen, poltern: 
Schade Klopfan 56; Hof f mann-Krayer 
117. Das Wort erscheint in Basel zum ersten¬ 
mal 1432 (Bosselnacht: 1436): SAVk. 7, 112; 
vgl. 11, 243; 14, 272. 2 ) Franzisci Kärnten 
29 f. s ) Kapff Festgebr. 3. 4 ) Zingerle Tirol 
182; Hörmann Volksleben 218; SAVk. 7, 111; 
Kapff Festgebr. 3 (die „rechte Anklopfete"). 
6 ) Urquell N. F. i, 191. 6 ) Köhler Voigt¬ 

land 178. 7 ) Birlinger Volkst. 2, 6. 8 ) Reiser 
Allgäu 2, 11. •) Ebd. 2, 12. 10 ) Pollinger 

Landshut 192 f. u ) Schade Klopfan 55; 
SAVk. 7, m. ia ) Schade 52; Panzer Beitr. 
2, 119. 1S ) Baumgarten Jahr 13. 14 ) Leo- 

prechting 203. 15 ) Panzer Beitr. 2, 116; 

Waschnitius Perht 65 f. 16 ) Reiser 2, 11. 
17 ) Zingerle Tirol 182. 183; Hörmann 

Volksleben 220 ff.; Franzisci Kärnten 29 f.; 
SAVk. 7, m; Panzer Beitr. 2, 115; Schmel- 
ler BayWb. 2, 361 f.; Birlinger A. Schwaben 
2, 7 f. 158; Meier Schwaben 457 ff, 530; Reiser 
Allgäu 2, 9 ff.; Kapff Festgebr. 3 ff.; Pol¬ 
linger Landshut 192 t.; Germania 11, 76 f.; 
Sepp Religion 35 ff.; Reinsberg Festjahr 
4250.; Schade Klopfan 52 ff.; Kück und 


Sohnrey 32 f.; Fehrle Volksfeste 12 f.; Reu- 
schel Volkskunde 2, 42; Sartori Sitte 3, i2f. 
18 ) Fehrle 14. 1# ) Ebd. 12 ff.; Kapff 4. *°) 

Kapff 3. 21 ) Schade 19 f. 62 f.; Uhland 

Schriften z. Gesch. d. Dichtung u. Sage 3, 25öS.; 
SAVk. 7, 110. Es wird mit einem „Vergelts 
Gott" erwidert (Meier Schwaben 460; Panzer 
Beitr. 2, 118) oder mit Schelten und Schlägen: 
Meier Schwaben 457. 2a ) Hörmann Volks¬ 

leben 221 f. 

2. Das Klopfen wird vollzogen mit dem 
Türklopfer oder mit Hämmern und 
Schlegeln. Häufig wirft man aber mit 
Erbsen, Bohnen, Linsen oder Kom gegen 
die Fenster, auch mit Sand und kleinen 
Sternchen 23 ). Bisweüen benutzt man 
Erbsen bei beliebten, Sand bei unbeliebten 
Leuten 24 ). Die Mädchen werfen Erbsen 
an die Fenster ihrer Freundinnen; junge 
Burschen bochselten ihren Mädchen, in¬ 
dem sie Hände voll Traubenkerne an die 
Fenster warfen 25 ). In Klingnau wurde 
von den Burschen schadhaftes Geschirr 
an die Haustür geschleudert, alte Eisen¬ 
pfannen dagegen geschlagen u. dgl. 2S ). 
An manchen Orten sind die Klöpfelabende 
nur noch eine Veranlassung zu gegen¬ 
seitigen Besuchen guter Bekannter und 
zu einer kleinen Bewirtung 27 ). Die 
Dienstboten erhalten in den Häusern, 
wo sie das Jahr über eingekauft haben, 
ein Trinkgeld (Anklopfet) 28 ). In den 
Wirtshäusern bei Ulm wird vielfach noch 
unentgeltlich ein Schnaps gereicht M ). 
Mädchen erhalten von den Liebhabern, 
Kinder von den Paten ein Geschenk, Be¬ 
kannten wirft man das Knöpflesscheit in 
die Stube 30 ). In Bissingen b. Ulm dürfen 
sich die Kinder an der zweiten „Na n klopfe“ 
im Pfarrhause einen gebackenen Zopf ab¬ 
holen 31 ). In Weinfelden besteht die 
Bochseinacht nur noch in einem lärmen¬ 
den Umzug der Jugend mit ausgehöhlten, 
von innen erleuchteten Runkelrüben 32 ). 

23 ) Meyer Baden 175. 195; Meier Schwaben 
457 - 459 - 460; Panzer Beitr. 2, 118; SAVk. 
7, 114 f.; Weiser Jul 24. 28; Sartori Sitte 3,12. 
24 ) Fehrle Volksfeste 12. 2B ) SAVk. 7, 114 b 

2 ®) Ebd. 7, 115. l7 ) Schmeller BayWb. 2, 

374 f. (Augsburg); Zingerle Tirol 182 (Me¬ 
ran); SAVk. 7, 116. * 8 ) Schade Klopfan 54 

(München); Birlinger Volkst. 2, 13 (Gmünd). 
29 ) Kapff Festgebr. 4. *°) Fehrle 13 f. 

31 ) Kapff 4. 32 ) SAVk. 7, 116. 

3. Als Grund für das Klopfen wird 
gewöhnlich angegeben, es solle dadurch 


1545 


Klöße, Knödel 


1546 


der Advent des Herrn verkündet werden 33 ). 
Andere sagen, die ersten Christen hätten 
sich für ihre heimlichen Gottesdienste bei 
Nacht dadurch Zeichen gegeben, daß sie 
Erbsen an die Fenster warfen 34 ). Wieder 
andere führen den Brauch auf Pestzeiten 
zurück, wo man das getan habe, um zu 
prüfen, ob die Inwohner noch lebten ”). 
Bilfinger hält das Klopfen für einen aus 
dem Altertum stammenden Neujahrs¬ 
brauch, Schmeller denkt an die Umzüge 
der Sundersiechen in München 36 ). Der 
wirkliche Grund des Lärmens wird in 
der Absicht bestehen, die bösen, der 
Fruchtbarkeit feindlichen Geister zu ver¬ 
treiben. Die drei Donnerstage vor Weih¬ 
nachten sind „ungeheuer“, „verworfen“ 
und voller Hexenspuk 37 ). Vielleicht darf 
aus diesem Grunde in Tirol der Weih¬ 
nachtszeiten nicht gebacken werden, ehe 
der letzte Klopf eidonnerst ag vorbei ist 38 ). 
Der Donnerstag gilt im Christentum oft 
als bedenklich und gefährlich, und die 
Erbsen usw. kommen vielleicht auch als 
Geisterspeise zur Verwendung 39 ). Die 
Vermummungen, in denen die Anklopfer 
so oft erscheinen 40 ), sollen diese also 
selbst als Geister darstellen, die böse 
Mächte verscheuchen und selbst Glück 
und Segen bringen. Darum läßt der 
Bauer die Klöckler, wenn sie ihr Lied 
gesungen haben, in dem sie Glück wün¬ 
schen, noch tüchtig auf seinen Feldern 
herumspringen, damit es ein gutes Jahr 
gäbe und das Getreide gedeihe, und die 
Hausfrau spendet „Klöcklerwürsteln“ 41 ). 
Die „schiachen Perchten“ halten an den 
drei Adventsdonnerstagen ihre lärmenden 
Umzüge 42 ) oder wenigstens am letzten 43 ). 
Der Pelzmärte erschreckt die Kinder, 
teilt ihnen aber auch Äpfel und Nüsse 
aus **). In Tirol fährt der „Anklöpfel- 
esei“ umher, dem ein bunter Zug von 
Zigeunern, Vagabunden, Hexen usw. 
folgt 4S ). Die Kirche hat daher trotz der 
geistlichen Auslegung des Brauches diesen 
bekämpft 46 ), und warnend erzählt man, 
wie einst ein Bursche in Teufelsmaske 
mit den übrigen vermummten Anklöpflem 
ging und sich ein wirklicher Teufel dazu¬ 
gesellte und den andern jämmerlich zer¬ 
kratzte 47 ). 


M ) Meyer Baden 196; SAVk. 7, 109 f. in; 
Fehrle Volksfeste 12 f. 34 ) Meier Schwaben 
2, 460. 35 ) SchwVk. 1, 21; Birlinger Volkst. 
2, 6; Meier Schwaben 2, 460; Reinsberg 
Festjahr 425. 38 ) Gegen beides Weiser Jul 

84 f. 37 ) Schade Klopfan 63 f.; Birlinger 
A. Schwaben 2, 9. 158; Meyer Baden 196. 
Daher das Rad als Schutz? Heyl Tirol 763. 
38 ) Hörmann Volksleben 219. 39 ) Fehrle 13; 
Meier Schwaben XIX; Meyer Baden 196. 
Vgl. oben 2, 335 f. 40 ) Baumgarten Jahr 13. 
41 ) Hörmann Volksleben 224; ZfVk. 8, 93 
(Raurisertal). 42 ) ZfVk. 8 , 92 b (Rauns; es 
mußte ganz dunkel sein); Fehrle 13; Heyl 
Tirol 763. 43 ) Kapff Festgebr. 4. 44 ) Meier 

Schwaben 2.460. 45 ) Zingerle Tirol 182 f.; 

Hörmann Volksl. 219 f.; Geramb Brauchtum 
101 f.; oben 2, 1013. 46 ) Meyer Baden 196. 

47 ) Alpenburg Tirol 281. 

4. Daß die K. bereits die Jahres¬ 
wende ankündigen, zeigt auch der Brauch 
des Glückwünschens („Gut Jahr, daß’s 
Kom wol grat, Kraut und Zwiebel“) 48 ) 
und des Lösens. Die Mädchen gießen 
Blei oder suchen auf andere Weise den 
künftigen Gatten kennen zu lernen 49 ). 
In Dux, wo die drei ersten Donnerstage 
im Advent die drei Knöpflastage sind, ist 
der letzte der „Losenpfinztag“. Wenn 
man da mit einem Mohnstampf auf einen 
Kreuzweg geht und das Ohr daran hält, 
erfährt man viele geheime Dinge 50 ). — 
Wenn der Wind in den K.n recht an die 
Bäume rumpelt, gibts viel Obst 61 ). Wenn 
man in der ersten K.n acht unter einem 
Kirschbaume Kalk eingräbt, blüht der 
Baum in der Christnacht. Blühende 
Zweige davon werden in den Krippen auf¬ 
gesteckt 52 ). 

«) Fehrle Volksfeste 14; SAVk. 7, in; 
Hör mann Volksleben 223. 49 ) Meier Schwaben 
2, 461; Birlinger Volkst. 1, 342; Zingerle 
Tirol 183 (1519); Schmeller BayWb. 2, 375 
(Tirol); Reinsberg Festjahr 425 f. B0 ) Zingerle 
183. 51 ) Leoprechting Lechrain 203. “) 

Zingerle 183 (1518). Sartori. 

Klöße, Knödel. 

1. Uber die verschiedenen Arten der 
Klöße handelt G. Florin L ), über die Arten 
der bayrischen Knödel Schramek 2 ) und 
Schmeller 3 ); die Knödel sind nach dem 
gelehrten Juristen Baron Schmid so mit 
der bayrischen Volksseele verbunden, 
daß er sagt, bayrische Landeskinder 
seien deshalb mit der Relegation oder 
Landesverweisung zu verschonen, weil 
sie ihnen „Nudel und Knödel halber“ 


1547 


Klöße, Knödel 


Klöße, Knödel 


1550 


zu schwer falle 4 ). Knödel finden sich 
aber nicht nur im österreichisch-bayri¬ 
schen Kulturkreis, sondern auch in der 
Oberlausitz, am Niederrhein, in Aachen 6 ) 
und in Thüringen 64 ). In Schwaben •) 
und im Elsaß 7 ) nehmen dieselbe Rolle 
die Spätzle oder Knöpfle ein. 

*) G. Florin Die Verbreitung einiger Mehl¬ 
speisen und Gebäcknamen im deutschen Sprach¬ 
gebiet, Gießen 1922 (Gießener Beiträge zur 
deutschen Philologie 5). 2 ) Böhmerwald 323; 

Die Oberpfalz (Kallmünz) 15 (1920), 16; Schmel- 
ler Bayr. Wb. 1, 1348 g.; Grimm DWb. 5, 
1246 Nr. 3; 1463. 3 ) 1 . c. 4 ) Schmeller 1 . c. 
1349 . *) Grimm 1 . c. 1463. 6a ) ZfVk. 6, 19g.; 
2 4 » 369* *) Fischer Schwab. Wb. 1491. 

7 ) Martin-Lienhard Elsäss. Wb. 1, 507. 

2. K. gehören zum Requisit des Schla¬ 
raffenlandes, so in Italien: Bei Boccaccio 
in der dritten Geschichte des achten 
Tages schildert Maso dem Calandrino 
das Schlaraffenland im Baskenlande: Da 
sind die Weinreben mit Bratwürsten an¬ 
gebunden ... da ist ein ganzes Gebirge mit 
Parmesankäse, da wohnen Leute, die 
nur immer Makkaroni und Eierknödel 
in Kapaunen suppe kochen; dann werfen 
sie diese den Berg hinunter, und wer die 
meisten fängt, der hat die meisten 7a ). 

7 *) Bolte-Polivka 3, 246 g. 

3. K. als Opfer aufgefaßt: Aus 
den Akten der Arvalbrüder des Jahres 
240 erfahren wir: Nach dem Ferkel¬ 
opfer und dem Schafopfer betraten der 
Priester und der stellvertretende Ob¬ 
mann den Tempel und brachten auf 
dem Opfertisch und auf dem Rasen 
vor dem Tempel dreimal drei Klöße aus 
Milch, Leber und Mehl dar; dann kehrten 
sie aus dem Tempel an den Altar zurück 
und sprachen unter Darbringung von 
drei Klößen und drei Opferfladen ein Ge¬ 
bet 8 ). Bei der berühmten Säkularfeier 
des Jahres 17 v. Chr. brachte Augustus 
in der Nacht des 1. Juni auf dem Kapitol 
den Ilithyien ein Opfer von 9 Fladen, 

9 Kuchen und 9 Klößen dar und betete: 
Ilithyia, wie es für dich in jenen Büchern 
geschrieben ist . . . soll dir ein Opfer ge¬ 
bracht werden von 9 Fladen, 9 Kuchen, 

9 Knödeln. Am 3. Juni brachten Augustus 
und Agrippa Apollo und Diana auf dem 
Palatin dasselbe Opfer dar 9 ). Bei den 
Indiern lud am dritten Tag nach der Be- | 



erdigung der Erbe den Verstorbenen zu 
einem Klößeopfer ein und trat dann die 
Erbschaft an 10 ). Das Journal meldet 
als Aberglauben aus dem Saalfeldischen : 
Viele essen den letzten Tag im Jahr 
Knödel und Heringe, sonst, behaupten 
sie, schneide ihnen Frau Perchte den 
Bauch auf, nehme das erst Genossene her¬ 
aus und nähe dann mit Pflugschar statt 
der Nadel, mit Röhmkette statt des 
Zwirns den gemachten Schnitt 11 ) zu (vgl. 
Brei). Im Voigtland muß man Fische mit 
Klößen essen, sonst füllt einem diePerchta 
den aufgeschnittenen Leib mit Häckerlein 
und näht ihn mit Pflugschar und Eisen¬ 
kette zu 12 ). Unter den sieben- oder 
neunerlei Speisen am Weihnachtsabend, 
die Gesundheit, rote Backen, Befreiung 
von Kopfweh und Geldreichtum be¬ 
wirken, befinden sich auch Klöße 13 ). 

8 ) K. Latte Religion der Römer ( Relig. 
Lesebuch von Bertholet Band 5), Tübingen 
1927, 17 g. •) 1 . c. 28 (Dessau 5050; CIL 6, 
32323). 10 ) E. H. Meyer Mythol. der Germanen 
118; vgl. Archiv f. Anthrop. N. F. 6, 109. 
n ) Grimm Myth. 3, 452 Nr. 525; Witz- 
schel Thüringen 2, 134 Nr. 166; Kloster 

7 . 70 Grimm i, 226; W. 25. 76. 

12 ) Ortwein Deutsche Weihnachten 129 g.; 
ZfVk. 14, 268. J 3 ) W. 78; Weinhold Neun¬ 

zahl 11; ZfVk. 1 . c. 268; zur Neunzahl vgl. 
oben die 9 Kuchen. 


4. Klöße und Knödel sind nicht nur 
eine offenbar sehr alte Festspeise in den 
Rauchnächten, sondern auch der be¬ 
gehrte Leckerbissen elbischer Geister 14 ). 
Werden Klöße gekocht, so darf man sie 
nicht zählen, weil sonst die Holzfrauchen, 
die gern mitessen, sich keine davon holen 
könnten und sterben würden; das hätte 
zur Folge, daß auch der Wald nach und 
nach ausstürbe; deshalb spritzt man auch 
beim Brot- oder Kuchenbacken Mehl oder 
Wasser in das Feuer für die Holzfrau¬ 
chen 15 ). Nach einer andern Sage wandern, 
wenn die Bäuerin die Knödel in den 
Topf hinein zählt, die Quergeln aus, und 
es kommen schlechte Zeiten 16 ). Als ein 
Triebeser im Voigtlande nach seinen 
Klößen sehen wollte, fand er ein Holz¬ 
weibel im Ofen stecken; als er schimpfte 
und fluchte, ging das Holzweibel für 
immer fort 16a ). Das beste Mittel gegen 
das Klößestehlen der Vegetationsdä- 



1549 

monen besteht darin, daß man die K. 
zählt: Zu den Holzmachem bei der Trinzer 
Schäferei sagten die Holzweibel: Solange 
die Leute die Brote in den Backöfen 
und die K. in den Töpfen zählen, wird 
keine gute Zeit werden 16b ) (vgl. Brot 
pipen im Artikel Backen § 4). Wie blu¬ 
tendes Brot (s. Brot § 8 b), so sind 
auch blutendes Mus oder blutende Klöße 
die Vorboten von Krieg und Teuerung 18c ). 

14 ) Jahn Volkssagen aus Pommern 117. 130. 
16 ) Witzschel 1 . c. 2, 285 Nr. 100; für Bärnau: 
Schönwerth Oberpfalz 2, 360, 1. 16 ) Panzer 

Beitrag 2, 193. 16a ) Eisei Voigtland 23 Nr. 40; 
vgl. 14 Nr. 26. 16b ) Ders. 29 g. Nr. 58—60. 

16c ) Ders. 267 Nr. 671. 

5. In den Sagen vom Drachen, der 
in wechselnder Gestalt seiner Hexe alles 
Gute herbeischleppt, sind auch die K. 
erwähnt: In Tiefenbach in der Oberpfalz 
schlich ein neugieriger Knecht seiner 
Bäuerin nach, die immer in erstaunlich 
kurzer Zeit das Essen fertigstellte; er 
sah, wie sie einen Kessel abdeckte, in 
dem ein schwarzer Hund saß und zu diesem 
sagte sie: Heute speist du Knödel 17 ). 
Der Drache einer Bäuerin zu Strega wird 
mit Hirsebrei gefüttert und speit Klöße, 
wenn die Bäuerin sagt: Hänschen spei, 
Hänschen spei 17a ). In der gleichen Lage 
fing eine Bäuerin in Baden die Katze und 
sagte zu ihr: Katz*, mach' Knöpfle (vgl. 
Butter § 6). Einmal warf der Knecht ge¬ 
weihtes Schwarzbrot darauf, da wurden 
die K. zu Katzendreck 18 ). 

17 ) Schönwerth Oberpfalz I, 377, 7. 1?a ) 

Gander Niederlausitz 39, 91. 18 ) Künzig 

Sagen 63, 184. 

6. Um Bärnau in der Oberpfalz müssen 
die Weiber an Fastnacht Knödeln kochen, 
ehe die Sonne aufgeht und dabei zerstreut 
sein und nicht wissen, wieviel sie einge¬ 
schlagen haben; werden dann die K. auf¬ 
getragen, so heißt es: ,,Sua vül Kniadla, 
sua vül Schuak Koam in dean Gauar" 19 ). 
In Neuhaus kocht man an der Narren¬ 
fastnacht Leberk.; so viele K., so viel 
Flachsbüschel 20 ). Im Voigtland kommt 
der neue Dienstbote zu Mittag und ver¬ 
zehrt seine Klöße auf der Ofenbank; die 
Herrschaft muß sich hüten, ihm dazu 
Sauerkraut vorzusetzen, sonst würde ihm 
die Arbeit sauer fallen 21 ). 


19 ) Schönwerth 1 . c. 1, 401 Nr. 7. *°) 1 . 

c. 1, 414 Nr. 8. 21 ) Grimm Mythol. 3, 465 

Nr. 361; vgl. ZfVk. 15. 315. 320. 

7. Beim Knödelkochen an Silvester 
gibt man in Dobrzan in Westböhmen in 
jeden K. ein beschriebenes Stück Papier 
mit Sprüchen; welcher Knödel zuerst im 
Topf an die Oberfläche kommt, zeigt mit 
seinem Zettel den Inhalt der Zukunft 
an w ). In die K., die man am Thomas¬ 
abend kocht, steckt man Zettel mit Lotto- 
nummem; derjenige K., der zuerst oben 
schwimmt, enthält die Glücksnummer 23 ). 


Um die Hexen zu erkennen, nimmt man 
einen durchlöcherten Pfahl und macht 
daraus einen Rührlöffel; an diesem Löffel 
muß man in den drei Knöpflinsnächten 24 ) 
arbeiten. Zugleich muß man an jedem 
dieser drei Abende den Mehlbrei mit 
diesem Löffel zu Knöpfle anrühren; man 
darf aber den Löffel nicht abwaschen, 
sondern es muß an allen drei Abenden 
vom Teig daran hängen bleiben; mit 
einem solchen Löffel erkennt man am 
Christtag in der Kirche die Hexen 25 ). 


23 


22 ) John Westböhmen 25; vgl. ZfVk. 4,318. 
\xt 24 ) Fi sc her 1 . c. 4, 499; Bir- 


) W. 335 - 


linger Volksth. 2, 6, 13. M ) Meier Schwaben 
466 Nr. 215; offenbar eine volksetymologische 
Anlehnung an die Knöpflinsnächte für Klöpf- 
lensnächte. 


8. Gegen das Überbein: Kocht eine 
Bäuerin im „Hofn“ K., so tritt der Kranke 
rasch zu ihr, legt das kranke Glied aufs 
„Hofnbredl" und fordert sie auf, daß sie 
mit dem ,,Kullöffl“ recht fest darauf 
schlage 26 ). In Holstein macht man 
Klöße aus Mehlbrei und Binsen und gibt 
sie den Kühen; dann haben sie besser 
„Degev“ 27 ). 


26 ) Hovorka-Kronfeld 2, 397. 27 ) Heimat 

37 (1927). i 12 , 12. 

9. In Sagens (Graubünden) feierte man 
die Knödel-Kilbi; zur Verherrlichung des 
Sagenser Wappens (ein Kolben, den man 
witzig Knödel nennt) ließen sich die Kna¬ 
ben durch die Mädchen einen Riesenknödel 
bereiten; den verspeiste man bei Wein 
und witzigen Reden 28 ). In Augsburg 
sangen die Knaben beim Wasservogelfest: 


A Schüssel voll Knöpfli ist no nit gnua, 

A Schüssel voll Küchle ghort a dazua 29 ). 

E. Lemke beschreibt das vor Fastnacht 
in Verona gefeierte Gnocchifest 30 ). 



Kloster 


1552 


1551 


M ) SAVk. 2, 123. *•) Simrock Mythol. 550. 
*°) ZfVk. 14, 320—322. 

10. Erbsen darf man nicht an Knödel¬ 
tagen, d. h. am Dienstag und Donners¬ 
tag, setzen 81 ) (Ranggen). 

#t ) Zingerie Tirol 40, 334. 

11. K. im Ubertragungsheilzauber: In 
Mähren verschafft man sich aus 9 Wirt¬ 
schaften Kornmehl, kocht daraus K. 
und badet das lungenkranke Kind in 
dem Wasser, in dem die K. gekocht 
wurden; dieses Wasser bekommt ein 
Hund zu saufen; der bekommt dann die 
Lungensucht, und das Kind genest 32 ). 

3t ) Hovorka-Kronfeld 2, 660. 

12. Wenn die Nebel steigen, kochen die 
Vegetationsdämonen auf der Milseburg 
in der Rhön K. 83 ). 

33 ) Rochholz Naturmythen 184; Bechstein 
Deutsche Sagen Nr. 768. Eckstein. 

Kloster. Fast alle Klöster haben ihre 
Bau- und Gründungssagen, die durchweg 
denen von Kirchen (s. d.) und Kapellen 
(s. d.) gleich oder ähnlich sind. Auch hier 
handelt es sich um fromme Gelübde aus 
Dank für wunderbare Hilfe des Himmels 1 ), 
um Stiftungen im Sinne eines Gott wohl¬ 
gefälligen Werkes *) oder gelegentlich 
um Sühneleistungen 3 ). Himmlische Er¬ 
scheinungen und Traumgesichte, die den 
Bau anregen oder seinen Platz be¬ 
stimmen 4 ), Zugtiere und Vögel, die die 
Baustelle finden helfen 6 ), wunderbare 
Naturerscheinungen °) und die rätsel¬ 
hafte wiederholte Verschleppung des Bau¬ 
materials an einen andern als den bereits 
gewählten Ort 7 ) — das alles findet sich 
in gleicher epischer Ausprägung wie bei 
den Kirchengründungssagen. Ebenso 
kehren hier die Erzählungen über wunder¬ 
bare Bauhilfe von Engeln oder Vögeln, 
die ( Gold zum K.bau bringen 8 ), und 
dgl. wieder. K.ruinen oder andernorts 
Flur- und Straßenbezeichnungen, die an 
ehemalige K. erinnern, nähren die Menge 
der Sagen von zerstörten, untergegangenen 
und versunkenen K.n 9 ). Die stattlichen 
Bauten aber sind danach in einem See 
oder Sumpf spurlos versunken, meist wird 
sündhaftes, frevelhaftes Leben der K.- 
insassen als Grund für den Untergang 
genannt 10 ). Zu gewissen Zeiten hört 
man den Chorgesang der Mönche und 


Nonnen u ), sieht sie in langer Reihe 
heraufwandeln und wieder verschwin¬ 
den u ) (Laistner, Nebelsagen S. 119 f. 
erklärt einleuchtend diesen Sagenzug als 
aus der Beobachtung wirklicher Nebel¬ 
gestalten entstanden) — oder man hört 
nur einmal im Jahr die K.glocken 
läuten 13 ) (vgl. Glocken, versunkene). 
Nach anderen Sagen zeigt sich gelegent¬ 
lich die Turmspitze der K.kirche 14 ), oder 
es steigt alle sieben Jahre, genau am 
Tage des Untergangs, die K.kirche wie aus 
Nebel gebüdet empor und füllt sich mit 
Nonnen 15 ). Ja, bei Frostwetter vermag 
man sogar das Brüllen des K.ochsen zu 
vernehmen, der das Eis zum Bersten 
bringt, wenn er mit seinen Hörnern dar¬ 
unter herstreicht 1G ). 

Was von unter den K.ruinen liegenden 
Schätzen 17 ), unterirdischen Gängen 18 ), 
von dort um wandelnden Geistern 19 ), 
weißen Frauen 20 ) usw. erzählt wird, 
unterscheidet sich kaum von den ent¬ 
sprechenden Sagen von Burgruinen; eben¬ 
so spukt es noch häufig in ehemaligen 
K.gebäuden, die heute für andere Zwecke 
benutzt werden 21 ). Besonders hervorzu¬ 
heben sind noch die grausigen Erzählun¬ 
gen von Mönchen und Nonnen, die zur 
Strafe für schwere Vergehen gegen ihre 
Ordensgelübde lebendig eingemauert 
wurden 22 ). 

Uber den abergläubischen Gebrauch 
von Staub aus K.kirchen oder K.zellen 
(z. B. der Zelle des hl. Kamillus in einem 
holländischen K.) vgl. Art. Kirchenstaub. 

Ebenso kulturgeschichtliches wie volks¬ 
kundliches Interesse hat es, daß die K. 
schon früh eigene Apotheken einrichteten 
(die erste K.apotheke finden wir in dem 
Grundriß zum Umbau des K.s St. Gallen 
aus dem Jahre 829 als „armarium pigmen- 
torum“ neben dem Arzt hause einge¬ 
zeichnet) und daß dort die Kräuterkunde 
besonders gepflegt wurde; in eigenen K.- 
gärten wurden Heilpflanzen aller Art ge¬ 
zogen. Viele Mittel der Volksheilkunde 
haben von K.apotheken ihren Ausgangs¬ 
punkt genommen M ). 

x ) u. *) Meiche Sagen 853 Nr. 1063; Lohre 
Märkische Sagen 160 Nr. 251; Lenggenhager 
Sagen 133; Birlinger Schwaben 1, 68 Nr. 83; 


1553 


Klotz 


1554 


Zaunert Westfalen 105 ff. 3 ) Quensel Thü¬ 
ringen 73; Zaunert Rheinland 1, 211 f. 4 ) 
Witzschel Thüringen 1 Nr. 183; Schell 
Sagen des Rheinlandes 125 Nr. 210; v. Mail ly 
Niederösterr. Sagen 114 Nr. 228. 5 ) Zaunert 

Rheinland 1, 212; 2, 13. •) Schell Sagen des 
Rheinlandes 110 Nr. 179; 178 Nr. 311; 

Zaunert Rheinland 2, 12. 7 ) Birlinger 

Schwaben 1. 67 Nr. 78. 8 ) Panzer Beitrag 

2, 414. ') K noop Hinterpommern 91 Nr. 190; 
Kuhn Westfalen 1, 28 Nr. 31 b, c; 51 Nr. 40; 
364 Nr. 407; Künzig Baden 116 f. Nr. 311—313; 
SAVk. 15 (1911), 14- 10 ) Urdhsbrunnen 2, 76; 
Baader Sagen 1 Nr. 30; Meier Schwaben 
Nr. 80, 3; 81, 334; Kühnau Sagen 3, 348 
Nr. 1728; 356 Nr. 1735; Zaunert Westfalen 
357 f.; vgl. auch Laistner Nebelsagen ngf. 
173 - 255. 283. 306. u ) Birlinger Schwaben 
i, 190 Nr. 166; Baader Sagen 1 Nr. 30. 12 ) 

Calliano Nieder Österreich. Sagen 1, 86; ferner 
Laistner Nebelsagen 119L i3 ) Künzig 

Baden 102 Nr. 272 und 103 Nr. 275. 14 ) Meier 
Schwaben 1, 296 Nr. 334. 15 ) Bechstein 

Thüringen 4, 186 ff. 18 ) Zaunert Westfalen 
358. 17 ) Schwartz Sagen der Mark Branden¬ 

burg (1914). 137; Kuhn-Schwartz Nordd. 
Sagen 40; Kühnau Sagen 3, 686 Nr. 2081. 
18 ) v. Mail ly Niederösterr. Sagen 115 Nr. 229; 
Kühnau Sagen 3, 686 Nr. 2082. 1# ) Kuhn- 

Schwartz Nordd. Sagen 40; Kühnau Sagen 
1, 200 ff. Nr. 193. 20 ) Kuhn Märk. Sagen 205. 
41 ) Kühnau Sagen 1, 117 Nr. 130; 132 

Nr. 144 und 215 Nr. 203. 22 ) Kühnau Sagen 

1, 117 Nr. 130 und 200 ff. Nr. 193; Künzig 
Baden 39 Nr. 116. 23 ) J. Berendes Über 

K-Apotheken und K.-Gärten. Mitteil, zur 
Gesell, der Medizin 8 (1909), 361—365. 

Künzig. 

Klotz. In einigen wenigen, ohne Be¬ 
ziehung zueinander stehenden Bräuchen 
finden Teile von meistens behauenen 
Baumstämmen Verwendung, die aus¬ 
drücklich als Klötze bezeichnet werden. 
Am häufigsten bezeugt ist der unter den 
mannigfachsten Benennungen besonders 
im westlichen Deutschland bekannte 
Christk., mit dem die alljährliche 
Herdemeuerung vorgenommen wurde (s. 
Weihnachtsblock) x ). 

Grimm 2 ) weist ferner auf die Sitte des 
K. (ab)werfens hin, wie sie für Hildes¬ 
heim und Halberstadt seit dem 13. Jh. 
belegt ist als Zielwerfen mit Stöcken oder 
Steinen nach dem kleineren Aufsatz eines 
größeren Grundk.es (vgl. Heiden werfen, 
oben 3, 1653 f.). Aus der Überlieferung, 
daß diese Handlung zum Gedächtnis 
der Ausrottung des heidnischen Götzen¬ 
dienstes (vgl. auch oben 3, 1072 f.) 


vorgenommen würde, schließt Grimm auf 
einen Zusammenhang mit dem Vor¬ 
stellungskreis des Todaustragens 3 ). Doch 
handelt es sich hier zunächst einmal nur 
um eine heute noch im Kinderspiel fort¬ 
lebende Abart des Kegelspiels (s. d.), die 
nur in Verbindung mit diesem gegebenen¬ 
falls mythologisch auszudeuten wäre. 
Sprachlich verwandt ist das schleswig¬ 
holsteinische „Klootscheeten“, das Eis¬ 
boßeln, ein ernsthafter sportlicher Wett¬ 
bewerb der Jungmannschaften 4 ), und 
als technisch zugehörig wäre noch das 
„Posternächte (l)n‘‘ der Berner Hirten 
hereinzuziehen, die vor der Talfahrt glü¬ 
hende Klötze von der Höhe herunter¬ 
rollen 5 ). 

Ein anderer Jahresfeuerbrauch unter 
Verwendung eines K.es wird aus dem 
Allgäu überliefert 6 ): In einigen Ort¬ 
schaften trägt man einen angeglühten K. 
oder knorrigen Wurzelstumpf in Pro¬ 
zession um den Scheiterhaufen des Fast¬ 
nachtsfeuers herum und wirft ihn 
zuletzt wieder in die Flammen hinein; 
das bedeutet Glück fürs Haus. Diese 
Sitte scheint eine besondere Form des 
K.ziehens zu sein, das im Süden des 
deutschen Sprachgebiets zur Faschings¬ 
zeit veranstaltet wird (s. Blockziehen, 
oben 1, 1428 ff., dazu 4, 122). 

Als K.tragen ist ferner ein ganz 
andersartiger Rechtsbrauch zu bezeich¬ 
nen, den einige Schweizer Kantone noch 
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
befolgten, wenn sie als Strafe vor allem 
für rückfällige Bettler statt mehrtägiger 
Haft die Anlegung eines K.es verhängten, 
der mittels einer Kette am Fuß befestigt 
wurde 7 ). 

Von hier aus fällt schließlich auch ein 
Licht auf das Heben (s. d.), Lupfen 
und Werfen der eisernen Würdinger 
und Leonhardsklötze und ähnlicher Votiv- 
und Heiligenbilder, wie es in katholischen 
Gegenden Süddeutschlands die Burschen 
vornehmen; obwohl diese Veranstaltung 
heute vorwiegend als Kraftprobe ange¬ 
sehen wird, sollen doch die alten Vor¬ 
stellungen, daß der geglückte Hub und 
Wurf die Reinheit des Burschen ausweise 


1555 


Knabenkräuter 


1556 


und ihn im kommenden Jahr vor Krank¬ 
heit schütze, noch lebendig sein 8 ). 

*) Vgl. neuerdings Freudenthal Feuer I2iff. 
2 ) Grimm Myth. 1, 158; 2, 653 (3, 70). 3 ) Vgl. 
Simrock Mythologie 251; Meyer Germ. Myth. 
217. 4 ) Mensing Schlesw. Wb. 3, 171; 1, 436 h 

6 ) Stalder 1, 209 t.; Vernaleken Alpensagen 
366 t.; Hoffmann-Krayer 69; vgl. SAVk. 7, 
217. 6 ) Reiser Allgäu 2, 98. 7 ) SAVk. 1, 84; 

2, 6; 2, 73. 8 ) Andree Votive 100 ff. 

Freudenthal. 

Knabe s. Kind. 

Knabenkräuter (Orchideen). 

1. Botanisches. Pflanzenfamilie mit 
zahlreichen Arten, die meist durch Besitz 
bunter, auffällig gefärbter Blüten und 
rundlicher oder handförmig geteilter Wur¬ 
zelknollen ausgezeichnet sind. Beim Aus¬ 
graben der Pflanzen kommen die Wurzel¬ 
knollen (die vorjährige ist schwärzlich, 
mehr oder minder vertrocknet, die dies¬ 
jährige weiß und glatt, s. unter 3) zum 
Vorschein. Diese sind es auch, die im 
Volksglauben die Hauptrolle spielen. 
Dazu kommt, daß es sich häufig um 
Frühlingsblumen (s. d.) handelt, die 
ja vom Volke besonders beachtet werden. 
Zu den häufigsten und daher am besten 
bekannten Arten gehören mehrere Knaben¬ 
kraut-Arten (Kuckucksblume, Stendel¬ 
wurz; Orchis) wie das Salep-Kn. (Orchis 
morio) und das Kuckucks-Kn. (O. mascu- 
lus) mit runden, ungeteilten Wurzel¬ 
knollen und das Wiesen-Kn. (O. latifolius), 
das Flecken-Kn. (O. maculatus) mit hand¬ 
förmig geteilten Wurzelknollen. Solche be¬ 
sitzt auch die hellrot blühende Händel¬ 
wurz (Gymnadenia conopea). Angenehm 
duftet die weißblühende Waldhyazinthe 
(Platanthera bifolia), s. Dorant. In 
den Alpen wächst das vanilleartig duf¬ 
tende Brändlein (Nigritella nigra). Die 
Kn. wachsen auf (feuchten) Wiesen, 
manche Arten auch an schattigen Stellen J ). 
Als „Knabenkraut“ wird auch manch¬ 
mal die Fetthenne (s. d.) bezeichnet, und 
in der volkskundlichen Literatur werden 
manchmal die beiden Pflanzen mitein¬ 
ander verwechselt. 

*) Marzeil Kräuterbuch 254. 298 f. 

2. Wegen der hodenförmigen Gestalt 
der Wurzelknollen gelten die Kn. 2 ) schon 
seit alters als aphrodisische Mittel 


(Signatura rerum). Dazu kommt noch, 
daß der Duft einzelner Arten (z. B. O. 
masculus, Himantoglossum hircinum 
[riecht bockartig !]) Ähnlichkeit hat mit 
sexuellen Gerüchen 3 ). Bei den Arten mit 
handförmig zerteilten (also nicht hoden¬ 
ähnlichen) Wurzelknollen wollte man 
eine Ähnlichkeit mit den weiblichen Geni¬ 
talien erblicken. So sagt Brunfels 4 ) 
über die Wurzelknollen vom „Kn.-Weib¬ 
lein“ (wohl Gymnadenia conopea): „Hatt 
auch sonst einen unzüchtigen anblick der 
weiber heymlichkeit (= pudenda) gleich“. 
In der Antike werden die Kn. vielfach als 
Aphrodisiaka genannt. (Pseudo-)Theo- 
phrast 5 ) erzählt, daß der op/tc zwei 
Knollen (vgl. oben 1) habe, von denen die 
eine zum Liebesgeschäft (rcpoc ras ojxiXta?) 
kräftiger mache, die andere aber untüchtig. 
Daß der Genuß der einen Knolle frucht¬ 
bar, der der anderen unfruchtbar mache, 
glaubt man auch jetzt noch hin und 
wieder 6 ). Nach Dioskurides 7 ) be¬ 
wirkt die größere Knolle, von Männern 
verzehrt, die Geburt von Knaben, die 
kleinere (also offenbar die vorjährige), 
von Frauen genossen, die von Mädchen 8 ). 
Vom sortuptov (jedenfalls eine Orchidee) 
berichtet er, daß sie beim Beischlaf die 
Lust reize usw. 9 ). Pseudo-Apuleius 
empfiehlt die „herba priapiscus“ (nach 
der Abbüdung in alten Hss. eine Orchis- 
Art) „si quisadmulieremnonpotuerit“ 10 ). 
Daß der Glaube an die aphrodisische Wir¬ 
kung der Kn. auch im deutschen MA. 
lebendig war, beweist die Stelle 11 ): 
„Satyrion est flos campi, videlicet rote 
plumel hat es oben , in terra et in radice 
hat es zway hödel et etiam dicit testiculos 
vulpis secundum medicos et ponitur 
super fomacem in balneo. et sic viris 
surgunt membra virilia. donec depo- 
nitur“ (vgl. dazu den deutschen Namen 
„Stendelwurz“ nach der erectio penis). 
Albertus Magnus 12 ) und die „Väter 
der deutschen Pflanzenkunde“ 13 ) sprechen 
ausführlich von den aphrodisischen Wir¬ 
kungen der Kn. Bock 14 ) glaubt, daß die 
Kn. „vom samen oder spermate der 
Weckolterziemer ‘ (Krammetsvögel), der 
Amseln und Drosseln erwüchsen. Die 
Pflanzen entständen aus der „überflüssi¬ 


1557 


Knabenkräuter 


1558 


gen Geilheit“ der Vögel, die auf die Erde 
falle. Die Kn. galten wohl auch im ger¬ 
manischen Altertum als Aphrodisiaka. I m 
einzelnen wird sich jedoch schwer fest¬ 
stellen lassen, was bodenständig ist und 
was auf antik-literarische Tradition zu¬ 
rückgeht. Die hier oft angeführte Sage 
von der nordischen Riesin Brana, die 
dem Helden Halvdan die Pflanze „hug- 
vendelser“ (= die den Sinn wendet) als 
Aphrodisiakum schenkt, ist wenig beweis¬ 
kräftig, weil es sich hier um eine roman¬ 
hafte Sage handelt, die um das Jahr 
1300 verfaßt wurde 15 ). Der nordische 
Name „hugvendelser“ 16 ) für ein Kn. 
würde übrigens etwa dem griechischen 
Pflanzennamen anacampseros (avaxap*“ 
T£iv = umlenken, wiederbringen) ent¬ 
sprechen. Von diesem Gewächs berichtet 
Plinius 17 ), daß es durch Berührung die 
Liebe zurückbringe, auch wenn sich diese 
schon in Haß verwandelt habe. Auf 
Island hatte man den Glauben, daß man 
entzweite Eheleute versöhnen könne, 
wenn man die Knollen des „hjonagras“ 
(== Orchis maculatus, von hjon = Ehe¬ 
leute) in ihr Bett lege 18 ). Auch die russi¬ 
schen Bauemweiber bedienen sich der 
Wurzel, wenn sie mit ihren Männern in 
Zwist sind 19 ). Auf erotische Bezie¬ 
hungen weist auch der isländische Name 
„friggiargras“ für Kn. hin 20 ). An die 
Stelle der Göttin Frigg trat später die 
Jungfrau Maria, vgl. die nordischen 
Namen Jungfru Marie hand, Jungfru 
Marie rokk, marigras für Kn. Ob die (alt¬ 
nordische?) Bezeichnung „Niardr vöttr“ 
(= Handschuh desNiördr, vgl. „Christus¬ 
hand“ usw. unter 3) hierher gehört, ist 
zweifelhaft. Immerhin wäre es möglich, 
da Njordh ein nordischer Fruchtbarkeits¬ 
gott ist, das männliche Gegenstück der 
Nerthus, der Terra Mater 21 ). Jedenfalls 
erscheinen die Kn. im deutschen Aber¬ 
glauben der neueren Zeit häufig als Aphro¬ 
disiaka. K. E. von Moll 22 ) berichtet aus 
dem letzten Drittel des 18. Jh., daß er 
im Zillertal (Tirol) die Bezeichnung „Hös- 
wurz“ (wohl „Hosenwurz“) für Kn. er¬ 
fahren habe. „Dieser Name hat einen 
nicht sehr erbaulichen Ursprung. Die 
Zillertaler unterscheiden die Kn. mit 


runden kugeligen und die mit gedrückten 
platten Wurzeln. Die ersteren nennen sie 
Männchen, die letzteren Weibchen (vgl. o.). 
Die Mädchen suchen die ersteren, die 
Jungen die zweiten auf. Und beide 
glauben, daß durch den Genuß derselben 
der Reiz zur Wollust befördert und die 
Manneskraft vermehrt werde“. Daß die 
Knollen der Kn. die geschlechtliche Po¬ 
tenz erhöhen, wird fast allgemein ge¬ 
glaubt 23 ). In der Schweiz erscheint das 
Brändlein (Nigritella nigra) als Sym¬ 
pathiemittel gegen „Franzosen“ (Ge¬ 
schlechtskrankheit ; Ulcus molle ?) 24 ). 
Auch den Haustieren werden die Knollen 
als Aphrodisiakum gereicht 25 ). In Däne¬ 
mark ist O. maculatus für Hebammen 
sehr gesucht, weil es die Geburt be¬ 
schleunigen soll 28 ). Weitere Verwendung 
als Liebesmittel s. unter 3. 

2 ) Vgl. DWb. 5, 1324. 3 ) Dragendorff 

Heilpflanzen 1898, 150. 4 ) Kräuterbuch 1534, 

22. 5 ) Hist, plant. 9, 18, 3. *) DVöB. 11, 167; 
Treichel Westpreußen X, 467. 7 ) Mat. med. 

3, 126 ff. 8 ) Ähnlich noch im heutigen Grie¬ 
chenland vgl. Heldreich Nutzpflanzen 1862, 
9 f. •) Ähnlich bei Plinius Nat. hist. 26, 95 ff. 
10 ) Corp. medicor. Latin. 4 (1927), 49. n ) Stein¬ 
meyer u. Sievers Die ahd. Glossen 4, 501. 
12 ) De Vegetabilibus 6, 459. 13 ) Brunfels 

Kreuterbuch 1534, 22; Fuchs Kreuterbuch 1543, 
cap. 271. 14 ) Kreuterbuch 1551, 299. 15 ) Janus 
13 (1908), 582. 16 ) Ähnliche Formen bei 

Jenssen-Tusch Nordiske Plantenavne 1867, 
156. 17 ) Nat. hist. 24, 167. 18 ) Schübeler 

Pflanzenwelt Norwegens 1875, 139. 19 ) Annen- 
kow Botan. slowar 1878, 233. 20 ) Meyer 

Germ. Myth. 270; Grimm Myth. 251; ZfdMyth. 
3, 401. 21 ) Vgl. ZfdMyth. 3, 401; Grimm 

Myth. 2 198; Menzel Odin 1857, 27. 22 ) Natur- 
hist. Briefe über Österreich usw. 2 (1785), 350. 

23 ) Osiander Volksarzney mittel 3 1838, 38 z 

24 ) Stoll Zauberglaube 90. 25 ) AnzfKddV. z* 

(1881), 332; Rhiner Wäldstätten 28; Sc hu bei« 1 
Pflanzenwelt Norwegens 1875, 139; Hczzmi- 

berger Litauische Forsch. 75. 2# ) DbotMon 

n> 75 - 

3. Im Volk werden besonders die Wur- 
zelknollen der Kn. beachtet. Soweit sie 
handförmig gespalten sind (vgl. untei i), 
werden die vorjährigen, vertrockneten 
und meist mehr oder weniger schwätz, 
liehen als Teufelsklaue, -kralle, -hand, 
-füßchen 27 ), die diesjährigen, glatten, 
weißlichen als Johannis- “*), Gottes , Mnt- 
tergottes-, Christushand (händchen) be¬ 
zeichnet 2B ). Auch „Adam und F.va“ 



•559 


Knabenkräuter 


Knabenkräuter 


1562 


werden die beiden Knollen genannt 30 ). 
Sie spielen eine große Rolle im Aber¬ 
glauben, besonders an Johanni. Sie 
werden an Johanni (zwischen 11 und 12 
Uhr nachts) gegraben S1 ). Die „Händ¬ 
chen“ sollen an Johanni fünf Finger 
haben, während sie sonst nur vier zeigen 32 ). 
Ein Spruch lautet: 


Ich grabe dich für mich 
Zur Liebe und zum Glück* 3 ). 

Die „Johannishändchen“ verschaffen 
ihrem Inhaber Glück, in den Geldbeutel 
gelegt, bewirken sie, daß das Geld nicht 
ausgeht. Sie dürfen aber nicht mit den 
bloßen Fingern angefaßt werden 34 ). Am 
beliebtesten sind die „Glückshändchen“, 
die am meisten Finger haben. In Leipzig 
werden diese Wurzeln am Johannistag 
vor den Toren der Friedhöfe, namentlich 
vorm Johannisfriedhof, feilgehalten. Sie 
werden gern gekauft 35 ). Die Knollen 
des Wiesen-Kn. (Orchis latifolius) wurden 
sogar in Berlin als „Glückswurzel“ feil¬ 
geboten und viel gekauft 36 ). Die Knollen 
werden von den Kindern ins Wasser ge¬ 
worfen, die untersinkenden (schwarzen) 
werden „Teufel“, die schwimmenden 
„Engel“ genannt 37 ). Die „Johannis¬ 
händchen“ schützen vor Hexerei, gegen 
Zauber, den Teufel usw. 38 ). Man gibt 
die Knollen den Kühen, damit sie die 
Milch nicht verlieren 39 ). Die schwarze 
Knolle dagegen leistet Hexen- und 
Satanskünste 40 ). Die „Johannishand“ 
hält den Blitz ab 41 ). „Johanniswurzeln“ 


(ob hierher gehörig?), in ein Lederlein ge¬ 
näht, zur Zeit des ersten Mondviertels um 
den Hals gehangen, lassen (zusammen mit 
anderen Mitteln) alle Hexen des Ortes 
sehen 42 ). Vor allem dienen die Knollen 
jedoch im Liebeszauber (vgl. auch 
unter 2). Mädchen, die keine Kinder 
haben wollen, essen die schwärzliche 
„Hand“, solche, die Kinder wünschen, 
die weißliche 43 ). Die Mädchen nähen 
die „Johannishändchen“ in das Kopf¬ 
polster, dann träumen sie von ihrem 
Zukünftigen u ). Ein Kräutersammler 
verkaufte die Wurzelknollen als „Zeiker- 
wurzel“ (zeickem = locken, verführen) 
an die heiratslustigen Mädchen. Die 
Wurzel wurde in Leinwand eingepackt, 


1560 

am bloßen Körper (z. B. Achselhöhle) ge¬ 
tragen, damit sie die Ausdünstung des 
Körpers annehme; dann wurde (je nach 
dem Fall) dem zu „verzeikemden“ Bur¬ 
schen die weibliche, dem Mädchen die 
männliche im geheimen in die Tasche 
gesteckt oder ins Bett gebracht 45 ). Wenn 
man einem anderen ein Stück von der 
Wurzel beibringen kann, so muß der be¬ 
treffende dem erstem nachlaufen, daher 
wird das Kn. auch „Nachlaufwurze“ ge¬ 
nannt 46 ). Ein Liebhaber erreicht sein 
Ziel, wenn er drei blühende Pflanzen (Ni- 
gritella) unter das Kopfkissen der Ge¬ 
liebten bringt 47 ). Die Kuckucks- oder 
Heiratsblume (Orchis latifolius) wird an Jo¬ 
hanni gegraben. Dabei denkt man, ob 
ein gewisses Liebespaar sich finden wird. 
Je nachdem die „Hände“ (die beiden 
handförmigen Wurzelknollen) sich inein- 
anderlegen oder voneinander ab wenden, 
kann man auf die Nähe der Hochzeit 
schließen (Samland) 48 ). In Piemont 
(Val di Lanzo) gehen die Verliebten, um 
den Stand der Heirat zu erforschen, auf 
die Suche nach dem Kraut „concordia“ 
(eine Orchis-Art mit handförmigen Wurzel¬ 
knollen). Wenn die beiden „Hände“ ver¬ 
bunden sind, so ist die Heirat gesichert. 
Wenn aber die „Hände“ auseinander¬ 
gehen, so kommt es zum Bruch. Das 
Kraut heißt dann „discordia“ 4Ö ). Auch 
im oberen Tessin kennt man die Pflanze 
„concordia e discordia“ und sagt von 
ihr, daß sie entweder Liebe oder Zwie¬ 
tracht stifte 50 ). Schon im 16. Jh. spricht 
der Italiener G. Porta 51 ) von einer 
Pflanze „concordia“, die von den siziliani- 
schen Frauen gebraucht wird, wenn sie 
mit ihrem Gatten uneins sind. Hier 
dürfte es sich jedoch um keine Orchis, 
sondern um die Judenkirsche (Physalis 
alkekengi) handeln. In den Ver. Staaten 
von Amerika nimmt man die „Adam and 
Eve“ (vgl. oben) genannten Knollen 
einer Orchidee (Aplectrum hiemale) als 
Liebesorakel. Die eine Knolle nimmt 
man für sich selbst, die andere für die 
Geliebte. Je nachdem die eigene schwimmt 
oder untersinkt, ist man erfolgreich oder 
nicht 52 ). Über die Entstehung der hand- 
förmigen Knollen sind verschiedene Ur- 


1561 


sprungssagen vom verlassenen Mädchen, 
dem falschen Liebesschwur usw. bekannt, 
so in Tirol M ) und in Böhmen 54 ). Ab 
und zu erscheint die „Johannishand“ 
(menschenähnliche Gestalt!) als Alraun 
(s. d.), vgl. auch oben, als Mittel, um reich 
zu werden. So in der Sage vom „Galgen¬ 
männlein“, das in der Mittagsstunde 
des Johannistages am Kaltenberge (Ober¬ 
lausitz) ausgegraben wird 5S ). Zieht man 
die Wurzelknolle („Adamshändchen“) 
vom Flecken-Kn. aus der Erde, so gibt 
die Pflanze einen klagenden Ton von sich 
(im Bergischen) 56 ). Auch die Slovaken 
kennen eine Orchis-Art „hrvolec“, die 
beim Ausgraben schrecklich schreien 
soll 67 ), ein bekannter Zug des Alraun¬ 
glaubens. In der aphrodisischen Wirkung 
berührt sich die „Johannishand“ eben¬ 
falls mit dem Alraun. 

27 ) Ebenso in Dänemark als „fandens hand“: 
Feilberg Ordbog 1, 268. 2B ) Mit „Johannis¬ 

hand“ wurden aber auch die aus den Wurzeln 
von Farnen (s. d.) geschnitzten Talismane 
bezeichnet. * 9 ) Vgl. auch Hegi lll. Flora v. 
Mittel-Europa 2, 337. 30 ) Ebenso in England: 

Britten and Holland Popul. Nantes 1878, 5. 
31 ) Z. B. Neue Preuß. Prov.-Bl. 6 (1848), 229; 
Treichel Westpreußen V,47; John Westböhmen 
227; Heyl Tirol 792. 32 ) John Erzgebirge 205. 
33 ) Niederlausitzer Mitteil. 3 (1893), 67. 34 ) Mar- 
zell Bayer. Volksbot. 43 f.; Köhler Voigtland 
377. 36 ) Dähnhardt Volkst. 1, 83. 3Ä ) Ascher- 
son u. Graebner Synopsis der mitteleurop. 
Flora 3 (1905/07), 714. 37 ) Neidhart Schwaben 
55; vgl. auch Afzelius Volkssag. usw. aus 
Schwedens Alt. u. neuer Zeit 3 (1892), 241; 
dagegen umgekehrt: Arch. d. schlesw.-holst. 
Ges. f. Gesch. 3. F. 7 (1864), 391. **) Fuchs 
Kreuterbuch 1543 cap. 271; Wolff Scrutin. 
amulet, medic. 1690, 137; Egerl. 26,61; Trei¬ 
chel Westpreußen V, 47 (die Pflanze wird dem 
Vieh gegeben, daß es gesund bleibt); Reinsberg 
Böhmen 312; Heyl Tirol 792 (Nigritella); 
ebenso in Dänemark (DbotMon. 11, 75) und 
auf den Hebriden (FL. 10, 275). 39 ) MschlesVk. 
11 (1909), 200. *°) Heyl Tirol 792. 41 ) Finder 
Vierlande 2, 238 = Heckscher 387. 42 ) Aus 
einem alten Zauberbuch: Oberfränk. Heimat 
1924, 28. tt ) Treichel Westpreußen X, 467. 
44 ) John Westböhmen 87. 227. 48 ) MittnbohmExc. 
27, 212. *•) Ulrich Volksbotanik 29. 47 ) Sa¬ 

voyen: Rtradpop. 13, 341. *®) Neue Preuß. 
Prov.-Bl. 6 (1848), 229; Frischbier Preuß . 
Wb. 1, 282; ebenso in Tirol am Ritten: Heyl 
Tirol 792. 4Ä ) Gubernatis Plantes 1, 99. 

60 ) SAVk. 19, 48, vgl. auch Finamore Cre- 
denze Abruzzesi 1890, 80; Lei and Etrusc. 
Rom. Remains 1892, 330. 61 ) Phytognomica 

1591, 222. M ) Bergen Animal and Plant Lore 


103. 63 ) Heyl Tirol 32. 64 ) Magazin f. Literatur 
d. Auslandes 67 (1865), 137 f. 56 ) Meiche 
Sagen 301 f. M ) ARw. 4, 310; ZfrwVk. 1, 56. 
ß7 ) Hovorka und Kronfeld 1, 344. 

4. Verschiedenes. Wenn man 
„Kuckucksblumen“ (Orchis-Arten) ins 
Haus bringt, geben die Kühe nicht mehr 
viel Milch 58 ) oder die Hühner verlegen 
ihre Eier 59 ). Dieser Aberglaube findet 
sich auch sonst bei Frühlingsblumen 
(s. d.), vgl. auch Nieswurz. Wenn einer 
die Wurzel des Brändleins (Nigritella 
nigra) zwischen den Händen reibt und 
damit einem Küher, dem er Schaden zu¬ 
fügen will, den Käseladen befährt, so 
soll der ganze Käs zu grund gehen (1787) 60 ). 
Den Nabelbruch des Kindes heilt man, 
wenn das „Dödle“ (Pate) unberufen ge¬ 
fundenes Kn. pflanzt 61 ). Vielleicht be¬ 
zieht sich darauf auch die Bemerkung von 
Brunfels (Kreuterbuch 1532, 177): „Es 
treiben auch die wundärtzet vnnd künst- 
ler etlich ander gauckelwerk mit dissem 
kraut, von welchem mir nicht gebürt 
zu sagen“. Möglicherweise ist aber hier 
unter dem „Kn.“ die Fetthenne (s. d.) 
zu verstehen (vgl. unter 1). Soll ein 
krankes Glied gesund werden, so muß man 
es am Johannistag mit der „Gotteshand“ 
bestreichen, und zwar muß man den ersten 
Strich über das Glied, den zweiten vom 
Körper nach dem Ende des erkrankten 
Teiles unter Anrufen der Sonne, als 
Auge Gottes, ziehen. Alsdann muß das 
Kraut heimlich dem Kranken in die 
Kleider gesteckt werden und dort ver¬ 
bleiben, bis es in Staub zerfällt. Bestreicht 
man jedoch irgendeinen Körperteil drei¬ 
mal in umgekehrter Reihenfolge und 
Richtung mit der „Teufelshand“, so 
erkrankt es bald 62 ). Nach einem isländi¬ 
schen Zauberbuch (17. Jh.) kann man 
einen Dieb entdecken, wenn man „friggar¬ 
gras“ (wohl die auf Island häufige Pla- 
tanthera hyperborea) drei Nächte im 
Wasser liegen läßt und dann unter den 
Kopf legt; im Schlaf wird man dann den 
Dieb sehen ® 3 ); vgl. oben das Erscheinen 
des „Zukünftigen“, wenn man die Jo¬ 
hannishand unters Kopfkissen legt. Die 
braunen Flecken auf den Blättern man¬ 
cher Kn. (z. B. Orchis maculatus, O. lati- 


1563 


Knabenschaft 


knacken—Knäuel 


1566 


folius) deutet eine verbreitete Sage als 
die Blutstropfen Christi, die vom Kreuze 
auf die Pflanze fielen 64 ), daher auch Volks¬ 
namen wie „ Herrgott stränchen“ in der 
Eifel 65 ) oder „Christi Bloodsdraapen“ 
in Oldenburg 66 ), s. auch Knöterich. 
In Siebenbürgen haben die Blüten des 
Salep-Kn.s (O. morio) ihre schöne Farbe 
vom Blute Christi erhalten 67 ), vgl. auch 
die Bezeichnung „Herrgotts Fleisch und 
Bluot“ 68 ). Nach anderer Sage haben die 
Tränen der hl. Maria die Flecken auf den 
Blättern veranlaßt, daher Volksnamen 
wie Margendrehen (= Marientränen) im 
16. Jh. 69 ), Muttergottesthränä 70 ), Fraue- 
draeer 71 ). In der Schwalm sagen die 
Kinder, daß der Kuckuck („Kuckucks¬ 
blume“) die dunklen Flecken auf den 
Blättern hervorgebracht habe und singen 
daher 

Der Kuckuck hat geschrieben 

Auf ein grünes Blatt: 

Mutter gib mir Grieben 

Aber nur recht satt 72 )! 

Vielleicht hängt mit diesen gefleckten 
Blättern der Aberglaube zusammen, daß 
das Riechen an den Blumen Sommer¬ 
sprossen veranlasse 73 ), jedoch findet sich 
dieser Glaube auch sonst bei Frühlings¬ 
blumen (s. d.) häufig. Aus der Länge 
der Blütenähre der „Wiiblume“ (Orchis 
masculus) kann man sehen, was für ein 
Weinjahr wird 74 ). In der Blütengestalt 
der Hummel-Orchis (Ophrys fuciflora, 
Orchis arachnites) sieht man die Zeichnung 
eines Totenkopfes, weshalb die Pflanze 
auch „Totekopf“ 75 ), „Totechöpfli“ 76 ) 
genannt wird. Nach einer Sage auf der 
Schwäbischen Alb erwuchs das Blümlein 
aus dem Blute des Dichters Nikodemus 
Fr ischlin, der auf Hohenurach gefangen 
war und sich bei einem Fluchtversuch 
in der Nacht vom 29./30. November 1590 
in den Felsen zu Tode stürzte 77 ), vgl. 
Nelke. 

68 ) Köhler Voigtland 415. 69 ) Regel Thü¬ 

ringen 1895, 680. 60 ) Schwld. 5, 683. ® l ) Meyer 
Baden 35; Schmitt Hettingen 14; Zimmer¬ 
mann Volksheilkunde 59. 62 ) Verh. d. Berliner 
Gesellsch. f. Anthrop. 15, 80 = Pieper Volks¬ 
botanik 503 f. ® 3 ) ZfVk. 13, 271. * 4 ) Verh. d. 
Naturw. Ver. Bremen 2 (1869/71), 263; ZfVk. 
10, 213; vgl. auch Friend Flower Lore 1883, 
191. * ß ) Verh. d. naturhist. Ver. d. preuß. 


1564 


Rheinlande und Westfalens 22 (1865), 284. 
••) Huntemann Die plattdeutschen Namen usw. 
1913, 38. * 7 ) Schullerus Pflanzen 169. ® 9 ) 

Wartmann St.Gallen 52. ••) Bock Kreuter¬ 

buch 1551, 296V. 70 ) Rhiner Waldstätten 28. 
71 ) Eberli Thurgau 164. 72 ) Müllenhoff Natur 
20. 73 ) MnböhmExc. 32, 46. 74 ) Alemannia 

1915, 150. 7& ) Martin und Lienhart Elsäss. 
Wb. 1, 461. 76 ) Wart mann St. Gallen 52; 

Eberli Thurgau 164. 77 ) Meier Schwaben 354 f. 

Literatur: H. Marz eil Die Orchideen in der 
sexuellen Volkskunde. In: Geschlecht und 
Gesellschaft, Dresden 14 (1926), 211—223; 

Aigremont Pflanzenwelt 2, 39—45; ZfdMyth. 
3, 260 f. 401. Marzell. 

Knabenschaft. In vielen Teilen der 
Welt haben Natur und menschlicher Ge¬ 
selligkeit st rieb drei mehr oder weniger 
scharf voneinander abgegrenzte und in 
sich geschlossene Gesellschaftsgrupp en 
(Altersklassen)gebildet: Kinder, mann¬ 
bare Jugend und Verheiratete x ). Bei uns 
werden die Kinder hauptsächlich durch 
Spiel und Schule zusammengehalten, die 
Verheirateten durch die Nachbarschaften, 
die mannbare Jugend durch die Bur¬ 
schen-, Knaben- oder Bruderschaf¬ 
ten. Auch die Mädchen haben ihre Ver¬ 
bände und finden sich namentlich in der 
Spinnstube und andern Arbeitsgemein¬ 
schaften zusammen. 

Die kennzeichnenden Merkmale der 
K.en sind: satzungsmäßig geord¬ 
nete Einrichtung, sittenrichter¬ 
liche Tätigkeit (namentlich auf den 
Gebieten der Religion und der ge¬ 
schlechtlichen Sittlichkeit) und besondere 
Mitwirkung und Vorrechte bei Fest¬ 
lichkeiten. Dabei kommen auch heute 
noch allerlei Reste alten Glaubens und 
Brauches zum Vorschein, wie über¬ 
haupt die K.en in mancher Beziehung 
die Bewahrer alten Herkommens zu 
sein pflegen 2 ). Sie sind es, die den 
Mai bäum pflanzen, die verschiedenen 
Jahresfeuer entzünden, dabei die 
Scheiben schlagen und die brennenden 
Räder zu Tal schicken, die Mailehen 
verteilen und empfangen, das Mai¬ 
läuten besorgen 3 ) und die Lärmum¬ 
züge sowohl wie die (ebenfalls dämonen¬ 
scheuchenden) Katzenmusiken 4 ) veran¬ 
stalten. Zu den Fruchtbarkeitsriten, 
die sie ausüben, gehört auch der Besuch 



der Neuvermählten, wobei sie der jungen 
Frau eine Puppe zeigen 5 ), zu den Rei¬ 
nigungsriten der oft von ihnen vollzogene 
Wasserguß (Brunnentaufe) 6 ). Auch das 
Umgehen und Umtanzen der Brunnen ist 
wohl alte Kultübung 7 ). Über die bei 
der Aufnahme in den Burschenverband 
üblichen Bräuche s. hänseln. Tüne- 


lingsweihe. 

Eine große Arbeit über die K.en von Gian 
Caduff wird wohl in absehbarer Zeit erscheinen. 

x ) Schurtz Altersklassen und Männerbünde. 
Berlin 1902; Usener in HessBl. i, 2070.; 
Sartori Sitte 2, 188 f. 209; Hoffmann- 

Krayer in SAVk. 8, 81 ff. 161 ff.; Manz 
Sargans 3 ff.; Fronius Siebenbürgen 480.; 
Wrede Rhein. Vkde. 164 ff. 2 ) HessBl. 1, 
219 ff.; Sartori 3, 189 A. 5; Manz Sargans 
27 ff. 34 ff. 3 ) Manz 34 f. 4 ) SAVk. 8, 164. 
165. 172 t. 6 ) Ebd. 8, 88. 6 ) Ebd. 8, 171 f. 
7 ) Ebd. 8, 175. 177. Sartori. 


knacken, knallen, knarren, knistern, 
krachen gelten allgemein als böse Vor¬ 
zeichen 1 ). Meistens sagen sie einen be¬ 
vorstehenden Todesfall im Hause vor¬ 
aus 2 ). Wo man das Geräusch zu hören 
glaubt, ist für die Wirkung völlig gleich¬ 
gültig; besonders genannt werden die 
Wände 3 ), der Stubenboden 4 ), der Deck¬ 
balken 5 ), der Grundpfosten des Hauses 6 ), 
die Treppen 7 ), die Tür 8 ), die Möbel 9 ), 
die Bettlade 10 ), das Knistern der Feder¬ 
kissen 11 ). Wenn beim Tischler das Holz 
knackt, so weiß er, daß er bald einen 
Sarg anzufertigen haben wird 12 ). In 
Frankreich gilt der gleiche Glaube in 
der erweiterten Form, daß kn. usw. den 
baldigen Eintritt eines Ereignisses über¬ 
haupt Voraussage 13 ). Aus dem Olden- 
burgischen wird eine Sage berichtet, nach 
der bei der ersten Predigt nach dem Tode 
des langjährigen Pfarrers einer Gemeinde 
das Gebälk in der Kirche so gekracht habe, 
daß man auf lange Zeit den Gottesdienst 
in einem Privat hause abhielt, da man 
allgemein den Einsturz des Gotteshauses 
befürchtete 14 ). 

Vgl. klopfen. 

Eine kleinere Anzahl anderer aber¬ 
gläubischer Meinungen unbekannter Her¬ 
kunft hat sich außerdem noch an die 
oben aufgezählten Geräusche geknüpft. 
Durch ganz Deutschland gilt der Satz, 
daß knarrende Stiefel noch nicht be¬ 


zahlt seien 15 ). In der Schweiz sagt man, so 
viel Finger knacken (2, 1482), wenn sie 
gezogen werden, so viele Freier habe ein 
Mädchen 16 ). In Schlesien künden Knar¬ 
ren des Tisches kommenden Besuch 17 ), 
in Westböhmen Krachen des Deck¬ 
balkens Wetteränderung an 18 ). 

x ) Grimm Myth. 2,952. 2 ) Egerl. 3 (1899), 
59; John Erzgebirge 113; ZfVk. 22 (1912), 
162. 3 ) Stern Türkei 1, 395. 4 ) Höhn Tod 

309. 6 ) John Westböhmen 250; ZfrheinVk. 5 

(1908), 245. ®) ZfVk. 8 (1898), 290. 7 ) Zf¬ 
rheinVk. 5 (1908), 245. 8 ) Stern Türkei 1, 

396; ZfVk. 2 (1892), 184. 9 ) Alemannia- 33 

(1905), 301; Baumgarten Heimat 3, 101; 
Drechsler 1, 286; Höhn Tod 309; John 
Westböhmen 165; Kuhn Westfalen 2 151 § 143; 
Schramek Böhmerwald 254; Strackerjan 
1, 38 § 29; Wuttke 212 § 297. 10 ) Höhn Tod 
309. ll ) ZfrheinVk. 5 (1908), 245. 12 ) John 

Erzgebirge 117. 13 ) S 6 bi llot Folk-Lore 4, 

155. 14 ) Strackerjan 2, 261 § 518c. 1B ) John 
Westböhmen 251; Schramek Böhmerwald 255; 
Wuttke 212 § 296. lö ) Unoth i, 185. I7 )Drechs- 
ler 2, 199. 18 ) John Westböhmen 250. Tiemann. 

Knäuel (Johannisblut; Scleranthus 
perennis). 

1. Botanisches. Niedrige Pflanze 
mit schmalen, gegenständigen Blättern. 
Die Blüten sind klein, weißlich-grün. 
Der Kn. wächst besonders auf Sand¬ 
feldern, an trockenen Hügeln usw. Auf 
Äckern ist der verwandte Sommer-Kn. 
(Sei. annuus) häufiger r ). An den Wurzeln 
des Kn.s lebt häufig die polnische Coche¬ 
nille (Porphyrophora polonica), eine 
Schildlaus, die man vor der Einführung 
der echten Cochenillelaus (Coccus cacti) 
zum Rot färben benutzte. Am häufigsten 
findet man diese Schildlaus um Johanni 2 ). 

2. Die „roten Körner“ (= polnische 
Cochenille, vgl. 1.) an den Wurzeln des 
Kn.s spielen als „Johannisblut“ oder 
„Christi Bluttropfen“ im Aberglauben 
eine gewisse Rolle. „Am S. Johannistag 
in der Mittagstunde soll man Sanct Jo¬ 
hannisblut sammeln, welches für viele 
Dinge gut sein soll“ 3 ). Es ist ein „ein¬ 
fältiger Wahn“ zu glauben, daß dieses 
Johannisblut nur am Johannistag und 
zwar in Mittagsstunde am Kn. zu finden 
sei 4 ). Die Körnlein in den Kleidern zer¬ 
drückt behüten das ganze Jahr hindurch 
vor Krankheit und Unglücksfällen 6 ) oder 
machen „fest“ 6 ). In der sog. Hexen- 


1567 


Knaufgebäcke, Knochengebildbrote 


1568 


kühle (bei Elmshorn) sieht man am Jo¬ 
hannistag zwischen 12 und 1 Uhr alte 
Frauen ein Kraut sammeln, das an seiner 
Wurzel Körner hat mit Purpursaft. Die 
alten Frauen heben es in blechernen 
Büchsen auf. Nur wenn in der Mittag¬ 
stunde gepflückt, kann es Wunder tun. 
Mit dem Schlag eins ist seine Kraft vor¬ 
bei 7 ). In der Johannisnacht setzt sich 
der böse Krebs (der Kn. heißt auch 
„Krebskraut" 8 )) auf das „Johanniskraut", 
und zieht man es mittag 12. Uhr aus, so 
findet man an der Wurzel kleine Knoten 
usw. Tut man dieses „Blut" vor der 
Herzgrube ins Hemd, so ist man vor 
dem Biß der Hunde sicher 9 ). Die Wenden 
benutzen die Körner des „Johannisblutes" 
als Orakel: sie drücken die Körner am 
Hemde aus, dann entstehen Flecken. 
Wenn die sich nicht auswaschen, dann 
bleibt die betr. Person am Leben, waschen 
sie sich aber aus, dann stirbt sie noch 
dasselbe Jahr 10 ). Noch im Jahre 1902 
wurde auf dem großen Exerzierplatz 
bei Schwerin am 24. Juni (Johanni) von 
verschiedenen Personen, die dabei streng¬ 
stes Stillschweigen beobachteten, „Jo¬ 
hanniskraut" gesucht 11 ). Bemerkens¬ 
wert ist, daß auch die Weiber der Tscher- 
kessen (auf Erdbeere und kriechendem 
Fingerkraut) „Cochenillewürmchen" sam¬ 
melten. Es hieß, daß diese sich an einem 
bestimmten Tag aus der ganzen Gegend 
an einem Strauß versammeln und daß 
diejenigen, die am kasanischen Fest 
(8. Juli; Johanni des gregorianischen Ka¬ 
lenders) in aller Frühe auf die Suche 
danach gingen, einen Schatz fänden 12 ). 
Vgl. auch die an Johanni unterm Beifuß 
(s. d.) gefundenen Kohlen, ferner Ha¬ 
bichtskraut, Hartheu. Vielleicht 
gehört auch die Pflanze „Christi Blut" 
hierher, deren Blätter zu Weihnachten 
und Ostern in den Teig des Feststutens 
gebacken werden 13 ). 

*) Mar zell Kräuterbuch 387. 2 ) Leunis 

Synopsis d. Tierkunde 2 (1886), 477. 3 ) Rocken¬ 
philosophie 1707, 2 303; Keller Grab d. Abergl. 
5/6, 321 f. 4 ) Schröder Apotheke 1693, 1101. 
6 ) Montanus Volksfeste 147; Zincke Oecon . 
Lexikon * 1, 1312; 2, 3123. Ä ) Thar¬ 
sander 2, 704. 7 ) Müllenhoff Sagen 222; 

vgl. auch Schütze Holstein. Idiot. 1 (1800), 


117 (Knaben verkaufen das ,, Johannisbloot" 
in Gläsern. 8 ) DWb. 5, 2133. 9 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 285; vgl. auch Schiller Tier¬ 
buch 2, 26. 10 ) Schulenburg Wend. Volks¬ 

thum 163. 11 ) Nds. 16, 373. 12 ) Pallas Reise 
durch versch. Provinzen des Russischen Reiches 
1 (1776), 136. 13 ) Strackerjan 2, 71. 

Marz eil. 

Knaufgebäcke, Knochengebildbrote. 

Der Name Knaufgebäcke stammt von 
Höfler, der eine Monographie über sie 
schrieb x ); das charakteristische Zei¬ 
chen dieser Gebäcke sind „zwei obere 
und zwei untere Knäufe und eine auf¬ 
fallende Verdickung in der Mitte"; Höfler 
stellt Taf. 2 die verschiedenen Formen 
nebeneinander, dazu vgl. Fig. 22a, b, c, 
der Weihnachtsgebäcke Taf. 4. Als Ur¬ 
form nimmt Höfler Fig. 16 an, die er 2 ) 
mit einer von Wilkinson 3 ) als Opfer¬ 
fleischstück gedeuteten ägyptischen Zeich¬ 
nung vergleicht, darstellend einen Schien¬ 
beinknochen mit Fleisch. Der Gedanke 
aber, daß diese Gebäckarten Teigsub¬ 
stitute von Knochenopfem sind, stammt 
von Rochholz, der in seinem berühmten, 
für die 60er Jahre typischen Aufsatz „Das 
Allerseelenbrot" Gebäcke dieser Art 
deutete 4 ), wie ja auch der Name „Gebild- 
brot" von ihm stammt 5 ). Während 
Höfler und Rochholz aus Namen wie 
Totenbeinli, Bubenschenkel usw. und 
der Form auf eine ursprüngliche Substi¬ 
tution im Opferkult schlossen, haben wir 
unter den Nachrichten über das Götter¬ 
essen in Mexiko eine bestimmte Angabe, 
daß man im Kult Gebäcke in Knochen¬ 
form herstellte: Beim Fest Omacatls 
buk man eine Art K. in Gestalt gekrümm¬ 
ter Knochen und nannte diese Omacatls 
Knochen; am Morgen, nachdem man 
diese Opferkuchen bereitet hatte, schlach¬ 
tete man einen Gefangenen mit den Em¬ 
blemen des Gottes; hierauf verteilte man 
unter sich „Omacatls Knochen", wobei 
jeder Teilnehmer ein Stück aß, um sich 
gegen Hungersnot zu schützen 6 ). Parallel 
geht ein Kultgebrauch, den Acosta ge¬ 
legentlich der Verteilung der Teigstatue 
des Huitzilopochtli berichtet: Nachdem 
junge Leute die Teigstatue des Gottes, 
aus der dann der Priester das besonders 
zubereitete Teigherz in Nachahmung einer 


1569 


kneifen—Knie 


1570 


wirklichen Opferung herausnahm, aufge¬ 
stellt hatten, kamen die Nonnen, die die 
Statue verfertigt hatten, aus ihrem 
Kloster und verteilten die Teigreste an 
die Träger; diese Teigstücke hatten die 
Gestalt von großen Knochen und wurden 
Huitzilopochtlis Fleisch und Knochen ge¬ 
nannt 7 ). Höfler und Rochholz gehen 
von folgenden Gebäckarten aus: Im 
Engadin 8 ) und in Zürich 9 ) kennt man 
ein Nachtischgebäck, die kipfförmigen 
„Totenbeinli"; in der romanischen 
Schweiz backt man, bes. in Graubünden, 
Gebäcke in der Form von Totenbeinen 
an Allerseelen 10 ); auch in Koblenz buk 
man früher die Totenbeinchen u ); 
schon Rochholz vergleicht die hessischen 
Bubenschenkel 12 ), bezeugt (1516) für 
Eßlingen 13 ), auch für Mainz 14 ) (man 
beachte Höflers Hinweis auf ein altes 
Flußopfer!); praktisch haben die Aschaf¬ 
fenburger Bäcker den Namen ausgedeutet, 
indem sie zu den Bubenschenkeln Mäd¬ 
chenschenkel erianden 15 ). Ferner 
nimmt Höfler dazu die Aschaffenburger 
„Därrbeencher", ein Gebäck, das am 
Markustag im Wallfahrtsort Leiter ver¬ 
zehrt wird 16 ), ferner die Timpensemmel 
in Braunschweig, an Hochzeiten in West¬ 
falen mit Honig (Seelenopfer bei Höfler !) 
genossen 17 ); ganz unmögliche Betrach¬ 
tungen knüpft Höfler an das Schien- 
beinl in Oberbayem, einen ganz einwand¬ 
freien Doppelkipf 1S ), ganz ähnlich die 
Hedemarschen Totenbeinchen 19 ). Ganz 
evident ist diese unwissenschaftliche Sym¬ 
bolik und Konstruktion, wenn Höfler die 
Julkuse heranzieht (Julkalb, vgl. Gebild- 
brote), die nach Form und Bedeutung mit 
einem Knochenopfer gar nichts zu tun 
hat 20 ), diesen Fruchtbarkeitserhalter und 
Überträger 21 ), der bei den Saatriten eine 
große Rolle spielt. Auch das Lucia¬ 
brot 22 ), die „Teufelskatze", muß nach 
Form und Inhalt ausscheiden. Das Stroh- 
sackel 23 ) in Regensburg, dessen Name 
nach der Form ganz klar ist, beweist nur, 
daß man aus Gebäcknamen allein keine 
solchen Schlüsse ziehen darf. Da ist Roch¬ 
holz doch viel vorsichtiger. Wichtig für 
die Erklärung der „Totenbeinchen" sind 
die in Livorno an Allerseelen gebacke- 

Bichtold-Stäubli, Aberglaube IV 


nen „ossi" M ). Nach Tylor 25 ) ißt man 
sie in Italien am Allerseelentag zu Ehren 
der Toten, während Totenköpfe und Ge¬ 
rippe aus Teigmasse oder Zucker den 
Kindern als Spielzeug geschenkt werden; 
am giomo dei morti kommen die Seelen der 
Verstorbenen und legen in der Nacht die 
aus Zuckerteig hergestellten Knochen¬ 
bilder in die Schuhe der Kinder; diese 
haben die Mütter über Nacht vor die 
Türe gestellt, und die Kinder freuen sich 
am Morgen über das Geschenk 26 ); da¬ 
bei muß man beachten, welchen Kult man 
in Italien mit den Knochen der Toten 
treibt 27 ). Für Böhmen erwähnt Reins¬ 
berg Stritzel, die am Ende gebogen und 
den Menschenbeinen ähnlich sind 28 ). 

l ) ZfVk. 12, 430—442, zitiert als Knauf¬ 
gebäcke ; vgl. ZföVk. 13, 86 ff.; Höfler Weih¬ 
nachten Tafel 4 Fig. 22; Ders. Ostern 43. 50. 
2 ) Weihnachtsgebäcke 1 . c. 3 ) Wilkinson The 
manners and customs of the ancient Egypiians 
2, 28. 35. 458. 4 ) Germania n, 1—29, bes. 

23; Rochholz Glaube 1, 229—335; bes. 327 ff. 
6 ) Wo sind die vielzitierten „alemannischen 
Gebildbrote" ? 8 ) Reuterskiöld Speise¬ 

sakramente 101. 7 ) Ders. 97 ff- 8 ) Rochholz 

1 . c. 1, 327; Höfler Knaufgebäcke 435, 

*) Schweizld. 4, 1305. 3105. 10 ) Rochholz 1 . c.; 
Knaufgebäcke 435. n ) Knaufgebäcke 1 . c. 12 ) 1 . 
c.; vgl. Knaufgebäcke 432 ff. 13 ) Mones Anzeiger 

2, 190. 14 ) Knaufgebäcke 1 . c. 1S ) Ebd. 433. 

u ) 1 . c. 17 ) 1 . c. 430. 18 ) 1 . c. 435. 19 ) ZföVk. 
13. 87. 20 ) Knaufgebäcke 437 ff.; ZföVk 13, 

Taf. 4 Fig. 18. 21 ) Reuterskiöld 120 ff. 

a2 ) Knaufgebäcke 436 ff.; ZföVk. 13, Taf. 3 
Fig. 12. 23 ) Knaufgebäcke 441; ZföVk. 13, 

Taf. 4 Fig. 14. * 4 ) Knaufgebäcke 435. 26 ) Cul- 
tur 2, 37. 26 ) ZföVk. 13, 86. 27 ) Roch - 

holz Glaube 1, 293. 28 ) Böhmen 495. 

Eckstein. 

kneifen s. drücken 2, 468 t. 

kneten s. drücken 2, 468 f. und 
streichen. 

Knie. 

1. In den Weistümern wird das K. 
öfters als Maß, namentlich für Brote, 
verwendet l ). 

, Das Sprichwort sagt von Mädchen: 
Saubere K. eine Hexe, schmutzige 
K. ein Schwein 2 ). Ein unter fränkisches 
Mittel gegen Steinleiden fordert: Nimm 
den Abschab von deinem K., grab 1 ihn 
vor Sonnenaufgang stillschweigend in 
die Erde, sobald er vergeht, vergeht dein 

50 




1571 


knien 


1572 


Stein 3 ). In der Grafschaft Ruppin muß 
man gegen Leibschmerzen den Schmutz 
von den K.n schaben, ihn mit Wasser 
vermischen und dasselbe einnehmen 4 ). 

Wen es am K. juckt (s. d.), der ist 
eifersüchtig 5 ), oder man kniet in fremder 
Küche 6 ). 

Wenn einer am Rochustage am K. 
Schaden leidet, muß er drei Vaterunser 
zum hl. Rochus beten, und der Fuß wird 
sogleich gesund 7 ). 

Das „bewährte Rezept“ der Ägypti¬ 
schen Geheimnisse des Albertus Magnus 
(3» 10). ,,die Nachgeburt der Frauen ab¬ 
zutreiben“, beruht voraussichtlich auf 
praktischer Erfahrung: „Nimm eine 
Erbse groß Salz, noch so viel Muskat- 
blüthe, lege dasselbe der Frau auf ihr 
rechtes K., laß sie dasselbe mit dem 
Munde davon nehmen, wenn sie kann, 
soll sie es zerkauen und auf essen, wo nicht 
mag sie es ausspeien, und zwei- oder drei¬ 
mal darauf Husten, wenn es noch nicht 
folgen will, laß sie es auf dem linken K. 
auch versuchen“. Die K.stellung war 
ja bekanntlich ehemals die übliche Lage 
kreißender Frauen 7 *). Bei gewissen Fu߬ 
schmerzen mag auch das von G. Hollen 
mitgeteilte Mittel des K.küssens wirk¬ 
lich geholfen haben: Contra dolorem 
pedum numerant cum pede lapides 
muri pede sursum eleuate ad muram 
et osculantur genua 8 ). 

Einem fürwitzigen Lauscher steckt das 
Nachtvolk ein Messer in das K., das er 
ein ganzes Jahr tragen muß 9 ). 

Das Falten der Hände um ein oder 
beide K.e oder das Zusammendrücken 
beider K.e war schon im Altertum ein 
verbreiteter Zauber 10 ). Noch heute 
glaubt man im englischen Sprachgebiete: 
of you hug your knee (hold your knee 
in clasped hands), you will hug up 
trouble u ). 

*) Grimm RA . 1, 141; vgl. vor allem 

Meringer in WuS. 11, 114 ff. und nament¬ 
lich 118 ff., wo vieles Vkdl.; Güntert ib. 
124 ff. 2 ) Lammert 217. 3 ) Ebd. 218. 

4 ) ZfVk. 7 (1897), 291 Nr. 3. 8 ) Bergen 

Superstitions 140 Nr. 1368. Ä ) Notes and 
Queries, Folk Lore (1859), 91. 7 ) Zingerle 

Tirol 169 Nr. 1415 (802). 7a ) Usener Sintflut 

87. 8 ) ZfVk. 18 (1908), 444. 9 ) Vonbun Bei¬ 
träge 9. 85; ders. Sagen 36 Nr. 38. 10 ) S. o. 1, 


1015; Agrippa v. Nettesh. 1, 233; SAVk. 26, 
51. 52 f.; Panzer Beitrag 2, 347. n ) Bergen 
Superstitions 136 Nr. 1299. 

2. Auf die altgermanische K.setzung 
bei der Adoption und Verlobung 12 ), 
die an die Adoption durch Nachahmung 
des Geburtsaktes erinnert, scheinen noch 
einige Volksbräuche zurückzugehen. 
Wenn sich im Altenburgischen die junge 
Frau die Herrschaft in der Ehe sichern 
will, muß sie bei der Hochzeitstafel ihr 
Kleid über die K.e des Mannes breiten 13 ). 
Die weiße Geisterjungfrau auf dem Lich¬ 
tenstein trat dem Schlächter mit ihrem 
Fuße auf sein rechtes K. 14 ). 

12 ) Grimm RA. 1, 598; Hoops Reallex. 1, 38; 
Mannhardt Germ. Myth. 312 f. 13 ) Veckenstedts 
ZfVk. 2 (1890), 35 Nr. 7; vgl. ebd. 2, 468 (Böh¬ 
merwald): der Bräutigam kniet bei der Trauung 
auf den Rock der Frau; 3, 149 Nr. 17 (Posen): 
Frau kniet auf Rock des Bräutigams; vgl. 
Wuttke 372 § 564. 14 ) Schambach u. Müller 
99 = Grässe Preußen 2, 948 Nr. 1180. 

4. In England trägt man die K.scheibe 
eines Schafes auf bloßer Haut gegen 
Krampf 15 ). 

16 ) Notes and Queries, Folk-Lore (1859), n. 

Bäch told * Stäubli. 

knien 4 ) ist der sinnfällige Ausdruck 
der Selbsterniedrigung vor einem Mächti¬ 
gen, der Unterwerfung, des Schutz¬ 
flehens und Bittens 2 ). Es wird zur Geste 
der Huldigung 3 ), der Untertänigkeit 
in eigentlicher und übertragener Bedeu¬ 
tung: so spielt es in den höfischen Ver¬ 
kehr sformen des Mittelalters eine große 
Rolle 4 ). Das Knien des Kindesvaters 
beim Gevatterbitten in der Oberpfalz 5 ) 
und in Oberösterreich Ä ) wird als ein Rest 
altertümlichen Zeremoniells anzusprechen 
sein 7 ). Ein abgekürztes Knien ist der 
Knicks und, mit Verneigung verbunden, 
der Hofknicks 8 ).Im Mittelalter mußte der 
Verurteilte vielfach kniend Abbitte tun •). 

Das Knien im Kultus entspricht 
seiner psychologischen Grundlage nach 
durchaus dem profanen Knien 10 ) als 
eine Ausdrucksform des Abhängigkeits¬ 
gefühls dem mächtigen Numen gegen¬ 
über und der demütigen Unterordnung, 
des huldigenden Grüßens und ehrwürdigen 
Anbetens, der hilfesuchenden Bitte und 
der abbittenden Buße. Auch die ver¬ 
schiedenen Formen des Kniens (z. B. 


1573 


knien 


1574 


kniendes Sitzen im Islam, genuflexio 
duplex mit beiden Knien und simplex mit 
dem rechten Knie 11 ) im katholischen 
Kultus) gehen auf profane Formen zu¬ 
rück. Wir finden kultisches Knien bei 
manchen Naturvölkern, bei den Sumerern, 
Babyloniern, Ägyptern, Juden, Indern, 
Griechen 12 ), Römern 13 ) usw. Ob die 
Germanen das religiöse Knien kannten, 
ist nicht sicher 14 ); die wenigen Belege, 
die dafür aus der altnordischen Literatur 
angeführt werden 15 ), können schon christ¬ 
lich beeinflußte Sitte darstellen. Das 
Christentum 16 ) hat das Knien aus 
dem Judentum übernommen; während 
es aber in den orientalischen Kirchen 
allmählich mehr zurücktrat, hat es im 
römischen Katholizismus im Lauf der 
Jahrhunderte immer größere Bedeutung 
bekommen. In der frühchristlichen Kir¬ 
che war es vor allem Ausdruck der Bu߬ 
gesinnung, an den Sonntagen und in der 
ganzen Pentekoste, der Freudenzeit von 
Ostern bis Pfingsten, kniete man daher 
nicht im Gottesdienst, sondern stand 
beim Gebet; eine Ausnahme machten die 
genuflectentes und poenitentes 17 ). Noch 
bis in die Zeit Karls des Großen schärfen 
die Synoden diese Bestimmungen ein 18 ). 
Für das private Gebet war schon seit 
dem 2. Jh. das Knien die beliebteste 
Haltung. Auf die weitere Entwicklung in 
der katholischen Kirche und die die Ge¬ 
betshaltung genau regelnden liturgischen 
Bestimmungen kann hier nicht ein ge¬ 
gangen werden. Innerhalb des Protestan¬ 
tismus spielt das Knien, abgesehen von 
der anglikanischen Kirche, im Gottes¬ 
dienst keine große Rolle mehr. Während 
man ehedem in der lutherischen Kirche 
z. B. noch bei der Beichte kniete 19 ), 
ist es heute meistens nur noch bei der 
Konfirmation und vielerorts auch beim 
Empfang des hl. Abendmahls Sitte; auch 
in der reformierten Kirche kniete man 
früher, z. B. noch 1675 in Zürich, bei der 
Kommunion 20 ). 

J ) Crawley Kneeling, Hastings 7, 745 ff. 

2 ) Heiler Das Gebet 4 105; Sittl Gebärden 156. 

3 ) Grimm RA. 1, 193. 4 ) Ebda. 1, 482. B ) 

Schönwerth Oberpfalz 1, 163. ®) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 1869, 14. 7 ) Beim Ge¬ 

vatterbitten haben sich vielerorts sehr alter¬ 


tümliche Sitten erhalten, s. oben 3, 792. 8 ) 

Crawley a. a. O. 745 f. 9 ) Grimm RA. 2, 302. 
10 ) J. Grimm Kl. Schriften 2, 459; Heiler Die 
Körperhaltung beim Gebet : Mitt. Vorderasiat. Ges. 
22, 168 ff. n ) Die genuflexio simplex mag aus 
dem Kniebeugen bei der Huldigung in die Kirche 
eingedrungen sein, jedenfalls hat die katholische 
Kirche lange auf dem Beugen beider Kniee be¬ 
standen, ehe sie beide Genuflexionen zuließ und 
ihren liturgischen Gebrauch regelte: Thalhofer 
Handb. d. kath. Liturgik 2 1, 343. Die Genu¬ 
flexion ist besonders häufig in der irischen Litur¬ 
gie: R. Will Le culte 2, 444. Die Karthäuser¬ 
mönche berühren dabei nicht den Boden: 
Crawley a. a. O. 747. l2 ) Walter Jahreshefte 
d. Öst. Arch. Inst. 13 Beibl., 229 ff.; Weinreich 
ARw. 17, 527 ff.; Samter Geburt 15 ff. (im Zu¬ 
sammenhang mit der Behandlung des Kniens 
bei der Entbindung, auf das hier m. E. nicht 
einzugehen ist). 13 ) Appel RVV. 7, 2, 201. 
14 ) Grimm Myth. 1, 25; Meyer Religgesch. 
407. l5 ) Mogkin Hoops Reallexikon 2, 130; 

Eid unterm Rasen s. u. l8 ) Khuen: Wetzer 
u. Welte 7, 803 f.; Leclercq Dict. d'archeol. 
et de lit. 6, 1017 ff.; Thalhofer a. a. O. 1, 336 ff.; 
Crawley a. a. O.; l7 ) Mhd. venie fallen : 

Grimm Myth. 1, 26, 2. Aus dem Bußknien 
stammt wohl auch das Bodenknien als Schul¬ 
strafe, noch in der Mitte des 19. Jh. in Bayern 
geübt: Lammert 217. 18 ) Die Trullanische 

Synode (692) bestimmt: Vom Samstagabend 
bis Sonntagabend darf niemand das Knie 
beugen: Hefele Conciliengeschichte 3, 341; über 
das Concil zu Tours s. z. B. Alt Der christliche 
Cultus 1, 161. 19 ) Alt a. a. O. 1, 160, 1; heute 

noch am Bußtag beim Bußgebet im Hannover¬ 
schen: Heckscher Hannover 1, 229. 20 ) Will 
a. a. O. 

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, 
über Einzelheiten der religiösen Volks¬ 
kunde zu berichten, daß man z. B. im 
einen Dorf des Allgäus beim Beten für 
den Verstorbenen im Sterbehause kniet, 
im anderen sitzt 21 ). Aber manches 
gehört doch wohl in den Rahmen dieses 
Hdwtbs., z. B. wenn in einem Liegnitzer 
Gebetbuch aus dem Ende des 15. Jh. 
empfohlen wird, am Weihnachtstag 3 
Glauben kniend, danach 15 Paternoster 
gehend und aber 3 Glauben kniend und 
15 Paternoster gehend und noch 3 Glau¬ 
ben kniend zur Ehre der hl. drei Könige 
zu sprechen; worum man dann bitte, 
werde sicher gewährt 22 ). Verwandt ist 
ein aus Gutenberg berichteter Brauch, 
am Gründonnerstag drei Rosenkränze zu 
beten, einen kniend, einen gehend und 
einen stehend, dann könne man eine 
arme Seele erlösen a3 ). In Kislegg war es 



1575 


knien 


1576 


gebräuchlich, daß die Braut während 
der ganzen Hochzeitsmesse, auch während 
des Evangeliums, knien blieb, damit der 
Teufel keine Gewalt über sie bekomme 24 ). 
In einem Gebetbuch von 1494 heißt es 
von einem kurzen Gebet vom Leiden 
Christi: wer dise wort spricht , off blosen 
knyen vor eynem crucifix mit fier Pater¬ 
noster vnd Ave Maria mit andacht, der 
wirtgewerth, was her bitet zeitlicher bete .. 25 ). 

Eine weitere Verschärfung des Kniens ist 
das Rutschen auf den Knien (vgl. 
kriechen). Es kommt schon im alten Rom 
vor, sogar der Triumphator Cäsar und, 
nach seinem Vorbild, der Kaiser Claudius 
rutschten auf den Knien die lange Treppe des 
Kapitols hinauf 26 ). Die Scala santa beim 
Lateran, aus dem Palaste des Pilatus in 
Jerusalem von der Kaiserin Helena nach 
Rom gebracht, darf, da sie Christus ge¬ 
gangen sein soll, nur kniend erstiegen 
werden. Dieselbe Bestimmung gilt auch 
für die Nachbildungen dieser Treppe, 
z. B. in der Kirche auf dem Kreuzberg 
bei Bonn und in der Heiligenkreuzkirche 
bei Windberg 27 ). Als gottwohlgefällige 
Übung und zur Buße 88 ) begegnet man dem 
Knierutschen besonders an Gnadenorten. 
Nur einige Beispiele: In der Wallfahrts¬ 
kirche St. Wolfgang am Inn bei Salzburg 
rutschen die Andächtigen betend dreimal 
auf den Knien um den Altar 29 ), ebenso 
bei der Wallfahrt zum hl. Rasso in Graf¬ 
rath 30 ), zum hl. Leonhard in Inchen- 
hofen 31 ). Der Mutter Gottes auf dem 
Rupprechtsberg bei Dorfen werden Wall¬ 
fahrten gelobt mit der Erschwerung,um den 
Altar zu kriechen (s.d.) oder von der unter¬ 
sten Stufe der Stiege (die Kirche liegt 
auf einem Hügel) bis zu der Gnadenkirche 
emporzukriechen 32 ). In Angerbach kro¬ 
chen die Wallfahrer auf bloßen Knien um 
die Marienkapelle, in einem Fall wird 
neunmaliges Umkriechen berichtet . In 
Altötting umkreisen die Wallfahrer des 
öfteren mit schweren hölzernen Büßer¬ 
kreuzen, die sie oft von weitem herschlep- 
pen, beladen auf den Knien rutschend, den 
Rosenkranz in Händen, die Kapelle in 
dem gedeckten Rundgang 34 ). Im Leon¬ 
hardskult von Aign wird das Bild des 
Heiligen von den Wallfahrern selbst oft 


auf den Knien rutschend mühsam um 
die Kirche getragen 35 ). Nach einer säch¬ 
sischen Sage machte eine Herzogin von 
Meerane wegen Kindesmords eine Bu߬ 
fahrt zum Papste nach Rom auf den 
Knien rutschend, die sie sich mit Polstern 
hatte umkleiden lassen 36 ). 

Auch zur feierlichen Gestaltung der Eid¬ 
zeremonie gehört vielfach das Knien 27 ). 
Bekannt ist der nordische Schwur unter 
dem Rasen, bei dem die Bundesbrüder 
kniend einander Treue schwuren 38 ). Beim 
schlesischen Grenzeid im 16. und Anfang 
des 17. Jhdts. mußten die Bauern bar¬ 
fuß in einer ellentiefen Grube nieder¬ 
knien und, auf dem Haupt einen Rasen 
haltend, schwören 39 ). 

21 ) Reiser Allgäu 2, 295. 22 ) MschlesVk. 18, 
38. 55. Was mittelalterliche Frömmigkeit in 
solchen Gebetsübungen zu leisten vermochte, 
kann eine Nachricht über eine 40tägige Andacht 
der hl. Maria Oigniacensis zur hl. J ungfrau ver¬ 
anschaulichen : sie machte in dieser Zeit täglich 
1100 Kniebeugungen, zuerst ohne Unterbrechung 
600, dann las sie den ganzen Psalter stehend, 
dabei sprach sie kniend zu jedem Psalm den 
englischen Gruß, dann 300 Kniebeugungen mit 
Geißelungen, schließlich noch 50 einfache Knie¬ 
beugungen (Acta Sanct. Boll. Jun. IV (1743) 
643). 23 ) Reiser Allgäu 2, 113, 3. 24 ) Ebd [ 

2, 283, 31. 26 ) Mschles.Vk 18, 60 f. Auch an 
Wallfahrtsorten verrichtet man oft die Gebete 
auf bloßen Knien, s. z. B. Kriß Volkskundl. 
aus bayr. Gnadenstätten 79. 87. 125 f. 26 ) Sittl 
Gebärden 177 f. S. a. oben 1, 1719. Auch die 
Esten knieten und krochen zur Opferstätte: 
Grimm Myth. 3, 20. Von den Sorbenwenden 
in der Lausitz wird erzählt: wenn einer ein 
großes Verbrechen begangen hatte, mußte er 
vom Flins (bei Bautzen) auf den steilen Frage¬ 
berg auf seinen Knien rutschen, um am Altar 
des Czorneboh entsühnt zu werden: Meiche 
Sagen 435, vgl. a. Kühnau Sagen 2, 519. 27 ) 

Kriß a. a. O. 280. 28 ) Andree-Eysn Volks¬ 

kundliches 13; And ree Votive 81; s. a. oben 
1, 1719. 2#) Panzer Beitrag 2, 569. 30 ) Kriß 
a a.O. 79. 31 ) Ebd. 87. 32 ) Ebd. 34. **)Ebd. 

_ ^ n 04 v mit ■* nr. ' * / 


) Panzer Beitrag 2, 


198. 34 ) Ebd. 54. 35 ) Panzer Beitrag 2, 

392. 36 ) Meiche Sagen 86 f. Belege für das 

Knierutschen um Altar oder Kirche aus Frank¬ 
reich bei Sebillot Folk-Lore 4, 152. 135. 137; 
aus Belgien bei J. Chalon Fetiches, idoles et 
amulettes 2, 169. Dreimaliges Umkriechen einer 
Heilquelle in Irland erwähnt Elworthy The 
evil eye 63. 37 ) Grimm RA. 2, 556. M ) Ebda 

1, 163 h., vgl. oben 2, 662 f. 3S> ) Grimm RA. 
1, 166. 

Nikolaus von Jauer 40 ) und Herolt 41 ) 

1111 * 5 * Jbdt. berichten, daß es damals 
Leute gab. die beim Anblick Hpc Nah. 


1577 


knien 


1578 


monds niederknieten 42 ). Der Freischütz 
kniet gegen Sonne, Mond und Gott 43 ). 
Von altem Herdfeuerkult soll nach Grimm 
das aus Skandinavien und Deutschland 
bezeugte Knien vor dem Ofen übrig ge¬ 
blieben sein 44 ). Wenn man in Schweden 
eldborgs skäl trank 45 ), versammelte sich 
die Familie vor dem brennenden Back¬ 
ofen; alle bogen die Knie, aßen einen 
Bissen Kuchen und tranken aus dem 
Becher, was dann von Kuchen und Ge¬ 
tränk übrigblieb, wurde in die Flamme 
geworfen. Im deutschen Kinderspiel wird 
der Ofen kniend angebetet 46 ), in Mär¬ 
chen und Sagen wenden sich Unglück¬ 
liche zum Ofen und klagen ihm ihr Leid, 
das sie Menschen nicht anvertrauen dür¬ 
fen 47 ). Es kommt jedoch auch das Motiv 
in der Form vor, daß ein Mann nieder¬ 
kniet, zwei Finger auf einen Ziegelstein 
legt und diesem das Geheimnis sagt unter 
Anrufung Gottes und der Heiligen als 
Zeugen 48 ). Grimm zitiert noch aus einem 
Lustspiel Chr. Reuters aus dem Ende des 
17. Jhdts.: „Komm, wir wollen hingehen 
und vor den Ofen knien, vielleicht er¬ 
hören die Götter unser Gebet*'. Anima- 
tistische Vorstellungen hegen jedenfalls 
vor, wenn man einen Baum, von dem 
man etwas abhauen muß, um Verzeihung 
bittet: 1744 wurde in Bohuslän ein Mann 
zu einer Kirchenbuße verurteilt, der von 
einem Boträd einen Zweig abgehauen, 
dann aber vor dem Baum einen Kniefall 
getan und um Verzeihung gebeten hatte 48 ). 
Der schleswigsche Pastor Arnkiel berichtet 
(1703), daß man, wenn man einen Holun¬ 
derbaum unterhauen mußte, vorher mit 
gebeugten Knien, entblößtem Haupte und 
gefalteten Händen dieses Gebet zu tun 
pflegte: „Frau Ellhorn, gib mir was von 
deinem Holz, dann will ich dir von meinem 
auch was geben, wann es wächst im 
Walde" 49 ). 

40 ) Grimm Myth. 3, 414. 41 ) MschlesVk. 

21, 77. 42 ) Grimm Myth. 2, 587. In der Bre¬ 

tagne kniet man vor dem Neumond und spricht 
das Vaterunser: Sebillot Folk-Lore 1, 62 f., 


vgl. Grimm Myth. 3,206; Knien beim Erblicken 
des Abendsterns: Sebillot a. a. O. 1, 61. 43 ) 

Grimm Myth. 3, 20-ä M ) Ebd. 1, 523. 45 ) 

Ebd. 3, 482, 123; Feiroerg Jul 2, 296; Celan- 
dei Folkminnen och folktankar 18, 61 ff. 44 ) 
Lewalter-Schläger 260 f. Nr. 1000 a. 408; 


Bolte-Pollvka 2, 277. 47 ) Ebd. 2, 276. 48 ) 

Mannhardt 1, 60. Bei der Pyromantie kniend 
dem Engel des Feuers opfern: Grimm Myth. 
3, 430. 49 ) Müllenhoff Sagen 510. — Auf an¬ 
tikem Aberglauben beruht die Verehrung der 
Verbene (s. o. 2, 733 ff.), kniendes Beten vor 
einem ausgepflanzten Zweig dieser Pflanze 
erwähnt Sebillot Folk-Lore 3, 477. 

Wenn der fromme Bauer seine Ernte- 
arbeit mit Gebet beginnt und dabei auch 
die feierliche Form des Kniens mancher¬ 
orts üblich ist 50 ), so braucht man darin 
noch keinen Wortzauber zu sehen 61 ). 
Es war fromme Sitte, jedes Unternehmen 
mit Gebet zu beginnen, die Formen er¬ 
starren allerdings vielfach 52 ), und auf 
ihr Unterlassen oder mangelhafte Aus¬ 
führung werden wohl auch Unfälle zurück¬ 
geführt 53 ). Wenn aus Oberhessen be¬ 
richtet wird, daß vor der Heidelbeerernte 
die Kinder „die ersten Stöcke kniend an¬ 
beten", so handelt es sich gewiß auch hier 
ursprünglich um die Sitte, vor dem Beginn 
der Arbeit ein Gebet zu verrichten, die, 
hier kaum mehr verstanden, wie andere 
altertümliche Bräuche beim Heidelbeer¬ 
suchen, von den Kindern weitergeübt 
wird 54 ). Beim Abschluß der Getreide¬ 
ernte haben sich dagegen in manchen 
Gegenden Bräuche erhalten, deren heid¬ 
nischer Ursprung zweifellos ist 65 ), bei 
denen allerdings das kniende Gebet wohl 
erst unter christlichem Einfluß entstan¬ 
den sein wird 56 ). So läßt man in Schwa¬ 
ben auf dem letzten Acker der Winter¬ 
frucht eine Handvoll Ähren stehen, die 
man schon vorher bezeichnet und um¬ 
kreist hat. In sie steckt man einen ge¬ 
schmückten Maien und befestigt die 
Halme daran. Alsdann knien alle Schnitter 
nieder und beten fünf Vaterunser und 
einen Glauben 57 ). In der Schweiz und 
im südlichen Baden nennt man die letzten 
drei oder neun Ähren „Glücks- 
hämpfeli" 58 ) oder „Glückskom": im 
Basel-Land begibt sich das ganze Ge- 
schnitt zu der Stelle, wo sie stehen, kniet 
nieder und betet fünf Vaterunser; hierauf 
nimmt der jüngste Schnitter die Sichel 
und schneidet die Ähren in den drei höch¬ 
sten Namen ab 59 ). Auch im alemanni¬ 
schen Baden findet sich diese Sitte, z, B. 
in öflingen kniet Vater oder Mutter 


1579 


knien 


knien 


1582 



nieder, betet ein Vaterunser und Ave und 
schneidet die letzten Ähren in den drei 
höchsten Namen; in Oberschwörstadt beten 
beim Abschneiden der letzten 3x3 Ähren 
die anderen Schnitter kniend den engli¬ 
schen Gruß, und im protestantischen Ort 
Gersbach kniet eins beim letzten Schnitt 
nieder und betet drei Vaterunser 60 ). Um 
Mühlhausen im Elsaß knien alle Schnitter 
nieder und beten fünf Vaterunser und 
den Glauben, dann schneidet eine Jung¬ 
frau die letzten Halme und bindet sie 
mit Ähren zum Strauß 61 ). In Nieder¬ 
bayern lassen die Schnitter einige Ähren 
stehen, binden sie zusammen und schmük- 
ken sie mit Blumen, sie knien herum und 
verrichten ein Dankgebet ® 2 ). In Nieder- 
pöring wird von den Burschen auf dem 
Acker der letzte stehen bleibende Büschel 
um einen Stock mit aus je drei abgeschnit¬ 
tenen Halmen geflochtenen Zöpfen so 
gebunden, daß eine menschenähnliche 
Figur entsteht, der „Oswald“; die Mäd¬ 
chen schmücken ihn mit Blumen. Dann 
knien alle im Kreis herum, danken und 
beten, daß das Getreide wieder gewachsen 
ist und daß sie sich nicht geschnitten 
haben. Dann wird um den Oswald ein 
Walzer getanzt 63 ). Auch der Name des 
Mahls für die Drescher nach der Ernte 
„Niederfall“ (Mittelfranken) wird von 
Mannhardt auf das Niederknien um den 
Komdämon in der letzten Garbe zurück¬ 
geführt 64 ). Nach dem Mähen des Roggens 
bindet man auch in Westfalen zwei Garben 
mit einem Seile zu einer Puppe zusammen 
und stellt sie am Ende einer Mandel auf, 
dann strömen Mäher und Binderinnen zu¬ 
sammen und rufen jubelnd: „ De Aule, 
de Aule\ (t , wobei an manchen Orten viele 
Leute niederknien 65 ). Auch aus England 
wird die Sitte des Kniens vor dem letzten 
Korn bezeugt 66 ). 

60 ) Belege bei Sartori Sitte u. Brauch 2, 75, 15; 
vgl. a. Rantasalo Ackerbau 5 (FFC. 62), 42 f. 
173. ßl ) oben 2, 943. 62 ) Z. B. betet in Schwa¬ 
ben vor dem Schneiden der Winterfrucht der 
Bauer mit allen Schnittern kniend 5 Vaterunser 
und den Glauben: Meier Schwaben 439. 63 ) 

Jahn Opfergebräuche 156 f. 64 ) HessBl. 22, 27. 
65 ) oben 2, 947 ff. 68 ) In Böhmen knien die 
Schnitter auf dem Felde nieder und beten, ehe 
sie die Mandeln in die Scheuer bringen, ebenso 
wie vor dem Beginn des Schneidens: Reins¬ 


berg Böhmen 350. 67 ) Meier a. a. O. “) oben 

3, 884 f. 59 ) SchwVk. 4, 21, ähnlich Kiick m 
Sohnrey 3 203; Jahn Opfergebräuche 176. 
60 ) Meyer Baden 430. 61 ) Mannhardt 1, 203. 
62 ) Panzer Beitrag 1, 242. 63 ) Ebd. 1, 241 f. 

Der hl. Oswald wird vielerorts in Süddeutsch¬ 
land als Wetter- und Viehpatron verehrt. 64 ) 
Forschungen 339. 65 ) Kuhn Westfalen 2, 183. 

66 ) Frazer 7, 211, 1. 


Kniet bei der Trauung vor dem Altar 
die Braut auf des Bräutigams Rock, so 
bekommt sie die Oberherrschaft 67 ), kniet 
dagegen der Bräutigam auf das Kleid 
der Braut, so bleibt er der Herr 68 ). Wer 
von den beiden Brautleuten früher nieder¬ 
kniet, stirbt zuerst 69 ). — Bei dem ersten 
Kirchgang der Wöchnerin muß sie mit 
dem rechten Knie zuerst niederknien, so 
bleibt das Kind von Zahnschmerz ver¬ 
schont 70 ). — Auf dem Kalvarienberg in 
Albendorf muß man beim Knien den 
Kopf fest auf dem Messingknopf einer 
Säule ruhen lassen, bis man fünf Vater¬ 
unser und den Glauben gebetet hat, dann 
tut einem der Kopf nicht mehr weh 71 ). — 
Wenn ein Kind nicht sterben kann, muß 
die Hebamme auf der Hausschwelle 
kniend ein Vaterunser beten (Ostpr.) 72 ). 

Kniet man in der Christmette auf einem 
Schemel aus neunerlei Holz, so kann 
man alle Hexen 73 ) und Bilmesschnei¬ 
der 74 ) erkennen. — Wer einen Erb- 
schlüssel besitzt, kann auf einen Kreuz¬ 
weg gehen und den Teufel zitieren, wenn 
er sich dort auf den Schlüssel in einem mit 
Dreikönigskreide gezogenen Kreis kniet 75 ). 

Den Spruch, mit dem die Mädchen in 
der Andreasnacht den Heiligen an- 
rufen, daß er ihnen ihren Liebsten zeige, 
müssen sie in der Regel vor ihrem Bett 
kniend beten 76 ). In Böhmen knien die 
Mädchen beim Baumfüttern am hl. 
Abend bei den Bäumen nieder und beten 
eine Weile, dann horchen sie, woher der 
Hund bellt: von dorther kommt der Zu¬ 
künftige 77 ). 


87 ) Grimm Myth. 3, 457, 661; MschlesVk. 2 
H. 4, 57; 7 H. 13, 50 (polnisch). 68 ) John 
Westböhmen 144. 89 ) Wuttke 372 § 564; 

ZrwVk. 5, 118 (Schweiz); Knoop Hinter¬ 
pommern 159 Nr. 50. 70 ) Grohmann 116 

Nr. 869. 71 ) Drechsler^, 310. 7a ) Wuttke 

458 § 724. Auf der ScHwelle knien beim Ge¬ 
sellschaftsspiel: Heckscher Hannover 1, 208. 
73 ) oben 3, 1901; Birlinger Volksth. 1, 467, 15; 


auernfeind Aus dem Volksleben 24; BayHfte 
j, 167, 31. 74 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 429. 
76 ) Bauernfeind a. a. O. 28; Schönwerth 
a. a. O. 3, 48. 78 ) oben 1, 398; Reinsberg 

Festjahr 417; MschlesVk. 2 H. 4, 48. 77 ) John 

Westböhmen 18. In Frankreich betet das Mäd¬ 
chen in der Mainacht am Brunnenrand kniend, 
um im geschöpften Wasser den Geliebten zu 
sehen: Grimm Myth. 3, 486, 29. 

Auch bei andern magischen Hand¬ 
lungen und besonders beiBesegnungen 
ist oft das Knien vorgeschrieben, z. B. soll 
man, um Warzen los zu werden, vor 
Sonnenaufgang mit einem Strohwisch an 
einem gen Norden fließenden Wasser hin¬ 
knien, den Strohwisch eintauchen und 
damit über die Warzen auf das Wasser 
zu streichen im Namen Gottes und dann 
den Strohwisch auf die Stelle legen, wo 
man gekniet hat 78 ). Eine Vorschrift zum 
Schneiden der Wünschelrute aus dem 

15. Jhdt. verlangt K. nach den vier 
Himmelsrichtungen, dabei Lesen des Jo¬ 
hannisevangeliums und Sprechen be¬ 
stimmter Gebete 79 ). Auch eine Be¬ 
schwörung guter "Geister aus dem 

16. Jhdt. muß kniend gebetet werden 80 ). 
Das Landgebot Herzog Maximilians in 
Bayern verurteilt das abergläubische 
Segen sprechen, wenn schon Gott und 
die Heiligen darin genannt würden oder 
„etliche Vaterunser etc. vor und nach 
knyent gebetet werden müssen" 81 ). Wenn 
man den Bruch eines Kindes mit einem 
verlorenen Hufeisennagel in einen Baum 
einschlägt mit einem Segensspruch, so ist 
danach auf dem Erdboden vor dem Baum 
kniend ein Vaterunser zu sprechen 82 ). 
Einen Segen wider die Gicht, in dem man 
sich an eine Fichte wendet, muß man 
dreimal sprechen, indem man dreimal auf 
den Knien um den Baum herumkriecht 83 ). 
Gegen Zahnweh stochert man mit 
einem Hufnagel in dem Zahn herum, 
kniet dann auf einem Kreuzweg und 
kritzelt mit dem Nagel einen Zauber¬ 
spruch auf den Boden, zu Haus wird der 
Nagel dann in einen Balken geschlagen 84 ); 
oder es wird in Böhmen dem knienden 
Kranken eine Schüssel voll Hafer auf 
den Kopf gegeben, ein Zauberspruch 
wird dabei gesprochen und dann von dem 
Kranken die Schüssel mit dem Hafer 
in einen Brunnen geworfen &b ). Ebenfalls 


aus Böhmen stammt folgendes Rezept 
gegen Fieber: Man geht vor Sonnen¬ 
aufgang ungewaschen, ungekämmt, schwei¬ 
gend und ohne sich umzusehen aufs Feld, 
kniet dort mit bloßen Knien nieder, betet 
mit ausgebreiteten Armen das Kreuz, drei 
Vaterunser und Ave ohne Amen und 
spricht dann eine Besegnung 86 ). 

78 ) Drechsler 2, 287. 79 ) MschlesVk. 7 

H. 14, 55 f- Ein vierblättriges Kleeblatt muß 
man in der Bretagne kniend pflücken: Sebillot 
Folk-Lore 3, 480. 80 ) MschlesVk. 9 H. 18, 27. 

8l ) Panzer Beitrag 2, 273. Vgl. a. Alemannia 
27,100. 82 ) Lammert 120. 83 ) Frischbier 

Hexenspr. 63. Zum Umkriechen s. o. Sp. 1575. 
84 ) Reiser Allgäu 2, 442. 85 ) Grohmann 168. 
8e ) Ebd. 164. 

Anachoreten und Mönche kasteiten 
sich mit Knien. In der Kapuzinergruft 
von Kitzingen fand man 1829 an vielen 
Skeletten Kniescheibenbruchbänder, die 
durch das täglich mehrstündige Knien 
nötig geworden waren 87 ). Nach Eusebius 
hist. eccl. 2, 23, 6 waren dem hl. Jakobus, 
dem Bruder des Herrn, durch das be¬ 
ständige Knien im Gebet die Knie hart 
geworden wie die eines Kamels, und das¬ 
selbe wird von Stephan von Tigerno 
berichtet 80 ). St. Cuthbert betete nachts 
in der See auf den Kieseln kniend mit gen 
Himmel ausgestreckten Händen 8Ö ). Wie 
weit man im Mittelalter mit solchen from¬ 
men Übungen ging, sahen wir oben an 
dem Beispiel der hl. Maria von Oignies 90 ). 
Merkwürdige Aushöhlungen in Steinen 
erklärt sich das Volk gern als Fuß- oder 
Sitzspuren von Heiligen 91 ). Auch Knie¬ 
spuren von Heiligen werden an vielen 
Orten gezeigt 92 ), so bewahrt man in 
Kremsmünster einen Stein, auf welchem 
der hl. Wolfgang gekniet und Eindrücke 
seiner Knie hinterlassen haben soll 93 ). 
Der Stein vor dem Altar der Zähren¬ 
kapelle im Klostergarten von Hohen¬ 
berg trug die Spuren der Knie der 
hl. Odilia, die hier die Seele ihres Vaters 
aus dem Fegfeuer betete 94 ). Die Kapelle 
Schönenbuchen ist über dem Felsen er¬ 
baut, auf dem der Apostel Petrus einst 
gekniet hatte. Die Pilger pflegen in die 
Kniespur des Heiligen zu knien 95 ), wie 
man oft auch in die Heiligenfußspuren 
hineinzutreten pflegt und davon sich be¬ 
sondere Gnaden erwartet. 


1583 


knistern 


1584 


Die Legende berichtete, daß Ochs und 
Esel vor dem Christkind in der Krippe 
die Knie beugten und es anbeteten 96 ). 
In Schwaben glaubt man daher, daß in 
der Christnacht um 12 Uhr, in der 
Geburtsstunde Christi, die Tiere im Stall 
auf die Knie fallen, um zu beten 97 ). 

Man traut dem Tier zu, daß es die 
Anwesenheit des Heiligen erkenne. Im 
Jahre 1630 erschien im Kainnitzer Grund 
ein Engel einem Hirten und forderte die 
Menschen zur Buße auf; die Schafe fielen 
vor ihm auf die vorderen Knie nieder. 
An der Stelle wurde die Schäferkapelle 
erbaut 98 ). Zum Erweis der Transubstan- 
tiationslehre führte man früher gerne 
Legenden an, nach denen Tiere vor der 
Hostie niederknieten "), z. B. aus In¬ 
golstadt : Ein Hirt hatte, damit er immer 
könne Gott verehren, in einen hohlen 
Stab die Hostie getan. Einst verwechselte 
er diesen mit anderen, gewöhnlichen 
Stöcken und warf ihn unter das unruhige 
Vieh. Siehe da: Ochsen und Kühe fallen 
auf die Knie und beten an. Daselbst er¬ 
baute man die Salvatorkirche. Nach einer 
anderen Legende begegnete einem Prie¬ 
ster bei einem nächtlichen Versehgang 
eine Herde Esel, sie machen demütig 


Platz und fallen zu beiden Seiten aufs 
Knie und begleiten ihn sodann bis ans 
Krankenhaus 10 °). Auch bei den Legen¬ 
den von den weisenden Tieren kommt 
das Niederknien vor, so in der Sage von 
der Errichtung des heiligen Kreuzes bei 
Biberach: Sechs braune Pferde zogen den 
Wagen, auf dem es lag. Der Fuhrmann 
wußte nicht, wie es darauf gekommen 
war. Als die Pferde an den heiligen Kreuz¬ 
berg kamen, hielten sie an, knieten nieder 
und waren nicht weiter zu bringen, bis 
das hl. Kreuz an der Stelle abgeladen 
wurde 101 ). 

87 ) Lammert 217. 88 ) Alt Der christl. Cultus 

1, 163. 8# ) Grimm Myth. 1, 27. 90 ) Anm. 22. 

91 ) s. oben 3, 240. 92 ) Günter Legenden - 

Studien 28; Studien z. vergl. Lit.-Gesch. 5, 
3391 Sebillot Folk-Lore 1, 372 f. 364t. 198. 
• 3 ) Andree-Eysn Volkskundliches 4. ® 4 ) 

Hertz Elsaß 17. 95 ) Wolf Beiträge 2, 25. 98 ) 

Dähnhardt Natursagen 2, 13. 97 ) Cassel 

Weihnachten 169. 88 ) MnböhmVfHeimatf. 48, 

107 ff. ") Cassel a.a.O. LXXXVIII A.548. Bes. 
berühmt und sehr oft auch bildlich dargestellt 
ist das Hostienwunder des hl. Antonius von 
Padua, s. B. Klein Schmidt Antonius von 
Padua 69 f. 407 (Register u. Hostienwunder). 
10 °) Cassel a.a.O. 168. l01 ) Panzer Beitrag 

2, 174 Nr. 291. Hepding. 

knistern s. knacken. 


Reallexikon 

der germanischen Altertumskunde 

Begründet von Johannes Hoops 

2., völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Ca. 20 Bände 

Unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter herausgegeben von 
Heinrich Beck, Herbert Jankuhn, Kurt Ranke und Reinhard Wenskus 

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DORNSEIFF 

Der deutsche Wortschatz 

nach Sachgruppen 

von Franz Domseiff 

8., unveränderte Auflage. 

Groß-Oktav. XLVIII, 1082 Seiten. 1970. Ganzleinen DM 88,- 

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Der Dornseiff - welcher Sprachgelehrte und Sprachliebhaber kennt ihn nicht: In 
20 Kapiteln (von 1. „Anorganische Welt. Stoffe“ bis 20. „Religion. Das Übersinnliche“) 
wird der Wortschatz sachlich geordnet (mit so wichtigen Kapiteln wie 9. „Wollen und 
Handeln“; 11. „Fühlen. Affekte. Charaktereigenschaften“; 13. „Zeichen. Mitteilung. 
Sprache“). Nicht alphabetisch, von Aal bis Zypressenzweig, ist also der deutsche 
Wortschatz aufgelistet, sondern nach Synonymengruppen ^sinnverwandten Wör¬ 
tern 4 ) gegliedert: Das Unterkapitel Anrede z. B. (innerhalb des Kapitels 13) beginnt 
so: he - holla - hailoh - Sie (da) - Verzeihung - ach bitte - na Kleiner - guten Mor¬ 
gen usw. Ein alphabetisches Register erschließt dann den sachlich geordneten Wort¬ 
schatz. 

Darüber hinaus enthält der Dornseiff eine gründliche Einleitung unter dem Titel 
„Wortschatzdarstellung und Bezeichnungslehre“ und einen „Büchernachweis für 

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der sollte zum DORNSEIFF greifen. Er ist eine Fundgrube für den deutschen Wort¬ 
schatz. 


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von Friedrich Klu^r 


21 ., unveränderte Auflage, 
bearbeitet von Walther Mit/ka 

Groß-Oktav. XVI, 915 Seiten. 1075». (i.m/lrmcn DM St», 

ISBN 3 11 00.570*) .1 

I 

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Kluges „Etymologisches Wörterbuch der druisc heu Spi.u he" hat seine 
Unentbehrlichkeit schon mehreren (ienei.il tonen von (ieiin.misten 
an Schule und Hochschule bewiesen und ist langst /tun vertrauten 
Freund der vielen geworden, die ihre deutsche Mwtlcrspr.ii he lieben 
und in Mußestunden den Geheimnissen ihrei Ihspiüngc n.uhgehen 

wollen. 

Kluges Etymologisches Wörterbuch erklärt die I aut und Bedeutungs¬ 
struktur der Wörter einer Sprache unter dein Aspekt ilues historischen 
Ursprungs und ihrer Verwandtschaft mit beuac hhurten Sprachen. Daß 
Alkohol als Wort („Lautkörper“) /war aus dem Arabischen stammt, 
seine heutige „Bedeutung“ aber durch den deutschen Ar/t Paracelsus 
1526/27 erhielt (und so von anderen Sprachen übernommen wurde), 
\ kann man im „Kluge“ nachlesen; auch, daß die Folgeerscheinungen 
\ zu intensiven Alkoholgenusses, ein Kater, nichts mit dem Tier, wohl 
, \ aber mit einem Katarrh zu tun hat und die sächsische Aussprache 
I Leipziger Studenten für die Verbreitung der populären Version (Kater) 
| sorgte. 


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Deutsches 

Fremdwörterbuch 

Begründet von Hans Schulz, fortgeführt von Otto Basler, 

weitergeführt im Institut für deutsche Sprache 

bearbeitet von 

Gabriele Hoppe • Alan Kirkness • Elisabeth Link 
Isolde Nortmeyer • Gerhard Strauß unter Mitwirkung 

von Paul Grebe 

BAND 1: A-K 

Groß-Oktav. XXIV, 416 Seiten. 1913. Nachdruck 1974. Ganzleinen DM 112,- 

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